![]() Kezza, mein Schatz. Diese Story ist für dich. Ich habe dich unglaublich lieb. Deine Sue
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Gedankenverloren starrte Brian auf die kleine, rechteckige Karte, die er seit
geraumer Zeit ununterbrochen in den Händen hielt.
„Von wem hast du diese Karte bekommen?“ Brian sah auf, als die Stimme seines
Freundes in seine Ohren drang. Er straffte die Schultern und sah auf.
„Von Kerry.“ Brennende Tränen sammelten sich in seinen Augenwinkeln und
drangen mit aller Kraft nach außen. Lautlos rannen sie über seine
bleichen, eingefallenen Wangen, bis sie still auf die Tischplatte fielen.
„Bitte nicht weinen“, bat Nicky eindringlich.
„Ich kann nicht“, entgegnete Brian flüsternd.
„Du musst, Brian. Du musst. Sie kommt nicht zurück, nur weil du um sie
weinst.“ Brian erschauderte. Nicky hatte Recht. Er hatte vollkommen Recht. Doch
er musste weinen, musste seinem unbändigen Kummer Ausdruck verleihen. Brian
legte die Karte beiseite, die Lippen fest aufeinander gepresst.
„Sie fehlt mir, Nicky. Ich vermisse sie, wenn ich aufwache und ich vermisse
sie ebenso, wenn ich einschlafe. Ich kann nicht glauben, dass sie mir genommen
wurde. Delta hat ihr Leben abgöttisch liebt. Jede einzelne Sekunde hat
sie genossen. Diese Frau war eine Kämpferin mit unbändigen Kräften.
Ich kann nicht glauben, dass sie den wichtigsten Kampf ihres Lebens verloren
hat.“ Brian stützte seinen schweren Kopf auf seinen Händen ab. Er
war erschöpft und müde, fühlte sich innerlich vollkommen leer.
„Delta musste gegen einen übermächtigen Gegner kämpfen“, sagte
Nicky leise.
„Gegen einen Gegner, den sie schon einmal besiegt hat.“
„Aber dieser Gegner ist zurück gekehrt, weitaus stärker, als wir alle
vermutet haben.“ Brian fuhr erschrocken zusammen, als Nicky nach seiner kalten,
rechten Hand griff und diese aufmunternd drückte.
„Delta war unglaublich stark, Nicky. Stärker als andere Menschen in einer
solchen Situation. Sie wusste, dass sie sterben würde, doch sie war stets
und ständig optimistisch. Bis zu ihrem letzten Atemzug.“ Brian hielt inne
und schloss die Augen. Er konnte diesen Verlust kaum ertragen.
„Das war Deltas Charakter. Egal, was passiert ist – sie hat die Hoffnung niemals
aufgegeben.“
„Niemals“, bestätigte Brian nickend. „Niemals.“
Er erhob sich von dem gepolsterten Stuhl und schaute aus dem Küchenfenster.
Es schneite, Weihnachten stand vor der Tür. Das Fest der Liebe. Das Fest
der Harmonie und Freude. Brian wollte nicht daran denken, wollte sich nicht
mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass er das diesjährige Weihnachtsfest
ohne die Frau, die er liebte, verbringen musste.
„Möchtest du, dass ich gehe?“, durchbrach Nicky die eingekehrte Stille.
„Ja, bitte.“ Er brauchte Ruhe, brauchte die Einsamkeit.
„In Ordnung.“ Nickend stand Nicky auf, langte nach seinem schwarzen Jackett
und warf es sich über. Brian sah zu ihm, schenkte ihm ein kurzes, gezwungenes
Lächeln und seufzte.
„Danke, Nicky. Du hast mir in den letzten Tagen sehr geholfen.“
„Das war doch selbstverständlich, Brian. Du bist mein bester Freund.“ Nicky
durchquerte die Essküche und zog Brian in eine innige, tief bewegende Umarmung.
Brian lehnte seinen Kopf an Nickys Schulter, fühlte sich einen Moment lang
geborgen, bis er sich von seinem Freund löste.
„Rufst du mich an, sobald Georgina in den Wehen liegt? Ich möchte schließlich
auf dem laufenden gehalten werden, wenn mein erstes Patenkind zur Welt kommt.“
Brian vergrub die Hände in den Taschen seiner schwarzen Leinenhose.
„Natürlich. Ich halte dich auf dem laufenden“, versprach Nicky. Dann drehte
er sich um und ging. Brian hingegen blieb regungslos stehen, starrte auf die
geöffnete Küchentür und schloss abermals die Augen. Er sah Delta,
sah ihr liebliches, wunderschönes Gesicht und ihre leuchtenden Augen.
Kopfschüttelnd biss er sich auf die Unterlippe und lief ins Wohnzimmer.
Es gab einiges zu erledigen. Wichtige Formulare mussten nach Australien zu Deltas
Eltern geschickt werden. Ihre Geburtsurkunde, die sie für ihre Hochzeit
benötigt hatten, Pässe und Ausweise. Brian schluckte schwer, als er
die wuchtigen Ordner auf dem kleinen, zierlichen gläsernen Couchtisch erkannte.
Schwerfällig sank er in die Polster des cremefarbenen Sofas. Er schlug
den ersten Ordner auf, legte ihn missmutig beiseite und ließ den zweiten
Ordner folgen.
Fotos strömten ihm förmlich entgegen. Professionelle Fotografien aus
zahlreichen Zeitschriften, einfache Urlaubsbilder, der selbst während ihrer
Reisen gemacht hatte. Delta war zu jung gestorben. Eindeutig zu jung. Sie war
noch nicht einmal fünfundzwanzig Jahre alt gewesen, als sie die Erde verlassen
musste. Brian nahm eines der Fotos in die Hand und betrachtete es. Ein Foto,
das im vergangenen Mai auf Sardinien entstanden war. Es zeigte eine lächelnde,
lediglich im Bikini bekleidete Delta, die neben einem Delfinbecken stand. Brian
erinnerte sich an das Glück, das sie in genau diesem Moment ausgestrahlt
hatte. An den Glanz in ihren Augen, der ihn regelrecht verzaubert hatte. Zu
diesem Zeitpunkt war ihre Welt noch in Ordnung gewesen. Damals...
Kaum zwei Monate später wurde Delta – bereits zum zweiten Mal in ihrem
noch jungen Leben – mit der Diagnose Lymphdrüsenkrebs konfrontiert.
Brian nahm einen tiefen Atemzug und verdrängte die quälenden Erinnerungen.
Er griff nach dem Telefonnummer neben sich und wählte eine ihm sehr bekannte
Nummer. Es klingelte einmal. Zweimal. Dreimal. Gerade, als er auflegen wollte,
meldete sich eine wohlvertraute Stimme.
„Katona.“ Brians Augen füllten sich abermals mit Tränen.
„Hallo, Kerry. Schön, deine Stimme zu hören.“
„Oh mein Gott, Brian“, stieß Kerry überrascht hervor. „Wie geht es
dir?“
„Beschissen, Kerry. Es geht mir schlichtweg beschissen. Delta fehlt mir in jeder
Sekunde.“ Er begann ungehalten zu schluchzen.
„Es tut mir leid, dass ich nicht zur Beerdigung kommen konnte. Ich habe keinen
Flug mehr gekriegt.“
„Du bist dich nicht entschuldigen.“ Brians Stimme drohte zu brechen. „Ich habe
deine Karte bekommen. Sie ist wunderbar.“ Er dachte an den tröstenden Spruch,
den sie geschrieben hatte.
„Freut mich.“ Sie hielt inne. „Kann ich dir helfen, Brian? Irgendwie?“
„Nein. Momentan kann ich mir nicht mal selbst helfen. Mein ganzes Leben ist
wie ein Kartenhaus in sich zusammen gefallen. Ich habe keine Ahnung, wie ich
ohne Delta weiterleben soll. Sie war mein Lebensinhalt. Das Wasser, das ich
zum trinken brauchte. Die Luft, die ich zum atmen brauchte. Und nun ist sie
fort. Einfach weg. Ich werde sie niemals wiedersehen.“ Diese Erkenntnis traf
ihn wie einen Schlag in den Magen. Er ließ den Telefonhörer achtlos
auf den Boden fallen und eilte ins Badezimmer. Gerade noch rechtzeitig beugte
er sich über die Toilettenschüssel und ergab sich. Brian würgte
mehrmals, bis sein Magen sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Er richtete
sich auf, betätigte die Toilettenspülung und postierte sich vor dem
Marmorwaschbecken. Langsam drehte er das Wasser auf, ließ es sich über
die Handgelenke laufen und stellte es nur Sekunden später wieder ab. Mit
schweren, schlurfenden Schritten kehrte er ins Wohnzimmer zurück.
„Kerry?“, fragte er, nachdem er den Hörer wieder aufgenommen hatte.
„Ich bin noch da“, entgegnete sie. „Alles in Ordnung?“
„Nein. Ich hab mir gerade die Seele aus dem Leib gekotzt.“
„Fühlst du dich nun wenigstens besser?“
„Ein bisschen“, nickte er und wischte sich mit der freien Hand über die
feuchte Stirn. Eigentlich fühlte er sich nicht einmal ansatzweise besser,
doch er wollte Kerry nicht beunruhigen.
„Was wirst du an Heiligabend machen, Brian?“, wollte Kerry behutsam wissen.
„Heiligabend?“, wiederholte er. „Ich habe nicht die geringste Ahnung. Wahrscheinlich
werde ich zum Friedhof gehen. Und danach betrinke ich mich bis zur Bewusstlosigkeit.“
Brian bettete seinen Kopf in den Polstern des Sofas. Weihnachten. Er hatte dieses
Fest geliebt, wollte es dieses Jahr erstmals mit seiner frisch angetrauten Ehefrau
feiern. Doch statt gemeinsam mit Delta unter dem Weihnachtsbaum zu sitzen und
Geschenke auszupacken, war er alleine. Alleine in dem großen, Dubliner
Haus.
„Brian, lass dich bitte nicht so gehen...“
„Mach ich nicht.“ Er schüttelte den Kopf. „Vielleicht besuche ich Nicky
und Gina. Die beiden haben es mir schon vorgestern angeboten. Ohne die beiden
wäre ich verloren, Kerry. Die Beerdigung heute morgen war grausam. Wirklich
grausam. Wäre Nicky nicht bis eben bei mir geblieben, hätte ich mich
vermutlich erhängt.“ Nach Deltas Tod hatte er tatsächlich mit dem
Gedanken gespielt, sich das Leben zu nehmen. Doch dann hatte er an seine Kinder
denken müssen, an Molly und Lilly, die ihren Vater brauchten.
„Sag solche Sachen bitte nicht.“ Kerry sprach leise und bedacht.
„Was tust du an Heiligabend?“
„Ich feiere mit Mum und den Kindern hier in Warrington. Du bist herzlich eingeladen,
Brian.“ Brian ballte die Hände zu Fäusten und drückte den Telefonhörer
fester an sein Ohr. Er sehnte sich nach der Gegenwart seiner Kinder, hätte
Kerrys Einladung nur allzu gerne angenommen, doch er wollte an Heiligabend bei
Delta sein. Brian wollte sie auf dem Friedhof besuchen, wollte mit ihr reden,
mit ihr alleine sein.
„Danke, aber ich werde hier bleiben.“
„Das kann ich verstehen. Mach dir keine Gedanken.“
„Bestellst du den Mädchen schöne Grüße von mir? Ich komme
sie schon ganz bald wieder besuchen“, meinte Brian.
„Natürlich. Und wenn du magst, gebe ich den beiden einen Kuss von dir.“
„Das wäre lieb“, lächelte Brian milde.
„Abgemacht. Hören wir voneinander?“
„Ganz bestimmt“, versprach er. „Mach’s gut, Kerry.“
„Bye, Brian.“ Sie war die erste, die auflegte. Brian allerdings hielt den Hörer
weiterhin fest umklammert und lauschte dem penetranten Freizeichen. Erst Minuten
später legte er den Hörer zurück auf die Station und widmete
sich den Ordnern, die vor ihm ausgebreitet auf dem Tisch lagen. Er musste sich
ablenken. Irgendwie. Ansonsten würde er durchdrehen, völlig verrückt
werden.
***
Es war bereits weit nach Mitternacht, als Brian schweißgebadet aufwachte.
Er griff neben sich, ertastete aber niemanden. Die linke Betthälfte war
leer und unbenutzt. Brian hatte geträumt, lediglich geträumt.
Zitternd schaltete er die Nachttischlampe an und fuhr sich durch das feuchte
Haar. Fünf Tage war Delta nun tot. Fünf Tage und fünf Nächte
waren sie bereits voneinander getrennt. Und in diesen fünf Nächten
hatte Brian kaum geschlafen.
„Beruhig dich“, ermahnte er sich selbst, schlug die Bettdecke zurück und
stieg vorsichtig aus dem Bett. Mit nackten Füßen lief er in die Küche,
öffnete den Kühlschrank und nahm eine Flasche Mineralwasser heraus.
Er schraubte die Flasche auf, setzte sie an seine Lippen und nahm einen gierigen
Schluck daraus.
„Besser“, sagte er leise, stellte die Flasche zurück in den Kühlschrank
und ging wieder ins Bett. Doch anstatt auf der Stelle einzuschlafen, starrte
er geistesabwesend an die dunkle Zimmerdecke. Er dachte an all die Dinge, die
er mit Delta erlebt hatte. Ließ all die Erinnerungen, die er mit ihr in
Verbindung brachte, lebendig werden.
Brian begann mit ihrem kennen lernen.
Dann kam ihr Hausbau.
Und abschließend folgte die Hochzeit in diesem Jahr.
Brian hatte Delta zu Beginn dieses Jahres einen romantischen Heiratsantrag am
Strand von Malahide gemacht. Er hatte Kerzen verteilt, einen Ring gekauft und
eine Flasche Wein bereit gestellt. Unter einem sternenklaren, winterlichen Himmel
hatte er ihr bei eisiger Kälte die alles entscheidende Frage gestellt –
und Delta hatte sofort mit „Ja, ich will!“ geantwortet.
Weinend setzte er sich auf, griff nach seinem Handy, das auf dem Nachttisch
neben ihm lag und wählte Deltas Handynummer. Er musste ihre Stimme hören.
Ganz dringend. Sonst würde er nicht einschlafen können.
„Hallo, hier ist Delta. Ich bin im Moment leider nicht erreichbar, aber hinterlasst
mir doch bitte eine Nachricht.“ Die Tränen strömten unaufhörlich.
Brian wählte die Nummer mindestens zwanzig Mal hintereinander, bis er sich
rücklings in die Kissen fallen ließ und die Augen schloss. Er fühlte
sich jämmerlich und verlassen. Was in Gottes Namen sollte er nun noch mit
seinem Leben anfangen? Was? Mit diesem Gedanken schlief er plötzlich ein.
Doch nicht lange, denn dann wurde erneut von plagenden Alpträumen geweckt
und von seinen Tränen um Delta geschüttelt.
***
Am darauffolgenden Morgen wachte Brian bereits sehr früh auf.
Es war der erste Morgen nach der Beerdigung. Was sollte er mit dem angebrochenen
Tag anfangen? Wie sollte er sich den unbändigen Kummer, die greifbare Langeweile
vertreiben?
Brian schlug die Bettdecke zurück und stieg aus dem Bett. Er öffnete
das Schlafzimmerfenster, langte nach einer Zigarette und zündete sie an.
In den vergangenen Tagen hatte er eindeutig zu viel geraucht. Beinahe zwei Schachteln
am Tag. Er wusste, dass er damit seine Gesundheit ruinierte, doch es war ihm
schlichtweg egal. Für wen in Gottes Namen sollte er gesund sein?
Er nahm einen langen, befreiend wirkenden Zug Es schneite ganz zart. Delta hatte
den Schnee geliebt. Im vergangenen Jahr hatten sie die Weihnachtsfeiertage in
einer Berghütte in den Alpen verbracht. Wie glücklich Delta damals
war. Sie ahnte nicht einmal, dass es ihr letztes Weihnachtsfest sein würde.
Brian drückte die Zigarette auf dem äußeren Fensterbrett aus
und warf sie in den Garten. Fröstelnd schloss er das Fenster, bevor er
seinen Froteebademantel überzog und das Schlafzimmer verließ. Er
wollte nach unten in die Küche gehen, um eine Tasse starken Kaffee zu trinken,
doch stattdessen bestieg er die hölzernen Treppen, die zum Dachboden führten.
Unzählige Kartons standen auf dem morschen Holz, Kartons, die er seit ihrem
Umzug nicht mehr geöffnet hatte. In einem dieser Kartons befand sich ein
Fotoalbum. Ein Fotoalbum von ihm und Delta. Er wollte es finden, wollte es ansehen
und in Erinnerungen schwelgen.
Brian durchsuchte die zahlreichen Kartons und schob sie achtlos beiseite, wenn
er nicht fündig geworden war. Nach etlichen Minuten wollte er bereits aufgeben,
doch genau in diesem Moment entdeckte er einen bereits vergilbten Briefumschlag,
auf dem sein Name stand. Er nahm ihn aus dem Karton und drehte ihn behutsam
in den Händen. Der Umschlag war unnatürlich dick und er war gewillt,
ihn zu öffnen. Langsam riss er das Papier auf und entdeckte weitere Umschläge
in dem Hauptumschlag. Er zog sie vorsichtig heraus und breitete sie vor sich
auf dem Boden auf. Fünf Umschläge und auf jedem einzelnen stand sein
Name. Er erkannte Deltas Handschrift und erstarrte. Hatte sie ihm etwa Briefe
hinterlassen?
Voll unbändiger Neugier öffnete er den ersten Umschlag und begann
den Brief darin zu lesen.
Brian,
erinnerst du dich noch an unser erstes Aufeinandertreffen?
Du warst damals noch mit Kerry verheiratet. Wir haben uns gut verstanden und
nett unterhalten, doch das wir ein paar Jahre später miteinander verheiratet
sein würden, haben wir beide wohl nicht erwartet.
Deswegen möchte ich dir etwas sagen, Brian – egal, was passiert. Erwarte
das Unerwartete!
Zitternd öffnete er auch den zweiten Umschlag und zog den kleinen Zettel heraus. Delta hatte ihm tatsächlich kleine, sorgfältig geschriebene Notizen hinterlassen. Er konnte es nicht glauben. Den Tränen nahe, las er auch die zweite Nachricht und ließ die Dritte und Vierte kurz darauf folgen. Bevor er den fünften und letzten Umschlag öffnete, fuhr er sich mit dem Handrücken über die tränennassen Wangen und atmete tief durch. Dann faltete er den Zettel auseinander und las auch ihn.
Brian,
trauere um mich und weine um mich. Verdränge deine Gefühle keinesfalls.
Doch lass sie nicht übermächtig werden. Das Leben braucht dich und
du brauchst das Leben. Ich liebe dich, Brian, mehr als jeden anderen Menschen
auf diesem Erdball. Doch verliere dich nicht in meiner Liebe zu mir.
Denk an mich und behalte mich in guten Erinnerungen, doch scheue bitte nicht
davor zurück, dein Leben auch ohne mich weiter zu leben. Ich bin bei dir,
immer und zu aller Zeit.
Vergiss das nicht.“
Nachdem er das letzte Worte gelesen hatte, drang das plötzliche, penetrante
Klingeln des Telefons in seine Gehörgänge. Er fuhr erschrocken zusammen,
eilte vom Dachboden herunter und griff nach dem Telefonhörer.
„Ja?“, meldete er sich keuchend und vollkommen außer Atem.
„Brian“, tönte ihm Nickys aufgeregte Stimme entgegen.
„Nicky, was ist los?“
„Georgina – die Wehen haben vor ein paar Minuten eingesetzt. Wir sind gerade
auf dem Weg ins Krankenhaus. Komm vorbei, Brian. Komm bitte vorbei.“ Ohne eine
Antwort seines Freundes abzuwarten, legte Nicky auf. Brian starrte auf den Telefonhörer
in seiner rechten Hand, unfähig, sich zu rühren. Georgina lag in den
Wehen. Das Baby würde bald zur Welt kommen. Langsamen Schritts ging er
zurück nach oben auf den Dachboden und verstaute Deltas kurze, aber bedeutende
Notizen in dem großen Hauptumschlag. Ihre letzte Notiz aber ließ
er in seine Hosentasche gleiten. „Das Leben braucht dich und du brauchst das
Leben“, hatte sie geschrieben. Und sie hatte recht. Vollkommen recht. Von plötzlichem
Enthusiasmus gepackt, rannte er nach unten in die Diele, langte nach seiner
Winterjacke und den Autoschlüsseln und verließ das Haus. Nicky und
Georgina erwarteten ihn – sie brauchten ihn, zählten auf ihn. Und er würde
sie ganz sicher nicht enttäuschen.
***
Im Krankenhaus angekommen, begab er sich auf die Suche nach Nicky. Er fand
ihn augenblicklich. Nicky lehnte mit geschlossenen Augen an der Wand im Krankenhausflur
und fuhr erschrocken zusammen, als Brian ihm behutsam eine Hand auf die Schulter
legte.
„Du bist schon da?“
„Ja. Ich bin sofort nach deinem Anruf losgefahren. Wie geht es Gina?“, erkundigte
sich Brian voller Besorgnis.
„Den Umständen entsprechend, würde ich sagen“, seufzte Nicky und fuhr
sich durch das blonde Haar. „Es alles sehr, sehr schnell bei ihr. Der Muttermund
ist bereits 10 cm geöffnet.“
„10 cm schon? Dann setzen die Presswehen ein.“ Brian dachte an die Geburten
seiner Kinder zurück. Kerry hatte weitaus länger in den Wehen gelegen,
geschrieen und geweint, bis die Kinder schließlich da waren. Tränen
traten ihm bei diesem Gedanken in die Augen. Auch mit Delta hatte er Kinder
bekommen wollen, doch sein Wunsch war unerfüllt geblieben.
„Mister Byrne?“ Eine hochgewachsene, schwarzhaarige Krankenschwester trat zu
ihnen auf den Flur.
„Ja?“ Nickys Kopf schnellte in die Höhe.
„Ihre Frau verlangt nach Ihnen. Es geht los.“ Aufgeregt lief Nicky in den Kreissaal,
während Brian alleine auf dem Flur zurück blieb. Einzig die junge,
ausgesprochen hübsche Krankenschwester blieb unmittelbar neben ihm und
stehen und schenkte ihm ein liebevolles Lächeln.
„Sind Sie ein Freund von Mister Byrne?“, wollte sie wissen, ohne aufdringlich
zu wirken.
„Ja, sein bester.“
„Deswegen sind Sie hier?“
„Genau.“ Er setzte sich auf einen der zahlreich vorhandenen Plastikstühle
und wartete. Er hasste es, zu warten. In seinem Leben hatte er schon viel zu
oft warten müssen. Auf Chartplatzierungen. Auf Auftritte. Auf Geburten.
Auf den Tod.
Kopfschüttelnd nahm er einen tiefen Atemzug und versuchte sich auf die
augenblickliche Lage zu konzentrieren. Wie konnte er nur an den Tod denken,
wo doch ein neues Wesen das Licht der Welt bald erblicken würde? Das Leben
braucht dich – diese Worte sagte er sich ständig innerlich auf. Delta wusste,
wie sie ihn aufbauen konnte. Selbst nach ihrem Tod.
„Haben Sie auch Kinder?“ Die schwarzhaarige Krankenschwester hatte sich neben
gesetzt.
„Ja, zwei“, nickte er und schmunzelte bei dem Gedanken an Molly und Lilly. An
seine beiden Großen.
„Mädchen oder Jungen?“
„Zwei Mädchen. Molly Marie und Lilly Sue“, antwortete Brian mit unverkennbarem
Stolz.
„Sie sehen nicht aus, wie ein zweifacher Familienvater“, lächelte die noch
namenlose Krankenschwester.
„Und trotzdem bin ich einer. Allerdings habe ich mich vor einigen Jahren von
der Mutter meiner Kinder getrennt“, erzählte er. Er musste sich mitteilen,
irgendwem, auch wenn diese Krankenschwester ihm im Prinzip vollkommen fremd
war.
„Oh. Aber Sie tragen doch einen Ehering.“ Sie deutete mit ihrem Zeigefinger
auf den Ringfinger seiner rechten Hand. Brian zuckte kurz innerlich zusammen
und nickte dann langsam.
„Ich habe Anfang dieses Jahres ein zweites Mal geheiratet. Aber meine Frau ist
vor gut einer Woche gestorben.“ Die Krankenschwester senkte die Mundwinkel.
Betroffen legte sie ihm eine Hand auf den Unterarm und übte leichten Druck
darauf aus.
„Das tut mir schrecklich leid. Wie alt war sie denn?“
„Vierundzwanzig.“ Brian erschauderte. Er glaubte, Delta würde unmittelbar
hinter ihm stehen.
„Oh mein Gott, das ist wahrlich noch kein Alter, um zu sterben.“ Die Krankenschwester
verschränkte ihre dünnen, feingliedrigen Finger ineinander und seufzte
hörbar auf. Brian wollte etwas erwidern, wollte nicht in dieser durch und
durch bedrückenden Stille versinken, doch bevor er seinen Mund öffnen
konnte, drang ein lauter, markerschütternder Schrei in seine Ohren. Georgina.
Es folgte das Weinen eines Baby. Das Weinen eines Babys, das soeben zur Welt
gekommen war.
Brian sprang auf die Beine und lief zur Tür des Kreissaals. In diesem Moment
wurde selbige aufgestoßen. Nicky trat nach draußen, dass Gesicht
vollkommen verschwitzt, in den Augen einen überwältigten Glanz. Er
schloss Brian ohne ein einziges Wort zu sagen in seine Arme und hielt ihn sekundenlang
fest.
„Nicky...“, krächzte Brian den Tränen nahe.
„Es ist ein Mädchen, Brian. Es ist ein kleines Mädchen. Wir haben
sie Cathleen Delta genannt.“ Auch Nicky weinte. Cathleen Delta. Brian schloss
die Augen, darum bemüht, nicht in Ohnmacht zu fallen. All diese verdrängten
Emotionen durchfuhren seinen Körper und zum ersten Mal seit Deltas Tod
fühlte er sich glücklich. Glücklich, weil ein neuer Mensch zur
Welt gekommen war. Natürlich würde er auch in den kommenden Wochen
und Monaten noch schwer an Deltas Tod tragen, viele Rückfälle erleiden.
Doch er würde damit umzugehen wissen. Schließlich wurde er gebraucht.
Von seinen Freunden. Von seinen Kindern. Hauptsächlich aber von seinem
Leben.
Ende