
Maureen war mit den Kindern wieder allein. Shane hatte mit der Band ein paar
Fernsehinterviews und würde erst gegen Abend zurückkommen. Es war
ein sonniger warmer Vormittag also ging sie mit den Zwillingen am See spazieren.
Ihr Handy klingelte. „Hallo meine Schöne!“ – „Shay! Ich dachte du musst
arbeiten.“, freute sie sich seine Stimme zu hören. „Ich hab jetzt eine
Stunde Freizeit. Himbeer oder Navy?“ – „Mhh?“ – „Ich bin einkaufen und kann
mich nicht entscheiden, also welche Farbe gefällt dir besser?“ – „Himbeer.
Da bin ich ja mal gespannt was es diesmal für heißer Fummel is.“
– „Tja, warts ab. Was machst du gerade?“ – „Ich strahle mit der Sonne um die
Wette weil du anrufst. Wir hängen draußen ein bisschen ab.“ – „Ich
vermisse dich.“ – „Ich dich auch. Komm bald nach Hause! Ich liebe dich.“ – „Ich
weiß, du bist mir verfallen, Baby.“ Maureen musste lachen. „Dein Lachen
hat mir gefehlt.“ – „Ja, und was noch?“ – „Das will ich jetzt lieber nicht in
der Öffentlichkeit sagen, aber ich werde es dir heute Nacht ausführlich
beschreiben. Drück die Mädchen von mir!“ – „Mach ich.“ – „Ciao!“ –
„Bis bald!“
Währenddessen hatte Carolin einen großen Zweig aufgehoben mit dem
die beiden jetzt spielten. Kaum hatte Maureen aufgelegt fing Julia an zu weinen
und lief zu ihrer Mama. Carolin hatte ihr aus Versehen damit ins Auge gestochen.
Maureen kniete sich vor ihrer Tochter hin und streichelte ihr über den
Kopf damit diese sich beruhigte und sie sich das Auge genauer ansehen konnte,
es blutete. Sie tupfte es mit einem Taschentuch ab, aber es hörte nicht
auf zu fließen. Sie mussten also beim Arzt vorbei gehen. Sie gab Julia
ein frisches Taschentuch in die Hand, damit sie es sich selbst auf das blutende
Auge halten konnte und nahm sie auf den Arm. Maureen wollte Carolin sagen, dass
sie jetzt gehen mussten, doch die kleine war verschwunden. „Caro?“ Sie drehte
sich nach allen Seiten um und sah gerade noch wie ein Mann mit Carolin auf dem
Arm durch den Wald verschwand. Sie rannte mit Julia hinterher, konnte ihn aber
nicht einholen, er war schon zu weit weg und durch ihr Asthma war sie ohnehin
nicht die Schnellste. Der Entführer erreichte die Straße und wurde
nur einen Wimpernschlag später von einem Auto erfasst. Hilflos mussten
Maureen und ihre kleine Tochter das ganze aus einiger Entfernung mit ansehen.
Der Wagen traf den Typen mit voller wucht und er und Carolin wurden durch die
Luft geschleudert und knallten auf den Asphalt. Maureen setzte Julia ab und
sank keuchend zu Boden, ihr Kreislauf kollabierte, der Schock hatte den Effekt
noch verstärkt. „Mummy! Mummy!“ Durch den Lärm des Unfalls aufgeschreckt
kam ein Spaziergänger mit Hund vorbei und lief zu Julia. „Was ist mit deiner
Mum?“ Aber Julia weinte nur. Er griff in Maureens Hosentasche und fand das Asthmaspray.
Der Mann hob ihren Kopf leicht an, schüttelte den Inhalator und hielt ihn
ihr vor den Mund. Maureen atmete das Spray ein und sah ihn dankbar an. Sie wollte
aufstehen und nach Carolin sehen, doch ihr war noch zu schwindelig. Sie gab
dem Hundebesitzer ihr Telefon, er verstand ohne Worte, sah sich die Unfallstelle
an und rief einen Krankenwagen. Auf Geheiß der Schwester am anderen Ende
der Leitung stellte er das Warndreieck auf und wartete an der Straße auf
den Notarzt.
Die Garda traf zuerst ein und sperrte den Unfallort ab. Maureen stand langsam
auf und ging mit Julia zur Straße. Sie war immer noch etwas wackelig auf
den Beinen, aber sie musste einfach wissen wie schlimm es ist. Bei Carolins
Anblick hätte es ihr fast wieder den Boden unter den Füßen weggezogen,
ihr kleiner Kopf lag in einer riesigen Blutlache. Ein Polizist nahm Maureens
Zeugenaussage auf, während der Notarzt die Verletzten behandelte. Er stellte
den Tod des Entführers fest. Der Fahrer des Wagens hatte genau wie Carolin
schwere Kopfverletzungen, schließlich war ein Mann durch seine Scheibe
geflogen. Carolin lebte noch, Maureen war zunächst erleichtert, das hätte
sie nicht für möglich gehalten. Der Körper des Entführers
musste wohl ihren Aufprall abgefedert haben. Maureen bedankte sich bei dem Hundebesitzer
für seine Hilfe und stieg mit Julia in den Krankenwagen.
Sie versuchte drei mal erfolglos Shane zu erreichen, schließlich schickte
sie ihm eine Kurznachricht und rief das Management an. „Ja hallo! Hier ist Maureen
Filan, du musst sofort bei dem Fernsehsender anrufen wo die Jungs grad sind.
Jemand muss dafür sorgen, dass Shane sich so schnell wie möglich bei
mir meldet. Mit Carolin ist etwas schreckliches passiert.“ Maureen wartete gemeinsam
mit Julia auf der Dachterrasse des Krankenhauses auf seinen Ruckruf. Obwohl
nur wenige Minuten vergingen schien es ewig zu dauern. Unter Tränen erklärte
sie Shane was passiert war. „...Es ist alles meine Schuld, ich hätte sie
nicht aus den Augen lassen dürfen.“ – „Du warst überfordert weil Jule
geblutet hat. Dass jemand Caro entführt während du dabei bist ist
ja kein Risiko mit dem du ständig rechnen musst. Mach dir bitte keine Vorwürfe,
das ändert jetzt auch nichts mehr. Du kannst nichts dafür. Ich fahre
sofort zu euch.“ – „Sei bitte vorsichtig, ich würde es nicht verkraften
wenn dir jetzt auch noch etwas geschieht.“ – „Ich liebe dich, Maureen.“ – „Ich
liebe dich auch.“
Maureen suchte mit Julia die Kinderstation auf und bat darum, dass sich ein
Arzt mal Julias Auge ansah. Es hatte zwar aufgehört zu bluten und tat auch
nicht mehr weh, aber Maureen wollte sich absichern. Der Arzt trug eine heilende
Salbe auf und sagte, dass es keinen Grund zur Sorge gab. Maureen ging mit ihrer
Tochter in die Cafeteria, für Jule war jetzt Essenszeit, sie selbst trank
nur einen Tee, ihr war ganz schlecht. Sie rief ihre Schwiegereltern an, damit
die Jule abholten.
Shane drückte Maureen ganz fest an sich, dann brachen beide in Tränen
aus. „Wie steht es um Caro?“ – „Ich weiß nicht, sie operieren noch.“ Einige
Minuten später kam ein Arzt zu ihnen. „Es tut mir sehr Leid Ihnen das sagen
zu müssen...“ – „Oh nein, ist sie etwa...?“, schluchzte Maureen. „Nein
sie lebt aber...“ – „Können wir zu ihr?“, fragte Shane. „Ich bringe Sie
hin.“ Hand in Hand folgten sie ihm und blieben vor einer Glasscheibe stehen.
Carolin schlummerte friedlich vor sich hin, sie sah fast so aus wie immer, bis
auf ein paar kleine Schnitte im Gesicht und den Verband um ihren Kopf. „Sie
hatte sehr starke Gehirnblutungen, viele Nervenenden wurden irreparabel beschädigt.
Sie wird von uns künstlich ernährt und beatmet. Sie kann mit Hilfe
der Maschinen noch Wochen, Monate oder sogar Jahre weiterleben, das liegt ganz
bei Ihnen.“ – „Wollen sie andeuten...?“, Maureen brach ab, es war zu schrecklich
um es auszusprechen. „Solange ihre Tochter lebt wird sie pflegebedürftig
sein.“ – „Wie schwer?“, wollte Shane wissen. „Voll pflegebedürftig, sie
wird nie wieder ein normales Leben führen können. Sie ist praktisch
klinisch tot. Ihr Gehirn arbeitet nicht mehr selbstständig, es wurde zu
schwer verletzt. Die meisten ihrer übrigen Organe sind hingegen noch intakt.
Bitte überlegen Sie sich ob Sie die spenden wollen. Sie können anderen
Menschen damit das Leben retten.“ Stumm schauten die beiden ihre Tochter an
während ihnen Tränen die Wangen hinunter liefen. „Ich lasse Sie jetzt
allein. Mein Beleid!“ Maureen legte ihren Kopf auf Shanes Schulter, er streichelte
sanft ihren Rücken. Sie standen eine Weile so da, bis Maureen als erste
ihre Sprache wiederfand. „Nun ja vielleicht sollten wir das tun.“ – „Was?“ –
„Die Organe spenden, wir könnten anderen Menschen damit helfen.“ – „Ich
will aber keinen anderen Menschen helfen, alles was ich will ist meine kleine
Carolin zurückhaben.“, entgegnete Shane trotzig. „Denkst du ich etwa nicht?
Aber du hast es ja gehört, es gibt keine Hoffnung. Sie wird nie wieder
aufstehen und uns anlächeln. Es ist für mich schwerer diesen Anblick
ertragen zu müssen und zu wissen, dass sie niemals mehr so sein wird wie
früher als sie gehen zu lassen.“ Shane nickte, sie hatte ja recht. Gemeinsam
suchten sie den Arzt auf und erklärten sich einverstanden die Maschinen
abstellen zu lassen und die Organe zu spenden, vorher wollten sie Carolin jedoch
noch ein letztes mal in den Armen halten. Es war ein schwerer Abschied und sie
beschlossen Jule an diesem Abend bei ihren Großeltern zu lassen, da sie
den Tag erst mal allein verarbeiten mussten.
Zufrieden sah sich Gillian die Abendnachrichten an. Der Entführer war dabei
umgekommen, er konnte keinem mehr etwas davon erzählen und der Verdacht
würde niemals auf sie fallen. Zwar hatte er sich nur den einen Zwilling
schnappen können, aber mit dem anderen würde sie schon fertig werden
wenn es soweit war. Jetzt musste sie nur noch abwarten. Sie beschloss Shane
eine Sms zu schicken. „Tut mir schrecklich leid, was dir schlimmes passiert
ist. Habs grad in den News gesehen. Lieber Gruß, Gillian.“
Shane hätte sich am liebsten sofort wieder in die Arbeit mit seinen Kumpels
gestürzt, um sich von dem Schmerz abzulenken, doch Maureen brauchte ihn
jetzt. Weil er für sie da sein wollte, nahm er sich die nächsten paar
Wochen frei von Westlife. Um Abstand von den Ereignissen zu bekommen flogen
sie zusammen weg. Die zwei Wochen Kuba taten ihnen gut, aber als sie daheim
ankamen war da wieder Jule, die genau so aussah wie ihre Schwester und Shane
zwangsläufig an Carolin erinnerte. Er hatte zwar nicht mit ansehen müssen
wie sie überfahren wurde, doch er träumte jede Nacht davon, wie es
gewesen sein könnte. Also ließ er seine junge Frau allein und ging
wieder mit den Jungs auf Reisen. Maureen fehlte ihm furchtbar und er rief sie
häufig an, doch ihm graute jedes mal davor zurückzukehren. Shane hatte
darüber nachgedacht, ob sie vielleicht noch ein Baby bekommen sollten.
Nicht um Caro zu ersetzen, sondern damit sie etwas hatten worauf sie sich konzentrieren
konnten, als Ablenkung. Doch er konnte sich nicht vorstellen, dass Maureen jetzt
schon wieder bereit war für eine Schwangerschaft.
Früher war Maureen nie mehrere Wochen hintereinander von ihrem Mann getrennt,
sie und die Mädchen waren eigentlich immer dabei und wenn Shane jetzt so
lange weg war, hatte sie das Gefühl, dass in ihrem Leben etwas entscheidendes
fehlte. Seit Carolins Tod fühlte sie sich mit Julia allein so einsam. Auch
sie hatte darüber nachgedacht wieder schwanger zu werden. Vielleicht würde
Shane dann wieder öfter zu Hause sein. Aber irgendetwas tief in ihr drin
hinderte sie daran und sagte ihr, dass es noch zu früh sei.
„Shay, was machst du eigentlich hier?“ – „Weißt du, ich bin froh, dass du das fragst. Wir sind eine Band, das heißt, wir nehmen Songs auf, die sich die Leute dann anhören.“ – „Komm schon, du weißt was ich meine. Geh nach Hause zu deiner Frau, sie braucht dich und du vermisst sie doch auch.“ – „Ja, aber ich ertrage Julias Anblick einfach nicht.“ – „Vielleicht hab ich nicht das Recht das zu sagen, weil ich noch nicht mal annährend nachfühlen kann was dir wiederfahren ist, aber du kannst die kleine doch nicht dafür bestrafen, dass sie genau so aussieht wie Caro.“ – „Is ja nich so dass ich sie vernachlässigen würde, aber es tut alles so verdammt weh. Weihnachten war die Hölle, da hab ich mich noch deutlich mieser gefühlt als sonst.“ – „Ihr müsst mal wieder zu zweit wegfahren.“ – „Machen wir doch ständig.“ – „Ich meine nicht nur übers Wochenende, sondern richtig. Ihr braucht mal ein paar Wochen nur für euch... Hier nimm die!“, Nicky drückte ihm einen Umschlag vom Reisebüro mit Flugtickets und Hotelbuchung in die Hand. Shane sah ihn entgeistert an. „Die Winterferien wollte ich Gina eigentlich zum Valentinstag schenken, aber du brauchst sie dringender als ich. Ich werd ihr n Armband kaufen oder sowas. Jetzt nimm schon die Tickets und rette deine Ehe!“ – „Danke, aber...“ – „Nichts aber! Maureen wird sich freuen wenn du sie damit überraschst. Vom Balkon aus kann man die Alpen sehen. Ihr könnt Ski fahren bis zum umfallen oder auf Apré Skis gehen bis euch schlecht wird vom vielen Bier oder dieser hässlichen Stimmungsmusik. Ich würde jedoch empfehlen im Hotel zu bleiben und dich mit ihr zu vergnügen. Das Bett ist so groß wie eine Spielwiese, das Zimmer hat einen Kamin und eine riesige Badewanne. Mal ehrlich, wann hast du das letzte mal mit ihr geschlafen?“ – „...“ – „Jetzt bist du sauer weil ich das gefragt habe.“ – „Nein, ich versuche nur mich zu erinnern. Irgendwann letzte Woche, glaub ich.“ – „Oh Mann, das ist ja traurig!... Sie ist eine wunderschöne Frau! So eine findest du nie wieder! Ich meine du wirst ja auch nicht jünger.“ – „Wie nett von dir!“, entgegnete Shane ironisch. „Ahh, immer verstehst du mich falsch! Okay, lass es mich mit den Beatles sagen. She loves you. And with a love like that, you know you should be glad. Yeah! Yeah! Yeah!”
Ihre Flitterwochen hatten sie ebenfalls in Deutschland verbracht, als Erinnerung
an diese Zeit trugen die Zwillinge auch deutsche Namen. Nicky hatte nicht zu
viel versprochen, die Residenz war erstklassig, mit Wellnessbereich und einem
internationalen Spitzenkoch als Küchenchef. Es war genau das was sie brauchten,
Ruhe, viel Sex und auch sonst viel Spaß, eine angenehme Ablenkung eben.
Aber nachdem sie erst mal ein paar Tage zu Hause waren, fühlte Shane sich
wieder genau wie vorher. Es half alles nichts. Es konnte noch so viel Zeit vergehen,
Shane verkraftete Carolins Tod einfach nicht, jedes mal wenn er Julia ansah
riss die Wunde von neuem auf. So kam es, dass er ein paar Wochen später
auszog.
„Wie bitte? Du hast Maureen verlassen?“ – „Es ist nur eine zeitweise Trennung.
Ich muss einfach mal ne Weile allein sein, um das mit Caro endlich zu verarbeiten.“
– „Und wie hat Maureen darauf reagiert?“ – „Sie hat geweint und mich angefleht
nicht zu gehen.“ – „Und da hast du es trotzdem übers Herz gebracht?“ –
„Leicht wars nicht, aber es muss sein. Ich hab doch schon alles probiert! Nichts
hilft mir mich besser zu fühlen. Ich brauche einfach etwas Abstand.“ –
„Abstand? Soll ich dir sagen was passieren wird? Ihr werdet euch von voneinander
entfernen. Ihr braucht Nähe und mehr Zeit für euch. Shane, sie ist
deine Frau, ihr habt ein Kind zusammen! Dadurch dass du sie zurücklässt
machst du es ihr noch schwerer, sie hat das ganze doch genau so schlecht weggesteckt
wie du. Du wirst jetzt deine Sachen nehmen, nach Hause gehen und dich bei ihr
entschuldigen! Ich meine es ernst, bevor du das mit Maureen nicht in Ordnung
gebracht hast, brauchst du dich hier gar nicht wieder blicken zu lassen.“ –
„Aber Mum!“ – „Ich will nichts mehr hören! Du hast mich schon verstanden.“
Niedergeschlagen trottete Shane aus der elterlichen Küche. Sein Vater kam
aus dem Wohnzimmer gerannt und passte ihn gerade noch an der Tür ab. „Deine
Mutter meint es nicht so. Na eigentlich schon. Ach, du weißt was ich meine,
sie hat Maureen ziemlich gern. Von mir aus könntest du bei uns bleiben,
aber ich will keinen Stress, tut mir leid.“ – „Schon gut, Dad! Ich such mir
ne Wohnung.“ – „Wenn du reden willst, ruf einfach an, ich bin immer für
dich da.“ – „Danke!“ Peter nahm seinen Sohn in den Arm, „Machs gut!“
Zufällig traf Shane Gillian wieder. Sie verabredeten sich wieder öfters und Gillian tröstete ihn über seinen Verlust hinweg, so kam eines zum anderen. Natürlich hatten auch sie damals Probleme gehabt, weswegen er sich schließlich von ihr getrennt hatte, doch das alles sah er jetzt nicht mehr. Wenn Shane hingegen Maureen anschaute, dachte er nicht mehr an ihr hübsches Lächeln, den Ausdruck in ihren Augen wenn er mit ihr schlief oder wie glücklich er einmal mit ihr gewesen war. Er dachte nur noch daran, dass ihre kleine Tochter gestorben war und mir ihr irgendwie auch die Liebe zu Maureen. Als Shane zum ersten mal seit so vielen Jahren wieder mit Gillian ins Bett stieg fühlte er sich schuldig für das was er Maureen damit alles antat, aber eine Stimme in seinem Kopf sagte „Schau nicht zurück, du darfst niemals zurückschauen! Ich dachte, ich weiß was Liebe ist, aber was wusste ich schon? Diese Tage sind für immer vorbei, ich sollte sie einfach gehen lassen.“.
Einsam und allein lag Maureen an diesem Oktoberabend auf ihrer Couch und sah sich ein Good Charlotte Konzert im TV an. Julia war bei ihrem Vater. Maureen hatte sich eben die Haare getrocknet, die sie vorher schwarz getönt hatte, nichts hätte ihre Stimmung besser ausdrücken können. Bei Good Charlotte hatten auch sie sich kennen gelernt, das war jetzt schon so viele Jahre her. Damals war Shane noch mit Gillian zusammen, hatte aber schon länger vorgehabt sich zu trennen. Nach einem Jahr hatte er Maureen gefragt, ob sie seine Frau werden wollte. Nachdem sie zwei Jahre verheiratet gewesen waren bekamen sie die Zwillinge. Niemals würde Maureen die Nächte mit Shane vergessen. Jetzt fühlte es sich manchmal so an, als wäre das alles nur ein Traum gewesen. Nein, sie verstand nicht, was mit ihrer Liebe geschehen war. Sie wollte ihn zurück, aber das wusste er ja. Sie hatte es ihm zwei mal gesagt, als er gegangen ist und als sie an Carolins Todestag so verzweifelt war. Maureen wollte ihn nicht ständig anrufen und damit nerven wie schlecht es ihr ohne ihn ging, deshalb beschränkte sie sich darauf möglichst traurig zu wirken, wenn sie Shane begegnete. Man konnte es ihr so deutlich ansehen, als wäre es in ihre Stirn eintätowiert „Komm zurück zu mir!“. Am Anfang unternahmen sie noch gemeinsam etwas mit Julia, doch seit Shane wieder mit Gillian zusammen war, ertrug Maureen es einfach nicht mehr in seiner Nähe zu sein, deshalb lieferte sie Jule nur bei ihm ab und nutzte ihre Freizeit dann damit etwas mit ihren wenigen Freundinnen zu unternehmen, wenn ihr nach etwas Aufmunterung war oder eben damit sich alte Fotos und Videotapes anzusehen, wenn sie einfach nur heulen und sich selbst bemitleiden wollte. Von wegen in guten wie in schlechten Zeiten. Wo war er jetzt, da sie ihn brauchte? Jede Nacht durchnässten Tränen ihr Kissen, mittlerweile waren es genug um einen ganzen Fluss damit zu füllen. Sie hatte so sehr gehofft sie könnte es schaffen ihn dafür zu hassen, dass er sie einfach mit ihrem Kummer allein gelassen hatte und vor allem dafür, dass Gillian jetzt diejenige war, die sich nachts an ihn schmiegte, doch es ging nicht. Nun ja, vielleicht hatte sie es ein bisschen übertrieben ihn zu lieben. Doch was spielte das jetzt noch für eine Rolle? Letztendlich würde es auf Scheidung hinauslaufen. Good Charlotte verabschiedeten sich und verließen die Bühne, als nächstes wurde ein Clip von Papa Roach gezeigt. „Do you even care if I die bleeding? Would it be wrong, would it be right if I took my life tonight? Chances are that I might.” Maureen konnte genau nachfühlen was der Sänger da von sich gab. Sie hatte auch schon oft daran gedacht, aber sie konnte Julia doch nicht allein lassen.
„Julia! Aufstehen, Frühstück ist fer...“ Shane öffnete ihre
Zimmertür und sah, dass ihr Bett leer war. Er schaute im Bad nach, doch
auch hier war sie nicht, nirgendwo in der ganzen Wohnung konnte er sie finden.
Ihre Jacke und ihre Schuhe waren verschwunden. „Scheiße! Julia ist weg.
Ich werd sie suchen gehen.“ – „Soll ich nicht mitkommen?“ – „Nein, bleib hier
falls sie zurückkommt.“ Gillian war es nur recht, dass die kleine abgehauen
war. Dieses Kind stellte ihre Geduld auf eine harte Probe. Wie konnte man mit
vier Jahren bloß schon so dickköpfig sein? Bestimmt hatte ihre Mutter
es dieser Göre extra eingeschärft. Sollte sie ruhig nie wieder auftauchen,
dann gab es nichts mehr was noch zwischen ihr und Shane stand.
Mit den Nerven am Ende klingelte Shane bei Maureen. „Ist Julia bei dir?“ – „Nein,
wieso sollte sie?“ – „Sie ist weggelaufen und ich weiß nicht, wo ich noch
suchen soll.“ Zusammen klapperten sie noch ein paar Orte ab, doch finden konnten
sie ihre Tochter nicht. Sollte sie nicht wiederkommen, hätte Maureen auch
noch den Rest aus den Trümmern ihres einst so wunderbaren Lebens verloren.
„Julia, was soll ich denn ohne dich machen? Du bist doch alles was mir noch
geblieben bist.“, flüsterte sie leise. Shane hörte es trotzdem, er
schaute sie an, sie war noch immer seine Frau, sie war immer noch genau so bezaubernd,
wie an dem Tag an dem er sie kennen lernte, auch wenn die dunklen Haare etwas
ungewohnt wirkten und plötzlich konnte er eines ganz deutlich spüren,
er liebte sie noch immer und er fühlte sich schuldig, weil er sie allein
gelassen hatte. Er streckte seine Hand aus und streichelte ihre Wange, dann
gab er ihr einen zaghaften Kuss. Überglücklich küsste sie ihn
zurück. Ja, zum ersten mal seit langem war sie wieder glücklich, so
wie früher, als sei nie etwas geschehen. „Es tut mir so leid, meine Liebste!
Ich war nicht für dich da, als du mich gebraucht hast. Ich habe nur an
mich gedacht, verzeih mir!“, weinte Shane. Auch Maureen liefen Tränen die
Wangen hinab, so gerührt war sie. Die beiden standen da wie zwei Teenager
nach dem ersten großen Krach. Sie kehrten zurück nach Hause um sich
zu vergewissern, ob Julia inzwischen vielleicht dort eingetroffen war. Sie fanden
sie auf ihrer Schaukel im Garten. „Julia, ich bin so froh, dass dir nichts passiert
ist. Wieso bist du denn einfach weggelaufen?“ – „Weil ich deine neue Freundin
nicht leiden kann und weil ich will, dass du Mummy wieder lieb hast.“ – „Aber
das hab ich doch.“ Die beiden nahmen ihre Tochter auf den Arm und drückten
sie ganz fest an sich.
Währenddessen räumte Journalist Gary Donnelly, in Dublin seinen Schreibtisch
auf. „Paul, sieh dir das hier mal an!“ – „Ich komme!“ – „Du erinnerst dich doch
noch an den Tag, als Maureen Filan mit ansehen musste, wie ihre Tochter überfahren
wurde?“ – „Klar, die Schlagzeile haben wir doch zuerst rausgebracht. Das müsste
jetzt anderthalb Jahre her sein.“ – „Das hier ist der Kerl, der die kleine entführt
hat...“ hielt Gary ihm den alten Artikel hin, „...und jetzt schau mal mit wem
Gillian Walsh auf diesem Bild hier redet.“ Paul schlug die Hand vor den Mund.
„Wenn sie ihn gekannt hat, dann hat SIE vielleicht...“ – „Ganz genau!“ – „Mann,
wo hast du das Foto denn her?“ – „Es war die ganze Zeit in meiner Schublade.
Womöglich gab es interessantere Sachen zu schreiben als ich es bekam, als
dass Gillian vielleicht einen neuen Freund hat. Also hab ich mir nicht die Mühe
gemacht herauszufinden wer der Unbekannte ist und es erst mal weggetan für
schlechte Zeiten und da hat es bis heute gelegen.“ – „Ja, aber jetzt ist er
kein Unbekannter mehr.“ – „Richtig!“ – „Und wir haben alle möglichen Informationen
über ihn.“ – „Richtig!“ – „Ich finde wir sollten seinen Nachbarn mal einen
Besuch abstatten.“ – „Sehe ich genau so. Na dann gehen wir gleich mal vorbei.
Ich hab schon nachgesehen wo er gewohnt hat, das sind nur 20 Minuten zu Fuß
von uns aus.“ Die beiden klingelten zunächst gegenüber der alten Wohnung
des Kidnappers. Die Tür wurde ihnen von einem stark muskelbepackten Mann
mit Glatze und haufenweise Tattoos geöffnet. „Tag, können wir Ihnen
ein paar Fragen stellen?“ – „Wieso? Sind Sie die verdammte Polizei oder was?“
– „Nein wir sind von der Presse. Es würde auch etwas für Sie dabei
herausspringen.“, Gary wedelte mit einem 20-Euro-Schein vor seiner Nase herum.
„Wie lange wohnen Sie denn schon hier?“ – „Ungefähr fünf Jahre.“ –
„Würden Sie sagen Sie kannten Ihren Nachbarn von gegenüber gut?“ –
„War n prima Kerl, hat mir seine Pornosammlung vermacht. Wir hatten da so ne
Abmachung, falls einer von uns mal den Löffel abgibt, entfernt der andere
die Videos aus dessen Wohnung, bevor die Angehörigen mitkriegen dass wir
alle unsere Tussis dabei gefilmt haben.“ Paul hielt ihm ein Bild von Gillian
hin, „Haben Sie diese Frau schon mal bei ihm gesehen.“ – „Die ist auch auf ner
Kassette drauf. Is aber langweilig, die reden nur.“ – „Wissen Sie noch was?“
– „Nö, das spul ich doch immer vor.“ – „Können wir uns das Band vielleicht
mal ansehen?“ Der Muskelmann verzog keine Miene. Gary holte einen Hunderter
heraus. „Ich such die Kassette! Wartet hier!“ Nach einigen Minuten hatte er
sie gefunden. „Aber wiederbringen! Das is so ne kleine Rothaarige drauf, die
hat n niedlichen Arsch. Rück mal noch 100€ raus, als Pfand, damit ich sicher
sein kann, dass ich sie zurück bekomm nachdem ihr sie überspielt habt.“
Gary sah Paul an. „Was?“ – „Jetzt mach schon! Ich hab keine 100€ mehr.“ – „Also
schön, hoffentlich lohnt sich das auch.“
Am nächsten Vormittag brachten Shane und Maureen Julia bei Shanes Eltern
vorbei. Die waren überglücklich, dass ihr Sohn wieder zurück
zu seiner Frau zog und erklärten sich gern bereit ein paar Stunden auf
ihre Enkelin aufzupassen damit die beiden Shanes Sachen aus der Wohnung holen
konnten. Als sie dort eintrafen, stiegen zwei Polizisten aus einem Streifenwagen.
„Ah! Gut, dass wir Sie treffen. Mrs Filan, können Sie uns bitte gleich
mal mit aufs Revier begleiten. Wir brauchen Sie als Zeugin, Sie müssen
jemanden identifizieren.“ – „Okay.“ Die Gardaí ließen die beiden
verwundert zurück und klingelten an der Haustür, die von Gillian geöffnet
wurde. Anscheinend war sie über Nacht geblieben und hatte die ganze Zeit
auf Shane gewartet. „Miss Walsh, wir müssen Sie bitten mitzukommen. Sie
stehen im Verdacht in Kindesentführung mit Todesfolge verwickelt zu sein.“
Shane konnte nicht glauben was er da hörte, es ergab alles einen Sinn.
„Du falsche Schlange!“, schleuderte er ihr eiskalt entgegen und wollte auf sie
losgehen. Niemals hatte er eine Frau geschlagen, doch Gillian sollte jetzt seinen
ganzen Zorn zu spüren bekommen. Maureen hielt ihn zurück. Es würde
nichts an der Sache ändern, außer dass die Bullen ihn wegen Körperverletzung
festnahmen. Gillian sah ihn verzweifelt an, „Aber Shane, das hab ich doch alles
nur für uns getan... Ich liebe dich doch!“, kreischte sie. „Du liebst mich?
Du liebst mich? Ich hasse dich für den Rest meines Lebens!“ Die Handschellen
klickten und die Polizisten verfrachteten Gillian im Auto. „Das war so gut wie
ein Geständnis. Es ist jetzt nicht mehr nötig, dass Sie uns begleiten,
Mrs Filan.“, sagte der eine Gardaí an Maureen gewandt. „Aber woher wussten
Sie, dass...“, fragte Shane. „Ein Videotape, das wir von den Kollegen aus Dublin
bekommen haben.“ – „Können wir es uns ansehen?“ – „Natürlich, das
ist Ihr gutes Recht.“
Die beiden fuhren ihnen hinterher und saßen wenig später in einem
Büro auf der Polizeistation. Der eine Bulle spulte das Band zurecht und
jetzt war der Kidnapper mit einem Mädchen im Bett zu sehen, dann war das
Bild kurz weg und nun konnte man ihn in Großaufnahme betrachten, wie er
die Kamera platzierte. Er musste seine Freundin jeden Moment erwarten oder er
wusste dass Gillian kam und nahm es auf um sie später damit zu erpressen
und mehr Geld zu verlangen. Es klingelte an der Tür, er verließ das
Schlafzimmer um sie zu öffnen. Er kam mit Gillian zurück und sie gab
ihm Informationen und einen Koffer mit Bargeld. „Was soll ich dann mit den Kindern
anstellen?“ – „Schaffen Sie die aus dem Weg.“ Er blätterte die Informationen
durch und stoppte bei einem Foto. „Ist das die Mutter?“ – „Ja das ist Maureen,
die Schlampe.“ – „Hübsch! Soll ich nicht vielleicht lieber sie entführen.
Am Ende würde es wie ein gewöhnlicher Sexualdelikt mit Todesfolge
aussehen.“ Shane gefror das Blut in den Adern, er nahm die Hand seiner zitternden
Frau und drückte sie sanft. „Nein, nehmen Sie ihr nur die Kinder weg. Ich
will dass sie noch richtig leidet, sie soll zusehen wie ich mir meinen Mann
zurückhole.“ Dann war die Aufzeichnung zuende.
Geschockt verließen beide das Polizeirevier. Das mit Caro war schlimm
und es wäre mies zu sagen, dass es besser so ist, als wenn das andere geschehen
wäre, trotzdem war Shane froh, dass Maureen nichts passiert war. Das hätte
er überhaupt nicht verkraftet, wenn man sie ihm auf diese Weise genommen
hätte.
Maureen schlief noch als Shane am nächsten Morgen aufwachte. Er beobachtete sie eine ganze Weile bis er Durst bekam und in die Küche ging um eine Glas Wasser zu trinken. Die Sonne ging gerade auf. Er machte es sich im Wohnzimmer auf der Couch bequem und schaute sich die wunderbaren Farben am Himmel an. Auf dem Couchtisch sah er die Hülle eines altes Beatles Tapes liegen, das Maureen wahrscheinlich bei ihrer Mum mitgenommen hatte. Er griff zur Fernbedienung und schaltete es an. Irgendwie musste es Schicksal sein, dass er sich das jetzt anhörte, dachte er. „...She said you hurt her so, she almost lost her mind. But now she says she knows you’re not the hurting kind. She says she love you, and you know that can’t be bad. Yes, she loves you, and you know you should be glad, oooh. She loves you, yeah, yeah, yeah, she loves you, yeah, yeah, yeah. And with a love like that you know you should be glad. You know it’s up to you, I think it’s only fair. Pride can hurt you too, apologize to her because she loves you...” Er ging nach oben und setzte sich zu ihr ans Bett. „Maureen, wach auf!“ – „Was ist denn?“, murmelte sie. „Ich muss dir was erzählen.“ – „Mhh! Später, wenn ich ausgeschlafen habe, okay?“ Er streichelte ihr Gesicht und ihr Haar, woraufhin sie zufrieden lächelte, ihre Augen beblieben jedoch geschlossen, wodurch sich Shane gezwungen sah ihr ins Ohr zu pusten. Sie erschrak und war auf einmal hellwach. Er lachte und grinste sie breit an. „Das ist das erste mal seit langem, dass ich dich so fröhlich sehe“, lächelte sie glücklich. „Ich hab mir seit einer Ewigkeit mal wieder den Sonnenaufgang angeschaut und da ist mir endlich etwas klar geworden. Carolin fehlt mir jeden Tag, ich werde sie immer vermissen, aber du liebst mich und dafür bin ich dankbar. Es tut mir leid, dass ich dir so weh getan hab, das hattest du nicht verdient. Von jetzt an bin ich immer für dich da, denn ich kann mir nicht mehr vorstellen auch nur einen Tag ohne dich zu sein.“ Sie küsste ihn innig und zog ihn zu sich, „Das gleiche gilt für mich, ich will auch nie wieder ohne dich sein.“
Ende