
Donít wanna close my eyes
I donít wanna fall asleep
Cause I miss you babe
And I donít wanna miss a thing
Cause even when I dream of you
The sweetest dream will never do
Iíd still miss you babe
And I donít wanna miss a thing
, dröhnte es aus den Boxen meiner Stereoanlage und ich spielte Luftgitarre dazu.
Das tat gut, Nicky und Geo waren mir schnurzpiepegal. Brian hatte mir ja angeboten,
ich könne immer bei ihm anrufen, wenn was war. Wenn Nicky mal mit Westlife unterwegs
war, ging das nicht; er bot mir das nie an, dafür musste oft Shane herhalten,
den ich auch sehr mochte. Doch vor einiger Zeit hatte ich rausgefunden, dass
Shane Nicky immer alles erzählte und da ließ ich es lieber bleiben. Bei Brian
wusste ich, ich könnte ihm mein Leben anvertrauen und er würde es nicht leichfertig
wegwerfen, sondern eher seins riskieren, um mir meines zu retten. Sich das Leben
nehmen... daran hatte ich auch schon gedacht und ich hab es ehrlich gesagt auch
schon versucht. Mit einer von Nickys Rasierklingen, die war ziemlich scharf
und meine Bettwäsche nachher rot gewesen. Geo hatte meine Ausrede, es hänge
mit unserer Frauensache zusammen, geschluckt, aber sie merkte in letzter Zeit
eh nichts mehr. Ich hörte auf mit der Luftgitarre, da jetzt eh ein anderes Lied
lief und darin gerade ein Klaviersolo an der Reihe war, und setzte mich auf
mein Bett. Vorsichtig schob ich meinen Pulliärmel hoch, der letzte Versuch war
gerade gestern Abend gewesen. Ich war bewusstlos gewesen, glücklicherweise hatten
Nicky und Geo nichts gemerkt, aber die waren eh im Pub saufen gewesen. Die feinen
Blutritzen waren noch gut sichtbar, als ich den Verband langsam abwickelte.
Immer mehr Narben bedeckten mein linkes Handgelenk, Nicky hatte es noch nie
gesehen und würde es auch nie sehen. wollen. Das war doch auch mal eine Überlegung
wert: Ihn das ganz bewusst sehen zu lassen, sodass er endlich kapierte, ich
brauchte ihn, und er mit dem Trinken aufhörte. Gegen ein, zwei Gläschen Wein
oder Bier am Abend hatte ich ja nichts, aber gegen diese Art von Trinkerei schon.
Wie setzte ich meinen Plan am besten in die Tat um? Das war die schwierigste
Frage von allen. Ein T-Shirt anziehen? Nein, das war zu auffällig. Oder...
...weiter kam ich nicht, denn es klopfte. Komischerweise genau in dem Moment,
wo das Lied mit dem Klaviersolo zu Ende war. "Ja?", rief ich, nachdem
ich meinen Armel schnell wieder runtergemacht hatte.
"Ich bin's. Darf ich reinkommen?" Das war Nicky.
"Mir doch egal." In dem Moment fing das nächste Lied mit lauten Drums
an. Dennoch öffnete sich die Tür und Nicky kam herein. Als erstes schaltete
er die Musik aus.
"Hey... Kleines. Hast du noch Hunger?" Er ließ sich neben mir auf
dem Bett nieder. Ich drehte sein Gesicht zu mir, da er auf den Boden sah.
"Hauch mich mal an." Widerstandslos tat er, was ich verlangte.
"Du riechst gar nicht nach Alk. Hast du überhaupt was getrunken?"
Er schüttelte den Kopf. Ich strich kurz über seine Wange und ließ ihn dann los.
"Das ist selten bei dir", kommentierte ich. Er zuckte die Schultern,
sah erst wieder auf den Boden und schließlich mich an.
"Bist du hungrig?"
"Hat Geo was gekocht?"
"Nein. Sie ist nicht da. Ich wollte dich nur fragen, ob... willst du's
überhaupt hören?"
"Wenn du mich nicht gleich heiraten willst, dann ja."
"Will ich nicht."
"Sondern?" Er sah auf die Uhr, ich folgte seinem Blick.
"Vergiss es. Es ist zu spät."
"Wofür?" Er antwortete nicht. Ich sah ihn lange an, sehr lange, und
meinte irgendwann eine Träne in seinen Augen erkennen zu können.
"Kleine?", fragte er schließlich, nachdem er die Träne weggeblinzelt
hatte. Hormone oder was?
"Die sitzt neben dir", erwiderte ich ironisch, oder wollte es besser
gesagt so klingen lassen, aber es misslang mir.
"Was hältst du von mir als Vater? Wahrscheinlich nicht mehr viel, oder?
Ich hab mal über deine Worte nachgedacht. Es tut mir Leid; ich habe gemerkt,
wie schwachsinnig diese ganzen Saufabende waren. Sie haben mich zu einem ärmeren,
aber ganz sicher nicht besseren Menschen gemacht, sondern zu einem viel schlechteren
Vater. Ich war nie für dich da und habe kein offenes Ohr für deine Probleme
gehabt, sondern war Saufen. Ich war nicht besser als dein eigentlicher Vater,
obwohl ich dir ein besseres Zuhause als in dieser Dreckbude da versprochen habe
ñ es tut mir so unendlich Leid, ich weiß nicht, wie ich das wieder gut
machen kann. Wahrscheinlich gar nicht. Vielleicht willst du auch gar nicht mehr
mir reden, nachdem ich dir das alles hier gesagt habe ñ vielleicht glaubst
du es mir nicht mal, aber ich flehe dich an: Verzeih mir. Ich hab Scheiße gebaut,
große Scheiße, die eigentlich fast gar nicht mehr gut zu machen ist. Sag mir,
was ich tun soll, damit du mich wieder als Vater achtest und immer zu mir kommst,
wenn du was hast. Ich hole dir die Sterne vom Himmel oder springe in der Silvesternacht
von den Cliffs of Moher, ich mache mit dir alleine Urlaub irgendwo im Nirgendwo
oder singe mit Brian ein Duett ñ es gibt nichts, was ich nicht machen
würde für dich, denn ich liebe dich. Bitte, glaub es mir. Aber ich kann es auch
verstehen, wenn du jetzt, nach dem ganzen Schwachsinn, den ich hier eben gerade
von mir gegeben habe, nichts mehr mit dir zu tun haben willst. Geh dahin, wo
du möchtest, meinetwegen zu Brian oder sonst wem. Ich möchte nur, dass du glücklich
bist, Kleines. Ich hab dich lieb."
Ich war ehrlich gerührt. So was zu mir zu sagen hätte ich Nicky niemals zugetraut,
vor allen Dingen nicht jetzt. Er hatte es die ganze Zeit über geschafft, in
meine Augen oder zumindest in mein Gesicht zu sehen, aber während der letzten
Worte war seine Stimme immer dünner geworden und er war schließlich in Tränen
ausgebrochen. Er sagte ständig irgendwelche Wörter zu sich, aber ich verstand
sie nicht genau. Vielleicht wollte ich sie auch gar nicht verstehen. Plötzlich
stand Nicky auf und ging ins Wohnzimmer, nachdem er leise meine Tür geschlossen
hatte. Ich ließ mich rücklings auf mein Bett fallen, drückte mein Kuschelkissen
auf mein Gesicht und versuchte, die Tränen damit aufzuhalten, was aber nicht
funktionierte.
Nickys Rede war so goldig gewesen, so unerwartet. Er hatte all das gesagt, was
ich mir in letzter Zeit von ihm gewünscht, aber nicht bekommen hatte. Ausgenommen
seine verrückten Beispiele. Aber was gäbe ich drum, wenn unser Verhältnis wieder
so wie vorher sein könnte. Er hatte mir die Möglichkeit geboten, jetzt musste
ich die Chance nur noch nutzen. Also stand ich auf und tappte leise zum Wohnzimmer,
einerseits war es immerhin schon 3 Uhr nachts und da hatte ich wirklich nicht
mehr auf zu sein und andrerseits sollte er mich nicht hören. Das schraubte die
Wirkung des ‹berraschungseffekts höher.
Nicky selbst saß auf dem Sofa vor dem steinernen Karmin, in dem warme, orangerote
Flammen loderten, hatte eine Decke um sich gewickelt, die Knie angezogen und
eine Tasse, aus der es dampfte, in der Hand. Ab und zu schniefte er und wischte
sich mit dem ƒrmel die Tränen weg. Ich musste mitweinen, als ich ihn so zerbrechlich
und in sich zusammen gefallen da sitzen sah, doch ich weinte stumm. Auf einmal
hob Nicky die Hand und schaltete mittels Fernbedienung die Stereoanlage ein;
das Lied mit dem Gitarrensolo von vorhin, von dem er wusste, es war mein Lieblingslied,
kam leise aus den Boxen. Der richtige Zeitpunkt, um den alles entscheidenden
Schritt zu machen. Als ich ganz dicht hinter der Sofalehne, an der er lehnte,
stand, fragte ich leise: "Kann ich auch einen Schluck haben?"
Nickys Kopf schnellte zu mir herum; erst jetzt sah ich seine dunklen Ränder
unter den Augen. Er lächelte jedoch trotzdem und hielt mir seine Tasse hin.
"Klar." Ich nahm sie entgegen und schaute erstmal, was er da eigentlich
zu sich nahm. Kakao. Seit wann trank Nicky denn bitteschön Kakao? Langsam ging
ich um das Sofa herum und setzte mich neben Nickys Beine, bevor ich einen Schluck
nahm und die Tasse schließlich an Nicky zurückreichte, indem ich aufstand und
mich vor ihn hockte. Sanft fuhr ich ihm übers Gesicht, wischte die Tränen weg
und beruhigte seine vor Aufregung zitternden Lippen mit meinen Fingern, ehe
ich ihn vorsichtig küsste. Auf diesen Moment hatte ich ewig gewartet, es hatte
noch nie so eine Spannung, von der keiner wusste, warum sie existierte, zwischen
uns geherrscht. Behutsam löste ich meine Lippen wieder von seinen und fragte
eine Frage, die ich mir nicht verkneifen konnte: "Würdest du auch mit Brian
und mir zusammen in Skiurlaub nach Kanada fahren?"
"Alles", wisperte er mit tränenerstickter Stimme.
"Ich verzeihe dir, Nicky, du hast mich aus der Scheiße rausgeholt und dafür
werde ich dir für immer und ewig dankbar sein. Du wirst mich nicht so einfach
los, wie du es dir vorgestellt hast. So einen besonderen Menschen wie dich findet
man nicht überall, vor allen Dingen nicht so einen, der mich immer versteht
und hinter mir steht, wie du es noch bis vor einem Monat gemacht hast. Du bist
ein Dummkopf gewesen, das weißt du, aber ich liebe dich trotzdem. Und Kanada
muss nicht sein, nicht, dass wir uns da missverstehen."
"Kleines... ich, ich... danke. Oh my god." Nicky küsste mich kurz
und wusste dann nicht wirklich weiter, weswegen ich auf seinen Schoß deutete
und fragte: "Kann ich mich zu dir setzen?"
Sofort hob er die Decke und ich konnte mich an ihn kuscheln; die Tasse wurde
kurzerhand auf den Couchtisch verbannt. Ich brauchte eine Weile, bis ich eine
gute Position gefunden hatte; bereitwillig machte Nicky alles mit und wartete
brav, bis ich endlich still liegen blieb. Müde lehnte ich den Kopf an seine
Brust und hörte sein Herz schlagen, während wir gemeinsam in das Feuer starrten
und das Gitarrensolo-Lied hörten. Ohne Unterbrechung streichelte Nicky meinen
Rücken auf und ab, bis ich nichts mehr spürte, da ich eingeschlafen war. Zumindest
war ich fast im Land der Träume, als Nicky mich hochnahm, in sein Bett legte,
das Feuer und die Stereoanlage im Wohnzimmer ausmachte und sich schließlich
neben mir niederlegte.
"Gute Nacht, Babe", flüsterte er leise und küsste meine Schläfe.
"Nacht", seufzte ich zurück und kuschelte mich ganz eng an ihn. Endlich
waren wir wieder vereint.
"Hey, mein Engel, aufwachen...!", wisperte eine raue Stimme in mein
Ohr und ich hob müde den Kopf, während ich die Augen öffnete.
"Morgen", brummte ich zu Nicky und zog mir direkt wieder die Decke
über den Kopf, so müde war ich noch. Er saß, bereits in voller Montur,
neben mir und dem Geruch nach zu urteilen war er auch schon im Bad gewesen.
Leise lachte er, was ich gedämpft unter der Decke hören konnte, und fuhr mit
seiner Hand unter die Decke. Da ich einen kleinen Lichtspalt gelassen hatte,
sah ich sie natürlich sofort, ergriff sie und legte in die Handfläche
meinen Kopf. Eine Hand hatten wir also schon mal gefangen. Leider ließ die zweite
nicht lange auf sich warten und ich kam in Bedrängnis, da ich nicht wusste,
wie ich sie ñ vorübergehend ñ außer Gefecht setzen sollte.
Zuallererst ertastete sie meinen Mund, dann fuhr sie weiter, den Hals entlang
und kitzelte mich schließlich durch, sodass ich notgedrungen unter der Decke
hervorkommen musste. Nicky grinste.
"Na, gibst du auf?", fragte er und hielt meine beiden Arme fest.
"Bedingungslos", nickte ich heftig und wartete nur darauf, dass ich
freikam, was auch wenig später passierte. In der nächsten Sekunde, bevor Nicky
überhaupt wusste, wie ihm geschah, hatte ich mich schon auf ihn draufgesetzt
und quälte ihn, indem ich ebenfalls durchkitzelte. Lachend wand er sich unter
mir, jedoch hörte ich irgendwann auf, sodass er wieder Luft holen konnte.
"Ich muss dir was sagen", meinte er schließlich in einem ernsteren
Ton und ich hörte auf, zu grinsen.
"Was denn?"
"Vorhin hat mich Louis angerufen, Westlife machen weiter. Wir fahren auf
Promotion-Tour nach Deutschland, du kannst mitkommen wenn du magst. Ich will
dir mein "Life on the road" nicht länger vorenthalten. Allerdings
musst du damit rechnen, dass Geo auch mitkommt."
"Und was wäre die Alternative?"
"Tja... Ich denke mal, ich würde Brian fragen, ob du so lange bei
ihm bleiben, auch wegen Schule und so."
"Und wie wäre das mit dem Unterricht, wenn ich mit dir käme?"
"Privatlehrer?!"
"Stimmt. Och man, Nicky, musst du echt schon wieder weg? Ich will nicht,
dass unser Verhältnis wieder so wie bevor dem gestrigen Abend wird."
"Ich doch auch nicht, Sweety. Aber es geht nun mal nicht anders, das ist
mein Job. Manchmal hängt's mir auch zum Hals raus und ich würde am liebsten
irgendwohin abhauen, wo mich keiner kennt."
"Kann ich verstehen. Aber na ja, zieh du mal dein Ding durch und ich bleib
solange bei Brian."
"Du willst nicht mit?" Ich schüttelte als Antwort den Kopf und
umarmte ihn kurz.
"Sorry Nicky", sagte ich und stand dann auf. "Aber ein gemeinsames
Frühstück wird doch wohl noch zu machen sein, oder?"
"Ich denke mal", lächelte er und erhob sich ebenfalls. "Dann
geh du mal ins Bad und mach dich fertig, ich frage Brian und mache unser letztes,
gemeinsames Frühstück vor der Tour."
"Mmh. Wie lange bist du denn weg?"
"Weiß gar nicht genau... auf jeden Fall zu lange, wenn du nicht mitkommst."
"Ach Nixter... jetzt tu nicht so, als ob du nach Südafrika fliegen
müsstest", meinte ich und nahm seine Hand. Er senkte den Kopf. "Hey,
Blondy... was ist?"
"Nichts. Ich will das nur nicht alles wieder wegwerfen. Ich hab Angst.
Angst vor mir selbst."
"Brauchst du nicht. Trink die zwei Wochen jetzt einfach mal keinen Alkohol
und dann hast du dich unter Kontrolle. Ich werde Shane Bescheid sagen. Du schaffst
das, ja? Ich glaub an dich und das mein ich ernst." Ich stellte mich auf
die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange, dann ging ich ins Bad.
ENDE