dedicated to Kezza
They say mother earth
is breathing |
August 2056, Waterford, Irland
Leise seufzend setzte sich Georgina auf den alten, knarrenden Schaukelstuhl,
den sie von Caitlin, ihrer ältesten Tochter, vor sieben Jahren zum Geburtstag
geschenkt bekommen hatte. Sie lehnte sich vorsichtig zurück und verschränkte
ihre dünnen, steifen Finger ineinander. Gleißendes Sonnenlicht fiel
in das kleine Wohnzimmer, ein einziger Vogel ließ sich vor dem Fensterbrett
nieder und spähte in den wolkenlosen, azurblauen Himmel. Georgina beobachtete
das kleine Lebewesen verzückt und legte ihren Kopf schief. Sie liebte solche
Momente. Momente voller Ruhe und Behaglichkeit. Momente, die ihr als junge Frau
selten zuteil geworden waren.
Sie streckte ihre Beine langsam aus und ließ ihren Blick durch das Zimmer
schweifen. Cremefarbene Wände, rustikale Holzmöbel und geschmackvolle
Gemälde. Fünf große, mächtige Fenster, umgeben von Vorhängen
aus weichem, geschmeidigen Stoff.
Georgina lächelte, als sie daran zurückdachte, wie sie dieses Zimmer
eingerichtet hatte. Wie sie es zusammen mit Nicky eingerichtet hatte, voller
Zweisamkeit und innerer Zufriedenheit. Fünfzehn Jahre waren seitdem vergangen.
Fünfzehn Jahre, in denen sich einiges verändert hatte. Fünfzehn
Jahre, in denen sie gelacht, geweint, getrauert und gelitten hatte. Fünfzehn
weitere Jahre eines bewegten, ereignisreichen Lebens.
Georgina presste ihre mittlerweile schmal gewordenen Lippen aufeinander, griff
nach dem Pappkarton unmittelbar neben dem Schaukelstuhl, den sie so oft hervor
holte, und stellte ihn auf ihren Schoß. Sorgsam öffnete sie den Deckel,
legte ihn beiseite und spähte in den Karton hinein. Sie schloss die Augen,
darum bemüht, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Dann
ließ sie ihre Hand in den Karton hinein gleiten, durch das raschelnde
Papier unzähliger Erinnerungen hindurch...
April 1995, Malahide, Dublin, Irland
Georgina band sich das kinnlange, dunkelbraune Haar mit einem schwarzen Haarband
zurück, betrachtete sich einen Augenblick lang in dem kreisrunden Wandspiegel
des Badezimmers und trat anschließend nach draußen auf den düsteren
Flur. In wenigen Minuten würde es soweit sein. Nicky würde vor ihrer
Tür stehen, sie abholen, um mit ihr auszugehen. Wie lange hatte Georgina
diesen Tag herbei gesehnt? Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor.
„Du siehst wunderschön aus, mein Liebling.“ Miriam, Georginas Mutter, war
unbemerkt in den Flur getreten und hatte sich dicht neben ihre Tochter gestellt,
um ihr eine Hand auf die Schulter legen zu können. Georgina sah auf und
dankte ihrer Mutter mit einem Lächeln.
Dann klingelte es. Georgina fuhr erschrocken zusammen, atmete tief durch und
ging dann zur Haustür, um den Knauf zu drehen und sie zu öffnen. Ihr
Herz schlug einige Takte schneller, als sie in Nickys Gesicht blickte.
„Hallo“, sagte er schüchtern und hob grüßend seine Hand, als
er Miriam erspähte.
„Hallo“, erwiderte Georgina mit leiser Stimme. „Willst du noch kurz mit reinkommen
oder wollen wir lieber gleich los?“
„Lass uns losgehen“, antwortete er und strich sich eine Strähne seines
blonden Haares aus der Stirn. Georgina spürte, wie ihre Knie weich wurden,
langte hastig nach ihrer braunen Kordjacke und zog sie sich über, ehe sie
in ihre Turnschuhe stieg, ihrer Mutter einen Abschiedskuss auf die Wange hauchte
und anschließend das Haus verließ. Gemeinsam mit Nicky lief sie
die breite Einfahrt hinunter, bis sie auf dem Gehweg angekommen waren und einen
Moment unschlüssig stehen blieben.
„Wohin nun?“, wollte Georgina neugierig wissen, wagte es jedoch nicht, Nicky
offen anzublicken. Sie hatte das Gefühl, als würde ihr Kopf in Flammen
stehen.
„Überraschung. Los, komm mit.“ Er griff nach ihrer Hand, umfasste sie mit
seiner und machte Georgina in diesem Augenblick zum wahrscheinlich glücklichsten
Mädchen auf Erden. Sie folgte ihm blind, beschleunigte ihre Schritte, wenn
er schneller lief, verlangsamte sie, wenn er langsamer lief. Auf den Weg konzentrierte
sich Georgina schon lange nicht mehr – alles, was sie wahrnahm, war Nickys warme,
weiche Hand. Sie presste ihre Lippen fest aufeinander, als der Wunsch nach einem
Kuss zu stark wurde und befahl sich selbst ein wenig mehr Beherrschung. Ansonsten
würde der Abend in einem Dilemma enden und das lag ganz sicher keinesfalls
in ihrem Interesse.
Sie liefen einige Minuten, die Georgina jedoch regelrecht dahin fliegen spürte.
Alles war unwichtig geworden. Zeit und Raum spielten mit einem Mal keine Rolle
mehr. Sie hatte sich diese Verabredung mit Nicky schon seit langem unsagbar
gewünscht und endlich hatte er sie tatsächlich darum gebeten. Am Nachmittag
auf dem Schulflur, als sie ihre Schulbücher gerade in ihren Spind packen
wollte. Georgina hatte erst geglaubt, er wolle sich einen Scherz mit ihr erlauben,
doch als er ihr eindringlich in die Augen gesehen und sie um ein Date gebeten
hatte, war es vollkommen um sie geschehen gewesen und sie hatte nur noch zusagen
können. Etwas anderes hätte sie sonst sehr unglücklich gemacht.
„Wir sind gleich da. Bist du schon aus der Puste?“ Er drehte sich zu Georgina
herum, während er weiter lief. Sie lächelte und schüttelte ihren
Kopf.
„Nein, ich bin noch topfit.“ Das war zwar gelogen, doch das war ihr egal. Wenn
Nicky wollte, dass sie weiter lief, dann würde sie auch weiter laufen.
Die schmerzenden Knochen und den knapper werdenden Atem beachtete sie dabei
gar nicht. Es strichen also noch einmal weitere zehn Minuten ins Land, bis Nicky
endlich inne hielt und sich ihr zuwendete. Er strahlte, als er sie ansah und
ihre Hand losließ.
„Wir sind da“, verkündete er und wies mit beiden Händen hinter sich.
Der Strand von Malahide. Georgina lächelte. Er hatte sich einen schönen,
wenn auch nicht sehr originellen Ort für ihr erstes Rendezvous ausgesucht.
Doch Georgina war völlig zufrieden. Sie wäre überall mit ihm
hingegangen.
„Willst du baden gehen?“, fragte sie belustigt und schlang ihre Arme um ihren
Oberkörper, als der Wind auffrischte und sie zu frösteln begann. Nicky
lachte und ließ seine Hände in die Taschen seiner legeren Jeans gleiten.
„Unsinn. Für ein Bad ist es zu kalt. Aber ich habe etwas anderes für
uns vorbereitet. Möchtest du es sehen?“
„Da fragst du noch?! Natürlich möchte ich es sehen.“ Georgina trat
aufgeregt von einem Bein aufs andere und sah sich aufmerksam um, in der Hoffnung,
irgendetwas von Nickys Überraschung zu erkennen. Doch außer Sand
und Meer konnte sie rein gar nichts sehen.
„Darf ich dir vielleicht die Augen zubinden?“, wollte er wissen und beförderte
ein schmales, dunkelgrünes Band aus seiner Hosentasche zutage. Georgina
verzog ihre Mundwinkel zu einer Grimasse, stimmte aber dennoch zu und ließ
sich von Nicky die Augen verbinden. Gott, was war sie doch nervös. Was
konnte er nur vorbereitet haben?
„Ich nehme jetzt deine Hand. Hab vertrauen in mich und lass dich von mir führen.“
„Ich habe vertrauen“, flüsterte Georgina, auch wenn sie wusste, dass Nickys
es nicht verstanden hatte. Dann legte sie ihre kleine, zarte Hand in seine große,
männliche und ließ sich abermals von ihm führen. Ein ruheloses
Kribbeln stieg in ihr auf, als sie einen Fuß vor den anderen setzte und
ihrem Ziel somit unwillkürlich stets näher kam.
„Bereit?“ Nicky war stehen geblieben. Georgina nickte und wartete, bis Nicky
sie von dem Band befreit hatte. Erst dann öffnete sie die Augen, langsam,
um nichts von den kommenden Sekunden zu verpassen. Das Bild, das sie erwartete,
verschlug ihr den Atem. Sie riss ihren Mund auf, platzierte beide Hände
auf ihren Wangen und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an. Georgina
hatte noch nie etwas so schönes gesehen. Nicky hatte eine rot-weiß
karierte Decke auf dem Sand ausgebreitet, unzählige Teelichter darum postiert
und alles mit weinroten Rosenblättern dekoriert. In der Mitte der Decke
stand ein großer Korb mit allerlei Köstlichkeiten und sogar einer
Flasche Rotwein.
„Nicky...das ist wunderschön“, sagte Georgina leise und blickte zu ihm.
Seine Augen glänzten bei ihren Worten.
„Das war noch nicht alles.“ Er pfiff ein Mal laut und plötzlich ertönte
eine Geige, die eine ihr bekannte Melodie spielte. Georgina schüttelte
vor lauter Ungläubigkeit ihren Kopf und ließ die Tränen fließen.
Sie konnte sich nicht mehr wehren, denn das, was sie gerade erlebte, war unglaublich.
Schlichtweg unglaublich. Sie befand sich in einem Meer aus Kerzen und Rosenblättern
und lauschte einem leisen, unglaublich romantischen Geigenspiel.
„One moment in time“, flüsterte Nicky, trat neben sie und legte ihr einen
Arm um die Hüfte. Sie spürte seinen warmen Atem an ihrem Hals, roch
sein Aftershave. Georgina schluckte schwer und ließ einen erneuten Schwall
Tränen nach außen dringen. Sie hatte diese Melodie erkannt, hatte
sie jedoch keinem Lied zuordnen können. Als Nicky nun allerdings den Titel
verriet, brachen bei ihr sämtliche Dämme. Dieses Lied zählte
zu ihren Lieblingsliedern.
„Oh Gott, es könnte nicht passender sein“, wisperte sie mit tränenerstickter
Stimme.
„Ja, da hast du recht“, stimmte Nicky ihr zu, drehte sich zu ihr herum und legte
seine Lippen auf ihre, während die Geige weiterhin Whitney Houstons wunderschönen
Song spielte.
One Moment in time – der Beginn ein beispiellosen Liebe.
August 2056, Waterford, Irland
Ein sanftes Lächeln zeichnete sich auf Georginas Lippen ab, als sie den Zettel zusammen gefaltet und zurück in den Pappkarton fallen gelassen hatte. Der Tag im April 1995 war plötzlich wieder allgegenwärtig – es schien ihr, als wäre es erst gestern gewesen, als sie ihren ersten Kuss bekommen hatte. Als schien es erst gestern gewesen zu sein, als eine große Liebe begonnen hatte. Sie schluckte schwer, griff dann ein weiteres Mal in den Karton und holte einen weiteren, bereits vergilbten Zettel heraus. Georgina erkannte ihre sorgfältige, gleichmäßige Handschrift, die sich in der Mitte des Briefes mit Nickys undeutlicher Schrift abwechselte. Sie begann zu lesen und sich allmählich in den Zeilen zu verlieren.
24.Dezember 2002
„Frohe Weihnachten, Dad.“ Georgina schlang ihre schlanken Arme um den Hals
ihres Vaters und drückte ihm einen Kuss auf die sorgfältig rasierte
Wange.
„Frohe Weihnachten, mein Engel. Mach dir mit Nicky noch einen schönen Abend,
ja?“ Bertie Ahern zog sich seinen schwarzen Wintermantel über und ging
zur Tür.
„Natürlich. Nicky hat versprochen, heute Abend zu kochen. Ich bin gespannt,
ob er was ordentliches zustande bringt“, lachte Georgina, öffnete ihrem
Vater die Tür und winkte ihm zum Abschied zu. Dann schloss sie die Tür
hinter sich und lehnte sich an selbige. Es war Heiligabend und alle Besuche
von Familienmitgliedern und Freunden lagen endlich hinter ihnen. Nun konnte
Georgina damit beginnen, den Abend zu genießen. Sie löste sich von
der Tür, fuhr sich mit beiden Händen durch das schulterlange Haar
und lief in die Küche, wo Nickys bereits kräftig am herumwirtschaften
war. Er hatte sich eine Schürze umgebunden und stand nun mehr oder weniger
hilflos hinter dem Herd.
„Kann ich dir helfen, Cowboy?“
„Du?“ Nicky drehte sich zu Georgina herum und starrte sie ungläubig an.
„Ja, ich. Was dagegen?“
„Du kannst doch selbst nicht kochen. Also lass mich bitte machen, ja?“, bat
Nicky und widmete sich wieder seinen Töpfen und Pfannen. Georgina stemmte
ihre Hände in die Hüften und schüttelte belustigt ihren Kopf.
Wenn Nicky sich etwas vorgenommen hatte, ließ er sich nur ganz schwer
wieder davon abbringen. Georgina wusste, dass sie in der Küche unerwünscht
war und beschloss deshalb, ein warmes Bad zu nehmen, bis Nicky das Essen auftischen
würde. Vorrausgesetzt natürlich, er wäre überhaupt in der
Lage, etwas halbwegs essbares aufzutischen. Bei dem Gedanken daran musste sie
grinsen.
„Ich lass dich jetzt besser allein, oder? Gutes gelingen, Cowboy.“ Sie küsste
Nicky auf den Nacken, gab ihm einen frechen Klaps auf den Po und flüchtete
dann mit schnellen Schritten nach oben ins Badezimmer.
Nicky atmete tief durch, als er hörte, wie die Tür des Badezimmers
ins Schloss fiel. Endlich konnte er richtig beginnen.
„Milch, Sahne, Tomaten, Thunfisch – alles, was man braucht, um Georgina Ahern
glücklich zu machen“, sagte Nicky und lächelte in sich hinein. Dann
nahm er die Zutaten aus dem Kühlschrank, stieß ihn mit einem gekonnten
Hüftschwung zu und stellte alles auf dem Küchentisch ab. Er wusste,
wie sehr Georgina Thunfisch mochte und würde ihr an diesem Abend Pasta
alla Nicky Byrne zaubern. Bei dem Gedanken daran musste er lachen.
Ein paar Minuten später hatte er bereits sowohl die passierten Tomaten,
als auch die Sahne und etwas Milch in einen mittelgroßen Kochtopf gegeben
und langsam aufkochen lassen. Es duftete köstlich und Nicky nickte sich
selbst bestätigend zu, nachdem er etwas von der Soße gekostet hatte.
Geschickt leerte er nun auch die Dose Thunfisch in dem Topf, rührte die
Soße mit einem Holzlöffel ein Mal kräftig durch und beschloss
dann, nach einem Blick auf die Uhr, dass es nun an der Zeit war, das Wohnzimmer
herzurichten. Er lief aus der Küche in das überdimensionale Wohnzimmer,
schaltete den Deckenleuchter ein und ging dann hinüber zu einem der Schränke,
in denen er seit einigen Monaten schon getrocknete Rosenblätter aufbewahrte.
Warum er sich die zugelegt hatte, wusste er heute nicht mehr so recht, und dennoch
war er froh darüber, dass er sie besaß. Also nahm er die durchsichtige
Tüte weinroter, teilweise auch violetter, Rosenblätter, richtete sich
auf und überlegte einen Augenblick, wie er sie wohl am besten verteilen
konnte. Nach einigen verstrichenen Sekunden ließ er sie einfach achtlos
auf den Boden fallen, verteilte einige Blätter auf dem Esstisch und streute
dann ein paar noch verbliebene Blätter auf die unteren Treppenstufen. Hoffentlich
fand Georgina diese Aufmachung nicht zu kitschig...
Nicky schüttelte seinen Kopf und begann damit, den Tisch liebevoll zu decken.
Er entschied sich an diesem Abend für das rote Geschirr, dass er zu seinem
letzten Geburtstag von Brian und Kerry geschenkt bekommen und bis zum jetzigen
Zeitpunkt noch nie benutzt hatte. Nachdem er Teller, Gläser und Besteck
sorgfältig auf dem Tisch arrangiert hatte, ging er in die Küche, um
nach seiner Soße zu sehen und außerdem Bandnudeln in einen Topf
zu werfen. Als er auch das getan hatte, lief er noch einmal zurück ins
Wohnzimmer, zündete Kerzen an und legte eine CD mit melodischen Klavierklängen
ein. Dann schaltete er die Beleuchtung des Weihnachtsbaumes ein und wischte
sich mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn. Gerade,
als er sich sein Gesamtwerk betrachtete, vernahm er Schritte auf der Treppe
und spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte.
„Was riecht hier so verdammt himmlisch?“, hörte er Georginas Stimme fragen.
Er fuhr sich durch das Haar, straffte die Schultern und ging die in die Diele.
„Abendessen“, antwortete er schlicht und seufzte kaum vernehmlich. Georgina
sah wunderschön aus. Ihr Haar war vom baden noch feucht und hing strähnig
über ihren Schultern. Ihre Haut glänzte honigfarben, vermutlich, weil
Georgina sie mit einer Lotion eingecremt hatte. Sie trug bereits ihr hellblauen
Seidenpyjama, den Nicky ihr während einem romantischen Wochenende in Paris
letzten Herbst geschenkt hatte.
„Du hast dich wirklich hinter den Herd gestellt und gekocht?“ Erstaunt riss
sie ihre Augen auf.
„Und ob“, nickte Nicky stolz, froh darüber, dass sich sein Herz wieder
zu beruhigen schien.
„Und es scheint wirklich was dabei rausgekommen zu sein. Was gibt’s denn gutes?“
„Pasta alla Nicky Byrne“, zwinkerte er, machte einen Schritt auf Georgina zu
und schloss somit die Lücke zwischen ihnen. Er schloss kurz die Augen,
um ihren Duft tief in sich aufzunehmen, öffnete sie jedoch abrupt wieder,
als er ihre kühle, zarte Hand auf seiner Wange spürte.
„Womit habe ich denn Pasta alla Nicky Byrne verdient? Ist heute etwa ein besonderer
Tag?“ Georgina flüsterte förmlich und Nicky erschauderte unweigerlich.
„Nun ja, heute ist Heiligabend, mein Engel. Und nun geh ins Wohnzimmer, damit
ich auftischen kann. Das Essen ist nämlich jeden Moment fertig.“ Nicky
löste sich von Georgina, legte ihr beide Hände auf den Rücken
und drängte sie regelrecht ins Wohnzimmer, das nun lediglich von Kerzenschein
erleuchtet war. Er war fürchterlich gespannt auf ihre Reaktion und hielt
unwillkürlich die Luft an, als er die Küche betrat.
„Oh mein Gott – Nicky!“, kreischte Georgina nur den Bruchteil einer Sekunde
später. „Das ist absolut fantastisch. Einfach unglaublich.“ Ihre Stimme
vibrierte vor lauter Glück und Freude. Nicky entgegnete nichts, sondern
füllte sowohl die Soße, als auch die Nudeln jeweils in Keramikschüsseln,
stellte beides auf ein Tablett und balancierte das Essen mühsam ins Wohnzimmer.
Er hoffte inständig, nicht zu stolpern und atmete erleichtert auf, als
er vor dem Esstisch zum stehen kam. Georgina hatte sich schon gesetzt, den Kopf
auf den Händen abgestützt, und betrachtete den sorgfältig gedeckten
Tisch.
„Nicky, das ist...“
„Später“, unterbrach er sie, stellte die Keramikschüsseln auf dem
Tisch ab und setzte sich anschließend Georgina gegenüber. Er glaubte,
noch nie zuvor in seinem Leben dermaßen nervös gewesen zu sein. Nicht
zu seiner Schuleinführung, nicht zur Geburt seines jüngeren Bruders,
nicht einmal vor dem ersten Auftritt, den er gemeinsam mit den anderen Jungs
in einer ausverkauften Halle gehabt hatte. Nein, dieser heutige Abend war mit
nichts vergleichbar und Nicky wünschte sich nichts sehnlicher, als dass
er sich gemeinsam mit Georgina auch noch Jähre später an dieses Ereignis
erinnern konnte.
„Nimm dir“, forderte Georgina und sah zu Georgina, die überwältigt
ihren Kopf schüttelte, sich dann jedoch Essen auftat und ihn anlächelte.
„Ich wusste gar nicht, dass deine romantische Ader so ausgeprägt ist“,
sagte sie leise und führte eine Gabel zu ihrem Mund. Georgina wartete,
bis sie ausgekaut und untergeschluckt hatte, ehe er etwas erwiderte.
„Du weiß vieles nicht, Gina. Ich bin immer für eine Überraschung
gut.“
„Das merke ich“, lachte sie und sah Nicky noch einmal tief in die Augen.
Die nächsten fünfzehn Minuten brachten die beiden stillschweigend
mit essen und trinken zu. Sowohl Nicky, als auch Georgina schienen wie ausgehungert
und füllten ihren Teller auf der Stelle erneut, war er nur Sekunden zuvor
leer geworden. Es freute Nicky, dass Georgina sein Essen schmeckte und es freute
ihn noch mehr, dass er sie damit augenscheinlich sehr glücklich gemacht
hatte. Wenn sie doch nur wüsste, was sie an diesem Abend noch erwarten
würde. Ein Heiratsantrag von dem Mann, den sie liebte. Zumindest nahm Nicky
an, dass Georgina ihn liebte. Er war dankbar dafür, dass Kian ihm am Mittag
die Augen geöffnet hatte. Das er ihn darauf hingewiesen hatte, dass es
doch nun wahrlich an der Zeit war, Georgina einen Antrag zu machen. Natürlich
hatte Nicky in den letzten Monaten und Wochen vermehrt über diese Möglichkeit
nachgedacht, doch der Mut, den letzten Schritt auch zu machen, hatte ihm bis
heute stets gefehlt. Wäre Kian nicht gewesen, hätte Nicky Georgina
wahrscheinlich eine hübsche Halskette oder ein neues Paar Ohrringe zu Weihnachten
geschenkt – nichts außergewöhnliches also. Während Nicky so
daran dachte, wurde ihm allmählich immer deutlicher bewusst, dass er an
diesem Abend aller Wahrscheinlichkeit nach als verlobter Mann einschlafen würde.
„Himmel, Nicky. Ich glaube, du bist ganz eindeutig nicht deiner Berufung gefolgt.“
Georgina lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, gähnte herzhaft und legte
dann ihre Hände demonstrativ auf ihren Bauch. Nicky beobachtete sie verzückt
dabei und stellte wieder einmal beinahe erschrocken fest, wie viel ihm die Frau
auf der anderen Seite des Tisches doch bedeutete.
„Was ist denn meine Berufung?“, wollte er wissen und nahm einen Schluck aus
seinem Weinglas.
„Koch. Du hättest ganz eindeutig Koch werden und dich auf die italienische
Küche spezialisieren sollen. Ich habe noch nie in meinem Leben eine so
gute Thunfischsoße gegessen. Und das ist mein voller Ernst“, sagte sie
mit Nachdruck und schmunzelte.
„Wenn es mit Westlife irgendwann mal zuende geht, werde ich auf deine Worte
zurück kommen und mir einen Job als Koch suchen. Wie würde dir das
gefallen?“
„Im Grunde gut, nur würde sich dein Job vermutlich sehr unvorteilhaft auf
mich auswirken“, stöhnte Georgina.
„Unvorteilhaft? Warum denn das, in Gottes Namen?“
„Weil du mich dann ununterbrochen mit deinen kulinarischen Köstlichkeiten
verwöhnen würdest.“
„Wäre das denn schlimm?“ Nicky zog seine Augenbrauen in die Höhe und
begann damit, die Teller zusammen zu räumen.
„Das wäre grauenhaft. Ich würde zu einer undefinierbaren Masse Fleisch
mutieren und das könnte ich nicht unbedingt gutheißen“, erklärte
sie mit ernster Miene, brach allerdings nur kurz darauf in schallendes Gelächter
aus. Nicky wusste, dass Georgina großen Wert auf ihre Figur legte, doch
er war sich sicher, dass er sie trotz Gewichtszunahme genauso lieben würde,
wie jetzt.
„Und wenn schon. Es gibt schlimmeres. Und nun bitte Themawechsel, in Ordnung?
Ich habe nämlich noch eine Überraschung für dich.“ Allein diese
eigentlich nichtssagenden Wörter veranlassten Nicky dazu, nervös zu
werden. Sein Puls raste, seine Hände zitterten und er war sich nicht sicher,
ob er sich auf den Beinen halten konnte, würde er nun aufstehen.
„Noch eine Überraschung. Du bist verrückt!“, meinte Georgina und strahlte
über das ganze Gesicht.
„Ja, ich bin verrückt“, stimmte Nicky ihr zu. „Verrückt nach dir.
Würdest du mich kurz entschuldigen? Ich räume schnell das Geschirr
weg und bin gleich wieder da. Füllst du unsere Gläser vielleicht zwischenzeitlich
mit Champagner? Ich hab ihn da drüben hingestellt.“ Nicky deutete mit seiner
rechten Hand auf eine Vitrine, in der ganz deutlich der Champagner in einem
Sektkühler zu sehen war. Georgina nickte und Nicky atmete tief durch. Er
stellte das schmutzige Geschirr auf das Tablett und trug es mühsam nach
draußen in die Küche. Es war ihm wichtig, dass er noch einige Momente
für sich hatte, ehe er zurückgehen und Georgina die entscheidende
Frage stellen würde. Obwohl er eigentlich keine Angst vor einer Zurückweisung
ihrerseits hatte, musste er zugeben, dass ihm durchaus flau im Magen war. Für
gewöhnlich war er nicht der Typ dafür, schnell in Aufregung zu verfallen,
doch am heutigen Abend war sowieso alles anders. Er schloss die Augen, ordnete
sich das Haar und tastete ein letztes Mal nach dem kleinen Kästchen in
seiner Hose, bevor er, begleitet von einem unwahrscheinlich tiefen Atemzug,
zurück in das Wohnzimmer ging. Die Kerzen brannten nach wie vor und Georgina
hatte sich mittlerweile auf einem der Sofas niedergelassen, in einer Hand das
randvoll gefüllte Champagnerglas haltend. Ihr Blick haftete sofort auf
Nicky, als er ihm Türrahmen erschienen war und ließ ihn auch dann
nicht los, als er sich unmittelbar neben sie gesetzt und das Glas Champagner
ergriffen hatte. Seine Hand zitterte sehr stark, als er Georgina zuprostete
und das Glas anschließend an seine Lippen setzte, um einen Schluck daraus
zu nehmen.
„Was ist los, Schatz? Du wirkst ziemlich aufgelöst.“ Georgina stellte ihr
Glas auf dem gläsernen Couchtisch ab und legte Nicky eine Hand in den Nacken.
Gott, wie sehr er diese Berührung doch genoss. Am liebsten hätte sie
zu sich gezogen, sie geküsst und dann leidenschaftlich auf dem Sofa geliebt,
doch er hatte noch etwas vor an diesem Abend. Etwas wirklich sehr wichtiges.
„Gina“, stammelte er atemlos und drängte sie ein Stück von sich.
„Was denn?“ Sie schien verwundert über Nickys Verhalten und versuchte erneut,
ihm eine Hand in den Nacken zu legen. Doch Nicky hob abwehrend seine Hände
und schüttelte verneinend seinen Kopf.
„Hast du denn die Überraschung vergessen, von der ich eben gesprochen habe?“
Seine Stimme bebte.
„Oh“, entwich es Georgina. „Richtig, die Überraschung. Die hatte ich bei
deinem Anblick tatsächlich fast vergessen.“ Nicky presste seine Lippen
angestrengt aufeinander, um ein Stöhnen zu unterdrücken. Musste Georgina
ausgerechnet jetzt in einem solch verführerischen Ton mit ihm sprechen?
Sie wusste doch ganz genau, dass er ihr keinesfalls wiederstehen konnte.
„Bereit?“ Er sah Georgina direkt in die Augen und versuchte, das Schwindelgefühl,
das ihn gerade übermannte, zu kontrollieren.
„Für dich immer“, nickte Georgina, setzte sich aufrecht und straffte ihre
Schultern. Diese Worte waren für Nicky eine Art Startsignal gewesen. Er
erhob sich von dem Sofa, nur um kurz darauf unmittelbar vor ihr in die Hocke
zu gehen und seine Hände auf die ihrigen zu legen. Ob sie wohl schon ahnte,
was er nun vorhatte?
„Gina“, sagte Nicky mit zitternder Stimme.
„Nicky...“, hauchte Georgina, in seinen Augen verzweifelt nach einer Erklärung
für sein Verhalten suchend.
„Nein, sei bitte still. Sei still und hör mir zu“, bat Nicky, der ihren
Blick erwiderte und zaghaft lächelte, als sie langsam nickte. Er hatte
das Gefühl, als hätte er eine Überdosis Aufputschmittel intus,
so aufgewühlt war er. Stirnrunzelnd suchte er nach den passenden Worten,
die er sich während der letzten Stunden im Grunde schon zurecht gelegt
hatte, doch ihm wollte ganz einfach nichts sinnvolles einfallen. Deswegen versuchte
er, auf sein Herz zu hören und seiner inneren Stimme zu folgen.
„Gina“, wisperte er, darum bemüht, seine Stimme fest klingen zu lassen.
„Du bist du wunderbarste Frau, die mir jemals begegnet ist. Ich werde den Tag,
an dem wir unser erstes Date hatten, niemals vergessen, denn dieser Tag spielt
sich regelmäßig vor meinem geistigen Auge ab. Du hast mich damals
vollkommen in deinen Bann gezogen, hast mich regelrecht verzaubert mit deinem
herzlichen Lächeln und deiner verzückenden Anmut. Ich kann mich wirklich
sehr glücklich schätzen, weil ich mit einer Frau wie dir zusammen
sein darf. Du machst die Tage für mich lebenswert, hellst meine dunkelste
Miene auf und bringst mich immer dann zum lachen, wenn ich das Gefühl habe,
nie wieder lachen zu können. Du bist eine bemerkenswerte Person, Georgina.
Du bist liebenswürdig und schenkst jedem ein Lächeln, selbst wenn
es derjenige überhaupt nicht verdient hat. Du bist temperamentvoll und
nimmst kein Blatt vor den Mund, wenn dich etwas stört. Du bist familienverbunden
und zeigst das in jeder sich bietenden Gelegenheit. Du bist höflich und
zuvorkommend, nett, auch wenn dir im Grunde gar nicht danach zumute ist. Es
dauert lange, um dich in Rage zu bringen und selbst dann zeigst du dich nach
wenigen Minuten wieder versöhnlich. Du gehst auf die Menschen zu, bist
aufgeschlossen und redegewandt. Du bist die Frau meines Lebens, Georgina Ahern,
und ich liebe dich von Herzen. Ich möchte mein ganzes restliches Leben
mit dir verbringen und ein altes Cottage kaufen, in denen wir unseren Kindern
später beim aufwachsen zusehen können. Du verkörperst das, was
ich mir ein Leben lang gewünscht habe und aus diesem Grund frage ich dich:
Willst du meine Frau werden?“ Bei den letzten Worten versagte Nicky die Stimme.
Tränen traten ihm in die Augen, als er das kleine Kästchen aus seiner
Hosentasche zutage beförderte, es öffnete und einen silbernen, mit
einem Diamant besetzten Ring entblößte. Georgina, die ihm bis eben
schweigend zugehört hatte, hielt den Atem an und starrte tief bewegt auf
den Ring hinab. Nicky ertrug die Stille kaum mehr, doch er hatte nicht die Kraft,
seinen Worten noch irgendetwas hinzu zu fügen. Er wollte nur noch, dass
Georgina seine Frage beantwortete.
„Nicky, ich...ich...oh Gott“, krächzte sie mit tränenerstickter Stimme
und schlug sich die rechte Hand vor ihren geöffneten Mund. Nicky glaubte,
sein Herzschlag würde jeden Augenblick aussetzen.
„Gina, ich...“
„Nein, nun bin ich an der Reihe, Nicky.“ Sie schüttelte bestimmt ihren
Kopf und atmete tief durch. Tränen perlten auf ihren Wangen ab, doch sie
störte sich nicht daran. „Das war die schönste, berührenste Liebeserklärung,
die mir je ein Mann gemacht hat. Du glaubst gar nicht, wie viel mir deine Worte
bedeuten. Wie viel du mir bedeutest. Ich kann mich noch gut daran erinnern,
dass ich dir im Sommer vergangenen Jahres gesagt habe, dass ich mit dreiundzwanzig
Jahren zu jung bin, um zu heiraten. Ich habe mich alles andere als reif gefühlt,
war mir nicht sicher, ob ich die Rolle als Ehefrau meistern würde. Du hast
mir Zeit und Freiheiten gelassen; Freiheiten, die ich dringend gebraucht habe
und auch zukünftig brauchen werde. Nicky, wir kennen uns nun schon einige
Jahre und du warst der erste Mann, den ich wirklich aufrichtig und mit meinem
ganzen Körper geliebt habe. Und weißt du was? Ich möchte, dass
du auch der letzte Mann bist, denn ich aufrichtig und mit meinem ganzen Körper
liebe. Ja, ich will deine Frau werden“, schloss Georgina, der die Tränen
nun in Sturzbächen über die Wangen liefen, und schlang ihre Arme um
Nickys Hals. Nicky wurde von einem jähen, unbeschreiblichen Glücksgefühl
übermannt, das ihm bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nie zuteil geworden
war. Er weinte und lachte gleichzeitig, konnte Georgina gar nicht fest genug
an sich pressen, konnte ihr Haar gar nicht oft genug küssen. Sie hatte
Ja gesagt. Sie wollte seine Frau werden. Sie würde seine Frau werden. Als
diese Erkenntnis allmählich in seinem Kopf ankam, ließ er von ihr
ab und steckte ihr schleichend, um diesen kostbaren Moment vollends auszukosten,
den Ring an den Ringfinger der linken Hand.
„Du machst mich zum glücklichsten Mann der Welt, Georgina Ahern“, sagte
Nicky und zog Georgina wieder zu sich.
„Und du machst mich zur glücklichsten Frau der Welt, Nicholas Byrne“, entgegnete
Georgina, legte ihre Hände auf seine Wangen und zog sein Gesicht zu sich
herab, um ihn zu küssen. Als sich ihre Lippen trafen, gab Nickys Körper
nach und er ließ sich kraftlos auf Georgina fallen, die ihn mit ihrem
eigenen Körper abfing, jedoch nicht ohne ihn weiter zu küssen. Ihre
Lippen verschmolzen förmlich miteinander und konnten sich minutenlang nicht
mehr voneinander trennen. Schließlich war es Nicky, der den Kuss beendete
und sich über Georgina beugte, die ausgestreckt auf dem Wohnzimmerboden
neben der Couch lag.
„Bald bist du Misses Nicky Byrne. Wie findest du das?“ Er lächelte und
strich Georgina eine braune Haarsträhne aus der Stirn. Georgina erwiderte
sein Lächeln und seufzte glücklich.
„Wie ich das finde? Großartig finde ich das. Mein Vorname könnte
nicht besser zu deinem Nachnamen passen.“
„Oh, das sehe ich genauso“, bestätigte Nicky und lachte leise. „Mister
und Misses Byrne. Klingt hervorragend.“
„Klingt absolut hervorragend.“ Georgina zog ihn wieder zu sich herunter und
küsste ihn abermals.
„Gina?!“, nuschelte er zwischen zwei zärtlichen Küssen.
„Ja?“
„Lass uns nach oben gehen.“ Und ohne auf eine Reaktion ihrerseits zu warten,
hob Nicky sie hoch und trug sie schnellen Schritts nach oben ins Schlafzimmer.
August 2056, Waterford, Irland
Die ersten Tränen bahnten sich einen Weg über Georginas mittlerweile faltigen Wangen. Die Erinnerungen an den Antrag waren dermaßen überwältigend, dass sie nach Luft schnappen musste. Gott, sie war unwahrscheinlich froh darüber, dieses wichtige Ereignis damals mit Nicky zusammen auf Papier gebannt zu haben. Im ersten Augenblick hatte Nicky zwar darüber gelacht und es als unsinnig befunden, doch nur kurz darauf war er ebenso begeistert von dieser Idee gewesen wie Georgina. Sie hatten nicht nur den Heiratsantrag auf Papier gebannt, sondern auch alle darauffolgenden, wichtigen Ereignisse. Bei dem Gedanken daran musste Georgina lächeln. Sie ließ ihre Finger abermals durch das Papier in dem Karton gleiten, sah kurz aus dem Fenster und beförderte einen weiteren Zettel zutage.
5.August 2003, Frankreich
Lächelnd wendete sich Georgina Nicky zu, als der Pfarrer sie darum gebeten
hatte. Sie nahm Nickys Hände in die Ihrigen, atmete tief durch und sah
ihm dann tief in die wasserblauen, unglaublich faszinierenden Augen.
„Wir kennen uns bereits seit der Schule, Nicky, haben uns anfangs gehasst und
uns dann ganz langsam angefreundet. Damals habe ich dich erst für einen
arroganten Macho gehalten, dann jedoch habe ich gemerkt, was für ein wundervoller,
lieber Mensch du bist. Ich habe mich in dich verliebt, als ich noch ein Teenager
war und ich liebe dich jetzt, wo ich eine erwachsene Frau bin, mehr als jemals
zuvor. Du bist das Wasser, das ich zum trinken brauche. Du bist die Luft, die
ich zum atmen brauche. Du bist die Erde, die ich zum wachsen brauche. Du hast
mich zu dem gemacht, was ich bin – ohne dich wäre ich nichts.“ Tränen
traten aus ihren Augenwinkeln und perlten auf ihren Wangen ab. Georgina hatte
noch nie in ihrem Leben einen solch anrührenden, emotionalen Moment erlebt.
Monatelang hatte sie sich auf die Hochzeit gefreut, sie herbei gesehnt, und
nun war der Augenblick gekommen, in dem Nicky und Georgina ihre Liebe vor Gott
bezeugen würden.
„Gina“, flüsterte Nicky ergriffen, bevor er seinerseits das Ehegelöbnis
vortrug.
„Für mich warst du in der Schule immer die eingebildete Zicke, die andere
Mitschüler ignoriert und sich für die Beste gehalten hat. Ich wollte
mir nicht einmal die Mühe machen, dich kennen zu lernen, bis ... ja, bis
du mir auf dem Schulflur entgegen gekommen bist und gelächelt hast. Ich
wusste natürlich, dass du damals nicht mich angelächelt hast, doch
ich war von deinem Lächeln so beeindruckt, dass ich von da an auch das
Mädchen hinter dem Lächeln kennen lernen wollte. Wie man sieht hat
es funktioniert.“
Allgemeines Gelächter. Nicky räusperte sich und fuhr fort.
„Du hast mich stets unterstützt, besonders, als ich bei Westlife angefangen
habe. Sicher, anfangs hatten wir einige Probleme mit der ungewohnten Situation,
doch du hast mir Kraft gegeben und mich dadurch am Leben gehalten. Ich weiß
bis heute nicht, woher du all diese Stärke genommen hast, doch ich bin
dir unglaublich dankbar dafür. Ich liebe dich, Georgina, und ich verspreche,
immer für dich da zu sein. In guten, wie in schlechten Zeiten.“
Georgina schlug ihre Augen nieder und rang nach Fassung. Gott, solch anrührende
Worte aus Nickys Mund zu vernehmen, ließ ihr Herz vor lauter Liebe zu
ihm überquellen. Sie liebte ihn mehr als ihr eigenes Leben und sie würde
für ihn sterben, wenn es erforderlich wäre ...
August 2056, Waterford, Irland
Laute Schluchzer hallten durch den Raum. Georginas Schultern bebten, als die Vergangenheit zur Gegenwart wurde. Die Hochzeit war der wohl schönste und romantischste Tag ihres Lebens fewesen. Sie hatte ihn gemeinsam mit all ihren Verwandten, Freunden und Bekannten verbracht und ihn mit dem Mann ihres Lebens geteilt. Noch heute holte sie sich die Tage vor und nach der Hochzeit in Erinnerung, besonders dann, wenn es ihr schlecht ging, wenn all die Hoffnung aus ihrem Körper weichen wollte. Sie seufzte tief und fuhr sich mit beiden Händen über die Wangen. Einen Zettel würde sie noch lesen, eine Erinnerung noch einmal Wirklichkeit werden lassen. Und sie wusste auch schon, welche das sein würde...
29.Dezember 2008, Dublin, Irland
„Nicky, Herrgott. Ich halte das nicht durch!“
Georgina schrie auf und drückte Nickys Hand. Es war ihr egal, ob sie brach
oder nicht – sie musste ihre unmenschlichen Schmerzen an irgendjemandem auslassen
und Nicky schien dafür perfekt geeignet. Schließlich war er derjenige,
der sie überhaupt erst in diese Situation gebracht hatte.
„Gina, du machst das bis jetzt toll. Wirklich“, versicherte Nicky mit gepresster
Stimme und schmerzverzerrtem Gesicht. Georgina hätte ihn am liebsten geohrfeigt
und weggeschickt, doch sie wusste, dass sie das im nächsten Moment schon
wieder bereuen würde. Denn sie brauchte Nicky, musste ihn bei sich wissen,
sonst würde sie die Wehen nicht durchstehen.
„Mein Gott, ich liege jetzt seit achtzehn Stunden in diesem gottverdammten Bett.
So langsam muss dieses Kind doch raus kommen, oder?“ Georgina keuchte und rang
nach Atem. Der Schmerz hatte ein wenig nachgelassen, würde jedoch bereits
in wenigen Sekunden abermals auf sie einwirken und sie schier um den Verstand
bringen.
„Es wird nicht mehr lange dauern, mein Engel. Das verspreche ich dir.“
„Halt die Klappe, Nicky. Du hast mir vor zwei Stunden schon versprochen, dass
das Baby bald kommen wird und was ist? Es ist immer noch in mir und quält
mich.“ Georgina warf ihren Kopf zurück, als eine erneute Wehe über
sie herein brach. Sie schloss die Augen, presste ihre Lippen aufeinander und
hatte das Gefühl, dass ihr Unterleib in Tausende Fetzten zerrissen werden
würde. Hätte sie das gewusst, hätte sie sich niemals schwängern
lassen. Niemals. Wie konnte eine Frau solche Torturen nur mehrmals freiwillig
durchmachen?
„Beruhigen Sie sich, Misses Byrne“, sagte die freundliche Hebamme und strich
Georgina sanft über die Stirn. „Die längste Zeit hat es gedauert.
Die Presswehen werden jeden Moment einsetzten und dann wird es sich nur noch
um wenige Sekunden handeln. Sammeln Sie noch einmal all Ihre Kräfte.“ Georgina
nickte, riss ihren Mund auf und schnappte nach Luft. Sie glaubte, zu ersticken.
„Siehst du? Hast du es gehört? Unser kleiner Schatz ist bald da.“ Nicky
strahlte über das ganze Gesicht, doch Georgina konnte seine Freude nicht
teilen. Wusste er überhaupt, welche Schmerzen sie seit fast einem ganzen
Tag ertragen musste? Sie konnte nicht mehr und war am Ende ihrer Kräfte.
Wenn das Baby in den nächsten Minuten nicht kommen würde, würde
sie aufgeben müssen.
„Nicky“, jammerte sie und versuchte zu schlucken. Ihr Hals war schrecklich trocken.
„Ich weiß, mein Schatz, ich weiß. Aber du hast es wirklich bald
geschafft. Such dir einfach gedanklich jemanden, an dem du deine ganzen Aggressionen
auslassen kannst, wenn die nächste Wehe kommt.“ Georgina nahm ihn beim
Wort und drückte seine Hand bei der nächsten Wehe so stark wie niemals
zuvor zusammen. Sie hörte, wie er aufkeuchte und einen schmerzerfüllten
Schrei unterdrückte, doch sie empfand keinerlei Mitleid. Wenn sie leiden
musste, dann musste er auch leiden. Immerhin war er für dieses Baby zur
Hälfte auch selbst verantwortlich.
„Oh Gott. Oh Gott…” Georgina bäumte sich auf und verspannte sich.
„Was ist denn, Gina?“ Nicky war augenblicklich alarmiert und sah zwischen seiner
Frau und der Hebamme hin und her. Georgina allerdings konnte ihm vor lauter
Schmerzen nicht antworten.
„Die Presswehen setzen gerade ein. Es ist also soweit. Unterstützen Sie
Ihre Frau jetzt so gut, wie es Ihnen möglich ist“, befahl die Hebamme,
ehe sie ihre Position einnahm. Obwohl Georgina sich danach sehnte, diese Strapazen
endlich hinter sich zu haben, hatte sie auch Angst davor. Große Angst
sogar. Was würde sie tun, wenn die Schmerzen noch stärker, noch unerträglicher
werden würden? Himmel, sie war ein schwacher und gebrechlicher Mensch –
weitere Schmerzen würden sie regelrecht umbringen. Dennoch nahm sie sich
zusammen, als die Stimme der Hebamme in ihre Ohren drang. Sie wusste, dass sie
jetzt alles geben musste, wenn sie ihrem Baby einen einigermaßen ordentlichen
Start ins Leben ermöglichen wollte.
„Okay, Georgina. Ziehen Sie die Beine richtig zu sich heran. Und wenn ich sage,
dass Sie pressen sollen, dann pressen Sie.“ Die Hebamme schwieg einen Moment,
bevor sie den Befehl zum pressen hab. Georgina klammerte sich an ihren Beinen
fest, zog sie fast vollständig an ihren Körper heran und presste so
stark sie konnte. Das tat sie mehrere Male nacheinander und mit jedem weiteren
Mal wurde der Schmerz stärker. Georgina glaubte, ihr gesamter Körper
würde zerbärsten.
„Das machen Sie sehr gut, Georgina. Sehr gut. Ich kann das Köpfchen schon
sehen.“
Georgina schrie auf, als die nächste und letzte Wehe heran rollte. Sie
presste so kräftig sie konnte und schrie ohrenbetäubend auf, als das
Baby in die Hände der Hebamme glitt. Schlagartig war sie von allen Schmerzen
befreit.
„Gina“, hauchte Nicky überwältigt und küsste sie auf die schweißnasse
Stirn.
„Was ist es?“, fragte Georgina leise und heftig atmend. Sie war froh, die Geburt
nun endlich hinter sich zu haben und sie wünschte sich nichts sehnlicher,
als ihr Baby endlich in den Händen halten zu können.
„Sie haben ein kleines Mädchen“, verkündete die Hebamme und legte
das kleine Bündel Leben auf Georginas Oberkörper. Einen Moment lang
konnten weder Georgina, noch Nicky etwas sagen. Der Anblick von ihrem Baby,
ihrem eigenen Fleisch und Blut zog sie dermaßen in ihren Bann, dass sie
ihre Blicke gar nicht mehr abwenden konnten.
„Wie soll sie heißen?“, wollte Nicky wissen. Georgina legte ihre rechte
Hand auf den Rücken ihrer Tochter, während die Tränen der Freunde
und Erleichterung zu fließen begannen.
„Such du den Namen aus, Nicky. Bitte. Ich möchte, dass du ihr einen Namen
gibst.“ Nicky nickte, betrachtete seine Tochter und sah dann zu Georgina.
„Ich möchte, dass wir sie Caitlin Cecelia Yvonne nennen.“
„Caitlin Cecelia Yvonne“, wiederholte Georgina gerührt. „Das ist perfekt.“
Und so sahen Georgina und Nicky gemeinsam auf Caitlin – auf ihr ganz großes
Glück.
August 2056, Waterford, Irland
Georgina presste das Blatt Papier an ihre Brust, schloss die Augen und dachte
an die Geburt ihrer ersten Tochter. Während der Geburt hatte sie sich geschworen,
kein zweites Kind zu bekommen, und letzten Endes hatte sie insgesamt vier Kinder
zur Welt gebracht. Drei Mädchen und einen Jungen; Caitlin, Allison, Lana
und Sean. Die drei Mädchen waren nur wenige Jahre auseinander, Sean jedoch
war ihr kleines Nesthäkchen, kam zur Welt, als Caitlin schon dreizehn Jahre
alt war. Er war Nickys Liebling gewesen, der einzige Junge. Georgina schmunzelte,
als sie sich das erste Fußballspiel, das Sean bestritten hatte, in Erinnerung
rief. Nicky war damals schrecklich stolz gewesen und hatte all seine Freunde
und Verwandten zu dem Spiel eingeladen. Als Sean in seinem ersten Spiel auch
noch sein erstes Tor geschossen hatte, wäre Nicky vor lauter Glück
beinahe zergangen. Er hatte über den ganzen Sportplatz geschrieen, die
Hände in die Höhe gerissen und allen erzählt, dass das sein Sean
war, der das entscheidende Tor geschossen hatte.
Georgina lachte, schüttelte amüsiert ihren Kopf und ließ das
Blatt Papier in den Karton fallen. Sie war für den heutigen Tag eindeutig
genug in Erinnerungen geschwelgt. Wobei – ein Blatt würde sie noch lesen
müssen. Ein einziges Blatt. Doch das würde sie nicht hier in ihrem
Wohnzimmer tun. Nein, das würde sie ganz woanders tun. An einem ganz bestimmten
Ort. Sie nahm den letzten Zettel an sich, steckte ihn in die Tasche ihres Rockes
und erhob sich anschließend schleichend und ächzend aus dem Schaukelstuhl.
Georgina spürte jeden einzelnen ihrer Knochen und hätte sich am liebsten
auf der Stelle wieder gesetzt. Doch sie blieb stehen, setzte langsam einen Fuß
vor den anderen und lief in die Diele. Dort angelte sie nach ihrer weißen
Strickjacke, warf sie sich über die Schultern und verließ das Haus.
Der Hausschlüssel steckte wie immer an der Eingangstür. Georgina wusste,
dass das nicht ungefährlich war, doch sie wollte, dass ihre Kinder rund
um die Uhr in ihr Haus kommen konnten, ohne vorher zu klopfen oder zu klingeln.
Es war ein warmer Augusttag und die Sonne war fast drückend. Georgina atmete
tief durch, strich sich ihr ergrautes Haar aus der Stirn und lief einen schmalen,
kiesigen Pfad entlang. Er führte von dem Grundstück herab, hinauf
auf eine einsame Wiese, zu der nur Georgina Zutritt hatte. Allen anderen blieb
sie verborgen. Sie beschleunigte ihre Schritte, als sie ihr Ziel erspähte.
Als sie Nickys Grab erspähte. Davor angekommen, ging sie vorsichtig in
die Knie und las die Aufschrift des Grabsteins:
In loving memory of
Nicholas ”Nicky” Bernard James Adam Byrne
9.Oktober 1978 – 5.August 2055
Georgina senkte ihren Blick und versuchte, die aufsteigenden Tränen zurück zu drängen. Sie war nicht ohne Grund hergekommen, hatte nicht ohne Grund all die Briefe, Erinnerungen und Tagebucheinträge gelesen. Heute war Nickys erster Todestag und zugleich ihr dreiundfünfzigster Hochzeitstag. Georgina wollte diesen besonderen Tag mit ihm verbringen und nur hier, an seinem Grab, konnte sie beim ihm sein. Mit zitternden Fingern zog sie den Zettel aus ihrer Rocktasche und faltete ihn auf Sie hatte ihn genau vor einem Jahr verfasst, nur wenige Stunden nach Nickys Tod. Er symbolisierte ihre damaligen Gefühle, ihre unbeschreibliche Trauer und zugleich ihre unbeschreibliche, beispiellose Liebe.
5.August 2055, Waterford, Irland
Georgina stand am Bett ihres Mannes und sah zu ihm herab. Ihre Beine würden
sie nur noch wenige Minuten tragen, das wusste sie, doch sie wollte sich noch
von ihm verabschieden. Wollte ihm nach all den gemeinsam verbrachten Jahren
Lebewohl sagen. Für immer.
Vorsichtig legte sie ihre kühle Hand auf seine eisige Stirn. Seine Augen
waren geschlossen, sein Körper steif und leblos. Nicholas Bernard James
Adam Byrne war vor einer Stunde und siebzehn Minuten gestorben, für immer
entschlafen und von ihnen gegangen. Georgina wusste, dass dieser Tag kommen
würde, wusste, dass er seine Augen irgendwann schließen und nicht
mehr öffnen würde. Nun war er gekommen und Georgina konnte es nicht
glauben. Sie hatte ihren geliebten Ehemann und besten Freund verloren. Den Mann,
mit dem sie ihr ganzes Leben verbracht hatte. Sie setzte sich auf die Bettkante
und griff nach Nickys eisigen Händen. Alles Leben war aus dem Körper
neben ihr gewichen.
Das betörende, verschmitzte Lächeln.
Das ansteckende, herzerwärmende Lachen.
Der unwiderstehliche, sanfte Blick.
Die unverkennbare, melodische Stimme.
Alles war für immer verloren. Würde nicht wiederkehren.
Er lebte nur noch in ihren Erinnerungen. In den Erinnerungen an ein langes,
gemeinsames Leben voller Glück und Liebe ...
ENDE