
Inzwischen war ein halbes Jahr vergangen. Isabelles Au Pair Jahr endete im
September, was aber nicht hieß dass sie sich nicht trotzdem weiterhin
um Emily kümmerte. Nur eben nicht mehr so häufig, da sie im Oktober
mit dem Kunststudium an der Uni beginnen wollte. Und noch etwas änderte
sich, sie und Mark würden dann zusammenziehen. Shane war ein bisschen traurig
darüber, dass Isabelle bei ihnen auszog, aber nur ein bisschen, denn er
wusste sie in guten Händen und außerdem würde er sie ja trotzdem
fast täglich sehen.
Isabelle war mit Emily an diesem Abend ganz allein. Sie spielten in Emilys Zimmer
und warteten auf Mark, der zum Abendessen vorbeikommen wollte, als das Telefon
in der Küche klingelte. „Hi Shay! Was gibts?“ meldete sie sich, da der
noch mal anrufen wollte, es bisher aber noch nicht getan hatte. „Isabelle?“
fragte eine verwirrte Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. „Mama!“ – „Wie
gehts dir denn?“ – „Gut, aber ich hab jetzt eigentlich keine Zeit zu telefonieren,
ich bin mit Emily allein zu Hause.“ – „Ich wollte dich eigentlich nur fragen,
ob ihr jetzt im Sommer mal vorbeikommt, dein Vater und ich haben doch Ende Juli
Silberhochzeit...“ Mist, dachte Isabelle. Sie hatte zwar Anfang August noch
eine Woche frei, doch da wollte sie mit Mark eigentlich irgendwohin fahren,
nur sie beide. Ein Ziel hatten sie noch nicht ausgemacht, doch das war eher
nebensächlich, Hauptsache das Bett war so groß wie eine Spielwiese.
;) Dann könnten sie sich noch mal richtig entspannen bevor der Umzugsstress
begann. Zwar verreisten sie noch zusammen mit Shane und Gillian, doch da Emily
auch dabei sein würde, war wohl eher mit einem Actionurlaub zu rechnen.
Eigentlich hatte Isabelle nicht vorgehabt, sich vor Dezember überhaupt
in Deutschland blicken zu lassen. Und selbst dann wäre es nur ein kurzer
Anstandsbesuch geworden. „...Wir feiern erst dann wenn ihr Zeit habt...“ Emily
kam in die Küche, rannte an Isabelle vorbei, klatschte ihr lachend auf
den Hintern und lief zum Tisch um etwas zu trinken. „...Andrea bleibt danach
noch eine Woche bei Oma.“ – „Ja ich weiß, hat sie mir schon erzählt.“
Emily stand auf, stellte sich neben Isabelle und zupfte am Saum ihres Shirts.
„Mir ist langweilig. Wann bist du fertig?“ – „Gleich!“ „Deine Drea würde
sich bestimmt freuen dich mal wieder zu sehen.“ Isabelle musste an die letzten
paar Sommerferien denken, wie lustig es jedes Jahr mit ihrer jüngeren Cousine
Andrea gewesen ist. „Ja ich mich auch. Also gut, wir besuchen euch im August...“
Es klingelte an der Tür und Emily lief los um aufzumachen. „...Ich weiß
jetzt aber nicht genau welche Woche das ist, ich sag dann noch mal bescheid.“
– „Ihr übernachtet doch bei uns? Deine Zimmer sind noch genau so wie du
sie verlassen hast.“ „Oh nein, jetzt heult die auch noch, ...“, dachte Isabelle,
„... bleibt mir denn gar nichts erspart?“ „Na schön. Also ich muss jetzt
aber wirklich auflegen Mama. Bis dann.“ – „Machs gut.“ Isabelle ging auf Mark
zu, legte ihren Kopf auf seine Schulter und stieß einen Seufzer aus. „Tja,
unseren Urlaub können wir vergessen. Meine Eltern haben uns zur Silberhochzeit
eingeladen und ich hab mich einwickeln lassen. Tut mir leid!“ Er drückte
sie an sich und streichelte über ihren Kopf. „Das braucht es nicht. Dann
kann ich deine Eltern schon früher kennen lernen.“ – „Glaub mir, das ist
nichts worauf man sich freuen könnte.“
Am Abend vor der Abreise nach Deutschland lag Isabelle im Garten auf einer Decke und zeichnete die umliegende Landschaft, die rot orange durch die untergehende Sonne glänzte, um sich abzureagieren. Sie war ärgerlich über sich selbst. Wie konnte sie nur so unvorsichtig sein? Als sie zusagte bei ihren Eltern zu übernachten, wollte sie nur schnell ihre Mutter loswerden und hatte nicht an die Folgen gedacht. Als es ihr kurze Zeit später eingefallen war, konnte sie es natürlich nicht mehr rückgängig machen, wie hätte das denn ausgesehen? Mark ging auf sie zu und ließ seine Finger ihr nacktes Bein hoch tappen. Sie drehte sich um und küsste ihn, doch er merkte dass sie mit den Gedanken woanders war. „Was ist? Du hast doch irgendwas?“ – „Ich will da morgen nicht hinfahrn!“ – „Hey, deine Eltern freuen sich dich nach so langer Zeit mal wiederzusehen. Außerdem beschütze ich dich doch.“, zwinkerte er ihr zu. Sie seufzte. Wie konnte sie auch erwarten, dass jemand der in einer heilen Familie aufgewachsen war, sie versteht? „Sie werden es uns zur Hölle machen! Aber reden wir mal nicht von meinen Eltern, es gibt da nämlich noch etwas... Wie soll ich dir das bloß erklären? Es ist so peinlich. Nein, es ist viel mehr als das, es ist mir richtig unangenehm.“ – „Ganz ruhig!“ Mark legte sich auf den Boden und zog seine Freundin an sich, um ihr zu zeigen, dass er bereit war ihr zuzuhören, egal wie lang die Geschichte ausfiel. „Okay, ich fang am besten ganz am Anfang an, damit du umfassend über meine Familienverhältnisse informiert bist...“ Und das war auch nötig, denn Isabelle sprach eigentlich nie über ihre Verwandtschaft. „...Meine Eltern und ich lebten im selben Haus wie Mums Eltern zur Miete. Mir gings gut in der Wohnung. Wir hatten eigentlich viel Platz. Wenn ich irgendwelche Sorgen hatte, brauchte ich bloß eine Etage nach oben zu meiner Omi Marianne gehen. Als ich 16 war sind wir dann umgezogen in die Villa meiner Urgroßeltern, Erich und Anita, Dads Großeltern. Paps Eltern haben früher auch dort gelebt und das war der Grund warum wir vorher woanders gewohnt haben. Nicht wegen dem Platz, das Haus ist riesig, sondern weil mein Vater nicht so gut mit seinem Vater konnte. Dad arbeitet als Komissar beim Morddezernat, sein Vater war Chirurg und er hat es ihm übel genommen, dass er nicht auch Arzt geworden ist, sondern Polizist wie der Schwiegervater. Paps Vater verdiente natürlich nicht schlecht als Chefarzt, aber wir haben nie was von dem Geld gesehen, er war schon immer ein sehr sparsamer Mensch und eines Tages sind die beiden dann ab in die Türkei, auf nimmer wiedersehen. Jetzt konnten meine Eltern also endlich dort einziehen, wo mein Vater seine Kindheit verbracht hatte und worauf sie schon lange ein Auge geworfen hatten. Angeblich haben sie das ja getan weil sich doch jemand um die beiden Alten kümmern muss, aber in Wirklichkeit hoffen sie eines Tages die Villa zu erben. Wir hatten vorher nie ein besonders enges Verhältnis zu Erich und Anita, deswegen ist es mir auch erst dann aufgefallen. Die beiden sind Nazis! Er hat noch seine ganzen Parteiabzeichen, die hab ich zufällig auf dem Dachboden entdeckt. Es gibt nicht wenige Volkspolizisten, die nebenbei noch inoffiziell bei der Gestapo beschäftigt waren und höchstwahrscheinlich gehörte er dazu, aber nachweisen konnte man es ihm wohl nicht.“ – „Hast du denn richtige Beweise? Nur weil jemand so was aufhebt, hat das doch nicht gleich etwas zu bedeuten.“ – „Na hör mal, ich bin doch nicht von gestern! Das erkennt man doch an der Art wie sie reden, an ihren Bemerkungen. Die beiden haben einen Dackel, Dux und jetzt rate mal was das heißt!“ – „Keine Ahnung.“ – „Das ist italienisch und bedeutet Führer!“ – „Wovor hast du eigentlich Angst? Dass ich ihnen nicht arisch genug bin? Na und?! Dir ist doch sowieso scheißegal was sie denken.“ – „Stimmt!“ – „Na siehst du.“
Da Isabelle das Zusammentreffen mit Familie Kaufmann noch etwas hinauszögern
wollte, machte sie mit Mark einen Umweg zu ihren Großeltern. Die waren
aufgeschlossen und freundlich und sie sprachen gutes Englisch, da sie jeden
Sommer ins Ausland fuhren. Außerdem war das Bevorstehende für Isabelle
leichter zu ertragen wenn sie vorher jemand nettes besuchte. Sie klingelte und
hielt sich den Riesenblumenstrauß, den sie am Flughafen gekauft hatte
vors Gesicht. Keine zwei Sekunden später wurde die Tür aufgerissen
und Isabelle wurde von Marianne durchgeknuddelt. „Isa!“ – „Hallo Omi!“ – „Na
kommt erst ma rein!... Willkommen in der Familie, Mark.“ Sie drückte auch
ihn und half den beiden mit den Taschen, anschließend verschwand sie in
der Küche um die Blumen ins Wasser zu stellen. „Wolfgang, jetzt mach doch
mal den Fernseher leiser!“ Der schaltete die Glotze aus, sang aber weiter „Lass
die Finger von Emanuela!“ und bewegte sich ebenfalls in Richtung Küche,
um seine leere Bierflasche wegzuräumen, allerdings tanzend. „Fettes Brot!“
– „Hast du Hunger, Isa?“ fragte Marianne, die gerade die Blumen im Wohnzimmer
platzierte. „Nein, ich mein doch das Lied, was Opa eben mitgesungen hat. Die
Band heißt Fettes Brot.“ – „Was echt? Die kommen auf Ideen!“ „Meine Kleene!“
Wolfgang nahm Isabelle in den Arm und tippte auf seine Wange, woraufhin Isabelle
ihm einen Schmatzer gab. Er reichte Mark die Hand und schlug ihm leicht auf
die Schulter. „Tach Junge! Ich bin der Opa und so kannste mich auch nennen oder
Wolf. Aber so n Quatsch mit Herr Landau fangen wir nich an. Also am besten du
sagst Opa zu mir, ich bin nämlich der einzige. Isas andere Großeltern
sind ja...“ Wolfgang machte das Geräusch eines abhebenden Flugzeuges nach.
„...Na und die Nazis werden dir das gar nicht erst anbieten. Na, wie siehts
aus, trinkste n Glas von meinem selbstgemachten Erdbeerwein?“ – „Klar!...“ Wolf
hob seinen Zeigefinger. „...Opa.“ – „Das will ich jetzt immer hören! Der
Wein is zwar ganz schön stark, aber ihr Iren vertragt ja was... Isa? Auch
Wein?“ – „Ja aber nich so viel, ich will erst mal nur probieren.“ Isabelle kramte
in ihrer Tasche und holte ein Mitbringsel für ihren Opa raus. „Guinness
Bier! Ah Danke Mäuschen!“ „Das wär doch nicht nötig gewesen,
das gibts doch bei uns viel billiger!“ mischte sich Marianne ein. „Was soll
das denn jetzt? Das Mädchen hat MIR was geschenkt!“ „Außerdem sind
da doch noch zwei echte Guinness Gläser dabei, Omi.“ „Siehste!“ Wolfgang
drehte seiner Frau eine lange Nase. Sie ignorierte ihn und holte ein paar Fotoalben
aus der Anbauwand. „Mark, willst du Isa mal als Kind sehen?“ – „Sicher!“ „Nein!
Omiii!...“ Isabelle vergrub ihr Gesicht unter einem Couchkissen. „...Mark hält
mich für eine coole Braut und du musst ihm jetzt ausgerechnet diese peinlichen
Bilder zeigen!“ – „Aber du warst doch so ein süßes kleines Mädchen!“
Marianne kniff ihrer Enkeltochter in die Wange und setzte sich neben sie. Mark
gab ihr einen Kuss auf die andere Wange. „Du bist immer noch ein süßes
Mädchen!“ „Mein ganzes Image wird hier in wenigen Minuten zunichte gemacht.
Opa, sag doch auch mal was!“ – „Wie schmeckt der Wein?“ – „Ja.“ „Mark, willst
du noch n Glas?“ „Opa, hör auf meinen Freund abzufüllen!“ – „Bah!
Du bist ja schon genau so spießig wie deine Eltern, diese Abstinenzler!“
– „Nein, aber er kann doch dort nicht betrunken auftauchen, da haben die bloß
wieder nen Grund sich das Maul zu zerreißen.“ – „Betrunken sind die aber
noch am leichtesten zu ertragen.“ – „Da hast du aber mal recht. Na schön,
ich nehm auch noch n Glas.“ Nach einer Weile musste Isabelle zugeben, dass sie
doch ganz niedlich war, wie sie als Baby in der Wanne saß, an ihrem ersten
Geburtstag auf die Torte patscht, ein böses Gesicht zieht während
sie im Sandkasten spielt, mit zugehaltener Nase ins Schwimmbad springt oder
sich in einen großen Schneehaufen am Straßenrand wirft. Sie protestierte
dann auch nicht, als Marianne eine Mappe mit Zeichnungen holte, die Isabelle
im Alter von 4-6 gemalt hatte, sondern lachte über die kastenförmigen
Menschen und Sonnen, die Gesichter haben, schließlich waren wir ja alle
mal klein. Als sie fast fertig waren klingelte es an der Tür. „Das werden
dann wohl die Waldbeatles sein.“ sagte Wolf und ging zur Tür. „Meine Cousine
Andrea und ihre Eltern...“, erklärte Isabelle ihrem Freund, „...die sind
aus Hessen und weils da überall Wälder gibt haben sie diesen Spitznamen.“
Nach dem Abendessen spielten sie noch Skat und tranken das ein oder andere Glas
bis so gegen zehn das Telefon klingelte. „Isa, deine Mama will dich sprechen!“,
sagte Marianne und setzte sich wieder an den Tisch. Isabelle lief in den Flur.
„Wo bleibt ihr denn?“ – „Wir sind noch bei Oma. Kann noch ne Weile dauern bis
wir eintrudeln, also wenn ihr müde seid, bleibt nicht extra auf wegen uns.“
– „Bist du verrückt?! Wir können doch nicht die Haustür offen
lassen! Und du hast ja keinen Schlüssel.“ – „Freilich könnt ihr die
auf lassen! Ihr habt doch ne Klingelanlage am Gastentor und den Türcode
kenn ich ja noch. Mutti, ihr wohnt bestimmt in der langweiligsten Straße
Hamburgs! Selbst wenn da wirklich einer einbrechen wollte, müsste er ja
erst mal die Gartenmauer überwinden.“ – „Ich warte bis ihr kommt. Wenn
die Tür nicht abgeschlossen ist kann ich sowieso nicht einschlafen, dann
kann ich auch gleich aufbleiben.“ – „Ist ja gut! Wir sind in 20 Minuten da!“
Isabelle nahm das Telefonbuch und suchte die Nummer eines Taxiunternehmens heraus.
Nachdem sie einen Wagen bestellt hatte, kehrte sie ins Wohnzimmer zurück.
„Argh! Sie macht mich krank mit ihrer Ängstlichkeit! Mark, Süßer
wir müssen leider gleich gehen.“ Ein paar Minuten später klingelte
der Taxifahrer und die beiden verabschiedeten sich. „Das war echt lustig.“,
meinte Mark zu Isabelle während sie ins Taxi stiegen. „Ja, schade dass
der Abend schon endet.“ – „Die sind alle richtig nett.“ – „Das sind aber auch
die einzigen in der Familie.“
Als die beiden in der Villa am Stadtrand eintrafen, war nur noch Isabelles Mutter
auf. Sie begrüßten sich kurz und Isabelle reichte Karin eine Schachtel
mit belgischen Nugatpralinen. „Oh, die Meeresfrüchte kann ich gar nicht
essen, ich bin auf Diät.“ – „Wusste ich nicht. Na ja, es wird sich ihnen
schon einer erbarmen. Wir bringen dann mal unsere Sachen hoch. Gute Nacht!“
Isabelle nahm Marks Hand und sie trugen ihre Taschen die Treppe hinauf. Schließlich
blieben sie vor einer Tür stehen die durch ein selbstgemaltes Plakat geziert
war. Es zeigte ein grinsendes Skelett mit Zylinderhut und Draculaumhang, welches
seinen dürren Zeigefinger auf den Betrachter richtete. Unter der Knochenhand
stand in Großbuchstaben die Aufforderung „Bleib Draußen!“, klein
daneben die Signatur „I. Kaufmann.“ Bevor sie reingingen warf Mark noch schnell
einen flüchtigen Blick auf die umliegenden Zimmer. Der Raum rechts von
ihnen gehörte wahrscheinlich auch Isabelle, wer sonst in diesem Haus würde
an seine Tür ein Poster kleben auf dem ein angeketteter Pitbull abgebildet
war, umzäunt von Stacheldraht mit der Aufschrift „DMX The Grand Champ“?
Durch das Licht im Treppenhaus konnte Mark sehen, dass sich rechts vom Schlafzimmer
eine Bügelkammer befand, da sie offen stand. Gegenüber lag ein Bad.
Das waren die einzigen Zimmer in diesem Flügel des Hauses, die restlichen
befanden sich wahrscheinlich auf der gegenüberliegenden Treppenseite. Sie
waren also ungestört. Isabelles Schlafzimmer selbst sah ganz anders aus,
als das Plakat an der Tür vermuten ließ. Es war mintgrün gestrichen,
was eine warme Athmosphäre erzeugte, die durch die dunkelgrünen Vorhänge
am Fenster, die ganzen Kerzen und Trockenblumensträuße auf den beiden
hellen Kommoden noch verstärkt wurde. Die Wände zierten Aquarelle
irischer Landschaften, die sie wahrscheinlich von Postkarten abgemalt hatte.
Für Mark war es ein schöner Raum, doch für Isabelle war es ein
Zufluchtsort in diesem kalten Haus. Sie ließ sich auf ihr Bett fallen.
„Argh! Sie hätte doch wenigstens so tun können als freue sie sich
darüber. Selbst wenn sie die guten Pralinen dann im Schrank verrotten lässt,
aber das hätte ich ja dann nicht wissen müssen.“ Und auf einmal liefen
Isabelle Tränen die Wangen hinunter. Es war das erste mal überhaupt,
dass Mark seine Freundin weinen sah, bisher hatte sie auch nie einen Grund dazu
gehabt. Er setzte sich aufs Bett und streichelte ihr Knie. „Nicht, dass du jetzt
denkst, ich heule wegen den dämlichen Pralinen, aber...“ „Erinnerungen
von früher?“ – „Ja, es waren zwar alles nur Kleinigkeiten, doch davon sehr
viele und irgendwann reicht es eben einfach.“ – „Du hast es nicht leicht gehabt,
was?“ – „Nein!“ schluchzte sie. „Soll ich dich in den Arm nehmen oder willst
du ne Runde reiten?“ – „Irgendwie beides.“...
Isabelle träumte noch als Mark am nächsten Morgen aufwachte. Er liebte
es sie dann immer zu beobachten und konnte sich nie zurückhalten sie aufzuwecken,
weil er Sex mit ihr haben wollte. Doch diesmal war etwas anders, dadurch dass
sie gestern vor ihm geweint hatte, wirkte sie jetzt so verletzlich und er wollte
sie eigentlich nur beschützen. Mark zog sie enger an sich und schloss ebenfalls
wieder die Augen.
Nachdem es die beiden einige Zeit später geschafft hatten aufzustehen und
zu duschen, gingen sie runter um etwas zu frühstücken. Zwar war niemand
in der Küche, aber Isabelle zog trotzdem lieber die Ungestörtheit
ihres eigenen Wohnzimmers vor und packte das Essen auf ein Tablett, was sie
mit nach oben nahmen. Sie stellte es auf dem Couchtisch ab und die beiden setzten
sich aufs Sofa. „Cooles Zimmer!“ – „Ja ich weiß, den Großbildfernseher
und die riesige Stereoanlage haben sie angeschafft, als sie schon wussten dass
ich weggehe, das war ihre Art mir zu zeigen, dass sie mich hier behalten wollen.“
– „Ich meine eigentlich deine Dekoration.“ – „Oh, danke Schatz!“ – „Diese eine
rote Wand zwischen drei gelben, das sieht echt klasse aus! Vielleicht können
wir so was ja auch machen?“ – „Klar!“ Mark stand auf um sich die vergrößerten
Fotos von Isabelle und ihren Freunden über dem Schreibtisch genauer anzusehen.
Isabelle erhob sich ebenfalls und stellte sich neben Mark. Ihr Blick blieb an
einem schief fotografierten Bild hängen, was sie mit zwei Freundinnen aus
dem Englischleistungskurs im Klassenraum zeigte. Sie hatte in der letzten Stunde
aus Spaß ihre Kamera mitgenommen und dieses Pic hatte ihr Englischlehrer
von ihnen geschossen. Isabelle erinnerte sich: “Welcome on this wonderful morning,
my dear friends of the English language! Unfortunately this is our last lesson...”
– “Ohhh!” sagten die Dreizehner alle im Chor und Herr Sommer musste lächeln.
“...because in a few weeks you will write your examinations. So today we want
to talk about what you are doing after school. Please build a circle.“ Zwar
schrieben sie alle schriftliches Abitur, jedoch war ihr Lehrer der Meinung,
dass es ihnen nicht schaden würde, wenn sie in der Lage sind, sich frei
zu einem Thema zu äußern, weshalb sie ab und zu, wenn die Zeit es
erlaubte, diese Gesprächsrunden machten. Die Schüler schoben die Bänke
beiseite und bildeten einen Stuhlkreis in der Mitte des Raums. “Who wants to
start?” Alles blieb still. “Not so many!” So war es immer, niemand wollte anfangen,
deshalb bestimmte Herr Sommer ein Opfer. “Isabelle wants to start!” – “Okay,
after the examinations I want to study art, but I need to do something that’s
completely different from school, for a while, to recover from learning. Besides
I can’t stand my parents any more.” – “Nice!” – “Yes! That’s why I decided to
do an Au Pair year in Ireland and maybe I stay there when I like it.” – “Oh,
so I guess your husband’s gonna be an Irish son...”
„Isa?” – „Mhh? Sorry Schatz, ich hab grad nicht zugehört.” – „Woran hast
du eben gedacht?“ – „Ach, nicht so wichtig.“, lächelte sie.
Gegen Abend machten sich Mark und Isabelle zu Fuß auf den Weg zum Ort
der Feier, ein Restaurant nur zehn Minuten entfernt. Sie waren allein, da Isabelles
Eltern schon eher da sein mussten und ihre Urgroßeltern das Auto nahmen,
das war Isa auch am liebsten so. Als die beiden das Gartentor hinter sich schlossen,
entdeckte Isabelle eine Maus, die mitten auf der Straße saß. Kurze
Zeit später tauchte die blödeste Katze auf, die Mark je gesehen hatte
und schnupperte an dem kleinen Nager. Als ein Auto vorbeikam, lief die Katze
zurück, anstatt auf die andere Seite zur Maus. Es fuhren bestimmt fünf
Autos vorbei und immer wieder tat die Katze das Selbe, während die Maus
seelenruhig den Bordstein entlang krabbelte. Ein Wagen hätte die Katze
auch bald um Haaresbreite umgeraucht. Isabelle näherte sich der Maus und
fing sie. Sie streichelte das Tier, aber als es ihr den Finger ableckte, erschrak
sie sich und ließ es fallen. Doch die Maus blieb auf der Stelle sitzen
und so strich Isabelle ihr noch einmal über den Rücken. Die Maus lief
dann ein paar Meter weiter zur Telefonzelle, wahrscheinlich um zu telefonieren.
Isabelle schubste sie ins Gras, damit sie abhaut und die Katze sie nicht kriegt,
diese war inzwischen jedoch verschwunden. Als sie so dagestanden hatte mit dem
kleinen Nagetier in ihrer Hand, überkam Mark irgendwie das Gefühl
dass er diesen Moment festhalten wollte. Er prägte sich ihren Gesichtsausdruck
und das Glänzen in ihren Augen genau ein, um es niemals zu vergessen und
währenddessen erinnerte er sich plötzlich an eine Zeile eines Song,
den er vor ein paar Jahren mit Westlife aufgenommen hatte. „It’s every little
thing you do that makes me fall in love with you.” Isabelle lächelte ihn
an und streckte ihre Hand aus. Mark ergriff sie und zog Isa an sich um ihr einen
liebevollen Kuss zu geben.
Am nächsten Tag kamen Mark und Isabelle erst spät aus dem Bett, die
Nacht war lang gewesen. Als sie die Küche betraten aßen Isas Eltern
gerade zu Mittag. „Hallo Kinder, wollt ihr auch was?“ Karin holte zwei weitere
Teller und Besteck aus dem Schrank. „Ja danke. Morgen erst mal.“ – „Morgen?
Hast du mal auf die Uhr geguckt? Es ist 13:00 durch.“, bemerkte Björn geringschätzig
auf den Gruß seiner Tochter. „Jetzt lass sie doch! Wenn man jung ist muss
man halt ab und zu mal die Sau rauslassen.“, versuchte Karin die Situation zu
retten. „Manchen Leuten würde es auch nicht schaden die Sau mal festzubinden.“
Isabelle ließ sich nicht dazu hinreißen einen Streit mit ihrem Vater
anzufangen, stattdessen griff sie unter dem Tisch nach Marks Hand, ein stiller
Hilferuf. Mark hatte nicht alles genau verstanden, sein Deutsch war noch nicht
besonders gut, doch eins war ihm klar, dies war kein besonders liebevoller Ort
für ein junges Mädchen, die Stimmung zwischen Isa und ihrem Dad war
eisig. Er drückte ihre Hand etwas fester und streichelte dabei mit dem
Daumen ihren Handrücken. „Na, was unternehmt ihr heute noch?“, lenkte Karin
ab. „Wir gehen mit Andrea in die Disco.“ – „Und jetzt am Nachmittag? Habt ihr
da schon was vor? Papa und ich wollen nämlich im Garten einen Fischteich
anlegen, vielleicht habt ihr Lust mitzumachen?“ Isabelle war zwar noch ziemlich
müde und erschöpft und hatte eigentlich keinen besonders großen
Ehrgeiz in diesem Zustand im Garten rumzubuddeln, doch sie wollte den Annäherungsversuch
ihrer Mutter nicht zurückweisen. „Ja okay. Wann solls denn losgehen?“ –
„Ungefähr in einer Stunde.“
Nach dem Essen gingen Isabelle und Mark erst mal zurück in ihr Zimmer um
noch eine Weile auszuruhen und ein bisschen zu kuscheln. „Dein Vater und du,
ihr habt kein sehr gutes Verhältnis...“ – „Nein, noch nie gehabt. Er erwartet
immer von allen Leuten Toleranz und Anpassung, doch er selbst beherrscht nicht
mal die einfachsten Anstandsregeln, er sagt ständig direkt was er denkt.
Hast du überhaupt eine Vorstellung davon, wie es sich anfühlt wenn
man als 16jährige mit dem neuen Freund nach Hause kommt und der eigene
Vater begrüßt einen mit den Worten >Na, wieder was neues zum Ficken
gefunden?!< ?“ Geschockt sah Mark sie an. „Aber das ist ja furchtbar!“ Er
gab ihr einen Kuss auf die Stirn und zog sie an sich, da sie schon wieder weinte.
Wie konnte jemand diese liebe Person, die seine Freundin war, nur so behandeln?
„Soll ich ihn für dich schlagen?“ Isabelle lachte, „Nein, lass mal, das
würde doch alles nur noch schlimmer machen. Halt mich einfach nur fest...
Weißt du dass ich bei Shane und Gillian zum ersten mal das Gefühl
hatte, Teil einer richtigen Familie zu sein? Zum ersten mal hat mir nicht vor
den Weihnachtsfeiertagen gegraut, sondern ich habe mich richtig darauf gefreut.“
– „Ja, du warst fast schon so aufgeregt wie Shane, der liebt Weihnachten über
alles. Hätte nur noch gefehlt, dass ihr zusammen das Dach mit Glühbirnen
zutackert, wie dieser Verrückte in dem einen Film, der jedes Jahr wiederholt
wird.“ Isabelle sah Mark lange an, „Ich weiß auch nicht, warum ich ausgerechnet
nach Irland gekommen bin. Irgendetwas hat mich dahin gezogen, weil bessere Dinge
dort schon auf mich warteten.“ Mark nahm ihren Kopf in seine Hände und
küsste sie zärtlich, „Was immer es war, ich bin froh darüber,
sonst wäre ich heute noch auf der Suche nach dir.“
Nachdem sie schon eine Weile gegraben hatten, stieß Isabelle bei ungefähr
einem Meter auf etwas hartes. Sie kratzte mit dem Spaten die Stelle frei, um
zu sehen was sich dort verbarg und erschrak. Es sah aus wie die Stirn eines
menschlichen Schädels. Mark kam zu ihr rüber gelaufen und legte seinen
Arm auf ihre Schulter, „Was ist?“. Sie zeigte mit dem Finger auf die Stelle,
„Da!“. Zusammen gruben sie vorsichtig weiter und schon bald kam ein ganzer Körper
zum Vorschein. Es handelte sich um einen Soldaten, leicht zu erkennen, da man
ihn in Uniform begraben hatte. Isabelle vermutete einen Briten, da die nach
dem zweiten Weltkrieg hier ihre Besatzungszone hatten und sie konnte sich denken
wer hinter seinem Tod steckte. Der Mörder musste es ziemlich eilig gehabt
haben. Wenn er ihm nicht mal die Sachen ausgezogen hatte um seine Identität
zu vertuschen, dann... Isabelle griff in die Brusttasche des Jacketts und tatsächlich
befand sich dort noch sein Dienstausweis. Stark vergilbt und übel riechend,
jedoch nicht verwest, nach ungefähr 60 Jahren. Isabelle war überrascht,
sie dachte Papier altert schneller. Sie wischte ein bisschen Erde vom Einband
des Büchleins ab und erkannte nun ein Logo, „Royal Air Force“ las sie vor.
Sie klappte es auf und entdeckte das Foto eines lächelnden Mädchens
in einem Blümchenkleid, wahrscheinlich seine Freundin, sie drehte es um,
doch es stand kein Name darauf, also schlug sie die erste Seite auf, „Lieutenant
Joseph Barlow... Papa, wir müssen die Polizei holen!“ – „Ich bin die Polizei!“,
schrie Björn. „Na dann unternimm doch etwas! Wir haben eine Leiche im Garten,
das müssen wir doch melden!“ – „Du hältst dein Maul! Ich regele das
mit meinen Kollegen allein.“, funkelte er seine Tochter aggressiv an, während
Karin daneben stand und nichts unternahm. Isabelle steckte das Dokument in ihre
Hosentasche, zog die Arbeitshandschuhe aus und warf sie ins Gras, dann rannte
sie davon. Mark blieb ein paar Sekunden regungslos stehen und sah seinen Schwiegervater
verachtungsvoll an, am liebsten hätte er ihm jetzt so richtig eine verpasst,
aber dann dachte er daran dass Isabelle ihn jetzt mehr brauchte, also lief er
ebenfalls ins Haus. Nachdem er erfolglos im Schlafzimmer nachgesehen hatte,
fand er sie nebenan leise schluchzend auf der Couch, während sie The Voice
Within hörte. „Ich weiß, du magst sie nicht, aber für mich war
das Lied ne Zeit lang eine echte Lebenshilfe. Schon allein wie sie singt Young
girl don’t cry.“ – „Und du hast sicher trotzdem jedes mal geweint.“ Er nahm
sie in den Arm und nach einigen Minuten als sie sich wieder beruhigt hatte fragte
er, „Was wirst du jetzt tun?“ – „Ich will einfach nur nach Hause, auf meine
kleine Insel, wo die Welt noch in Ordnung ist, aber vorher muss ich noch die
Wahrheit erfahren über Joseph Barlow.“ – „Denkst du dein Vater weiß
was?“ – „Glaub ich nicht, sonst hätte er niemals den Garten umgegraben.
Doch er wird eine Vorahnung haben, genau wie ich. Aber wenn ich konkretes erfahren
will muss ich schon Erich fragen.“ – „Falls er es zugibt...“ – „Ja falls, aber
wenn er es nicht tut, kann ich ihm ja damit drohen, das hier...“, sie legte
den Dienstausweis auf den Couchtisch, „...mal bei einem anderen Polizeirevier
vorzulegen und es ist nicht gesagt, dass mein Vater es dann noch vertuschen
kann, je nach dem wie weit seine Kontakte reichen.“
Mark und Isabelle packten zunächst ihre Reisetaschen und dann hieß
es abwarten bis Isas Urgroßeltern von ihrem Tagesausflug zurückkamen,
was bis zum Abend dauerte. Als Isabelle hörte wie die Haustür geöffnet
wurde, sprang sie auf und stürzte die Treppe hinunter, ihr Freund rannte
hinter ihr her, sie wollte die erste sein, die Erich mit der Leiche konfrontierte.
Offenbar war Björn auf die gleiche Idee gekommen wie seine Tochter und
so stießen sie im Flur zusammen. Erich sah die beiden an, „Wieso habt
ihr es denn so eilig?“. „Ich weiß genau du bist Schuld am Tod des Soldaten
im Garten!“, platzte es aus Isabelle heraus. „Was verlangst du?“ – „Ich will
die Wahrheit hören, sonst verrat ich dich.“ – „Bist du dir da wirklich
sicher?“ – „Du jagst mir keine Angst ein. Ja, ich will alles wissen.“ Kurze
Zeit später saßen alle im Wohnzimmer. Anita ergriff zuerst das Wort,
„Du erinnerst dich vielleicht daran, dass deine Oma Franziska noch eine ältere
Schwester hatte, Elsa.“ Isabelle hatte davon gehört, dass Elsa nach dem
Krieg verschwunden war, aber irgendetwas sagte ihr, dass das nicht stimmte.
Sie nahm den Ausweis von der Royal Air Force aus ihrer Tasche und legte das
Foto des Mädchens auf den Tisch. Anita betrachtete es kurz, „Ja, das ist
Elsa. Die war genau so eine Schlampe wie du, ein deutscher Mann war ihr auch
nicht gut genug...“
Elsa drehte sich um, als sie Schritte hinter sich vernahm. „Franzi geh nach
Hause!“ – „Wo willst du hin?“ – „Nur zu Brigitte.“ – „Aber die wohnt doch in
der anderen Richtung!“ Elsa beugte sich zu ihrer kleinen Schwester runter, „Franzi,
du magst die Schokolade die ich dir manchmal mitbringe doch so gerne...“ – „Ja
und ich hab auch niemandem was erzählt, dass du mir welche gegeben hast,
ehrlich!“ – „Das glaub ich dir, aber du darfst auch niemandem sagen wo ich hingehe,
sonst bekomm ich einen Riesenärger und du kannst dann nie wieder Schokolade
essen, wenn Papa mich nicht mehr weglässt.“ – „Ich verspreche es!“ – „Schön!
Und jetzt geh schnell wieder rein bevor Mama dich noch sucht, du musst ja bald
ins Bett.“ Elsa wartete bis Franzi das Gartentor erreicht hatte und ging dann
weiter ihres Weges.
Erich war bei einem seiner Kollegen gewesen und hatte nun etliche Gläser
Selbstgebrannten intus, weshalb er sich verlief als er eine Abkürzung nehmen
wollte. So kam es, dass er gerade noch sah wie seine 16jährige Tochter,
einige Straßen von ihrem Haus entfernt, aus einem Militärfahrzeug
kletterte und diesem zum Abschied winkte. Dieses Flittchen, sie machte die Beine
breit für jemanden, den er als Feind betrachtete, lautete Erichs erster
Gedanke. Doch wenn er Elsa jetzt darauf ansprach war es möglich dass sie
sich sonstwas ausdachte, dass ihr passiert war und dass der Soldat nur so nett
gewesen wäre sie ein Stück mitzunehmen. Außerdem war er eindeutig
in der schwächeren Streitposition, denn Erich roch nach Schnaps und alle
seine Vorwürfe konnte man leicht als Hirngespinste eines Betrunkenen abtun.
Also versteckte er sich hinter einer Mauer, damit sie ihn nicht sah und beschloss
seiner Tochter am nächsten Tag zu folgen um der Sache auf den Grund zu
gehen.
„Tschüß, bis heute Abend, ich geh jetzt zu Brigitte.“ – „Schönen
Gruß!“ rief ihre Mutter aus der Küche. Erich erhob sich aus seinem
Sessel und rannte zum Fenster, seine Tochter lief tatsächlich in diese
Richtung. Er wartete bis sie in die Nebenstraße abgebogen war und verließ
nun ebenfalls das Haus um ihr unauffällig zu folgen. Erich hätte bald
geglaubt sie sagt die Wahrheit, bis sie am Haus ihrer Freundin vorbeiging und
an der nächsten Kreuzung in die andere Richtung zurück lief. Von nun
an schaute sie sich öfters um, für den Fall dass sie jemand beobachtete,
also vergrößerte Erich den Abstand. Ein paar mal hätte sie ihn
fast entdeckt und einige male hätte er sie wiederum aus den Augen verloren,
doch nun befand er sich wieder in der Nähe der Stelle an der er seine Tochter
gestern gesehen hatte. Sie stieg in einen Jeep mit britischer Flagge und gab
dem Fahrer einen Kuss. Erich wollte losrennen und ihr eine saftige Ohrfeige
geben, aber dann wären die beiden davongefahren und dieser Lümmel
hätte sie vielleicht noch auf die Idee gebracht ihn wegen Körperverletzung
anzuzeigen. Also entschied Erich nach Hause zu gehen und dort auf sie zu warten.
„Wo bist du gewesen?“ – „Ich war bei Brigitte, das hab ich doch erzählt.“
Erich schlug Elsa ins Gesicht. „Lüg mich nicht an! Ich habe dich mit einem
von diesen Thomys gesehen! Du hast wohl völlig den Verstand verloren?!“
– „Ich wusste du würdest es nicht verstehen.“ Elsa wandte sich ab und lief
zur Treppe um auf ihr Zimmer zu gehen. Erich folgte ihr. „Du hast Recht, ich
verstehe es nicht, also erklärs mir!“ – „Papa, ich liebe ihn, was spielt
es da für eine Rolle welche Nationalitäten wir haben.“ – „Du verunreinigst
unser Blut, so sieht es aus.“ – „Du glaubst diesen Schwachsinn immer noch. Weißt
du was, du tust mir leid!“ Elsa stieg ein paar Stufen nach oben. „Du wirst ihn
nicht wiedersehen!“ – „Oh doch, denn ich lasse nicht zu, dass diese scheiß
Rassenlehre meine Zukunft zerstört. Siehst du denn nicht was dieser Wahnsinn
unserem Land alles gebracht hat, nichts als Unglück. Wir haben alle nichts
zu essen und die meisten Leute sind noch schlimmer dran als wir, die haben nicht
mal ein Dach über dem Kopf weil ihre Häuser zerbombt wurden. Wach
auf Papa, dein Führer hat uns verlassen!“ – „Du wirst dich sofort dafür
entschuldigen!“ – „Nein, denn ich sage die Wahrheit, das weißt du genau!“
Elsa ging weiter nach oben um die Diskussion zu beenden, doch ihr Vater packte
den Saum ihres Kleides und hielt sie fest, Elsa stolperte und fiel die Treppe
runter. Sie blieb einige Sekunden regungslos auf den Fließen liegen. „Oh
nein, Elsa! Das wollte ich nicht. Geht es dir gut? Hast du dir was gebrochen?“
– „Nein, nichts gebrochen!“ Elsa stand auf und nun bekam sie heftige Bauchkrämpfe.
„Lass mich in Ruhe!“, sie schlug den Arm ihres Vaters beiseite und quälte
sich allein die Treppe nach oben. In ihrem Zimmer ließ sie sich aufs Bett
fallen und fing leise an zu Weinen, denn sie wusste, dass das Baby in ihrem
Bauch soeben gestorben war.
Am nächsten Vormittag gab Elsa vor mit Franzi spazieren zu gehen. Tatsächlich
suchten die beiden jedoch eine Gaststätte auf um zu telefonieren. Elsa
wählte die Nummer für Notfälle und nachdem sie eine Weile gewartet
hatte kam Joseph an den Apparat. Sie erzählte ihm was in der gestrigen
Nacht vorgefallen war, dass ihr Vater Bescheid wusste und dass sie das Kind
verloren hatte. Einige Sekunden Stille, dann weinten beiden. In einem Monat
wollten sie zusammen zurück nach Kent gehen, seine Heimat. Solange konnte
Elsa auf keinen Fall mehr im Hause ihrer Eltern bleiben, für die Zeit bis
dahin würde ihnen schon etwas einfallen. Joseph versprach sie nach Dienstschluss
am Abend abzuholen, direkt bei sich zu Hause und wenn ihr Vater das verhindern
wollte, würde er die Konsequenzen zu spüren bekommen. Er sagte ihr,
dass alles gut werden würde, wenn sie erst mal in Großbritannien
sind und dass er sie liebte, dann legte er auf.
Als Elsa mit einem Koffer in der Hand die Treppe herunter kam, hielt Erich sie
auf. „Was soll denn das werden?“ – „Ich verlasse euch.“ – „Um mit ihm zu leben?
Oh nein, du bleibst schön hier. Ich bin dein Vater und du wirst tun was
ich sage.“ – „Wenn du dich mir in den Weg stellst, werde ich dich denunzieren!“
Elsa wollte gehen, aber ihr Vater hielt sie am Arm fest. „Lass mich los oder
du wirst es bereuen!“ Die Haustür wurde aufgerissen und Joseph stürmte
herein, er zielte mit einer Pistole auf Erich. Dieser ließ seine Tochter
los. Joseph nahm Elsas Hand und so liefen sie gemeinsam durch die lange Eingangshalle.
Fassungslos sah Erich ihnen einen Augenblick nach, doch er besann sich und öffnete
den Schrank neben sich, holte sein Jagdgewehr heraus und schoss dem Liebhaber
seiner Tochter in den Rücken. Joseph fiel zu Boden, geschockt drehte Elsa
sich um und erblickte ihren Vater, dann kniete sie sich neben ihren zitternden
Freund und streichelte wie in Trance sein Gesicht. „Lauf!“, dann schloss er
seine Augen. „Nein, Joseph! Nein, ich brauche dich doch!“, weinte sie. Sie konnte
jetzt nicht weglaufen, sie nahm seine Pistole an sich und richtete sie auf ihren
Vater. Jetzt hieß es sie oder er. Erich drückte ab um seiner Tochter
die Waffe aus der Hand zu schießen, doch es passierte nichts, er hatte
keine Munition mehr. Elsa stand auf und ging ein paar Schritte auf ihn zu. „Na
wie fühlt sich das an, wenn jemand ne Kanone auf dich richtet? Ich bin
eine Frau, die nichts mehr zu verlieren hat, Vater! Gestern hast du mir mein
Kind genommen und heute meine Liebe, alles was mir je etwas bedeutet hat. Und
jetzt werde ich mich dafür rächen. Ich werde dich nicht töten,
nein, ich werde dir weitaus schlimmeres antun. Ich übergebe dich den Briten,
dann wirst du im Morgengrauen auf dem Marktplatz hängen, als abschreckendes
Beispiel für deines Gleichen.“ Ein Schuss ertönte und Elsa sank zu
Boden, aus ihrem Hinterkopf strömte Blut. Erleichtert atmete Erich auf
und sah seine Frau Anita dankbar an. Sie hatte in der Küche alles mitbekommen.
Ihre älteste Tochter war schon immer eine Querulantin gewesen und jetzt
wollte dieses aufsässige Ding auch noch ihren eigenen Vater ausliefern.
Anita bekam Panik, was sollte sie denn ohne Erich tun? Sie hatte doch noch nie
allein gelebt, wer sollte dann für sie sorgen? Sie malte sich die schlimmsten
Dinge aus, dass man sie aus der Villa werfen würde und dass Elsa ihr vielleicht
noch Franzi wegnahm und zusammen mit der kleinen fortging, also holte Anita
den Revolver aus der Schublade und drückte ab. Zusammen vergruben sie die
beiden jungen Menschen im Garten. In der Eile dachten sie nicht daran, Josephs
Identität zu vertuschen, sie hatten sowieso nichts womit sie die Uniform
verbrennen konnten, in diesen Zeiten war alles knapp. Den Militärjeep ließen
sie in einem nahegelegenen See versinken. Am nächsten Tag gingen die besorgten
Eltern zur Polizei und gaben eine Vermisstenanzeige auf, ihre Tochter wäre
gestern Nacht nicht nach Hause gekommen.
„... Einige der Nachbarn hatten mitbekommen, dass Elsas Freund ein Alliierter
war und so entstand die Version, sie wäre mit ihm durchgebrannt.“ Isabelle,
die mit den Tränen kämpfte, erhob sich vom Sofa und verließ
das Wohnzimmer, wie betäubt machte sie sich auf den Weg in ihr Zimmer,
Mark kam hinter ihr her gerannt und nahm sie in den Arm. Björn und Karin
sahen sich einen Moment lang an, dann folgten sie ihrer Tochter. Als sie oben
ankamen, hatte Isabelle den Telefonhörer schon in der Hand. „Bitte tu es
nicht! Die beiden sind alt, sie würden eine Gefängnisstrafe nicht
verkraften.“, versuchte Karin sie abzuhalten. „Das war doch euer Handel, du
wolltest die Wahrheit hören. Ja und die hast du doch auch bekommen!“, erinnerte
Björn Isabelle an die Abmachung. „Da wusste ich aber noch nicht was ich
jetzt weiß. Scheiß auf den Deal, die beiden haben zwei Menschenleben
zerstört, sie haben ihre eigene Tochter umgebracht!“ – „Wir erben die Villa
nur unter der Bedingung, dass wir deine Urgroßeltern bis an ihr Lebensende
pflegen und sollten sie in Haft kommen, werden sie ihr Testament mit Sicherheit
ändern, um mich dafür zu betrafen, dass ich nicht verhindern konnte
was du vorhast.“ – „Und willst du mich jetzt auch erschießen?“ – „Isabelle,
sei nicht albern!“ – „Ach ja, bin ich das? Sieh dich doch nur mal an, wo bist
du bloß hingekommen? Du verkaufst deine Ideale für eine Immobilie?!“
Karin fiel ihrem Mann, der sich gerade verteidigen wollte, ins Wort und sah
Isabelle trotzig an, „Dir und deinem reichen Freund kann es ja egal sein, ihr
habt alles. Aber ich träume schon seit so vielen Jahren davon, dass dieses
Haus eines Tages uns gehört... Wenn du jetzt die Polizei anrufst, bist
du nicht länger unsere Tochter!“ Isabelle legte den Hörer auf, „Das
bin ich auch so nicht mehr.“ Isabelle und Mark schnappten sich ihr Gepäck
um das Zimmer verlassen. An der Tür stellte Björn sich Isabelle in
den Weg, „Du glaubst doch nicht, dass ich dich gehen lasse solange du den Dienstausweiß
des Alliierten noch hast?!“ Mark wollte gerade auf Björn losgehen, doch
Isabelle legte ihre Hand auf seine Schulter und schüttelte den Kopf. Sie
gab Björn was er verlangte und knallte ihm sarkastisch ein „Ich hoffe ihr
werdet glücklich“ entgegen.
Wenige Minuten später saß das junge Paar im Wohnzimmer von Marianne
und Wolfgang und berichtete den beiden und Andrea was sie schreckliches erfahren
hatten und welches Verhalten Isabelles Eltern an den Tag legten. „Sei froh dass
du sie los bist, ehrlich!“ meinte Wolf und drückte Isa an sich. „Was habt
ihr jetzt vor?“, fragte Marianne. „Wir fliegen morgen Mittag nach Hause.“ –
„Heute Nacht schlaft ihr hier, Opa fährt euch morgen zum Flughafen.“ –
„Danke!“ Ein Klingeln ertönte und Marianne sprang auf, „Oh, der Backofen
hat geklingelt.“ – „Na dann lass ihn doch rein!“, scherzte Andrea. „Na los ihr
lieben, kommt alle in die Küche, die Lasagne ist fertig.“ – „Äh Omi,
ihr habt doch gar nicht mit uns gerechnet...“ – „Du kennst doch deine Oma...“,
verdrehte Wolf die Augen, „...die kocht immer für zehn, also wird es trotzdem
reichen.“ Isabelles Blick schweifte nach draußen. „Mein Efeu ist aber
ganz schön gewachsen!“ – „Ja, ich hab ihn auf den Balkon gestellt, da bekommt
er schön viel Licht.“ Als Isa fortging hatte sie ihren Großeltern
den Efeu zur Pflege gegeben. Wolf nannte ihn immer Kleinirland, wegen dem grünen
Topf und weil in Irland der Efeu ja überall sprießt. „Omi hast du
das kleine Tonschäfchen da rein gesetzt? Das ist aber niedlich!“ – „Ja,
ich hatte es gekauft, weil es bei euch doch auch so viele Schafe gibt und weißt
du was dein Opa da geantwortet hat? >Seitdem Isa da ist, gibt es sogar noch
eins mehr!< “ Isabelle lachte, „Was? So eine Unverschämtheit!“ Mark
stupste seine Freundin am Ohr, „Ich finde es hat sogar ein wenig Ähnlichkeit
mit dir.“ – „Das ist gar nicht wahr!“ Er stupste sie erneut. „Ich habe keine
abstehenden Ohren!“ Und noch einmal. „Nein, die habe ich nicht!“
Nachdenklich sah Isabelle aus dem Fenster des Flugzeuges. „Was spielt sich gerade in deinem hübschen Kopf ab?“ – „Ich frage mich ob die kleine Franzi wirklich geglaubt hat, dass ihre große Schwester sie einfach allein lässt und sich dann nie wieder meldet.“ – „Na ja sie war erst vier und in dem Alter kommen einem noch nicht solche Gedanken, dass ihr vielleicht etwas passiert ist.“ – „Ist wahrscheinlich auch besser so. Menschen, von denen wir nicht wissen, dass sie tot sind, leben in unserer Fantasie weiter und bestehen die tollsten Abenteuer.“ – „Willst du die Nazis einfach so davon kommen lassen? Willst du sie denn nicht anzeigen, um dir Genugtuung gegenüber deinen Eltern zu verschaffen?“ – „Es zählt nicht was du weißt, sondern was du beweisen kannst und ich habe keine Beweise. Mein Vater und seine Kollegen haben sicher längst alle Spuren beseitigt. Meine Genugtuung ist die Tatsache, dass sie eines Tages ganz allein in ihrem großen kalten Haus aufwachen werden und dann wird ihnen klar, dass sie ihre Tochter gegen ein Statussymbol eingetauscht haben, doch dann ist es zu spät. Und ich bin sicher, der Tag wird kommen. In Zukunft ist es mir egal, was sie tun, du bist jetzt meine Familie!“
* Wipe those tears away from your eyes *
Just take my hand you don´t have to cry
It´ll be alright
Baby I´ll make it alright
Don´t let the world get you down
Reach for the love that´s all around
It´ll be alright baby we´ll make it alright
I´ll pick you up when you´re feeling down
I´ll put you´re feet back on solid ground
I´ll pick you up and I´ll make you strong
I´ll make you feel like you still belong
Cause It´s alright, yeah It´s alright, let me make it alright, make
it alright
Stay with me tonight, stay with me tonight
Sometimes the words, well they´re just not enough
Afraid of feelings and in need of love
To make it alright, baby, I´ll make it alright
Where will you run to and where will you hide
* I know the pain comes from deep down inside... *
Ende