*Fortsetzung zu I see friends but you see lovers*

~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
Für alle meine Freunde, die mich immer unterstützen und es auf unerklärliche Weise jedes Mal schaffen mich zum Lächeln zu bringen oder mich aufzumuntern egal wie schlecht es mir geht (Dani, damit bist vor allem du gmeint! Ich sag nur *Jenny, lach doch mal*, dei Standartspruch auf da Mimberger Kärwa *zwinker*). Danke für alles und speziell für eure Hilfe während meiner extremen Down-Phase (ihr wisst scho was ich mein *lol*)! Ihr wisst alle gar nicht wie viel ihr mir bedeutet und wie wichtig ihr mir seid! You all know who you are! Love you all so much! Eure Jenny
~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~

*Prologue*

*Liebe ist eine Leidenschaft die das Universum zur Seite schiebt, um nichts anderes zu sehen als den geliebten Menschen!* Doch was passiert, wenn sich diese Weisheit genau ins Gegenteil ändert? Was passiert, wenn man das Universum dazwischen schiebt, um die geliebte Person möglichst nicht sehen zu müssen? Ist es dann vorbei, egal welchen Grund es gab um sich auf die andere Seite des Universums zu stellen? Spielt es eine Rolle? Besteht richtige Liebe nur dann, wenn man, egal was auch immer kommt, zusammen hält und das Leben gemeinsam meistert? In jeder erdenklichen Situation? Genau diese Fragen haben es sich vor ein paar Jahren zur Aufgabe gemacht, mich Tag und Nacht zu quälen. Nun weiß ich eine Antwort darauf. Manchmal wird die Liebe zwischen zwei Menschen auf eine harte Probe gestellt und man ist gezwungen für einen bestimmten Zeitraum den Lauf des Lebens allein hinter sich zu bringen. Es geschehen Dinge, die man nicht vorher sehen konnte und die es dann zu überstehen heißt, doch wenn das magische Band, von dem immer alle reden, wirklich existiert, wird wahre Liebe jede Hürde meistern. Love goes through everything...

*Chapter 1*
-Beautiful lovelife-

Es war ein warmer Frühlingstag Anfang Mai, die Sonne blitzte durch meine Fenster und ich zog den Rollo ein Stück herunter, damit sie mich nicht mehr blendete und sich mein Gesicht nicht mehr im Monitor spiegelte. Ich setzte mich zurück an den PC und fing wieder an meine Kolumne weiter zu tippen. Es war meine erste für die örtliche Tageszeitung und ich verbesserte seit Stunden meine einzelnen Texte zu verschiedenen Themen aus der Welt des Sports, der Musik, der Politik oder was auch immer. Ich wollte von Anfang an eine gute Kolumne nach der anderen schreiben, ich wollte meinen Chef nicht enttäuschen, der mir vor gut zwei Wochen den Job als Kolumnistin besorgt hatte, weil er der Meinung war, dass ich mit meinen Artikeln unterfordert war. Nun hatte ich also in jeder Dienstagsausgabe zwei Seiten zur Verfügung, um mich über Themen auszulassen, die mich gerade beschäftigten. Ich wollte am nächsten Tag eine gute Arbeit abgeben und mein Perfektionismus zeigte sich nun mehr denn je. Zeile für Zeile studierte ich jeden Text, änderte Formulierungen oder Ausdrücke und war nach geschlagenen fünf Stunden endlich mit dem Ergebnis zufrieden. Ich speicherte die Dokumente auf einer Diskette und steckte diese in eine Mappe, die ich dann zur Seite legte, bevor mir wieder etwas auffallen konnte, dass ich unbedingt noch einmal verbessern musste. Seufzend ließ ich mich zurück auf meinen Stuhl fallen und wählte mich anschließend ins Internet ein. Ich suchte nach einigen Bildern die zu meiner Kolumne passten, weil ich wusste, dass ich dazu am nächsten Tag in der Redaktion keine Zeit haben würde. Ich musste meine Arbeit noch formatieren und da ich noch keine Ahnung hatte wie ich das machen musste, plante ich dafür den ganzen Montag ein. Am Abend musste ich damit fertig sein, damit die Kolumne über Nacht gedruckt werden und in der Dienstagsausgabe erscheinen konnte. Den Dienstag konnte ich schon gar nicht mehr abwarten und ich war gespannt auf die Reaktionen der Leser. Eine eigene Kolumne war eben doch etwas ganz anderes, als langweilige Artikel über Einkaufshäuser oder Autohauseröffnungen. Es war eine neue Herausforderung, die mir schon jetzt ziemlich viel Spaß machte. Ich klickte gerade auf ein Bild der irischen Nationalmannschaft, über die ich mich ausgelassen hatte, nachdem sie unverdient 2:1 gegen Deutschland verloren hatten, als Morgan anfing durch den Flur zu schreien.
"GILLIAN!", kreischte sie und riss eine Zehntelsekunde später meine Zimmertüre auf.
"Darf ich rein kommen?", fragte sie und stellte sich neben mich.
"Du bist ja schon drin."
"Ach, wie auch immer. Könntest du die Telefonleitung bitte frei machen? Shane wollte jeden Moment anrufen."
"Shane? Was will er denn? Er kommt doch später noch vorbei, schließlich muss er Probelesen."
"Ja, ich weiß, aber da bist du ja mit dabei und euch zwei Turteltauben bekommt man nur sehr schwer auseinander und ich muss mit ihm unter vier Augen reden beziehungsweise von Ohr zu Ohr.", erklärte sie mit einem Zwinkern und ihre Hände glitten dabei theatralisch durch die Luft. Ich kommentierte dies mit einem einfachen Schulterzucken.
"Wenn du meinst.", gab ich schließlich zurück, während Morgan die Bilder auf meinem Nachttisch zu Recht rückte. Die beiden benahmen sich schon seit ein paar Tagen so komisch und ich fragte mich ernsthaft was Shane und Morgan wohl wieder ausheckten. Ich nahm mir vor, einmal ein kleines Gespräch mit Brooklyn zu führen. Wenn er etwas wusste, war es bestimmt nicht schwer, es aus ihm herauszulocken. Wie jedes 3-jährige Kind war auch er ein kleines Plappermaul, erzählte jedem Menschen der das Haus betrat seine bisherige Lebensgeschichte und konnte nur selten ein Geheimnis für sich behalten, was in manchen Situationen gar nicht so schlecht war. Ich schmunzelte bei dem Gedanken daran. Eigentlich war es fies ein unschuldiges Kind derartig auszunutzen. Ich schüttelte den Kopf um das eben Gedachte wieder zu vertreiben.
"Gib mir noch fünf Minuten und du kannst telefonieren, bis dir die Ohren weh tun!", sagte ich an Morgan gewandt und gab ihr somit zu verstehen, dass sie aus dem Zimmer gehen sollte. Morgan nickte und marschierte ohne ein weiteres Wort wieder durch die Tür, die sie hinter sich zuschlug.
"Ts.", zischte ich und kümmerte mich weiter um meine Bilder.
"Wir sollten über einen ISDN-Anschluss nachdenken.", murmelte ich noch vor mich hin und speicherte ein Foto nach dem anderen. Nach exakt fünf Minuten war ich fertig damit und überließ Morgan und Shane die Telefonleitung, die sie für die nächsten 45 Minuten blockierten. Morgan hatte sich ins Badezimmer eingeschlossen und ich konnte mir richtig vorstellen, wie sie auf dem Toilettendeckel saß, den Hörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt hatte, die Füße gegen den Badewannenrand stützte und ihre Fußnägel lackierte. Sie nutzte jedes längere Telefongespräch im Bad für ihre Fußpflege und genau diese seltsamen Angewohnheiten und Eigenarten machten sie für mich so besonders und zur besten Freundin die ich je hatte. Sie war einzigartig, einfach Morgan Gráinne Keegan. Nur wenige Minuten nachdem sie das Gespräch beendet hatten, stand Shane vor der Tür und ich fiel ihm freudestrahlend um den Hals. Seit er den Job als Industriekaufmann angenommen und sich zu einem Bürogentleman entwickelt hatte, sahen wir uns nicht wie vorher jeden Tag und das letzte Treffen lag bereits zwei Tage zurück.
"Weißt du, eigentlich habe ich gar keine Lust noch wegzugehen. Können wir nicht einen gemütlichen Fernsehabend machen? Außerdem muss ich morgen früh raus.", antwortete ich auf Shanes Frage, ob ich nun endlich fertig wäre zum weggehen und gestikulierte wild mit meinen Armen in der Luft.
"Alles was du willst, Prinzessin."
"Prinzessin? Wo hast du denn das her?", neckte ich ihn und legte meine Stirn in Falten.
"Weiß nicht, ist mir gerade eingefallen. Gefällt’s dir nicht?"
"Doch.", antwortete ich und küsste ihn auf die Nasenspitze. Dieser Mann brachte es doch immer wieder fertig, mich um den Verstand zu bringen. Schon allein seine Nähe hievte mich in den 7. Himmel und machte mich überglücklich. Er war perfekt und der Mann, den ich als meinen Traummann betiteln würde, auch wenn es anfangs ein bisschen gedauert hatte, bis ich das merkte und mir eingestand. Als ich daran dachte, musste ich grinsen. Ohne Morgan wären wir wahrscheinlich bis heute noch nicht zusammen. Eigentlich war nämlich sie diejenige gewesen, die ein Auge auf Shane geworfen hatte und ich war in der ganzen Story mehr oder weniger der Kuppler. Ich versuchte zumindest mein Bestes, um die beiden zusammen zu bringen, was sich schließlich als unmöglich herausstellte, weil sich Shane in mich verliebt hatte. Ich allerdings wollte ihn nur als guten Freund, wollte Morgan nicht verletzen und letztendlich schaffte Morgan es doch noch mich umzustimmen, mir meinen Gefühlen bewusst zu werden und festzustellen was für einen großen Fehler ich machen würde, diesen Mann einfach so gehen zu lassen. Und nun, fast ein halbes Jahr später konnte ich mir ein Leben ohne Shane überhaupt nicht mehr vorstellen. Klingt vielleicht ein bisschen kitschig, ist aber so. Manchmal wäre ich ohne ihn regelrecht verloren. Er stand mir zum Beispiel tatkräftig zur Seite, als die Gerichtsverhandlungen gegen Jared anfingen und somit auch der Terror, den Jared aus Rache startete. Es begann damals alles mit einem harmlosen Date in einer Disco, bis Jared anfing auszuflippen und mich in der Toilette belästigte. Ich konnte mich in letzter Sekunde mit meinen Hackenschuhen retten, die ich ihm in den Fuß bohrte und ging ein paar Tage später zur Polizei. Jared kam mit einer saftigen Geldstrafe davon, was er anscheinend zu hart fand, denn noch am selben Tag fing er an mich zu terrorisieren. Einen Monat lang traute ich mich nur noch in Begleitung vor die Tür, er drohte mir mehrfach und machte mir mein Leben für mehrere Wochen zur Hölle. Damals war es mir noch nicht bewusst, doch wenn ich jetzt daran zurück denke, glaube ich, dass ich diese Zeit ohne Shane nicht durchgestanden hätte. Jareds Terrorattacken waren von einem Tag auf den anderen zu Ende, wahrscheinlich hatte er gemerkt, dass es sowieso keinen Sinn machte. Es kam zwar noch vor, dass ich seltsame Anrufe erhielt, doch zumindest hatte er aufgehört mir zu drohen und mich zu verfolgen. Ich konnte meinen Hass auf diesen Menschen gar nicht in Worte fassen, zu groß war er und wenn ich es nur irgendwie gekonnt hätte, hätte ich ihn für die restliche Zeit seines Lebens hinter schwedische Gardinen gebracht! Leider fehlten uns die Beweise...
"Willst du dich nicht auch hinsetzen?", riss Shane mich aus meinen Gedanken und ich bemerkte, dass ich mitten im Wohnzimmer stand und vor mich her starrte.
"An was hast du gedacht? Ich hoffe an mich.", grinste er frech und ich musste lachen.
"Natürlich an dich.", antwortete ich und setzte mich zu Shane aufs Sofa. Von meinen wahren Gedanken brauchte er ja nicht unbedingt etwas zu erfahren, er hätte sich nur wieder unnötig über Jared aufgeregt und das wollte ich nicht, zumal Jared es auch gar nicht wert war auch nur einen einzigen Gedanken oder ein einziges Wort an ihn zu verschwenden. Im Moment wollte ich einfach nur noch in Shanes Nähe. Er zog mich zu sich heran und griff nach der Fernbedienung die auf dem Tisch lag. Er schaltete den Fernseher an, zappte unnötig durch die verschiedenen Kanäle und blieb schließlich bei MTV stehen.
"You know it’s true, everything I do, I do it for you...", tönte es aus dem Fernseher und Shane zog mich noch näher zu sich heran.
"Das ist unser Lied...", flüsterte er und hauchte einen zarten Kuss auf mein Ohr. Ich nickte und seufzte. Ja, das war unser Song. Ich blickte verträumt zu Shane, als plötzlich lautes Kindergeschrei durch die Wohnung dröhnte. Brooklyn. Ich sprang wie von der Tarantel gestochen vom Sofa auf und lief in den Flur, dicht gefolgt von Shane der mir hinterher tippelte. Was machte Brooklyn denn noch auf? Ich dachte er war schon im Bett! Ich trat hinaus in den Flur und blieb so plötzlich stehen, dass Shane in mich hinein lief.
"Oh nein!", schrie ich als ich Morgans kleinen Schatz sah, der im Flur lag und eine riesige Platzwunde auf der Stirn hatte. Er war gegen die Kommode im Flur gelaufen...
"Morgan! Wo bist du? Schnell, Brooklyn verblutet!" Meine Hysterie in der Stimme war unmöglich zu überhören.
"Er verblutet? So schlimm ist es hoffentlich nicht."
"Ach sei doch ruhig, wir fahren jetzt sofort ins Krankenhaus. Wo ist denn Morgan verdammt noch mal?" Ich schnappte mir Brooklyn der immer noch schrie wie am Spieß und versuchte ihn zu beruhigen, während Shane nach einem Verband suchte, den er anschließend provisorisch um Brooklyns Kopf wickelte.
"Ich habe keine Ahnung wo Moe ist, aber das ist mir egal, wir fahren jetzt ins Krankenhaus. Alles wird gut, mein Schatz. Gleich sind wir beim Onkel Doktor und dann ist alles wieder gut, okay?" Mit dem weinenden Brooklyn auf dem Arm griff ich nach dem Autoschlüssel und lief hinaus, während Shane noch einen Notizzettel für Morgan an die Tür klebte.
"Gib mir die Schlüssel, du setzt dich mit Brooklyn hinten rein.", dirigierte er und ich nickte.
"Okay." Kaum waren alle Türen geschlossen, trat Shane aufs Gaspedal und brach jegliche Geschwindigkeitsbegrenzungen und sonstige Verkehrsregeln. Rote Ampeln waren auf einmal nicht mehr wichtig und ich bangte auf dem Rücksitz um mein und Brooklyns Leben. Ich hatte das Gefühl, als würden wir die Kurven auf zwei Rädern und in gefährlicher Schräglage umfahren.
"Hör auf so schnell zu fahren, ich will lebendig im Krankenhaus ankommen!", ermahnte ich Shane. "Aber Brooklyn verblutet."
"So schlimm ist es doch gar nicht."
"Das hast du doch gesagt."
"Bääh" Ich grummelte noch etwas Unverständliches vor mich her, ehe ich den Mund wieder hielt und Shane fahren ließ. Es half ja doch nichts, er fuhr wie eine gesenkte Sau. Ein paar Minuten später kamen wir in der Notaufnahme an und Brooklyn wurde gleich in eines der Untersuchungszimmer gebracht.
"Kann ich mit reinkommen?", wollte ich wissen und hielt den Arzt am Ärmel seines Kittels fest und sah ihn bittend an.
"Nein, Sie können drinnen auch nicht mehr machen als hier draußen."
"Doch, ich kann seine Hand halten."
"Das ist nicht nötig." Er schob mich grob auf die Seite und zog die Tür hinter sich zu. Ich verschränkte die Arme beleidigt vor der Brust und setzte mich neben Shane, der auf den Stühlen im Flur Platz genommen hatte.
"Idiot. Brooklyn ist doch noch so klein.", schimpfte ich wütend.
"Shhh, er wird schon wissen was er macht, er ist schließlich Arzt."
"Das heißt gar nichts! Meine Mum war nach ihrer Blinddarmoperation kränker als vorher! Ich sag’s dir, die haben eine Ahnung von nichts. Als Moe mir die Tür gegen den Kopf geknallt hat, waren die auch schon so unfr-" Ich stoppte mitten im Satz und starrte auf die Tür eines weiteren Behandlungszimmers, die gerade aufgegangen war. Der Mann der da soeben rauskam sah verdammt nach... oh nein, da stand Jared. Ich zupfte nervös an Shanes Ärmel und nickte mit meinem Kopf in Richtung Jared. In seiner Nase steckte Watte, über dem rechten Auge hatte er ein Pflaster und sein linkes Auge war blau unterlaufen. Das war ja mal wieder typisch. Seit den letzten paar Monaten sah man ihn nur noch mit irgendwelchen Blessuren im Gesicht. Ich verstand gar nicht, warum ich ihn einmal so attraktiv fand, eigentlich war er doch potthässlich! Und diesen Deppen hab ich doch tatsächlich mal als meinen Traummann betitelt, ich kann es immer noch nicht fassen. Aber jeder Mensch hat mal eine schlechte Phase in der er Fehler macht, oder nicht?!
"Ach, sieh mal einer an. Bist du hier für eine Schönheitsoperation angemeldet? Kluge Entscheidung.", brummte er, als er mich entdeckt hatte und zog seine Mundwinkel nach oben zu einem schiefen und gemeinen Grinsen. Shane war nah daran aufzustehen, doch ich klopfte ihm gegen den Oberschenkel und gab ihm somit zu verstehen, dass er es lassen sollte.
"Ach was, aber in der Toilette war ich dir gut genug, oder wie?" Ich funkelte ihn böse an und seine Mundwinkel verzogen sich nun zu einem undefinierbaren Gesichtszug.
"Blöde Schlampe!", zischte er durch seine zusammengebissenen Zähne, drehte sich um und lief davon.
"Bleib sitzen!", sagte ich an Shane gewandt und zog ihn zurück auf seinen Stuhl, weil er Jared schon wieder hinterher laufen wollte. Das hätte kein gutes Ende genommen und ehrlich gesagt hatte ich in dem Moment ganz andere Sorgen und keine große Lust auf eine Schlägerei.
"So ein Arsch."
"Tja, es muss auch gestörte Menschen geben... Wäre ansonsten doch langweilig.", versuchte ich die angespannte Stimmung wieder ein wenig zu lockern und setzte ein künstliches Lächeln auf. Shane nickte und bevor wir noch weiter darüber nachdenken konnten, kam auch schone eine völlig aufgelöste Morgan durch die Gänge gerast.
"Was ist passiert? Wo ist Brooke? Geht’s ihm gut? Oh Gott, ich komm mir so schrecklich vor.", plapperte sie drauf los und war den Tränen nahe.
"Hey hey hey, jetzt beruhige dich doch erst mal. Brooklyn geht es gut, das glaube ich zumindest. Hmm... Ja, also im Moment ist er noch da drin." Ich zeigte mit meiner Hand auf das Behandlungszimmer und drückte Morgan anschließend auf einen Stuhl. Sie war völlig durcheinander.
"Ich war nur kurz nebenan um die Einladungen vorbeizubringen, ich hatte doch nicht damit gerechnet, dass Brooklyn gegen die Kommode läuft. Was bin ich nur für eine Mutter?"
"Morgan, damit hat keiner gerechnet, also hör auf dir Vorwürfe zu machen. Wir wissen doch noch gar nicht was los ist, wir machen uns bestimmt viel zu viele Sorgen. Du kennst doch Brooklyn, er dramatisiert gerne ein bisschen. Und was für Einladungen hast du überhaupt verteilt? Gibt’s was zu feiern?", fragte ich und sah Morgan fragend an.
"Einladungen? Hab ich Einladungen gesagt? Ich meinte... öhm... Ein-... weißt du, mir fällt das Wort gerade nicht ein, aber es ist sowieso unwichtig.", erklärte sie und sah nervös zu Shane, der die Situation mit seinem *Halt-jetzt-bloß-den-Mund-sonst-erwürge-ich-dich*-Blick beobachtet hatte. Ich zog meine Augenbrauen skeptisch nach oben, doch bevor ich noch etwas dazu sagen konnte, wurden wir auch schon wieder unterbrochen, denn just in diesem Moment öffnete sich die Tür des Behandlungszimmers und Brooklyn kam mit einem fetten Grinsen auf dem Gesicht heraus.
"Brooklyn, mein Schatz. Geht’s dir gut?", fragte Moe und stürzte sich besorgt auf ihren Sohn. Der Kleine nickte nur und zeigte uns allen ganz stolz sein großes Pflaster mit Dinosauriern darauf, das er auf der Wunde kleben hatte. Ich werde aus Kindern einfach nicht schlau. Erst meint man sie sind kurz vorm abkratzen und kaum klebt man ihnen ein Pflaster auf den Kopf, schon ist die Welt wieder in Ordnung. Seltsam, oder? Ich glaube, ich werde mich irgendwann mal an eine Kinderpsychologin wenden und nachfragen, warum das so ist. So ähnlich war es auch, als Brooklyn gerade so laufen konnte. Er wollte durch das Haus flitzen, packte die Kurve ins Wohnzimmer nicht mehr und donnerte gegen den Türrahmen. Im ersten Moment hat er mich nur angeschaut, dann bin ich aufgestanden und meinte: "Oh Gott, Brooklyn. Komm mal her, das hat doch bestimmt wehgetan." und prompt fing er an zu weinen. Nächster Tag, gleiche Stelle, gleiche Situation. Nur diesmal hab ich "Ach Brooklyn, das geht schon. War doch gar nicht schlimm, oder?", gesagt und er hat gelacht. Wollen Kinder die Erwachsenen verarschen? Ich dachte ernsthaft darüber nach, Brooklyn nie wieder zu bemitleiden. Da spart man sich eine menge Tröstarbeit, wenn man sich das mal so durch den Kopf gehen lässt. Diese Einstellung hielt allerdings nur fünf Minuten an. Eigentlich kann ich Brooklyn nämlich nichts ausschlagen und ein bisschen Tröstarbeit nehme ich bei diesem kleinen Schatz gerne auf mich, wobei ich auch sagen muss, dass meine Überlegungen auch ziemlicher Schwachsinn waren. Na ja, wie dem auch sei... Hinter Brooklyn stand ein Arzt, der uns im perfekten Fachchinesisch erklärte, dass er großes Glück hatte und nur mit vier Stichen genäht werden musste. Da stellt sich bei mir die Frage: Und warum hat das so lange gedauert?! Ach ja, klar, jetzt fällt es mir wieder ein, er musste erst noch seine fachchinesische Rede schreiben... Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass sich ein normaler Mensch das einfach so merken kann. Ich verstehe sowieso nicht, wie Ärzte in ihrer Fachsprache so durchblicken. Ich wäre komplett verloren, aber ich hab auch nicht vor, irgendwann einmal Arzt zu werden. Da halte ich mich doch lieber an die Tageszeitung und schreibe ein paar Kolumnen.
"Gillian? Hey, Schatz? Was ist denn los mit dir? Du träumst heute schon den ganzen Tag vor dich her." Shane hatte mich mal wieder zurück in die Realität geholt und ich blinzelte ihn ein paar mal an.
"Ach, ich hab nur gerade daran gedacht, dass ich nie ein Arzt werden will.", gab ich als Antwort zurück und Shane zog seine Augenbrauen nach oben.
"Du bist seltsam, aber genau deshalb liebe ich dich so sehr!" Er küsste mich lachend, ehe er den Arm um mich legte und wir zusammen Morgan und Brooklyn folgten, die bereits auf dem Weg nach draußen waren. Als wir zuhause ankamen war Brooklyn schon eingeschlafen und Morgan trug ihn in die Wohnung. Es war bereits 22 Uhr und auch Shane und mich hielt es nicht mehr lange auf den Beinen. Wir legten uns in mein Bett und ich kuschelte mich eng an ihn, ehe ich von seinen gleichmäßigen, ruhigen Atemzügen in den Schlaf geleitet wurde.
Am nächsten Morgen ging das Chaos schon ganz früh los, als ich meine Unterlagen nicht mehr fand. Ich hatte sie am Tag zuvor so gut versteckt, um nicht weiter daran zu arbeiten, dass ich sie nun nicht mehr fand und wie eine Irre meine Papierstapel und Mappen nach der kleinen Diskette durchwühlte, bis mir einfiel, dass ich sie in meine Arbeitsmappe gesteckt hatte, die im Regal neben meiner Winnie Pooh Sparbüchse lag. Es war zum verrückt werden und mal wieder total typisch für mich. Ich war schon immer der Typ Mensch, der sein Zeug für den nächsten Tag nicht am Abend zuvor bereit legte, sondern immer alles in letzter Sekunde suchte. Als ich dann beim Frühstück auch noch die Milchtüte herunterschmiss und eine Milchüberschwemmung verursachte, war meine Laune bereits um 7.00 Uhr schon auf dem Nullpunkt angelangt. Da konnten selbst Shanes Aufmunterungsversuche nicht mehr helfen. Wie sollte ich diesen Tag nur ohne größere Schäden überstehen? Genau, gar nicht!
"Ich bin weg.", rief ich durch den Flur und klemmte mir meine Mappe unter den Arm.
"Ist gut, bis später.", kam als Antwort von Morgan zurück, die fleißig beim Frühstück machen war, während sich Shane in die Dusche verzogen hatte.
"Gib Brooklyn einen Guten-Morgen-Kuss von mir.", fügte ich hinzu und verschwand durch die Haustür. Auf in den Kampf...
Als ich am Abend nach Hause kam, war meine Laune nicht recht viel besser und ich verfluchte alles und jeden.
"Hallo Bounty! Na? Wie war dein Tag?", fragte Morgan fröhlich, nachdem ich in die Küche gekommen war und mich frustriert auf einen Stuhl fallen ließ.
"Das willst du gar nicht wissen!", sagte ich genervt und stöhnte laut auf.
"So schlimm?"
"Schlimmer."
"Was ist denn los? War deine Kolumne nicht in Ordnung?"
"Doch, die war klasse und Mister Connelly hat mich auch sehr dafür gelobt, aber als ich den Mist formatieren wollte, hab ich den ganzen PC lahm gelegt. Frag mich nicht, was ich falsch gemacht habe, ich weiß es selbst nicht. Auf jeden Fall war das ein Chaos und ich bin froh, dass ich überhaupt noch fertig geworden bin. Wäre mir die Kolumne nicht so wahnsinnig wichtig, hätte ich alles hingeschmissen und wäre gegangen. Ich durfte mir die restliche Arbeitszeit irgendwelche dämlichen Blondinenwitze anhören. Arbeitskollegen können so nervig sein! Und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, bin ich auch noch Jared über den Weg gelaufen. Wenn Leslie nicht neben mir gelaufen wäre, dann wäre ich wahrscheinlich wie eine Furie auf ihn losgegangen! Er hat mich schon wieder so dämlich angegrinst, auf seine einfach nur unverschämte Art und Leslie hat mir gleich mal verklickert, dass ich zurzeit des Dates wohl an Geschmacksverirrung gelitten haben muss. Vielen Dank... Ts... Man, ich brauche jetzt ein Entspannungsbad, bevor ich zu Shane gehe.", seufzte ich und ging ins Badezimmer um Wasser in die Wanne laufen zu lassen. Vielleicht sollte ich mich gleich ertränken... Ich blieb fast eine ganze Stunde in der Badewanne um mich komplett abzureagieren, was mit der entsprechenden Entspannungsmusik im Schaumbad auch erfolgreich klappte. Nachdem ich wieder komplett angezogen und ein Brötchen gegessen hatte, machte ich mich auf den Weg zu Shane, der mich bereits erwartete.
"Hallo Sweetheart. Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr.", lächelte er und küsste mich zärtlich auf den Mund.
"Tut mir leid, ich war in der Badewanne und hab dort jegliches Zeitgefühl verloren. Aber sei froh, jetzt bin ich völlig entspannt und kein bisschen mehr genervt. Mein Arbeitstag war sooo schrecklich." Ich jammerte Shane noch einige Minuten vor, wie gemein Arbeitskollegen doch sein konnten und wie schrecklich mein Tag war, bis er mich auf die Couch zog und meinen Redeschwall mit zärtlichen Küssen stoppte.
"Das ist Sabotage, ich bin noch gar nicht fertig mit jammern! Jetzt geht’s erst richtig los.", brachte ich mühsam hervor und versuchte zu schmollen, was Shane mit einem Lachen quittierte.
"Du bist so süß, wenn du so tust als würdest du schmollen." Ich zwickte ihn leicht in den Bauch, bevor wir erneut in zärtlichen Küssen versanken und irgendwann Arm in Arm auf dem Sofa lagen und den Fernseher einschalteten.
"Hast du an deinem Geburtstag schon etwas vor?", fragte Shane möglichst beiläufig und zappte ununterbrochen von einem Programm zum nächsten. Damit brachte er mich regelmäßig zur Weißglut. So schlimm, dass man ununterbrochen hin und her schalten musste, war Werbung nun auch wieder nicht.
"Ach ja, ich hab ja bald Geburtstag. Hmm... nein, ich hab nichts vor. Warum?"
"Nur so."
"Na gut, aber weißt du was mir da gerade ganz zufällig einfällt? Ich finde diese neuen Schuhe von Gucci total schön. Diese schwarzen mit dem Pfennigabsatz, du weißt schon, die die ich dir letzte Woche gezeigt habe."
"Ja, ich weiß und das ist dir jetzt so ganz zufällig eingefallen?"
"Jeps." Ich lächelte ihn zuckersüß an und Shane begann zu grinsen.
"Das war doch geplant, gib’s zu.", sagte er und boxte mich in die Seite.
"Mal schauen was sich da machen lässt. Aber du musst mir versprechen, dass du an deinem Geburtstag nichts vorhast, ja?", fügte er hinzu und sah mich fast flehend an.
"Und wenn ich gerne feiern möchte?", antwortete ich um ihn zu ärgern.
"Gillian!"
"War doch nur so ein Gedanke. Nein, ich mach nichts, geht ja auch keinen was an, dass ich schon 24 werde."
"Ja, 24 ist aber auch schon wirklich sehr alt. Vielleicht solltest du dir das mit den Schuhen noch mal überlegen und dir lieber Anti-Falten-Cremes wünschen. Oder einen Frisörbesuch um die 1. grauen Haare zu färben."
"Bääh." Ich streckte ihm die Zunge heraus und gab ihm einen Stoß in die Seite, bevor ich mich an ihn kuschelte und mich freute ihn an meiner Seite zu haben. Shane schmunzelte und legte dann seine Arme um mich, als wolle er mich nie wieder los lassen. Das war wieder einer unserer gemeinsamen *Shane&Gillian@home*-Abende, an denen wir einfach nur auf dem Sofa lagen und den Augenblick genossen. Was wir nicht ahnten, war die Tatsache, dass es der letzte während einem sehr langen Zeitraum sein sollte...

*Chapter 2*
-The accident-

"Leute, geht alle in Position. Gillian muss jeden Augenblick von der Arbeit kommen. Brooklyn, nicht jetzt das Konfetti verstreuen, erst wenn Gillian da ist.", dirigierte Shane, der einem Nervenzusammenbruch nahe war und nahm Brooklyn die Tüte aus der Hand, um das bereits verstreute Konfetti wieder hineinzufüllen. Morgan begann zu kichern, als sie Shane auf dem Boden herumrobben sah und nach einer Weile stimmten auch die weiteren Überraschungsparty-Gäste mit ein.
"Lasst das! Ich will doch nur, dass alles perfekt ist.", grummelte Shane und klopfte sich den Staub von seiner Hose.
"Wo sind überhaupt eure Partyhütchen? Die hab ich doch gerade verteilt!"
"Du glaubst doch nicht im Ernst, dass wir die aufziehen!", protestierte Ciza, als es klingelte.
"Das ist sie. Alle bereit?" Shane wartete ein allgemeines Nicken ab, drückte Brooklyn die Tüte Konfetti in die Hand und verschwand dann, um die Tür zu öffnen. Die Gäste fingen bereits an die erste Zeile von *Happy Birthday to you* zu singen, als Shane zurück kam und mit einer Bewegung allen klar machte, dass sie aufhören sollten zu singen. Sein Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes und auch so sah er im Allgemeinen ein bisschen geschockt aus. Sein Gesicht war kreidebleich, seine Hände zitterten und auf seiner Stirn glitzerten Schweißperlen.
"Es war die Polizei. Gillian liegt im Krankenhaus, sie hatte einen Autounfall. Ich fahr jetzt sofort zu ihr...", stammelte er, drehte sich ohne ein weiteres Wort um und stand 15 Minuten später an meinem Bett und hielt meine Hand. Nicht nur Shane und Morgan wollten mir mit ihrer Überraschungsparty einen unvergesslichen 24. Geburtstag schenken, nein, auch Jared hatte seine Pläne und wie so oft kam auch hier das Schlechte an die Front. Es war wieder einer seiner Rachepläne, die er nach dem Vorfall im Krankenhaus wieder startete, doch diesmal traf es mich im Gegensatz zu den anderen Racheaktionen am schlimmsten. Er stand ca. 100 Meter von meinem Auto entfernt, als ich die Redaktion verließ und in mein Auto stieg. Ich beachtete ihn nicht, konzentrierte mich auf die Straße und bemerkte nicht, dass er mir hinterher fuhr. Ich bog gerade mit meinem Auto um eine Kurve, nur noch wenige Minuten von zu Hause entfernt, als es einen Knall gab und Jareds Auto in meiner Fahrerseite stand. Mein Kopf prallte gegen das Lenkrad und ich hing leblos in meinem Sitz. Nur einen halben Meter weiter vorne und Jared wäre frontal in mich hinein gefahren, so traf es glücklicherweise "nur" den hinteren Teil des Autos. Jared selbst kam dabei, dank seiner eigenen Blödheit ums Leben und wenn man die Tatsache betrachtet, kann man von Glück reden, dass ich noch am Leben bin. Zwar änderte sich mein Leben drastisch, doch immerhin hatte ich es überlebt. Jared tat mir nicht einmal Leid... Shane fuhr immer noch zärtlich über meine Hand, als die Tür des Zimmers aufging.
"Mister Filan? Kommen Sie bitte mit in mein Büro?" Der Stationsarzt stand mit einem Klemmbrett in der Hand im Türrahmen und winkte Shane zu sich. Er folgte ihm wortlos und nahm in seinem Büro platz.
"Was ist mit ihr?", fragte er mit zitternder Stimme, sobald die Tür hinter ihm geschlossen war. Der Arzt sah über die Gläser seiner Brille hinweg und drehte seinen Stift nervös in seiner Hand, ehe er sich räusperte und anfing seinen Vortrag zu halten.
"Im Moment schläft Miss Walsh, wie Sie ja bereits gesehen haben und so weit man es schon beurteilen kann, geht es ihr den Umständen entsprechend. Es wurden einige Prellungen und Quetschungen an den Extremitäten festgestellt doch was uns noch viel größere Sorgen bereitet ist eine ziemlich seltene Form der Amnesie, was darauf schließen lässt, dass sie einen ziemlich heftigen Schlag auf den Kopf bekommen haben muss. Sobald sie wieder wach ist werden wir Genaueres mit Hilfe von Kernspintomographien und Schädel-CTs untersuchen. Im Moment braucht sie allerdings ein wenig Ruhe und Schlaf."
"Was?", würgte Shane hervor und versuchte verzweifelt die Menge an Informationen zu sammeln und sinnergebend zusammen zu setzen. Er verstand nur Bahnhof.
"Amnesie bedeutet, dass Miss Walsh an sehr großen Gedächtnislücken leidet. Sie kann sich an fast nichts mehr erinnern, was vor dem Unfall passierte. Sie war kurz wach und wusste weder ihren Namen, noch wo sie wohnte und was sie hier machte. Wie weit sie ihr Gedächtnis wieder bekommt und wie lange es dauert ist unklar. Vielleicht ist es schon morgen so weit, vielleicht aber auch erst in drei Monaten oder einem Jahr. Es ist nun wichtig, dass Sie sie unterstützen und ihr helfen."
"O... Okay.", stammelte Shane und war den Tränen nahe. Er musste hier raus. Amnesie.... Das konnte doch nicht wahr sein. Sicher hatten die Ärzte da irgendetwas verwechselt, das durfte einfach nicht stimmen.
"Ich werde jetzt wieder zu ihr gehen.", sagte er an den Arzt gewand und streckte die Hand aus, die der Arzt sogleich ergriff und schüttelte.
"Es wird nicht leicht, schließlich wird sie Sie nicht wiedererkennen, doch ich bin mir sicher, dass Sie es zusammen schaffen können." Der Arzt nickte Shane noch einmal zuversichtlich zu und ließ ihn dann gehen. Er konnte nur annähernd erahnen wie Shane sich fühlte. Als Shane um die Ecke zu meinem Zimmer bog, rannte er direkt in Morgan hinein, die völlig aufgelöst durch die leeren Gänge huschte. "Shane, na endlich. Ich hab dich schon gesucht. Was ist passiert? Gillian ist soeben aufgewacht und weiß überhaupt nicht was sie redet. Sie sagt sie kennt mich nicht, stell dir das mal vor. Shane? Shane, ist alles okay?" Morgan blickte Shane besorgt an. Er sah aus, als würde er jeden Moment kollabieren und in Tränen ausbrechen. Und genauso fühlte er sich auch.
"Nein, nichts ist okay. Gillian hat Amnesie!"
"A... Amnesie? Oh mein Gott." Morgan schlug sich die Hände vor den Mund und begann augenblicklich zu weinen. Jetzt wurde ihr so Einiges klar. Shane nahm sie in den Arm und führte sie raus an die frische Luft. Das Krankenhausklima machte ihn schon selbst krank. Sie setzten sich in den angrenzenden Park und schwiegen. Beide weinten stumme Tränen, bis es dunkel wurde und sie zusammen nach Hause fuhren. Als ich am nächsten Tag aufwachte sah ich direkt in zwei warme, braune Augen, die ich zuvor noch nie gesehen hatte. Sie gehörten zu einem jungen und ehrlich gesagt ziemlich attraktiven Mann. Irgendwie kam er mir bekannt vor, fast schon vertraut und doch war ich mir sicher, ihn noch nie gesehen zu haben. Wer zum Teufel war er und was machte er an meinem Bett? Irgendwie machte es mir Angst einen fremden Mann um mich zu haben, der gleichzeitig auch noch meine Hand hielt und sanft darüber strich. Ich entzog sie ihm ruckartig und steckte sie unter die Decke.
"Wer sind Sie?", wollte ich wissen und musterte ihn misstrauisch.
"Ich bin dein Freund. Shane. Kennst du mich denn nicht?"
"Nein, tut mir leid.", antwortete ich kühl und drehte mich weg von ihm. Ich sah aus dem Fenster. Der Kontrast war erschreckend. Draußen schien die Sonne, man hörte fröhliche Stimmen durch das offene Fenster und es klang fast so, als wäre jeder glücklich außer ich, ich, Gillian Walsh, die in diesem tristen Krankenhauszimmer lag und lediglich ihren eigenen Namen wusste. Und das auch nur, weil ich zufällig nach der täglichen Visite einen Blick auf die Patientenakte werfen konnte. Keiner hielt es für nötig mich aufzuklären, keiner, bis ich nachfragte warum ich mich an nichts mehr erinnern konnte, warum in meinem Gedächtnis gähnende Leere herrschte. Danach war ich eingeschlafen und als ich wieder wach wurde, starrte mich dieser Mann an, der so unverschämt fragte, ob ich ihn denn nicht erkennen würde. Er sollte endlich gehen. Ich wollte einfach nur noch meine Ruhe. Jeder glaubte er würde mich kennen und müsste von mir erkannt werden, dabei war das doch gar nicht möglich, schließlich kannte ich mich selbst nicht... Als ich hörte, dass Shane aufstand um zu gehen, drehte ich mich wieder um. Ich blickte ihm hinterher und konnte erkennen, dass Tränen in seinen Augen glitzerten, als er sich noch einmal zu mir umdrehte und mich traurig ansah, ehe er die Tür hinter sich schloss und mich allein zurück ließ. Was hatte er denn erwartet? Dass ich ihm um den Hals fallen würde? Mein Blick wanderte durch das ganze Zimmer, überall war alles weiß und ich fragte mich, wie man hier gesund werden sollte. Alles war so einfarbig, kalt und trist. Gleichzeitig war bei geschlossenen Fenstern kein Geräusch zu hören, nichts, es war alles ruhig. Ruhe von der man Taub werden konnte. Es schien so, als war es an diesem Ort unmöglich zu lachen und als ich weiter darüber nachdachte, stellte ich fest, dass es absolut identisch mit meiner Stimmung und meinem Gefühlsleben war. Man konnte mich durchaus mit diesem Zimmer vergleichen und das machte mich gleich noch ein Stück deprimierter. Den restlichen Tag brachte ich mit lesen hinter mich. Das Buch war schrecklich langweilig, aber irgendwie musste ich die Zeit ja rumkriegen. Der nächste Tag verlief nicht recht viel anders, bis Shane mich besuchte und mir ein paar kleine Sachen aus meinem Leben erzählte. Anfangs hatte ich mich dagegen gewehrt, wollte nichts wissen, doch irgendwann musste ich schließlich anfangen, mein Gedächtnis wieder aufzustocken. Er blieb fast zwei Stunden bei mir, ehe eine dunkelhaarige, hübsche Frau in mein Zimmer kam. Nach Shanes Erzählungen hatte ich schon so eine Ahnung wer sie war.
"Hallo Gillian. Wie geht’s dir?", fragte sie und versuchte fröhlich zu klingen.
"Wie soll’s einem schon gehen, der weder seine Verwandten noch Freunde wiedererkennt? Morgan, oder? Shane hat mir etwas von dir erzählt."
"Ja stimmt. Ähm, stört es dich, wenn ich meinen Sohn rein hole? Er wollte dich unbedingt sehen und macht mich schon den ganzen Tag verrückt."
"Nein, schon okay. Wie heißt er denn?"
"Brooklyn."
"Ach ja... Ihn hat Shane auch erwähnt. Lass mich kurz zusammenfassen. Brooklyn ist dein Sohn und ihr beide wohnt mit mir zusammen in einer Wohnung, richtig?"
"Richtig." Ich legte mein Buch, das ich wieder zur Hand genommen hatte, auf die Seite und beobachtete Morgan, die zur Tür lief und einen kleinen Jungen rein holte. Das war also der kleine Brooklyn. Ein ganz süßer Kerl und ich schätzte ihn auf drei. Sobald er mich sah begannen seine Augen zu strahlen und er setzte ein unglaubliches Lächeln auf. Ich hätte gerne zurück gelächelt doch ehrlich gesagt war mir nicht danach. Meine Gedanken und Gefühle spielen schon wieder verrückt. Wie musste sich dieses Kind nur fühlen? Soweit ich das von Shane mitbekommen hatte, kannte mich dieser Knirps seit seiner Geburt und ich war nun nicht mehr im Stande ihn herzlich zu begrüßen, weil er mir total fremd war. Das Einzige was ich wusste war sein Name. Den Namen des Kindes, dass ich seit seiner Geburt aufwachsen sah. Ich kam mir so hilflos und verlassen vor.
"Hallo Gill!" Brooklyn war auf mein Bett geklettert und schlang seine kleinen Ärmchen um meinen Hals. Ich wusste nicht, was ich machen sollte und sah Morgan hilflos an, die Brooklyn daraufhin von mir weg nahm und auf einen Stuhl setzte.
"Setz dich hin, Schatz. Gillian ist noch sehr krank.", sagte sie zu ihm und fuhr ihm durch die blonden Haare. Wie sollte man einem Kind denn erklären, dass ich es nicht mehr kannte, wo ich doch schon seit drei Jahren mit ihm zusammen lebte und half ihn aufzuziehen?
"Wann Gillian kommt wieder heim? Ich vermisse Gillian und Shane ist auch immer traurig.", flüsterte er in Morgans Ohr und schielte zu mir herüber. Oh Gott, was tat ich hier eigentlich? Ich sollte mich auf einer einsamen Insel absetzen, da wo keiner mich kannte und schon gleich gar nicht liebte oder gern hatte. Langsam aber sicher überforderte mich meine aktuelle Situation, aber eigentlich war das ja nicht wirklich verwunderlich, oder?
"Morgan, sei mir nicht böse, aber ich wäre jetzt gerne wieder allein. Mir wächst diese verdammte Situation über den Kopf hinaus. Wie soll ich mich denn euch gegenüber verhalten? Ich kenne euch nicht..." Mein Satz wurde immer unverständlicher, bis nur noch ein leises Schluchzen zu hören war. Ich wurde hier noch verrückt, nun fing ich schon an herumzuheulen. Morgan nickte nur leicht und verließ anschließend mit Brooklyn auf dem Arm das Zimmer. Er winkte mir noch zu und ich zwang mich zu einem kleinen Lächeln, das er fröhlich erwiderte. Dann schloss sich die Tür hinter ihnen und Stille verbreitete sich im Raum. Wie würde das alles nur enden?
Drei Tage später wurde ich entlassen und Shane brachte mich nach Hause. Es war ungewohnt und ich verbrachte den ganzen Tag damit, mich überall und vor allem in meinem Zimmer umzusehen. Jedes kleinste Detail wollte ich in meinem Kopf festhalten. Ich versuchte mich an etwas zu erinnern, nur an irgendetwas, doch es blieb weiterhin alles dunkel und schwarz. Ich betrachtete gerade ein gerahmtes Bild von mir und Shane aus glücklichen Tagen, das auf dem Nachttisch stand, als es klopfte.
"Kann ich rein kommen?", drang es durch die Tür. Es war Shane.
"Klar.", erwiderte ich und Shane betrat das Zimmer.
"Danke. Ich würde gerne mit dir reden."
"Okay, setz dich doch." Ich deutete mit meiner Hand auf mein Bett und wartete bis er saß, bevor ich mich neben ihn setzte und ihn verlegen ansah. Ich kaute auf meiner Unterlippe und fragte mich, ob ich das schon immer tat, wenn ich nervös war. Wahrscheinlich schon, schließlich war ich immer noch Gillian Walsh. Nur das an der Stelle, wo mein Gedächtnis sein sollte nur gähnende Leere herrschte.
"Was ist denn?", fragte ich schließlich, als Shane nichts sagte.
"Gute Frage, nächste Frage bitte.", antwortete er und seufzte. Er sah mich kurz an, bevor er weiter sprach und anfing seine Finger ineinander zu verknoten.
"Gillian, ich weiß nicht wie ich sagen soll, was ich fühle. Es ist nur so, dass ich nicht weiß wie ich mich verhalten und mit dir umgehen soll. Ich liebe dich und möchte dir helfen, doch du lässt mich nicht an dich heran. Jeden Versuch, mich dir zu nähern, blockst du total ab."
"Was erwartest du? Versetz dich doch mal in meine Lage. Ich bin mit dir zusammen, okay, doch leider weiß ich lediglich deinen Namen. Shane, bitte gib mir Zeit, viel Zeit. Ich weiß doch noch nicht einmal wer ich selbst bin, wie soll ich dann eine Beziehung mit dir führen? Könntest du jetzt bitte wieder gehen?" Ich blinzelte ein paar aufsteigende Tränen weg, ich wollte nicht schon wieder weinen und starrte in den Boden. Es stimmte, ich blockte ihn ab, aber doch auch nur, weil ich mich erst selbst kennen lernen wollte. Ich mochte Shane, er war nett, aber ich hatte genug damit zu tun, herauszufinden wer ich selbst war, da konnte ich mich nicht auch noch auf eine Beziehung konzentrieren, von der ich überhaupt nichts mehr wusste, außer dass mein Partner Shane Steven Filan hieß.
"Ich kann das nicht. Ich kann nicht einfach nur zusehen und abwarten.", antwortete er auf meine Bitte zu gehen.
"Wenn du das nicht akzeptieren kannst, dann weiß ich nicht warum ich überhaupt mit dir zusammen bin." Es war gemein, das wusste ich, aber mir riss so langsam der Geduldsfaden und ich redete mich vollkommen in Rage.
"Was soll das denn heißen? Gillian, sieh mich an, wenn ich mit dir rede! Sieh mich an, verdammt noch mal!" Nun wurde auch Shane laut und ich wagte es nicht ihn anzusehen, trotz seiner lautstarken Aufforderung. Ich starrte weiterhin in den Boden und verfluchte ihn innerlich.
"Geh einfach, geh, ich will allein sein."
"Okay, wie du willst, aber wenn du doch noch etwas dazu sagen willst... du weißt ja wo ich wohne.", sagte er und stand, mit vor Wut geballten Fäusten, auf.
"Nein, weiß ich nicht.", schrie ich ihn an und vergrub mein Gesicht im Kopfkissen. Warum verstand mich keiner? War es denn so schwer zu verstehen, dass mir alles und jeder fremd vor kam und ich deshalb Zeit brauchte? Viel Zeit um zurück ins Leben der Gillian Walsh zu finden? So hatte ich mir meinen ersten Tag zu Hause definitiv nicht vorgestellt...Vor Erschöpfung war ich dann wohl irgendwann eingeschlafen, denn als ich meine Augen wieder aufmachte war es bereits dunkel im Zimmer. Ich drehte mich um und erschrak, als ich mit meinem Bein gegen etwas Hartes und Haariges stieß. Ich knipste mein Nachttischlämpchen an und war fest davon überzeugt, ein mir verheimlichtes Haustier vorzufinden. Als ich sah was es wirklich war musste ich lächeln. Shane lag auf dem Boden und hatte seinen Kopf und halben Oberkörper auf meiner Matratze abgelegt. Ich war gegen seinen Kopf gestoßen. Ich stieg vorsichtig aus dem Bett und tippelte auf Zehenspitzen zur Tür um ihn nicht zu wecken, der Stoß hatte ihm anscheinend überhaupt nichts ausgemacht. Im Flur blieb ich stehen. Wo war das Klo gleich noch mal? Links, rechts oder geradeaus? Ich ging nach rechts und hatte Glück. Ich war richtig. Als ich zurück ins Zimmer kam, saß Shane aufrecht auf meinem Bett.
"Hi.", sagte er und stand auf.
"Hi.", antwortete ich. Es herrschte eine seltsam bedrückte Stimmung zwischen uns und ich hütete mich, etwas zu sagen. Man hatte ja gesehen, wohin das führte und ich wollte auf keinen Fall schon wieder streiten, zumal es schon halb 12 war und Morgan und Brooklyn im Bett lagen.
"Tut mir leid.", wisperte Shane und ich hatte Probleme überhaupt zu verstehen was er sagte.
"Ich wollte das nicht. Ich hab mich wie ein Idiot verhalten. Es ist einfach nur so schwer für mich, mit der Person die ich liebe über eine so große Distanz zu leben. Ich muss mich erst daran gewöhnen, für mich ist das alles auch nicht leicht. Ich hoffe zu verzeihst mir?!"
"Natürlich. Mir tut es auch leid. Ich vergesse immer, dass ich nicht die Einzige bin, die unter der Amnesie leidet. Und es ist ja nicht so, dass ich deine Hilfe nicht will. Ich freue mich, aber das ändert im Moment eben auch nichts daran, dass ich dich kaum kenne und deshalb auf Abstand lebe. Aber ich mag dich bis jetzt ganz gerne.", grinste ich und Shane lächelte.
"Gute Nacht, Shane." Ich gab ihm ein Küsschen auf die Wange, ehe er das Zimmer verließ und die Nacht im Wohnzimmer verbrachte.

*Chapter 3*
-The first progressiv-

Am nächsten Tag fuhr Shane mit mir zu sich nach Hause. Er wohnte auf einer riesigen Pferderanch mit einer atemberaubenden Landschaft drum herum. Der Wahnsinn schlechthin. Sein kleines Häuschen war rund herum umgeben von Pferdekoppeln, Weiden und Ställen. Vereinzelt sah man Männer mit Schubkarren und Schaufeln geschäftig hin und her laufen, während einige der Pferde seelenruhig grasten und sich daran nicht stören ließen. Das Shane ein Pferdeliebhaber war hatte er mir schon erzählt, aber das er eine so riesengroße Ranch besaß hatte er mir bisher verschwiegen. Es war seine Leidenschaft und ich wusste, dass er nach Ende der Arbeitszeit meistens mit den Pferden arbeitete und ich ihn oft besucht hatte, doch das Bild das ich nun vor Augen hatte, reichte weit über meine Vorstellungskraft hinaus.
"Das ist ja der pure Wahnsinn, wie bringst du das alles unter einen Hut?", staunte ich. Wie war es nur möglich, dass er tagsüber als Industriekaufmann arbeitete und zusätzlich noch ein so großes Pferdegestüt versorgen konnte?
"Gefällt’s dir?", war seine Gegenfrage und ich nickte.
"Und wie. Kann ich reiten?"
"Natürlich kannst du... ach so... na ja, willst du es probieren?"
"Ja.", lächelte ich. Shane nahm mich an der Hand und lief mit mir in Richtung der Ställe. Vor einer bestimmten Box blieb er stehen und fing an mit seiner Zunge zu schnalzen, bis ein fuchsbrauner Pferdekopf erschien und freudig wieherte.
"Das ist dein Pferd. Er heißt Saturn.", erklärte er und strich ihm über den Kopf. Ich staunte nicht schlecht. Ein eigenes Pferd hatte ich also auch noch.
"Holst du seinen Sattel aus der Sattelkammer? Die ist gleich da vorne links. Es steht sein Name drauf. Ich lege ihm so lange sein Halfter an, okay?" Ich nickte wieder, bevor ich loslief um den Sattel für Saturn zu holen. Die Sattelkammer war nicht schwer zu finden, Saturns Sattel dagegen schon. Als ich durch die Tür trat, stachen mir bestimmt 30 verschiedene Sattel ins Augen, die alle mehr oder weniger gleich aussahen. Ich arbeitete mich von einem Ende zum anderen nach vorne und nach fünf Minuten hatte ich schließlich das, was ich suchte. In geschwungenen Buchstaben war der Name in das braune Leder eingraviert. Mir fuhr es eiskalt den Rücken herunter, als ich mit meinem Finger jeden Buchstaben nachfuhr. Das war der Sattel von meinem Pferd!
"Hier bin ich wieder.", sagte ich und stellte mich vor die Box. Ich hatte den Sattel über meinen Arm gelegt und war zurück zu Shane gelaufen, der eifrig damit beschäftigt war, Saturn startklar zu machen.
"Danke." Shane nahm ihn mir ab, streifte eine Decke über Saturns Rücken und legte dann den Sattel darüber. Sorgfältig zog er alle Riemen fest und führte ihn anschließend aus der Box und vor den Stall.
"Bist du bereit?", fragte er mich und ich nickte.
"Ja, ich bin bereit.", antwortete ich sicher, dabei war ich nervöser denn je. Meine Hände waren kalt und nass, doch das hinderte mich nicht daran, ohne Probleme aufzusteigen und die Zügel in die Hand zu nehmen. Shane führte Saturn auf eine der Koppeln und ließ dann los. Es war ein unbeschreibliches Gefühl für mich, als ich, ohne groß nachzudenken, die Zügel strenger nahm, meine Oberschenkel fester an Saturns Körper presste und losritt. Es war als hätte ich nie etwas anderes getan. Meine Haare wehten locker im Wind, als ich langsam in den Trab wechselte und ich hätte vor Freude am liebsten laut aufgeschrieen. Nach den letzten Tagen voller Deprimierung tat es gut ein solches Erfolgserlebnis zu haben und als ich von Saturn abstieg, kam Shane sofort angelaufen um mich in den Arm zu nehmen. Und zum ersten Mal, seit dem Unfall, machte mir seine Nähe überhaupt nichts mehr aus. Wir brachten Saturn zusammen zurück in den Stall. Shane wollte mir nun sein Zuhause zeigen. In seinem Wohnzimmer setzte ich mich auf die Couch und sah mich um, während er etwas zu trinken holte. Es war gemütlich eingerichtet und überall standen Bilder von seiner Familie oder von mir. Auf dem Tisch stand eine große Schale mit jeder Menge Auswahl an Obst. An der Wand über dem Fernseher hing ein riesiges Bild mit der Überschrift *Gillians 1. Kolumne*. Meine Knie wurden plötzlich ganz weich und ich musste grinsen. Wie süß war das denn?? Er hatte meine erste und bisher einzigste Kolumne eingerahmt. Ich stand auf um sie näher zu betrachten und begann zu lesen.
"Gar nicht mal so schlecht.", murmelte ich, als ich fertig war. Am besten fand ich meine Meinung über David Beckham. Mir war dazu nämlich in den letzten Tagen ziemlich viel aufgefallen und hätte ich diese Kolumne noch nicht geschrieben, hätte ich es sofort nach meinem krankheitsbedingten Urlaub getan. Jede Kolumne die man ließt, oder mindestens ein Leserbrief unter fünf, beinhaltet einmal das Thema *Beckham* und eigentlich geht es jedes Mal um dasselbe: David Beckham und der Rummel um seine Person nervt. Ist ja schön und gut, ich habe absolut nichts gegen diese Meinung, aber wenn er doch sooo nervig ist, warum verschwenden die Kolumnisten dann ihre Arbeitszeit um über ihn zu schreiben? Sollen sie den armen Kerl doch einfach in Ruhe lassen. Er selbst findet den Rummel um sich wahrscheinlich auch nicht so toll... Ich kann mir wirklich etwas Schöneres vorstellen, als auf Schritt und Tritt von Securities begleitet zu werden um aufs Klo zu gehen. Dieser ganze Rummel und die Aufregung lassen ihn zusätzlich oft arrogant erscheinen, doch wenn man sich die Sache einmal genauer betrachtet und weiter recherchiert, kam zumindest ich zu dem Ergebnis, dass die Presse ihn so hinstellt. Er wird in das Licht des angeberischen Fußballers gerückt, der sich immer und überall wichtig machen will, dabei ist es einfach sein Job Fußball zu spielen, so wie es Shanes Job ist als Industriekaufmann zu arbeiten.
"Entschuldigung, dass es so lange gedauert hat, aber Mum hat mich aufgehalten.", unterbrach Shane meine Gedanken und ich wendete den Blick von der Kolumne ab, um von David Beckham wieder zurück in die Realität zu gelangen.
"Macht nichts. Ich hab mich ein bisschen umgesehen."
"Du warst sehr stolz darauf. Und ich auch." Shane zeigte auf die Kolumne und ich nickte.
"Es war schon immer mein Traum für eine Zeitung oder ein Magazin zu schreiben."
"Woher weißt du das?"
"Ich weiß nicht, es war einfach da." Das war ja klasse, auch wenn es gleichzeitig ein bisschen enttäuschend war. Das war der erste winzige Fortschritt seit einer ganzen Woche, von meinem Erlebnis auf Saturn einmal abgesehen! Da war mir ja nicht wirklich etwas eingefallen, ich hatte reiten wahrscheinlich einfach nur nie verlernt. Es war wie Autofahren, es verlief völlig automatisch ab, so als hätte ich nie etwas anderes getan. Die Sache mit der Kolumne war anders, ein winzig kleiner Fortschritt zurück zu meinem Gedächtnis. Aber immerhin besser als gar nichts. Shane freute sich darüber wie Brooklyn, wenn er jemanden zum Spielen gefunden hatte. Er rief sogar bei Morgan an und so langsam begann ich zu verstehen, warum ich mit ihm zusammen war. Er hatte eine so süße kindliche Art an sich, als hätte seine Entwicklung im Kopf bei 14 Jahren angehalten. Und doch wusste er wann es an der Zeit war ernst zu sein oder ruhig an etwas ranzugehen. Es war nun eine Woche seit dem Unfall vergangen und dieser Tag war wohl eines der Highlights während meiner Amnesie. Es schien so, als ginge es ab jetzt nur noch voraus, als würde mich nichts und niemand mehr davon abhalten können, mein Gedächtnis wieder zu finden. Umso größer war die Enttäuschung, als es an den nächsten Tagen weniger erfreulich zuging...

*Chapter 4*
-Sick and tired, but life goes on-

"Oh toll, guckt mal. Sligo bekommt ein überdachtes Hallenbad.", quietschte Morgan vergnügt und zeigte uns am Frühstückstisch den Artikel in der Tageszeitung.
"Das haben Hallenbäder so an sich, dass sie überdacht sind. Schließlich heißt es ja auch HALLENbad.", bemerkte Shane und ich begann zu kichern.
"Ist ja gut...", schmollte Morgan und schob Brooklyn seine Schüssel Cornflakes hin, weil er lautstark danach verlangte.
"Er ist jetzt übrigens im Kindergarten angemeldet. Ab 1. August." Morgan nickte in Richtung Brooklyn, als wäre es nicht offensichtlich, dass er gemeint war. Brooklyn leistete derweil ganze Arbeit und die hälfte seiner Cornflakes wurden auf dem Tisch verteilt, während er dazu eine selbsterfundene Melodie summte. Es war nun schon wieder eine Woche vergangen, doch außer das ich nun wusste, wie es zu meiner Amnesie kam, gab es keine Veränderung, in Hinsicht auf die Krankheit. Es war zum verzweifeln und die letzten Nächte weinte ich mich jedes Mal in den Schlaf, weil es mich nervlich total fertig machte. Ich wendete mich komplett ab, saß die meiste Zeit in meinem Zimmer und grübelte über den Sinn meines Lebens nach. Es wurde eine immer größer werdende Belastung für mich und auch für Shane. Es ging ihm schlecht, um nicht zu sagen beschissen. Ich zog ihn ungewollt mit hinein, in das große, schwarze Loch, das sich unter mir auftat und drohte mich zu verschlingen. Mir und anderen gegenüber gab er es nicht zu und er versuchte den starken Freund zu spielen, versuchte mir zu helfen, doch ich war durch meine Amnesie ja nicht komplett verblödet. Mir konnte er nichts vor machen, zumal ich auch ein Gespräch zwischen ihm und Morgan mitgehört hatte. Ich wollte im Wohnzimmer eines der Fotoalben holen, um meinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, als der Name *Gillian* fiel. Ich blieb vor der Tür stehen und hörte Shane schluchzen und schniefen. Er weinte... Ich wollte nicht lauschen und doch brachte ich es nicht fertig einfach zu gehen. Ich blieb stehen und hörte alles mit: "Morgan, guck mich doch mal an. Ich bin fertig mit den Nerven. Es ist das Schrecklichste was mir je passiert ist. Ich liebe Gillian, wie ich noch keine andere Frau in meinem Leben geliebt habe. Es war alles so wundervoll und wir haben schon von einer Hochzeit gesprochen obwohl wir erst sechs Monate zusammen waren und nun ist dies alles vergessen. Sie kennt mich nicht und lässt mich seit letzter Woche überhaupt nicht mehr an sich heran. Mich, ihren Freund und das alles nur weil Jared nicht damit umgehen konnte, dass er gegen sie verloren hatte. Wenn er nicht schon tot wäre, würde ich ihn jetzt umbringen, weil er mir mein Leben genommen hat. Was soll ich denn nur machen? Als wir bei mir zu Hause waren, war sie so glücklich. Wieso kann das nicht einfach so weiter laufen, warum hat sich jetzt wieder alles so sehr geändert, wo es doch schon danach aussah, als würde es bergauf gehen? Gillian lässt mich nicht an sich heran, es ist als hätte sie eine Wand um sich herum aufgebaut. Ich verstehe, dass es für sie schwer ist, doch so kann ich ihr unmöglich helfen und genau das ist es doch, was mir der Arzt geraten hat. Jeden Annäherungsversuch blockt sie ab und das macht mich völlig kaputt. Ich weiß nicht wie lange ich noch durchhalte, wie lange ich meine innere Zerrissenheit noch verstecken kann. Wenn sich nicht bald etwas ändert dreh ich durch, Morgan."
"Weißt du, mir geht es manchmal genauso. Ich habe praktisch meine beste Freundin verloren, aber wir müssen die Dinge so laufen lassen, wie sie kommen. Gillian wird auf dich zugehen, wenn sie bereit dazu ist, da bin ich mir sicher. Wir müssen einfach warten, anders kommen wir im Moment nicht voran, auch wenn es schwer ist, Shane. Die Mauer kann sie nur selbst durchbrechen, es liegt nur an ihr und die Zeit wird kommen, in der es wieder einen Lichtblick gibt. Sicherlich ist es schlimm, aber da müssen wir jetzt durch. Zusammen schaffen wir das, okay? Kopf hoch, Großer."
"Okay. Danke Moe, du bist ein Schatz. Ohne dich wäre ich wahrscheinlich schon längst in der Irrenanstalt gelandet."
"Ist doch selbstverständlich. Ich werde jetzt nach Brooke sehen, er gehört schon lange ins Bett..." Ich konnte hören wie Morgan aufstand und ich verzog mich in mein Zimmer. Shanes Worte hatten mich berührt. Wir wollten heiraten... Das klang alles so unwirklich, so als wäre es in einem anderen Leben passiert und ich fühlte mich ziemlich mies. Shane hatte Recht. Ich blockte alles ab, wollte am liebsten allein sein, um mich in meine eigene kleine Welt zurückzuziehen, um dort im Selbstmitleid zu zerfließen. Außerdem fand ich diese Sache mit Jared ziemlich seltsam. Der Name sagte mir überhaut nichts, aber anscheinend hatte er etwas mit meiner Amnesie zu tun und der Unfall war nicht einfach nur ein Unfall, wie ich bisher glaubte und es mir erzählt wurde. Ich nahm mir vor Shane am nächsten Tag zu fragen, wie es wirklich zu meinem Unfall gekommen war und legte mich ins Bett um zu schlafen. In der Nacht hatte ich einen seltsamen Traum, der sich am Morgen ganz einfach erklären ließ, weil es einfach nur ein Puzzleteil in meinem riesengroßen Puzzle war. Es füllte eine Gedächtnislücke, diesmal eine ziemlich größere als die davor. Ob es Zufall war das ich diesen Traum hatte, oder ob es einfach etwas damit zu tun hatte, dass ich den Namen Jared gehört hatte, wusste ich nicht. Ich wachte schweißgebadet auf und starrte wenige Sekunden in die Dunkelheit, bis ich realisierte, dass es nur ein "Traum" war. Ich lief darin in einen Club, wo ich mich mit einem Mann traf und mit ihm tanzte. Irgendwann landeten wir in der Toilette und er hatte vor Dinge zu machen, die ich ganz und gar nicht machen wollte und zu denen ich nicht bereit war. Ich wehrte mich gegen ihn und schließlich war es der Absatz meiner Schuhe, der mich rettete. Dann wachte ich auf. Ich schlich ins Badezimmer und spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht um mir ein wenig Abkühlung zu verschaffen. Ich sah in den Spiegel und erschrak mich bei dem Anblick, der sich mir bot. Mein Gesicht war blass, die Augen glasig und aufgequollen und das Gesamtbild einfach furchtbar. Die Ringe unter den Augen wurden von Tag zu Tag schlimmer und wenn nicht bald etwas geschah, würde man mich noch für Graf Draculas Frau abstempeln! Als ich wieder gehen wollte, rutschte mir mein Herz beinahe in die Hosentasche, als ich eine Gestalt im dunklen Flur stehen sah. Ich kreischte kurz auf, ehe die Gestalt ins Licht des Badezimmers trat und sich als Shane entpuppte.
"Oh Gott, mach das nie wieder, Shane!", stammelte ich und versuchte mein Herzklopfen unter Kontrolle zu bringen.
"Tut mir leid, aber ich dachte dir geht’s vielleicht nicht gut, weil du um diese Uhrzeit noch wach bist." Shane der im Wohnzimmer bei offenen Türen schlief, um zu hören falls etwas passierte, seit ich wieder zu Hause war, hatte wohl mitbekommen, dass ich rumgelaufen war.
"Nein, es ist nichts. Ich hab nur schlecht geträumt."
"Okay, dann gute Nacht."
"Nacht, schlaf gut." Ich lächelte ihm kurz zu, bevor ich wieder in mein Bett huschte und bis am nächsten Morgen durchschlief. Meinen Traum sprach ich während dem Frühstück mit Shane an. Morgan war mit Brooklyn beim Kinderarzt, er musste geimpft werden.
"Shane, ich hatte gestern einen sehr komischen Traum.", fing ich an und erzählte ihm jede Einzelheit die ich noch wusste. Shane wirkte sehr interessiert und am Ende ein wenig bedrückt.
"Gillian, das war nicht einfach nur ein Traum. Es ist wahr.", sagte er flüsternd, als ich geendet hatte und legte seine Hand auf meine.
"Du meinst mir ist das wirklich passiert?", fragte ich ungläubig und Shane nickte, bevor er begann die ganze Geschichte mit Jared zu erzählen.
"Das ist ja Wahnsinn. Und ich dachte, so was gibt’s nur im Fernsehen. Ist es schlimm, wenn ich sage, dass Jared nichts anderes als den Tod verdient hat?"
"Nein, wirklich nicht. Nach allem was passiert ist, darfst vor allem du so etwas sagen. Mein Hass auf diesen Menschen ist unbeschreiblich. Ich hoffe er durchlebt die Qualen, die er anderen zugefügt hat, nun selbst, wo immer er auch sein mag.", beendete Shane das Gespräch und räumte den Tisch ab.
Und nun saß ich hier, knapp eine Woche später, am Frühstückstisch zusammen mit Shane, Morgan und Brooklyn und fragte mich wann es wohl wieder an der Zeit war, eine Gedächtnislücke zu füllen. Brooklyn war mit seiner Cornflakes-Überschwemmung bereits fertig und Morgan war eifrig damit beschäftigt, sie wieder zu beseitigen. Shane hatte sich die Zeitung geschnappt und hatte angefangen sie durchzublättern, während Brooklyn auf den Stuhl neben mir kletterte und mich mit großen, runden Augen ansah.
"Was ist los, Kleiner?", wollte ich wissen.
"Spielst du mit mir?"
"Okay."
"Toll. Komm mit!" Brooklyn klatschte begeistert in die Hände und packte mich am Arm, ehe er mich in sein Zimmer zog und ich zusammen mit ihm und seinen Autos spielte. Ich spielte eine ganze Weile mit Brooklyn und als ich wieder zurück ins Wohnzimmer lief, fiel mein Blick auf Shane, der in nichts außer Boxershorts auf der Terrasse im Liegestuhl lag und sich sonnte. Ich musste grinsen. Süß sah er aus, wie er so da lag. Ich entschied mich spontan mich dazuzulegen und schlüpfte kurzerhand in meinen Bikini, den ich nach etlichen Minuten, in denen ich meine Schränke durchwühlte, endlich fand. Shane bemerkte mich überhaupt nicht, anscheinend war er eingeschlafen. Ich machte es mir auf einem weiteren Liegestuhl gemütlich und schlug mein Buch auf, das ich mir mit raus genommen hatte und begann zu lesen. Ich liebte Nicholas Sparks für seinen genialen Schreibstil und Sinn für Romantik. *A walk to remember* hatte ich auf zwei Tage verschlungen und mit *The Rescue* ging es mir nun ähnlich. Ich versank komplett in der Welt von Denise, Kyle und Taylor und nahm die Welt um mich herum überhaupt nicht mehr wahr. Es musste fast eine Stunde vergangen sein, ehe ich in die Realität zurück kehrte und das Buch auf die Seite legte. Ich seufzte, blinzelte gen Sonne und sah dann zu Shane, der immer noch am schlafen war, wobei sein Gesicht und restlicher Körper bereits gefährlich rot glühte.
"Shane? Wach auf. Shane, du sollst aufwachen! Du verbrennst gleich!" Ich rüttelte an seinen Schultern, die ebenfalls krebsrot waren und schaffte es schließlich doch noch ihn zu wecken. Entweder er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, oder er brauchte übermäßig viel Schlaf...
"Was? Aua."
"Ja, aua, das hast du jetzt davon. Du bist doch ein Dummkopf. Im Bad stehen drei Tuben Sonnencreme und was machst du?"
"Verdammte Scheiße."
"Sehe ich genauso. Ich glaube du geht’s jetzt besser rein. Warte ich helfe dir." Ich stand auf und half Shane, möglichst ohne die roten Stellen zu berühren, was äußerst schwer war, weil er nur am Rücken, auf dem er lag, nicht rot war, auf die Beine.
"Aaah, oh Gott, ich leg mich hin und steh nie wieder auf. Das ist ja die Hölle. Seit wann ist die Sonne im Juni schon so heiß?", sagte er mit schmerzverzerrtem Gesicht.
"Red nicht so viel Unsinn, sondern leg dich aufs Sofa. Ich geh jetzt mal gucken ob wir irgendwas da haben, um den Sonnenbrand zu kühlen. Du machst Sachen, also wirklich." Ich schüttelte den Kopf, ehe ich durchs Haus eilte und nach einer brauchbaren Creme oder ähnlichem suchte. So konnte er auf keinen Fall liegen bleiben. Auf dem Weg schlüpfte ich noch in kurze Hotpants und ein Top, weil ich immer noch im Bikini durch die Gegen lief und das im Moment nicht mehr so passend fand.
"Dieser kleine Tollpatsch.", murmelte ich vor mich hin und durchforstete das kleine Schränkchen in dem sich jegliche Art von Arzneimitteln und Cremes befand, die die Wohnung zu bieten hatte.
"Tada, da haben wir ja was." Ich schlug das Schränkchen wieder zu und lief mit einer Tube Kühlungscreme in der Hand zurück ins Wohnzimmer. Shane leuchtete einem direkt entgegen und ich musste grinsen, obwohl es für ihn weniger lustig war.
"Was grinst du so?", fragte er und zog eine Schnute die Brooklyn auch nicht besser hinbekommen hätte.
"Ich grinse doch gar nicht."
"Doch, du hast gegrinst. Findest du es etwa lustig, dass ich... AUA." Um Shanes Redeschwall zu stoppen hatte ich kurzerhand die Initiative ergriffen und fuhr mit meiner Hand nun langsam über Shanes Oberkörper und verschmierte vorsichtig die durchsichtige, glibberige Creme.
"Gillian, aua, das brennt, hör auf, autsch, Gillian bitte, bitte, bitte hör auf, Gill, aua, das brennt wie Feuer, willst du mich umbringen, Hilfe, Gillian!"
"Shane, jetzt sei still und hör auf rumzuzappeln. Wie alt bist du? 5 oder 24?"
"Okay, okay, aber das breeeeennt!"
"Das wundert mich nicht. Seh dich doch mal an. Man könnte dich als Leuchtturm an die Küste stellen. Aber glaub mir, wenn die Creme erst einmal eingezogen und der erste Schmerz vorbei ist, wird es besser. Und jetzt halte still, ich creme dich ein. Du bist unmöglich" Ich drückte erneut auf die Tube, um auch noch den Rest von Shanes Körper zu versorgen, ehe ich sie zurück in den Schrank stellte und Shane Gesellschaft leistete. Wäre er nicht so dämlich und selbst Schuld an seinen Schmerzen gewesen, hätte er einem glatt Leid tun können. Ich forderte Shane auf ein Stück auf dem Sofa nach hinten zu rollen, damit ich mich zu ihm setzen konnte. Neben seinem Bauch ließ ich mich nieder, immer darauf bedacht ihn nicht zu berühren. Ich wollte keinen weiteren Schreianfall riskieren, ich wollte ihn lediglich nicht allein liegen lassen, wo er so starke Qualen durchleiden musste. Ich konnte mir gut vorstellen wie er sich fühlte, ich hatte selbst schon oft genug einen Sonnenbrand um zu wissen, wie weh das tat.
"Danke.", durchbrach Shane schließlich die eingekehrte Stille und ich musterte ihn schmunzelnd.
"Werd jetzt bloß nicht sentimental!", grinste ich und Shane musste lachen.
"Wie geht es dir eigentlich? Ist dir wieder etwas eingefallen?", wechselte er das Thema und ich seufzte. Musste er das gerade jetzt erwähnen, wo es lustig wurde?
"Nein, mir ist nichts Neues eingefallen.", war meine knappe Antwort und an Shanes Gesichtsausdruck erkannte ich, dass er erkannt hatte, dass ich nicht darüber reden wollte.
"Tut mir leid, ich hätte nicht davon anfangen sollen.", entschuldigte er sich sogleich, auch wenn ich wusste, dass seine Frage okay war.
"Schon okay. Deine Frage war berechtigt, aber ich rede nicht gerne darüber. Schon gleich gar nicht, wenn die Stimmung so gut ist. Ich möchte nicht immer und überall daran erinnert werden. Ich bin froh, wenn ich einmal nicht daran denken muss, verstehst du?"
"Ja, das tue ich und deshalb werden wir jetzt auch das Thema wieder wechseln.", sagte Shane und prompt in diesem Moment klingelte es an der Tür.
"Bleib liegen, ich geh schon. Diese Schmerzen will ich dir nicht zumuten." Shane zischte mir ein gespielt empörtes "Ts" zu, bevor er lachte und ich durch die Tür verschwand. Erst jetzt bemerkte ich, dass wir allein im Haus waren. Morgan musste mit Brooklyn wohl gegangen sein, als ich draußen gelesen hatte. Als ich die Haustür öffnete erblickte ich einen jungen Mann mit blonden Haaren und strahlend blauen Augen. Ich musterte ihn kurz von oben bis unten und er begann zu lächeln.
"Hallo.", sagte ich und fragte mich ob er fremd war oder ich ihn kennen sollte.
"Hallo. Ich bin Kian, dein Cousin. Darf ich rein kommen?", fragte er freundlich und ich wunderte mich, dass er anscheinend schon über alles Bescheid wusste.
"Oh, ja klar.", war meine Antwort und ich trat auf die Seite. Ich öffnete die Tür ein Stück weiter um ihn eintreten zu lassen.
"Danke.", murmelte er im vorbei gehen. Das konnte ja noch interessant werden...

*Chapter 5*
-Kian and the rescue-

"Ich bin erst gestern aus dem Urlaub zurückgekommen und Mum hat mir von dem Unfall erzählt. Ich möchte dir helfen, Gill.", erklärte Kian und fing wieder an zu lachen, als er Shane sah. Kian hatte die letzten fünf Minuten mit Lachen verbracht, weil er es zu komisch fand, wie Shane aussah.
"Tut mir leid, Shane, aber das ist einfach zu geil."
"Ach, kein Problem. Ich werd’s mir merken und dir bei Gelegenheit heimzahlen!", grinste er und Kian verstummte abrupt.
"Okay, seid ihr jetzt fertig? Gut. Kian, das ist wirklich nett von dir, aber ich glaube ich komme ganz gut allein klar.", mischte ich mich ein und sah in die Runde.
"Gillian, was soll das? Das glaubst du doch selbst nicht, oder? Warum lässt du dir nicht helfen?", fragte Shane und richtete sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. Warum wurde er jetzt auf einmal so aggressiv und sein Ton so hart? Was ging ihn das an, es war meine Angelegenheit von wem ich mir helfen lassen wollte und von wem nicht!
"Weil ich keine Hilfe brauche, ganz einfach.", antwortete ich schnippisch.
"Ach ja? Und wie erklärst du dir die Tatsache, dass es schon seit Ewigkeiten keine Fortschritte mehr gibt? Warum weißt du immer noch nicht recht viel mehr, als kurz nach dem Unfall? Hör auf immer zu denken, dass du alles im Griff hast, hör endlich auf damit und lass dir gefälligst helfen, wenn dir jemand Hilfe anbietet, sonst bekommst du dein Gedächtnis nie zurück!"
"Jetzt reicht’s. Von dir lass ich mir nicht sagen was ich zu tun habe."
"Warum bist du so verdammt stur? Vergiss deinen Stolz, Gillian, vergiss ihn und fang endlich an etwas gegen die Amnesie zu unternehmen! Jeder hat Verständnis dafür, dass du versuchst es allein zu schaffen, aber anscheinend klappt das so nicht. Ich hab mich die letzten Tage zurückgehalten, habe versucht dir alles recht zu machen, um einem Streit aus dem Weg zu gehen, aber irgendwann wird es auch mir einmal zu viel. Du bekommst so viel Hilfe angeboten, also nehme sie verdammt noch mal an!"
"Fahr zur Hölle, Shane Filan!" Ich stand auf und verließ fluchtartig das Wohnzimmer. Zurück blieben ein ziemlich verwirrter Kian und ein stocksauerer Shane.
"Ich dreh hier noch durch. Sie macht mich wahnsinnig!", fluchte er und Kian legte die Hand auf seine Schulter um ihn zu beruhigen. Die beiden kannten sich noch aus ihrer Schulzeit und verstanden sich auch heute noch blendend. Man konnte es schon fast als Bilderbuchfreundschaft bezeichnen, auch wenn ihre Treffen durch die Jobs beider, seltener geworden waren. Mir war es schleierhaft, warum ich Shane erst so spät kennen lernte...
"Lass sie Shane, irgendwann wird sie schon merken, dass sie so nicht weiter kommt. Erzählst du mir jetzt die ganze Geschichte?" Shane nickte und begann die vergangenen Wochen zu schildern, während ich heulend auf dem Bett lag und alles und jeden verfluchte. Verdammt noch mal, Shane hatte Recht! Ich benahm mich unmöglich, doch wenn ich jetzt nachgab würde alles noch viel lächerlicher erscheinen. Ich hatte mal wieder alles verbockt und verdiente fremde Hilfe überhaupt nicht mehr. Der Gedanke daran, dass ich selbst Schuld war, ließ mir erneut Tränen in die Augen steigen. Ich war wohl komplett verblödet. Ich überschüttete mich regelrecht mit Selbstmitleid und wimmerte leise vor mich hin, bis es leise an der Tür klopfte.
"Wer auch immer da ist, ich will allein sein.", schluchzte ich und zog mir das Kissen über den Kopf.
"Gillian, bitte mach die Tür auf. Ich möchte mit dir reden, es ist wichtig." Es war Kian der nun erneut, diesmal heftiger, gegen die Tür klopfte und verlangte, dass ich aufmachte.
"Das ist mir egal, ich will nicht reden."
"Würdest du jetzt bitte aufmachen? Ich finde es nicht besonders toll mit einem Stück Holz zu sprechen, also tu mir nur diesen einen Gefallen und mach die Tür auf.", sagte Kian fordernd mit einem Hauch von Wut in der Stimme. Ich seufzte, es hatte ja doch keinen Sinn. Ich schlug die Decke von meinen Füßen, legte das Kopfkissen aufs Bett und marschierte murrend zur Tür um Kian herein zu lassen.
"Ich hoffe wirklich für dich, dass es wichtig ist.", brummte ich, während ich mir die Tränen aus den Augen wischte und setzte mich zurück auf mein Bett. Kian zog meinen Bürostuhl durchs Zimmer und setzte sich direkt vor mich.
"Gillian, warum bist du so? Es will dir keiner etwas antun, dir soll lediglich geholfen werden. Nein, sag jetzt nichts, jetzt rede ich. Du bist eine erwachsene Frau, also benehme dich bitte auch so. Du brichst Shane das Herz mit deinem unmöglichen Benehmen und ehrlich gesagt muss ich ihm Recht geben. Ich kenne jetzt die ganze Geschichte und du weißt selbst, dass du im Unrecht bist. Spring über deinen Schatten, lass deinen Stolz hinter dir und kämpfe. Ich will dir helfen, aber nur dann, wenn man auch wieder normal mit dir reden kann, okay Cousinchen?", endete Kian mit seiner Moralpredigt und ich biss mir auf die Unterlippe. Ich fühlte mich wie Brooklyn nachdem er eine Vase kaputt gemacht hatte und nun dafür bestraft wurde.
"Okay, wie willst du mir helfen?", fragte ich schließlich, nach etlichen Sekunden Stille.
"Das ist die Gillian, die ich kenne.", grinste Kian, bevor er weiterredete: "Ich hatte in der Grundschule ein Mädchen in meiner Klasse, die auch durch einen Autounfall ihr Gedächtnis verloren hat. Sie war in derselben Situation wie du, nur um einiges jünger und sie hat ihr Gedächtnis innerhalb kürzester Zeit wieder gefunden. Ihre Eltern sind mit ihr zu Orten und Plätzen gefahren, an denen sie in ihrer Vergangenheit war. Diese Orte haben Erinnerungen geweckt und genauso möchte ich es mit dir probieren. Shane hat erzählt, dass du fast nicht aus dem Haus kommst und genau das muss sich ändern. Ich will, dass du wieder gesund wirst, Gillian und deshalb werde ich dir alle Orte zeigen, an denen wir als Kinder und Jugendliche waren. Ich kann dir nicht versprechen, dass es etwas hilft, aber wenn es bei Caoimhe geklappt hat, warum sollte es bei dir nicht genauso funktionieren?"
"Das hört sich toll an. Danke Kian.", sagte ich und umarmte ihn spontan. Meine Sturheit brachte mich nun auch nicht weiter und ich hatte sowieso die ganze Zeit falsch gedacht, also war es nun an der Zeit meinen Stolz hinter mir zu lassen und die Hilfe anzunehmen. Allein fiel ich nur noch weiter und tiefer in das Loch der Verzweiflung...
"Ich werde jetzt mit Shane reden. Ich glaube er hat eine Entschuldigung verdient."
"Ja, das glaube ich auch. Machs gut, Gillian."
"Danke, du auch." Ich lief zurück ins Wohnzimmer, während Kian das Haus verließ. Shane hatte sich nicht fortbewegt, er saß noch immer an derselben Stelle und starrte auf seine Finger, die er ineinander verknotet hatte. Er bemerkte mich erst als ich mich neben ihn setzte und ihn entschuldigend ansah.
"Es tut mir leid, Shane.", sagte ich, doch er zeigte keine Regung. Er blieb ruhig sitzen und sah weiterhin auf seine Finger. Das verunsicherte mich ein wenig, anscheinend hatte ich ihn mehr verletzt, als ich angenommen hatte. Aber was hatte ich erwartet? Ich hatte ihn angeschrieen und in die Hölle verbannt. Ich konnte es ihm nicht einmal übel nehmen, dass er mich nun nicht mehr ansah. Ich war so blöde...
"Ich kann verstehen, wenn du mich jetzt hasst.", wollte ich weiter reden, doch dann unterbrach mich Shane: "Hör auf damit, ich hasse dich nicht und das weißt du. Aber es tut verdammt weh, von seiner Freundin so angeschrieen zu werden und ich hoffe du tust mir das nie wieder an!" Sein Gesichtsausdruck war ernst, seine Augen dunkel und die Stimme völlig fremd. So kannte ich ihn gar nicht, aber wenn ich es mir recht überlegte, hatte ich es gar nicht anders verdient. Seit der Amnesie machte ich alles falsch!
"Es tut mir leid und ich werde mich ändern und kämpfen, das verspreche ich dir."
"Pass auf was du sagst und überlege dir gut ob du deine Versprechen auch einhalten kannst. Ich will nicht immer so behandelt werden, wenn jemand dir seine Hilfe anbietet, die du nebenbei bemerkt bitter nötig hast." Das hatte gesessen. Ich sah ihn ungläubig an und fragte mich warum er jetzt auf einmal so war. War ich wirklich so schlimm? War es gerecht, dass er nun so mit mir sprach, wo ich doch gerade dabei war mich für mein blödes Verhalten zu entschuldigen? Ich wusste es nicht, aber ich versuchte zu retten, was noch zu retten war.
"Shane, warum sagst du so was, wenn ich mich für das eben Geschehene entschuldige? War ich wirklich so schrecklich?", fragte ich und sah ihn völlig verwirrt an. Als er anfing zu grinsen war ich komplett durcheinander und erwartete nun erst recht eine Antwort auf meine Frage.
"Ach Gillian.", seufzte er und entknotete seine Finger wieder.
"Genau darauf habe ich gewartet. Ja, du warst schrecklich, um ehrlich zu sein! Deine Worte haben mich wirklich verletzt, vor allem die Sache mit der Hölle und ich habe gehofft, dass du einsiehst, dass du im Unrecht warst. Ich bin nicht mehr sauer, schließlich hast du dich ja jetzt entschuldigt, aber richtig fand ich es trotzdem nicht und ich hoffe wirklich du hast daraus gelernt."
"Du bist zu gut für diese Welt. Und ich verspreche dir, dass ich mein Versprechen einhalte, okay?"
"Okay, die alte Gillian gefiel mir nämlich viel besser!"
"Das kann ich nicht beurteilen, ich kenne die alte Gillian nicht.", sagte ich mit einem traurigen Unterton in der Stimme.
"Ja, dann wird es Zeit, dass du sie kennen lernst. Ich hoffe du nimmst Kians Angebot an?!"
"Ja, das tue ich."
"Prima! Darf ich dich jetzt was fragen, was ich schon die ganze Zeit fragen wollte?"
"Kommt drauf an, was es ist."
"Bitte.", flehte er und zog eine Schnute.
"Okay, okay, als Wiedergutmachung!"
"Cremst du mich ein?" Ich musste lachen und nickte.
"Kein Problem, bin gleich wieder da." Mit diesen Worten verschwand ich und holte die Creme aus dem Schränkchen um Shane seinen Gefallen zu tun. Mir war sprichwörtlich ein Stein vom Herzen gefallen, dass er meine Entschuldigung so einfach angenommen hatte und gleichzeitig löste es wieder Schuldgefühlte in mir aus. Er war so gutmütig und ich führte mich auf wie der letzte Depp.
Kian kam am nächsten Morgen kurz nach dem Frühstück. Er hatte noch eine Woche frei und somit viel Zeit um mit mir zu jeglichen Orten meiner Vergangenheit zu fahren. Als erstes machten wir uns auf den Weg zum Sligo Bay. Laut Kian war dort der Ort, den wir aufsuchten, wenn es mal wieder Probleme mit den Eltern, Stress in der Schule oder Liebeskummer gab.
"Wow, es ist wunderschön hier. Es ist ja Wahnsinn was Sligo so alles zu bieten hat. Es wurde echt Zeit, dass ich mal aus der Wohnung rauskomme...", seufzte ich und atmete die frische Meeresbrise tief ein. Die Sonne ließ das Wasser silberig glitzern und den Ort schon fast magisch erscheinen. Der Wind wehte leicht und in der Ferne konnte man lautes Kindergeschrei hören, begleitet von dem Bellen eines Hundes. Im Hintergrund war das leise Rauschen des Meeres zu vernehmen und ich schloss meine Augen um diesen Augenblick zu genießen. Plötzlich wurde alles ruhig, es war als hätte jemand den Ton ausgeschalten und vor meinem inneren Auge war es, als spiele sich ein Kurzfilm ab. Ich sah mich und Kian. Es war dunkel und wir wurden von angenehmer Stille umgeben, lediglich das Rauschen des Meeres war zu hören. Wir saßen zusammen am Sligo Bay und beobachteten leise die Flammen des Lagerfeuers vor uns. In der Hand hielt ich einen kleinen, weißen Zettel und als ich mich näher betrachtete, erkannte ich, dass ich weinte. Ich lehnte meinen Kopf an Kians Schulter, bevor das Bild verschwamm und dann gänzlich verschwand. Ich öffnete meine Augen wieder und sah Kian, der seine Hose nach obengekrempelt hatte und seine Schuhe in der Hand trug, durchs Wasser laufen. Ich konnte es nicht glauben, es wirkte so irreal auf mich. Da stand ich hier am Sligo Bay, noch nicht einmal eine Minute lang und schon war ich meinem Ziel einen Schritt näher gekommen.
"Kian, Kian!", rief ich aufgeregt und lief ihm mit schnellen Schritten entgegen.
"Du wirst es nicht glauben, aber ich stehe gerade mal zehn Sekunden hier und schon habe ich meine erste Erinnerung!", sagte ich aufgebracht und Kian riss die Augen auf.
"Das ist nicht wahr, du verarscht mich! Das kann doch gar nicht sein.", antwortete er ungläubig, was ich mit einem schüttelndem Kopf beantwortete.
"Nein, es stimmt. Ich habe uns gesehen. Wir saßen vor einem Lagerfeuer und ich habe geweint, warum auch immer. In der Hand hatte ich einen weißen Zettel. Ist das nicht toll?"
"Das ist fantastisch!" Kian fiel mir um den Hals und lachte dabei laut auf vor Freude. Ich erwiderte die Umarmung und gab ihm ein Küsschen auf die Wange.
"Danke, Kian. Ich bin so dumm, ich wollte deine Hilfe doch tatsächlich nicht annehmen." Ich schüttelte den Kopf über meine eigene Dummheit, bevor ich ein Stück vom Wasser weg ging und mich in den Sand setzte. Kian folgte mir und ließ sich neben mich plumpsen, seine Schuhe schmiss er dabei achtlos neben sich. Nachdem sich meine Freude über die geschlossene Gedächtnislücke wieder gedämpft hatte, machte sich eine seltsame Bedrücktheit in mir breit. Ich fragte mich warum ich damals wohl geweint hatte und wozu der weiße Zettel gut war. Ich streckte die Füße aus, reckte das Gesicht gen Sonne und schloss die Augen. Ich war mir nicht sicher, ob Kian noch wusste was an diesem Abend geschehen war, aber das würde ich wohl nie erfahren, wenn ich ihn nicht fragte...
"Kian? Darf ich dich mal was fragen?"
"Natürlich. Was ist denn?"
"Warum habe ich an diesem Abend geweint?", sprach ich das aus was mich bedrückte und hoffte er würde es mir erklären können. Gleichzeitig schickte ich Stoßgebete gen Himmel, dass es nichts Schlimmes war, sondern lediglich eines von vielen kleinen Teenagerproblemchen.
"Puh, da muss ich erst mal überlegen. Was hattest du in der Hand? Einen weißen Zettel?", antwortete er und kratzte sich nachdenklich am Kopf.
"Hmmm... Eigentlich kann das nur ein Abend gewesen sein. Ich glaube damals hat Kyle mit dir Schluss gemacht, aber sicher bin ich mir da nicht. Dieser Feigling kam nicht mal persönlich bei dir vorbei, er hat es in einem Brief geschrieben, vermutlich der weiße Zettel in deiner Hand. Du warst damals total fertig, du warst ja so verliebt... Und an diesem Abend sind wir zusammen hier her gelaufen um darüber zu reden, du hast mir den Brief gezeigt und ich weiß noch, dass ich total wütend auf Kyle war, weil es einfach nicht fair ist, eine Beziehung per Brief zu beenden. Und dann auch noch eine, die über zehn Monate ging. Du hast schrecklich viel geweint und ich hatte keine Ahnung wie ich dich beruhigen sollte. Wir waren damals 15 oder 16. Irgendwann kam auch noch raus, dass er dich mit Laoise betrogen hat und das Gefühlschaos war vollkommen unüberschaubar!", erzählte Kian und ich musste lächeln. Ein Teenagerproblemchen... Kian und ich saßen noch über eine Stunde im Sand und Kian erzählte mir Geschichten aus unserer Jugend und Kindheit. Ich hörte gespannt zu und war erstaunt wie nah mir Kian stand. Wir hatten den Großteil unseres bisherigen Lebens zusammen hinter uns gebracht. Erstaunt und um viele neue Informationen reicher, stieg ich aus Kians Auto und verabschiedete mich von ihm.
"Vielen Dank, Kian. Bis morgen." Ich winkte ihm zum Abschied noch kurz zu, ehe ich den Schlüssel ins Schloss steckte und im Haus verschwand. Brooklyn kam mir aufgeregt entgegen gelaufen und hüpfte vor mir auf und ab.
"Wo warst du?", fragte er neugierig und zog mich anschließend an einer Hand ins Wohnzimmer. Morgan war rege damit beschäftigt den Videorekorder zum Laufen zu bringen, während Shane mit einer Gitarre auf dem Sofa saß und immer wieder dieselbe Melodie spielte.
"Guck mal, hab ich alles da reingetut.", erklärte Brooklyn und zeigte stolz auf seine Kiste mit den Legosteinen, die ich noch nie so aufgeräumt gesehen hatte. Morgan war am Morgen in einen Schreikrampf ausgebrochen, als sie die Unordnung im Wohnzimmer sah und schickte Brooklyn gleich nach dem Frühstück zum aufräumen, was er sichtlich ordentlich erledigt hatte.
"Prima, Brooke, aber es heißt reingetan."
"Hab ich doch gesagt!"
"Okay.", seufzte ich, hob abwehrend meine Hände und warf einen Blick auf Shane, der immer noch in den Saiten zupfte.
"Was spielst du da? Ich kenn das Lied gar nicht. Ist das neu oder so?", fragte ich neugierig und setzte mich zu ihm aufs Sofa.
"Nein, ist nicht neu. Ich hab das selbst geschrieben und komponiert. Willst du es mal höre? Vielleicht fällt dir ja selbst ein warum ich es geschrieben habe.", erklärte er und zuckte mit den Schultern. Ich nickte und war gespannt was er wohl damit meinte, ob ich selbst darauf kommen würde, warum er es geschrieben hatte. Er räusperte sich kurz, ehe er die Augen schloss und anfing zu singen.

You said this would never end
But I want you for more than just my friend
Then you said, "This is hard to say
I never really looked at you that way"

Discount to tell you how I feel
It’s not a passing thing, I know it’s real

And if you have a reason
Not to move it on
So what about it baby
If you say no I’ll still be there

You keep running (running while) I’m still falling (falling for you)
You don’t notice, there’s something new my hearts discovered
You keep running (keep running) I’ll keep calling (calling until)
Until you notice
You see friends but I see lovers

You see friendship I see love
You see friendship I see love

Don’t be scared to let me in your heart
I’ve been there before, but I’ve played a different part

And if you have a reason
Not to move it on
So what about it baby
If you said no I’ll still be there

You keep running (running while) I’m still falling (falling for you)
You don’t notice, there’s something new my hearts discovered
You keep running (keep running) I’ll keep calling (calling until)
Until you notice
You see friends but I see lovers

You see friendship I see love
You see friendship I see love

And if you have a reason
Not to move it on
So what about it baby
If you said no I’ll still be there

You keep running (running while) I’m still falling (falling for you)
You don’t notice, theres something new my hearts discovered
You keep running (keep running) I’ll keep calling (calling until)
Until you notice
You see friends but I see lovers

Nah nah nah nah nah nah nah
Nah nah nah nah nah nah nah
Nah nah nah nah nah nah nah nah

You want friendship I want love

Nah nah nah nah nah nah nah
Nah nah nah nah nah nah nah
Nah nah nah nah nah nah nah nah
Nah nah nah nah nah nah nah
Nah nah nah nah nah nah nah
Nah nah nah nah nah nah nah nah

You want friendship I want love
You want friendship I want love
You want friendship I want love

Als er zu Ende gesungen hatte, standen mir Tränen in den Augen, obwohl ich nicht wirklich wusste warum er diesen Song geschrieben hatte. Der Text war einfach nur der Wahnsinn, auch ohne irgendeinen Zusammenhang. Ich schwieg einige Sekunden lang und in mir machte sich das dumpfe Gefühl breit, dass dieser Song etwas mit mir und Shane zu tun hatte. Warum sonst hätte er so seltsame Andeutungen von sich gegeben? Ich kramte verzweifelt nach einem Taschentuch in meiner Jacke, die ich im Eifer des Gefechts noch gar nicht abgelegt hatte.
"Der Song ist wunderschön.", schniefte ich schließlich und putzte mir meine Nase.
"Danke."
"Ich wusste gar nicht, dass du so viel Talent hast.", mischte sich Morgan mit ein, die gerührt vor dem Videorekorder kniete. Sie wusste ganz genau, warum er den Song geschrieben hatte! Brooklyn klatschte begeistert und forderte lautstark, dass er es auch einmal probieren wollte. Shane lachte, setzte sich auf den Boden, nahm Brooklyn zwischen seine Beine und ließ ihn an der Gitarre zupfen. Ich sah den beiden vergnügt zu, allerdings immer mit dem Gedanken im Kopf, was der Song wohl zu bedeuten hatte.

*Chapter 6*
-The Kiss-

Ich stand summend unter der Dusche und ließ das warme Wasser über meinen Körper laufen. Die Sonne schien und ich war bereits um 8.00 Uhr schon in Höchststimmung. Shane, Morgan, Brooklyn und ich wollten heute zusammen ins Freibad fahren, bevor am späten Nachmittag Kian vorbei kommen wollte um einige Kneipen mit mir abzuklappern. Shane packte bereits die Badetasche, als ich nur mit einem Handtuch um meinen Körper geschlungen durchs Haus marschierte.
"Morgen, Gill.", sagte er und wandte sich dann wieder seinen Handtüchern zu.
"Morgen. Wo sind Moe und Brooke?"
"Beim Bäcker."
"Ah, dann brauch ich mir also kein Müsli zu machen.", sagte ich mehr zu mir, als zu Shane. Ich schaltete die Kaffeemaschine ein, ehe ich mich in mein Zimmer verzog und meinen Bikini anzog. Ich packte meine Badetasche fertig und stellte sie in den Flur, bevor ich mit der Sonnencreme in der Hand zu Shane lief.
"Hier, pack die lieber ein.", grinste ich frech und Shane gab mir einen leichten Stoß in die Seite.
"Hey, was soll das? Ich achte doch nur auf dein Wohl.", grummelte ich kichernd und zog eine Schnute.
"Okay, okay. Ich pack sie ja schon ein. Jetzt wo der Sonnenbrand ein wenig besser ist, möchte ich wirklich nichts riskieren."
"Eben.", antwortete ich und lief in die Küche um den Frühstückstisch zu decken.
"Was trinkt Brooklyn? Milch oder Kakao?", rief ich ins Wohnzimmer, wo Shane immer noch mit seiner Badetasche beschäftigt war! Ab und zu konnte man ihn fluchen und heftig rumhantieren hören. Männer und packen ... das verträgt sich eindeutig nicht!
"Keins von beidem. Er mag keine Milch, außer mit Cornflakes. Stell ihm ein Glas Orangensaft hin."
"Okay.", gab ich verwundert zurück. Das war mir noch nie aufgefallen, obwohl es nicht das erste Mal war, dass wir alle gemeinsam frühstückten, doch jetzt wo Shane es erwähnt hatte, fiel es mir wieder ein. Ich hatte Brooklyn wirklich noch nie Milch trinken sehen, außer wenn er Cornflakes aß. Seltsam. Ich grübelte noch eine Weile darüber nach, warum Brooklyn Cornflakes mit Milch aß, wenn er eigentlich keine Milch mochte und war dabei so unkonzentriert, dass ich Brooklyns Orangensaft verschüttete.
"Shit!", fluchte ich und wischte die Sauerei wieder auf, als ich Brooklyns Stimme im Flur hörte.
"Mama, will jetzt swimmen fahrn."
"Brooke, das hab ich dir doch gerade erklärt. Wir frühstücken erst und dann fahren wir SCHwimmen. Komm bring mal die Brötchen in die Küche."
"Nein, will nicht. Ich hol mein Drododil."
"Dein was?"
" Mein Drododil." Man hörte Morgans entnervtes Seufzen und Brooklyns schnelle Tippelschritte, dann war es ruhig (nur Shane war schon wieder am fluchen, weil er seine Handtücher nicht mehr in die Tasche rein brachte) und ich erschrak mich zu Tode, als ich wieder vom Boden aufstand und Morgan hinter mir stand.
"Bist du wahnsinnig, Moe? Man, hab ich mich jetzt erschreckt! Schleich die nie wieder an, ich krieg hier noch einen Herzkasper!", sagte ich und legte meine Hand aufs Herz, das mit doppelter Geschwindigkeit pochte.
"Tut mir leid, Bounty. Aber guten Morgen erst mal. Prima, du hast schon den Tisch gedeckt." Sie stellte die Tüte mit den Brötchen auf dem Tisch ab und setzte sich anschließend auf einen Stuhl. Ich goss derweil ein neues Glas Orangensaft ein und stellte es auf dem Tisch ab, ehe ich mich auch an den Tisch setzte und aus dem Fenster sah. Ich freute mich total auf das Freibad und war gespannt ob ich überhaupt schwimmen konnte. Ich nahm an, dass es mir so ging wie beim Reiten auch, aber eine 100%ige Gewissheit würde ich wohl erst vor Ort bekommen.
"Was ist ein Drododil?", fragte Morgan schließlich und ich schüttelte ahnungslos den Kopf. Wahrscheinlich war es eins von Brooklyns Tausend Kuscheltieren. Von Wuschel bis Schnuffel-Muffel war alles dabei, da war es auch möglich, dass er eins besaß, das Drododil hieß. Shane kam nun auch endlich in die Küche und nahm die Kanne aus der Kaffeemaschine.
"Wer will?", fragte er in die Runde und nahm meine Tasse in die Hand, nachdem er ein kurzes Nicken abgewartet hatte.
"Nicht sehr gesprächig heute, ihr zwei... Wo ist denn unser Lauser? Vielleicht erzählt er mir ja ein bisschen mehr, wenn ihr schon nichts sagt."
"Ha ha ha. Er holt sein Drododil.", gab Morgan zurück und schnitt ein Brötchen auf, das sie für Brooklyn mit Nutella bestrich.
"Och nee. Hatten wir nicht ausgemacht, dass wir das beim nächsten Mal nicht mitnehmen? Das Aufblasen bleibt ja eh wieder an mir hängen!", antwortete Shane und sah bittend und mit einem Hauch Verzweiflung zu Moe.
"Von was redest du? Niemand bläst hier irgendwas auf!"
"Ach, das Krokodil füllt sich seit neuestem von allein mit Luft, oder wie?"
"Das Krokodil!" Morgan schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn.
"Er meint das Krokodil.", wiederholte sie und Shanes Gesicht verwandelte sich in ein Fragezeichen.
"Was dachtest du denn?"
"Keine Ahnung. Er hat dieses dämliche Krokodil noch nie Krokodil genannt, es war bis jetzt immer Frederick.", seufzte sie übertrieben und wir brachen in ein lautes Lachen aus. Als wäre es abgesprochen gewesen kam nun auch noch Brooklyn dazu. In der einen Hand hielt er seine blaue Badehose, in der anderen zog er das verschrumpelte grüne Gummikrokodil hinter sich her.
"Tu aufblasen!", sagte er bestimmt und lief um den Tisch herum zu Shane, der genervt mit den Augen rollte und seinen *Hab-ich-doch-gesagt*-Blick aufsetzte.
"Halt, halt, halt, Brooklyn. Wie heißt das Zauberwort?", mischte sich Morgan mit ein und warf dem Kleinen einen strengen Blick zu.
"Tu bitte aufblasen.", murmelte er und ich begann zu grinsen. Brooklyn war zum Knuddeln!
"Brookie-Schatz, leg dein Krokodil ins Wohnzimmer und nach dem Frühstück blasen wir es auf, okay?" Shane gab ihm einen Klaps auf den Hintern und Brooklyn marschierte aus der Küche.
"Und bei der nächstbesten Gelegenheit, stech ich ein Loch rein.", grummelte er und Morgan zischte ein "Trau dich und du bist tot." über den Tisch.
"Okay, haben wir uns jetzt alle wieder lieb?", warf ich ein und hoffte, das Thema war nun beendet. Wenn das so weiter ging, war meine Laune bis wir im Freiband angekommen waren, auf den Nullpunkt gesunken. Was für Spannungen so ein dämliches Gummikrokodil namens Frederick auslösen konnte, war unglaublich.
Eine Stunde später breiteten wir unsere Handtücher auf der Liegewiese aus und Shane legte Brooklyn die Schwimmflügel an. ("Wieso muss eigentlich immer ich alles aufpusten?!", hatte er gefragt und wollte protestieren, als Morgan ihm die Schwimmflügel in die Hand drückte und sie antwortete: "Weil es deiner Raucherlunge bestimmt gut tut, wenn sie mal wieder pusten darf und nicht nur vollgequalmt wird.") Während Morgan mit Brooklyn zum Kinderplanschparadies lief, kramte ich in Shanes Badetasche nach der Sonnencreme. Es war unglaublich, was er alles mit sich herum trug und nun verstand ich auch, warum er die Tasche beinahe nicht zubekommen hätte. Ich suchte verzweifelt nach der Tube und stieß einen erleichterten Freudenseufzer aus, als ich sie endlich in der Hand hielt.
"Kannst du mir den Rücken eincremen?", fragte ich Shane und sein verärgertes Gesicht begann zu strahlen. Er war noch immer beleidigt wegen den Schwimmflügeln.
"Klar, leg dich hin.", forderte er mich auf und malte ein lachendes Gesicht auf meinen Rücken, bevor er anfing sanft über meinen Rücken zu massieren. An meinen Armen bildete sich Gänsehaut und ich hatte Shanes Nähe und seine Berührungen seit dem Unfall noch sie so intensiv und erregend empfunden, als in diesem Moment. Er brachte mich regelrecht zum erbeben. Ich schloss meine Augen und genoss seine zarten und weichen Hände auf meiner nackten Haut. Es war ein ganz neues Gefühl, ich kannte es nicht und um wieder klare Gedanken fassen zu können, verschwand ich so schnell wie möglich im Wasser, nachdem Shane fertig war. Ich schwamm bereits einige Bahnen, als Shane mir vom Beckenrand aus zuwinkte. Ich schwamm an ihn heran und spritzte ihn nass, als ich den Beckenrand zu fassen bekommen hatte.
"Ahhh, hör auf. Das ist ja arschkalt!", schrie er und hüpfte nach hinten.
"Jetzt hab dich nicht so und komm rein!", forderte ich ihn auf und er trat wieder etwas näher.
"Wollen wir nicht zuerst ins Kinderplanschparadies zu Brooke gehen? Da ist das Wasser viel wärmer."
"Ja, weil alle Kinder ins Wasser pinkeln!" Shane verzog angewidert sein Gesicht und ich brach in ein schallendes Gelächter aus.
"Das war ein Scherz. Jetzt komm schon, du kleine Zimperliese!"
"Na warte, dieses Zimperliese lass ich nicht so einfach auf mit sitzen!" Shane lief fünf Meter zurück, nahm kräftig Anlauf und landete mit einem lauten Platschen im kühlen Nass. Kaum war er wieder aufgetaucht kam ein Bademeister angerannt, der ihn lautstark auf die Schilder *Bitte nicht vom Beckenrand springen* hinwies. Shanes Gesicht färbte sich rot und ich schwamm einige Meter davon, um nicht in einen Lachanfall auszubrechen, was schließlich auch nichts mehr half. Ich prustete los und Shane tauchte mich unter, nachdem der Bademeister verschwunden war um ein kleines Mädchen auf die Schilder aufmerksam zu machen.
"Wahh, bist du verrückt?", schimpfte ich und spuckte ihm Wasser ins Gesicht, bevor ich wieder zu kichern begann. Es dauerte gut zehn Minuten bis wir uns wieder beruhigt hatten und einige Bahnen schwammen. Wir redeten über Gott und die Welt, bis mir wieder Shanes unbeschreiblich schöner Song einfiel.
"Shane? Darf ich dich mal was fragen?"
"Nein, wie kommst du da drauf? Das kannst du aber schnell vergessen!", antwortete er ironisch und ich musste erneut kichern.
"Na gut. Ich wüsste gerne die Bedeutung deines Songs."
"Hu... hmm... also eigentlich beschreibt er den Anfang unserer Beziehung. Los ging das Ganze, als Morgan und ich einen Autounfall hatten. Es ist glücklicherweise keinem etwas passiert und Morgan hat sich an diesem Tag in mich verliebt. Ich allerdings hatte vom ersten Moment, wo ich dich sah, Gefühle für dich. Als das raus kam hast du dich zuerst gegen deine Gefühle gestellt, weil du Morgan nicht verletzten wolltest. Für dich war es lediglich Freundschaft und nichts weiter. Und darum geht es in dem Song. You see friends but I see lovers..."
"So was hab ich mir schon gedacht. Und wie sind wir dann doch noch zusammen gekommen?"
"Morgan hat dir ins Gewissen geredet."
"Morgan? Meine Güte, ich bewundere diese Frau und mittlerweile weiß ich auch, warum sie meine beste Freundin ist. Ohne sie hätte ich schon längst aufgegeben, ich hab sie total ins Herz geschlossen und das in so kurzer Zeit. Und dich auch. Ich glaube ohne euch hätte ich die par Teile meines Gedächtnisses immer noch nicht zurück."
"Quatsch, das hast du ganz allein dir zu verdanken. Aber lass uns lieber über etwas anderes reden. Wir sind doch hier um Spaß zu haben und nicht um uns über solche ernsten Themen zu unterhalten.", zwinkerte er und ich nickte.
"Boa, ich bin tot!", stöhnte Shane, als wir das Wasser verlassen hatten und ließ sich auf sein Handtuch fallen. Er legte sich auf den Bauch, schloss die Augen und bewegte sich für fünf Minuten nicht mehr.
"Na? Wieder unter den Lebenden?", fragte ich, als er die Augen wieder öffnete und wegen der grellen Sonne erst ein paar Sekunden lang blinzelte.
"Nicht wirklich, ich brauch jetzt erst mal ein Eis!", grinste er und stand auf.
"Willst du auch eins?", fragte er und rubbelte sich seine Haare trocken, ehe er sich seine Sonnenbrille aufsetzte. Ich nickte und erklärte ihm welches ich haben wollte, bevor er an den Kiosk lief. Wenige Minuten später kam er mit zwei verschiedenen Eissorten zurück und setzte sich neben mich auf mein Handtuch.
"Hier."
"Danke." Ich nahm ihm mein Eis ab und begann genüsslich daran zu lecken, während ich Shane aus dem Augenwinkel heraus beobachtete, der sein Eis mit großen Bissen hinunterschlang.
"Erklär mir mal bitte, wie man Eis beißen kann! Also bei mir zieht das dann voll in den Zähnen."
"Liegt in der Familie. Machen alle so.", grinste er und biss erneut ab. Schon allein bei dem Gedanken daran, schüttelte es mich und ich drehte mein Gesicht weg von Shane, um im Kinderplanschparadies Ausschau nach Moe und Brooke zu halten. Ich gab es schließlich auf, das Freibad war voll und es war unmöglich jemanden zu finden, wenn man keinen genauen Treffpunkt ausgemacht hatte. Ich lutsche gerade die letzten Reste von meinem Stiel ab, als Shane seine Hand auf meiner Schulter ablegte.
"Suchst du wen?", fragte er und nahm die Hand wieder runter.
"Nein, ich hab nur geguckt ob ich Morgan und Brooke sehe.", gab ich zurück und Shane grinste breit.
"Du hast hier Schokolade.", lächelte er und deutete die Stelle an seinem Mund an. Noch bevor ich irgendetwas tun konnte sah er mir tief in die Augen und legte seine Lippen anschließend sanft auf die Stelle, die er an seinem Mund angedeutet hatte. Er küsste mir praktisch die Schokolade vom Mund und im ersten Moment war ich unfähig irgendetwas zu machen. Schließlich ging ich darauf ein und Shanes Zunge forderte zärtlich Einlass in meinen Mund, den ich ihr auch gewährte. Es vergingen einige Sekunden, bis ich realisierte was geschah und den Kuss abrupt abbrach. Völlig verwirrt und durcheinander, stand ich auf und verschwand mit den Worten: "Ich bin im Wasser." im Schwimmbecken. Ich verließ das Becken erst wieder, als ich sah, dass Shane auch ins Wasser ging. Langsam stieg ich die Stufen aus dem Wasser nach oben und sah mich um, immer darauf bedacht, dass er mich nicht sah. Es war total kindisch, dieses Versteckspiel, aber dieser Kuss hätte nicht passieren dürfen. Ich war noch nicht bereit für solche Intimitäten, obwohl ich Shane nicht mehr einfach nur als Kumpel sah. Die Gefühle für ihn fingen wieder an in mir aufzuleben und doch war dieser eine Kuss für den heutigen Tag noch zu viel. Ich wickelte mich zitternd in mein Handtuch ein und beobachtete das Geschehen um mich herum, als plötzlich ein braunhaariger, großer Mann auf mich zukam. Ich kannte ihn nicht und fragte mich was er von mir wollte, da es offensichtlich war, dass er zu mir lief. Er begann schon zu winken.
"Gillian? Das ist ja eine Überraschung! Dich hab ich ja schon ewig nicht mehr gesehen. Was machst du denn hier?" Er ließ sich neben mich auf das Handtuch fallen und ich hatte keine Ahnung was ich nun machen sollte.
"Baden?", gab ich verunsichert als Antwort zurück und versuchte krampfhaft mich zu erinnern. Wer war er nur?
"Entschuldigung, aber wer bist du?", fragte ich schließlich. Sein Gesicht verwandelte sich in ein riesiges Fragezeichen und er sah mich ungläubig an.
"Verarscht du mich? Wenn ja, find ich das nicht lustig."
"Tut mir leid, ich kenn dich nicht."
"Du bist schon Gillian Walsh, oder verwechsle ich dich da gerade? Wenn ja, dann tut’s mir leid und ich bin schon so gut wie weg. "
"Nein, nein, ich bin Gillian Walsh, aber jetzt sag mir doch bitte mal wer du bist!"
"Na, Mark. Der Kumpel von Shane. Das gibt’s doch nicht, du musst mich doch kennen. Wir waren sogar schon zusammen im Kino, als ich noch mit Annica zusammen war." Ich schüttelte den Kopf und mal wieder spürte ich wie Tränen in meine Augen stiegen. Seit langem fühlte ich mich wieder komplett hilflos und total überfordert mit dieser Situation! Was sollte ich denn jetzt machen? Mir viel ein Stein vom Herzen, als ich Morgan mit Brooklyn heranlaufen sah.
"Hi Mark.", begrüßte sie ihn und gab ihm ein Küsschen auf die Wange.
"Hi Moe. Hallo Brookie!" Mark fing an Brooklyn am Bauch zu kitzeln, was er mit lautem Kichern begleitete, während sich Morgan auf das Handtuch gegenüber von mir setzte.
"Was ist denn mit dir los?", fragte sie, als sie mir ins Gesicht blickte und nun war wieder alles zuende. Ich fing erst an zu schluchzen und brach dann plötzlich in Tränen aus.
"Gilly! Mäuschen, komm her!" Morgan zog mich an sich heran und begann mich sanft hin und her zu wiegen. Immer wieder flüsterte sie mir dabei beruhigende Worte in mein Ohr und mit der Zeit fasste ich mich wieder ein wenig.
"Ich möchte heim!", wimmerte ich.
"Jetzt erzähl mir erst mal was los ist. Wenn du möchtest können wir auch woanders hin gehen.", schlug Morgan mit einem Seitenblick auf Mark und Brooklyn vor und ich nickte.
"Lass uns woanders hin gehen.", schluchzte ich und erneut begannen die Tränen über meine Wangen zu kullern.
"Reiß dich zusammen, Gillian!", tadelte ich mich selbst und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht.
"Kannst du kurz auf Brooklyn aufpassen?", wandte sich Morgan an Mark und nickte kurz in meine Richtung.
"Klar. Ist Shane hier auch irgendwo?"
"Ja, aber ich hab keine Ahnung wo er ist, der wird schon irgendwann wieder auftauchen."
Morgan legte ihre Hand an meine Schulter und schob mich nach vorne. Wir liefen ein ganzes Stück und setzten uns auf eine Bank, in einem etwas ruhigeren Eck, weit weg vom Schwimmbecken und dem ganzen Menschengetümmel. Morgan fuhr mir beruhigend über den Rücken.
"Ich kann dir jetzt leider kein Taschentuch anbieten, aber vielleicht geht’s ja auch so.", lächelte sie und nahm mich in den Arm. Es tat gut zu wissen, dass es einen Menschen gab, der immer hinter einem stand und immer für einen da war, wenn man ihn brauchte.
"Danke Moe.", flüsterte ich und schniefte laut.
"Kein Problem, Bounty." Es vergingen ein paar Minuten des Schweigens, ehe ich es fertig brachte einigermaßen verständliche Sätze über die Lippen zu bringen.
"Wir haben uns geküsst. Das hätte nicht passieren dürfen. Ich bin so durcheinander und weiß jetzt gar nicht mehr was ich machen soll!"
"Du hast Mark geküsst?!"
"Nicht Mark, Shane. Weißt du, ich bin dann weggelaufen und hab mich vor Shane praktisch versteckt. Es ist lächerlich, ich weiß, aber das war einfach ein Schritt zu weit. Es ist nicht so, dass ich nichts für Shane empfinde. Ich glaube die Gefühle für ihn kommen langsam wieder auf, aber für diesen Kuss war ich einfach noch nicht bereit. Und dann kam auch noch dieser Mark, der mir die ganze Zeit erzählt hat, dass ich ihn kennen muss, aber ich hab ihn noch nie zuvor gesehen. Mir ging es heute früh so gut, ich hab mich so gefreut, dass wir heute alle was zusammen machen und nun bin ich wieder da, wo ich zuletzt vor einer Woche war. Es ist das Schlimmste für mich, wenn eine Person die ich kennen sollte auf mich zu kommt, mich anspricht und ich sie aber nicht kenne. Sie können nichts dafür, aber das verletzt mich und das Loch der Verzweiflung und Hilflosigkeit beginnt wieder zu wachsen, obwohl es eigentlich schon fast komplett zusammen geschrumpft ist! Weißt du was ich meine? Ich fühl mich dann immer so hilflos. Wie soll ich mich denn solchen Personen gegenüber verhalten? Ich hab noch nicht die Kraft dazu, einfach so über meine Amnesie zu sprechen, dafür ist alles noch zu neu. Und kombiniert mit diesem dämlichen Kuss war das gerade einfach zu viel für mich. Ich war so froh, als du endlich gekommen bist, das kannst du dir gar nicht vorstellen.", erzählte ich und Morgan hörte aufmerksam zu. Erneut entstand eine Stille, die sich für wenige Minuten hinzog, in denen wir unsere Gedanken wieder ordneten.
"Puuuh...", sagte sie schließlich und kratzte sich am Kopf.
"Ich weiß gar nicht was ich sagen soll, aber ich denke, das mit Shane klärt sich von allein, wenn du mit ihm darüber redest und Mark wird auch noch aufgeklärt. Und klar weiß ich was du meinst, obwohl ich es wohl nie so erleben werde wie du... Ich glaube, ich kann nur erahnen was du durch machst und weißt du was? Ich bewundere dich. Ganz ehrlich, ich wäre nicht so stark, ich hätte schon längst aufgegeben. Darüber hab ich auch vor ein paar Tagen mit Shane gesprochen. Keiner kann wissen, was du durch machst, wenn er es nicht selbst erlebt hat, doch wenn man sich mal ganz intensiv damit beschäftigt und versucht sich in dich hineinzudenken, ist es der Wahnsinn, selbst wenn man es nur Ansatzweise fühlen kann. Wir sind verdammt stolz auf dich, Gillian!" Sie drückte mich fest an sich und ich gab ihr ein Küsschen auf die Wange.
"Danke Moe, du bist die Beste!", lächelte ich und fühlte mich um einiges besser! Ich liebte Morgan von Tag zu Tag mehr! Ich schniefte ein letztes Mal und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Zusammen liefen wir zurück zu Mark und Brooklyn, wo nun auch Shane saß und Mark bereits aufklärte. Wir setzten uns schweigend dazu bis Shane endete und mich besorgt musterte.
"Geht’s dir wieder besser? Mark hat erzählt du hast geweint..."
"Ja ja, alles ist wieder okay."
"Entschuldige übrigens. Ich wusste ja nichts von deiner Amnesie.", mischte Mark sich nun mit ein und setzte einen mitleidigen Blick auf.
"Schon okay.", murmelte ich bevor Morgan vorschlug zu gehen, da sie ganz genau wusste, dass ich mich nicht wohl fühlte. Shane nickte und begann die Badesachen in die Taschen zu packen.
"Noch nicht zu Hause gehen!", beschwerte sich Brooklyn und versuchte auszubüchsen. Morgan rannte ihm hinterher und holte ihn wieder zurück, bevor sie ihn schimpfte.
"Brooklyn, du kannst doch nicht einfach so wegrennen, hast du mich verstanden? Das ist gefährlich, wenn du hier allein rumläufst. Du bleibst jetzt hier stehen oder wir gehen nie wieder mit dir ins Schwimmbad! Hast du gehört?" Brooklyn nickte beleidigt und ließ sich mit einem unverbesserlichen Schmollmund ins Gras plumpsen. Morgan wandte sich von ihm ab und stopfte das letzte Handtuch in ihre Tasche, bevor wir alle zusammen das Bad verließen und zurück fuhren.

*Chapter 7*
-Alcohol and a big mistake-

Zuhause angekommen setzte ich mich zusammen mit Shane auf die Terrasse, um dort die Sache mit dem Kuss zu klären. Ich schüttete ihm mein ganzes Herz aus und versuchte zu beschreiben was in mir vorging um ihm klar zu machen, dass es nicht daran lag, dass ich kein Interesse an ihm hatte, sondern das ich einfach noch nicht bereit für so viel Nähe war.
"Gib mir bitte Zeit, Shane.", endete ich und er nickte verständnisvoll.
"Du kriegst alle Zeit der Welt.", lächelte er und ich umarmte ihn spontan. Shanes Verständnis machte alles um einiges leichter und ich freute mich, dass wir nun alles so schön geklärt hatten.
"Willst du heute Abend nicht mit kommen? Kian und ich wollen alle Kneipen abklappern in denen wir zusammen waren und ich bin mir sicher, dass wir den Abend in irgendeiner davon ausklingen lassen.", bot ich an und Shane sagte sofort zu. Ich stand lächelnd auf, um mich für das bevorstehende Treffen mit Kian zu Recht zu machen. Ich schlüpfte in meinen Jeansrock und zog ein rotes Top dazu an, bevor ich mich ins Bad einsperrte und die nächste halbe Stunde mit meinen Haaren kämpfte. Es war jedes Mal dasselbe, sie wollten einfach nicht so wie ich! Schließlich gab ich es auf mir eine Hochsteckfrisur zu verpassen und ließ sie offen über meine Schultern fallen. Ich legte noch ein dezentes Make-up auf, ehe ich mich ins Wohnzimmer setzte und auf Kian wartete. Shane war nach mir ins Bad gegangen um sich zu stylen und so wie ich ihn nun schon kannte, dauerte es noch eine Weile bis er fertig war. Kian hatte schon sein Glas Cola geleert, als Shane ins Wohnzimmer spaziert kam und verwundert auf die Uhr sah.
"Oh, schon halb 6.", sagte er mit unschuldiger Engelsstimme.
"Ja, schon halb 6. Bist du jetzt fertig oder willst du doch noch mal in den Spiegel gucken ob auch wirklich alle Haarsträhnchen in die richtige Richtung stehen?", fragte Kian amüsiert und ich grinste breit.
"Bäh... Auf geht’s!", antwortete Shane und zog sich seine Schuhe an. Kian und ich taten es ihm gleich und machten uns dann auf den Weg von einer Kneipe zur nächsten. Kian hatte sich dazu bereit erklärt zu fahren, was für ihn *Kein Alkohol* hieß. In Bezug auf die Amnesie war der Abend frustrierend. Es gab keine einzige Erinnerung für mich, doch davon ließ ich mir die Laune an diesem Abend nicht verderben und ließ ihn zusammen mit Kian und Shane in unserem Stammpub ausklingen.
"Noch ein Guinness bitte.", bestellte Shane und der Kellner stellte ihm bereits das fünfte Glas hin. Er war schon gut angeheitert und auch ich war nach dem vierten Wodka-Kirsch nicht mehr ganz bei Sinnen, während Kian an seiner Cola schlürfte. Vier Guinness und drei Wodka-Kirsch später versuchte Kian uns in sein Auto zu transportieren, was für Kian alles andere als leicht war.
"Isch w-w-will net, m-mit dir in a Auto, b-b-bin doch net schwul!", lallte Shane während ich um mich schlug, da ich permanent das Gefühl hatte, dass eine Fliege um meinen Kopf summte. Zusätzlich hatte Shane die Einbildung, dass vor der Tür Außerirdische standen die mit Pistolen auf ihn zielten, was allerdings lediglich Straßenlaternen waren. Deshalb weigerte er sich einen Fuß vor die Tür zu setzen und Kian war nah dran auszurasten. Es dauerte fast 20 Minuten bis er uns im Auto hatte und schweißgebadet den Motor startete. Kian hatte Schwerstarbeit geleistet und schwor sich nie wieder mit uns allein wegzugehen!
"Da fliegt a U-u-ufo!", kreischte Shane plötzlich voller Panik und verpasste mir mit seinem Ellenbogen einen Schlag in die Rippen.
"Das ist eine Ampel!", sagte Kian genervt und blieb stehen.
"A-ampel? Nö, a Ampel is net gelb. Woa, des U-ufo kann die Farbe verwechseln!", stotterte Shane, als die Ampel auf rot wechselte. Kian stöhnte laut auf und rollte mit den Augen.
"Shay, ich versichere dir, dass das eine Ampel ist und außerdem wechselt sie die Farben! Nicht verwechselt."
"Du lü-lügst!"
"Gill, jetzt sag doch auch mal was!"
"Schlag die Fliege über mich tot." Kian gab es auf und fuhr wortlos weiter. Es hatte ja doch keinen Sinn, sich mit uns rumzustreiten. Er musste auf dem Heimweg zweimal anhalten, da Shane seinen Magen entleerte und kurz bevor man zu uns in die Straße einbog, fing auch mein Magen an zu rebellieren. Doch im Gegensatz zu Shane schaffte ich es nicht mehr aus dem Auto heraus...
"Das ist nicht wahr! Damit muss ich ganz zufällig auch noch heim fahren, Gillian Walsh!", fluchte Kian wütend und ich quetschte mich so weit ich konnte an Shane heran um mich nicht in mein Gebrochenes setzen zu müssen. Shane lachte sich darüber kaputt und fand es äußerst witzig, dass es im Auto zu stinken anfing.
"Du hast a Stinke-Auto.", kicherte er und ich stimmte mit ein. Vor unserer Wohnung hielt Kian an und brachte uns noch bis in den Flur, bevor er wieder ging und uns unserem Schicksaal überließ. Er war fertig mit den Nerven und kurz vor einem Zusammenbruch. Zusammen verschwanden Shane und ich in meinem Zimmer.
Als ich am nächsten Tag aufwachte brummte mein Schädel wie noch nie zuvor. Ich hatte das Gefühl, als hätte jemand mit einem Hammer darauf rumgeschlagen und mir sämtliche Schädelknochen gebrochen. Ich stöhnte kurz auf als ich mich mit geschlossenen Augen aufrichtete, da sich alles um mich herum drehte. Schließlich öffnete ich sie doch wieder und erschrak als ich Shane bei mir im Bett liegen sah. Über seinen Kopf hatte er sich seine Boxershort gestülpt und nun bemerkte auch ich, dass ich komplett nackt im Bett lag. Ich schlug mir die Hand vor den Mund und sah geschockt auf den schlafenden Shane neben mir. Was zum Henker war in der Nacht passiert? Wir hatten doch nicht etwa... Ich schüttelte den Kopf und bereute es gleich wieder, weil er noch stärker zu pochen begann. Es war absurd, DAS konnte nicht passiert sein. Nein, niemals! Völlig verwirrt schlug ich die Decke von meinen Füßen und sammelte meine Kleidungsstücke ein. Sie lagen im ganzen Zimmer verteilt auf dem Fußboden und ich zweifelte stark daran, das ES nicht passiert war. Wie konnte das nur passieren? Wir waren doch zwei erwachsene Menschen. Waren wir wirklich so betrunken? Ich glaubte es nicht, ich konnte und wollte es nicht glauben. Ich schlüpfte schnell in meinen Pyjama und schlang den Morgenmantel darüber, ehe ich in die Küche lief um mir dort eine Aspirin zu holen. Morgan saß bereits in der Küche und sortierte die Briefe. Zwei für Shane, die anscheinend seine Mutter in den Briefkasten geschmissen hatte, da er ja nicht mit in der Wohnung wohnte, auch wenn er, seit ich die Amnesie hatte, nicht mehr übernacht zu Hause gewesen war und immer auf dem ausklappbaren Sofa schlief, einer für mich und zwei für Morgan.
"Guten Morgen, Hun.", sagte sie lächelnd und schob die Aspirinpackung über den Tisch.
"Kian hat mir einen Zettel in den Briefkasten gelegt und mich gewarnt. Ach ja, du sollst später bei ihm vorbei kommen und sein Auto sauber machen. Du hast reingekotzt!" Ich verzog angewidert das Gesicht und löste mir eine Tablette auf. Das hatte mir jetzt gerade noch gefehlt!
"Schläft Shane noch?" Ich nickte und setzte mich schweigend. Mir war gerade ganz und gar nicht nach Reden zumute. Mein Kopf dröhnte, ich hatte keine Ahnung, was in der Nacht vorgefallen war und ich hatte nicht die geringste Lust Kians Auto zu putzen. Um vorerst nichts und niemanden mehr sehen zu müssen, stellte ich mich unter die Dusche und hoffte, dadurch wieder klare Gedanken fassen zu können. Als ich wieder aus dem Badezimmer trat, kam mir Shane entgegen, der mich grob am Arm packte und ins nächste Zimmer zog.
"Hast du irgendeine Ahnung was letzte Nacht passiert ist?!", fragte er wütend und festigte den Druck an meinem Oberarm.
"Nein, hab ich nicht und jetzt lass mich bitte los. Lass deine Aggressionen nicht an mir aus." Ich wirbelte herum und riss mich los. Shane Fingernägel hinterließen gerötete Kratzer, obwohl ich meinen Langärmligen Pyjama an hatte.
"Gillian, warte!", sagte er nun etwas sanfter und ich blieb stehen.
"Was?"
"Entschuldigung, aber ich bin es einfach nicht gewohnt in fremden Betten aufzuwachen."
"Was denkst du wie geschockt ich war, als ich dich neben mir gesehen hab?"
"Okay, lass uns das vergessen, ja? Wir waren betrunken und nicht mehr klar im Kopf. Es gibt ja immer noch die Hoffnung, dass nicht das passiert ist, was ich leider Gottes denke. Sag mal dröhnt dein Schädel auch so wie meiner?"
"Oh ja, ich hab die schlimmsten Schmerzen meines Lebens. Und okay, wir vergessen, was auch immer geschehen ist! Wir waren betrunken, das waren nicht mehr wir selbst, ganz einfach." Shane nickte und wir verließen die Abstellkammer wieder, obwohl es falsch war das Vorgefallene auf die leichte Schulter zu nehmen. Wir wussten es beide und doch kümmerte sich keiner mehr darum. Es war vergessen! Während Shane in die Küche lief, um sich eine Aspirin aufzulösen, verschwand ich in meinem Zimmer und machte mich fertig, um bei Kian vorbeizugucken.

*Chapter 8*
-Kimberley, the bad one-

"Ich hoffe du hast die stärksten Kopfschmerzen deines Lebens!", begrüßte mich Kian und ich lachte gequält.
"Worauf du dich verlassen kannst!"
"Prima, ihr wart nämlich unausstehlich und ich werde nie wieder, ich betone nie wieder, allein mit euch beiden weggehen."
"Hmmm... na gut. Also wo ist dein Auto? Bringen wir’s hinter uns."
"Wir? Du! Es steht in der Garage. Hier ist der Schlüssel. Viel Spaß!" Kian wedelte mit dem Schlüssel in der Luft, bevor er ihn mir übergab und mir noch einen Wassereimer mit Lappen vor die Füße stellte.
"Bääääh." Ich streckte ihm die Zunge entgegen, ehe ich mich ans Putzen machte und nach geschlagenen 45 Minuten erschöpft und gleichzeitig zufrieden mit dem Ergebnis an Kians Tür klingelte. Ich hatte den Fleck komplett herausbekommen und riechen konnte man so gut wie nichts mehr, nachdem ich mit meinem Parfum nachgeholfen hatte. *Spirit* von Esprit, kann ich jedem nur empfehlen. Richt gut und lässt sogar den Geruch von Kotze spurlos verschwinden!
"Fertig!", flötete ich und hielt Kian den Eimer unter die Nase.
"Danke, aber den Anblick erspare ich mir!", sagte er und schob den Eimer angeekelt von sich weg.
"Willst du noch reinkommen?", bot er an doch ich lehnte dankend ab.
"Ich hab Morgan versprochen ihr beim Kuchenbacken zu helfen. Du kennst sie ja. Backen war noch nie ihre Stärke!", kicherte ich und verabschiedete mich. Ich lief langsam zurück und auf der halben Strecke fuhr plötzlich ein stechender Schmerz durch meinen Kopf. Ich blieb stehen und schloss die Augen für einen Moment, als vor meinem inneren Auge ein Bild erschien. Es zeigte Shane, der inmitten von Hunderten von Kerzen saß und eine Gitarre in der Hand hielt. So schnell das Bild gekommen war, war es auch schon wieder verschwunden. Das Seltsame dabei war, dass ich genau wusste von welchem Abend dieses Bild war und ich ganz genau schildern konnte, was direkt davor und danach passierte. Hoch erfreut berichtete ich Shane und Morgan davon. Wir saßen zusammen im Wohnzimmer und sie freuten sich riesig über diese Neuigkeit. Shanes gute Stimmung wurde allerdings wieder gedämpft, als ihm die zwei Briefe wieder in den Sinn kamen, die er am Morgen erhalten hatte.
"Ich wurde gekündigt.", sagte er mit einem frustrierten Unterton in der Stimme.
"Ich hab völlig vergessen, dass ich seit drei Tagen wieder arbeiten muss."
"Wie kann man denn vergessen, in die Arbeit zu gehen?", fragte ich ungläubig und hoffte das war ein schlechter Scherz.
"In letzter Zeit ist so viel passiert, dass ich ganz andere Dinge im Kopf hatte und ich hatte ja auch nicht damit gerechnet, dass mein Urlaub so schnell vorbei geht. Mir kam es vor wie eine Woche", antwortete er, als wäre das eine akzeptable Erklärung. Ich schüttelte darüber nur den Kopf.
"Du bist echt doof.", warf Morgan ein und musste sich ein Lachen verkneifen. Wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre, hätte sie glatt lustig sein können.
"Oh man. Ich kann im Moment nicht arbeiten, Morgan hat noch keine Stelle bekommen und jetzt bist du auch noch gekündigt! Zum Glück haben wir die letzten Jahre immer so fleißig gespart und zum Glück können wir uns auf Mama und Papa verlassen...", seufzte ich ironisch.
"Na ja und da gibt’s noch was."
"Oh nein, wenn du so anfängst, dann will ich’s gar nicht wissen." Morgan stand auf und brachte ihr Glas in die Küche, bevor sie doch wieder zurück ins Wohnzimmer kam. Ihre Neugier war viel zu groß, als das sie nun hätte einfach so gehen können.
"Meine Ex-Freundin Kimberley hat mir geschrieben. Sie fragt ob sie für eine Nacht bei mir übernachten kann, weil sie geschäftlich nach Belfast muss und einen Zwischenstopp in Sligo einlegt. Aber da in meinem Haus zur Zeit mein Bruder ist, müsste sie hier schlafen."
"Warum ist dein Bruder in deinem Haus?"
"Hab ich das nicht erzählt? Seine Frau hat ihn sitzen lassen und da ich ja jetzt sowieso schon so gut wie hier eingezogen bin, hab ich ihm mein Haus vorerst überlassen."
"Das wird ja immer lustiger." Morgan schlug die Hände theatralisch über ihrem Kopf zusammen und ich brach in ein hysterisches Lachen aus. Das konnte noch spannend werden. Eine, unter Amnesie leidende, Freundin und eine Ex-Freundin unter einem Dach... Schließlich konnten wir sie nicht auf der Straße schlafen lassen, wobei es sicher auch noch andere Möglichkeiten gegeben hätte.
"Erzähl mal was von dieser Kimberley.", forderte Morgan Shane auf und er begann zu grübeln.
"Na ja, sie ist halt meine Ex-Freundin. Wir waren fast ein Jahr zusammen, dann hat sie mich mit meinem damals besten Kumpel Ozancan betrogen. Wir sind nicht im Streit auseinander gegangen, aber ich konnte ihr diesen Seitensprung nie verzeihen. Ozancan hab ich seit dem nicht mehr gesehen und Kimberley auch nicht, außer einmal am Flughafen. Aber da hat sie mich nicht gesehen. Ehrlich gesagt freu ich mich, dass sie mich besuchen kommt."
Drei Wochen später klingelte es am Vormittag an der Tür und ich ging um zu öffnen. Shane war noch im Bad und Morgan war einkaufen, während Brooklyn im Wohnzimmer mit seinen Logosteinen beschäftigt war.
"Hallo, kann ich Ihnen irgendwie helfen?", fragte ich freundlich und musterte die Blondine gegenüber von mir.
"Ja, du kannst mich reinlassen. Kimberley Clarkson.", antwortete sie von oben herab und schob sich mit ihren Silikontitten an mir vorbei. Mir klappte die Kinnlade nach unten. Das war Kimberley? An was für einer Geschmacksverirrung hatte Shane denn da gelitten? Ich hatte eine kleine, zierliche Blondine erwartet und nicht so ein aufgeblasenes Monster. Mir war sie nach exakt zehn Sekunden schon unsympathisch und ich fragte mich ernsthaft, wie ich einen ganzen Tag mir ihr überstehen sollte, wenn sie sich nicht änderte. Ich sah ihr wortlos hinterher, wie sie mit wackelndem Arsch durch den Flur stolzierte.
"Shane? Kim ist da.", rief ich, als ich mich wieder gefasst hatte und klopfte an der Badtür.
"Kimberley.", zischte sie und fuhr sich durch ihre wasserstoffblonden Haare.
"Entschuldigung. KimBERLEY ist da!", korrigierte ich mich und funkelte sie mit zusammen gekniffenen Augen an. Was bildete sie sich überhaut ein?
"Wer bist du überhaupt? Die Putzfrau?", wollte sie wissen und ich starrte sie fassungslos an. Bitte? Das hatte sie jetzt nicht wirklich gesagt, oder? Mein Kopf qualmte und ich suchte frustriert nach einer passenden Antwort, bis ich mich doch dafür entschied, zu sagen, dass ich Shanes Freundin war, obwohl das im Moment nur halb stimmte.
"Seine Freundin? Shanes Geschmack war auch schon mal besser." Sie musterte mich von oben bis unten, doch ehe ich noch etwas erwidern konnte öffnete Shane die Badtür.
"Kimberley, schön das du da bist!", sagte er überschwänglich und begrüßte sie mit einer innigen Umarmung und einem Kuss auf die Wange.
"Ja, ich freu mich auch, dich wiederzusehen, Shaney-Hase. Deine Freundin hab ich schon kennen gelernt. Ein nettes Mädchen.", antwortete sie zuckersüß und ich hätte ihr am liebsten links und rechts in Gesicht geschlagen. Das war nicht zu fassen, so eine dämliche Schnepfe war mir noch nie begegnet. Shane führte sie durch die Wohnung und ich trottete wie ein kleines Hündchen hinterher. Vor Brooklyns Zimmer weiteten sich ihre Augen.
"Ihr habt schon einen Sohn? Ich liebe Kinder, wo ist denn der kleine Racker?", fragte sie übertrieben erfreut und ich nahm mir vor, Brooklyn auf keinen Fall in die Nähe dieser Giftspritze zu lassen. Wer weiß, was sie mit ihm anstellte. Es war sowieso verwunderlich, dass er nicht sofort aufgesprungen war, als es klingelte. Normalerweise war er der erste an der Tür, aber anscheinend war es die kindliche Intuition, dass er weiter mit seinen Legos spielte, anstatt dieser zurechtgeschnippelten Tussi über den Weg zu laufen. Ich zweifelte stark daran, dass irgendetwas an ihr echt war.
"Nein, nein. Nicht unser Sohn. Es ist der Sohn unserer besten Freundin Morgan. Sie müsste jeden Moment zurückkommen. Brooklyn spielt im Wohnzimmer" Als hätte Morgan das gehört, öffnete sich prompt in diesem Moment die Haustür und Brooklyn kam wie auf Kommando aus dem Wohnzimmer geflitzt.
"Ach wie prima, jetzt wo wir gerade alle so schön zusammen sind, kann ich mich ja gleich mal vorstellen. Kimberley Clarkson." Sie gab Morgan die Hand und knuffte Brooklyn in den Bauch. Am liebsten hätte ich laut losgeschrieen. So ein verlogenes Weibsstück. Vor Shane die freundliche Ex-Freunden spielen und mich hinten rum dumm anmachen. Meine Hände ballten sich zu Fäusten, als sie mir siegessicher zulächelte. Sie hatte von Anfang an gewusst wer ich war und es machte mich rasend, dass ich so gut wie nichts über sie wusste. Wer weiß, was für Informationen über mich in ihrem kleinen, nicht erwähnenswerten Gehirnchen abgespeichert waren. Während sie mit Shane den Rest der Wohnung besichtigte, verschwand ich mit Morgan in der Küche um die Einkäufe wegzuräumen. Dabei ließ ich mir die Gelegenheit natürlich nicht entgehen und berichtete Morgan ausführlich von meiner ersten Begegnung mit Kimberley.
"Ich hasse KimBERLEY Clarkson!", endete ich und Morgan saß regungslos am Tisch.
"Was um Himmels Willen hat diese Frau vor?", rätselte sie und ich schüttelte ahnungslos den Kopf.
"Frag mich was Leichteres. Ich weiß nur, dass ich froh bin, wenn die morgen wieder verschwindet und hoffentlich nie wieder hier auftaucht, wobei ich das ehrlich gesagt bezweifle. Ich weiß nicht wieso, aber ich hab das dämliche Gefühl, dass hier was ganz gewaltig nicht stimmt!" Ich hatte den Satz gerade zu Ende gesprochen als Kimberley mit Shane im Schlepptau in die Küche gestiefelt kam. Man beachte, dass sie noch immer ihre Hackenschuhe trug und uns wahrscheinlich damit den gesamten Teppich im Wohnzimmer ruiniert hatte.
"Wie wär’s mit Schuhe ausziehen?", fuhr Morgan sie an und Kimberleys künstliches Lachen verschwand. Ihr Blick fiel sofort wieder auf mich, die böse kleine Freundin, die gleich wieder alles weiter geplappert hatte. Doch das war mir in diesem Moment genauso egal, wie die Reisernte in China. Es konnte ruhig jeder erfahren, dass ich sie unausstehlich fand und ihr am liebsten ihre gefärbten Haare ausgerissen hätte!
"Natürlich.", sagte sie schrill und dackelte in den Flur. Shanes Blick haftete dabei auf ihrem Hintern, der von einer Seite der Wand zur anderen hüpfte. Ein Gefühl von Eifersucht und Wut stieg in mir auf. Was war nur in ihn gefahren? Was stellte sie mit ihm an, dass er nicht merkte, was hier vor ging? Morgan dachte anscheinend dasselbe, ihr Blick sprach Bände.
"Als Dank dafür, dass ich hier übernachten darf, möchte ich euch heute Abend zum Essen einladen.", säuselte sie, als sie ihre Silikontitten wieder in der Küche geparkt hatte.
"Ach, das ist doch nicht nötig, Kimy. Stürz dich doch nicht so sehr in Unkosten, das ist doch selbstverständlich", antwortete Shane und redete mit ihrer Oberweite, als wäre es ihr Gesicht.
"Das ist aber nett. Wir gehen gerne mit!", mischte ich mich ein und warf Shane einen Blich zu, der so viel hieß wie *Halt-jetzt-bloß-den-Mund*. Die konnte sich auf eine Rechnung gefasst machen, dass ihr der Arsch noch mehr schlackerte! Den Nachmittag verbrachten wir im Wohnzimmer, wo uns Kimberley die Ohren voll quasselte, wie erfolgreich sie doch war. Es war praktisch eine Erläuterung der letzten drei Jahre, so lange hatte sie Shane nämlich nicht mehr gesehen und es war jetzt selbstverständlich äußerst wichtig, dass er erfuhr, was er alles verpasst hatte. Irgendwann war mir das alles zu blöd und ich ging mit Brooklyn zum Spielplatz. Morgan begleitete mich und es tat gut mit seiner besten Freundin mal wieder so richtig zu lästern. Um kurz nach 19 Uhr machten wir uns auf den Weg zum teuersten Restaurant in ganz Sligo, was natürlich ich ausgewählt hatte. Kian war freundlicherweise als Babysitter für Brooklyn eingesprungen. Schade eigentlich. Seine Limo und Pommes wären sicher auch noch mal auf fünf Euro gekommen. Im Restaurant angekommen stellten Morgan und ich uns das teuerste Menü zusammen, das wir finden konnten. Shane traute seinen Ohren kaum, als er unsere Bestellung hörte und zog mich kurzerhand auf die Seite.
"Was zum Teufel ist in dich gefahren?"
"Was in mich gefahren ist? Sag mal siehst du nicht was für eine Show diese blöde Tussi abzieht? Sie säuselt dir die Ohren voll und hintenrum behandelt sie mich wie ein Stück Scheiße!"
"Ich bitte dich! Jetzt benimm dich nicht so kindisch, ich finde Kimberley nett und es ist etwas Besonderes, sie nach so langer Zeit mal wieder zu sehen."
"Natürlich, wenn ich ein Mann wäre würde ich ihre Silikontitten, den Wackelarsch und das Wasserstoffblond wahrscheinlich auch geil finden. Tut mir leid, dass ich eine Frau bin und nicht so denke. In deinen Augen bin ich wahrscheinlich nicht so attraktiv wie sie und ganz so viel Geld besitze ich auch nicht, dafür hab ich Charakter, was anscheinend in der heutigen Welt nur noch halb so wenig zählt, aber ich lass mich von dieser Dorfmatratze nicht fertig machen und schlage ganz einfach zurück! Wenn sie so erfolgreich ist, wie sie den ganzen Tag behauptet hat, wird sie diese Rechnung mit links bezahlen!" Damit drehte ich mich um und setzte mich zurück an meinen Platz, gefolgt von Shane der nun nichts mehr zu sagen hatte. Man sah ihm an, dass er wütend war, zumindest war es für mich offensichtlich. Das Essen war köstlich und ich war pappsatt, was mich allerdings nicht daran hinderte noch einen großen Eisbecher zu bestellen. Wenn schon, denn schon... Während Kimberley schon wieder von ihrem Erfolg berichtete, verschwand ich auf dem Klo. Das musste ich nicht schon wieder hören! Ich wusch mir gerade die Hände, als Kimberley durch die Tür trat um ihr Make-up zu checken. Ich stöhnte und fragte mich, ob man von dieser Person nicht mal eine Minute allein gelassen werden konnte. Was hatte ich getan, damit ich so etwas verdiente? Ich wollte gerade gehen, als sie ihre Handtasche zuschnappen ließ und mit zuckersüßer Stimme anfing zu reden: "Gillian, oder wie war dein Name? Na ja, ist ja sowieso nicht so wichtig. Anscheinend läuft es zwischen dir und Shane gerade nicht so gut, was? Du solltest dich mal fragen warum und fang jetzt bloß nicht an, es auf die Amnesie zu schieben. Schon mal über eine Schönheitsoperation nachgedacht?"
"Wenn ich danach so aussehe wie du, dann kann ich gut und gerne darauf verzichten. Außerdem geht es dich einen feuchten Dreck an, wie es in meiner Beziehung läuft!" Ich knallte die Tür zu und rauschte davon. Es machte mich unbeschreiblich wütend, dass Shane ihr von meiner Amnesie erzählt hatte. Das ging diese dämliche Kuh überhaupt nichts an und es brachte mich zum kochen. Heftig Atmend und knallrot im Gesicht kam ich zurück an den Tisch.
"Hast du einen Marathonlauf hinter dir?", scherzte Morgan und betrachtete mich lachend.
"Ne, ein Gespräch mit Barbie!", antwortete ich und betonte das Wort Barbie mit einem angewiderten Unterton.
"Wo ist Kimberley eigentlich?", fragte Shane und sah sich im Restaurant nach ihr um.
"Sie ist noch bei den Toiletten und spült sich hoffentlich gerade im Klo runter!", knurrte ich und kaute auf einem Zahnstocher herum. Ich war auf 180. Wie konnte man nur so blind sein? Sah Shane denn nicht, dass sie ihm etwas vorspielte? Merkte er überhaupt nicht wie abwertend sie mich immer ansah? Ich erkannte Shane nicht wieder, es war als hätte Kimberley ihn ausgewechselt. Ich wusste noch nicht was sie vorhatte, aber ich nahm mir vor, es herauszufinden!
"Gillian, jetzt sei nicht so gehässig und reiß dich gefälligst zusammen! Ich versteh überhaupt nicht was du hast, anscheinend ist es purer Neid der hier spricht!", sagte Shane zornig. Nun war nicht nur ich auf 180, sondern auch er.
"Klar, ich wünsch mir schon seit Ewigkeiten Luftballons der Größe Doppel D, die mir die Sicht auf meine Füße versperren."
"Jetzt lass doch gefälligst mal ihre Oberweite aus dem Spiel! Kimberley ist ein Teil meiner Vergangenheit und wenn du das nicht akzeptieren kannst, ist das dein Problem. Sie ist eine wunderbare Persönlichkeit und im Gegensatz zu dir, hat sie schon was erreicht im Leben! Was beschwerst du dich eigentlich? Es kann dir doch egal sein, immerhin bist du überhaupt nicht meine Freundin, du brauchst ja noch Zeit!" Das saß. Er glaubte doch nicht wirklich, dass sie ein Model der Zeitschrift *Vogue* in den USA war und gleichzeitig noch 3-fache Chefin von irgendwelchen Firmen in Belfast, Rom und Sydney. Tränen der Wut und Verzweiflung schossen mir in die Augen. Jetzt waren wir also schon so weit, dass er mir Vorwürfe machte, dass ich noch Zeit brauchte und angeblich noch nichts erreicht hatte. Es war unglaublich, wie sich Shane von einer einzigen Person zu Recht biegen ließ und im Moment begriff er noch nicht einmal, wie weh er mir mit diesem Vorwurf tat. Ich hatte es mir nicht ausgesucht, dass ich nun unter Amnesie litt und schon gleich gar nicht, dass unsere Beziehung nun komplett auf der Kippe stand, wo sie eigentlich gerade wieder anfing aufzuflammen.
"Wenn das so ist, dann leb deine Vergangenheit doch in der Zukunft weiter und lass mir meinen Frieden! Ich find es so was von scheiße von dir, dass du ihr gleich mal verklickert hast, dass ich mein Gedächtnis verloren habe. Das geht diese Frau überhaupt nichts an, das ist mein Leben und ich hab nicht vor, es mit ihr zu teilen! Ich hab dir vertraut! Vielleicht sollten wir ab jetzt getrennte Wege gehen.", schrie ich über den Tisch und die anderen Gäste drehten ihre Köpfe in unsere Richtung.
"Tschüss, es hindert dich keiner daran zu gehen. Die Tür steht dir offen und außerdem hab ich ihr nie etwas von deiner Amnesie erzählt. Ich weiß nicht wie du auf diesen Schwachsinn kommst, aber wenn du mir so etwas unterstellst ist es wahrscheinlich wirklich das Beste, wenn wir uns nicht wieder sehen."
"Ich hoffe für dich du bist nun glücklich! Jetzt hast du es ja geschafft. Jetzt hast du mich, die kleine Plage mit der man sich wegen ihrer Amnesie nur herumärgern muss, endlich los. Du kannst dich drauf verlassen, dass du mich nie wieder sehen wirst! Ich lass mich doch von dir nicht anlügen. Werde glücklich mit KimBERLEY! Lebe wohl, Shane Filan!" Ich nahm meine Handtasche in die Hand und stürmte aus dem Restaurant. Von wegen ich hatte alle Zeit der Welt, einen Scheißdreck hatte ich. Ich rannte ziellos durch die dunklen Straßen und landete irgendwann an der Sligo Bay. Ich rannte immer weiter, bis ich nicht mehr konnte und mich in den nassen Sand fallen ließ. Mein Körper wurde regelmäßig von den lauten Schluchzern die ich von mir gab geschüttelt und die Tränen liefen mir wie Sturzbäche über die Wangen. Es war als würde ich jede Flüssigkeit die sich in mir befand nun herausweinen. Ich saß noch keine fünf Minuten am Wasser, als ich Geräusche hinter mir hörte.
"Geh weg, ich will dich nicht sehen.", kreischte ich unter lauten Schluchzern und drückte meine Hände vors Gesicht, in der Annahme, dass es Shane war. Die Geräusche wurden lauter und übertönten nun deutlich das rauschen der Wellen.
"Verschwinde!", schrie ich erneut und brach ich einen weiteren Heulkrampf aus.
"Oh nein, das werde ich nicht, Gillian Walsh!" Die schrille Stimme von Kimberley drang durch die Stille und ich erschrak. Sie hatte ich nicht erwartet. Woher wusste sie überhaupt, dass ich hier war?
"Was willst du?", fragte ich und drehte mich langsam um. Sie stand direkt hinter mir und sah auf mich hinunter wie eine grässliche Hexe. Mir war diese Situation alles andere als angenehm, es machte mir Angst, dass ich hier unten im Sand saß und sie in voller Größe auf mich herab blickte. Ich richtete mich auf und versuchte aufsteigende Tränen zurückzuhalten. Ihre Augen funkelten gefährlich und auf ihren Lippen lag ein fieses Lächeln.
"Shane.", hauchte sie, als Antwort auf meine Frage. Das war es also. Nun hatte sie ja erreicht was sie wollte. Wieder kullerten Tränen über mein Gesicht und hinterließen eine salzige Spur auf meinen Wangen.
"Es war nicht schwer etwas über dich zu erfahren. Shane war mir eine große Hilfe. Wer hätte gedacht, dass man selbst betrunken zu etwas nützlich war. Er hat mich nicht erkannt, wie auch, er war voll bis oben hin und hat sich schön alle wichtigen Informationen entlocken lassen. Deine Amnesie kam mir gerade recht, dass es so leicht wird hatte ich zwar nicht gedacht, aber was soll’s." Sie brach in ein künstliches und gleichzeitig hysterisches Lachen aus und ich fragte mich wie man nur so verlogen und gemein sein konnte. Sie wusste ganz genau, wo mein wunder Punkt lag und wie sie Shane auf ihre Seite schlagen konnte, was sie ja offensichtlich schon getan hatte. Es machte mich unbeschreiblich wütend, Kimberley Clarkson war alles andere als dumm. In ihrem nichtvorhandenen Gehirn hatte sie alles genau durchdacht und auf unerklärliche Weise klappte es.
"Du Miststück!", zischte ich durch zusammen gebissene Zähne hindurch und schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. Ich war noch nie so zornig gewesen und es war wie ein Reflex, der meine Hand ausholen ließ. Kimberley taumelte ein paar Schritte zurück, ehe sie auf den Boden sank. Mit Pfennigabsätzen im nassen Sand läuft es sich eben nicht so gut... Was bildete sich diese Frau eigentlich ein? Sie kam und dachte jeder würde nach ihrer Pfeife tanzen, doch da war sie bei mir an der falschen Adresse. Ich ließ mich von so einer Person nicht unterkriegen und nahm mir fest vor um Shane zu kämpfen. An diese Ziege wollte ich ihn auf keinen Fall verlieren. Unter lautem Stöhnen richtete sie sich wieder auf und klopfte sich den Sand von ihrer Kleidung.
"Das wirst du büßen, du hässliche Kreatur.", sagte sie mit einem zittern in der Stimme. Sie wackelte ein paar Schritte auf mich zu, ehe sie sich bückte und die Schuhe auszog. Ich beobachtete sie schweigend und fragte mich was sie vorhatte. Sie schmiss ihre Schuhe achtlos auf die Seite und stürzte sich plötzlich wie eine Furie auf mich. Ich versuchte dagegen anzukämpfen und mich auf den Beinen zu halten, gab schließlich doch nach, weil mir die Kraft ausging und ließ mich rückwärts in den Sand fallen. Ein stechender Schmerz fuhr durch meinen Rücken und ich gab einen kurzen Schrei von mir. Kimberley stürzte sich auf mich und versuchte auf mich einzuschlagen. Ich begann zu kreischen und zog so fest ich konnte an ihren langen Haaren um sie von mir herunterzubekommen. Mein Rücken tat weh und ich bekam kaum noch Luft, als sie auf mir saß und versuchte immer wieder zuzuschlagen.
"Keiner der mir ins Gesicht schlägt, kommt einfach so davon.", schrie sie wütend und schlug mir die Hand aus ihren Haaren. Sie bekam meine Handgelenke zu fassen und drückte meine Arme über meinem Kopf in den Sand. Ich begann zu röcheln, mir blieb die Luft fast vollkommen weg und ich versuchte mit meinen letzten Kräften in den Füßen sie von mir herunter zu schütteln. Körperlich war sie mir eindeutig überlegen und schließlich gab ich es auf. Ich konzentrierte mich darauf nicht zu ersticken und blieb regungslos in dem kühlen, nassen Sand liegen. Kimberleys Augen sahen direkt in die meinen, bevor sie mein rechtes Handgelenk los ließ und mir links und rechts ins Gesicht schlug. Ich schrie erneut laut auf und bereute es zu tiefst, ihr zuerst ins Gesicht geschlagen zu haben. Es hätte mir klar sein müssen, dass ich gegen dieses Weibsstück nicht ankam und nun lag ich hier. Ich spürte den Geschmack von Blut auf meinen Lippen, als ich mit der Zunge darüber fuhr. Kimberley saß noch immer auf mir und das Atmen fiel mir von Sekunde zu Sekunde schwerer. Ich schloss die Augen und hoffte auf irgendeine Rettung. Wenn Kimberley nicht bald von mir herunter ging, würde ich ersticken. Mein Röcheln wurde immer lauter und als wäre das noch nicht genug, verpasste mir Kimberley noch einen Schlag ins Gesicht. Ich hörte es Knacksen, ein unerträglicher Schmerz fuhr mir in den Kopf und in diesem Moment war mir klar, dass sie mir soeben die Nase gebrochen hatte. Ich spürte wie sie anfing zu bluten und mir schossen Tränen in die Augen, vor Schmerzen. Ich begann leise zu wimmern und Kimberley ließ los von mir. Sie stand auf und betrachtete mich mit einem zufriedenen Lachen im Gesicht. Als hätte sie mich noch nicht genug fertig gemacht, verpasste sie mir zum Abschluss noch einen kräftigen Tritt in den Bauch und einen Schlag gegen den Schädel. Mein eigenes Kreischen nahm ich fast überhaupt nicht mehr wahr.
"Leg dich nie mit Kimberley Clarkson an. Kimberley gewinnt immer!", hörte ich ihre schrille Stimme und das böse Lachen, ehe ich mein Bewusstsein verlor.

*Chapter 9*
-Sorry, Love Shane-

"Gill, jetzt wach doch bitte auf." Ein kräftiges Ruckeln an meinen Schultern und die sanfte Stimme von Morgan, brachte mich zurück unter die Lebenden. Langsam öffnete ich meine Augen und schloss sie sofort wieder. Mein ganzes Gesicht, mein Kopf, der Bauch und der Rücken schmerzten so sehr, dass mir sofort wieder Tränen in die Augen schossen.
"Oh Gott, Gill, was ist denn passiert?", vernahm ich Morgans besorgte und gleichzeitig weinerliche Stimme. Ich wollte irgendetwas antworten, brachte jedoch kein einziges Wort heraus. Stattdessen entfuhr mir ein leises Stöhnen. Ich versuchte mich zu bewegen, gab es allerdings wieder auf, als ich glaubte vor Schmerzen sterben zu müssen. Ich konnte hören wie Morgan in einer Tasche wühlte und Sekunden später begann sie mit einer anderen Person zu reden. Es dauerte eine Weile bis ich begriff, dass sie im Krankenhaus anrief und einen Notarzt an die Sligo Bay bestellte. Wenige Minuten später spürte ich sie wieder neben mir. Ich schaffte es nicht, meine Augen zu öffnen und doch wusste ich, dass sie direkt neben mir im kühlen Sand saß. Sie begann beruhigend über meinen Arm zu fahren und ich war in diesem Moment einfach nur froh, nicht allein zu sein. Eigentlich wollte ich überhaupt nicht daran denken und doch fragte ich mich auf einmal, wo Kimberley hin war und was Shane gerade machte. Waren sie zusammen? Hatte Shane überhaupt etwas bemerkt? Ich wurde für meine Grübeleien sofort wieder mit einem stechenden Schmerz bestraft, der sich durch meinen gesamten Kopf zog. Morgan hatte das anscheinend bemerkt, sofort legte sie ihre Hand sanft auf meinen Kopf und streichelte darüber.
"Der Notarzt ist gleich hier, Süße.", flüsterte sie und ich konnte aus der Stimme heraus hören, dass sie weinte. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, bis das laute Heulen der Sirene näher kam. Ich hörte Stimmen näher kommen, bevor ich erneut das Bewusstsein verlor. Als ich das nächste Mal die Augen öffnete, fand ich mich in einem Krankenhauszimmer wieder. Alles war weiß, alles war trist, alles war so wie vor ein paar Wochen. Neben meinem Bett stand ein großer Blumenstrauß mit roten Rosen, daneben lag eine Karte, auf der mit schönen geschwungenen Buchstaben *Gillian, I’m so sorry* drauf stand.
"Von Kimberley ist die bestimmt nicht", schoss es mir sofort durch den Kopf und ich war mir fast sicher, dass sie von Shane war. Komischerweise hatte ich sofort den Überblick über das Geschehene. Ich wusste ganz genau was passiert war. Da ich noch nicht die Kraft hatte, meinen Arm zu der Karte zu bewegen ließ ich sie vorerst so liegen, wie ich sie vorgefunden hatte. Ich war kaum fünf Minuten wach, als eine ganze Armee von Ärzten in mein Zimmer gestürmt kam. Es war fast beängstigend. Jeder fummelte an einem anderen Körperteil herum, jeder begann zu reden und mein Kopf fing an zu pochen und zu brummen. Zehn Minuten vergingen, in denen ich an mir machen ließ, was sie wollten, bevor alle wieder verschwanden, außer ein kleiner, rundlicher Mann mit einem Klemmbrett in der Hand. Er rückte seine eckige Brille zureckt, zog sich einen Stuhl an mein Bett und holte einen Kugelschreiber aus seiner weißen Kitteltasche.
"Guten Tag, Mrs. Walsh.", sagte er und reichte mir die Hand, die ich zögerlich ergriff.
"Mein Name ist Dr. Dr. Richard Cole, der Chefarzt auf dieser Station. Da Sie ja nun endlich wach sind, werde ich Sie über Ihren gesundheitlichen Zustand informieren, bevor ich einen Polizeibeamten zu Ihnen schicken werde. Es müssen einige Dinge geklärt werden, aber das wird er Ihnen sicherlich noch genauer erklären. Zuerst einmal muss ich Ihnen leider mitteilen, dass Sie Ihr Baby verloren haben." Ich hatte was?!
"Welches Baby?", brachte ich mühsam hervor und überlegte, ob er wohl die falsche Patientenakte bei sich trug.
"Sie waren in der vierten Woche schwanger. Wussten Sie das nicht?"
"Nein.", stammelte ich und fügte in Gedanken ein stummes: "Also doch.", hinzu, als mir der Abend mit Shane wieder einfiel, nach unserer Kneipentour mit Kian. Wie zum Henker konnte es soweit kommen? Das war ja unglaublich, ich konnte es nicht fassen. Ich hatte mein Baby verloren. Mein Baby von dem ich bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts wusste. Ich kam mir vor wie in einem schlechten Film und hoffte er würde bald zuende sein.
"Als nächstes hab ich eine etwas bessere Nachricht, über die Sie sich hoffentlich freuen werden." Na ja, wir werden sehen... Eigentlich glaubte ich schon nicht mehr dran, dass ich mich überhaupt mal wieder freuen konnte.
"Anscheinend haben Sie einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen, was zu einer schweren Gehirnerschütterung führte." Mehr bekam ich von dem Vortrag nicht mehr mit, meine Ohren schalteten auf Taub. Ich dachte, ich hatte mich eben verhört! Was war an einer Gehirnerschütterung erfreulich? Entweder der Arzt hatte etwas andere Vorstellungen von erfreulichen Nachrichten als ich, oder ich bildete mir etwas ein und der Arzt hatte etwas komplett anderes erzählt.
"Wie bitte?", fragte ich nach.
"Die Gehirnerschütterung hat bewirkt, dass Ihre Amnesie spurlos verschwunden ist.", wiederholte er mit einem Lächeln auf den Lippen. Meine Augen weiteten sich.
"Nein!", rief ich ungläubig und bereute es sofort wieder, als mein Kopf anfing zu pochen. Aber das konnte doch einfach nicht wahr sein! Ich konnte es nicht glauben und fing an in meinem Gedächtnis zu kramen. Es stimmte. Ich wusste wieder alles, meine ganzen Erinnerungen waren zurück, die Amnesie war weg. Einfach weg. Meine Freude dämpfte sich allerdings wieder, als mir einfiel wem ich diese Heilung zu "verdanken" hatte: Kimberley Clarkson. Das wurde ja immer schlimmer, jetzt musste ich ihr auch noch dankbar dafür sein, dass sie mich grün und blau geschlagen hatte. Nein, das konnte ich einfach nicht, zumal sie auch mein Baby auf dem Gewissen hatte. Es war lächerlich so zu denken, schließlich wusste ich nichts von meiner Schwangerschaft und doch änderte sich nichts daran, dass es ihr Tritt in den Bauch war, der mein Kind getötet hatte. Als ich daran dachte, wie es wohl gewesen wäre, mein eigenes Baby im Arm zu halten, traten mir Tränen in die Augen.
"Reiß dich zusammen.", schimpfte ich mich selbst und konzentrierte mich wieder darauf, dem Arzt zuzuhören, der wieder angefangen hatte zu reden. Gleichzeitig hatte ich als Hintergedanken immer noch Kimberley. Ich weiß nicht warum, aber diese Frau verfolgte mich. Egal wie sehr ich mich freute, irgendwann war es wieder sie, die meine Gedanken beherrschte! Blödes Luder!
"Weniger erfreulich ist Ihr Nasenbeinbruch. Die Röntgenaufnahmen zeigen ganz deutlich, dass es kein glatter Bruch ist und es wird wohl mindestens zwei Monate dauern, bis der Bruch komplett verheilt ist." Jetzt wo er die Nase erwähnte fiel mir auf, dass sie komplett eingegipst war und nur zwei Löcher zum Atmen offen gelassen wurden. Schon seltsam, dass mir das noch nicht aufgefallen war. Anscheinend war ich doch noch nicht ganz bei Sinnen.
"Aber eine schiefe Nase hab ich danach nicht, oder?", fragte ich ängstlich. Ich war zufrieden mit meiner Nase und hatte nicht vor, sie durch eine Schönheitsoperation wieder richten zu lassen. Jetzt fiel mir auf, dass ich wirklich noch nicht ganz bei Sinnen war. Wie konnte ich in so einer Situation nur an eine gerade Nase denken? Ich konnte froh sein, dass sie mir nicht abgefallen war.
"Nein, nein, keine Angst. Wenn Sie sich an die Anweisungen halten, werden Sie keine Veränderung vorfinden.", versicherte mir der Arzt und erklärte mir noch, dass die Schwellungen im ganzen Gesicht im laufe der Woche weniger werden würden.
"Das war’s vorerst. Ich werde nun im Polizeipräsidium anrufen und einen Beamten kommen lassen, damit der Fall aufgenommen werden kann, wenn es Ihnen nichts ausmacht." Ich schüttelte den Kopf und bedankte mich für die Informationen, ehe der Arzt das Zimmer verließ. Kaum hatte er die Tür geschlossen, ging sie erneut auf und Morgan kam hereingestürmt.
"Bounty, wie schön, dass du wach bist!", freute sie sich und setzte sich auf den Stuhl auf dem eben noch Dr. Dr. Richard Cole gesessen hatte. Ich lächelte sie an und wollte gerade anfangen zu berichten was der Arzt erzählt hatte, als sie mich unterbrach: "Das weiß ich schon alles. Du warst zwei Tage nicht bei Bewusstsein und ich wurde bereits aufgeklärt."
"Oh... Nun ja, dann weißt du ja sicher auch schon, dass ich mein Baby verloren habe." Ich blickte traurig aus dem Fenster. Das Wetter passte zu meiner jetzigen Stimmung. Dicke Regentropfen fielen gegen die große Fensterscheibe.
"Ja, das weiß ich. Warum hast du mir nichts erzählt?"
"Weil ich es bis vor fünf Minuten selbst noch nicht wusste."
"Das tut mir leid."
"Mir auch. Wo ist Shane? Weiß er auch schon, dass er fast Papa geworden wäre?"
"Ich weiß nicht wo er ist. Er hat seine Sachen gepackt und ist weggefahren. Er weiß, dass du ein Baby verloren hast, ob er auch weiß, dass es seins war, weiß ich nicht. Eigentlich weiß ich überhaupt nichts, außer, dass er einfach abgehauen ist, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Ich bin vor zwei Tagen aufgestanden und er war verschwunden.", erzählte Morgan.
"Gib mir mal bitte den Umschlag neben dem Blumenstrauß.", bat ich Morgan eilig, in der Hoffnung es war eine Nachricht von Shane. Ich war noch immer sauer auf ihn, wegen der Sache mit Kimberley und den Worten, die er mir an den Kopf geworfen hatte, aber das änderte nichts daran, dass ich ihn liebte. Jetzt, wo ich mein Gedächtnis wieder zurück hatte, war ich mir da vollkommen sicher und ich hatte nicht vor, aufzugeben. Gerade jetzt würde ich weiter um ihn kämpfen um ihm zu zeigen, was für ein Miststück seine ach so tolle Kimberley war, wenn er noch nicht selbst darauf gekommen war! Ich wollte ihn zurück! Morgan reichte mir den Umschlag und ich begann ihn mit zitternden Händen zu öffnen. Ich war nervös.
"Er ist von Shane.", sagte ich flüsternd als ich ihn offen hatte und strich mit der flachen Hand über den Text, bevor ich anfing zu lesen:

21. Juli 2004
Liebe Gillian,

ich weiß nicht, wie ich je wieder gut machen kann, was ich alles kaputt gemacht habe. Wahrscheinlich kann ich es nie wieder ganz gut machen, wahrscheinlich willst du mich überhaupt nicht mehr sehen und ich kann es dir nicht einmal übel nehmen. Ich weiß nicht warum, aber Kimberleys Anwesenheit hat meinen Verstand komplett eingenommen, in diesem Moment war ich einfach nicht mehr der Shane, der ich eigentlich bin und es bringt mich regelmäßig zum Weinen, wenn ich daran denke, wie sehr ich dich verletzt habe. Meine Worte waren das Letzte und ich schäme mich, dass ich solche Dinge zu dir gesagt habe. Es war ein Fehler Kimberley kommen zu lassen, es war ein riesengroßer Fehler, das weiß ich jetzt und doch kann ich das Geschehene nicht rückgängig machen.

Nachdem Morgan dich an der Sligo Bay gefunden hat (ich weiß nicht, wie sie dich überhaupt gefunden hat, die Sligo Bay ist ja nicht gerade um die Ecke), kam sie zurück ins Restaurant. Völlig aufgelöst und Blutverschmiert. Kimberley saß am Tisch, als wäre nichts geschehen. Ich dachte zuerst, Morgan wäre verletzt, bis sie mir berichtete, dass du bewusstlos an der Sligo Bay gelegen hast. Brutal zusammengeschlagen. In diesem Moment stürmte Kimberley aus dem Restaurant und in diesem Moment wurde mir klar, dass sie es gewesen ist. Ich hatte mich schon gewundert, was sie so lange auf der Toilette machte, dabei war sie dir gefolgt. Ich hasse Kimberley dafür, aber noch mehr hasse ich mich selbst. Es tut mir leid, Gillian. Es tut mir so leid...

Wenn du diesen Brief hier ließt, bin ich wahrscheinlich schon weg. Morgan wird dir sicherlich schon berichtet haben, dass ich meine Sachen gepackt habe. Ich werde die nächsten Wochen an einem anderen Ort verbringen, ich muss raus aus Sligo, ich muss wieder ich selbst werden, bevor ich mich persönlich bei dir entschuldigen kann. Im Moment bringe ich es einfach nicht fertig, dir in deine wunderschönen Augen zu sehen, wo ich dich so schlecht behandelt habe. Ich weiß nicht, wann ich bereit bin wieder zurück zu kommen, aber ich werde zurückkommen. Das verspreche ich dir! Wenn ich wieder ich bin und die Geschehnisse begriffen und verarbeitet habe, bin ich wieder zurück. Sag Morgan bitte, dass es mir leid tut, dass ich ohne ein Wort gegangen bin, aber so wie ich sie kenne, hätte sie mich nicht gehen lassen. Ich hoffe, ihr versteht mich wenigstens ein bisschen und hasst mich nicht noch mehr dafür, dass ich einfach so gegangen bin.

Es freut mich übrigens, dass du dein Gedächtnis zurück hast, Gillian. Ich freue ich wirklich für dich und es verpasst mir jedes Mal einen Stich im Herzen, wenn ich daran denke, dass ich mich nicht mit dir zusammen freuen kann. Du kannst dir nicht vorstellen, wie gerne ich dich gerade jetzt in diesem Moment in den Arm nehmen möchte. Gleichzeitig macht es mich traurig, dass ich dir während einer schweren Zeit nicht beistehen kann. Unser Baby hat es nicht verdient, im Mutterleib zu sterben. Ich wünschte es wäre alles anders gekommen! Ich wünschte es hätte die Möglichkeit bekommen, das Licht der Welt zu erblicken und seine wunderbare Mummy kennen zu lernen. Doch alles hoffen und wünschen hilft nichts, es ist vorbei und nicht mehr rückgängig zu machen.

Es ist nun an der Zeit mich zu verabschieden, auch wenn es mir selbst schwer fällt, aber ich weiß, dass es für den Moment das Richtige ist. Es tut mir Leid, Gillian, das kann ich nur noch einmal wiederholen. Ich hoffe du kannst mir irgendwann verzeihen. Ich erwarte nicht, dass du das Vergangene vergisst, aber ich wünsche mir, dass du mir die Möglichkeit gibst es irgendwann wieder gut zu machen.

Ich liebe dich, Gillian.
Ich liebe dich, wie ich noch nie jemanden vor dir geliebt habe.
Ich liebe dich wie ich nie eine andere Person lieben kann.
Ich liebe dich für immer und ewig, komme was wolle.
Bis bald und alles Liebe,
dein Shane

Everything is okay in the end. If it’s not okay, then it’s not the end.
Nein, Gillian, das ist nicht das Ende, dafür werde ich kämpfen!!!

Ich legte den Brief auf meinem Schoß ab und wischte mir aufsteigende Tränen aus den Augenwinkeln, was mit dem Gips im Gesicht gar nicht so leicht war. Ich weiß nicht warum, aber Shane schaffte es in jeder Situation mich zum Weinen zu bringen.
"Wie kann er jetzt einfach so verschwinden? Gerade jetzt? Shane kennt mich echt gut, ich hätte ihn wirklich nicht gehen lassen.", warf Morgan ein.
"Ich kann ihn verstehen.", schniefte ich und Morgan legte einen Arm um meine Schultern.
"Ich hatte auch nichts anderes erwartet!", zwinkerte sie und ich musste lächeln.
"Sobald du aus diesem weißen, langweiligen, nicht gesundheitsfördernden Raum heraus bist, müssen wir unbedingt auf deine überwundene Amnesie anstoßen, ja?", wechselte Morgan das Thema und ich nickte begeistert. Hoffentlich durfte ich das Krankenhaus bald verlassen.

*Chapter 10*
-Waiting for a better day-

Fünf Tage später holte mich Morgan zusammen mit Brooklyn ab. Der Gips an der Nase war abgenommen worden, die Schwellungen am ganzen Körper nur noch halb so schlimm, die Schmerzen im Bauch komplett verschwunden, die Gehirnerschütterung nur noch ab und zu merkbar und meine Schwellungen an den Augen hatten schon vom rot-blau in gelb-grün gewechselt. Laut Dr. Dr. Richard Cole ein gutes Zeichen. Ich legte mein letztes T-Shirt in die Tasche und zog den Reisverschluss zu. Morgan wartete mit Brooklyn im Park, er konnte nicht mehr still sitzen und war kurz davor die Innenausstattung auseinander zu nehmen. Er musste unbedingt seine Energie abbauen und Morgan wollte ihn erst mal rennen lassen. Mir war das ganz recht so, ich war noch lange nicht fertig mit packen gewesen. Nun marschierte ich mit meiner gepackten Sporttasche in der Hand zur Rezeption um dort meine Abmeldung abzugeben. Die Frau musterte mich kritisch, wahrscheinlich überlegte sie ob ich wirklich schon bereit war, das Krankenhaus zu verlassen. Ich muss zugeben, ich sah wirklich alles andere als Gesund aus, aber mir ging es gut.
"Auf Wiedersehen.", verabschiedete mich die Dame.
"Hoffentlich nicht so bald.", dachte ich mir und lächelte ihr zu, bevor ich meine große Sonnenbrille aufsetzte und in den Park lief. Brooklyn sah ich schon von weitem über die grüße Wiese toben. Morgan saß auf einer Bank, wo sie Brooklyn gut im Blick hatte und unterhielt sich mit einem Mann. Erst als ich näher kam, erkannte ich, dass es der Polizist war, der mich im Krankenhaus besucht hatte. Er wollte den Vorfall an der Sligo Bay ganz genau wissen, um eventuell ein Verfahren gegen Kimberley einzuleiten. Letzten Endes verzichteten wir darauf. Immerhin war ich diejenige, die mit der Schlägerei angefangen hatte. Außerdem hatte ich keine Lust auf ewige Gerichtsverhandlungen. Es klingt dumm, aber ich wollte die Sache einfach so schnell wie Möglich abschließen und ob ich nun ins Gericht ging oder nicht, die Schmerzen und Verletzungen ließen sich sowieso nicht mehr rückgängig machen.
"Hi Sweetheart!", winkte mir Morgan zu und stand auf um mich zu umarmen.
"Hey.", begrüßte ich sie und küsste sie auf die Wange. Wie hatte ich unsere freundschaftlichen Begrüßungen in den vergangenen Wochen vermisst...
"Wie schön, dass du da bist."
"Ja, ich freu mich auch. Wer ist denn der nette Mann da neben dir?", flüsterte ich und Morgan grinste.
"Das ist Jamie. Eigentlich müsstest du ihn kennen. Es ist der Polizist-"
"Ja ja, ich weiß. Ich wollte es nur von dir hören.", kicherte ich leise. Morgan gab mir einen leichten Stoß in die Seite, bevor sie uns gegenseitig vorstellte.
"Was für ein Zufall. Wir hatten ja schon das Vergnügen miteinander.", lachte Jamie mich an und ich nickte. Ja, was für ein Zufall. Ich stellte meine Tasche ab und setzte mich neben Morgan. Mein Gesicht reckte ich gen Sonne. Mit geschlossenen Augen genoss ich diesen Moment. Es war schön zu wissen, dass ich nun hier im Park saß und nicht wieder zurück in das dämliche Krankenhauszimmer musste, so wie es die letzten Tage gewesen war. Nein, heute konnte ich nach Hause. Das erste Mal seit dem ich mein Gedächtnis zurück hatte. Ich seufzte laut und öffnete meine Augen wieder.
"An was hast du gedacht?", fragte Morgan lächelnd und knuffte mich in die Seite.
"Daran, dass ich heute endlich wieder nach Hause darf.", antwortete ich.
"Ich werde Brooke holen, damit wir endlich gehen können, okay?"
"Nein, nein, wir können auch noch länger hier sitzen bleiben. Brooklyn hat doch Spaß, sie nur wie er rumrennt, du kannst dich noch mit Jamie unterhalten und ich kann meine wirren Gedanken sammeln und ordnen."
"War das jetzt ironisch oder ernst gemeint? Brooklyn sitzt im Gras und beobachtet die Wolken..."
"Okay, lass uns gehen."
"Gill!" Morgan gab mir erneut einen Stoß in die Seite und ich musste kichern.
"Wenn Jamie möchte, kann er doch mit kommen.", zischte ich Morgan zu und griff nach meiner Tasche. Anscheinend war er nicht im Dienst, zumindest trug er keine Uniform, also warum nicht? Es war ja offensichtlich, dass sich Moe für ihn interessierte und diesmal wollte ich ihr nicht im Weg stehen. Morgan begann zu strahlen und wandte sich an Jamie, während ich zu Brooklyn lief. Als er bemerkte, dass ich da war, kam er freudig auf mich zu gerannt. Er hatte noch gar nicht mitbekommen, dass ich hier war.
"Gilly, Gilly!", schrie er erfreut und lief mir direkt in die Arme, die ich um ihn schlang.
"Brooklyn. Na? Hattest du Spaß?"
"Mhm.", nickte er und deutete in den Himmel.
"Schau mal, die Wolke ist Diego!", sagte er fasziniert und starrte mit seinen großen blauen Augen in den Himmel. Diego war sein Stoffpferd, das er einmal von Shane bekommen hatte. Und Brooklyn hatte Recht. Die Wolke sah wirklich aus wie ein Pferd. Und zum ersten Mal an diesem Tag kam mir Shane in den Sinn. Ich vermisste ihn schrecklich und hoffte er würde bald zurückkommen, wo immer er auch gerade sein mochte. Ich hatte meine Gedanken an ihn bis eben erfolgreich verdrängt, hatte mich mit meiner Abreise aus dem Krankenhaus abgelenkt und nun waren sie wieder da. Mit den Gedanken an Shane kamen auch meine Stimmungsschwankungen wieder nach oben. Gerade noch glücklich, war ich jetzt schon wieder deprimiert und fragte mich womit ich das alles verdient hatte.
"Komm, wir gehen.", sagte ich grob und nahm Brooklyn an der Hand. Mit schnellen Schritten lief ich auf Morgan und Jamie zu. Brooklyn hatte Schwierigkeiten hinterher zu kommen. Mein Gesicht war starr, die Augen leer und glasig.
"Was ist denn mit dir los?", fragte Morgan. Es war unglaublich, ihr fiel wirklich alles auf, wobei ich glaube, dass es nicht zu übersehen war, dass ich schlecht drauf war.
"Nichts. Lass uns gehen." Ich ließ Brooklyns Hand los und hob meine Tasche hoch.
"Komisch.", konnte ich Morgans Stimme hinter mir vernehmen. Ja, es war wirklich komisch, das wusste ich, doch ändern konnte ich daran auch nichts. Ich war mir sicher, dass sich meine Laune bis zu Hause sowieso wieder geändert hatte. Das ging seit fünf Tagen so.
"Ich geh schnell auspacken, dann komm ich.", sagte ich, als Morgan mich fragte, wann wir anstoßen wollten. Ich lief in mein Zimmer und schmiss die Tasche auf mein Bett. Ich sah mich schweigend um und freute mich, dass ich zu jedem Teil, das ich sah, eine kleine Geschichte wusste. Es war so schön wieder alles zu wissen. Ich setzte mich auf mein Bett und griff nach dem Bild auf dem Nachttisch. Ich betrachtete es eingehend und zum ersten Mal, seit dem ich den Brief gelesen hatte, stiegen mir Tränen in die Augen. Shane und ich sahen so glücklich aus, warum konnten wir das jetzt nicht auch noch sein? Warum konnten wir nicht zusammen so lachen, wie auf diesem Bild? Warum konnte ich mich nicht mit ihm zusammen freuen, dass ich meine Amnesie überstanden hatte? Warum, warum, warum...
"Bounty? Alles okay?" Morgan klopfte leise gegen die Türe.
"Ja, ich komme gleich." Ich wischte meine Tränen weg und räumte schnell meine Tasche aus. Es konnte ja nicht angehen, dass ich schon wieder anfing rumzuheulen. Shane war nicht für immer weg, er hatte es mir versprochen, dass er wieder zurückkommen wollte. Shane hatte seine Versprechen noch nie gebrochen. Shane würde zurückkommen, ich musste mich nur noch ein paar Tage oder Wochen gedulden! Schöne Aussichten... Nachdem wieder alles verstaut war, lief ich ins Wohnzimmer. Brooklyn war schon wieder eifrig mit seinen Legosteinen beschäftigt, während sich Morgan mit Jamie unterhielt. Der Sekt stand gekühlt auf dem Tisch, umgeben von vier leeren Sektgläsern. Mich hatte noch keiner gesehen, ich stand stumm im Türrahmen und konnte hören, dass Morgan mit Jamie über Shane und mich redete.
"Er ist einfach so weggegangen. Keiner weiß wann er wieder zurückkommt, er selbst wahrscheinlich auch nicht, aber ich hoffe es ist bald. Gillian leidet nur noch mehr darunter, dabei sollte sie sich eigentlich freuen. Diese blöde Schnepfe Kimberley hat alles kaputt gemacht.", schimpfte Morgan leise, als ihr Blick auf mich fiel.
"Oh, Gillian. Stehst du schon lange da?", fragte sie.
"Nein, bin gerade erst gekommen.", log ich. In meiner Jogginghose und dem übergroßen Pulli von Shane, sah ich wohl aus wie der letzte Gammler, aber das war mir im Moment egal. Jamie musterte mich von oben bis unten und ich dachte mir meinen Teil. Sicher war es nicht normal, dass ich bei 27° im Pulli durch die Gegend lief, aber ich war ja auch noch nicht hundertprozentig gesund.
"Gut, dann lasst uns mal anstoßen.", sagte Morgan voller Freude. Jamie entkorkte den Sekt, was Brooklyn mit staunenden Augen beobachtete. Quietschend vor Aufregung krabbelte er dem Sektkorken hinterher, der durchs Wohnzimmer kullerte, nachdem er von der Decke wieder auf dem Boden aufschlug. Brooklyn bekam Orangensaft in sein Glas und strahlte wie ein Honigkuchenpferd, als er mit den Großen anstoßen durfte.
"Auf Bounty.", grinste Morgan und ich begann zu lachen. Die Gläser klirrten und jeder nippte gleichzeitig an seinem Glas. Nur Brooklyn leerte seins mit einem Zug, wobei die Hälfte auf seinem T-Shirt landete.
"Der Brooklyn is nass.", sagte er und wischte mit seinen Patschehänden über den großen Fleck. Morgan rollte mit den Augen und stand auf um ihm ein neues T-Shirt anzuziehen. Brooklyn konnte richtig trinken und jetzt hatte er vor lauter Freude und Stolz vergessen wie es ging.
"Kleiner Dreckspatz." Sie nahm Brooklyn bei der Hand und verschwand mit ihm im Kinderzimmer. Jamie stellte sein Glas auf dem Tisch ab und fuhr sich nervös durch seine kurzgeschnittenen braunen Haare.
"Kann ich dich mal was fragen? Jetzt wo sie gerade weg ist?", fragte er und sah mich bittend an.
"Kommt drauf an was es ist.", antwortete ich und hatte so meine Vorahnung auf was er hinaus wollte.
"Denkst du, Morgan hat Interesse an mir?" Hab ich’s doch gewusst!
"Frag sie das doch selbst!", sagte ich frech.
"Nein, im Ernst. Ich hab keine Ahnung, wir haben noch nicht darüber geredet!", fügte ich hinzu. Das stimmte zwar nur halb, ich hatte natürlich eine Ahnung es war ja eigentlich nicht zu übersehen, aber das musste er ja nicht unbedingt wissen. Ich konnte ja nicht jetzt schon behaupten, Morgan hatte auf jeden Fall Interesse, wenn sie vielleicht gar nicht wollte, dass ich ihm das verriet und das wollte sie ganz bestimmt nicht. Nein, das musste er schon selbst herausfinden.
"Na ja, macht ja nichts. Ich werd’s schon noch erfahren!", zwinkerte er und fügte hinzu: "So eine Frau wie Morgan ist mir noch nie begegnet und Brooklyn ist mit Abstand der süßeste Kerl den ich kenne." Ich nickte. Ja, Brooklyn konnte schon ganz süß sein, wenn er mal keine Cornflakes-Überschwemmung verursachte, nicht die halbe Wohnung auf den Kopf stellte oder einem das Outfit ausnahmsweise mal nicht mit seinen kleinen, dreckigen Patschehändchen ruinierte. Ja, dann konnte er wirklich ganz süß sein. Ich wollte gerade etwas sagen, als die Tür aufging. Just in diesem Moment kam Morgan zurück. Brooklyn kam heulend hinterer getrabt, hinter sich her ziehend ein gelbes T-Shirt.
"Was hat er denn?", fragte ich irritiert.
"Er will sich nicht anziehen lassen. Das T-Shirt ist ihm nicht gut genug, also hab ich gesagt er soll sich allein anziehen, was er natürlich noch nicht kann. Aber auf so ein Theater lass ich mich jetzt nicht ein, er muss lernen, dass er nicht alles kriegt was er will. Ich bin einfach aus dem Zimmer gegangen und jetzt ist er zornig." Morgan zuckte mit den Schultern und drückte Brooklyn von sich weg, der sich an ihr Bein geklammert hatte und schrie.
"Brooklyn, jetzt ist Schluss.", sagte sie streng und Brooklyn ließ von ihr ab. Mit roten Augen setzte er sich auf den Boden und schmiss das T-Shirt achtlos weg. Sein Schreien und Heulen hatte noch immer nicht nachgelassen. Er war gerade in einem Alter, in dem er anfing seine Mutter zu testen. Er hatte so eine Phase vor einem Jahr schon mal, aber das hat nicht besonders lange angehalten. Aber ich finde, Morgan konnte ganz gut damit umgehen. Ich wünschte mir manchmal sogar ich hätte auch so starke Nerven und so unendlich viel Geduld. Sie war eine klasse Mama. Morgan ignorierte Brookes Schreien und ging achtlos an ihm vorbei zum Sofa. Brooklyns Heulen wurde noch lauter, er stand auf und stürmte wild auf Morgan zu. Die packte ihn geschickt und brachte ihn unter lautem Protest aus dem Wohnzimmer. Jamie starrte ihr entgeistert hinterher. Vielleicht sollte ich ihn mal fragen, ob er Brooke nun auch noch süß fand...
"Macht er das öfter?", fragte er und zog eine Augenbraue nach oben.
"Nein, eigentlich nicht. Brooklyn ist ein ganz lieber, aber im Moment probiert er aus, was er machen kann. So eine Phase hat wohl jedes Kind mal.", sagte ich und zuckte mit den Schultern.
Fünf Tage später hatte Brooklyn seinen ersten Tag im Kindergarten. Morgan war ein nervliches Wrack als sie zurückkam.
"Ist irgendwas passiert?", fragte ich besorgt und lief mit ihr zusammen in die Küche.
"Brooklyn hat geweint und nicht mehr aufgehört. Er wollte nicht dass ich gehe. Ich saß bestimmt eine halbe Stunde im Kindergarten rum und hab ihm erklärt, dass ich ihn am Nachmittag wieder abhole. Irgendwann meinte Miss Cooper, ich solle einfach gehen. Viele Kinder steigern sich in so einen Abschied total hinein und sobald die Eltern weg sind, dauert es überhaupt nicht mehr lange und es ist vorbei. Also bin ich gegangen. Miss Cooper hatte Brooklyn auf dem Arm und er hat so erbärmlich geweint. Einer Mutter bricht es das Herz, in so einer Situation zu gehen. Als ich mit dem Auto weggefahren bin, stand er am Fenster und hat mir zusammen mit Miss Cooper gewunken. Ich wäre am liebsten umgekehrt, aber irgendwann muss er es ja lernen. Hoffentlich geht’s ihm gut.", sagte sie voller Sorge und ich legte den Arm um sie.
"Natürlich geht es ihm gut. Er spielt bestimmt mit den anderen Kindern und du machst dir gerade viel zu viele Sorgen." Morgan nickte und goss sich ein Glas Wasser ein.
"Wahrscheinlich hast du Recht." Sie stand auf und machte sich daran die dreckige Wäsche zu waschen und anschließend die saubere zu bügeln. Ich verzog mich in mein Zimmer, drehte die Musik laut auf und begann abzustauben. *A hundred different ways I could say I’m sorry oh, and every other day I try something new oh, I’d write it out in blood if I thought you’d change but, oh It’s not enough for you*, tönte es aus den Lautsprechern. Ja hundert verschiedene Wege und welchen nahm Shane? Er verkrümelte sich. Hätte er nicht einen anderen Weg nehmen können? Zehn Tage waren nun vergangen, zehn unbeschreibliche Tage. Jeden Tag begann ich ihn mehr zu vermissen, jeden Tag hoffte ich mehr er würde wieder kommen. Ich verstand, dass er Abstand brauchte, ich verstand, dass er weg musste, aber so lange? Ich drückte das Lied weg und konzentrierte mich wieder auf meine Arbeit. Später am Nachmittag sah ich kurz in der Redaktion vorbei. Ich war nur noch zwei Tage krankgeschrieben, dann würde ich wieder zur Arbeit gehen. Ich hatte lange genug gefehlt und ich freute mich wieder auf das Schreiben. In der Redaktion wurde ich von allen herzlich begrüßt und bekam sogar einen Blumenstrauß, den Matthew beim Blumenladen nebenan besorgte. Ich klärte alles mit meinem Chef ab, bevor ich zusammen mit Morgan zum Kindergarten fuhr. Morgan musste mich dort vorstellen, damit ich die Erlaubnis bekam, Brooklyn auch mal abzuholen, wenn Morgan verhindert war. Seit vor zehn Jahren mal ein Kind entführt worden war, waren diese Sicherheitsvorschriften Pflicht. Brooklyn war überglücklich, als er seine Mama sah und kam stürmisch auf sie zugerannt.
"Na, mein Schatz? Hattest du Spaß?", fragte sie ihn und hob ihn hoch. Er nickte und schlang seine Arme um ihren Hals, als wolle er sie nie wieder loslassen. Man konnte meinen Morgan hätte ihn eine Woche lang nicht mehr abgeholt. Sie fragte noch bei Miss Cooper nach ob irgendetwas vorgefallen war und Miss Cooper berichtete ihr, dass Brooklyn den ganzen Tag gespielt hatte und erst wieder weinte, als er sah, dass die ersten Kinder abgeholt wurden. Das sei in den ersten Tagen noch ganz normal. Man konnte Morgan richtig ansehen, wie froh sie war das zu hören. Sie zog Brooklyn an, bevor wir zurück fuhren.

*Chapter 11*
-Back again-

Als wir zuhause ankamen schloss ich die Tür auf. Das erste was mir in die Augen stach, als ich den Flur betrat, waren die blauen Turnschuhe. Shanes Turnschuhe.
"Shane!", kreischte ich laut und stürmte ins Wohnzimmer, wo ich direkt in seine starken Arme lief. Ich konnte es nicht glauben, er war zurück. Er war wirklich wieder hier. Das Gefühl war überwältigend, einfach unbeschreiblich und ich brach zusammen, vor lauter Tränen und Freude. Laut schluchzend hing ich kraftlos in Shanes Armen der mich so festhielt, dass ich glaubte er würde mich nie wieder loslassen.
"Ich bin so froh, dass du wieder da bist.", weinte ich leise und Shane küsste mich auf den Haaransatz. Morgan stand gerührt im Türrahmen und drückte Brooklyn fest an sich. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, in der wir einfach nur im Wohnzimmer standen und uns festhielten. Meine Tränen wurden immer weniger und doch dauerte es fast 10 Minuten, bis ich mich wieder vollkommen beruhigt hatte. Ich öffnete meine Augen und drückte mich vorsichtig von ihm weg. Ich schniefte kurz und sah ihm dann direkt in seine Augen. Danach konnte ich mich einfach nicht mehr beherrschen, ich musste ihn einfach küssen. Ich sehnte mich nach seinen Lippen, die ich schon viel zu lange nicht mehr auf meinen spüren durfte. Ich zog seinen Kopf ein Stück nach unten und versank mit ihm in einem Kuss, der vor lauter Liebe und Leidenschaft nur so sprühte. Viel zu lange mussten wir darauf verzichten...

*Epilogue*

Seit diesen Ereignissen waren nun genau fünf Jahre vergangen. Es war damals keine erfreuliche Zeit und doch hatten uns diese Geschehnisse nur noch mehr zusammen geschweißt. Wir waren uns beide einig, dass uns nun nichts mehr auseinander bringen konnte. Hatte man einmal so etwas überstanden, war man allem gewidmet. Neun Monate nachdem Shane zurück gekommen war, hatte er mir einen Heiratsantrag gemacht. Ich war in diesem Moment der glücklichste Mensch auf Erden. Wir standen auf den Cliffs of Moher, als er vor mir in die Knie ging und die berühmte Frage stellte. Es war ein unglaubliches Gefühl und mir wurde einmal mehr bestätigt, dass ich diesen Mann mit jeder Faser meines Körpers liebte. Wir heirateten am 28. Dezember 2005 in Sligo. Es war einer meiner schönsten Tage in meinem Leben. Ich fühlte mich wie eine Prinzessin und Shane sah so unbeschreiblich gut aus. Unser Glück wurde perfekt, als am 22. August 2006 unser erster Sohn Tennessee auf die Welt kam. Ein prächtiger Junge, der Shane wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Er ist ihm so ähnlich, dass er mir manchmal ganz unheimlich ist. Wir bauten ein kleines Haus am Rande von Sligo, nicht weit weg von Morgan die zusammen mit Brooklyn und Jamie in der Wohnung blieb. Die beiden wollten nächstes Jahr heiraten und Brooklyns Geschwisterchen war bereits unterwegs. Es ist unglaublich wie sich das Leben von mir und Morgan verändert hatte. Vor 10 Jahren war es für uns unvorstellbar gewesen, eine Familie zu haben, verheiratet oder verlobt zu sein. Alles schien so unendlich weit weg und jetzt waren wir mitten drin und ohne Morgan wäre ich jetzt nicht das was ich bin. Ich liebe Shane unendlich und doch kommt nichts zwischen meine Freundschaft zu Morgan. Ohne sie hätte diese Geschichte nicht diesen Titel: nämlich *Love goes through everything*! Ohne sie wären manche Dinge komplett anders gelaufen und ich bin froh, dass es nicht so ist. Shane und Tennessee sind mein Leben. Das Leben von dem ich insgeheim die ganze Zeit träumte...

The End!