Sligo |
![]() |
>The Land of Heart's desire< lautet der Titel eines der Werke
des Dichters William Butler Yeats, der in Sligo geboren und begraben ist. Yeats
hat in seinen Gedichten kaum eine der Sehenswürdigkeiten dieses County
ausgelassen und die Region für die Nachwelt poetisch verklärt. Nicht
zu Unrecht, weisst doch der Landstrich, den fast jeder auf dem Weg nach Donegal
passiert, teilweise idyllische Züge auf, die einen erstaunlichen Kontrast
zur Kargheit Mayos, des Nachbar-County, bilden. Aber die gelegentlich doch recht
überhöhte Bedeutung, die manchen landschaftlichen Besonderheiten in
den Gedichten zugemessen wird, beruht eher auf Yeats's grundsätzlicher
Sehnsucht nach dem mythischen Keltentum, dass er in der Realität vermißte,
dafür aber in der >gälischen Renaissance< zusammen mit anderen
Dichterkollegen einbrachte. Den Nobelpreis für Literatur erhielt er 1923
"für seine stets von hoher Eingebung getragenen Dichtungen, die in
vollendeter künstlischer Gestalt das Wesen seines Volkes zum Ausdruck bringen".
Sein Verleger erzählte später, dass Yeats' erste Frage nach der Bekanntgabe
der Preisverleihung lautete: "Wieviel?"
>>Saddle and ride, I heard a man say/ Out of Ben Bulben and Knocknarea...<<
Die Stadt ist ein Verkehrsknotenpunkt, auf den Straßen aus allen
Richtungen zulaufen - mit der N 4 von Dublin als Hauptverkehrsachse -, was vor
allem ihrem traditionellen Status als einstmals bedeutenste Handelsstadt geschuldet
ist. Heute ist Sligo die größte Stadt des Nordwestens, ein Industrie-
und Handelszentrum, dessen Flair mehr von Studenten und Touristen bestimmt ist,
als von gewerblicher Geschäftigkeit. Zwei Berge rahmen die Stadt ein, die
an einer geschützten Bucht liegt, der Ben Bulben im Norden und der Knocknarea
im Südwesten.
Zu Füßen des Knocknarea, mehr Hügel als Berg, befindet sich
eine der bedeutendsten Fundstätten megalithischer Gräber; nach dem
Gräberfeld von Carnac in der Bretagne ist sie sogar die Grösste der
Welt. Ursprünglich müssen es wohl über 200 Dolmen, Steinkreise
und pyramidenförmig aufgehäufte Geröllhaufen gewesen sein. Doch
sind die meisten der jahrtausendealten Relikte einer frühen Kultur durch
neuzeitlichen Sand- und Kiesabbau zerstört worden. Nur ein paar Dutzend
sind mittlerweile noch erhalten. Es heißt, dass dort das Volk Fir Bolg
begraben wurde, nachdem es vor etwa 4000 Jahren vom Volk der Tuathe de Danaan
vernichtend geschlagen worden war.
Auf dem Gipfel des Hügels ragt ein einzelnes Steingrab empor, zu dem vom
Parkplatz aus ein Fußweg hinaufführt, für dessen Bewältigung
man eine Stunde braucht. Der riesige Steinhaufen wird als das Grab der Königin
Maeve bzw. Medbh bezeichnet, der mystischen Kriegerkönigin von Connacht,
deren Gestalt einer archaischen Muttergöttin gleicht. Sie steht im Mittelpunkt
der großartigsten Erzählung des keltischen Irland, dem >Táin
Bó Cúailnge<, dem Rinderraub von Cooley. Kern der Geschichte
ist, das Medbh sich mit ihrem Mann Aillil darum stritt, wer über die meisten
Besitztümer verfüge. Aillil ging dank seines weißen Stiers Finnbennach
als Sieger hervor. Daraufhin beschloss Medbh, den schwarzen Stier Donn, der
im Besitz der Männer von Ulster war, zu stehlen, was zu einer komplizierten
Schlacht führte, denn nur ein 17jähriger Jüngling aus Ulster,
Cúchulainn, konnte Medbh die Stirn bieten. Nun wäre eine keltische
Geschichte nichts Rechtes, wenn sie in nur zehn Minuten erzählt werden
könnte. Folglich bekommt zunächst einmal Medbh eine Vorgeschichte,
dann die beiden Stiere, die selbstverständlich übernatürlicher
Herkunft sind. Dass die Männer von Ulster mit Ausnahme des jungen Helden
unter dem Fluch leiden, immer schwach sein zu müssen, wenn die Not am grössten
ist, wird im Rinderraub natürlich ebenfalls weitschweifig erläutert,
einschliesslich der Genealogie des Ulsterkönigs. Cúchulainn zudem
ist nicht nur halbgötlicher Herrkunft - ein Mythos für sich -, sondern
trifft im Kampf auf einen Freund, mit dem ihn eine lange Vorgeschichte verbindet.
Medbh hat eine Tochter, die ebenfalls nicht ohne Bedeutung für diese Erzählung
ist. Und schliesslich führen die Stiere die Geschichte, die einem Schöpfungsmythos
gleicht, zu einem Ende. Um den Rinderraub von Cooley vollständig zu erzählen,
muss man schon sehr viel Torf ins Feuer legen.
Historisch belegt sind die Figuren nicht, doch wird gemutmaßt, dass der
Rinderraub die Geschichte des Sieges über die vorkeltische Bevölkerung
durch die eindringenden Kelten darstellt. Tatsächlich blieb in Ulster die
vorkeltische Bevölkerung am längsten eigenständig.
Der Ort Strandhill (An Leathros), der ebenfalls an der Rundtstrecke um den Knocknarea
liegt, ist das Freizeitparadies von Sligo, ein Badeort ganz ohne Legenden, dafür
mit einem Golfplatz (jetzt wissen wir, warum Kian da wohnt), Yachtclub, mit
hervorragenden Surfgelegenheiten und viele Restaurants, die am Wochenende stets
von ganzen Familienclans bevölkert sind.
Die Stadt Sligo (Sligeach) scheint ganz und gar Yeats gewidmet zu sein. Neben
dem Dichter brachte die Familie auch zwei Maler hervor: Vater John B. Yeats
und Bruder Jack B. Yeats. Die deinen Schwestern Lollie und Lily bestätigten
sich als erflogreiche Verlegerinnen. Neben all dem Yeatismus herrscht in Sligo
jedoch auch ein Stückchen Internationalismus. Unvermutet hört man
schon mal Englisch mit sächsischem, französischem oder italienischen
Akzent (oder Deutsch) - das College gehört zu den stipendienunterstützten
europäischen Austauschhochschulen.
Der anheimelnde Stadtkern mit den vielen Pubs und bunten Häusern ist
leicht erkundet, er konzentriert sich hautsächlich um den Garavogue River.
Mittelpunkt ist natürlich das Yeats Memorial Museum (ganz nah bei McDonalds),
in dem sowohl der Dichter mit Originalausgaben seiner Werke und allerlei Memorabilia
präsentiert wird, als auch 27 Gemälde seines Bruders Jack in der angegliederten
Galerie ausgestellt sind. Das Yeats Building ist Sitz der >Yeats International
Summer School<, in der neben einer Kunstgalerie mit zeitgenössischer
Malerei und einer umfänglichen Bücherrei vor allem jeden Sommer Seminare
und Symposien über Yeats in allen Aspekten des Daseins abgehalten werden,
wie >Die Landschaften mit Yeats entdecken< oder >Yeats
und der Feminismus< . Letzteres Thema entbehrt nicht einer gewissen
Pikanterie, war Yeats doch durch und durch Traditionalist, aber dennoch - oder
gerade deswegen - in lebenslanger, aber unerwiderter Liebe zu der schönen
Maud Gonne entbrannt, einer Frau, die die Emanzipation nicht diskutierte, sondern
praktizierte. Sie gründete 1900 die nationalistische Vereinigung >Töchter
Irlands< (Inghinidhe na hEireann), die sich der Unabhängigkeit
der Insel widmete und dafür auch vehement kämpfte. Neben seiner mystischen
Sehnsucht nach dem ursprünglichen Irland war Maud Gonne die reichste Quelle
von Yeats' Inspiration. Historiker streiten sich noch heute um eine der zentralen
Fragen der Menschheit: Haben sie oder haben sie nicht?
Der Lough Gill, östlich von Sligo gelegen und auf einem ausgeschilderten
Rundweg zu umwandern, gehört zu den lieblichsten Landschaften Sligos. Der
See ist umgeben von einer Vegetation, wie sie einstaml große Teile Irlands
bedeckte: Eichen, Stechpalmen und Haselsträucher. Mehrere Inseln ragen
aus dem See heraus, wobei die größten Church Island und Innisfree
sind. Church Island birgt die Reste einer Kirche aus dem 6. Jh., was ihr eigentlich
mehr reale Romantik als der Schwesterinsel verleiht. Aber die Kraft der Poesie
hat die Insel Innisfree in den Mittelpunkt gestellt. >I will arise and
go now, go to Innisfree / And a small cabin build there, of clay and wattles
made ..< Wenn man unglücklich verliebt ist, mag man sich wünschen,
auf einer einsamen Insel zu leben, deren einziges Kennzeichen die völlig
von der Vegetation überwucherte Unzugänglichkeit ist, um sich dort
einen Unterschlupf aus Träumen zu bauen, wo nur Bienchen und Blümchen
an die Welt erinnern. Es heißt, das sich Yeats später von seinem
berühmstesten Gedicht distanziert habe. Er fand selbst, es sei zu kitschig.
Am östlichen Ende des Sees, schon im County Leitrim gelegen, wurde Park's
Castle in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Touristen Zentrum mit audio
- visueller Show, Führungen zur Geschichte ds Landes und Café restauriert.
Das befestigte Schloss aus dem 17. Jh. wurde auf dem Grund eines weitaus älteren
Turmhauses der O'Rourkes erbaut, die vom schottischen Lehensherren Parke vertrieben
wurden. Die Ruinen des ursprünglichen Gebäudes sind innerhalb der
Schlossmauern freigelegt. Durch Verschwägerung kam das Anwesen später
in den Besitz der Gore - Booth, der Familie der Nationalheldin Constance Markiewicz,
die von Yeats sehr bewundert wurde. >>Under Ben Bulben's head / In
Dumcliff churchyard Yeats is laid / ... / No marble, no conventional
phrase / On limestone quarried near the spot / By his command these words are
cut: / Cast a cold eye / on life on death / Horseman pass by!<< Yeats
schrieb seinen Grabspruch selbst. Er starb 1939 in Südfrankreich, wurde
aber nach dem zweiten Weltkrieg nach Sligo überführt. Begraben liegt
er nun auf dem Friedhof von Drumcliff (Drom Cliabh) nördlich von Sligo
an der protestantischen Kirche, die einer seiner Vorfahren als Pfarrer betreut
hatte. Das Grab (unmittelbar links vom Kirchenportal) wirkt so schlicht wie
gepflegt. Auf dem Friedhof befindet sich ein gut erhaltenes Hochkreuz aus dem
12. Jh., sowie der Rundturm Sligos, von dem nach einen Blitzschlag nur noch
der Rumpf vorhanden blieb. Es heißt, dass er endgültigt zusammenbrechen
werde, wenn ein wahrhaftig weiser Mensch an ihm vorrüber ginge. Das Café
am Friedhof samt Memorabilialaden, in dem vom laufenden Band Yeats - Gedichte
rezitiert werden, bietet neben entsprechenden Büchern auch köstlichen,
hausgebackenen Kuchen.
Der Berg Ben Bulben (Benbulbin), eines der Wahrzeichen von Sligo, beeindruckt
selbst aus der Ferne durch seine markante Form. Grün und sanft steigt er
aus der Ebene hervor, um schliesslich schroff und erodiert in einer abgeflachten
Ebene zu enden. Es heisst, dass seine Hochebene ein Schlafplatz der Feen sei.
>>The light of evening, Lissadell / Great windows open to the south...<<
Yeats, der Sprößling einer bürgerlichen Kaufmannsfamilie, zeigte
sich stets fasziniert von der angloirischen Ascendancy, dem Landadel englischer
Herkunft. Lissadell ist nicht nur ein eigenwilliger Landsitz, sondern auch der
Geburtstort einer der faszinierendsten Frauengestalten Irlands, der Gräfin
Constance Markiewicz, die Yeats wegen ihrer Kraft und Schönheit besonders
verehrte. Das graue massive Haus am Sligo Bay wurde 1830 anstelle eines älteren
Herrenhauses inmitten eines gepflegten Parks vom Großvater von Constance
Markiewicz erbaut. Es wird noch heute von den Nachfahren der Gore - Booth bewohnt
und ist im Sommer zu besichtigen.