Dublin

Einleitung // Stadtrundgang // Die Ostküste

Einleitung:

"Achtung", sagt ein freundlicher Dubliner, "Zücken sie nie ihr Portemonnaie auf offener Strasse." Nun gibt auch eine weitere Passantin dem als Tourist Enttarnten gute Ratschläge: "Die Handtasche im Gedränge gut festhalten, die Beifahrertür während des Fahrens immer verschliessen und nie alleine in den Phoenix Park gehen." Die Sorge um das Wohlergehen der Gäste und um das Ansehen der Stadt mag zwar übertrieben erscheinen, denn Dublin ist nicht gefährlicher als jede andere Grossstadt (abgesehen davon, dass es da ein riesiges Verkehrschaos gibt, weil alle Fußgänger bei rot über die Strasse gehen), kommt aber aus tiefstem Herzen.
Dublin (Baile àtha Cliath) ist eine vibrierende Metropole, voller Aufbruch und Hoffung, ein kulturelles Zentrum, von dem Impulse, zumindest in Literatur und Musik, auch über die Grenzen Irlands hinaus gehen. Das Joyce'sche Dublin, das der Dichter in so deprimierenden Farben geschildert hat, wird man dabei immer seltener finden, auch wenn soziale Gegensätze und die kleinen Hässlichkeiten im Stadtbild keineswegs ausgeräumt sind.
Dass die städtebauliche Schönheiten Dublins südlich der Liffey liegen, ist kein Zufall. Seit jeher zog es die begüterten Einwohnerin in die region südlich des Flusses, nach Ballsbridge, Donnybrook oder Sandymount, den postalischen Bezirk Dublin 4 - mittlerweile ein Spitzname für jene Erfolgreichen aus Wirtschaft, Politik und Kultur, die sich im südlichen Epizentrum zwischen Liffey und St. Stephen's Green bewegen. Dort findet man auch die Reste von Dublins vielbesungener fair city, den schöneren Seiten der Stadt.
Die klassichen Arbeiterviertel hingegen konzentrieren sich auf den Norden, wo Vernachlässigung und Schäbigkeit am deutlichsten sichtbar sind, Ballymun im äußersten Norden der Stadt, ein Hochhausviertekl aus den 60er Jahren, gehört heute zu den heruntergekommensten Gegenden Dublins.
Dublin ist eine englische Stadt, von Wikingern im 9. Jh. unter dem Namen Dubh Linn oder Dyfflin (schwarzer Tüpel) gegründet, im 12. Jh. von den Anglonormannen erobert und seitdem Zentrum der kolonialen Herrschaft. Im 18. Jh. wurde Dublin neben London zur zweitwichtigsten Metropole des britischen Königreiches. Die 1757 gegründete Wide Street Commission, die erste amtliche Stadtplanungsbehörde Europas, begann mit dem großzügigen Ausbau der Stadt. Der Gregorian Style, eine britische Variante des Klassizmus, prägte die reichen Bürgerhäuser und Repräsentationsbauten. Als sich jedoch das irische Parlament durch den Act of Union selbst auflöste, zogen mit den Parlametarien auch Kapital und Kultur nach London. Dublin verkam zur Provinz, blieb aber stets Brennpunkt irischer Selbstbehauptung und kulturellen Schaffens.
Heute ist die irische Metropole, in deren Großraum rund eine Million Menschen leben - fast ein Drittel der gesamten Bevölkerung der Republik -, trotz mancher Häßlichkeit wieder eine kleine Schönheit mit den weitgehend restaurierten historischen Gebäuden, dem reichhaltigen kulturellen Angebot, den Pubs und vor allem den vielen netten Dublinern und Dublinerinnen, die einen Aufenthalt in der Stadt auch an trüben Regentagen freundlich gestalten.

Stadtrundgang:


Die O'Connell Street, Rückgrat und Kommerzmeile der City, ist die mit Abstand breiteste Straße Dublins, wenn auch nicht unbedingt die schönste.
O'Connel Monument

Kaufhäuser und Billigläden säumen den Boulevard, auf dessen Mittelstreifen sich Denkmäler für die Helden der irischen Geschichte tummeln. Im Wasser des Anna - Livia - Brunnens, symbolträchtig nach James Joyce Anna Livia, der Liffey, bennant, schwimmen Pappbecher aus dem gegenüberliegenden Hamburgerladen. Aber der Lärm und der Trubel, die in dieser Straße herrschen, vermittelt einen wunderbaren Einstieg in das alltägliche Dublin.
Den nördlichen Abschluss der O'Connell Street bildet der Parnell Square mit dem hoch aufragenden Denkmal für Charles Stewart Parnell, der neben Daniel O'Connell zu den Helden im irischen Patheon gehört. Als Parnell 1875 als Abgeordneter in das Unterhaus gewählt wurde, setzte er sich für das Sebstbestimmungsrecht der Iren ein. Man nahm ihm im katholischen Irland jedoch übel, dass er in unsterblicher Liebe zu Kathy O'Shea entbrannte, der Frau des Parteifreundes, mit der er auch bis zu seinem Tod zusammenlebte und wegen der er schliesslich zurücktreten musste. Nach über einem Jahrhundert ist ihm dieser Fehltritt jedoch verziehen.
Um diesen Platz gruppieren sich die Tempel der irischen Kultut. Dort befindet sich das Gate Theatre (1786 erbaut), das neben europäischen Klassikern auch junge irische Autoren auf die Bretter bringt. In dem kleinen Theater begannen Filmstars wie Orson Wellers und James Manson ihre Schauspielkarriere.
Im Writers Museum sind die Giganten der Sprache und des Denkens, von Jonathan Swift bis Brendan Behan, durch Memorabilia, Manuskripte und seltene Ausgaben einträchtig versammelt.
In der nahegelegenden Municipal Art Gallery im Charlemont House gibt es einen eindrucksvolle Sammlung von Impressionisten zu besichtigen, mit der es jedoch eine besondere Bewandtnis hat: Der damalige Eigner der Sammlung, Sir Hugh verbrachte die Kostbarkeiten zunächst nach London. 1915 kam er beim Untergang der "Lusitiania" ums Leben, Irland wurde Unabhängig - und der Rechtsstreit um den Besitz der Sammlung begann. Dublin war zur Zeit der Testamentaufsetzung noch eine englische Provinzstadt. Hat der Lord nun einer englischen Stadt oder einer irischen Hauptstadt sein Erbe vermacht? 50 Jahre dauerte der Streit, heute wird die Sammlung abwechselnd in der Londoner Tate Gallery und in Dublin gezeigt. Da sie jedoch seit Einrichtung des Museums aufgestockt wurde, braucht man auf den Kunstgenuss keineswegs zu verzichten, wenn die Lane Sammlung gerade mal wieder im Exil in London weilt.

General Post Office

Ein Postamt als nationales Heiligtum hat gewiß nicht jedes Land vorzuweisen, auch wenn das General Post Office in seinem klassischen Baustil besonders schön ist (1818 erbaut). Aber es war Schauplatz eines einschneidenden Ereignisses: Am Ostermontag 1916 besetzten 100 Männer der Irish Volunteers unter Padraig Pearse und der Citizen Army unter James Connolly das GPO. Eine Woche lang hielten die Aufstänischen stand, bis Regierungstruppen das Postamt unter Beschuss nahmen und die Rebellen aus dem brennenden Gebäude über die Moore Street flüchten mußten. Mit dem Osteraufstand begann der Kamof um die Unabhängigkeit. Das GPO wurde danach liebevoll restauriert und 1929 wiedereröffnet.
Auch ein zweites klassizitischen Bauwerk wurde während des Bürgerkrieges 1922 stark beschädigt, die Four Courts am Nordufer der Liffey, in dem sich während der Kämpfe die Rebellen verschanzten, bis Regierungstruppen schweres Feuer eröffneten. Erst in den 30er Jahren wurde es wieder instandgesetzt und dient seither als Oberster Gerichtshof.
Das Abbey Theatre in der Abbey Street gehört wie das GPO zu den irischen Nationalheiligtümern. Es wurde 1904 auf von William Butler Yeats, Lady August Gregory und J.M Synge als "Irish National Theatre" gegründet. Dort fanden die Uraufführungen statt, die heute zu den Klassikern der Bühnenkunst gehören, Werke von Synge, Yeats, Shaw oder O'Casey. Das Haus selbst fiel 1951 einem Brand zum Opfer. Der 1966 fertiggestellte Neubau entspricht dem nüchternen Stil dieser Zeit.
Die Moore Street, in die sich die Revolutionäre von 1916 zu flüchten versuchten, verläuft hinter dem GPO parallel zur O'Connell Street. Sie vermittelt einen Hauch jenes Dublins, das so gerne als "typisch irisch" bezeichnet wird, eine Alltäglichkeit aus Wettbüros, Lebensmittelläden und Second Hand Shops. Das Besondere an der Moore Street sind jedoch die Markthändler mit ihren Gemüse- und Ostkarren, sowie die Zigarettenverkäufern, die ihre unverzollte Ware schwarz anbieten. Mit bewundernswerter Lautstärke und einem unsäglichen Dialekt, very oirish, preisen sie lauthals ihre Waren an - und sind beim Verkaufsgespräch stets auf einen kleinen Schwatz aus.
Die belebte O'Connell Bridge über die Liffey führt in das noblere georgianische Dublin. Im Jahr 1745 ließ sich der Earl of Kildar ein prachtvolles Palais zwischen St. Stephen's Green und Trinity College bauen. Als seine Adelskollegen fragten, warum er ausgerechnet südlich der Liffey seien Residenz richten liess, soll er arrogant geantwortet haben: "Wo immer ich hinziehe, die anderen werden folgen."

Trinity College

Das Trinity College, an dem Berühmtheiten wie Jonathan Swift, OScar Wilde, Bram Stoker, Samuel Beckett und Chris de Burgh studierten, wurde 1592 auf Anweisung Königin Elisabeths I. gegründet, die ihren protestantischen Untertanen in Irland einen konfessionell korrekte Ausbildung ermöglichen wollte. Bis 1793 durften am Trinity keine Katholiken studieren, und selbst danach belegte die katholische Kirche die protestantische Universität mit einem Bann, der erst 1970 aufgehoben wurde. Heute hat das Trinity erstmals sogar einen katholischen Präsidenten. Den Katholiken wurde 1854 eine eigene Universität unter kirchlicher Aufsicht beschert, die Catholic University of Ireland, heute das University College Dublin, das sich ebenfalls längst von kirchlicher Bevormundung befreit hat. Die Gebäude des Trinity College stammen hauptsächlich aus dem 18. Jh. Einer der ältesten Bauten auf dem weitgeräumigen Universitätsgelände ist die Old Library (1712 - 1732), die nach dem Vorbild des Trinity College in Cambridge entworfen wurde. Mittepunkt der alten Bibliothek ist der Long Room, mit 64 Metern der längste Bibliotheksraum Europas, in dessen arkadenartigen Nischen bibliophile Kostbarkeiten aufgereiht sind, Bücher, von denen einige noch aus dem 16. Jh. stammem. Den größten Schatz der Trinity Bibliothek bildet das legendäre Book of Kells, eine reich bebilderte Handschrift, die etwa um 800 enstanden ist. Das Evangeliar, dessen bunt leuchtende und verschlungende Motive auf allerlei Andenken wiederzufinden sind, besteht aus 340 Seiten, von denen jeden Tag eine andere gezeigt wird.
Gegenüber dem Trinity College wurde zwischen 1729 und 1739 das irische Parlamentsgebäude im repräsentativen palladianischen Stil errichtet. Als sich das Parlament im Jahr 1800 selbst auflöste, erwarb die Bank of Ireland das Bauwerk und nutzt es seit 1808 als Hauptsitz. Die Räumlichkeiten wurden zwar den modernen Ansprüchen einer Bank angepasst, doch kann man noch immer das alte Oberhaus besichtigen, dass mit seinen Wandvertäfelungen und Tapisserien im Original erhalten blieb.
Die feinste Adresse Dublins blieb das einstige Palais des Earl of Kildare und späteren Duke of Leinster - das House of Leinster ist seit 1925 Sitz des irischen Parlaments, des An tOireachtas na hÉireann. Und in dem Karee zwischen Kildare Street und Merrion Square gruppieren sich die irischen Kulturtempel wie die National Gallery, 1864 einst mit 105 Gemälden eröffnet und heute mit über 11.000 Exponaten von Vetretern aller größeren europäischen Schulen einschliesslich einer stattlichen Sammlung von Werken irischer Künstler ausgestattet, die National Liberary und das National Museum. Zu den Schätzen des kleinen, aber feinen National Museum gehören neben dem üppigen Gold aus teilweise vorkeltischer Vergangeheit auch der Silberkelch von Ardagh und die Tara - Fibel, die in ihrer kunstvollen Verarbeitung aus Gold, Silber und Edelsteinen jeden Betrachter ins Erstaunen versetzt. Die Fibel gehört mal als billige, mal als kostbare Replik zum Angebot eines jeden Andenkenladens.
Am 1762 angelegten Merrion Square entdeckt man jene georgianische Wohnhäuser mit den berühmten. leuchtfarbenen Dublin Doors. Der Grund für den Ruhm dieser Häuser erschliesst sich nicht auf den ersten Blick. Durch ihre schmucklosen Backsteinfassaden, die identischen Fenster, deren untere Reihen jeweils mit einem winzigen Balkon geschmückt sind, und die Rundbögen über den Türen gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Was die protestanrtische Asendancy jedoch für gottesfürchtige Schlichtheit hielt, verwandelte die irische Farbenlust, vielleicht auch Trotz gegen die mangelnde Individualität, in eine Farborgie: In Zitronengelb, Feuerwehrrot, rellem Lila, frischen Apfelgrün und blendendem Blau wetteifern die Türen um Aufmerksamkeit. Zu den berühmtesten Bewohnern des Merrion Square gehörten W.B. Yeats (Nr. 82), Daniel O'Connell (Nr. 58), Sheridan Le Fanu (Nr. 70) und Oscar Wilde, der seine Kindheit in Nr. 1 verbrachte.
Was die O'Connell Street für die Nordseite ist, ist die Grafton Street für die Südseite, allerdings weitaus eleganter und teurer. Richtig lebendig wird die Straße erst gegen Mittag, wenn die buskers, die Straßenmusikanten, ihre Instrumente auspacken und die Flaneure mit ihrer Musik erfreuen (kann ich bestätigen). Schliesslich begann dort auch Chris de Burgh vor einem McDonalds (ich war drin *lol*) seine Karriere, und Bob Geldof, damals noch Mitglied der irischen Punkgruppe Boomtown Rats, pflegte sich im Bewley's Café blicken zu lassen (guter Geschmack, der Junge). Dieses Café ist Herz der Grafton Street, ein prachtvolles Exemplar eines altmodischen Kafeehauses. In der über 150 Jahre alten Institution bekommt man die köstlichen Törtchen und Leckereien und als Dreingabe einen wundervollen Blick auf das Treiben in der Grafton Street.
Sir Arthur Guinness Lord Ardilaun, Sproß der berühmtesten irischen Bierdynastie, schenkte 1880 St. Stephen's Green der Öffentlichkeit. Die älteste Grünanlage der Stadt zeigt noch heute mit ihren Teichen un der Bepflanzung das Gestaltungskonzept des Stifters. Zahlreiche Denkmäler wurden später hinzugefügt. Sie bilden ein Sammelsurium all dessen, was Irland heilg ist, wie eine Statue des Freiheitskämpfers Theobald Wolfe Tone, eine Gedenkstätte für die Große Hungersnot und natürlich Büsten und Skulpturen von James Joyce oder W.B. Yeats. Einzig die Figurengruppe "The Three Fates", die drei Schicksalsgöttinen, stellt eine Ausnahme dar: Sie ist ein Geschenk Deutschlands an Irland zum Dank für die Flüchtlingshilfe nach den Zweiten Weltkrieg. Zur Beliebtheit dieser Gegens dürfte das Shelbourne Hotel an den Nordseite von St. Stephen's Green beigetragen haben, eine traditionsreiche und üppigst historisierende Nobelherrberge aus dem Jahr 1867. In der Bar des Shelbourne Hotels trank nicht nur die kritische Asendancy der Jahrhundertwende ihren Wein, sondern auch die Speerspitze des irischen Widerstands von 1916.
Das Flüßchen Poddle, das seit langem unter Beton und teilweise unter der Dame Street fließt, mündet am Wellington Quay in die Liffey, wo sich auch die Liffes Brigde, besser bekannt unter dem Namen Ha'penny Brigde, über das dunkle Wasser des Flusses spannt.

Half Penny Bridge

Den Spitznamen erhielt sie wegen des Wegezolls von einem halben Penny, den man bis 1919 entrichten musste. Zwischen der breiten Dame Street und der Liffey erstreckt sich der Bezirk Temple Bar, der seinen Namen von der zentralen Straße erhielt, die durch das ehemalige Handwerkerviertel führt. Seit sich in den 80er Jahren die alternative Szene ein Refugium in dem von Abriss bedrohten Areal geschaffen hat, haben sich im Gewirr der engen Gassen kleine Läden, Galerien, Pubs, Restaurants und jede Menge soziale und kulturelle Initiativen (und Internet Cafés) angesiedelt.

Temple Bar

Als Kneipenviertel war Temple Bar auch schon in früheren Zeiten überaus beliebt: In der Palace Bar in der Fleet Street tranken Autoren wie Flann O'Brian oder patrick Kavanagh das eine oder andere Gläschen, holten sich dort ihre geistige Inspiration und manchmal auch Aufträge von Chefredakteuren. Eine Karriere der anderen Art begann im Bad Ass Café in der Crown Alley: Dort verdiente sich Sinéad O'Connor als Kellnerin ihren Lebensunterhalt, bevor sie zur internationalen Popikone aufstieg.
Mittelpunkt des Viertels ist das Irish Film Centre in der Eustace Street, dass nicht nur das irische Filmschaffen dokumentiert, sondern in dem auch ein angenehmes und stets überfülltes Restaurant, ein Café, eine Videothek mit Klassikern des irischen Films und ein gut sortierter Buchladen zum Thema Film das Puplikum anziehen.
Das Dublin Castle, dessen Name sich wegen der massiven Aussenmauern passender mit Kastell denn mit Schloss übersetzten läßt, bildet das Zentrum des historischen Dublin. Die Wikinger errichteten dort im Jahr 841 ein Fort, und die Anglonormannen erweiterten es später zum Schloss. Während der englischen Herrschaft diente der Gebäudekomplex nicht nur als Residenz der Lord Deputies, der Vertreter des Königs von England, sondern auch als Hauptquartier der Polizei und als Staatsgefängnis. Obgleich es als uneinnehmbar galt, wurden kurz vor dem Staatsbesuch des englischen Königs Eduard VII. im Jahr 1907 die Kronjuwelen aus dem Bedford Tower gestohlen. Der Verbleib der Juwelen und die Identität der Diebe ist bis heute eines der Mysterien der angloirischen Geschichte. Allerdings eines, das wenig Empörung auslöst, waren die Kleinodien doch ohnehin offizieller Besitz der englischen Krone.
Die beiden grössten und prachtvollsten Kirchen Dublins, Christ Church Cathedral und St. Patrick's Cathedral, gehören zwar zur Church of Ireland, aber ihre kostbare Ausstattung und ihr gewaltiger Umfang ist weit entfernt von protestantischer Schlichtheit. Die St. Patrick's Cathedral soll auf dem ältesten christlichen Grund Irlands stehen. Nachgewiesen ist zumindest, dass 1190 an dieser Stelle eine Kirche erbaut wurde, die im 13. Jh. erweitert und 1864 gründlich restauriert wurde - mit finazieller Unterstützung der Familie Guinness.
Jonathan Swift war von 1713 bis 1745 Dekan der St. Patrick's Cathedral. Sein durch eine Messingplatte im Kirchenschiff bedecktes Grab ist ein regelrechter Wallfahrtsort geworden. Neben ihm hat auch seine Angebetete Stelle, die eigentlich Esther Johnson hiess, ihre letzte Ruhestätte gefunden. Swift verhalf ihr durch sein eigens für sie geschriebenes Tagebuch zu literarischer Unsterblichkeit. Doch so ausschliesslich waren Swifts gefühle für Stella nicht. Noch während seiner ganz und gar unkörperlichen Liebe zur schmachtenden Stella begann er eine Beziehung zu einer anderen Esther, von Swift ebenfalls mit einem neuen Namen versehen: Vanessa. Zehn Jahre lang, bis zum Tod von Vanessa, lebten beide Frauen, ohne je voneinander zu erfahren, in unmittelbarer Nähe zu dem Kirchenmann, der beide in dem Glauben liess, die einzige zu sein.
Christ Church Cathedral wurde um 1038 im Auftrag des Wikingerkönigs Sitric Silkenbeard (Seidenbart) erbaut und zwischen 1173 und 1220 auf Befehl des anglonormannischen Eroberers des Earl of Pembroke (Strongbow), durch eine steinerne Kurche ersetzt. In ihrer heutigen Form wurde sie 1871 bis 1878 vollendet. Das Grab Strongbows steht in der Christ Church, wie das Grab Swifts in St. Patrick's, im Mittelpunkt des Interesses. Wo sich die Gebeine des Normannen tatsächlich befinden, bleibt im Dunkel der Geschichte verborgen. Als 1562 das Dach der Kirche einstürtzte, wurde auch das Grab zerstört. Die Gebeine blieben daraufhin unauffindbar. Da es aber unter Dubliner Kaufleuten Usus war, an Strongbows Grab Verträge zu besiegeln, legte man nach dem Wiederaufbau der Kathedrale einfach einen Ersatzritter in die Gruft. Anderfalls wäre vermutlich das Dubliner Geschäftsleben zum Erliegen gekommen. Allein die Krypta blieb aus der Zeit Strongbows noch nahezu unverändert erhalten. In die finstere und stimmungsvoll beleuchtete Tiefe mit den Grabmälern und Särgen wagen sich meist nur relativ unerschrockene Besucher zu Besichtiugungen hinab.
Der Ausgang zur Fishamble Street führt auf das Gelände der ersten Wikingersiedlung. Leider wurde das Areal gnadenlos mit einem unansehnlichen Betonklotz überbaut. Ebenso wurde auch fast der gesamte Straßenzug niedergerissen, in der sich die Musick Hall befand. Ein Jahr nach der Erröffnung im Jahr 1741 gab Händel dort sein erstes Konzert mit der Uraufführung seines "Messias". Nur eine Plakette an einer Eisenwarenhandlung erinnert an dieses Ereignis. Das Manual de Orgel auf der Händel "Messias" komponiert hatte, befindet sich in der St. Michans Church am Nordufer der Liffey. Ist der Hausmeister der Kirche gut gelaunt, darf jeder Besucher ein paar Takte auf dem Manual klimpern.

Die Ostküste

Die Bucht von Dublin:

Mit der DART- Bahn, DART steht für Dublin Area Rapid Transit, schlicht S-Bahn, ist man ab der Connolly Station, dem Hauptbahnhof Dublins, schnell und bequem raus aus dem Großstadtgetriebe. In den nobleren Vororten an der Küste mit ihren großzügigen Villen residierte im 19. Jh. die Asencancy, die englische Oberschicht. Auch heute können es sich nur die betuchteren Dubliner leisten, hier zu wohnen.
Die eleganten Badeorte entlang der Südstrecke der S-Bahn zwischen Dalkey und Bray sind längst mit Dublin zusammengewachsen. Dun Laoghaire, dessen Name die Buchstabenfreude des Gälischen am besten repräsentiert - man spricht es "Dan Lierie" aus, das Fort des Leary - gehört zu den einstmals vornehmen Vierteln. Der Ort hiess bis 1920 Kingstown, weil dort im 19. Jh. ein englischer König an Land ging, was den Wohnwert ungemein erhöhte. Dun Laoghaire oder vielmehr der Ortsteil Sandycove ist jedoch weniger wegen dieses Umstandes berühmt, sondern weil er in die Literaturgeschichte einging. James Joyce verbrachte dort ein paar Tage und verarbeitete die Erlebnisse in seinem Jahrhundertwerk. Der erste Satz im "Ulysses" lautet: "Gravitätisch kam der dicke Buck Mulligan vom Ausritt am obern Ende der Treppe..." Das reale Vorbild des dicken Buck war Oliver St. John Gogarty, ein junger versnobter Medizinstudent, der sich 1904 den Martello-Tower in Sandycove für acht Pfund pro Jahr vom Millitär gemietet hatte. Die nach dem Turm auf Korsika bennanten Martello-Türme wurde um 1804 an fast der gesamten irischen Küste als dickleibiger Schutz vor einen potenziellen Angriff Napoleons gebaut. Gogarty bildete sich etwas darauf ein, die literarische Prominenz Dublins zu Gast zu haben, unter anderem auch den damals 21jährigen Joyce. Zur gleichen Zeit lud er auch den Engländer Trench ein, der im "Ulysses" als Haines wiederauftauchte. Trench hatte Alpträume und griff während eines solchen zum Gewehr. Gogarty machte mit und schoss auf das Geschirr über dem Bettm, in dem Joyce schlief. "Kotzdonner" schrieb Joyce und verliess den Turm fluchtartig. Der Martello-Tower dient seit 1962 als James Joyce Museum, in dem einige Memorabilia des Schriftstellers sorgsam gehütet werden. Unterhalb des gedrungenen Heiligtums gibt man sich ganz und gar irdischen Freuden hin. An der Badestelle Forty Foot mit ihren in den Fels gehauenen Stufen, die in gischtige Meer führen, springen mutige Männer bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit in die Irische See. Der Badeplatz ist als Nacktbadeplatz for gentleman only ausgewiesen. Doch viele, vor allem jüngere Männer, ziehen es dennoch voor, sich eine Badehose überzustreifen. Vielleicht, weil dort hin und wieder auch Frauen, ebenfalls in Badeanzug, den Badefreuden nachgehen.
Endstation der DART Richtung Norden ist die Halbinsel Howth, im Dubliner Akzent "Haut" ausgesprochen. Der Name stammt vom dänischen hoved, Haupt. Howth (irisch: Binn Èadair) ist eine kleine Oase vor den Toren Dublins: ein Dorf und ein paar exclusive Hotels sowie wundershane Wanderwege entlang der Klippen oder auf dem East Pier am Fischereiafen, mit Kirchenruinen und einem 4500 Jahre alten Dolmen in der Nähe des Deer Park Hotels und einem alten Schloss.
Bis ins 12. Jh. war die Halbinsel ein Refugium der Wikinger, was an den Straßennamen des Ortes Howth noch abzulesen ist, wie Asgard Road oder Thormanby Road. Sitric Silkenbeard, der christianisierte Wikingerherrscher, ließ 1042 in dem Dorf an der Nordküste der Halbinsel eine Kirche bauen, deren Überreste in der Abbey Road allerdings aus dem 14. Jh. stammen. 1177 vertrieb der Anglonormanne Almeric Tristam die Wikiner aus Howth. Der für die Engländer kämpfende Feldherr leitete seine Herrkunft vom legendenumwobenen Tristan ab, nannte sich aber nach dem Heiligen, dem am Tag der Eroberung gedacht wurde, St. Lawrence. Einer seiner Nachfahren errichtete im 15. Jh. Howth Castle, das bis in dieses Jahrhundert aufs neue erweitert oder umgebaut wurde Bis heute lebt die Familie der St. Lawrence' in dem Schloß, so dass es nicht zu besichtigen ist. Für die Öffentlichkeit zugänglich sind jedoch die berühmten "Hängenden Gärten" von Howth Castle, ein im Frühjahr in allen Farben erblühender Park mit Rhododendronbüschen.
Malahide ist ein Ort, der schon ausserhalb der Dublin Bay liegt. Gleichwohl ist er für die Dubliner ein beliebter Ausflugsort mit seinem romantischen Dorfkern, in dessen alten, bunten Häusern mit Meeresblick sich hauptsächlich Restaurants etabliert haben, die an lauen Sommerabenden restlos ausgebucht sind. Ein paar hundert Meter von der Bahnstation entfernt liegt das alte Malahide Castle aus dem Jahr 1185, in dem bs 1973 die Familie Talbot residierte. Sie starb allerdings nicht aus, sondern ging pleite und musste das Anwesen verkaufen.
Heute ist dort eine Ausstelung des National Museum untergebracht, in der man unter anderem Porträts von Jonathan Swift und seiner Stella sowie von anderen Berühmtheiten der irischen Geschichte bewundern kann. Offeriert wird dort auch ein mittelalterliches Bankett, dessen Stimmung allerdings reizvoller als ds kulinarische Angebot ist.