„An alle werten Damen im Lande!
Am kommenden Sonntag Abend, den 05.07.1804 ab 20:00 Uhr, findet zu Ehren des 25. Geburtstages des Prinzen, ein Ball im Schlosse statt.
Dort wird der Prinz mit Hilfe seiner Eltern, dem König und der Königin, eine Frau suchen, die den Prinzen vor den Traualtar begleiten und später für den Thronnachfolger sorgen wird.
Es sind alle Damen des Landes Irlands über 20 Jahren eingeladen den Ball zu besuchen und sich um den Prinzen zu bemühen.
In diesem Sinne viel Glück und Spaß am Ball.
Der höchste Diener des Prinzen,
Markus Feehily
Sligo, den 03.07.1804“
„Hey, Julia! Wäre das nicht etwas für uns? Wollen wir nicht um die Hand des Prinzen kämpfen?“ Völlig außer sich vor Freude und Aufregung wedelte Amanda mit einem Blatt Papier vor Julia’s Gesicht herum. Amanda hatte dieses Stück beschriebenes Etwas vorhin beim Spaziergang mit ihren Eltern auf einem Stein gefunden. „Ganz ruhig, Am. Du hast das jetzt so schnell vorgelesen, dass ich gerade mal die Hälfte verstanden habe. Also bitte nochmals von vorne.“ „Der Prinz gibt in zwei Tagen einen Ball um endlich eine Frau für sich zu finden. Sie muss über zwanzig Jahre alt sein, sonst steht hier keine Einschränkung. Du und ich sind mit zweiundzwanzig bzw. dreiundzwanzig Jahren also alt genug. Was sagst du?“ „Dass sich der Prinz sicherlich freuen würde, wenn zwei Bauernmädchen wie wir in ihren dreckigen Lumpen dort auftauchen würden. Amanda, das wäre absolut absurd.“ „Nein, eben nicht. Hier steht ‚an ALLE Damen’, also auch an uns. Und das mit den Kleidern ist auch kein Problem. Wir nehmen einfach die Brautjungferkleider meiner Schwester.“ „Dann wären wir ja auch noch im Partnerlook. Am, das ist ein wirklich schlechter Witz.“ „Keine Sorge, Julia. Ich konnte dieses Rot nicht ausstehen. Ich wollte lieber ein dezentes Blau. Aber die Farbe gab es nur in Kombination mit einem anderen Kleid. Und du weißt wie ich bin, wenn ich mir mal etwas in den Kopf gesetzt habe.“ „Oh ja. Der dickste Sturrkopf aller Zeiten.“ Julia lachte und auch Amanda fing nach kurzer Zeit des Schmollens an zu lachen. „Deine Schwester hat dir tatsächlich erlaubt, dass du anders gekleidet herum läufst als der Rest der Brautjungfern?“ „Also nicht direkt.“ „Was soll das heißen?“ „Sie weiß es eigentlich noch gar nicht.“ „Was?“ Julia prustete los. „Warum lachst du?“ „Sorry, aber ich habe mir nur gerade das Gesicht deiner Schwester vorgestellt, wenn sie dich am schönsten Tag ihres Lebens plötzlich in Blau anstatt in Rot sieht. Das wird ein Schock für’s Leben.“ „Solange nur meine Kleidung blau ist und nicht mein Zustand, kann sie ja froh sein.“ Amanda zwinkerte Julia frech zu. „An so etwas sollte eine so junge Dame wie du noch nicht einmal denken, Am.“ „Ach komm, Julia. Sei doch nicht immer die anständige, junge Lady die jeder sehen will. Du machst immer das was andere von dir wollen.“ „Das stimmt gar nicht. Nimm das zurück, Amanda oder du bist für die längste Zeit meine beste Freundin gewesen.“ „Soll das eine Drohung sein? Ich zittere vor Angst.“ Julia streckte ihr die Zunge heraus. „Nanana... das war aber jetzt auch nicht sehr lady-like.“ „Na und?“ „Ok, vergessen wir das mal. Gehen wir jetzt auf den Ball? Oh bitte, Julia, sag ja. Ich will endlich auch unter die Haube kommen.“ „So? Du bist dir ja sehr sicher, dass der Prinz dich auswählen wird.“ „Das habe ich nicht gesagt. Aber ich bin mir sicher, dass neben dem Prinzen noch so der ein oder andere attraktive Mann den Ball besuchen wird.“ „Denkst du, die wollen dann nicht auch den Prinzen heiraten?“ Julia zwinkerte Amanda zu. „Haha, sehr witzig, Julia Clarkson. Also, was ist jetzt? Gehen wir hin? Bitte, bitte sag ja.“ „Na gut. Damit du aufhörst wie ein Kleinkind zu betteln. Es wird dort schon nichts großartiges geschehen.“ Oder doch?
„Jetzt halte dich doch mal still, Julia. So bekomme ich dein störrisches Haar nie unter Kontrolle.“ „Tut mir wirklich leid, Am. Ich versuche es ja auch. Aber jedesmal wenn du die nächste Klammer in mein Haar steckst, meine ich, du spießt damit mein Gehirn auf.“ „Haha, sehr witzig, Clarkson. Wenn es dir nicht passt so wie ich es mache, dann mach es selber oder such dir einen anderen Idioten.“ Beleidigt knallte Amanda die restlichen Haarnadeln auf den Tisch an dem Julia saß. Die beiden Mädchen waren nun seit gut drei Stunden damit beschäftigt sich für den Ball, der heute Abend stattfinden sollte, herzurichten. Leider schafften sie dies nicht ohne den ein oder anderen Zwischenfall. Erst riss bei Julia’s Kleid ein Knopf ab, dann hängte sich Amanda mit ihrer fertig gestylten Haarpracht am Fenster ein. Und so ging es gute drei Stunden lang. Was sich bei Beiden auch nervlich zeigte. Beide wollten dem Prinzen auf alle Fälle gefallen. Nur gefallen, sie mussten ihn ja nicht gleich heiraten. Jedenfalls nicht gleich, um es mit Amanda’s Worten auszudrücken. „Ok, es tut mir leid, Amanda. Bitte mach weiter. Du weißt doch, dass niemand so tolle Frisuren zaubern kann wie du.“ „Ach, auf einmal?“ „Ja, hmmm.“ Julia nickte energisch mit dem Kopf. „Ok, weil du es bist.“ Sie schnappte sich wieder ein paar der Nadeln und machte damit weiter Julia’s langes, braunes Haar zu ordnen. Nach einigen Minuten war sie auch damit fertig. „Du bist ein Engel, Am. Vielen Dank.“ Stürmisch fiel Julia ihrer besten Freundin um den Hals. „Hey, langsam. Ich will nicht wieder bei Allem von vorne anfangen müssen.“ „Oh, tut mir leid.“ „Schon ok. Wann kommt eigentlich Egan um uns zum Schloss zu bringen?“ „Ach Am. Nenn Kian doch nicht immer nur ‚Egan’.“ „Aber so heißt er doch – Kian Egan.“ „Ja, das schon, aber...“ „Aber?“ „Ach vergiss es. Du nennst ihn ja in deinem Grab auch noch nur Egan. Obwohl ‚Kian’ so ein schöner Name ist.“ „Also in meinem Grab denk ich sicherlich nicht an Kian. Und wenn doch, weiß ich, dass ich als Verrückte gestorben bin.“ Amanda lachte. „Hey, beleidige Kian nicht so. Er ist immerhin seit...“ „Seit über zwanzig Jahren dein bester Freund. Ich weiß.“ Amanda verdrehte die Augen. „Mich wundert es nur, dass du noch nie mehr von ihm wolltest als nur Freundschaft.“ „Weil ich diese Freundschaft niemals auf’s Spiel setzten würde. Wir würden beide unser Leben opfern für den anderen. Nein, das würde ich niemals wagen.“ „Na wenn du meinst. Wann kommt er jetzt eigentlich? Er bekommt doch die Kutsche von seinem Vater, oder?“ „Ja, genau. Es ist wohl besser in einer feineren Kutsche dort aufzutauchen, als in eurer oder unserer Klapperkiste.“ „Oh yes. Unsere fällt zur Zeit fast auseinander. Aber wir haben nicht mal genügend Geld um sie reparieren zu lassen.“ „Meinst du, bei uns sieht es anders aus? Sicherlich nicht.“ Bedrückt ließen sie die Köpfe hängen. Beide vertieften sich in ihre eigenen Gedanken und Probleme und wurden erst durch ein Klopfen an der Tür zurück in die Gegenwart geholt. „Dass muss Kian sein.“ So schnell es mit dem langen Kleid ging lief Julia zur Tür um sie im nächsten Augenblick zu öffnen. „Wow, Jule, du siehst ja unglaublich schön aus.“ „Danke, Ki. Komm doch rein.“ „Danke, gerne.“ „Hallo Egan. Wie geht’s?“ „Oh hallo Amanda. Lange nicht gesehen. Du siehst ähmm… gut aus.“ Amanda und Julia fingen an zu lachen, als Kian rot wurde. „Oh oh Egan. Flirten war noch nie deine Stärke.“ „Was?“ Kian war völlig durcheinander. „Ach, Amanda. Lass ihn doch einfach in Frieden. Kian, können wir dann fahren? Es ist schon 19:50 Uhr. Ich will nicht auch noch zu spät kommen. Ich denke nicht, dass dies so einen guten Eindruck hinterlassen würde.“ „Natürlich.“ Kian hielt den beiden Ladys die Haustüre auf und half ihnen danach in die Kutsche – ein wahrer Gentleman eben. „Fertig die Damen?“ „Fertig.“ „Ja, du kannst Gas geben, Egan.“ Grinsend schüttelte Kian den Kopf und trieb die Pferde an. Nun ging es in Richtung Schloss. Zu dem Schloss, dass das Leben der Drei drastisch verändern sollte...
„Ach du grüne neune. Das ist ja unglaublich. Julia, sieh dir mal die ganzen Tulpen, Rosen und Lilien an. Wen haben die als Gärtner? Einen Zauberer?“ Amanda war nicht mehr zu stoppen als sie die große Eingangshalle des Schlosses betreten hatten. „Oh wooow...!“ Amanda klappte förmlich der Mund auf, als sie den Ballsaal endlich gefunden hatten. Schlösser waren schon riesige Anlagen. „Du suchst dir schon manchmal komische Freunde, Jule.“ „Pass auf was du sagst, Kian. Du gehörst schließlich auch zu meinen besten Freuden.“ „Hmmm...“ Kian verzog sein Gesicht. „Du kannst aber nicht von mir behaupten, dass ich auch so durchgeknallt bin wie Amanda.“ „Egan, das habe ich gehört. Und eines verspreche ich dir, das wird teuer.“ Amanda pickste Kian freundschaftlich in die Rippen. „Sorry, Am. Aber ich bin im Moment genauso pleite wie ihr.“ „Aber dein Dad...“ „Ach ja, mein reicher Daddy. Der würde mich eher verhungern lassen, bevor er mich auch nur eine Scheibe von dem ältesten Brot, das er findet, abgeben würde.“ Amanda lachte auf, doch Julia sah Kian böse an. Sie mochte Kian’s Vater wirklich gerne. Und sie konnte es einfach nicht ausstehen, wenn jemand schlecht über einen Menschen sprach den sie mochte. Doch bevor Julia Kian gemeine Worte an den Kopf werfen konnte, begann ein Diener des Schlosses zu sprechen. „Meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich darf mich herzlichst für ihr zahlreiches Erscheinen bedanken. Der Prinz ist mehr als erfreut darüber, wie er mir selbst mitgeteilt hat.“ Kurzer Applaus der Gäste. „Ich habe nun die wundervolle Aufgabe diesen Ball zu eröffnen. Also ja, ähmm... der Ball ist hiermit eröffnet.“ Leises Gelächter ging durch die Besucher und der Sprecher wurde leicht rot. „Ja, ähh... Der Prinz wird sich nun zu uns gesellen und die werten Damen begutachten. Ich bitte sie daher darum, sich einen Partner zu suchen um den Eröffnungstanz zu vollziehen.“ Julia sah wie sich Amanda nervös im Saal umsah. Von einem Tanzpartner stand doch nichts in der Einladung. „Wir beginnen mit einem schnellen Walzer. Doch zuerst wollen wir den Gastgeber herein holen. Ich bitte um Ehrfurcht...“ „Ehrfurcht? Pfff...“ „Kian, sei still.“ „Hier ist ihr Prinz, Shane Filan.“ Alle Damen machten einen Knicks und die Herren verbeugten sich, als der Prinz den Saal betrat. Kian allerdings nur, weil Julia ihm einen Schlag gegen das Schienbein verpasste. Was hatte er nur gegen Shane, den Prinzen? Warum war er so schlecht auf ihn zu sprechen? Julia nahm sich vor ihn das bei Gelegenheit zu fragen. „Ich bitte nun die Damen und Herren auf die Tanzfläche. Wie schon gesagt, wir beginnen mit einem schnellen Walzer, bei dem sich der Prinz etwas genauer umschauen wird.“ „Das ist doch die reine Fleischschau hier. Der totale Schrott. Hey Jule, alles ok?“ Kian legte seiner besten Freundin die Hand auf die Schulter. Julia war plötzlich etwas weiß im Gesicht. „Ki, ich kann keinen Walzer. Das wird eine riesen Blamage.“ „Keine Sorge. Ich führe dich schon so, dass du es ohne Zwischenfälle überlebst.“ Kian strich ihr aufmunternd die Wange entlang. „Mein Gott, Julia. Du hast Probleme. Sieh mich an. Ich habe nicht mal einen Tanzpartner.“ „Ähmm... Amanda, ich glaube, der Herr hinter dir möchte dich etwas fragen.“ Hinter Amanda stand plötzlich der Sprecher von vorhin. Er war immer noch leicht rot im Gesicht. Aber ob das wirklich immer noch an dem Versprecher von vorhin lag? „Guten Tag. Entschuldigen sie wenn ich störe, aber wenn ich mich nicht verhört habe suchen sie noch nach einem Tanzpartner?“ Amanda nickte. War dieses Mädchen etwa sprachlos? Es wäre wohl das erste Mal in ihrem Leben gewesen. „Hätten sie vielleicht Lust mit mir zu tanzen?“ Wieder nickte sie nur. Sie war wirklich sprachlos – unglaublich. Und Julia war sich sicher, dass dies ganz allein an diesem fremden Mann lag. Sie musste zugeben, schlecht sah er ja nicht gerade aus. Aber verglichen mit dem Prinzen... Julia wunderte sich wieso er ihr noch nie aufgefallen war. Schon allein seine Augen gewannen gegen alle Sterne der Nacht. „Mein Name ist übrigens Markus Feehily und ich bin der...“ „Der oberste Diener des Prinzen.“ Markus lachte. Amanda war wieder die Alte – frech und vorlaut. „Ja, das stimmt auch, aber ich wollte eigentlich sagen der beste Freund des Prinzen, also von Shane.“ Jetzt war sich Julia sicher. Diesen Mann ließ Amanda so schnell nicht mehr aus den Augen. „Darf ich um diesen Tanz bitten?“ Kian hielt Julia plötzlich die Hand vor’s Gesicht. Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass die Musik bereits zu spielen begonnen hatte. Und sie spürte auch nicht die Blicke des Prinzen in ihrem Rücken, der sie von Anfang an beobachtete...
„Jule, lass meine Hand etwas lockerer. So kann ich dich nicht führen.“ „Tut mir leid, Ki. Aber wie schon gesagt, der Walzer liegt mir nicht besonders.“ Und als wollte Julia es verdeutlichen stieg sie Kian auf die Zehen – wie schon so oft während dieses Tanzes. „Tut mir wirklich leid.“ Kian verzog sein Gesicht. „Es tut mir wirklich schrecklich leid. Ich... hey, was ist?“ Kian hatte sie plötzlich los gelassen und war etwas von ihr zurück gewichen. Julia verstand gar nichts mehr, bis Kian ihr deutete sich umzudrehen. Julia war starr vor Schreck. Vor ihr stand plötzlich der Prinz. Eiligst machte sie einen Knicks. „Bitte erheben sie sich wieder. Ich kann das ehrlich gesagt nicht wirklich leiden.“ Er flüsterte Julia zu und Kian beäugte ihn misstrauisch. „Darf ich die Lady um diesen Tanz bitten?“ Erschrocken sah Julia auf. Sie sollte mit dem Prinzen tanzen? Und dann auch noch einen Walzer? Verzweifelt sah sie zu Kian. Doch der nickte ihr nur zu. „Wenn sie nicht möchten...“ „Doch, doch.“ Julia fiel Shane in’s Wort und schämte sich augenblicklich dafür. Kian suchte inzwischen das Weite. Verräter, dachte sich Julia. „Ist das ihr Freund?“ „Ja, also nein. Kommt darauf an wie sie das meinen.“ „Ihr fester Freund?“ „Nein, nein, Gott nein.“ „Wieso so glücklich darüber? Er sieht mir sehr nett aus.“ „Oh ja, das ist er auch. Ich würde einfach nicht unsere Freundschaft durch eine Beziehung gefährden wollen.“ „Ja, das verstehe ich. Kommen sie, lassen sie uns tanzen.“ Ohne Vorwarnung hatte er Julia’s Hände ergriffen und bewegte sich mit ihr zum Takt der Musik. Er war wirklich ein hervorragender Tänzer. Und trotzdem passte Julia peinlichst darauf auf, ihm nicht auf die Füße zu treten. „Darf ich fragen wie sie heißen?“ „Bitte, was?“ Julia hatte sich so auf ihre Beine konzentriert, dass sie alles um sich herum vergaß. Da sie nicht mit Shane’s Frage gerechnet hatte, kam sie leicht in’s stolpern. „Oh Vorsicht! Ich will nicht, dass sie sich verletzten.“ „Tut mir wirklich wahnsinnig leid, aber Walzer liegt mir einfach nicht.“ Verlegen lächelte sie ihn an. „Ich muss sagen, für das schlagen sie sich aber ganz gut.“ „Dankeschön.“ Julia wurde rot. „Darf ich nochmals nach ihren Namen fragen?“ „Julia Clarkson.“ „Julia, ein wirklich schöner Name. Ich bin Shane. Wir können doch beim Du bleiben, oder?“ Verwundert sah Julia ihn an – direkt in seine strahlend, braunen Augen. „Ich ähh... natürlich.“ Sie wandte ihren Blick ab und konzentrierte sich wieder auf ihre Beine, denn einmal hatte sie Shane’s Zehen nun doch schon getroffen. Julia wunderte sich, dass er gar nichts gesagt hatte. „Wie alt bist du?“ Shane durchlöcherte sie geradezu. „Zweiundzwanzig und sie ähh du? Ach ne, blöde Frage. Ich bin hier schließlich gerade auf ihrer Geburtstagsfeier.“ Augenblicklich riss sie den Kopf hoch. Wie blöd konnte man eigentlich sein? „Ich, es... oh man. Ich wünsche dir alles, alles Gute zum Geburtstag.“ Shane lachte herzhaft auf. „Vielen Dank, Julia. Du bist erst der Zweite der mit heute gratuliert hat. Mark war der Erste. Die Anderen waren viel zu sehr auf diesem Ball hier konzentriert, als dass sie auch nur eine Sekunde an meinen Geburtstag hätten denken können. Aber eigentlich ist mir das ziemlich egal.“ Er lächelte sie an. Was für ein wunderschönes Lächeln. Nun wusste sie nicht mehr was sie mehr liebte. Seine Augen oder sein Lächeln. Halt, mochte, nicht liebte. So weit war sie dann doch noch nicht. „Wo wohnst du denn?“ Volltreffer! Mit dieser Frage hatte er ins Schwarze getroffen. Sie konnte doch nicht sagen, in einem alten, schäbigen Bauernhaus. Oder doch? „Wenn du es nicht sagen möchtest ist es auch ok.“ „Naja, ich kann wohl nicht mit dieser Behausung hier mithalten. Ich wohne nur in einem kleinen Bauernhaus.“ „Hauptsache man hat ein Dach über dem Kopf. Ich finde, es ist nicht wichtig wie groß oder teuer das Haus ist. Manchmal finde ich dieses Schloss sogar richtig nervig. Wenn ich von meinem Zimmer in den Speisesaal will, darf ich fast fünf Minuten durch das Haus irren.“ Julia lachte. „Es stimmt, Julia. Das kann richtig nerven.“ „Das glaube ich dir nur zu gerne.“ Die Beiden unterhielten sich noch eine halbe Ewigkeit miteinander und erfuhren so viele, kleine Geheimnisse über den Anderen. Sie wussten allerdings nicht, dass sie von ein paar Leuten genauestens beobachtet und belauscht wurden. Und diesen gefiel das was sie dort hörten ganz und gar nicht...
„Darf ich um ihre Aufmerksamkeit bitten?“ Markus war zurück zu seinem kleinen Potest geeilt um wieder seinen Pflichten nach zu gehen. „Der Prinz hat sich in den letzten Stunden jede Dame genauestens betrachtet...“ „Fleischschau.“ „Kian, shhh!“ „Und wie er mir so eben mitgeteilt hat, hat er eine Entscheidung getroffen. Um das ganze etwas spannender zu machen hat sich der Prinz etwas besonderes einfallen lassen. Aber bevor ich sage was, bitte ich nun jede Dame hier im Haus, mit der er getanzt hat, sich in einer Reihe aufzustellen.“ Julia sah Amanda fragend an. „Was ist los, Julia? Du hast doch auch mit ihm getanzt, also ab in die Reihe.“ „Und du?“ „Tut mir leid, aber ich habe mich den ganzen Abend köstlich mit Markus amüsiert. Ich kam nicht dazu mit dem Prinzen zu tanzen. Mensch Julia, nun geh schon. Nicht, dass er am Ende dich ausgesucht hat und du nicht da bist. Na los!“ Mit leichter Gewalt schubste Amanda ihre Freundin zu den anderen Frauen die sich bereits fein säuberlich in einer Linie aufgestellt hatten. „Nun, da alle versammelt sind sage ich ihnen den Plan des Prinzen. Er wird langsam die Reihe der Frauen abgehen und der Auserwählten eine rote Rose übergeben.“ Demonstrativ hielt Markus eine Rose hoch. Julia hatte noch nie eine solch schöne, große, rote Rose gesehen. „Falls die Auserwählte nicht damit einverstanden ist den Prinzen zu heiraten, so soll sie die Rose nach der Übergabe fallen lassen. Die Suche nach der Richtigen beginnt dann von vorne. Hat jede der Ladys alles verstanden?“ Großes Kopfnicken der Frauen war die Antwort. Langsam stand Shane auf, ging auf Markus zu und nahm ihm die Rose ab. Julia’s Herz begann wie wild zu klopfen. Was, wenn er wirklich sie ausgewählt hatte? Sollte sie die Rose annehmen? Oder doch lieber fallen lassen? Sie konnte doch nicht einen wildfremden Mann einfach mal so kurz nebenbei heiraten. Und vor allem nicht, wenn es sich dabei auch noch um den Prinzen handelte. Julia schüttelte den Kopf. Nein, er würde sicherlich nicht sie wählen. Sie war doch nur ein kleines, dummes Bauernmädchen. Aber andererseits, sie hatten sich wirklich gut verstanden und mehr als doppelt so lange miteinander getanzt wie er es mit anderen getan hatte. Julia wurde schließlich aus ihren Gedanken gerissen. Shane hatte sich in Bewegung gesetzt. Unglaublich, wie konnte man nur so langsam gehen? Julia kam es wie eine Ewigkeit vor, bis er die ersten fünf Damen hinter sich gelassen hatte. Gute zwanzig Frauen trennten sie noch von Shane. Ihre Knie wurden immer weicher je mehr er sich ihr näherte. Schließlich war er auch bei ihr angelangt und – und er blieb stehen. Julia’s Herz hörte auf zu schlagen. So kam es ihr jedenfalls vor. Alle Blicke richteten sich auf Shane und Julia. ‚Scheiße’ waren ihre einzigen Gedanken in diesem Moment. Nervös drehte Shane die Rose in seiner Hand. Wie süß er doch aussah, wenn er richtig hilflos schien. „Liebe Julia.“ Sie hielt den Atem an. „Ich habe den Tanz mit dir mehr als nur genossen. Unsere Gespräche waren tiefgehend und du hast Interesse gezeigt. Interesse an Shane Filan und nicht an dem Prinzen und seinem Reichtum.“ Julia wunderte sich. Hatte sie das wirklich getan? Sie hat doch nur stinknormal mit ihm geredet. So, wie sie es mit jedem anderen Menschen auch tun würde, oder? „Julia, ich bin kein Mensch der lange um den heißen Brei herum redet. Ich finde, du bist eine der großartigsten Personen die ich bis jetzt kennen gelernt habe. Möchtest du diese Rose haben? Julia, willst du mich heiraten?“ Plötzlich herrschte toten Stille im Saal. Shane hielt Julia die Rose entgegen. Und nun? Annehmen? Oder annehmen und gleich wieder fallen lassen? Unsicher nahm sie die Rose in ihre Hände und roch daran. Wie wunderschön Rosen doch rochen. „Deine Antwort, Julia?“ Sie atmete noch einmal tief durch ehe sie langsam nickte und die Rose vorsichtig an ihren Körper drückte. „Ja?“ Julia nickte erneut und bekam ein kaum hörbares ‚ja’ über ihre Lippen. Doch es war laut genug, damit Shane es hören konnte. Vorsichtig nahm er sie in seine Arme und küsste sie auf die Stirn. Augenblicklich ging ein tosender Beifall durch die Reihen. Julia lächelte schwach. Hoffentlich hatte sie sich da gerade mal nicht falsch entschieden...
„Wow, das ist ja wunderschön hier, Shane.“ Shane war mit Julia in den Rosengarten gegangen. Dort blühten hunderte von diesen riesigen, roten Rosen. Doch die allerschönste hielt sie immer noch in ihren Händen die einfach nicht zu zittern aufhören wollten. „Lass uns dort rüber gehen, Julia. Ich habe dort etwas vorbereitet.“ Shane nahm Julia an der Hand und führte sie einen schmalen Weg an den Rosen entlang. Julia staunte nicht schlecht, als sie plötzlich in einem Meer von brennenden Kerzen stand. „Das hast du doch nicht wirklich selbst gemacht? Das muss doch Stunden gedauert haben, Shane.“ „Doch, das habe ich gemacht. Ok, Mark hat mir etwas geholfen. Und mit ‚einigen Stunden’ liegst du gar nicht mal so falsch. Vier Stunden um genau zu sein.“ Julia klappte förmlich der Mund auf. Ungläubig sah sie Shane an. So etwas machte doch ein Prinz nicht selber. Zu so etwa sind sich solche Menschen doch viel zu gut. „Ich weiß was du gerade denkst, Julia. Aber es ist nicht so. Ich war noch nie der Mensch der andere gerne für sich arbeiten ließ. Am liebsten wäre ich kein Prinz, sondern ein stink normaler Mensch.“ Shane ließ sich auf eine Decke, die am Boden lag, fallen. „Komm, setzt dich doch zu mir. Ich finde, wir sollten uns um einiges besser kennen lernen. Immerhin heiraten wir bald.“ Er hielt ihr eine Hand entgegen die sie zögernd ergriff. Stehts darauf bedacht, dass Kleid nicht zu gefährden, setzte sie sich neben ihn. „Julia, ich will dir gleich von vornherein sagen, dass du mich nicht heiraten musst. Wenn du es dir in den nächsten Tagen anders überlegen solltest, dann sag es mir einfach. Keine Sorge, ich werde dir sicherlich nicht den Kopf abbeißen.“ Er lächelte sie an. Das war doch schon mal nicht schlecht zu wissen und Julia entspannte sich merklich, was Shane erneut ein Lächeln entlockte. Eines von diesen unglaublichen Lächeln. „Erzähl mir doch etwas über dich, Julia. Ich weiß ja so gut wie nichts über dich. Sag mir doch einfach mal die einfachsten Sachen.“ Julia nickte. „Mein Name ist Julia Clarkson.“ „Bald nicht mehr.“ Shane grinste sie frech an und Julia verstand nicht was er meinte. „Naja, bald heißt du Julia Filan.“ Sie musste lachen. Wo er recht hatte, hatte er recht. Und sie musste zugeben, so schlecht hörte sich Julia Filan gar nicht mal an. „Ähmm, ich bin zweiundzwanzig Jahre alt und wohne in Sligo.“ „Wie lange bist du schon zweiundzwanzig?“ „Hmm?“ „Ich meine, wann hast du Geburtstag?“ „Achso.“ Erneut musste sie lachen. Das war doch schon mal ganz gut. Er schaffte es sie zum Lachen zu bringen. „Ich bin am dritten Februar geboren worden.“ „Ein Winterkind also. Auch nicht schlecht. Dann kämpft hier immer der Sommer gegen den Winter.“ „Na ich hoffe mal nicht, dass wir gleich kämpfen müssen.“ Julia lachte, doch Shane wurde ernst. „Doch, Julia. Das werden wir müssen. Es gibt viele Neider und vor allem Neiderinnen auf dich. Wir werden kämpfen müssen. Um unsere Ehre, unser Glück und letztendlich auch um unsere Liebe.“ Julia sah in verwundert und erschrocken zu gleich an. „Julia, ich will nicht mein ganzes Leben mit einer Frau verbringen zu der ich kein einziges Mal ‚ich liebe dich’ sagen kann. Ich will glücklich sein und ich will, dass die Frau an meiner Seite glücklich ist. Ich möchte so gerne eine große Familie gründen und einfach nur ein guter Vater und Ehemann sein. Ich wünsche mir nur, dass meine Frau genauso denkt.“ Julia war erstaunt. Konnte ein Mann, der sein ganzes Leben lang verwöhnt wurde, überhaupt eine Sache wie ‚Liebe’ kennen? Sie begann leicht zu zittern. Erstens, da Shane’s Worte sie völlig aus der Fassung brachten und zweitens, da es langsam auch kühler wurde. Immerhin war es schon fast ein Uhr. Im Schloss herrschte immer noch reger Betrieb. Doch von dem bekamen Julia und Shane nicht viel mit. „Frierst du, Julia?“ Besorgt sah er sie an. „Vielleicht etwas, aber das wird mich nicht gleich umbringen.“ „Sicher ist sicher. Hier nimm meine Jacke.“ Er zog seine schwarze Anzugjacke aus und legte sie Julia über die Schultern. „Danke, du Gentleman, du.“ Shane lachte auf. „Man tut was man kann.“ Julia und Shane redeten noch fast zwei Stunden miteinander, bis Julia laut gähnte. „Oh Gott. Tut mir wirklich leid. Ich... oh wie peinlich.“ „Hahaha... das braucht dir doch nicht peinlich sein. Das ist doch eine ganz natürliche Geste.“ Zur Demonstration gähnte er auch einmal laut auf. Julia kicherte leise. Nein, er war wirklich nicht mit den typischen, steifen Prinzen zu vergleichen. Im Gegenteil... langsam fing Julia an ihn mehr als nur etwas symphatisch zu finden. „Komm, leg deinen Kopf an meine Schulter.“ „Oh, das ist keine so gute Idee, Shane. Ich schlafe dann sicherlich nur ein.“ „Und? Dann wäre das auch kein Weltuntergang. Im Gegenteil, Schlaf hat noch keinem geschadet.“ Vorsichtig legte Julia ihren Kopf an seine Schulter. So konnte sie seinen gleichmäßigen Atem hören. Doch nicht sehr lange, denn schließlich fielen ihr doch die Augen zu...
Julia lächelte, doch ihre Augen wollte sie noch nicht öffnen. Sie hatte mal wieder hunderte von roten Rosen und Kerzen vor ihrem innerlichen Auge. Und dieses Bild wollte sie auf keinen Fall zerstören. Sie spürte eine warme Hand auf ihrem Bauch, die sie leicht streichelte. Es war nicht schwer zu erraten wem diese Hand gehörte, vor allem nicht nach letzter Nacht. „Bist du schon wach, Schatz?“ Weiche, warme Lippen berührten die ihrigen und sie begann erneut zu lächeln. Es war unglaublich. Sie hatte Shane vor gerade mal vier Wochen auf diesem Ball kennen gelernt und sich tatsächlich in ihn verliebt. Ja, verliebt. Seine Art, sein Charakter, sein Lächeln, seine Augen... Julia liebte einfach alles an ihm, genauso wie Shane an ihr. Ein Traumpaar hatte sich gefunden. Julia gab nur in leises ‚hmm’ von sich und drehte sich zu Shane, der sie daraufhin in die Arme nahm. „Heißt das, ja ich bin wach, will aber nicht aufstehen?“ Sie gab ihm keine Antwort, sondern kuschelte sich noch näher an ihn – ihren Verlobten. Einfach unglaublich. „Ich werde dich enttäuschen müssen, mein Engel. Aber wir müssen langsam mal über unsere Hochzeit sprechen.“ Julia verzog das Gesicht. Wie kann man in einem solch schönen Moment der Zweisamkeit an irgendwelche komplizierten Sachen denken? Gut, eine Hochzeit war wirklich etwas schönes. Aber wenn es sich bei den Brautleuten um die Thronfolger handelte, wurde das Ganze etwas komplizierter. Widerwillig richtete sich Julia auf. Eigentlich gab es doch gar nichts mehr zu besprechen. Mit der Kirche war alles geregelt, die Party stand und selbst das Brautkleid war ausführfertig. „Was müssen wir denn noch so oberwichtiges besprechen?“ Shane lächelte. Er fand es immer wieder lustig mitanzusehen wie sich ein Morgenmuffel wie Julia aus den Federn quälte. „Wie stehst du eigentlich zu Kindern? Also, ich meine eigene Kinder?“ Schlagartig war Julia hellwach. Kinder? Was schwafelte der Junge da eigentlich? Shane war wohl selbst noch im Halbschlaf. „Shane Filan, ich bin zweiundzwanzig Jahre alt und ich kenne dich jetzt vier Wochen. Reicht es für den Anfang nicht schon, dass ich dich heirate? Ich finde über den Nachwuchs sollten wir uns später Gedanken machen.“ Sanft strich sie ihm über seine Wange, was Shane nur zu gerne zu ließ. „Julia.“ Er richtete sich nun ebenfalls auf. „Es wird dir jetzt sicherlich nicht gefallen was ich dir sage, aber es muss sein.“ Nervös sah in Julia an. „Was muss sein?“ „ Du musst spätestens drei Monate nach unserer Hochzeit schwanger sein.“ „Bitte, was? Shane, das ist ein Scherz. Wer sagt einen solchen Mist?“ „Das sind die Regeln in einem Königshaus.“ „Schon klar.“ Julia legte ihren Kopf an die Wand hinter sich and atmete tief durch. „Alles in Ordnung, Schatz? Es tut mir wirklich leid. Wenn ich dieser Regel ausweichen könnte würde ich es nur zu gerne tun.“ „Schon gut, Shane. Ich muss wohl einsehen, dass ich mit dreiundzwanzig Mutter werde. Oh wow, dreiundzwanzig. Da kommen andere Frauen gerade mal darauf, dass es so etwas wie Männer gibt.“ Lächelnd sah sie Shane an. „Was man nicht alles für die Liebe tut. Aber eines musst du mir versprechen. Wenn unser Baby in der Nacht mal schreit, dann stehst du auch mal auf und sorgst dich um das Kind.“ Drohend sah sie ihn an. Doch Shane lachte nur. „Keine Sorge, Julia. Das Kind wird uns in der Nacht nicht belästigen. Es wird seinen eigenen Diener bekommen.“ „Wir fangen aber früh damit an das kleine Wesen zu verwöhnen.“ Beide lachten, doch Shane hielt schnell wieder inne. „Was ist?“ „Es gibt da noch eine Sache, Schatz.“ „Und die wäre?“ Langsam wurde es etwas viel, fand Julia. „Das Kind das du bekommst... es muss ein Junge sein.“ „Bitte, ich... hä? Shane, wieso ein Junge? Ich kann doch nicht entscheiden ob ich einen Sohn oder eine Tochter bekomme.“ „Das ist mir klar. Aber wir brauchen einen Nachfolger für den Thron.“ „Und das kann keine Frau machen?“ Entschieden schüttelte Shane den Kopf. „Die Regeln, oder?“ „Ja. Julia, es tut mir leid. Aber ich will nicht, dass...“ Er stoppte und Tränen stiegen ihm in die Augen. „Oh Gott, Shane, was ist?“ „Julia, ich... ich bin auch nur der Zweitgeborene.“ Sie erschrack. „Julia, ich habe meine ältere Schwester nie kennen gelernt. Ich weiß bis heute nicht wo sie ist oder ob sie überhaupt noch lebt.“ Julia kniff die Augen zusammen und hielt sich die Ohren zu. Sie wollte nicht länger hören was mit Shane’s Schwester geschehen war. Hatte man sie etwa aus dem Weg räumen lassen? Und was würde dann mit ihrer Tochter geschehen?
„Ab wann merkt man eigentlich, dass man kurz davor ist vor Nervosität zu sterben, Am? Ich glaube, ich tue es nämlich bald. Sehr bald sogar.“ Mit zittrigen Händen zupfte Julia an einem weißen Kleid herum – ihrem Hochzeitskleid. Der große Tag war gekommen. Viel zu schnell, wie Julia fand. Es war gerade so schön mit Shane gewesen. Sie waren einfach nur ein ganz normales Liebespaar. Aber jetzt? Die Hochzeit würde so viel verändern. „Bleib cool, Julia. Du sollst nicht nervös sein, sondern dich freuen. Und jetzt hör endlich auf ständig an deinem Kleid herum zu zupfen. Du machst mich auch noch ganz nervös.“ Amanda war gerade dabei Julia’s Haare hochzustecken und den über fünf Meter langen Schleier am Kleid zu befestigen. Doch dies war gar nicht so einfach, denn Julia tapste unaufhörlich nervös von einem Fuß auf den anderen. Und sie hatte auch allen Grund dazu. Das Gespräch vor gut einer Woche mit Shane saß ihr immer noch tief in den Knochen. Was, wenn sie wirklich eine Tochter bekam? Julia hatte lange darüber nachgedacht, ob sie Amanda alles sagen sollte. Doch letztendlich entschied sie sich dagegen. Sie wollte nicht auch noch ihre beste Freundin damit belasten. „Oh Gott.“ Julia biss sich auf die Unterlippe. „Was ist?“ Fragend sah Amanda sie an. „Du wirst mich jetzt sicherlich gleich umbringen.“ „So? Und warum?“ „Ich muss auf die Toilette.“ „Was?“ Amanda begann zu lachen. „Ms. Clarkson. Vor genau zehn Minuten habe ich zu ihnen gesagt, sie sollen nochmals auf’s Klo gehen. Aber nein...“ „Sorry, Am. Aber könntest du mir jetzt bitte hier raus helfen oder ich laufe mit weiß-gelben Kleid zum Altar.“ Ungeduldig trat sie von einem Bein auf’s andere. Es war wirklich dringend. Amanda verdrehte die Augen und öffnete kopfschüttelnd zahlreiche Knöpfe, Schnüre und Häkchen. Wie vom Blitz getroffen hüpfte Julia aus dem Kleid und rannte, nur in ihrer Unterwäsche, auf’s Klo. Gerade nochmals gut gegangen. Nach Beendigung ihres Geschäftes ging sie zu dem großen Waschbecken um sich die Hände zu waschen. Als sie dabei in den Spiegel sah erschrack sie. Eine völlig fremde Frau sah sie an. Das war doch unmöglich sie? Die ganze Schminke in ihrem Gesicht... Früher besaß sie nicht einmal einen einfachen Puder und jetzt sah sie gerade so aus als wäre sie in einen Farbtopf gefallen. Eiligst wischte sie sich einen Teil des bunten Zeuges aus ihrem Gesicht. So sah sie schon um einiges besser aus. Weniger war halt doch immer noch mehr. Sie betrachtete ihren Körper. Sie hatte in den letzten vier Wochen ziemlich viel abgenommen. Viel zu viel, wie sie fand. Doch in spätestens zwölf Monaten würde sie aussehen wie ein Mensch gewordener, runder Ball. Schrecklich. Ihr wurde schlecht und sie dachte schon, sie müsse sich übergeben. Doch von dem wurde sie dann gerade noch verschont. „Julia, alles ok bei dir? Wo bleibst du denn? Wenn du dich nicht beeilst musst du nackt zu Shane in die Kirche.“ Amanda hämmerte schon fast auf die Badezimmertür ein. „Ich komme schon.“ Langsam entriegelte sie die Tür und genauso langsam ging sie zurück zu ihrem Kleid. „Hey, alles in Ordnung?“ Besorgt legte ihr Amanda eine Hand auf die Schulter. Julia nickte nur, doch innerlich schrie sie um Hilfe. Hätte sie Shane nicht so unglaublich stark geliebt, wäre sie jetzt einfach davon gelaufen. Einfach nur weg von diesen schrecklich großen Erwartungen die jeder an sie hatte. „Du siehst einfach umwerfend aus. Da kann man echt nur hoffen, dass Shane’s Knie nicht weich werden wenn du jetzt gleich zu ihm kommst.“ Stolz lächelte Amanda ihre Freundin an. Julia hoffte insgeheim, dass dies vielleicht geschehen würde. „Bist du bereit? Können wir gehen?“ Julia nickte. Amanda schnappte sich ihre Schleppe und sie machten sich auf den Weg zur Kirche. Es waren nur etwa dreihundert Meter, doch Julia kamen sie wie eine Ewigkeit vor. Vor der Tür der Kirche wartete schon Markus auf sie. Er sollte Julia zum Altar führen. Schnell legte Amanda Julia’s Schleier zurecht und gab das Zeichen, dass sie fertig war. Dann ging sie nochmals zu Julia. „Genieß den Augenblick, Kleines. Denk nicht an die Zukunft, sondern lebe im Hier und Jetzt. Dein Leben wird sich noch schnell genug verändern.“ Sie stupste ihre Freundin lieb an und zwinkerte ihr zu. „Aber natürlich nur zum Positiven.“ Hoffentlich hatte Amanda sich da mal nicht vertan...
Julia’s Herz setzte einige Schläge aus, als ein paar Bedienstete die große Eichentür der Kirche öffneten. Die Orgel begann in aller Herrlichkeit zu spielen und die geladenen Gäste in der Kirche wandten ihre Köpfe nach hinten. „Können wir?“ Julia nickte Markus kurz zu und hackte sich bei ihm ein. Dann schritt sie langsam mit ihm in Richtung Altar wo Shane schon auf sie wartete. Er sah unverschämt gut aus in seinem schwarzen Anzug. Und sein Lächeln – unbeschreiblich. Julia erschrack etwas, als Amanda ihr eiligst etwas in die Finger drückte. Ihren, aus weißen und roten Rosen bestehenden, Blumenstrauß. „Den hast du vergessen. Nicht, dass du ihn am Ende nicht werfen und ich ihn nicht fangen kann.“ Amanda grinste dabei Markus frech an. Dieser streckte ihr kurz die Zunge raus. Ja, was sich liebt das neckt sich. Auch im Jahre 1804. Langsam gingen sie weiter. Umso näher sie an Shane heran kam, desto schneller schlug ihr Herz. Hoffentlich würde es das überleben. „Jetzt übernehme ich. Danke Mark.“ Shane klopfte seinem Freund auf die Schulter und stellte sich nun an seiner Stelle an Julia’s Seite. Das beruhigte sie etwas. Aber auch nur etwas. „Du siehst atemberaubend aus, Schatz.“ Shane hatte sich zu ihrem Ohr hinunter gebeugt. „Danke, du bist aber auch nicht ohne.“ „Leute, ich glaube, wir sollten mal anfangen.“ Jetzt mischte sich auch der Pfarrer, ebenfalls ein guter Freund von Shane und Julia, ein. „Sorry, Nicholas.“ Markus schüttelte amüsiert den Kopf. „Liebes Brautpaar, liebe geladene Gäste...“ Nicholas sprach laut und deutlich – wie immer. „Wir haben uns heute hier versammelt um eine ganz besondere Ehe zu schließen. Eine Ehe, die später über die Zukunft von Irland entscheiden wird...“ Julia schluckte. An so etwas hatte sie noch gar nicht gedacht. Sie war jetzt für ein ganzes Land verantwortlich. Oder jedenfalls bald. „Jeder weiß wie sich dieses Liebespaar gefunden hat und jeder wird auch in Zukunft über sie bescheid wissen...“ Privatleben ade, dachte sich Julia. „Jeder wird sehen mit wieviel Hingabe sie unser Land führen werden. Doch Julia und Shane haben sich nicht nur für diese Ehe entschieden um ein Land zu regieren. Nein, bei ihnen spielt auch Liebe eine Rolle. Etwas was selten ist für Königsehen...“ Ich heirate nur wegen der Liebe, waren Julia’s Gedanken. Und auch Shane’s unterschieden sich nicht davon. „Nun wollen wir zum eigentlich Grund kommen warum wir hier sind. Wir wollen eine Ehe schließen.“ Langsam öffnete er ein großes, altes Buch. „Wir haben uns heute hier versammelt um die Ehe zwischen Shane Steven Filan und Julia Clarkson zu schließen. Ihr Beide habt euch dazu entschlossen mit Gottes Segen eine Familie zu gründen...“ Bei dem Wort ‚Familie‘ musste Julia kräftig schlucken. „...und er wird auch euch mit all seiner Kraft beiseite stehen. Wollen wir uns als erstes die Liebesschwüre des Brautpaares anhören. Mr. Filan, wenn sie beginnen würden.“ Shane nickte und nahm Julia’s Hände in die seinigen, ehe er ihr tief in die Augen sah. „Julia, als ich von dem Ball erfahren habe, bin ich innerlich gestorben. Ich wollte nicht einfach irgendeine Frau für den Rest meines Lebens an meiner Seite haben, nur um die Regeln des Königshauses nicht zu brechen. Doch dann sah ich dich auf dem Ball und ich wusste sofort, du bist die Frau, die ich lieben kann. Und ich habe mich nicht getäuscht. Ich habe mir immer so eine Liebe gewünscht und durch dich habe ich sie bekommen. Julia, ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr. Ich kann es mit Worten gar nicht mehr beschreiben. Ich danke dir für alles was du bis jetzt für mich getan hast, Schatz. Danke.“ Julia hatte Tränen in den Augen. Sie verwarf all die Sätze die sie vorbereitet hatte. Sie wollte einfach aus ihrem Herzen sprechen. Und das tat sie auch. „Shane, ich fand die Idee mit dem Ball mehr als blöd. Doch ich muss zugeben sie war alles andere als das. Ich habe durch diesen Ball die Liebe meines Lebens gefunden. Die Liebe, den Mann den ich nie mehr hergeben möchte. Shane, durch dich habe ich erfahren was es heißt geehrt und geliebt zu werden und ich danke dir vielmals dafür. Danke, dass du mir gezeigt hast was es heißt zu leben und zu lieben. Ich liebe dich, Shane. Ich liebe dich mehr als alles andere auf dieser Welt. Diese Liebe ist unsterblich.“ Nun kämpfte auch Shane mit den Tränen. Und mit ihm Amanda, Markus, Nicholas, Kian und viele andere der Gäste. „Nun, da wir diesen Teil hinter uns haben kommen wir zur Trauung. Shane Steven Filan, wollen sie die hier anwesende Julia Clarkson zu ihrer rechtlich angesehenen Frau nehmen? Sie lieben und ehren, bis dass der Tod euch scheidet? So antworten sie mit ja.“ „Ja, ich will.“ Diese Anwort war laut und deutlich, sodass Nicholas gleich zu Julia überging. „Julia Clarkson, wollen sie den hier anwesenden Shane Steven Filan zu ihrem rechtlich angesehenen Mann nehmen? Ihn lieben und ehren bis das der Tod euch scheidet? So antworten sie mit ja.“ Julia’s Herz klopfte. Jetzt wäre der letzte Moment um zu entkommen. Doch als sie in Shane’s strahlende Augen sah, kam auch aus ihrem Mund ein deutliches ‚ja‘. Nicholas grinste. „Dann ernenne ich sie hiermit zu Mann und Frau. Sie dürfen die Braut küssen.“ Gerade als sich Julia’s und Shane’s Lippen getroffen hätten, unterbrach Nicholas sie nochmals stürmisch. „Tut mir leid, aber ich habe etwas wichtiges vergessen.“ Verlegen biss er sich auf die Unterlippe. „Wenn jemand etwas gegen diese Ehe einzuwenden hat, dann soll er sich jetzt melden oder für immer schweigen.“ In der Kirche blieb es still, doch Julia hätte schwören können, dass jemand gegen diese Hochzeit war. Das verriet ihr ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Und sie sollte recht behalten...
„Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich.“ Stürmisch küsste Shane Julia’s ganzes Gesicht ab. Julia lachte. „Shane, hör auf damit. Die Leute schauen schon.“ „Dann lass sie doch schauen.“ Shane und Julia befanden sich gerade auf ihrer Hochzeitsfeier. Und Shane konnte einfach nicht die Finger von seiner Angetrauten lassen. Hatte ihm denn die vergangene Hochzeitsnacht nicht gereicht? Oder die vielen Liebesnächte davor? Der Junge hatte vielleicht eine Ausdauer... „Shane, mein Freund, lass dich beglückwünschen.“ Nicholas kam auf die Beiden zu – leicht schwankend. Der Wein hatte es dieses Jahr ganz schön in sich. „Hey, Nicky, wie geht es dir? Danke für die wundervolle Trauung gestern.“ Shane drückte seinen Freund an sich. „Wenn du jetzt wieder auf meinen kleinen Patzer zurück kommen willst... Ich habe mich schon oft genug entschuldigt. Ich war nun mal genauso nervös wie ihr. Schließlich traue ich nicht jeden Tag zwei Königsleute.“ Julia grinste. Es gefiel ihr wie sich Nicholas wieder einmal aus der nicht vorhandenen Schlinge ziehen wollte. „Schon gut, Nicky. Ich finde das hat das ganze etwas aufgeheitert.“ „Danke, Jule.“ „Auch, wenn du dadurch den Kuss zwischen mir und Shane gestört hast.“ Nicholas verdrehte die Augen. „Ihr habt ihn ja noch nachholen dürfen.“ „Gott sei Dank, sonst hätte ich dich wohl umbringen müssen.“ Sie zwinkerte Nicholas frech zu. „Sorry Schatz, aber ich wäre da sicherlich schneller gewesen.“ Nicholas grinste und verdrehte erneut die Augen, als Shane Julia einen dicken Kuss aufdrückte. „Darf ich auch mal stören?“ „Kian!“ Julia fiel ihrem besten Freund stürmisch um den Hals. „Na na, das gehört sich aber nicht für eine Prinzessin.“ Kian lachte. „Darf ich meinen Freunden jetzt etwa nicht mehr zeigen wie gern ich sie habe und wie sehr ich mich freue sie wieder zu sehen?“ Sie sah erwartungsvoll zu Shane. Dieser lächelte und strich ihr sanft über die Wange. „Keine Sorge, Schatz. Du kannst deine Freunde sehen wann und wo immer du willst. Freut mich übrigens dich kennen zu lernen.“ Shane hielt Kian seine Hand entgegen die er zögernd ergriff. „Ganz meinerseits.“ Naja, ganz überzeugend klang dies zwar nicht, doch Shane schien es entweder nicht zu bemerken oder es war ihm egal. Auch Julia beachtete dies nicht besonders. Sie kämpfte gerade wieder einmal damit das Gleichgewicht zu halten. Ihr war seit dem frühen Morgen nicht ganz wohl. Manchmal drehte sich alles und im nächsten Moment dachte sie, sie müsse sich übergeben. „Jule, alles ok?“ „Ja, Ki. Alles in Ordnung.“ „Das denke ich ehrlich gesagt weniger. Du bist ziemlich blass im Gesicht. Komm, setzt dich lieber hin.“ Tja, Kian kannte sie wohl doch zu gut. Shane sah besorgt zu, wie Nicholas einen Stuhl herbei trug. „Willst du dich ins Bett legen, Schatz? Vielleicht sollte Nicholas dich einmal untersuchen? Er ist ein hervorragender Arzt.“ Julia winkte ab. „Geht schon wieder. Es ist wahrscheinlich nur der ganze Stress.“ „Hallo, wie ge... Gott, Julia, was ist los?“ Amanda war nun ebenfalls zu ihnen gestoßen. „Nichts, mir ins nur...“ Weiter kam Julia nicht. Sie war aufgesprungen und mit beiden Händen vor dem Mund aus dem Saal in Richtung Toilette gerannt. Amanda hinterher. Julia übergab sich und sie fühlte sich, als müsse sie sterben. Einfach elendig. „Julia, was ist los? Lass mich rein. Kann ich dir helfen?“ Amanda klopfte nervös an die Tür hinter der sich Julia gerade den Mund säuberte. „Julia?“ Vorsichtig öffnete Julia die Klotür. „Mein Gott, Kleine. Was ist denn los?“ Weinend fiel ihr Julia um den Hals. „Shhh... ganz ruhig.“ Vorsichtig strich ihr Amanda über die Haare. „Was ist denn los?“ „Amanda... ich... ich bin schwanger.“ Amanda lachte. „Freu dich doch. Das ist doch schön.“ „Normalerweise, Amanda.“ Ja, normalerweise...
„Hallo Kleiner. Wie geht’s? Kannst du mich hören? Oh ich freue mich ja schon so auf dich.“ Shane hatte sein Ohr an Julia’s kleinen Bauch gedrückt. Unglaublich wie sehr sich Shane gefreut hatte, als Julia ihm erzählt hatte, dass sie schwanger war. „Shane, lass das. Und sag nicht immer ‚Kleiner‘. Es kann genau so gut eine ‚Kleine‘ sein.“ Shane verzog das Gesicht und schüttelte entschieden den Kopf. „Julia, du...“ „Hallo, schön, dass ihr beide Zeit gefunden habt um mit uns zu sprechen.“ Shane’s Eltern waren zu ihnen ins Arbeitszimmer gekommen. Sie setzten sich hinter einen schweren Schreibtisch und begutachteten Julia’s kleinen Bauch. Er war in den letzten 4 Monaten ganz schön gewachsen. „Wie geht es ihnen, Julia? Und vor allem, wie geht es dem Kleinen?“ „Dankeschön, mir geht es hervorragend und ich denke dem oder der Kleinen in meinem Bauch auch. Ich habe jedenfalls noch keine Beschwerden gehört.“ Julia lachte, doch Shane wäre fast vom Stuhl gefallen. Hatte sie denn alles wieder vergessen? „Julia, der Hauptgrund warum ich sie und meinen Sohn heute sprechen wollte ist der: Sie müssen den Königsvertrag unterschreiben. Das ist üblich nach der Hochzeit. Wenn sie nicht unterschreiben wollen wird die Eheschließung als ungültig angesehen und mein Sohn wird sich nach einer anderen Frau umsehen müssen. Wenn sie unterschreiben, müssen sie sich natürlich auch an die königlichen Regeln halten. Und viele von diesen Regeln werden ihnen sicherlich nicht gefallen. Also entscheiden sie sich richtig. Sie haben nur eine Entscheidung.“ Nervös drückte Julia Shane’s Hand. Sie hatte zwar schon vor der Hochzeit von diesem Vertrag erfahren, aber nichts genaueres. „Darf ich ein paar dieser Regeln erfahren?“ „Natürlich.“ Shane’s Vater zog ein paar Blätter aus einer Schublade. Oh Gott, wie viele Tausende von Regeln gab es denn? „Interessant für sie sollten wohl folgende Sachen sein... Sie dürfen keine Feste feiern ohne unsere Erlaubnis. Sie sollen die Bediensteten so viel für sich arbeiten lassen wie nur irgendwie möglich. Ich bezahle sie schließlich nicht umsonst. Und sie sollten sich nicht zu viel mit ärmeren Leuten abgeben.“ Erschrocken sah Julia zu Shane. Was sollte das heißen? Darf sie ihre Freunde etwa nicht mehr sehen? Sie gehörten schließlich alle zu den ärmeren Bauern, genau wie sie noch vor knapp einem halben Jahr. Sie waren doch dadurch keine schlechteren Menschen – im Gegenteil. „Heißt das, ich darf meine Freunde nicht mehr sehen? Sie können doch nichts dafür, dass sie nicht so viel Geld besitzen wie sie.“ „Glauben sie mir, Julia. Irgendwann werden sie froh darüber sein, dass sie sich nicht mehr mit diesem Gesindel an Leuten abgeben müssen.“ „Aber das sind...“ „Ich denke wir finden da eine ganz akzeptable Lösung für uns alle, Mutter.“ Shane hielt Julia davon ab sich zur Wehr zu setzen. „Ein paar weitere Regeln besagen, dass es für sie verboten ist, morgens aus ihrem Zimmer zu gehen, ehe nicht eine Bedienstete bei ihnen war.“ Julia konnte nicht glauben was ihr Shane’s Vater da vorlas. Wie konnte Shane so etwas so lange ertragen? „Dann werden sie auch ihren ganzen persönlichen Besitz bei uns abliefern. Wir entscheiden dann was sie behalten dürfen und was nicht.“ Langsam war Julia den Tränen nahe. Was hatte sie nur verbrochen um in diese Sache hinein geraten sein zu müssen? Julia schwor sich bei nächster Gelegenheit alle persönlichen Gegenstände Amanda zu geben. Bei ihr waren sie gut aufgehoben. Jedenfalls besser als bei dieser Familie hier. Wir konnten eigentlich zwei solch schreckliche Menschen einen Sohn wie Shane haben? Er muss wohl alles Gute erhalten haben, was an seinen Eltern vorüber ging. Jedenfalls was Humor, Güte, Wärme und Einfühlsamkeit betraf. „Nun aber noch zu der wohl wichtigsten Regel für sie, Julia.“ Shane’s Mutter fixierte sie scharf. Julia war sich sicher, das was jetzt noch kam war hundert mal schlimmer als alles andere zuvor. Und sie hatte recht. „Sie wissen, dass sie uns einen Sohn gebären müssen?“ Ihnen? Was ging eigentlich in den Köpfen dieser zwei Personen vor? Julia brachte das Kind doch nicht für Shane’s Eltern auf die Welt, sondern für Shane und sich. Für ihre Familie. „Ja, das weiß ich.“ „Gut, dann wissen sie auch, dass wir ein Mädchen nicht annehmen würden.“ Julia nickte ruhig, doch innerlich wurde sie gerade langsam erwürgt. Konnte eine Frau denn spüren ob sie einen Jungen oder ein Mädchen erwartete? Julia fühlte jedenfalls irgendetwas. Und froh war sie darüber sicherlich nicht...
Wieder einmal lag Julia weinend auf ihrem Bett. Sie wusste nicht mehr wie oft sie sich in den letzten 4 Monaten in ihr Zimmer gesperrt hatte und all ihre Angst und ihren Frust aus sich heraus geweint hatte. Doch dieses Mal schien es einfach nicht funktionieren zu wollen, die Angst war zu groß. Sie hielt ein vergilbtes Blatt Papier in ihrer Hand. Die Tinte verlief langsam durch ihre Tränen, die das Blatt trafen. Es war wieder einer von vielen Drohbriefen die sie in den letzten Monaten erhalten hatte. Jedoch war dieser anders. Es war eine Morddrohung gegen sie und ihr Baby. Letzteres machte ihr wohl am meisten zu schaffen. Julia las den Brief immer und immer wieder durch. Mit der Hoffnung endlich heraus zu finden wer ihr diese schrecklichen Briefe schrieb: „Du beschmutzt das Königshaus mit deinem unreinen Blut. Du solltest eher in der Hölle schmoren als in Zukunft auf dem Thron zu sitzen. Ich sorge persönlich dafür, dass du das tust. Und wenn dein Kind kein Junge wird, wird dir das Mädchen folgen. Unser Land braucht einen großen Führer und nicht solch minderwertige Geschöpfe wie dich. Genieße deine letzten Tage, es werden nicht mehr viele sein. Wir sehen uns – sehr bald. xxx“ Wieder brach Julia in Tränen aus. Wer war nur zu solch schrecklichen Taten fähig? Doch am meisten beunruhigte sie, dass die Person freien Zutritt zu ihren Gemächern hatte. Wie sonst kamen die Briefe auf ihr Bett? „Julia? Ist alles in Ordnung? Weinst du mein Schatz?“ So schnell es möglich war verstaute Julia das Blatt Papier in ihrem Nachtkästchen. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und öffnete dann langsam die Tür. „Hallo Shane. Was ist denn los? Ich habe gerade so schön geschlafen.“ Sie ging zurück zum Bett und legte sich hin. Was gar nicht mehr so einfach war mit einem 8-monatigen Lebewesen unter dem Herzen. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken. Ich dachte nur ich hätte dich weinen gehört. Hast du gut geschlafen?“ Er strich ihr durch’s Haar und spielte mit ihren Haarspitzen. Das tat er immer wenn er um sie besorgt war. „Ja, habe ich, danke. Und was hast du gerade gemacht?“ Sie kuschelte sich enger an Shane. „Ich habe mit meinen Eltern nochmals über den Vertrag gesprochen.“ „Scheiß Vertrag.“ „Bitte?“ „Nichts, nichts. Sprich nur weiter.“ Ja, der Vertrag... Julia hatte letztendlich unterschrieben. Zwar war ihr alles andere als wohl bei der Sache, aber was sollte sie denn sonst machen? Sie liebte Shane so sehr. Sie wollte ihn doch jetzt nicht mehr verlieren. „Ich habe mit meinen Eltern eine Abmachung vereinbart.“ Julia sah in erwartungsvoll an. „Ich habe es geschafft sie in einigen Punkten zu überreden.“ „Und welche?“ „Erstens, deine persönlichen Gegenstände gehen meine Eltern nicht an. Und zweitens darfst du deine Freunde treffen wann du willst. Allerdings nur auf dem Schloßgelände. Weiter habe ich sie nicht überreden können.“ „Wirklich?“ „Ja, tut mir lei...“ „Jaaaa!“ Stürmisch fiel ihm Julia um den Hals und küsste sein ganzes Gesicht ab. Woher sie das nur hatte? „Shane, du bist ein Engel – mein Engel.“ Freudestrahlend sah sie ihn an. „Du bist wirklich froh darüber?“ „Aber natürlich.“ „Deine Freunde bedeuten dir wohl ziemlich viel?“ „Klar, wieso nicht?“ „Ich hatte niemals richtige Freunde. Ich weiß nicht wie das ist.“ „Ab jetzt hast du welche. Kian, Amanda... Meine Freunde sind auch deine Freunde. Und was ist eigentlich mit Markus und Nicholas? Sind sie keine Freunde?“ „Doch natürlich. Aber ich kenne sie erste seit ca. 2,5 Jahren und nicht wie du deine Freunde seit zwanzig Jahren.“ Julia grinste. „Es ist doch nicht wichtig wie lange du schon mit ihnen befreundet bist, sonder wie gut.“ Shane nickte und zog Julia noch näher an sich. „Ich liebe dich, Julia.“ „Ich dich ahhhh!“ „Was ist?“ Erschrocken richtete sich Shane auf. „Nichts, keine Sorge. Das kleine Etwas in meinem Bauch hat mich nur gerade mal wieder getreten.“ „Wirklich?“ Shane’s Augen strahlten, als er beide Hände auf Julia’s Bauch legte. „Ich kann es fühlen. Der kleine Racker räumt ja ganz schön um da drinnen.“ Traurig sah Julia zu Shane. Wenn er doch nur recht haben würde mit dem ‚kleinen Racker‘...
Schweißgebadet schreckte Julia hoch. Sie hatte wieder einmal schlecht geträumt. Und immer war es der selbe Traum gewesen. Sie wacht auf und sieht wie Shane neben ihr stirbt. Ängstlich drückte sie ihre Decke an sich. Warum musste sie jede Nacht so etwas schreckliches träumen? Die Morddrohungen die sie erhalten hatte waren doch immer gegen sie und ihr Kind. Warum dann immer Shane? Hatte es damit zu tun, dass er ihr versprochen hatte, dass ihr niemals etwas geschehen würde? Dass er sie immer beschützen würde, egal was passieren würde? Julia kamen die Tränen. Wieso musste er auch die Briefe finden? Wieso hatte sie nicht alle weggeworfen? Nein, sie musste alle fein säuberlich aufbewahren. Es war doch eigentlich nur eine Frage der Zeit bis Shane sie finden würde, so neugierig wie er immer war. „Shane...“ Wie sehr wünschte sich Julia jetzt an seiner Seite zu liegen, in seinen Armen... Doch die Regeln verboten, dass eine schwangere Frau mit einem Mann im selben Zimmer schlief. Geschweige denn im selben Bett. Das wäre unvorstellbar gewesen. Julia erschrak erneut, als sich ein Schlüssel in ihrem Schlüsselloch drehte. Wer, in Gottes Namen, wollte um drei Uhr Nachts zu ihr? Sie hatte kein gutes Gefühl bei der Sache und verkroch sich noch tiefer in ihre Decke. Dann ging die Tür langsam und leise auf. Erst blieb es still, doch dann trat eine schwarze Gestalt ins Zimmer. Julia konnte nicht erkennen wer es war, dazu war es zu dunkel. Doch eins wusste sie, Shane war dies sicherlich nicht. Ihr Puls begann zu rasen als sie sah was die Person in ihren Händen hielt – Schnüre und ein langes Messer. „Ich weiß, dass du wach bist, Julia. Und ich weiß wie viel Angst du gerade hast. Und ich kann dir noch etwas sagen: alle Angst ist berechtigt.“ Langsam ging die Gestalt auf Julia zu. „Du hast viel Schande über das Königshaus gebracht. Du kleines, dreckiges Bauernmädchen.“ Julia gefror regelrecht das Blut in den Adern, als der Einbrecher ihr Bettende erreicht hatte. Sie war nicht mehr in der Lage sich zu bewegen oder zu wehren. Auch wenn es sich, der Stimme nach, um eine Frau handeln musste. Wie sollte sie sich denn auch wehren mit einem acht Monate alten Baby im Bauch? „Was wollen sie von mir? Verschwinden sie oder ich fange an zu schreien.“ „Das wird keiner hören, Julialein. Alle Bedienstete haben heute frei. Es befindet sich niemand im Schloss. Und Shane, dein werter Ehemann, ist mit Markus auf einer Geburtstagsfeier, falls du das schon vergessen haben solltest.“ Julia’s Hände krallten sich in ihrer Decke fest. Die Frau hatte recht. Sie war vollkommen allein im Schloss. „Aber was wollen sie von mir?“ „Denk mal nach. Was könnte ich von dir wollen? Was könnte meinen Hass auf dich lindern? Denk nach, Julia. Denk scharf nach.“ „Gott, ich weiß es nicht. Bitte, bitte verschwinden sie einfach, bitte.“ Die Frau lachte hysterisch auf und ging weiter auf Julia zu bis ihr Kopf neben dem von Julia war. „Ich gehe nicht, Julia. Ich hole mir jetzt was ich will. Und das...“ Sie packte Julia an den Haaren und hielt ihr das Messer an die Kehle. „Und das ist ihr Leben, Mrs. Filan.“ Julia war starr. Jetzt war der Moment also gekommen. Der Moment in dem sie das Zeitliche segnen würde. Sie spürte keinen Schmerz mehr als die Frau ihr die Hände zusammen band. Auch wenn die Schnüre ihr das Blut abschnürten. „Los! Steh auf!“ Mit einem Schlag in den Rücken brachte sie Julia dazu aufzustehen. „Wo wollen sie hin?“ „Haha... denkst du, dass sage ich dir? Denkst du wirklich, dass ich so blöd bin? Nein, Julia, du wirst nicht erfahren was ich mit dir vorhabe.“ Mit Gewalt band ihr die Frau die Augen zu. „Und wenn ich ab jetzt auch nur einen Mucks von dir höre, hast du ein Messer im Bauch stecken. Verstanden?“ Julia nickte langsam. „Gut, braves Mädchen. Und nun...“ Julia höre Papier rascheln und dann wieder die furchteinflößende Stimme der Frau. „Und nun bewege dich und verabschiede dich von allem.“ Die Frau stieß sie wieder in den Rücken und verließ das Zimmer mit ihr. Julia spürte nichts mehr- nur Angst. Angst um Shane, ihren Ehemann, ihre einzig wahre Liebe. „Shane, ich liebe dich – für immer...“
Unter quälenden Schmerzen öffnete Julia ihre Augen. Doch auch so sah sie nicht mehr als mit geschlossenen Augen. Nichts außer Dunkelheit. Sie wusste nicht wie lange sie nun schon in diesem kalten, dunklen Raum saß. Doch es musste sich um einige Tage handeln. Das sagte ihr ihr gesamter Körper. Und heute zeigte er ihr besonders deutlich was ein Mensch für Schmerzen empfinden konnte. Die Wehen hatten eingesetzt. Julia hatte Angst. Angst um das Baby, um sich und um Shane. Wie es ihm wohl ging? Julia war so in Gedanken vertieft, dass sie nicht bemerkte wie eine schwarze Gestalt auf sie zukam. Erst als ein kleines Päckchen mit Essen vor ihren Füßen landete reagierte sie. „So wie es aussieht hast du das Träumen immer noch nicht verlernt, Julia. Sei froh darüber. Es wird die nächste Zeit das einzig Positive in deinem Leben sein. Und wenn das Kind, das du, so wie es aussieht, bald bekommst, kein Junge wird, war träumen das letzte Schöne in deinem Leben.“ Die Frau lachte laut auf und Julia zuckte zusammen. Auch wenn sie nun keine Augenbinde mehr trug konnte sie nicht erkennen wer vor ihr stand. Eine Maske und die Dunkelheit verhinderten dies. „Wie... wie geht es Sha... Shane?“ Julia konnte kaum noch sprechen. Die Kälte hatte ihr fürchterlich zugesetzt. „Deinem werten Ehemann geht es so gut wie es ihm nur gehen kann. Er feiert Partys und ist froh dich endlich wieder los zu sein. Er ist froh endlich eine richtige Frau finden zu können. Tja Julia, so wie es aussieht hat Shane dich schon wieder völlig vergessen. Aber was hast du von so einem verwöhnten Schwächling auch erwartet?“ Julia konnte nicht glauben was sie da hörte. Das konnte doch nicht wahr sein, oder doch? Hatte sie sich so sehr in Shane getäuscht? Hatte er ihr die letzten Monate nur etwas vorgespielt? Julia schüttelte energisch den Kopf. Nein, das konnte nicht wahr sein. „Shane liebt mich.“ Sie flüsterte, schon fast nicht mehr hörbar. „Haha... das denkst du nur, Julialein. Das denkst du nur. Wer weiß, vielleicht vergnügt er sich gerade mit einer anderen und schafft einen ehrenwerten Thronfolger? Wer weiß, Julia? Wer weiß? Du sicherlich nicht.“ Heiße Tränen liefen über Julia’s Gesicht. Das konnte nicht sein. Shane liebte sie doch. Ja, Shane liebte sie. Und sie sollte Recht behalten. Shane hatte am Abend der Entführung einen Zettel auf Julia’s Bett gefunden der ihn seither nicht mehr ruhig schlafen ließ: „Du willst deine Frau lebend zurück? Das kannst du haben. Aber nur, wenn du keinen Mucks von dir gibst und nicht nach ihr suchst. Wenn das Kind ein Junge ist wirst du sie und dein Kind bald wieder sehen. Wenn nicht, ist es sinnlos nach ihr zu suchen. Verabschiede dich lieber gleich von deiner Julia und deiner Tochter. Fang an zu beten, Shane. Fang an, schnell! xxx“ Shane hatte sofort Markus, Kian, Nicholas und Amanda bescheid gegeben und sich mit ihnen zusammen auf die Suche gemacht. Doch bisher ohne jeglichen Erfolg. Langsam war er am Ende seiner Kräfte. „Shane, du solltest echt mal wieder schlafen. Du siehst nicht gut aus.“ Für diesen Kommentar erntete Amanda nur einen bösen Blick von ihm. „Ich muss sie finden und zwar sofort! Ihr könnt machen was ihr wollt, aber ich gehe jetzt wieder und suche weiter nach ihr. Ich muss sie einfach finden. Ich muss.“ Shane liefen die Tränen unkontrolliert das Gesicht hinab. „Ich muss sie finden. Ich liebe sie doch...“ Gemeinsam mit Nicholas und Amanda machte er sich auf den Weg. Er wollte noch einmal die alten Ruinen am Rande der Stadt absuchen. Er wusste nicht wieso, aber er fühlte sich ihr dort so nahe. Kian und Markus wollten den nahe gelegenen Wald überprüfen. „Ahhhh...!“ Julia schrie auf. Die Schmerzen wurden immer unerträglicher. Das kleine Ding in ihrem Bauch wollte endlich raus und leben. Es war ihm ja nicht zu verbieten? Aber musste es unbedingt jetzt die Welt erkunden wollten? „Na das hört sich ja phantastisch an, Julia. Bald werden wir wohl wissen ob du noch länger lebst oder nicht.“ Wieder lachte die Frau auf, doch Julia nahm es nicht mehr war. Sie lag auf dem kalten Steinboden und war von den Schmerzen wie betäubt. „Na los, Julia. Nun mach es nicht so spannend. Ich will endlich wissen was es ist.“ Gerade als ihr die Frau mit der flachen Hand auf den Bauch drücken wollte kam jemand um die Ecke gerannt – Shane...
„Juliaaaa!“ Shane rannte wie ein Irrer auf die zwei Gestalten vor sich zu. Er wollte nur so schnell wie möglich zu seiner Frau und ihr helfen. „Halt! Stehen bleiben!“ Die unbekannte Frau zog ein zwanzig Zentimeter langes Messer aus ihrer Manteltasche und hielt es Julia an den Hals. „Wenn du willst, dass sie noch länger lebt, dann bewege dich keinen Millimeter mehr. Hast du gehört?“ „Lass sie los, oder...“ „Oder was? Shane, überlege mal gut. Wer sitzt gerade am längeren Hebel? Sicherlich nicht du.“ Die Frau lachte auf, doch Shane ging weiter auf sie zu. „Ich schwöre dir, ich bring dich um, wenn du Julia auch nur ein Haar krümmst.“ „Oh, der große Mr. Filan hat gesprochen und jetzt zittere ich vor Angst. Hey, verdammt, bleich endlich stehen. Ich warne dich!“ Sie packte Julia an den Haaren und legte ihr das Messer noch näher an den Hals. „Shane, bitte...“ Julia wollte ihn aufhalten. Er sollte fern bleiben, einfach nur wegbleiben von ihr. Zu seinem Schutz und zum Schutz ihres Kindes. Doch ihre Stimme versagte. Sie war einfach zu erschöpft. „Verdammt, lass sie los!“ Die Frau lachte nur laut auf und stand auf. „Nein Shane, sie gehört mir. Und ich werde dafür sorgen, dass sie das bekommt was sie verdient hat. Und zwar am besten sofort. Shane, verabschiede dich von deiner großen Liebe.“ „Neeeiiinn!“ „Ahhh...!“ Julia schrie auf vor Schmerz. Sie fasste sich an ihre rechte Schulter. Blut, dort war alles voller Blut. „Du Miststück!“ Shane schlug der Frau mit voller Wucht ins Gesicht und beförderte sie so zu Boden. „Ahhh!“ Julia schrie auf, als Shane sie vorsichtig hoch hob. „Julia, mein Engel. Halte durch, bitte.“ „Shane! Oh Gott, was ist passiert?“ Nicholas und Amanda kamen den Beiden entgegen gerannt, als sie aus der Ruine kamen. Shane liefen unkontrolliert Tränen über das Gesicht. Julia lag wie leblos in seinen Armen, überall war Blut und sie atmete schwer. „Julia, sie... wir müssen ihr helfen. Nicholas, bitte du... du musst ihr helfen. Sie... sie stirbt sonst.“ Shane war kurz davor zusammen zu brechen. Doch er hielt stand. Er konnte doch nicht mit Julia in den Armen zusammen brechen. Er hatte ihr versprochen immer für sie da zu sein. Und gerade jetzt musste er dieses Versprechen auch halten. „Sha...Shane...“ Julia hatte die Augen geöffnet. „Mein Engel, oh Gott, bitte halte durch.“ Julia lächelte schwach und schloss wieder die Augen. „Wie müssen sie sofort zurück zum Schloss bringen. Dort...“ „Ahhhhh!“ Julia riss ihren Kopf und packte Shane am Ärmel. Auch wenn es ihre gerade so schlecht ging, dass Kind wollte raus. Oder gerade deswegen? „Nicholas, bis zum Schloss ist es zu weit. Das Kind kommt jetzt.“ Nicholas nickte langsam und zeigte auf eine Holzhütte gute hundert Meter von ihnen entfernt. So schnell es ging liefen sie dort hin. Julia schrie immer wieder auf. Die Schmerzen im Unterleib und Oberarm waren einfach zu stark. Für Shane war es ein mehr oder weniger gutes Zeichen. So lange sie schrie war sie nicht tot. Tot, seine Julia tot. An so etwas wollte er in diesem Moment nun wirklich nicht denken. Doch es war unumgänglich. „Hallo? Ist jemand da? Hallo?“ Nicholas und Amanda hämmerten gegen die Tür, doch niemand öffnete. „Gott, vergib mir was ich jetzt tue, aber es ist lebensnotwendig.“ Mit einem starken, gezielten Tritt trat Nicholas die Holztür ein. Die Hütte war innen größer als sie von außen aussah uns sie bot alles was man für eine normale Geburt brauchte. Doch ob es auch hier ausreichen würde? Alle beteten innigst dafür. Vorsichtig legte Shane Julia auf eine Decke am Boden. Ein Bett wäre sicherlich vorteilhafter gewesen, aber sie mussten sich mit dem zufrieden geben was sie hatten. Und eine Decke war immerhin noch besser als der kalte Boden. Amanda setzte Wasser auf und Nicholas durchsuchte die Hütte nach weiteren brauchbaren Gegenständen. Tücher, Messer, Scheren... alles was irgendwie Sinn machte wurde neben Julia auf den Boden gelegt. „Nicholas, mach doch was.“ Julia hatte Schweißperlen auf der Stirn und zitterte am ganzen Körper. „Shane, halt mal ihren Arm hoch. Genau so. Wenn wir die Blutung nicht stoppen können, können wir uns auch den Rest sparen.“ „Was?“ Shane sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Dann mach endlich, dass es aufhört zu bluten. Du bist doch Arzt!“ „Ja, Shane. Ich bin Arzt. Aber was wir hier und jetzt bräuchten wäre Gott...“
„Shaaane!“ Julia schrie auf und packte Shane am Jacket. „Ist gut Schatz, ich bin hier. Hörst du? Ich bin hier und ich werde auch immer hier bei dir sein. Nicholas, mach doch endlich was, bitte.“ Shane sah in flehend an. Er konnte nicht länger mitansehen wie Julia litt und langsam immer schwächer wurde. „Ok, Julia, hör mir zu. Du musst bei der nächsten Wehe ganz stark pressen. Drück so fest du kannst.“ „Ahhhh!“ Julia war am Ende. Sie hatte absolut keine Kraft mehr. Und nun verlangte man auch noch von ihr, dass sie mit aller Kraft presste. Doch welche Kraft sollte sie um himmelswillen noch verwenden? Sie öffnete kurz die Augen und traf dabei auf die von Shane. Sie waren so voller Liebe und Wärme, aber auch Angst. Angst um sie und das Baby. Verdammt, sie musste kämpfen, sie musste einfach. „Jetzt drück, Julia.“ „Ahhh...! Shane!“ Shane kniete neben ihr und hielt ihre Hand. Mehr konnte er nicht tun. Er konnte einfach nichts tun und das brachte ihn fast um den Verstand. Er konnte seiner Julia nicht helfen. „Ok, jetzt atme tief durch, Julia. Du machst das spitze. Bald hast du e geschafft. Nur noch ein paar Mal pr...“ „Ahhhh!“ „Genau das wollte ich sagen. Pressen, Jule, pressen.“ „Ich kann nicht mehr!“ Julia liefen Tränen über die Wangen. Sie konnte einfach nicht mehr. „Schatz, ich liebe dich, bitte gib jetzt nicht auf.“ Shane wischte ihr vorsichtig die Tränen weg, während seine eigenen Tränen seine Augen brennen ließen. „Weiter so, Jule. Ich sehe schon den Kopf. Weiter.“ „Nein, ich kann nicht mehr...“ Julia schloss die Augen. Sie wollte nicht mehr. Sie wollte einfach nicht mehr. War das denn so schwer zu verstehen? Vorsichtig nahm Amanda die Hand von Julia. „Kleine, hör mir zu. Du darfst jetzt nicht aufgeben. Du hast schließlich noch nie in deinem Leben aufgegeben. Also denk ja nicht daran jetzt damit anzufangen. Kämpfe, Jule. Kämpfe für dich, für Shane, Kian, mich und all die anderen. Und vor allem kämpfe für das kleine Wesen in deinem Bauch. Der Zwerg will endlich seine Familie kennen lernen und die Welt erkunden. Das kannst du ihm doch nicht verbieten. Julia, du hast immer davon geträumt eine glückliche Familie zu besitzen. Und jetzt wo dieser Traum endlich in Erfüllung gehen würde willst du alles aufgeben? Julia, so kenne ich dich nicht. Du hast immer gekämpft. Also in Gottes Namen tu das auch jetzt!“ Julia sah ihre Freundin erstaunt an. Solche Sachen hatte sie ja noch nie von ihr gehört. „Press, Julia!“ „Ahhh...!“ Amanda begann zu weinen. Babygeschrei erfüllte den kleinen Raum. „Du hast es geschafft, Kleine. Du hast es wirklich geschafft. Ich bin so stolz auf dich.“ „Und ich erst!“ Shane fiel seiner Frau überglücklich um den Hals. „Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich.“ „Ich dich doch auch, Shane.“ Nicholas wickelte den neuen Erdenbewohner in ein Tuch und übergab ihn Julia. „Herzlichen Glückwunsch, Mrs. Filan. Sie sind jetzt Mutter. Und du Shane, alter Schwede, du bist Vater.“ Shane strahlte durch seine Tränen hindurch. Nun waren es Freudentränen. „Ja, Shane, du kannst echt stolz sein. Die Kleine ist echt süß.“ „Die?“ Geschockt sah ihn Shane an. „Ja, die. Ihr zwei habt ein gesundes Mädchen bekommen.“ Sofort war die Freude aus Shane’s Gesicht verschwunden. Nicholas musste sich vertan haben. Ein kleines Detail übersehen haben. Erschrocken sah er zu Julia, die ebenfalls alles andere als glücklich aussah. Sie hatte ein Mädchen zur Welt gebracht. Ein kleines Mädchen. Ihr Herz zerbrach vor Angst in tausend Stücke. Ein Mädchen...
„Shane, Julia! Oh Gott, was ist passiert?“ Markus und Kian kamen ihnen entgegen gerannt, als sie endlich die Schlossmauern erreicht hatten. Julia lag leblos in Shane’s Armen. „Julia!“ Kian rannte zu seiner Freundin. „Shhh... nicht so laut, Kian. Ihr geht es gut. Sie schläft nur.“ „Was ist denn passiert? Was ist mit ihr und dem Baby? Shane, nun sag schon.“ Kian war kurz davor durch zu drehen. Noch nie hatte er solche Angst um einen Menschen gehabt. Amanda ging langsam auf ihn zu. Auf dem Arm hielt sie ein kleines Bündel aus Laken, da sich ab und zu zu bewegen schien. „Kian? Darf ich dir Sophie vorstellen? Die kleine Tochter deiner besten Freundin.“ „Was?“ Kian riss die Augen auf. Ungläubig sah er auf das Bündel in Amanda‘s Armen. Er konnte nicht glauben was er da hörte. „Du meinst meine kleine Jule ist Mutter geworden?“ Amanda nickte. „Ach du heilige Scheiße.“ Kian grinste wie ein Honigkuchenpferd. „Leute, ich will euch ja wirklich nicht stören. Aber ich bringe Julia jetzt besser ins Bett. Nicholas? Kommst du bitte noch mit um nach dem Rechten zu sehen?“ „Natürlich. Wir sehen uns.“ Oben angekommen legte Shane seine Julia vorsichtig in ihr großes Himmelsbett. Er setzte sich an den Bettrand und strich ihr sanft über die Hand. „Keine Sorge, Shane. Julia ist ein starkes Mädchen. Sie wird das schon packen.“ Nicholas klopfe seinem Freund aufmunternd auf die Schulter. „Du hast Recht, Nicky. Und trotzdem habe ich Angst. Angst um sie, um das Baby und um unsere Liebe.“ „Ich weiß. Ich kenne die Regeln dieses Hauses nur zu gut. Daher weiß ich auch was es für dich bedeutet ein Mädchen bekommen zu haben. Und ich weiß auch, dass du dabei an deine Schwester denkst. Aber Shane, hör mir jetzt mal gut zu. Sophie ist deine Tochter. Sie besteht aus deinem und Julia’s Blut. Und sie hat es genauso gut wie ein Junge verdient, dass du sie liebst.“ „Sag mal spinnst du?“ Wütend stand Shane auf. „Denkst du, ich liebe meine Tochter nicht, nur weil sie weiblich ist? Denkst du wirklich ich könnte so herzlos sein? Nicky, ich liebe sie mehr als mein eigenes Leben. Oder warum denkst du habe ich solche Angst um sie?“ Nicholas ging auf Shane zu und legte ihm beide Hände auf die Schultern. „Du weißt, dass ich nie so über dich denken würde.“ „Du tust es aber gerade!“ Wütend stieß ihn Shane zur Seite. „Shane, ich...“ „Sei still, Nicholas. Ich will nichts mehr davon hören. Ich liebe Sophie genauso stark wie Julia und ich will keinen der Beiden jemals wieder verlieren. Sie sind mein Leben und ohne sie macht mein Leben keinen Sinn mehr.“ Shane setzte sich wieder an Julia’s Seite und strich ihr sanft über die Wange. Eine Träne suchte sich leise ihren Weg über sein Gesicht. „Ich habe solche Angst, Nicky. Ich will sie einfach nicht verlieren. Aber...“ Shane hielt inne. Er konnte nicht weiter sprechen. Allein der Gedanke daran, dass Julia oder Sophie etwas zustoßen konnte... es machte ihn wahnsinnig. „Den Beiden wird schon nichts geschehen. Hier im Haus sind sie sicher.“ „Das ist nicht war, Nicholas. Wenn du nachdenkst wurde sie genau aus diesem Zimmer hier entführt.“ Nicholas nickte leicht. „Sie wird ab jetzt sicherlich gut bewacht, Shane.“ „Eben nicht! Genau das Gleiche geschah doch mit meiner Schwester auch und sie...“ Shane brach in Tränen aus. Er konnte nicht mehr. Er konnte einfach nicht mehr. „Shane?“ Shane schrack auf. Julia hatte ihre Augen geöffnet. „Schatz, oh mein Gott, dem Himmel sei Dank. Wie geht es dir?“ „Naja, wie sieht es denn aus?“ Sie versuchte zu lächeln. Doch der Schmerz machte es fast unmöglich. „Wo ist mein Baby? Wie geht es ihm?“ Ängstlich sah ihm Julia in die Augen. „Unserer Tochter geht es gut. Amanda, Kian und Mark sind bei ihr.“ Julia lächelte. „Sorge bitte dafür, dass immer jemand auf sie aufpasst, Schatz.“ Als Shane nickte schloss Julia wieder die Augen. Die Ereignisse der letzten Zeit hatten sie stark mitgenommen. „Ich werde immer dafür sorgen, dass es Sophie und dir gut geht. Das verspreche ihr dir. Und wenn ich dafür mit meinem Leben bezahlen muss!“
„Es ist so schön hier, Shane.“ Julia kuschelte sich noch näher an ihren Ehemann. Die Beiden hatten es sich im Rosengarten gemütlich gemacht und waren nun dabei allerlei leckere Sachen in sich hinein zu stopfen. Shane hatte ein kleines Picknick, genau an der Stelle organisiert, wo sie sich das erste Mal besser kennen gelernt hatten. Und er hatte wirklich an alles gedacht: Erdbeeren, Birnen, Äpfel, Wein, Trauben und an die wohl weichste Decke auf der ganzen Welt. So sah jedenfalls Julia das. „Ich weiß mein Engel. Darum habe ich dich ja auch hier her entführt.“ Bei dem Wort ‚entführt’ zuckte Julia leicht zusammen. Der Vorfall war jetzt gut drei Monate her, aber er saß ihr immer noch so tief in den Gliedern, als wäre es erst gestern gewesen – kein Wunder. Julia strich sich unbewusst über ihre rechte Schulter. Dort befand sich seit der Entführung eine hässliche Narbe. Sie hasste sie, doch Shane versuchte ihr immer einzureden, dass sie nichts schlimmes war. Im Gegenteil, er fand sie sogar schön, genau wie den Rest an Julia. Er liebte einfach alles an ihr. „Alles in Ordnung, Julia?“ Besorgt sah Shane sie an. „Ja, ja tut mir leid. Ich musste nur gerade wieder an damals denken. Aber das ist ja jetzt Gott sei Dank vorbei.“ Shane nickte leicht und strich ihr dabei eine Strähne aus dem Gesicht. Julia hatte recht. Seit dem Vorfall war nichts mehr geschehen, aber das beruhigte Shane nicht. Er würde wohl erst zur Ruhe kommen, wenn die schreckliche Person, die seiner Julia das alles angetan hatte im Kerker saß. Shane wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Julia neben ihm plötzlich aufsprang und sich, mit weit ausgebreiteten Armen, um ihre eigene Achse drehte. Immer und immer wieder. „Ich liebe den Sommer hier in Irland!“ Lachend drehte sie sich weiter. Langsam musste ich doch mal schwindlig werden? Shane beobachtete sie vergnügt. Er liebte es wie kindisch Julia oft sein konnte und wie ernst sie im nächsten Moment wieder war. „Pass auf, dass du keinen Drehwurm bekommst.“ Lachend ließ sich Julia neben Shane auf die Decke fallen. „Ich glaube, den habe ich schon.“ Shane lachte auf. „Hm, was können wir denn dagegen unternehmen?“ „Wir?“ Julia sah ihm mit einem frechen Grinsen an. „Natürlich, oder meinen sie, ich lasse sie mit ihrem Schicksal allein, Mrs. Filan?“ „Das ist sicherlich nicht mein Schicksal.“ „So und was dann?“ „Mein Schicksal? Mein Schicksal ist, das du mich hier und jetzt auf der Stelle küsst.“ „Na wenn das so ist.“ Shane ließ sich diese Aufforderung nicht entgehen und verschmolz nur wenige Sekunden später in einen leidenschaftlichen Kuss mit Julia. „Ach, Schicksal ist schon eine schöne Sache.“ Shane lachte auf. „Ja, Julia. Da hast du wohl recht.“ „Weißt du was mir mein Schicksal jetzt gerade zuflüstert?“ „Was denn?“ „Das es riesen Lust auf Erdbeeren hätte.“ „Hahaha… Dein Schicksal nennt sich wohl eher Magen, Schatz.“ „Kann sein. Trotzdem habe ich und mein Magen jetzt Hunger.“ Sie grinste, als Shane nach der Schüssel mit den frisch gepflückten Erdbeeren griff. „Die Prinzessin ist also hungrig. Ich finde so etwas sollte nicht sein.“ Er riss das Grün von einer Erdbeere ab und hielt sie Julia vor die Nase. „Füttern!“ „Was?“ „Ich will, dass du mich fütterst.“ Shane lachte. Wie war das nochmal mit kindisch? „Na gut. Ihr Wunsch sei mir Befehl.“ Shane biss in die eine Hälfte der Beere und näherte sich damit Julia’s Gesicht. „Das ist doch nicht ihr Ernst, Mr. Filan? Ich will doch keine angebissene Erdbeere von ihnen.“ Shane ließ vor Erstaunen die Erdbeere fallen, was einen Lachanfall bei Julia auslöste. Sein Gesichtsausdruck war einfach himmlisch. „Na komm schon her, du Spinner.“ Lachend warf sich Julia auf Shane und küsste ihn beinahe in Grund und Boden. „Wow! Für was war das denn?“ „Für das, dass du der größte Engel auf Erden bist und ich dich finden durfte.“ „Wenn das so ist müsste ich dich jetzt zu Tode küssen, Julia.“ „Mach doch.“ Sie grinste ihn frech an, was Shane natürlich nicht auf sich sitzen ließ. „Du hast es so gewollt.“ Er packte Julia an den Armen und drückte sie in das frische, grüne Gras. „Sagen sie lebewohl.“ „Bye bye Leben.“ Julia kicherte, als Shane damit begann seinen Plan in die Tat umzusetzen, in dem er sie sanft am Hals küsste. Doch es dauerte nicht lange, dann musste Shane seine süße Qual abbrechen. Amanda kam auf die Beiden zugerannt und blieb schnaufend vor ihnen stehen. „Amanda, was ist denn in dich gefahren?“ „Julia…“ „Ja?“ Langsam wurde Julia nervös. Ihr gefiel Amandas Gesichtsausdruck nicht. „Nun sag schon, was ist los?“ „Sophie… sie… sie ist weg!“
„Schatz, nun iss doch endlich mal etwas. Es hilft Sophie nun mal auch nicht, wenn du hier langsam von den Rippen fällst. Und bitte hör auf zu weinen. Ich kann es nicht länger ertragen dich so leiden zu sehen.“ Vorsichtig setzte Shane sich an Julia’s Bett und stellte dabei ein Tablett mit allerlei Köstlichkeiten auf das kleine Nachttischen nebenan. Julia hatte seit dem Verschwinden von Sophie vor drei Tagen nichts mehr gegessen. Sie lag nur noch in ihrem Bett und weinte. Sie konnte nichts tun außer weinen. Shane und die anderen verboten ihr das Schloss zu verlassen. Sie waren sich sicher, dass der Entführer genau dies bezwecken wollte. „Ich habe keinen Hunger, Shane. Wie oft habe ich dir das schon gesagt. Lass mich doch einfach in Ruhe!“ Wütend warf sie ein Kissen nach ihm, was ihn genau am Kopf traf und es tat ihr augenblicklich leid. Shane konnte doch auch nichts für das Verschwinden ihrer Tochter. Er sorgte sich hier um sie uns sie hatte nichts besseres zu tun, als ihm Beleidigungen an den Kopf zu werfen. „Shane, es… es tut mir leid.“ Mit gesenktem Kopf und roten Augen vom vielen weinen sah sie ihn an. „Ich…“ „Shhh… sag nichts, Julia. Ich verstehe doch wie du dich fühlst. Mir geht es ja nicht anders.“ Julia nickte langsam. Er hatte recht. Ihm erging es nicht anders, immerhin ging es hier auch um seine Tochter. „Es tut mir so leid, Shane. Aber ich habe solche Angst. Sophie ist doch erst drei Monate alt. Sie hat doch noch gar nicht die Chance gehabt zu erfahren was es heißt zu leben. Ich will nicht, dass sie so früh…“ Weinend brach Julia in Shane’s Armen zusammen. Tränen liefen ihr unaufhörlich die Wangen hinab und sie zitterte am ganzen Körper. Shane nahm sie fest in die Arme und strich ihr vorsichtig über ihr Haar, ehe er sie mit einer Hand zwang ihn anzusehen. „Schatz, hör mir zu. Sophie geht es gut, das spüre ich. Und es wird ihr auch immer gut gehen, dafür werde ich höchstpersönlich sorgen. Sie wird ein langes und glückliches Leben führen. Als Kind zusammen mit uns und als erwachsene Frau mit ihrer Familie. Aber sie wird alt und glücklich, hast du mich verstanden?“ Julia nickte, ehe sie ihren Kopf wieder an Shane’s Schulter vergrub und schluchzte. Die Welt war so unfair. Warum sie, warum Sophie? Julia fand keine Antwort darauf. Shane und Julia schraken auf, als Markus, Kian und Amanda in ihr Zimmer gestürmt kamen. „Wow, was ist denn mit euch los?“ Verdutzt sah Shane seine Freunde an. „Hier, lies das.“ Amanda drückte ihm etwas unsanft ein altes Blatt Papier in die Hand. „Was?“ „Lies einfach.“ „Schon gut.“ Shane faltete das Blatt auseinander und begann laut vorzulesen. „Na? Wie geht es Mr. und Mrs. Filan denn so? Ich hoffe schlecht! Ich hoffe ihr geht bald vor Verzweiflung über eure Tochter ein. Nur zu, ich habe sicherlich nichts dagegen. Aber nun zur wichtigeren Sache für euch. Eure liebe, kleine Tochter lebt. Jedenfalls atmet und schreit sie noch. Wie es ihr aber in Zukunft ergehen wird liegt in eurer, bzw. Julia’s Hand. Ich sage nur so viel: Wenn du deine Tochter lebend wieder sehen willst, Shane, dann will ich Julia sehen. Aufgelegt auf einer Liege in der Kirche und zwar TOT! Ich gebe euch fünf Tage, ansonsten siehst du deine kleine Tochter nie wieder. Und wenn doch sicherlich nicht mehr lebendig. Wir sehen uns und lebewohl Julia! xxx“ Shane endete und ließ das Blatt Papier zu Boden sinken. „Die Person ist verrückt. Einen anderen Ausdruck weiß ich dafür nicht mehr. Julia, wir machen das nicht. Hörst du?“ Sie nickte, doch insgeheim hatte Julia schon einen Beschluss gefasst – für Sophie…
Vorsichtig stieg Julia aus ihrem Bett und suchte nach einer Kerze auf ihrem Nachttisch. Als sie endlich fündig geworden war, zündete sie diese an und ging damit in Richtung Tür. Immer darauf bedacht Shane nicht zu wecken, der friedlich schlief. Seit dem Vorfall durften sie endlich in einem gemeinsamen Bett schlafen. Doch diese Zeit sollte auch schon wieder vorbei sein. Julia sah Shane im Kerzenlicht noch einmal an. Er atmete ruhig und bekam nichts von Julia’s Vorhaben mit. Was überaus gut war. Sie atmete tief ein, ehe sie ihrem Ehemann einen letzten Kuss zuwarf und leise das Zimmer verließ. So leise es ging schlich sie durch das Schloss, bis sie endlich an ihrem Ziel angekommen war. Eines der letzten Zimmer im Gang – Nicholas Zimmer. Julia klopfte kurz, betrat dann aber rasch den Raum. Es war ihr egal ob Nicholas sie herein gebeten hatte oder nicht. Sie hätte wohl durch das ganze Klopfen das ganze Schloss aufgeweckt, ehe Nicholas etwas mitbekommen hätte. Neben dem Mann konnte eine Bombe einschlagen und er wäre nicht aufgewacht. Langsam ging Julia auf das Bett zu, dass sie vor sich im Kerzenlicht erblickt hatte. Sie stellte die Kerze auf einem kleinen Tisch neben dem Bett ab und tippte Nicholas dann leicht an der Schulter an. „Nicholas. Hey, Nicky, wach schon auf.“ „Was… ich will nicht Mami…“ Julia kicherte. Jetzt hätte sie wieder eine Sache mehr mit der sie Nicholas aufziehen hätte können. Doch dazu war keine Zeit mehr. „Nicky, du Schlafmütze, nun werde endlich wach.“ Sie rüttelte leicht an seiner Schulter. „Ich will aber… Julia!“ Augenblicklich war Nicholas hell wach und sah Julia mit großen Augen an. „Kleine, was machst du denn hier? Es ist mitten in der Nacht.“ „Drei Uhr um genau zu sein. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Nicky, ich bin hier, weil…“ Julia musste einmal kräftig schlucken, ehe sie weiter sprechen konnte. „Ich will, dass du mir eine letzte Beichte abnimmst und mich dann segnest.“ Nicholas sah sie mit fragendem Blick an. Er verstand nicht recht was sie damit bezwecken wollte. Vor allem zu solch einer Uhrzeit. „Ähm, Julia, entschuldige wenn ich dich das jetzt frage, aber warum? Diese zwei Sachen in Kombination bekommen normalerweise nur Leute die wissen, dass sie in nächster Zeit sterben.“ Plötzlich fiel es Nicholas wie Schuppen von den Augen. „Julia, ich hoffe jetzt mal, ich liege sehr, und ich meine wirklich sehr falsch mit meiner Annahme.“ Julia schüttelte leicht den Kopf. „Nein, Nicky, das tust du nicht. Ich…“ Langsam füllten sich Julia’s Augen mit Tränen. „Ich muss das tun. Für Sophie.“ Nicholas stieg aus seinem Bett und sah Julia ernst an. „Nein, Julia, das mache ich nicht. Sicherlich nicht. Und du auch nicht, verstanden?“ „Aber…“ „Nichts aber. Du machst so etwas nicht. Denk nicht mal daran. Es bringt Sophie sicherlich nichts, wenn sich ihre Mutter umbringt. Sie braucht dich. Wir finden da schon eine andere Lösung.“ „Ach ja? Und welche?“ Julia war alles egal. Sie hatte bereits mit dem Leben abgeschlossen. „Gift.“ „Na toll. An Gift stirbt man auch, Nicky. Nur so zur Information. Und ich dachte eigentlich du willst, dass ich noch länger lebe.“ „Schon klar. Ganz blöd bin ich auch nicht. Aber ich rede hier nicht von irgendeinem Gift, sondern von ‚Fasoglio’. Ein Gift, dass einen Menschen für vierundzwanzig Stunden tot erscheinen lässt.“ Julia blickte auf. Was hatte Nicholas vor? „Wie meinst du das, Nicky?“ „Ich meine, dass du für vierundzwanzig Stunden tot bist, danach aber wieder putzmunter durch die Gegend springst. Die Entführerin will dich tot in der Kirche sehen. Das kann sie haben. Nur, dass du danach wieder lebst.“ Erstaunt sah ihn Julia an. Was es nicht alles für Sachen gab. Nicholas ging zu einem kleinen Schrank in seinem Zimmer und suchte darin nach einem kleinen Fläschchen. „Ahh, hier ist es.“ Er ging zurück zu Julia und gab ihr das Gift. „Trink die Flasche ganz aus, ehe du wieder zu Bett gehst. Morgen Früh, wenn Shane sich wie immer aus dem Zimmer geschlichen hat um dich nicht zu wecken, werde ich nach dir sehen. Ich werde dafür sorgen, dass alles so schnell wie möglich vorbereitet wird und du noch am selben Tag in der Kirche liegst.“ „Aber was ist mit Shane? Er muss morgen nach Dublin, um dort etwas zu erledigen. Wer soll sich dann um Sophie und die Entführerin kümmern?“ „Ich erzähle Kian morgen Früh alles. Er soll Shane noch vor Mittag alles berichten, damit er bescheid weiß und sich um Sophie kümmern kann.“ „Irgendwie klingt das als ob du diesen Plan schon länger hegst.“ „Tu ich auch. Aber nun geh, damit niemand etwas von deinem Vorhaben mitbekommt.“ Nicholas schob Julia in Richtung Tür. „Schlaf gut, Julia. Wir sehen uns Übermorgen.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und schloss leise die Tür hinter ihr. Als Julia wieder in ihrem Zimmer ankam, wusste sie nicht recht was sie tun sollte. Doch als sie Shane sah und dabei an Sophie denken musste, war ihre Entscheidung klar. Sie drehte den Verschluss von dem kleinen Fläschchen ab und versteckte in unter ihrem Kopfkissen. Dann wandte sie sich nochmals zu Shane. „Ich liebe dich, Shane. Und ich werde dich immer lieben.“ Sie gab ihm einen letzten Kuss auf die Stirn, ehe sie das Fläschchen in einem Zug leerte und kraftlos in ihre Kissen sank…
Shane schlich sich wie jeden Tag aus ihrem gemeinsamen Schlafzimmer. Er wolle Julia auf keinen Fall wecken. Sie sah immer wie ein Engel aus wenn sie schlief. Shane lächelte. Er konnte immer noch nicht fassen welches Glück er gehabt haben musste, als er Julia kennen gelernt hatte. Leise öffnete er die Tür und schlich sich hinaus. Er musste dringend nach Dublin um mit einem dortigen Mediziner zu sprechen. Was genau er dort machen musste, wollte er niemanden sagen. Nicht einmal Julia, vor der er kein einziges Geheimnis hatte. Vor dem Schloss wartete schon eine Kutsche auf ihn, in die er einstieg und die kurze Zeit darauf weg fuhr. Shane wusste nicht, dass er die ganze Zeit von Nicholas beobachtet wurde. Dieser rannte geradewegs in Richtung Julia, als er sich sicher war, dass Shane weg war. Er betrat ohne zu klopfen ihr Schlafzimmer und ging langsam auf sie zu. Julia sah aus als ob sie nur schlafen würde, doch der fehlende Puls und die fehlende Atmung stimmten Nicholas zufrieden. Ohne zu zögern sagte er allen bescheid. Und kurze Zeit später befanden sich mit ihm gut fünf andere Leute in Julia’s Zimmer, die wild damit beschäftigt waren sie für die Kirche, ihre vorzeitige Ruhestätte, fertig zu machen. Nicholas war gerade dabei Julia die letzte Segnung zu geben, als Shane’s Mutter das Zimmer betrat. „Was ist geschehen? Nicholas, was ist hier los? Ich habe gehört Julia soll…“ Sie warf einen Blick auf Julia’s leblosen Körper, der auf Lacken lag und mit Blumen geschmückt wurde. „Sie ist wirklich tot? Aber wie…? Ich meine… Oh Gott.“ „Beruhigen sie sich, Majestät. Es wird alles wieder gut. Dies hier ist natürlich ein unendlich schreckliches Schicksal. Aber Julia hat es für Sophie getan.“ „Selbstmord? Sie meinen, sie hat das wirklich selbst getan? Aber wie? Ich sehe kein Blut.“ „Gift. Ähm.. das ist die einzige Möglichkeit die mir einfällt.“ „Und wo soll sie dieses Gift her gehabt haben?“ „Das weiß ich auch nicht. Und ich denke, dass ist jetzt auch nebensächlich. Wir sollten uns jetzt um Julia kümmern und dafür sorgen, dass sie schnellst möglichst in die Kirche kommt.“ Shane’s Mutter nickte. „Ja, da haben sie Recht, Nicholas. Ich lege die Verantwortung in ihre Hände. Kümmern sie sich gut um sie. Ich sorge dafür, dass Shane von dem Vorfall erfährt.“ „Nein! Ich meine, dass ist nicht nötig. Ich habe, bzw. werde mich auch darum kümmern.“ „Gut, wenn das so ist. Entschuldigen sie mich bitte jetzt. Ich möchte mich etwas zurück ziehen um dieses schreckliche Ereignis verarbeiten zu können.“ „Ja, natürlich. Auf wieder sehen.“ „Auf wieder sehen, Nicholas.“ Shane’s Mutter drehte sich um und verließ das Zimmer – mit einem Lächeln im Gesicht. Als bei Julia endlich alles erledigt war, machte sich Nicholas auf den Weg zu Kian. „Kian? Bist du da?“ „Hallo. Sag mal, willst du uns dir Tür eintreten? Was ist denn los?“ „Kann ich reinkommen? Es ist überaus wichtig.“ „Na klar. Komm rein.“ Nicholas und Kian setzten sich an einen kleinen, hölzernen Tisch, ehe Nicholas begann Kian in seinen Plan einzuweihen. „Ok, hör mir jetzt gut zu, Kian. Das ist alles ziemlich kompliziert, aber unheimlich wichtig.“ Kian nickte und sah seinen Freund gespannt an. Es musste wirklich etwas wichtiges sein, wenn Nicholas vor seiner Tür stand. „Erschrick jetzt nicht, ok? Es ist alles in Ordnung.“ Kian sah Nicholas immer verwirrter an. Er sprach für ihn nur noch in Rätseln. Kian nickte erneut, damit Nicholas weiter sprach. „Also, Julia hat ein Gift getrunken und ist…“ „Was?“ Kian sprang auf. Was um himmelswillen war mit seiner kleinen Julia geschehen. „Setzt dich wieder hin, Kian. Ich hab dir doch gesagt es ist alles ok. Es handelt sich hier nur um einen Plan von Julia und mir um Sophie zu retten.“ Kian stand immer noch geschockt und wie angewurzelt neben seinem Stuhl. „Kian, sie lebt. Das Gift bewirkt nur, dass sie für vierundzwanzig Stunden wie tot erscheint. Aber in Wirklichkeit ist sie putzmunter. Ab morgen Früh jedenfalls wieder. Bitte sieh mich nicht so an. Ich weiß wie verrückt das klingen muss, aber es geht nur darum Sophie zu helfen.“ „Ihr seit verrückt.“ „Meinetwegen sind wir das, aber bitte Kian hilf mir jetzt. Du hast eine der wichtigsten Aufgaben von allen. Du musst Shane alles berichten.“ „Ich? Wieso das denn? Sorry Nicholas, aber du weißt ganz genau, dass ich Shane nicht leiden kann. Wieso soll dann ausgerechnet ich ihm helfen? Was ist mit Mark?“ „Den brauche ich im Schloss. Kian, ich weiß, dass du wahnsinnig eifersüchtig auf Shane bist, da eigentlich du Julia heiraten wolltest. Aber das alles ist nun mal nebensächlich jetzt. Kian, hier geht es um das Leben von Sophie. Ich weiß was dir die Kleine bedeutet. Sie ist für dich wie deine eigene Tochter. Kian bitte, ich brauche dich. Tu es meinetwegen nicht für mich, für Shane oder Sophie. Aber bitte tu es für Julia.“ Kian sah zu Boden während sich eine Träne langsam ihren Weg über sein Gesicht suchte. Er atmete einmal tief durch, ehe er Nicholas tief in die Augen sah. „Ok, ich mache es. Aber wirklich nur für Julia und Sophie.“ „Danke, Kian. Vielen Dank.“ Nicholas umarmte ihn kurz, bevor er ihm alles was er nun zu tun hatte, genauestens erklärte. Als Kian bereit war, verließen sie gemeinsam das kleine Haus. „Pass auf dich auf, Kian.“ „Mach ich, keine Sorge.“ Nicholas verabschiedete sich von ihm, ehe er sich auf den Weg machte. Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass sich die zwei Freunde sahen…
Kian hatte ein ungutes Gefühl in der Magengegend, als er durch einen der zahlreichen Wälder ritt. Es war, als würde ihn jemand verfolgen. Doch es war viel zu dunkel um etwas erkennen zu können. Kian trieb seinen Hengst erneut energisch an. Er hatte schon viel zu viel Zeit verloren. In weniger als acht Stunden würde Julia erwachen und somit wäre die Chance vorüber Sophie gesund zurück zu bekommen. Bei dem Gedanken, was passieren würde wenn alles aufliegen würde, wurde ihm leicht übel. Dies durfte einfach niemals geschehen. Energisch schüttelte er den Kopf und übersah dabei einen Ast der tief zu Boden hing. Mit einem kräftigen Schlag mitten ins Gesicht fiel Kian zu Boden. Sein Pferd ergriff erschrocken die Flucht. Mit einem pochendem Kopf stand er fluchend auf. „Shit! Ahh... das darf doch nicht wahr sein. Verdammt. Ahh... autsch!“ Er rieb sich seine Stirn und entdeckte dabei Blut. „Na super, Kian. Du hast es mal wieder geschafft alles zu verpatzen. Glückwunsch.“ Wütend trat er gegen den Baum neben sich und bereute es im nächsten Augenblick. Jetzt schmerzte auch noch sein Fuß. „Nein, das ist echt nicht mein Tag. Es wäre am besten gewesen, wenn ich heute erst gar nicht aufgestanden wäre.“ „Da hast du ausnahmsweise sogar mal recht, Kian.“ Erschrocken fuhr Kian herum. Doch er konnte nicht erkennen wer da so nah bei ihm stand, denn ein kräftiger Schlag in den Rücken beförderte ihn erneut unsanft in das nasse Gras. „Ahhh...!“ Kian schrie auf vor Schmerz. Was zum Teufel war hier los? Er hörte lautes Gelächter. Langsam versuchte Kian sich aufzurichten. Doch sein schmerzender Kopf und Rücken machten es ihm nicht gerade einfach. Noch dazu drehte sich jetzt alles um ihn. Benommen lehnte er sich an den Baum, an dem er sich vor kurzen den Fuß gestoßen hatte. „Sieh an, du stehst ja schon wieder. Bist wohl ein kleines Steh-auf-Männchen, was?“ Wieder hörte er die Frau lachen und es dröhnte in seinem Kopf. „Was... was wollen sie von mir? Ich habe ihnen doch überhaupt nichts getan. Wenn sie mein Geld wollen... bitte, ich gebe es ihnen, aber ich habe nicht viel.“ Wieder hörte er nur dieses durchdringende Lachen. „Ach du kleiner Narr. Als ob mich dein Geld interessieren würde. Davon habe ich langsam mehr als genug.“ Kian hörte wie jemand auf ihn zu kam. Doch er konnte immer noch nicht erkennen wer es war. Dazu war es einfach viel zu dunkel und da er alles doppelt und dreifach sah wäre es ihm wohl sogar bei Tageslicht schwer gefallen. Er zuckte heftig zusammen, als eine Hand sein Kinn hob. „Kian, Kian, Kian... du bist wirklich ein ungezogener, kleiner Junge und dafür musst du jetzt bestraft werden.“ „Was, verdammt noch mal, habe ich ihnen getan?“ „Das ist ganz einfach, Egan. Du weißt zu viel.“ „Was meinen sie damit?“ Die Frau lachte. „Streng dein kleines Hirn an, Kian. Warum bist du hier? Warum reitest du mitten in der Nacht durch einen Wald? Richtig, um Shane zu warnen. Und das solltest du nicht tun. Dafür muss ich jetzt leider sorgen. Tut mir leid, Kian. Du warst eigentlich ein ganz netter Typ. Aber jetzt verabschiede dich von dieser Welt.“ „Was? Nein, sie können doch nicht einfach... ahhhhhhhhhh...!“ Ein lauter Knall ertönte, Vögel stiegen erschrocken auf, doch dann wurde es schnell wieder still in diesem kleinen Wäldchen bei Dublin. Totenstill... Shane hatte inzwischen Dublin erreicht und war gerade auf dem Weg durch eine kleine, dunkle Seitenstraße, als er von einem kleinen Jungen fest gehalten wurde. Dieser drückte ihm ein Stück Papier in die Hand und rannte dann so schnell er konnte davon. Verwirrt sah ihm Shane nach, ehe er das Blatt Papier entfaltete und zu lesen begann. „Tja Shane, sieht so aus, als ob es endlich eine Lösung für dein und vor allem mein Problem gibt. Ich muss sagen, ich dachte eigentlich nicht, dass ich diesen glorreichen Tag noch erleben würde. Aber es ist wirklich wahr. Leider gab es einen kleinen Zwischenfall, so dass ich gezwungen war Kian aus dem Weg zu räumen. Falls du jetzt schon traurig wirst, Shane, warte lieber noch etwas. Es kommt noch besser. Julia, sie ist tot. Ja, endlich tot und ich musste nicht mal nachhelfen. Ich bin wohl ein richtiger Glückspilz. Falls du deine Julia noch einmal sehen willst... Sie ist in der Kirche – tot! Hahaha... Danke, Shane. xxx“ Shane las den Brief noch dreimal durch, bevor er begriff was geschehen war. Ohne zu zögern setzte er seinen Weg fort – auch wenn sich das Ziel nun um einiges geändert hatte. Energisch klopfte er nach kurzer Zeit an eine dunkle Holztür. Eine große Gestalt in einem dunklen Umhang öffnete ihm langsam. Ohne zu fragen schob ihn Shane zur Seite und betrat das Haus. „Shane, was verschafft mir die Ehre? Es ist ja eine halbe Ewigkeit her, dass ich dich das letzte mal gesehen habe.“ Shane drehte sich um und sah ihm tief in die Augen. Seine eigenen waren leer und gleichzeitig voller Hass. „Bryan, hör mir zu. Ich brauche Gift. Und zwar das tödlichste das du hast. Sofort!“
Shane trieb sein Pferd, dass er sich in Dublin ausgeliehen hatte, energisch an. Er musste so schnell es ging zurück nach Sligo – zurück zu seiner Julia. Tränen liefen ihm unkontrolliert das Gesicht hinab und wurden am Ende vom Winde verweht. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Seine Julia konnte doch nicht tot sein. „Ahhh…!“ Shane schrie auf vor Wut und Trauer und drückte dem Pferd seine Absätze erneut fest an den Bauch. Es war bereits lange dunkel, als Shane endlich an der St. John’s Kathedrale in Sligo ankam. Hastig sprang er vom Pferd und rannte in die Kirche. Selbst die schweren Holztüren waren plötzlich kein Hindernis mehr. Shane stoppte in der Mitte des Ganges. Das Bild das sich ihm hier bot war unglaublich. Es waren hunderte von Kerzen aufgestellt und überall waren rote und weiße Rosen angebracht. Rosen – Julia’s Lieblingsblumen. Langsam ging er auf einen Altar zu, der am Ende des Ganges aufgebaut war. Er hoffte immer noch inständig, dass er dort nicht gleich seine Julia vorfinden würde. Das es sich bei allem hier um einen Scherz handelte. Doch es war nicht so. Shane’s Knie gaben kurzzeitig nach, als er seine Frau vor sich erkannte. Wie gelähmt stand er vor ihr. Tränen liefen über seine Wangen und fielen auf die Blumen neben ihr. „Nein, nein bitte nicht.“ Er ließ seinen Kopf auf ihre Brust sinken und weinte. Er weinte um Julia, seine Frau, seine Liebe, sein Ein und Alles… Langsam richtete er sich wieder auf und strich ihr vorsichtig über die Wange. Sie fühlte sich warm und weich an. Ganz anders, als wie sich Shane eine Leiche immer vorgestellt hatte. „Meine Julia. Ich kann nicht glauben, dass du das getan hast. Warum, hm? Warum nur? Wir waren doch so glücklich und Sophie hätten wir auch wieder gesund zurück bekommen. Und jetzt soll das alles vorbei sein? Ich kann das nicht glauben, Jule. Ich kann doch ohne dich nicht mehr leben. Ich will ohne dich nicht mehr leben. Du warst alles für mich. Ich habe nur noch für dich gelebt und nun? Nun gibt es keinen Grund mehr für mich hier auf dieser Welt zu bleiben. Nein, ich komme zu dir, Julia. Ich liebe dich.“ Er küsste sie auf die Lippen und legte sich dann neben sie. Er wollte hier neben ihr sterben. Vorsichtig zog er ein kleines Fläschchen aus seiner Tasche, dass ihm Bryan gegeben hatte. Er löste den Verschluss, ehe er sich noch einmal über Julia beugte und sie küsste. „Ich komme zu dir, mein Schatz.“ Mit einem kräftigen Zug leerte er das Fläschchen. Langsam öffnete Julia die Augen. Die vierundzwanzig Stunden waren vorüber. Als sie sich zur Seite drehte entdeckte sie Shane, der sie geschockt ansah. „Shane! Ich bin so froh, dass du hier… Shane? Was ist los? Shane?“ Sie rüttelte ihn an seinen Schultern, als ihr das Giftfläschchen ins Auge fiel. “Gift? Shane, du hast doch nicht etwa? Nein, das darf nicht wahr sein!” Shane nahm ihre Hand und lächelte sie schwach an. „Ich… ich liebe dich, Julia. Für immer…“ Dann schloß er die Augen. „Neeeeeeiiinnn!“ Julia schrie auf. Das konnte nicht wahr sein. Das durfte einfach nicht wahr sein. Sie strich ihm über die Wange. Sie war kalt. Panisch sah sie sich um. Das musste ein Scherz sein und bald würden aus allen Ecken Leute auftauchen und sich totlachen. Und Shane würde wieder die Augen öffnen. Doch nichts dergleichen geschah. Es blieb still. Vorsichtig legte sie ihren Kopf auf Shane’s Brust. Was sollte sie jetzt nur tun? Da fiel ihr ein kleiner, goldener Dolch in der Kirche auf. Langsam ging Julia auf ihn zu. Und als sie vor ihm stand, konnte sie lesen was in ihn eingraviert war: „Das Band der Liebe wird uns für ewig verbinden – this love is immortal“. Mit leichter Gewalt riss ihn Julia aus seiner Verankerung und ging damit zurück zu Shane. Sie kuschelte sich wieder eng an ihn. „Ich habe dir hier in dieser Kirche geschworen, dass ich dich für immer lieben werde. Egal ob in den guten Zeiten oder in den Schlechten. Ich habe dieses Versprechen kein einziges Mal gebrochen.“ Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Doch werde ich den Satz ‚bis dass der Tot euch scheidet’ nicht akzeptieren. Ich liebe dich mehr als mein Leben, Shane. Ohne dich hat es keinen Sinn mehr. Darum werde ich es jetzt beenden. Ich komme zu dir in den Himmel, mein Engel. Ich werde dich niemals vergessen und ich werde niemals aufhören dich zu lieben. Das verspreche ich dir.“ Sie küsste ein letztes Mal seine Lippen, ehe sie mit einem kräftigen Stoß den Dolch mitten in ihr Herz bohrte. Kraftlos sank sie auf Shane’s Brust nieder und Shane’s Mutter hatte endlich erreicht was sie wollte…
- ENDE -
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