
*Fortsetzung zu I see friends but you see lovers*
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Für alle meine Freunde, die mich immer unterstützen und es auf unerklärliche
Weise jedes Mal schaffen mich zum Lächeln zu bringen oder mich aufzumuntern
egal wie schlecht es mir geht (Dani, damit bist vor allem du gmeint! Ich sag
nur *Jenny, lach doch mal*, dei Standartspruch auf da Mimberger Kärwa *zwinker*).
Danke für alles und speziell für eure Hilfe während meiner extremen
Down-Phase (ihr wisst scho was ich mein *lol*)! Ihr wisst alle gar nicht wie
viel ihr mir bedeutet und wie wichtig ihr mir seid! You all know who you are!
Love you all so much! Eure Jenny
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*Prologue*
*Liebe ist eine Leidenschaft die das Universum zur Seite schiebt, um nichts anderes zu sehen als den geliebten Menschen!* Doch was passiert, wenn sich diese Weisheit genau ins Gegenteil ändert? Was passiert, wenn man das Universum dazwischen schiebt, um die geliebte Person möglichst nicht sehen zu müssen? Ist es dann vorbei, egal welchen Grund es gab um sich auf die andere Seite des Universums zu stellen? Spielt es eine Rolle? Besteht richtige Liebe nur dann, wenn man, egal was auch immer kommt, zusammen hält und das Leben gemeinsam meistert? In jeder erdenklichen Situation? Genau diese Fragen haben es sich vor ein paar Jahren zur Aufgabe gemacht, mich Tag und Nacht zu quälen. Nun weiß ich eine Antwort darauf. Manchmal wird die Liebe zwischen zwei Menschen auf eine harte Probe gestellt und man ist gezwungen für einen bestimmten Zeitraum den Lauf des Lebens allein hinter sich zu bringen. Es geschehen Dinge, die man nicht vorher sehen konnte und die es dann zu überstehen heißt, doch wenn das magische Band, von dem immer alle reden, wirklich existiert, wird wahre Liebe jede Hürde meistern. Love goes through everything...
*Chapter 1*
-Beautiful lovelife-
Es war ein warmer Frühlingstag Anfang Mai, die Sonne blitzte durch meine
Fenster und ich zog den Rollo ein Stück herunter, damit sie mich nicht
mehr blendete und sich mein Gesicht nicht mehr im Monitor spiegelte. Ich setzte
mich zurück an den PC und fing wieder an meine Kolumne weiter zu tippen.
Es war meine erste für die örtliche Tageszeitung und ich verbesserte
seit Stunden meine einzelnen Texte zu verschiedenen Themen aus der Welt des
Sports, der Musik, der Politik oder was auch immer. Ich wollte von Anfang an
eine gute Kolumne nach der anderen schreiben, ich wollte meinen Chef nicht enttäuschen,
der mir vor gut zwei Wochen den Job als Kolumnistin besorgt hatte, weil er der
Meinung war, dass ich mit meinen Artikeln unterfordert war. Nun hatte ich also
in jeder Dienstagsausgabe zwei Seiten zur Verfügung, um mich über
Themen auszulassen, die mich gerade beschäftigten. Ich wollte am nächsten
Tag eine gute Arbeit abgeben und mein Perfektionismus zeigte sich nun mehr denn
je. Zeile für Zeile studierte ich jeden Text, änderte Formulierungen
oder Ausdrücke und war nach geschlagenen fünf Stunden endlich mit
dem Ergebnis zufrieden. Ich speicherte die Dokumente auf einer Diskette und
steckte diese in eine Mappe, die ich dann zur Seite legte, bevor mir wieder
etwas auffallen konnte, dass ich unbedingt noch einmal verbessern musste. Seufzend
ließ ich mich zurück auf meinen Stuhl fallen und wählte mich
anschließend ins Internet ein. Ich suchte nach einigen Bildern die zu
meiner Kolumne passten, weil ich wusste, dass ich dazu am nächsten Tag
in der Redaktion keine Zeit haben würde. Ich musste meine Arbeit noch formatieren
und da ich noch keine Ahnung hatte wie ich das machen musste, plante ich dafür
den ganzen Montag ein. Am Abend musste ich damit fertig sein, damit die Kolumne
über Nacht gedruckt werden und in der Dienstagsausgabe erscheinen konnte.
Den Dienstag konnte ich schon gar nicht mehr abwarten und ich war gespannt auf
die Reaktionen der Leser. Eine eigene Kolumne war eben doch etwas ganz anderes,
als langweilige Artikel über Einkaufshäuser oder Autohauseröffnungen.
Es war eine neue Herausforderung, die mir schon jetzt ziemlich viel Spaß
machte. Ich klickte gerade auf ein Bild der irischen Nationalmannschaft, über
die ich mich ausgelassen hatte, nachdem sie unverdient 2:1 gegen Deutschland
verloren hatten, als Morgan anfing durch den Flur zu schreien.
"GILLIAN!", kreischte sie und riss eine Zehntelsekunde später meine Zimmertüre
auf.
"Darf ich rein kommen?", fragte sie und stellte sich neben mich.
"Du bist ja schon drin."
"Ach, wie auch immer. Könntest du die Telefonleitung bitte frei machen?
Shane wollte jeden Moment anrufen."
"Shane? Was will er denn? Er kommt doch später noch vorbei, schließlich
muss er Probelesen."
"Ja, ich weiß, aber da bist du ja mit dabei und euch zwei Turteltauben
bekommt man nur sehr schwer auseinander und ich muss mit ihm unter vier Augen
reden beziehungsweise von Ohr zu Ohr.", erklärte sie mit einem Zwinkern
und ihre Hände glitten dabei theatralisch durch die Luft. Ich kommentierte
dies mit einem einfachen Schulterzucken.
"Wenn du meinst.", gab ich schließlich zurück, während Morgan
die Bilder auf meinem Nachttisch zu Recht rückte. Die beiden benahmen sich
schon seit ein paar Tagen so komisch und ich fragte mich ernsthaft was Shane
und Morgan wohl wieder ausheckten. Ich nahm mir vor, einmal ein kleines Gespräch
mit Brooklyn zu führen. Wenn er etwas wusste, war es bestimmt nicht schwer,
es aus ihm herauszulocken. Wie jedes 3-jährige Kind war auch er ein kleines
Plappermaul, erzählte jedem Menschen der das Haus betrat seine bisherige
Lebensgeschichte und konnte nur selten ein Geheimnis für sich behalten,
was in manchen Situationen gar nicht so schlecht war. Ich schmunzelte bei dem
Gedanken daran. Eigentlich war es fies ein unschuldiges Kind derartig auszunutzen.
Ich schüttelte den Kopf um das eben Gedachte wieder zu vertreiben.
"Gib mir noch fünf Minuten und du kannst telefonieren, bis dir die Ohren
weh tun!", sagte ich an Morgan gewandt und gab ihr somit zu verstehen, dass
sie aus dem Zimmer gehen sollte. Morgan nickte und marschierte ohne ein weiteres
Wort wieder durch die Tür, die sie hinter sich zuschlug.
"Ts.", zischte ich und kümmerte mich weiter um meine Bilder.
"Wir sollten über einen ISDN-Anschluss nachdenken.", murmelte ich noch
vor mich hin und speicherte ein Foto nach dem anderen. Nach exakt fünf
Minuten war ich fertig damit und überließ Morgan und Shane die Telefonleitung,
die sie für die nächsten 45 Minuten blockierten. Morgan hatte sich
ins Badezimmer eingeschlossen und ich konnte mir richtig vorstellen, wie sie
auf dem Toilettendeckel saß, den Hörer zwischen Ohr und Schulter
geklemmt hatte, die Füße gegen den Badewannenrand stützte und
ihre Fußnägel lackierte. Sie nutzte jedes längere Telefongespräch
im Bad für ihre Fußpflege und genau diese seltsamen Angewohnheiten
und Eigenarten machten sie für mich so besonders und zur besten Freundin
die ich je hatte. Sie war einzigartig, einfach Morgan Gráinne Keegan.
Nur wenige Minuten nachdem sie das Gespräch beendet hatten, stand Shane
vor der Tür und ich fiel ihm freudestrahlend um den Hals. Seit er den Job
als Industriekaufmann angenommen und sich zu einem Bürogentleman entwickelt
hatte, sahen wir uns nicht wie vorher jeden Tag und das letzte Treffen lag bereits
zwei Tage zurück.
"Weißt du, eigentlich habe ich gar keine Lust noch wegzugehen. Können
wir nicht einen gemütlichen Fernsehabend machen? Außerdem muss ich
morgen früh raus.", antwortete ich auf Shanes Frage, ob ich nun endlich
fertig wäre zum weggehen und gestikulierte wild mit meinen Armen in der
Luft.
"Alles was du willst, Prinzessin."
"Prinzessin? Wo hast du denn das her?", neckte ich ihn und legte meine Stirn
in Falten.
"Weiß nicht, ist mir gerade eingefallen. Gefällt’s dir nicht?"
"Doch.", antwortete ich und küsste ihn auf die Nasenspitze. Dieser Mann
brachte es doch immer wieder fertig, mich um den Verstand zu bringen. Schon
allein seine Nähe hievte mich in den 7. Himmel und machte mich überglücklich.
Er war perfekt und der Mann, den ich als meinen Traummann betiteln würde,
auch wenn es anfangs ein bisschen gedauert hatte, bis ich das merkte und mir
eingestand. Als ich daran dachte, musste ich grinsen. Ohne Morgan wären
wir wahrscheinlich bis heute noch nicht zusammen. Eigentlich war nämlich
sie diejenige gewesen, die ein Auge auf Shane geworfen hatte und ich war in
der ganzen Story mehr oder weniger der Kuppler. Ich versuchte zumindest mein
Bestes, um die beiden zusammen zu bringen, was sich schließlich als unmöglich
herausstellte, weil sich Shane in mich verliebt hatte. Ich allerdings wollte
ihn nur als guten Freund, wollte Morgan nicht verletzen und letztendlich schaffte
Morgan es doch noch mich umzustimmen, mir meinen Gefühlen bewusst zu werden
und festzustellen was für einen großen Fehler ich machen würde,
diesen Mann einfach so gehen zu lassen. Und nun, fast ein halbes Jahr später
konnte ich mir ein Leben ohne Shane überhaupt nicht mehr vorstellen. Klingt
vielleicht ein bisschen kitschig, ist aber so. Manchmal wäre ich ohne ihn
regelrecht verloren. Er stand mir zum Beispiel tatkräftig zur Seite, als
die Gerichtsverhandlungen gegen Jared anfingen und somit auch der Terror, den
Jared aus Rache startete. Es begann damals alles mit einem harmlosen Date in
einer Disco, bis Jared anfing auszuflippen und mich in der Toilette belästigte.
Ich konnte mich in letzter Sekunde mit meinen Hackenschuhen retten, die ich
ihm in den Fuß bohrte und ging ein paar Tage später zur Polizei.
Jared kam mit einer saftigen Geldstrafe davon, was er anscheinend zu hart fand,
denn noch am selben Tag fing er an mich zu terrorisieren. Einen Monat lang traute
ich mich nur noch in Begleitung vor die Tür, er drohte mir mehrfach und
machte mir mein Leben für mehrere Wochen zur Hölle. Damals war es
mir noch nicht bewusst, doch wenn ich jetzt daran zurück denke, glaube
ich, dass ich diese Zeit ohne Shane nicht durchgestanden hätte. Jareds
Terrorattacken waren von einem Tag auf den anderen zu Ende, wahrscheinlich hatte
er gemerkt, dass es sowieso keinen Sinn machte. Es kam zwar noch vor, dass ich
seltsame Anrufe erhielt, doch zumindest hatte er aufgehört mir zu drohen
und mich zu verfolgen. Ich konnte meinen Hass auf diesen Menschen gar nicht
in Worte fassen, zu groß war er und wenn ich es nur irgendwie gekonnt
hätte, hätte ich ihn für die restliche Zeit seines Lebens hinter
schwedische Gardinen gebracht! Leider fehlten uns die Beweise...
"Willst du dich nicht auch hinsetzen?", riss Shane mich aus meinen Gedanken
und ich bemerkte, dass ich mitten im Wohnzimmer stand und vor mich her starrte.
"An was hast du gedacht? Ich hoffe an mich.", grinste er frech und ich musste
lachen.
"Natürlich an dich.", antwortete ich und setzte mich zu Shane aufs Sofa.
Von meinen wahren Gedanken brauchte er ja nicht unbedingt etwas zu erfahren,
er hätte sich nur wieder unnötig über Jared aufgeregt und das
wollte ich nicht, zumal Jared es auch gar nicht wert war auch nur einen einzigen
Gedanken oder ein einziges Wort an ihn zu verschwenden. Im Moment wollte ich
einfach nur noch in Shanes Nähe. Er zog mich zu sich heran und griff nach
der Fernbedienung die auf dem Tisch lag. Er schaltete den Fernseher an, zappte
unnötig durch die verschiedenen Kanäle und blieb schließlich
bei MTV stehen.
"You know it’s true, everything I do, I do it for you...", tönte es aus
dem Fernseher und Shane zog mich noch näher zu sich heran.
"Das ist unser Lied...", flüsterte er und hauchte einen zarten Kuss auf
mein Ohr. Ich nickte und seufzte. Ja, das war unser Song. Ich blickte verträumt
zu Shane, als plötzlich lautes Kindergeschrei durch die Wohnung dröhnte.
Brooklyn. Ich sprang wie von der Tarantel gestochen vom Sofa auf und lief in
den Flur, dicht gefolgt von Shane der mir hinterher tippelte. Was machte Brooklyn
denn noch auf? Ich dachte er war schon im Bett! Ich trat hinaus in den Flur
und blieb so plötzlich stehen, dass Shane in mich hinein lief.
"Oh nein!", schrie ich als ich Morgans kleinen Schatz sah, der im Flur lag und
eine riesige Platzwunde auf der Stirn hatte. Er war gegen die Kommode im Flur
gelaufen...
"Morgan! Wo bist du? Schnell, Brooklyn verblutet!" Meine Hysterie in der Stimme
war unmöglich zu überhören.
"Er verblutet? So schlimm ist es hoffentlich nicht."
"Ach sei doch ruhig, wir fahren jetzt sofort ins Krankenhaus. Wo ist denn Morgan
verdammt noch mal?" Ich schnappte mir Brooklyn der immer noch schrie wie am
Spieß und versuchte ihn zu beruhigen, während Shane nach einem Verband
suchte, den er anschließend provisorisch um Brooklyns Kopf wickelte.
"Ich habe keine Ahnung wo Moe ist, aber das ist mir egal, wir fahren jetzt ins
Krankenhaus. Alles wird gut, mein Schatz. Gleich sind wir beim Onkel Doktor
und dann ist alles wieder gut, okay?" Mit dem weinenden Brooklyn auf dem Arm
griff ich nach dem Autoschlüssel und lief hinaus, während Shane noch
einen Notizzettel für Morgan an die Tür klebte.
"Gib mir die Schlüssel, du setzt dich mit Brooklyn hinten rein.", dirigierte
er und ich nickte.
"Okay." Kaum waren alle Türen geschlossen, trat Shane aufs Gaspedal und
brach jegliche Geschwindigkeitsbegrenzungen und sonstige Verkehrsregeln. Rote
Ampeln waren auf einmal nicht mehr wichtig und ich bangte auf dem Rücksitz
um mein und Brooklyns Leben. Ich hatte das Gefühl, als würden wir
die Kurven auf zwei Rädern und in gefährlicher Schräglage umfahren.
"Hör auf so schnell zu fahren, ich will lebendig im Krankenhaus ankommen!",
ermahnte ich Shane. "Aber Brooklyn verblutet."
"So schlimm ist es doch gar nicht."
"Das hast du doch gesagt."
"Bääh" Ich grummelte noch etwas Unverständliches vor mich her,
ehe ich den Mund wieder hielt und Shane fahren ließ. Es half ja doch nichts,
er fuhr wie eine gesenkte Sau. Ein paar Minuten später kamen wir in der
Notaufnahme an und Brooklyn wurde gleich in eines der Untersuchungszimmer gebracht.
"Kann ich mit reinkommen?", wollte ich wissen und hielt den Arzt am Ärmel
seines Kittels fest und sah ihn bittend an.
"Nein, Sie können drinnen auch nicht mehr machen als hier draußen."
"Doch, ich kann seine Hand halten."
"Das ist nicht nötig." Er schob mich grob auf die Seite und zog die Tür
hinter sich zu. Ich verschränkte die Arme beleidigt vor der Brust und setzte
mich neben Shane, der auf den Stühlen im Flur Platz genommen hatte.
"Idiot. Brooklyn ist doch noch so klein.", schimpfte ich wütend.
"Shhh, er wird schon wissen was er macht, er ist schließlich Arzt."
"Das heißt gar nichts! Meine Mum war nach ihrer Blinddarmoperation kränker
als vorher! Ich sag’s dir, die haben eine Ahnung von nichts. Als Moe mir die
Tür gegen den Kopf geknallt hat, waren die auch schon so unfr-" Ich stoppte
mitten im Satz und starrte auf die Tür eines weiteren Behandlungszimmers,
die gerade aufgegangen war. Der Mann der da soeben rauskam sah verdammt nach...
oh nein, da stand Jared. Ich zupfte nervös an Shanes Ärmel und nickte
mit meinem Kopf in Richtung Jared. In seiner Nase steckte Watte, über dem
rechten Auge hatte er ein Pflaster und sein linkes Auge war blau unterlaufen.
Das war ja mal wieder typisch. Seit den letzten paar Monaten sah man ihn nur
noch mit irgendwelchen Blessuren im Gesicht. Ich verstand gar nicht, warum ich
ihn einmal so attraktiv fand, eigentlich war er doch potthässlich! Und
diesen Deppen hab ich doch tatsächlich mal als meinen Traummann betitelt,
ich kann es immer noch nicht fassen. Aber jeder Mensch hat mal eine schlechte
Phase in der er Fehler macht, oder nicht?!
"Ach, sieh mal einer an. Bist du hier für eine Schönheitsoperation
angemeldet? Kluge Entscheidung.", brummte er, als er mich entdeckt hatte und
zog seine Mundwinkel nach oben zu einem schiefen und gemeinen Grinsen. Shane
war nah daran aufzustehen, doch ich klopfte ihm gegen den Oberschenkel und gab
ihm somit zu verstehen, dass er es lassen sollte.
"Ach was, aber in der Toilette war ich dir gut genug, oder wie?" Ich funkelte
ihn böse an und seine Mundwinkel verzogen sich nun zu einem undefinierbaren
Gesichtszug.
"Blöde Schlampe!", zischte er durch seine zusammengebissenen Zähne,
drehte sich um und lief davon.
"Bleib sitzen!", sagte ich an Shane gewandt und zog ihn zurück auf seinen
Stuhl, weil er Jared schon wieder hinterher laufen wollte. Das hätte kein
gutes Ende genommen und ehrlich gesagt hatte ich in dem Moment ganz andere Sorgen
und keine große Lust auf eine Schlägerei.
"So ein Arsch."
"Tja, es muss auch gestörte Menschen geben... Wäre ansonsten doch
langweilig.", versuchte ich die angespannte Stimmung wieder ein wenig zu lockern
und setzte ein künstliches Lächeln auf. Shane nickte und bevor wir
noch weiter darüber nachdenken konnten, kam auch schone eine völlig
aufgelöste Morgan durch die Gänge gerast.
"Was ist passiert? Wo ist Brooke? Geht’s ihm gut? Oh Gott, ich komm mir so schrecklich
vor.", plapperte sie drauf los und war den Tränen nahe.
"Hey hey hey, jetzt beruhige dich doch erst mal. Brooklyn geht es gut, das glaube
ich zumindest. Hmm... Ja, also im Moment ist er noch da drin." Ich zeigte mit
meiner Hand auf das Behandlungszimmer und drückte Morgan anschließend
auf einen Stuhl. Sie war völlig durcheinander.
"Ich war nur kurz nebenan um die Einladungen vorbeizubringen, ich hatte doch
nicht damit gerechnet, dass Brooklyn gegen die Kommode läuft. Was bin ich
nur für eine Mutter?"
"Morgan, damit hat keiner gerechnet, also hör auf dir Vorwürfe zu
machen. Wir wissen doch noch gar nicht was los ist, wir machen uns bestimmt
viel zu viele Sorgen. Du kennst doch Brooklyn, er dramatisiert gerne ein bisschen.
Und was für Einladungen hast du überhaupt verteilt? Gibt’s was zu
feiern?", fragte ich und sah Morgan fragend an.
"Einladungen? Hab ich Einladungen gesagt? Ich meinte... öhm... Ein-...
weißt du, mir fällt das Wort gerade nicht ein, aber es ist sowieso
unwichtig.", erklärte sie und sah nervös zu Shane, der die Situation
mit seinem *Halt-jetzt-bloß-den-Mund-sonst-erwürge-ich-dich*-Blick
beobachtet hatte. Ich zog meine Augenbrauen skeptisch nach oben, doch bevor
ich noch etwas dazu sagen konnte, wurden wir auch schon wieder unterbrochen,
denn just in diesem Moment öffnete sich die Tür des Behandlungszimmers
und Brooklyn kam mit einem fetten Grinsen auf dem Gesicht heraus.
"Brooklyn, mein Schatz. Geht’s dir gut?", fragte Moe und stürzte sich besorgt
auf ihren Sohn. Der Kleine nickte nur und zeigte uns allen ganz stolz sein großes
Pflaster mit Dinosauriern darauf, das er auf der Wunde kleben hatte. Ich werde
aus Kindern einfach nicht schlau. Erst meint man sie sind kurz vorm abkratzen
und kaum klebt man ihnen ein Pflaster auf den Kopf, schon ist die Welt wieder
in Ordnung. Seltsam, oder? Ich glaube, ich werde mich irgendwann mal an eine
Kinderpsychologin wenden und nachfragen, warum das so ist. So ähnlich war
es auch, als Brooklyn gerade so laufen konnte. Er wollte durch das Haus flitzen,
packte die Kurve ins Wohnzimmer nicht mehr und donnerte gegen den Türrahmen.
Im ersten Moment hat er mich nur angeschaut, dann bin ich aufgestanden und meinte:
"Oh Gott, Brooklyn. Komm mal her, das hat doch bestimmt wehgetan." und prompt
fing er an zu weinen. Nächster Tag, gleiche Stelle, gleiche Situation.
Nur diesmal hab ich "Ach Brooklyn, das geht schon. War doch gar nicht schlimm,
oder?", gesagt und er hat gelacht. Wollen Kinder die Erwachsenen verarschen?
Ich dachte ernsthaft darüber nach, Brooklyn nie wieder zu bemitleiden.
Da spart man sich eine menge Tröstarbeit, wenn man sich das mal so durch
den Kopf gehen lässt. Diese Einstellung hielt allerdings nur fünf
Minuten an. Eigentlich kann ich Brooklyn nämlich nichts ausschlagen und
ein bisschen Tröstarbeit nehme ich bei diesem kleinen Schatz gerne auf
mich, wobei ich auch sagen muss, dass meine Überlegungen auch ziemlicher
Schwachsinn waren. Na ja, wie dem auch sei... Hinter Brooklyn stand ein Arzt,
der uns im perfekten Fachchinesisch erklärte, dass er großes Glück
hatte und nur mit vier Stichen genäht werden musste. Da stellt sich bei
mir die Frage: Und warum hat das so lange gedauert?! Ach ja, klar, jetzt fällt
es mir wieder ein, er musste erst noch seine fachchinesische Rede schreiben...
Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass sich ein normaler Mensch das
einfach so merken kann. Ich verstehe sowieso nicht, wie Ärzte in ihrer
Fachsprache so durchblicken. Ich wäre komplett verloren, aber ich hab auch
nicht vor, irgendwann einmal Arzt zu werden. Da halte ich mich doch lieber an
die Tageszeitung und schreibe ein paar Kolumnen.
"Gillian? Hey, Schatz? Was ist denn los mit dir? Du träumst heute schon
den ganzen Tag vor dich her." Shane hatte mich mal wieder zurück in die
Realität geholt und ich blinzelte ihn ein paar mal an.
"Ach, ich hab nur gerade daran gedacht, dass ich nie ein Arzt werden will.",
gab ich als Antwort zurück und Shane zog seine Augenbrauen nach oben.
"Du bist seltsam, aber genau deshalb liebe ich dich so sehr!" Er küsste
mich lachend, ehe er den Arm um mich legte und wir zusammen Morgan und Brooklyn
folgten, die bereits auf dem Weg nach draußen waren. Als wir zuhause ankamen
war Brooklyn schon eingeschlafen und Morgan trug ihn in die Wohnung. Es war
bereits 22 Uhr und auch Shane und mich hielt es nicht mehr lange auf den Beinen.
Wir legten uns in mein Bett und ich kuschelte mich eng an ihn, ehe ich von seinen
gleichmäßigen, ruhigen Atemzügen in den Schlaf geleitet wurde.
Am nächsten Morgen ging das Chaos schon ganz früh los, als ich meine
Unterlagen nicht mehr fand. Ich hatte sie am Tag zuvor so gut versteckt, um
nicht weiter daran zu arbeiten, dass ich sie nun nicht mehr fand und wie eine
Irre meine Papierstapel und Mappen nach der kleinen Diskette durchwühlte,
bis mir einfiel, dass ich sie in meine Arbeitsmappe gesteckt hatte, die im Regal
neben meiner Winnie Pooh Sparbüchse lag. Es war zum verrückt werden
und mal wieder total typisch für mich. Ich war schon immer der Typ Mensch,
der sein Zeug für den nächsten Tag nicht am Abend zuvor bereit legte,
sondern immer alles in letzter Sekunde suchte. Als ich dann beim Frühstück
auch noch die Milchtüte herunterschmiss und eine Milchüberschwemmung
verursachte, war meine Laune bereits um 7.00 Uhr schon auf dem Nullpunkt angelangt.
Da konnten selbst Shanes Aufmunterungsversuche nicht mehr helfen. Wie sollte
ich diesen Tag nur ohne größere Schäden überstehen? Genau,
gar nicht!
"Ich bin weg.", rief ich durch den Flur und klemmte mir meine Mappe unter den
Arm.
"Ist gut, bis später.", kam als Antwort von Morgan zurück, die fleißig
beim Frühstück machen war, während sich Shane in die Dusche verzogen
hatte.
"Gib Brooklyn einen Guten-Morgen-Kuss von mir.", fügte ich hinzu und verschwand
durch die Haustür. Auf in den Kampf...
Als ich am Abend nach Hause kam, war meine Laune nicht recht viel besser und
ich verfluchte alles und jeden.
"Hallo Bounty! Na? Wie war dein Tag?", fragte Morgan fröhlich, nachdem
ich in die Küche gekommen war und mich frustriert auf einen Stuhl fallen
ließ.
"Das willst du gar nicht wissen!", sagte ich genervt und stöhnte laut auf.
"So schlimm?"
"Schlimmer."
"Was ist denn los? War deine Kolumne nicht in Ordnung?"
"Doch, die war klasse und Mister Connelly hat mich auch sehr dafür gelobt,
aber als ich den Mist formatieren wollte, hab ich den ganzen PC lahm gelegt.
Frag mich nicht, was ich falsch gemacht habe, ich weiß es selbst nicht.
Auf jeden Fall war das ein Chaos und ich bin froh, dass ich überhaupt noch
fertig geworden bin. Wäre mir die Kolumne nicht so wahnsinnig wichtig,
hätte ich alles hingeschmissen und wäre gegangen. Ich durfte mir die
restliche Arbeitszeit irgendwelche dämlichen Blondinenwitze anhören.
Arbeitskollegen können so nervig sein! Und als ob das noch nicht genug
gewesen wäre, bin ich auch noch Jared über den Weg gelaufen. Wenn
Leslie nicht neben mir gelaufen wäre, dann wäre ich wahrscheinlich
wie eine Furie auf ihn losgegangen! Er hat mich schon wieder so dämlich
angegrinst, auf seine einfach nur unverschämte Art und Leslie hat mir gleich
mal verklickert, dass ich zurzeit des Dates wohl an Geschmacksverirrung gelitten
haben muss. Vielen Dank... Ts... Man, ich brauche jetzt ein Entspannungsbad,
bevor ich zu Shane gehe.", seufzte ich und ging ins Badezimmer um Wasser in
die Wanne laufen zu lassen. Vielleicht sollte ich mich gleich ertränken...
Ich blieb fast eine ganze Stunde in der Badewanne um mich komplett abzureagieren,
was mit der entsprechenden Entspannungsmusik im Schaumbad auch erfolgreich klappte.
Nachdem ich wieder komplett angezogen und ein Brötchen gegessen hatte,
machte ich mich auf den Weg zu Shane, der mich bereits erwartete.
"Hallo Sweetheart. Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr.", lächelte
er und küsste mich zärtlich auf den Mund.
"Tut mir leid, ich war in der Badewanne und hab dort jegliches Zeitgefühl
verloren. Aber sei froh, jetzt bin ich völlig entspannt und kein bisschen
mehr genervt. Mein Arbeitstag war sooo schrecklich." Ich jammerte Shane noch
einige Minuten vor, wie gemein Arbeitskollegen doch sein konnten und wie schrecklich
mein Tag war, bis er mich auf die Couch zog und meinen Redeschwall mit zärtlichen
Küssen stoppte.
"Das ist Sabotage, ich bin noch gar nicht fertig mit jammern! Jetzt geht’s erst
richtig los.", brachte ich mühsam hervor und versuchte zu schmollen, was
Shane mit einem Lachen quittierte.
"Du bist so süß, wenn du so tust als würdest du schmollen."
Ich zwickte ihn leicht in den Bauch, bevor wir erneut in zärtlichen Küssen
versanken und irgendwann Arm in Arm auf dem Sofa lagen und den Fernseher einschalteten.
"Hast du an deinem Geburtstag schon etwas vor?", fragte Shane möglichst
beiläufig und zappte ununterbrochen von einem Programm zum nächsten.
Damit brachte er mich regelmäßig zur Weißglut. So schlimm,
dass man ununterbrochen hin und her schalten musste, war Werbung nun auch wieder
nicht.
"Ach ja, ich hab ja bald Geburtstag. Hmm... nein, ich hab nichts vor. Warum?"
"Nur so."
"Na gut, aber weißt du was mir da gerade ganz zufällig einfällt?
Ich finde diese neuen Schuhe von Gucci total schön. Diese schwarzen mit
dem Pfennigabsatz, du weißt schon, die die ich dir letzte Woche gezeigt
habe."
"Ja, ich weiß und das ist dir jetzt so ganz zufällig eingefallen?"
"Jeps." Ich lächelte ihn zuckersüß an und Shane begann zu grinsen.
"Das war doch geplant, gib’s zu.", sagte er und boxte mich in die Seite.
"Mal schauen was sich da machen lässt. Aber du musst mir versprechen, dass
du an deinem Geburtstag nichts vorhast, ja?", fügte er hinzu und sah mich
fast flehend an.
"Und wenn ich gerne feiern möchte?", antwortete ich um ihn zu ärgern.
"Gillian!"
"War doch nur so ein Gedanke. Nein, ich mach nichts, geht ja auch keinen was
an, dass ich schon 24 werde."
"Ja, 24 ist aber auch schon wirklich sehr alt. Vielleicht solltest du dir das
mit den Schuhen noch mal überlegen und dir lieber Anti-Falten-Cremes wünschen.
Oder einen Frisörbesuch um die 1. grauen Haare zu färben."
"Bääh." Ich streckte ihm die Zunge heraus und gab ihm einen Stoß
in die Seite, bevor ich mich an ihn kuschelte und mich freute ihn an meiner
Seite zu haben. Shane schmunzelte und legte dann seine Arme um mich, als wolle
er mich nie wieder los lassen. Das war wieder einer unserer gemeinsamen *Shane&Gillian@home*-Abende,
an denen wir einfach nur auf dem Sofa lagen und den Augenblick genossen. Was
wir nicht ahnten, war die Tatsache, dass es der letzte während einem sehr
langen Zeitraum sein sollte...
*Chapter 2*
-The accident-
"Leute, geht alle in Position. Gillian muss jeden Augenblick von der Arbeit
kommen. Brooklyn, nicht jetzt das Konfetti verstreuen, erst wenn Gillian da
ist.", dirigierte Shane, der einem Nervenzusammenbruch nahe war und nahm Brooklyn
die Tüte aus der Hand, um das bereits verstreute Konfetti wieder hineinzufüllen.
Morgan begann zu kichern, als sie Shane auf dem Boden herumrobben sah und nach
einer Weile stimmten auch die weiteren Überraschungsparty-Gäste mit
ein.
"Lasst das! Ich will doch nur, dass alles perfekt ist.", grummelte Shane und
klopfte sich den Staub von seiner Hose.
"Wo sind überhaupt eure Partyhütchen? Die hab ich doch gerade verteilt!"
"Du glaubst doch nicht im Ernst, dass wir die aufziehen!", protestierte Ciza,
als es klingelte.
"Das ist sie. Alle bereit?" Shane wartete ein allgemeines Nicken ab, drückte
Brooklyn die Tüte Konfetti in die Hand und verschwand dann, um die Tür
zu öffnen. Die Gäste fingen bereits an die erste Zeile von *Happy
Birthday to you* zu singen, als Shane zurück kam und mit einer Bewegung
allen klar machte, dass sie aufhören sollten zu singen. Sein Gesichtsausdruck
verhieß nichts Gutes und auch so sah er im Allgemeinen ein bisschen geschockt
aus. Sein Gesicht war kreidebleich, seine Hände zitterten und auf seiner
Stirn glitzerten Schweißperlen.
"Es war die Polizei. Gillian liegt im Krankenhaus, sie hatte einen Autounfall.
Ich fahr jetzt sofort zu ihr...", stammelte er, drehte sich ohne ein weiteres
Wort um und stand 15 Minuten später an meinem Bett und hielt meine Hand.
Nicht nur Shane und Morgan wollten mir mit ihrer Überraschungsparty einen
unvergesslichen 24. Geburtstag schenken, nein, auch Jared hatte seine Pläne
und wie so oft kam auch hier das Schlechte an die Front. Es war wieder einer
seiner Rachepläne, die er nach dem Vorfall im Krankenhaus wieder startete,
doch diesmal traf es mich im Gegensatz zu den anderen Racheaktionen am schlimmsten.
Er stand ca. 100 Meter von meinem Auto entfernt, als ich die Redaktion verließ
und in mein Auto stieg. Ich beachtete ihn nicht, konzentrierte mich auf die
Straße und bemerkte nicht, dass er mir hinterher fuhr. Ich bog gerade
mit meinem Auto um eine Kurve, nur noch wenige Minuten von zu Hause entfernt,
als es einen Knall gab und Jareds Auto in meiner Fahrerseite stand. Mein Kopf
prallte gegen das Lenkrad und ich hing leblos in meinem Sitz. Nur einen halben
Meter weiter vorne und Jared wäre frontal in mich hinein gefahren, so traf
es glücklicherweise "nur" den hinteren Teil des Autos. Jared selbst kam
dabei, dank seiner eigenen Blödheit ums Leben und wenn man die Tatsache
betrachtet, kann man von Glück reden, dass ich noch am Leben bin. Zwar
änderte sich mein Leben drastisch, doch immerhin hatte ich es überlebt.
Jared tat mir nicht einmal Leid... Shane fuhr immer noch zärtlich über
meine Hand, als die Tür des Zimmers aufging.
"Mister Filan? Kommen Sie bitte mit in mein Büro?" Der Stationsarzt stand
mit einem Klemmbrett in der Hand im Türrahmen und winkte Shane zu sich.
Er folgte ihm wortlos und nahm in seinem Büro platz.
"Was ist mit ihr?", fragte er mit zitternder Stimme, sobald die Tür hinter
ihm geschlossen war. Der Arzt sah über die Gläser seiner Brille hinweg
und drehte seinen Stift nervös in seiner Hand, ehe er sich räusperte
und anfing seinen Vortrag zu halten.
"Im Moment schläft Miss Walsh, wie Sie ja bereits gesehen haben und so
weit man es schon beurteilen kann, geht es ihr den Umständen entsprechend.
Es wurden einige Prellungen und Quetschungen an den Extremitäten festgestellt
doch was uns noch viel größere Sorgen bereitet ist eine ziemlich
seltene Form der Amnesie, was darauf schließen lässt, dass sie einen
ziemlich heftigen Schlag auf den Kopf bekommen haben muss. Sobald sie wieder
wach ist werden wir Genaueres mit Hilfe von Kernspintomographien und Schädel-CTs
untersuchen. Im Moment braucht sie allerdings ein wenig Ruhe und Schlaf."
"Was?", würgte Shane hervor und versuchte verzweifelt die Menge an Informationen
zu sammeln und sinnergebend zusammen zu setzen. Er verstand nur Bahnhof.
"Amnesie bedeutet, dass Miss Walsh an sehr großen Gedächtnislücken
leidet. Sie kann sich an fast nichts mehr erinnern, was vor dem Unfall passierte.
Sie war kurz wach und wusste weder ihren Namen, noch wo sie wohnte und was sie
hier machte. Wie weit sie ihr Gedächtnis wieder bekommt und wie lange es
dauert ist unklar. Vielleicht ist es schon morgen so weit, vielleicht aber auch
erst in drei Monaten oder einem Jahr. Es ist nun wichtig, dass Sie sie unterstützen
und ihr helfen."
"O... Okay.", stammelte Shane und war den Tränen nahe. Er musste hier raus.
Amnesie.... Das konnte doch nicht wahr sein. Sicher hatten die Ärzte da
irgendetwas verwechselt, das durfte einfach nicht stimmen.
"Ich werde jetzt wieder zu ihr gehen.", sagte er an den Arzt gewand und streckte
die Hand aus, die der Arzt sogleich ergriff und schüttelte.
"Es wird nicht leicht, schließlich wird sie Sie nicht wiedererkennen,
doch ich bin mir sicher, dass Sie es zusammen schaffen können." Der Arzt
nickte Shane noch einmal zuversichtlich zu und ließ ihn dann gehen. Er
konnte nur annähernd erahnen wie Shane sich fühlte. Als Shane um die
Ecke zu meinem Zimmer bog, rannte er direkt in Morgan hinein, die völlig
aufgelöst durch die leeren Gänge huschte. "Shane, na endlich. Ich
hab dich schon gesucht. Was ist passiert? Gillian ist soeben aufgewacht und
weiß überhaupt nicht was sie redet. Sie sagt sie kennt mich nicht,
stell dir das mal vor. Shane? Shane, ist alles okay?" Morgan blickte Shane besorgt
an. Er sah aus, als würde er jeden Moment kollabieren und in Tränen
ausbrechen. Und genauso fühlte er sich auch.
"Nein, nichts ist okay. Gillian hat Amnesie!"
"A... Amnesie? Oh mein Gott." Morgan schlug sich die Hände vor den Mund
und begann augenblicklich zu weinen. Jetzt wurde ihr so Einiges klar. Shane
nahm sie in den Arm und führte sie raus an die frische Luft. Das Krankenhausklima
machte ihn schon selbst krank. Sie setzten sich in den angrenzenden Park und
schwiegen. Beide weinten stumme Tränen, bis es dunkel wurde und sie zusammen
nach Hause fuhren. Als ich am nächsten Tag aufwachte sah ich direkt in
zwei warme, braune Augen, die ich zuvor noch nie gesehen hatte. Sie gehörten
zu einem jungen und ehrlich gesagt ziemlich attraktiven Mann. Irgendwie kam
er mir bekannt vor, fast schon vertraut und doch war ich mir sicher, ihn noch
nie gesehen zu haben. Wer zum Teufel war er und was machte er an meinem Bett?
Irgendwie machte es mir Angst einen fremden Mann um mich zu haben, der gleichzeitig
auch noch meine Hand hielt und sanft darüber strich. Ich entzog sie ihm
ruckartig und steckte sie unter die Decke.
"Wer sind Sie?", wollte ich wissen und musterte ihn misstrauisch.
"Ich bin dein Freund. Shane. Kennst du mich denn nicht?"
"Nein, tut mir leid.", antwortete ich kühl und drehte mich weg von ihm.
Ich sah aus dem Fenster. Der Kontrast war erschreckend. Draußen schien
die Sonne, man hörte fröhliche Stimmen durch das offene Fenster und
es klang fast so, als wäre jeder glücklich außer ich, ich, Gillian
Walsh, die in diesem tristen Krankenhauszimmer lag und lediglich ihren eigenen
Namen wusste. Und das auch nur, weil ich zufällig nach der täglichen
Visite einen Blick auf die Patientenakte werfen konnte. Keiner hielt es für
nötig mich aufzuklären, keiner, bis ich nachfragte warum ich mich
an nichts mehr erinnern konnte, warum in meinem Gedächtnis gähnende
Leere herrschte. Danach war ich eingeschlafen und als ich wieder wach wurde,
starrte mich dieser Mann an, der so unverschämt fragte, ob ich ihn denn
nicht erkennen würde. Er sollte endlich gehen. Ich wollte einfach nur noch
meine Ruhe. Jeder glaubte er würde mich kennen und müsste von mir
erkannt werden, dabei war das doch gar nicht möglich, schließlich
kannte ich mich selbst nicht... Als ich hörte, dass Shane aufstand um zu
gehen, drehte ich mich wieder um. Ich blickte ihm hinterher und konnte erkennen,
dass Tränen in seinen Augen glitzerten, als er sich noch einmal zu mir
umdrehte und mich traurig ansah, ehe er die Tür hinter sich schloss und
mich allein zurück ließ. Was hatte er denn erwartet? Dass ich ihm
um den Hals fallen würde? Mein Blick wanderte durch das ganze Zimmer, überall
war alles weiß und ich fragte mich, wie man hier gesund werden sollte.
Alles war so einfarbig, kalt und trist. Gleichzeitig war bei geschlossenen Fenstern
kein Geräusch zu hören, nichts, es war alles ruhig. Ruhe von der man
Taub werden konnte. Es schien so, als war es an diesem Ort unmöglich zu
lachen und als ich weiter darüber nachdachte, stellte ich fest, dass es
absolut identisch mit meiner Stimmung und meinem Gefühlsleben war. Man
konnte mich durchaus mit diesem Zimmer vergleichen und das machte mich gleich
noch ein Stück deprimierter. Den restlichen Tag brachte ich mit lesen hinter
mich. Das Buch war schrecklich langweilig, aber irgendwie musste ich die Zeit
ja rumkriegen. Der nächste Tag verlief nicht recht viel anders, bis Shane
mich besuchte und mir ein paar kleine Sachen aus meinem Leben erzählte.
Anfangs hatte ich mich dagegen gewehrt, wollte nichts wissen, doch irgendwann
musste ich schließlich anfangen, mein Gedächtnis wieder aufzustocken.
Er blieb fast zwei Stunden bei mir, ehe eine dunkelhaarige, hübsche Frau
in mein Zimmer kam. Nach Shanes Erzählungen hatte ich schon so eine Ahnung
wer sie war.
"Hallo Gillian. Wie geht’s dir?", fragte sie und versuchte fröhlich zu
klingen.
"Wie soll’s einem schon gehen, der weder seine Verwandten noch Freunde wiedererkennt?
Morgan, oder? Shane hat mir etwas von dir erzählt."
"Ja stimmt. Ähm, stört es dich, wenn ich meinen Sohn rein hole? Er
wollte dich unbedingt sehen und macht mich schon den ganzen Tag verrückt."
"Nein, schon okay. Wie heißt er denn?"
"Brooklyn."
"Ach ja... Ihn hat Shane auch erwähnt. Lass mich kurz zusammenfassen. Brooklyn
ist dein Sohn und ihr beide wohnt mit mir zusammen in einer Wohnung, richtig?"
"Richtig." Ich legte mein Buch, das ich wieder zur Hand genommen hatte, auf
die Seite und beobachtete Morgan, die zur Tür lief und einen kleinen Jungen
rein holte. Das war also der kleine Brooklyn. Ein ganz süßer Kerl
und ich schätzte ihn auf drei. Sobald er mich sah begannen seine Augen
zu strahlen und er setzte ein unglaubliches Lächeln auf. Ich hätte
gerne zurück gelächelt doch ehrlich gesagt war mir nicht danach. Meine
Gedanken und Gefühle spielen schon wieder verrückt. Wie musste sich
dieses Kind nur fühlen? Soweit ich das von Shane mitbekommen hatte, kannte
mich dieser Knirps seit seiner Geburt und ich war nun nicht mehr im Stande ihn
herzlich zu begrüßen, weil er mir total fremd war. Das Einzige was
ich wusste war sein Name. Den Namen des Kindes, dass ich seit seiner Geburt
aufwachsen sah. Ich kam mir so hilflos und verlassen vor.
"Hallo Gill!" Brooklyn war auf mein Bett geklettert und schlang seine kleinen
Ärmchen um meinen Hals. Ich wusste nicht, was ich machen sollte und sah
Morgan hilflos an, die Brooklyn daraufhin von mir weg nahm und auf einen Stuhl
setzte.
"Setz dich hin, Schatz. Gillian ist noch sehr krank.", sagte sie zu ihm und
fuhr ihm durch die blonden Haare. Wie sollte man einem Kind denn erklären,
dass ich es nicht mehr kannte, wo ich doch schon seit drei Jahren mit ihm zusammen
lebte und half ihn aufzuziehen?
"Wann Gillian kommt wieder heim? Ich vermisse Gillian und Shane ist auch immer
traurig.", flüsterte er in Morgans Ohr und schielte zu mir herüber.
Oh Gott, was tat ich hier eigentlich? Ich sollte mich auf einer einsamen Insel
absetzen, da wo keiner mich kannte und schon gleich gar nicht liebte oder gern
hatte. Langsam aber sicher überforderte mich meine aktuelle Situation,
aber eigentlich war das ja nicht wirklich verwunderlich, oder?
"Morgan, sei mir nicht böse, aber ich wäre jetzt gerne wieder allein.
Mir wächst diese verdammte Situation über den Kopf hinaus. Wie soll
ich mich denn euch gegenüber verhalten? Ich kenne euch nicht..." Mein Satz
wurde immer unverständlicher, bis nur noch ein leises Schluchzen zu hören
war. Ich wurde hier noch verrückt, nun fing ich schon an herumzuheulen.
Morgan nickte nur leicht und verließ anschließend mit Brooklyn auf
dem Arm das Zimmer. Er winkte mir noch zu und ich zwang mich zu einem kleinen
Lächeln, das er fröhlich erwiderte. Dann schloss sich die Tür
hinter ihnen und Stille verbreitete sich im Raum. Wie würde das alles nur
enden?
Drei Tage später wurde ich entlassen und Shane brachte mich nach Hause.
Es war ungewohnt und ich verbrachte den ganzen Tag damit, mich überall
und vor allem in meinem Zimmer umzusehen. Jedes kleinste Detail wollte ich in
meinem Kopf festhalten. Ich versuchte mich an etwas zu erinnern, nur an irgendetwas,
doch es blieb weiterhin alles dunkel und schwarz. Ich betrachtete gerade ein
gerahmtes Bild von mir und Shane aus glücklichen Tagen, das auf dem Nachttisch
stand, als es klopfte.
"Kann ich rein kommen?", drang es durch die Tür. Es war Shane.
"Klar.", erwiderte ich und Shane betrat das Zimmer.
"Danke. Ich würde gerne mit dir reden."
"Okay, setz dich doch." Ich deutete mit meiner Hand auf mein Bett und wartete
bis er saß, bevor ich mich neben ihn setzte und ihn verlegen ansah. Ich
kaute auf meiner Unterlippe und fragte mich, ob ich das schon immer tat, wenn
ich nervös war. Wahrscheinlich schon, schließlich war ich immer noch
Gillian Walsh. Nur das an der Stelle, wo mein Gedächtnis sein sollte nur
gähnende Leere herrschte.
"Was ist denn?", fragte ich schließlich, als Shane nichts sagte.
"Gute Frage, nächste Frage bitte.", antwortete er und seufzte. Er sah mich
kurz an, bevor er weiter sprach und anfing seine Finger ineinander zu verknoten.
"Gillian, ich weiß nicht wie ich sagen soll, was ich fühle. Es ist
nur so, dass ich nicht weiß wie ich mich verhalten und mit dir umgehen
soll. Ich liebe dich und möchte dir helfen, doch du lässt mich nicht
an dich heran. Jeden Versuch, mich dir zu nähern, blockst du total ab."
"Was erwartest du? Versetz dich doch mal in meine Lage. Ich bin mit dir zusammen,
okay, doch leider weiß ich lediglich deinen Namen. Shane, bitte gib mir
Zeit, viel Zeit. Ich weiß doch noch nicht einmal wer ich selbst bin, wie
soll ich dann eine Beziehung mit dir führen? Könntest du jetzt bitte
wieder gehen?" Ich blinzelte ein paar aufsteigende Tränen weg, ich wollte
nicht schon wieder weinen und starrte in den Boden. Es stimmte, ich blockte
ihn ab, aber doch auch nur, weil ich mich erst selbst kennen lernen wollte.
Ich mochte Shane, er war nett, aber ich hatte genug damit zu tun, herauszufinden
wer ich selbst war, da konnte ich mich nicht auch noch auf eine Beziehung konzentrieren,
von der ich überhaupt nichts mehr wusste, außer dass mein Partner
Shane Steven Filan hieß.
"Ich kann das nicht. Ich kann nicht einfach nur zusehen und abwarten.", antwortete
er auf meine Bitte zu gehen.
"Wenn du das nicht akzeptieren kannst, dann weiß ich nicht warum ich überhaupt
mit dir zusammen bin." Es war gemein, das wusste ich, aber mir riss so langsam
der Geduldsfaden und ich redete mich vollkommen in Rage.
"Was soll das denn heißen? Gillian, sieh mich an, wenn ich mit dir rede!
Sieh mich an, verdammt noch mal!" Nun wurde auch Shane laut und ich wagte es
nicht ihn anzusehen, trotz seiner lautstarken Aufforderung. Ich starrte weiterhin
in den Boden und verfluchte ihn innerlich.
"Geh einfach, geh, ich will allein sein."
"Okay, wie du willst, aber wenn du doch noch etwas dazu sagen willst... du weißt
ja wo ich wohne.", sagte er und stand, mit vor Wut geballten Fäusten, auf.
"Nein, weiß ich nicht.", schrie ich ihn an und vergrub mein Gesicht im
Kopfkissen. Warum verstand mich keiner? War es denn so schwer zu verstehen,
dass mir alles und jeder fremd vor kam und ich deshalb Zeit brauchte? Viel Zeit
um zurück ins Leben der Gillian Walsh zu finden? So hatte ich mir meinen
ersten Tag zu Hause definitiv nicht vorgestellt...Vor Erschöpfung war ich
dann wohl irgendwann eingeschlafen, denn als ich meine Augen wieder aufmachte
war es bereits dunkel im Zimmer. Ich drehte mich um und erschrak, als ich mit
meinem Bein gegen etwas Hartes und Haariges stieß. Ich knipste mein Nachttischlämpchen
an und war fest davon überzeugt, ein mir verheimlichtes Haustier vorzufinden.
Als ich sah was es wirklich war musste ich lächeln. Shane lag auf dem Boden
und hatte seinen Kopf und halben Oberkörper auf meiner Matratze abgelegt.
Ich war gegen seinen Kopf gestoßen. Ich stieg vorsichtig aus dem Bett
und tippelte auf Zehenspitzen zur Tür um ihn nicht zu wecken, der Stoß
hatte ihm anscheinend überhaupt nichts ausgemacht. Im Flur blieb ich stehen.
Wo war das Klo gleich noch mal? Links, rechts oder geradeaus? Ich ging nach
rechts und hatte Glück. Ich war richtig. Als ich zurück ins Zimmer
kam, saß Shane aufrecht auf meinem Bett.
"Hi.", sagte er und stand auf.
"Hi.", antwortete ich. Es herrschte eine seltsam bedrückte Stimmung zwischen
uns und ich hütete mich, etwas zu sagen. Man hatte ja gesehen, wohin das
führte und ich wollte auf keinen Fall schon wieder streiten, zumal es schon
halb 12 war und Morgan und Brooklyn im Bett lagen.
"Tut mir leid.", wisperte Shane und ich hatte Probleme überhaupt zu verstehen
was er sagte.
"Ich wollte das nicht. Ich hab mich wie ein Idiot verhalten. Es ist einfach
nur so schwer für mich, mit der Person die ich liebe über eine so
große Distanz zu leben. Ich muss mich erst daran gewöhnen, für
mich ist das alles auch nicht leicht. Ich hoffe zu verzeihst mir?!"
"Natürlich. Mir tut es auch leid. Ich vergesse immer, dass ich nicht die
Einzige bin, die unter der Amnesie leidet. Und es ist ja nicht so, dass ich
deine Hilfe nicht will. Ich freue mich, aber das ändert im Moment eben
auch nichts daran, dass ich dich kaum kenne und deshalb auf Abstand lebe. Aber
ich mag dich bis jetzt ganz gerne.", grinste ich und Shane lächelte.
"Gute Nacht, Shane." Ich gab ihm ein Küsschen auf die Wange, ehe er das
Zimmer verließ und die Nacht im Wohnzimmer verbrachte.
*Chapter 3*
-The first progressiv-
Am nächsten Tag fuhr Shane mit mir zu sich nach Hause. Er wohnte auf einer
riesigen Pferderanch mit einer atemberaubenden Landschaft drum herum. Der Wahnsinn
schlechthin. Sein kleines Häuschen war rund herum umgeben von Pferdekoppeln,
Weiden und Ställen. Vereinzelt sah man Männer mit Schubkarren und
Schaufeln geschäftig hin und her laufen, während einige der Pferde
seelenruhig grasten und sich daran nicht stören ließen. Das Shane
ein Pferdeliebhaber war hatte er mir schon erzählt, aber das er eine so
riesengroße Ranch besaß hatte er mir bisher verschwiegen. Es war
seine Leidenschaft und ich wusste, dass er nach Ende der Arbeitszeit meistens
mit den Pferden arbeitete und ich ihn oft besucht hatte, doch das Bild das ich
nun vor Augen hatte, reichte weit über meine Vorstellungskraft hinaus.
"Das ist ja der pure Wahnsinn, wie bringst du das alles unter einen Hut?", staunte
ich. Wie war es nur möglich, dass er tagsüber als Industriekaufmann
arbeitete und zusätzlich noch ein so großes Pferdegestüt versorgen
konnte?
"Gefällt’s dir?", war seine Gegenfrage und ich nickte.
"Und wie. Kann ich reiten?"
"Natürlich kannst du... ach so... na ja, willst du es probieren?"
"Ja.", lächelte ich. Shane nahm mich an der Hand und lief mit mir in Richtung
der Ställe. Vor einer bestimmten Box blieb er stehen und fing an mit seiner
Zunge zu schnalzen, bis ein fuchsbrauner Pferdekopf erschien und freudig wieherte.
"Das ist dein Pferd. Er heißt Saturn.", erklärte er und strich ihm
über den Kopf. Ich staunte nicht schlecht. Ein eigenes Pferd hatte ich
also auch noch.
"Holst du seinen Sattel aus der Sattelkammer? Die ist gleich da vorne links.
Es steht sein Name drauf. Ich lege ihm so lange sein Halfter an, okay?" Ich
nickte wieder, bevor ich loslief um den Sattel für Saturn zu holen. Die
Sattelkammer war nicht schwer zu finden, Saturns Sattel dagegen schon. Als ich
durch die Tür trat, stachen mir bestimmt 30 verschiedene Sattel ins Augen,
die alle mehr oder weniger gleich aussahen. Ich arbeitete mich von einem Ende
zum anderen nach vorne und nach fünf Minuten hatte ich schließlich
das, was ich suchte. In geschwungenen Buchstaben war der Name in das braune
Leder eingraviert. Mir fuhr es eiskalt den Rücken herunter, als ich mit
meinem Finger jeden Buchstaben nachfuhr. Das war der Sattel von meinem Pferd!
"Hier bin ich wieder.", sagte ich und stellte mich vor die Box. Ich hatte den
Sattel über meinen Arm gelegt und war zurück zu Shane gelaufen, der
eifrig damit beschäftigt war, Saturn startklar zu machen.
"Danke." Shane nahm ihn mir ab, streifte eine Decke über Saturns Rücken
und legte dann den Sattel darüber. Sorgfältig zog er alle Riemen fest
und führte ihn anschließend aus der Box und vor den Stall.
"Bist du bereit?", fragte er mich und ich nickte.
"Ja, ich bin bereit.", antwortete ich sicher, dabei war ich nervöser denn
je. Meine Hände waren kalt und nass, doch das hinderte mich nicht daran,
ohne Probleme aufzusteigen und die Zügel in die Hand zu nehmen. Shane führte
Saturn auf eine der Koppeln und ließ dann los. Es war ein unbeschreibliches
Gefühl für mich, als ich, ohne groß nachzudenken, die Zügel
strenger nahm, meine Oberschenkel fester an Saturns Körper presste und
losritt. Es war als hätte ich nie etwas anderes getan. Meine Haare wehten
locker im Wind, als ich langsam in den Trab wechselte und ich hätte vor
Freude am liebsten laut aufgeschrieen. Nach den letzten Tagen voller Deprimierung
tat es gut ein solches Erfolgserlebnis zu haben und als ich von Saturn abstieg,
kam Shane sofort angelaufen um mich in den Arm zu nehmen. Und zum ersten Mal,
seit dem Unfall, machte mir seine Nähe überhaupt nichts mehr aus.
Wir brachten Saturn zusammen zurück in den Stall. Shane wollte mir nun
sein Zuhause zeigen. In seinem Wohnzimmer setzte ich mich auf die Couch und
sah mich um, während er etwas zu trinken holte. Es war gemütlich eingerichtet
und überall standen Bilder von seiner Familie oder von mir. Auf dem Tisch
stand eine große Schale mit jeder Menge Auswahl an Obst. An der Wand über
dem Fernseher hing ein riesiges Bild mit der Überschrift *Gillians 1. Kolumne*.
Meine Knie wurden plötzlich ganz weich und ich musste grinsen. Wie süß
war das denn?? Er hatte meine erste und bisher einzigste Kolumne eingerahmt.
Ich stand auf um sie näher zu betrachten und begann zu lesen.
"Gar nicht mal so schlecht.", murmelte ich, als ich fertig war. Am besten fand
ich meine Meinung über David Beckham. Mir war dazu nämlich in den
letzten Tagen ziemlich viel aufgefallen und hätte ich diese Kolumne noch
nicht geschrieben, hätte ich es sofort nach meinem krankheitsbedingten
Urlaub getan. Jede Kolumne die man ließt, oder mindestens ein Leserbrief
unter fünf, beinhaltet einmal das Thema *Beckham* und eigentlich geht es
jedes Mal um dasselbe: David Beckham und der Rummel um seine Person nervt. Ist
ja schön und gut, ich habe absolut nichts gegen diese Meinung, aber wenn
er doch sooo nervig ist, warum verschwenden die Kolumnisten dann ihre Arbeitszeit
um über ihn zu schreiben? Sollen sie den armen Kerl doch einfach in Ruhe
lassen. Er selbst findet den Rummel um sich wahrscheinlich auch nicht so toll...
Ich kann mir wirklich etwas Schöneres vorstellen, als auf Schritt und Tritt
von Securities begleitet zu werden um aufs Klo zu gehen. Dieser ganze Rummel
und die Aufregung lassen ihn zusätzlich oft arrogant erscheinen, doch wenn
man sich die Sache einmal genauer betrachtet und weiter recherchiert, kam zumindest
ich zu dem Ergebnis, dass die Presse ihn so hinstellt. Er wird in das Licht
des angeberischen Fußballers gerückt, der sich immer und überall
wichtig machen will, dabei ist es einfach sein Job Fußball zu spielen,
so wie es Shanes Job ist als Industriekaufmann zu arbeiten.
"Entschuldigung, dass es so lange gedauert hat, aber Mum hat mich aufgehalten.",
unterbrach Shane meine Gedanken und ich wendete den Blick von der Kolumne ab,
um von David Beckham wieder zurück in die Realität zu gelangen.
"Macht nichts. Ich hab mich ein bisschen umgesehen."
"Du warst sehr stolz darauf. Und ich auch." Shane zeigte auf die Kolumne und
ich nickte.
"Es war schon immer mein Traum für eine Zeitung oder ein Magazin zu schreiben."
"Woher weißt du das?"
"Ich weiß nicht, es war einfach da." Das war ja klasse, auch wenn es gleichzeitig
ein bisschen enttäuschend war. Das war der erste winzige Fortschritt seit
einer ganzen Woche, von meinem Erlebnis auf Saturn einmal abgesehen! Da war
mir ja nicht wirklich etwas eingefallen, ich hatte reiten wahrscheinlich einfach
nur nie verlernt. Es war wie Autofahren, es verlief völlig automatisch
ab, so als hätte ich nie etwas anderes getan. Die Sache mit der Kolumne
war anders, ein winzig kleiner Fortschritt zurück zu meinem Gedächtnis.
Aber immerhin besser als gar nichts. Shane freute sich darüber wie Brooklyn,
wenn er jemanden zum Spielen gefunden hatte. Er rief sogar bei Morgan an und
so langsam begann ich zu verstehen, warum ich mit ihm zusammen war. Er hatte
eine so süße kindliche Art an sich, als hätte seine Entwicklung
im Kopf bei 14 Jahren angehalten. Und doch wusste er wann es an der Zeit war
ernst zu sein oder ruhig an etwas ranzugehen. Es war nun eine Woche seit dem
Unfall vergangen und dieser Tag war wohl eines der Highlights während meiner
Amnesie. Es schien so, als ginge es ab jetzt nur noch voraus, als würde
mich nichts und niemand mehr davon abhalten können, mein Gedächtnis
wieder zu finden. Umso größer war die Enttäuschung, als es an
den nächsten Tagen weniger erfreulich zuging...
*Chapter 4*
-Sick and tired, but life goes on-
"Oh toll, guckt mal. Sligo bekommt ein überdachtes Hallenbad.", quietschte
Morgan vergnügt und zeigte uns am Frühstückstisch den Artikel
in der Tageszeitung.
"Das haben Hallenbäder so an sich, dass sie überdacht sind. Schließlich
heißt es ja auch HALLENbad.", bemerkte Shane und ich begann zu kichern.
"Ist ja gut...", schmollte Morgan und schob Brooklyn seine Schüssel Cornflakes
hin, weil er lautstark danach verlangte.
"Er ist jetzt übrigens im Kindergarten angemeldet. Ab 1. August." Morgan
nickte in Richtung Brooklyn, als wäre es nicht offensichtlich, dass er
gemeint war. Brooklyn leistete derweil ganze Arbeit und die hälfte seiner
Cornflakes wurden auf dem Tisch verteilt, während er dazu eine selbsterfundene
Melodie summte. Es war nun schon wieder eine Woche vergangen, doch außer
das ich nun wusste, wie es zu meiner Amnesie kam, gab es keine Veränderung,
in Hinsicht auf die Krankheit. Es war zum verzweifeln und die letzten Nächte
weinte ich mich jedes Mal in den Schlaf, weil es mich nervlich total fertig
machte. Ich wendete mich komplett ab, saß die meiste Zeit in meinem Zimmer
und grübelte über den Sinn meines Lebens nach. Es wurde eine immer
größer werdende Belastung für mich und auch für Shane.
Es ging ihm schlecht, um nicht zu sagen beschissen. Ich zog ihn ungewollt mit
hinein, in das große, schwarze Loch, das sich unter mir auftat und drohte
mich zu verschlingen. Mir und anderen gegenüber gab er es nicht zu und
er versuchte den starken Freund zu spielen, versuchte mir zu helfen, doch ich
war durch meine Amnesie ja nicht komplett verblödet. Mir konnte er nichts
vor machen, zumal ich auch ein Gespräch zwischen ihm und Morgan mitgehört
hatte. Ich wollte im Wohnzimmer eines der Fotoalben holen, um meinem Gedächtnis
auf die Sprünge zu helfen, als der Name *Gillian* fiel. Ich blieb vor der
Tür stehen und hörte Shane schluchzen und schniefen. Er weinte...
Ich wollte nicht lauschen und doch brachte ich es nicht fertig einfach zu gehen.
Ich blieb stehen und hörte alles mit: "Morgan, guck mich doch mal an. Ich
bin fertig mit den Nerven. Es ist das Schrecklichste was mir je passiert ist.
Ich liebe Gillian, wie ich noch keine andere Frau in meinem Leben geliebt habe.
Es war alles so wundervoll und wir haben schon von einer Hochzeit gesprochen
obwohl wir erst sechs Monate zusammen waren und nun ist dies alles vergessen.
Sie kennt mich nicht und lässt mich seit letzter Woche überhaupt nicht
mehr an sich heran. Mich, ihren Freund und das alles nur weil Jared nicht damit
umgehen konnte, dass er gegen sie verloren hatte. Wenn er nicht schon tot wäre,
würde ich ihn jetzt umbringen, weil er mir mein Leben genommen hat. Was
soll ich denn nur machen? Als wir bei mir zu Hause waren, war sie so glücklich.
Wieso kann das nicht einfach so weiter laufen, warum hat sich jetzt wieder alles
so sehr geändert, wo es doch schon danach aussah, als würde es bergauf
gehen? Gillian lässt mich nicht an sich heran, es ist als hätte sie
eine Wand um sich herum aufgebaut. Ich verstehe, dass es für sie schwer
ist, doch so kann ich ihr unmöglich helfen und genau das ist es doch, was
mir der Arzt geraten hat. Jeden Annäherungsversuch blockt sie ab und das
macht mich völlig kaputt. Ich weiß nicht wie lange ich noch durchhalte,
wie lange ich meine innere Zerrissenheit noch verstecken kann. Wenn sich nicht
bald etwas ändert dreh ich durch, Morgan."
"Weißt du, mir geht es manchmal genauso. Ich habe praktisch meine beste
Freundin verloren, aber wir müssen die Dinge so laufen lassen, wie sie
kommen. Gillian wird auf dich zugehen, wenn sie bereit dazu ist, da bin ich
mir sicher. Wir müssen einfach warten, anders kommen wir im Moment nicht
voran, auch wenn es schwer ist, Shane. Die Mauer kann sie nur selbst durchbrechen,
es liegt nur an ihr und die Zeit wird kommen, in der es wieder einen Lichtblick
gibt. Sicherlich ist es schlimm, aber da müssen wir jetzt durch. Zusammen
schaffen wir das, okay? Kopf hoch, Großer."
"Okay. Danke Moe, du bist ein Schatz. Ohne dich wäre ich wahrscheinlich
schon längst in der Irrenanstalt gelandet."
"Ist doch selbstverständlich. Ich werde jetzt nach Brooke sehen, er gehört
schon lange ins Bett..." Ich konnte hören wie Morgan aufstand und ich verzog
mich in mein Zimmer. Shanes Worte hatten mich berührt. Wir wollten heiraten...
Das klang alles so unwirklich, so als wäre es in einem anderen Leben passiert
und ich fühlte mich ziemlich mies. Shane hatte Recht. Ich blockte alles
ab, wollte am liebsten allein sein, um mich in meine eigene kleine Welt zurückzuziehen,
um dort im Selbstmitleid zu zerfließen. Außerdem fand ich diese
Sache mit Jared ziemlich seltsam. Der Name sagte mir überhaut nichts, aber
anscheinend hatte er etwas mit meiner Amnesie zu tun und der Unfall war nicht
einfach nur ein Unfall, wie ich bisher glaubte und es mir erzählt wurde.
Ich nahm mir vor Shane am nächsten Tag zu fragen, wie es wirklich zu meinem
Unfall gekommen war und legte mich ins Bett um zu schlafen. In der Nacht hatte
ich einen seltsamen Traum, der sich am Morgen ganz einfach erklären ließ,
weil es einfach nur ein Puzzleteil in meinem riesengroßen Puzzle war.
Es füllte eine Gedächtnislücke, diesmal eine ziemlich größere
als die davor. Ob es Zufall war das ich diesen Traum hatte, oder ob es einfach
etwas damit zu tun hatte, dass ich den Namen Jared gehört hatte, wusste
ich nicht. Ich wachte schweißgebadet auf und starrte wenige Sekunden in
die Dunkelheit, bis ich realisierte, dass es nur ein "Traum" war. Ich lief darin
in einen Club, wo ich mich mit einem Mann traf und mit ihm tanzte. Irgendwann
landeten wir in der Toilette und er hatte vor Dinge zu machen, die ich ganz
und gar nicht machen wollte und zu denen ich nicht bereit war. Ich wehrte mich
gegen ihn und schließlich war es der Absatz meiner Schuhe, der mich rettete.
Dann wachte ich auf. Ich schlich ins Badezimmer und spritzte mir kaltes Wasser
ins Gesicht um mir ein wenig Abkühlung zu verschaffen. Ich sah in den Spiegel
und erschrak mich bei dem Anblick, der sich mir bot. Mein Gesicht war blass,
die Augen glasig und aufgequollen und das Gesamtbild einfach furchtbar. Die
Ringe unter den Augen wurden von Tag zu Tag schlimmer und wenn nicht bald etwas
geschah, würde man mich noch für Graf Draculas Frau abstempeln! Als
ich wieder gehen wollte, rutschte mir mein Herz beinahe in die Hosentasche,
als ich eine Gestalt im dunklen Flur stehen sah. Ich kreischte kurz auf, ehe
die Gestalt ins Licht des Badezimmers trat und sich als Shane entpuppte.
"Oh Gott, mach das nie wieder, Shane!", stammelte ich und versuchte mein Herzklopfen
unter Kontrolle zu bringen.
"Tut mir leid, aber ich dachte dir geht’s vielleicht nicht gut, weil du um diese
Uhrzeit noch wach bist." Shane der im Wohnzimmer bei offenen Türen schlief,
um zu hören falls etwas passierte, seit ich wieder zu Hause war, hatte
wohl mitbekommen, dass ich rumgelaufen war.
"Nein, es ist nichts. Ich hab nur schlecht geträumt."
"Okay, dann gute Nacht."
"Nacht, schlaf gut." Ich lächelte ihm kurz zu, bevor ich wieder in mein
Bett huschte und bis am nächsten Morgen durchschlief. Meinen Traum sprach
ich während dem Frühstück mit Shane an. Morgan war mit Brooklyn
beim Kinderarzt, er musste geimpft werden.
"Shane, ich hatte gestern einen sehr komischen Traum.", fing ich an und erzählte
ihm jede Einzelheit die ich noch wusste. Shane wirkte sehr interessiert und
am Ende ein wenig bedrückt.
"Gillian, das war nicht einfach nur ein Traum. Es ist wahr.", sagte er flüsternd,
als ich geendet hatte und legte seine Hand auf meine.
"Du meinst mir ist das wirklich passiert?", fragte ich ungläubig und Shane
nickte, bevor er begann die ganze Geschichte mit Jared zu erzählen.
"Das ist ja Wahnsinn. Und ich dachte, so was gibt’s nur im Fernsehen. Ist es
schlimm, wenn ich sage, dass Jared nichts anderes als den Tod verdient hat?"
"Nein, wirklich nicht. Nach allem was passiert ist, darfst vor allem du so etwas
sagen. Mein Hass auf diesen Menschen ist unbeschreiblich. Ich hoffe er durchlebt
die Qualen, die er anderen zugefügt hat, nun selbst, wo immer er auch sein
mag.", beendete Shane das Gespräch und räumte den Tisch ab.
Und nun saß ich hier, knapp eine Woche später, am Frühstückstisch
zusammen mit Shane, Morgan und Brooklyn und fragte mich wann es wohl wieder
an der Zeit war, eine Gedächtnislücke zu füllen. Brooklyn war
mit seiner Cornflakes-Überschwemmung bereits fertig und Morgan war eifrig
damit beschäftigt, sie wieder zu beseitigen. Shane hatte sich die Zeitung
geschnappt und hatte angefangen sie durchzublättern, während Brooklyn
auf den Stuhl neben mir kletterte und mich mit großen, runden Augen ansah.
"Was ist los, Kleiner?", wollte ich wissen.
"Spielst du mit mir?"
"Okay."
"Toll. Komm mit!" Brooklyn klatschte begeistert in die Hände und packte
mich am Arm, ehe er mich in sein Zimmer zog und ich zusammen mit ihm und seinen
Autos spielte. Ich spielte eine ganze Weile mit Brooklyn und als ich wieder
zurück ins Wohnzimmer lief, fiel mein Blick auf Shane, der in nichts außer
Boxershorts auf der Terrasse im Liegestuhl lag und sich sonnte. Ich musste grinsen.
Süß sah er aus, wie er so da lag. Ich entschied mich spontan mich
dazuzulegen und schlüpfte kurzerhand in meinen Bikini, den ich nach etlichen
Minuten, in denen ich meine Schränke durchwühlte, endlich fand. Shane
bemerkte mich überhaupt nicht, anscheinend war er eingeschlafen. Ich machte
es mir auf einem weiteren Liegestuhl gemütlich und schlug mein Buch auf,
das ich mir mit raus genommen hatte und begann zu lesen. Ich liebte Nicholas
Sparks für seinen genialen Schreibstil und Sinn für Romantik. *A walk
to remember* hatte ich auf zwei Tage verschlungen und mit *The Rescue* ging
es mir nun ähnlich. Ich versank komplett in der Welt von Denise, Kyle und
Taylor und nahm die Welt um mich herum überhaupt nicht mehr wahr. Es musste
fast eine Stunde vergangen sein, ehe ich in die Realität zurück kehrte
und das Buch auf die Seite legte. Ich seufzte, blinzelte gen Sonne und sah dann
zu Shane, der immer noch am schlafen war, wobei sein Gesicht und restlicher
Körper bereits gefährlich rot glühte.
"Shane? Wach auf. Shane, du sollst aufwachen! Du verbrennst gleich!" Ich rüttelte
an seinen Schultern, die ebenfalls krebsrot waren und schaffte es schließlich
doch noch ihn zu wecken. Entweder er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen,
oder er brauchte übermäßig viel Schlaf...
"Was? Aua."
"Ja, aua, das hast du jetzt davon. Du bist doch ein Dummkopf. Im Bad stehen
drei Tuben Sonnencreme und was machst du?"
"Verdammte Scheiße."
"Sehe ich genauso. Ich glaube du geht’s jetzt besser rein. Warte ich helfe dir."
Ich stand auf und half Shane, möglichst ohne die roten Stellen zu berühren,
was äußerst schwer war, weil er nur am Rücken, auf dem er lag,
nicht rot war, auf die Beine.
"Aaah, oh Gott, ich leg mich hin und steh nie wieder auf. Das ist ja die Hölle.
Seit wann ist die Sonne im Juni schon so heiß?", sagte er mit schmerzverzerrtem
Gesicht.
"Red nicht so viel Unsinn, sondern leg dich aufs Sofa. Ich geh jetzt mal gucken
ob wir irgendwas da haben, um den Sonnenbrand zu kühlen. Du machst Sachen,
also wirklich." Ich schüttelte den Kopf, ehe ich durchs Haus eilte und
nach einer brauchbaren Creme oder ähnlichem suchte. So konnte er auf keinen
Fall liegen bleiben. Auf dem Weg schlüpfte ich noch in kurze Hotpants und
ein Top, weil ich immer noch im Bikini durch die Gegen lief und das im Moment
nicht mehr so passend fand.
"Dieser kleine Tollpatsch.", murmelte ich vor mich hin und durchforstete das
kleine Schränkchen in dem sich jegliche Art von Arzneimitteln und Cremes
befand, die die Wohnung zu bieten hatte.
"Tada, da haben wir ja was." Ich schlug das Schränkchen wieder zu und lief
mit einer Tube Kühlungscreme in der Hand zurück ins Wohnzimmer. Shane
leuchtete einem direkt entgegen und ich musste grinsen, obwohl es für ihn
weniger lustig war.
"Was grinst du so?", fragte er und zog eine Schnute die Brooklyn auch nicht
besser hinbekommen hätte.
"Ich grinse doch gar nicht."
"Doch, du hast gegrinst. Findest du es etwa lustig, dass ich... AUA." Um Shanes
Redeschwall zu stoppen hatte ich kurzerhand die Initiative ergriffen und fuhr
mit meiner Hand nun langsam über Shanes Oberkörper und verschmierte
vorsichtig die durchsichtige, glibberige Creme.
"Gillian, aua, das brennt, hör auf, autsch, Gillian bitte, bitte, bitte
hör auf, Gill, aua, das brennt wie Feuer, willst du mich umbringen, Hilfe,
Gillian!"
"Shane, jetzt sei still und hör auf rumzuzappeln. Wie alt bist du? 5 oder
24?"
"Okay, okay, aber das breeeeennt!"
"Das wundert mich nicht. Seh dich doch mal an. Man könnte dich als Leuchtturm
an die Küste stellen. Aber glaub mir, wenn die Creme erst einmal eingezogen
und der erste Schmerz vorbei ist, wird es besser. Und jetzt halte still, ich
creme dich ein. Du bist unmöglich" Ich drückte erneut auf die Tube,
um auch noch den Rest von Shanes Körper zu versorgen, ehe ich sie zurück
in den Schrank stellte und Shane Gesellschaft leistete. Wäre er nicht so
dämlich und selbst Schuld an seinen Schmerzen gewesen, hätte er einem
glatt Leid tun können. Ich forderte Shane auf ein Stück auf dem Sofa
nach hinten zu rollen, damit ich mich zu ihm setzen konnte. Neben seinem Bauch
ließ ich mich nieder, immer darauf bedacht ihn nicht zu berühren.
Ich wollte keinen weiteren Schreianfall riskieren, ich wollte ihn lediglich
nicht allein liegen lassen, wo er so starke Qualen durchleiden musste. Ich konnte
mir gut vorstellen wie er sich fühlte, ich hatte selbst schon oft genug
einen Sonnenbrand um zu wissen, wie weh das tat.
"Danke.", durchbrach Shane schließlich die eingekehrte Stille und ich
musterte ihn schmunzelnd.
"Werd jetzt bloß nicht sentimental!", grinste ich und Shane musste lachen.
"Wie geht es dir eigentlich? Ist dir wieder etwas eingefallen?", wechselte er
das Thema und ich seufzte. Musste er das gerade jetzt erwähnen, wo es lustig
wurde?
"Nein, mir ist nichts Neues eingefallen.", war meine knappe Antwort und an Shanes
Gesichtsausdruck erkannte ich, dass er erkannt hatte, dass ich nicht darüber
reden wollte.
"Tut mir leid, ich hätte nicht davon anfangen sollen.", entschuldigte er
sich sogleich, auch wenn ich wusste, dass seine Frage okay war.
"Schon okay. Deine Frage war berechtigt, aber ich rede nicht gerne darüber.
Schon gleich gar nicht, wenn die Stimmung so gut ist. Ich möchte nicht
immer und überall daran erinnert werden. Ich bin froh, wenn ich einmal
nicht daran denken muss, verstehst du?"
"Ja, das tue ich und deshalb werden wir jetzt auch das Thema wieder wechseln.",
sagte Shane und prompt in diesem Moment klingelte es an der Tür.
"Bleib liegen, ich geh schon. Diese Schmerzen will ich dir nicht zumuten." Shane
zischte mir ein gespielt empörtes "Ts" zu, bevor er lachte und ich durch
die Tür verschwand. Erst jetzt bemerkte ich, dass wir allein im Haus waren.
Morgan musste mit Brooklyn wohl gegangen sein, als ich draußen gelesen
hatte. Als ich die Haustür öffnete erblickte ich einen jungen Mann
mit blonden Haaren und strahlend blauen Augen. Ich musterte ihn kurz von oben
bis unten und er begann zu lächeln.
"Hallo.", sagte ich und fragte mich ob er fremd war oder ich ihn kennen sollte.
"Hallo. Ich bin Kian, dein Cousin. Darf ich rein kommen?", fragte er freundlich
und ich wunderte mich, dass er anscheinend schon über alles Bescheid wusste.
"Oh, ja klar.", war meine Antwort und ich trat auf die Seite. Ich öffnete
die Tür ein Stück weiter um ihn eintreten zu lassen.
"Danke.", murmelte er im vorbei gehen. Das konnte ja noch interessant werden...
*Chapter 5*
-Kian and the rescue-
"Ich bin erst gestern aus dem Urlaub zurückgekommen und Mum hat mir von
dem Unfall erzählt. Ich möchte dir helfen, Gill.", erklärte Kian
und fing wieder an zu lachen, als er Shane sah. Kian hatte die letzten fünf
Minuten mit Lachen verbracht, weil er es zu komisch fand, wie Shane aussah.
"Tut mir leid, Shane, aber das ist einfach zu geil."
"Ach, kein Problem. Ich werd’s mir merken und dir bei Gelegenheit heimzahlen!",
grinste er und Kian verstummte abrupt.
"Okay, seid ihr jetzt fertig? Gut. Kian, das ist wirklich nett von dir, aber
ich glaube ich komme ganz gut allein klar.", mischte ich mich ein und sah in
die Runde.
"Gillian, was soll das? Das glaubst du doch selbst nicht, oder? Warum lässt
du dir nicht helfen?", fragte Shane und richtete sich mit schmerzverzerrtem
Gesicht auf. Warum wurde er jetzt auf einmal so aggressiv und sein Ton so hart?
Was ging ihn das an, es war meine Angelegenheit von wem ich mir helfen lassen
wollte und von wem nicht!
"Weil ich keine Hilfe brauche, ganz einfach.", antwortete ich schnippisch.
"Ach ja? Und wie erklärst du dir die Tatsache, dass es schon seit Ewigkeiten
keine Fortschritte mehr gibt? Warum weißt du immer noch nicht recht viel
mehr, als kurz nach dem Unfall? Hör auf immer zu denken, dass du alles
im Griff hast, hör endlich auf damit und lass dir gefälligst helfen,
wenn dir jemand Hilfe anbietet, sonst bekommst du dein Gedächtnis nie zurück!"
"Jetzt reicht’s. Von dir lass ich mir nicht sagen was ich zu tun habe."
"Warum bist du so verdammt stur? Vergiss deinen Stolz, Gillian, vergiss ihn
und fang endlich an etwas gegen die Amnesie zu unternehmen! Jeder hat Verständnis
dafür, dass du versuchst es allein zu schaffen, aber anscheinend klappt
das so nicht. Ich hab mich die letzten Tage zurückgehalten, habe versucht
dir alles recht zu machen, um einem Streit aus dem Weg zu gehen, aber irgendwann
wird es auch mir einmal zu viel. Du bekommst so viel Hilfe angeboten, also nehme
sie verdammt noch mal an!"
"Fahr zur Hölle, Shane Filan!" Ich stand auf und verließ fluchtartig
das Wohnzimmer. Zurück blieben ein ziemlich verwirrter Kian und ein stocksauerer
Shane.
"Ich dreh hier noch durch. Sie macht mich wahnsinnig!", fluchte er und Kian
legte die Hand auf seine Schulter um ihn zu beruhigen. Die beiden kannten sich
noch aus ihrer Schulzeit und verstanden sich auch heute noch blendend. Man konnte
es schon fast als Bilderbuchfreundschaft bezeichnen, auch wenn ihre Treffen
durch die Jobs beider, seltener geworden waren. Mir war es schleierhaft, warum
ich Shane erst so spät kennen lernte...
"Lass sie Shane, irgendwann wird sie schon merken, dass sie so nicht weiter
kommt. Erzählst du mir jetzt die ganze Geschichte?" Shane nickte und begann
die vergangenen Wochen zu schildern, während ich heulend auf dem Bett lag
und alles und jeden verfluchte. Verdammt noch mal, Shane hatte Recht! Ich benahm
mich unmöglich, doch wenn ich jetzt nachgab würde alles noch viel
lächerlicher erscheinen. Ich hatte mal wieder alles verbockt und verdiente
fremde Hilfe überhaupt nicht mehr. Der Gedanke daran, dass ich selbst Schuld
war, ließ mir erneut Tränen in die Augen steigen. Ich war wohl komplett
verblödet. Ich überschüttete mich regelrecht mit Selbstmitleid
und wimmerte leise vor mich hin, bis es leise an der Tür klopfte.
"Wer auch immer da ist, ich will allein sein.", schluchzte ich und zog mir das
Kissen über den Kopf.
"Gillian, bitte mach die Tür auf. Ich möchte mit dir reden, es ist
wichtig." Es war Kian der nun erneut, diesmal heftiger, gegen die Tür klopfte
und verlangte, dass ich aufmachte.
"Das ist mir egal, ich will nicht reden."
"Würdest du jetzt bitte aufmachen? Ich finde es nicht besonders toll mit
einem Stück Holz zu sprechen, also tu mir nur diesen einen Gefallen und
mach die Tür auf.", sagte Kian fordernd mit einem Hauch von Wut in der
Stimme. Ich seufzte, es hatte ja doch keinen Sinn. Ich schlug die Decke von
meinen Füßen, legte das Kopfkissen aufs Bett und marschierte murrend
zur Tür um Kian herein zu lassen.
"Ich hoffe wirklich für dich, dass es wichtig ist.", brummte ich, während
ich mir die Tränen aus den Augen wischte und setzte mich zurück auf
mein Bett. Kian zog meinen Bürostuhl durchs Zimmer und setzte sich direkt
vor mich.
"Gillian, warum bist du so? Es will dir keiner etwas antun, dir soll lediglich
geholfen werden. Nein, sag jetzt nichts, jetzt rede ich. Du bist eine erwachsene
Frau, also benehme dich bitte auch so. Du brichst Shane das Herz mit deinem
unmöglichen Benehmen und ehrlich gesagt muss ich ihm Recht geben. Ich kenne
jetzt die ganze Geschichte und du weißt selbst, dass du im Unrecht bist.
Spring über deinen Schatten, lass deinen Stolz hinter dir und kämpfe.
Ich will dir helfen, aber nur dann, wenn man auch wieder normal mit dir reden
kann, okay Cousinchen?", endete Kian mit seiner Moralpredigt und ich biss mir
auf die Unterlippe. Ich fühlte mich wie Brooklyn nachdem er eine Vase kaputt
gemacht hatte und nun dafür bestraft wurde.
"Okay, wie willst du mir helfen?", fragte ich schließlich, nach etlichen
Sekunden Stille.
"Das ist die Gillian, die ich kenne.", grinste Kian, bevor er weiterredete:
"Ich hatte in der Grundschule ein Mädchen in meiner Klasse, die auch durch
einen Autounfall ihr Gedächtnis verloren hat. Sie war in derselben Situation
wie du, nur um einiges jünger und sie hat ihr Gedächtnis innerhalb
kürzester Zeit wieder gefunden. Ihre Eltern sind mit ihr zu Orten und Plätzen
gefahren, an denen sie in ihrer Vergangenheit war. Diese Orte haben Erinnerungen
geweckt und genauso möchte ich es mit dir probieren. Shane hat erzählt,
dass du fast nicht aus dem Haus kommst und genau das muss sich ändern.
Ich will, dass du wieder gesund wirst, Gillian und deshalb werde ich dir alle
Orte zeigen, an denen wir als Kinder und Jugendliche waren. Ich kann dir nicht
versprechen, dass es etwas hilft, aber wenn es bei Caoimhe geklappt hat, warum
sollte es bei dir nicht genauso funktionieren?"
"Das hört sich toll an. Danke Kian.", sagte ich und umarmte ihn spontan.
Meine Sturheit brachte mich nun auch nicht weiter und ich hatte sowieso die
ganze Zeit falsch gedacht, also war es nun an der Zeit meinen Stolz hinter mir
zu lassen und die Hilfe anzunehmen. Allein fiel ich nur noch weiter und tiefer
in das Loch der Verzweiflung...
"Ich werde jetzt mit Shane reden. Ich glaube er hat eine Entschuldigung verdient."
"Ja, das glaube ich auch. Machs gut, Gillian."
"Danke, du auch." Ich lief zurück ins Wohnzimmer, während Kian das
Haus verließ. Shane hatte sich nicht fortbewegt, er saß noch immer
an derselben Stelle und starrte auf seine Finger, die er ineinander verknotet
hatte. Er bemerkte mich erst als ich mich neben ihn setzte und ihn entschuldigend
ansah.
"Es tut mir leid, Shane.", sagte ich, doch er zeigte keine Regung. Er blieb
ruhig sitzen und sah weiterhin auf seine Finger. Das verunsicherte mich ein
wenig, anscheinend hatte ich ihn mehr verletzt, als ich angenommen hatte. Aber
was hatte ich erwartet? Ich hatte ihn angeschrieen und in die Hölle verbannt.
Ich konnte es ihm nicht einmal übel nehmen, dass er mich nun nicht mehr
ansah. Ich war so blöde...
"Ich kann verstehen, wenn du mich jetzt hasst.", wollte ich weiter reden, doch
dann unterbrach mich Shane: "Hör auf damit, ich hasse dich nicht und das
weißt du. Aber es tut verdammt weh, von seiner Freundin so angeschrieen
zu werden und ich hoffe du tust mir das nie wieder an!" Sein Gesichtsausdruck
war ernst, seine Augen dunkel und die Stimme völlig fremd. So kannte ich
ihn gar nicht, aber wenn ich es mir recht überlegte, hatte ich es gar nicht
anders verdient. Seit der Amnesie machte ich alles falsch!
"Es tut mir leid und ich werde mich ändern und kämpfen, das verspreche
ich dir."
"Pass auf was du sagst und überlege dir gut ob du deine Versprechen auch
einhalten kannst. Ich will nicht immer so behandelt werden, wenn jemand dir
seine Hilfe anbietet, die du nebenbei bemerkt bitter nötig hast." Das hatte
gesessen. Ich sah ihn ungläubig an und fragte mich warum er jetzt auf einmal
so war. War ich wirklich so schlimm? War es gerecht, dass er nun so mit mir
sprach, wo ich doch gerade dabei war mich für mein blödes Verhalten
zu entschuldigen? Ich wusste es nicht, aber ich versuchte zu retten, was noch
zu retten war.
"Shane, warum sagst du so was, wenn ich mich für das eben Geschehene entschuldige?
War ich wirklich so schrecklich?", fragte ich und sah ihn völlig verwirrt
an. Als er anfing zu grinsen war ich komplett durcheinander und erwartete nun
erst recht eine Antwort auf meine Frage.
"Ach Gillian.", seufzte er und entknotete seine Finger wieder.
"Genau darauf habe ich gewartet. Ja, du warst schrecklich, um ehrlich zu sein!
Deine Worte haben mich wirklich verletzt, vor allem die Sache mit der Hölle
und ich habe gehofft, dass du einsiehst, dass du im Unrecht warst. Ich bin nicht
mehr sauer, schließlich hast du dich ja jetzt entschuldigt, aber richtig
fand ich es trotzdem nicht und ich hoffe wirklich du hast daraus gelernt."
"Du bist zu gut für diese Welt. Und ich verspreche dir, dass ich mein Versprechen
einhalte, okay?"
"Okay, die alte Gillian gefiel mir nämlich viel besser!"
"Das kann ich nicht beurteilen, ich kenne die alte Gillian nicht.", sagte ich
mit einem traurigen Unterton in der Stimme.
"Ja, dann wird es Zeit, dass du sie kennen lernst. Ich hoffe du nimmst Kians
Angebot an?!"
"Ja, das tue ich."
"Prima! Darf ich dich jetzt was fragen, was ich schon die ganze Zeit fragen
wollte?"
"Kommt drauf an, was es ist."
"Bitte.", flehte er und zog eine Schnute.
"Okay, okay, als Wiedergutmachung!"
"Cremst du mich ein?" Ich musste lachen und nickte.
"Kein Problem, bin gleich wieder da." Mit diesen Worten verschwand ich und holte
die Creme aus dem Schränkchen um Shane seinen Gefallen zu tun. Mir war
sprichwörtlich ein Stein vom Herzen gefallen, dass er meine Entschuldigung
so einfach angenommen hatte und gleichzeitig löste es wieder Schuldgefühlte
in mir aus. Er war so gutmütig und ich führte mich auf wie der letzte
Depp.
Kian kam am nächsten Morgen kurz nach dem Frühstück. Er hatte
noch eine Woche frei und somit viel Zeit um mit mir zu jeglichen Orten meiner
Vergangenheit zu fahren. Als erstes machten wir uns auf den Weg zum Sligo Bay.
Laut Kian war dort der Ort, den wir aufsuchten, wenn es mal wieder Probleme
mit den Eltern, Stress in der Schule oder Liebeskummer gab.
"Wow, es ist wunderschön hier. Es ist ja Wahnsinn was Sligo so alles zu
bieten hat. Es wurde echt Zeit, dass ich mal aus der Wohnung rauskomme...",
seufzte ich und atmete die frische Meeresbrise tief ein. Die Sonne ließ
das Wasser silberig glitzern und den Ort schon fast magisch erscheinen. Der
Wind wehte leicht und in der Ferne konnte man lautes Kindergeschrei hören,
begleitet von dem Bellen eines Hundes. Im Hintergrund war das leise Rauschen
des Meeres zu vernehmen und ich schloss meine Augen um diesen Augenblick zu
genießen. Plötzlich wurde alles ruhig, es war als hätte jemand
den Ton ausgeschalten und vor meinem inneren Auge war es, als spiele sich ein
Kurzfilm ab. Ich sah mich und Kian. Es war dunkel und wir wurden von angenehmer
Stille umgeben, lediglich das Rauschen des Meeres war zu hören. Wir saßen
zusammen am Sligo Bay und beobachteten leise die Flammen des Lagerfeuers vor
uns. In der Hand hielt ich einen kleinen, weißen Zettel und als ich mich
näher betrachtete, erkannte ich, dass ich weinte. Ich lehnte meinen Kopf
an Kians Schulter, bevor das Bild verschwamm und dann gänzlich verschwand.
Ich öffnete meine Augen wieder und sah Kian, der seine Hose nach obengekrempelt
hatte und seine Schuhe in der Hand trug, durchs Wasser laufen. Ich konnte es
nicht glauben, es wirkte so irreal auf mich. Da stand ich hier am Sligo Bay,
noch nicht einmal eine Minute lang und schon war ich meinem Ziel einen Schritt
näher gekommen.
"Kian, Kian!", rief ich aufgeregt und lief ihm mit schnellen Schritten entgegen.
"Du wirst es nicht glauben, aber ich stehe gerade mal zehn Sekunden hier und
schon habe ich meine erste Erinnerung!", sagte ich aufgebracht und Kian riss
die Augen auf.
"Das ist nicht wahr, du verarscht mich! Das kann doch gar nicht sein.", antwortete
er ungläubig, was ich mit einem schüttelndem Kopf beantwortete.
"Nein, es stimmt. Ich habe uns gesehen. Wir saßen vor einem Lagerfeuer
und ich habe geweint, warum auch immer. In der Hand hatte ich einen weißen
Zettel. Ist das nicht toll?"
"Das ist fantastisch!" Kian fiel mir um den Hals und lachte dabei laut auf vor
Freude. Ich erwiderte die Umarmung und gab ihm ein Küsschen auf die Wange.
"Danke, Kian. Ich bin so dumm, ich wollte deine Hilfe doch tatsächlich
nicht annehmen." Ich schüttelte den Kopf über meine eigene Dummheit,
bevor ich ein Stück vom Wasser weg ging und mich in den Sand setzte. Kian
folgte mir und ließ sich neben mich plumpsen, seine Schuhe schmiss er
dabei achtlos neben sich. Nachdem sich meine Freude über die geschlossene
Gedächtnislücke wieder gedämpft hatte, machte sich eine seltsame
Bedrücktheit in mir breit. Ich fragte mich warum ich damals wohl geweint
hatte und wozu der weiße Zettel gut war. Ich streckte die Füße
aus, reckte das Gesicht gen Sonne und schloss die Augen. Ich war mir nicht sicher,
ob Kian noch wusste was an diesem Abend geschehen war, aber das würde ich
wohl nie erfahren, wenn ich ihn nicht fragte...
"Kian? Darf ich dich mal was fragen?"
"Natürlich. Was ist denn?"
"Warum habe ich an diesem Abend geweint?", sprach ich das aus was mich bedrückte
und hoffte er würde es mir erklären können. Gleichzeitig schickte
ich Stoßgebete gen Himmel, dass es nichts Schlimmes war, sondern lediglich
eines von vielen kleinen Teenagerproblemchen.
"Puh, da muss ich erst mal überlegen. Was hattest du in der Hand? Einen
weißen Zettel?", antwortete er und kratzte sich nachdenklich am Kopf.
"Hmmm... Eigentlich kann das nur ein Abend gewesen sein. Ich glaube damals hat
Kyle mit dir Schluss gemacht, aber sicher bin ich mir da nicht. Dieser Feigling
kam nicht mal persönlich bei dir vorbei, er hat es in einem Brief geschrieben,
vermutlich der weiße Zettel in deiner Hand. Du warst damals total fertig,
du warst ja so verliebt... Und an diesem Abend sind wir zusammen hier her gelaufen
um darüber zu reden, du hast mir den Brief gezeigt und ich weiß noch,
dass ich total wütend auf Kyle war, weil es einfach nicht fair ist, eine
Beziehung per Brief zu beenden. Und dann auch noch eine, die über zehn
Monate ging. Du hast schrecklich viel geweint und ich hatte keine Ahnung wie
ich dich beruhigen sollte. Wir waren damals 15 oder 16. Irgendwann kam auch
noch raus, dass er dich mit Laoise betrogen hat und das Gefühlschaos war
vollkommen unüberschaubar!", erzählte Kian und ich musste lächeln.
Ein Teenagerproblemchen... Kian und ich saßen noch über eine Stunde
im Sand und Kian erzählte mir Geschichten aus unserer Jugend und Kindheit.
Ich hörte gespannt zu und war erstaunt wie nah mir Kian stand. Wir hatten
den Großteil unseres bisherigen Lebens zusammen hinter uns gebracht. Erstaunt
und um viele neue Informationen reicher, stieg ich aus Kians Auto und verabschiedete
mich von ihm.
"Vielen Dank, Kian. Bis morgen." Ich winkte ihm zum Abschied noch kurz zu, ehe
ich den Schlüssel ins Schloss steckte und im Haus verschwand. Brooklyn
kam mir aufgeregt entgegen gelaufen und hüpfte vor mir auf und ab.
"Wo warst du?", fragte er neugierig und zog mich anschließend an einer
Hand ins Wohnzimmer. Morgan war rege damit beschäftigt den Videorekorder
zum Laufen zu bringen, während Shane mit einer Gitarre auf dem Sofa saß
und immer wieder dieselbe Melodie spielte.
"Guck mal, hab ich alles da reingetut.", erklärte Brooklyn und zeigte stolz
auf seine Kiste mit den Legosteinen, die ich noch nie so aufgeräumt gesehen
hatte. Morgan war am Morgen in einen Schreikrampf ausgebrochen, als sie die
Unordnung im Wohnzimmer sah und schickte Brooklyn gleich nach dem Frühstück
zum aufräumen, was er sichtlich ordentlich erledigt hatte.
"Prima, Brooke, aber es heißt reingetan."
"Hab ich doch gesagt!"
"Okay.", seufzte ich, hob abwehrend meine Hände und warf einen Blick auf
Shane, der immer noch in den Saiten zupfte.
"Was spielst du da? Ich kenn das Lied gar nicht. Ist das neu oder so?", fragte
ich neugierig und setzte mich zu ihm aufs Sofa.
"Nein, ist nicht neu. Ich hab das selbst geschrieben und komponiert. Willst
du es mal höre? Vielleicht fällt dir ja selbst ein warum ich es geschrieben
habe.", erklärte er und zuckte mit den Schultern. Ich nickte und war gespannt
was er wohl damit meinte, ob ich selbst darauf kommen würde, warum er es
geschrieben hatte. Er räusperte sich kurz, ehe er die Augen schloss und
anfing zu singen.
You said this would never end
But I want you for more than just my friend
Then you said, "This is hard to say
I never really looked at you that way"
Discount to tell you how I feel
It’s not a passing thing, I know it’s real
And if you have a reason
Not to move it on
So what about it baby
If you say no I’ll still be there
You keep running (running while) I’m still falling (falling for you)
You don’t notice, there’s something new my hearts discovered
You keep running (keep running) I’ll keep calling (calling until)
Until you notice
You see friends but I see lovers
You see friendship I see love
You see friendship I see love
Don’t be scared to let me in your heart
I’ve been there before, but I’ve played a different part
And if you have a reason
Not to move it on
So what about it baby
If you said no I’ll still be there
You keep running (running while) I’m still falling (falling for you)
You don’t notice, there’s something new my hearts discovered
You keep running (keep running) I’ll keep calling (calling until)
Until you notice
You see friends but I see lovers
You see friendship I see love
You see friendship I see love
And if you have a reason
Not to move it on
So what about it baby
If you said no I’ll still be there
You keep running (running while) I’m still falling (falling for you)
You don’t notice, theres something new my hearts discovered
You keep running (keep running) I’ll keep calling (calling until)
Until you notice
You see friends but I see lovers
Nah nah nah nah nah nah nah
Nah nah nah nah nah nah nah
Nah nah nah nah nah nah nah nah
You want friendship I want love
Nah nah nah nah nah nah nah
Nah nah nah nah nah nah nah
Nah nah nah nah nah nah nah nah
Nah nah nah nah nah nah nah
Nah nah nah nah nah nah nah
Nah nah nah nah nah nah nah nah
You want friendship I want love
You want friendship I want love
You want friendship I want love
Als er zu Ende gesungen hatte, standen mir Tränen in den Augen, obwohl
ich nicht wirklich wusste warum er diesen Song geschrieben hatte. Der Text war
einfach nur der Wahnsinn, auch ohne irgendeinen Zusammenhang. Ich schwieg einige
Sekunden lang und in mir machte sich das dumpfe Gefühl breit, dass dieser
Song etwas mit mir und Shane zu tun hatte. Warum sonst hätte er so seltsame
Andeutungen von sich gegeben? Ich kramte verzweifelt nach einem Taschentuch
in meiner Jacke, die ich im Eifer des Gefechts noch gar nicht abgelegt hatte.
"Der Song ist wunderschön.", schniefte ich schließlich und putzte
mir meine Nase.
"Danke."
"Ich wusste gar nicht, dass du so viel Talent hast.", mischte sich Morgan mit
ein, die gerührt vor dem Videorekorder kniete. Sie wusste ganz genau, warum
er den Song geschrieben hatte! Brooklyn klatschte begeistert und forderte lautstark,
dass er es auch einmal probieren wollte. Shane lachte, setzte sich auf den Boden,
nahm Brooklyn zwischen seine Beine und ließ ihn an der Gitarre zupfen.
Ich sah den beiden vergnügt zu, allerdings immer mit dem Gedanken im Kopf,
was der Song wohl zu bedeuten hatte.
*Chapter 6*
-The Kiss-
Ich stand summend unter der Dusche und ließ das warme Wasser über
meinen Körper laufen. Die Sonne schien und ich war bereits um 8.00 Uhr
schon in Höchststimmung. Shane, Morgan, Brooklyn und ich wollten heute
zusammen ins Freibad fahren, bevor am späten Nachmittag Kian vorbei kommen
wollte um einige Kneipen mit mir abzuklappern. Shane packte bereits die Badetasche,
als ich nur mit einem Handtuch um meinen Körper geschlungen durchs Haus
marschierte.
"Morgen, Gill.", sagte er und wandte sich dann wieder seinen Handtüchern
zu.
"Morgen. Wo sind Moe und Brooke?"
"Beim Bäcker."
"Ah, dann brauch ich mir also kein Müsli zu machen.", sagte ich mehr zu
mir, als zu Shane. Ich schaltete die Kaffeemaschine ein, ehe ich mich in mein
Zimmer verzog und meinen Bikini anzog. Ich packte meine Badetasche fertig und
stellte sie in den Flur, bevor ich mit der Sonnencreme in der Hand zu Shane
lief.
"Hier, pack die lieber ein.", grinste ich frech und Shane gab mir einen leichten
Stoß in die Seite.
"Hey, was soll das? Ich achte doch nur auf dein Wohl.", grummelte ich kichernd
und zog eine Schnute.
"Okay, okay. Ich pack sie ja schon ein. Jetzt wo der Sonnenbrand ein wenig besser
ist, möchte ich wirklich nichts riskieren."
"Eben.", antwortete ich und lief in die Küche um den Frühstückstisch
zu decken.
"Was trinkt Brooklyn? Milch oder Kakao?", rief ich ins Wohnzimmer, wo Shane
immer noch mit seiner Badetasche beschäftigt war! Ab und zu konnte man
ihn fluchen und heftig rumhantieren hören. Männer und packen ... das
verträgt sich eindeutig nicht!
"Keins von beidem. Er mag keine Milch, außer mit Cornflakes. Stell ihm
ein Glas Orangensaft hin."
"Okay.", gab ich verwundert zurück. Das war mir noch nie aufgefallen, obwohl
es nicht das erste Mal war, dass wir alle gemeinsam frühstückten,
doch jetzt wo Shane es erwähnt hatte, fiel es mir wieder ein. Ich hatte
Brooklyn wirklich noch nie Milch trinken sehen, außer wenn er Cornflakes
aß. Seltsam. Ich grübelte noch eine Weile darüber nach, warum
Brooklyn Cornflakes mit Milch aß, wenn er eigentlich keine Milch mochte
und war dabei so unkonzentriert, dass ich Brooklyns Orangensaft verschüttete.
"Shit!", fluchte ich und wischte die Sauerei wieder auf, als ich Brooklyns Stimme
im Flur hörte.
"Mama, will jetzt swimmen fahrn."
"Brooke, das hab ich dir doch gerade erklärt. Wir frühstücken
erst und dann fahren wir SCHwimmen. Komm bring mal die Brötchen in die
Küche."
"Nein, will nicht. Ich hol mein Drododil."
"Dein was?"
" Mein Drododil." Man hörte Morgans entnervtes Seufzen und Brooklyns schnelle
Tippelschritte, dann war es ruhig (nur Shane war schon wieder am fluchen, weil
er seine Handtücher nicht mehr in die Tasche rein brachte) und ich erschrak
mich zu Tode, als ich wieder vom Boden aufstand und Morgan hinter mir stand.
"Bist du wahnsinnig, Moe? Man, hab ich mich jetzt erschreckt! Schleich die nie
wieder an, ich krieg hier noch einen Herzkasper!", sagte ich und legte meine
Hand aufs Herz, das mit doppelter Geschwindigkeit pochte.
"Tut mir leid, Bounty. Aber guten Morgen erst mal. Prima, du hast schon den
Tisch gedeckt." Sie stellte die Tüte mit den Brötchen auf dem Tisch
ab und setzte sich anschließend auf einen Stuhl. Ich goss derweil ein
neues Glas Orangensaft ein und stellte es auf dem Tisch ab, ehe ich mich auch
an den Tisch setzte und aus dem Fenster sah. Ich freute mich total auf das Freibad
und war gespannt ob ich überhaupt schwimmen konnte. Ich nahm an, dass es
mir so ging wie beim Reiten auch, aber eine 100%ige Gewissheit würde ich
wohl erst vor Ort bekommen.
"Was ist ein Drododil?", fragte Morgan schließlich und ich schüttelte
ahnungslos den Kopf. Wahrscheinlich war es eins von Brooklyns Tausend Kuscheltieren.
Von Wuschel bis Schnuffel-Muffel war alles dabei, da war es auch möglich,
dass er eins besaß, das Drododil hieß. Shane kam nun auch endlich
in die Küche und nahm die Kanne aus der Kaffeemaschine.
"Wer will?", fragte er in die Runde und nahm meine Tasse in die Hand, nachdem
er ein kurzes Nicken abgewartet hatte.
"Nicht sehr gesprächig heute, ihr zwei... Wo ist denn unser Lauser? Vielleicht
erzählt er mir ja ein bisschen mehr, wenn ihr schon nichts sagt."
"Ha ha ha. Er holt sein Drododil.", gab Morgan zurück und schnitt ein Brötchen
auf, das sie für Brooklyn mit Nutella bestrich.
"Och nee. Hatten wir nicht ausgemacht, dass wir das beim nächsten Mal nicht
mitnehmen? Das Aufblasen bleibt ja eh wieder an mir hängen!", antwortete
Shane und sah bittend und mit einem Hauch Verzweiflung zu Moe.
"Von was redest du? Niemand bläst hier irgendwas auf!"
"Ach, das Krokodil füllt sich seit neuestem von allein mit Luft, oder wie?"
"Das Krokodil!" Morgan schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn.
"Er meint das Krokodil.", wiederholte sie und Shanes Gesicht verwandelte sich
in ein Fragezeichen.
"Was dachtest du denn?"
"Keine Ahnung. Er hat dieses dämliche Krokodil noch nie Krokodil genannt,
es war bis jetzt immer Frederick.", seufzte sie übertrieben und wir brachen
in ein lautes Lachen aus. Als wäre es abgesprochen gewesen kam nun auch
noch Brooklyn dazu. In der einen Hand hielt er seine blaue Badehose, in der
anderen zog er das verschrumpelte grüne Gummikrokodil hinter sich her.
"Tu aufblasen!", sagte er bestimmt und lief um den Tisch herum zu Shane, der
genervt mit den Augen rollte und seinen *Hab-ich-doch-gesagt*-Blick aufsetzte.
"Halt, halt, halt, Brooklyn. Wie heißt das Zauberwort?", mischte sich
Morgan mit ein und warf dem Kleinen einen strengen Blick zu.
"Tu bitte aufblasen.", murmelte er und ich begann zu grinsen. Brooklyn war zum
Knuddeln!
"Brookie-Schatz, leg dein Krokodil ins Wohnzimmer und nach dem Frühstück
blasen wir es auf, okay?" Shane gab ihm einen Klaps auf den Hintern und Brooklyn
marschierte aus der Küche.
"Und bei der nächstbesten Gelegenheit, stech ich ein Loch rein.", grummelte
er und Morgan zischte ein "Trau dich und du bist tot." über den Tisch.
"Okay, haben wir uns jetzt alle wieder lieb?", warf ich ein und hoffte, das
Thema war nun beendet. Wenn das so weiter ging, war meine Laune bis wir im Freiband
angekommen waren, auf den Nullpunkt gesunken. Was für Spannungen so ein
dämliches Gummikrokodil namens Frederick auslösen konnte, war unglaublich.
Eine Stunde später breiteten wir unsere Handtücher auf der Liegewiese
aus und Shane legte Brooklyn die Schwimmflügel an. ("Wieso muss eigentlich
immer ich alles aufpusten?!", hatte er gefragt und wollte protestieren, als
Morgan ihm die Schwimmflügel in die Hand drückte und sie antwortete:
"Weil es deiner Raucherlunge bestimmt gut tut, wenn sie mal wieder pusten darf
und nicht nur vollgequalmt wird.") Während Morgan mit Brooklyn zum Kinderplanschparadies
lief, kramte ich in Shanes Badetasche nach der Sonnencreme. Es war unglaublich,
was er alles mit sich herum trug und nun verstand ich auch, warum er die Tasche
beinahe nicht zubekommen hätte. Ich suchte verzweifelt nach der Tube und
stieß einen erleichterten Freudenseufzer aus, als ich sie endlich in der
Hand hielt.
"Kannst du mir den Rücken eincremen?", fragte ich Shane und sein verärgertes
Gesicht begann zu strahlen. Er war noch immer beleidigt wegen den Schwimmflügeln.
"Klar, leg dich hin.", forderte er mich auf und malte ein lachendes Gesicht
auf meinen Rücken, bevor er anfing sanft über meinen Rücken zu
massieren. An meinen Armen bildete sich Gänsehaut und ich hatte Shanes
Nähe und seine Berührungen seit dem Unfall noch sie so intensiv und
erregend empfunden, als in diesem Moment. Er brachte mich regelrecht zum erbeben.
Ich schloss meine Augen und genoss seine zarten und weichen Hände auf meiner
nackten Haut. Es war ein ganz neues Gefühl, ich kannte es nicht und um
wieder klare Gedanken fassen zu können, verschwand ich so schnell wie möglich
im Wasser, nachdem Shane fertig war. Ich schwamm bereits einige Bahnen, als
Shane mir vom Beckenrand aus zuwinkte. Ich schwamm an ihn heran und spritzte
ihn nass, als ich den Beckenrand zu fassen bekommen hatte.
"Ahhh, hör auf. Das ist ja arschkalt!", schrie er und hüpfte nach
hinten.
"Jetzt hab dich nicht so und komm rein!", forderte ich ihn auf und er trat wieder
etwas näher.
"Wollen wir nicht zuerst ins Kinderplanschparadies zu Brooke gehen? Da ist das
Wasser viel wärmer."
"Ja, weil alle Kinder ins Wasser pinkeln!" Shane verzog angewidert sein Gesicht
und ich brach in ein schallendes Gelächter aus.
"Das war ein Scherz. Jetzt komm schon, du kleine Zimperliese!"
"Na warte, dieses Zimperliese lass ich nicht so einfach auf mit sitzen!" Shane
lief fünf Meter zurück, nahm kräftig Anlauf und landete mit einem
lauten Platschen im kühlen Nass. Kaum war er wieder aufgetaucht kam ein
Bademeister angerannt, der ihn lautstark auf die Schilder *Bitte nicht vom Beckenrand
springen* hinwies. Shanes Gesicht färbte sich rot und ich schwamm einige
Meter davon, um nicht in einen Lachanfall auszubrechen, was schließlich
auch nichts mehr half. Ich prustete los und Shane tauchte mich unter, nachdem
der Bademeister verschwunden war um ein kleines Mädchen auf die Schilder
aufmerksam zu machen.
"Wahh, bist du verrückt?", schimpfte ich und spuckte ihm Wasser ins Gesicht,
bevor ich wieder zu kichern begann. Es dauerte gut zehn Minuten bis wir uns
wieder beruhigt hatten und einige Bahnen schwammen. Wir redeten über Gott
und die Welt, bis mir wieder Shanes unbeschreiblich schöner Song einfiel.
"Shane? Darf ich dich mal was fragen?"
"Nein, wie kommst du da drauf? Das kannst du aber schnell vergessen!", antwortete
er ironisch und ich musste erneut kichern.
"Na gut. Ich wüsste gerne die Bedeutung deines Songs."
"Hu... hmm... also eigentlich beschreibt er den Anfang unserer Beziehung. Los
ging das Ganze, als Morgan und ich einen Autounfall hatten. Es ist glücklicherweise
keinem etwas passiert und Morgan hat sich an diesem Tag in mich verliebt. Ich
allerdings hatte vom ersten Moment, wo ich dich sah, Gefühle für dich.
Als das raus kam hast du dich zuerst gegen deine Gefühle gestellt, weil
du Morgan nicht verletzten wolltest. Für dich war es lediglich Freundschaft
und nichts weiter. Und darum geht es in dem Song. You see friends but I see
lovers..."
"So was hab ich mir schon gedacht. Und wie sind wir dann doch noch zusammen
gekommen?"
"Morgan hat dir ins Gewissen geredet."
"Morgan? Meine Güte, ich bewundere diese Frau und mittlerweile weiß
ich auch, warum sie meine beste Freundin ist. Ohne sie hätte ich schon
längst aufgegeben, ich hab sie total ins Herz geschlossen und das in so
kurzer Zeit. Und dich auch. Ich glaube ohne euch hätte ich die par Teile
meines Gedächtnisses immer noch nicht zurück."
"Quatsch, das hast du ganz allein dir zu verdanken. Aber lass uns lieber über
etwas anderes reden. Wir sind doch hier um Spaß zu haben und nicht um
uns über solche ernsten Themen zu unterhalten.", zwinkerte er und ich nickte.
"Boa, ich bin tot!", stöhnte Shane, als wir das Wasser verlassen hatten
und ließ sich auf sein Handtuch fallen. Er legte sich auf den Bauch, schloss
die Augen und bewegte sich für fünf Minuten nicht mehr.
"Na? Wieder unter den Lebenden?", fragte ich, als er die Augen wieder öffnete
und wegen der grellen Sonne erst ein paar Sekunden lang blinzelte.
"Nicht wirklich, ich brauch jetzt erst mal ein Eis!", grinste er und stand auf.
"Willst du auch eins?", fragte er und rubbelte sich seine Haare trocken, ehe
er sich seine Sonnenbrille aufsetzte. Ich nickte und erklärte ihm welches
ich haben wollte, bevor er an den Kiosk lief. Wenige Minuten später kam
er mit zwei verschiedenen Eissorten zurück und setzte sich neben mich auf
mein Handtuch.
"Hier."
"Danke." Ich nahm ihm mein Eis ab und begann genüsslich daran zu lecken,
während ich Shane aus dem Augenwinkel heraus beobachtete, der sein Eis
mit großen Bissen hinunterschlang.
"Erklär mir mal bitte, wie man Eis beißen kann! Also bei mir zieht
das dann voll in den Zähnen."
"Liegt in der Familie. Machen alle so.", grinste er und biss erneut ab. Schon
allein bei dem Gedanken daran, schüttelte es mich und ich drehte mein Gesicht
weg von Shane, um im Kinderplanschparadies Ausschau nach Moe und Brooke zu halten.
Ich gab es schließlich auf, das Freibad war voll und es war unmöglich
jemanden zu finden, wenn man keinen genauen Treffpunkt ausgemacht hatte. Ich
lutsche gerade die letzten Reste von meinem Stiel ab, als Shane seine Hand auf
meiner Schulter ablegte.
"Suchst du wen?", fragte er und nahm die Hand wieder runter.
"Nein, ich hab nur geguckt ob ich Morgan und Brooke sehe.", gab ich zurück
und Shane grinste breit.
"Du hast hier Schokolade.", lächelte er und deutete die Stelle an seinem
Mund an. Noch bevor ich irgendetwas tun konnte sah er mir tief in die Augen
und legte seine Lippen anschließend sanft auf die Stelle, die er an seinem
Mund angedeutet hatte. Er küsste mir praktisch die Schokolade vom Mund
und im ersten Moment war ich unfähig irgendetwas zu machen. Schließlich
ging ich darauf ein und Shanes Zunge forderte zärtlich Einlass in meinen
Mund, den ich ihr auch gewährte. Es vergingen einige Sekunden, bis ich
realisierte was geschah und den Kuss abrupt abbrach. Völlig verwirrt und
durcheinander, stand ich auf und verschwand mit den Worten: "Ich bin im Wasser."
im Schwimmbecken. Ich verließ das Becken erst wieder, als ich sah, dass
Shane auch ins Wasser ging. Langsam stieg ich die Stufen aus dem Wasser nach
oben und sah mich um, immer darauf bedacht, dass er mich nicht sah. Es war total
kindisch, dieses Versteckspiel, aber dieser Kuss hätte nicht passieren
dürfen. Ich war noch nicht bereit für solche Intimitäten, obwohl
ich Shane nicht mehr einfach nur als Kumpel sah. Die Gefühle für ihn
fingen wieder an in mir aufzuleben und doch war dieser eine Kuss für den
heutigen Tag noch zu viel. Ich wickelte mich zitternd in mein Handtuch ein und
beobachtete das Geschehen um mich herum, als plötzlich ein braunhaariger,
großer Mann auf mich zukam. Ich kannte ihn nicht und fragte mich was er
von mir wollte, da es offensichtlich war, dass er zu mir lief. Er begann schon
zu winken.
"Gillian? Das ist ja eine Überraschung! Dich hab ich ja schon ewig nicht
mehr gesehen. Was machst du denn hier?" Er ließ sich neben mich auf das
Handtuch fallen und ich hatte keine Ahnung was ich nun machen sollte.
"Baden?", gab ich verunsichert als Antwort zurück und versuchte krampfhaft
mich zu erinnern. Wer war er nur?
"Entschuldigung, aber wer bist du?", fragte ich schließlich. Sein Gesicht
verwandelte sich in ein riesiges Fragezeichen und er sah mich ungläubig
an.
"Verarscht du mich? Wenn ja, find ich das nicht lustig."
"Tut mir leid, ich kenn dich nicht."
"Du bist schon Gillian Walsh, oder verwechsle ich dich da gerade? Wenn ja, dann
tut’s mir leid und ich bin schon so gut wie weg. "
"Nein, nein, ich bin Gillian Walsh, aber jetzt sag mir doch bitte mal wer du
bist!"
"Na, Mark. Der Kumpel von Shane. Das gibt’s doch nicht, du musst mich doch kennen.
Wir waren sogar schon zusammen im Kino, als ich noch mit Annica zusammen war."
Ich schüttelte den Kopf und mal wieder spürte ich wie Tränen
in meine Augen stiegen. Seit langem fühlte ich mich wieder komplett hilflos
und total überfordert mit dieser Situation! Was sollte ich denn jetzt machen?
Mir viel ein Stein vom Herzen, als ich Morgan mit Brooklyn heranlaufen sah.
"Hi Mark.", begrüßte sie ihn und gab ihm ein Küsschen auf die
Wange.
"Hi Moe. Hallo Brookie!" Mark fing an Brooklyn am Bauch zu kitzeln, was er mit
lautem Kichern begleitete, während sich Morgan auf das Handtuch gegenüber
von mir setzte.
"Was ist denn mit dir los?", fragte sie, als sie mir ins Gesicht blickte und
nun war wieder alles zuende. Ich fing erst an zu schluchzen und brach dann plötzlich
in Tränen aus.
"Gilly! Mäuschen, komm her!" Morgan zog mich an sich heran und begann mich
sanft hin und her zu wiegen. Immer wieder flüsterte sie mir dabei beruhigende
Worte in mein Ohr und mit der Zeit fasste ich mich wieder ein wenig.
"Ich möchte heim!", wimmerte ich.
"Jetzt erzähl mir erst mal was los ist. Wenn du möchtest können
wir auch woanders hin gehen.", schlug Morgan mit einem Seitenblick auf Mark
und Brooklyn vor und ich nickte.
"Lass uns woanders hin gehen.", schluchzte ich und erneut begannen die Tränen
über meine Wangen zu kullern.
"Reiß dich zusammen, Gillian!", tadelte ich mich selbst und wischte mir
die Tränen aus dem Gesicht.
"Kannst du kurz auf Brooklyn aufpassen?", wandte sich Morgan an Mark und nickte
kurz in meine Richtung.
"Klar. Ist Shane hier auch irgendwo?"
"Ja, aber ich hab keine Ahnung wo er ist, der wird schon irgendwann wieder auftauchen."
Morgan legte ihre Hand an meine Schulter und schob mich nach vorne. Wir liefen
ein ganzes Stück und setzten uns auf eine Bank, in einem etwas ruhigeren
Eck, weit weg vom Schwimmbecken und dem ganzen Menschengetümmel. Morgan
fuhr mir beruhigend über den Rücken.
"Ich kann dir jetzt leider kein Taschentuch anbieten, aber vielleicht geht’s
ja auch so.", lächelte sie und nahm mich in den Arm. Es tat gut zu wissen,
dass es einen Menschen gab, der immer hinter einem stand und immer für
einen da war, wenn man ihn brauchte.
"Danke Moe.", flüsterte ich und schniefte laut.
"Kein Problem, Bounty." Es vergingen ein paar Minuten des Schweigens, ehe ich
es fertig brachte einigermaßen verständliche Sätze über
die Lippen zu bringen.
"Wir haben uns geküsst. Das hätte nicht passieren dürfen. Ich
bin so durcheinander und weiß jetzt gar nicht mehr was ich machen soll!"
"Du hast Mark geküsst?!"
"Nicht Mark, Shane. Weißt du, ich bin dann weggelaufen und hab mich vor
Shane praktisch versteckt. Es ist lächerlich, ich weiß, aber das
war einfach ein Schritt zu weit. Es ist nicht so, dass ich nichts für Shane
empfinde. Ich glaube die Gefühle für ihn kommen langsam wieder auf,
aber für diesen Kuss war ich einfach noch nicht bereit. Und dann kam auch
noch dieser Mark, der mir die ganze Zeit erzählt hat, dass ich ihn kennen
muss, aber ich hab ihn noch nie zuvor gesehen. Mir ging es heute früh so
gut, ich hab mich so gefreut, dass wir heute alle was zusammen machen und nun
bin ich wieder da, wo ich zuletzt vor einer Woche war. Es ist das Schlimmste
für mich, wenn eine Person die ich kennen sollte auf mich zu kommt, mich
anspricht und ich sie aber nicht kenne. Sie können nichts dafür, aber
das verletzt mich und das Loch der Verzweiflung und Hilflosigkeit beginnt wieder
zu wachsen, obwohl es eigentlich schon fast komplett zusammen geschrumpft ist!
Weißt du was ich meine? Ich fühl mich dann immer so hilflos. Wie
soll ich mich denn solchen Personen gegenüber verhalten? Ich hab noch nicht
die Kraft dazu, einfach so über meine Amnesie zu sprechen, dafür ist
alles noch zu neu. Und kombiniert mit diesem dämlichen Kuss war das gerade
einfach zu viel für mich. Ich war so froh, als du endlich gekommen bist,
das kannst du dir gar nicht vorstellen.", erzählte ich und Morgan hörte
aufmerksam zu. Erneut entstand eine Stille, die sich für wenige Minuten
hinzog, in denen wir unsere Gedanken wieder ordneten.
"Puuuh...", sagte sie schließlich und kratzte sich am Kopf.
"Ich weiß gar nicht was ich sagen soll, aber ich denke, das mit Shane
klärt sich von allein, wenn du mit ihm darüber redest und Mark wird
auch noch aufgeklärt. Und klar weiß ich was du meinst, obwohl ich
es wohl nie so erleben werde wie du... Ich glaube, ich kann nur erahnen was
du durch machst und weißt du was? Ich bewundere dich. Ganz ehrlich, ich
wäre nicht so stark, ich hätte schon längst aufgegeben. Darüber
hab ich auch vor ein paar Tagen mit Shane gesprochen. Keiner kann wissen, was
du durch machst, wenn er es nicht selbst erlebt hat, doch wenn man sich mal
ganz intensiv damit beschäftigt und versucht sich in dich hineinzudenken,
ist es der Wahnsinn, selbst wenn man es nur Ansatzweise fühlen kann. Wir
sind verdammt stolz auf dich, Gillian!" Sie drückte mich fest an sich und
ich gab ihr ein Küsschen auf die Wange.
"Danke Moe, du bist die Beste!", lächelte ich und fühlte mich um einiges
besser! Ich liebte Morgan von Tag zu Tag mehr! Ich schniefte ein letztes Mal
und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Zusammen liefen wir zurück
zu Mark und Brooklyn, wo nun auch Shane saß und Mark bereits aufklärte.
Wir setzten uns schweigend dazu bis Shane endete und mich besorgt musterte.
"Geht’s dir wieder besser? Mark hat erzählt du hast geweint..."
"Ja ja, alles ist wieder okay."
"Entschuldige übrigens. Ich wusste ja nichts von deiner Amnesie.", mischte
Mark sich nun mit ein und setzte einen mitleidigen Blick auf.
"Schon okay.", murmelte ich bevor Morgan vorschlug zu gehen, da sie ganz genau
wusste, dass ich mich nicht wohl fühlte. Shane nickte und begann die Badesachen
in die Taschen zu packen.
"Noch nicht zu Hause gehen!", beschwerte sich Brooklyn und versuchte auszubüchsen.
Morgan rannte ihm hinterher und holte ihn wieder zurück, bevor sie ihn
schimpfte.
"Brooklyn, du kannst doch nicht einfach so wegrennen, hast du mich verstanden?
Das ist gefährlich, wenn du hier allein rumläufst. Du bleibst jetzt
hier stehen oder wir gehen nie wieder mit dir ins Schwimmbad! Hast du gehört?"
Brooklyn nickte beleidigt und ließ sich mit einem unverbesserlichen Schmollmund
ins Gras plumpsen. Morgan wandte sich von ihm ab und stopfte das letzte Handtuch
in ihre Tasche, bevor wir alle zusammen das Bad verließen und zurück
fuhren.
*Chapter 7*
-Alcohol and a big mistake-
Zuhause angekommen setzte ich mich zusammen mit Shane auf die Terrasse, um
dort die Sache mit dem Kuss zu klären. Ich schüttete ihm mein ganzes
Herz aus und versuchte zu beschreiben was in mir vorging um ihm klar zu machen,
dass es nicht daran lag, dass ich kein Interesse an ihm hatte, sondern das ich
einfach noch nicht bereit für so viel Nähe war.
"Gib mir bitte Zeit, Shane.", endete ich und er nickte verständnisvoll.
"Du kriegst alle Zeit der Welt.", lächelte er und ich umarmte ihn spontan.
Shanes Verständnis machte alles um einiges leichter und ich freute mich,
dass wir nun alles so schön geklärt hatten.
"Willst du heute Abend nicht mit kommen? Kian und ich wollen alle Kneipen abklappern
in denen wir zusammen waren und ich bin mir sicher, dass wir den Abend in irgendeiner
davon ausklingen lassen.", bot ich an und Shane sagte sofort zu. Ich stand lächelnd
auf, um mich für das bevorstehende Treffen mit Kian zu Recht zu machen.
Ich schlüpfte in meinen Jeansrock und zog ein rotes Top dazu an, bevor
ich mich ins Bad einsperrte und die nächste halbe Stunde mit meinen Haaren
kämpfte. Es war jedes Mal dasselbe, sie wollten einfach nicht so wie ich!
Schließlich gab ich es auf mir eine Hochsteckfrisur zu verpassen und ließ
sie offen über meine Schultern fallen. Ich legte noch ein dezentes Make-up
auf, ehe ich mich ins Wohnzimmer setzte und auf Kian wartete. Shane war nach
mir ins Bad gegangen um sich zu stylen und so wie ich ihn nun schon kannte,
dauerte es noch eine Weile bis er fertig war. Kian hatte schon sein Glas Cola
geleert, als Shane ins Wohnzimmer spaziert kam und verwundert auf die Uhr sah.
"Oh, schon halb 6.", sagte er mit unschuldiger Engelsstimme.
"Ja, schon halb 6. Bist du jetzt fertig oder willst du doch noch mal in den
Spiegel gucken ob auch wirklich alle Haarsträhnchen in die richtige Richtung
stehen?", fragte Kian amüsiert und ich grinste breit.
"Bäh... Auf geht’s!", antwortete Shane und zog sich seine Schuhe an. Kian
und ich taten es ihm gleich und machten uns dann auf den Weg von einer Kneipe
zur nächsten. Kian hatte sich dazu bereit erklärt zu fahren, was für
ihn *Kein Alkohol* hieß. In Bezug auf die Amnesie war der Abend frustrierend.
Es gab keine einzige Erinnerung für mich, doch davon ließ ich mir
die Laune an diesem Abend nicht verderben und ließ ihn zusammen mit Kian
und Shane in unserem Stammpub ausklingen.
"Noch ein Guinness bitte.", bestellte Shane und der Kellner stellte ihm bereits
das fünfte Glas hin. Er war schon gut angeheitert und auch ich war nach
dem vierten Wodka-Kirsch nicht mehr ganz bei Sinnen, während Kian an seiner
Cola schlürfte. Vier Guinness und drei Wodka-Kirsch später versuchte
Kian uns in sein Auto zu transportieren, was für Kian alles andere als
leicht war.
"Isch w-w-will net, m-mit dir in a Auto, b-b-bin doch net schwul!", lallte Shane
während ich um mich schlug, da ich permanent das Gefühl hatte, dass
eine Fliege um meinen Kopf summte. Zusätzlich hatte Shane die Einbildung,
dass vor der Tür Außerirdische standen die mit Pistolen auf ihn zielten,
was allerdings lediglich Straßenlaternen waren. Deshalb weigerte er sich
einen Fuß vor die Tür zu setzen und Kian war nah dran auszurasten.
Es dauerte fast 20 Minuten bis er uns im Auto hatte und schweißgebadet
den Motor startete. Kian hatte Schwerstarbeit geleistet und schwor sich nie
wieder mit uns allein wegzugehen!
"Da fliegt a U-u-ufo!", kreischte Shane plötzlich voller Panik und verpasste
mir mit seinem Ellenbogen einen Schlag in die Rippen.
"Das ist eine Ampel!", sagte Kian genervt und blieb stehen.
"A-ampel? Nö, a Ampel is net gelb. Woa, des U-ufo kann die Farbe verwechseln!",
stotterte Shane, als die Ampel auf rot wechselte. Kian stöhnte laut auf
und rollte mit den Augen.
"Shay, ich versichere dir, dass das eine Ampel ist und außerdem wechselt
sie die Farben! Nicht verwechselt."
"Du lü-lügst!"
"Gill, jetzt sag doch auch mal was!"
"Schlag die Fliege über mich tot." Kian gab es auf und fuhr wortlos weiter.
Es hatte ja doch keinen Sinn, sich mit uns rumzustreiten. Er musste auf dem
Heimweg zweimal anhalten, da Shane seinen Magen entleerte und kurz bevor man
zu uns in die Straße einbog, fing auch mein Magen an zu rebellieren. Doch
im Gegensatz zu Shane schaffte ich es nicht mehr aus dem Auto heraus...
"Das ist nicht wahr! Damit muss ich ganz zufällig auch noch heim fahren,
Gillian Walsh!", fluchte Kian wütend und ich quetschte mich so weit ich
konnte an Shane heran um mich nicht in mein Gebrochenes setzen zu müssen.
Shane lachte sich darüber kaputt und fand es äußerst witzig,
dass es im Auto zu stinken anfing.
"Du hast a Stinke-Auto.", kicherte er und ich stimmte mit ein. Vor unserer Wohnung
hielt Kian an und brachte uns noch bis in den Flur, bevor er wieder ging und
uns unserem Schicksaal überließ. Er war fertig mit den Nerven und
kurz vor einem Zusammenbruch. Zusammen verschwanden Shane und ich in meinem
Zimmer.
Als ich am nächsten Tag aufwachte brummte mein Schädel wie noch nie
zuvor. Ich hatte das Gefühl, als hätte jemand mit einem Hammer darauf
rumgeschlagen und mir sämtliche Schädelknochen gebrochen. Ich stöhnte
kurz auf als ich mich mit geschlossenen Augen aufrichtete, da sich alles um
mich herum drehte. Schließlich öffnete ich sie doch wieder und erschrak
als ich Shane bei mir im Bett liegen sah. Über seinen Kopf hatte er sich
seine Boxershort gestülpt und nun bemerkte auch ich, dass ich komplett
nackt im Bett lag. Ich schlug mir die Hand vor den Mund und sah geschockt auf
den schlafenden Shane neben mir. Was zum Henker war in der Nacht passiert? Wir
hatten doch nicht etwa... Ich schüttelte den Kopf und bereute es gleich
wieder, weil er noch stärker zu pochen begann. Es war absurd, DAS konnte
nicht passiert sein. Nein, niemals! Völlig verwirrt schlug ich die Decke
von meinen Füßen und sammelte meine Kleidungsstücke ein. Sie
lagen im ganzen Zimmer verteilt auf dem Fußboden und ich zweifelte stark
daran, das ES nicht passiert war. Wie konnte das nur passieren? Wir waren doch
zwei erwachsene Menschen. Waren wir wirklich so betrunken? Ich glaubte es nicht,
ich konnte und wollte es nicht glauben. Ich schlüpfte schnell in meinen
Pyjama und schlang den Morgenmantel darüber, ehe ich in die Küche
lief um mir dort eine Aspirin zu holen. Morgan saß bereits in der Küche
und sortierte die Briefe. Zwei für Shane, die anscheinend seine Mutter
in den Briefkasten geschmissen hatte, da er ja nicht mit in der Wohnung wohnte,
auch wenn er, seit ich die Amnesie hatte, nicht mehr übernacht zu Hause
gewesen war und immer auf dem ausklappbaren Sofa schlief, einer für mich
und zwei für Morgan.
"Guten Morgen, Hun.", sagte sie lächelnd und schob die Aspirinpackung über
den Tisch.
"Kian hat mir einen Zettel in den Briefkasten gelegt und mich gewarnt. Ach ja,
du sollst später bei ihm vorbei kommen und sein Auto sauber machen. Du
hast reingekotzt!" Ich verzog angewidert das Gesicht und löste mir eine
Tablette auf. Das hatte mir jetzt gerade noch gefehlt!
"Schläft Shane noch?" Ich nickte und setzte mich schweigend. Mir war gerade
ganz und gar nicht nach Reden zumute. Mein Kopf dröhnte, ich hatte keine
Ahnung, was in der Nacht vorgefallen war und ich hatte nicht die geringste Lust
Kians Auto zu putzen. Um vorerst nichts und niemanden mehr sehen zu müssen,
stellte ich mich unter die Dusche und hoffte, dadurch wieder klare Gedanken
fassen zu können. Als ich wieder aus dem Badezimmer trat, kam mir Shane
entgegen, der mich grob am Arm packte und ins nächste Zimmer zog.
"Hast du irgendeine Ahnung was letzte Nacht passiert ist?!", fragte er wütend
und festigte den Druck an meinem Oberarm.
"Nein, hab ich nicht und jetzt lass mich bitte los. Lass deine Aggressionen
nicht an mir aus." Ich wirbelte herum und riss mich los. Shane Fingernägel
hinterließen gerötete Kratzer, obwohl ich meinen Langärmligen
Pyjama an hatte.
"Gillian, warte!", sagte er nun etwas sanfter und ich blieb stehen.
"Was?"
"Entschuldigung, aber ich bin es einfach nicht gewohnt in fremden Betten aufzuwachen."
"Was denkst du wie geschockt ich war, als ich dich neben mir gesehen hab?"
"Okay, lass uns das vergessen, ja? Wir waren betrunken und nicht mehr klar im
Kopf. Es gibt ja immer noch die Hoffnung, dass nicht das passiert ist, was ich
leider Gottes denke. Sag mal dröhnt dein Schädel auch so wie meiner?"
"Oh ja, ich hab die schlimmsten Schmerzen meines Lebens. Und okay, wir vergessen,
was auch immer geschehen ist! Wir waren betrunken, das waren nicht mehr wir
selbst, ganz einfach." Shane nickte und wir verließen die Abstellkammer
wieder, obwohl es falsch war das Vorgefallene auf die leichte Schulter zu nehmen.
Wir wussten es beide und doch kümmerte sich keiner mehr darum. Es war vergessen!
Während Shane in die Küche lief, um sich eine Aspirin aufzulösen,
verschwand ich in meinem Zimmer und machte mich fertig, um bei Kian vorbeizugucken.
*Chapter 8*
-Kimberley, the bad one-
"Ich hoffe du hast die stärksten Kopfschmerzen deines Lebens!", begrüßte
mich Kian und ich lachte gequält.
"Worauf du dich verlassen kannst!"
"Prima, ihr wart nämlich unausstehlich und ich werde nie wieder, ich betone
nie wieder, allein mit euch beiden weggehen."
"Hmmm... na gut. Also wo ist dein Auto? Bringen wir’s hinter uns."
"Wir? Du! Es steht in der Garage. Hier ist der Schlüssel. Viel Spaß!"
Kian wedelte mit dem Schlüssel in der Luft, bevor er ihn mir übergab
und mir noch einen Wassereimer mit Lappen vor die Füße stellte.
"Bääääh." Ich streckte ihm die Zunge entgegen, ehe ich mich
ans Putzen machte und nach geschlagenen 45 Minuten erschöpft und gleichzeitig
zufrieden mit dem Ergebnis an Kians Tür klingelte. Ich hatte den Fleck
komplett herausbekommen und riechen konnte man so gut wie nichts mehr, nachdem
ich mit meinem Parfum nachgeholfen hatte. *Spirit* von Esprit, kann ich jedem
nur empfehlen. Richt gut und lässt sogar den Geruch von Kotze spurlos verschwinden!
"Fertig!", flötete ich und hielt Kian den Eimer unter die Nase.
"Danke, aber den Anblick erspare ich mir!", sagte er und schob den Eimer angeekelt
von sich weg.
"Willst du noch reinkommen?", bot er an doch ich lehnte dankend ab.
"Ich hab Morgan versprochen ihr beim Kuchenbacken zu helfen. Du kennst sie ja.
Backen war noch nie ihre Stärke!", kicherte ich und verabschiedete mich.
Ich lief langsam zurück und auf der halben Strecke fuhr plötzlich
ein stechender Schmerz durch meinen Kopf. Ich blieb stehen und schloss die Augen
für einen Moment, als vor meinem inneren Auge ein Bild erschien. Es zeigte
Shane, der inmitten von Hunderten von Kerzen saß und eine Gitarre in der
Hand hielt. So schnell das Bild gekommen war, war es auch schon wieder verschwunden.
Das Seltsame dabei war, dass ich genau wusste von welchem Abend dieses Bild
war und ich ganz genau schildern konnte, was direkt davor und danach passierte.
Hoch erfreut berichtete ich Shane und Morgan davon. Wir saßen zusammen
im Wohnzimmer und sie freuten sich riesig über diese Neuigkeit. Shanes
gute Stimmung wurde allerdings wieder gedämpft, als ihm die zwei Briefe
wieder in den Sinn kamen, die er am Morgen erhalten hatte.
"Ich wurde gekündigt.", sagte er mit einem frustrierten Unterton in der
Stimme.
"Ich hab völlig vergessen, dass ich seit drei Tagen wieder arbeiten muss."
"Wie kann man denn vergessen, in die Arbeit zu gehen?", fragte ich ungläubig
und hoffte das war ein schlechter Scherz.
"In letzter Zeit ist so viel passiert, dass ich ganz andere Dinge im Kopf hatte
und ich hatte ja auch nicht damit gerechnet, dass mein Urlaub so schnell vorbei
geht. Mir kam es vor wie eine Woche", antwortete er, als wäre das eine
akzeptable Erklärung. Ich schüttelte darüber nur den Kopf.
"Du bist echt doof.", warf Morgan ein und musste sich ein Lachen verkneifen.
Wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre, hätte sie glatt lustig
sein können.
"Oh man. Ich kann im Moment nicht arbeiten, Morgan hat noch keine Stelle bekommen
und jetzt bist du auch noch gekündigt! Zum Glück haben wir die letzten
Jahre immer so fleißig gespart und zum Glück können wir uns
auf Mama und Papa verlassen...", seufzte ich ironisch.
"Na ja und da gibt’s noch was."
"Oh nein, wenn du so anfängst, dann will ich’s gar nicht wissen." Morgan
stand auf und brachte ihr Glas in die Küche, bevor sie doch wieder zurück
ins Wohnzimmer kam. Ihre Neugier war viel zu groß, als das sie nun hätte
einfach so gehen können.
"Meine Ex-Freundin Kimberley hat mir geschrieben. Sie fragt ob sie für
eine Nacht bei mir übernachten kann, weil sie geschäftlich nach Belfast
muss und einen Zwischenstopp in Sligo einlegt. Aber da in meinem Haus zur Zeit
mein Bruder ist, müsste sie hier schlafen."
"Warum ist dein Bruder in deinem Haus?"
"Hab ich das nicht erzählt? Seine Frau hat ihn sitzen lassen und da ich
ja jetzt sowieso schon so gut wie hier eingezogen bin, hab ich ihm mein Haus
vorerst überlassen."
"Das wird ja immer lustiger." Morgan schlug die Hände theatralisch über
ihrem Kopf zusammen und ich brach in ein hysterisches Lachen aus. Das konnte
noch spannend werden. Eine, unter Amnesie leidende, Freundin und eine Ex-Freundin
unter einem Dach... Schließlich konnten wir sie nicht auf der Straße
schlafen lassen, wobei es sicher auch noch andere Möglichkeiten gegeben
hätte.
"Erzähl mal was von dieser Kimberley.", forderte Morgan Shane auf und er
begann zu grübeln.
"Na ja, sie ist halt meine Ex-Freundin. Wir waren fast ein Jahr zusammen, dann
hat sie mich mit meinem damals besten Kumpel Ozancan betrogen. Wir sind nicht
im Streit auseinander gegangen, aber ich konnte ihr diesen Seitensprung nie
verzeihen. Ozancan hab ich seit dem nicht mehr gesehen und Kimberley auch nicht,
außer einmal am Flughafen. Aber da hat sie mich nicht gesehen. Ehrlich
gesagt freu ich mich, dass sie mich besuchen kommt."
Drei Wochen später klingelte es am Vormittag an der Tür und ich ging
um zu öffnen. Shane war noch im Bad und Morgan war einkaufen, während
Brooklyn im Wohnzimmer mit seinen Logosteinen beschäftigt war.
"Hallo, kann ich Ihnen irgendwie helfen?", fragte ich freundlich und musterte
die Blondine gegenüber von mir.
"Ja, du kannst mich reinlassen. Kimberley Clarkson.", antwortete sie von oben
herab und schob sich mit ihren Silikontitten an mir vorbei. Mir klappte die
Kinnlade nach unten. Das war Kimberley? An was für einer Geschmacksverirrung
hatte Shane denn da gelitten? Ich hatte eine kleine, zierliche Blondine erwartet
und nicht so ein aufgeblasenes Monster. Mir war sie nach exakt zehn Sekunden
schon unsympathisch und ich fragte mich ernsthaft, wie ich einen ganzen Tag
mir ihr überstehen sollte, wenn sie sich nicht änderte. Ich sah ihr
wortlos hinterher, wie sie mit wackelndem Arsch durch den Flur stolzierte.
"Shane? Kim ist da.", rief ich, als ich mich wieder gefasst hatte und klopfte
an der Badtür.
"Kimberley.", zischte sie und fuhr sich durch ihre wasserstoffblonden Haare.
"Entschuldigung. KimBERLEY ist da!", korrigierte ich mich und funkelte sie mit
zusammen gekniffenen Augen an. Was bildete sie sich überhaut ein?
"Wer bist du überhaupt? Die Putzfrau?", wollte sie wissen und ich starrte
sie fassungslos an. Bitte? Das hatte sie jetzt nicht wirklich gesagt, oder?
Mein Kopf qualmte und ich suchte frustriert nach einer passenden Antwort, bis
ich mich doch dafür entschied, zu sagen, dass ich Shanes Freundin war,
obwohl das im Moment nur halb stimmte.
"Seine Freundin? Shanes Geschmack war auch schon mal besser." Sie musterte mich
von oben bis unten, doch ehe ich noch etwas erwidern konnte öffnete Shane
die Badtür.
"Kimberley, schön das du da bist!", sagte er überschwänglich
und begrüßte sie mit einer innigen Umarmung und einem Kuss auf die
Wange.
"Ja, ich freu mich auch, dich wiederzusehen, Shaney-Hase. Deine Freundin hab
ich schon kennen gelernt. Ein nettes Mädchen.", antwortete sie zuckersüß
und ich hätte ihr am liebsten links und rechts in Gesicht geschlagen. Das
war nicht zu fassen, so eine dämliche Schnepfe war mir noch nie begegnet.
Shane führte sie durch die Wohnung und ich trottete wie ein kleines Hündchen
hinterher. Vor Brooklyns Zimmer weiteten sich ihre Augen.
"Ihr habt schon einen Sohn? Ich liebe Kinder, wo ist denn der kleine Racker?",
fragte sie übertrieben erfreut und ich nahm mir vor, Brooklyn auf keinen
Fall in die Nähe dieser Giftspritze zu lassen. Wer weiß, was sie
mit ihm anstellte. Es war sowieso verwunderlich, dass er nicht sofort aufgesprungen
war, als es klingelte. Normalerweise war er der erste an der Tür, aber
anscheinend war es die kindliche Intuition, dass er weiter mit seinen Legos
spielte, anstatt dieser zurechtgeschnippelten Tussi über den Weg zu laufen.
Ich zweifelte stark daran, dass irgendetwas an ihr echt war.
"Nein, nein. Nicht unser Sohn. Es ist der Sohn unserer besten Freundin Morgan.
Sie müsste jeden Moment zurückkommen. Brooklyn spielt im Wohnzimmer"
Als hätte Morgan das gehört, öffnete sich prompt in diesem Moment
die Haustür und Brooklyn kam wie auf Kommando aus dem Wohnzimmer geflitzt.
"Ach wie prima, jetzt wo wir gerade alle so schön zusammen sind, kann ich
mich ja gleich mal vorstellen. Kimberley Clarkson." Sie gab Morgan die Hand
und knuffte Brooklyn in den Bauch. Am liebsten hätte ich laut losgeschrieen.
So ein verlogenes Weibsstück. Vor Shane die freundliche Ex-Freunden spielen
und mich hinten rum dumm anmachen. Meine Hände ballten sich zu Fäusten,
als sie mir siegessicher zulächelte. Sie hatte von Anfang an gewusst wer
ich war und es machte mich rasend, dass ich so gut wie nichts über sie
wusste. Wer weiß, was für Informationen über mich in ihrem kleinen,
nicht erwähnenswerten Gehirnchen abgespeichert waren. Während sie
mit Shane den Rest der Wohnung besichtigte, verschwand ich mit Morgan in der
Küche um die Einkäufe wegzuräumen. Dabei ließ ich mir die
Gelegenheit natürlich nicht entgehen und berichtete Morgan ausführlich
von meiner ersten Begegnung mit Kimberley.
"Ich hasse KimBERLEY Clarkson!", endete ich und Morgan saß regungslos
am Tisch.
"Was um Himmels Willen hat diese Frau vor?", rätselte sie und ich schüttelte
ahnungslos den Kopf.
"Frag mich was Leichteres. Ich weiß nur, dass ich froh bin, wenn die morgen
wieder verschwindet und hoffentlich nie wieder hier auftaucht, wobei ich das
ehrlich gesagt bezweifle. Ich weiß nicht wieso, aber ich hab das dämliche
Gefühl, dass hier was ganz gewaltig nicht stimmt!" Ich hatte den Satz gerade
zu Ende gesprochen als Kimberley mit Shane im Schlepptau in die Küche gestiefelt
kam. Man beachte, dass sie noch immer ihre Hackenschuhe trug und uns wahrscheinlich
damit den gesamten Teppich im Wohnzimmer ruiniert hatte.
"Wie wär’s mit Schuhe ausziehen?", fuhr Morgan sie an und Kimberleys künstliches
Lachen verschwand. Ihr Blick fiel sofort wieder auf mich, die böse kleine
Freundin, die gleich wieder alles weiter geplappert hatte. Doch das war mir
in diesem Moment genauso egal, wie die Reisernte in China. Es konnte ruhig jeder
erfahren, dass ich sie unausstehlich fand und ihr am liebsten ihre gefärbten
Haare ausgerissen hätte!
"Natürlich.", sagte sie schrill und dackelte in den Flur. Shanes Blick
haftete dabei auf ihrem Hintern, der von einer Seite der Wand zur anderen hüpfte.
Ein Gefühl von Eifersucht und Wut stieg in mir auf. Was war nur in ihn
gefahren? Was stellte sie mit ihm an, dass er nicht merkte, was hier vor ging?
Morgan dachte anscheinend dasselbe, ihr Blick sprach Bände.
"Als Dank dafür, dass ich hier übernachten darf, möchte ich euch
heute Abend zum Essen einladen.", säuselte sie, als sie ihre Silikontitten
wieder in der Küche geparkt hatte.
"Ach, das ist doch nicht nötig, Kimy. Stürz dich doch nicht so sehr
in Unkosten, das ist doch selbstverständlich", antwortete Shane und redete
mit ihrer Oberweite, als wäre es ihr Gesicht.
"Das ist aber nett. Wir gehen gerne mit!", mischte ich mich ein und warf Shane
einen Blich zu, der so viel hieß wie *Halt-jetzt-bloß-den-Mund*.
Die konnte sich auf eine Rechnung gefasst machen, dass ihr der Arsch noch mehr
schlackerte! Den Nachmittag verbrachten wir im Wohnzimmer, wo uns Kimberley
die Ohren voll quasselte, wie erfolgreich sie doch war. Es war praktisch eine
Erläuterung der letzten drei Jahre, so lange hatte sie Shane nämlich
nicht mehr gesehen und es war jetzt selbstverständlich äußerst
wichtig, dass er erfuhr, was er alles verpasst hatte. Irgendwann war mir das
alles zu blöd und ich ging mit Brooklyn zum Spielplatz. Morgan begleitete
mich und es tat gut mit seiner besten Freundin mal wieder so richtig zu lästern.
Um kurz nach 19 Uhr machten wir uns auf den Weg zum teuersten Restaurant in
ganz Sligo, was natürlich ich ausgewählt hatte. Kian war freundlicherweise
als Babysitter für Brooklyn eingesprungen. Schade eigentlich. Seine Limo
und Pommes wären sicher auch noch mal auf fünf Euro gekommen. Im Restaurant
angekommen stellten Morgan und ich uns das teuerste Menü zusammen, das
wir finden konnten. Shane traute seinen Ohren kaum, als er unsere Bestellung
hörte und zog mich kurzerhand auf die Seite.
"Was zum Teufel ist in dich gefahren?"
"Was in mich gefahren ist? Sag mal siehst du nicht was für eine Show diese
blöde Tussi abzieht? Sie säuselt dir die Ohren voll und hintenrum
behandelt sie mich wie ein Stück Scheiße!"
"Ich bitte dich! Jetzt benimm dich nicht so kindisch, ich finde Kimberley nett
und es ist etwas Besonderes, sie nach so langer Zeit mal wieder zu sehen."
"Natürlich, wenn ich ein Mann wäre würde ich ihre Silikontitten,
den Wackelarsch und das Wasserstoffblond wahrscheinlich auch geil finden. Tut
mir leid, dass ich eine Frau bin und nicht so denke. In deinen Augen bin ich
wahrscheinlich nicht so attraktiv wie sie und ganz so viel Geld besitze ich
auch nicht, dafür hab ich Charakter, was anscheinend in der heutigen Welt
nur noch halb so wenig zählt, aber ich lass mich von dieser Dorfmatratze
nicht fertig machen und schlage ganz einfach zurück! Wenn sie so erfolgreich
ist, wie sie den ganzen Tag behauptet hat, wird sie diese Rechnung mit links
bezahlen!" Damit drehte ich mich um und setzte mich zurück an meinen Platz,
gefolgt von Shane der nun nichts mehr zu sagen hatte. Man sah ihm an, dass er
wütend war, zumindest war es für mich offensichtlich. Das Essen war
köstlich und ich war pappsatt, was mich allerdings nicht daran hinderte
noch einen großen Eisbecher zu bestellen. Wenn schon, denn schon... Während
Kimberley schon wieder von ihrem Erfolg berichtete, verschwand ich auf dem Klo.
Das musste ich nicht schon wieder hören! Ich wusch mir gerade die Hände,
als Kimberley durch die Tür trat um ihr Make-up zu checken. Ich stöhnte
und fragte mich, ob man von dieser Person nicht mal eine Minute allein gelassen
werden konnte. Was hatte ich getan, damit ich so etwas verdiente? Ich wollte
gerade gehen, als sie ihre Handtasche zuschnappen ließ und mit zuckersüßer
Stimme anfing zu reden: "Gillian, oder wie war dein Name? Na ja, ist ja sowieso
nicht so wichtig. Anscheinend läuft es zwischen dir und Shane gerade nicht
so gut, was? Du solltest dich mal fragen warum und fang jetzt bloß nicht
an, es auf die Amnesie zu schieben. Schon mal über eine Schönheitsoperation
nachgedacht?"
"Wenn ich danach so aussehe wie du, dann kann ich gut und gerne darauf verzichten.
Außerdem geht es dich einen feuchten Dreck an, wie es in meiner Beziehung
läuft!" Ich knallte die Tür zu und rauschte davon. Es machte mich
unbeschreiblich wütend, dass Shane ihr von meiner Amnesie erzählt
hatte. Das ging diese dämliche Kuh überhaupt nichts an und es brachte
mich zum kochen. Heftig Atmend und knallrot im Gesicht kam ich zurück an
den Tisch.
"Hast du einen Marathonlauf hinter dir?", scherzte Morgan und betrachtete mich
lachend.
"Ne, ein Gespräch mit Barbie!", antwortete ich und betonte das Wort Barbie
mit einem angewiderten Unterton.
"Wo ist Kimberley eigentlich?", fragte Shane und sah sich im Restaurant nach
ihr um.
"Sie ist noch bei den Toiletten und spült sich hoffentlich gerade im Klo
runter!", knurrte ich und kaute auf einem Zahnstocher herum. Ich war auf 180.
Wie konnte man nur so blind sein? Sah Shane denn nicht, dass sie ihm etwas vorspielte?
Merkte er überhaupt nicht wie abwertend sie mich immer ansah? Ich erkannte
Shane nicht wieder, es war als hätte Kimberley ihn ausgewechselt. Ich wusste
noch nicht was sie vorhatte, aber ich nahm mir vor, es herauszufinden!
"Gillian, jetzt sei nicht so gehässig und reiß dich gefälligst
zusammen! Ich versteh überhaupt nicht was du hast, anscheinend ist es purer
Neid der hier spricht!", sagte Shane zornig. Nun war nicht nur ich auf 180,
sondern auch er.
"Klar, ich wünsch mir schon seit Ewigkeiten Luftballons der Größe
Doppel D, die mir die Sicht auf meine Füße versperren."
"Jetzt lass doch gefälligst mal ihre Oberweite aus dem Spiel! Kimberley
ist ein Teil meiner Vergangenheit und wenn du das nicht akzeptieren kannst,
ist das dein Problem. Sie ist eine wunderbare Persönlichkeit und im Gegensatz
zu dir, hat sie schon was erreicht im Leben! Was beschwerst du dich eigentlich?
Es kann dir doch egal sein, immerhin bist du überhaupt nicht meine Freundin,
du brauchst ja noch Zeit!" Das saß. Er glaubte doch nicht wirklich, dass
sie ein Model der Zeitschrift *Vogue* in den USA war und gleichzeitig noch 3-fache
Chefin von irgendwelchen Firmen in Belfast, Rom und Sydney. Tränen der
Wut und Verzweiflung schossen mir in die Augen. Jetzt waren wir also schon so
weit, dass er mir Vorwürfe machte, dass ich noch Zeit brauchte und angeblich
noch nichts erreicht hatte. Es war unglaublich, wie sich Shane von einer einzigen
Person zu Recht biegen ließ und im Moment begriff er noch nicht einmal,
wie weh er mir mit diesem Vorwurf tat. Ich hatte es mir nicht ausgesucht, dass
ich nun unter Amnesie litt und schon gleich gar nicht, dass unsere Beziehung
nun komplett auf der Kippe stand, wo sie eigentlich gerade wieder anfing aufzuflammen.
"Wenn das so ist, dann leb deine Vergangenheit doch in der Zukunft weiter und
lass mir meinen Frieden! Ich find es so was von scheiße von dir, dass
du ihr gleich mal verklickert hast, dass ich mein Gedächtnis verloren habe.
Das geht diese Frau überhaupt nichts an, das ist mein Leben und ich hab
nicht vor, es mit ihr zu teilen! Ich hab dir vertraut! Vielleicht sollten wir
ab jetzt getrennte Wege gehen.", schrie ich über den Tisch und die anderen
Gäste drehten ihre Köpfe in unsere Richtung.
"Tschüss, es hindert dich keiner daran zu gehen. Die Tür steht dir
offen und außerdem hab ich ihr nie etwas von deiner Amnesie erzählt.
Ich weiß nicht wie du auf diesen Schwachsinn kommst, aber wenn du mir
so etwas unterstellst ist es wahrscheinlich wirklich das Beste, wenn wir uns
nicht wieder sehen."
"Ich hoffe für dich du bist nun glücklich! Jetzt hast du es ja geschafft.
Jetzt hast du mich, die kleine Plage mit der man sich wegen ihrer Amnesie nur
herumärgern muss, endlich los. Du kannst dich drauf verlassen, dass du
mich nie wieder sehen wirst! Ich lass mich doch von dir nicht anlügen.
Werde glücklich mit KimBERLEY! Lebe wohl, Shane Filan!" Ich nahm meine
Handtasche in die Hand und stürmte aus dem Restaurant. Von wegen ich hatte
alle Zeit der Welt, einen Scheißdreck hatte ich. Ich rannte ziellos durch
die dunklen Straßen und landete irgendwann an der Sligo Bay. Ich rannte
immer weiter, bis ich nicht mehr konnte und mich in den nassen Sand fallen ließ.
Mein Körper wurde regelmäßig von den lauten Schluchzern die
ich von mir gab geschüttelt und die Tränen liefen mir wie Sturzbäche
über die Wangen. Es war als würde ich jede Flüssigkeit die sich
in mir befand nun herausweinen. Ich saß noch keine fünf Minuten am
Wasser, als ich Geräusche hinter mir hörte.
"Geh weg, ich will dich nicht sehen.", kreischte ich unter lauten Schluchzern
und drückte meine Hände vors Gesicht, in der Annahme, dass es Shane
war. Die Geräusche wurden lauter und übertönten nun deutlich
das rauschen der Wellen.
"Verschwinde!", schrie ich erneut und brach ich einen weiteren Heulkrampf aus.
"Oh nein, das werde ich nicht, Gillian Walsh!" Die schrille Stimme von Kimberley
drang durch die Stille und ich erschrak. Sie hatte ich nicht erwartet. Woher
wusste sie überhaupt, dass ich hier war?
"Was willst du?", fragte ich und drehte mich langsam um. Sie stand direkt hinter
mir und sah auf mich hinunter wie eine grässliche Hexe. Mir war diese Situation
alles andere als angenehm, es machte mir Angst, dass ich hier unten im Sand
saß und sie in voller Größe auf mich herab blickte. Ich richtete
mich auf und versuchte aufsteigende Tränen zurückzuhalten. Ihre Augen
funkelten gefährlich und auf ihren Lippen lag ein fieses Lächeln.
"Shane.", hauchte sie, als Antwort auf meine Frage. Das war es also. Nun hatte
sie ja erreicht was sie wollte. Wieder kullerten Tränen über mein
Gesicht und hinterließen eine salzige Spur auf meinen Wangen.
"Es war nicht schwer etwas über dich zu erfahren. Shane war mir eine große
Hilfe. Wer hätte gedacht, dass man selbst betrunken zu etwas nützlich
war. Er hat mich nicht erkannt, wie auch, er war voll bis oben hin und hat sich
schön alle wichtigen Informationen entlocken lassen. Deine Amnesie kam
mir gerade recht, dass es so leicht wird hatte ich zwar nicht gedacht, aber
was soll’s." Sie brach in ein künstliches und gleichzeitig hysterisches
Lachen aus und ich fragte mich wie man nur so verlogen und gemein sein konnte.
Sie wusste ganz genau, wo mein wunder Punkt lag und wie sie Shane auf ihre Seite
schlagen konnte, was sie ja offensichtlich schon getan hatte. Es machte mich
unbeschreiblich wütend, Kimberley Clarkson war alles andere als dumm. In
ihrem nichtvorhandenen Gehirn hatte sie alles genau durchdacht und auf unerklärliche
Weise klappte es.
"Du Miststück!", zischte ich durch zusammen gebissene Zähne hindurch
und schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. Ich war noch nie so zornig
gewesen und es war wie ein Reflex, der meine Hand ausholen ließ. Kimberley
taumelte ein paar Schritte zurück, ehe sie auf den Boden sank. Mit Pfennigabsätzen
im nassen Sand läuft es sich eben nicht so gut... Was bildete sich diese
Frau eigentlich ein? Sie kam und dachte jeder würde nach ihrer Pfeife tanzen,
doch da war sie bei mir an der falschen Adresse. Ich ließ mich von so
einer Person nicht unterkriegen und nahm mir fest vor um Shane zu kämpfen.
An diese Ziege wollte ich ihn auf keinen Fall verlieren. Unter lautem Stöhnen
richtete sie sich wieder auf und klopfte sich den Sand von ihrer Kleidung.
"Das wirst du büßen, du hässliche Kreatur.", sagte sie mit einem
zittern in der Stimme. Sie wackelte ein paar Schritte auf mich zu, ehe sie sich
bückte und die Schuhe auszog. Ich beobachtete sie schweigend und fragte
mich was sie vorhatte. Sie schmiss ihre Schuhe achtlos auf die Seite und stürzte
sich plötzlich wie eine Furie auf mich. Ich versuchte dagegen anzukämpfen
und mich auf den Beinen zu halten, gab schließlich doch nach, weil mir
die Kraft ausging und ließ mich rückwärts in den Sand fallen.
Ein stechender Schmerz fuhr durch meinen Rücken und ich gab einen kurzen
Schrei von mir. Kimberley stürzte sich auf mich und versuchte auf mich
einzuschlagen. Ich begann zu kreischen und zog so fest ich konnte an ihren langen
Haaren um sie von mir herunterzubekommen. Mein Rücken tat weh und ich bekam
kaum noch Luft, als sie auf mir saß und versuchte immer wieder zuzuschlagen.
"Keiner der mir ins Gesicht schlägt, kommt einfach so davon.", schrie sie
wütend und schlug mir die Hand aus ihren Haaren. Sie bekam meine Handgelenke
zu fassen und drückte meine Arme über meinem Kopf in den Sand. Ich
begann zu röcheln, mir blieb die Luft fast vollkommen weg und ich versuchte
mit meinen letzten Kräften in den Füßen sie von mir herunter
zu schütteln. Körperlich war sie mir eindeutig überlegen und
schließlich gab ich es auf. Ich konzentrierte mich darauf nicht zu ersticken
und blieb regungslos in dem kühlen, nassen Sand liegen. Kimberleys Augen
sahen direkt in die meinen, bevor sie mein rechtes Handgelenk los ließ
und mir links und rechts ins Gesicht schlug. Ich schrie erneut laut auf und
bereute es zu tiefst, ihr zuerst ins Gesicht geschlagen zu haben. Es hätte
mir klar sein müssen, dass ich gegen dieses Weibsstück nicht ankam
und nun lag ich hier. Ich spürte den Geschmack von Blut auf meinen Lippen,
als ich mit der Zunge darüber fuhr. Kimberley saß noch immer auf
mir und das Atmen fiel mir von Sekunde zu Sekunde schwerer. Ich schloss die
Augen und hoffte auf irgendeine Rettung. Wenn Kimberley nicht bald von mir herunter
ging, würde ich ersticken. Mein Röcheln wurde immer lauter und als
wäre das noch nicht genug, verpasste mir Kimberley noch einen Schlag ins
Gesicht. Ich hörte es Knacksen, ein unerträglicher Schmerz fuhr mir
in den Kopf und in diesem Moment war mir klar, dass sie mir soeben die Nase
gebrochen hatte. Ich spürte wie sie anfing zu bluten und mir schossen Tränen
in die Augen, vor Schmerzen. Ich begann leise zu wimmern und Kimberley ließ
los von mir. Sie stand auf und betrachtete mich mit einem zufriedenen Lachen
im Gesicht. Als hätte sie mich noch nicht genug fertig gemacht, verpasste
sie mir zum Abschluss noch einen kräftigen Tritt in den Bauch und einen
Schlag gegen den Schädel. Mein eigenes Kreischen nahm ich fast überhaupt
nicht mehr wahr.
"Leg dich nie mit Kimberley Clarkson an. Kimberley gewinnt immer!", hörte
ich ihre schrille Stimme und das böse Lachen, ehe ich mein Bewusstsein
verlor.
*Chapter 9*
-Sorry, Love Shane-
"Gill, jetzt wach doch bitte auf." Ein kräftiges Ruckeln an meinen Schultern
und die sanfte Stimme von Morgan, brachte mich zurück unter die Lebenden.
Langsam öffnete ich meine Augen und schloss sie sofort wieder. Mein ganzes
Gesicht, mein Kopf, der Bauch und der Rücken schmerzten so sehr, dass mir
sofort wieder Tränen in die Augen schossen.
"Oh Gott, Gill, was ist denn passiert?", vernahm ich Morgans besorgte und gleichzeitig
weinerliche Stimme. Ich wollte irgendetwas antworten, brachte jedoch kein einziges
Wort heraus. Stattdessen entfuhr mir ein leises Stöhnen. Ich versuchte
mich zu bewegen, gab es allerdings wieder auf, als ich glaubte vor Schmerzen
sterben zu müssen. Ich konnte hören wie Morgan in einer Tasche wühlte
und Sekunden später begann sie mit einer anderen Person zu reden. Es dauerte
eine Weile bis ich begriff, dass sie im Krankenhaus anrief und einen Notarzt
an die Sligo Bay bestellte. Wenige Minuten später spürte ich sie wieder
neben mir. Ich schaffte es nicht, meine Augen zu öffnen und doch wusste
ich, dass sie direkt neben mir im kühlen Sand saß. Sie begann beruhigend
über meinen Arm zu fahren und ich war in diesem Moment einfach nur froh,
nicht allein zu sein. Eigentlich wollte ich überhaupt nicht daran denken
und doch fragte ich mich auf einmal, wo Kimberley hin war und was Shane gerade
machte. Waren sie zusammen? Hatte Shane überhaupt etwas bemerkt? Ich wurde
für meine Grübeleien sofort wieder mit einem stechenden Schmerz bestraft,
der sich durch meinen gesamten Kopf zog. Morgan hatte das anscheinend bemerkt,
sofort legte sie ihre Hand sanft auf meinen Kopf und streichelte darüber.
"Der Notarzt ist gleich hier, Süße.", flüsterte sie und ich
konnte aus der Stimme heraus hören, dass sie weinte. Es kam mir vor wie
eine Ewigkeit, bis das laute Heulen der Sirene näher kam. Ich hörte
Stimmen näher kommen, bevor ich erneut das Bewusstsein verlor. Als ich
das nächste Mal die Augen öffnete, fand ich mich in einem Krankenhauszimmer
wieder. Alles war weiß, alles war trist, alles war so wie vor ein paar
Wochen. Neben meinem Bett stand ein großer Blumenstrauß mit roten
Rosen, daneben lag eine Karte, auf der mit schönen geschwungenen Buchstaben
*Gillian, I’m so sorry* drauf stand.
"Von Kimberley ist die bestimmt nicht", schoss es mir sofort durch den Kopf
und ich war mir fast sicher, dass sie von Shane war. Komischerweise hatte ich
sofort den Überblick über das Geschehene. Ich wusste ganz genau was
passiert war. Da ich noch nicht die Kraft hatte, meinen Arm zu der Karte zu
bewegen ließ ich sie vorerst so liegen, wie ich sie vorgefunden hatte.
Ich war kaum fünf Minuten wach, als eine ganze Armee von Ärzten in
mein Zimmer gestürmt kam. Es war fast beängstigend. Jeder fummelte
an einem anderen Körperteil herum, jeder begann zu reden und mein Kopf
fing an zu pochen und zu brummen. Zehn Minuten vergingen, in denen ich an mir
machen ließ, was sie wollten, bevor alle wieder verschwanden, außer
ein kleiner, rundlicher Mann mit einem Klemmbrett in der Hand. Er rückte
seine eckige Brille zureckt, zog sich einen Stuhl an mein Bett und holte einen
Kugelschreiber aus seiner weißen Kitteltasche.
"Guten Tag, Mrs. Walsh.", sagte er und reichte mir die Hand, die ich zögerlich
ergriff.
"Mein Name ist Dr. Dr. Richard Cole, der Chefarzt auf dieser Station. Da Sie
ja nun endlich wach sind, werde ich Sie über Ihren gesundheitlichen Zustand
informieren, bevor ich einen Polizeibeamten zu Ihnen schicken werde. Es müssen
einige Dinge geklärt werden, aber das wird er Ihnen sicherlich noch genauer
erklären. Zuerst einmal muss ich Ihnen leider mitteilen, dass Sie Ihr Baby
verloren haben." Ich hatte was?!
"Welches Baby?", brachte ich mühsam hervor und überlegte, ob er wohl
die falsche Patientenakte bei sich trug.
"Sie waren in der vierten Woche schwanger. Wussten Sie das nicht?"
"Nein.", stammelte ich und fügte in Gedanken ein stummes: "Also doch.",
hinzu, als mir der Abend mit Shane wieder einfiel, nach unserer Kneipentour
mit Kian. Wie zum Henker konnte es soweit kommen? Das war ja unglaublich, ich
konnte es nicht fassen. Ich hatte mein Baby verloren. Mein Baby von dem ich
bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts wusste. Ich kam mir vor wie in einem
schlechten Film und hoffte er würde bald zuende sein.
"Als nächstes hab ich eine etwas bessere Nachricht, über die Sie sich
hoffentlich freuen werden." Na ja, wir werden sehen... Eigentlich glaubte ich
schon nicht mehr dran, dass ich mich überhaupt mal wieder freuen konnte.
"Anscheinend haben Sie einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen, was zu einer
schweren Gehirnerschütterung führte." Mehr bekam ich von dem Vortrag
nicht mehr mit, meine Ohren schalteten auf Taub. Ich dachte, ich hatte mich
eben verhört! Was war an einer Gehirnerschütterung erfreulich? Entweder
der Arzt hatte etwas andere Vorstellungen von erfreulichen Nachrichten als ich,
oder ich bildete mir etwas ein und der Arzt hatte etwas komplett anderes erzählt.
"Wie bitte?", fragte ich nach.
"Die Gehirnerschütterung hat bewirkt, dass Ihre Amnesie spurlos verschwunden
ist.", wiederholte er mit einem Lächeln auf den Lippen. Meine Augen weiteten
sich.
"Nein!", rief ich ungläubig und bereute es sofort wieder, als mein Kopf
anfing zu pochen. Aber das konnte doch einfach nicht wahr sein! Ich konnte es
nicht glauben und fing an in meinem Gedächtnis zu kramen. Es stimmte. Ich
wusste wieder alles, meine ganzen Erinnerungen waren zurück, die Amnesie
war weg. Einfach weg. Meine Freude dämpfte sich allerdings wieder, als
mir einfiel wem ich diese Heilung zu "verdanken" hatte: Kimberley Clarkson.
Das wurde ja immer schlimmer, jetzt musste ich ihr auch noch dankbar dafür
sein, dass sie mich grün und blau geschlagen hatte. Nein, das konnte ich
einfach nicht, zumal sie auch mein Baby auf dem Gewissen hatte. Es war lächerlich
so zu denken, schließlich wusste ich nichts von meiner Schwangerschaft
und doch änderte sich nichts daran, dass es ihr Tritt in den Bauch war,
der mein Kind getötet hatte. Als ich daran dachte, wie es wohl gewesen
wäre, mein eigenes Baby im Arm zu halten, traten mir Tränen in die
Augen.
"Reiß dich zusammen.", schimpfte ich mich selbst und konzentrierte mich
wieder darauf, dem Arzt zuzuhören, der wieder angefangen hatte zu reden.
Gleichzeitig hatte ich als Hintergedanken immer noch Kimberley. Ich weiß
nicht warum, aber diese Frau verfolgte mich. Egal wie sehr ich mich freute,
irgendwann war es wieder sie, die meine Gedanken beherrschte! Blödes Luder!
"Weniger erfreulich ist Ihr Nasenbeinbruch. Die Röntgenaufnahmen zeigen
ganz deutlich, dass es kein glatter Bruch ist und es wird wohl mindestens zwei
Monate dauern, bis der Bruch komplett verheilt ist." Jetzt wo er die Nase erwähnte
fiel mir auf, dass sie komplett eingegipst war und nur zwei Löcher zum
Atmen offen gelassen wurden. Schon seltsam, dass mir das noch nicht aufgefallen
war. Anscheinend war ich doch noch nicht ganz bei Sinnen.
"Aber eine schiefe Nase hab ich danach nicht, oder?", fragte ich ängstlich.
Ich war zufrieden mit meiner Nase und hatte nicht vor, sie durch eine Schönheitsoperation
wieder richten zu lassen. Jetzt fiel mir auf, dass ich wirklich noch nicht ganz
bei Sinnen war. Wie konnte ich in so einer Situation nur an eine gerade Nase
denken? Ich konnte froh sein, dass sie mir nicht abgefallen war.
"Nein, nein, keine Angst. Wenn Sie sich an die Anweisungen halten, werden Sie
keine Veränderung vorfinden.", versicherte mir der Arzt und erklärte
mir noch, dass die Schwellungen im ganzen Gesicht im laufe der Woche weniger
werden würden.
"Das war’s vorerst. Ich werde nun im Polizeipräsidium anrufen und einen
Beamten kommen lassen, damit der Fall aufgenommen werden kann, wenn es Ihnen
nichts ausmacht." Ich schüttelte den Kopf und bedankte mich für die
Informationen, ehe der Arzt das Zimmer verließ. Kaum hatte er die Tür
geschlossen, ging sie erneut auf und Morgan kam hereingestürmt.
"Bounty, wie schön, dass du wach bist!", freute sie sich und setzte sich
auf den Stuhl auf dem eben noch Dr. Dr. Richard Cole gesessen hatte. Ich lächelte
sie an und wollte gerade anfangen zu berichten was der Arzt erzählt hatte,
als sie mich unterbrach: "Das weiß ich schon alles. Du warst zwei Tage
nicht bei Bewusstsein und ich wurde bereits aufgeklärt."
"Oh... Nun ja, dann weißt du ja sicher auch schon, dass ich mein Baby
verloren habe." Ich blickte traurig aus dem Fenster. Das Wetter passte zu meiner
jetzigen Stimmung. Dicke Regentropfen fielen gegen die große Fensterscheibe.
"Ja, das weiß ich. Warum hast du mir nichts erzählt?"
"Weil ich es bis vor fünf Minuten selbst noch nicht wusste."
"Das tut mir leid."
"Mir auch. Wo ist Shane? Weiß er auch schon, dass er fast Papa geworden
wäre?"
"Ich weiß nicht wo er ist. Er hat seine Sachen gepackt und ist weggefahren.
Er weiß, dass du ein Baby verloren hast, ob er auch weiß, dass es
seins war, weiß ich nicht. Eigentlich weiß ich überhaupt nichts,
außer, dass er einfach abgehauen ist, ohne auch nur ein Wort zu sagen.
Ich bin vor zwei Tagen aufgestanden und er war verschwunden.", erzählte
Morgan.
"Gib mir mal bitte den Umschlag neben dem Blumenstrauß.", bat ich Morgan
eilig, in der Hoffnung es war eine Nachricht von Shane. Ich war noch immer sauer
auf ihn, wegen der Sache mit Kimberley und den Worten, die er mir an den Kopf
geworfen hatte, aber das änderte nichts daran, dass ich ihn liebte. Jetzt,
wo ich mein Gedächtnis wieder zurück hatte, war ich mir da vollkommen
sicher und ich hatte nicht vor, aufzugeben. Gerade jetzt würde ich weiter
um ihn kämpfen um ihm zu zeigen, was für ein Miststück seine
ach so tolle Kimberley war, wenn er noch nicht selbst darauf gekommen war! Ich
wollte ihn zurück! Morgan reichte mir den Umschlag und ich begann ihn mit
zitternden Händen zu öffnen. Ich war nervös.
"Er ist von Shane.", sagte ich flüsternd als ich ihn offen hatte und strich
mit der flachen Hand über den Text, bevor ich anfing zu lesen:
21. Juli 2004
Liebe Gillian,
ich weiß nicht, wie ich je wieder gut machen kann, was ich alles kaputt gemacht habe. Wahrscheinlich kann ich es nie wieder ganz gut machen, wahrscheinlich willst du mich überhaupt nicht mehr sehen und ich kann es dir nicht einmal übel nehmen. Ich weiß nicht warum, aber Kimberleys Anwesenheit hat meinen Verstand komplett eingenommen, in diesem Moment war ich einfach nicht mehr der Shane, der ich eigentlich bin und es bringt mich regelmäßig zum Weinen, wenn ich daran denke, wie sehr ich dich verletzt habe. Meine Worte waren das Letzte und ich schäme mich, dass ich solche Dinge zu dir gesagt habe. Es war ein Fehler Kimberley kommen zu lassen, es war ein riesengroßer Fehler, das weiß ich jetzt und doch kann ich das Geschehene nicht rückgängig machen.
Nachdem Morgan dich an der Sligo Bay gefunden hat (ich weiß nicht, wie sie dich überhaupt gefunden hat, die Sligo Bay ist ja nicht gerade um die Ecke), kam sie zurück ins Restaurant. Völlig aufgelöst und Blutverschmiert. Kimberley saß am Tisch, als wäre nichts geschehen. Ich dachte zuerst, Morgan wäre verletzt, bis sie mir berichtete, dass du bewusstlos an der Sligo Bay gelegen hast. Brutal zusammengeschlagen. In diesem Moment stürmte Kimberley aus dem Restaurant und in diesem Moment wurde mir klar, dass sie es gewesen ist. Ich hatte mich schon gewundert, was sie so lange auf der Toilette machte, dabei war sie dir gefolgt. Ich hasse Kimberley dafür, aber noch mehr hasse ich mich selbst. Es tut mir leid, Gillian. Es tut mir so leid...
Wenn du diesen Brief hier ließt, bin ich wahrscheinlich schon weg. Morgan wird dir sicherlich schon berichtet haben, dass ich meine Sachen gepackt habe. Ich werde die nächsten Wochen an einem anderen Ort verbringen, ich muss raus aus Sligo, ich muss wieder ich selbst werden, bevor ich mich persönlich bei dir entschuldigen kann. Im Moment bringe ich es einfach nicht fertig, dir in deine wunderschönen Augen zu sehen, wo ich dich so schlecht behandelt habe. Ich weiß nicht, wann ich bereit bin wieder zurück zu kommen, aber ich werde zurückkommen. Das verspreche ich dir! Wenn ich wieder ich bin und die Geschehnisse begriffen und verarbeitet habe, bin ich wieder zurück. Sag Morgan bitte, dass es mir leid tut, dass ich ohne ein Wort gegangen bin, aber so wie ich sie kenne, hätte sie mich nicht gehen lassen. Ich hoffe, ihr versteht mich wenigstens ein bisschen und hasst mich nicht noch mehr dafür, dass ich einfach so gegangen bin.
Es freut mich übrigens, dass du dein Gedächtnis zurück hast, Gillian. Ich freue ich wirklich für dich und es verpasst mir jedes Mal einen Stich im Herzen, wenn ich daran denke, dass ich mich nicht mit dir zusammen freuen kann. Du kannst dir nicht vorstellen, wie gerne ich dich gerade jetzt in diesem Moment in den Arm nehmen möchte. Gleichzeitig macht es mich traurig, dass ich dir während einer schweren Zeit nicht beistehen kann. Unser Baby hat es nicht verdient, im Mutterleib zu sterben. Ich wünschte es wäre alles anders gekommen! Ich wünschte es hätte die Möglichkeit bekommen, das Licht der Welt zu erblicken und seine wunderbare Mummy kennen zu lernen. Doch alles hoffen und wünschen hilft nichts, es ist vorbei und nicht mehr rückgängig zu machen.
Es ist nun an der Zeit mich zu verabschieden, auch wenn es mir selbst schwer fällt, aber ich weiß, dass es für den Moment das Richtige ist. Es tut mir Leid, Gillian, das kann ich nur noch einmal wiederholen. Ich hoffe du kannst mir irgendwann verzeihen. Ich erwarte nicht, dass du das Vergangene vergisst, aber ich wünsche mir, dass du mir die Möglichkeit gibst es irgendwann wieder gut zu machen.
Ich liebe dich, Gillian.
Ich liebe dich, wie ich noch nie jemanden vor dir geliebt habe.
Ich liebe dich wie ich nie eine andere Person lieben kann.
Ich liebe dich für immer und ewig, komme was wolle.
Bis bald und alles Liebe,
dein Shane
Everything is okay in the end. If it’s not okay, then it’s not the end.
Nein, Gillian, das ist nicht das Ende, dafür werde ich kämpfen!!!
Ich legte den Brief auf meinem Schoß ab und wischte mir aufsteigende
Tränen aus den Augenwinkeln, was mit dem Gips im Gesicht gar nicht so leicht
war. Ich weiß nicht warum, aber Shane schaffte es in jeder Situation mich
zum Weinen zu bringen.
"Wie kann er jetzt einfach so verschwinden? Gerade jetzt? Shane kennt mich echt
gut, ich hätte ihn wirklich nicht gehen lassen.", warf Morgan ein.
"Ich kann ihn verstehen.", schniefte ich und Morgan legte einen Arm um meine
Schultern.
"Ich hatte auch nichts anderes erwartet!", zwinkerte sie und ich musste lächeln.
"Sobald du aus diesem weißen, langweiligen, nicht gesundheitsfördernden
Raum heraus bist, müssen wir unbedingt auf deine überwundene Amnesie
anstoßen, ja?", wechselte Morgan das Thema und ich nickte begeistert.
Hoffentlich durfte ich das Krankenhaus bald verlassen.
*Chapter 10*
-Waiting for a better day-
Fünf Tage später holte mich Morgan zusammen mit Brooklyn ab. Der
Gips an der Nase war abgenommen worden, die Schwellungen am ganzen Körper
nur noch halb so schlimm, die Schmerzen im Bauch komplett verschwunden, die
Gehirnerschütterung nur noch ab und zu merkbar und meine Schwellungen an
den Augen hatten schon vom rot-blau in gelb-grün gewechselt. Laut Dr. Dr.
Richard Cole ein gutes Zeichen. Ich legte mein letztes T-Shirt in die Tasche
und zog den Reisverschluss zu. Morgan wartete mit Brooklyn im Park, er konnte
nicht mehr still sitzen und war kurz davor die Innenausstattung auseinander
zu nehmen. Er musste unbedingt seine Energie abbauen und Morgan wollte ihn erst
mal rennen lassen. Mir war das ganz recht so, ich war noch lange nicht fertig
mit packen gewesen. Nun marschierte ich mit meiner gepackten Sporttasche in
der Hand zur Rezeption um dort meine Abmeldung abzugeben. Die Frau musterte
mich kritisch, wahrscheinlich überlegte sie ob ich wirklich schon bereit
war, das Krankenhaus zu verlassen. Ich muss zugeben, ich sah wirklich alles
andere als Gesund aus, aber mir ging es gut.
"Auf Wiedersehen.", verabschiedete mich die Dame.
"Hoffentlich nicht so bald.", dachte ich mir und lächelte ihr zu, bevor
ich meine große Sonnenbrille aufsetzte und in den Park lief. Brooklyn
sah ich schon von weitem über die grüße Wiese toben. Morgan
saß auf einer Bank, wo sie Brooklyn gut im Blick hatte und unterhielt
sich mit einem Mann. Erst als ich näher kam, erkannte ich, dass es der
Polizist war, der mich im Krankenhaus besucht hatte. Er wollte den Vorfall an
der Sligo Bay ganz genau wissen, um eventuell ein Verfahren gegen Kimberley
einzuleiten. Letzten Endes verzichteten wir darauf. Immerhin war ich diejenige,
die mit der Schlägerei angefangen hatte. Außerdem hatte ich keine
Lust auf ewige Gerichtsverhandlungen. Es klingt dumm, aber ich wollte die Sache
einfach so schnell wie Möglich abschließen und ob ich nun ins Gericht
ging oder nicht, die Schmerzen und Verletzungen ließen sich sowieso nicht
mehr rückgängig machen.
"Hi Sweetheart!", winkte mir Morgan zu und stand auf um mich zu umarmen.
"Hey.", begrüßte ich sie und küsste sie auf die Wange. Wie hatte
ich unsere freundschaftlichen Begrüßungen in den vergangenen Wochen
vermisst...
"Wie schön, dass du da bist."
"Ja, ich freu mich auch. Wer ist denn der nette Mann da neben dir?", flüsterte
ich und Morgan grinste.
"Das ist Jamie. Eigentlich müsstest du ihn kennen. Es ist der Polizist-"
"Ja ja, ich weiß. Ich wollte es nur von dir hören.", kicherte ich
leise. Morgan gab mir einen leichten Stoß in die Seite, bevor sie uns
gegenseitig vorstellte.
"Was für ein Zufall. Wir hatten ja schon das Vergnügen miteinander.",
lachte Jamie mich an und ich nickte. Ja, was für ein Zufall. Ich stellte
meine Tasche ab und setzte mich neben Morgan. Mein Gesicht reckte ich gen Sonne.
Mit geschlossenen Augen genoss ich diesen Moment. Es war schön zu wissen,
dass ich nun hier im Park saß und nicht wieder zurück in das dämliche
Krankenhauszimmer musste, so wie es die letzten Tage gewesen war. Nein, heute
konnte ich nach Hause. Das erste Mal seit dem ich mein Gedächtnis zurück
hatte. Ich seufzte laut und öffnete meine Augen wieder.
"An was hast du gedacht?", fragte Morgan lächelnd und knuffte mich in die
Seite.
"Daran, dass ich heute endlich wieder nach Hause darf.", antwortete ich.
"Ich werde Brooke holen, damit wir endlich gehen können, okay?"
"Nein, nein, wir können auch noch länger hier sitzen bleiben. Brooklyn
hat doch Spaß, sie nur wie er rumrennt, du kannst dich noch mit Jamie
unterhalten und ich kann meine wirren Gedanken sammeln und ordnen."
"War das jetzt ironisch oder ernst gemeint? Brooklyn sitzt im Gras und beobachtet
die Wolken..."
"Okay, lass uns gehen."
"Gill!" Morgan gab mir erneut einen Stoß in die Seite und ich musste kichern.
"Wenn Jamie möchte, kann er doch mit kommen.", zischte ich Morgan zu und
griff nach meiner Tasche. Anscheinend war er nicht im Dienst, zumindest trug
er keine Uniform, also warum nicht? Es war ja offensichtlich, dass sich Moe
für ihn interessierte und diesmal wollte ich ihr nicht im Weg stehen. Morgan
begann zu strahlen und wandte sich an Jamie, während ich zu Brooklyn lief.
Als er bemerkte, dass ich da war, kam er freudig auf mich zu gerannt. Er hatte
noch gar nicht mitbekommen, dass ich hier war.
"Gilly, Gilly!", schrie er erfreut und lief mir direkt in die Arme, die ich
um ihn schlang.
"Brooklyn. Na? Hattest du Spaß?"
"Mhm.", nickte er und deutete in den Himmel.
"Schau mal, die Wolke ist Diego!", sagte er fasziniert und starrte mit seinen
großen blauen Augen in den Himmel. Diego war sein Stoffpferd, das er einmal
von Shane bekommen hatte. Und Brooklyn hatte Recht. Die Wolke sah wirklich aus
wie ein Pferd. Und zum ersten Mal an diesem Tag kam mir Shane in den Sinn. Ich
vermisste ihn schrecklich und hoffte er würde bald zurückkommen, wo
immer er auch gerade sein mochte. Ich hatte meine Gedanken an ihn bis eben erfolgreich
verdrängt, hatte mich mit meiner Abreise aus dem Krankenhaus abgelenkt
und nun waren sie wieder da. Mit den Gedanken an Shane kamen auch meine Stimmungsschwankungen
wieder nach oben. Gerade noch glücklich, war ich jetzt schon wieder deprimiert
und fragte mich womit ich das alles verdient hatte.
"Komm, wir gehen.", sagte ich grob und nahm Brooklyn an der Hand. Mit schnellen
Schritten lief ich auf Morgan und Jamie zu. Brooklyn hatte Schwierigkeiten hinterher
zu kommen. Mein Gesicht war starr, die Augen leer und glasig.
"Was ist denn mit dir los?", fragte Morgan. Es war unglaublich, ihr fiel wirklich
alles auf, wobei ich glaube, dass es nicht zu übersehen war, dass ich schlecht
drauf war.
"Nichts. Lass uns gehen." Ich ließ Brooklyns Hand los und hob meine Tasche
hoch.
"Komisch.", konnte ich Morgans Stimme hinter mir vernehmen. Ja, es war wirklich
komisch, das wusste ich, doch ändern konnte ich daran auch nichts. Ich
war mir sicher, dass sich meine Laune bis zu Hause sowieso wieder geändert
hatte. Das ging seit fünf Tagen so.
"Ich geh schnell auspacken, dann komm ich.", sagte ich, als Morgan mich fragte,
wann wir anstoßen wollten. Ich lief in mein Zimmer und schmiss die Tasche
auf mein Bett. Ich sah mich schweigend um und freute mich, dass ich zu jedem
Teil, das ich sah, eine kleine Geschichte wusste. Es war so schön wieder
alles zu wissen. Ich setzte mich auf mein Bett und griff nach dem Bild auf dem
Nachttisch. Ich betrachtete es eingehend und zum ersten Mal, seit dem ich den
Brief gelesen hatte, stiegen mir Tränen in die Augen. Shane und ich sahen
so glücklich aus, warum konnten wir das jetzt nicht auch noch sein? Warum
konnten wir nicht zusammen so lachen, wie auf diesem Bild? Warum konnte ich
mich nicht mit ihm zusammen freuen, dass ich meine Amnesie überstanden
hatte? Warum, warum, warum...
"Bounty? Alles okay?" Morgan klopfte leise gegen die Türe.
"Ja, ich komme gleich." Ich wischte meine Tränen weg und räumte schnell
meine Tasche aus. Es konnte ja nicht angehen, dass ich schon wieder anfing rumzuheulen.
Shane war nicht für immer weg, er hatte es mir versprochen, dass er wieder
zurückkommen wollte. Shane hatte seine Versprechen noch nie gebrochen.
Shane würde zurückkommen, ich musste mich nur noch ein paar Tage oder
Wochen gedulden! Schöne Aussichten... Nachdem wieder alles verstaut war,
lief ich ins Wohnzimmer. Brooklyn war schon wieder eifrig mit seinen Legosteinen
beschäftigt, während sich Morgan mit Jamie unterhielt. Der Sekt stand
gekühlt auf dem Tisch, umgeben von vier leeren Sektgläsern. Mich hatte
noch keiner gesehen, ich stand stumm im Türrahmen und konnte hören,
dass Morgan mit Jamie über Shane und mich redete.
"Er ist einfach so weggegangen. Keiner weiß wann er wieder zurückkommt,
er selbst wahrscheinlich auch nicht, aber ich hoffe es ist bald. Gillian leidet
nur noch mehr darunter, dabei sollte sie sich eigentlich freuen. Diese blöde
Schnepfe Kimberley hat alles kaputt gemacht.", schimpfte Morgan leise, als ihr
Blick auf mich fiel.
"Oh, Gillian. Stehst du schon lange da?", fragte sie.
"Nein, bin gerade erst gekommen.", log ich. In meiner Jogginghose und dem übergroßen
Pulli von Shane, sah ich wohl aus wie der letzte Gammler, aber das war mir im
Moment egal. Jamie musterte mich von oben bis unten und ich dachte mir meinen
Teil. Sicher war es nicht normal, dass ich bei 27° im Pulli durch die Gegend
lief, aber ich war ja auch noch nicht hundertprozentig gesund.
"Gut, dann lasst uns mal anstoßen.", sagte Morgan voller Freude. Jamie
entkorkte den Sekt, was Brooklyn mit staunenden Augen beobachtete. Quietschend
vor Aufregung krabbelte er dem Sektkorken hinterher, der durchs Wohnzimmer kullerte,
nachdem er von der Decke wieder auf dem Boden aufschlug. Brooklyn bekam Orangensaft
in sein Glas und strahlte wie ein Honigkuchenpferd, als er mit den Großen
anstoßen durfte.
"Auf Bounty.", grinste Morgan und ich begann zu lachen. Die Gläser klirrten
und jeder nippte gleichzeitig an seinem Glas. Nur Brooklyn leerte seins mit
einem Zug, wobei die Hälfte auf seinem T-Shirt landete.
"Der Brooklyn is nass.", sagte er und wischte mit seinen Patschehänden
über den großen Fleck. Morgan rollte mit den Augen und stand auf
um ihm ein neues T-Shirt anzuziehen. Brooklyn konnte richtig trinken und jetzt
hatte er vor lauter Freude und Stolz vergessen wie es ging.
"Kleiner Dreckspatz." Sie nahm Brooklyn bei der Hand und verschwand mit ihm
im Kinderzimmer. Jamie stellte sein Glas auf dem Tisch ab und fuhr sich nervös
durch seine kurzgeschnittenen braunen Haare.
"Kann ich dich mal was fragen? Jetzt wo sie gerade weg ist?", fragte er und
sah mich bittend an.
"Kommt drauf an was es ist.", antwortete ich und hatte so meine Vorahnung auf
was er hinaus wollte.
"Denkst du, Morgan hat Interesse an mir?" Hab ich’s doch gewusst!
"Frag sie das doch selbst!", sagte ich frech.
"Nein, im Ernst. Ich hab keine Ahnung, wir haben noch nicht darüber geredet!",
fügte ich hinzu. Das stimmte zwar nur halb, ich hatte natürlich eine
Ahnung es war ja eigentlich nicht zu übersehen, aber das musste er ja nicht
unbedingt wissen. Ich konnte ja nicht jetzt schon behaupten, Morgan hatte auf
jeden Fall Interesse, wenn sie vielleicht gar nicht wollte, dass ich ihm das
verriet und das wollte sie ganz bestimmt nicht. Nein, das musste er schon selbst
herausfinden.
"Na ja, macht ja nichts. Ich werd’s schon noch erfahren!", zwinkerte er und
fügte hinzu: "So eine Frau wie Morgan ist mir noch nie begegnet und Brooklyn
ist mit Abstand der süßeste Kerl den ich kenne." Ich nickte. Ja,
Brooklyn konnte schon ganz süß sein, wenn er mal keine Cornflakes-Überschwemmung
verursachte, nicht die halbe Wohnung auf den Kopf stellte oder einem das Outfit
ausnahmsweise mal nicht mit seinen kleinen, dreckigen Patschehändchen ruinierte.
Ja, dann konnte er wirklich ganz süß sein. Ich wollte gerade etwas
sagen, als die Tür aufging. Just in diesem Moment kam Morgan zurück.
Brooklyn kam heulend hinterer getrabt, hinter sich her ziehend ein gelbes T-Shirt.
"Was hat er denn?", fragte ich irritiert.
"Er will sich nicht anziehen lassen. Das T-Shirt ist ihm nicht gut genug, also
hab ich gesagt er soll sich allein anziehen, was er natürlich noch nicht
kann. Aber auf so ein Theater lass ich mich jetzt nicht ein, er muss lernen,
dass er nicht alles kriegt was er will. Ich bin einfach aus dem Zimmer gegangen
und jetzt ist er zornig." Morgan zuckte mit den Schultern und drückte Brooklyn
von sich weg, der sich an ihr Bein geklammert hatte und schrie.
"Brooklyn, jetzt ist Schluss.", sagte sie streng und Brooklyn ließ von
ihr ab. Mit roten Augen setzte er sich auf den Boden und schmiss das T-Shirt
achtlos weg. Sein Schreien und Heulen hatte noch immer nicht nachgelassen. Er
war gerade in einem Alter, in dem er anfing seine Mutter zu testen. Er hatte
so eine Phase vor einem Jahr schon mal, aber das hat nicht besonders lange angehalten.
Aber ich finde, Morgan konnte ganz gut damit umgehen. Ich wünschte mir
manchmal sogar ich hätte auch so starke Nerven und so unendlich viel Geduld.
Sie war eine klasse Mama. Morgan ignorierte Brookes Schreien und ging achtlos
an ihm vorbei zum Sofa. Brooklyns Heulen wurde noch lauter, er stand auf und
stürmte wild auf Morgan zu. Die packte ihn geschickt und brachte ihn unter
lautem Protest aus dem Wohnzimmer. Jamie starrte ihr entgeistert hinterher.
Vielleicht sollte ich ihn mal fragen, ob er Brooke nun auch noch süß
fand...
"Macht er das öfter?", fragte er und zog eine Augenbraue nach oben.
"Nein, eigentlich nicht. Brooklyn ist ein ganz lieber, aber im Moment probiert
er aus, was er machen kann. So eine Phase hat wohl jedes Kind mal.", sagte ich
und zuckte mit den Schultern.
Fünf Tage später hatte Brooklyn seinen ersten Tag im Kindergarten.
Morgan war ein nervliches Wrack als sie zurückkam.
"Ist irgendwas passiert?", fragte ich besorgt und lief mit ihr zusammen in die
Küche.
"Brooklyn hat geweint und nicht mehr aufgehört. Er wollte nicht dass ich
gehe. Ich saß bestimmt eine halbe Stunde im Kindergarten rum und hab ihm
erklärt, dass ich ihn am Nachmittag wieder abhole. Irgendwann meinte Miss
Cooper, ich solle einfach gehen. Viele Kinder steigern sich in so einen Abschied
total hinein und sobald die Eltern weg sind, dauert es überhaupt nicht
mehr lange und es ist vorbei. Also bin ich gegangen. Miss Cooper hatte Brooklyn
auf dem Arm und er hat so erbärmlich geweint. Einer Mutter bricht es das
Herz, in so einer Situation zu gehen. Als ich mit dem Auto weggefahren bin,
stand er am Fenster und hat mir zusammen mit Miss Cooper gewunken. Ich wäre
am liebsten umgekehrt, aber irgendwann muss er es ja lernen. Hoffentlich geht’s
ihm gut.", sagte sie voller Sorge und ich legte den Arm um sie.
"Natürlich geht es ihm gut. Er spielt bestimmt mit den anderen Kindern
und du machst dir gerade viel zu viele Sorgen." Morgan nickte und goss sich
ein Glas Wasser ein.
"Wahrscheinlich hast du Recht." Sie stand auf und machte sich daran die dreckige
Wäsche zu waschen und anschließend die saubere zu bügeln. Ich
verzog mich in mein Zimmer, drehte die Musik laut auf und begann abzustauben.
*A hundred different ways I could say I’m sorry oh, and every other day I try
something new oh, I’d write it out in blood if I thought you’d change but, oh
It’s not enough for you*, tönte es aus den Lautsprechern. Ja hundert verschiedene
Wege und welchen nahm Shane? Er verkrümelte sich. Hätte er nicht einen
anderen Weg nehmen können? Zehn Tage waren nun vergangen, zehn unbeschreibliche
Tage. Jeden Tag begann ich ihn mehr zu vermissen, jeden Tag hoffte ich mehr
er würde wieder kommen. Ich verstand, dass er Abstand brauchte, ich verstand,
dass er weg musste, aber so lange? Ich drückte das Lied weg und konzentrierte
mich wieder auf meine Arbeit. Später am Nachmittag sah ich kurz in der
Redaktion vorbei. Ich war nur noch zwei Tage krankgeschrieben, dann würde
ich wieder zur Arbeit gehen. Ich hatte lange genug gefehlt und ich freute mich
wieder auf das Schreiben. In der Redaktion wurde ich von allen herzlich begrüßt
und bekam sogar einen Blumenstrauß, den Matthew beim Blumenladen nebenan
besorgte. Ich klärte alles mit meinem Chef ab, bevor ich zusammen mit Morgan
zum Kindergarten fuhr. Morgan musste mich dort vorstellen, damit ich die Erlaubnis
bekam, Brooklyn auch mal abzuholen, wenn Morgan verhindert war. Seit vor zehn
Jahren mal ein Kind entführt worden war, waren diese Sicherheitsvorschriften
Pflicht. Brooklyn war überglücklich, als er seine Mama sah und kam
stürmisch auf sie zugerannt.
"Na, mein Schatz? Hattest du Spaß?", fragte sie ihn und hob ihn hoch.
Er nickte und schlang seine Arme um ihren Hals, als wolle er sie nie wieder
loslassen. Man konnte meinen Morgan hätte ihn eine Woche lang nicht mehr
abgeholt. Sie fragte noch bei Miss Cooper nach ob irgendetwas vorgefallen war
und Miss Cooper berichtete ihr, dass Brooklyn den ganzen Tag gespielt hatte
und erst wieder weinte, als er sah, dass die ersten Kinder abgeholt wurden.
Das sei in den ersten Tagen noch ganz normal. Man konnte Morgan richtig ansehen,
wie froh sie war das zu hören. Sie zog Brooklyn an, bevor wir zurück
fuhren.
*Chapter 11*
-Back again-
Als wir zuhause ankamen schloss ich die Tür auf. Das erste was mir in
die Augen stach, als ich den Flur betrat, waren die blauen Turnschuhe. Shanes
Turnschuhe.
"Shane!", kreischte ich laut und stürmte ins Wohnzimmer, wo ich direkt
in seine starken Arme lief. Ich konnte es nicht glauben, er war zurück.
Er war wirklich wieder hier. Das Gefühl war überwältigend, einfach
unbeschreiblich und ich brach zusammen, vor lauter Tränen und Freude. Laut
schluchzend hing ich kraftlos in Shanes Armen der mich so festhielt, dass ich
glaubte er würde mich nie wieder loslassen.
"Ich bin so froh, dass du wieder da bist.", weinte ich leise und Shane küsste
mich auf den Haaransatz. Morgan stand gerührt im Türrahmen und drückte
Brooklyn fest an sich. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, in der wir einfach
nur im Wohnzimmer standen und uns festhielten. Meine Tränen wurden immer
weniger und doch dauerte es fast 10 Minuten, bis ich mich wieder vollkommen
beruhigt hatte. Ich öffnete meine Augen und drückte mich vorsichtig
von ihm weg. Ich schniefte kurz und sah ihm dann direkt in seine Augen. Danach
konnte ich mich einfach nicht mehr beherrschen, ich musste ihn einfach küssen.
Ich sehnte mich nach seinen Lippen, die ich schon viel zu lange nicht mehr auf
meinen spüren durfte. Ich zog seinen Kopf ein Stück nach unten und
versank mit ihm in einem Kuss, der vor lauter Liebe und Leidenschaft nur so
sprühte. Viel zu lange mussten wir darauf verzichten...
*Epilogue*
Seit diesen Ereignissen waren nun genau fünf Jahre vergangen. Es war damals keine erfreuliche Zeit und doch hatten uns diese Geschehnisse nur noch mehr zusammen geschweißt. Wir waren uns beide einig, dass uns nun nichts mehr auseinander bringen konnte. Hatte man einmal so etwas überstanden, war man allem gewidmet. Neun Monate nachdem Shane zurück gekommen war, hatte er mir einen Heiratsantrag gemacht. Ich war in diesem Moment der glücklichste Mensch auf Erden. Wir standen auf den Cliffs of Moher, als er vor mir in die Knie ging und die berühmte Frage stellte. Es war ein unglaubliches Gefühl und mir wurde einmal mehr bestätigt, dass ich diesen Mann mit jeder Faser meines Körpers liebte. Wir heirateten am 28. Dezember 2005 in Sligo. Es war einer meiner schönsten Tage in meinem Leben. Ich fühlte mich wie eine Prinzessin und Shane sah so unbeschreiblich gut aus. Unser Glück wurde perfekt, als am 22. August 2006 unser erster Sohn Tennessee auf die Welt kam. Ein prächtiger Junge, der Shane wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Er ist ihm so ähnlich, dass er mir manchmal ganz unheimlich ist. Wir bauten ein kleines Haus am Rande von Sligo, nicht weit weg von Morgan die zusammen mit Brooklyn und Jamie in der Wohnung blieb. Die beiden wollten nächstes Jahr heiraten und Brooklyns Geschwisterchen war bereits unterwegs. Es ist unglaublich wie sich das Leben von mir und Morgan verändert hatte. Vor 10 Jahren war es für uns unvorstellbar gewesen, eine Familie zu haben, verheiratet oder verlobt zu sein. Alles schien so unendlich weit weg und jetzt waren wir mitten drin und ohne Morgan wäre ich jetzt nicht das was ich bin. Ich liebe Shane unendlich und doch kommt nichts zwischen meine Freundschaft zu Morgan. Ohne sie hätte diese Geschichte nicht diesen Titel: nämlich *Love goes through everything*! Ohne sie wären manche Dinge komplett anders gelaufen und ich bin froh, dass es nicht so ist. Shane und Tennessee sind mein Leben. Das Leben von dem ich insgeheim die ganze Zeit träumte...
The End!