Müde und ausgelaugt ging sie die Straße entlang. Es regnete und sie zog ihren kurzen Mantel enger zusammen. Die Stunden danach waren die schlimmsten. Die Zeit davor und währenddessen ließen sich noch ertragen, aber danach fühlte sie sich schäbig, verletzt und schmutzig. Sie ging schneller. Sie wollte nur noch weg. Unter ihrem Mantel fühlte sie das enge schwarze Lederminikleid. Es drohte sie zu erdrücken. Das kalte Regenwasser platschte, wenn sie mit ihren schwarzen Stiefel in eine Pfütze trat. Noch drei Straßen, dann war sie endlich daheim. Sie ging so schnell und die Tränen und der Regen verschleierten ihren Blick, so dass sie die drei Männer, die hinter einer Hausecke standen, nicht sah. Erst als sie hervorstürmten, schrak sie zurück. Sie kamen langsam auf die zu. In ihren Augen blitzte es. Sie schienen getrunken zu haben. "Haben wir dich endlich, du miese Ratte!", sagte der größte zu ihnen. "Du glaubst wohl, du kannst Steve zum Narren halten. Aber nicht mit uns!" Sie kannte sie Jungs und ihren Ruf. Sie wusste, weglaufen würde nichts bringen. Aber sie konnte auch nicht bleiben. "Na kleine, bekommst du Angst?" Sie sagte nichts. Sie kamen immer näher. Der Größte war nur noch wenige Zentimeter von ihr entfernt als er zuschlug. Sie taumelte zurück. Suchte Halt. Er hatte sie genau ins Gesicht getroffen. Sie stolperte und fiel hin. Direkt in eine Pfütze. Sie kamen näher, bildeten einen Kreis um sie, den sie immer weiter schlossen. Sie traten auf sie ein. Sie konnte sich nicht wehren. Einer von ihnen machte sich an ihrem Mantel zu schaffen. Er riss solange an dem Gürtel bis der Mantel sich öffnete. Ihr Kleid war durch das Wasser hoch gerutscht. Sie versuchte vergeblich ihre Blöße zu bedecken, was ihr aber nicht gelang. Sie schloss die Augen. Betete, dass das, was ihr jetzt bevorstand nicht passieren würde. Sie traten weiter auf sie ein. Wie auf einen alten Fußball. Sie krümmte sich zusammen und hob ihre Arme schützend über ihren Kopf. Da hörten sie einen Wagen scharf neben sich bremsen. Eine Tür ging auf und jemand stieg aus. Gedämpft hörte sie Stimmen. "Was tun sie da? Lassen sie die Frau in Ruhe." Die Männer um sie herum hörten auf und sie spürte, wie sie zurückwichen. "Los verschwinden sie oder ich rufe die Polizei!" Sie hörte eilige Schritte von mehreren Personen, die sich entfernten. Jemand beugte sich zu ihr und sprach sie an. Sie wollte nicht reagieren und rührte sie nicht: "Hallo? Alles in Ordnung mit ihnen? Sie sind weg!" Langsam öffnete sie die Augen und blickte in das Gesicht eines Mannes. Der lächelte sie aufmunternd an und sie versuchte aufzustehen. "Geht es ihnen gut?", fragte er mit einer sanften Stimme. Sie versuchte zu nicken. Er streckte ihr die Hand hin: "Ich bin Shane und sie?" "Nennen sie mich einfach Kelly." "Okay Kelly, was wollten die von ihnen?" Kelly sagte nichts. Sie schaute beschämt zu Boden. "Okay, ich verstehe! Sie bluten ja!", sagte Shane und berührte mit seinem Finger vorsichtig ihre Augenbraue. "Am besten ich nehme sie mit zu mir da kann ich sie verarzten!" "Nein!", Kelly wich zurück. "Hey, ich will sicher nicht das, was sie denken!" "Gehen wir bitte lieber zu mir. Ich wohne gleich um die Ecke!" "Okay, steigen sie ein!" Kelly kletterte in sein Auto. Während der Fahrt musterte sie Shane von der Seite. Er sah gut aus. Sehr gut um genau zu sein. Aber Kelly hatte keine Zeit sich darüber Gedanken zu machen. Sie dachte an Steve. Wenn er das erfahren würde, dann würde er sie umbringen. Sicher hatten die Jungs gesehen, dass sie mit Shane weggefahren war. Kelly hatte schreckliche Angst. Kelly deutete auf ein großes graues Haus und Shane hielt an. Erst als sie ausstiegen fiel Kelly auf was für ein teures Auto er trug und auch seine Klamotten sahen nicht billig aus. Er würde sicher gut zahlen" Als Kelly sich bei dem Gedanken ertappte zuckte sie zusammen. Er hatte ihr geholfen. Sie konnte das jetzt nicht ausnutzen. Sie sollte dankbar sein. Sie betraten das Haus. Ein unangenehmer Geruch kam ihnen entgegen. Kelly war ihn schon gewöhnt, aber Shane musste es doch bemerken? Aber er verzog nicht eine Miene. Er schaute sich neugierig um, was Kelly peinlich war. An der Wand bröckelte der Putz ab, die Holztreppen splitterten und knarrten. Das Geländer war nicht mehr weiß sondern grau und die Wände waren nicht schalldicht. Aber Shane ließ sich nichts anmerken, auch nicht, als Kelly nach dem Aufschließen mit dem Fuß gegen die Tür treten musste, damit sie sich öffnete. Sie schloss die Türe hinter sich. Diesmal schien Shane tatsächlich erstaunt, was ihn hinter der Tür erwartete. Kelly hatte sich Mühe gegeben ihre Wohnung schön einzurichten. Aber was nützte schon eine schöne Wohnung, wenn die Welt in der man lebte so unschön war? Da half auch ein Sofa, ein Kamin und eine kleine gemütliche Küche nicht um abschalten zu können. So empfand es zumindest Kelly. Etwas beschämt sagte sie: "Setz dich doch, ich zieh mich nur schnell um!" Sie verschwand im Nebenzimmer, ihrem Schlafzimmer. Den Mantel legte sie nach ganz unten in den Schrank, ebenso das Kleid. Die Stiefel schob sie unters Bett. Dann betrachtete sie ihr Gesicht im Spiegel. Sie sah schrecklich aus. Die Wunde über ihrer Augenbraue hatte aufgehört zu bluten, war aber immer noch verschmiert. Ihre Schminke war durch den Regen und die Tränen verlaufen und die Haare hingen ihr unkontrolliert ins Gesicht. Jetzt, da sie vorerst in Sicherheit war, fiel die ganze Anspannung von ihr ab und die Schmerzen, die die Schläge und Tritte hervorgerufen hatten spürte sie umso mehr. Sie schminkte sich ab, band ihre Haare zu einem Zopf und zog sich einen weiten Pulli und eine Jeans an. Dann verließ sie ihr Schlafzimmer. Shane saß noch immer auf dem Sofa und lächelte, als sie das Zimmer betrat. "Haben sie irgendwo Verbandszeug?", fragte er Kelly. Diese nickte und fragte: "In der Küche, wollen sie was trinken?" "Höchstens ein Wasser, danke!" Kelly holte in der Küche das Verbandszeug und das Getränk für Shane. Er nahm einen Schluck, dann öffnete er den Verbandskasten. "Leg dich aufs Sofa!" "Was??" "Leg dich aufs Sofa, damit ich deine Wunde verarzten kann." Kelly grinste verlegen und legte sich hin. "Okay, jetzt kann es ein bisschen wehtun, aber ich muss die Wunde desinfizieren!" "Ahhh!" "Tut mir Leid!" Kelly öffnete die Augen. Sie schaute Shane direkt in die Augen. Er hatte wundervolle Augen. Braun! Aber ein wunderschönes braun. Und wie er mit ihr umging. So sanft und vorsichtig. Kelly war es von Männern nicht gewöhnt, dass sie sanft mit ihr umgingen. Als Shane fertig war setzte sie sich auf. "Shane, sagen sie mal, wie haben sie es geschafft, dass sie Jungs so schnell abgehauen sind?" Er nahm seine Jacke herbei und zeigte ihr den Inhalt seiner Brusttasche: Eine Pistole! Kelly zuckte zurück. "Warum"warum tragen sie eine Pistole bei sich?" "Das ist in meinem Job manchmal notwendig. Es ist gefährlich sich abends allein in Dublins Straßen aufzuhalten. Es gibt Neider! Verstehen sie?" "Nein, ich verstehe nicht so ganz. Was arbeiten sie denn?" "Das ist nicht so wichtig. Ich kann es ihnen noch nicht sagen!" "Noch nicht?" "Heißt das, dass wir uns vielleicht wieder sehen?" Mit einem frechen Blick schaute sie ihm direkt in die Augen. Er nickte. "Ja, das könnte schon sein!" Sein Gesicht war nur Zenitmeter von ihrem entfernt. Langsam näherten sich seine Lippen und als sie aus Kellys trafen, explodierte in Kelly ein wahres Feuerwerk. Was waren das für Gefühle? Sie waren Kelly unbekannt, aber sie waren schön. Wunderschön! Nach einer Weile löste sich Kelly von Shane. Sie war verwirrt. Shane kannte ihren Beruf, das ließ sich nicht leugnen. Aber warum versuchte er dann nicht mit ihr zu schlafen, wie es alle anderen Männer taten? Shane lächelte sie an. Das verwirrte Kelly noch mehr. Sie saßen sich eine Weile schweigend gegenüber, keiner sagte etwas. Worte waren auch überflüssig. Kelly sagte: "Vielleicht ist es besser, wenn du jetzt gehst!" Shane schaute sie erschrocken an: "Hab ich etwas getan, dass dich verletzt hat?" Diese Worte verwirrten Kelly noch mehr. "Nein"Nein hast du nicht! Ich " ich will nur ein bisschen schlafen." "Okay, das verstehe ich! Darf ich dich morgen besuchen kommen?" Kelly nickte langsam. Shane fragte: "Morgen Abend?" "Morgen Abend? Das ist schlecht. Da muss ich"muss ich"ich muss arbeiten morgen Abend!" Sie schaute beschämt zu Boden. Shane nickte langsam. "Ich verstehe! Der Job geht vor!" "Es ist nicht so, dass ich dich nicht sehen will. Aber wenn ich nicht arbeiten gehe und"und das Geld reinbringe, dass Steve verlangt, dann " dann passiert mir eben dass, was du heute nochmals verhindern konntest." Eine Träne bahnte sich den Weg über ihre Wange, ohne, dass sie es verhindern konnte. "Wieviel Geld will dein " dein Boss"Steve an einem Abend von dir sehen!" "Mindestens 200Euro! Aber jetzt geh bitte!" Sanft aber mit Druck schob sie ihn zur Tür. "Tschüss Shane!" "Bye Kelly!" Sie schloss die Türe, drehte sich um und sank daran hinunter. Sie vergrub die Hände in ihrem Gesicht. Jetzt war genau das eingetreten, wovor sie sich immer gefürchtet hatte. Sie hatte sich verliebt. Obwohl Kelly das Gefühl verliebt zu sein nicht kannte, war ihr klar, dass die Gefühle die sie gerade durchlebte, etwas mit Liebe zu tun haben mussten. Sie waren so schön und gleichzeitig so niederschmetternd. Sie schienen so zerbrechlich und machten einen traurig.
Am nächsten Abend, kurz vor 20 Uhr klingelte es bei Kelly an der Türe. Sie hatte sich gerade fertig gemacht und wollte losgehen. Erschrocken ging sie zur Tür und rief: "Wer ist da?" "Ich bins, Shane. Darf ich reinkommen?" Kellys Hände begannen zu zittern, als sie die Türe öffnete. Shane stand lächelnd vor der Tür. "Hi Kelly!" "Ha"Hallo Shane! Ich hab dir doch gesagt, dass ich nicht"dass ich heute keine Zeit habe! Es tut mir Leid!" "Ich weiß, du musst arbeiten. Aber hier!" Er drückt ihr 300 Euro in die Hand. "Shane" was"wie" was soll das?" "Na ja, ich dachte, wenn ich dir das Geld gebe, dann musst du nicht arbeiten gehen, weil du das Geld hast." "Shane, ich kann das nicht annehmen." Kelly war mehr als gerührt, aber sie drückte Shane die Scheine wieder in die Hand. "Warum denn nicht? Ich hab mehr Geld als genug. Los, nimm es jetzt und lass mich endlich rein. Dein Treppenhaus ist ziemlich kalt!" Kelly wusste nicht wie ihr geschah. Die Wärme in Shanes Augen, wenn er sie ansah brachte sie völlig aus der Fassung. Er gab ihr das Geld, damit sie nicht arbeiten gehen musste und er den Abend mit ihr verbringen konnte? Oder wollte er dafür doch eine Gegenleistung. Kelly war sich nicht sicher und beschloss, abzuwarten. Aber Shane sagte nichts. Sie verbrachten den ganzen Abend auf dem Sofa, unterhielten sich, küssten sich immer wieder. Aber weiter ging Kelly nicht.
So ging es viele Abende lang. Die beiden lernten sich näher kennen, erzählten sich ihre Lebensgeschichte. Ihnen wurde nie langweilig. Zwischen ihnen baute sich so etwas wie ein Band auf, dass sie verband. Kelly bekam von Shane jeden Abend das Geld und überwies es jeden Nachmittag an Steve. Alles schien glücklich und zufrieden zu sein. Bis zu dem Abend, der alles veränderte. Kelly saß daheim und wartete auf Shane. Es war kurz vor 20 Uhr. Es klingelte wie gewohnt an der Haustüre und Kelly öffnete nichts ahnend. Sie erwartete Shane. Aber es war nicht Shane, der vor der Tür stand. Es waren die drei Typen, die sie vor Wochen abends verprügelt hatten. Kelly wollte die Türe wieder zuschlagen, aber schon waren sie im Zimmer. "Steve hat uns geschickt. Er hat spitz gekriegt, dass du nicht mehr arbeitest!" "Aber"aber das stimmt nicht. Ich gehe arbeiten und zahle das Geld! Jeden Tag!" "Das ist Steve egal. Du weißt was mit den Mädchen passiert, die nicht so wollen wie Steve es will, oder?" Kelly bekam Angst. Sie hatte schon von Mädchen gehört, die eines Tages nicht mehr zu ihrem Job auftauchten. Es gab viele Gerüchte darüber, was mit ihnen geschehen war, aber die meisten waren sich sicher, dass sie nicht mehr lebten. Kelly wich zurück. "Bitte, lasst mich! Ich verspreche, ich werde jetzt immer so arbeiten, wie Steve es will. Ich werde ihm die doppelte Menge an Geld beschaffen. Ich schwöre es euch!" "Tja, das hättest du dir früher überlegen sollen! Steve wird nicht gerne verarscht. Die Männer kamen ihr immer näher. Einer von ihnen zog etwas aus seiner Tasche. Als Kelly sah, was es war schrie sie auf. Aber zu spät. Ein Schuss ertönte, ein Schmerz durchfuhr Kellys Bauch. Sie taumelte rückwärts, ihr wurde schwarz vor Augen und sie fiel. Fiel immer tiefer, bis sie auf dem Boden taumelte. Mühevoll öffnete sie die Augen. Sie erkannte gerade noch, wie die Männer davonrannten. Die Schmerzen in ihrem Bauch waren unerträglich. Sie sah ihr Leben vor ihren inneren Augen entlangflimmern. Ein unerfülltes, kurzes und grausames Leben. Kelly hörte Stimmen, dann einen Schrei. Viele ihrer Nachbarn standen in der Tür. Kelly sah wie sich jemand aus der Gruppe löste, es war Shane. Er hockte sich neben sie. Tränen blitzten in seinen Augen. "Kelly, nein! Bitte, schau mich an, du schaffst das, der Krankenwagen ist unterwegs. Wir schaffen das!" Kelly schaute ihn an. Sie wollte etwas sagen. Sagen, dass sie es nicht schaffte. Aber sie konnte nicht reden. Sie Schmerzen steigerten sich von Sekunde zu Sekunde. Kelly wünschte sich nur noch, dass sie endlich ein Ende hatten. Shane saß neben ihr, streichelte ihr Gesicht und weinte. Weine leise, aber Kelly sah es und dieser Schmerz in ihrem Herz war noch schlimmer als alle anderen Schmerzen. Noch einmal nahm sie ihren letzte Kraft zusammen und sagte: "Shane"bitte"weine nicht. Die letzten Wochen waren die schönsten in meinem Leben. Ich bin so froh, dass ich dich noch kennen lernen durfte" Dafür werde ich immer dankbar sein. Shane, bitte, sei stark. Ich liebe dich! Ich werde dich immer lieben! Das verspreche ich dir!" "Kelly, bitte"nein! Kelly! Ich liebe dich auch!" Er beugte sich zu ihr und küsste sie. Sie erwiderte seinen Kuss. "Shane, bitte vergiss mich nie!" Eine Träne lief ihre Wange hinab, bevor sie die Augen schloss, und in Shanes Schoß sank.