"Achtung", sagt ein freundlicher Dubliner, "Zücken sie nie
ihr Portemonnaie auf offener Strasse." Nun gibt auch eine weitere Passantin
dem als Tourist Enttarnten gute Ratschläge: "Die Handtasche im Gedränge
gut festhalten, die Beifahrertür während des Fahrens immer verschliessen
und nie alleine in den Phoenix Park gehen." Die Sorge um das Wohlergehen
der Gäste und um das Ansehen der Stadt mag zwar übertrieben erscheinen,
denn Dublin ist nicht gefährlicher als jede andere Grossstadt (abgesehen
davon, dass es da ein riesiges Verkehrschaos gibt, weil alle Fußgänger
bei rot über die Strasse gehen), kommt aber aus tiefstem Herzen.
Dublin (Baile àtha Cliath) ist eine vibrierende Metropole, voller Aufbruch
und Hoffung, ein kulturelles Zentrum, von dem Impulse, zumindest in Literatur
und Musik, auch über die Grenzen Irlands hinaus gehen. Das Joyce'sche Dublin,
das der Dichter in so deprimierenden Farben geschildert hat, wird man dabei immer
seltener finden, auch wenn soziale Gegensätze und die kleinen Hässlichkeiten
im Stadtbild keineswegs ausgeräumt sind.
Dass die städtebauliche Schönheiten Dublins südlich der Liffey
liegen, ist kein Zufall. Seit jeher zog es die begüterten Einwohnerin in
die region südlich des Flusses, nach Ballsbridge, Donnybrook oder Sandymount,
den postalischen Bezirk Dublin 4 - mittlerweile ein Spitzname für jene Erfolgreichen
aus Wirtschaft, Politik und Kultur, die sich im südlichen Epizentrum zwischen
Liffey und St. Stephen's Green bewegen. Dort findet man auch die Reste von Dublins
vielbesungener fair city, den schöneren Seiten der Stadt.
Die klassichen Arbeiterviertel hingegen konzentrieren sich auf den Norden, wo
Vernachlässigung und Schäbigkeit am deutlichsten sichtbar sind, Ballymun
im äußersten Norden der Stadt, ein Hochhausviertekl aus den 60er Jahren,
gehört heute zu den heruntergekommensten Gegenden Dublins.
Dublin ist eine englische Stadt, von Wikingern im 9. Jh. unter dem Namen Dubh
Linn oder Dyfflin (schwarzer Tüpel) gegründet, im 12. Jh. von den Anglonormannen
erobert und seitdem Zentrum der kolonialen Herrschaft. Im 18. Jh. wurde Dublin
neben London zur zweitwichtigsten Metropole des britischen Königreiches.
Die 1757 gegründete Wide Street Commission, die erste amtliche Stadtplanungsbehörde
Europas, begann mit dem großzügigen Ausbau der Stadt. Der Gregorian
Style, eine britische Variante des Klassizmus, prägte die reichen Bürgerhäuser
und Repräsentationsbauten. Als sich jedoch das irische Parlament durch den
Act of Union selbst auflöste, zogen mit den Parlametarien auch Kapital und
Kultur nach London. Dublin verkam zur Provinz, blieb aber stets Brennpunkt irischer
Selbstbehauptung und kulturellen Schaffens.
Heute ist die irische Metropole, in deren Großraum rund eine Million Menschen
leben - fast ein Drittel der gesamten Bevölkerung der Republik -, trotz mancher
Häßlichkeit wieder eine kleine Schönheit mit den weitgehend restaurierten
historischen Gebäuden, dem reichhaltigen kulturellen Angebot, den Pubs und
vor allem den vielen netten Dublinern und Dublinerinnen, die einen Aufenthalt
in der Stadt auch an trüben Regentagen freundlich gestalten.
Die O'Connell Street, Rückgrat und Kommerzmeile der City, ist die mit Abstand
breiteste Straße Dublins, wenn auch nicht unbedingt die schönste.
O'Connel Monument |
Kaufhäuser und Billigläden säumen den Boulevard, auf dessen Mittelstreifen
sich Denkmäler für die Helden der irischen Geschichte tummeln. Im Wasser
des Anna - Livia - Brunnens, symbolträchtig nach James Joyce Anna Livia,
der Liffey, bennant, schwimmen Pappbecher aus dem gegenüberliegenden Hamburgerladen.
Aber der Lärm und der Trubel, die in dieser Straße herrschen, vermittelt
einen wunderbaren Einstieg in das alltägliche Dublin.
Den nördlichen Abschluss der O'Connell Street bildet der Parnell Square mit
dem hoch aufragenden Denkmal für Charles Stewart Parnell, der neben Daniel
O'Connell zu den Helden im irischen Patheon gehört. Als Parnell 1875 als
Abgeordneter in das Unterhaus gewählt wurde, setzte er sich für das
Sebstbestimmungsrecht der Iren ein. Man nahm ihm im katholischen Irland jedoch
übel, dass er in unsterblicher Liebe zu Kathy O'Shea entbrannte, der Frau
des Parteifreundes, mit der er auch bis zu seinem Tod zusammenlebte und wegen
der er schliesslich zurücktreten musste. Nach über einem Jahrhundert
ist ihm dieser Fehltritt jedoch verziehen.
Um diesen Platz gruppieren sich die Tempel der irischen Kultut. Dort befindet
sich das Gate Theatre (1786 erbaut), das neben europäischen Klassikern auch
junge irische Autoren auf die Bretter bringt. In dem kleinen Theater begannen
Filmstars wie Orson Wellers und James Manson ihre Schauspielkarriere.
Im Writers Museum sind die Giganten der Sprache und des Denkens, von Jonathan
Swift bis Brendan Behan, durch Memorabilia, Manuskripte und seltene Ausgaben einträchtig
versammelt.
In der nahegelegenden Municipal Art Gallery im Charlemont House gibt es einen
eindrucksvolle Sammlung von Impressionisten zu besichtigen, mit der es jedoch
eine besondere Bewandtnis hat: Der damalige Eigner der Sammlung, Sir Hugh verbrachte
die Kostbarkeiten zunächst nach London. 1915 kam er beim Untergang der "Lusitiania"
ums Leben, Irland wurde Unabhängig - und der Rechtsstreit um den Besitz der
Sammlung begann. Dublin war zur Zeit der Testamentaufsetzung noch eine englische
Provinzstadt. Hat der Lord nun einer englischen Stadt oder einer irischen Hauptstadt
sein Erbe vermacht? 50 Jahre dauerte der Streit, heute wird die Sammlung abwechselnd
in der Londoner Tate Gallery und in Dublin gezeigt. Da sie jedoch seit Einrichtung
des Museums aufgestockt wurde, braucht man auf den Kunstgenuss keineswegs zu verzichten,
wenn die Lane Sammlung gerade mal wieder im Exil in London weilt.
General Post Office |
Ein Postamt als nationales Heiligtum hat gewiß nicht jedes Land vorzuweisen,
auch wenn das General Post Office in seinem klassischen Baustil besonders schön
ist (1818 erbaut). Aber es war Schauplatz eines einschneidenden Ereignisses: Am
Ostermontag 1916 besetzten 100 Männer der Irish Volunteers unter Padraig
Pearse und der Citizen Army unter James Connolly das GPO. Eine Woche lang hielten
die Aufstänischen stand, bis Regierungstruppen das Postamt unter Beschuss
nahmen und die Rebellen aus dem brennenden Gebäude über die Moore Street
flüchten mußten. Mit dem Osteraufstand begann der Kamof um die Unabhängigkeit.
Das GPO wurde danach liebevoll restauriert und 1929 wiedereröffnet.
Auch ein zweites klassizitischen Bauwerk wurde während des Bürgerkrieges
1922 stark beschädigt, die Four Courts am Nordufer der Liffey, in dem sich
während der Kämpfe die Rebellen verschanzten, bis Regierungstruppen
schweres Feuer eröffneten. Erst in den 30er Jahren wurde es wieder instandgesetzt
und dient seither als Oberster Gerichtshof.
Das Abbey Theatre in der Abbey Street gehört wie das GPO zu den irischen
Nationalheiligtümern. Es wurde 1904 auf von William Butler Yeats, Lady August
Gregory und J.M Synge als "Irish National Theatre" gegründet. Dort
fanden die Uraufführungen statt, die heute zu den Klassikern der Bühnenkunst
gehören, Werke von Synge, Yeats, Shaw oder O'Casey. Das Haus selbst fiel
1951 einem Brand zum Opfer. Der 1966 fertiggestellte Neubau entspricht dem nüchternen
Stil dieser Zeit.
Die Moore Street, in die sich die Revolutionäre von 1916 zu flüchten
versuchten, verläuft hinter dem GPO parallel zur O'Connell Street. Sie vermittelt
einen Hauch jenes Dublins, das so gerne als "typisch irisch" bezeichnet
wird, eine Alltäglichkeit aus Wettbüros, Lebensmittelläden und
Second Hand Shops. Das Besondere an der Moore Street sind jedoch die Markthändler
mit ihren Gemüse- und Ostkarren, sowie die Zigarettenverkäufern, die
ihre unverzollte Ware schwarz anbieten. Mit bewundernswerter Lautstärke und
einem unsäglichen Dialekt, very oirish, preisen sie lauthals ihre Waren an
- und sind beim Verkaufsgespräch stets auf einen kleinen Schwatz aus.
Die belebte O'Connell Bridge über die Liffey führt in das noblere georgianische
Dublin. Im Jahr 1745 ließ sich der Earl of Kildar ein prachtvolles Palais
zwischen St. Stephen's Green und Trinity College bauen. Als seine Adelskollegen
fragten, warum er ausgerechnet südlich der Liffey seien Residenz richten
liess, soll er arrogant geantwortet haben: "Wo immer ich hinziehe, die anderen
werden folgen."
Trinity College |
Das Trinity College, an dem Berühmtheiten wie Jonathan Swift, OScar Wilde,
Bram Stoker, Samuel Beckett und Chris de Burgh studierten, wurde 1592 auf Anweisung
Königin Elisabeths I. gegründet, die ihren protestantischen Untertanen
in Irland einen konfessionell korrekte Ausbildung ermöglichen wollte. Bis
1793 durften am Trinity keine Katholiken studieren, und selbst danach belegte
die katholische Kirche die protestantische Universität mit einem Bann, der
erst 1970 aufgehoben wurde. Heute hat das Trinity erstmals sogar einen katholischen
Präsidenten. Den Katholiken wurde 1854 eine eigene Universität unter
kirchlicher Aufsicht beschert, die Catholic University of Ireland, heute das University
College Dublin, das sich ebenfalls längst von kirchlicher Bevormundung befreit
hat. Die Gebäude des Trinity College stammen hauptsächlich aus dem 18.
Jh. Einer der ältesten Bauten auf dem weitgeräumigen Universitätsgelände
ist die Old Library (1712 - 1732), die nach dem Vorbild des Trinity College in
Cambridge entworfen wurde. Mittepunkt der alten Bibliothek ist der Long Room,
mit 64 Metern der längste Bibliotheksraum Europas, in dessen arkadenartigen
Nischen bibliophile Kostbarkeiten aufgereiht sind, Bücher, von denen einige
noch aus dem 16. Jh. stammem. Den größten Schatz der Trinity Bibliothek
bildet das legendäre Book of Kells, eine reich bebilderte Handschrift, die
etwa um 800 enstanden ist. Das Evangeliar, dessen bunt leuchtende und verschlungende
Motive auf allerlei Andenken wiederzufinden sind, besteht aus 340 Seiten, von
denen jeden Tag eine andere gezeigt wird.
Gegenüber dem Trinity College wurde zwischen 1729 und 1739 das irische Parlamentsgebäude
im repräsentativen palladianischen Stil errichtet. Als sich das Parlament
im Jahr 1800 selbst auflöste, erwarb die Bank of Ireland das Bauwerk und
nutzt es seit 1808 als Hauptsitz. Die Räumlichkeiten wurden zwar den modernen
Ansprüchen einer Bank angepasst, doch kann man noch immer das alte Oberhaus
besichtigen, dass mit seinen Wandvertäfelungen und Tapisserien im Original
erhalten blieb.
Die feinste Adresse Dublins blieb das einstige Palais des Earl of Kildare und
späteren Duke of Leinster - das House of Leinster ist seit 1925 Sitz des
irischen Parlaments, des An tOireachtas na hÉireann. Und in dem Karee zwischen
Kildare Street und Merrion Square gruppieren sich die irischen Kulturtempel wie
die National Gallery, 1864 einst mit 105 Gemälden eröffnet und heute
mit über 11.000 Exponaten von Vetretern aller größeren europäischen
Schulen einschliesslich einer stattlichen Sammlung von Werken irischer Künstler
ausgestattet, die National Liberary und das National Museum. Zu den Schätzen
des kleinen, aber feinen National Museum gehören neben dem üppigen Gold
aus teilweise vorkeltischer Vergangeheit auch der Silberkelch von Ardagh und die
Tara - Fibel, die in ihrer kunstvollen Verarbeitung aus Gold, Silber und Edelsteinen
jeden Betrachter ins Erstaunen versetzt. Die Fibel gehört mal als billige,
mal als kostbare Replik zum Angebot eines jeden Andenkenladens.
Am 1762 angelegten Merrion Square entdeckt man jene georgianische Wohnhäuser
mit den berühmten. leuchtfarbenen Dublin Doors. Der Grund für den Ruhm
dieser Häuser erschliesst sich nicht auf den ersten Blick. Durch ihre schmucklosen
Backsteinfassaden, die identischen Fenster, deren untere Reihen jeweils mit einem
winzigen Balkon geschmückt sind, und die Rundbögen über den Türen
gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Was die protestanrtische Asendancy jedoch
für gottesfürchtige Schlichtheit hielt, verwandelte die irische Farbenlust,
vielleicht auch Trotz gegen die mangelnde Individualität, in eine Farborgie:
In Zitronengelb, Feuerwehrrot, rellem Lila, frischen Apfelgrün und blendendem
Blau wetteifern die Türen um Aufmerksamkeit. Zu den berühmtesten Bewohnern
des Merrion Square gehörten W.B. Yeats (Nr. 82), Daniel O'Connell (Nr. 58),
Sheridan Le Fanu (Nr. 70) und Oscar Wilde, der seine Kindheit in Nr. 1 verbrachte.
Was die O'Connell Street für die Nordseite ist, ist die Grafton Street für
die Südseite, allerdings weitaus eleganter und teurer. Richtig lebendig wird
die Straße erst gegen Mittag, wenn die buskers, die Straßenmusikanten,
ihre Instrumente auspacken und die Flaneure mit ihrer Musik erfreuen (kann ich
bestätigen). Schliesslich begann dort auch Chris de Burgh vor einem McDonalds
(ich war drin *lol*) seine Karriere, und Bob Geldof, damals noch Mitglied der
irischen Punkgruppe Boomtown Rats, pflegte sich im Bewley's Café blicken
zu lassen (guter Geschmack, der Junge). Dieses Café ist Herz der Grafton
Street, ein prachtvolles Exemplar eines altmodischen Kafeehauses. In der über
150 Jahre alten Institution bekommt man die köstlichen Törtchen und
Leckereien und als Dreingabe einen wundervollen Blick auf das Treiben in der Grafton
Street.
Sir Arthur Guinness Lord Ardilaun, Sproß der berühmtesten irischen
Bierdynastie, schenkte 1880 St. Stephen's Green der Öffentlichkeit. Die älteste
Grünanlage der Stadt zeigt noch heute mit ihren Teichen un der Bepflanzung
das Gestaltungskonzept des Stifters. Zahlreiche Denkmäler wurden später
hinzugefügt. Sie bilden ein Sammelsurium all dessen, was Irland heilg ist,
wie eine Statue des Freiheitskämpfers Theobald Wolfe Tone, eine Gedenkstätte
für die Große Hungersnot und natürlich Büsten und Skulpturen
von James Joyce oder W.B. Yeats. Einzig die Figurengruppe "The Three Fates",
die drei Schicksalsgöttinen, stellt eine Ausnahme dar: Sie ist ein Geschenk
Deutschlands an Irland zum Dank für die Flüchtlingshilfe nach den Zweiten
Weltkrieg. Zur Beliebtheit dieser Gegens dürfte das Shelbourne Hotel an den
Nordseite von St. Stephen's Green beigetragen haben, eine traditionsreiche und
üppigst historisierende Nobelherrberge aus dem Jahr 1867. In der Bar des
Shelbourne Hotels trank nicht nur die kritische Asendancy der Jahrhundertwende
ihren Wein, sondern auch die Speerspitze des irischen Widerstands von 1916.
Das Flüßchen Poddle, das seit langem unter Beton und teilweise unter
der Dame Street fließt, mündet am Wellington Quay in die Liffey, wo
sich auch die Liffes Brigde, besser bekannt unter dem Namen Ha'penny Brigde, über
das dunkle Wasser des Flusses spannt.
Half
Penny Bridge |
Den Spitznamen erhielt sie wegen des Wegezolls von einem halben Penny, den man
bis 1919 entrichten musste. Zwischen der breiten Dame Street und der Liffey erstreckt
sich der Bezirk Temple Bar, der seinen Namen von der zentralen Straße erhielt,
die durch das ehemalige Handwerkerviertel führt. Seit sich in den 80er Jahren
die alternative Szene ein Refugium in dem von Abriss bedrohten Areal geschaffen
hat, haben sich im Gewirr der engen Gassen kleine Läden, Galerien, Pubs,
Restaurants und jede Menge soziale und kulturelle Initiativen (und Internet Cafés)
angesiedelt.
Temple Bar |
Als Kneipenviertel war Temple Bar auch schon in früheren Zeiten überaus
beliebt: In der Palace Bar in der Fleet Street tranken Autoren wie Flann O'Brian
oder patrick Kavanagh das eine oder andere Gläschen, holten sich dort ihre
geistige Inspiration und manchmal auch Aufträge von Chefredakteuren. Eine
Karriere der anderen Art begann im Bad Ass Café in der Crown Alley: Dort
verdiente sich Sinéad O'Connor als Kellnerin ihren Lebensunterhalt, bevor
sie zur internationalen Popikone aufstieg.
Mittelpunkt des Viertels ist das Irish Film Centre in der Eustace Street, dass
nicht nur das irische Filmschaffen dokumentiert, sondern in dem auch ein angenehmes
und stets überfülltes Restaurant, ein Café, eine Videothek mit
Klassikern des irischen Films und ein gut sortierter Buchladen zum Thema Film
das Puplikum anziehen.
Das Dublin Castle, dessen Name sich wegen der massiven Aussenmauern passender
mit Kastell denn mit Schloss übersetzten läßt, bildet das Zentrum
des historischen Dublin. Die Wikinger errichteten dort im Jahr 841 ein Fort, und
die Anglonormannen erweiterten es später zum Schloss. Während der englischen
Herrschaft diente der Gebäudekomplex nicht nur als Residenz der Lord Deputies,
der Vertreter des Königs von England, sondern auch als Hauptquartier der
Polizei und als Staatsgefängnis. Obgleich es als uneinnehmbar galt, wurden
kurz vor dem Staatsbesuch des englischen Königs Eduard VII. im Jahr 1907
die Kronjuwelen aus dem Bedford Tower gestohlen. Der Verbleib der Juwelen und
die Identität der Diebe ist bis heute eines der Mysterien der angloirischen
Geschichte. Allerdings eines, das wenig Empörung auslöst, waren die
Kleinodien doch ohnehin offizieller Besitz der englischen Krone.
Die beiden grössten und prachtvollsten Kirchen Dublins, Christ Church Cathedral
und St. Patrick's Cathedral, gehören zwar zur Church of Ireland, aber ihre
kostbare Ausstattung und ihr gewaltiger Umfang ist weit entfernt von protestantischer
Schlichtheit. Die St. Patrick's Cathedral soll auf dem ältesten christlichen
Grund Irlands stehen. Nachgewiesen ist zumindest, dass 1190 an dieser Stelle eine
Kirche erbaut wurde, die im 13. Jh. erweitert und 1864 gründlich restauriert
wurde - mit finazieller Unterstützung der Familie Guinness.
Jonathan Swift war von 1713 bis 1745 Dekan der St. Patrick's Cathedral. Sein durch
eine Messingplatte im Kirchenschiff bedecktes Grab ist ein regelrechter Wallfahrtsort
geworden. Neben ihm hat auch seine Angebetete Stelle, die eigentlich Esther Johnson
hiess, ihre letzte Ruhestätte gefunden. Swift verhalf ihr durch sein eigens
für sie geschriebenes Tagebuch zu literarischer Unsterblichkeit. Doch so
ausschliesslich waren Swifts gefühle für Stella nicht. Noch während
seiner ganz und gar unkörperlichen Liebe zur schmachtenden Stella begann
er eine Beziehung zu einer anderen Esther, von Swift ebenfalls mit einem neuen
Namen versehen: Vanessa. Zehn Jahre lang, bis zum Tod von Vanessa, lebten beide
Frauen, ohne je voneinander zu erfahren, in unmittelbarer Nähe zu dem Kirchenmann,
der beide in dem Glauben liess, die einzige zu sein.
Christ Church Cathedral wurde um 1038 im Auftrag des Wikingerkönigs Sitric
Silkenbeard (Seidenbart) erbaut und zwischen 1173 und 1220 auf Befehl des anglonormannischen
Eroberers des Earl of Pembroke (Strongbow), durch eine steinerne Kurche ersetzt.
In ihrer heutigen Form wurde sie 1871 bis 1878 vollendet. Das Grab Strongbows
steht in der Christ Church, wie das Grab Swifts in St. Patrick's, im Mittelpunkt
des Interesses. Wo sich die Gebeine des Normannen tatsächlich befinden, bleibt
im Dunkel der Geschichte verborgen. Als 1562 das Dach der Kirche einstürtzte,
wurde auch das Grab zerstört. Die Gebeine blieben daraufhin unauffindbar.
Da es aber unter Dubliner Kaufleuten Usus war, an Strongbows Grab Verträge
zu besiegeln, legte man nach dem Wiederaufbau der Kathedrale einfach einen Ersatzritter
in die Gruft. Anderfalls wäre vermutlich das Dubliner Geschäftsleben
zum Erliegen gekommen. Allein die Krypta blieb aus der Zeit Strongbows noch nahezu
unverändert erhalten. In die finstere und stimmungsvoll beleuchtete Tiefe
mit den Grabmälern und Särgen wagen sich meist nur relativ unerschrockene
Besucher zu Besichtiugungen hinab.
Der Ausgang zur Fishamble Street führt auf das Gelände der ersten Wikingersiedlung.
Leider wurde das Areal gnadenlos mit einem unansehnlichen Betonklotz überbaut.
Ebenso wurde auch fast der gesamte Straßenzug niedergerissen, in der sich
die Musick Hall befand. Ein Jahr nach der Erröffnung im Jahr 1741 gab Händel
dort sein erstes Konzert mit der Uraufführung seines "Messias".
Nur eine Plakette an einer Eisenwarenhandlung erinnert an dieses Ereignis. Das
Manual de Orgel auf der Händel "Messias" komponiert hatte, befindet
sich in der St. Michans Church am Nordufer der Liffey. Ist der Hausmeister der
Kirche gut gelaunt, darf jeder Besucher ein paar Takte auf dem Manual klimpern.
Mit der DART- Bahn, DART steht für Dublin Area Rapid Transit, schlicht
S-Bahn, ist man ab der Connolly Station, dem Hauptbahnhof Dublins, schnell und
bequem raus aus dem Großstadtgetriebe. In den nobleren Vororten an der
Küste mit ihren großzügigen Villen residierte im 19. Jh. die
Asencancy, die englische Oberschicht. Auch heute können es sich nur die
betuchteren Dubliner leisten, hier zu wohnen.
Die eleganten Badeorte entlang der Südstrecke der S-Bahn zwischen Dalkey
und Bray sind längst mit Dublin zusammengewachsen. Dun Laoghaire, dessen
Name die Buchstabenfreude des Gälischen am besten repräsentiert -
man spricht es "Dan Lierie" aus, das Fort des Leary - gehört
zu den einstmals vornehmen Vierteln. Der Ort hiess bis 1920 Kingstown, weil
dort im 19. Jh. ein englischer König an Land ging, was den Wohnwert ungemein
erhöhte. Dun Laoghaire oder vielmehr der Ortsteil Sandycove ist jedoch
weniger wegen dieses Umstandes berühmt, sondern weil er in die Literaturgeschichte
einging. James Joyce verbrachte dort ein paar Tage und verarbeitete die Erlebnisse
in seinem Jahrhundertwerk. Der erste Satz im "Ulysses" lautet: "Gravitätisch
kam der dicke Buck Mulligan vom Ausritt am obern Ende der Treppe..." Das
reale Vorbild des dicken Buck war Oliver St. John Gogarty, ein junger versnobter
Medizinstudent, der sich 1904 den Martello-Tower in Sandycove für acht
Pfund pro Jahr vom Millitär gemietet hatte. Die nach dem Turm auf Korsika
bennanten Martello-Türme wurde um 1804 an fast der gesamten irischen Küste
als dickleibiger Schutz vor einen potenziellen Angriff Napoleons gebaut. Gogarty
bildete sich etwas darauf ein, die literarische Prominenz Dublins zu Gast zu
haben, unter anderem auch den damals 21jährigen Joyce. Zur gleichen Zeit
lud er auch den Engländer Trench ein, der im "Ulysses" als Haines
wiederauftauchte. Trench hatte Alpträume und griff während eines solchen
zum Gewehr. Gogarty machte mit und schoss auf das Geschirr über dem Bettm,
in dem Joyce schlief. "Kotzdonner" schrieb Joyce und verliess den
Turm fluchtartig. Der Martello-Tower dient seit 1962 als James Joyce Museum,
in dem einige Memorabilia des Schriftstellers sorgsam gehütet werden. Unterhalb
des gedrungenen Heiligtums gibt man sich ganz und gar irdischen Freuden hin.
An der Badestelle Forty Foot mit ihren in den Fels gehauenen Stufen, die in
gischtige Meer führen, springen mutige Männer bei jedem Wetter und
zu jeder Jahreszeit in die Irische See. Der Badeplatz ist als Nacktbadeplatz
for gentleman only ausgewiesen. Doch viele, vor allem jüngere Männer,
ziehen es dennoch voor, sich eine Badehose überzustreifen. Vielleicht,
weil dort hin und wieder auch Frauen, ebenfalls in Badeanzug, den Badefreuden
nachgehen.
Endstation der DART Richtung Norden ist die Halbinsel Howth, im Dubliner Akzent
"Haut" ausgesprochen. Der Name stammt vom dänischen hoved, Haupt.
Howth (irisch: Binn Èadair) ist eine kleine Oase vor den Toren Dublins:
ein Dorf und ein paar exclusive Hotels sowie wundershane Wanderwege entlang
der Klippen oder auf dem East Pier am Fischereiafen, mit Kirchenruinen und einem
4500 Jahre alten Dolmen in der Nähe des Deer Park Hotels und einem alten
Schloss.
Bis ins 12. Jh. war die Halbinsel ein Refugium der Wikinger, was an den Straßennamen
des Ortes Howth noch abzulesen ist, wie Asgard Road oder Thormanby Road. Sitric
Silkenbeard, der christianisierte Wikingerherrscher, ließ 1042 in dem
Dorf an der Nordküste der Halbinsel eine Kirche bauen, deren Überreste
in der Abbey Road allerdings aus dem 14. Jh. stammen. 1177 vertrieb der Anglonormanne
Almeric Tristam die Wikiner aus Howth. Der für die Engländer kämpfende
Feldherr leitete seine Herrkunft vom legendenumwobenen Tristan ab, nannte sich
aber nach dem Heiligen, dem am Tag der Eroberung gedacht wurde, St. Lawrence.
Einer seiner Nachfahren errichtete im 15. Jh. Howth Castle, das bis in dieses
Jahrhundert aufs neue erweitert oder umgebaut wurde Bis heute lebt die Familie
der St. Lawrence' in dem Schloß, so dass es nicht zu besichtigen ist.
Für die Öffentlichkeit zugänglich sind jedoch die berühmten
"Hängenden Gärten" von Howth Castle, ein im Frühjahr
in allen Farben erblühender Park mit Rhododendronbüschen.
Malahide ist ein Ort, der schon ausserhalb der Dublin Bay liegt. Gleichwohl
ist er für die Dubliner ein beliebter Ausflugsort mit seinem romantischen
Dorfkern, in dessen alten, bunten Häusern mit Meeresblick sich hauptsächlich
Restaurants etabliert haben, die an lauen Sommerabenden restlos ausgebucht sind.
Ein paar hundert Meter von der Bahnstation entfernt liegt das alte Malahide
Castle aus dem Jahr 1185, in dem bs 1973 die Familie Talbot residierte. Sie
starb allerdings nicht aus, sondern ging pleite und musste das Anwesen verkaufen.
Heute ist dort eine Ausstelung des National Museum untergebracht, in der man
unter anderem Porträts von Jonathan Swift und seiner Stella sowie von anderen
Berühmtheiten der irischen Geschichte bewundern kann. Offeriert wird dort
auch ein mittelalterliches Bankett, dessen Stimmung allerdings reizvoller als
ds kulinarische Angebot ist.