Über die Irische Sprache

Die irische Sprache, häufig auch - wenngleich philosophisch ungenau - als Gälisch bezeichnet, gehört zu den keltischen Sprachen und innerhalb dieser Gruppe zu den inselkeltischen Idiomen. Das Gälische im weitestens Sinne umfaßt neben dem Irischen als bedeutenste Sprache auch noch das Schottisch-Gälische. Ferner gehören zu den Inselkeltischen Sprachen auch das Bretonische, das im Zuge von Einwanderungen aus dem Bereich der Britischen Inseln in Nordwestfrankreich fußgefasst hat. Soweit in dem vorliegenden Buch von der irischen Sprache die Rede ist, muss unter diesem Terminus das genannte Idiom verstanden werden und nicht das von den Iren gesprochenen Englisch in seiner regionalen Ausformung

Ursprünglich war überall auf den Britischen Inseln Keltisch in Gebrauch. Mit den Eroberungszügen germanischer Stämme im 5. Jh. n.Chr. drangen germanische Sprachen in diesen Raum ein, und das sich aus ihnen stark entwickelte Englisch verdrängte die alte Sprache so stark, dass sie sich nur in abgelegenen und an Umweltkontakten armen Regionen erhalten konnte - wie eben in dem damals noch weitgehens unwegsamen Irland. In den folgenden Jahrhunderten, also in der Zeit der englischen Herrschaft und des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland (bis zur Entstehung der unabhängigen Republik Irland), war der Gebrauch der irischen Sprache mehr als ein Mittel zur Verständigung - er war ein Bekenntnis zum nationalen Konsens. Im späten 18. Jh. setzte auch außerhalb Iralnds eine euphorische, oft romantisch gefärbte Hinwendung zum Altkeltischen ein, vor deren Hintergrund sogar das Entstehen einer derart grandiosen Literaturfälschung wie des "Ossian" verständlich wird. Wie viele von Mindeheiten gesprochene und nicht zu National- oder zumindest Amtssprachen gewordene Idiome (ähnliche Phänomene sind auf dem europäischen Festland beim Bretonischen, Provenzialischen, Baskischen oder Katalanischen zu beobachten) erlebte auch das Irische im späten 19 Jh. eine regelrechte Renaissance, eine Rückbesinnung auf die ureigene Sprache, Kultur und Geschichte, die neben einer Bestandaufnahme des Überkommenen eine lebendigen, bewussten Sprachgebrauch mit sich brachte.

Zur schriftlichen Fixierung diente im 4. bis 7. Jh. die Ogham-Schrift. Sie basiert auf dem im lateinischen Alphabet niedergelegten Lautbestand, hat aber in Ursprung und Duktus mit der lateinischen Schrift nichts gemein. Die insgesamt 25 Bustabenzeichen, Punkte oder schräge bzw. horizontale Striche in Einer- bis Fünfergruppen, orientieren sich an einer vertikalen Hilfslinie, häufig der Kante eines Steinblocks. Später wurde das lateinische Alphabet übernommen

Dem Europäer, der aus dem täglichen Leben mit germanischen und romanischen Sprachen zumindest dem Klang nach und durch Lehn- oder Fremdworte innerhalb der eigenen Sprache nicht ganz unvertraut ist, wird die irische Sprache zunächst völlig fremdartig und unverständlich erscheinen: kaum Parallenen zu gewohnten Strukturen, keine Anklänge an geläufige Begriffe. Trotzdem gehört auch das Irische zur großen, weltumspannenden Familie der indoeuropäischen Sprachen. Allerdings erschwert die Tatsache den Zugang, dass es keine irische "Hochsprache", also keinen überregional verbindlichen Standart gibt, sondern dass die örtlichen Ausformungen des Irischen gleichberechtigt nebeneinander Bestand haben. Durch die schon früh eingetretene eigenständige Entwicklung haben sich auch hier grammatikalischen Schemata gebildet, die keine direkte Entsprechung zb. im Deutschen haben.

Trotz der bewussen Pflege des Irischen seit knapp zweihundert Jahren wird die Größe der Gebiete, in denen diese Sprache gesprochen wird, immer geringer. Wie der Vergleich zweier Bestandaufnahmen aus dem Jahre 1851 bzw. 1961 zeig, hat sich im Verlauf von nur hundert Jahren der irische Sprachraum um nahezu 80 Prozent verringert - womit frelich über die Zahl der irisch sprechenden Menschen nichts ausgesagt ist. Neueste Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 55000 Iren diese Sprache beherrschen. Praktisch alle Iren dagegen sprechen auch Englisch, das gleichermaßen als Amtssprache gilt.