Es war 16 Uhr, als sie ihr Elternhaus betrat. Sie schlüpfte aus ihren
Stiefeln und hängte den Mantel an den vorgesehenen Haken. "Hey Leute! Ich
bin wieder da!", rief sie und ihre Stimme hallte von der hohen Decke der Halle
wieder. Sie wartete einige Sekunden, doch auch nach erneutem Rufen kam keine
Antwort. Schien wohl niemand zuhause zu sein. Achselzuckend steuerte sie die
Küchentür an und entdeckte sofort, als sie den großen Raum betrat,
einen Zettel auf der Arbeitsplatte. Sie nahm ihn in die Hand und las:
Hey Sam! Ich bin ins Hotel gefahren. Die haben da irgendwelche Schwierigkeiten,
bei denen der Boss mal wieder helfen muss. :-) Bin wohl so gegen 18 Uhr wieder
da. Hoffe ich zumindest! Paps ist in der Redaktion. Sarah ist bei Christine
und Markus wird wohl den ganzen Abend bei Pierre rumhängen. Sollte ich,
wieder erwartend, bis acht nicht wieder da sein, dann ruf deinen Bruder bitte
an. Er muss noch Hausaufgaben machen. Sarah kommt heute nicht heim. Essen steht
im Kühlschrank, die Post liegt auf deinem Schreibtisch. Hoffentlich sehen
wir uns heute Abend noch. Hab dich lieb. Lots of kisses. Mum
Die junge Frau lächelte und schüttelte den Kopf. Was würde ihre
Mutter nur ohne sie machen? Sie stapfte zum Kühlschrank, nahm sich eine
Flasche Saft und sah sich dabei die kalten Nudeln und die Hackfleischsoße
an, die wohl zu ihrem Abendessen bestimmt worden waren. Sie rümpfte die
Nase. Da fastete sie heute lieber! Mit einem tiefen Seufzer schloss sie den
Schrank und öffnete die Flasche, während sie sich mit dem Rücken
an die Arbeitsplatte lehnte.
Mit so einem Zettel hätte sie eigentlich rechnen müssen. Sie liebte
ihre Mutter, aber sie hasste es ständig den Babysitter für ihre Geschwister
mimen zu müssen. Sie hatte gerade echt andere Sorgen, als sich um die Hausaufgaben
des 14-jährigen Kinnskopfes zu kümmern. Sie zuckte fast unmerklich
die Achseln. Würde sie halt später wieder böse, große Schwester
spielen, dachte sie so bei sich und ging in ihr Zimmer. Als sie die Tür
öffnete traf sie beinahe der Schlag. Ihr Bett war unter einem Berg Klamotten
verschwunden, daneben lag ein Brief:
Hey Schwesterchen! Hab mir deine grüne Bluse und die schwarzen Baggypants
geliehen. Bekommst sie unbeschadet zurück. Dickes Bussi. Sarah!
Sie atmete tief durch, während sie ihre Tasche neben sich auf den Boden
stellte. Sie überlegte, wie viele Stunden ihre kleine Schwester gebraucht
haben musste um ihr sonst so ordentliches Zimmer ins Chaos zu stürzen.
Sie bezweifelte stark, dass sie noch etwas im Schrank hängen hatte. Denn
dort lag wirklich alles. Blusen, Hosen, Tops etc. Alles Dinge, die sie eigentlich
ordentlich zusammengelegt und verstaut hatte. Doch jetzt würde sie um ein
erneutes Bügeln nicht herum kommen.
In diesem Augenblick konnte sie gar nicht sagen wie sehr es sie ankotzte mit
fast 22 Jahren noch zu hause zu wohnen. Alle ihre Freunde waren bereits ausgezogen,
lebten ihr eigenes Leben und mussten sich nicht mehr mit 16-jährigen, gerade
frisch verliebten Schwestern, oder 14-jährigen Brüdern, die sich für
die größten hielten, rumärgern. Aber was hatte sie auch unbedingt
studieren müssen? Oder besser gesagt, warum musste die einzige Schule für
Styling und Modedesign unbedingt hier in Köln sein? Hätte sie nicht
in Frankfurt sein können? Oder am Ende der Welt?
Sam zwang sich ruhig zu bleiben und atmete noch einmal tief durch. Doch ihr
Atem stockte, als sie die fünf Briefe auf ihrem Schreibtisch sah. Sie ging
darauf zu und nahm sie in die Hand. Allesamt von Agenturen, bei denen sie sich
um ein Praktikum als Stylistin beworben hatte. Ihr Mund war plötzlich ganz
trocken. Ihre Kehle wie zugeschnürt. Einige Sekunden starrte sie nur auf
die Umschläge in ihrer Hand, doch öffnen konnte sie sie nicht. Das
letzte was sie im Augenblick wollte, war weitere Absagen lesen zu müssen.
Ihr Tag in der Schule war schon hart genug gewesen.
Also ließ sie die Briefe in einer Schublade ihres Schreibtisches verschwinden.
Dann öffnete sie die großen Flügeltüren und trat auf den
Balkon. Als sie dort an dem weißen Geländer stand und hinunter in
den Garten sah, während sie die bereits kühle Septemberluft genoss,
sah die Welt schon wieder besser aus. Sie ging erst wieder hinein, als der Wind
auffrischte und ihr unter den kurzen roten Pulli fuhr.
Als erstes ging sie auf den hellbraunen Einbauschrank zu ihrer Linken zu und
öffnete ihn. Eine große, silber-schwarze Musikanlage kam zum Vorschein,
daneben ein riesiger Fundus an CDs. Es waren mindestens 500 aus allen verschiedenen
Sparten. Von Rock/Pop und Gothic über Jazz bis hin zu Hip Hop und Klassik,
war so ziemlich alles vertreten und es gab wohl kaum einen Künstler den
sie nicht im Petto hatte, was sie zu einem gern gesehen Gast auf jeder Party
machte. Das und die Tatsache, dass sie ein absolutes Gespür für Trends
besaß, sei es bei Musik oder Mode und einfach ein klasse DJ war.
Sie schnappte sich eine selbst zusammen gestellte CD auf der alle möglichen
uptempo Songs zu finden waren und legte sie ein. Nur Augenblicke später
drang "I’ll be there for you’ von The Rembrandts aus den Boxen. "Das ist besser!’,
entschied sie und überlegte was sie nun tun könnte. Ihr Blick fiel
erneut auf das Bett. Erst einmal musste sie die von ihrer Schwester verursachte
Unordnung beseitigen. Also betrat sie ihren begehbaren Kleiderschrank, schnappte
sich Bügeleisen und Bügelbrett und begann alles wieder in seinen ursprünglichen
Zustand zu versetzten.
Sie sang mit was das Zeug hielt und versuchte krampfhaft nicht an die Briefe,
welche ja immer noch in ihrer Schreibtischschublade darauf warteten gelesen
zu werden, zu denken. Doch es half nichts. Immer wieder kehrten ihre Gedanken
zu ihnen zurück. In ihrem Magen hatte sich langsam ein Knoten gebildet.
Sie hatte Angst. Was, wenn es schon wieder nur Absagen waren? Sie brauchte dieses
blöde Praktikum doch.
Samantha Reuter, die von Freunden und Familie nur liebevoll Sam genannt wurde,
hatte mit 17 Jahren, nach ihrer mittleren Reife, eine dreijährige Schneiderlehre
gemacht. Danach war sie auf eine ebenfalls dreijährige Schule für
Styling und Design gegangen. Es war die einzige Schule in ganz Deutschland die
eine Ausbildung zum Stylisten bot und gerade deshalb auch international bekannt,
weil sie gleichzeitig auch im Bereich Frisuren und Make-up unterrichtete. Deshalb
war es so schwer gewesen angenommen zu werden. Ihre Schneiderlehre hatte ihr
dabei sehr geholfen.
Sie hatte jetzt die Möglichkeit von drei auf zwei Jahre zu verkürzen.
Dafür musste sie aber ein halbjähriges Praktikum machen und einen
Praktikumsplatz in der Sparte zu finden war alles andere als leicht, wie sie
gerade schmerzhaft feststellen musste. Sie hatte schon so viele Bewerbungen
geschrieben und bis jetzt immer nur Absagen erhalten.
Frustriert legte sie das letzte Oberteil zusammen und zog den Stecker des Bügeleisens
aus der Steckdose. Was wenn sie nie einen bekam? Das plötzliche Klingeln
ihres Handys riss sie aus ihren trüben Gedanken. Schnell kramte sie es
aus der Tasche. "Ja hallo?" "Hey Darling. Ich dachte, du wolltest schon lange
zu hause sein?", erklang die Stimme ihres Freundes Sascha. Sie runzelte die
Stirn. "Bin ich doch auch. Schon seit knapp einer Stunde." "Ach ja? Wenn du
schon so lange zu hause bist, warum stehe ich dann seid fünf Minuten vor
deiner Haustür und klingele mir die Finger wund?", fragte er sie leicht
angesäuert. Sie lächelte. "Sorry! Bin gleich da!" Dann legte sie auf
und eilte nach unten.
Als sie die Tür öffnete stand ihr ein großer, gutgebauter junger
Mann gegenüber. Er trug einen dunkelblauen Anzug und eine passende Krawatte,
die locker um seinen Kragen hing. Die kurzen blonden Haare hatte er aus dem
Gesicht gegelt und die hellblauen Augen fixierten sie kalt. "Hey Schatz! Wie
geht’s?", fragte sie und schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln.
"Hallo!", antwortete er eisig und ging an ihr vorbei in die Eingangshalle. "Kannst
du deine Musik nicht mal so leise machen, dass du auch noch was anderes hörst?
Ich hatte heute einen echt stressigen Tag und wollte eigentlich nicht vor deiner
Tür überwintern. Außerdem...", weiter kam er nicht. Denn als
er sich umgedreht hatte um sie von Angesicht zu Angesicht anzuschnauzen, hatte
sie die günstige Gelegenheit wahrgenommen und ihn an sich gezogen.
Sie gab ihm einen langen leidenschaftlichen Kuss, während ihre Hände
unter sein Jackett wanderten und langsam seinen Rücken hinauf und hinunter
glitten. Sie wusste genau, dass das seine schwache Stelle war und wie sie es
nicht anders erwartet hatte, entspannten sich seine Muskeln und er legte seine
starken Arme um ihre Hüften, während er ihren Kuss genauso leidenschaftlich
erwiderte. Nach einer guten Minute löste sich Sam wieder von ihm. "Na,
wieder besser?", fragte sie und lächelte ihn an.
Er öffnete langsam die Augen und erwiderte ihr Lächeln. "Ein wenig.
Aber glaub bloß nicht, dass ich dich so einfach davon kommen lasse.",
sagte er und küsste sie sanft auf die Wange. "Hast du Hunger?", fragte
sie anstatt zu antworten und ging voran in die Küche. "Ich sterbe fast
vor Hunger.", erwiderte er und folgte ihr. Sie nickte zufrieden. "Dacht ich
mir. Setz dich. Ich mach dir was. Kann dir aber leider nur Nudeln mit Hackfleischsoße
anbieten.", sagte sie und öffnete den Kühlschrank. Sascha legte sein
Jackett auf die Arbeitsplatte und setzte sich. "Nehm ich! Heute is mir so ziemlich
alles recht. Ich hatte vielleicht einen Tag, kann ich dir sagen...", und dann
begann er von seinem furchtbaren Tag zu berichten.
Sascha und sie waren seid fast zwei Jahren zusammen. Er war 25 und arbeitete
als Versicherungskaufmann bei der Provinzial. Dadurch hatten sie sich auch kennen
gelernt. Sie wollte eine Versicherung für ihr Auto abschließen und
hatte Informationen bei verschiedenen Versicherungsanstalten eingeholt. Für
die Provinzial hatte sie sich dann doch nicht entschieden. Dafür aber für
Sascha. Ihre Beziehung war zwar voller Höhen und Tiefen, aber sie waren
eigentlich glücklich. Leider betrachtete er ihre Beziehung in letzter Zeit
immer mehr als selbstverständlich und sah keinen Grund mehr sich Mühe
zu geben und seine Eifersucht wurde auch immer schlimmer. Ständig rief
er sie an um zu fragen wo sie war, was sie tat und vor allem mit wem sie zusammen
war. Das brachte ihm natürlich nicht gerade Pluspunkte bei ihren Freunden
ein, die ihn von Anfang an nicht sonderlich gemocht hatten.
"...aber ich hab’ es schließlich doch noch hin bekommen. Auch wenn es
nicht wirklich leicht war.", sagte er gerade, als das Telefon klingelte. Sie
putzte sich die Hände an dem Küchenhandtuch das ihr über der
Schulter hing ab und ging um die Arbeitsplatte herum. Sie streichelte ihm kurz
die Wange und gab ihm einen Kuss. "Das ist schön, Schatz!", sagte sie,
ging dann an ihm vorbei auf das schrillende Telefon zu. Bevor sie abnahm schüttelte
sie kurz den Kopf, als ihr bewusst wurde was sie gerade gesagte hatte. "Das
ist schön, Schatz’? Oh man! Sie sprach mit ihrem Freund wie mit einem Kind!
Sie musste dringen hier raus.
"Reuter!", sagte sie, während sie sich den Hörer des schnurlosen Telefons
zwischen Kopf und Schulter klemmte und zurück zum Herd wanderte. "Hey Sam!
Ich bin’s!", drang die Stimme ihrer Mutter an ihr Ohr. "Hey Mum! Na, wie läuft’s?
Alles im Griff?", fragte sie obwohl sie die Antwort ihrer Mutter bereits kannte.
"Nein! Gar nix läuft! Diese Deppen! Ich habe der Gefühl ich arbeite
mit Amateuren! Ich komme auf jede Fall später! Pfeifst du deinen Bruder
nach hause?", fragte sie. Sam grinste. "Mach ich Mum!" "Gut! Dann sehen wir
uns heute Abend. Love ye! Bye!", damit legte sie auf. Sam drückte lächelnd
den Ausknopf und schüttelte den Kopf.
Ihre Mutter, Jessica Reuter, war gebürtige Engländerin. Wohnte aber
schon seit zehn Jahren in Deutschland und sprach eigentlich auch fast akzentfrei
Deutsch. Nur wenn sie sich über irgendetwas, oder irgendjemanden, aufregte,
neigte sie dazu die Artikel durcheinander zu werfen. "Also darf ich doch wieder
den Babysitter geben!’, dachte sie und goss die Nudeln ab. Ihr blieb auch gar
nichts erspart.
Es war fast elf Uhr, als sie geduscht und bereits, in einen rosa karierten
Flanellschlafanzug gehüllt, an ihrem Schreibtisch saß. Sascha war
vor gut einer Stunde gefahren, ihre Mutter und Markus waren bereits im Bett
und ihr Vater hing immer noch in der Redaktion. Er war Chefredakteur einer großen
Zeitschrift und deshalb oft bis spät in die Nacht hinein unterwegs. Der
Rest des Hauses war dunkel und still. Nur in ihrem Zimmer brannte die kleine
Nachtischlampe und erhellte die Tischplatte. Aus der tiefen Dunkelheit des restlichen
Zimmers drangen leise die ersten Takte von "Flying without wings’.
Sam strich sich eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht, bevor sie mit
zitternden Händen die Schublade öffnete. Den ganzen Abend hatte sie
mit dem Versuch verbracht zu vergessen, dass hier oben fünf kleine weiße
Monster lagen, die über ihre Zukunft entscheiden würden und doch hatte
sie die ganze Zeit an nichts anderes denken können. Zu wichtig war dieses
Praktikum, als das sie es einfach nur als eine gute Chance sich zu beweisen
ansehen konnte. Wenn sie jetzt keinen Platz bekam dann machte sie halt doch
drei Jahre. Das war nicht das Problem. Aber wenn sie jetzt keiner nahm, warum
sollten sie es dann in einem Jahr tun? Sie atmete einmal tief durch. Alles Grübeln
und Zögern brachte ihr nichts. Früher oder später musste sie
die Briefe ja doch lesen. Und vielleicht hatte sie dieses Mal ja Glück!
Entschlossen nahm sie den kleinen silbernen Brieföffner aus der gleichen
Schublade und öffnete jeden Einzelnen. Dann entnahm sie jedem ein Blatt
und legte es vor sich auf den Tisch. Sie blickte noch einige Sekunden unschlüssig
auf sie hinab, bevor sie sie auseinander Faltete und mit klopfendem Herzen zu
lesen begann. Doch schon nach den ersten paar Sätzen, stellte sie fest,
dass sie keinen einzigen zuende lesen musste, denn alle begannen gleich. "Danke
für Ihre Bewerbung. Wir bedauern jedoch sehr Ihnen mitteilen zu müssen...’
"Wir haben Ihre Bewerbung mit Freuden gelesen. Leider müssen wir Ihnen
mitteilen...’ "Vielen Dank für Ihre Bewerbung. Zu unserem größten
Bedauern...’
Sam ließ die Briefe sinken und stützte ihren Kopf in die Hände.
So begannen sie immer. Ständig bekam sie Absagen. Was machte sie nur falsch?
Warum wollte sie denn keiner? Wieso? Diese eine Frage hämmerte durch ihren
Kopf. Ihre Noten waren gut und ihre Bewerbung auch nicht die schlechteste. Irgend
etwas mussten diese ganzen Firmenbosse sehen, was sie nicht sah! Diese Tatsache
machte sie so wütend, dass sie mit einer entschlossenen Handbewegung die
Briefe vom Tisch fegte, nur Sekunden bevor sie den erstbesten Gegenstand den
sie zu fassen bekam, ein Buch über England, quer durch das Zimmer schmiss.
Sie hatte den inneren Drang zu toben, zu schreien und zu heulen, aber was würde
das bringen? Schließlich tat sie nichts von alledem. Statt dessen schnappte
sie sich ihre Tasse Tee und ging hinaus auf den Balkon.
Sie stand noch nicht lange dort, als ihr Telefon klingelte. Sie spielte ein
paar Sekunden mit dem Gedanken es einfach zu ignorieren, doch schließlich
siegte die Neugier wer es war. Also ging sie wieder rein und nahm ab. "Ja?",
meldete sie sich mit matter Stimme.
"Hey Prinzessin. Deine Mum hat sich vorhin gemeldet und gesagt du hättest
Post bekommen. Wollt mal hören was es neues gibt. Wie war dein Tag?", erklang
die wohlmodulierte Stimme eines jungen Mannes am anderen Ende der Leitung. "Danke
auch beschissen, Xander. Und wie war deiner?", antwortete sie seufzend und ließ
sich auf ihr Bett sinken. Xander atmete hörbar aus. "Schon wieder nur Absagen?",
fragte er besorgt.
"Na was denn sonst? Wahrscheinlich gibt es ein Gesetz, welches den Leuten verbietet,
Menschen mit dem Namen Sam Reuter einen Job zu geben. Das oder Gottes Hobby
ist es, mir das Leben zur Hölle zu machen!" Ihre Stimme troff vor Sarkasmus
und Xander konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen. Wenn er wirklich
geglaubt hatte, ein verheultes Wrack trösten zu müssen, dann hatte
er sich getäuscht. Sie versuchte auf ihre Art mit der Situation fertig
zu werden. Mit Wut und einer gehörigen Portion Sarkasmus. Eigentlich hätte
er das wissen müssen, schließlich kannte er sie schon fast sein ganzes
Leben.
Xander hieß eigentlich Alexander Langenfeld und war 23 Jahre alt. Er war
damals sieben gewesen, als Sam in seine Grundschulklasse gekommen war. Sie war
gerade mit ihrer Familie von Manchester nach Köln gezogen und die anderen
Kinder hänselten sie, weil ihr Deutsch nicht ganz so einwandfrei war. Aber
Xander fand sie von Anfang an spannend und schenkte ihr in der ersten Pause
seine Mandarine. Seitdem waren sie die besten Freunde. Sie hatten schon so viel
miteinander durchgemacht, verstanden sich blind und wussten immer was der andere
dachte oder fühlte. Was auch einer der Gründe dafür war, dass
er auf Saschas Hass-Liste ganz oben stand. Dieser war total eifersüchtig
und ließ keine Gelegenheit für eine dumme Bemerkung aus. Xander mochte
ihn nicht besonders und ertrug ihn nur Sam zuliebe.
"Ach was! So schlimm wird es wohl nicht sein. Beim nächsten Schwung is
sicher ne Zusage dabei.", versuchte er sie aufzuheitern. "Sag mal Xander, was
hälst du davon den Satz auf Band aufzunehmen? Dann könntest du es
dir sparen, ihn jedes Mal aufs neue zu sagen. Oder was hälst du von nem
anderen Vorschlag? Spar ihn dir einfach ganz.", sagte sie nicht ohne eine gewisse
Schärfe in der Stimme. Es war gemein Xander jetzt so anzufauchen und das
wusste sie. Aber sie musste jetzt irgendwo mit ihrer Wut hin und sie konnte
davon ausgehen, dass er sie verstand und nicht böse sein würde. Einige
Sekunden herrschte Stille am anderen Ende der Leitung. "Mmh... du hast recht.
Wie sieht’s aus, Sam, soll ich noch vorbei kommen? Dann kannst du mich von Angesicht
zu Angesicht anscheißen.", sagte er schließlich.
Er lächelte, als er Sam seufzen hörte. "Tut mir leid, Xander. Mich
kotzt die ganze Situation einfach nur tierisch an. Ich weiß einfach nicht
wo mein Fehler liegt! Ich verstehe nicht warum ich eine Absage nach der anderen
bekomme, während Leute wie Linda, die nicht einmal einen Saum umnähen
können und der Meinung sind, dass kariert und gestreift super zusammen
passen, schon seid Tagen einen Praktikumsplatz bei spitzen Firmen haben. Das
geht einfach nicht in meinen Kopf!", rief sie genervt.
"Kein Thema, Muffin. Ich kann damit umgehen. Schließlich bin ich dran
gewöhnt.", antwortete er schmunzelnd, woraufhin er ein leises "haha’ vom
anderen Ende der Leitung bekam. Er lachte leise. "Also wie was sagst du? Soll
ich noch vorbei kommen oder nicht?" Sam überlegte kurz. Zwar wäre
es schön gewesen wenn er jetzt bei ihr wäre um noch zu quatschen oder
einfach nur Fern zu sehen. Doch er wohnte seit ein paar Monaten zusammen mit
seiner Freundin Nathalie etwas außerhalb von Köln. Bis er bei ihr
war, wäre sicher eine dreiviertel Stunde vergangen und er musste ja morgen
wieder arbeiten. Und sie musste auch früh raus. "Nee, lass mal! Ich werd
einfach noch irgendwas zertrümmern und dann passt das schon." antwortete
sie.
Er runzelte die Stirn. "Bist du sicher?" "Ja, bin ich. Mach dir mal keine Sorgen!
Ich pack das schon! Jetzt schlaf gut und sag Nathalie nen Gruß!", sagte
sie leise lachend. Xander zuckte die Achseln. "Okay, Süße! Dann sehen
wir uns Samstag." "Ja bis Samstag. Bye!" Dann legte sie auf.
Ihr Blick reichte für ein paar Augenblicke ins Leere. Es war total süß
was für Sorgen er sich um sie machte. Ganz anders als Sascha. Er hatte
noch nicht einmal gefragt, ob sie Post bekommen hatte. War sie ihm denn wirklich
so egal? Er hatte den ganzen Abend nicht einmal gefragt, wie ihr Tag gewesen
war oder ob es etwas Neues gab. Als er schließlich gehen wollte, hatte
sie ihn gefragt, ob er nicht über Nacht bei ihr bleiben wolle, weil sie
die Briefe nicht alleine aufmachen wollte. Sie hätte sich jetzt gerne in
seine Arme gekuschelt und sich von seiner Wärme und seinem Geruch trösten
lassen. Aber er hatte nur gemeint, dass er bei ihr so schlecht schlafen konnte
und das er ja Morgen früh raus müsste und deshalb jetzt lieber gehen
würde.
Sie schnaubte leise. Klar war sein Schlaf wahnsinnig wichtig. Wichtiger als
sie! So wie fast alles in seinem Leben. Ob sie es jemals schaffen würde,
alles andere an Wichtigkeit zu übertreffen und Platz Nummer eins in seinem
Leben einzunehmen? Sie wusste es nicht und sie hatte auch gar keine Lust jetzt
darüber nachzudenken. Sie streckte die Hand aus und löschte das Licht,
bevor sie unter ihre Decke schlüpfte. Sollten sie doch alle zur Hölle
fahren! Das war das Letzte, was sie dachte, bevor sie Marks sanfte Stimme langsam
ins Tal der Träume führte.
Am Samstagmorgen belagerte Sam mit ihrer Clique das Speisezimmer des Hauses
Reuter. So wie jeden Samstag. Sie hatten sich angewöhnt zusammen zu frühstücken
und dann den ganzen Tag gemeinsam zu verbringen. Dort saßen zum einen
Xander, nebst Freundin Nathalie, und Bianca, die Sam als ihre besten Freunde
sah. Dann waren da noch Frank, Angie, Patrizia und Katja. Sie alle kannten sich
noch aus ihrer Schulzeit. Damals hatten sie sich jeden Tag gesehen und damit
der Kontakt nach dieser Zeit nicht abriss, hatten sie sich dieses wöchentliche,
gemeinsame Frühstück überlegt. Seit einer Weile war nun auch
Sascha jedes Mal mit dabei. Keinem der Freunde passte das wirklich aber für
Sam ertrugen sie ihn zähneknirschend. Ignorierten ihn aber die meiste Zeit.
Frank erzählte gerade von seinem Abenteuer am Vorabend, was von allen mit
Gelächter aufgenommen wurde. Frank war der totale Tolpatsch und außerdem
ein super guter Erzähler, bei dem jeder Tagesbericht zu einem Highlight
wurde.
Plötzlich ging die Tür auf und Sams Mama betrat den Raum. "Post, Darling!",
rief sie und hielt Samantha vier weiße Umschläge unter die Nase.
Sams Miene verfinsterte sich schlagartig. Sie nahm ihrer Mutter die Briefe aus
der Hand und warf sie achtlos auf den Tisch. "Danke! Und was passierte dann?",
fragte sie, in dem Versuch wieder auf das alte Thema zurück zu kommen.
Doch… Fehlanzeige. "Willst du sie denn gar nicht aufmachen?", fragte Angie und
hob überrascht eine Augenbraue.
Sam fixierte sie. "Hatte ich eigentlich nicht vor. Warum?" Bianca blinzelte.
"Wie warum? Weil wir wissen wollen was drinn steht." Doch Sam nahm nur einen
tiefen Zug aus ihrer Kaffeetasse und schüttelte den Kopf. "Sind doch eh
wieder nur Absagen. Also warum sich den Tag versauen?"
Doch damit wollten sich die anderen nicht so schnell zufrieden geben. Xander
stand auf, kam um den Tisch herum, griff nach dem kleinen Stapel und hielt ihn
ihr hin. "Das kannst du doch gar nicht wissen. Also, los! Aufmachen! Komm schon
Schneckchen!" Doch sie dachte gar nicht daran, verschränkte nur die Arme
vor der Brust und sah ihn herausfordernd an. Xander zuckte die Achseln. "Wenn
du’s nicht machst, dann tu ich es. Es liegt an dir!" Sam seufzte tonlos. "Na
dann gib schon her du elende Nervensäge!", sagte sie und riss ihm die Umschläge
aus der Hand.
Der erste Brief war eine Absage, der zweite auch und der dritte ebenso. Sie
nahm den letzten zur Hand und begann zu lesen: "Sehr geehrte Frau Reuter, mit
der allergrößten Begeisterung haben wir Ihre Bewerbungsunterlagen
gelesen. Zu unserem größten Bedauern müssen wir Ihnen jedoch
mitteilen, dass wir derzeit keine Verwendung für eine Praktikantin haben...
bla, bla, bla"
Frustriert ließ sie das Blatt sinken. Am Tisch war betretenes Schweigen
eingetreten. Sascha beugte sich zu ihr rüber und legte einen Arm um sie
und Sam lehnte sich dankbar gegen ihn. Sie kuschelte sich in seine Arme und
genoss für einen Augenblick seine Wärme. Plötzlich runzelte sie
die Stirn. Sie wusste nicht genau was es war, aber irgendetwas brachte sie dazu
sich auch den Rest des Briefes anzusehen. Zu ihrem Glück! Denn plötzlich
riss sie die Augen auf, nur Sekunden bevor sie wie von der Tarantel gestochen
aufsprang und dabei fast Sascha vom Stuhl riss. Alle Anwesenden fuhren zusammen
und ihre Mutter ließ die restliche Post fallen, als Sam begann durch das
Zimmer zu hüpfen.
"Ich fass es nicht! Shit! Shit! Shit! Oh man, Fuck!", rief sie immer wieder.
Frank hatte schockiert sein Brötchen fallen lassen und sah sie nun mit
weit aufgerissenen Augen an. "Na wo bitteschön liegen denn jetzt deine
Extreme?", fragte er erstaunt. Doch Sam reagierte gar nicht. "Oh Scheiße
Mann!", rief sie und fuhr damit fort durch das Zimmer zu tanzen.
Bis sie in die Reichweite ihrer Mutter kam. Diese streckte blitzschnell die
Arme aus und hielt sie an den Schultern fest. "Jetzt hör doch endlich mal
auf zu fluchen und sag uns lieber was du hast!", rief ihre Mutter, die gerade
einem plötzlichen Herztod sehr nahe war. Sam machte sich von ihrer Mutter
los und drehte sich so, dass alle sie sehen konnten. Ihre Wangen waren gerötet,
ihre Augen leuchteten.
"Hört euch das an: Zu unserem größten Bedauern müssen wir
Ihnen jedoch mitteilen, dass wir derzeit keine Verwendung für eine Praktikantin
haben. Da wir aber ihr großes Talent erkannt haben und dies gerne Fördern
möchten, würden wir Ihnen gerne ein Auslandspraktikum in unserer Hauptstelle
in London anbieten. Wir möchten sie bitten uns so schnell wie möglich
über Ihre Entscheidung zu informieren. Mit freundlichen Grüßen
Manfred Pallenberg. Ich gehe nach LONDON! YEAH!", rief sie fröhlich und
begann erneut einen wilden Tanz durch das große Zimmer.
Keiner wusste was er sagen sollte. Damit hatte nun wirklich niemand gerechnet.
Natürlich wussten sie alle, dass Sam talentiert war, aber ein Auslandspraktikum?
Das war schon was. Sascha fand als erster seine Sprache wieder. "Du willst das
doch nicht allen ernstes annehmen?", fragte er spitz. Sam hörte auf durch
das Zimmer zu tanzen und sah Sascha in die Augen. "Doch Schatz! Das hatte ich
und es gibt nichts und niemanden der mich davon abhalten kann. Oh mein Gott!
Ich muss hoch! Ich muss anrufen! Ich muss sofort zusagen! Ihr müsst heute
leider ohne mich los!", rief sie und war auch schon verschwunden.
Für einen Augenblick herrschte Schweigen im Zimmer. Alle waren einfach
zu überrascht um irgend etwas sagen zu können. Xander und Bianca wechselten
erstaunte Blicke. "Und jetzt?", fragte Frank schließlich. Patrizia zuckte
die Achseln. "Jetzt... machen wir das was Sam gesagt hat. Wir ziehen ohne sie
los. Was haltet ihr von Billard?" Dieser Vorschlag wurde von allen mit heller
Begeisterung aufgenommen. "Jessica. Das Frühstück war wie immer alle
erste Sahne!", rief Bianca während sie aufstand. Sams Mutter nickte freundlich.
"Freut mich, dass es euch geschmeckt hat!" Als sie alle schon halb draußen
waren, blieb Xander noch einmal stehen und drehte sich um.
"Hey Sascha! Willst du mitkommen?", fragte er mit einem freundlichen Lächeln,
hoffte aber insgeheim, dass er absagen würde. Und tatsächlich nahm
der seine Serviette vom Shoß und schüttelte den Kopf. "Nein danke!
Ich hab noch was anders zu erledigen!", sagte er und ging an Xander vorbei.
Dieser blieb noch einige Sekunden im Türrahmen stehen, bevor er die Achseln
zuckte und dann den anderen nach draußen folgte.
Mit festen Schritten marschierte Sascha auf das Zimmer seiner Freundin zu.
London? War sie jetzt ganz durchgeknallt?! Sie konnte doch nicht so einfach,
mir nichts, dir nichts nach London abhauen! Sie konnte nicht ernsthaft in Erwägung
ziehen, einfach so nach England zu gehen und von ihm verlangen, dass er brav
zu hause blieb und auf sie wartete. Sie musste eindeutig übergeschnappt
sein!
Er hatte das Zimmer erreicht und betrat es ohne zu klopfen. Sam stand gerade
mit wild schlagendem Herzen vor dem Telefon und versuchte ihre Atmung so weit
zu beruhigen, dass sie ein Telefonat führen konnte. Sascha ließ die
Tür hinter sich geräuschvoll ins Schloss fallen. "Das kann nicht dein
Ernst sein!", rief er giftig.
Sam wirbelte erschrocken zu ihm herum, war sie doch der festen Überzeugung
gewesen, dass alle in die Stadt gefahren waren. Doch ihre Überraschung
wich sehr schnell offener Missbilligung für sein augenblickliches Verhalten.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. "Doch! Das ist mein Ernst! Mein
voller Ernst um genau zu sein. In London für die "International Styling
Corporation’ zu arbeiten ist die Chance auf die ich immer gewartet hab. Ich
wäre einfach nur blöd, wenn ich sie jetzt ungenutzt verstreichen lassen
würde", antwortete sie und versuchte dabei so ruhig wie möglich zu
bleiben. Doch eine gewisse Schärfe konnte sie nicht aus ihrer Stimme fernhalten.
Sascha zeigte sich allerdings ziemlich unbeeindruckt von Sams Ausführungen
und musterte sie kühl. "Klar! Das is ne super Chance für dich! Und
was aus uns wird ist dir scheißegal, oder wie darf ich das verstehen?"
Er lehnte sich an die Wand hinter sich und verschränkte die Arme vor der
Brust.
Sam seufzte tonlos. Sie hätte wissen müssen, dass Sascha so reagieren
würde. Sie kannte ihn und seine Eifersucht lange und gut und wusste, dass
es ihm ein Dorn im Auge war sie für sechs Monate nicht bei sich zu haben.
Doch sie dachte jetzt gar nicht daran klein beizugeben. Vielmehr erwiderte sie
seinen Blick genauso kühl. "Herrgott noch mal! Du tust ja gerade so, als
würde ich für ein Jahrzehnt an den Nordpol reisen! Es ist nur England
und es ist auch nur für sechs Monate. Ich weiß, dass du nicht willst,
dass ich gehe. Ich hab auch keinen Bock auf ne Fernbeziehung, aber ich bin ja
schließlich nicht aus der Welt! Das ist so eine spitzen Chance, Sascha!
Ich würde mich für den Rest meines Lebens selbst treten, wenn ich
das nicht machen würde. Wenn ich bei dem Praktikum eine gute Beurteilung
bekomme, dann hab ich gewonnen. Dann wird mich jede Agentur mit Kusshand nehmen!
Ich muss das einfach machen!", sagte sie, in der Hoffnung das er sie wenigstens
ein kleines Bisschen verstand. Doch in seinen Augen fand sie nur Unverständnis
und Misstrauen. "Oder vertraust du mir etwa nicht?", fragte sie schließlich
herausfordernd.
Sascha erwiderte ihren Blick einige Sekunden kalt, dann schüttelte er langsam
den Kopf. "Darum geht es hier gar nicht, Sam. Es steht nicht zur Debatte ob
ich dir traue oder nicht. Aber du bist dort in einer ganz fremden Umgebung.
Du lebst dort mit wildfremden Menschen in einer Welt die nicht deine ist. Ohne
deine Freunde oder deine Familie. Du könntest schnell in eine Situation
geraten, die du nicht richtig einschätzen kannst und in der du vielleicht
die falsche Entscheidung triffst."
Sam warf die Arme in die Luft. "Du tust gerade so, als wäre ich ein kleines
Kind, das sich von dem Geld, das ihre Mutter ihm für Milch gegeben hat,
Süßigkeiten kauft! Ich bin eine erwachsene Frau und sehr wohl in
der Lage meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen die für
mich richtig und wichtig sind! Und wenn du meinst, dass ich diesen Job ablehne,
nur weil du es so willst, dann sage ich dir Sascha Liebig... den Teufel werd
ich tun!", erklärte sie bestimmt und sah ihm fest in die Augen.
Einige Sekunden sahen sie sich einfach nur an. Beide wild entschlossen den anderen
mit dem eigenen Blick in die Knie zu zwingen. Schließlich wandte Sascha
die Augen ab. "Ach mach doch was du willst!", schnaubte er und schmiss mit einer
letzen abfälligen Handbewegung die Tür ins Schloss.
"Mach ich auch!", brüllte sie ihm durch die geschlossene Tür hinterher,
war sich jedoch nicht einmal sicher, dass er es überhaupt gehört hatte.
Sie starrte noch einige Sekunden auf den Fleck an dem Sascha gerade noch gestanden
hatte und spielte kurz mit dem Gedanken ihm hinterher zu gehen, während
die Wut in Schüben durch ihren Körper wallte. Doch ihre Wut war schneller
wieder verraucht, als das sie auch nur einen Schritt auf die Tür hätte
zumachen können.
Entnervt ließ sie sich auf ihr Bett sinken und stützte kraftlos ihren
Kopf in beide Hände. Sie hätte wissen müssen, dass dieses Thema
in einem Streit enden würde. Doch genauso sicher wie sie, tief in ihrem
Inneren, gewusst hatte, dass er ausrasten würde, wusste sie, dass er sich
auch wieder beruhigen würde. Trotzdem... sie hatte diese ewigen Diskussionen
so satt. Konnte er sich nicht einfach für sie freuen und ihr viel Glück
wünschen? Nein! Er musste streiten! Das war so typisch!
Aber wenn er geglaubt hatte, dass er sie durch seine Szene dazu bewegt hatte
ihre Entscheidung rückgängig zu machen oder sich gar zu entschuldigen,
dann hatte er eindeutig die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Von neuer Entschlossenheit
gepackt, griff sie nach dem Hörer und wählte die Nummer, welche in
der Kontaktadresse angegeben war.
Es klingelte. Einmal. Zweimal. Beim dritten Mal meldete sich die Stimme einer
jungen Frau. "International Styling Corporation Köln. Sie sprechen mit
Renate Gruber. Wie darf ich Ihnen behilflich sein?" Sie klang sehr freundlich.
Sam atmete einmal tief durch.
"Guten Tag, Frau Gruber. Mein Name ist Samantha Reuter. Ich würde gerne
mit Herrn Pallenberg sprechen. Es geht um das Praktikum in London." "Ah ja,
Frau Reuter. Herr Pallenberg erwartet Ihren Anruf bereits. Einen Moment, ich
verbinde!" Dann war sie weg und erneut war das Freizeichen zu hören. Aber
nicht lange. Denn nur Sekunden später meldete sich eine männliche
Stimme. "Pallenberg?" "Guten Tag Herr Pallenberg. Hier spricht Samantha Reuter.",
begann sie. "Ah, Frau Reuter. Dann haben Sie unseren Brief also doch noch heute
bekommen. Das ist schön. Und? Was sagen Sie?", fragte er. Sam lächelte.
"Natürlich sage ich ja. Ich wäre schön blöd wenn ich mir
eine solche Chance entgehen lassen würde!"
Der Mann am anderen Ende der Leitung lachte. "Ja, das wären Sie wohl. Aber
Sie wären nicht die erste gewesen, die diesen Fehler begeht. Na ja, dann
sage ich Herzlichen Glückwunsch und Herzlich willkommen an Bord. Wir werden
Ihnen in den nächsten Tagen alles wichtige zukommen lassen." Sie tauschten
noch einige Floskeln aus, bevor sie aufhängten. Sam lächelte triumphierend.
Dann stand sie auf, ging an ihre Tasche und kramte ihr Handy heraus. "Hey Sascha.
Ich hab gerade zugesagt. Wie du siehst brauche ich deine Erlaubnis nicht’, schrieb
sie und machte es dann aus. Er würde sich spätestens heute Abend bei
ihr melden. Sie würden drüber reden und schließlich würde
er sie doch Zähneknirschend gehen lassen. Zumal er gar keine andere Wahl
hatte! Sie würde nach London gehen! Komme was da wolle! Schließlich
konnte sie in diesem Moment noch nicht wissen, dass diese Entscheidung in gewisser
Weise der Anfang vom Ende war!
Drei Wochen nach diesem Gespräch, war es schließlich soweit. Es
war der erste Sonntag im Oktober, als Sam mit ihrer Clique, ihren Eltern und
Geschwistern und Sascha am Kölner Flughafen stand und wartete. Wie sie
es vorrausgesehen hatte, hatte er sich noch am selben Abend bei ihr gemeldet
und dann hatten sie die halbe Nacht damit verbracht das Für und Wieder
dieser Entscheidung zu diskutieren. Schließlich hatte er doch eingesehen,
dass sie nie ein besseres Angebot bekommen würde und sich dann doch wieder
mit ihr versöhnt.
Sie hatte ihr Gepäck bereits aufgegeben und stand nun mit zitternden Knien
in der Halle. Sascha hatte sie in den Arm genommen und sie warteten nur noch
darauf, dass ihr Flug aufgerufen wurde. Überall wurde geweint und geschluchzt.
Niemand wollte Sam so richtig gehen lassen und Sam war sich mittlerweile gar
nicht mehr so sicher ob sie noch gehen wollte. Schließlich war London
weit weg und sie war ganz alleine, was ihr gar nicht gefiel. Auch wenn sie Sascha
gegenüber etwas ganz anderes behauptet hatte. Xander hatte ihr, halb ernsthaft,
halb im Scherz, angeboten sich auch einen Job in London zu suchen und mitzukommen.
Hätte sie es doch bloß angenommen!
Plötzlich drang eine monotone Stimme aus den Lautsprechern: "Letzter Aufruf
für Flug 328 nach London! Bitte begeben Sie sich zu Flugsteig 10. Letzter
Aufruf für Flug 328 nach London."
Sie drückte alle noch einmal fest und verschwand dann ohne sich noch einmal
umzudrehen im Flugzeug. Sie wollte nicht noch einmal in die ganzen verheulten
Gesichter sehen. Zu groß war ihre Befürchtung das sie selbst anfangen
würde zu weinen. Doch während sie den langen Gang entlang schritt,
siegte die Vorfreude über die Angst vor dem Unbekannten und dem Schmerz
der Trennung.
Etwa eine halbe Stunde später saß sie auf ihrem Platz. Das Flugzeug
hatte sich bereits in die Lüfte erhoben, während sie begann die ganzen
kleinen Briefchen und Päckchen zu öffnen die ihr ihre Lieben kurz
vor dem Start noch zugesteckt hatten. Als sie das Päckchen von Xander öffnete,
staunte sie nicht schlecht, als sie ein Buch mit leeren Seiten in der Hand hielt.
Darin lag ein kleiner Zettel:
Hey Schneckchen!
Dieses Buch soll dein ständiger Begleiter in der Fremde sein. Ich weiß,
du findest Tagebuch schreiben albern, aber dann sieh es einfach als Reisebericht.
Ich will nämlich alles wissen wenn du wieder da bist. Also, mach’s gut
und lass dich nicht unterkriegen. Hab dich mega doll lieb. Denk an uns!
See ya very soon and take care
Xander
Leise lachend schüttelte sie den Kopf. Sie waren alle so lieb zu ihr und sie vermisste sie jetzt schon schrecklich. Sam drehte das kleine bunte Buch in den Händen. Dann kramte sie in ihrer Tasche nach einem Stift und schrieb in Großen Lettern: Tagebuch in der Fremde! Ein Reisebericht von Sam Reuter drauf. Den Rest des Fluges verbrachte sie damit ihren ersten Eintrag zu machen und über den Abschied und den Flug zu berichten. Erst als eine Stewardess neben ihr auftauchte und sie bat sich anzuschnallen, da man gleich landen würde, verstaute sie es in ihrem Rucksack. Durch das kleine Fenster zu ihrer Rechten konnte sie London unter einer dichten Dunstglocke liegen sehen. Jetzt konnte sie ihre Aufregung kaum noch zügeln.
Kurze Zeit später stand sie am London Heathrow Airport und wusste gar
nicht wie ihr geschah. Wenn sie geglaubt hatte, in Köln wäre die Hölle
los gewesen, dann wurde sie hier eines Besseren belehrt. Menschenmassen waberten
durch die riesige, überfüllte Halle des Flughafens. Drängelnd
und Schubsend suchten sie sich, bewaffnet mit schweren Taschen, Koffern oder
Trollys ihren Weg durch die Menge, rempelten dabei andere Menschen an, die sich
lauthals Fluchend über die Unachtsamkeit der Leute beschwerten. Sam schluckte
hart. Wie sollte sie denn hier jemals jemanden oder etwas finden?
"Ähm, Entschuldigung! Können Sie mir vielleicht sagen, wie ich zur
Information komme?", fragte sie einen kleinen rundlichen Mann neben sich. Doch
der drückte nur seine Zeitung fester an seine Brust, schüttelte den
Kopf und hastete an ihr vorbei. Sam blies sich eine Strähne ihrer Lockenmähne
aus dem Gesicht und rollte entnervt die Augen. Na das fing ja schon mal ganz
toll an. Sie suchte sich einen Kofferwagen, hievte ihren schweren Koffer, die
Reisetasche und ihren Rucksack darauf und reihte sich in den Strom der Menschen
ein.
Nachdem sie einige Minuten durch die Gegend geirrt war, knackte plötzlich
der Lautsprecher. "Samantha Reuter. Bitte kommen Sie zur Information. Sie werden
erwartet. Samantha Reuter. Bitte kommen Sie zur Information.", drang eine weibliche
Stimme an ihr Ohr. Sam hatte nicht übel Lust jetzt an Ort und Stelle zu
explodieren. "Oh toll! Ich werde an der Information erwartet! Sagst du dusselige
Platschkuh mir auch wo die ist?’, dachte sie gereizt und schob ihren Wagen weiter
durch die Menge.
Sie wollte gerade fluchend aufgeben, als ihr ein Schild ins Auge fiel, auf dem
groß "Information desk’ stand. "Na also! Geht doch! Geht doch!’, dachte
sie zufrieden und schob ihr Gepäck in die Richtung die das Schild ihr angab.
Nach einigen wenigen Minuten geriet der Tresen auch schon in ihr Blickfeld und
ihre gerade wieder entstandene gute Laune rutschte erneut auf den Nullpunkt,
als sie die drei jungen, völlig überfordert wirkenden, Frauen sah,
die dort arbeiteten. Sie liefen hektisch hin und her, während sie versuchten,
mit etwa 20 Leuten fertig zu werden, die alle durcheinander sprachen, sich gegenseitig
aus dem Weg drängelten und immer wieder lautstark beteuerten wie eilig
sie es doch hatten.
Sam atmete einmal tief durch und wollte sich schon dazu gesellen, als ihr ein
junger Mann in einem hellgrauen Anzug auffiel. Er war groß, schlank, dunkelhaarig
und gutaussehend. Aber das aller beste an ihm war das Schild das er in seiner
Hand hielt. Denn auf diesem Schild stand ganz groß ihr Name.
Sie setzte also ein strahlendes Lächeln auf und schob ihren Wagen auf eben
diesen jungen Mann zu. "Hi! Ich bin Sam Reuter.", stellte sie sich vor, als
sie vor ihm stand. Er lächelte ebenfalls, ließ das Schild sinken
und ergriff die ihm dargebotene Hand. "Freut mich sehr Sie kennen zu lernen,
Miss Reuter. Mein Name ist Ian Jones. Ich bin Angestellter der ISC London! Herzlich
Willkommen in England. Ich hoffe Sie hatten einen angenehmen Flug?", fragte
er freundlich.
Sie nickte. "Oh ja. Der Flug war toll, aber die Ankunft... geht es hier immer
so zu?" Mr. Jones schüttelte den Kopf und sah sich erstaunt um. "Wieso?
Was meinen Sie? Is doch völlig normal! Kommen Sie, ich bring Sie jetzt
erstmal ins ISC-Gebäude.", sagte er und schob ihren Kofferwagen vor sich
her, raus auf die Straße.
Sam folgte ihm kopfschüttelnd. Engländer waren schon komische Vögel.
Das sie selbst zur Hälfte einer war, ignorierte sie dabei einfach mal.
Sie fuhren, oder vielmehr schlichten, durch den dichten Verkehr Londons. Nach
etwas mehr als einer halben Stunden parkten sie endlich vor einem großen,
grauen Gebäudekomplex und betraten dann schließlich die Empfangshalle
der ISC London. Ihr Begleiter steuerte auf eine Gruppe von sechs jungen Menschen
zu, die zusammen mit einer kleinen rundlichen Frau in der Nähe der Aufzüge
stand.
"Hey Molly! Sorry das ich so spät bin. Aber der Verkehr war wieder mal
die Hölle!", begrüßte er sie und gab ihr einen Kuss rechts und
links auf die Wange. Sie schüttelte so heftig den Kopf, dass ihre roten
Locken nur so flogen. "Macht doch nichts Ian. Ich weiß ja wie hart der
Verkehr hier ist. Ich wohne auch nicht erst seid gestern in London!"
Dann wandte sie sich an die restlichen Anwesenden. "So, da wir nun alle vollzählig
sind, möchte ich Sie alle in London willkommen heißen. Ich hoffe,
Sie hatten eine angenehme Anreise. Mein Name ist Molly O’Brien. Ich bin die
Sekretärin von Mr. York, dem Chef der ISC, den Sie in wenigen Minuten kennen
lernen werden. Es wird folgendermaßen ablaufen: Wir fahren jetzt nach
oben zum Empfangszimmer von Mr. York, dort werden Sie dann warten. Dort wird
auch etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen stehen. Dann rufen wir Sie
einzeln rein und teilen Ihnen ihr baldiges Tätigkeitsfeld zu. Noch Fragen?
Keine? Gut wenn Sie mir dann bitte folgen würden! Wir sehen uns später
Ian!", erklärte sie rasch und winkte ihrem Kollegen noch einmal kurz zu,
bevor sie voran in einen der Aufzüge ging.
Oben angekommen nahm Mrs. O’Brien den ersten Kandidaten gleich mit rein. Der
Rest suchte sich draußen ein bequemes Plätzchen. Das erste was Sam
tat, war das sie auf den kleinen Tisch mit den belegten Brötchen und den
Getränken zu steuerte. Sie goss sich ein großes Glas Mineralwasser
ein, trank es in einem Zug leer und nahm sich ein zweites, an dem sie dann aber
nur noch vorsichtig nippte. Dann suchte sie sich einen der noch nicht belegten
Sessel aus und setzte sich. Sie kam ziemlich schnell mit den anderen ins Gespräch,
erfuhr, dass die meisten aus London und Umgebung kamen. Nur einer von ihnen,
ein junger Mann in ihrem Alter, kam aus Dänemark. Sonst waren alle aus
England.
Der Raum wurde merklich leerer, bis zum Schluss nur noch sie übrig war.
Mittlerweile war es schon nach 18:00 Uhr und sie hatte eindeutig keine Lust
mehr. Sie hatte die halbe Nacht nicht geschlafen vor lauter Nervosität,
außerdem steckte ihr immer noch der Flug und die Rennerei auf dem Flughafen
in den Knochen und sie wollte endlich wissen was sie die nächsten sechs
Monate machen würde. Diesen Tag würde sie wohl nicht so schnell vergessen.
Sams Laune sank immer weiter gen Null und sie wusste genau, wenn nicht gleich
etwas positives passierte, dann würde sie schreien. In dem Moment ging
die Tür auf und Alexa, eine der Praktikantinnen, kam aus dem Büro.
Sie sah etwas enttäuscht drein und zuckte die Schultern als ihre Blicke
sich trafen. "Miss Reuter! Sie sind die Letzte!", sagte Molly O’Brien zu ihr
und bat sie in das Büro.
Drinnen herrschte eine gemütliche Atmosphäre. Der Raum war nur schwach
erhellt und im Kamin prasselte ein fröhliches Feuer. Hinter dem großen,
beeindruckenden Schreibtisch saß ein nicht weniger beeindruckender Mann.
Er war groß und etwas untersetzt. Die dichten Haare auf seinem Kopf waren
schneeweiß, genauso wie sein Schnurrbart. Die stechend blauen Augen fixierten
sie, als sie eintrat. Er erhob sich und streckte ihr die Hand entgegen. "Ah,
Miss Reuter! Mein Name ist Eric York. Freut mich sehr ihre Bekanntschaft zu
machen. Bitte setzten Sie sich!"
Er deutete auf den braunen Ledersessel vor seinem Schreibtisch und Sam tat wie
ihr geheißen. Ihr Herz schlug ihr mittlerweile bis zum Hals. Was würde
sie jetzt erwarten? Mr. York wirkte sehr sympathisch, aber irgendwie hatte er
auch etwas einschüchterndes. Irgendwie erinnerte er sie an ihren Großvater.
Er war bis jetzt der einzige Mensch gewesen bei dem sie diese Mischung aus Sympathie
und Respekt, ja manchmal sogar Angst, empfand. Sie fühlte sich nicht gerade
wohl und der stechende Blick mit dem Mr. York sie gerade aufmerksam musterte
trug nicht gerade zu ihrer Entspannung bei.
"So so! Sie sind also die junge Lady von der mein alter Freund Manfred so begeistert
war. Er wollte Sie mir gar nicht geben und viel lieber selbst behalten, aber
er hatte gerade keine passende Stelle offen. Aber ich muss sagen, dass ich auch
ziemlich beeindruckt von Ihrem Lebenslauf bin. Sie scheinen Talent zu haben!",
sagte er nach geraumer Zeit mit tiefer, polternder Stimme. Sam fühlte sich
augenblicklich besser, was vermutlich nicht zuletzt an dem strahlenden Lächeln
lag, welches er ihr schließlich schenkte. Sie erwiderte es etwas zaghaft.
Sie hatte an einigen Design- und Stylingcontests teilgenommen und den ein oder
anderen auch gewonnen. Außerdem hatte einem Kölner Modedesigner eines
ihrer selbstentworfenen und geschneiderten Shirts mal so gut gefallen, dass
er ihr den Entwurf kurzerhand abgekauft hatte und ihn in seine Kollektion aufgenommen
hatte. Natürlich wurde ihr Name auch erwähnt und es hatte sich nicht
mal so schlecht verkauft. Darauf war sie auch extrem stolz gewesen. Aber sie
hätte nie gedacht das jemand wie Mr. York das "bemerkenswert’ finden würde.
Das beteuerte er zumindest immer wieder.
"Ich denke, dass wir es mit Ihnen sehr gut getroffen haben. Wie haben uns für
Sie auch etwas ganz besonderes überlegt. Etwas, dass Ihren verschiedensten
Talenten auf jeden Fall gerecht werden dürfte. Wir warten nur noch auf
unseren Stargast!", sagte er lächelnd.
Wie auf ein Zeichen klopfte es an der Tür und ein Mann Anfang 30 betrat
den Raum. Er war etwa 1,80 m groß und ziemlich gut gebaut. Er trug blau-grün
karierte Hosen, ein weißes Shirt und eine ebenfalls karierte Schiebermütze.
Dazu schwarze Boots, einen Gürtel mit einer großen Schnalle, mehrere
Ringe und ein schwarzes Lederarmband am rechten Handgelenk. Sam entschied schon
nach dem ersten Blick, dass sie seinen Stil sehr mochte und lächelte freundlich
als er in ihre Richtung sah. Er lächelte ebenfalls und nickte ihr zu, bevor
er sich an Mr. York wandte, der aufgestanden war um den Neuankömmling zu
begrüßen.
"Guten Tag Mr. York. Bitte verzeihen Sie, dass ich so spät bin, aber mein
Termin hat doch länger gedauert als ich dachte.", sagte er während
er dem Älteren Mann lächelnd die Hand schüttelte. Der Angesprochene
schüttelte den Kopf und machte eine abwehrende Handbewegung. "Aber das
macht doch nichts. Ich bin ja froh, dass Sie überhaupt die Zeit gefunden
haben persönlich hier her zu kommen Mr. DelRay!"
Sam wurde langsam unruhig. Die sollten nicht quatschen sondern ihr sagen, was
sie erwartete! Smalltalk konnten die schließlich nachher noch genug betreiben.
Sie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl herum, während Mr. York und sein Gast
noch ein paar Floskeln austauschten. Dann sah der Neuankömmling plötzlich
in ihre Richtung. "Ist sie das?", fragte er an den älteren gewandt und
als dieser nickte wuchs sein Lächeln in die Breite.
"Sie sind also die extrem talentierte junge Dame, die mir Mr. York hier so ans
Herz gelegt hat. Schön, schön! Ich hab ihre Bewerbung gelesen und
muss sagen: Alle Achtung! Echt nicht schlecht! Ihre Schule hat auch international
einen sehr guten Ruf und ich denke, dass ihre Professoren Sie ziemlichem Stress
aussetzten. Und das werden Sie auch brauchen! Der Job den wir Ihnen hier anbieten
wird nämlich ziemlich stressig werden. Sie werden oft die Stadt, bzw. das
Land wechseln. Ach ja, und ich hoffe sie haben keine Flugangst und brauchen
nicht so viel Schlaf. Außerdem müssen Sie großes Einfühlungsvermögen
haben und sich in Sekundenschnelle an eine veränderte Situation anpassen
können. Meinen Sie das Sie das packen?", fragte er und sah sie durchdringend
an.
Sam sah ihm verwirrt in die Augen, dann zu Mr. York und wieder zurück zu
Mr. DelRay. Was sollte das denn jetzt? Oft das Land wechseln? Einfühlungsvermögen?
Was sollte das werden? Sollte sie hier als Stylistin arbeiten, oder sollte sie
Affenbabys kurz vor der Impfung beruhigen? Außerdem, hatte Herr Pallenberg
nicht gesagt, dass sie in London arbeiten würde? Was war jetzt an diesem
Bild nicht richtig?
"Mr. DelRay, richtig? Ich habe nicht die geringste Ahnung was Sie mir damit
sagen wollen, aber seien Sie versichert, dass ich Stress gewöhnt bin. Ich
hab keine Flugangst und ein Langschläfer bin ich auch nicht. Außerdem
denke ich, dass ich genug Einfühlungsvermögen besitze um jemandem
schonend beibringen zu können, dass ihm ein Outfit nicht steht. Und mit
veränderten Situationen kann ich ebenfalls umgehen. Also denke ich, dass
wir da keine Probleme bekommen werden. Jetzt bin ich aber wirklich gespannt
was Sie mit mir vorhaben, Mr. York", sagte sie nach einer Weile, in der sie
angestrengt überlegt hatte, was das alles bedeuten sollte.
Der Angesprochene lächelte geheimnisvoll. "Das dürfen Sie, denke ich,
auch sein, Miss Reuter. Darf ich Ihnen Jonas DelRay vorstellen? Er ist einer
der besten Stylisten Englands und im Augenblick für das Aussehen der irischen
Popband Westlife verantwortlich. Außerdem ist er Ihr neuer Boss. Sie werden
mit ihm nach Dublin fliegen um dort die nächsten sechs Monate als seine
Assistentin zu verbringen. Na... was sagen Sie jetzt?"
Sam... sagte gar nichts! Sie war wie gelähmt, als diese Neuigkeit ganz
langsam in ihren Verstand sickerte. Sie würde als Assistentin des Stylisten
von Westlife arbeiten! Oh Gott! Westlife zählte schon seid Jahren zu ihren
absoluten Lieblingsbands und für sie zu arbeiten war immer ihr Traum gewesen.
Doch das dieser jetzt wirklich wahr wurde, dass konnte sie einfach nicht fassen!
Sie konnte nichts erwidern, starrte Mr. York nur mit ausdrucksloser Miene an.
Das Lächeln des Mannes erstarb und er wechselte einen erstaunten Blick
mit ihrem neuen Boss.
"Stimmt etwas nicht Miss Reuter? Ich hatte gehofft dieses Angebot würde
Ihnen etwas mehr Begeisterung entlocken.", sagte der Chef der ISC überrascht.
Die Stimme des älteren Mannes holte sie wieder ins hier und jetzt zurück.
"Entschuldigen Sie bitte Mr. York, aber Sie haben mich mit ihrem Angebot ziemlich
überrumpelt. Ich glaube, ich hab mich für ein paar Sekunden ausgeklinkt.
Sie sagten zwar, dass Sie sich etwas Besonderes überlegt hatte, aber mit
so was hätte ich niemals gerechnet. Natürlich bin ich begeistert und
möchte Ihnen für diese Wahnsinns Chance danken.", antwortete sie schnell
und ihre Stimme überschlug sich beinahe vor Aufregung.
Die beiden Männer wechselten einen zufriedenen Blick. Diese Reaktion war
schon besser! Viel besser! "Gut! Dann würde ich vorschlagen, ich überlasse
Sie jetzt der Obhut von Mr. DelRay! Viel Glück, Miss Reuter!" Sam sprang
auf und schüttelte Mr. York die Hand. "Danke, Sir. Ich hoffe wir sehen
uns bald wieder." Der Angesprochene lächelte und nickte freundlich. "Das
werden wir sicher!" Sam erwiderte sein Lächeln und folgte dann ihrem neuen
Boss nach draußen.
Viel Zeit sich bewusst zu machen was da gerade passiert war oder irgendjemanden
darüber zu informieren blieb Sam allerdings nicht, denn von Mr. Yorks Büro
ging es direkt zum London Heathrow Airport, von wo aus ihre Maschine nach Dublin
starten sollte.
"Dublin! Westlife! Oh Gott! Ich werde sechs Monate mit Bryan, Kian, Shane, Mark
und Nicky verbringen. Was mach ich denn jetzt nur?’, dachte sie so bei sich,
während sie in einer ruhigen Ecke des Flughafens saß und auf Jonas
wartete, der losgezogen war um etwas zu trinken zu organisieren.
"Oh man, die werden ausrasten!", murmelte sie vor sich hin und dachte an die
dummen Gesichter ihrer Freunde zu Hause wenn sie ihnen davon erzählte.
"Wer wird ausrasten?", erklang eine tiefe Stimme neben ihr und als sie aufsah
stand Jonas, mit zwei Dosen Cola bewaffnet, neben ihr. Sam schüttelte den
Kopf und nahm ihm grinsend eine Dose ab. "Ach nichts! Ich hab nur grad überlegt,
wie meine Freunde reagieren wenn ich ihnen hiervon erzähle.", antwortete
sie.
Jonas ließ sich lächelnd auf den freien Sitz neben ihr fallen. "Tja,
die werden wahrscheinlich gelb vor Neid werden. Immerhin darfst du mit mir zusammen
arbeiten!", rief er und warf sich in die Brust. Sam lachte und Jonas zwinkerte
ihr breit grinsend zu. Wusste er doch zu genau, dass ihre Freunde mit seinem
Namen vermutlich absolut nichts anfangen konnten und nur wegen Westlife ausrasten
würden.
Jonas schüttelte ansatzweise den Kopf, öffnete seine Cola und trank
einen Schluck, während er die vorbeiziehenden Menschen beobachtete. Sam
war an ihrer Umgebung unterdessen weit weniger interessiert. Anstatt sich die
Leute anzusehen, starrte sie auf die Coladose in ihrer Hand, ohne sie jedoch
wirklich zu sehen.
Was würde passieren wenn die Jungs sie nicht mochten? Oder wenn Louis nicht
mit ihr zufrieden war? Oder wenn sie irgendwas Dummes sagte oder tat? Oder,
oder, oder! Die Fragen wirbelten durch ihren Kopf und ließen sie keine
Ruhe finden.
"Nervös?", fragte Jonas lächelnd. Sam seufzte tief. "Ja, das könnte
man wohl so sagen!", erwiderte sie mit einem gequälten Lächeln und
öffnete dann mit Nachdruck die Dose. Jonas lachte leise. "Das brauchst
du nicht zu sein. Die Jungs sind echt okay und der Rest des Teams ist auch super.
Sie werden dich mögen, glaub mir. Und was die Arbeit angeht, hab ich vielleicht
ein ganz kleines Bisschen übertrieben. Soooo schlimm ist es nicht.", sagte
er und drückte dabei sanft ihre Hand.
Sam erwiderte den Druck, froh darüber Jonas an ihrer Seite zu wissen. Er
war echt cool! Sie hatte ihn schon jetzt total gern und wusste, dass sie ihn
schrecklich vermissen würde, wenn sie wieder zu Hause war. "Na, dein Wort
in Gottes Gehörgang!", sagte sei mit einem schiefen Grinsen. "Na dann hast
du heute ja echt Glück! Da bin ich nämlich Stammgast!", erwiderte
er mit einem verschwörerischen Blick.
Sam hielt sich vor Lachen den Bauch, als sie sich den 1,80 m Mann neben sich,
als kleinen Mann in Gottes Ohr vorstellte und auch Jonas musste lachen. "Komm
schon! Unser Flieger geht gleich. Wir sollten langsam einchecken.", rief er
schließlich glucksend, stand auf und zog sie einfach mit sich auf die
Füße. Dann schlenderten sie immer noch breit grinsend zu ihrem Flieger.
Einige Stunden später öffnete Sam ihre Zimmertür im 12. Stock
des Dubliner Four Seasons Hotel, knipste das Licht an und schloss die Tür
hinter sich. Die komplette Crew war in diesem Stockwerk untergebracht und sie
bildete da keine Ausnahme, da sie ja jetzt auch zum Team gehörte. Erneut
vibrierte Aufregung unter ihrer Haut und ihre Ohren begannen zu glühen.
Das würde ihr nie jemand abkaufen, soviel war mal sicher!
Sam sah sich in dem geräumigen Zimmer um. Es gab ein großes Bett,
einen Schreibtisch, einen Fernseher und einen Kleiderschrank, sowie eine Kofferablage,
auf der sie erst mal ihr Gepäck verstaute. Der Raum wurde von mehreren
Lichtquellen erhellt und wirkte so freundlich und einladend. Die angrenzende
Tür führte in das, ebenfalls sehr schöne, Badezimmer.
Nachdem sie sich ausgiebig umgesehen hatte, setzte sie sich im Schneidersitz
auf das Bett und griff nach dem Telefon. Sie wählte schnell eine Nummer
und wartete. Nach dem vierten Klingeln hob endlich jemand ab.
"Markus Reuter?", erklang die Stimme eines Jungen am anderen Ende der Leitung.
"Hey Mark. Ich bin’s, Sam!" "Hey Mum! Es ist Sam!", schrie ihr kleiner Bruder,
bevor Sam die Gelegenheit bekam noch etwas zu sagen. Sie schüttelte schmunzelnd
den Kopf. Ihr Bruder und seine Manieren! Daran würden sie arbeiten müssen,
wenn sie wieder zu Hause war.
Es dauerte auffallend lange, bis ihre Mutter den Telefonhörer aufnahm und
der Tumult im Hintergrund verriet, dass sie nicht alleine war.
"Sam! Schatz! Wir dachten schon du rufst gar nicht mehr an!", rief ihre Mutter
vorwurfsvoll. Sam lachte leise. "Ja ich weiß! Tut mir auch furchtbar leid.
Aber ich hatte einfach nicht die Zeit. Was is denn bei euch los? Klingt ja wie
bei ner Belagerung!", sagte sie belustigt und spielte dabei auf das Stimmengewirr
im Hintergrund an.
Ihre Mutter seufzte. "So was ähnliches! Wir kämpfen seit Stunden mit
deinen seltsamen Freunden. Sie sind heute morgen alle samt mitgekommen und seitdem
hängen sie alle hier herum und warten auf deinen Anruf. Nur Sascha musste
nach Hause. Sein Vater wollte noch irgendwas von ihm." Sam seufzte leise. "Ja,
so was hab ich mir schon gedacht. Sein Vater kann mich eh nicht besonders leiden.
Bestimmt ist wieder irgend etwas mit dem Hund was keinen Aufschub duldet. Aber
na ja! Sind Xander und Bianca auch da?", fragte sie hoffnungsvoll.
"Klar sind wir da, sweety!", ertönte Xanders wohlbekannte Stimme über
die Freisprechanlage. "Erzähl schon! Wie is London?", fragte Bianca aufgeregt.
Sam lachte leise und ließ sich auf das Bett fallen. Sie würden sie
definitiv für bescheuert halten, wenn sie ihnen das erzählte! "Soll
ich euch was sagen? Ich bin gar nicht mehr in London", erklärte sie nach
einer kurzen Pause. Verwirrtes Schweigen am anderen Ende der Leitung war Folge
dieser Aussage.
"Wie jetzt? Nicht mehr in London? Und wo... bist du dann?", fragte ihre Mutter
langsam und Sam konnte ihre gerunzelte Stirn quasi durch das Telefon hören.
"In Dublin.", gestand sie schließlich schmunzelnd. "Dublin?! Was zum Henker
machst du denn in Dublin?", rief Xander überrascht. "Arbeiten.", war alles
was sie antwortete.
Ihre Mutter verlor langsam, aber sicher die Geduld. "Ach komm schon Sam! Jetzt
lass dir doch bitte nicht jedes einzelne Wort aus der Nase ziehen. Wir sitzen
hier sowieso schon seid Stunden auf heißen Kohlen. Also sag uns jetzt
endlich was du die nächsten sechs Monate tust und warum du dafür unbedingt
nach Irland musstest." Enthusiastisch setzte sie sich auf die Knie. Ihre Augen
leuchteten plötzlich und ihre Stimme überschlug sich beinahe als sie
sprach. "Ich wollt euch ja eigentlich raten lassen, aber da kommt ihr eh nicht
drauf. Das was hier gerade abgeht ist so was von endgeil! Anders kann man das
echt nicht beschreiben! Ich bin die nächsten sechs Monate die Assistentin
des Stylisten von Westlife. Habt ihr gehört was ich gesagt hab? Westlife!!!!
Das is so unfassbar!"
Am anderen Ende der Leitung war für einige Sekunden gar nichts zu hören
und plötzlich sprachen alle durcheinander. Sie beglückwünschten
Sam, sprachen immer wieder ihr erstaunen aus und beschwörten sie tonnenweise
Autogramme zu besorgen. Sie versprach es und hängte nach circa fünf
Minuten wieder auf. Es hatte gut getan Familie und Freunde wieder zu hören.
Jetzt ließ sie einfach nur die Ruhe auf sich wirken, während sie
auf dem Rücken lag und verträumt an die Decke starrte. Ihr eigener
Herzschlag war das einzige was sie um diese Uhrzeit im 12. Stock hörte.
Sie konnte immer noch nicht so ganz fassen, wo sie war und was sie dort tun
sollte. Als sie da so lag, merkte sie erst wie müde sie war und wie schwer
ihre Knochen auf einmal wurden. Ein Blick auf die Uhr, verriet ihr das es schon
nach 23:00 Uhr war und sie musste morgen um 7:00 Uhr aufstehen, wenn sie noch
Frühstück bekommen wollte, denn um 9:00 Uhr begann sie ihren Job.
Ihre erste Anprobe und ihr erstes Treffen mit den Jungs. Über diese Gedanken
schlief sie dann auch schließlich und endlich ein und schlief den Schlaf
der Gerechten. Der Tag war auch wirklich lang genug gewesen und der Morgige
würde vermutlich nicht viel besser werden.
Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war ihr erster Blick auf die Uhr
mit dem ersten Schock des Tages verbunden. Es war kurz vor acht! Sie sprang
mit einem Satz aus dem Bett und bereute ihren rasanten Start in den Tag sofort,
als ihre Umgebung zu flimmern begann. Mit einem leisen Stöhnen ließ
sie sich wieder auf das Bett sinken und stützte ihren Kopf in die Hände.
Das Hämmern in ihren Schläfen bescheinigte ihr, dass das wohl doch
ein bisschen zu schnell gewesen war. Sie schloss die Augen und versuchte ihren
verspannten Nacken zu lockern, ihre Atmung zu beruhigen und dem Hämmern
in ihrem Schädel Einhalt zu gebieten. Zum Glück ebbte das Gefühl,
er müsse jeden Moment platzen ziemlich schnell wieder ab. Als sie erneut
die Lider hob, zeigte ihr Wecker genau 8:00 Uhr.
"Okay! Also kein Frühstück!’, dachte sie missmutig und verschwand
in Richtung Badezimmer. Zum Glück hatte sie noch Zeit zum Duschen! Sie
seufzte leise, als das heiße Wasser auf ihren Rücken prasselte und
begann ihre verspannten Muskeln zu lockern. Sie genoss ein paar Minuten lang
die sanfte Massage des Duschstrahls, bevor sie sich die Haare wusch und anschließend
die Kabine verließ. Sie kämpfte sich durch den dichten Nebel, den
das heiße Wasser im Bad hinterlassen hatte, zum Fön. Nachdem sie
ihre Haare einige Minuten mit selbigem bearbeitet hatte, band sie die immer
noch leicht feuchte Mähne zu einem lockeren Zopf am Hinterkopf zusammen,
schlüpfte schnell in blue Jeans, ein weißes T-Shirt und weiße
Turnschuhe, schnappte sich ihre Zimmerkarte und war auch schon auf dem Weg zum
Aufzug.
Sam grüßte den Security der davor stand freundlich, bekam aber keine
Antwort und noch nicht einmal ein Lächeln. Er musterte sie nur kurz abschätzig
und blickte dann wieder stur geradeaus. Sie schüttelte den Kopf. "Na dann
halt nicht’, dachte sie und war plötzlich ganz froh, dass Jonas sie abgeholt
hatte und keiner von diesen unfreundlichen Schränken.
Um genau 8:50 Uhr betrat sie den Raum, den Jonas ihr am Vorabend gezeigt hatte.
Sam staunte nicht schlecht, als sie sich im Zimmer umsah. Es sah nicht mehr
wirklich wie ein reguläres Hotelzimmer aus. An der Wand der Tür gegenüber,
stand eine beige Sitzgruppe, bestehend aus einer Couch, zwei Sesseln und einem
Tisch. Der Rest des Raumes wurde von fünf großen Tischen, auf denen
sich Klamottenberge türmten und einem blauen Vorhang, der den hinteren
Teil des Raumes vom restlichen Zimmer abtrennte, beherrscht. Ansonsten war das
Zimmer kahl und leer und ziemlich still. Sam sah unsicher auf ihre Uhr, ob sie
sich nicht vielleicht doch in der Zeit geirrt hatte. Hatte sie aber nicht. Es
war zehn vor neun. "Ähm... Jonas? Ich bin da!", rief sie schließlich
mit klopfendem Herzen, aber die Antwort blieb aus.
Es vergingen einige Minuten absoluter Stille. Gerade als sie erneut rufen wollte,
erschien eine junge Frau in Jeans und Zottelpulli aus dem abgetrennten Teil
des Raumes. Sie hatte kurze rötliche Haare, dunkelgrüne Augen und
ein helles Gesicht voller Sommersprossen. Sam schätzte sie auf ende 20.
Sie trug eine schwarze Hose in der Hand und kam freundlich Lächelnd auf
sie zu.
"Guten Morgen! Du musst Sam sein. Ich bin Maureen. Verantwortlich für Haare
und Make-up. Willkommen an Bord. Ich denke Jonas dürfte gleich auftauchen.
Er hält nicht so viel von Pünktlichkeit, musst du wissen.", sagte
sie verschwörerisch und schüttelte Sam freundlich die Hand.
"Hey! Hör auf dem Mädel Flausen in den Kopf zu setzten, Davis! Schau
mal auf die Uhr! Es ist drei Minuten vor neun. Ich bin also noch pünktlich.
Fast schon überpünktlich!", ertönte plötzlich Jonas gutgelaunte
Stimme, der mit einem Tablett auf dem drei dampfende Tassen standen, den Raum
betrat. Maureen rollte mit den Augen.
"Klar. Und da die Jungs sowieso immer zehn bis fünfzehn Minuten zu spät
sind, kann man dein Erscheinen durchaus als überpünktlich bezeichnen.
Is die für mich?", fragte sie und deutete auf die Tasse mit dem Milchschaum.
Als Jonas nickte, legte sie die Hose auf den Tisch neben sich und nahm statt
dessen die Tasse.
Er schüttelte ansatzweise den Kopf und wandte sich dann lächelnd an
Sam. "Morgen Sam. Ich hab dir auch mal ne Tasse Kaffee mitgebracht. Ich hoffe
das ist okay. Aber wenn du lieber was anderes willst, dann gibt’s ja immer noch
den guten, alten Zimmerservice.", sagte er und reichte ihr die Tasse.
Sam nahm sie dankbar und lächelte zurück. "Danke, aber das wird wohl
nicht nötig sein. Kaffee is genau richtig. Hauptsache heiß und schwarz.",
sagte sie mit einem breiten Grinsen. Sie schnupperte an der dunkelbraunen Flüssigkeit
und nahm einen vorsichtigen Schluck. "Nicht schlecht für Hotelkaffee’,
entschied sie und nickte anerkennend. Nachdem sie ein oder zwei Minuten schweigend
getrunken hatten, fiel Jonas Blick auf die schwarze Hose, die Maureen gerade
so achtlos auf den Tisch geworfen hatte.
"Was ist das?", fragte er mit hochgezogener Augenbraue. Maureen lächelte
zuckersüß. "Das... ist eine Hose, Schatz!" Jonas rollte die Augen.
"Das seh ich auch. Scherzkeks! Ich wollte wissen, von wem sie ist und warum
sie hier herum liegt." Maureen zuckte die Schultern. "Na, dann drück dich
das nächste Mal verständlicher aus. Die hat mir Anto heut morgen in
aller herrgottsfrühe in die Hand gedrückt. Der gute Mr. Feehily hat
es schon wieder einmal geschafft den Saum auszureißen. Keine Ahnung wie
der Mann das immer wieder hin bekommt!", schimpfte sie und zeigte Jonas das
ziemlich lädierte Hosenbein.
Doch plötzlich hellten sich ihre Züge auf und auf ihrem Gesicht erschien
ein Lächeln, dass breiter kaum hätte sein können. "Hey, mir kommt
da grad ein Gedanke! Warum überlasse ich das nicht einfach deiner neuen
Assistentin? Schließlich hab ich mit den Klamotten eigentlich nix am Hut!
Dann könnte ich nämlich endlich mal wieder an meinen Schminktisch
zurück kehren.", rief sie aus, schmiss Sam die Hose entgegen und machte
sich auf den Weg zur Tür.
"Jetzt warte doch mal, Maureen! Die Jungs müssten in ein paar Minuten hier
sein!", rief Jonas und grinste breit. Maureen blieb an der Tür stehen und
drehte sich, mit dem Türknauf in der Hand, noch einmal um. "Eben! Und deshalb
sehe ich zu, dass ich so schnell wie irgend möglich Land gewinne. Aus zuverlässiger
Quelle weiß ich nämlich, dass die fünf bis tief in die Nacht
hinein um die Häuser gezogen sind. Wahrscheinlich haben Mark und Bryan
wieder mal das Spiel "Wer kann mehr Whiskey trinken ohne zu kotzen?’ gespielt
und sind beide verkatert. Ergo... unausstehlich! Nicky wird an allem und jedem
etwas auszusetzen haben, während Shane mal wieder nörgeln und fluchen
wird was sein Wortschatz hergibt, das heißt wenn er nicht gerade fast
im Stehen einschläft und die allmorgendliche schlechte Laune von unserm
guten Mr. Egan, dem personifizierten Morgenmuffel, muss ich mir nun echt nicht
geben. Das Gezeter spar ich mir für das Mittagessen auf. Also dann... see
ya!", erklärte sie und war verschwunden.
Sam hatte überrascht eine Augenbraue bei dieser Schilderung gehoben. Waren
die Jungs denn wirklich so schlimm? fragte sie sich gerade, als Jonas sich umdrehte.
"Sie übertreibt!", sagte er mit einem Achselzucken und einem beruhigenden
Lächeln. Das stimmte Sam etwas zuversichtlicher und sie machte sich daran
den Saum der Hose auszubessern. Gerade als sie damit fertig war, so gegen halb
zehn, tauchten die fünf Boys von Westlife auf und Sam musste feststellen
das Maureen, im Gegensatz zu dem was Jonas gesagt hatte, ganz und gar nicht
übertrieben hatte.
Bryan war der erste, der den Raum betrat. Er war ziemlich blass um die Nasenspitze,
seine Haare waren ungemacht und das dunkelgraue Sweatshirt tat sein übriges
um ihm ein ziemlich abgerissenes Erscheinungsbild zu verpassen. Nach ihm betrat
Mark den Raum, der in seiner ausgewaschenen Jeans und dem viel zu großen
Pulli, nicht wesentlich besser aussah. Beide latschten an ihr vorbei, schenkten
ihr dabei in etwa soviel Beachtung wie dem Inventar, und ließen sich auf
das große beige Sofa fallen.
Als nächstes kam Nicky durch die Tür, der sie mit seinen zerwühlten
Haaren, dem ausgeleierten schwarzen Pulli und der Tasse Kakao in der Hand eher
an ihren kleinen Bruder als an einen Megastar erinnerte.
Nach ihm betrat Shane das Zimmer und Sam stellte entsetzt fest, dass er von
den Jungs wohl am schlimmsten aussah. Er war extrem bleich und seine Gesichtszüge
traten scharf hervor. Seine Augen waren tief in ihre Höhlen gesunken und
von dunklen Schatten umgeben. Die unfrisierten Haare, der Drei-Tage-Bart und
die Tatsache das nicht mal der Ansatz eines Lächelns über seine Züge
huschte taten ihr Übriges um ihm jegliche Ähnlichkeit mit dem Mann
zu rauben, der sie normalerweise jeden Morgen von einem Poster in ihrem Zimmer
angrinste.
Zu guter letzt kam dann auch Kian. Seine Miene wirkte steinern und ein scharfer
Zug lag um seinen Mund, während seine Augen von einem genervten und unfreundlichen
Ausdruck beherrscht wurden. Er setzte sich auf einen der Sessel, auf dem anderen
saß Shane. Der hatte die Augen geschlossen, den Kopf in den Nacken gelegt
und schien zu schlafen. Oder wollte zumindest den Eindruck erwecken als täte
er es, damit man ihn in Ruhe ließ. Nicky hatte es sich neben Bryan und
Mark bequem gemacht. Bryan hatte sich gerade eine Zigarette angesteckt und zog
nun genüsslich an dem Glimmstengel.
"Verdammte Scheiße, McFad! Kannst du dieses verfluchte Mistding nicht
jemand anderem unter die Nase halten?", motzte Nicky ungehalten. Bryan schüttelte
nur den Kopf und warf ihm einen bösen Blick zu. "Jetzt hör auf hier
rum zu kotzen, Byrne. Hast heute morgen wohl zu viel Haarspray inhaliert, oder
wie? Halt deine Nase halt woanders hin wenn’s dich stört. Ich werd sie
auf jeden Fall nicht ausmachen, nur weil du meinst hier die Diva raus hängen
lassen zu müssen.", erwiderte Bryan trotzig und blies Nicky wie zur Untermauerung
seiner Aussage eine kleine Rauchwolke ins Gesicht.
Dieser hustete und erhob sich, wobei er irgend etwas murmelte, dass sich für
Sam schwer nach "ignorantes Arschloch’ anhörte. Anstatt sich jedoch weiter
mit Bryan zu streiten, trat er auf Shane zu und stieß ihm unsanft gegen
das Knie. "Hey Filan! Wach auf!", rief er, woraufhin Shane ein Auge öffnete
und Nicky entnervt ansah. "Platztausch! Mr. McFadden meint mal wieder die ganze
Welt würde ihm gehören. Also setz du dich gefälligst neben ihn.
Deine Lunge dürfte mittlerweile eh genauso schwarz sein wie seine.", erklärte
Nicky und warf Bryan einen bösen Seitenblick zu. Dieser sah ihm direkt
in die Augen und zog noch einmal mit Nachdruck an seiner Zigarette, was Nicky
aber nur ein abfälliges Schnauben entlockte. Shane knurrte leise und murmelte
etwas unverständliches, erhob sich aber schließlich und setzte sich
neben Bryan. Sofort sank er wieder tief in die Polster und verschränkte
mit verschlossenen Augen die Arme vor der Brust, machte damit ziemlich deutlich
klar, dass ihn die ganze Welt heute mal kreuzweise konnte.
Sam war schockiert, Jonas eher belustigt. Er trat neben sie. "Keine Panik. Die
sind nich immer so unfreundlich. Nur wenn sie verkatert sind.", flüsterte
er und schenkte ihr ein aufmunterndes Grinsen, was sie allerdings kaum erwiderte.
Dann wandte er sich an die Jungs. "Guten Morgen, die Herren! Wir sind, wieder
einmal möchte ich betonen, eine halbe Stunde zu spät!", rief er laut
und baute sich vor den fünfen auf.
Mark stöhnte leise und stützte den Kopf in die Hände, während
Kian ihm lediglich einen bitterbösen Blick zuwarf. Shane legte die Stirn
in Falten und lugte unter einem Wimpernkranz hervor. "Verdammt noch mal, Jonas!
Brüll doch nicht so. Wir hören dich alle sehr gut.", murmelte er gereizt.
Der Angesprochene verschränkte die Arme vor der Brust und musterte den
Iren vorwurfsvoll. "Oh Entschuldigung Mr. Filan. Eigentlich sprach ich lediglich
in Zimmerlautstärke, aber das man bei mindestens 1,0 Promille Restalkohol
nicht mehr so ganz in der Lage ist das zu unterscheiden kann ich nachvollziehen."
Jonas lächelte belustigt als Shane eine wegwerfende Handbewegung machte
und erneut die Augen schloss. Ihm schien das großen Spaß zu machen.
Sam hingegen war alles andere als zum Lachen zu mute. Sie konnte und wollte
nicht glauben, dass diese fünf Schnapsleichen die selben Jungs waren, die
bei jedem Interview zu Scherzen aufgelegt waren. Das die Typen, die sich jetzt
gerade gegenseitig anzickten die gleichen Freunde waren, die im Video zu "When
you’re looking like that’ ausgelassen durch die Gegend tobten, wollte ihr Verstand
einfach nicht so ganz begreifen.
Ihr Laune war komplett bei Null angekommen, als Jonas sie zu sich zog, einen
Arm um sie legte und die Jungs grinsend ansah. "Boys! Darf ich euch meine neue
Assistentin vorstellen. Das ist Sam Reuter! Sam... Westlife. Westlife... Sam!",
stellte er gut gelaunt vor. Aber wenn Sam wirklich erwartet hatte, dass sich
einer von ihnen bewegte, um sie willkommen zu heißen, dann hatte sie sich
mächtig getäuscht.
Bryan klemmte sich die Zigarette in den Mundwinkel und hob grüßend
die Hand. Mark brachte immerhin ein müdes Lächeln zustande, Nicky
murmelte sogar ein leises "Hallo’. Kian musterte sie zwar kurz, sagte aber nichts
und Shane reagierte überhaupt nicht. Geknickt ließ sie den Kopf sinken.
Na was hatte sie denn auch erwartet? Das die fünf wirklich so waren wie
in Interviews oder Fernsehberichten? Das sie immer und überall die niceguys
waren ohne irgendwelche Allüren oder Divenähnlicher Anwandlungen?
Natürlich hatte sie das! Schließlich verbrachten die Jungs ja auch
genug Zeit damit dieses Image zu hegen und zu pflegen. Aber nun musste Sam feststellen,
dass das wohl einfach nur gute PR war. Doch im Augenblick war sie noch gewillt,
ihr Verhalten dem übermäßigen Guinness- und Whiskeygenuss zuzuschreiben.
Jonas konnte nur grinsend den Kopf schütteln, während er zum Telefon
neben der Tür ging. "Hi Abby, hier ist Jonas. Ich hab hier gerade ein paar
ziemlich verkaterte Herren. Kann ich bitte fünf mal Aspirin und eine Kanne
starken Kaffee bekommen? Danke. Du bist ein Schatz!", sprach er in den Hörer.
Nur Minuten später hatte jeder der Jungs ein Glas mit einer fröhlich
sprudelnden Aspirin und eine Tasse Kaffee in der Hand. Doch viel Ruhe gönnte
Jonas ihnen nicht. "Los Jungs! Jetzt wird gearbeitet! Hoch mit euch!", rief
er und erntete dafür nichts als entnervtes Stöhnen. Doch nachdem der
Stylist ihnen einen missbilligenden Blick zugeworfen hatte, erhoben sich Mark
und Nicky langsam. Kian war schon auf dem Weg zum Vorhang, während Bryan
noch seine Zigarette ausdrückte und sich dann ebenfalls erhob. Nur Shane
rührte sich nicht.
"Das gilt auch für Sie, Mr. Filan!", rief Jonas, doch der Angesprochene
rührte sich immer noch nicht. Mark hatte sich gerade seine Klamotten vom
naheliegenden Tisch geschnappt und schickte sich an Kian zu folgen, als er sich
doch noch einmal umdrehte und leise lachte. "Is Shorty schon wieder mal eingeschlafen?",
fragte er und Bryan antwortete mit einem belustigten Schmunzeln. "Scheint so!",
antwortete er und stupste Shane mit seinem Knie. "Hey komm schon Shay. Hoch
mit dir! Arbeiten!", rief er und Pisaakte Shane so lange, bis dieser genervt
die Augen öffnete.
"Ach verpiss dich du Riesenbaby! Ich komm ja schon!", maulte er und erhob sich
mit einem leisen ächzen aus dem Sofa. Bryan schlug sich Teletubbielike
die Hände vor den Mund. "Oh oh! Unser guter Mr. Filan scheint minimal angepisst
zu sein. Ni gut!", rief er ebenfalls mit Teletubbiestimme. Mark und Bryan begannen
zu lachen. Shane stapfte nur genervt an Sam vorbei und sagte gar nichts.
Als alle hinter dem Vorhang verschwunden waren, wandte Sam sich den Tischen
zu. Beäugte die Klamotten und stellte dabei fest, dass jeder Tisch für
einen Lifer bestimmt zu sein schien. Sie war lange genug Fan um in etwa zu wissen,
welcher Tisch zu welchem Member gehörte. Schon auf den ersten Blick bemerkte
Sam, dass sich der Stil der Jungs auf seltsame Weise verändert hatte. Zu
ihrem Entsetzten musste sie feststellen, dass die Sachen durch die Bank weg
weiter geworden waren, wirkten dadurch irgendwie schlabberig und sahen gar nicht
mehr wirklich nach Westlife aus.
Ihr Verdacht bestätigte sich, als die fünf hinter dem Vorhang hervor
traten. Mark und Bryan wirkten ziemlich füllig, liebenswert ausgedrückt.
Kian hingegen wirkte extrem schlaksig, was er ja eigentlich gar nicht war, während
Nicky irgendwie ungemacht aussah. Und Shane machte einen arg eingelaufen Eindruck.
Jonas wirkte nicht ganz so glücklich, aber die Jungs schienen sich zu gefallen.
Die nächsten vier Stunden verbrachten sie nun also damit Hosen, Hemden
und Jacken abzustecken, zu ändern, oder einfach gegen ein anderes Kleidungsstück
auszutauschen. Als die Boys dann endlich raus waren, versanken Jonas und Sam
in einem einzigen Chaos aus Klamotten, Kaffeesatz und Zigarettenstummeln. Sie
machten sich also sofort ans Aufräumen. Jonas kramte die Kleidungsstücke
zusammen, während Sam Kaffeetassen, Gläser und überquellende
Aschenbecher auf ein Tablett stapelte.
Was ihren ersten Eindruck von den Jungs anging, so konnte sie in, glücklicherweise,
zum Teil revidieren. Die Laune von Bryan und Mark hatte sich im Laufe der Stunden
arg gebessert und sie hatten sogar angefangen Witze zu machen. Gut, da die Meisten
auf Shanes Kosten gingen, hob sich dessen Laune wenig bis gar nicht. Wie Maureen
es prophezeit hatte, hatte er den kompletten Vormittag mit nörgeln und
mosern verbracht. Nicky hingegen begann zum Schluss hin etwas lebendiger zu
werden und unterhielt sich sogar ein wenig mit ihr. Bei Kian allerdings hatte
sie genauso wenig Glück wie bei Shane. Er war die ganze Zeit über
kurz angebunden gewesen, hatte aber nach einer Weile aufgehört sie mit
diesem bösen Blick anzusehen. Alles in allem, musste sie aber leider feststellen,
dass Westlife nicht das war, was sie erwartet hatte und sie hoffte inständig,
dass das nur an dem Kater lag, an dem sie alle offensichtlich litten.
"Und was hälst du von den Klamotten, die die Jungs ausgesucht haben?",
fragte Jonas und legte den eben zusammen gelegten Pullover zu den anderen auf
Bryans Tisch. Sam sammelte gerade einige vereinzelt auf dem Tisch herum liegende
Zigarettenstummel zusammen und warf sie in den sowieso schon überfüllten
Aschenbecher. Dann richtete sie sich seufzend auf und sah Jonas an.
"Willst du meine ehrliche Meinung?" "Na ich bitte darum!", antwortete er und
lehnte sich gegen die Tischkante. Sam seufzte erneut. "Ich mag sie ganz und
gar nicht. Viel zu weit, viel zu trist, viel zu wenig maskulin und bestimmt
nicht das was die Fans mögen werden. Ich bin seid einer ganzen Weile Fan
und ich weiß, dass das nicht die Klamotten sind, in denen ich meine Jungs
sehen will. Und ich denke viele andere werden da ähnlich denken.", sagte
sie und zuckte die Achseln, während sie abschätzig auf den grau-schwarz-braunen
Haufen blickte, der hinter ihrem Boss lag.
Jonas breitete die Arme aus. "Und was würdest du dann vorschlagen? Genug
Auswahl hast du ja!", fragte er und sah sie gespannt an. Sam konnte nur ein
entschuldigendes Lächeln aufsetzten und den Kopf schütteln. "Es tut
mir leid Jonas, aber von den Sachen würde für mich kaum ein Teil in
die engere Wahl kommen. Ich meine sie sind alle ein wenig anders geschnitten
und haben etwas unterschiedliche Farben, aber vom stil her sind sie trotzdem
gleich. Die Jungs brauchen was modernes, peppiges. Etwas, das sie männlich
und sexy wirken lässt, aber gleichzeitig den Charakter des netten Jungen
von neben an unterstreicht. Etwas, was die Fans zum Ausflippen und zum dahinschmelzen
bringt und was auch nicht Fans davon überzeugt, dass sie erwachsen geworden
sind. Sei mir nicht böse, aber mit dieser archaischen Altkleidersammlung
hier, schafft ihr das sicher nicht." Sie hatte sich richtig in Fahrt geredet
und bereute ihre letzten Worte sofort wieder, als sie Jonas ernstes Gesicht
und die hochgezogene Augenbraue sah.
"Tut mir leid, aber du hast mich nach meiner ehrlichen Meinung gefragt. Ich
hab vielleicht etwas übertrieben, aber...", sagte sie und brach ab. Sie
wusste einfach nicht, was sie noch sagen sollte. Jonas schüttelte nur den
Kopf und winkte ab. "Ach was schon okay! Sag mal, kann ich dir das hier kurz
überlassen? Mir is gerade eingefallen, dass ich dringend noch was erledigen
muss.", fragte er und war schon bei der Tür und noch bevor Sam dazu kam
irgend etwas zu sagen, war er auch schon verschwunden.
Sam schüttelte gutmütig den Kopf. Jonas wusste, wie man sich vor der
Arbeit drückte. Dann sah sie sich in dem Raum um und seufzte. Sie würde
ewig brauchen um dieses Chaos in den Griff zu bekommen! Sie begann, indem sie
auf den Vorhang zu ging und ihn aufzog. Sie raffte achtlos fallen gelassene
Klamotten und Schuhe, leere Chipstüten, Gläser und benutzte Aschenbecher
zusammen, fragte sich dabei, wie es fünf Männer schafften innerhalb
weniger Stunden soviel Müll zu produzieren und begab sich wieder nach vorne.
Das über volle Tablett fand seinen Platz vor der Tür, die Klamotten
sortierte sie nach "Muss noch geändert werden’ und "kann gleich in den
Müll’ legte sie zusammen und verstaute sie auf den einzelnen Tischen. Nach
gut einer Stunde war sie damit fertig. Sie setzte sich auf die Couch und begann
damit den Saum von einer von Nickys Hosen aufzutrennen, als Jonas freudestrahlend
den Raum betrat.
"Lass das sein, Honey, dafür hast du jetzt keine Zeit!", rief er, entzog
ihr die Hose und baute sich vor ihr auf. Sam legte die Stirn in Falten. "Aber
eigentlich ist genau das mein Job, oder?" "Eigentlich schon, aber nicht heute.
Ich war gerade bei unserem großen Meister und Geldgeber und hab ihm von
unserem kleinen Stylingproblem erzählt. Ich hab ihm vorgeschlagen, dich
auf die Liste der Unterschriftenberechtigten für unsere "Firmenkreditkarte’
zu setzten und dich mit eben selbiger einkaufen zu schicken. Natürlich
war er ziemlich skeptisch und ich musste lange auf ihn einreden, aber meinem
natürlichen Charme war er einfach nicht gewachsen.", sagte er stolz und
hielt ihr zwinkernd eine Platinum American Express unter die Nase.
Sam blickte mit hochgezogener Augenbraue auf das kleine glitzernde Ding in seiner
Hand. "Äh... wie bitte?", fragte sie schließlich verwirrt. Jonas
Lächeln wurde noch etwas breiter. "Auf dieser Kreditkarte sind ein paar
Tausend Euro und du bist Unterschriftenberechtigt. Du darfst für jedes
Westlife-Mitglied ein komplettes Outfit zusammenstellen. Klamotten, Schuhe,
Accessoires. Egal ob Secondhand oder Gucci. Die Größen bekommst du
von mir. Du hast ein Problem mit den Klamotten der Jungs? Du hast jetzt die
Chance es zu ändern. Du musst nur noch zugreifen.", sagte er und winkte
aufmunternd mit dem Kärtchen.
Sam glaubte zu träumen. Sie war seid einem Tag in diesem Team und man schickte
sie mit einer Kreditkarte los, auf der, wie Jonas so lapidar sagte "ein paar
Tausend Euro’ drauf waren? Hatten die eigentlich noch alle Zacken in der Krone?
"Das geht nicht! Nein! Niemals! Never ever in life.’, war ihr erster Gedanke.
"Aber wenn die so doof sind, warum eigentlich nicht? Du willst ja nicht gleich
das Limit sprengen!’, flüsterte ihr inneres Stimmchen leise und plötzlich
griff sie, ohne wirklich zu realisieren was sie da eigentlich tat, nach der
Karte. Jonas grinste vergnügt. "Wusst ich’s doch. Bist ein braves Mädchen!",
sagte er und tätschelte ihr spielerisch den Kopf. Mit großen Augen
blickte sie auf die Karte in ihrer Hand. Oh Mann, worauf hatte sie sich da eingelassen?
Einige Minuten später war sie auf den Weg in die Einkaufspassage von Dublin.
Sie saß in Jonas kleinem, schwarz-silbernen Smart und lenkte das Auto,
etwas unsicher durch den dichter werdenden Verkehr. Jonas wollte ihr erst einen
Security mitschicken, der für sie fuhr, aber dagegen hatte sie sich vehement
gewehrt. Sie wollte keinen von diesen ungesprächigen, unfreundlichen Typen
dabei haben, der ständig drängelnd hinter ihr stand und sie verunsicherte.
Darauf konnte sie dankend verzichten. Jonas versuchte schließlich sie
mit dem Verkehr zu überzeugen, meinte, sie würde mit dem Linksverkehr
auf der Insel nicht zurecht kommen. Sie versuchte ihn zu beruhigen indem sie
ihm versicherte, dass das für sie überhaupt kein Problem wäre,
schließlich hatten ihre Eltern immer noch ein kleines Haus in der Nähe
von Manchester und ihre Oma lebte auch noch dort. Sie war oft dort um sie zu
besuchen und fuhr auch oft, mit dem Auto ihres Großvaters. Okay, sie verschwieg
ihm, dass ihr letzter Besuch jetzt auch schon etwas mehr als ein Jahr zurück
lag, aber sie war zuversichtlich, dass sie das mit dem Fahren trotzdem hinbekam.
Und wenn man mal von dem ein oder anderen Hupkonzert absah, kam sie auch gut
über die Straßen.
Allerdings musste sie zugeben, dass sie erleichtert war, als sie schließlich
in dem Parkhaus der Einkaufspassage angekommen war und den Motor ausmachen konnte.
Sie genoss die Stille, die Eintrat, als das leise Tuckern der Maschine verklungen
war. Worauf hatte sie sich da nur eingelassen? Sie sollte ein komplettes Outfit
für fünf Jungs zusammenkaufen, die alle zueinander passen mussten
und doch die unterschiedliche Persönlichkeit eines jeden unterstreichen
sollte. War sie denn komplett wahnsinnig so etwas anzunehmen? Sie war Studentin
verdammt! Wie sollte sie das denn bewerkstelligen?
Sam atmete tief durch, machte die Jacke zu, zog die schwarze Mütze etwas
tiefer in Stirn und stieg aus. Sie hatte einen ganzen Nachmittag Zeit und ganz
Dublin lag ihr zu Füßen, da sollte doch etwas zu machen sein. "Ganz
ruhig, Sam. Du packst das schon!’, sprach sie sich selbst Mut zu, während
sie das Parkhaus verließ und hinaus auf die Straße trat.
Etwas mehr als vier Stunden später saß sie an einem kleinen Tisch
in der hinteren Ecke eines gemütlichen Bistros. Eine freundliche Kellnerin
brachte ihr einen dampfenden Latte Macciato und ein Sandwich und stellte es
vor sie auf den Tisch. Sie dankte ihr und lehnte sich mit dem warmen Glas in
der Hand zurück.
Dieses ganze Unterfangen war wirklich nicht leicht, wie sie jetzt feststellen
musste. Sie war jetzt stundenlang durch alle möglichen Kaufhäuser
gezogen, auf der Suche nach den Klamotten die ihren Vorstellungen entsprachen,
und hatte gerade mal die Hälfte zusammen.
Schnell kramte sie einen Block und einen Stift aus ihrer Handtasche und begann
akribisch aufzuschreiben was sie bereits hatte.
Nach gut zehn Minuten war sie damit fertig und beim erneuten Lesen musste sie
feststellen, das sie nur Nickys Outfit komplett hatte. Bei allen anderen fehlte
ihr mindestens ein Teil. Bei Shane und Bryan das Oberteil, bei Mark die Hose
und für Kian hatte sie noch gar nichts gefunden. Und so wie es aussah würde
sie das wohl auch nicht mehr. Denn die Sachen welche die verschiedenen Läden
anpriesen, waren zwar alle super schön, aber vom Styl her wiederholte sich
alles nach einer Weile. Auch bei den Farben hatte sie Pech. Denn die Farben
der Saison waren schwarz und grau. Also genau das selbe triste Einerlei das
sich ihr schon bei einem Blick durch Jonas Ankleidezimmer geboten hatte.
Sie seufzte leise und lehnte sich zurück. Es half ja doch nichts. Im Endeffekt
würde ihre ganze Grübelei sowieso immer zum selben Schluss führen.
Sie nahm einen großen Schluck von ihrem Macciato bevor sie erneut in ihre
Handtasche griff und ihr Handy zu Tage förderte. Sie wählte Jonas
Nummer und wartete bis er ran ging. "Hey Jonas hier ist Sam... Ja, ja alles
in Ordnung und deinem Auto geht es auch gut. Aber ich wollte dich was fragen.
Hast du die Maße der Jungs? Nein! Nicht ihre Größe! Ihre Maße!
Taille, Hüfte, Brustumfang. So was mein ich. Hast du? Großartig.
Nein! Das sag ich dir nicht. Trotzdem Danke!", damit legte sie auf.
Sie zahlte ihren Macciato und das unangetastete Sandwich und kehrte in die dämmrigen
Straßen Dublins zurück. Wenn sie keine passenden Klamotten fand,
dann musste sie eben selbst welche nähen, entschied sie und steuerte auf
einen Elektroladen zu. Sie kramte die Kreditkarte, die ihr Vater ihr kurz vor
ihrer Abreise in die Hand gedrückt hatte heraus. Zu aller erst einmal brauchte
sie eine Nähmaschine.
Dann betrat sie ein kleines Schneidergeschäft in der Nähe. Kaufte
dort ein Maßband, Schneiderkreide, Stecknadeln und Papier für den
Zuschnitt. Es gab dort auch einige Stoffe die ihr ins Auge stachen und auf Anhieb
gefielen. Sam durchstöberte noch zwei andere Stoffläden und parkte
um punkt sieben Uhr in der Tiefgarage des Hotels. Sie lud ihre Sachen auf einen
Kofferwagen, der dort irgendwo rum stand, und fuhr direkt auf ihre Etage. Sie
stellte den Wagen in ihrem Zimmer ab und machte sich auf den Weg zu dem Raum
vom Vormittag, denn dort vermutete sie Jonas. Und sie sollte recht behalten.
Sie fand ihn zusammen mit Maureen die, jeder mit einer Tasse bewaffnet über
den Ablaufplan für die Late-night-Show hingen, für die auch die Outfits,
die Sam zusammenstellen sollte, bestimmt waren.
"Na, so spät noch bei der Arbeit?", fragte sie gutgelaunt. Jonas fuhr erschrocken
herum und auch Maureen schien überrascht zu sein. "Grundgütiger! Du
hast uns fast zu Tode erschreckt, Kleines!", rief Jonas und musterte sie vorwurfsvoll,
während Maureen sich gespielt Theatralisch eine Hand auf die Brust legte
und versuchte ein erschrockenes Gesicht zu machen, was aber einfach nur furchtbar
komisch aussah.
Sam schüttelte lachend den Kopf und ging auf die beiden zu. "Tut mir furchtbar
leid, ich wollte euch nicht erschrecken. Eigentlich bin ich nur hier um dir
deinen Autoschlüssel zurück zu geben." Sie winkte mit dem Schlüssel,
den Jonas ihr auch sofort freudestrahlend aus der Hand nahm. "Mein Baby! Du
hast ihm doch hoffentlich nicht weh getan, oder?", fragte er und sah sie mit
einem bösen Blick an. Doch das belustigte Funkeln in seinen Augen konnte
er nicht unterdrücken, egal wie böse er auch schauen mochte.
Sam hob abwehrend die Hände. "Aber natürlich nicht! Ich war ganz lieb
zu ihm und ich hab ihn auf den gleichen Platz gestellt von dem ich ihn genommen
habe. Er steht sogar grade!", antwortete sie und setzte eine ernste, feierliche
Miene auf. "Na, das glaub ich dir jetzt mal ungesehen. Obwohl mir das mit dem
gerade stehen doch etwas unwahrscheinlich vorkommt!" Dafür kassierte er
einen Schlag ins Kreuz und ein beleidigtes "Na vielen Dank für dein Vertrauen!",
woraufhin alle drei anfingen zu lachen. Sam setzte sich auf die Lehne von Jonas
Sessel und lehnte sich gegen seine Schulter. Er legte den Arm um sie und sah
sie von der Seite an.
"Na, bist du fündig geworden?", fragte er nach einer Weile. Sam seufzte.
"Eigentlich schon. Aber ich hab leider nicht für jeden was gefunden. Für
Kian zum Beispiel hab ich gar nichts gesehen was mir gefallen hätte. Dabei
bin ich die komplette Fußgängerzone auf und ab getigert.", antwortete
sie und seufzte leise. Jonas atmete tief durch und sah dann in Maureens enttäuschtes
Gesicht. "Tja! Das war’s dann wohl! Wir müssen für jeden der fünf
ein neues Outfit haben. Trotzdem danke das du es versucht hast!", sagte Maureen
und lehnte sich zurück.
Sam lächelte hintergründig. "Jetzt lasst euch doch nicht von so ner
Kleinigkeit entmutigen. Ich hab zwar keine Klamotten gefunden, aber dafür
jede Menge Stoff. Dann hab ich mir mit der Kreditkarte meines Vaters gleich
mal ne neue Nähmaschine geleistet. Die war eh fällig. Und wenn Jonas
mir jetzt noch die Maße der Jungs gibt, dann kann ich eigentlich sofort
los legen. Nachdem ich nen Happen gegessen hab, versteht sich. Ich komme um
vor Hunger!", sagte sie und lächelte verschmitzt.
Maureen und Jonas wechselten erstaunte, fast schon schockierte Blicke. Jonas
fand als erster die Sprache wieder. "Wie jetzt? Sag bloß du willst dir
die Arbeit machen und den Jungs Klamotten nähen!", fragte er und musterte
sie ungläubig. Sam nickte und ihre Augen leuchteten. "Yep! Genau das hab
ich vor. Ich sehe zwar nicht wo das Arbeit sein soll, aber wenn du meinst. Es
macht doch Spaß neue Sachen zu entwerfen und zu nähen. Da sitz ich
zwar ne Weile dran, aber dann kann ich wenigstens sicher sein, dass die Sachen
gut sind und das die Verarbeitung stimmt."
Jonas nickte langsam und zog dann einen zusammengefalteten Zettel aus der Tasche.
Darauf standen die Maße aller fünf Westlifejungs. Sie dankte ihm,
gab ihm einen Kuss auf die Wange und war auch schon wieder verschwunden.
Maureen starrte eine Weile schweigend auf die Tasse in ihrer Hand, dann sah
sie auf und ihr Blick traf den von Jonas. "Sie scheint ihren Job hier sehr ernst
zu nehmen.", sagte sie langsam.
Er zuckte die Schultern. "Scheint mir auch so. Ich hoffe nur, dass sich das
nicht im Endeffekt als Fehler heraus stellt." Maureen, die gerade einen Schluck
hatte trinken wollen, ließ die Tasse wieder sinken und sah Jonas verwundert
an. "Wie meinst du das?", fragte sie mit gerunzelter Stirn. "Ach komm schon!
Du kennst die Jungs genauso lange wie ich. Du weißt, wie sie reagieren
können. Ich mag Sam und ich will einfach nicht, dass sie ihr unbeabsichtigt
weh tun!"
Maureen nickte, erwiderte aber nichts. Was hätte sie auch sagen sollen?
Sie wusste, dass Jonas recht hatte und sie beide kannten die Konsequenzen die
es haben würde, wenn die Jungs bei der Anprobe schlechte Laune hatten.
Ihnen blieb also nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass dem nicht so
sein würde.
Sam bekam von alledem natürlich nichts mit. Sie stand draußen im
Gang, vor dem Aufzug und studierte die Liste, während sie auf den Lift
wartete. "Das sieht doch ziemlich vollständig aus. Jetzt bestell ich mir
noch was zu essen und dann frisch ans Werk.’, dachte sie und betrat die Kabine.
Gesagt! Getan! In ihrem Zimmer angekommen wählte sie die Nummer vom Zimmerservice
und bestellte ein Putenwrap und eine Flasche Wasser. Dann holte das kleine CD-Radio
welches sie mitgebracht hatte heraus, legte die "Coast to Coast’ ein und wartete
auf ihr Essen, während sie bei "When you’re looking like that’ laut mitsang
und glücklich durchs Zimmer tanzte. Endlich konnte sie wieder das tun,
was sie mehr als alles andere liebte. Sie entwarf und nähte für ihr
Leben gerne!
Wenig später erschien der Kellner. Sie aß etwas schneller als gewöhnlich,
denn sie brannte darauf endlich anfangen zu können. Nachdem sie fertig
war, schloss sie die Nähmaschine an, drehte jede im Zimmer befindliche
Lichtquelle an und begann damit für jedes Kleidungsstück das sie nähen
wollte ein Schnittmuster auf das Schneiderpapier zu bringen. Als sie alle ausgeschnitten
und auf ihrem Bett ausgebreitet hatte, waren etwa dreieinhalb Stunden vergangen.
Mit akribischer Genauigkeit steckte sie die Schnittmuster auf den vorgesehenen
Stoff und Schnitt sie aus.
Bei einem Blick auf die Uhr, stellte sie fest das es bereits weit nach zwölf
Uhr war. Sie blickte auf den bunten Berg aus Papier und Stoff, der auf ihrem
Bett lag und stöhnte leise. Das würde sie die ganze Nacht kosten.
Aber was half es? Jetzt hatte sie einmal angefangen und sie würde es auch
beenden. Und eine Nacht ohne Schlaf würde sie schließlich nicht gleich
umbringen.
Also begann sie ohne große Umschweife die verschiedenen Teile aneinander
zu nähen.
Es war fast halb sieben, als sie die letzte Naht nähte.
Stolz hob sie das Kleidungsstück in die Höhe und betrachtete es von
alles Seiten, als ihr plötzlich etwas einfiel. Schnell stand sie auf und
fing an in ihrer Tasche zu kramen, förderte nach einigen Minuten ein Nähetui
und eine kleine Holzkiste zutage. Sam besah sie sich einige Augenblicke lächelnd,
bevor sie sie öffnete. Es kamen eine Vielzahl von kleinen schwarzen Stoffstücken,
auf denen in verschlungenen weißen Buchstaben "SR’ gestickt war, zum Vorschein.
Die hatte sie von Xander und Bianca geschenkt bekommen als sie mit dem Studium
an der Modeschule begonnen hatte. Sie hatten gemeint, dass sie doch ihre eigenen
Etiketten brauchte, wenn sie eine berühmte Modedesignerin werden wollte.
Sam musste lächeln, als sie an den Moment zurück dachte, in dem sie
das kleine Kästchen zum ersten Mal geöffnet hatte. Sie hatte sich
so sehr über dieses Geschenk gefreut, dass sie noch Stunden später
mit einem riesig breiten Grinsen auf dem Gesicht zwischen den beiden saß
und einfach nur froh war sie zu haben. Auch jetzt war sie mehr als nur glücklich
so tolle Freunde zu haben und in Gedanken war sie bei ihnen in Köln, als
sie begann in jedes Kleidungsstück ein Etikett einzunähen.
Eine halbe Stunde später war auch das geschafft. Gutgelaunt sah Sam auf
ihre Armbanduhr. Gleich sieben. Sie streckte sich und steuerte, ein fröhliches
Liedchen pfeifend das Bad an. Die Anprobe war, so wie gestern, um neun Uhr.
Also wenn sie sich mit Duschen beeilte, dann hatte sie sogar noch Zeit zum Frühstücken.
Gerade mal 15 Minuten später machte sie sich mit drei großen Tüten
und ihrem CD-Radio bewaffnet auf den Weg zum Anprobezimmer. Es brannte noch
kein Licht als sie es betrat. Damit hatte sie auch nicht wirklich gerechnet.
Schließlich begann ihre Arbeit eigentlich erst in zwei Stunden und Jonas
und Maureen würden nicht vor halb neun auftauchen. Aber sie hatte sich
fest vorgenommen alles fertig zu haben wenn sie kamen und die Sachen die sie
genäht hatte, musste sie ja schließlich auch noch bügeln. Deshalb
musste sie wohl oder übel mit diesen "Überstunden’ leben.
"Aber auf leeren Magen arbeiten is doof!’, entschied sie. Deshalb stellte sie
nur schnell ihre Sachen auf das Sofa und verließ das Zimmer wieder. Dann
verstaute sie die Karte in der Gesäßtasche ihrer dunkelblauen Jeans
und steuerte den Frühstücksraum im Erdgeschoss an. Der Raum, der ab
Mittag auch als Restaurant diente, war fast leer als sie ihn betrat.
Sam schnappte sich eine Schüssel Cornflakes und eine Tasse Kaffee und setzte
sich an einen freien Tisch. Lange hielt es sie allerdings nicht auf ihrem Stuhl.
Sie war viel zu nervös, als das sie sich lange mit Essen aufhalten konnte.
Also schlang sie schnell ihre Flakes herunter, schnappte sich ihre Tasse und
machte sich wieder auf den Weg auf die Etage.
Wenig später schloss sie erneut die Tür auf und knipste das Licht
an. Dann schloss sie das kleine Radio an und legte eine selbstzusammengestellte
CD mit ihren Lieblingsrockliedern ein. Als sie "Play’ drückte drangen die
ersten Takte von Alice Coopers "Poison’ durch den Raum. Sie zog die Ärmel
ihres schwarzen Shirts hoch, so dass ihr dreireihiges Nietenarmband zum Vorschein
kam und schwang sich, leise mitsingend, hinter das Bügelbrett.
Sie bügelte jedes Teil sehr sorgfältig und legte die Sachen dann auf
eine Ecke von Bryans Tisch, die Jonas schon am Vorabend für diesen Zweck
frei geräumt hatte, zu fünf kleinen Haufen zusammen. Anschließend
räumte sie das Bügelbrett weg, stellte die passenden Schuhe vor den
jeweiligen Haufen und plazierte gegebenenfalls noch Armband- oder Ringschatullen
darauf. Zufrieden begutachtete sie ihr Werk und ließ sich leise seufzend
auf das Sofa fallen. Sie nahm ihre Tasse mit dem mittlerweile kalten Kaffee
in die Hand, lauschte den Klängen von "Unwell’ von Matchbox 20 und genoss
die ersten stillen Momente die sie hatte, seitdem Jonas sie am Vortag losgeschickt
hatte.
Doch dieser Augenblick wehrte nicht lange, denn noch vor dem Ende des Liedes
öffnete sich die Tür und Maureen und Jonas erschienen auf der Bildfläche.
Sie diskutierten gerade lebhaft, verstummten jedoch, als sie Sam sahen.
"Was machst du denn schon so früh hier?", fragte Jonas überrascht.
Sam schüttelte missbilligend den Kopf. "Also erst mal guten Morgen, Mr.
DelRay. Ich hoffe sie haben gut geschlafen! Und dann muss ich sagen, dass das
ne ganz blöde Frage is! Glaubst du die Sachen, die ich genäht hab
bügeln sich von selbst?", sagte sie lächelnd.
"Oh Schatz, du siehst ja furchtbar aus. Sag bloß, du warst die ganze Nacht
wach?", rief Maureen, setzte sich neben sie auf die Couch und strich ihr behutsam
eine Strähne ihres dunklen Haars aus der Stirn. Sam lächelte verlegen,
als sie den ehrlich besorgten Blick der Älteren sah. "Geht schon! Is halb
so tragisch. Die Sachen haben sich ja leider nicht von allein genäht und
schlafen kann ich schließlich auch noch wenn ich tot bin.", sagte sie
mit einem Lächeln. Maureen schien das zwar nicht ganz zu beruhigen, aber
sie sagte nichts mehr.
Jonas besah sich gerade die fünf Haufen. "Also! Erzähl mir, was du
hast!" Mit dem allergrößten Vergnügen kam Sam dieser Aufforderung
nach und beschrieb ihm die Sachen, welche sie besorgt hatte bis ins kleinste
Detail. Jonas nickte zufrieden. Er mochte die Sachen sehr und er war gespannt,
wie die Jungs darauf reagieren würden. Sehr gespannt!
Sehr lange musste er seine Neugierde nicht im Zaum halten. Denn um kurz nach
neun betraten die fünf Westlifer lachend und scherzend den Raum. Sie waren
eindeutig besser gelaunt als am Vortag. Nur Kian beteiligte sich nicht an den
Witzen der anderen, was aber wahrscheinlich an seiner berühmt berüchtigten
Muffeligkeit am Morgen lag. Mit klopfendem Herzen beobachtete Sam wie die Jungs
sich, genau wie gestern, in die Sitzecke fallen ließen und erwartungsvoll
Jonas ansahen. Dieser hatte ein hintergründiges Lächeln aufgesetzt
und wartete bis die Jungs saßen.
"Guten Morgen meine Lieben! Ihr seid ja heute mal richtig pünktlich! Alle
Achtung! Bin begeistert!", rief er und grinste die Jungs breit an. Mark und
Bryan wechselten erstaunte Blicke. "Du bist ja heute widerlich gut drauf, Jonas!",
sagte Bryan. "Ja und das bedeutet meistens, dass gleich irgendwas passiert,
was uns ganz und gar nicht gefallen wird.", ergänzte Mark und legte die
Stirn in Falten.
"Och, jetzt tut ihr mir aber unrecht! Nein! Es is gar nichts Schlimmes. Großes
Stylisten-Ehrenwort!", sagte er feierlich und hob die rechte Hand wie zum Schwur.
Die Jungs tauschten weiterhin nur ungläubige Blicke. Da aber keiner Anstalten
machte etwas zu sagen fuhr er fort. "So Spaß bei Seite und ganz im Ernst!
Wir haben euer Outfit für die Show geändert! Halt! Bevor ihr jetzt
anfangt zu murren, will ich, dass ihr die Klamotten erst anprobiert. Danach
sehen wir weiter. Die Sachen hat übrigens Sam ausgesucht. Also auf! Und
wehe einer Meckert!", sagte er ernst.
Tatsächlich sagte keiner der Jungs etwas. Sie blickten nur etwas mürrisch
drein, als sie sich die Sachen, die Jonas ihnen zuwies, schnappten und hinter
dem Vorhang verschwanden. Eigentlich war alles wie am Vortag, bis auf zwei Dingen.
Erstens blieb Jonas neben ihr stehen und zweitens schlug ihr das Herz bis zum
Hals. Was war, wenn die Sachen nicht passten? Wenn sie sich vernäht hatte
und sie irgendwo zu viel abgeschnitten hatte? "Ganz ruhig Sam! Du hast das nicht
zum ersten Mal gemacht! Die Sachen passen bestimmt!’, versuchte sie sich selbst
zu beruhigen. Doch so ganz klappen wollte es nicht, denn ein leiser Zweifel
blieb.
Plötzlich erklang Nickys Stimme. "Die Klamotten passen überhaupt nicht!
Die Hose lässt sich gar nicht ganz hoch ziehen, Jonas!", rief er. Jonas
und Sam wechselten erstaunte Blicke. Sam war verwirrt. Bei Nicky war doch alles
gekauft, wie konnte da was nicht passen? Doch plötzlich verdrehte Jonas
die Augen und nickte. Er wusste offenbar wo der Fehler lag. "Das is ne Hüfthose,
Nix! Die kann man nicht ganz hoch ziehen!", brüllte er durch den Raum.
"Seid ihr da hinten bald mal fertig oder müssen wir euch helfen kommen.",
setzte er nach einigen Augenblicken hinzu. Sam schüttelte lachend den Kopf.
Der erste, der erschien war Nicky. Er hatte eine hellbraune Hüfthose aus
Cord an, dazu eine Strickjacke in der selben Farbe. Der Reißverschluß
der Jacke war so weit zum Brustbein hin gezogen, dass bei jeder seiner Bewegungen
ein Stück von seinem Bauch zu sehen war. Das hatte sie schon extra so fest
genäht. Dazu trug er helle Boots. Dann hatte sie noch eine etwa vier Zentimeter
breite silberne Armspange gekauft, die er am rechten Handgelenk trug und einen
breiten Ring aus poliertem Silber am rechten Mittelfinger.
Nur ein paar Sekunden später erschienen dann Shane und Mark. Mark trug
eine beige Stoffhose und ein Hemd aus hellbrauner Baumwolle. Dazu Boots, die
in etwa die Farbe der Hose trafen. Die Hose war wesentlich enger geschnitten,
als es bei Mark sonst der Fall war, was ihn aber alles in allem schlanker machte
und seine langen Beine wunderbar zur Geltung brachte.
Shane hatte sie ein Hemd aus orange-roter Baumwolle genäht, wobei die Farbe
etwas mehr ins rötliche als ins orange stach. Dazu eine schwarze Hose,
die ebenfalls enger war als sonst, und schwarze Schnürschuhe. Außerdem
trug er einen Bandring mit keltischen Ornamenten am rechten Ringfinger.
Bryan und Kian waren die letzten. Bryan trug ebenfalls schwarze Hosen und ein
weißes Hemd, mit dünnen blauen diagonalen Streifen, dazu ,genau wie
Shane, schwarze Schnürschuhe. Ihm hatte sie zusätzlich noch ein breites
Schlangenarmband mit passender Kette besorgt.
Kians Shirt hatte eine ähnliche Farbe wie Shanes Hemd. Doch bei ihm stach
es etwas mehr ins orange und war nicht ganz so kräftig. Dazu schwarze Hosen,
die schon wie bei Shane und Bryan ziemlich eng waren und schwarze Schnürschuhe.
Darüber trug er eine dünne schwarze Jacke, die bis kurz über
den Hinter reichte und an den Ärmeln und am Kragen mit Schnallen verziert
war.
Sam bekam ganz rote Ohren als sie die Jungs so vor sich sah. Sie wollte sich
ganz bestimmt nicht selbst loben, aber die Klamotten hatte sie echt gut ausgesucht
bzw. genäht. Bis auf ein paar kleine Ausbesserungen passten sie wie angegossen
und standen ihnen einfach super. Jonas legte ihr eine Hand auf die Schulter,
setzte ein strahlendes Lächeln auf und nickte. Ihm schienen die Sachen
genauso gut zu gefallen wie ihr.
Er stand auf und wollte etwas sagen. Doch in genau dem Moment trag Kian vor
den Spiegel. "Oh scheiße! Wie seh ich denn aus?", meckerte er drauf los.
"Meinst du nicht, dass die Hose reißt, wenn ich mich bück?", fragte
Mark misstrauisch. Nicky rollte die Augen. "Na du hast gut Reden. Wenigstens
kannst du deine bis in die Taille ziehen. Ich komm mir voll nackt vor!", rief
er aus und warf einen grimmigen Blick über Kians Schulter in den Spiegel.
Shane hatte vor dem anderen Spiegel im Raum Aufstellung bezogen und schüttelte
den Kopf. "Nee! Also die Farbe is echt nich meine! Ich seh ja schlimmer aus
als jeder Clown!", rief er aus und drehte sich um, um wieder nach hinten zu
gehen. Kian nickte zustimmend. "Richtig! Ich bleib lieber bei meinen Klamotten.
Wer immer diese Sachen ausgesucht hat, gehört echt gesteinigt!", rief er
und folgte Shane.
Sam war das Lächeln auf dem Gesicht gefroren. Die Worte von Kian waren
wie ein Schlag ins Gesicht gewesen. Sie war enttäuscht und am Boden zerstört
und wusste nicht so recht ob sie lachen oder weinen sollte. Sie war so davon
überzeugt gewesen das die Sachen, die sie ausgesucht hatte passend waren,
hatte sich extra an früheren Outfits orientiert um den Geschmack der Jungs
halbwegs zu treffen. Sie war darauf vorbereitet gewesen das die Sachen den Jungs
zu groß oder zu klein wären, aber das sie sie hassen würden...
damit hatte sie nicht gerechnet!
Jonas baute sich vor ihr auf. Mit so was hatte er gerechnet. Das war genau das
was er befürchtet hatte. Jetzt war Sam total fertig und er stink sauer.
"Hey, Kopf hoch Kleines! Die Typen haben doch einfach nur keine Ahnung. Das
is alles. Die Sachen sind spitze! Du bist eine fantastische Stylistin. Was hälst
du von folgendem: Du gehst uns beiden einen Kaffee holen und ich rede mit den
Jungs. Wir kriegen das schon hin!", sagte er und zwinkerte ihr zu. Wenn er ehrlich
war, hatte er gerade überhaupt keine Lust auf Kaffee, aber er musste Sam
jetzt einfach irgendwie aus diesem Raum bekommen. Denn er brauchte keine Zeugen
für den fünffach Mord, den er gleich begehen würde.
Sam nickte langsam und wandte sich der Tür zu, während Jonas auf den
Vorhang zustürmte. Die Jungs würden die Klamotten tragen. Und wenn
er sie eigenhändig dazu prügeln musste! Sie würden sie tragen.
Er hatte gar nicht erst gewartet, bis Sam den Raum verlassen hatte. Was ein
Fehler war! Denn diese blieb noch einmal stehen, als sie Jonas hinter dem Vorhang
brüllen hörte. Dieser war nämlich schnurstracks nach hinten gelaufen
und funkelte die fünf ziemlich überraschten Jungs nun böse an.
"Sagt mal, seid ihr eigentlich bescheuert? Dreht ihr jetzt komplett ab oder
wie seh ich das? Ich hoffe stark, ihr wisst, dass euer Auftritt da drinn gerade
echt scheiße war. Die Kleine hat sich gestern die Haken für euch
wund gelaufen! Sie is durch halb Dublin getigert für die Sachen und einige
hat sie sogar selbst genäht, weil sie nichts gefunden hat. Und was macht
ihr? Anstatt mal ein bisschen sensibel zu sein, macht ihr ihre Arbeit runter
und blafft hier rum wie die Affen. Musstet ihr denn gleich so ekelig sein? War
das echt nötig?", rief aufgebracht.
Mark und Nicky sahen betreten zu Boden. Shane sah erst Jonas an und ließ
seinen Blick dann weiter zu Kian gleiten. Dieser seufzte, verdrehte die Augen
und sah Jonas an, während er abwehrend die Hände hob. "Okay, okay!
Vielleicht waren wir etwas zu grob oder zu unsensibel, wie du es ja so schön
ausdrückst. Aber jetzt sei doch bitte mal ehrlich Jonas! Die entsprechen
doch nun gar nicht unserem Stil. Willst du uns ernsthaft in den Klamotten dieser
Modegöre rum rennen lassen? Ich meine, sieh dir die Sachen doch mal genau
an! Außerdem. Wir sind erwachsen. Wir haben unseren eigenen Stil und das
letzte was wir brauchen, ist ein Teenie, der uns sagt, was wir anders machen
sollen!", sagte er und sah seinen Chefstylisten herausfordernd an.
Jonas wollte etwas erwidern, aber er sollte nicht dazu kommen. Denn in genau
diesem Moment platzte Sam der Kragen. Was bildete sich dieser Popfuzzy denn
eigentlich ein? Er hatte von Tuten und Blasen und von Mode nicht die geringste
Ahnung und meinte dann ihre Kompetenz in Frage stellen zu müssen? Das konnte
und wollte sie einfach nicht auf sich sitzen lassen. Sie war kaum noch in der
Lage ihre Wut im Zaum zu halten, als sie auf den Vorhang zu rannte und ihn,
ohne zu zögern zur Seite riss.
Jonas drehte sich zu ihr um und wollte etwas sagen, doch sie ignorierte ihn,
funkelte statt dessen Kian herausfordernd an. "Oh, es tut mir ja so furchtbar
leid sie gekränkt zu haben, Mr. Egan. Ich scheine kurzfristig verdrängt
zu haben, dass ihr ja die absoluten Modefachmänner seid! Aber erklär
mir eins. Wenn ihr tatsächlich so toll seid, wie du hier gerade behauptest,
wozu zur Hölle braucht ihr dann ein Stylistenteam? Wozu reißen sich
Jonas und Maureen tag täglich den Arsch auf, wenn ihr doch sowieso alles
besser wisst? Aber bitte! Macht doch was ihr wollt. Es ist schließlich
nicht mein Problem wenn ihr ausseht wie die hinterletzten Deppen! Soll Shane
ruhig weiterhin Klamotten tragen, die aussehen als würden sie seinem großen
Bruder gehören und die ihn noch kleiner wirken lassen, als er sowieso schon
ist! Lasst Mark weiterhin Brillen aufsetzten mit denen er aussieht wie ne Stubenfliege
und viel zu weite Pullis in hässlichen Farben die ihn unglaublich fett
machen. Es ist mir egal, wenn Bryan in seinem Outfit fünf Pfund schwerer
wirkt und das du aussiehst, als hättest du keinen einzigen trainierten
Muskel im Körper. Und es ist ganz bestimmt nicht mein Problem und auch
nicht mein Fehler, wenn am nächsten Tag in der Zeitung steht, dass Westlife
die mit abstand untrainierteste und unerotischste Band diesseits des Atlantik
ist. Mir tut nur leid, dass ich versucht hab euch zu helfen! Das ich mir die
Arbeit gemacht hab, mit den Klamotten eure Persönlichkeit unterstreichen
zu wollen. Ich könnte mich dafür Ohrfeigen, dass ich mir die ganze
Nacht um die Ohren geschlagen hab, nur um dein bescheuertes Outfit zu nähen!
Ich war echt mehr als froh, diese Chance zu erhalten und für Westlife zu
arbeiten, weil ich bis vor 10 min. ein riesiger Fan von euch war. Aber ihr habt
mir gerade sehr eindrucksvoll bewiesen, dass ihr einfach nur riesige Arschlöcher
seid. Und außerdem wäre ich dir überaus dankbar wenn du mich
nicht als Teenie bezeichnen würdest. Immerhin bin ich fast 22 Jahre alt!",
schrie sie ihn an, während sie versuchte die Tränen der Wut und der
Enttäuschung zurück zu halten, woran sie allerdings kläglich
scheiterte.
Abrupt drehte sie sich um und stürmte auf den Ausgang zu. Sie musste raus
hier! Weit weg von diesem ganzen Zeug und vor allem weit weg von Westlife. Im
Augenblick hasste sie die Jungs abgrundtief. Mit Schwung riss sie die Tür
auf und schmiss sie mit einem lauten Knall ins Schloss.
Betretenes Schweigen beherrschte nun den Raum. Alle waren entgeistert und erschrocken
ob ihrer heftigen Reaktion. Shane setzte sich langsam auf den Stuhl der neben
ihm stand. So war das nicht geplant gewesen. Das letzte was er beabsichtigt
hatte war ihr weh zu tun. Sie hatte geweint! Das hatte er wirklich nicht gewollt.
Er sah auf und begegnete Nickys Blick, dessen Augen genauso von Schuldgefühlen
zeugten wie seine. Auch Marks Blick richtete sich betreten gen Boden. Schließlich
durchbrach Jonas die eingetretene Stille.
"Super! Großartig! Das habt ihr ja mal wieder fabelhaft hinbekommen! Bin
stolz auf euch! Ach ja, herzlichen Glückwunsch! Ihr habt gerade einen Fan
verloren!", rief er und warf böse Blicke in die Runde. Kian verschränkte
die Arme vor der Brust und erwiderte Jonas Blick ruhig. "Jetzt mach mal halblang,
Jo! Es is doch nun wirklich nicht mein Problem, wenn sie so ein Sensibelchen
ist, oder? Sie müsste eigentlich professionell genug sein um mit Kritik
fertig zu werden!"
Jonas wirbelte zu ihm herum. Das reichte! Das war jetzt entgültig zu viel
für ihn! "Kritik?! Kritik?! Das war keine Kritik Kian. Kritik wäre
es gewesen, wenn du gesagt hättest, dass dir die Sachen nicht so besonders
gefallen. Zu sagen, dass die Person, die die Klamotten ausgesucht hat gesteinigt
werden sollte und sie danach auch noch als Teenie und als Modegöre zu bezeichnen,
ist keine Kritik. Das ist herzlos und gemein. Das wäre in etwa das gleiche,
als wenn du mir eins deiner Lieder vorspielen würdest und ich dir offen
ins Gesicht sagen würde, dass es scheiße ist, das du sowieso von
dem was du tust keine Ahnung hast und das du das mit dem Singen am Besten lassen
solltest!"
Kian stieß sich von der Wand ab und ging auf Jonas zu. "Ich würde
dir meine Lieder gar nicht erst vorspielen, weil du davon sowieso nichts verstehst!",
rief er und funkelte Jonas böse an. Dieser kam nun ebenfalls einen Schritt
auf ihn zu. "Weißt du was dein Problem ist, Egan? Du kannst es einfach
nicht verputzen, dass es Dinge gibt, von denen du keine Ahnung hast. Du und
dein überdimensional großes Ego, ihr kommt einfach nicht damit klar,
dass irgend jemand mehr Ahnung von irgend etwas hat. Deine Eltern müssen
früher viel Spaß mit dir gehabt haben!"
Kian, der ein Stück größer war als Jonas, ging noch einen Schritt
auf ihn zu, so das sie nur noch einige wenige Zentimeter trennten. Die Luft
im Raum schien zu knistern und man merkte, dass nicht mehr viel fehlte um die
Situation eskalieren zu lassen. "Weißt du was du mich mal kannst, DelRay...",
begann er, doch er kam nicht dazu den Satz zu beenden, denn in genau dem Moment
schob Bryan sich zwischen sie und drängte sie auseinander.
"Hört sofort auf! Alle Beide! Seid ihr denn eigentlich völlig bescheuert?
Jetzt atmet mal tief durch und hört auf mit der Kinderkacke. Verstanden?",
sagte er. Sowohl Kian als auch Jonas zogen sich zurück. Jonas setzte sich
auf einen der herumstehenden Stühle und Kian lehnte sich erneut an die
Wand. "So ist es brav! Aber jetzt mal ernsthaft. Jonas hat recht! Ihr hättet
echt etwas sensibler sein können.", setzte er hinzu.
Mit einem Ruck hob Nicky den Kopf und sah Shane an, der seinen Blick genauso
ungläubig erwiderte. "Ihr?!", riefen sie wie aus einem Munde und sahen
Bryan an. "Na ja natürlich IHR! Ich hab doch gar nichts gesagt! Und warum
auch? Ich mag die Sachen die sie ausgesucht hat. Also wieso hätte ich sie
kritisieren sollen?", fragte er mit Unschuldsmiene.
"Das hättest du ihr aber auch vielleicht mal sagen können! Das wäre
sehr Hilfreich gewesen, Bry!", sagte Jonas nach einer Weile. Bryan rollte die
Augen. "Okay, okay! Ich hab Scheiße gebaut, weil ich nichts gesagt hab
und die anderen haben Scheiße gebaut, weil sie die Klappe nicht halten
konnten. Kommt das in etwa hin? Aber eigentlich is es ja eh egal. Die Sache
ist gelaufen und wir können jetzt sowieso nichts mehr ändern."
Jonas wartete einige Sekunden bevor er erneut das Wort ergriff. "Doch das könntet
ihr!", sagte er und sah einen nach dem anderen an. "Ach ja? Und wie?", fragte
Mark, der bis jetzt zu alledem gar nichts gesagt hatte. Der Stylist rollte entnervt
die Augen. "Sagt mal seid ihr jetzt so schwer von Begriff, oder stellt ihr euch
gerade absichtlich doof um mich zu ärgern? Ihr könntet euch entschuldigen!
Zum Beispiel!"
Dazu sagte keiner etwas. Kian verschränkte die Arme vor der Brust. Bryan
vergrub die Hände in den Taschen und Nicky schüttelte ansatzweise
den Kopf. Warum sollten sie sich denn entschuldigen? Sie hatten schließlich
nichts weiter getan als ihre Meinung zu sagen. Dafür musste man sich doch
nicht entschuldigen. Oder doch? Jonas seufzte, als er merkte, dass von den Jungs
wohl nichts mehr kommen würde und stand auf.
"Okay! Fein! Dann entschuldigt ihr euch eben nicht. Das würde schließlich
Charakterstärke erfordern und ihr müsstet öffentlich zugeben
einen Fehler gemacht zu haben. Das ihr dazu nicht in der Lage seid, hätte
ich mir ja denken können. Aber ihr könntet zum Zeichen eures guten
Willens die Sachen bei der Show tragen.", sagte er und ging auf den Vorhang
zu.
"Was?! Bist du jetzt ganz durchgedreht? Wir können doch nicht...", begann
Nicky. Jonas wirbelte zu ihm herum und bei dem Blick, mit dem der Stylist ihn
ansah, verstummte er ohne seinen Satz zu beenden.
"Ihr könnt was nicht, Nicky? Es ist mir ganz offen gesagt scheißegal
was ihr von den Klamotten haltet. Das ganze hier ist mit Louis besprochen und
von ihm abgesegnet. Ich habe völlig freie Hand was eure Outfits angeht.
Also gewöhnt ihr euch besser ganz schnell an sie denn bei Gott ihr werdet
sie bei dieser verfluchten Show tragen! So wahr ich Jonas DelRay bin!", rief
er, riss den Vorhang so kraftvoll zur Seite, dass er ihn beinahe aus seiner
Verankerung gerissen hätte und stürmte, wutschnaubend, auf die Zimmertür
zu. Er ließ fünf entsetzte Jungs zurück, die erstaunt auf die
Tür blickten, noch lange nachdem Jonas sie, so kraftvoll er konnte, ins
Schloss geworfen hatte.
Sam war unterdessen in ihr Zimmer geeilt. Im ersten Anfall unbezähmbarer
Wut hatte sie damit begonnen ihre Klamotten aus dem Schrank zu reißen
und in ihren Koffer zu werfen. Als der Schrank bereits halb leer war, wurde
ihr erst bewusst was sie tat. Sie konnte gar nicht weg! Das war völlig
unmöglich, ganz egal wie sehr sie es in diesem Moment auch wollte. Dieses
Praktikum war einfach viel zu wichtig um wegen so etwas die Segel zu streichen.
Aber bleiben, wollte sie auch nicht. Sie hatte sich solche Mühe gegeben,
aber den Jungs war es egal! Für sie war sie einfach nur die Modegöre,
die versuchte ihnen vorzuschreiben was sie anzuziehen hatten.
Sam seufzte, ließ sich auf das Bett sinken und stütze ihren Kopf
entnervt in die Handflächen. Das leise Klopfen an der Tür hörte
sie nicht. Erst als es erneut klopfte, dieses Mal lauter, nahm sie es wahr.
Sie bewegte sich langsam auf die geschlossene Tür zu und warf einen Blick
durch den Türspion. Es war Jonas! Erneut seufzte sie leise, während
sie die Verriegelung löste und die Tür einen Spalt weit öffnete,
sich dann abermals umdrehte um sich wieder auf ihr Bett zu setzten. Jonas betrat
das geräumige Zimmer und ließ die Tür hinter sich zuklappen,
bemerkte dabei nicht, dass sie nicht ganz ins Schloss fiel, sondern nur angelehnt
blieb. Viel zu überrascht war er von dem was er sah. Eine elend aussehende,
verheulte Sam und einen, mit halb zerwühlten Klamotten gefüllten Koffer.
Mit ersterem hatte er gerechnet. Letzteres hatte er nicht erwartet.
Verwundert hob er beide Brauen. "Du packst? Willst du uns verlassen?", fragte
er und sah ihr in die Augen. Sam erwiderte den Blick und schob trotzig das Kinn
vor. "Ja!", antwortete sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Jonas
legte die Stirn in Falten und wartete. Wie er es erwartet hatte ließ sie
nach kurzer Zeit die Arme sinken und seufzte. "Nein! Ich meine, eigentlich schon!
Ich meine... ich meine... ach! Ich weiß auch nicht mehr was ich meine."
Zum Ende hin war ihre Stimme nicht mehr als ein Flüstern. Er setzte sich
neben sie auf das Bett und wartete darauf das sie weiter sprach.
"Weißt du, ich war echt froh und glücklich diese Chance zu bekommen!
Ich meine Westlife! Als Mr. York mir das sagte, wäre ich ihm am liebsten
um den Hals gefallen! Für mich wurde ein Traum wahr. Dann kam ich hierher
und lernte dich und Maureen kennen. Ich bin noch nicht einmal seid einer Woche
hier und ihr behandelt mich als hätte ich schon immer zum Team gehört.
Das ist toll und ich bin euch sehr, sehr dankbar dafür. Und dann lernte
ich die Jungs kennen und musste feststellen, dass sie nicht ganz so fabelhaft
sind wie sie sich in Interviews und bei Konzerten immer wieder geben! Du weißt
nicht was für eine derbe Enttäuschung das für einen Fan ist!",
erzählte sie leise. Jonas legte seinen Arm um und zog sie an sich.
"Tja, ich weiß auch nicht was mit ihnen los ist. Normalerweise sind sie
nicht so. Ehrlich nicht! Ich kenn sie ganz anders. Aber ab und zu haben sie
echt das Feingefühl von nem Holzhammer! Aber mach dir keine Sorgen! Sie
werden sie die Sachen bei der Show tragen! Basta!", sagte er und rieb ihr lächelnd
über den Oberarm. Doch anstatt sich zu freuen schüttelte Sam langsam
den Kopf.
"Ich denke das wäre nicht richtig! Du solltest sie nicht dazu zwingen Klamotten
zu tragen, die sie nicht mögen. Wenn sie ihre Sachen partu tragen wollen,
dann lass sie!", antwortete sie traurig. Doch Jonas schüttelte vehement
den Kopf.
"Nein, ich lasse sie nicht! Ich hab Louis fast drei Stunden in den Ohren gelegen,
bevor er zugestimmt hat, die Outfits ohne die direkte Zustimmung er Jungs zu
ändern. Ich hab mir den Mund fusselig geredet und das Hirn für passende
Argumente zermatert. Jetzt hat die Sache den offiziellen Stempel vom Management
und jetzt werden die fünf in den sauren Apfel beißen müssen.
Ob sie wollen oder nicht!", sagte der Stylist bestimmt und verschränkte
die Arme vor der Brust. Sam erhob sich und ging auf das Fenster zu.
"Ehrlich Jonas. Das ist nicht nötig. Ehrlich gesagt würde ich es gerne
sehen, wenn sie sich bei dieser Show mit ihren Klamotten bis auf die Knochen
blamieren und die Presse sie am nächsten Tag für ihren miesen Geschmack
zerreißt. Ich weiß das ich gerade sehr gemein bin. Du brauchst mich
gar nicht so vorwurfsvoll anzusehen. Wenn dieses blöde Praktikum nicht
so wichtig für den weiteren Verlauf meiner Karriere wäre, dann säße
ich jetzt schon im Flugzeug Richtung Köln. Das kannst du mir glauben. Ich
hätte nie gedacht, dass die netten, sympathischen, irischen Naturburschen
nur Fassade sind und das hinter Westlife in Wahrheit fünf absolute Egomanen
mit einem völlig übersteigerten Selbstbewusstsein stecken, denen es
Spaß macht, durch die Gegend zu stolzieren, das Arschloch heraus hängen
zu lassen und auf jedem herum zu trampeln der es wagt ihre unantastbare Göttlichkeit
in Frage zu stellen!", rief sie laut und warf dabei die Hände in die Luft.
Natürlich übertrieb sie maßlos und sie wusste es. Jonas gluggste
leise hinter hier. Er fand ihre unverblümte Ausdrucksweise einfach nur
traumhaft schön. Er wollte etwas erwidern, als sich ganz plötzlich
und unerwartet eine andere Stimme in die Unterhaltung einschaltete. "Jetzt gehst
du aber ganz schön hart mit uns ins Gericht! Okay, zugegeben! Wir waren
nicht gerade die Nettesten, aber ganz so ekelig sind wir nun auch wieder nicht!
Also pack deinen Koffer wieder aus und gib uns ne Chance zu beweisen das ich
recht hab!", ertönte Shanes Stimme hinter ihr.
Erschrocken fuhr sie herum und auch Jonas machte große Augen. Keiner von
beiden hatte gehört das der Ire den Raum betreten hatte. Wie lange er da
wohl schon stand?, fragte sich Sam. Na ja! Jedenfalls lange genug um den Egomanen
mitzubekommen. Sollte sie sich jetzt entschuldigen? Quatsch! Wozu? Schließlich
war nicht sie es gewesen, die meinte sie müsste die Gefühle anderer
Menschen mit Füßen treten. Sie verschränkte die Arme vor der
Brust und musterte den Älteren mit einem herausfordernden Blick.
"Was bitteschön machst du denn hier? Ich dachte, dass wir gerade vor ein
paar Minuten geklärt hatten, dass ihr Recht und ich Unrecht habe. Oder?",
fragte Jonas unterdessen und musterte Shane mit hochgezogener Augenbraue. Dieser
kratzte sich verlegen am Kopf. Er fühlte sich sichtlich unwohl, aber weder
Jonas noch Sam waren bereit ihm seine Aufgabe leichter zu machen.
"Okay! Also wir haben uns, nachdem du raus warst, noch einmal unterhalten. Und
zu guter Letzt hat sogar Kian eingesehen, dass du Recht hattest. Gut, erst nachdem
Bryan ihm Prügel angedroht hatte, aber egal! Also haben wir Stöckchen
gezogen um auszulosen, wer hier hoch gehen muss um sich ganz alleine zu entschuldigen,
während die Anderen unten warten sollten. Nun ja, was soll ich sagen..."
Er breitete die Arme aus, warf erst Jonas, dann Sam ein gequältes Lächeln
zu bevor er weiter sprach. "Ich hab verloren! So wie immer! Ich werd das Gefühl
nicht los, dass die mich jedes Mal aufs neue verarschen, wenn wir so was machen.
Mmh... egal! Was ich sagen wollte war was ganz anderes!"
Erneut folgte eine Pause. Er sah zu Boden, schien dabei etwas sehr interessantes
im Muster des Teppichs entdeckt zu haben, denn es dauerte eine ganze Weile bis
er wieder aufsah. Jonas schmunzelte gut gelaunt. Er wusste genau wie schwer
es Shane fiel die vier kleinen Worte über die Lippen zu bringen. Aber er
hatte nicht vor ihm sein Vorhaben irgendwie zu erleichtern. Sam tat er fast
schon ein wenig leid und sie wollte gerade sagen, dass es okay wäre und
das er nichts zu sagen brauchte, als der Ire aufsah. Sam schluckte, als der
Blick seiner ernsten braunen Augen den ihren traf und ihn festhielt.
"Sam! Es tut mir leid! Wir waren echt super ekelig zu dir und es gibt eigentlich
kaum eine Entschuldigung für unser dämliches, kindisches Verhalten.
Du hast dir echt Mühe gegeben die Sachen auszusuchen und ich muss zugeben,
dass mir mein Outfit mit jeder Minute besser gefällt. Ich... Wir, hätten
gerne, dass ihr beide, du und Jonas, mit mir runter kommt, damit wir noch mal
darüber reden können. Bitte!", fügte er kleinlaut hinzu und schenkte
ihr ein strahlendes Lächeln.
Sams Herz machte einen riesigen Sprung. Vielleicht hatte sie sich doch nicht
so sehr in den Jungs getäuscht wie sie angenommen hatte. Sie verschränkte
die Arme vor der Brust und sah Jonas an, sichtlich bemüht nicht über
das ganze Gesicht zu grinsen. "Jonas! Was meinst du? Sollte ich ihm verzeihen?",
fragte sie schließlich. Jonas musterte Shane einige Sekunden lang, sah
dann wieder Sam an. "Nö!", sagte er in ihre Richtung und baute sich dann
vor dem Iren auf.
"Also, ich muss dich aufs schärfste kritisieren, Filan. Das war echt richtig,
richtig lahm! Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass du ne Frau so dazu bringst
dir zu verzeihen, oder? Wenn du meine Meinung hören willst, dann kommst
du unter nem Kniefall nicht weg!", erklärte er und schüttelte ansatzweise
den Kopf, während seine Augen amüsiert funkelten. Shane zuckte die
Schultern und fügte sich in sein Schicksal. Er machte Anstalten sich auf
ein Knie sinken zu lassen, doch ein lautes, "Halt!’ aus Sams Richtung brachte
ihn dazu mitten in der Bewegung inne zu halten.
"Kniefall schön und gut, aber nicht in der Hose. Weißt du was die
gekostet hat? Und kannst du dir auch nur ansatzweise vorstellen, wie lange ich
gesucht hab, bis ich sie endlich hatte?", fragte sie aufgebracht. Ein oder Zwei
Augenblicke herrschte Stille in dem Zimmer, dann brachen die drei in schallendes
Gelächter aus. "Komm schon, Kleines! Gehen wir wieder an die Arbeit.",
rief Jonas, wischte sich die Lachtränen aus den Augen und trat dann zusammen
mit den beiden anderen wieder auf den Flur.
Ein paar Minuten später waren sie wieder bei dem Ankleidezimmer angekommen.
Im Inneren waren gedämpfte Stimmen zu hören. "Bereit?", fragte Jonas
leise und als Sam nickte öffnete er die Tür. Sie und Jonas hatten
eine steinerne Miene aufgesetzt und Shane bemühte sich wie ein betretenes
Gesicht zu machen, was ihm auch ganz gut gelang. Die vier verbliebenen Westlifejungs
hatten bei der Sitzecke Aufstellung bezogen. Nicky stand neben dem Sessel, neben
ihm Mark und Kian. Bryan stand hinter den beiden letzteren. Alle sahen schuldbewusst
in Sams Richtung. Nur Kian hatte die Arme vor der Brust verschränkt und
sah stur an ihr vorbei.
"Also, Shane hat gesagt ihr wolltet mit mir reden?", fragte Sam, verschränkte
die Arme und zog eine Augenbraue ansatzweise hoch. Die drei sahen Kian an, doch
dieser schien gar nicht daran zu denken das Wort zu ergreifen. Also bekam er
unsanft Bryans Ellenbogen ins Kreuz. Als er den Größeren schließlich
böse ansah, nickte dieser in Sams Richtung. Kian rollte die Augen. "Na
schön! Is ja schon gut! Sam, es tut mir leid, dass ich dich als Teenie
und als Modegöre bezeichnet hab.", sagte er ergeben und sah sie an.
Als er keine Anstalten machte etwas hinzu zu fügen, bekam er erneut Bryans
Ellenbogen gegen die Wirbelsäule. "Is ja schon gut! So furchtbar sind die
Klamotten nicht, und wir werden sie bei der Show tragen! Mit der ein oder anderen
Änderung.", fügte er schließlich hinzu. Dann verstummte er wieder
und wurde ein paar Augenblicke später erneut von Bryan ins Kreuz geschlagen.
"Hey was soll das McFad? Ich hab gesagt was ich sagen sollte, oder?", rief er
und drehte sich ungehalten um. Der Größere grinste ihn breit an.
"Ich weiß! Aber es hat gerade angefangen Spaß zu machen!", antwortete
er und machte dann schnell, dass er aus Kians Reichweite kam. Dieser jagte ihn
laut lachend durch den halben Raum und die anderen stimmten mit ein.
Dann begannen sie sich jedes Outfit noch einmal vor zu nehmen und nach etwa
einer Stunde Arbeit waren alle mit ihnen zufrieden.
Etwa vier Wochen später...
Es war bereits dunkel draußen, als Sam im Bademantel und mit Handtuch
um den Kopf aus dem Badezimmer kam. Sie griff nach der Flasche Wasser und trank
sie in einem Zug leer, bevor sie sich die Haare abtrocknete und sich ihrem Kleiderschrank
zuwandte. Sie griff nach einer schwarzen Hüfthose und einer roten Bluse,
zog beides über die schwarze Unterwäsche und sah dann auf die Armbanduhr.
Sascha musste vor ein paar Minuten zur Tür herein gekommen sein, also setzte
sie sich auf das Bett und wählte seine Nummer.
Das Freizeichen ertönte und während sie wartete das jemand ran ging,
ließ sie die letzten Wochen noch einmal Revue passieren. Nach ihrem ziemlich
schlechten Start, hatte sie sich doch noch ziemlich gut mit den Jungs angefreundet
und jetzt war sie doch wieder froh hier zu sein. Bryan und Nicky nahmen sie
ständig aufs Korn, was wohl ihre ganz persönliche Art war, ihr zu
zeigen das sie sie mochten. Mit Shane und Mark unterhielt sie sich des öfteren
auch außerhalb der Anprobetermine und sogar mit Kian verstand sie sich
ganz gut. Sie trafen sich öfter um im Trainingsraum des Hotels etwas für
ihre Fitness zu tun. Ihr Auftritt bei der Late-Night-Show war ein voller Erfolg
gewesen. Am nächsten Tag war die Presse voll des Lobes für die Iren
und die Sun schrieb, das sie nicht nur für ihre Lieder, sondern auch für
ihre Outfits, in denen sie so erwachsen und sexy gewirkt hätten, eine Auszeichnung
verdienen würden und das man dem Stylisten eine Gehaltserhöhung geben
sollte. Sam hatte ganz rote Ohren bekommen, als Jonas ihr den Artikel vorgelesen
hatte. Natürlich übertrieb das britische Revolverblatt schamlos, aber
das machte nichts.
Endlich, nach dem vierten oder fünften Klingeln, wurde der Hörer abgenommen.
"Liebig?", meldete sich eine schroffe Männerstimme. Sam seufzte innerlich
als sie die Stimme als die von Saschas Vater erkannte. "Hallo Herr Liebig. Hier
ist Sam Reuter. Ist Ihr Sohn schon da?", fragte sie freundlich. Eine Antwort
bekam sie auf ihre Frage allerdings nicht. Nicht direkt zumindest. Ein unverständlicher
Brummlaut drang an ihr Ohr, dann wurde der Hörer wuchtiger als nötig,
auf den Tisch gelegt und sie hörte Schritte, die sich zügig entfernten.
"Unfreundliches Arschloch!’, dachte Sam missmutig und wartete, während
sie mit schlechtem Gewissen auf ihrer Unterlippe kaute. Schließlich war
dies das erste Mal seid drei Woche, dass sie sich bei ihm meldete. Einige Minuten
später wurde der Hörer erneut aufgenommen und dann ertönte die
Stimme ihres Freundes.
"Sam! Ich halt es ja kaum aus! Ich hab schon kaum noch damit gerechnet, dass
du dich noch mal bei mir melden würdest!", rief er mit vor Sarkasmus triefender
Stimme. Sam schloss kurz die Augen. Genau das hatte sie erwartet. Er war wütend
auf sie! Sie bekam kein: Hallo Schatz! Schön das du anrufst. Wie geht es
dir? Aber was hatte sie denn auch erwartet. Eigentlich hätte sie ihn besser
kennen müssen! Und trotzdem, konnte er sich denn nicht vorstellen, dass
sie einfach keine Zeit gehabt hatte?
"Tut mir wahnsinnig leid Schatz! Ich konnte mich leider nicht eher wieder bei
dir melden! Ich war echt extrem beschäftigt. Du glaubst gar nicht, wie
es hier zu geht. Ich hatte meiner Ma doch extra noch gesagt, dass sie dir ganz
liebe Grüße von mir ausrichten soll. Hat sie das denn nicht gemacht?",
fragte sie. Sascha schnaubte in den Hörer. "Doch! Natürlich hat sie
das. Aber meinst du etwa das wäre genug? Ich meine, klar bist du beschäftigt,
aber das ist noch lange keine Entschuldigung dich nicht zu melden. Ich bin dein
Freund verdammt! Das ist doch wohl das mindeste was ich erwarten kann, wenn
du schon einfach so mir nichts dir nichts in ein fremdes Land abhaust und das
obwohl ich dagegen war. Denkst du vielleicht mal daran, dass ich mir Sorgen
gemacht hab? Aber nein! Du warst ja "beschäftigt’.", erklärte er.
Seine Stimme war lauter als es nötig gewesen wäre und das Wort "beschäftigt’,
sprach er mit einer Betonung aus, die klar machte das er ihr kein einziges Wort
glaubte.
Sam versuchte ruhig zu bleiben. Versuchte die aufkeimende Wut nieder zu kämpfen.
Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? "Du hast doch überhaupt keine
Ahnung wie es hier zugeht! Du weißt nicht, was ich den ganzen Tag mache
oder wie viel ich zu tun hab. Aber das interessiert dich vermutlich auch nicht,
weil du mich ja sonst bestimmt gefragt hättest. Außerdem weißt
du eigentlich was ein Anruf von Irland nach Deutschland kostet? Ich hab meine
Eltern bis jetzt auch nur zweimal kurz angerufen. Das war offen gestand ein
bisschen wichtiger. Du hast es doch noch nicht mal für nötig gehalten
am Tag meiner Abreise zu warten bis ich anrufe! Du bist doch gar nicht schnell
genug nach hause gekommen. Also hör jetzt auf so zu tun, als hättest
du dir riesig Sorgen gemacht. So weit kann’s ja mit deiner Sorge gar nicht her
gewesen sein.", antwortete sie scharf. Schärfer als beabsichtigt, aber
in diesem Augenblick war sie so wütend auf ihn. Er war so ein elender Egoist!
"Sag mal, bist du nicht mehr ganz gescheit? Ich kann doch nicht den ganzen Tag
bei dir zu hause rum sitzen. Ich hab auch noch ein bisschen was anderes zu tun.
Mein Vater brauchte mein Hilfe und ich musste auch noch mit Sally raus. Außerdem
weißt du was ich von deinen merkwürdigen Freuden halte. Den ganzen
Tag mit ihnen zu verbringen hätte mich wahnsinnig gemacht. Aber die paar
Euro hätte ich dir ja wohl echt wert sein müssen!" Seine Stimme war
kalt wie Eis. Sie atmete einmal tief durch um dem Drang wiederstehen zu können
ihn anzuschreien. Doch die Mühsam unterdrückte Wut vibrierte immer
noch in ihrer Stimme, als sie gepresst antwortete. "Meine Eltern haben die Nummer
vom Four Seasons. Du hättest sie dir geben lassen und mich anrufen können,
wenn deine Sorgen um mich wirklich so schlimm war."
Wieder schnaubte Sascha in den Hörer. Es klang noch verächtlicher
als beim ersten Mal. "Das war ja nun wirklich nicht meine Aufgabe, oder? Das
fehlte ja gerade noch! Schlimm genug, dass du einfach so nach Dublin abhaust
und mich hier alleine sitzen lässt, aber dich dann eine halbe Ewigkeit
nicht zu melden, dass ist echt nicht fair! Mir kommt es so vor, als ob du mich
gar nicht vermissen würdest." Das war nun der Tropfen der das Fass zum
überlaufen brachte. Nicht mehr in der Lage ihre Wut zu kontrollieren, schrie
sie in den Hörer.
"Sag mal, spinnst du? Anstatt dich zu freuen, dass ich anrufe, mich zu fragen
wie es mir geht und einfach froh darüber zu sein meine Stimme zu hören,
fängst du an mir Vorwürfe zu machen? Du hast sie doch nicht mehr alle!
Ich sitze blöderweise nicht so nahe an der Geldquelle und muss mir schwer
überlegen für was ich meine Kohle ausgebe. Ich weiß, dass ich
mich früher hätte melden sollen, aber ich hab hier echt super viel
Stress und Arbeit für Zwei. Aber so schlimm scheint es ja nicht gewesen
zu sein, denn dann hättest du deinen elenden Stolz und dein Ego mal für
ein paar Minuten vergessen und zum Hörer gegriffen um mich anzurufen. Das
ist nicht deine Aufgabe? Das is ja echt eine schwachsinnige Aussage! Du bist
wirklich der größte Egoist den ich je in meinem Leben getroffen hab!
Du solltest mich lieber fragen wie Irland ist, anstatt gleich wieder die alten
Streitthemen raus zu kramen. Was genau läuft bei dir eigentlich falsch?
Ach weißt du was? Ich will’s gar nicht wissen! Vergiss es einfach! Gute
Nacht!" Damit knallte sie den Hörer auf die Gabel und das Gespräch
war beendet.
Jetzt stand sie einfach nur da und starrte das Telefon an, während sie
versuchte zu verstehen was gerade passiert war. Sie bemühte sich ihre Wut
im Zaum zu halten, versuchte nicht dem inneren Drang zu erliegen irgend etwas
kaputt zu machen und scheiterte kläglich! Mit einer schnellen Bewegung
griff sie nach der leeren Wasserflasche und schmiss sie, mit aller Kraft die
sie aufbringen konnte, an die gegenüberliegende Wand. Sie zerbarst mit
einem lauten Knall in tausend Scherben. Dann war wieder alles Still und der
einzige Laut, der im Zimmer zu hören war, war Sams schnelles Atmen.
Kraftlos ließ sie sich auf den Boden neben ihrem Bett sinken. Natürlich
war es nicht ganz fair gewesen, ihn so lange über alles im Unklaren zu
lassen und das wusste sie auch. Aber musste er denn gleich wieder anfangen ihr
Vorwürfe zu machen? Musste sich denn die ganze Welt immer um ihn drehen?
War ihr Schicksal denn so uninteressant? Ihm so egal? Er sagte doch immer, er
würde sie lieben, warum war er dann so gemein zu ihr? Weit konnte seine
Liebe ja nicht reichen!
Sam schluckte hart. Ihre Augen brannten, aber die Tränen kamen nicht. Sie
war so wütend und enttäuscht! Ganz egal was kam, er drehte es sich
immer so zurecht, dass sie die Böse war. So konnte man auf Dauer doch keine
Beziehung führen. Er könnte mit seinen ewigen Vorwürfen wenigstens
warten, bis sie wieder in Deutschland war.
Und überhaupt, warum war eigentlich alles andere in seinem Leben wichtiger?
Warum war Sally, ein Hund, wichtiger als sie, seine Freundin? Sie selbst hatte
einen drei Jahre alten Goldentretriever Rüden und sie liebte ihn abgöttisch.
Dennoch war ihr Nikodemus niemals wichtiger gewesen als Sascha. Früher
hatte sie mit ihm oft lange Spaziergänge durch die Außenbezirke Kölns
gemacht. Wie oft sie, seit dem sie mit Sascha zusammen war, ihren Vater, ihre
Mutter, einen ihrer Geschwister, Bianca oder Xander gebeten hatte das für
sie zu übernehmen, weil sie ihm einen Gefallen tun sollte, oder weil sie
einfach nur mit ihm zusammen sein wollte, wusste sie schon gar nicht mehr. Doch
es war eindeutig zu oft gewesen.
Sie war so in ihre Gedanken vertieft, dass sie das Klopfen an der Tür erschrocken
zusammen fahren ließ. "Hey Sam! Ich bin’s! Maureen! Is alles in Ordnung?
Ich hab nen Knall gehört.", rief Maureen und ihrer Stimme war die Sorge
eindeutig anzuhören. Sam beeilte sich aufzustehen, in ihre schwarzen Sneakers
zu schlüpfen und zur Tür zu gehen. Schnell öffnete sie sie und
trat in den Flur hinaus. "Klar. Alles bestens. Mir is nur was runter gefallen.
Wo ist Jonas?", fragte sie und versuchte sich an einem Lächeln, doch es
gelang nicht so ganz.
"Er is schon mal vor gegangen um einen guten Tisch zu reservieren. Is wirklich
alles okay mit dir?", fragte Maureen und musterte sie mit gerunzelter Stirn.
Sam strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, dann lächelte sie erneut
und dieses mal gelang es ihr es echt wirken zu lassen. "Klar! Alles im grünen
Bereich! Mir geht’s gut. Ehrlich. Los, lass uns gehen bevor Jonas noch ne Vermißtenanzeige
aufgibt!" Dann machte sie sich auf den Weg zum Lift. Maureen zuckte die Achseln.
"Wenn du meinst! Du sagst es mir ja eh nicht, wenn du nicht willst!", sagte
sie seufzend und folgte ihr dann zum Aufzug.
Einige Minuten später saßen sie in dem fast leeren Restaurant. Jonas,
Maureen und sie hatten es sich angewöhnt, jeden Abend gemeinsam zu Essen.
Normalerweise liebte Sam diese Abende! Es machte Spaß, denn sie mochte
die Beiden sehr. Manchmal gesellten sich noch einige andere Leute aus dem Team
hinzu und dann saßen sie oft Stunden lang in dem gemütlichen Speisesaal
und unterhielten sich über Gott und die Welt. Aber nicht heute! Heute wollte
Sam einfach nur allein sein und Gott und die Welt hassen. Wollte Schokolade
aus der Minibar in sich hineinstopfen, nutzlose Sendungen im Fernsehen anschauen
und sich selbst leid tun.
Lustlos stocherte sie in ihrem Essen herum. Ihr Rotweinglas war immer noch voll
und auch ihr Wasser hatte sie noch nicht angerührt. Jonas hatte fragen
wollen, was denn los sein, aber Maureen hatte ihm rechtzeitig einen Wink gegeben
das sie nicht darüber reden wollte. Also schwieg er und warf ihr nur ab
und zu besorgte Blicke zu, redete aber ansonsten mit Maureen und überließ
sie ihren Gedanken.
"Hi! Na genießt ihr euren Abend?", ertönte plötzlich eine bekannte
Stimme neben ihnen und als Sam den Kopf hob, sah sie direkt in Bryans lächelndes
Gesicht. Sie war so in ihre Grübeleien vertieft gewesen, dass ihr völlig
entgangen war das er und Shane sich dem Tisch genähert hatten. "Bis vor
ein paar Sekunden haben wir das noch getan!", erwiderte Maureen mit einem Lächeln.
"Oh danke Maureen. Ich lieb dich auch!", lachte Bryan. "Setzt euch!", sagte
Jonas und deutete auf die zwei freien Plätze.
Shane sah auf seine Armbanduhr. "Okay! Ein paar Minuten haben wir noch! Wir
müssen zwar gleich bei Lou sein, aber für nen Drink wird’s reichen!",
erklärte er lächelnd und setzte sich neben Jonas, während Bryan
am Kopfende Platz nahm.
Der Kellner kam und fragte höflich ob die Herren etwas trinken wollten.
Bryan bestellte einen Whiskey, Shane einen Campari Orange. Der Kellner nickte
und ging. Sam nahm sich fest vor sich nichts anmerken zu lassen. Die unschöne
Szene am Telefon einfach zu verdrängen und zu vergessen und lauschte den
Beiden, wie sie abwechselnd von ihrem heutigen Interview für eine irische
Teeniezeitung erzählten, bei dem wohl so einiges schief gegangen war. Doch
so recht klappen wollte das auch nicht. Obwohl sie die Geschichte der Beiden
ziemlich interessant und auch lustig fand, brachte sie nicht mehr als ein gequältes
Lächeln zustande und nach wenigen Minuten driftete ihr Geist schon wieder
zu Sascha.
Plötzlich schob sich Bryans Gesicht in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit.
"Hey Sweety! Was is los mit dir? So traurig kenn ich dich ja gar nicht!", fragte
er leise. Sam schreckte aus ihren Gedanken hoch und sah ihn einige Sekunden
entgeistert an. Jonas und Maureen unterhielten sich immer noch mit Shane, doch
Bryan sah sie besorgt an. Sie versuchte sich an einem Lächeln, doch es
wirkte gekünzelt und aufgesetzt. "Gar nichts! Mir geht’s gut. Ich bin nur
müde, dass ist alles.", antwortete sie kopfschüttelnd. Doch damit
wollte der Ire sich nicht zufrieden geben. Er ergriff ihre Hand, die bis jetzt
auf dem Tisch, neben ihrem Teller gelegen hatte, und lächelte sie entwaffnend
an, strich dabei leicht mit dem Daumen über ihren Handrücken.
"Hey jetzt komm schon! Rede mit uns! Wir sind deine Freunde und machen uns Sorgen
um dich. Sag uns was los ist, Sammy! Mmh. Heimweh?", fragte er freundlich. Einige
Sekunden überlegte sie ob sie ihn anlügen oder einfach aufstehen und
gehen sollte. Doch was sollte sie dann tun? Mit wem sollte sie reden? Sie hatte
weder Xander noch Bianca hier und schließlich hatte Bryan recht. Sam betrachtete
sie als ihre Freunde, sie alle. Und Freunde belog man nicht! Sie nahm die besorgten
Blicke von Shane und Jonas war und Maureen brauchte sie gar nicht erst anzusehen
um festzustellen das sie sich ebenfalls sorgte. Also schüttelte sie langsam
den Kopf. "Stress mit dem Freund!", antwortete sie leise.
Shane runzelte die Stirn. "Dein Freund? Ich wusste gar nicht das du einen hast.",
sagte er und erntete dafür einen entrüsteten Blick von Bryan. "Natürlich
hat sie einen. Oder glaubst du allen ernstes, dass so ein bildhübsches
Mädchen lange alleine bleibt?", fragte er und schenkte ihr ein strahlendes
Lächeln. Shane nickte langsam. "Mmh. Stimmt! Wie konnte ich nur so dämlich
sein? Die komplette Männerwelt müsste blind, taub und dumm sein um
so eine Schönheit mit so einem tollen Charakter nicht zu lieben. Mein Fehler.
Entschuldige!", antwortete er und lächelte ebenfalls.
Sie versuchten sie aufzuheitern und Sam war ihnen sehr dankbar dafür. Schließlich
konnten sie nicht ahnen, dass sie damit genau das Gegenteil von dem erreichten,
was sie wollten. Denn Sam begann sich zu fragen, warum Sascha nicht wenigstens
ein Bisschen so sein konnte wie Shane oder Bryan. Die Tränen, die sie nun
schon so lange zurück hielt, traten ganz plötzlich und gegen ihren
Willen in ihre Augen. Sie versuchte sie aufzuhalten, doch es funktionierte nicht.
Unaufhaltsam liefen sie ihre Wangen hinab. Durch den Schleier aus Tränen
konnte sie Shanes entsetztes Gesicht sehen. Sah, wie er erstaunte Blicke mit
Bryan wechselte.
Plötzlich fühlte sie wie Maureen sie vorsichtig in die Arme nahm.
"Komm schon! Erzähl uns was los ist!", sagte sie leise und Sam begann schluchzend
zu erzählen. Erzählte ihnen alles was ihr auf der Seele brannte. Sie
sprach von ihrem Telefonat, davon, das er der Egoismus in Person war, das er
ihr das Gefühl gab ihre Freunde seien wertlos, das er selten mit ihr über
seine Gefühle redete und dann verlangte das sie trotzdem wissen sollte
wie es ihm ging, das sie ihn oft einfach nicht verstand und schließlich,
dass er ihr Vorwürfe machte, weil sie das Praktikum in Irland angenommen
hatte.
Als sie geendet hatte, waren alle Anwesenden wie vor den Kopf gestoßen.
Maureen hatte immer noch den Arm um sie gelegt und Bryan hielt immer noch ihre
Hand, doch keiner fand passende Worte. Shane war der erste der sprach. "Mach
dir nichts draus. Ich verstehe diesen Mann auch nicht und ich bin selber einer.
Gut, ich kann verstehen, dass er ein wenig genervt war, weil du dich so lange
nicht gemeldet hast, aber wenn Gillian in deiner Situation wäre und ihre
Mutter deine Nummer hätte, dann würde ich doch innerhalb von Sekunden
am Telefon hängen um herauszufinden wie es ihr geht. Das verstehe wer will!",
sagte er kopfschüttelnd und Bryan und Jonas nickten zustimmend.
Jonas stand auf und kam nur wenige Minuten später mit einem Glas in der
Hand wieder. Die hellbraune Flüssigkeit schwappte von einer Seite zur anderen,
als er den Whiskey-Soda vor ihr auf den Tisch stellte. "Trink das, Honey. Danach
wird’s dir besser gehen.", sagte er mitfühlend. Sam nickte dankend, befreite
sich aus Maureens Umarmung und begann in kleinen Schlucken zu trinken. Trotz
Sodawasser brannte der Whiskey in ihrer Kehle und sie gewöhnte sich nur
langsam daran. Aber schon bald begann sie auf den Geschmack zu kommen. Nachdem
sie etwa die hälfte des Glases geleert hatte, stellte sie es vor sich auf
den Tisch und begann es langsam in ihrer Hand zu drehen.
"Dieses Scheusal! So gemein zu dir zu sein, wo er doch eigentlich wissen müsste,
dass du ihn und dein Zuhause ganz schön vermissen musst. Aber anstatt dir
das Gefühl zu vermitteln das du gebraucht und geliebt wirst, macht er dir
Vorwürfe. Das geht echt über meinen Verstand!", rief Maureen nach
einer Weile des Schweigens entrüstet. "Ich kann nicht nachvollziehen, warum
du mit dem noch zusammen bist!", fügte sie hinzu, doch Sam schüttelte
so heftig den Kopf, dass ihre Haare nur so flogen.
"Er ist ja nicht immer so! Die meisten Zeit ist er echt toll. Und ich liebe
ihn wirklich, aber im Augenblick treibt er mich zur Verzweiflung!", sagte sie
schnell. Daraufhin kehrte erneut Schweigen ein. Was hätten sie auch noch
sagen sollen? Bryan nahm einen Schluck aus seinem Glas und verschluckte sich
beinahe, als sein Blick zufällig auf die Uhr an der Wand fiel. "Oh shit!
Shay wir kommen zu spät! Louis zerreißt uns in der Luft, wenn wir
nicht pünktlich sind.", rief er und sprang auf, trank seinen Whiskey im
Stehen in einem Zug aus und musste husten, als er sich erneut beinahe verschluckte.
Auch Jonas erhob sich zügig. "Oh ja! Wir müssen auch los, Maureen.
Wir haben noch einen Termin mit den Lichtleuten." Die Angesprochene stand ebenfalls
auf.
"Was ist mit dir, Sam? Bleibst du noch sitzen?", fragte Shane. Sie überlegte
einige Augenblicke, schüttelte aber schließlich den Kopf. "Nein!
Ich werd wohl hoch in mein Zimmer gehen.", sagte sie und stand auf, wischte
sich noch einmal über die Augen und straffte die Schultern. "Danke Leute!
Es hat gut getan mit euch zu reden.", wandte sie sich an die drei, die wartend
einige Schritte weit weg standen und schenkte auch Shane ein mattes Lächeln.
Dieser musterte sie ernst, sah auf die Uhr, warf dann Bryan einen kurzen Blick
zu und wandte sich erneut an Sam. "Ich bring dich noch rauf.", sagte er ruhig
und bot ihr seinen Arm an.
Sam sah ihn überrascht an. "Was? Aber das geht doch nicht. Is schon okay!
Ich schaff das schon.", antwortete sie schnell. "Keine Wiederrede, ich begleite
dich bis zu deinem Zimmer. Ende der Diskussion!"
"Ja aber Louis...", begann sie doch Shane unterbrach sie, indem er sich ihr
erneut zuwandte. Und da war er wieder. Dieser ernste Blick, mit dem er sie auch
neulich bei seiner Entschuldigung angesehen hatte. Dieser Blick, bei dem es
ihr jedes Mal kalt den Rücken herunter lief, der seine Augen so unergründlich
und mysteriös machte. "Louis lass mal meine Sorge sein, okay? Ich glaube,
ich kann ziemlich gut nachvollziehen wie es dir im Augenblick geht und ich werde
dich jetzt ganz bestimmt nicht alleine durch diese schier endlosen, dunklen
Flure irren lassen. Ich kann mir denken, dass du dich jetzt gerne unter deiner
Bettdecke verkriechen würdest um den heutigen Tag so schnell wie möglich
zu vergessen, aber der einzige Weg in dein Zimmer ist, mir zu erlauben dich
zu begeleiten. Mit Louis werd ich schon fertig.", erklärte er bestimmt
und lächelte sie an, doch seine Augen blieben ernst.
Sam erkannte in diesem Augenblick, dass er meinte was er sagte und das sie,
wenn sie in ihr Zimmer wollte, sein Angebot wohl oder übel annehmen musste.
Also nickte sie stumm und folgte ihm durch das Restaurant.
"Ich sag Louis, dass du später kommst.", rief Bryan und war schon auf seinem
Weg zu dem Raum in dem das Meeting stattfinden sollte. Sie selbst verschwanden
in die Entgegengesetzte Richtung und betraten nur Sekunden später den Aufzug.
Schweigend schritten sie durch den langen Gang der 12. Etage. Seitdem sie das
Restaurant verlassen hatten, war kaum ein Wort zwischen ihnen gefallen. Shane
hatte ihr zwar ab und zu ein aufmunterndes Lächeln geschenkt, aber gesagt
hatte er nichts. Dieser Umstand war allerdings nicht unangenehm. Ganz im Gegenteil!
Es war schön neben Shane her zu gehen. Die ruhige Atmosphäre, welche
er verbreitete in sich aufzunehmen, dem Klang seiner festen, sicheren Schritte
auf dem Teppichbespannten Boden zu lauschen, seinen aufrechten Gang und die
ernsten Züge zu bewundern. Eben all diese Dinge, die noch vor ein paar
Wochen so undenkbar gewesen wären. Unter anderen Umständen hätte
sie ihren Weg vermutlich genossen und sich gewünscht er würde nie
enden. Doch nicht heute!
Im Augenblick wollte sie nur allein sein und deshalb war sie mehr als froh,
als ihre Zimmertür in ihren Blick geriet. Hastig steckte sie die Zimmerkarte
in das Schloss, öffnete die Tür und machte das Licht an. Dann drehte
sie sich noch einmal zu Shane um, der immer noch hinter ihr stand.
"Danke! Es war echt lieb von dir mich zu begleiten, obwohl es echt nicht nötig
war." Sie lächelte, und auch wenn es ein bisschen angespannt wirkte, so
war es doch ernst gemeint. Shane schüttelte den Kopf. "Doch das war es
und wenn ich jetzt nicht zu dieser Besprechung müsste, dann hätte
ich dir angeboten noch einen Drink an der Bar zu nehmen oder etwas ähnliches.
Ich lasse dich jetzt nur ungern allein.", antwortete er und sie glaubte Besorgnis
in seiner Stimme zu hören.
Sam lachte. "Ach hör schon auf. Du tust gerade so als wäre meine Mutter
gestorben!" Doch als sie Shanes ernstes Gesicht sah, blieb ihr das Lachen förmlich
im Halse stecken. "Vielleicht ist meine Sorge etwas übertrieben, aber eigentlich
gibt es in meinen Augen wenig was schlimmer ist, als sich von dem Menschen den
man liebt nicht verstanden zu fühlen. Verzeih mir wenn ich das sage, aber
in eurer Beziehung scheint irgendwo der Wurm drinn zu sein und ich kann mir
vorstellen das du das auch weißt und das es dir weh tut. Die Menschen,
die wir am meisten lieben, können uns am tiefsten verletzen. Sie tun es
oft unbewusst, aber sie tun es. Auch wenn sie es meistens nicht wollen!", sagte
er leise und sah ihr in die Augen. Sam schluckte schwer, als ihr bewusst wurde,
mit welcher schlafwandlerischen Sicherheit er genau das gesagt hatte, was sie
schon seid Wochen beschäftigte. Die Tatsache, dass er sich solche Gedanken
um sie machte, fand sie irgendwie süß und ein leises Lächeln
huschte über ihre Züge.
Und dann geschah etwas womit sie nie im Leben gerechnet hätte. Shane machte
einen Schritt auf sie zu und nahm sie in die Arme. Es dauerte nur einen kurzen
Augenblick, dann ließ er sie wieder los und sah sie an. "Ich muss jetzt
gehen, aber wenn du jemanden zum Reden brauchst... du weißt wo du mich
findest." Sie nickte langsam. Er lächelte ihr noch ein letztes Mal aufmunternd
zu und wandte sich dann zum Gehen.
Sam blieb im Türrahmen stehen und sah ihm nach. Auch nachdem er schon längst
hinter der Ecke verschwunden war, war ihr Blick immer noch auf eben diese Stelle
geheftet. Schließlich betrat sie kopfschüttelnd ihr Zimmer unfähig
zu definieren, was sie fühlte. Shane hatte sie umarmt! Der Mann, in den
sie sich vor fünf Jahren unsterblich verliebt hatte! Gut, damals war sie
17 gewesen. Ein Teenager! Das war lange her und mittlerweile hatte diese angeblich
unsterbliche Liebe einer tiefen Bewunderung platz gemacht und spätestens
als sie vor zwei Jahren Sascha getroffen hatte, war klar, dass es die ewige
Liebe zu einem Popstar nicht gab. Aber jetzt, wie sie so dort stand und immer
noch den herben Duft seines Aftershaves in der Nase hatte, kam alles, was sie
damals gedacht und gefühlt hatte wieder hoch. Diese unbändige Begeisterung
für alles was er sagte oder tat, die Momente in denen sie bei Interviews
förmlich an seinen Lippen gehangen hatte, oder wie sie manchmal in Tränen
ausgebrochen war, wenn er sang.
Ihr kam ein Auftritt bei Viva Interaktiv in den Sinn, den sie live miterlebt
hatte. Erinnerte sich, dass sie beinahe in Ohnmacht gefallen wäre, als
er direkt an ihr vorbei ging, seine Jacke dabei knapp ihren Arm streifte. Ihr
kamen die Nächte in den Sinn, die sie durchgeweint hatte, als sie erfahren
hatte, das Shane, ihr Shane, eine Freundin hatte. Damals meinte sie sterben
zu müssen! Das alles stand ihr in diesem Augenblick so deutlich vor Augen,
als wäre es gestern gewesen, und nicht schon fünf Jahre her.
Sie musste beinahe über sich selbst lachen, wie sie da so stand und sich
mit zitternden Händen und weichen Knien durch die Haare fuhr. Warum reagierte
sie so seltsam? Es war schließlich nur eine Umarmung gewesen. Es ging
ihr schlecht und er wollte, dass sie sich besser fühlte. Wollte, dass sie
merkte, das jemand für sie da war. Sie schüttelte den Kopf. Sie war
verwirrt! Eindeutig! Ihr Blick fiel auf das Telefon. Erneut erinnerte sie sich
an ihr Telefonat mit Sascha und das gute Gefühl, welches Shanes Umarmung
ihr gegeben hatte, schwand.
Sie machte sich gar nicht erst die Mühe sich auszuziehen, sondern schlüpfte
nur aus ihren Schuhen und dann unter die Decke. Sie wollte jetzt nur noch schlafen.
Schlafen und vergessen, dass Gott bei der Schöpfung einen nie wieder gut
zu machenden Fehler begangen hatte indem er den Mann erschuf. Sie zog sich die
Decke über den Kopf und war schon nach wenigen Minuten eingeschlafen.
Am nächsten Morgen, so gegen 8:00Uhr, saß sie in einem der schwarzen
Vans, zwischen Maureen und Jonas und fühlte sich echt beschissen. Sie hatte
durch die gestrigen Vorfälle völlig vergessen, dass dies der Tag war,
an dem sie Dublin vorrübergehend verließen und mit Sack und Pack
für drei Wochen nach London gingen. Natürlich hatte sie nichts gepackt
und war völlig überrascht gewesen, als Maureen vor einer halben Stunde
vor ihrer Zimmertür gestanden hatte, weil sie sie beim Frühstück
vermisst hatte. Hilfsbereit, wie sie nun einmal war, hatte sie Sam geholfen
in Windeseile ihre Koffer zu packen und sie runter zu tragen. Dummerweise standen
da auch schon die Autos, welche sie zum Flughafen bringen sollten und in denen
sie jetzt saßen, vor der Tür und sie hatte genau 10 Minuten um sich
fertig zu machen.
Also war Sam nichts anderes übrig geblieben, als sich kurz mit dem Kamm
durch die noch vom Schlaf zerwühlten Haare zu gehen, in eine Jeans und
einen grünen Pulli zu schlüpfen, sich ein Baseballkäppi aufzusetzen
und ihre müden Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille zu verstecken.
Sie hatte Kopfschmerzen, weil sie so schnell aus dem Bett gesprungen war, schlechte
Laune weil sie weder duschen noch frühstücken konnte und sie war stinksauer
auf Sascha, da sie es ihm und seiner bescheuerten Reaktion zu verdanken hatte,
dass sie die für heute angesetzte Abreise völlig vergessen hatte.
Außerdem hatte sie wenig geschlafen, weil sie einen ganz dämlichen
Traum gehabt hatte. Sascha hatte bei Interaktiv mit Shane eine Prügelei
angezettelt und Nikodemus hatte sich im Hosenbein des Moderators verbissen,
während Xander und Bianca Wetten annahmen wer von den beiden wohl gewinnen
würde und Saschas Vater ihren Hund erschießen wollte. Sie wurde wohl
langsam doch verrückt!
Am Flughafen angekommen, wurde sie von dem Geschrei von Teenagern begrüßt.
Sie rollte die Augen. Warum zur Hölle waren diese Mädels eigentlich
immer bestens informiert und immer da obwohl eigentlich angeblich keiner wusste
das die Jungs kommen würden?
Die fünf Objekte der Begierde schrieben ein oder zwei Autogramme, während
der Rest von ihnen relativ unbehelligt das Gebäude betreten konnte. Wenn
man mal davon absah, dass Sam fast zur Mörderin wurde, weil eine dieser
blöden Ziegen ihr fast ein Schild mit der Aufschrift: "Kian you are so
fucking hot!’ ins Gesicht schlug, während eine andere ihr laut "Nicky’
ins Ohr brüllte. Sie schüttelte genervt den Kopf. Drehten die jetzt
ganz langsam völlig am Rad? Sie war nie so schlimm gewesen! Niemals! Das
sie mit 15 einmal Fan von Caught in the act gewesen war und ebenfalls Schilderschwingend
und Eloy brüllend vor der Kölnarena gestanden hatte, ließ sie
dabei einfach mal unter den Tisch fallen.
Zum Glück musste sie nicht sonderlich lange warten, bis die extra für
das Team gecharterte Maschine landete. Sofort ließ sie sich in einen der
weichen Sitze sinken und war schon eingeschlafen, als das Flugzeug noch nicht
mal in der Luft war.
Drei Tage später saßen vier der fünf Westlifer im Wohnbereich
von Kians Suite und bereiteten sich innerlich auf eine Charity-Veranstaltung
vor. Und das sah folgendermaßen aus: Bryan saß, mit halb gebundener
Krawatte auf der Couch und zappte sich durch das Fernsehprogramm. Mark versuchte
seine Manschettenknöpfe anzubringen, während sich Kian einen Drink
eingoss und Nicky telefonierte. "Mal wieder nix gescheites in der Klotze!",
beschwerte sich Bryan gerade, als die Tür aufging und Shane, mit dem Handy
in der Hand, in die Suite gerauscht kam.
"Manchmal hab ich den inneren Drang in den Keller zu gehen und laut zu schreien!",
rief er und warf die Hände in die Luft. Dankbar für die willkommene
Ablenkung machte Bryan den Fernseher aus, verschränkte die Arme hinter
dem Kopf und sah seinen Bandkollegen neugierig an. Kian kam ebenfalls herüber
und lehnte sich in den Türrahmen des angrenzenden Schlafzimmers. "Was ist
denn passiert?", fragte er, während er einen Schluck aus seinem Whiskeyglas
nahm. Shane wirbelte so schnell zu ihm herum, dass das schwarze Jackett sich
blähte und er durch den Schwung beinahe das Handy weggeworfen hätte.
Mark lachte im Hintergrund leise, doch das schien Shane nicht mitzubekommen,
denn er sein Blick war immer noch auf Kian geheftet.
"Seid geraumer Zeit erzählt Gill mir ständig, dass wir so wenig Zeit
miteinander verbringen, ich versuche ihr zu erklären, dass das früher
auch nicht anders war, aber ich hab natürlich unrecht. Fein, denk ich mir,
fragst du sie ob sie mit auf die Charity-Veranstaltung geht, aber das is ihr
dann auch nicht recht! Sie fragt mich doch allen ernstes, ob ich eigentlich
auch an ihren Terminplan denken würde und das sie nicht springen würde,
wenn ich rufe, dabei hab ich sie einfach nur gebeten mich zu begleiten! Und
jetzt gerade ruft sie mich an und fragt ob ich eigentlich nicht vorgehabt hätte
ihr einen Wagen zu schicken, oder ob ich allen ernstes denken würde sie
käme mit einem Taxi zum Hotel. Also heißt das wohl, dass sie jetzt
doch mitkommt. Versteh einer die Frauen, ich tu’s jedenfalls nicht!", rief er,
rang die Hände und sah dann Bryan an, der ja als einziger verheiratet war.
Doch dieser hob abwehrend die Hände. "Jetzt sieh bitte nicht mich so fragend
an! Ich bin froh, dass ich nach Jahren der Beziehung und Ehe meine eigene Frau
ansatzweise verstehe, da muss ich nicht auch noch den Ehrgeiz entwickeln, die
von allen anderen verstehen zu wollen!" Shane hob die rechte Hand an die Nasenwurzel
und seufzte leise.
"Vielleicht hat sie ja ihre Tage!", mutmaßte Kian und schmunzelte dabei
in seinen Whiskey. Shane ließ die Hand sinken und sah seinen besten Freund
frustriert an. "Das hatte ich ja auch schon vermutet, aber wenn es daran läge,
dann hätte sie schon seid Monaten ihre Tage und wäre mittlerweile
verblutet!", antwortete er. Lachend stellte Kian sein Glas ab und ging an das
schrillende Telefon.
"Ja hallo? Oh ja Sekunde, ich geb ihn dir! Mark! Für dich. Amy.", sagte
er, erst ins Telefon, danach an Mark gewandt und reichte ihm den Hörer.
Dieser nahm ihn mit gerunzelter Stirn entgegen und hob ihn an sein Ohr. "Ja?
Hey Amy, was gibt’s? Was?! Aber das geht nicht! Das kannst du mir nicht antun!
Nicht heute! Oh shit! Was mach ich jetzt? Nein. Nein ich bin nicht sauer. Du
kannst ja nichts dafür. Ich lass mir schon was einfallen. Ruh dich einfach
ein bisschen aus. See ya. Bye!" Seufzend ließ er sich auf die Couch neben
Bryan fallen. "Amy hat ne Magendarminfektion und kann nicht mitkommen!", erklärte
er den anderen und legte energischer als nötig auf.
Es war kein Geheimnis, dass Mark das einzige Westlifemitglied war, das keine
Freundin hatte und als sich die anderen vier in den Kopf gesetzt hatten ihre
Frauen zu dem Event mitzunehmen, hatte Mark kurzfristig eine alte Freundin zwangsverpflichtet.
Doch jetzt, da sie abgesagt hatte, bekam er ein echtes Problem. "Ich kann doch
da nicht alleine hingehen! Nicht, wenn ihr alle mit euren Mädels im Schlepptau
auftaucht. Ich brauch ne Frau und das innerhalb der nächsten eineinhalb
Stunden!", fügte er nach ein paar Minuten des Schweigens hinzu.
In genau dem Augenblick ging die Tür auf und Sam betrat den Raum. In der
Hand trug sie ein Jackett, den Blick fest auf eine der Nähte gerichtet
kam sie langsam auf die fünf Iren zu. "So Bry! Ich hab deine Jacke genäht.
Ich kann dir aber nicht versprechen, dass die Naht nicht doch wieder aufgeht,
also sei vorsichtig damit!", sagte sie, sah auf und hielt ihm das Jackett hin,
blickte dabei in vier breit grinsende Gesichter. "Was ist denn mit euch los?",
fragte sie misstrauisch. Doch die Jungs reagierten gar nicht auf sie, sondern
sahen immer noch grinsend Mark an. "Du brauchtest doch ne Frau. Nimm sie! Sie
is eindeutig eine!", rief Kian und deutete auf Sam. "Yep und ne ziemlich hübsche
noch dazu!", ergänzte Bryan hilfsbereit.
"Wäre vielleicht einer von euch so freundlich mir zu erklären was
hier los ist?", fragte Sam und verschränkte die Arme vor der Brust. Doch
anstatt zu antworten kam Nicky, der sich mittlerweile von seinem Handy loseisen
konnte, auf sie zu und grinste sie breit an. "Sam! Wärst du bereit Mark
bei der Befriedigung seiner niederen Gelüste zu helfen?", fragte er theatralisch.
Kian legte ihm, ebenfalls grinsend, einen Arm um die Schultern. "Ich stell euch
auch mein extra großes Bett zur Verfügung! Also? Was sagst du?"
Sam blickte, mit zusammengekniffenen Augen und gerunzelter Stirn, von Nicky
zu Kian, weiter zu Mark und dann erneut zu Kian. "Sag mal... seid ihr stoned?",
fragte sie schockiert. "Ach jetzt komm schon! So hässlich is er auch wieder
nicht!", rief Bryan von der Couch aus. Für diesen Satz bekam er dann auch
prompt, von Mark, der ja immer noch neben ihm saß, einen Schlag in den
Magen. Das Grinsen von Kian und Nicky wurde noch breiter, wenn das überhaupt
noch möglich war, und Shane bog sich bereits vor Lachen, beim Anblick ihres
filmreif verdatterten Gesichts.
Schließlich stand Mark auf und schubste die beiden weg. Etwas kraftvoller
als er es gewollt hatte, denn Nicky stolperte, stieß dabei gegen den zurück
taumelnden Kian, welcher sich an Shane festklammerte und diesen noch beinahe
mit auf den Teppich gezogen hätte, wenn er sich nicht geistesgegenwärtig
an einem Stuhl festgehalten hätte. So landete der eine lachend auf dem
anderen, während Shane über ihnen hing und sie gespielt vorwurfsvoll
ansah.
Mark schüttelte bei diesem Anblick den Kopf. "Ignorier die Idioten einfach!
Bei denen haben sich wohl gerade ein paar Hirnwindungen verknotet oder so was
ähnliches. Von wegen niedere Gelüste! Darum geht es gar nicht. Aber
meine Begleitung für die Party hat kurzfristig abgesagt und ich hab jetzt
keinen der Mitkommt. Außer natürlich du würdest dich bereit
erklären mich zu begleiten!", bat er und sah dabei so verzweifelt aus,
dass er vermutlich einen Stein erweicht hätte. Aber Sam war so überrascht,
dass sie nur erneut alle Anwesenden ansah und schließlich wieder bei Mark
landete.
"Ihr seid wirklich stoned! Ihr solltet echt die Finger von harten Drogen lassen,
Jungs! Ich? Auf nem Event wo wahrscheinlich die gesamte Britische Presse anwesend
sein wird? Ja klar! Im Traum!", rief sie und wandte sich zum gehen. Doch sie
hatte nicht mit Mark gerechnet, der sich in einem Anfall unbändiger Verzweiflung,
auf den Boden warf und sie am Hosenbein festhielt.
"Sam warte! Du kannst mich doch jetzt nicht im Stich lassen! Wir sind doch Freunde
und ich brauch dich!", bettelte er. Die beiden "gefallenen Helden’ hatten sich
mittlerweile, immer noch lachend und mit Tränen in den Augen, wieder aufgerappelt
und auch Shane hatte sich den Anzug wieder glatt gestrichen. "Jetzt mal Spaß
bei Seite und ganz im Ernst! Es sieht wirklich ziemlich blöde aus, wenn
wir mit unseren Frauen über den roten Teppich marschieren und Mark solo
hinterher trottet.", versuchte Shane seinem Freund zu helfen. Doch damit machte
er es nur noch schlimmer.
Sams Augen weiteten, als sie das hörte. Roter Teppich? Das musste doch
jetzt gerade echt ein Traum sein. "Was?! Ich! Auf nem roten Teppich! Ja klar.
Mal ganz davon abgesehen, dass ich wahrscheinlich auf eben diesem Teppich vor
Aufregung sterben würde, hab ich überhaupt nichts zum Anziehen dabei!",
rief sie aus und verschränkte die Arme vor der Brust.
Shane und Kian, der sich mittlerweile wieder beruhigt hatte, wechselten ernste
Blicke. "Mmh. Das is natürlich ein Problem. Aber warte mal! Das Hotel hat
doch ne Hauseigene Boutique. Die müsste sogar noch auf sein. Da findest
du sicher was.", erinnerte Kian sie nach einem Blick auf die Uhr und Mark nickte
eifrig.
Doch Sam warf nur die Hände in die Luft. "Ja klar! Noch mehr Wünsche,
Egan? Seh ich allen ernstes aus als hätte ich nen Geldscheißer im
Gepäck? Habt ihr mal auf die Preise gesehen? Die Klamotten sind so übel
teuer, dass ich damit das Limit meiner Kreditkarte definitiv sprengen würde."
"Super! Gute Ausrede!’, dachte sie, hatte aber wieder einmal nicht mit Mark
gerechnet, der sich mittlerweile wieder aufgerappelt hatte und nun nachdenklich
neben Shane stand. "Gar kein Problem! Ich ruf bei der Boutique an und sag der
Tante, dass sie alles was du dir aussuchst auf mein Zimmer schreiben soll! Von
mir aus kauf dir das teuerste Kleid, mit passenden Schuhen, Handschuhen, Handtasche,
Schmuck und allem was dazu gehört, aber lass mich jetzt bitte nicht hängen!
Bitte Sam! Du bist meine letzte Rettung!", beeilte er sich zu sagen und setzte
erneut den Dackelblick auf, den nur er richtig drauf hatte und dem wahrscheinlich
kein Mensch auf dieser Welt wiederstehen konnte.
Sie hatten sie in die Enge getrieben und ihr fiel so schnell kein weiteres gutes
Argument gegen ihren Vorschlag ein, zumal sie ihn ja wirklich nicht einfach
so hängen lassen konnte. Um es einmal mit den Worten von Bernd dem Brot
zu sagen: MIST! Sie rollte die Augen. "Also schön! Wie viel Zeit hab ich?",
fragte sie schließlich und wurde dafür von einem glücklichen
und sehr erleichterten Mark stürmisch umarmt.
"Oh danke, danke, danke! Sam, dafür hast du was gut bei mir! Du hast eine
Stunde, also solltest du dich mit dem Aussuchen deines Kleides ein wenig beeilen.
Ich ruf gleich unten an." Damit eilte er auch schon zum Telefon um der Dame
zu erklären, dass gleich eine junge Frau bei ihr einkaufen würde und
sie einfach alles auf sein Zimmer setzten solle, er würde es dann später
vorbei kommen um zu unterschreiben.
Sam warf Bryans Jackett, welches sie immer noch in der Hand gehalten hatte,
neben ihn auf die Couch, riss die Tür auf und eilte im Laufschritt hinunter
in die Lobby. Hatte sie doch gerade einmal eine Stunde sich ein Kleid auszusuchen
und sich soweit fertig zu machen, dass man ein Foto von ihr ertragen konnte.
Und wieder einmal landeten ihre Gedanken bei Bernd. Mist, mist, mist!
Es war ihr großes Glück, dass sie, was Klamotten anging, sehr entschlussfreudig
war und so dauerte es gerade mal 10 Minuten bis sie sich für ein kurzes
schwarzes Cocktailkleid mit Spaghettiträgern entschieden hatte. Dazu hatte
sie sich offene Pumps und eine passende Stola aus Chiffon ausgesucht. Die freundliche
Verkäuferin packte ihre Sachen in eine große Tüte und wünschte
ihr Lächelnd einen schönen Abend. Sam erwiderte ihr Lächeln ein
wenig gequält, schließlich war sie sich nicht sicher, ob dieser Abend
wirklich schön werden würde und wenn sie an den roten Teppich dachte,
wurde ihr schlecht.
Mit der Tüte bewaffnet, machte sie sich auf den Weg in ihr Zimmer. Dort
angekommen warf sie die Sachen auf das Bett und besah sich das Kleid etwas genauer.
So ein Kleid hätte sie, mit dem passenden Stoff und etwa drei Stunden Zeit
locker selbst nähen können, wenn sie sich überlegte, dass dieser
Fetzten Stoff alleine mehr gekostet hatte, als sie im Monat verdiente, schwirrte
ihr der Kopf. Tja, Yve Saint Laurent müsste man sein! Dann würde man
mit so einem bisschen Aufwand auch so viel Kohle machen! Aber warum machte sie
sich über so etwas überhaupt Gedanken? Schließlich musste sie
es nicht zahlen und die Zeit lief immer noch erbarmungslos gegen sie.
Also eilte sie in das Bad und sprang schnell unter die Dusche. Dann stand sie
in Unterwäsche, mit nassen Haaren am Waschbecken, rasierte sich mit der
linken Hand die gebräunten Beine, während sie die rechte dazu benutzte
sich die Zähne zu putzen. Warum musste sie jetzt plötzlich an den
Film "Tage wie dieser" denken? Tja, die Situation war ähnlich mit einem
kleinen Unterschied. Das hier war kein Film und sie war nicht Michele Pfeiffer.
Hektisch begann sie sich die Haare glatt zu fönen, was aber nicht im geringsten
so gelang wie sie sich das vorstellte. Argh! Im Augenblick hasste sie Mark für
diese absolut dämliche Idee sie mitzunehmen, wünschte ihm die Beulenpest
an den Hals und schwor sich ihn umzubringen sobald er ihr in die Finger kam!
Gut eine Stunde später, standen die Jungs zusammen mit ihren Frauen unten
in der Eingangshalle. Kerry kuschelte sich mit einem glücklichen Lächeln
an Bryan, Nicky und Georgina unterhielten sich leise, genauso wie Shane und
Gillian und Kian gab Jodie, die gerade erst eingetroffen war, einen Kuss zur
Begrüßung. "So und worauf warten wir jetzt noch?", fragte Kerry und
sah sich um. "Auf Marks Begleitung!", antwortete Bryan und gab ihr einen Kuss
auf die Stirn. "Und auf Mark!", fügte Kian grinsend hinzu. Das brachte
sie nun alle zum lachen, schließlich kannten sie Marks Talent fürs
zuspätkommen nur allzu genau. "Das man auf Mark und seine Frauen auch immer
warten muss!", meinte Gillian, nach dem sie sich wieder beruhigt hatten, immer
noch schmunzelnd.
Nicky lachte leise. "Hey, lass ihr noch ein paar Minuten Gill. Sie hat erst
vor ner knappen Stunde erfahren, dass sie mit soll. Amy is krank geworden und
eine nette junge Dame aus dem Team war bereit einzuspringen." In diesem Moment
kam Mark um die Ecke. "Ich hab gerade mal bei ihr im Zimmer angerufen, aber
sie ist nicht ran gegangen. Sie müsste also jeden Moment hier auftauchen."
Wie zur Untermauerung seiner Worte öffneten sich die Lifttüren und
Sam entstieg dem Aufzug. Unsicher sah sie sich um und lächelte, als sie
die Jungs sah. Die wiederum staunten nicht schlecht, als sie ihre Sam, die sie
nur in Jeans und Tanktop kannten, so vor sich stehen sahen.
Sie trug ein enges, schwarzes Cocktailkleid mit silbrig schimmernden Spaghettiträgern.
Ihre langen, gebräunten Beinen steckten in sehr filigranen schwarzen Riemchensandaletten.
Die Haare hatte sie zu einer kunstvollen Hochsteckfrisur à la Audrey
Hepburn aufgetürmt, sie war dezent geschminkt und trug wenig Schmuck. Ihre
hellbraunen Augen leuchteten, als sie sich der Gruppe näherte. "Sam, du
siehst einfach hinreißend aus!", rief Mark und gab ihr einen Kuss auf
die Wange. "Danke! Du auch!", antwortete sie leise und schenkte ihm ein strahlendes
Lächeln.
"Darf ich mal kurz vorstellen? Also, dass ist die neue Assistentin unseres Lieblingsstylisten
Jonas, Miss Sam Reuter. Und das hier ist Georgina Ahern, Tochter des irischen
Premierministers und die zukünftige Mrs. Byrne.", stellte Nicky mit einer
Verbeugung vor. Georgina hob ansatzweise eine ihrer fein geschwungenen Augenbrauen.
"Du weißt genau, dass darüber das letzte Wort noch nicht gesprochen
ist. Ich hab immer hin noch nicht eingewilligt deinen Namen anzunehmen." Nicky
rollte die Augen. "Ich weiß gar nicht was du hast. Byrne ist doch ein
schöner Name, außerdem ist es so üblich!" Seine Verlobte verschränkte
die Arme vor der Brust. "Es ist mir offen gesagt ziemlich egal was üblich
ist und was nicht. Ich finde einfach Georgina Byrne klingt irgendwie doof!"
Nicky wollte zu einer Antwort ansetzen, kam aber nicht dazu.
"Ignorier sie einfach, Sam! Darüber streiten die beiden schon, seitdem
Geo seinen Antrag angenommen hat. Hi! Ich bin Kerry! Freut mich dich kennen
zu lernen!", wandte sich Bryans Frau an Sam und unterbrach Nicky und seine beinahe
angetraute somit. Nachdem sich auch Gillian und Jodie vorgestellt hatten, machten
sie sich auf den Weg zur Party.
Sie fuhren mit zwei großen Limousinen. In der einen saßen Kian,
Jodie, Nicky und Georgina, in der anderen Bryan, Kerry, Shane, Gillian, Mark
und Sam. Gemütlich fuhren sie durch die Londoner Innenstadt und je näher
sie ihrem Ziel kamen, desto nervöser wurde Sam. Was genau machte sie hier
eigentlich? Sie war doch einfach nur eine kleine, dämliche Stylistin. Sie
war weder Marks Freundin, noch war sie darauf aus sich am nächsten morgen
in der "Sun’, dem "Mirror’, oder wie sie alle hießen, zu sehen. Warum
musste den auch unbedingt im falschesten Augenblick rein kommen? Niemand hätte
an sie gedacht, wenn sie nicht genau in dem Moment, in dem Amy abgesagt hatte,
das Zimmer betreten hätte. Wieso tat sie das hier? Klar, sie und Mark waren
Freunde, aber musste man denn für seine Freunde wirklich alles tun? Diese
und ähnliche Fragen wirbelten durch ihren Kopf während sie versuchte
ihren rebellierenden Magen zu beruhigen. Das letzte Mal war sie so nervös
gewesen als... ach, warum machte sie sich selbst was vor? Sie war noch nie in
ihrem Leben so nervös gewesen!
Plötzlich legte Mark ihr eine Hand auf das Knie. Sie schreckte hoch und
sah in sein lächelndes Gesicht. Seine blauen Augen funkelten amüsiert.
"Aufgeregt? Angst das die bösen Reporter dich fressen?", fragte er und
grinste breit. Er wusste genau wie beschissen sie sich gerade fühlte, musste
er da auch noch so blöde Witze machen? "Pass bloß auf, Feehily! Strapazier
dein Glück nicht zu sehr! Ich könnte jetzt dem Chauffeur sagen, dass
er halten soll, damit ich aussteigen kann. Oder ich bring dich einfach hier
und jetzt um. Ich weiß noch nicht was mehr Spaß macht, zuzusehen
wie du verblutest oder morgen in der Zeitung zu lesen, das es nicht geschafft
hast ein Date für die Party zu finden.", erklärte sie mit erhobenem
Zeigefinger. Natürlich meinte sie das nicht so ganz ernst und weil Mark
das auch wusste, schüttelte er nur grinsend den Kopf und ignorierte ihre
spitze Bemerkung.
Kerry lächelte freundlich und ergriff ihre Hand. "Mach dir nichts daraus.
Als ich das erste Mal über einen roten Teppich laufen musste, war ich auch
total nervös. Das gibt sobald du erst mal drauf stehst.", sagte sie aufmunternd
und Gillian nickte zustimmend. Plötzlich ging ein Ruck durch den Wagen
und er hielt. Sam sprang das Herz in die Kehle, als sie den dumpfen Schlag der
zuklappenden Fahrertür vernahm, nur Sekunden bevor die hintere Tür
geöffnet wurde. Shane und Gillian waren die ersten die ausstiegen, danach
begaben sich Bryan und Kerry ins Freie. Mark sah Sam in die Augen. "Bereit?",
fragte er. Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, nickte sie unsicher.
Mark stieg aus und reichte ihr eine Hand in das Innere des Wagens, die sie dankbar
ergriff und ebenfalls ausstieg.
Sekunden später stand sie neben ihm und wusste nicht so genau was sie tun
sollte. Vor sich sah sie einen langen, roten Teppich. Auf dem standen gerade
Bryan und Kerry und gaben ein Interview, etwas weiter vorne, betraten Shane
und Gillian gerade das Gebäude. Rechts und Links gab es Absperrgitter wie
bei einem Konzert, dahinter tummelten sich Fotographen und auch einige Fans.
Überall um sie herum klickten Fotoapparate und das Blitzlichtgewitter war
so heftig, dass sie fürchten musste blind zu werden.
Sam war wie erstarrt und traute sich keinen Schritt vorwärts. Mark, dem
das nicht verborgen geblieben war, legte ihr einen Arm um die Hüfte und
schob sie mit sanfter Gewalt in Richtung Haupteingang. Sie machte gute Mine
zum bösen Spiel und lächelte, schließlich hatte sie auch gar
keine andere Wahl. Zum Umkehren war es jetzt zu spät. Insgeheim legte sie
sich schon mal einen Plan für den perfekten Mord zu recht, denn für
das hier würde sie Mark definitiv töten. Sie war sich sicher, dass
Mark Feehily den heutigen Abend nur mit sehr viel Glück übeleben würde!
Obwohl sie ihr eigenes Leben gerade viel gefährdeter sah. Die Reporter
stürmten auf sie ein, knipsten das die Kameras qualmten und versuchten
immer wieder ein Interview zu erhaschen, während einige Mädchen in
der zweiten und dritten Reihe sie böse anfunkelten.
Nie waren ihr ein paar Meter so lange vor gekommen wie an diesem Abend und sie
war froh, als sie die Stufen und den roten Teppich hinter sich gelassen hatte
und nun in der Eingangshalle stand, wo auch Bryan und Shane gewartet hatten.
Als sie zurück blickte, sah sie wie gerade Nicky mit Georgina im Arm den
Teppich entlang kam. "Na, war doch halb so schlimm, oder? Du hast das doch super
hin bekommen!", lobte sie Bryan und lächelte freundlich. "Danke, Bryan.
Obwohl ich eine Zeitlang nicht damit gerechnet hatte jemals hier anzukommen.
Gott! Die sind ja wie Hyänen!", rief sie aus.
Kerry grinste breit. "Natürlich sind sie das! Sie wittern die Story des
Jahres. Jeder da draußen wird sich jetzt fragen, wer du bist! Morgen werden
die Zeitungen voll von Spekulationen sein, ob du Marks neue Freundin bist, oder
nicht. So sind sie eben!", sagte sie lachend und Bryan nickte zustimmend.
Sams Augen weiteten sich vor Schreck. Was hatte Kerry gerade gesagt? Oh shit!
Daran hatte sie ja jetzt überhaupt nicht mehr gedacht! Natürlich würden
die Bilder von ihr und Mark morgen in jeder bekannten Zeitung auf der Insel
zu finden sein und die gesamte Britische Presse würde versuchen sich gegenseitig
mit den abenteuerlichsten Spekulationen, wer sie war und woher sie kam, zu übertreffen.
Okay, damit konnte sie leben, aber was war, wenn dieses Gerücht bis nach
Deutschland schwappte? Was, wenn Sascha diese Gerüchte zu Ohren kamen,
wenn er die Bilder sehen würde? Jetzt wo sie sich gerade wieder vertragen
hatten, wo er erst vor zwei Tagen angerufen und sich Zähneknirschend bei
ihr Entschuldigt hatte. Fieberhaft begann sie zu überlegen in welchen Zeitungen
diese Berichte kommen würden. Bravo, Yam und wie die Teeniezeitungen nicht
alle hießen, würden mit Sicherheit darüber berichten, aber so
was las Sascha zum Glück nicht. "Die Bild’ würde vielleicht einen
kleinen Bericht schreiben, aber die wurde in der Familie Liebig auch nicht gelesen.
Sonst würde sich vermutlich kein deutsches Magazin die Mühe machen
über die Party zu berichten.
"Erde an Sam! Weilst du noch unter den Lebenden?", fragte Mark gerade, während
er mit der Hand vor ihrem Gesicht wedelte. Sie schreckte hoch. Sie war so in
ihre Gedanken vertieft gewesen, dass sie nicht einmal bemerkt hatte, dass es
auch Kian und Nicky mittlerweile geschafft hatten bis zu ihnen vorzudringen.
"Was? Entschuldige bitte! Ich hab mich wohl kurzfristig ausgeklinkt. Was hast
du gesagt?" Mark schüttelte gutmütig den Kopf. "Schon okay! Bryan
hatte nur vorgeschlagen, dass wir rein gehen sollten und ich hab gefragt ob
du kommst!"
Sam nickte und so betraten sie den Saal. "Hör auf dir Gedanken zu machen!
Er wird es nicht mitbekommen! Also genieß einfach den Abend!’, hörte
sie ihr inneres Stimmchen sagen. Richtig! Er würde es nicht herausfinden.
Und selbst wenn, war es denn so schlimm mit Mark auf einer Party gesehen zu
werden? Tja, eigentlich nicht, aber Sascha würde sich wahrscheinlich in
seiner Ehre und seinem Stolz verletzt fühlen, oder irgend so was. Also
war es wohl besser wenn er es nicht wusste und wohl zum aller ersten Mal in
ihrem Leben, war sie froh, dass Westlife in Deutschland nicht ganz so berühmt
waren wie hier in England oder in Irland.
Der Saal war festlich dekoriert und ganz in weiß und silber gehalten,
was Sam sehr gut gefiel. Überall zwischen den Tischen, standen Massen von
festlich gekleideten Menschen. Zwischen ihnen huschten Fracktragende Kellner,
mit riesigen versilberten Tabletts voller Champagnergläser, hin und her.
Einer kam auf sie zu und fragte sie freundlich, ob er ihr ein Glas Champagner
anbieten dürfe. Sie nickte und nahm sich vorsichtig eins von seinem Tablett.
Dann eilte er weiter, während Sam an ihrem Glas nippte.
So standen sie einige Minuten in dem Saal, bis Mark sie plötzlich am Arm
berührte und in Richtung eines Tisches nickte, auf den er dann schließlich
auch zu steuerte. Sie folgte ihm langsam und in einigem Abstand. Es waren große,
jeweils für acht Personen gedeckte, Tische, mit weißen Damasttischdecken.
In der Mitte standen Gestecke aus weißen Rosen, in denen silberne Bänder
und funkelnde Kerzen eingearbeitet waren. An dem, auf den sie nun zugingen,
saßen bereits zwei Personen die in ein Gespräch miteinander vertieft
schienen. Sams Schritt wurde immer langsamer, weil sie glaubte die Personen
zu kennen und schließlich blieb sie ganz stehen, als sie erkannte, wessen
Tisch es war.
Sie überlegte, ob sie zu Mark aufschließen und ihn davon abhalten
sollte weiter zu gehen. Doch in genau diesem Moment kam er in Rufweite zu dem
Tisch. "Ronan! Yvonne! Schön euch zu sehen!", rief er. Ronan Keating und
seine Frau sahen auf und lächelten breit, als sie sahen, wer sich da so
beschwingt ihrem Tisch näherte. Sie standen auf und umarmten Mark freundschaftlich.
"Hey Marky! Schön dich zu sehen! Wo hast du denn die anderen gelassen?",
fragte er und lächelte.
Die ließen natürlich auch nicht lange auf sich warten und dann wurden
freundschaftliche Umarmungen, Küsse und Komplimente über Kleider ausgetauscht.
Sam die sich, seitdem sie Ronan und Yvonne Keating erkannt hatte, keinen Zentimeter
von der Stelle bewegt hatte, stand nun etwas abseits, drehte mit verschüchtertem
Blick den Stiel ihres Champagnerglases und kam sich plötzlich einfach nur
total fehl am Platze und total underdressed vor.
Ronan Keatings Frau trug ein langes blaues Kleid, mit weitem Rock und einer
mit kleinen funkelnden Strasssteinen besetzter Corsage. Dazu einen seidenen
Schal in der selben Farbe. Jodie hatte sich für ein kurzes, enges, weißes
Kleid entschieden, welches mit kleinen blau-weißen Strasssteinchen verziert
war. Georgina hatte ein langes Kleid aus blauer Seide an, dessen Farbe bei jeder
Bewegung in ein tiefes Violett oder ein kräftiges Grün wechselte.
Kerry war in einen schwarzen Smoking gehüllt. Mit seidig schimmernden Revers
ließ das für Frauen höchst untypische Kleidungsstück tief
blicken und vermuten das sie nur einen BH darunter trug. Wenn überhaupt!
Was Bryans nervöse Blicke erklären würde. Gillian trug ebenfalls
schwarz. Allerdings war es eine Corsage die mit seidig schimmernden Schnörkeln
verziert war. Dazu einen langen, engen, hochgeschlitzten Rock. Sie kam sich
in ihrem kurzen, völlig unverzierten und unscheinbaren Kleid plötzlich
einfach nur albern vor und auch die Tatschache, das es von Yve Saint Laurent
war, konnte die einfache Schnittform nicht mehr ändern. Sie wollte einfach
nur noch weg.
In dem Moment richteten sich jedoch zwei Augen auf sie. "Mark! Schäm dich!
Du hast uns deine Reizende Begleitung noch gar nicht vorgestellt.", ertönte
die wohlklingende Stimme Yvonne Keatings. Mark sah sich zu der etwas schockiert
drein blickenden Sam um und lächelte als er einen Arm um ihre Hüften
legte und sie zu sich zog. "Oh entschuldigt bitte! Darf ich vorstellen? Das
ist Sam Reuter. Sie macht gerade ein Praktikum bei uns als Stylistin und sie
war so überaus freundlich für Amy einzuspringen. Die hat sich nämlich
an irgend etwas den Magen verdorben und konnte deshalb nicht mit!", stellte
er ohne große umschweife vor.
Sam lächelte, allerdings etwas gezwungener und ergriff die ihr dargebotene
Hand. "Es freut mich sehr ihre Bekanntschaft zu machen, Mrs. Keating. Mr. Keating!
Darf ich sagen, dass mir Ihr letztes Album sagenhaft gut gefallen hat?" Ronan
Keating lächelte freundlich. "Vielen Dank für die Blumen! Aber damit
fangen wir gar nicht erst an! Mr. Keating heißt Ronan. Und Mrs. Keating
Yvonne! Das ist angenehmer und viel leichter zu merken.", sagte er grinsend.
Sam nickte und lächelte. Er war ihr auf Anhieb sympathisch.
Yvonne legte unterdessen die schöne Stirn in Falten. "Reuter? Das klingt
aber nicht sehr englisch.", meinte sie und sah Sam fragend an. Diese lächelte
etwas hilflos und nickte. "Nein, nicht wirklich. Es ist ein deutscher Name.
Mein Vater ist Deutscher.", antwortete sie. Yvonne nickte langsam. "Dafür
ist Ihr Englisch aber ausgezeichnet." Wieder lächelte Sam. "Das liegt daran,
dass meine Mutter Engländerin ist und wir bis zu meinem siebten Lebensjahr
in Manchester gelebt haben.", erwiderte sie.
Kian und Jodie hatten es sich bereits, genau wie Nicky und Georgina, auf den
Stühlen bequem gemacht. Shane steuerte gerade den freien Stuhl neben Yvonne
an, als diese blitzschnell nach Sams Arm griff. "Sie müssen beim Essen
neben mir sitzen und mir das etwas ausführlicher erzählen! Hat ihre
Familie denn noch ein Haus in Manchester?", fragte sie und zog sie auf den Stuhl.
Shane zuckte die Achseln. "Die Kellner werden ungeduldig! Offenbar wird das
Essen kalt! Okay Lads! Wir sehen uns dann später!", rief er gutgelaunt,
griff sich Gillian und steuerte den Nebentisch an. Yvonne Keating atmete hörbar
aus. Sam zog eine Augenbraue hoch. Sie war verwirrt und irgendwie entsetzt.
"Entschuldigen Sie, wenn ich so direkt bin aber... Sie scheinen Shane nicht
besonders zu mögen. Kann das sein?", fragte sie gerade heraus.
Mrs. Keating sah dem jungen Mann hinterher, der gerade die anderen Gäste
am Tisch begrüßte. "Shane? Nein! Ich mag Shane! Er ist sehr nett
und höflich! Es tut mir leid, wenn ich sie gerade etwas unwirsch auf diesen
Stuhl bugsiert habe. Es ging mir dabei nicht um Shane, sonder eher um Gillian.
Sieh mich bitte nicht so missbilligend an, Ronan! Du weißt genau, dass
ich mit ihr nicht reden kann. Sie mag ja vielleicht ein liebe, nette Person
sein, aber irgendwie ist sie mir zu kühl! Außerdem hab ich noch kein
Thema gefunden, über das ich mich mit ihr unterhalten könnte und schließlich
kenne ich Gillian schon. Sie hingegen nicht und ich liebe es neue Menschen kennen
zu lernen.", sagte sie und schon steckte Sam in einem Gespräch mit Yvonne
Keating, dass sie immer noch führten, als die Vorspeise, die Suppe und
der Hauptgang serviert wurden. Und auch nach dem Essen waren sie immer noch
in eine Unterhaltung über Gott und die Welt verstrickt. Yvonne war eine
sehr angenehme und sympathische Frau. Es machte Spaß mit ihr zu reden
und es machte fast noch mehr Spaß ihr zuzuhören.
Nach und nach hatten sich alle die während des Essens an ihrem Tisch gesessen
hatten verzogen. Yvonne hatte gerade eine Urkomische Geschichte über ihr
Kennenlernen mit ihrem Mann erzählt und die beiden Frauen hielten sich
lachend die Bäuche, als ihr Blick auf die leeren Stühle fiel.
"Sagen Sie mal, Sam... hat nicht gerade noch mein Mann da gesessen?", fragte
sie und deutete auf einen der Stühle ihr gegenüber. Sam folgte ihrem
Blick und nickte. "Ja. Aber Mark und er sind vor gut 20 Minuten aufgestanden
und zusammen weg gegangen."
Die Ältere reckte den Hals und sah sich im überfüllten Saal um.
"Haben sie gesehen in welche Richtung die Beiden verschwunden sind?", fragte
sie weiter. Dieses Mal schüttelte Sam jedoch den Kopf. "Tut mir leid, Yvonne.
Aber ich hab ihnen so konzentriert zugehört, dass ich nur so aus dem Augenwinkel
mitbekommen hab das die Beiden aufgestanden sind und ehrlich gesagt hab ich
mir auch nicht so viele Gedanken darüber gemacht wo sie hingegangen sein
könnten."
Yvonne seufzte. "Dieser Mann! Wenn man ihn auch nur eine Sekunde aus den Augen
lässt, dann ist er weg. Besonders schlimm ist es, wenn er mit einem seiner
Freunde unterwegs ist. So wie eben jetzt gerade. Dann kommt er ständig
auf dumme Ideen! Das letzte Mal, als er einfach so auf einer Party verschwunden
ist, hat er sich eine Harley andrehen lassen. Das ist jetzt ein Jahr her und
er hat immer noch keinen Motorradführerschein, hat auch keinerlei Ambitionen
einen zu machen und weigert sich standhaft dieses blöde Ding zu verkaufen.",
erzählte sie, rollte genervt die Augen und reckte dann erneut den Hals
um über die Köpfe der anderen hinweg sehen zu können. Sam lachte
leise. "Dann sollten Sie ihn vielleicht besser suchen gehen, bevor er noch auf
die Idee kommt ein Ferienhaus in Sibirien zu kaufen." Yvonne bekam große
Augen.
"Meinen Sie, so was könnte er tun?", rief sie schockiert. Sam zuckte die
Achseln. "Ich weiß es nicht. Er ist Ihr Mann! Aber sie wissen doch wie
Männer sind." Sam hatte das Gefühl das die Augen der Älteren
noch ein bisschen größer wurden. "Oh Gott! Sie haben recht! Ich muss
Ronan suchen! Ich muss ihn finden, bevor er irgendwas Dummes macht! Dafür
müsste ich sie aber alleine lassen. Es sei denn natürlich, Sie möchten
gerne mitkommen.", fügte sie hinzu.
Die Angesprochene hob abwehrend die Hände. "Nein, nein! Das ist schon in
Ordnung. Ich bleib einfach hier sitzen, halte mich an meinem Glas fest und warte
das irgend jemand auftaucht, dem ich ein Gespräch aufs Auge drücken
kann. Ach ja und wenn Sie zufälligerweise auch Mark treffen, dann erinnern
Sie ihn doch bitte daran, dass ich seine Begleitung bin... und nicht Ronan!",
sagte sie schmunzelnd.
Yvonne grinste breit und reckte, zwinkernd den Daumen in die Höhe. "Geht
klar!" Dann stand sie auf und bahnte sich einen Weg durch die Menge. In vielen
Fällen waren Stars halt doch nur ganz normale Menschen.
Sam blickte seufzend auf das Glas in ihrer Hand. In was hatte sie sich eigentlich
schon wieder hineinbucksiert? Noch vor ein paar Monaten war sie in Köln
gewesen und hatte sich gewünscht Westlife zu treffen und jetzt saß
sie in einem Saal, mitten in London, zwischen lauter Celebritys, schlürfte
sündhaft teuren Champagner und von ihrem Begleiter, Mark Feehily von eben
dieser Boyband, war weit und breit nichts zu sehen. Warum passierte so etwas
eigentlich immer ihr?
Sie nahm einen Schluck aus ihrem Glas und begann die Anwesenden zu mustern.
Wenn sie hier schon fest saß, konnte sie auch ein bisschen Stoff für
ihr Reisetagebuch sammeln. Damit sie auch ja nicht vergaß Xander etwas
zu berichten. Wobei sie bezweifelte das er ihr das hier glauben würde.
Der Raum sah einfach wundervoll aus! Die Deckenbeleuchtung war nach dem Essen
weitestgehend herunter gedreht worden. An ihrer Stelle strahlten nun zwei bläuliche
Spotlights auf die Tanzfläche hinab und tauchten die Tanzenden in ein beinahe
unwirkliches Licht, während die Beleuchtung des restlichen Saals von den
Wänden ausging, die über und über mit Netzen aus kleinen, weißen
Birnchen bespannt waren. Zusätzlich sorgten die Kerzen auf den Tischen
für eine ruhige und romantische Atmosphäre.
Als sie sich weiter umsah, entdeckte sie einige Sternchen aus Film und Fernsehen.
Unter anderem einen lokalen Nachrichtensprecher in Begleitung seiner Wetterfee
und einem von Jodies Hollyoakes Kollegen. Aber sie fand auch einige echte Weltstars,
wie Alan Rickmann, der mit seiner Frau tanzte, oder Liam Neeson, der sich gerade
angeregt mit dem Schlagzeuger von "U2’ unterhielt.
Auf der Tanzfläche entdeckte sie auch Bryan und Kerry. Sie schmiegte sich
in seine Arme, während sie sich sanft zu den Klängen von "She’s like
the wind’ bewegten. Sie wirkten dabei so glücklich. An einem Tisch, etwas
abseits der tanzenden Menge, saßen Nicky und Georgina. Sie unterhielten
sich leise, strahlten miteinander um die Wette oder sahen sich einfach nur stumm
in die Augen. Dann beugte er sich plötzlich vor und küsste sanft ihren
Hals, was ihr ein leises Lachen entlockte. Die Welt um die herum schienen sie
völlig vergessen zu haben. Sie wirkten so glücklich und verliebt,
als wären sie erst seid ein paar Wochen zusammen und niemand der sie nicht
kannte und diese Szene beobachtete, hätte ihnen geglaubt, dass sie schon
seid neun Jahren ein Paar waren.
Sam seufzte leise. "Es gibt Paare, da hört das schon nach zwei Jahren auf’,
dachte sie traurig während sie wehmütig an Sascha dachte. Wann hatte
er sie zum letzten Mal so angesehen, sie so angestrahlt oder aus heiterem Himmel
ihren Hals geküsst? Oder hatte er das je? Sie wusste es nicht mehr und
irgendwie machte ihr das Angst.
Lautes Lachen riss sie aus ihren düsteren Gedanken und als sie sich umdrehte
entdeckte sie Mark, der sich angeregt mit Louis Walsh und Ronan Keating unterhielt.
Sie sah, wie Ronan gerade Mark auf die Schulter klopfte, bevor er einen Schluck
aus seinem Glas trank und hoffte grinsend, dass er nicht gerade ein Lama gekauft
hatte.
Etwas abseits, entdeckte sie Jodie. Auch sie beobachtete die drei, allerdings
schien sie diese Szene nicht ganz so lustig zu finden wie sie selbst. Sie hatte
die Arme vor der Brust verschränkt und musterte die Männer mit einem
tödlichen Blick. Sam fragte sich was ihr so die Laune verdorben haben könnte,
denn das sie schlecht drauf war hätte sogar ein Blinder mit Sonnenbrille
bemerkt. Sam reckte den Hals und hielt nach dem Rest der Gruppe Ausschau, aber
von Kian, Shane, Gillian und Yvonne fehlte jede Spur.
Sie orderte bei dem Kellner, der gerade geschäftig an ihr vorbei lief,
ein weiteres Glas Champagner, welches auch nur einige Minuten später vor
ihr auf dem Tisch stand. Wenn sie so weiter machte, dann würde Mark sie
nachher ins Hotel tragen müssen. Aber was sollte sie auch anderes tun,
als hier zu sitzen und ein Glas nach dem anderen zu trinken? Bei einer normalen
Party wäre sie schon längst auf den Beinen und würde Kontakte
knüpfen. Aber das war hier nicht ganz so einfach. Wie sollte sie das denn
auch anstellen? Sollte sie auf Alan Rickmann zurennen und drauf los quatschen:
"Hi Mr. Rickmann. Mein Name ist Sam Reuter. Ich fand Ihre Darstellung von Professor
Snape im neuen Harry Potter echt gut. Ich mag Ihre Filme sehr gern!’ Ja! Klar!
Dann würde man sie vielleicht höchstens in ner "Hab mich lieb’-Jacke
abführen.
Während sie so die Stars beobachtete verdichtete sich in ihr das Gefühl
absolut und zu 100% überflüssig zu sein. Warum tat sie sich das hier
eigentlich noch an? Schließlich sollte sie nur mit Mark über den
roten Teppich schreiten. Sie hatte ihre Schuldigkeit getan und konnte jetzt
eigentlich zusehen, dass sie ins Hotel zurück kam. Dort könnte sie
dann noch einen Kaffee mit Maureen und Jonas trinken, bevor sie sich in ihr
Bett kuschelte und sich die Wiederholung von "Breakfast at Tiffanys’ ansah.
Sie überlegte sich gerade ernsthaft ob sie sich ein Taxi kommen lassen
sollte, als sich eine Gestalt in ihr Blickfeld schob und sie mit leiser Stimme
ansprach. "Hey Sunshine! Warum sitzt du denn hier so alleine rum?"
Sam erschrak so heftig, dass sie leise aufschrie, nur Sekunden bevor sie zusammenfuhr
und das noch fast volle Champagnerglas vom Tisch fegte, welches auch sogleich
auf dem Boden zersprang und seinen teuren Inhalt in alle Richtung verspritzte.
Shane schaffte es gerade noch rechtzeitig einen Schritt zurück zu machen,
bevor sich ein Großteil des Don Perignons an genau der Stelle ergoss,
an der er vor wenigen Sekunden noch gestanden hatte.
"Für mich keinen Champagner mehr, aber trotzdem vielen Dank", sagte er
und grinste verschmitzt. So wirklich lustig fand Sam das jetzt allerdings nicht.
Entnervt rollte sie die Augen. "Ha ha Filan! Wahnsinnig witzig! Wenn du mich
umbringen willst, dann sag das doch gleich. Du hast mich fast zu Tode erschreckt.",
sagte sie gereizt. Er ignorierte ihren vorwurfsvollen Unterton, zog sich einen
Stuhl heran und setzte sich. "Sorry Sam! Das wollte ich nicht. Ich hab dich
nur gerade hier so alleine rumsitzen sehen und dachte mir, ich komm mal rüber
und frag dich ob du Lust hast mit mir zu tanzen."
Sam sah ihn mit hochgezogener Braue an. "Du fragst mich ob ich mit dir tanzen
will? Wo hast du denn Gillian gelassen? Willst du nicht lieber mit ihr tanzen?"
Shane seufzte, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und streckte die Beine.
"Keine Ahnung wo Gill sich rumtreibt. Ich hab sie irgendwann nach dem Dessert
aus den Augen verloren. Vermutlich steht sie gerade mit ihren Freundinnen rum
und unterhält sich mit ihnen über die neueste Frühjahrskollektion
von Versace oder sie heult sich bei ihnen aus, was für ein furchtbarer
Freund ich doch bin oder vielleicht ist sie auch geplatzt. Ich weiß es
nicht und um ganz ehrlich zu sein ist es mir gerade auch herzlich egal.", erklärte
er.
Sam blinzelte überrascht. "Hört, hört! Das sind ja ganz neue
Töne! Ich dachte du hättest sie so vermisst. Beim Essen schien doch
noch alles in Ordnung zu sein und jetzt solche Worte?", fragte sie leicht irritiert.
Shane beugte sich in seinem Stuhl vor und sah ihr fest in die Augen. Sam schluckte,
denn obwohl sie ihn schon oft ernst gesehen hatte, war sie sich ziemlich sicher,
ihn noch nie SO ernst gesehen zu haben. "Versteh mich jetzt bitte nicht falsch,
Sam. Ich habe sie vermisst und ich hab mich sehr darauf gefreut sie heute Abend
wieder zu sehen. Aber ich hab echt keine Lust meinen Abend mit jemandem zu verbringen,
der ein Gesicht macht, als hätte er gerade in etwas sehr saures gebissen.
Seid dem Essen hatte sie nichts besseres zu tun als mich wegen Kleinigkeiten
anzumeckern und schließlich ist sie genervt abgezogen. Ich kann doch schließlich
auch nichts dagegen tun, dass die Mädels schreien wenn sie mich sehen und
ich kann auch nichts dafür das wir so beliebt geworden sind. Aber anstatt
sich für uns zu freuen, macht sie mir Vorwürfe. Ich meine... ach is
ja auch egal. Ich will dich damit jetzt echt nicht langweilen. Ich will mich
heute einfach amüsieren und wenn das mit ihr zu Zeit nicht möglich
ist, dann muss ich mir halt jemand anderen suchen. Und da Mark dich gerade so
schändlich vernachlässigt, bist du einfach die ideale Besetzung für
den Job. Komm schon! Gib dir nen Ruck! Bitte!" Bei den letzten Worten war er
aufgestanden. Jetzt streckte er ihr die Hand entgegen und sah sie mit dem gleichen
Dackelblick an, mit dem Mark sie hier her gebracht hatte und obwohl er ihn nicht
ganz so gut drauf hatte wie sein Bandkollege, ergriff sie schmunzelnd seine
Hand und ließ sich von ihm auf die Tanzfläche führen.
Der DJ war, zu Sams großer Erleichterung, dazu übergegangen Uptempo-songs
zu spielen und Shane und sie rockten ausgelassen über die Tanzfläche.
Shane war ein absolut genialer Tänzer und sie hatte sich selten so wohl
gefühlt wie in diesem Augenblick. Sie hätte es nie für möglich
gehalten, aber sie amüsierte sich königlich! Doch plötzlich bekam
der DJ wieder eine Schmusephase, gepaart mit einer nostalgischen Anwandlung,
denn der nächste Song, der aus den Boxen drang, war "You know’ von Caught
in the act, die sich ja ein paar Jahre zuvor aus dem Showbiz zurück gezogen
hatten. Sam wollte die Tanzfläche verlassen, doch zu ihrem Entsetzen griff
Shane blitzschnell nach ihrem Handgelenk und zog sie in seine Arme.
Natürlich protestierte sie dagegen und versuchte sich aus seinem Griff
zu befreien, doch leider war Shane stärker als er aussah. Er machte sich
gar nicht erst die Mühe ihr zuzuhören und er machte auch keinerlei
Anstalten sie los zu lassen. "Vergiss es sunshine. Ich werd dich jetzt, wo ich
so lange auf dich einreden musste, um dich zum tanzen zu bewegen, nicht gehen
lassen, nur weil der DJ meint ein paar Balladen spielen zu müssen. Also
mach es dir bequem und genieß den Song.", sagte er grinsend. "Du bist
ein Arsch, Shane Filan. Ich hoffe du weißt das!" Shanes grinsen wurde
breiter. "Yep! Und stolz darauf!"
Sam schüttelte den Kopf und seufzte tonlos. Da sie an ihrer augenblicklichen
Situation sowieso nicht viel ändern konnte, beschloss sie das Beste daraus
zu machen. Also lehnte sie ihren Kopf gegen seine Schulter, schlang die Arme
um seinen Hals und schloss die Augen. Sie musste schmunzeln, als sie daran dachte,
wie oft sie sich schon gefragt hatte wie es wäre mit Shane zu tanzen, wie
es sich anfühlen würde von ihm gehalten zu werden, so wie in diesem
Moment.
Doch ihre Gedanken lösten sich förmlich in Luft auf, als die einzigartige
Ausstrahlung Shanes sie völlig in ihren Bann zog und es außer ihm
nichts mehr gab, was noch eine Rolle zu spielen schien. Der warme, weiche Stoff
seiner Smokingjacke, der leichte Duft von Hugo Deep Red der von ihr ausging
und das Gefühl von seinem Körper an ihrem, schienen ihr beinahe den
Verstand zu rauben. Überdeutlich fühlte sie seine starken, warmen
Hände durch den dünnen Stoff ihres Kleides. Ihre Haut begann zu prickeln
und ein Schauer erfasste sie, als sein Atem leicht ihre bloße Schulter
streifte. Während sie sich langsam im Takt der Musik bewegten, gab Sam
der Versuchung nach, ließ ihre Hand über seinen Rücken gleiten
und plazierte sie dann kurz über seinem Steißbein. Sie meinte zu
fühlen, wie ein leichtes Zittern durch seinen Körper fuhr und ein
Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht.
Sie ertappte sich dabei das sie sich wünschte, dieser Tanz würde niemals
enden. Doch die letzten Noten des Liedes verklangen und Sam hob den Kopf. Ihre
Blicke begegneten sich und Sam hatte das Gefühl ihr würde das Herz
stehen bleiben, als sie tief in seine wundervollen, sanften Augen sah. Aus Angst
sich in ihnen zu verlieren, riss sie ihren Blick los und musterte statt dessen
sein Gesicht einige Sekunden lang eingehend. Wanderte von den Haselnußbraunen
Augen mit den langen, dunklen Wimpern, über die feingeschnittene Nase und
blieb schließlich an den vollen, leicht geöffneten Lippen hängen.
Erst als sie der fast unbändige Wunsch packte ihn zu küssen, um nur
ein einziges Mal seine Lippen auf den ihren zu spüren, schaltete sich ihr
rationales Denken wieder ein.
Mit geröteten Wangen schlug sie die Augen nieder und ließ die Arme
sinken. "Du bist ein fantastischer Tänzer, Shane.", flüsterte sie
heiser. Shane suchte erneut ihren Blick und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln.
"Bei der Partnerin kann man ja auch nur gut tanzen.", antwortete er und ließ
sie fast schon wiederwillig los. Keinen Augenblick zu früh, wie sich fast
sofort herausstellte.
"Ach da bist du ja Shane! Ich hab’ schon den halben Saal nach dir abgesucht!
Aber du scheinst mich ja nicht sonderlich vermisst zu haben.", ertönte
Gillians Stimme hinter ihnen und nur Sekunden später tauchte sie neben
Shane auf. Er legte ihr einen Arm um die Taille und lächelte. "Aber doch
Honey! Natürlich! Aber du warst wie vom Erdboden verschwunden und da dachte
ich du seist vielleicht schon ins Hotel gefahren.", antwortete er.
"Nein! Wie du siehst bin ich noch hier. Du hast doch nichts dagegen wenn ich
abklatsche oder?", fragte sie an Sam gewandt. Diese lächelte und schüttelte
den Kopf. "Aber nein, Gillian. Er gehört ganz dir.", sagte sie, machte
auf dem Absatz kehrt und strebte dem Rande der Tanzfläche entgegen.
"Was genau war das gerade?’, fragte sie sich, während sie mit weichen Knien
und klopfendem Herzen über das Parkett eilte. Sam war verwirrt und wütend.
Verwirrt, weil sie das eben geschehene nicht einordnen konnte, weil sie glaubte
immer noch die Wärme von Shanes Händen auf der Haut zu fühlen,
weil sie nicht verstand warum ihr Herz schlug, als wolle es ihren Brustkorb
sprengen. Wütend, weil sie sehr wohl etwas dagegen hatte jetzt so plötzlich
das Feld räumen zu müssen. Sie hätte gerne noch einen weiteren
Tanz mit Shane genossen und schließlich hatte Gillian ja auch kein Interesse
gehabt die erste Hälfte des Abends mit ihm zu verbringen. Warum kam sie
jetzt so plötzlich auf diese Idee?
"Sie hat ihn, verdammt noch mal, den ganzen Abend mit dem Arsch nicht angeschaut.
Dann soll sie ihn auch jetzt in Ruhe lassen!’, dachte sie bitter. "Oh Sam! Was
denkst du da? Sie ist immerhin seine Freundin! Vergiss das nicht!’, flüsterte
ihre innere Stimme. Natürlich wusste sie das. Trotzdem war es nicht fair!
Sie war am Rande der Tanzfläche angekommen und musste feststellen, dass
der Tisch, an dem sie gesessen hatte, immer noch leer war. Sie seufzte tonlos.
Jetzt brauchte sie dringend was zu Trinken! Missmutig beäugte sie ein Glas
Champagner, welches auf dem Tisch neben ihr stand. Das würde nicht reichen,
entschied sie.
Sie sah sich kurz um und trat dann einem der Kellner, der gerade mit einem Tablett
voller leerer Gläser an ihr vorbei eilte, in den Weg. "Sagen Sie, gibt
es hier eine Bar oder etwas Ähnliches?", fragte sie ihn. Er lächelte
freundlich. "Aber ja Ma’am. Sehen Sie die Tür dort hinten? Einfach da durch
und dann die Treppe runter.", erklärte er liebenswürdig. Sie murmelte
ein leises Danke und ließ den Kellner einfach stehen. Das "keine Ursache
Ma’am’ bekam sie schon nicht mehr mit.