„Mama, ich will aber noch nicht schlafen!”
schrie Molly, als Kerry sie in ihr Bett legte und sie liebevoll zudeckte.
„Erzähl mir noch ein Märchen!”
forderte sie ihre Mutter auf und verschränkte ihre kurzen Arme demonstrierend vor der Brust, wie es ihr Vater immer tat, wenn er seinen (hölzernen) Dickkopf durchsetzen wollte.
„Na gut, aber danach ist Schluss, haben wir uns da verstanden?”
Das Mädchen nickte.
„Welches Märchen möchte meine Prinzessin denn heute Abend?”
fragte Kerry ihre Tochter und legte behutsam eine Decke um die Schultern ihrer Tochter, die sich neben ihr hingesetzt hatte. Molly hob die Schultern.
„Ein lustiges. Mit einer Prinzessin.”
Molly liebte Prinzessinnen und freute sich immer wenn jemand Prinzessin mit ihr spielte oder ihr eine kleine Krone aufsetzte.
„Und ein Märchen mit Papa.”
schrie sie und wartete ungeduldig auf den Anfang des Märchens.
„Mit Papa?”
fragte Kerry entgeistert. Molly nickte.
„Na gut, wenn du meinst, dann wird es wohl so sein. Aber meinst du nicht, dass Papa nicht in ein Märchen gehört?”
Molly guckte sie traurig an. Kerry aber war froh, dass ihre zweite Tochter schon schlief, sonst sollten möglicherweise noch rosa fliegende Elefanten und andere außergewöhnliche Tiere im Märchen auftauchen. Bei dem Gedanken breitete sich ein Lächeln auf Kerrys Gesicht aus. Wenn ihr Mann da gewesen wäre, hätte er diese Geschichte erzählt, denn wenn es um Geschichten für seine Kinder ging, hatte er eine blühende Phantasie. Aber auch Kerry gab sich Mühe.
„Es soll also ein lustiges Prinzessinnen-Märchen mit Papa sein?”
fragte sie noch ein Mal nach, bevor sie anfing. Wieder nickte das kleine Mädchen gespannt.
„Es war einmal vor langer, langer Zeit ein Mädchen, es war stets damit beschäftigt ihren Stiefschwestern und der Stiefmutter alle Wünsche zu erfüllen.” fing Kerry an und Molly hörte ihr zu, als wollte sie kein Wort verpassen.
„Sie putzten die Kessel und Töpfe, sortierte Erbsen und kochte ihnen das Essen. Eines Tages jedoch wurde sie zum Jäger geschickt. das junge, hart arbeitende Mädchen wusste schnell, dass ein gemeiner Trick dahinter stecken würde. Als sie nach dem Mittagessen los lief, um den Jäger zu treffen, rannte sie schnell weg.
Weg von ihren gemeinen Stiefschwestern, weg von der bösen Stiefmutter und vor allem weg von der Arbeit. Plötzlich, nach sieben Bergen, stand sie völlig außer Atem vor einem winzigen Haus. Die Tür war so klein, dass sie sich nach vorne beugen musste, um hinein zu kommen. Natürlich klopfte sie vorher an, aber es war niemand zu Hause. Der kleine Tisch, der in der Mitte des Hauses stand, war reich gedeckt. Mit sieben Gläsern voller Orangensaft, sieben Tellern voll Roter Grütze und einem Brot in der Mitte des Tisches. Das Kind setzte sich und aß. ihr Bauch war so schwer, als hätte sie Steine gegessen. deshalb legte sie sich in eines der sieben Betten, die rund um den Tisch standen. Als sie wieder aufwachte sagte ein kleiner Wicht, der direkt neben ihr auf dem Kopfkissen stand: „Du hast von meinem Abendbrot gegessen und in einem meiner betten geschlafen. Ich will jetzt auch etwas von dir haben!” Er hatte eine schreckliche Stimme, wie eine Geige, die von einem schlechten Musikanten gespielt wurde. „Ich habe aber nichts, was ich dir geben kann.” stotterte das Kind und es war die Wahrheit, denn sie hatte tatsächlich nur das, was sie an sich hatte und selbst das war nur ein eingestaubtes Kleid. „Dann sperre ich dich eben in meinem Turm ein und da wirst du so lange bleiben, bis du mir Stroh zu Gold gesponnen hast.” Das Mädchen erschrak, da sie wusste, dass es unmöglich war dieses zu erledigen.
Als sie schon einige Tage oben im Turm gesessen hatte und die Sonne wieder einmal unterging, weinte sie bitterlich. Ihr Schluchzen war durch den halben Wald zu hören. Eine junge Mutter, die auf dem Weg zur Großmutter war, hörte dies und befreite das Mädchen aus dem Turm, indem sie an den Haaren des Kindes hinauf kletterte und die Tür von innen aufbrach. Als Dankeschön bot sich das arme Kind sich an der Großmutter den Korb zu bringen, mit dem die Frau unterwegs war. Damit sie nicht frieren musste, bekam sie einen roten Umhang mit einer Kapuze geschenkt. Auf dem Weg zur Großmutter traf sie aber auf einen kleinen Laubfrosch, der sie begleitete. Als sie beinahe da waren, nahm der Frosch eine Abkürzung, um vor dem Mädchen da zu sein. Am Häuschen angekommen bemerkte er, dass die Großmutter schon wieder gesund war und einen Spaziergang im Wald machte. Er legte sich aber in ihr Bett und deckte sich zu. es klopfte. Das Kind trat ein. „Großmutter, was hast du für große Augen?” „Damit ich dich besser sehen kann.” „Und was hast du für lange Arme?” „Damit ich dich besser umarmen kann!” „Und warum hast du keine Zähne?” „Damit ich dich besser küssen kann.”
Er formte einen Kussmund und tatsächlich, das Mädchen küsste ihn. Sternenstaub. Und ein wunderschöner Papa lag im Bett. Und auch das Mädchen war zur Prinzessin geworden. Das Häuschen der Großmutter war zum Schloss geworden. Alles wäre wunderbar gewesen, wenn die Prinzessin nicht geschlafen hätte. Doch Papa wusste was er zu tun hatte. Er küsste sie auf ihre blutroten Lippen und sie erwachte. Draußen vor dem Schloss wuchsen rosa Rosen Und alles war perfekt. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute in ihrem Rosenschloss.”
Molly nickte noch einmal müde und schlief dann ein. Kerry legte sie zufrieden hin, stolz auf ihr Märchen stand sie auf und bemerkte erst dann, dass ihr Mann bei der Geschichte zugehört hatte. Als sie leise die Tür schloss, flüsterte er ihr ins Ohr:
„Ich bin also dein Froschkönig?”
Sie sah ihn an und sagte etwas nervös:
„Es ist nicht so, wie es aussieht, ich kann dir alles erklären.”
Er lachte. „Solange ich nicht der „böse Wolf” oder eines der „Drei kleinen
Schweinchen” bin, bin ich ja völlig zufrieden.”
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