29.12.2004
Dedicated to Kezza

Von Lilly Sue McFadden, 1 Jahr und 10 Monate

Bestimmte Dinge gehören an bestimmte Orte. Der Kölner Dom zum Beispiel gehört nach Köln, der Eifelturm nach Paris und die Freiheitsstatue nach New York. So ist das eben, anders würde es ja auch überhaupt keinen Sinn ergeben, oder? Nun ja, das dachte ich auch. Bäume gehören nach draußen, das weiß sogar ich. Außer an Weihnachten. Ja, wirklich, ich war auch ganz baff. Da hatte ich mich gerade aus meinem Gitterbett befreit und wollte in dem Zimmer in dem der Fernseher steht wieder meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen, nämlich alle Sachen aus den Schränken räumen, als da plötzlich ein Baum stand. Mitten im Haus! Ich legte eine Vollbremsung hin. Das konnte doch einfach nicht wahr sein. Wie zum Teufel konnte dieser Baum in unserem Haus wachsen? Und was, wenn andere Bäume auf die gleiche Idee kamen? Was wenn plötzlich ein ganzer Wald hier drinnen wachsen würde? Wo sollten wir dann leben? Mir verschlug es die Sprache. Dieses Risiko durfte ich auf keinen Fall eingehen. Ich musste uns retten, ich musste diesen Baum beseitigen. Zweifellos stand er am falschen Ort. Er stand im Haus wo er doch ganz offensichtlich draußen hätte stehen müssen. Langsam trat ich näher und das übliche Klein-Groß-Problem trat auf. Ich war klein, der Baum groß. Zuerst kam es mir in den Sinn, den Baum einfach hochzuheben. Ich griff nach einem der abstehenden Dinger. Ein fataler Fehler. Die abstehenden Dinger waren übersäht von noch mehr abstehenden Dingern die stachen. Ich lief einmal um den Baum herum und versuchte es auf der anderen Seite. Doch auch da war der Baum nicht frei von stechenden Dingern. Ich musste mir etwas anderes einfallen lassen. Ich betrachtete den Baum eingehend, als mein Blick auf die Mitte der stacheligen Dinger fiel. Da entdeckte ich ein hochstehendes, größeres Ding und dort waren keine kleinen stacheligen Dinger. Das war meine Chance. Ich nahm Anlauf und schon bald hatte ich die kleinen stacheligen Dinger überwunden. Eines hatte ich im Eifer des Gefechts jedoch vergessen. Ich hatte mich so darauf konzentriert dieses elendige Ding zu beseitigen, dass ich mir über den Bremsweg gar keine Gedanken machen konnte. Es gibt viele Arten den Fall eines Baumes zu beschreiben. Ich beschränke mich hier auf ein Wort: laut! Und in Verbindung mit einer brechenden Fensterscheibe: noch lauter! Aber zumindest hatte ich es geschafft den Baum aus dem Haus zu bringen. Na ja, zumindest die Hälfte. War doch gar nicht so schlecht für den Anfang, oder? Mama schätzte meine Arbeit weniger, dabei hätte sie doch froh sein können, dass wir dieses lästige Ding endlich los waren. Dann wurde ich aufgeklärt. Die Bäume stehen das ganze Jahr über draußen und bekommen für Weihnachten die Erlaubnis ins Haus zu kommen. Warum das so ist weiß ich nicht, vielleicht ist es ihnen zu kalt oder so. Naja, wenn das so ist, warum stellen wir dann nicht einfach das Sofa in den Garten? Für meine harte Arbeit wurde ich mit dem Gitterbett bestraft. Ts, ich wollte doch nur helfen. Es war unglaublich. Die hätten mich aber auch schon viel früher aufklären können. Meine Reaktion war doch verständlich. Da kam ich nichtsahnend in das Zimmer mit dem Fernseher und was sehe ich? Einen Baum. Na ja, wie dem auch sei. Ich verbannte alle meine Spielkameraden aus dem Gitterbett. Ich war sauer und das zurecht. Es ist nicht nett als Unschuldiger so bestraft zu werden. Nur Teddy durfte bei mir bleiben. Ich schmollte eine Zeit lang vor mich hin und dachte mir Rachepläne aus, bevor ich mich lautstark bemerkbar machte. Dada kam herein und hob mich heraus. Ich flitzte wie von der Tarantel gestochen in das Zimmer mit dem Fernseher, voller Überzeugung der Baum hatte sich aus dem Staub gemacht. Und was sah ich dann? Er stand noch genau an dem selben Fleck. Nur jetzt war er behangen mit glitzerndem, mehr als geschmacklosem Kitsch. Total daneben. Mit dem blinkenden Zeug schrie er mir förmlich ins Gesicht: Gewonnen, gewonnen, gewonnen. Blöder Baum. Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen, doch hätte ich erneut versucht ihn zu beseitigen, wäre ich höchstwahrscheinlich wieder mit dem Gitterbett bestraft worden. Nein, ich musste mir etwas neues ausdenken. Langsam ging ich auf ihn zu und sah ihn an. Ja, ich sah ihn nur an. Die kitschigen Bälle glitzerten kitschig und die Girlanden leuchteten leuchtend vor sich hin. Da kam mir ein Plan. Ich würde den Baumschmuck einfach abnehmen, wenn keiner zusah. Das war einfach nur genial. Bei der nächstbesten Gelegenheit fing ich sofort damit an. Doch anscheinend war der Schmuck total wichtig. Zumindest für Mama und Dada. Alle Bälle die ich bereits unter dem Tisch versteckt hatte (vielleicht hätte ich mir ein anderes Versteck suchen sollen, nachdem ich Dadas Socken schon immer untern den Tisch lege...), wurden wieder an den Baum gehängt. Warum das denn? Ich machte weiter bis Dada das Problem löste, in dem er alle Bälle die unten hingen nach oben hängte, so das ich nicht mehr hin kam. Mama sagte, dass der Baum nun idiotisch aussah. Sah er nicht schon immer idiotisch aus? Lautstark diskutierten sie darüber und das alles wegen einem Weihnachtsbaum. Ja, das Ding heißt WEIHNACHTSbaum. Wo wir gleich beim nächsten Thema währen. Was ist Weihnachten? Dada hat mir einmal vorgelesen, dass an Weihnachten das Jesuskind geboren wurde. Mag ja sein, aber warum feiern wir dann Weihnachten und nicht Geburtstag? Sehr seltsam, oder? Bei meinem zweiten Geburtstag bestehe ich darauf, Weihnachten zu feiern. Wenn das Jesuskind das darf, darf ich das auch. Schließlich kennen wir das Jesuskind gar nicht persönlich und ich bin das Kind von Mama und Dada. Da darf ich ja wohl das Selbe verlangen wie ein Unbekannter, oder? Komisch ist auch, dass Mama angefangen hat Sterne und Monde in den Ofen zu schieben. Ganz viele kleine. Die Dinger wachsen verdammt schnell. Ich hab ihnen mal zugesehen. Erst sind sie klein und im Ofen werden sie immer größer und auch viel dunkler. Normal ist das doch nicht. Also ich werde mich von diesen Dingen fern halten, dachte ich mir bis Mama versuchte mir einen von den mysteriösen Monden in den Mund zu stecken. Das schmeckt fein, hat sie gesagt und da fingen bei mir sämtliche Alarmglocken an zu schrillen. Das schmeckt fein bedeutet immer, dass es das nicht tut! Jeden Tag bekomme ich diese Lüge beim Essen gesagt, dabei schmeckt Brei und dieser ganze Papp alles andere als fein. Könnte ich mich schon richtig mit Mama und Dada verständigen (ihre Sprache zu verstehen und zu antworten bereitet mir noch große Schwierigkeiten. In meinem Alter eine zweite Sprache zu lernen ist aber auch echt nicht einfach.) hätte ich ihr jetzt gesagt, dass ich nicht will, so lass ich es halt über mich ergehen. Und oh Wunder. Mama hat gar nicht gelogen. Der Mond schmeckt fein. Wer hätte das gedacht? Weihnachten ist schon sehr seltsam. Erst ein Baum im Haus, dann ein Geburtstag der gar kein Geburtstag ist und jetzt hat Mamas Essen auch noch geschmeckt. Und zwar so gut, dass ich noch mehr Monde essen will. Doch dann trat erneut das Klein-Groß-Problem auf. Ich war klein, der Tisch auf dem die Monde lagen groß. Da wollen sie schon immer das man etwas isst, aber warum stellen sie das Essen dann nicht auf eine vernünftige Höhe so das man auch dran kommt? Probleme über Probleme! Aber das Problem Weihnachten ist noch nicht zuende. Es gibt noch einen letzten Punkt. Das Lied *O Tannenbaum*. Dada singt mir das jeden Abend vor und wer dieses Lied kennt, hat bestimmt schon festgestellt, dass es heißt *Wie grün sind deine Blätter*. Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass der Weihnachtsbaum ein Tannenbaum ist (warum muss ein einziger Gegenstand grundsätzlich zwei Namen haben? Das führt doch nur zu Verwirrungen!) und da ich mich mit Tannenbäumen jetzt besonders gut auskenne, habe ich ganz am Anfang schon festgestellt, dass das auf jeden Fall keine Blätter sind. Also entweder das Lied lügt (so wie Mama beim Essen) oder wir haben einen falschen Tannenbaum im Haus stehen. Oder hattet ihr schon mal pieksende Blätter? Also ich nicht und ich werde dieser Sache noch auf den Grund gehen. Doch nicht jetzt, ich glaube ich werde mich jetzt erst einmal hinlegen. Weihnachten ist ja so anstrengend und überhaupt der völlige Schwachsinn! Wer braucht schon Bäume im Haus oder falsche Geburtstage?! Also ich nicht! Gute Nacht.

Dezember 2004, © Jenny Scheuerer