Es war Wochenende (Samstag) und Nicky (28) und Geo (28) wollten sich gleich von mir verabschieden, um mit ein paar Freunden einen trinken zu gehen, während ich zuhause blieb um irgendwas im Fernsehn zu gucken. Etwas Bestimmtes hatte ich zwar noch nicht gefunden, aber die beiden nahmen mir das glaubhaft ab. Ich durfte nicht mit, da ich in Nickys Augen zu jung war (14...) und er nicht wollte, dass ich später mal als Alkoholiker endete, weswegen sie mich nie mitnahmen. Von Mal zu Mal langweilte ich mich immer mehr, das ganze Spielchen machten sie nun schon drei Wochen jeden Abend am Stück, und da sollte Nicky mal sagen, ich wäre ein Alkoholiker to be... pah!. Knock, knock.
"Mh?", brummte ich und zappte weiter, ungeachtet Nickys, der gerade reinkam.
"Hey Kleines. Wir gehen dann jetzt, okay?"
"Mh." Ich sah ihn gar nicht erst an. Im Fernsehen lief Westlifes neues Video, ein Cover von Lonestars "Amazed", das eine wunderschöne Ballade war. Ich spürte, dass Nicky neben mir sitzen blieb und das Video mitansah. Er sah darin total süß aus, hatte ein grünes Shirt, eine olivgrüne Jeansjacke und darüber nochmals eine dunkelbraune, etwas dickere Jeansjacke an, dazu eine hellbraune Hose. Mein süßer Schnuckel also. Nur Schade, dass er sich momentan überhaupt nicht so benahm, sondern jeden Abend mit Geo wegging. Nicht, dass ich neidisch auf sie war, nein, (sich sinnlos besaufen war sowieso nicht so mein Ding) aber ich fand es - auf gut deutsch/englisch ausgedrückt ñ echt scheiße, dass er den passenden Ausgleich nicht fand. Er könnte doch auch nur 4 Abende in der Woche wegbleiben, damit ich auch mal was von ihm hatte... Schule ging meistens bis 5, danach hatte ich oft noch irgendwelche AG's, um meinen Frust abzulassen (ging bei Fußball 2x in der Woche, Basketball 1x und Rugby 1x ziemlich gut), sodass ich erst um 7 zuhause war und bis dahin noch nichts gegessen und keine Hausaufgaben gemacht hatte. Glücklicherweise kochte Geo immer was, doch die Hausaufgaben nahmen viel Zeit in Anspruch (wollte sie ja ordentlich machen) und wenn ich die fetig hatte, gingen Nicky und Geo meistens schon. Als Dauerlösung also ziemlich ungeeignet.
Nun, da wir zu zweit auf meinem Bett saßen und schweigend ihr neues Video ansahen, fühlte ich so ziemlich gar nichts mehr für Nicky, er war mein Adoptivvater (und manchmal sogar noch ein bisschen mehr) und das sollte schon was heißen, wenn ich begann, mich langsam von ihm abzuwenden.
"Das hab ich nur für dich gesungen, Babe", flüsterte er mir ins Ohr und ich bekam eine Gänsehaut, als ich hörte, wie er im Video die zweite Strophe sang.
The smell of your skin,
the taste of your kiss
the way you whisper in the dark.
Your hair all around me
And baby you surround me
and touch every place in my heart.
Doch stop. Das stimmte nicht. Ich wendete mich zu Nicky. "Das ist nicht wahr. Dein 'Babe' war bis jetzt immer Geo, wieso sollte es jetzt plötzlich ich sein?! Seit drei Wochen redest du, wenn wir mal unter vier Augen sind, von nichts anderem als Geo. Warum sollte ich es also jetzt sein?" Völlig überrascht sah er mich an.
"Weil du mein... okay, ich nehm's zurück. Wenn du es nicht magst, dass man dir einen Song widmet..."
"Sei doch nicht gleich beleidigt. Ich hab mich lediglich gewundert, wieso du das für mich gesungen hast. Okay, du bist mein Adoptivvater, aber mehr als 'Hallo' und 'Tschüss' haben wir beiden uns in den letzten Wochen doch nun wirklich nicht gesagt."
"Vielleicht ist es ja möglich, dass ich dich lieb habe?! Aus welchem Grund hätte ich dich sonst adoptiert?"
"Mag ja sein, dass du das tust... viel davon hab ich in der letzen Zeit allerdings nicht bemerkt. Ist mir da was entgangen... oder was ist los?!"
"Ich verstehe nicht, was du momentan für Probleme mit mir hast. Wenn ich nachher wiederkomme, können wir ja nochmal drüber reden. Ich muss jetzt los!"
"Siehst du, das ist eins der Probleme die ich mit dir hab! Du rennst immer weg! Vielleicht ist es sogar DAS Problem!" Ich war nun, ebenso wie er, aufgestanden. "Zwischen Geo und dir ist alles perfekt! Doch was lief zwischen uns in letzter Zeit?! Gar nichts, da war tote Hose! Deine Saufabende sind alles, was zählt, ich komm mir hier nur noch total störend vor, so als ob ich nirgendwo mithin darf!"
Schulterzuckend antwortete er: "Alkohol ist für dich in dem Alter nicht wirklich das Richtige. Und das so wenig zwischen uns lief, liegt nicht an mir. Du hast doch jeden Tag irgendwas anderes nach der Schule, was kann ich denn dafür, wenn du fast immer so spät nach Hause kommst?!"
"Ach ja, Alkohol ist nichts für mich?! Ich verschweige besser, was auf Geburtstagsparties von Freunden schon alles gelaufen ist. Außerdem trägt der Fakt, dass du jeden Abend saufen gehst, bei dir auch nicht sehr viel zur Erhaltung der Gehirnzellen bei! Mal sehen, wer von uns beiden später abhängig wird. Und was denkst du, wieso ich diese ganzen Sportsachen mitmache? Dreimal darfst du raten! Na?! Weil du abends nie da bist! Weil ich irgendwo meinen Frust ablassen will! Weil ich kaum noch mit dir reden kann! Weil ich da wenigstens Gesellschaft habe! Weil du nie da bist..." Urplötzlich senkte sich mein Kopf fast ganz automatisch und Tränen begannen sich zu in meinen Augen zu bilden. Aber es stimmte doch! Er war abends nie da.... Obwohl ich nicht sah, dass er da war, spürte ich seine Anwesenheit sehr deutlich, doch er schwieg. Vielleicht dachte er ja auch mal über meine Gefühle nach...
"Ich kann doch nicht den ganzen Tag darauf warten, dass du nach Hause kommst, schlecht gelaunt deine Tasche in die Ecke schmeißt, diverse Lehrer beschimpfst, Geo's Essen regelrecht runterwürgst, dich in deinem Zimmer verschanzt und laute Musik anmachst. Ich meine, dass kannst du doch auch alleine machen, dazu brauchst du mich nicht. Ehrlich gesagt habe ich auch keine Lust, dich jedes Mal zu fragen, was denn los ist, wenn du es mir sowieso nicht sagst. Es vergingen manchmal Stunden, in denen ich vor deiner Tür stand aber du mich wegen der Musik nicht gehört hast. Es ist sinnlos geworden."
"Dann pack dir mal an die eigene Nase und frag dich, wieso."
"Ich sehe keinen Grund, dass ich daran Schuld habe."
"Dann denk mal nach." Mit diesen Worten stürmte ich an ihm vorbei, schnappte mir meine Jacke von der Gaderobe und wollte gerade rausgehen (Geo stand schon ungeduldig wartend an der Tür), als Nicky mich am Arm festhielt.
"Stopp. Wohin des Wegs?"
"Weg. Weg von hier." Wahrscheinlich wusste er, dass ich zu Brian (27) wollte. Brian war immer derjenige, an den ich mich wendete, wenn ich Stress oder Probleme, über die ich nicht mit Nicky reden wollte/konnte, hatte.
"Okay. Aber mach's nicht zu lang. Soll ich dich hinfahren?"
"Nein. Bis später." Ich schüttelte seine Hand ab, doch er zog mich in seine Arme.
"Ich hab dich lieb, hörst du?", flüsterte er mir ins Ohr und küsste mich auf die Schläfe.
"Schon klar", antwortete ich verbissen und wartete geduldig, bis er mich losließ. Einen Anlass, ihn ebenfalls zu umarmen, sah ich nicht.
Schließlich kam ich endlich von ihm los und machte mich auf den Weg zu Brians Wohnung. Er hatte mal eine wundervolle Frau, Kerry, gehabt, doch sie hatten sich leider getrennt und aus dem Grund auch ihr riesig großes Haus, wo sie einst wohnten, verkauft. Nun hatte er eine neue Freundin namens Delta, die ich nicht sonderlich mochte, aber soweit ich wusste, war sie zur Zeit auf Tour in Australien, ihrem Heimatland. Kam mir ganz recht. Außerdem hatte Brian noch von Kerry zwei süße Töchter, Molly und Lilly Sue. Die beiden waren momentan noch zusammen im Kindergarten, aber schon bald sollte Molly in die Schule kommen, worauf sie sich schon riesig freute. Allerdings war zwischen der ganzen Freude auch ein Wehmutstropfen, denn ich hatte gehört, dass Brian die Wohnung hier aufgeben wollte und schon dabei war, sich was in Australien zu suchen. Australien! Einmal um die halbe Welt fliegen, bis man da war. Unvorstellbar für mich, dann hatte ich keinen mehr, zu dem ich gehen konnte, wenn die Welt mal wieder gegen mich war. Nicky war diese Person mal gewesen (für fast 2 Jahre), aber seit ungefähr einem Jahr war es nun Brian, denn auch bevor mein Adoptivvater und seine Freundin das Trinken anfingen, kam ich mir oft leicht verloren vor, wenn Nicky mal wieder mit Westlife unterwegs war. Westlife war eine "Boy"-Group (er war 28, zwei 27 und einer 26), die es schon seit vielen Jahren gab, aber immer noch erfolgreich waren. Sie hatten nun so ziemlich jeden Musikstil von Swing bis Rock ausprobiert, und nächstes Jahr wollten sie wieder die Musik machen, die die meistens Fans und mich ebenfalls am meisten ansprach: Rock. Hoffentlich hatten sie dieses Album bald fertig. Brian war mal bei Westlife gewesen, aber nach fast sechs Jahren, als die Jungs gerade im Swing-Fieber waren, stieg er aus und machte seine eigene Musik: Rock. Aber ganz anders als die Jungs.
Das alles ließ ich mir durch den Kopf gehen, als ich den (zu Fuß) fast halbstündigen Weg zu Brian zurücklegte. Wie ich mich bei Problemen immer öfter an ihn wendete, wie Kerry Molly und Lilly bekam und wie Nicky und Geo mit ihren Parties angefangen hatten. Ich war in ein ziemlich tiefes Loch gefallen, als Brian sich von Kerry mit der Begründung, sie hätten sich auseinandergelebt, trennte. Kerry ging es eine Zeit lang richtig schlecht, sie musste sogar in die Psychiatrie wegen starker Weinkrämpfe, und Brian war auch ziemlich geschafft. Vor allem taten mir ihre beiden Töchter Leid. Doch zum Glück hatten deren Eltern sich geeinigt, dass Brian sie meist von Freitag Mittag bis Montag Morgen hatte und Kerry den Rest der Woche.
Nach einer Viertelstunde stand ich schließlich vor dem Drei-Familienhaus, doch bei Brian war kein Licht. Seltsam. Sonst war er um die Uhrzeit immer da, die Kids schliefen meist schon und er schrieb entweder Songs oder sah Fern, gönnte sich dabei gelegentlich mal 'ne Dose Bier. Als ich jedoch klingelte, ging keiner an die Gegensprechanlage. Er musste wohl ausgeflogen sein, ich wartete trotzdem und mir wurde kälter. Nach fast einer halben Stunde öffnete sich plötzlich die Tür und ein ziemlich warm bekleideter Brian kam heraus.
"Hey", krächzte er mühsam und hob zum Gruß kurz die Hand. "Tut mir Leid, dass ich dir eben nicht aufgemacht hab, war am Schlafen. Molly hat mich zum Glück geweckt." Er hustete.
"Schon okay. Hauptsache, du bist überhaupt da. Klingst aber erkältet, oder täusche ich mich da?!"
"Ne, leider nicht", antwortete er während er die Tür schloss und wir die Treppe hoch zu seiner Wohnung gingen. "Schon seit zwei Tagen lieg ich flach. Und übermorgen Abend hab ich 'nen Auftritt bei so 'ner Charity-Gala."
"Sag's doch ab."
"Kann ich nicht, trete da kostenlos auf weil ich das so wollte, als ich noch gesund war, aber jetzt kann es meine Plattenfirma nicht mehr absagen. Mit meiner Stimme kann ich allerdings nicht sehr viel anfangen... sogar Molly und Lilly halten sich die Ohren zu, wenn ich mal singe."
"Du klingst genau wie Nicky wenn der entweder erkältet ist oder zu viel intus hat."
"Apropos Nicky, gut dass du drauf zu sprechen kommst." Wir setzen uns in seine gemütlichen Sessel im Wohnzimmer, Molly hatte er bereits ins Bett gebracht. "Irgendwas muss doch wieder mit meinem Ex-Kollegen sein, hab ich Recht?"
"Ja, Herr Seelenklempner... wir reden irgendwie ständig aneinander vorbei, Nicky und ich. Und immer öfter, eigentlich so gut wie jeden Abend, geht er mit Geo und Kumpels einen oder auch zwei, wie man hinterher unschwer erkennen kann, trinken. Seit ungefähr drei Wochen ist es richtig schwerwiegend. Ich hab mir in der Schule AG's dazugenommen, damit ich nicht die ganze Zeit zuhause ignoriert werde. Heute Abend, vor ungefähr einer Stunde erst, hatten wir eine Auseinandersetzung darüber; er meinte, er wär nicht Schuld dass wir uns so wenig sehen, weil ich ja immer erst um 7 kommen würde. Ich hasse ihn!" Ich ballte die Fäuste, doch Brian legte, nachdem er nochmal kurz gehustet hatte, seine Hände auf meine.
"Lass nur, das bringt nichts. Hast du ihm denn schon mal gesagt, dass du dich einsam fühlst? Schlag ihm doch mal vor, was zu zweit zu machen. Ihr braucht euch, wie ShNicky sich damals gebraucht haben, das weiß ich doch. Auf längere Zeit kannst du nicht ohne ihn und er nicht ohne dich."
"Ohne Geo."
"Nein, dich."
"Wieso mich? Geo ist doch seine Verlobte. Zu der Hochzeit geh ich nicht."
"Wenn du nicht gehst, dann geh ich auch nicht."
"Tu das."
"Wir sind fies."
"Ich weiß. Wie steht's denn mit Delta und Australien?"
"Na ja, hab da noch nichts gefunden... ich möchte eigentlich gar nicht hier weg, vor allem wegen Molly und Lilly..."
"Dann bleib doch hier."
"Ich liebe Delta."
"Ich weiß. Und ich mag dich." Er lächelte und legte seinen Arm um mich.
"Ich dich doch auch."
Wir sahen uns noch eine DVD an, the Italian Job, und ehe ich mich versah, war es schon ein Uhr nachts, wie Brian mir sagte. "Musst du nicht irgendwann mal nach Hause?", wollte er wissen.
"Mmh... will aber nicht. Glaub nicht, dass die schon da sind." Das Telefon klingelte und ich konnte mir schon denken, wer dran war.
"Ja?... oh, hi Nicky... ja, sie ist noch bei mir... kann ich machen... bitte... ciao."
"Und? Soll ich nach Hause kommen?"
"Er stellt es dir frei. Du kannst hier übernachten, wenn du magst, kannst aber auch nach Hause gehen."
"Ich geh besser nach Hause, sonst macht er morgen wieder Stress... irgendeiner muss ja die Kotze wegmachen. Wenn nicht ich, wer dann?"
"Du übertreibst."
"Aber nicht viel."
"Hey, ich meine es ernst. Wenn das da echt so'n Dreckhaufen ist, hol ich dich da raus. Ich will nicht, dass du so endest wie er. Hätte nie gedacht, dass er mal so tief sinkt."
"Willst du meine Meinung hören? Ich auch nicht. Früher war er viel lieber, hat sich mehr um mich gekümmert und hatte fast immer Zeit für 'ne Runde Fußball. Aber jetzt... kann er mich mal, ehrlich gesagt."
"Kleines, wir telefonieren. Du musst gehen. Ich würde dich ja fahren, aber die Kids sind hier und ich bin krank... wie gesagt, ruf an, wenn's nicht mehr auszuhalten ist."
"Mach ich. Rechne morgen schon mal mit 'nem Anruf von mir."
"Scherzkeks."
"Kekskrümel."
"Krümelsalat."
"Salatsoße."
"Soßenbinder."
"Bindfaden."
"Fadenende."
"Ende gut, alles gut."
"Ende für heute. Mach's gut und schlaf gut, lass dich nicht zu sehr ärgern."
"Mmh. Hab dich lieb."
"Ich dich auch." Wir umarmten uns kurz und ich ging dann nach Hause, noch eine Runde frische Luft schnappen. Mein Ärger auf Nicky war einigermaßen verflogen, da ich schon wusste, was ich gleich machen würde: ganz laut Musik hören. Das ging Nicky immer auf den Senkel, hehe.

Donít wanna close my eyes
I donít wanna fall asleep
Cause I miss you babe
And I donít wanna miss a thing
Cause even when I dream of you
The sweetest dream will never do
Iíd still miss you babe
And I donít wanna miss a thing
, dröhnte es aus den Boxen meiner Stereoanlage und ich spielte Luftgitarre dazu. Das tat gut, Nicky und Geo waren mir schnurzpiepegal. Brian hatte mir ja angeboten, ich könne immer bei ihm anrufen, wenn was war. Wenn Nicky mal mit Westlife unterwegs war, ging das nicht; er bot mir das nie an, dafür musste oft Shane herhalten, den ich auch sehr mochte. Doch vor einiger Zeit hatte ich rausgefunden, dass Shane Nicky immer alles erzählte und da ließ ich es lieber bleiben. Bei Brian wusste ich, ich könnte ihm mein Leben anvertrauen und er würde es nicht leichfertig wegwerfen, sondern eher seins riskieren, um mir meines zu retten. Sich das Leben nehmen... daran hatte ich auch schon gedacht und ich hab es ehrlich gesagt auch schon versucht. Mit einer von Nickys Rasierklingen, die war ziemlich scharf und meine Bettwäsche nachher rot gewesen. Geo hatte meine Ausrede, es hänge mit unserer Frauensache zusammen, geschluckt, aber sie merkte in letzter Zeit eh nichts mehr. Ich hörte auf mit der Luftgitarre, da jetzt eh ein anderes Lied lief und darin gerade ein Klaviersolo an der Reihe war, und setzte mich auf mein Bett. Vorsichtig schob ich meinen Pulliärmel hoch, der letzte Versuch war gerade gestern Abend gewesen. Ich war bewusstlos gewesen, glücklicherweise hatten Nicky und Geo nichts gemerkt, aber die waren eh im Pub saufen gewesen. Die feinen Blutritzen waren noch gut sichtbar, als ich den Verband langsam abwickelte. Immer mehr Narben bedeckten mein linkes Handgelenk, Nicky hatte es noch nie gesehen und würde es auch nie sehen. wollen. Das war doch auch mal eine Überlegung wert: Ihn das ganz bewusst sehen zu lassen, sodass er endlich kapierte, ich brauchte ihn, und er mit dem Trinken aufhörte. Gegen ein, zwei Gläschen Wein oder Bier am Abend hatte ich ja nichts, aber gegen diese Art von Trinkerei schon. Wie setzte ich meinen Plan am besten in die Tat um? Das war die schwierigste Frage von allen. Ein T-Shirt anziehen? Nein, das war zu auffällig. Oder...
...weiter kam ich nicht, denn es klopfte. Komischerweise genau in dem Moment, wo das Lied mit dem Klaviersolo zu Ende war. "Ja?", rief ich, nachdem ich meinen Armel schnell wieder runtergemacht hatte.
"Ich bin's. Darf ich reinkommen?" Das war Nicky.
"Mir doch egal." In dem Moment fing das nächste Lied mit lauten Drums an. Dennoch öffnete sich die Tür und Nicky kam herein. Als erstes schaltete er die Musik aus.
"Hey... Kleines. Hast du noch Hunger?" Er ließ sich neben mir auf dem Bett nieder. Ich drehte sein Gesicht zu mir, da er auf den Boden sah.
"Hauch mich mal an." Widerstandslos tat er, was ich verlangte.
"Du riechst gar nicht nach Alk. Hast du überhaupt was getrunken?" Er schüttelte den Kopf. Ich strich kurz über seine Wange und ließ ihn dann los.
"Das ist selten bei dir", kommentierte ich. Er zuckte die Schultern, sah erst wieder auf den Boden und schließlich mich an.
"Bist du hungrig?"
"Hat Geo was gekocht?"
"Nein. Sie ist nicht da. Ich wollte dich nur fragen, ob... willst du's überhaupt hören?"
"Wenn du mich nicht gleich heiraten willst, dann ja."
"Will ich nicht."
"Sondern?" Er sah auf die Uhr, ich folgte seinem Blick.
"Vergiss es. Es ist zu spät."
"Wofür?" Er antwortete nicht. Ich sah ihn lange an, sehr lange, und meinte irgendwann eine Träne in seinen Augen erkennen zu können.
"Kleine?", fragte er schließlich, nachdem er die Träne weggeblinzelt hatte. Hormone oder was?
"Die sitzt neben dir", erwiderte ich ironisch, oder wollte es besser gesagt so klingen lassen, aber es misslang mir.
"Was hältst du von mir als Vater? Wahrscheinlich nicht mehr viel, oder? Ich hab mal über deine Worte nachgedacht. Es tut mir Leid; ich habe gemerkt, wie schwachsinnig diese ganzen Saufabende waren. Sie haben mich zu einem ärmeren, aber ganz sicher nicht besseren Menschen gemacht, sondern zu einem viel schlechteren Vater. Ich war nie für dich da und habe kein offenes Ohr für deine Probleme gehabt, sondern war Saufen. Ich war nicht besser als dein eigentlicher Vater, obwohl ich dir ein besseres Zuhause als in dieser Dreckbude da versprochen habe ñ es tut mir so unendlich Leid, ich weiß nicht, wie ich das wieder gut machen kann. Wahrscheinlich gar nicht. Vielleicht willst du auch gar nicht mehr mir reden, nachdem ich dir das alles hier gesagt habe ñ vielleicht glaubst du es mir nicht mal, aber ich flehe dich an: Verzeih mir. Ich hab Scheiße gebaut, große Scheiße, die eigentlich fast gar nicht mehr gut zu machen ist. Sag mir, was ich tun soll, damit du mich wieder als Vater achtest und immer zu mir kommst, wenn du was hast. Ich hole dir die Sterne vom Himmel oder springe in der Silvesternacht von den Cliffs of Moher, ich mache mit dir alleine Urlaub irgendwo im Nirgendwo oder singe mit Brian ein Duett ñ es gibt nichts, was ich nicht machen würde für dich, denn ich liebe dich. Bitte, glaub es mir. Aber ich kann es auch verstehen, wenn du jetzt, nach dem ganzen Schwachsinn, den ich hier eben gerade von mir gegeben habe, nichts mehr mit dir zu tun haben willst. Geh dahin, wo du möchtest, meinetwegen zu Brian oder sonst wem. Ich möchte nur, dass du glücklich bist, Kleines. Ich hab dich lieb."
Ich war ehrlich gerührt. So was zu mir zu sagen hätte ich Nicky niemals zugetraut, vor allen Dingen nicht jetzt. Er hatte es die ganze Zeit über geschafft, in meine Augen oder zumindest in mein Gesicht zu sehen, aber während der letzten Worte war seine Stimme immer dünner geworden und er war schließlich in Tränen ausgebrochen. Er sagte ständig irgendwelche Wörter zu sich, aber ich verstand sie nicht genau. Vielleicht wollte ich sie auch gar nicht verstehen. Plötzlich stand Nicky auf und ging ins Wohnzimmer, nachdem er leise meine Tür geschlossen hatte. Ich ließ mich rücklings auf mein Bett fallen, drückte mein Kuschelkissen auf mein Gesicht und versuchte, die Tränen damit aufzuhalten, was aber nicht funktionierte.
Nickys Rede war so goldig gewesen, so unerwartet. Er hatte all das gesagt, was ich mir in letzter Zeit von ihm gewünscht, aber nicht bekommen hatte. Ausgenommen seine verrückten Beispiele. Aber was gäbe ich drum, wenn unser Verhältnis wieder so wie vorher sein könnte. Er hatte mir die Möglichkeit geboten, jetzt musste ich die Chance nur noch nutzen. Also stand ich auf und tappte leise zum Wohnzimmer, einerseits war es immerhin schon 3 Uhr nachts und da hatte ich wirklich nicht mehr auf zu sein und andrerseits sollte er mich nicht hören. Das schraubte die Wirkung des ‹berraschungseffekts höher.
Nicky selbst saß auf dem Sofa vor dem steinernen Karmin, in dem warme, orangerote Flammen loderten, hatte eine Decke um sich gewickelt, die Knie angezogen und eine Tasse, aus der es dampfte, in der Hand. Ab und zu schniefte er und wischte sich mit dem ƒrmel die Tränen weg. Ich musste mitweinen, als ich ihn so zerbrechlich und in sich zusammen gefallen da sitzen sah, doch ich weinte stumm. Auf einmal hob Nicky die Hand und schaltete mittels Fernbedienung die Stereoanlage ein; das Lied mit dem Gitarrensolo von vorhin, von dem er wusste, es war mein Lieblingslied, kam leise aus den Boxen. Der richtige Zeitpunkt, um den alles entscheidenden Schritt zu machen. Als ich ganz dicht hinter der Sofalehne, an der er lehnte, stand, fragte ich leise: "Kann ich auch einen Schluck haben?"
Nickys Kopf schnellte zu mir herum; erst jetzt sah ich seine dunklen Ränder unter den Augen. Er lächelte jedoch trotzdem und hielt mir seine Tasse hin. "Klar." Ich nahm sie entgegen und schaute erstmal, was er da eigentlich zu sich nahm. Kakao. Seit wann trank Nicky denn bitteschön Kakao? Langsam ging ich um das Sofa herum und setzte mich neben Nickys Beine, bevor ich einen Schluck nahm und die Tasse schließlich an Nicky zurückreichte, indem ich aufstand und mich vor ihn hockte. Sanft fuhr ich ihm übers Gesicht, wischte die Tränen weg und beruhigte seine vor Aufregung zitternden Lippen mit meinen Fingern, ehe ich ihn vorsichtig küsste. Auf diesen Moment hatte ich ewig gewartet, es hatte noch nie so eine Spannung, von der keiner wusste, warum sie existierte, zwischen uns geherrscht. Behutsam löste ich meine Lippen wieder von seinen und fragte eine Frage, die ich mir nicht verkneifen konnte: "Würdest du auch mit Brian und mir zusammen in Skiurlaub nach Kanada fahren?"
"Alles", wisperte er mit tränenerstickter Stimme.
"Ich verzeihe dir, Nicky, du hast mich aus der Scheiße rausgeholt und dafür werde ich dir für immer und ewig dankbar sein. Du wirst mich nicht so einfach los, wie du es dir vorgestellt hast. So einen besonderen Menschen wie dich findet man nicht überall, vor allen Dingen nicht so einen, der mich immer versteht und hinter mir steht, wie du es noch bis vor einem Monat gemacht hast. Du bist ein Dummkopf gewesen, das weißt du, aber ich liebe dich trotzdem. Und Kanada muss nicht sein, nicht, dass wir uns da missverstehen."
"Kleines... ich, ich... danke. Oh my god." Nicky küsste mich kurz und wusste dann nicht wirklich weiter, weswegen ich auf seinen Schoß deutete und fragte: "Kann ich mich zu dir setzen?"
Sofort hob er die Decke und ich konnte mich an ihn kuscheln; die Tasse wurde kurzerhand auf den Couchtisch verbannt. Ich brauchte eine Weile, bis ich eine gute Position gefunden hatte; bereitwillig machte Nicky alles mit und wartete brav, bis ich endlich still liegen blieb. Müde lehnte ich den Kopf an seine Brust und hörte sein Herz schlagen, während wir gemeinsam in das Feuer starrten und das Gitarrensolo-Lied hörten. Ohne Unterbrechung streichelte Nicky meinen Rücken auf und ab, bis ich nichts mehr spürte, da ich eingeschlafen war. Zumindest war ich fast im Land der Träume, als Nicky mich hochnahm, in sein Bett legte, das Feuer und die Stereoanlage im Wohnzimmer ausmachte und sich schließlich neben mir niederlegte.
"Gute Nacht, Babe", flüsterte er leise und küsste meine Schläfe.
"Nacht", seufzte ich zurück und kuschelte mich ganz eng an ihn. Endlich waren wir wieder vereint.

"Hey, mein Engel, aufwachen...!", wisperte eine raue Stimme in mein Ohr und ich hob müde den Kopf, während ich die Augen öffnete.
"Morgen", brummte ich zu Nicky und zog mir direkt wieder die Decke über den Kopf, so müde war ich noch. Er saß, bereits in voller Montur, neben mir und dem Geruch nach zu urteilen war er auch schon im Bad gewesen. Leise lachte er, was ich gedämpft unter der Decke hören konnte, und fuhr mit seiner Hand unter die Decke. Da ich einen kleinen Lichtspalt gelassen hatte, sah ich sie natürlich sofort, ergriff sie und legte in die Handfläche meinen Kopf. Eine Hand hatten wir also schon mal gefangen. Leider ließ die zweite nicht lange auf sich warten und ich kam in Bedrängnis, da ich nicht wusste, wie ich sie ñ vorübergehend ñ außer Gefecht setzen sollte. Zuallererst ertastete sie meinen Mund, dann fuhr sie weiter, den Hals entlang und kitzelte mich schließlich durch, sodass ich notgedrungen unter der Decke hervorkommen musste. Nicky grinste.
"Na, gibst du auf?", fragte er und hielt meine beiden Arme fest.
"Bedingungslos", nickte ich heftig und wartete nur darauf, dass ich freikam, was auch wenig später passierte. In der nächsten Sekunde, bevor Nicky überhaupt wusste, wie ihm geschah, hatte ich mich schon auf ihn draufgesetzt und quälte ihn, indem ich ebenfalls durchkitzelte. Lachend wand er sich unter mir, jedoch hörte ich irgendwann auf, sodass er wieder Luft holen konnte.
"Ich muss dir was sagen", meinte er schließlich in einem ernsteren Ton und ich hörte auf, zu grinsen.
"Was denn?"
"Vorhin hat mich Louis angerufen, Westlife machen weiter. Wir fahren auf Promotion-Tour nach Deutschland, du kannst mitkommen wenn du magst. Ich will dir mein "Life on the road" nicht länger vorenthalten. Allerdings musst du damit rechnen, dass Geo auch mitkommt."
"Und was wäre die Alternative?"
"Tja... Ich denke mal, ich würde Brian fragen, ob du so lange bei ihm bleiben, auch wegen Schule und so."
"Und wie wäre das mit dem Unterricht, wenn ich mit dir käme?"
"Privatlehrer?!"
"Stimmt. Och man, Nicky, musst du echt schon wieder weg? Ich will nicht, dass unser Verhältnis wieder so wie bevor dem gestrigen Abend wird."
"Ich doch auch nicht, Sweety. Aber es geht nun mal nicht anders, das ist mein Job. Manchmal hängt's mir auch zum Hals raus und ich würde am liebsten irgendwohin abhauen, wo mich keiner kennt."
"Kann ich verstehen. Aber na ja, zieh du mal dein Ding durch und ich bleib solange bei Brian."
"Du willst nicht mit?" Ich schüttelte als Antwort den Kopf und umarmte ihn kurz.
"Sorry Nicky", sagte ich und stand dann auf. "Aber ein gemeinsames Frühstück wird doch wohl noch zu machen sein, oder?"
"Ich denke mal", lächelte er und erhob sich ebenfalls. "Dann geh du mal ins Bad und mach dich fertig, ich frage Brian und mache unser letztes, gemeinsames Frühstück vor der Tour."
"Mmh. Wie lange bist du denn weg?"
"Weiß gar nicht genau... auf jeden Fall zu lange, wenn du nicht mitkommst."
"Ach Nixter... jetzt tu nicht so, als ob du nach Südafrika fliegen müsstest", meinte ich und nahm seine Hand. Er senkte den Kopf. "Hey, Blondy... was ist?"
"Nichts. Ich will das nur nicht alles wieder wegwerfen. Ich hab Angst. Angst vor mir selbst."
"Brauchst du nicht. Trink die zwei Wochen jetzt einfach mal keinen Alkohol und dann hast du dich unter Kontrolle. Ich werde Shane Bescheid sagen. Du schaffst das, ja? Ich glaub an dich und das mein ich ernst." Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange, dann ging ich ins Bad.

ENDE