3.Oktober 2005, Dublin

Seufzend blickte Ruby auf ihre versilberte Armbanduhr.
Sie sollte sich beeilen, wenn sie nicht zu spät zu ihrem Dienst erscheinen wollte.
Langsam öffnete sie den dunkelblauen Spind, langte nach ihrer weißen Baumwollstrickjacke und zog sie sich über ihren schmächtigen Oberkörper, bevor sie aus ihrer Jeans stieg, sie sorgfältig zusammenlegte und ihre langen, dünnen Beine mit einer elfenbeinfarbigen Hose bedeckte.
Ruby betrachtete sich in ihrem kleinen Handspiegel, strich sich ihr dunkelbraunes, kurzes Haar aus der Stirn und schloss die Spindtür, um sich umzudrehen und die schmale helle Holztür anzusteuern. Sie musste sich dienstbereit bei Oberschwester Margaret melden und sich anschließend bereits um die ersten Patienten kümmern.

Prinzipiell liebte Ruby ihren Job als Krankenschwester, doch manchmal verfluchte sie selbigen auch, befand ihn sowohl körperlich als auch seelisch als viel zu anstrengend.
Sie drückte die Türklinke nach unten und trat auf den reinen, desinfizierten Krankenhausflur. Früher hatte sie diese Institution stets geängstigt, doch jetzt, wo sie hier arbeitete und beinahe jeden Tag in eben diesem Gebäude verbrachte, hatte sie sich daran gewöhnt, gelernt, mit den Bedingungen umzugehen.

„Guten Tag, Ruby“, grüßte Wanda, eine Kollegin, im vorbeigehen und lächelte, als Ruby ihren Gruß kopfnickend erwiderte und ihre feingliedrigen Hände in den Taschen ihrer Jacke vergrub. Sie erblickte zahlreiche bekannte Gesichter, sah unzählige Patienten, die sie selber schon einmal in irgendeiner Weise verarztet und betreut hatte. Es bereitete ihr immer wieder aufs neue Wohl tun, Menschen zu helfen, zu sehen, dass sie eine gute Tat vollbracht hatte.
Ruby bog mit einer ausladenden Bewegung in den kleinen Aufenthaltsraum der Krankenschwestern und Pfleger und lief zielstrebig auf Oberschwester Margaret zu, die augenblicklich aufsah und ihre Stirn in tiefe Falten legte.
„Ruby? Hatten Sie nicht eigentlich Frühschicht?“ Sie legte einen Ordner voller Akten beiseite und erhob sich, um sich Ruby gegenüber zu postieren und ihre Arme in die korpulenten Hüften zu stemmen.
„Nein, Sie haben mich doch kurzfristig für die Spätschicht eingeteilt. Wissen Sie nicht mehr? Gestern, kurz bevor ich gegangen bin“, erklärte Ruby geduldig, darauf bedacht, möglichst höfflich zu klingen. Sie kannte die Eigenarten der Oberschwester und wusste nur allzu gut, wie sie diese Frau zu handhaben hatte.
„Ach ja, richtig“, nickte Margaret plötzlich und legte Ruby eine Hand auf die Schulter. „Dann würde ich vorschlagen, dass Sie schleunigst an die Arbeit gehen, Kindchen. Notfall in der Unfallchirurgie. Doktor Thompson ist derzeitig noch im OP, also tun Sie mir den Gefallen und kümmern Sie sich vorläufig um den Patienten. Es handelt sich um einen jungen Mann mit Platzwunden und Schnittverletzungen. Vermutlich ein Autounfall.“ Die Oberschwester presste ihre auffallend roten Lippen aufeinander und drehte sich von Ruby weg, die alle Ausführungen wortlos zur Kenntnis genommen hatte. Die Unfallchirurgie. Davor graute es ihr immer am meisten. Sie wurde schon oftmals mit hoffnungslosen Fällen konfrontiert, denen sie dennoch so gut es ging zu helfen versuchte. Meist jedoch waren diese Versuche sinnlos gewesen. Ruby schüttelte kaum merklich ihren Kopf und verbannte diese Gedankengänge eilig aus selbigem, ehe sie den Aufenthaltsraum wieder verließ und auf den Aufzug zusteuerte. Sie betätigte den Knopf und atmete erleichtert auf, als die metallenen Türen sofort auf gingen und sie ungehindert hinein treten konnte.
Dieser Tag würde wieder einmal kräftezerrend werden, dass wusste Ruby schon zum jetzigen Zeitpunkt. Sie lehnte sich an die verglasten Wände und wartete, bis sich die Aufzugstüren unter einem klingelartigen Geräusch öffneten, damit sie hinaus und auf den fast menschenleeren Gang treten konnte. Ruby musste einen Moment lang überlegen, wo genau sie hinmusste, fand aber glücklicherweise recht schnell ihre Orientierung wieder und lief eiligen Schritts bis zum Ende des Ganges, um kurz darauf eine Tür sanft aufzustoßen und einen sterilen Raum zu betreten.

Es dauerte eine Weile, bis sie den Patienten entdeckte. Er lag auf einer Liege an der linken Wand und hatte die Augen geschlossen, während ein anderer Mann neben ihm saß und seine Hand hielt.
„Guten Tag“, sagte Ruby freundlich und reichte dem unverletzten der beiden Männer die Hand.
„Tag. Gut, dass Sie da sind, Miss. Sind Sie Ärztin?“
„Nein, Sir. Ich bin lediglich Krankenschwester. Der Arzt, der Ihren Freund behandeln wird, ist momentan noch in einer Operation, wird aber in wenigen Minuten zu uns stoßen. Ich werde die Erstversorgung übernehmen, okay?“, gab Ruby zur Auskunft und hoffte inständig, ihre plötzliche Unsicherheit einigermaßen gut überspielt zu haben. Mittlerweile war sie zwar durchaus routiniert was diesen Job anging und dennoch schmerzte ihr Magen jedes mal ungeahnt stark, wenn sie Unfallopfern und anderen verletzten ausdrücklich gegenüber stand. Zwar sah der Mann auf der Liege nicht allzu gefährdet aus, benötigte aber trotzdem ihre Hilfe, die sie nur zu bereitwillig übermitteln wollte.
„Was genau fehlt ihm?“, wollte sie wissen, den Blick zwischen den beiden blonden Männern hin und her schweifend. Ihre Gesichter kamen ihr aus irgendeinem unerfindlichen Grund bekannt vor, doch sie hatte jetzt nicht die notwendige Zeit, um sich damit auseinander zu setzen.
„Ich kann Ihnen nicht genau sagen, was ihm fehlt, aber er hat vorhin über schreckliche Schmerzen im Arm geklagt. Außerdem hat er eine Platzwunde über der linken Augenbraue.“
„Hatte er einen Unfall?“
„Ja, einen Auffahrunfall“, nickte der unverletzte, noch namenlose Mann.
„Gut, ich werde seine Platzwunde säubern und danach seine Vitalwerte überprüfen, bis der Doktor kommt. Mister...wie ist Ihr Name?“
„Byrne, Ma’am.“
„Okay, Mister Byrne. Möchten Sie hier bleiben und Ihrem Freund die Treue halten oder ziehen Sie es vor, sich einen heißen Kaffee in der Cafeteria zu genehmigen?” Sie sah Mister Byrne eindringlich an und schmunzelte leicht, als er sich durch das hellblonde Haar fuhr und seine Stirn kräuselte.
„Ich würde gerne hier bleiben, wenn Sie nichts dagegen haben“, antwortete er mit einem Seitenblick auf den anderen Mann.
„In Ordnung. Ist Mister...“
„Mister Egan. Er heißt Kian Egan.“
„Ist Mister Egan ansprechbar?“ Ruby beugte sich demonstrativ über den Mann namens Kian und betrachtete eingängig seine Gesichtszüge. Er schien nicht bewusstlos zu sein.
„Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Kurz bevor Sie gekommen sind, habe ich jedenfalls noch mit ihm geredet.“ Ruby verzog ihre Mundwinkel und nickte, bevor sie ihre Hände auf Kians glühenden Wangen platzierte und sanften Druck darauf ausübte.

„Hallo. Kian, hören Sie mich? Kian!?!“ Sie spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte, als er elegisch seine Augen öffnete und direkt in die ihrigen sah. Gott, er war also bei Sinnen.
„Kian, passen Sie auf. Ihr Freund sitzt hier neben mir, okay? Er hat Sie ins Krankenhaus gebracht und ich werde mich nun um Sie kümmern. Zuerst werde ich diese unansehnliche Platzwunde reinigen und anschließend ihren Puls und ihren Blutdruck kontrollieren. Doktor Thompson wird Sie nachfolgend intensiv untersuchen, verstanden? Bleiben Sie einfach ruhig liegen und denken Sie an etwas schönes.“ Ruby redete absichtlich langsam und verständlich, damit Kian ihr in seinem Zustand folgen konnte.
Als er nickte, ließ sie ihn kurzzeitig mit Mister Byrne allein im Raum, um im Nebenzimmer etwas Watte und Desinfektionsmittel zu holen.
Sie wusste, dass dieser Fall nicht sonderlich dramatisch war und dankte Gott im Stillen dafür, nicht gleich zu Beginn ihrer Schicht einen förmlich hoffnungslosen Fall übernehmen zu müssen.

Als sie zurück in das Behandlungszimmer kam, war Doktor Thompson endlich anwesend und unterhielt sich scheinbar gerade mit seinem Patienten.
„Ruby, schön das Sie sich sofort darum gekümmert haben. Wie mir Mister Egan eben geschildert hat, haben Sie ihm gerade genau erklärt, was Sie mit ihm vorhaben. Das lobe ich mir. Also säubern Sie seine Platzwunde, damit ich sie nähen kann. Danach sind Sie aus diesem Raum entlassen.“ Er zwinkerte ihr gutmütig zu und beobachtete ihr Tun und Handeln aufmerksam. Ruby war zwar noch eine sehr junge, dafür aber auch eine sehr gute Krankenschwester.
Genau das wusste auch Adrien Thompson.

*

Eilig trat Cat aus dem klammen Hausflur ihres Wohnhauses, hinaus an die frische Dubliner Frühabendluft. Sie hatte einen kurzfristigen Termin – einen Termin, den sie unter allen Umständen einhalten musste. Es ging um ihr Praxissemester; um das Semester, das ihr erst ermöglichte, ihr bisheriges Modedesignstudium erfolgreich abzuschließen.
Und wo sollte sie dieses Semester absolvieren?
Bei Louis Walsh, dem vermutlich einflussreichsten Musikmanager ganz Irlands.
Cat hatte lange überlegt, ob sie sich bei ihm bewerben sollte, schließlich wusste sie nicht recht, wo genau sie eingesetzt werden sollte, doch jetzt, nur anderthalb Wochen nach einreichen ihrer Bewerbung hatte sie eine Zusage im Briefkasten vorgefunden. Eine Zusage, die sie in einen beinahe überdimensionalen Freudentaumel versetzt hatte. Sie zog ihre Kordjacke enger um ihren Körper und richtete sich das Haar, bevor sie schlendernd zur nächsten Bushaltestelle lief und sich dort gegen das verglaste Wartehäuschen lehnte. Cat hasste es, wann immer sie in die Stadtmitte wollte, mit dem Bus fahren zu müssen, doch aufgrund eines mangelnden Führerscheines blieb ihr leider Gottes keine andere Wahl.

Hätte sie doch nur auf ihre Mutter gehört. Die wollte nämlich, dass Cat mit erst 17 Jahren bereits erste Fahr- und Theoriestunden nahm, doch Cat hatte sich stets vehement geweigert. Erstens, aus reiner Bequemlichkeit und zweitens, aus der Angst zu versagen.
Cat glaubte nicht, dass sie tatsächlich in der Lage dazu war, ein Auto problemlos zu steuern, also hatte sie aus Trotz diesen Versuch nie unternommen und war stattdessen auf S-Bahnen und Busse umgestiegen.

Sie seufzte und sah auf, als der alte Bus unmittelbar vor ihr zum stehen kam und mit quietschenden Geräuschen seine Türen für die Reisenden öffnete. Cat löste ihre Wochenkarte, ging durch den schmalen Gang und ließ sich erschöpft auf einen Sitz fallen, den Kopf an die kühle Fensterscheibe gelehnt.
Es war entschieden zu spät, um noch durch halb Dublin zu fahren, doch Cat hatte keine andere Wahl, wenn sie auf den Praktikumsplatz nicht verzichten wollte. Für gewöhnlich saß sie zur dieser Zeit auf der Couch, aß Haselnussschokolade und schaltete sich durch das aktuelle Fernsehprogramm. Nicht so an diesem Abend. Sie wurde erwartet. Von jemand wichtigem.
Louis Walsh, nicht zu glauben, dass sie ausgerechnet dort und bei ihm die Chance auf eine Zukunft bekam. Die Chance auf die Vollendung ihres Studiums. Zwar konnte sie sich noch nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie genau dort ihre schneiderischen Talente gefördert und ausgebaut werden sollten, doch dieser Mann würde sicherlich wissen, was er tat und nicht grundlos irgendwelche Leute einstellen, die er letztlich auch noch bezahlen musste.
„Darf ich?“, holte eine junge Frau sie abrupt in die Gegenwart zurück.
Cat sah auf, nickte und machte bereitwillig Platz, ehe sie erneut aus dem Fenster blickte und die förmlich vorbei rasende Landschaft melancholisch beäugte.
Sie liebte Irland. Ihr Irland. Cat war in Donegal geboren, mit gerade erst vier Jahren nach Cork umgezogen, bevor sie mit zehn Jahren nach Dublin kam. Nun, wahrscheinlich kannte sie dieses Land besser, als manch anderer Einheimnische und fühlte sich vielleicht gerade deshalb besonders verbunden mit der ‚Grünen Insel’.

Gut zehn Minuten später, stieg Cat stöhnend aus dem Bus und blickte an dem hohen Bürogebäude, dass sich unmittelbar vor ihr erstreckte, hoch. Durchaus imposant und pompös, doch keinesfalls einschüchternd.
Cat setzte ein Lächeln auf und besah sich noch einmal ihr Outfit, bevor sie die wenigen Treppenstufen erklomm und die verglaste Eingangstür mit beiden Händen aufstieß.
Sie nickte anerkennend, als sie in die helle Eingangshalle trat und sich suchend umblickte.
Wo verdammt waren die Aufzüge? Und wo zum Teufel musste sie hin?
Ein erleichternder Atemzug entwich ihren etwas blassen Lippen, als sie die Empfangsdame links neben sich erblickte und auf selbige zuging. Diese Frau konnte ihr sicher behilflich sein.
„Entschuldigen Sie“, räusperte sich Cat geräuschvoll und erschrak, als sich die ältere Frau zu ihr herumdrehte und ihre Brille genervt nach oben schob.
„Ja?“, fragte sie in einem überaus unhöflichen Ton, scheinbar fürchterlich gelangweilt von ihrer Arbeit.
„Ich habe einen Termin bei Mister Louis Walsh, weiß aber leider Gottes nicht, wo sich sein Büro befindet. Könnten Sie mir weiter helfen?“ Cat sprach ruhig und langsam und hoffte inständig, dass sich diese Frau kooperativ zeigen und ihr das Stockwerk von Mister Walshs Büro durchgeben würde.
„Ihr Name?“
„Catherine O’Connor.“
Die Empfangsdame nickte, tippte einige Daten in ihren Computer und wendete sich nur Sekunden später wieder an Cat, die aufgeregt von einem Fuß auf den anderen trat.
„Sie sind unsere neue Praktikantin, nicht?“, stellte die namenslose Frau fest und kräuselte ihre Stirn, während sie Cat argwöhnisch musterte.
„So in etwa. Ich werde hier mein Praxissemester absolvieren“, stellte Cat richtig und warf einen flüchtigen Blick auf die kreisrunde Uhr, die an der gegenüberliegenden weißen Wand angebracht worden war.
„Gut. Mister Walshs Büro befindet sich im siebten Stock. Sie können es prinzipiell überhaupt nicht verfehlen. Aber beeilen Sie sich besser, denn Mister Walsh verabscheut Unpünktlichkeit.“ Mit diesen Worten richtete die Empfangsdame ihre Aufmerksamkeit erneut auf den Bildschirm ihres Computers und machte sich nicht einmal mehr ansatzweise die Mühe, Cat in irgendeiner Weise zu beachten.
Cat schnaubte verächtlich auf und steckte der unhöflichen Frau hastig die Zunge aus, ehe sie auf dem Absatz kehrt machte und auf die Tür zum Treppenhaus zustürmte. Obwohl sie mit dem Aufzug vermutlich schneller gewesen wäre, mied sie diesen trotzdem kategorisch und hastete stattdessen die zahlreichen Stufen nach oben, bis sie schließlich atemlos auf der angesteuerten Etage ankam.

Cat stützte ihre Hände auf ihren Knien ab und keuchte unentwegt auf.
Gott, ihre Kondition ließ wirklich zu wünschen übrig.
Nachdem sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, sah sie sich auf dem beinahe menschenleeren Gang um und erblickte unmittelbar neben sich die Bürotür von Louis Walsh. Sie war da.
Cat fuhr sich mit fahrigen Bewegungen durch das Haar, schloss kurzzeitig die Augen und öffnete sie wieder, um an die Tür zu klopfen und auf eine Reaktion zu warten.
Es dauerte einen Moment, bis sie die Stimme einer Frau vernahm und freundlich hinein gebeten wurde. Augenblicklich haftete ein Augenpaar auf Cats Körper und versetzte sie zumindest einen kurzen Augenblick lang in so etwas wie Nervosität. Sie verabscheute es, angestarrt zu werden.

„Guten Tag. Mein Name ist Catherine O’Connor und ich habe einen Termin bei Mister Walsh zwecks meines Praxissemesters bezüglich des Modedesignstudiums“, erklärte sie kurz und bündig, die Sekretärin unentwegt ansehend.
„Oh ja, richtig. Gehen Sie ruhig in das Büro, Ma’am. Mister Walsh wartet bereits auf sie“, entgegnete die Sekretärin und wies mit einem Fingerzeig auf die geschlossene Tür, die in einen angrenzenden Raum führte. Cat biss sich nervös auf die Unterlippe und überlegte, wie sie die Worte der Sekretärin aufzufassen hatte.
Mister Walsh wartete bereits auf sie. War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?
War sie vielleicht sogar schon viel zu spät dran? Himmel, Cat konnte vieles in diese Worte hinein interpretieren, beschloss jedoch, sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen und ging wie befohlen auf die geschlossene Tür zu. Cat ballte ihre kleine Hand zu einer Faust und klopfte zwei mal gegen die Holztür, bevor sie die Türklinke nach unten drückte und in das fast übertrieben helle Zimmer trat.
Wuchtige Möbel, unzählige goldene Schallplatten und ein Kiefernholzschreibtisch stahlen sich sofort in ihr Blickfeld, erweckten eine Art Begeisterung und Enthusiasmus bei ihr.
Hier würde sie also ein halbes Jahr lang tätig sein, arbeiten. Eine Vorstellung, die Cat zusagte. Außerordentlich stark zusagte, schließlich konnte nicht jeder von sich behaupten, einmal mit einem Mann wie Louis Walsh zusammengearbeitet zu haben.
Cat fuhr erschrocken zusammen, als sie gedämpfte Schritte hinter sich vernahm. Herrgott, sie hatte die Anwesenheit von Louis Walsh doch glatt vergessen.
Vorsichtig drehte sie sich herum und erblickte den älteren Mann, der sich mit verschränkten Armen ihr gegenüber aufgebaut hatte und unwillkürlich seine gehobene Stellung signalisierte.
Cat versuchte ein Lächeln, schaffte es aber kaum, da Louis Walsh nicht einmal im Ansatz seine Miene verzog. Entweder war er nicht fähig zu irgendeiner Gefühlsregung oder er fühlte sich von Cats Verhalten gestört – weshalb auch immer.

Übereifrig reichte Cat ihm ihre Hand und schüttelte sie heftig, als er sie ergriff.
„Guten Tag, Mister Walsh. Ich bin Catherine O’Connor und Ihre Sekretärin meinte, Sie warten bereits auf mich. Hoffentlich bin ich nicht zu spät und falls doch, dann entschuldige ich mich hiermit dafür. Ich bin leider auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen und es liegt nicht in meiner Macht, den Dubliner Straßenverkehr zu kontrollieren. Natürlich weiß ich, dass das eine sehr schlechte Ausrede ist, weil ich ja immerhin einen früheren Bus hätte nehmen können, doch ich habe verschlafen und nur mit Müh und Not den letzten Bus geschafft. Aber egal – hier bin.“ Cat redete ohne großartig nachzudenken und führte peinlich berührt eine Hand hinauf zu ihrem Mund, als ihr bewusst wurde, was sie gerade eben eigentlich von sich gegeben hatte. Wunderbar.
Louis Walsh jedoch lachte gellend auf und klopfte Cat anerkennend auf die Schulter, scheinbar überaus amüsiert über ihre kleine Rede.
„Nun, Sie sind wenigstens nicht auf den Mund gefallen, Catherine. Setzen Sie sich doch, damit wir alle weiteren Formalitäten besprechen können.“ Er zeigte auf den Lederstuhl vor seinem Schreibtisch und wartete, bis sich Cat gesetzt hatte, bevor er ebenfalls Platz nahm und das Erscheinungsbild der jungen Frau ausführlich beäugte.
Mittelblonde schulterlange Locken. Auffallend rote Strähnen und durchdringend graue Augen. Hübsch, aber sicherlich keine klassische Schönheit.
„Möchten Sie etwas trinken, Catherine? Kaffee, Wasser?“
„Nein, danke“, verneinte sie kopfschüttelnd seine Frage und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück.
„Dann eben nicht. Lassen Sie uns zu den geschäftlichen Dingen übergehen, einverstanden?“
Cat nickte dankbar.
„Das wäre mir lieb, weil ich zum Abendessen bei meiner Mutter eingeladen bin“, antwortete sie und bereute nur kurz darauf erneut ihre Redegewandtheit. Cat spürte, wie sie langsam errötete, als Louis Walsh ein weiteres mal belustigt auflachte und ihre Bewerbungsmappe studierte.
„Nachdenken scheint nicht zu Ihren Stärken zu gehören, was? Sagen Sie immer das, was Ihnen gerade einfällt?“, grinste er fragend und langte nach einem Füller, der neben der Bewerbungsmappe lag.
„Manchmal schon. Ich hab schon als kleines Kind sehr viel gesprochen und war stets kontaktfreudig. Als ich noch in Cork wohnte, hatte ich unzählige Freunde“, erläuterte ehrlich und verschränkte ihre Finger unruhig ineinander.
„Catherine, Sie gefallen mir. Eine selbstbewusste, starke und humorvolle Persönlichkeit. Passen Sie auf. Sie benötigen dieses Praxissemester, um Ihr Modedesignstudium abzuschließen, richtig?“, fragte er, den Blick zwischen zahlreichen Zetteln und Cat hin und her schweifend.
„Ganz genau“, erwiderte sie selbstsicher und lehnte sich ein wenig nach vorne.
„Aber um ehrlich zu sein, kann ich mir nicht wirklich erklären, wie das hier möglich sein soll. Würde ich Journalistik oder irgendwas in Richtung Bürokommunikation studieren, wäre das ja offensichtlich, aber so.“ Sie zuckte unbeteiligt mit den Schultern. Louis Walsh, der ihren Worten aufmerksam gelauscht hatte, legte seinen Kopf schief, während er sich die Schläfen rieb.

Seufzend öffnete er eine Schublade und beförderte eine Mappe zutage, aus der er ein einzelnes Blatt nahm und es unschlüssig in seinen Händen drehte.
„Catherine, Sie sind ein schwieriger Fall“, lachte er kopfschüttelnd. „Aber ich denke, es besteht Hoffnung, oder? Also, wenn Sie immer noch daran interessiert sind, Ihr Praktikum bzw. Praxissemester hier bei uns zu absolvieren, würde ich mir jetzt die Mühe machen und Ihnen Ihre Aufgabengebiete näher erläutern.“

Cat verzog schuldbewusst ihre Mundwinkel und schlug ihre Beine übereinander. Sie hatte das Gefühl, irgendetwas falsches gesagt zu haben, doch dieser Louis Walsh schien nicht sonderlich nachtragend zu sein und war augenscheinlich noch an einer Zusammenarbeit mit ihr interessiert. Gott sei dank, sonst hätte sie vermutlich arge Probleme bekommen, schließlich musste sie die regelmäßige Miete ihrer Wohnung bezahlen. Andernfalls würde sie bald auf der Straße stehen.
„Natürlich bin ich noch daran interessiert“, sagte sie schnell.
„Das freut mich zu hören. Hören Sie mir gut zu, Catherine. Sie sind angehende Modedesignerin, richtig? Das bedeutet, dass Sie durchaus in der Lage sind, Outfits und andere Kleidungen zu entwerfen und zu schneidern?!“
„Richtig“, nickte Cat, immer noch nicht wissend, worauf er hinaus wollte.
„Gut. Dann werden Sie ab dem 6. Oktober, also am Donnerstag, anfangen. In drei Tagen. Sie werden zusammen mit unserem Stylisten William Baker Bühnenoutfits für Westlife samt Tänzerinnen entwerfen. Machen Sie erste Entwürfe, setzen Sie sich mit dieser Thematik auseinander und arrangieren Sie sich bitte mit William. Er ist, was Outfits angeht, etwas eigen, aber prinzipiell ganz umgänglich. Jedenfalls werden Sie hauptsächlich mit ihm zusammenarbeiten, ihn unterstützen und eigene Ideen und Vorschläge in die letztlichen Entscheidungen einfließen lassen. Ab dem 24. Oktober gehen Sie mit den Jungs auf Promotion, arbeiten im Hintergrund und sorgen für die Einkleidung. William wird Ihnen Ihre Aufgaben sicherlich noch näher erläutern, aber ich hoffe, Ihnen jetzt wenigstens ein wenig die Augen geöffnet zu haben. Sie werden demnach nicht wirklich hier im Büro tätig sein, sondern im Nachbargebäude bei ‚Bakermoods’. Trotzdem kommen Sie bitte am Donnerstag zuerst zu mir. Ich werde Sie mit den Jungs von Westlife und mit William Baker selbst bekannt machen. Danach wird er Sie sicherlich in die Arbeit einführen.“ Louis Walsh nahm einen tiefen Atemzug, nachdem er mit seinen Ausführungen geendet hatte und sah Cat erwartungsvoll an.
Cat hatte Mühe, all die Worte aufzufassen und abzuspeichern, verstand allerdings recht schnell den Sinngehalt seiner Sätze und presste die Lippen aufeinander.
„Westlife? Ich werde mit Westlife zusammenarbeiten? Ähm, entschuldigen Sie Mister Walsh, aber ich kann mit dem Namen nichts anfangen“, gab sie peinlich berührt zu und verzog ihre Mundwinkel.
„Bitte? Sie kennen Westlife nicht?“ Er schien ehrlich überrascht über ihre Aussage und fixierte Cat mit seinen Augen scheinbar sekundenlang.
„Nein, nicht wirklich. Ist das schlimm?“
„Na ja, schlimm würde ich vielleicht nicht sagen, aber möglicherweise ein wenig unvorteilhaft, schließlich werden sie fast ein halbes Jahr lang so etwas wie Ihre Vorgesetzten sein. Sind Sie Irin?“
„Und wie ich das bin. Mit Herz und Blut“, antwortete sie stolz und freundesstrahlend. Doch warum wollte er das wissen? War es denn nicht offensichtlich, dass sie in Irland geboren war?
In ihrem Irland?
„Wissen Sie, Catherine. Normalerweise kennt jeder in Irland geborene Mensch Westlife. Sie sind unsere vorzeige Jungs und weltweit bekannt. Ein typische Boyband und trotzdem irgendwie anders. Aber machen Sie sich keine Gedanken – spätestens am Donnerstag lernen Sie die Jungs kennen.“ Er lächelte und reichte ihr das Blatt Papier, dass er die ganze Zeit lang in der Hand gehalten hatte, stets ihre Gesichtszüge beobachtend.

Cat nahm das Blatt entgegen und überflog es hastig. Es war ihr Vertrag. Ihr Arbeitsvertrag über genau sechs Monate. Und sie musste nur noch unterschreiben.
Mit einem unbeschreibbaren Gefühl der Erleichterung griff sie nach dem Füller, den Louis ihr ebenfalls hinhielt und setzte in sorgsam geschwungenen Buchstaben ihre Unterschrift unter den in schwarzen Lettern geschrieben Text.
„Auf eine gute Zusammenarbeit, Miss Catherine O’Connor.“
„Auf eine gute Zusammenarbeit, Mister Louis Walsh.“

*

Ruby sah seufzend auf ihre Armbanduhr und betrat zum zweiten mal am heutigen Tag die Station der Unfallchirurgie. Nach dem halbwegs unspektakulären Fall vor etwa einer halben Stunde, musste sie sich gemeinsam mit Doktor Connery nun dem Schicksal eines jungen Mädchens annehmen.
Schon jetzt klopfte ihr Herz fürchterlich stark, wenn sie nur an die nächsten Minuten dachte, an die Minuten, in denen über Leben und Tod entschieden werden würde.
Ruby fuhr sich durch das dunkelbraune Haar und lief den Gang entlang, hielt jedoch inne, als die Tür am Ende des Flures geöffnet wurde und der junge Mann, dessen Platzwunde sie nur wenige Minuten zuvor desinfiziert hatte, aus dem Zimmer trat. Er hielt sich den Kopf, während er von dem blonden Mann neben sich, Mister Byrne, etwas gestützt wurde.
Ruby wollte lediglich nicken und an ihnen vorbei gehen, blieb jedoch stehen, als der junge Mann inne hielt und ihr freundlich zulächelte. Prinzipiell wirkte er schon wieder sehr gesund, doch Ruby wusste aus eigener Erfahrung, dass dieses Bild oftmals trübte.

„Hallo“, sagte sie schlicht, sein Lächeln erwidernd. Sie konnte nicht anders, als ihn zu mustern, als festzustellen, dass er die vermutlich schönsten blauen Augen besaß, die sie jemals gesehen hatte.
„Hi. Sie sind die Krankenschwester, die mich behandelt hat, richtig?“ Es war mehr eine Feststellung als eine wirkliche Frage, doch Ruby machte sich trotzdem die Mühe, ihm zu antworten.
„Richtig. Wieder alles okay mit Ihnen?“
„Ja, danke. Der Doktor hat gute Arbeit geleistet. Die Wunde ist genäht und wird mich wohl in naher Zukunft nicht sonderlich verstümmeln. Zumindest hat das Doktor Thompson gesagt“, lachte der Mann namens Kian und legte seinen Kopf schief.
„Wäre auch sehr unvorteilhaft, Egan“, warf Mister Byrne ein und klopfte seinem Freund leicht auf die Schulter.
„Was willst du damit sagen, Byrne?“
„Nichts besonderes. Außer, dass du bei den Frauen dann nur noch halb so beliebt wärst wie jetzt“, schmunzelte er und lief mit einer Handbewegung bereits auf das Treppenhaus zu, während Kian bei Ruby stehen blieb und die Hände in den Taschen seiner Jeans vergrub.
„Müssen Sie noch lange arbeiten?“
„Ja, noch ziemlich lange“, nickte Ruby. „Um genau zu sein noch bis um 22.00 Uhr. Spätschicht. Sie waren heute mein erster Patient“, gab sie zur Auskunft und fuhr kaum merklich zusammen, als ihr das Mädchen einfiel, dass augenblicklich ihre Hilfe benötigte.
„Oh, das hört sich nicht sonderlich toll an.“
„Es ist nun mal mein Job und ich liebe ihn. Entschuldigen Sie jetzt bitte, Mister Egan, aber eine junge Unfallpatientin wartet auf mich. Und Doktor Connery wohl auch“, entgegnete sie entschuldigend und entfernte sich bereits einige Schritte von ihm, als er sie noch einmal zurück hielt.
„Danke für Ihre schnelle Hilfe, Miss. Und weiterhin gutes gelingen.“
Sie lächelte.
„Das kann ich gebrauchen. Gute Besserung und sein Sie im Straßenverkehr demnächst ein bisschen wachsamer“, antwortete Ruby und eilte davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Kian hingegen blickte ihr noch solange nach, bis sie hinter einer Tür verschwand und endgültig aus seinem Blickfeld entrückte.
Er befand sie als nett und höflich und war froh, von solch einer qualifizierten Kraft behandelt worden zu sein. Kopfschüttelnd konzentrierte er sich wieder auf die wesentlichen Dinge, lief zum Aufzug und stieg hinein, als die Türen sich großzügig öffneten.
Nicky wartete vermutlich längst unten am Wagen und so beeilte sich Kian, das Krankenhaus zu verlassen und nach Nickys rotem Ferrari Ausschau zu halten.

Nicky winkte Kian bereits wild gestikulierend zu sich und ließ sich abrupt hinter das Steuer fallen, als Kian langsam um den Wagen herum ging, die Beifahrertür öffnete und sich neben ihn auf den Beifahrersitz setzte.
„Hast du noch lange mit der Krankenschwester geflirtet?“, wollte Nicky beiläufig wissen, den Zündschlüssel währenddessen drehend. Kian sah kurz zu ihm herüber und rollte mit den Augen.
„Nur weil ich mich mit einer Frau unterhalte, heißt das noch lange nicht, dass ich mit ihr flirte“, wehrte er eilig ab und betätigte den Sicherheitsgurt, als Nicky den Motor startete und den Wagen geschickt aus der Parklücke und in den mörderischen Abendverkehr hinein lenkte.
„Aber du kannst nicht abstreiten, dass du ihr schöne Augen gemacht hast, oder?“
„Nicky, kannst du bitte damit aufhören? Ich habe mich lediglich bei ihr bedankt. Mehr nicht.“ Kian bettete seinen nach wie vor schmerzenden Kopf in den weichen Polstern des Sitzes und versuchte tunlichst zur Ruhe zu kommen. Auf Diskussionen mit Nicky konnte er genau aus diesem Grund bestens verzichten.
„Bedankt, ah ja. Aber du musst zugeben, dass sie sehr nett war.“ Nicky sah aus den Augenwinkeln zu Kian, der einen langen Atemzug ausstieß und sich durch das Haar fuhr.
„Ja, sie war nett, aber ganz bestimmt nicht mein Typ. Außerdem hast du Jodi vergessen.“ Bei dem Gedanken an Jodi zog sich Kians Magen unweigerlich zusammen. Sie waren nunmehr acht Wochen getrennt, hatten sich seitdem nicht ein einziges mal gesehen und ihr ehemaliges gemeinsames Leben versucht weit hinter sich zu lassen. Ob Jodi dieser Schritt gelungen war, konnte Kian nicht beurteilen, aber er persönlich hatte noch immer arge Probleme mit der Trennung, konnte nicht verstehen, wie es überhaupt dazu gekommen war. Sie hatten sich stets gut verstanden, waren zu einer Einheit gereift, zu einem Team. Doch dann bildeten sich erste Defizite in ihrer Beziehung; sie sahen sich weniger als zuvor und lebten sich schlichtweg auseinander. Auch wenn Kian diese Tatsache zuerst nicht zugeben wollte, musste er sich im Laufe eines langen Gesprächs mit Jodi eingestehen, dass es tatsächlich so war, dass sie sich tatsächlich schleichend aus den Augen verloren hatten. Leider.
Kian war froh, dass Nicky sich mit seiner Aussage zufrieden gab und nicht angestrengt versuchte, ihn weiter mit diesem Thema zu konfrontieren.

„Danke übrigens, das du mich nach Sligo fährst“, äußerte sich Kian räuspernd, als sie Dublin bereits verlassen hatten. Nicky lachte neben ihm auf und schaltete das Radio ein.
„Hast du etwa ernsthaft geglaubt, ich würde dich in deinem momentanen Zustand allein fahren lassen? Dieser Unfall hat dir mehr zugesetzt, als du nach außen hin zeigst – das weiß ich. Und außerdem hättest du überhaupt kein Auto gehabt, weil du deins gekonnt zu Schrott gefahren hast“, entgegnete Nicky humorvoll, um die Stimmung ein wenig aufzulockern. Er war sich im klaren darüber, dass Kian großes Glück gehabt hatte, denn dieser Unfall hätte weitaus tragischer enden können.
„Trotzdem danke, schließlich hast du dich schon wochenlang auf die paar freien Tage gefreut, die du mit Georgina verbringen kannst.“
„Zerbrich dir bitte nicht den Kopf, Kian. Ich fahre dich wirklich gerne nach Sligo und außerdem bin ich doch gegen elf Uhr heute Abend wieder zuhause. Kein Weltuntergang, okay?“, versuchte Nicky ihm seine Bedenken zu nehmen und stöhnte auf, als plötzlich Geldstückgroße Regentropfen auf der Windschutzscheibe abperlten.
„Wunderbar. Sag mal, Egan. Hast du das Unglück heute gepachtet?“
Kian sah irritiert auf und legte seine Stirn in tiefe Falten.
„Warum?“
„Erst der Unfall und jetzt ein drohender Weltuntergang.“ Nicky deutete mit einer Kopfbewegung auf den immer heftiger nach unten prasselnden Regen, bevor er beide Hände wieder auf dem Lenkrad platzierte.Bis nach Sligo waren es noch gut anderthalb Stunden; sie würden demnach nicht vor acht Uhr dort sein.
„Du kannst gerne wieder umdrehen, Nicky. Ich zwing dich ganz sicher nicht, bei diesem Wetter durch ganz Irland zu fahren. Es gibt doch hübsche Hotels in Dublin“, sagte Kian schulterzuckend und hielt sich den Kopf, als Nicky unerwartet stark auf die Bremse trat.

„IDIOT!!!“, fauchte er, als der Wagen vor ihm ohne zu blinken ausscherte und ihm somit jäh die Vorfahrt nahm. „Meine Güte. Die scheinen ihren Führerschein alle im Lotto gewonnen zu haben. Was hast du eben gesagt, Kian?“ Nicky konzentrierte sich wieder auf die mittlerweile regennasse Fahrbahn und atmete tief durch.
„Ich hab gesagt, dass ich mir auch ein Hotelzimmer in Dublin nehmen kann.“
„WAS? Das kommt gar nicht in Frage, Kian John Francis Egan. Ich habe vorhin mit deiner Mutter telefoniert und dein Erscheinen für etwa acht Uhr angekündigt. Pat bekommt einen Nervenzusammenbruch, wenn ich dich nicht pünktlich abliefere. Also entspann dich und lass mich fahren. Ich hab schon bei ganz anderem Wetter im Auto gesessen.“ Er zwinkerte Kian zu.
„Okay“, nickte Kian ergeben und versuchte für den Rest der Fahrt, seine müden Augen zu schließen.
Schlafen. Er wollte nichts weiter als schlafen.

*

„Wunderbar“, fluchte Cat aufgebracht, als sie aus dem Bus stieg und hinauf in den dunklen Himmel sah. Es regnete wie aus Kübeln – ausgerechnet jetzt, wo sie zu ihrer Wohnung laufen musste.
Sie zog sich ihre Jacke enger um den Körper und vergrub ihren Kopf hinter dem Kragen, bevor sie schnellen und unkontrollierten Schritts den Gehweg entlang lief und darauf hoffte, dass sich der Regen im laufe der nächsten Minuten nicht noch verschlimmerte.

„Verdammt. Verdammt. Verdammt!“ Cat schrie auf, als sie in eine große Pfütze trat und ihre Jeans mit hässlichen Schlammspritzern verzierte. Sie konnte froh sein, den Termin mit Louis Walsh bereits hinter sich zu haben, denn in diesem Aufzug hätte sie dort keinesfalls erscheinen können.
Unwillkürlich stahl sich das Zusammentreffen mit ihrem zukünftigen Chef wieder in ihre Gedanken.
Die ganze Busfahrt über hatte sie tunlichst versucht, sich mit etwas anderem zu beschäftigen, doch jetzt, wo sie im Regen stand, musste sie daran denken. Ausgerechnet jetzt.
Er war ein netter, freundlicher Mann, konnte aber sicherlich auch andere Seiten von sich preisgeben, wenn er einen Anlass dazu sah. Louis Walsh hatte keinen Hehl daraus gemacht, eine Autoritätsperson zu sein und trotzdem hatte Cat den Termin nicht eine Sekunde lang als unangenehm befunden.
Gut, abgesehen von ihrer leichtfertigen Redegewandtheit und ihren teilweise unüberlegt gewählten Worten und Ausdrücken.
Doch Louis Walsh hatte darüber gelacht, sich über sie amüsiert. Sich vielleicht über sie lustig gemacht? Darüber hatte Cat ehrlich gesagt noch nicht nachgedacht, doch sie konnte sich nicht vorstellen, dass er sie eingestellt hätte, würde er sie als lächerlich und unqualifiziert empfinden.
Kopfschüttelnd unterbrach Cat ihren Gedankengang selbst und blickte erneut gen Himmel.
Wenn sie einer Erkältung aus dem Weg gehen wollte, sollte sie sich besser beeilen und den Weg in ihre Wohnung fortsetzen. Nicht auszudenken, was geschehen würde, würde sie kurzfristig krank werden. Gerade jetzt durfte das keinesfalls passieren.

Cat bog um die Ecke und stemmte ihre Hände in die Hüften, als sie das alte Backsteingebäude erblickte. Ihr Wohnhaus. Sie angelte nach dem Haustürschlüssel in der Innentasche ihrer Jacke und steckte ihn in das dafür vorgesehene Schloss, ehe sie die Tür aufstieß und im Hausflur in ihrer Bewegung inne hielt. Cat befand sich im trockenen, war endlich geschützt vor Nässe und Kälte. Doch wenn sie daran dachte, dass sie in weniger als einer halben Stunde schon wieder nach draußen treten musste, um pünktlich zum Abendessen bei ihrer Mutter zu erscheinen, stellten sich ihre Nackenhaare bereits jetzt bedrohlich auf. Auch wenn sie ihre Mutter über alles liebte, sie regelrecht vergötterte, überlegte sie ernsthaft, ob sie ihr nicht eventuell absagen und sie auf einen anderen Tag vertrösten könnte. Allerdings kannte Cat ihre Mutter gut genug, um zu wissen, dass sie wahrscheinlich ihre gesamte Küche auf den Kopf gestellt hatte, nur um ihrer einzigen Tochter ein wahrliches Festmahl zu bereiten.
Nein, sie konnte ihr nicht absagen, nicht unter diesen Umständen.
Laura O’Connor würde diese Absage schrecklich persönlich nehmen. Ganz gewiss.
Cat seufzte und lief das Treppenhaus nach oben, eine Hand auf dem Geländer ruhend, die andere in ihrer Hosentasche verborgen.
Sie schloss ihre Wohnungstür auf und betrat den kleinen Flur, um sich aus ihren nassen Sachen zu schälen und selbige über der langen Heizung zu verteilen. Cat liebte ihr Apartment am Rande von Dublin, liebte es, die Ruhe und Abgeschiedenheit genießen zu können. Ganz bewusst hatte sie sich diese Wohnung vor etwa zwei Jahren ausgesucht und war noch heute froh und zugleich überaus stolz über diese selbstständig getroffene Entscheidung.
Cat lief eilig in ihr Wohnzimmer, dass zeitgleich ein integriertes Schlafzimmer war, und öffnete den antiken Kleiderschrank, den sie bereits in ihrer Kindheit von ihrer Großmutter geerbt hatte.
Gerade, als sie nach einem wärmenden Pullover greifen wollte, übermannte ein undefinierbares Gefühl der Übelkeit ihren Körper.
Nahm schier alles von ihr in Besitz und ließ sie taumelnd auf den Boden sacken.
Cat hielt krampfhaft ihren Bauch und schluckte gegen den Brechreiz an, konnte jedoch nicht verhindern, dass sie sich hier in ihrem Wohnzimmer übergab.
Sie glaubte, sterben zu müssen, als sie sich erneut auf dem hellen Laminatboden erbrach und sich mit beiden Händen auf dem Holz abstützte, nur, um den Halt nicht zu verlieren.
Gott, was war nur mit ihr los?
Vor wenigen Minuten noch fühlte sie sich wohl und gesund, doch jetzt kauerte sie auf dem Boden ihres Wohnzimmers und starrte betroffen auf ihr Erbrochenes.
Hatte sie etwas falsches gegessen? Lag es an dem Stress, den sie in den letzten Wochen gehabt hatte? Cat verzog angewidert ihre Mundwinkel, als sich der bittere Geschmack des Magensaftes in ihrem Mund ausbreitete und beinahe neuerlich zu einer Brechattacke geführt hätte.
Nun würde sie ihrer Mutter doch absagen müssen.

Nach einigen verstrichenen Minuten brachte sie die Kraft auf, sich zu erheben und schweren Schritts zum Telefon zu gehen, dass sie auf einem kleinen Schränkchen neben ihrem Fernseher platziert hatte.
Langsam wählte sie die Nummer ihrer Mutter und wartete, bis sie ran ging.
„O’Connor“, meldete sich Laura atemlos keuchend.
„Hallo Mum“, entgegnete Cat möglichst ruhig und lehnte sich mit dem Rücken an die gelbe Wand. Sie hatte das Gefühl, ihre Beine würden jeden Moment nachgeben und war deshalb sehr daran interessiert, dieses Gespräch möglichst schnell zu beenden.
„Cat, Schatz. Wann kommst du? Das Essen ist so gut wie fertig. Ich muss nur noch den Hackbraten aus dem Ofen nehmen und die Kartoffeln zerstampfen“, erklärte Laura enthusiastisch und bereitete Cat mit ihren Ausführungen unwillkürlich ein schlechtes Gewissen. Doch sie war nicht in der Lage, jetzt zur ihrer Mutter zu gehen, geschweige denn etwas zu essen, denn allein der Gedanke an Hackbraten und Stampfkartoffeln verursachte quälende Magenschmerzen.
„Du, Mum?! Ich kann leider nicht zum Abendessen vorbeikommen“, presste sie unter zusammen gebissenen Zähnen hervor und schloss die Augen.
„Wie bitte? Du kannst nicht kommen? Aber ich habe mich jetzt seit einer Woche auf dieses Abendessen gefreut! Warum kannst du nicht kommen? Hast du keine Lust, dich mit deiner Mutter zu treffen?“ Cat stöhnte auf. Sie hatte gewusst, dass sie mit Vorwürfen konfrontiert werden würde, doch sie hatte jetzt nicht die Kraft und die Lust sich mit selbigen auseinander zu setzen und ihrer Mutter die Stirn zu bieten. Sollte sie glauben, was sie wollte. Es war Cat zumindest im Augenblick egal.
„Mum, tut mir ehrlich leid. Wir holen das nach, okay? Mach’s gut.“ Ohne eine Reaktion ihrer Mutter abzuwarten, legte sie auf und wählte sogleich die Nummer ihrer besten Freundin. Cat brauchte dringend einen Gesprächspartner, denn ein unangenehmer Verdacht schlich sich in ihr Unterbewusstsein.

„Hier Holly Addison.“
„Hey, Holly. Gut das du zuhause bist“, sagte Cat erleichtert und schluckte schwer.
„Cat? Was ist los? Du klingst irgendwie merkwürdig. Solltest du nicht bei deiner Mum sein? Zum Essen?“
„Ja, eigentlich schon“, nickte Cat und wischte sich die kleinen Schweißperlen mit dem Handrücken von der Stirn. Ihr war plötzlich heiß. Unerwartet heiß.
„Hör mal, Cat. Irgendwas stimmt mit dir nicht. Normalerweise redest du wie ein Wasserfall und heute hast du Probleme, einen zusammenhängenden Satz zu formulieren. Soll ich vorbei kommen?“ Holly sprach mit einem unverkennbar besorgten Unterton.
„Wenn du Zeit hast. Ich muss mit dir reden.“
„Alles klar. Gib mit fünfzehn Minuten. Hältst du es so lange aus?“
„Ich denke schon“, antwortete Cat und hielt sich ein weiteres mal den Bauch.
„Gut. Wie gesagt, in einer Viertelstunde bin ich bei dir. Bis gleich.“ Holly legte auf und ließ Cat somit wieder allein. Es dauerte einige Sekunden, bis auch Cat den Hörer zurück auf die Gabel legte und damit begann, ihr Erbrochenes vom Boden zu beseitigen.

*

Am Abend in Sligo

Kian stieg dankbar aus dem roten Ferrari, nachdem Nicky selbigen geschickt in der Einfahrt der Egans abgestellt hatte. Trotz des plötzlich aufgezogenen Regens hatte sich die Fahrt nach Sligo nicht sonderlich verzögert. Ganz im Gegenteil. Sie waren sogar vor der Zeit angekommen, hatten das Ortschild dreiviertel acht passiert.
„Kommst du noch mit rein?“, fragte Kian an Nicky gewandt, während er auf die Haustür zulief, um möglichst schnell nach drinnen zu gelangen. Zwar hatte der Regen nachgelassen, doch er verspürte dennoch das dringende Bedürfnis, sich in sein altes Zimmer zurück zu ziehen und augenblicklich ins Bett zu legen. Die Spuren des Unfalls steckten nach wie vor in seinen Knochen und auch die Platzwunde oberhalb des Auges begann nun wieder unerwartet stark zu pochen.
Nun, scheinbar war er doch noch nicht gesund.
„Wenn du nichts dagegen hast, komm ich gerne mit rein“, antwortete Nicky, verriegelte die Türen und klopfte seinem Freund gesellig auf die Schulter, bevor er neben ihm zur Eingangstür ging.
Beide fuhren erschrocken zusammen, als die Tür blitzartig aufgerissen wurde.
Patricia lugte nach draußen und verzog schluchzend ihre Mundwinkel, als sie ihren Sohn erblickte.

„Kian mein Junge. Gott sei dank bist du zuhause.“ Sie schloss Kian in ihre Arme und küsste seine Wange, nicht gewollt, ihren Jungen jemals wieder loszulassen.
Niemand konnte sich vorstellen, was für intensive Qualen sie in den letzten Stunden durchlebt hatte. Sie wusste nicht, wie drastisch der Unfall und die Folgen waren, hatte keine Ahnung gehabt, was genau sich zugetragen hatte. Jetzt, wo sie Kian in ihren Armen hielt, brachen all die Sorgen und Emotionen, die seit den frühen Nachmittagsstunden auf ihr gelastet hatten, heraus.
Patricia legte ihren Kopf auf Kians Schulter und weinte Tränen der Freude.
Tränen des Glücks.

„Mum“, versuchte Kian sie zu beruhigen und schob sie ein wenig von sich, um sie ansehen zu können.
„Es gibt keinen Grund, in Tränen auszubrechen. Ich stehe lebendig vor dir, Mum, und es geht mir den Umständen entsprechend sehr gut. Du musst also nicht weinen.“ Er strich ihr lächelnd über die Wange und zwinkerte ihr zu, um seine Aussage zu bekräftigen.
Kian verabscheute es, wenn sich jemand seinetwegen Sorgen machte.
Schon viel zu oft hatte er das Nervenkostüm seiner Eltern strapaziert, sowohl in seiner Kindheit und Jugend als auch zur jetzigen Zeit. Der Zeit bei Westlife.
„Ich kann dich beruhigen, Pat“, mischte sich nun Nicky ein und legte einen Arm um Kian. „Deinem Sohn geht es wirklich ganz gut in Anbetracht der Tatsache, das der Unfall genauso gut hätte sein Leben kosten können“, gab Nicky ehrlich zu, biss sich jedoch augenblicklich schuldbewusst auf die Unterlippe, als Kian ihm einen warnenden Blick zuwarf.
„Nicky übertreibt maßlos. Es war nur ein schlichter Auffahrunfall, mehr nicht“, verharmloste Kian die Situation absichtlich, in der Hoffnung, seine Mum würde ihm glauben und sich nicht weiter den Kopf über ihn zerbrechen.
Patricia atmete tief durch und nickte schließlich ergeben.
„Du hast sicherlich recht, Schatz, aber als Nicky mich vorhin völlig aufgelöst angerufen hat, habe ich mir einfach schreckliche Sorgen um dich gemacht. Ich hab sofort deinen Vater angerufen, ihm gesagt das du einen Unfall hattest, aber er hatte keine Zeit, nach Hause zu kommen, weil er geschäftlich in Galway festsitzt und wohl erst gegen Mitternacht zurück kommt. Also habe ich Marielle verrückt gemacht“, seufzte Patricia und schüttelte über ihr eigenes Verhalten peinlich berührt den Kopf.
„Ach Mum, ich wollte dir ganz sicher kein schlechtes Gewissen einreden, aber manchmal übertreibst du es mit deiner Fürsorge. Trotzdem liebe ich dich.“ Kian beugte sich nach vorne und hauchte seiner Mutter ein Kuss auf die Stirn, die verzückt schmunzelte und nach Kians Hand griff.
„Komm endlich mit rein, Kian. Ich hab Suppe gekocht und frisches Brot gebacken. Alles nur, um bei deiner Genesung sinnvoll mitzuwirken“, lachte sie, zog ihren Sohn mit sich, hielt allerdings inne, als ihr Blick noch einmal auf Nicky fiel, der ein wenig verloren neben den beiden gestanden hatte.
„Möchtest du noch einen Teller Suppe mit uns essen?“ Patricia sah Nicky amüsiert an und nahm ebenfalls seine Hand um ihn mit sich nach drinnen zu ziehen.
Kian musste aufgrund des Tatendrangs seiner Mutter auflachen und blickte zu Nicky, der sich sichtlich über diese spontane Einladung zu freuen schien.

„Zieht euch die Schuhe aus. Ich warte in der Küche.“ Patricia zog sich in die angrenzende Küche zurück und ließ Nicky und Kian einen Augenblick lang in der Diele allein.
„Ich liebe es, hier bei euch zu sein. Egal wann man kommt, deine Mum hat immer irgendwas essbares bereit stehen“, freute sich Nicky und betrachtete sein Spiegelbild flüchtig im Spiegel der Garderobe, bevor er ebenfalls in die Küche ging und sich augenblicklich interessiert mit Patricia unterhielt.
Kian seufzte auf und massierte seine pochende Schläfe, unschlüssig darüber, ob er sich wirklich in die Gesellschaft dieser zwei Menschen begeben sollte.
Wünschte er sich nicht eigentlich Ruhe? Sehnte er sich nicht eigentlich nach Schlaf?
Er fuhr zusammen, als seine Mutter seinen Namen rief. Fünf Minuten, dann würde er nach oben verschwinden.

Schweren Schrittes betrat er die Küche, zog sich einen Stuhl heran und ließ sich an den wuchtigen Holztisch fallen, der einen Großteil der behaglichen Essküche einnahm.
Kian lächelte krampfhaft, als Patricia ihm einen Teller Nudelsuppe unter die Nase schob und ihm einen Löffel in die Hand drückte.
„Hier, iss. Du hast seit dem Unfall sicherlich keinen Bissen mehr zu dir genommen, oder?“ Sie setzte sich ihrem Sohn gegenüber, strich sich eine Strähne des dunkelbraunen Haares aus der Stirn und stützte ihren Kopf auf den Händen ab, Kian unentwegt ansehend.
„Nicht wirklich. Und um ehrlich zu sein, hab ich auch jetzt keinen großen Hunger“, ächzte er hilflos.
„Kian, diese Suppe ist phänomenal. Probier sie“, forderte Nicky und schob sich einen weiteren Löffel in den Mund.
„Ja, Nicky hat recht. Und wenn du nur den halben Teller isst. Tu es für mich.“
„Mum, du tust so, als wäre ich ein dreijähriger Junge, der nicht in der Lage ist, auf sich selbst aufzupassen“, grinste Kian schief und lehnte sich zurück.
„Tut mir leid“, grummelte Patricia daraufhin und erhob sich beleidigt von ihrem Stuhl, um einige verschmutzte Teller, die in der Spüle standen, aufzuwaschen. Kian wusste, dass sie das immer dann tat, wenn sie sich angegriffen fühlte, doch er hatte keine Lust, ausgerechnet jetzt mit ihr eine leidige Grundsatzdiskussion zu führen.
„Schon okay. Ich werde dann hoch in mein Zimmer gehen. Rechne nicht vor morgen Mittag mit mir“, kündigte er an, stand auf und verließ ohne eine Reaktion abzuwarten das Zimmer.
Noch nicht einmal von Nicky hatte er sich verabschiedet.

Patricia legte ihren Wischlappen beiseite, als Kians Schritte auf der schweren Treppe verhallt waren.
Nun würde sie mit Nicky reden und ihn bezüglich des Unfalls befragen.
Sie musste wissen, was sich zugetragen hatte, damit es ihr möglich war, sich ein genaues Bild zu machen und sich dementsprechend zu verhalten.
„Was genau ist heute Nachmittag eigentlich passiert?“, wollte sie unverblümt wissen und griff nach Kians noch immer unangerührten Teller Suppe, um ihn selber zu verspeisen, nachdem sie sich erneut an den Tisch gesetzt hatte. „Kian hat ja kaum Wort darüber verloren, also hoffe ich, dass du mir weiter helfen kannst“, fuhr sie unbeirrt fort, rührte kurz in der Suppe und begann dann langsam zu essen.
„So genau weiß ich das leider auch nicht, Pat. Wir hatten ein Treffen bei Louis wegen der bevorstehenden Promotion und Kian und ich waren die letzten, die das Gebäude verlassen haben. Shane ist mit Mark Richtung Sligo gefahren und hat Kian angeboten, ihn mitzunehmen, doch Kian hat abgelehnt, weil er mit seinem eigenen Wagen in Dublin war und ihn nicht irgendwo stehen lassen wollte. Jedenfalls waren die beiden schon weg, als wir auf den Parkplatz kamen und zu unseren Autos liefen. Kian hat sich von mir verabschiedet und lenkte seinen Porsche bereits vom Parkplatz. Ich wollte auch gerade in meinen Wagen einsteigen, als ein dumpfes lautes Geräusch in meine Ohren drang. Zusammentreffen von Blech und Metal. Mein erster Gedanke galt Kian und ich hatte Recht, denn als ich mit umgedreht hatte, um zu erkennen, was passiert war, sah ich seinen Porsche inmitten eines Transporters und eines Pkws. Glücklicherweise ist Kian allein aus dem Wagen gestiegen und hatte bereits notdürftig seine Platzwunde mit einem Taschentuch versorgt, doch der Porsche hat Totalschaden. Wäre der Transporter schneller gefahren, wäre Kian wohl nicht so glimpflich davon gekommen.“ Nicky begegnete Patricias schockiertem Blick und langte nach ihrer auf dem Tisch liegenden Hand. Aus irgendeinem Grund konnte er ihre Angst um Kian nachvollziehen, denn ihm war es nicht anders gegangen, als er den ramponierten Wagen von Kian gesehen und einige Sekunden lang um seinen Freund gebangt hatte.
„Mein armes Baby“, schüttelte Patricia ihren Kopf und schob den Teller abrupt beiseite.
Der Appetit war ihr abrupt vergangen.
„Das ganz klingt schlimmer, als es letztlich war, Pat. Sicher, der Unfall war nicht zu verachten, aber Kian geht es gesundheitlich besser, als ich anfangs gedacht habe. Außer ein paar Prellungen, Schnitt- und Platzwunden hat er rein gar nichts zurück behalten.“ Nicky versuchte, Patricia die unverkennbare Besorgnis zu nehmen, allein im Interesse von Kian, der es sicher nicht gut hieß, wenn Nicky seine Mutter durch irgendwelche Schauergeschichten unweigerlich um den Verstand brachte.
„Ach Nicky, das ganze klingt furchtbar. Wie konnte es überhaupt zu diesem Unfall kommen? Kian ist normalerweise ständig wachsam, gerade deshalb, weil er es nicht ertragen würde, wenn ein Kratzer sein Auto beschädigen würde“, erklärte sie fast spaßend und zuckte hilflos mit den Schultern. Ihr war das Verhalten ihres Sohnes schon länger nicht geheuer, doch warum, wusste sie selbst nicht recht.
„Ich denke, er war gedanklich ganz woanders.“
Patricia legte ihre Stirn in Falten.
„Wie meinst du das, Nicky?“
„Seit er sich von Jodi getrennt hat, hat er sich verändert. Er ist oft in sich gekehrt und vermeidet es, mit Mark, Shane oder mir zu reden. Wahrscheinlich hat er an sie gedacht, als er vom Parkplatz gefahren ist“, vermutete er offenkundig und rümpfte seine Nase.
„Nicky, entschuldige, aber ich kann dir nicht folgen. Kian hat sich verändert, seit er sich von Jodi getrennt hat? Himmel, warum weiß ich davon nichts?“ Sie verzog ihre Mundwinkel und ballte ihre Hand zu einer Faust, darum bemüht, ihren Ärger zu verbergen. Warum wusste sie nichts von dieser besagten Trennung? Warum hatte Kian ihr und ihrem Mann gegenüber nie etwas erwähnt?
Sie hatten sich bereits von Kindesbeinen an alles anvertraut, doch jetzt hatte Kian geschwiegen. Beharrlich geschwiegen.
„Pat, du wusstest nichts von der Trennung? Gar nichts?“, fragte Nicky verwundert nach.
„Nein. Weder ich noch Kevin wussten bescheid“, schüttelte sie ihren Kopf, während sie betreten auf die Tischplatte starrte.
„Komisch. Aber habt ihr euch denn nicht gewundert, dass Jodi euch in den letzten zwei Monaten nicht mehr besucht hat?“
„Nein, eigentlich nicht. Jodi war noch nie sonderlich oft in Sligo und so haben wir uns keine Gedanken darüber gemacht. Zwar haben wir bemerkt, dass Kian plötzlich nicht mehr von ihr gesprochen hat, aber nachgefragt haben wir nie“, entgegnete Patricia tonlos, als sie feststellte, wie fremd ihr Sohn ihr doch geworden war.

Es vergingen noch weitere zwanzig Minuten, in denen Nicky sie über das derzeitig bestehende Verhältnis zwischen Kian und Jodi, den Unfall und andere Bandinterne Dinge aufklärte, nur um sie auf den momentanen Stand der Dinge zu bringen.
Patricia fühlte sich wie erschlagen, als sie sich um halb zehn von Nicky verabschiedete und die Haustür hinter sich ins Schloss fallen ließ.
Sie wünschte sich Kevin an ihre Seite. Jetzt. Sofort.
Niemand außer Kian verharrte gemeinsam mit ihr in diesem Haus. Marielle war auf Klassenfahrt und Colm übernachtete bei einem Freund. Patricia hatte somit genügend Zeit, um sich mit dem Geschehenen auseinander zu setzen und nachzudenken.
Um nachzudenken über Kians Unfall und über die bisher verschwiegene Trennung von Jodi.

*

„Nun geh schon ins Bad“, forderte Holly vehement, als sie Cats unschlüssigen Blick bemerkte.
„Ich kann nicht“, wisperte Cat weinerlich und nahm einen tiefen Atemzug, die Finger nervös ineinander geschränkt. Sie brachte nicht die Kraft auf, den letzten entscheidenden Schritt zu machen. Den Schritt, der wohlmöglich ihr bisheriges Leben verändern und gänzlich auf den Kopf stellen würde.
„Aber du musst, Cat. Wenn nicht jetzt, dann spätestens, wenn du auf Toilette gehst. Soll ich vielleicht für dich nachsehen?“, schlug Holly vor und erhob sich von dem orangefarbenen Sofa, um sich augenblicklich wieder zu setzen, als Cat ihre Frage kopfschüttelnd verneinte.
„Lass mal, Holly. Das muss ich selber machen.“ Seufzend fuhr sich Cat über das aschfahle Gesicht, bevor sie aus dem Wohnzimmer lief und sich vor der Badezimmertür postierte.
Sollte sie oder sollte sie nicht?
Holly hatte recht gehabt, als sie gesagt hatte, dass sie irgendwann sowieso nachsehen müsste.
Wenn nicht jetzt, dann später. Cat nickte kurz, um sich selbst Mut zu machen und drückte die Türklinke nach unten. Sie wagte es kaum, ihre Augen durch das kleine Badezimmer schweifen zu lassen, aus Angst, etwas zu sehen, das sie im Grunde überhaupt nicht sehen wollte.
Da lag er. Auf der Waschmaschine. Der Schwangerschaftstest.
Holly hatte ihn kurzfristig in der nächsten Apotheke besorgt und ihn Cat unter die Nase gehalten, nachdem sie ihr ihre Befürchtung offenbart hatte.

Langsamen Schritts ging Cat auf die Waschmaschine zu, nicht fähig, zu atmen.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich und sie hielt unweigerlich weiterhin die Luft an, als sie sich vorsichtig über den Test beugte. Zwei rosafarbene Streifen.
Was genau hatte das zu bedeuten? Cat hatte sich vor Durchführung dieses Tests nicht sonderlich mit der Materie beschäftigt, bereute es nun jedoch, da sie nicht auf Anhieb ausfindig machen konnte, ob sie nun schwanger war oder nicht. Sie würde Holly fragen, schließlich hatte ihre beste Freundin die Verpackung des Tests fein säuberlich vor sich auf dem quadratförmigen Couchtisch platziert.
Mit dem Test in der Hand ging sie zurück ins Wohnzimmer und trat zu Holly, die sie erwartungsvoll ansah und versuchte, aus ihrer Miene etwas zu lesen.
„Und?“
„Keine Ahnung. Hast kannst du mir mal die Verpackung des Tests geben oder mir sagen, was zwei rosa Striche zu bedeuten haben.“ Cat deutete mit einer Kopfbewegung und die Verpackung und schloss einen Augenblick lang die Augen, als Holly nach selbiger griff und sie in ihren Händen drehte.
„Zwei rosa Streifen hast du gesagt?“
Cat nickte aufgeregt und schickte gleich mehrere Stoßgebete gen Himmel, in der Hoffnung, sie würde erhört werden.
„Cat, ich sag’s ja nur sehr ungern, aber zwei rosafarbene Striche bedeuten, das du schwanger bist. Du bekommst ein Baby, Cat“, sagte Holly leise, legte die Verpackung beiseite und stand auf, um ihre beste Freundin fest in eine Umarmung zu ziehen.
Cat ließ es geschehen, war unfähig sich zu rühren, geschweige denn etwas zu sagen.
Sie war schwanger. Sie, Catherine Melody O’Connor. War das zu glauben?
Zitternd legte sie ihren Kopf auf Hollys Schulter und ließ die ersten Tränen der Verzweiflung laufen. Sie konnte nicht glauben, was gerade mit ihr passierte.
Herrgott, sie bekam ein Kind. Ausgerechnet jetzt; ausgerechnet zum Ende ihres Studiums.
„Holly“, schluchzte sie aufgewühlt und löste sich von ihrer Freundin, um sie anzusehen und nach Bestätigung zu suchen. Vielleicht hatte sie sich verhört. Vielleicht war alles ein riesengroßer Irrtum und ein Besuch bei ihrem Frauenarzt würde aufklären, dass sie überhaupt nicht schwanger war. Diese Tests besagten manchmal viel und irrten beinahe noch häufiger.
Dieser Schwangerschaft war noch nicht zu 100 % bestätigt und dennoch glaubte Cat nicht an eine Wendung. An einen positiven Ausgang dieses Falls. Für sie stand fest, dass sie ein Kind erwartete, jedoch kein Kind haben wollte. Zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt, wo sie mit beiden Beinen im Leben stand und seit Jahren schon ein Ziel verfolgte. Der erfolgreiche Abschluss eines Modedesignstudiums. Und genau dieses Ziel würde sie sich nicht kaputt machen lassen. Erst recht nicht von einem unerwünschten Baby, dass noch dazu als Erinnerung an Ethan dienen würde. An Erinnerung ihres Ex-Freundes. Es stand außer Frage, dass das Baby von ihm war – eine weitere Tatsache, die Cat schwer zu schaffen machte.

„Ich kann das Baby nicht kriegen, Holly“, verkündete Cat verzweifelt und ließ auf die Lehne des Sessels fallen, während Holly ihr gegenüber Platz nahm und nach ihren Händen griff.
„Cat, ich weiß, dass diese Schwangerschaft ein Schock für dich ist, aber bitte tu nichts, was du später mal bereuen könntest. Ich meine, ein Baby ist doch was wundervolles, oder?“
„Sicher, natürlich, aber eben nicht für mich. Ich bin einfach noch nicht bereit dazu, Verantwortung für ein eigenständiges Wesen zu übernehmen, weil ich ja noch nicht mal in der Lage dazu bin, Verantwortung für mich selbst zu übernehmen“, jammerte Cat und verbarg ihr Gesicht hinter ihren Händen. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, traute sich nicht, auch nur ansatzweise an die Zukunft zu denken.
„Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben, Cat. Du vielleicht auch. Was spricht denn genau gegen ein Baby?“ Holly versuchte mit allen Mitteln, Cat davon zu überzeugen, dass eine Schwangerschaft nicht mit einem Weltuntergang zu vergleichen war, auch wenn sie Cats Verhalten und Reaktion teilweise sehr gut nachvollziehen konnte.
„Was dagegen spricht? Mein Alter.“
„Nein, das spricht ganz sicher nicht dagegen. Du bist 24 Jahre alt. Ich kenne weitaus jüngere Mütter“, widersprach Holly heftig und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
„Aber meine finanziellen Mittel sprechen dagegen. Sieh dir doch meine Wohnung an. Wo zum Teufel soll ich hier ein Kind unterbringen? Ich hab ja noch nicht mal ein Schlafzimmer, geschweige denn ein Kinderzimmer. Soll ich das Baby im Bad abstellen, oder was?“ Cat seufzte auf.
„Okay, stimmt. Das Wohnungsproblem besteht, aber meinst du nicht, dass das zu lösen wäre? Es gibt hier in Dublin so viel freistehende Wohnungen, die ganz sicher auch bezahlbar sind. Und zur Not könntest du auch in das Haus deiner Mum ziehen. Die hat ganz sicher mehr als genug Platz.“
„Das kommt gar nicht in Frage. Ich war damals so froh, endlich in einer eigenen Wohnung zu leben. Jetzt werde ich wegen eines Kindes ganz bestimmt keinen Schritt zurück machen“, empörte sich Cat und stand auf. Sie musste zugeben, dass Holly teils gute Argumente brachte, doch egal wie sehr sie sich auch bemühte; sie würde Cat nicht überzeugen können.

„Du bist so ein gottverdammter Sturkopf, Catherine! Willst du das Kind etwa wirklich abtreiben? Ein Leben beenden, bevor es überhaupt richtig angefangen hat?“
„Was weißt du schon“, winkte Cat ab und starrte demonstrativ in eine andere Richtung.
Was außer einer Abtreibung kam in ihrer Situation denn schon in Frage?
„Mein Gott, dir ist echt nicht zu helfen, oder?“
„Warum willst du unbedingt, dass ich das Kind bekomme? Ich kann es mir erstens nicht leisten, zweitens müsste ich Ethan von seiner bevorstehenden Vaterschaft erzählen und drittens wäre mein Job, mein Praxissemester in Gefahr. Gerade heute erst hatte ich einen Termin bei Louis Walsh und gerade heute erst habe ich einen Vertrag über ein halbes Jahr unterschrieben, in dem ich als Modedesignerin und Stylistin bei Westlife tätig sein werde. Was soll ich deiner Meinung nach tun? Den Job und das Studium sausen lassen, um als langweiliges Hausmütterchen zu enden? Ganz sicher nicht!“ Cat schüttelte zornig ihren Kopf und war den Tränen bereits wieder näher als beabsichtigt.
Ihre Lage schien ausweglos.

„Westlife? Du arbeitest für Westlife?“, hakte Holly erstaunt nach.
„Ja. Sag bloß, du kennst die.“
„Und ob. Jeder kennt Westlife“, entgegnete Holly und klatschte freudig erregt in die Hände
„Nein, ich kenne sie nicht. Mister Walsh stellt sie mir am Donnerstag erst vor.“
„Das hätte ich mir ja denken können. Wer den lieben langen Tag Michael Jackson und Destiny’s Child hört, kann Westlife ja nicht kennen.“ Holly rollte theatralisch mit den Augen.
„Ich glaube, dass ich nichts verpasst habe, weil ich von Westlife noch nichts gehört habe. Elende Weichspülermusik.“
„Ach ja? Und was bitte fabriziert Michael Jackson? Etwa keine Weichspülermusik?“
„Nun, der macht bestimmt anspruchsvollere Musik, als diese Hampelmänner von Westlife. Aber egal. Jedenfalls werde ich modetechnisch für sie arbeiten; eine Schwangerschaft passt daher überhaupt nicht in mein Konzept“, beendete Cat diese Diskussion und warf einen Blick aus dem Fenster. Es regnete nach wie vor, wenn nicht sogar noch stärker. Ein Wetter, das Cats derzeitige Stimmungslage nicht besser hätte symbolisieren können.
Sie war sich im klaren darüber, dass sie eine Entscheidung treffen musste, doch wie genau die aussehen sollte, wusste Cat noch nicht. Holly war der Meinung, sie solle das Kind behalten; Cat jedoch hielt energisch dagegen, konnte sich ein Leben mit einem eigenen Baby einfach nicht vorstellen.
Vorerst würde sie die Schwangerschaft geheim halten, sich mit der Thematik auseinander setzen und dann eine Entscheidung treffen, mit der sie durchaus leben konnte.
Jetzt allerdings wollte sie nicht weiter darüber nachdenken. Das hatte sie bereits den halben Abend getan.

*

Erschöpft ließ Ruby ihren Schlüsselbund begleitet von einem familiären klirren auf die Kommode fallen und fuhr aus ihren Schuhen. Es war spät und sie war müde, doch Ruby konnte noch nicht ins Bett gehen. Noch nicht jetzt. Sie musste sich noch einige Notizen wegen des bevorstehenden Erste-Hilfe-Kurses machen und erst dann konnte sie den Weg in ihr Schlafzimmer antreten.
Seufzend hängte sie ihre Jacke am Haken der Garderobe ab und lief in die Küche, um sich einen kleinen Imbiss zu bereiten.

Als sie wenig später mit einem frischen Tunfischsandwich und einem Glas Kirschsaft in ihrem Wohnzimmer saß, fiel all die Anspannung, die sich im Laufe des Tages gesammelt hatte, von Ruby ab.
Es war eine überaus anstrengende Schicht gewesen, mit Höhen, mit Tiefen, mit Lichtblicken und mit hoffnungslos Fällen. Besonders ihr erster Patient am heutigen Tag hallte noch immer nachhaltig in ihren Gedanken wieder. Kian Egan. Wo hatte sie diesen Namen nur schon einmal gehört? Und vor allem in welchem Zusammenhang?
Sie kräuselte ihre Stirn und führte das Glas hinauf an ihre Lippen, um einen Schluck daraus zu nehmen. Kian Egan. Gott, dieser Name ließ sie einfach nicht mehr los.
Kopfschüttelnd stellte sie das Glas auf dem Tisch vor sich ab und verschränkte ihre Beine unter ihrem Po, ein Notizblock in ihrem Schoß liegend, einen Kugelschreiber in ihrer rechten Hand haltend.
Sie wollte sich konzentrieren, musste sich konzentrieren, doch es wollte ihr partout nicht gelingen.
Ein erneutes Seufzen entwich ihren Lippen. Es war zwecklos.
Sie würde an diesem Abend nichts sinnvolles mehr zustande bringen; weshalb also sollte sie nicht jetzt schon ins Bett gehen und damit beginnen, ihren morgigen freien Tag ausführlich zu genießen.

Schweren Schritts schaltete sie das Radio an, während sie eilig in ihr Schlafzimmer lief und sich ihren Froteepyjama griff, um anschließend ins Badezimmer zu gehen und den Wasserhahn aufzudrehen. Ruby verzog ihre Mundwinkel zu einem schiefen grinsen, als sie ihr Spiegelbild betrachtete.
Sie sah fürchterlich aus; blass, ausgezerrt und verbraucht, als hätte sie den ganzen Tag über förmlich Schwerstarbeit geleistet. Nun, irgendwie hatte sie das ja auch.
„Ruby, hör auf, dich selbst anzustarren, als hättest du dich noch nie zuvor gesehen“, schallt sie sich selbst, warf sich eine Ladung kaltes Wasser ins Gesicht und langte nicht ihrer Zahnbüste, die sorgsam neben ihr auf dem Waschbecken in einem Becher stand.
Geschwind putzte sie sich die Zähne und cremte sich die trockene Haut ein, schlüpfte in ihren Schlafanzug und knipste das Licht aus, bevor sie das Radio im Wohnzimmer abstellte.
Nur fünf Minuten später fand sie sich in ihrem breiten Doppelbett wieder und schlief augenblicklich ein.

*

4.Oktober 2005, Sligo

„Guten morgen“, murmelte Kian unverständlich, als er die Küche betrat und seine Eltern am Tisch sitzend vorfand. Sie blickten auf und lächelten.
„Guten morgen, mein Junge“, grüßte Kevin und deutete auf den freien Stuhl neben sich, den Kian sogleich ansteuerte und sich setzte. Er fühlte sich elendig, wie erschlagen und wünschte sich schleunigst ein sein warmes Bett zurück, auch wenn aufgrund der hämmernden Kopfschmerzen sicherlich nicht mehr an Schlaf zu denken war.
„Hast du gestern Abend nicht angekündigt, bis in die Mittagsstunden schlafen zu wollen?“, fragte Patricia irritiert, während sie sich erhob und ein drittes Gedeck aus dem Küchenschrank heraus holte. Kian seufzte und lehnte sich auf dem Stuhl zurück, die Augen halb geschlossen, die Schultern ungewöhnlich stark nach unten hängend.
„Das wollte ich auch, aber mein Kopf hat mir leider einen Strich durch die Rechnung gemacht“, stöhnte er und begann demonstrativ damit, seine Schläfen zu massieren.
„So schlimm?“ Kevin legte seinem Sohn eine Hand auf die Schulter.
„Irgendwie schon. Gestern Abend ging es mir jedenfalls besser.“
„Kian, Schatz. Ich wusste, dass dieser Unfall nicht zu unterschätzen ist. Ist die Folgen können noch nachhaltige Schäden verursachen“, mahnte Patricia, stellte das Gedeck auf den Tisch und schenkte Kian etwas Milch ein, bevor sie ihm eine Scheibe Toast auf den Teller legte und ihm deutete, etwas zu essen. Kian jedoch schüttelte lediglich seinen Kopf.
„Ich krieg keinen Bissen runter, Mum. Meine Kehle ist wie zugeschnürt“, erklärte Kian mit verzogener Miene und nahm einen tiefen Atemzug.
„Kian, du musst was essen, schließlich hast du dich gestern Abend schon meiner Suppe verweigert. Du kannst nicht wieder gesund werden, wenn du hungerst.“
„Das mag ja sein, aber es liegt mir nun mal nicht, Essen in mich rein zu zwingen. Der Arzt meinte ich hätte eine Gehirnerschütterung und die Übelkeit gehört nun mal dazu. Sobald sich das wieder legt, werde ich ganz sicher auch wieder vernünftig essen.“ Kian versuchte ein Lächeln und führte zumindest die Tasse Milch hinauf zu seinem Mund, um einen Schluck zu nehmen.
Er bemerkte nicht, wie Patricia und Kevin sich einen vielsagenden Blick zuwarfen und Kian daraufhin musterten. Erst als seine Mutter schweigend den Frühstückstisch verließ, stutzte er.

„Wo will Mum den so plötzlich hin?“ Er sah hinüber zu seinem Vater und zog eine Augenbraue nach oben, als Kevin laut aufseufzte und seine Finger ineinander verschränkte.
Kian hatte bereits eine Vorahnung. Eine Vorahnung, von der er hoffte, dass sie nicht bestätigt werden würde. Seine Gedanken streiften zu Nicky ab. Zu dem gestrigen Abend und einem vermutlich sehr offnem Gespräch mit Patricia. Ob er ihr von der Trennung erzählt hatte?
Von der acht Wochen zurückliegenden Trennung von Jodi?
Falls ja, wusste Kian, was ihn zukam. Er wusste, dass sein Vater jeden Moment mit ihm über diese Tatsache reden würde. Darüber, warum er seinen Eltern nichts gesagt hatte. Warum er kein Wort von der Trennung erwähnt hatte. Himmel, und das bereits am frühen Morgen. Nun, möglicherweise hatte er noch die Gelegenheit, sich mit Kopfschmerzen und anderen Beschwerden in sein Zimmer zu verziehen. Er konnte es zumindest versuchen.

Von unerwarteter Eile gepackt, schob er den Stuhl ein wenig nach hinten, um aufzustehen, doch Kevin war schneller und griff nach dem Oberarm seines Sohnes, darauf bedacht, ihn zurück zu halten.
„Setz dich bitte wieder, Kian.“ Er sprach eindringlich und scharf, machte Kian den Ernst der Situation dadurch bewusst. Und trotzdem wollte er dieses nahende Gespräch unter allen Umständen vermeiden.
„Ich hab aber Kopfschmerzen und würde mich gerne noch mal hinlegen.“
„Nein, Kian. Du bleibst jetzt hier, ob du willst oder nicht.“
„Du kannst mich nicht zwingen, Dad. Ich fühle mich beschissen und würde die letzten beiden freien Tage gerne noch ein bisschen auskosten, um mich auszuruhen und zu erholen“, widersprach Kian und ließ sich grummelnd auf den Stuhl zurück fallen, als Kevin ihm kopfschüttelnd deutete, keine Ausreden gelten zu lassen.
„Gib mir jetzt eine halbe Stunde, Kian. Danach kannst du dich meinetwegen in deinem Zimmer verkriechen oder gänzlich in dein Haus fahren. Ich werde dich nicht daran hindern, wenn du mir jetzt dreißig Minuten gibst.“ Kian schluckte. Er kannte seinen Vater nicht so, war es nicht gewohnt, dass er derart grob mit ihm sprach. Was sollte er tun?
Er konnte nur bleiben.

Widerwillig nickend sah er zu seinem Vater, in der Hoffnung, dass das Gespräch nicht von allzu langer Dauer sein würde, doch die angekündigte halbe Stunde versprach nichts sonderlich vielversprechendes.
„Dad, was willst du denn jetzt mit mir bereden?“ Es war mehr eine rhetorische Frage, schließlich kannte Kian die Antwort bereits, traute sich nur nicht, diese auch zuzulassen.
„Du weißt es, Kian. Du weißt, was es zu bereden gibt. Ich werde dir jetzt zuhören, verstanden, denn du wirst derjenige sein, der redet, nicht ich“, stellte Kevin klar und lehnte sich zurück, den Blick jedoch unablässig auf Kian gerichtet, der einen leicht gehetzten Gesichtsausdruck bekam.
Himmel, was verlangte sein Vater von ihm? Er sollte ihm tatsächlich von seiner Trennung von Jodi erzählen? Jetzt? Hier?
Herrgott, das war unmöglich. Kian hatte mit niemandem über die genauen Details, über den präzisen Grund und den Ablauf der Trennung gesprochen. Sollte er bei seinem Vater eine Ausnahme machen? Sollte er seinen Kummer heraus lassen, anstatt ihn ständig in sich herein zu fressen?
Prinzipiell hatte er keine andere Wahl, doch sein Gehirn streikte, ließ ihm kein einziges Wort über die Lippen kommen. Er starrte seinen Vater an – einfach nur an.
Kevin tat es ihm gleich, nippte an seiner Kaffeetasse und schob sich eine Scheibe Wurst in den Mund.
„Ich habe Zeit, mein Junge“, erklärte er aufmunternd lächelnd. Kian seufzte.
Er kannte seinen Vater und wusste, dass er wohlmöglich den ganzen Tag hier sitzen müsste, würde er nicht mit reden beginnen.
„Na schön. Ich habe ja sowieso keine andere Wahl“, erwiderte er mürrisch und ordnete seine wirren Gedanken. Wo sollte er anfangen? Was sollte er sagen? Zwar wollte er seinem Vater alles erzählen, allzu intime Details jedoch aussparen.
„Also, Dad. Jodi und ich, wir haben uns getrennt. Vor acht Wochen, wie du sicherlich schon weißt. Du willst wissen warum? Was soll ich sagen? Ich weiß es ja selber nicht mal genau und um ehrlich zu sein, hat sie den Wunsch der Trennung geäußert. Jodi hat mich verlassen. Sie meinte, die Trennung würde erst mal nur auf Zeit sein, aber ich denke, sie ist für immer. Wir haben uns einfach auseinander gelebt und gemerkt, dass wir beide völlig individuelle Ziele und Vorstellungen vom Leben haben. Gott, Dad, ich vermisse sie so sehr. Ich vermisse sie so sehr, wie noch keinen anderen Menschen vor ihr! Es tut mir weh, ihre Stimme nur aus irgendwelchen TV-Sendungen und Wiederholungen von ‚Hollyoaks’ zu hören, sie nur auf dem Fernsehbildschirmen zu sehen. Wir haben seit unserer Trennung kein Wort mehr miteinander gesprochen, nicht einmal miteinander telefoniert. Schon seltsam, zu wissen, keinen mehr an der Seite zu haben.“ Diese Erkenntnis kam dermaßen stark und abrupt, dass er von seinen Gefühlen übermannt wurde, dass er in Tränen ausbrach. Kian stützte seinen Kopf auf den Händen ab und blickte auf die Tischplatte, unfähig, seinen Vater anzusehen. Es war ihm peinlich und er fühlte sich durchschaut und ertappt. Er glaubte, Kevin würde bis tief in sein innerstes sehen können.
„Du liebst sie noch, richtig?“
Kian nickte langsam. Ja, er liebte Jodi noch immer und genau das wurde ihm gerade wieder bewusst. Er wollte sie zurückhaben, jetzt sofort, auch wenn er wusste, das dies ein Ding der Unmöglichkeit war.
„Dann musst du kämpfen, Kian. Du musst um sie kämpfen, wenn du sie zurück erobern möchtest“, stellte Kevin nüchtern fest. Er hatte seinem Sohn interessiert zugehört – die ganze Zeit.
„Wie denn? Sie will doch überhaupt nicht, dass ich um sie kämpfe. Oder wie erklärst du es dir sonst, dass sie jeglichen Kontakt zu mir abgebrochen hat?“, fragte Kian verzweifelt.
„Es ist doch durchaus möglich, dass sie unter eurer Trennung genauso leidet wie du. Ich meine, ihr wart über zwei Jahre zusammen; solch ein Bruch ist nicht leicht zu verkraften. Aber lass dir eins sagen, Kian. Wenn du Jodi wirklich liebst, dann bist du bereit alles für sie zu tun. Kämpf und gib erst dann auf, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt. Dann wirst du später nicht bereuen können, sie kampflos aufgegeben zu haben.“ Mit diesen Worten klopfte Kevin seinem Sohn noch einmal aufmunternd auf die Schulter und erhob sich, um die Küche zu verlassen.
Kian blickte ihm nach, lange nach, bis er sich beinahe mit dem gesamten Oberkörper auf den Tisch warf und hemmungslos weinte. Sein Vater hatte recht mit dem, was er gesagt hatte, doch sollte er wirklich kämpfen? Hatte er überhaupt den Mut dazu oder war das Thema Jodi in seinem Inneren schon zu den Akten gelegt?

*

Zur gleichen Zeit in Dublin

Launisch schlug Cat das schwere Bettlaken zurück und warf einen Blick aus dem Fenster. Sie war bereits seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen, hatte in der vergangenen Nacht kaum Schlaf gefunden, weil sie ständig an ihre vermeintliche Schwangerschaft denken musste.
Ein seufzen entwich ihren Lippen, als sie das Kissen aufschüttelte und sich im Wohnzimmer umsah.
Sie wollte schnellst möglichst ihren Frauenarzt aufsuchen, um sich die Schwangerschaft bestätigen zu lassen, auch wenn ihr Angst und Bange vor dieser Tatsache war.
Cat fürchtete sich vor dem, was auf sie zukommen würde, fürchtete sich vor der Diagnose ihres Arztes. Was sollte sie mit einem Kind? Ausgerechnet jetzt mit einem Kind?
Sie stand mit beiden Beinen im Leben, hatte einen Platz zur Absolvierung ihres Praxissemesters bekommen und sollte genau diesen Job bereits in zwei Tagen antreten.
Wie konnte sie für einen derart erfolgreichen Mann und seine Schützlinge arbeiten, wenn sie ein Baby erwartete? Wenn sie glaubte, ein Baby zu erwarten?
Louis würde ihr sicherlich auf der Stelle kündigen, würde er davon erfahren. Und strikt das durfte er nicht tun. Cat war auf diesen Job angewiesen, konnte ohne ihn ihr Studium nicht absolvieren.
Herrgott, sie befand sich in einer wahrhaften Zwickmühle.
Ächzend streckte sie sich und durchquerte das Zimmer, um nach einem herumliegenden dunkelblauen Rollkragenpullover zu greifen und ihn sich über das dünne Top zu streifen.
Anschließend klappte sie ihre Couch wieder sitztüchtig zusammen, verstaute die Bettwäsche in einem nahestehenden Bettkasten und verließ das Wohnzimmer, um in die Küche zu gehen.
Cat hatte keinen sonderlich großen Appetit, musste aber irgendetwas essen, wenn sie die nächsten Stunden heil überstehen wollte. Vielleicht sollte sie sich in dem nächsten Coffee – Shop einen Muffin besorgen, anstatt sich noch länger hier aufzuhalten. Vor ihrem sowieso leeren Kühlschrank.
Sie beschloss ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen, ging in die Diele und angelte auf Zehenspitzen nach ihrer Jacke, ehe sie in ihre grünen Turnschuhe stieg und nach dem Wohnungsschlüssel am Schlüsselbrett langte.

„Guten Morgen, Terry“, grüßte Cat ihre Nachbarin im vorbeigehen, während sie die zahlreichen Treppenstufen eilig nach unten lief. Sie fröstelte, als sie nach draußen an die Luft trat und zog sich die Jacke augenblicklich fester um den zierlichen Körper. Cat war froh, dass es nicht regnete wie am Vortag und so konnte sie halbwegs gut gelaunt ihren Weg fortsetzen. Sie beschloss, heute ausnahmsweise zu Fuß zu gehen, anstatt den Bus zu nehmen, schließlich war es bis zur Frauenarztpraxis nicht sonderlich weit.
Schnellen Schritts überquerte sie die Straße und eilte den Gehweg entlang. Cat hatte noch so viel zu erledigen und der Besuch beim Arzt stand an erster Stelle. Danach musste sie einkaufen, um ihre Lebensmittelvorräte aufzustocken und Briefmarken kaufen, um ihrem besten Freund Bradley, der in Südafrika lebte, endlich wieder einen Brief zukommen zu lassen. Sie hatten sich lange nicht mehr gesehen und gerade jetzt sehnte sich Cat nach einem unparteiischen Gesprächspartner.
Seufzend blickte sie auf den Boden, gedankenverloren und geistesabwesend.
Erst als ein dumpfer Aufprall durch die unmittelbare Gegend hallte, schreckte sie aus ihrer Lethargie auf. Cat war mit jemandem zusammen gestoßen – wie sollte es auch anders sein?! Sie hatte ein besonderes Talent für so etwas, aber das ihr dies ausgerechnet jetzt passieren musste, gefiel ihr ganz und gar nicht.
Mit verengten Augen sah sie zu der Hand, die sich nach ihr ausstreckte und ergriff sie langsam. Cat zog sich an selbiger nach oben und klopfte sich fluchend den Staub von der Hose.
„Können Sie Ihre Augen vielleicht das nächste mal besser aufsperren“, murrte sie und sah ihren Gegenüber zum ersten mal seit dem Zusammenprall an. Es war ein Mann, bekleidet in legerer Jeans und einer Lederjacke. Sein Gesicht konnte Cat nicht ausfindig machen, da es hinter einem braunen Schal und einer Sonnenbrille förmlich verdeckt wurde. Nun, es war ihr auch egal, mit wem sie gerade zusammengestoßen war, denn es zählte lediglich, das sie mit jemandem zusammengestoßen war.
„Ich? Sie waren doch diejenige, die starr nach unten geblickt hat, ohne die Umwelt überhaupt wahrzunehmen“, widersprach der Mann und schüttelte fassungslos den Kopf.
„Ach, lassen Sie Ihre Kommentare doch stecken. Davon kann ich mir nämlich auch nichts kaufen. Fakt ist, dass meine Klamotten völlig verdreckt sind und ich leider Gottes in ein paar Minuten einen sehr wichtigen Termin hab“, gab sie wütend zur Auskunft und winkte beleidigt ab, als er Mann seine Arme vor der Brust verschränkte und sie argwöhnisch musterte.
„Ich sehe keinen Dreck, Miss. Das müssen Sie sich eingebildet haben. Wenn hier jemand dreckig ist, dann bin das ich. Diese Hose kommt frisch aus der Reinigung – können Sie mir erklären, wie ich diese gottverdammten Schlammspritzer wieder rauskriegen soll?“
„Versuchen Sie’s doch mit einer Waschmaschine“, antwortete Cat scharf und rümpfte ihre kleine Nase.
„Oh, Sie sind so komisch. Nur schade, dass ich nicht darüber lachen kann.“
„Dann lassen Sie es eben bleiben, Sie aufgeblasener Esel. Und nun entschuldigen Sie mich. Ich muss gehen.“ Cat wollte zielstrebig an dem Mann vorbei laufen, wurde jedoch von ihm am Unterarm zurück gehalten und wirbelte herum.
„WAS WOLLEN SIE NOCH?“ Cat war fürchterlich gereizt, drohte sogar jeden Moment vor lauter Wut in die Luft zu gehen.
„Sie haben mir immer noch nicht gesagt, wie ich meine Hose wieder sauber kriege.“
„Die Zauberformel heißt Wasser. Wissen Sie, was das ist? Diese durchsichtige Flüssigkeit, mit der man sich auch sehr gut die Hände waschen kann. Und nun lassen Sie mich gefälligst los, wenn Sie nicht riskieren wollen, dass ich alles in der Umgebung zusammenschreie.“ Cat funkelte ihn wütend an und schnaubte auf, als er von ihr abließ und einen Schritt zurück trat.
Ohne jegliches weitere Wort drehte sich Cat herum und stolzierte davon.
Eine Sekunde länger mit diesem arroganten Schnösel konnte sie unmöglich ertragen.

Wenige Minuten später betrat sie erleichtert die Arztpraxis und hängte ihre Jacke am Haken ab, um im Wartezimmer Platz zu nehmen und darauf zu warten, dass sie aufgerufen wurde.
Sie ließ ihre Augen durch den mittelgroßen Raum schweifen und seufzte leise auf.
Überall werdende Mütter und Frauen mit neugeborenen Babys, beinahe allesamt von ihren Männern, Freunden und Lebensgefährten begleitet. Nur Cat war allein, allein mit sich, mit der vermutlichen Schwangerschaft und mit der Gewissheit, keinen Mann an der Seite zu haben, der das Kind mit ihr großziehen könnte. Unwillkürlich musste sie an Ethan denken; daran, wie er sie hintergangen hatte. Daran, wie er sie nach Strich und Faden belogen und betrogen hatte, ohne auch nur das kleinste Anzeichen eines eventuellen schlechten Gewissens. Cat war auch nach sieben Wochen Trennung noch nicht gut auf ihn zu sprechen, ertappte sich allerdings des Öfteren dabei, wie sie in Erinnerungen an ihn schwelgte. Sie hatte geglaubt, mit ihm das vollkommene Glück gefunden zu haben, doch sie hatte sich getäuscht, war einem Trugbild erlegen, dass keinesfalls mit der Realität kompatibel war.
Und nun war sie aller Wahrscheinlichkeit von diesem Mann schwanger, trug sein Baby in ihrem Körper. Allein der Gedanke verursachte unangenehme Magenkrämpfe, die sie schnell zu verdrängen versuchte. Es lohnte nicht, an ihn zu denken. Zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt.
Cat hatte unlängst andere Prioritäten, brauchte keinen Mann, um existieren zu können.
Früher war sie fast jedem männlichen Wesen nachgelaufen, dass ihr gefallen hatte, nur um bei ihren Freunden anzugeben und das Gefühl von Liebe ausschöpfen zu können. Doch bei keinem der Männer hatte sie Liebe gespürt – vielleicht ein bisschen verliebt sein oder Schwärmerei – aber noch nie Liebe.
Kopfschüttelnd langte sie nach einer herumliegenden Zeitschrift und blätterte eher gelangweilt als ernsthaft interessiert in selbiger herum.
Sie musste an ihren Job denken, daran, dass sie ihn wohl verlieren würde, würde sich ihre Schwangerschaft bestätigen. Gott, das durfte nicht passieren, schließlich lag ihr bereits jetzt sehr viel an diesem Job, dass sie ihn keinesfalls aufgeben wollte.

Cat fuhr erschrocken zusammen, als ihr Name ungewöhnlich zeitig aufgerufen wurde. Eine freundliche Arzthelferin geleitete sie in den Behandlungsraum und schloss die Tür hinter Cat und dem Arzt.
„Hallo, Doktor Owen“, begrüßte Cat den bereits in die Jahre gekommenen Mann und lächelte, als Doktor Owen ihre ausgestreckte Hand ergriff und sie energisch schüttelte.
„Hallo, Miss O’Connor. Ein sehr kurzfristiger Termin, nicht wahr?” Er sah sie eindringlich an, bewahrte jedoch stets seinen freundlichen Ton.
„Ja, es ging nicht anders“, nickte Cat entschuldigend und seufzte.
Besuche bei ihrem Frauenarzt waren ihr nach wie vor sehr unangenehm, auch wenn sie bereits seit mehr als fünf Jahren bei ein und dem selben Doktor in Behandlung war.
„Nun, möchten Sie sich nicht setzten?“ Er deutete mit seiner Hand auf eine lederne Liege und Cat nahm lustlos Platz. Sie hatte keine andere Wahl, als sich untersuchen zu lassen, schließlich musste sie wissen, ob sie nun schwanger war oder nicht.
„Wollen Sie mir erzählen, was genau Sie zu mir geführt hat?“, fragte Doktor Owen und setzte sich auf die Kante der Liege, nachdem Cat sich schwermütig hingelegt hatte.
Sie sah zu ihm auf und biss sich peinlich berührt auf die Unterlippe.
Cat fühlte sich mit einem mal bloßgestellt, obwohl bis jetzt prinzipiell rein gar nichts geschehen war.
„Na ja“, stammelte sie unbeholfen und nahm einen langen Atemzug, um die richtigen Worte zu finden. „Mir war gestern Abend schrecklich übel und ich musste mich übergeben“, sagte sie kurz, fuhr jedoch sogleich fort. „Danach hatte ich Bauchkrämpfe und ein leichtes Schwindelgefühl. Ich habe in den letzten Tagen schon gemerkt, dass irgendwas mit mir nicht stimmt, aber ich habe die Symptome auf eine verschleppte Erkältung geschoben. Doch gestern, kurz nachdem ich mich übergeben hab, hab ich auf Anraten meiner Freundin einen Schwangerschaftstest gemacht. Nur um sicher zu gehen. Er war positiv, Doktor.“ Cat spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg und hätte sich am liebsten weggedreht, doch Doktor Owen hielt sie fest und schürzte seine schmalen Lippen.
„Sie denken also, dass Sie schwanger sind?“, resümierte er formgewandt und legte seinen Kopf schief.
„Denken tu ich so vieles, aber wissen kann ich es nicht.“
„Aber Sie würden es gerne wissen, nicht?“
„Ja, das wäre von Vorteil. Außerdem wäre ich sonst nicht hier“, entgegnete Cat grinsend, Sekunden später jedoch wieder ernst. Doktor Owen nickte und erhob sich, um zu seinem Schreibtisch zu gehen.
„Mit was möchten Sie beginnen, Miss O’Connor? Untersuchung oder Ultraschall?“ Cat sah zu Doktor Owen und verzog ihre Mundwinkel. Ein Ultraschall wäre weitaus angenehmer als die Untersuchung, also würde sie mit dieser anfangen.
„Untersuchung“, sagte sie wenig angetan und stützte sich mit ihren Händen auf der Liege ab.
„In Ordnung. Dann würde ich Sie darum bitten, sich nun ihrer Hose zu entledigen.“

Und nur Sekunden später fand sich Cat auf dem Behandlungsstuhl wieder und versuchte tunlichst, gegen ihr Schamgefühl anzukämpfen. Es war ihr unwahrscheinlich peinlich, dass ein eigentlich fremder Mann sie in einer derartigen Verfassung vollkommen entblößt sehen konnte, auch wenn sie solche Untersuchungen schon häufig über sich ergehen lassen hatte.
Cat presste ihre Zähne aufeinander und versuchte das unangenehme Gefühl zu verdrängen, das sich in ihrem Körper ausbreitete, als Doktor Owen undefinierbare Laute vor sich hin murmelte.

„Gut, bereit für den alles entscheidenden Ultraschall?“ Er streifte sich die Gummihandschuhe von den Händen. Cat erhob sich und bedeckte ihre nackten Beine eilig mit ihrer Jeans.
„Ja, ich denke schon“, nickte sie und legte sich zurück auf die Liege, auf der sie zuerst gelegen hatte.
„Okay. Dann los.“ Er durchquerte den Raum und rollte Cats Pullover leicht nach oben, um ihren Bauch mit einem durchsichtigen Gleitgel einzureiben. Sie fuhr unter seinen kalten Händen leicht zusammen, konzentrierte sich allerdings recht schnell auf den kleinen Bildschirm schräg neben sich, der deutlich das innere ihres Unterleibs anzeigte. Cat konnte nichts genaues erkennen und blinzelte heftig, was Doktor Owen zu einem lauten Lachen veranlasste.
„Neugierig?“, fragte er und lächelte sanft, als sie zögernd nickte.
„Sehen Sie das hier, Miss O’Connor? Diese schwarze Fläche?“
„Ja. Was ist das?“ Cat wusste eigentlich, um was es sich bei der schwarzen Fläche handelte, doch sie brauchte Bestätigung. Unbedingt Bestätigung.
„Das ist der Kopf des Embryos. Ihres Babys, Miss O’Connor.“ Doktor Owen strahlte förmlich, als er zu Cat hinab sah und weiter mit dem Ultraschallgerät ihren Bauch entlang fuhr.
Nun war es offiziell. Ausgesprochen. Sie war schwanger. Catherine O’Connor war definitiv schwanger. Schwanger von Ethan Morris, einem Mann, der vermutlich nicht in der Lage war, ein eigenes Kind aufzuziehen. Ein kaum vernehmliches seufzen stahl sich über ihre Lippen, als der Arzt ihr weitere bisher vorhandene Körperteile ihres Kindes zeigte und ein erstes Ultraschallbild machte.
Cat war kurz davor, die Fassung zu verlieren, hatte Mühe, all das Geschehene in irgendeiner Weise zu verarbeiten. Umso erleichterter war sie auch, als Doktor Owen ihren Bauch abwischte und sich hinter seinem Schreibtisch postierte.

Cat war froh, sich endlich wieder vollständig bekleiden zu können und rollte ihren Pullover nach unten, bevor sie den Knopf ihrer Jeans schloss und nach ihrer Strickjacke langte, die achtlos über einem Stuhl hing. Sie ging auf Doktor Owen zu, den Blick währenddessen ungeduldig auf ihre Uhr gerichtet.
Der Arztbesuch hatte weitaus länger gedauert, als Cat erwartet hatte, weshalb sie sich nichts sehnlicher wünschte, als diese Praxis schleunigst zu verlassen.
„Miss O’Connor, noch einmal herzlichen Glückwunsch bezüglich des Nachwuchses. Ich bitte Sie darum, die vorgeschriebenen Kontrolluntersuchungen einzuhalten, ja?“
„Natürlich. Ich werde mein bestes tun.“
„Das freut mich sehr zu hören. Dann sehen wir uns also in vier Wochen wieder, dann sicherlich mit einem bereits voluminöseren Bauch, nicht?“ Er schmunzelte und reichte Cat einen kleinen Zettel.
Cat drehte ihn verwundert in ihren Händen, die Stirn gekräuselt.
„Was soll ich damit?“, fragte sie unvermittelt und sah zu Doktor Owen, der sich über die Augen fuhr und die Hände in den Taschen seines Arztkittels vergrub.
„Sehen Sie sich den Zettel doch mal genau an. Ihm liegt das Ultraschallbild bei sowie der ermittelte Geburtstermin.
„Oh“, stieß Cat erstaunt hervor und drehte den Zettel noch einmal in den Händen. In wenigen Augenblicken würde sie den voraussichtlichen Geburtstermin ihres Kindes erfahren, vorrausgesetzt, es würde jemals zu einer Geburt kommen. Bei dem Gedanken daran verfinsterte sich ihr Blick augenblicklich. Das Thema Abtreibung war nach wie vor existent, doch wie stark, konnte Cat nun wahrlich nicht sagen.
„Und? Was sagen Sie zu dem Termin?“ Doktor Owen riss sie aus ihrer kurzzeitigen Lethargie und ließ sie etwas aufschrecken. Cat besah sich den Zettel noch einmal und lächelte leicht.
„Der 17.Mai. Damit kann ich leben. Ein kleines Frühlingskind also.“
„Ganz richtig. Nun, Miss O’Connor. Die Pflicht ruft. Wir sehen uns in genau vier Wochen wieder. Alles gute für Sie und das Kind.“ Er verabschiedete sie mit einem Handschlag und entließ sie aus dem Behandlungsraum. Draußen im Wartezimmer nahm Cat einen tiefen Atemzug und führte eine Hand hinauf zu ihrer pochenden Stirn. Sie musste diese Nachricht erst einmal verdauen.
Und das würde einige Zeit in Anspruch nehmen.

„Wiedersehen“, sagte sie an die Sprechstundenhilfe gewandt und verließ beinahe überhastet die Praxis. Cat brauchte frische Luft – ganz dringend frische Luft.
Sie stieß einen tiefen Atemzug aus, als sie an die Luft trat und sich umsah. Dunkle Regenwolken waren mittlerweile aufgezogen und versprachen eine negative Wetteränderung. Wunderbar.
Cat fuhr sich durch das Haar und bemerkte, dass sie in ihrer rechten Hand nach wie vor das Ultraschallbild hielt. Langsam sah sie herab und betrachtete es eingängig.
Das Bild sollte ihr Baby darstellen. Ihr Fleisch und Blut.
„Was soll ich nur machen?“, fragte sie sich selber, schüttelte den Kopf und verstaute das Bild in ihrer Jackentasche. Cat wollte nicht länger darüber nachdenken; zumindest nicht hier und jetzt.

Erst am späten Nachmittag fand sich Cat in ihrer Wohnung wieder.
Sie hatte beinahe den gesamten Tag in der Innenstadt zugebracht, Unmengen an Lebensmitteln und unnützen Dingen gekauft, nur um sich in irgendeiner Weise Ablenkung zu verschaffen.
Und jetzt war sie erschöpft, vollkommen fertig mit sich und der Welt. Cat hatte versucht, nicht ständig an das Baby zu denken, sich nicht ständig mit einer möglichen Abtreibung zu konfrontieren, doch es war ihr leider Gottes nicht gelungen. Ganz im Gegenteil. Wann immer sie an Spielzeugregalen oder Babykleidung vorbei gegangen war, musste sie inne halten und sich alles genauestens betrachten. Sie hatte kleine Babyschühchen in die Hände genommen, Strampelanzüge angefasst und Spieluhren aufgezogen, um der sanften Melodie zu lauschen.
Ein seufzen entfuhr Cats Lippen, als sie sich all dies in Erinnerung rief und auf die Couch setzte.
Ein Baby. Sie erwartete ein Baby. Ausgerechnet sie. Was sollte sie nur tun?
Übermorgen würde sie in Louis Walshs Büro erscheinen müssen, um sich dort einzuarbeiten und ihre zukünftigen Vorgesetzten kennen zu lernen. Doch wie sollte sie das unter diesen Umständen schaffen? Wie würde Louis Walsh reagieren, würde er von ihrer Schwangerschaft erfahren?
Vermutlich würde er ihren Vertrag fristlos kündigen und sie eigenhändig rauswerfen. Das durfte nicht passieren. Das durfte auf keinen Fall passieren.
Stöhnend presste sie ein Kissen in ihr Gesicht und erhob sich, um Holly anzurufen. Sie musste nun dringend mit ihrer Freundin reden, ihrem Kummer Luft machen und sich in ihrer Entscheidung bestätigen lassen, dass sie wohlmöglich doch abtreiben lassen sollte. Schnell wählte sie die bekannte Nummer und wartete gespannt auf Hollys Stimme. Aus irgendeinem Grund war Cat aufgeregt, aufgeregt, weil sie Holly gleich von ihrem Vorhaben erzählen würde.

„Hallo?“, flötete Holly melodisch in den Hörer.
„Hey, Holly.“
„Cat!“, freute sich Holly lautstark und schien sich auf etwas zu setzen. Cat musste unwillkürlich lachen und ließ sich zurück auf das Schlafsofa fallen.
„Ja, so heiße ich. Du, ich war heute morgen beim Frauenarzt wegen der Schwangerschaft“, begann Cat langsam zu erzählen und streckte ihre Beine aus.
„Und? Was hat dein Wunderdoktor dir erzählt? Bist du schwanger?“
„Himmel, ja, ich bin schwanger. In der neunten Woche um genau zu sein. Der Geburtstermin ist am 17.Mai. Weißt du was das heißt, Holly? Ich bekomme ein Baby“, jammerte Cat und sah aus dem Fenster. Nun war es raus und neben ihr selbst und Doktor Owen gehörte nun auch Holly zu den Eingeweihten.
„Ah, das ist ja großartig. Mein Gott, Cat. Alles, alles Gute. Wow, du bekommst echt ein Baby“, wiederholte Holly Cats Worte noch einmal aufgeregt. Cat rollte daraufhin entnervt mit ihren Augen und presste ihre Lippen aufeinander. Wie hatte sie erwarten können, dass Holly in irgendeiner Weise anders reagieren würde? Holly hatte ihr am gestrigen Abend schon groß und breit erklärt, von einer Abtreibung ganz und gar nicht angetan zu sein.
„Ansichtssache“, entgegnete Cat leise und wartete eigentlich nur auf Hollys Gegenschlag.
„Ansichtssache?! Ich hör wohl nicht richtig, Fräulein. Ein Baby ist immer etwas großartiges, auch in diesem Fall. Fang doch einfach mal an, dich zu freuen.“
„Ich kann mich aber nicht freuen. Nicht unter diesen Umständen“, widersprach Cat energisch. Warum hatte sie erst eine solche Diskussion begonnen.
„Mensch, Cat. Man kann aus jeder Situation etwas gutes machen. Also wirst du dich ja wohl auch mal ein bisschen wegen dem Baby freuen können. Ich meine, hey, du wirst Mutter und hast nächstes Jahr schon einen kleinen Quälgeist neben dir sitzen.“ Holly war völlig begeistert von diesem Gedanken und verursachte bei Cat unwillkürliche Magenschmerzen.
„Ich will abtreiben, Holly“, platzte es schnell aus Cat heraus und sie schloss die Augen, als sie hörte, dass Holly einen tiefen Atemzug nahm.
„DU WILLST WAS? Cat, bist du verrückt geworden? Du kannst doch nicht abtreiben. Herrgott, du kannst doch dein Baby nicht abtreiben lassen. Ich fass es nicht“, empörte sich Holly lautstark.
„Und ob ich das kann. Besser gesagt; ich muss. Verstehst du nicht, Holly? Ich fange übermorgen an zu arbeiten und werde im Mai mein Studium abschließen. Im Mai, dem Geburtsmonat meines Kindes. Ich hab Ende Mai Prüfungen, wie soll ich an denen denn teilnehmen, wenn ich gerade Mutter eines neugeborenen Babys geworden bin? Das ist unmöglich.“
„Nichts ist unmöglich, Cat. Du bist einfach zu egoistisch, um das einzusehen. Nur weil du dein Studium unbedingt nächstes Jahr abschließen willst, muss ein unschuldiges Wesen getötet werden!? Verzeih mir, aber das halte ich für unangebracht, rücksichtslos und bestialisch. Melde dich erst wieder bei mir, wenn du vernünftig geworden bist.“ Noch bevor Cat irgendwie hatte reagieren können, vernahm sie das Freizeichen. Holly hatte bereits aufgelegt.
Seufzend ließ Cat den Hörer sinken und drückte ihren Körper vollends in die Polster des Sofas.
Hatte Holly recht? War es wirklich so fahrlässig, das Baby abzutreiben?
Cat musste zugeben, dass es ihr ganz und gar nicht behagte, das Kind durch einen ärztlichen Eingriff wegmachen zu lassen, doch wie sollte sie mit einem Kind existieren? Sie hatte überhaupt die finanziellen und materiellen Mittel um ein Baby großzuziehen und zu versorgen und auf ihre Mutter wollte sie nicht zurückgreifen und konnte sie nicht zurückgreifen.
Ein uneheliches Kind; es gab kaum etwas schlimmeres als Katholikin.
Cat beschloss sich noch einige Tage Bedenkzeit zu geben und erst einmal abzuwarten, wie sich ihr erster Arbeitstag gestalten würde, bevor sie eine entgültige Entscheidung traf.

*

In Sligo

„Darling, weißt du eigentlich, wie sehr ich deinen Bauch liebe?“ Shane platzierte beide seiner Hände auf dem relativ flachen Bauch seiner Frau und übte leichten Druck darauf aus.
„Du hast es mir bestimmt schon hundert mal gesagt, aber ich höre es immer wieder gern aus deinem Mund“, kicherte Gillian und küsste Shane sanft auf die Stirn.
„Freut mich zu hören, schöne Frau. Und ich denke, unser Nachwuchs freut sich auch darüber, schließlich kann nicht jeder von sich behaupten, neun Monate lang in einem solch hübschen Bauch gelebt zu haben“, entgegnete Shane und streichelte demonstrativ über den ehemaligen Babybauch seiner Frau. Gillian lachte auf und legte ihre Hände auf Shanes Hände, um gemeinsam mit ihm über ihre weiche Haut zu fahren. Sie liebte es, wenn Shane ihr derart innige Momente schenkte, wenn er ihr verdeutlichte, dass er sie auch noch nach der Geburt ihrer Tochter wunderschön und begehrenswert fand. Gillian wusste, dass ein paar freie Augenblicke mit ihrem Mann derzeit eher der Seltenheit angehörten und kostete förmlich jeden Atemzug in aller Ausführlichkeit aus.
„Ich freue mich, dich und Alana zu haben“, flüsterte Shane und bedeckte Gillians Lippen mit einem innigen Kuss, als sie zu einer Antwort ansetzen wollte. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und zog ihn näher zu sich heran, um den Kuss noch zu intensivieren, doch Shane drückte sie mit sanfter Gewalt von sich und erhob sich von dem Ledersofa.
„Was?“, wollte Gillian irritiert wissen und sah auf.
„Nichts. Ich möchte diese ganze Situation nur nicht ausarten lassen.“
„Ausarten? Seit wann drückst du dich so förmlich aus? Und was meinst du überhaupt mit ausarten?“
„Gilly, du weißt ganz genau, wie ich das mit dem ausarten meine. Alanas Geburt war vor knapp drei Monaten; ich möchte dir nicht weh tun, indem ich die zu nahe komme.“ Obwohl Shane mit allem Ernst sprach, brach Gillian in lautes Gelächter aus. Sie konnte nicht glauben, was er gerade eben von sich gegeben hatte.
„Oh Shane, du kleiner Idiot. Drei Monate Pause sind eindeutig mehr als genug. Meine Frauenärztin meinte sogar, Sex wäre nach sechs Wochen bereits wieder erlaubt“, schmunzelte sie, stand auf und wuschelte Shane durch das dunkle Haar.
„Ernsthaft?“, fragte er skeptisch und mit in Falten gelegter Stirn.
„Ernsthaft, Schatz. Wir müssen also nicht abstinent leben, bis Alana volljährig ist. Na, gefällt dir diese Aussicht?“ Sie trat einen Schritt näher an ihren Mann heran und strich im liebevoll über den Rücken. Shane seufzte auf, schüttelte aber dennoch seinen Kopf.
„Nicht jetzt, Gil, okay? Ich hab Hunger. Lass uns was schönes kochen“, schlug er vor, wusste er doch, Gillian dadurch unweigerlich begeistern zu können. Seit Alana auf der Welt war liebte sie alles, was mit kochen und essen zu tun hatte, auch wenn sie sich prinzipiell vorgenommen hatte, all die überflüssigen Kilos, die sie während der Schwangerschaft zugelegt hatte, schnellst möglich wieder abzutrainieren, doch momentan stillte sie noch und war an einer Diät nicht interessiert.
„Du möchtest kochen? Oh ja, das klingt traumhaft. An was hast du gedacht?“ Sie strich sich eine Strähne des blonden Haares aus der Stirn und blickte zu Shane, der ahnungslos mit den Schultern zuckte und an seiner Frau vorbei lief.
„Keine Ahnung. Eigentlich an nichts bestimmtes. Was möchtest du denn gerne essen?“
„Ähm, ich?“ Gillian legte sich einen Zeigefinger auf die Unterlippe und dachte angestrengt nach. „Vielleicht Spagetti mit Gorgonzolasoße. Oder Stephard’s Pie. Eins von beidem, würde ich sagen.“ Shane nickte, nahm Gillians Hand und zog sie mit sich in die große, helle Küche.

„Dann wäre ich für den Stephard’s Pie. Den hab ich schon Ewigkeiten nicht mehr gegessen. Haben wir alles da oder muss ich mich noch mal auf den Weg zum Supermarkt machen?“ Shane öffnete den Kühlschrank und postierte sich mit verschränkten Armen davor. Gillian zog sich einen Stuhl heran und setzte sich, um ihren Mann amüsiert zu beobachten.
„Ich sehe Tomatenpüree, Möhren, Champions und geriebenen Käse. Von wann ist das Hackfleisch hier unten im Fach?“
„Von heute morgen. Deine Mum hat es vorbei gebracht, als sie sich spontan zum Frühstück eingeladen hat, dann aber doch nicht bleiben konnte, weil dein werter Herr Vater sich einen Hexenschuss eingefangen hat“, erklärte sie und musste lachen, als sie an den heutigen Morgen zurückdachte. Wie Peter am Telefon gestöhnt und gejammert hatte – göttlich, auch wenn es grundsätzlich überhaupt nicht lustig war.
„Okay, dann können wir das nehmen. Sind Kartoffeln und Zwiebeln noch im Keller?“ Gillian nickte.
„Sehr schön. Dann würde ich vorschlagen, dass ich mich jetzt ans Werk mache und du dich entweder ausruhst, nach Alana siehst oder mir zuschaust.“ Er drehte sich zu Gillian herum, nachdem er alle benötigen Lebensmittel auf der Küchenablage abgelegt hatte.
„Ich werde dir zugucken und dich ordentlich kritisieren, wann immer du etwas falsch machst. Deine Tochter müsste nämlich eigentlich schlafen und hat somit keine Zeit für ihre Mutter“, sagte sie, lehnte sich zurück und verschränkte ihre Beine übereinander.
Shane steckte ihr die Zunge raus und kam samt Möhren und Champions zu ihr an den Tisch.

Eine Weile herrschte vollkommene Stille zwischen ihnen, in der Shane aufmerksam die Champions putzte und Gillian ihm bedächtig dabei zusah.
„Weißt du schon von Kians Unfall?“, fragte er mit einem mal, kurz nachdem er sich geräuspert hatte. Gillian fuhr kurz erschrocken zusammen, bejahte dann seine Frage allerdings nickend.
„Ja, deine Mum hat mir heute morgen bescheid gesagt. Er scheint nichts schlimmes abgekriegt zu haben.“
„Glücklicherweise nicht. Ich frag mich wirklich, was in letzter Zeit in Kian gefahren ist. Er hat chronisch schlechte Laune, konzentriert sich überhaupt nicht mehr auf seine Arbeit und verschrottet zudem noch seinen heißgeliebten Porsche.“ Shane seufzte und schnitt die Champions in feine Scheiben.
„Jodi“, war das einzigste, was Gillian auf Anhieb einfiel.
„Die Trennung von ihr scheint ihm mehr zuzusetzen, als anfänglich gedacht, was? Aber mittlerweile sind sie zwei Monate auseinander, langsam sollte er wirklich über sie hinweg sein.“
„Gott, Shane. So einfach ist das nicht. Die beiden waren über zwei Jahre zusammen; sie war vermutlich die Liebe seines Lebens und dann fordert sie plötzlich eine Trennung auf Zeit, die zu einer richtigen Trennung ausartet. Würde mir das passieren, würde ich mich bestimmt nicht anders verhalten, als Kian“, nahm Gillian ihren Cousin in Schutz und nahm sich ein Stück Möhre, dass Shane gerade zerschneiden wollte.
„Das mag ja sein, aber er hat mir doch selber gesagt, dass ihm an Jodi nichts mehr liegt“, rechtfertigte sich Shane sofort und gab die zerkleinerten Champions und Möhren auf einen Teller.
„Darling, du kennst Kian seit deiner Kindheit. Du weißt wie er ist. Kian hat noch nie gern offen über seine Gefühle geredet und nicht mal Kevin und Pat wussten von der Trennung von Jodi“, gab Gillian zur Auskunft und atmete tief durch.
„Bitte? Kian hat seinen Eltern nichts erzählt?“ Shane sah zu Gillian, die mit dem Kopf schüttelte.
„Nein, Nicky hat Pat gestern angeweiht, als er Kian nach Sligo gefahren hat. Seltsam, denn für gewöhnlich bleibt unter den Egans nie lange was geheim“, grübelte Gillian offenkundig und tippte mit ihren Fingern auf der Tischplatte.
„Ja, merkwürdig, aber was Jodi angeht, ist Kian wirklich wortkarg geworden. Mich wundert es ehrlich gesagt, dass er Nicky darüber was erzählt hat“, seufzte Shane und gab das Gemüse in eine bereitgestellte Pfanne.
„Ich geh die Kartoffeln und die Zwiebeln aus dem Keller holen. Bin gleich wieder da.“ Er küsste Gillian auf die Wange und verließ die Küche. Gillian lächelte in sich hinein, als sie dumpfe Schritte auf den Treppenstufen hörte und lehnte sich erneut auf ihrem Stuhl zurück.

*

6.Oktober 2005, Dublin

Müde fuhr sich Ruby über die brennenden Augen und strich sich das kurze Haar hinter die Ohren, bevor sie den Aufenthaltsraum der Schwestern und Pfleger verließ.
Noch vier Stunden, dann konnte sie wieder nach Hause gehen. Dann wäre die Frühschicht beendet und sie hätte bis zum Sonntag frei. Zwei freie Tage hintereinander – eine wirklich herrliche Aussicht.
„Ruby, schaust du bei Mister Ernest vorbei? Seine Handverbände müssen gewechselt werden. Und bei Miss Sutherland stehen die Reste vom Frühstück noch im Zimmer“, wies Maureen, die stellvertretende Oberschwester Ruby auf ihre Aufgaben hin.
„Sicher. Wird erledigt“, nickte Ruby und verließ den Raum entgültig.
Sie hasste es, sich noch immer Vorschriften machen zu lassen, obwohl sie mittlerweile ausgelernt und gänzlich in den Beruf eingestiegen war. Ein seufzen entwich ihren Lippen, als sie in den Aufzug stieg und ins Erdgeschoss fuhr. Sie musste sich die Akten beider Patienten abholen, sie durchschauen und anschließend ihre Aufgaben wie vorgeschrieben erfüllen.

Ruby fuhr erschrocken zusammen, als sich die Aufzugstüren öffneten. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf und trat auf den sterilen Flur, zielstrebig ihren Weg fortsetzend. Doch Ruby hielt plötzlich inne, als sie eine ihr bereits bekannte Person am Ende des Ganges erblickte.
Es war Kian Egan, das Unfallopfer vom Montag.
Himmel, was machte er denn hier? Hatte er Probleme? Oder vielleicht doch schlimmere Verletzungen, die mögliche Beschwerden hervor gerufen hatten?
Sie musste es wissen, war aus irgendeinem Grund fürchterlich neugierig, konnte sich jedoch nicht dazu durchringen zu ihm zu gehen und war gerade dabei, absichtlich eine andere Richtung einzuschlagen, als sie laute Schritte hinter sich vernahm.
„Hallo. Warten Sie doch“, rief er und veranlasste sie tatsächlich zum stehen bleiben. Ein Lächeln schlich sich über ihre Lippen, als er keuchend vor ihr in seinen Bewegungen inne hielt, die Platzwunde über der Augenbraue noch immer mit einem Pflaster bedeckt.
„Hallo“, erwiderte sie schüchtern und spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Gott, Ruby stellte sich was Männer anging immer schrecklich ungeschickt an, egal ob sie sich bemühte oder nicht.
„Was sehen Sie mich so an? Erkennen Sie mich nicht wieder?“, fragte er nach einem kurzen Augenblick der Stille und schmunzelte leicht, als Ruby abrupt aufsah und peinlich berührt grinste.
„Doch, doch. Mister Egan, richtig?“
„Vollkommen richtig“, nickte er und vergrub seine Hände in den Taschen seiner legeren Jeans.
Ruby ertappte sich dabei wie sie ihn anstarrte und biss sich prompt auf die Lippen.
Konnte sie sich nicht ein mal normal benehmen? Was war schon schlimmes dabei, sich mit diesem netten, freundlichen Mann zu unterhalten? Er hatte sie schließlich angesprochen, nicht anders herum, und es würde sich als überaus unfreundlich erweisen, würde sie ihn einfach nur schweigend anstarren.
„Was machen Sie hier, wenn ich fragen darf? Geht es Ihnen nicht gut? Hat der Doktor etwas bei seiner Untersuchung am Montag übersehen?“ Sie legte ihre Stirn in Falten, gespannt wartend auf eine Antwort seinerseits.
„Oh nein, überhaupt nicht“, schüttelte er hastig den Kopf und winkte ab, bevor er fort fuhr. „Doktor Thompson hat hervorragende Arbeit geleistet. Ich hatte zwar am Tag danach noch Kopfschmerzen wegen der leichten Gehirnerschütterung, aber die Schmerzmittel, die der Doktor mir gegeben hat, sind wahre Wundermittel“, erklärte er.
„Wundermittel, die nur dann wirken, wenn sie wirklich gebraucht werden. Unnutze Einnahmen können sehr schädigend sein“, belehrte sie unweigerlich und hätte sich augenblicklich selber für ihre bevormundende Art ohrfeigen können. Kian jedoch lachte lediglich.
„Da haben Sie vermutlich recht und ich habe sie ja auch wirklich nur gegen die Kopfschmerzen genommen. Inzwischen hat sie meine Mum in ihrem Medizinschränkchen verstaut. Aber um auf Ihre eigentliche Frage zurück zu kommen. Ich bin hier, weil ich mich Doktor Thompson zu einer Nachuntersuchung aufgefordert hat und ich mich beruflich sowieso heute in Dublin aufhalte. Demnach passt das sehr gut“, antwortete er ausführlich und zuckte mit den Schultern.
Ruby hatte ihm aufmerksam zugehört und festgestellt, was für eine wunderbar tiefe männliche Stimme er doch hatte.
„Und, waren Sie schon bei Doktor Thompson oder hat er Sie auf eine spätere Uhrzeit vertröstet?“
„Nein, ich war grad eben bei ihm.“
„Alles soweit in Ordnung?“
„Ja, ich denke schon. Die Platzwunde verheilt gut und nächste Woche können voraussichtlich die Fäden gezogen werden. Übernehmen Sie solche Dinge auch?“ Er sah sie unvermittelt an und ließ Ruby dadurch erneut überaus rot werden.
„Gelegentlich schon. Es gehört schließlich zu meiner Aufgabe. Wann genau nächste Woche denn?“
„Mittwoch, den 12.Oktober. Bis dahin wird mich dieses Pflaster noch verunstalten“, seufzte er und schlug theatralisch die Hände über dem Kopf zusammen. Ruby konnte sich ein Lachen nicht verkneifen und schüttelte mit dem Kopf.
„Es verunstaltet Sie nicht, Mister Egan. Und übrigens, an diesem Tag werde ich auch hier sein. Schicht von um 8.00 Uhr bis um 16.00 Uhr.“ Sie wusste nicht, warum sie ihm das gerade gesagt hatte, doch aus irgendeinem Grund wollte sie, dass er es erfuhr.
„Oh, das finde ich sehr gut. Dann werde ich Doktor Thompson darum bitten, dass Sie mir die Fäden ziehen dürfen. Würden Sie das tun?“
„Natürlich“, entfuhr es ihr viel zu überschwänglich. Ruby spürte, dass sie das Gespräch besser bald beenden sollte, wenn sie sich weitere Peinlichkeiten ersparen wollte.
„Ehrlich?“
„Ja, ehrlich“, versicherte sie ihm noch einmal und sah auf ihre Armbanduhr. „Hören Sie, ich hätte schon vor fünf Minuten bei einem Patienten sein müssen. Wenn Sie mich nun also entschuldigen würden.“ Sie blickte zu ihm herauf und lächelte noch einmal, ehe sie an ihm vorbei lief, immer noch daran interessiert, die Akten abzuholen und durchzuschauen.
„Sie haben mir Ihren Namen noch nicht verraten!“, rief Kian ihr hinterher, doch Ruby drehte sich lediglich herum und platzierte einen Finger auf ihren Lippen. Sie würde nichts sagen.
Zumindest nicht jetzt.

*

Nervös rieb Cat ihre Handinnenflächen aneinander und schnappte auffallend stark nach Luft. Sie hatte am heutigen Morgen verschlafen und musste sich aus diesem Grund überaus beeilen, um rechtzeitig bei Louis Walsh zu erscheinen.
Und nun saß sie hier; in dem kleinen, beengenden Vorzimmer seines Büros und wartete darauf, endlich hinein gelassen zu werden.
Warum hatte er ihr einen Termin gegeben, den er letztlich doch nicht einhalten konnte?
Sie schüttelte kaum merklich ihren Kopf und platzierte ihre Hände unbewusst auf ihrem Bauch. Das Baby. Cat musste augenblicklich an das Baby denken, dass langsam in ihrem Körper heran wuchs.
Himmel, sie hatte die ganze letzte Nacht wachgelegen, an die Decke gestarrt und nachgedacht, darum bemüht, eine Entscheidung für sich und das Kind zu treffen. Doch leider Gottes war ihr das nicht gelungen, wie eigentlich nicht anders zu erwarten.

Ein seufzen entwich ihren Lippen, als sie auf die Wanduhr blickte und feststellen musste, dass sie nun schon geschlagene fünfzehn Minuten hier wartete. Gott, es konnte doch für Louis Walsh nicht so schwer sein, aus seinem Büro zu kommen und Cat hinein zu bitten. Wieso tat er das nicht?
Wieso verdammt ließ er sich nicht bei ihr blicken, wo sie doch einen Termin vereinbart hatten?
Gerade, als Cat die Sekretärin darauf ansprechen wollte, öffnete sich die Tür neben ihr und Mister Walsh trat galant nach draußen, den Blick freundlich auf Cat gerichtet, mit einer ausladenden Handbewegung in den Innenraum des Büros deutend. Cat begegnete seinem Blick und nickte wortlos, ehe sie sich von dem Stuhl erhob, sich ihren Rucksack über die Schulter warf und ihrem zukünftigen Chef folgte. Sie musste zugeben, dass sie unsicher war, hoffte jedoch zugleich, eben diese Unsicherheit recht schnell wieder ablegen zu können, schließlich war sie sich im klaren darüber, dass besonders der erste Eindruck am meisten zählte.
Nach einem kurzen Atemzug, mit dem sie sich selber beruhigen wollte, betrat sie das Büro und schloss die Tür hinter sich. Sofortig hafteten fünf Augenpaare auf ihrem Körper – fünf Augenpaare, die sie unweigerlich verrückt machten. Verrückt vor Nervosität, die von Minute zu Minute in schier unerträglicher Weise stieg. Wunderbar.
Dennoch bemühte sich Cat um ein aufrichtiges Lächeln und verschränkte ihre Finger ineinander, nachdem Louis ihr einen Arm um die Schultern gelegt und zu sich gezogen hatte.

„Jungs, William. Ich habe euch angekündigt, euch heute jemand neues vorzustellen. Eine neue Mitarbeitern in unserer Firma. Nun gut, Firma ist vielleicht das falsche Wort – eine neue Mitarbeiterin in unserem Team. Diese junge Frau hier neben mir ist Catherine O’Connor, eine angehende Modedesignerin, die ihr Praxissemester hier bei uns absolvieren wird. Sie wird eng mit William zusammen arbeiten, Bühnenoutfits entwerfen und zugleich designen. Ich hoffe, ihr nehmt sie gebührend auf, akzeptiert und respektiert sie und macht ihr die Arbeit nicht allzu schwer.“ Louis sah argwöhnisch in die Runde und Cat konnte nicht anders, als es ihm gleich zu tun.
Sie hatte diese Männer vor sich noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen und war gerade deshalb sehr darum bemüht, sich ein genaues Bild von ihnen zu verschaffen.
Der erste Mann, den sie musterte hatte helles, beinahe wasserstoffblondes Haar, trug eine halbdunkle Sonnenbrille zu seiner lässigen Kleidung und saß neben einem dunkelhaarigen Mann, der seine Zähne durch ein strahlendes Lächeln entblößte und seine Arme auf seinen Oberschenkeln abgestützt hatte. Interessant. Der dritte Mann war ebenfalls blond, vielleicht viel eher dunkelblond und hatte unwahrscheinlich bestechende Augen. Bestechende blaue Augen, die Cat sofort auffielen.
Bei dem vierten Mann hielt sie inne und legte ihren Kopf ein wenig schief.
Er kam ihr bekannt vor; sie hatte ihn bereits gesehen. Doch wo?
Cat wollte diese Frage beantwortet haben und blieb weiter an ihm haften, sah aber peinlich berührt weg, als er ihren Blick auffing und deutlich hörbar aufstöhnte. Sowohl Louis als auch die anderen Anwesenden sahen ihn irritiert an. Verständlicherweise, denn dieses unbegründete stöhnen konnte sich nun wirklich niemand erklären.

„Was ist Mark?“, fragte Louis und lehnte sich mit seiner Rückansicht an den Schreibtisch, während Cat inmitten des Raumes stehen blieb und sich von allen förmlich beobachtet fühlte.
So sehr sie es auch mochte, im Mittelpunkt zu stehen, so sehr verabscheute sie es gleichzeitig auch.
„Nichts. Was soll denn sein?“, entgegnete er schroff, lehnte sich zurück und überkreuzte die Arme vor seiner Brust.
„Erzähl hier keinen Unsinn, Mark. Warum hast du eben aufgestöhnt? Das muss doch einen Grund gehabt haben. Oder habe ich dich etwa bei einer intimen Tätigkeit gestört?“ Cat riss entsetzt ihre Augen auf, als sie Louis’ Worte vernahm. Sie war überrascht, in was für einem Ton Mister Walsh mit seinen Schützlingen redete. Mark stöhnte erneut auf und schnaubte vernehmlich.
„Mein Gott, Louis. Musst du alles immer unnötig dramatisieren ? Ich habe eben lediglich aufgestöhnt, weil ich diese Frau kenne.“
„Du kennst sie?“
„Sie kennen mich?“, kam es fast gleichzeitig von Louis und Cat, die eine ihrer Augenbrauen nach oben zog und darüber nachdachte, wo genau sie diesen Mann einordnen sollte. Er kam ihr zwar bekannt vor, aber soweit sie sich erinnern konnte, hatte sie ihn noch nie zuvor gesehen.
Zumindest nahm sie das an.
„Ja, ich kenne sie, wobei das Wort kennen wohl etwas übertrieben ist. Wir sind uns schon mal begegnet, auf der Straße. Sie hat mich angerempelt und mir dadurch meine Jeans ruiniert“, erklärte er abwertend, seine Augen missbilligend an Cat auf und ab fahrend.
Cat öffnete entsetzt ihren Mund, als die Erinnerung kam. Mit diesem Mann war sie zusammen gestoßen? Mit diesem versnobten Popstar, der lautstark um seine dämliche Hose getrauert hatte? Nicht zu fassen, aber jetzt wusste sie wenigstens, warum er ihr bekannt vorkam.
„Sie waren das also?“, stieß sie hervor, ohne nachzudenken.
„Ja, ich war derjenige, dessen teure Designerjeans Sie zerstört haben“, entgegnete er und richtete sich ein wenig auf. Cat wusste, dass diese Thematik überhaupt nicht hier her gehörte, doch jetzt, wo er ihr gegenüber saß, wollte sie zumindest die Gelegenheit nutzen, ihm noch einmal richtig ihre Meinung zu sagen. Das hatte er nämlich verdient.
„Hören Sie mal, Mister. Ich habe Ihre Hose nicht zerstört, denn wären sie hauswirtschaftlich ein wenig begabt und geistig etwas weiter voran geschritten, hätten Sie auch gewusst, dass Sie Ihre Hose nur in die Waschmaschine stecken müssten, damit sie wieder sauber wird. Aber soweit scheinen Sie nicht gedacht zu haben, weil Sie natürlich genug Geld haben, um sich sofort eine neue, noch teurere Hose kaufen zu können. Typisch Popstars. Arrogant, selbstgefällig und überhaupt nicht an der Umwelt interessiert. Während in Afrika täglich kleine Kinder verhungern, schmeißen Sie eine Hose, die lediglich drei, ich wiederhole, drei kleine Dreckspritzer hatte, in die Mülltonne. Entschuldigen Sie, aber so was kann ich nicht gutheißen.“ Cat nahm einen tiefen Atemzug und stemmte ihre Hände in die Hüfte, froh darüber, ihrer Wut Luft gemacht zu haben. Im ersten Moment war ihr nicht bewusst, dass sie genau das vor fünf weiteren Personen getan hatte, doch als sie sich umsah und die irritierten, teilweise belustigten Gesichter sah, spürte sie das Blut bereits in ihre Wangen rauschen.
Gott, wie zum Teufel konnte man sich noch mehr blamieren?
War das überhaupt möglich oder war Cat schon am Gipfel der Peinlichkeit angelangt?
„Wissen Sie überhaupt, mit wem Sie es hier zu tun haben?“, konterte Mark und wollte gerade dazu ansetzten, noch etwas zu sagen, als der andere dunkelhaarige Mann sich erhob und ihm eine Hand auf den Mund legte.
„Halt jetzt die Klappe, Feehily, bevor noch mehr Mist rauskommt“, zischte er, drehte sich herum und lächelte Cat zu.

„Hey, ich bin Shane und bitte Sie darum, unseren Mark hier nicht allzu ernst zu nehmen. Er ist, was seine Kleidung betrifft ein bisschen anders“, grinste er und schüttelte Cats Hand.
„Ja, Shane hat recht. Mark ist der jüngste von uns und meint, sich durch sinnlose Diskussionen in den Vordergrund spielen zu müssen“, fügte der Mann mit der Sonnenbrille hinzu und stellte sich als Nicky vor. Cat wusste nichts darauf zu erwidern und nickte lediglich, darauf wartend, dass sich das letzte noch verbliebene Bandmitglied ebenfalls vorstellte. Doch der blonde junge Mann blieb starr auf seinem Platz sitzen und fixierte scheinbar gedankenverloren einen unsichtbaren Punkt.
„Kian, hast du keine Manieren oder warum stellst du dich der Lady nicht vor?“, drehte sich Nicky zu ihm herum und riss ihn unweigerlich aus seiner Apathie.
„Oh, Entschuldigung. Ich bin Kian.“ Der Ansatz eines Lächelns huschte über seine Lippen, doch bevor es überhaupt existent war, war es auch schon wieder verschwunden. Cat hob ihre Hand zu einem Gruß und wollte etwas sagen, als Louis Walsh nach ihrem Arm griff und sie mit sich aus dem Büro zog. Sie wusste nicht, was das zu bedeuten hatte, doch sie glaubte zu wissen, dass er ihr jeden Moment kündigen würde. Nach diesem unbedachten Auftritt wäre das nur allzu verständlich.
Im Vorzimmer seines Büros hielt er inne und sah sich nach seiner Sekretärin um.
Als sie nirgends zu erblicken war, wendete er sich Cat zu und verzog seine Mundwinkel.
„Ich bitte Sie um Entschuldigung, Catherine. Mark kann manchmal sehr temperamentvoll werden, wenn jemand versucht, ihm die Stirn zu bieten.“ Cat glaubte, sich verhört zu haben und fuhr sich aufgewühlt durch das Haar. Konnte das sein? Hatte sich Louis Walsh gerade eben bei ihr entschuldigt, weil sich einer seiner Jungs ihr gegenüber nicht gerade sonderlich höflich benommen hatte?
Himmel, und sie dachte, er würde ihr auf der Stelle kündigen.
„Schon in Ordnung, Mister Walsh. Ich kann damit umgehen, schließlich war ich an dieser kleinen Debatte nicht ganz unbeteiligt.“
„Das mag sein, aber das rechtfertigt noch lange nicht Marks Verhalten Ihnen gegenüber. Ich kann Sie nur darum bitten, ihm das nicht zu verübeln. Eigentlich ist er ein stets freundlicher und zurückhaltender junger Mann. Kann ich trotzdem auf eine gute Zusammenarbeit hoffen?“ Er sah Cat eindringlich an, schien sie mit seinem Blick förmlich zu durchbohren, doch als sie langsam nickte, entspannte er sich und wies auf seine geschlossene Bürotür.
„Wollen wir wieder reingehen oder benötigen Sie noch einen kleinen Augenblick?“
„Ähm...ich wäre gerne noch eine Minute alleine, okay? Aber ich komm sofort nach“, beeilte sie sich zu sagen und vergrub ihre Hände in den Taschen ihrer übergroßen Jeans.
„Okay. Währenddessen werde ich meine Jungs mal über Ihre Aufgaben genauestens aufklären, Catherine. Bis gleich.“ Er zwinkerte ihr zu und war Sekunden später wieder in seinem Büro verschwunden.

Cat wusste nicht, was sie zuerst tun sollte. Sich freuen? Erleichtert sein?
Sie hatte ernsthaft damit gerechnet, bereits an ihrem ersten Arbeitstag gekündigt zu werden und dann geschah so etwas. Nie und nimmer hätte sie gedacht, dass Louis Walsh den Raum mit ihr verlässt, um sich in aller Stille für Marks Verhalten bei ihr zu entschuldigen.
Eher hatte sie erwartet, dass er fordern würde, dass sie sich bei Mark entschuldigte und ihn für die scheinbar ruinierte Hose entschädigte.
Herrgott, sie hatte noch nicht einmal richtig mit arbeiten begonnen und schon hatte sie es sich anscheinend mit einem ihrer Vorgesetzten verscherzt. Wunderbar.
Doch Cat hatte nicht anders reagieren können, musste ihm unbedingt sagen, was sie von seiner Art hielt. Nicht zu fassen, dass er es doch tatsächlich fertig gebracht hatte, seine Jeans wegzuwerfen,
nur weil kaum erkennbare Dreckspritzer sie verzierten. Und jetzt machte er sie dafür verantwortlich.
Nun, vermutlich war diese Auseinandersetzung nicht unbedingt der Beginn einer wunderbaren Freundschaft und dennoch hoffte sie inständig, er würde nicht versuchen, ihr Leben hier zur Hölle zu machen, denn freiwillig kündigen würde sie niemals. Niemals.
Kopfschüttelnd angelte sie in ihrer Hosentasche nach einem Kaugummi und steckte es sich in den Mund. Louis und die anderen warteten sicher, weshalb Cat das Büro wieder betrat und augenblicklich in ein Gespräch über ihre Rechten und Pflichten eingebunden wurde.
Anschließend ging sie gemeinsam mit Louis und William Baker in das Nachbargebäude, eine regelrechte Fundgrube für alle Designer und die, die es noch werden möchten.
Überall lagen teure Stoffe, Werkzeuge und Modepuppen, an denen die ersten Kreationen ausprobiert werden sollten. Cat fühlte sich wie im Paradies und betrachtete alles mit Argusaugen, den Mund fasziniert offen stehend. Hier würde sie für ein halbes Jahr lang arbeiten. Das war ein Traum.

„Und?“, fragte William nach einer kurzen Führung, während er eine Wasserflasche öffnete und an seinen Mund setzte.
„Es ist wundervoll hier. Ich habe noch nie in meinem Leben derart viele, verschiedene Stoffe gesehen. Sie können mir nicht erzählen, dass Sie einzig und allein für Westlife designen.“
„Das tue ich auch nicht. Neben Westlife bin ich für die Einkleidung von Girls Aloud und Robbie Williams zuständig“, antwortete er gelöst und nahm einen weiteren Schluck aus seiner Plastikflasche.
„Sie kleiden Robbie Williams ein? Sie kleiden ernsthaft Robbie Williams ein? Das ist unglaublich. Wie schaffen Sie das alles? Ich meine – wow.“
„Sehr gute Frage. Ich habe natürlich einige Assistentin, die mir behilflich sind. Dazu gehören von nun an natürlich auch Sie, Miss O’Connor“, nickte er und setzte sich auf die Lehne eines nahestehenden gelben Ledersessels. William Baker machte einen leicht überheblichen Eindruck und war allem Anschein nach vom anderen Ufer, doch Cat mochte ihn auf Anhieb, gerade wegen seiner etwas eigenartigen Verhaltensweise.
„William hat recht. In dem halben Jahr, in dem Sie für uns tätig sind, wird William unwahrscheinlich auf sie angewiesen sein, da Sie ihm ein Teil seiner Hauptarbeit abnehmen werden. Catherine, ich habe Ihnen bereits am Montag verdeutlicht, dass sie lediglich für Westlife während des halben Jahres verantwortlich sein müssen. Es gilt Touroutfits und Showkleidung zu entwerfen und zu schneidern. Eine wahrlich anspruchsvolle Aufgabe, der sie sicherlich gewachsen sind“, beendete Louis seine Ausführungen und legte Cat eine Hand auf die Schulter.
Sie hoffte so sehr, seinen Ansprüchen gerecht zu werden und war schon jetzt fest entschlossen, ihr bestes zu geben. Natürlich befand sich nach wie vor die Tatsache, dass sie ein Baby erwartete, in ihrem Hinterkopf, doch diesen Gedanken versuchte sie schleunigst zu verdrängen, damit es ihr möglich war, sich auf all das zu konzentrieren, das sich vor ihren Augen abspielte.
Über ihr Baby würde sie noch lange genug nachdenken können, wenn sie zuhause war.
„Ich werde mich bemühen, Mister Walsh, Mister Baker.“
„Das hoffe ich auch, denn in knapp zwei Wochen werden Sie zusammen mit den Jungs eine Promotour durch England und Schottland absolvieren. Die Jungs als Protagonisten, Sie als stille Stylistin im Hintergrund“, sagte William etwas abschätzend und versetzte Cat damit einen wahrhaften Schock. In zwei Wochen? Sie sollte in zwei Wochen gemeinsam mit Westlife durch Großbritannien reisen, wo sie Irland in ihrem Leben noch nicht ein einziges mal verlassen hatte?
Wie sollte sie das schaffen? Würde sie fliegen müssen? Oder fuhren sie mit einem Bus?
Himmel, wenn Cat wirklich in ein Flugzeug steigen müsste, dann würde sie vermutlich tausende Tode sterben, denn kaum jemand hatte dermaßen große Flugangst wie sie.
„Stimmt das, Mister Walsh?“, fragte sie nervös, in der Hoffnung, sich nur verhört zu haben.
„Ja, Catherine. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass eine Promotion ansteht, auf der Sie meine Schützlinge begleiten werden.“
„Stimmt schon, aber ich hätte nicht gedacht, dass das so schnell sein wird. Ich meine, ich hab doch gar nicht genug Zeit, um mich hier einzuarbeiten und ein bisschen Praxiserfahrung zu sammeln“, versuchte Cat sich heraus zu reden, die Finger unruhig am Saum ihrer Jacke herum spielend.
„Wissen Sie, Catherine. Diese sogenannte Praxiserfahrung wird sich von ganz allein entwickeln, gerade, wenn Sie mit den Jungs unterwegs sind und teilweise unter Druck arbeiten müssen“, explizierte Louis und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.
Unter Druck arbeiten – wie sich das anhörte. Als wäre sie eine Maschine, von der schier unmögliches erwartet wurde.
„Wenn Sie meinen“, erwiderte sie leise, heftigst auf ihrem Kaugummi kauend.
Sie fühlte sich bereits jetzt maßlos überfordert und das, obwohl sie noch nicht einmal gearbeitet hatte.
„Nur keine Bange, Catherine. Sie schaffen das. Und nun muss ich mich entschuldigen. Die Jungs warten drüben noch auf mich. Also, William. Weißt du Catherine in ihr Aufgabengebiet ein?“
„Sicher, Louis. Kommen Sie, Miss O’Connor. Wir gehen in mein Büro.“
Cat hatte überhaupt nicht die Möglichkeit, zu widersprechen, denn ehe sie sich versah, fand sie sich schon in Williams schrillen Büro wieder.
Das schienen aufregende sechs Monate zu werden.

*

Mürrisch verließ Mark gemeinsam mit Nicky, Shane und Kian das Bürogebäude seines Managers und steckte sich augenblicklich eine Zigarette an, als er draußen vor der Tür angelangt war.
„Ich kann nicht glauben, dass Louis diese Frau tatsächlich eingestellt hat“, murmelte er mehr zu sich selbst, als zu den anderen und zog kräftig an seiner Zigarette.
„Was ist den bitte dagegen einzuwenden. Sie scheint doch sehr nett zu sein, wenn auch ein bisschen verrückt“, widersprach Nicky energisch und knöpfte seine Lederjacke langsam zu.
„Oh ja, verrückt trifft es wohl eher. Diese Frau ist total durchknallt und hat einen Kleidungsstil, mit dem ich mich nicht mal auf die Straße trauen würde. Habt ihr ihren Pullover gesehen? Erstens war er ihr viel zu groß und zweitens sah der aus, als käme er frisch aus dem Altkleidercontainer“, zog Mark über Cats Kleidung und schüttelte verständnislos den Kopf.
Diese Frau hatte etwas an sich, das ihn fürchterlich abstieß.
„Nun übertreib aber mal nicht, Fee. Der Pullover hat ihr doch gut gestanden und außerdem kann es dir doch egal sein, was sie trägt und was nicht. Hauptsache sie leistet gute Arbeit. Und das tut sie sicherlich, denn sonst hätte sie Louis nie eingestellt“, meinte Shane und wendete sich an Kian, der teilnahmslos in den wolkenverhangenen Himmel gestarrt hatte.
„Kommst du mit, Kian? Ich fahre zurück nach Sligo. Gil will mit mir die Vorbereitungen für Alanas Taufe durchgehen und duldet sicher keine Verspätung.“ Kian sah auf und schüttelte seinen Kopf.
„Nein, ich bleibe hier in Dublin. Ich hab mir über Nacht ein Zimmer genommen, damit ich morgen nicht schon in aller Frühe hierher fahren muss. Du kannst also fahren.“ Kian lächelte knapp und winkte allen zur Verabschiedung, bevor er seinen Autoschlüssel zu Tage beförderte und auf den dunkelblauen BMW zulief – seinem Zweitwagen.
Die Jungs sahen ihm seufzend nach und Nicky war der Erste, der das Wort nach kurzem Schweigen wieder ergriff.

„Er scheint einfach nicht über Jodi hinweg zu kommen, was?“
„Nicht wirklich, dabei hat er mir gegenüber gesagt, er würde noch nicht mal mehr an sie denken“, erwiderte Shane stöhnend und warf einen Blick auf seine Uhr.
„Jungs, ich muss jetzt. Gillian wartet.“ Augenrollend klopfte er erst Nicky und anschließend Mark auf die Schultern, ehe er sich von beiden abwandte und ebenfalls zu seinem Wagen lief.
„Wollen wir auch, Mark?“ Nicky blickte zu Mark, der den Rauch der Zigarette tief inhalierte und kurz darauf wieder lautlos ausstieß.
„Gleich. Lass mich noch schnell aufrauchen, ja?“ Mark brauchte diese Zigarette ganz dringend, um sich einigermaßen entspannen zu können, nachdem ihn diese Catherine derart auf die Palme gebracht hatte. Nicht zu fassen, dass sie ihn als arrogant und selbstgefällig bezeichnet hatte, wo sie sich doch überhaupt nicht kannten. Gut, dass er nicht nach Sligo fahren musste, sondern die Nacht bei den Byrnes im Gästezimmer verbringen durfte. Er hätte sich keinesfalls auf den Straßenverkehr konzentrieren können, so sehr regte er sich noch über die vergangenen Minuten auf.
„Was hast du eigentlich genau gegen Catherine? Ihr seid doch lediglich auf der Straße zusammen gestoßen und giftet euch so dermaßen an. Versteh ich nicht.“
„Musst du auch nicht“, entgegnete Mark harsch, nahm einen letzten Zug und warf die Zigarette auf den grauen Asphalt, um sie auszutreten.
„Mein Gott, Feehily, du bist wirklich schlecht drauf, was?“ Nicky legte seine Stirn in Falten und verzog seine Mundwinkel zu einer Grimasse, als Mark nickte.
„Ich ertrage den Gedanken einfach nicht, mit dieser widerlichen Person zusammen arbeiten zu müssen. Deswegen die schlechte Laune“, seufzte Mark und lief neben Nicky zu dessen roten Ferrari.
„Als widerlich würde ich sie ja nun wirklich nicht bezeichnen. Vielleicht als sonderbar, aber nicht als widerlich. Sie ist doch ganz hübsch.“
„Hübsch?“ Mark blieb abrupt stehen, die Augen weit aufgerissen.
„Ja, hübsch. Hast du was dagegen?“
„Nicky, sperr deine Augen auf. Catherine ist nicht hübsch. Ihre Haare sind viel zu stark blondiert, ihre Augen viel zu groß und ihre Nase passt überhaupt nicht zu ihren Gesichtsproportionen“, empörte sich Mark und stemmte seine Hände in seine Hüften.
Nicht konnte nicht anders, als lautstark aufzulachen.
„Du hast sie dir aber ganz genau angesehen, was?“, grinste er und entriegelte die Türen des Wagens.
„Ist dir das etwa nicht aufgefallen? Ich finde, dass das doch sehr offensichtlich war.“
„Ja, offensichtlich, weil du sie die ganze Zeit angestarrt hast. Aber egal. Steig endlich ein.“ Nicky öffnete die Fahrertür und ließ sich auf den Sitz fallen, darauf wartend, dass Mark es ihm gleich tat und sich ebenfalls setzte.
„Ich hab sie überhaupt nicht die ganze Zeit angestarrt. Und nun möchte ich nicht mehr über sie reden. Es reicht mit schon, dass sie mit uns auf Promo kommt“, entfuhr es Mark, während er sich in die weichen Polster des Sitzes sinken ließ. Nicky verkniff sich jede Erwiderung und startete stattdessen den Motor.

*

Lustlos schloss Kian die Tür auf und trat in das relativ dunkle, dafür aber sehr geräumige Hotelzimmer. Er stellte seine Taschen neben der Tür ab und stieß einen lauten Seufzer aus.
Eigentlich mochte er Hotels innerhalb Irlands nicht, da er prinzipiell die Möglichkeit hatte, nach Hause zu fahren, doch heute und in diesem Moment war er froh über seine Entscheidung, die Nacht hier in Dublin zu verbringen. In Sligo wäre ihm vermutlich die Decke auf den Kopf gefallen und das wollte er tunlichst vermeiden. Vielleicht würde es ihm in diesem Raum gelingen, seine Gedanken an Jodi wenigstens für ein paar Minuten zu verdrängen, ihren Namen für wenige Augenblicke aus seinem Kopf zu streichen. Er hatte es satt, immer an sie denken zu müssen, sich fragen zu müssen, was sie gerade tat und wie es ihr ging. Gott, sie hatte sich entschieden, ihr eigenes Leben zu leben und Kian hatte dies akzeptieren wollen. Musste dies akzeptieren.
Er fuhr sich durch dunkelblonden Locken und schüttelte energisch seinen Kopf.
Jodi gehörte der Vergangenheit an, so schwer es auch war, sich mit eben dieser Tatsache auseinander zu setzen. Kian kickte seine auf dem Boden stehende Tasche etwas zur Seite und durchquerte das Zimmer, um einen Blick aus dem Fenster zu werfen.
Die Wolken verdunkelten sich von Sekunde zu Sekunde mehr und drohten eine wahrliche Sinnflut an. Nicht gerade verlockende Aussichten, um den Abend im Freien zu verbringen.
Kian seufzte erneut und warf sich rücklings und mit ausgebreiteten Armen auf das breite Doppelbett, die Augen geschlossen, der Atem ruhig und kontrolliert.
Am liebsten wäre er den restlichen Tag hier liegen geblieben, ohne etwas zu machen, ohne sich auch nur annähernd zu bewegen, doch er wusste, dass er noch einen Anruf bei seinen Eltern tätigen musste, die ihn pünktlich zum Abendessen in Sligo zurück erwarteten.
Schwerfällig erhob er sich nur Minuten später und langte nach seinem Handy in der Jackentasche. Ohne auf die Tastatur zu achten, wählte er die Nummer seiner Eltern und wartete darauf, dass jemand abnahm.

„Egan“, kam es nur Augenblicke später durch den Hörer und Kian musste unweigerlich lachen, als er die Stimme seines Bruders am anderen Ende der Leitung vernahm.
„Hey, Colm. Kann ich mit Mum oder Dad sprechen?“, fragte er und stützte sich mit dem Ellenbogen auf der weichen Matratze ab.
„Klar. Warte, Kian. Ich rufe Mum. MUM!!! Kian ist am Telefon!“, schallte es ihm lautstark entgegen und der Hörer wurde abgelegt, wahrscheinlich auf dem Schränkchen, auf dem sich das Telefon befand. Er wäre jetzt gerne bei seinem kleinen Bruder gewesen, hätte sich gerne ein erbittertes Duell mit ihm an der Playstation oder auf dem Fußballplatz geliefert, aber er hatte es anders gewollt.
„Kian?“, meldete sich Patricia plötzlich und beendete den Gedankengang ihres Sohnes schlagartig.
„Ja, ich bin’s. Ich wollte nur bescheid sagen, dass ich über Nacht hier in Dublin bleibe“, verkündete er, wartend auf die Reaktion seiner Mutter, die prompt folgte.
„Aber wolltest du nicht mit Shane zurück nach Sligo kommen?“, wollte sie irritiert wissen.
„Anfangs hatte ich das auch vor, aber ich hab seit heute Mittag ziemlich heftige Kopfschmerzen und wollte mich nicht noch mal zwei Stunden hinters Steuer setzen, nur um Morgen früh um sechs schon wieder aufzubrechen“, erklärte er ohne Reue und sah beiläufig auf den Funkwecker, der auf dem Nachtschränkchen neben dem Bett stand.
„Ach so. Dann bleibst du also in Dublin. Übernachtest du bei Nicky?“
„Nein, Mark hat sich schon bei ihm einquartiert und ich wollte Nicky und Georgina keine Mühe machen, indem ich auch noch das zweite Gästezimmer belege. Ich bin hier in einem netten, gemütlichen Hotel am Stadtrand und werde vortrefflich versorgt. Der Inhaber des Familienbetriebs hat mir sofort ein warmes Abendessen angeboten, mit dem Vorschlag, dass er es mir auf mein Zimmer bringt. Besser könnte es mir zuhause oder in einem First-Class Hotel auch nicht gehen“, schäkerte er, um von seinem ursprünglichen Gemütszustand abzulenken.
„Nun, wenn du meinst. Wie lange bleibst du in Dublin?“ Ihm war der leicht verletzte Unterton seiner Mutter nicht entgangen, doch es war ihm momentan egal, dass sie es ihm übel nahm, ein einfaches Hotel seinem Zuhause vorzuziehen.
„Morgen Abend. Wir schließen morgen früh die Aufnahmen für unser Album ab und besprechen einige Details wegen der bevorstehenden Promotion in knapp zwei Wochen. Bis dahin hab ich übrigens frei.“
„Frei? Du hast zwei Wochen am Stück frei? Zu dieser Jahreszeit? Ich kann mich daran erinnern, dass es Oktober gab, in denen du nicht einen einzigen Tag hier in Irland, geschweige denn in Sligo warst“, sagte sie skeptisch und veranlasste Kian zu einem geräuschlosen schmunzeln.
„Mum, ich meine es ernst. Die Promo beginnt am 17. Oktober und heute haben wir den sechsten.“
„Das sind aber keine zwei Wochen, mein Junge, sondern lediglich elf Tage“, verbesserte sie ihn. Kian rollte entnervt mit den Augen und entdeckte die ersten Regentropfen, die an der Fensterscheibe abperlten.
„Dann sind es eben nur elf statt vierzehn Tage. Fakt ist, dass ich in dieser Zeitspanne keinerlei Verpflichtungen hab, außer einen Arzttermin nächsten Mittwoch. Die Fäden werden gezogen.“ Er gab diese Worte nicht von sich, ohne nicht an die freundliche Krankenschwester zu denken, der er, wann immer er sich im Krankenhaus befand, über den Weg lief.
„Das klingt großartig, mein Sohn. Dein Vater will den Garten winterfest machen und könnte dabei eventuell deine Hilfe gebrauchen. Tom ist nämlich ab Anfang nächster Woche in Kenia und Gavin wird nicht extra von Waterford herkommen. Er lässt Ellen nur ungern allein, jetzt, wo die Geburt kurz bevor steht. Du weißt selbst, wie aufgeregt er ist.“
„Und wie ich das weiß. Ich verstehe Gavin nicht. Er hat diese ganze Prozedur doch bei Tracy schon mal mitgemacht und stellt sich an, als würde er zum ersten mal Vater werden“, seufzte Kian vernehmbar und dachte an seinen ältesten Bruder.
„Kian, man merkt, dass du noch kein Vater bist. Die Geburt eines Kindes ist immer aufregend, egal wie oft man dieses Phänomen vorher schon erlebt hat“, tadelte Patricia und versetzte Kian damit unweigerlich einen Stich. Er liebte Kinder und wünschte sich nichts sehnlicher, als eigene in die Welt zu setzen. In Jodi hatte er geglaubt, die Richtige für dieses Vorhaben gefunden zu haben, doch er hatte sich getäuscht. Mal wieder getäuscht.
„Nun ja, Dad kann jedenfalls mit mir rechnen“, erwiderte er nach kurzer Stille und setzte sich auf.
„Ich richte es ihm aus. Übernimm dich nicht, Kian, ja? Der Unfall war gerade erst vor drei Tagen“, mahnte Patricia noch einmal zu Schluss, weshalb Kian unbewusst nickte.
„Keine Sorge. Studioaufnahmen sind nicht sonderlich aufregend. Ich muss jetzt Schluss machen. Mein Abendessen wird gerade gebracht“, log er eilig, wartete eine kurze Verabschiedung seiner Mutter ab und legte anschließend auf.
Gott, er musste sich verdammt noch mal endlich zusammen reißen.

*

„Mark? Chips oder Erdnüsse?“ Georgina hielt Mark zwei Schüsseln mit verschiedenem Inhalt unter die Nase und lachte auf, als Mark erschrocken zusammen fuhr und sich unbeholfen an der Stirn kratzte.
„Erdnüsse, bitte“, entgegnete er, nahm Georgina die Schüssel ab und griff augenblicklich hinein.
Eigentlich hatte er überhaupt keinen Hunger mehr, doch er musste sich ablenken.
Irgendwie ablenken. Und wenn er das durch Essen schaffte, war ihm das nur recht.
„Aber du weißt schon, dass Erdnüsse sehr viele Kalorien haben, oder?“, neckte ihn Nicky, der einen Schluck aus seinem Colaglas nahm und sich auf dem Sofa lässig zurücklehnte.
Mark steckte Nicky daraufhin die Zunge raus und seufzte innerlich auf.
Vielleicht hätte er doch nach Hause fahren sollen, anstatt sich bei Nicky und Georgina aufzuhalten, die vermutlich viel lieber ihre Ruhe gehabt hätten, als Mark zu beherbergen.
„Hör auf, ihn zu ärgern, Nicky. Iss ruhig, Mark.“ Georgina deutete mit ihrem Zeigefinger auf die Erdnüsse und zwinkerte Mark aufmunternd zu, als er seine Mundwinkel verzog, scheinbar wenig angetan von der momentan vorherrschenden Situation.
„Ach, wenn ich’s mir recht überlege, dann ist mir gerade doch nicht nach Erdnüssen.“ Demonstrativ stellte er die Schüssel vor sich ab und konzentrierte sich auf den Fernsehbildschirm, der lauter bunte Bilder in den Raum hinein strahlte und ihn unweigerlich erhellte.
„Du bist mir doch jetzt nicht böse, oder?“, wollte Nicky von plötzlicher Reue gepackt wissen und blickte hinüber zu Mark, der lediglich seine Schultern hob und nicht weiter auf Nickys Kommentar einging. Er hatte keine Lust, auf anregende Gespräche oder irgendwelche Diskussionen, die ihn im Grunde nicht einmal ansatzweise interessierten. Überhaupt fragte er sich, weshalb er derart schlecht gelaunt war, wo niemand ihm auch nur irgendwas getan hatte.
„Komm schon, Mark. Das war doch nicht böse gemeint. Meinetwegen kannst du alle Chips und Erdnüsse aufessen. Es ist mir völlig egal“, rechtfertigte sich Nicky und sah hilfesuchend zu Georgina, die allerdings nur nach einer Zeitung griff und sich nicht in das anlaufende Männergespräch einmischte. Mark wusste nicht, ob er erleichtert darüber sein sollte, immerhin war Georgina eine Person, die sich fast immer auf Marks Seite begab, wann immer es ihn zu verteidigen galt.

„Lass gut sein, Nicky. Ich werde schlafen gehen“, kam es nach einem kurzen Augenblick der Stille von Mark und er schickte sich an, sich zu erheben, doch Nicky griff nach seinem Oberarm und hielt ihn somit zurück.
„Nein, nichts da. Du bleibst jetzt hier. Ich möchte mit dir reden, weil ich deine schlechte Laune überhaupt nicht verstehen kann. Das Kian momentan kaum ansprechbar ist, kann ich nachvollziehen, doch das du neben der Spur läufst, gibt mir ehrlich gesagt Rätsel auf.“ Mit diesen Worten drückte er Mark zurück auf die Couch und drehte sich etwas, um ihn besser ansehen zu können.
Mark presste seine Lippen aufeinander, möglichst darauf bedacht, sein Missfallen nicht allzu offenbar zu zeigen, doch er wusste, dass dieses Gespräch notwendig war. Allein deshalb, damit Mark seinem Ärger Luft machen konnte.
„Gut, lass uns reden“, willigte er schließlich ein und warf sich ein paar Erdnüsse in den geöffneten Mund, bevor er seine Gedanken ordnete und überlegte, womit genau er beginnen sollte.
Der Hauptgrund seines Ärgers war natürlich diese Catherine. Mark wusste selber nicht, warum diese Frau ihn dermaßen abstieß, doch es war nun einmal so und daraus würde er ganz sicher keinen Hehl machen. Zum anderen störte es ihn, dass er in bereits anderthalb Wochen schon wieder auf Promotion gehen musste, obwohl Louis ihnen versprochen hatte, damit erst zu Beginn des neuen Jahres zu beginnen, damit Kian sich von der Trennung von Jodi erholen und Shane sich um Gillian und seine kleine Tochter Alana kümmern konnte.
„Nun schieß schon los, Fee. Ich bin ein sehr guter Zuhörer – das habe ich bei Kian schon oft genug bewiesen“, zwinkerte er schmunzelnd und animierte Mark dadurch tatsächlich zum reden.

„Ach, Nicky. Momentan verfluche ich alles und jeden. Es passt mir nicht, dass Louis diese merkwürdige Frau eingestellt hat und es passt mir noch weniger, dass er die Promo für das Album kurzfristig vorgezogen hat. Noch dazu ist meine Mum nervlich vollkommen fertig, weil Barry plant, im Dezember nach Kanada zu gehen. Er will dort studieren, weil er der Meinung ist, hier in Irland nicht genügend Perspektiven zu haben. Du kannst dir also vorstellen, dass unser Haussegen gewaltig schief hängt. Mum kann es schon kaum ertragen mich immer gehen zu lassen; wie bitte schön soll das erst werden, wenn Barry auswandert.“ Er schüttelte kaum merklich den Kopf und fühlte sich sofort besser, sogar um einiges befreiter, als noch Sekunden zuvor.
Gott, Nicky konnte er wirklich immer sein Herz ausschütten, egal wie gestresst sein Kumpel auch war.
„Hört sich nicht gut an“, resümierte Nicky kurz darauf und drückte sich ein Kissen gegen den Bauch. Mark konnte nur nicken und erneut nach Erdnüssen greifen, in der Hoffnung, Nicky würde ihm irgendeinen Rat erteilen, den er gebrauchen konnte.
„Ich würde sagen, wie erörtern deine Aussagen jetzt mal ein bisschen, ja? Fangen wir mit Catherine an. Was genau passt dir an ihr nicht? Du kennst sie doch prinzipiell überhaupt nicht.“
„Uah, ich will sie auch überhaupt nicht kennen. Es reicht mir schon völlig, dass sie mit uns auf Promo geht. Ich frag mich echt, wie unsere Bühnenoutfits aussehen sollen, wenn diese Person sie designt. Will Louis unsere Fans vertreiben oder was?“, gab Mark verständnislos zur Auskunft und warf seinen Kopf in den Nacken, um seine angespannte Halsmuskulatur zu entlasten.
„So drastisch würde ich das ja nicht ausdrücken. Wir sollten einfach abwarten und nicht voreilige Schlüsse ziehen, was Catherine angeht. Wohlmöglich ist sie eine hervorragende Designerin und wir können Louis am Ende noch dankbar sein, dass er sie eingestellt hat“, verteidigte Nicky das neue Teammitglied.
„Das halte ich eher für unwahrscheinlich“, schnaubte Mark und winkte ab.
„Man, du bist echt ein schrecklich verbohrter Esel. Lassen wir das Thema also und widmen uns der Promo. Ich bin auch nicht sonderlich begeistert, dass es übernächste Woche schon los geht, aber haben wir eine Wahl?! Das Album ist früher fertig geworden als gedacht – warum also nicht auf Promotion gehen? Mark, früher hat dir das doch auch nichts ausgemacht.“
„Es macht mir ja auch jetzt noch nichts aus. Es stört mich ganz einfach, weil Louis diese Angewohnheit hat, ständig Entscheidungen zu treffen, ohne uns wirklich einzubinden.“ Er sah kurz auf, als Georgina sich nach oben verabschiedete, um die beiden Männer nicht zu stören, und widmete sich anschließend wieder Nicky, der aufmerksam zugehört hatte.
„Mir geht’s ähnlich, aber mittlerweile hab ich mich dran gewöhnt. Aber dir geht’s sicherlich auch um deine Eltern, stimmt’s? Jetzt, wo Barry nach Kanada gehen will.“
„Ganz genau“, nickte Mark wehleidig, nicht sicher, ob sein Verhalten wirklich gerechtfertigt war. Seine Sorgen kamen ihm ziemlich klein vor, wenn er an all das Elend in der Welt dachte und doch fühlte er sich schlecht, von seinen eigenen Problemen förmlich übermannt.
„Hast du Marie und Oliver schon gesagt, dass es in anderthalb Wochen rüber nach England und Schottlang geht?“
„Wann hätte ich das denn tun sollen? Als ich es vorhatte, hat Mum mir ihr Leid bezüglich Barry geklagt und ich hab die ganze Sache schlichtweg vergessen. Himmel, Mum rechnet volltens damit, dass ich bis Januar in Irland bleibe und sie nimmt es mir bestimmt übel, wenn ich ihr diese Freude nehmen muss.“ Mark nahm einen tiefen Atemzug und beobachtete die Vorhänge, die sich durch den Wind, der durch das geöffnete Wohnzimmerfenster hindurch schlich, geräuschlos aufbauschten.
„Alles ziemlich kompliziert, was?“
„Wahrscheinlich ist es überhaupt nicht kompliziert. Ich dramatisiere die Angelegenheit einfach nur unnötig“, jammerte Mark und drohte in Selbstmitleid zu versinken. Er verstand sich selber nicht und hätte sich aufgrund seinem Gezeter am liebsten auf der Stelle geohrfeigt.
Was war nur mit ihm los? Wieso war er dermaßen gestresst und verärgert?
„Weißt du was, Fee? Ich bin dafür, dass wir diese Thematik jetzt beenden, eine Flasche Bier zusammen trinken und uns auf das laufende Abendprogramm konzentrieren. Wenn ich mich nicht verlesen hab, dann läuft in fünf Minuten Armageddon. Ich liebe diesen Film“, grinste Nicky.
Mark kam nicht drum herum, sein Lächeln zu erwidern und nickte, schließlich mochte er diesen Film ebenso und war nicht abgeneigt, ihn sich anzusehen.
„Ich geh schnell in den Keller und hole zwei Flaschen Bier. Du könntest in der Zwischenzeit die Chips nachfüllen“, schlug Nicky vor, nachdem er aufgestanden und Richtung Wohnimmertür gegangen war.
„Hat Gina denn nichts dagegen, dass ich dich heute den ganzen Abend über beanspruche?“, zweifelte Mark, die halbleere Schüssel mit den Chips auf seinen Oberschenkeln stehend.
„Nein, hat sie nicht. Gina sitzt sicherlich oben und verschlingt eines ihrer heißgeliebten Bücher oder liest Manuskripte ihrer Schwester Probe. Eins von beidem tut sie garantiert, demnach würde ich nur stören“, erklärte Nicky und verschwand gänzlich aus Marks Blickfeld.
Mark war im nachhinein doch froh, hier geblieben zu sein, denn wäre er nach Hause gefahren, hätte er nie ein solch befreiendes Gespräch führen können.

*

7.Oktober 2005, Dublin

„Mittlerweile müsstest du doch eigentlich mit dem Krankenhaus verheiratet sein, oder, Ruby? Du bist beinahe öfter hier, als in deiner Wohnung“, bemerkte Wanda in der Frühstückspause und sah zu Ruby, die geräuschvoll in ihren Apfel biss und zustimmend nickte.
„Genau das selbe habe ich gestern Abend im Bett auch gedacht. Ich bin gestern um kurz nach acht nach Hause gekommen, nur um mich heute um sechs Uhr schon wieder aus dem Bett zu quälen, obwohl ich bis Sonntag eigentlich frei gehabt hätte. Entschuldige, wenn ich das sage, aber Oberschwester Margaret macht das mit vollster Absicht. Sie kann mich nicht leiden und versucht mich mit unmenschlichen Arbeitszeiten zu vertreiben. Aber ohne mich. Ich bin zwar kein sonderlich aufsässiger Mensch, aber ich liebe meinen Job hier in der Klink viel zu sehr, als dass ich mir einen Strich durch die Rechnung machen lasse. Schon gar nicht von dieser Frau. Ich...“ Ruby hielt inne, als die Tür zum Aufenthaltsraum geöffnet wurde und Margaret hinein trat. Wanda und Ruby warfen sich einen vielsagenden Blick zu, bevor Wanda sich erhob und den Raum beinahe fluchtartig verließ, nur um einem Gespräch mit Margaret aus dem Weg zu gehen.
„Morgen“, murmelte die Oberschwester, goss sich eine Tasse Kaffee ein und ließ sich Ruby gegenüber auf einen gut gepolsterten Stuhl fallen.
„Morgen“, entgegnete Ruby kurz angebunden und entsorgte ihren Apfelkrebs in einem nahestehenden Mülleimer, um wie Wanda nur Sekunden zuvor, ebenfalls aus dem Zimmer zu treten.
Oberschwester Margaret jedoch schien anderes vorzuhaben und deutete ihr mit einem Fingerzeig sitzen zu bleiben. Ruby hielt einen Moment lang in ihrer Position inne und überlegte, was genau die Oberschwester ausgerechnet jetzt von ihr wollte.
Hatte sie sich etwas zu schulden kommen lassen? Hatte sie verschlafen? Irgendeine Arbeitszeit nicht eingehalten? Ruby hatte keine Ahnung, was sie falsch gemacht haben könnte und ließ sich deshalb guten Gewissens zurück auf ihren angestammten Platz fallen.
Sie versuchte zu Lächeln, was ihr aufgrund der versteinerten Miene ihrer Vorgesetzten allerdings äußerst schwer fiel.
„Ruby, ich muss dringend mit Ihnen reden“, sagte Margaret plötzlich, nachdem sie den Kaffeebecher in einem beinahe beängstigenden großen Schluck vollständig geleert hatte.
„Um was geht es denn, Oberschwester?“, fragte Ruby vorsichtig nach, in der Hoffnung, Margaret würde ihr augenblicklich ihr Anliegen offenbaren.
„Um Ihre Arbeitszeiten. Sie wurden in den letzten Tagen sehr eingespannt, nicht?“
„Ja, das wurde ich“, nickte Ruby langsam und verschränkte ihre dünnen Finger ineinander.
„Gut. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass sich das in den kommenden Wochen auch so fortführen wird. Angela, unsere Pflegerin, wird bis zu den Weihnachtsfeiertagen ausfallen. Unterleibsoperation mit Komplikationen. Und auch Howard ist bis auf weiteres krank geschrieben. Kurzum bedeutet das, dass ich Ihren Weihnachtsurlaub vom 20. Dezember bis zum 29. Dezember streichen muss. Tut mir leid.“ Rubys Kopf schnellte schockiert nach oben. Hatte sie soeben richtig gehört? Ihr Weihnachtsurlaub wurde gestrichen? Der Urlaub, auf den sie sich bereits das ganze Jahr über gefreut hatte? Das durfte doch nicht wahr sein.
„Ist das Ihr ernst?“, hakte sie skeptisch nach, da sie den Worten der Oberschwester nicht recht glauben schenken wollte. Nicht schenken konnte.
„Das ist mein voller Ernst, Ruby. Aber falls es Sie beruhigt, Sie sind nicht die Einzige, die auf ihren Urlaub verzichten muss“, verkündete Margaret ohne den Ansatz von Reue und griff sich in die aschblonden, toupierten Locken.
„Aber, Oberschwester. Ich habe diesen Urlaub schon seit Anfang des Jahres geplant. Sie können ihn nicht einfach streichen.“
„Uns wie ich das kann, meine Liebe. Wir brauchen hier jede Kraft und ich kann auf die Wünsche und Bedürfnisse einzelner nun mal keine Rücksicht nehmen. Was auch immer Sie zu Weihnachten vorhatten; sagen Sie es besser ab.“ Mit diesen Worten schob Margaret den Kaffeebecher in die Mitte des Tisches und erhob sich schwerfällig, um zurück an ihre Arbeit zu gehen.

Ruby blickte ihr ungläubig nach, den Kopf unentwegt schüttelnd. Was würde sie noch alles hinnehmen müssen, bevor sie akzeptiert und respektiert werden würde?
Man konnte ihr doch den Urlaub nicht einfach streichen. Nicht den Urlaub, der ihr dermaßen am Herzen lag. In den ganzen letzten Jahren hatte sie über die Feiertage arbeiten müssen und dieses Jahr, wo sie gemeinsam mit ihrer gesamten Familie in die Alpen zum Skifahren fliegen wollte, passierte so etwas. Ruby war so wütend, dass sie der Oberschwester für ihre dreiste Art am liebsten den Hals umgedreht hätte. Herrgott, warum passierte das immer ihr?
Tränen der Wut traten abrupt in ihre Augen und versuchten sich einen Weg nach draußen zu bahnen, doch Ruby blinzelte sie emsig weg, nicht gewollt, sich etwas anmerken zu lassen.
Sie wollte keine Schwäche zeigen, wollte Oberschwester Margaret nicht signalisieren, dass sie überaus verletzt und getroffen von dieser plötzlichen Entscheidung war.
Nein, diese Genugtuung wollte sie ihr keinesfalls bereiten.
Entschlossen stand Ruby auf und warf einen Blick auf den Arbeitsplan. Sie würde sich um Phillip McAlestor kümmern müssen, ehe sie beim austeilen des zweiten Frühstücks half.
Nicht gerade berauschende Aussichten, doch sie würden auf jeden Fall dazu dienen, sich abzulenken. Ruby wusste nicht wieso, aber sie musste mit einem mal an diesen Kian denken.
Aus irgendeinem Grund freute sie sich auf den kommenden Mittwoch, darauf ihn wieder zu sehen und darauf, ihm die Fäden zu ziehen. Obwohl sie diesen Mann kaum kannte, mochte sie ihn. Sie mochte ihn auf eine seltsame Art und Weise.

*

Verschlafen betrat Kian das Aufnahmestudio, dicht gefolgt von Andrew, der die Aufnahmen leitete.
Er hatte ihn vor dem Gebäude abgefangen und dafür gesorgt, dass Kian ohne Umschweife ins Studio kam. Die anderen Jungs waren schon allesamt anwesend, mehr oder weniger wach und ausgeschlafen. Shane schien am muntersten von allen zu sein, summte ein unbekannte Melodie vor sich hin und machte Nicky und Mark, die dösend auf einem Sofa saßen, schier verrückt.
„Guten morgen, Kian. Hast du gut geschlafen?“, fragte Shane sofort und klopfte seinem Freund sanft auf den Rücken, als er neben ihm Platz nahm.
„Geht so“, erwiderte Kian mürrisch und wartete auf weitere Instruktionen von Andrew.
Gott, er war heute morgen kaum aus dem Bett gekommen, weil er beinahe die gesamte Nacht über wachgelegen und an Jodi gedacht hatte. So sehr er sich auch bemühte, aber diese Frau ging ihm einfach nicht aus dem Kopf, beherrschte seine Gedanken mehr als alles andere und war ständig existent, ob er es wollte oder nicht.
Warum konnte er sich nicht einfach damit abfinden, dass sie getrennt waren, in keinerlei Verbindung mehr zueinander standen? Musste er sich unbedingt selbst quälen, indem er immer und überall an sie dachte? Eine Frage, die sich Kian trotz zahlreicher Versuche noch nicht beantworten konnte.
Er fuhr erschrocken zusammen, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte.
Konnte er denn nicht in Ruhe gelassen werden? Musste sich ständig jemand dafür zuständig fühlen, ihn von seinen seelischen Qualen zu erlösen?
„Würdest du dich bitte konzentrieren, Kian? Andrew redet hier die ganze Zeit vom heutigen Tagesablauf und du träumst vor dich hin“, zischte Shane warnend und legte augenblicklich ein strahlendes Lächeln auf, als Andrew zu ihm hinüber zu sah.
Kian wusste, dass es keinen Zweck hatte, Trübsal zu blasen und so fasste er sich ein Herz und lächelte ebenfalls, gewollt, den Tag möglichst zügig hinter sich zu bringen.

„Okay. Seit ihr alle nun gedanklich anwesend oder ist irgendjemand von euch noch auf Reise?“, fragte Andrew ohne einen Anflug von Humor und musterte die vier Jungs, die allesamt ihm gegenüber auf der Couch saßen.
„Wir sind alle da und können deinen Worten durchaus folgen“, antwortete Nicky stellvertretend für die Anderen und verschränkte seine Arme vor der Brust. Andrew zog eine seiner Augenbrauen in die Höhe und stieß einen lauten Seufzer aus.
„Womit habe ich eine Zusammenarbeit mit euch nur verdient?“ Er warf die Arme theatralisch in die Höhe und schüttelte den Kopf, was für allgemeines Gelächter sorgte.
„Tja, du wirst gut bezahlt, Kumpel. Also versteh ich nicht, warum du dich andauernd beschwerst. Wir sind doch alles erträgliche, liebenswerte Zeitgenossen“, grinste Shane und nickte bestärkend, als Andrew seine Stirn in tiefe Falten legte, den Blick skeptisch auf Shane gerichtet, der beinahe wie ein kleines Kind hätte loskichern müssen.
„Aber ich bin mir nicht sicher, ob die Bezahlung auch angemessen ist“, witzelte Andrew daraufhin und erhob sich von dem schmalen Hocker, auf dem er bis eben gesessen hatte.
„Wenn du dich gut führst, können wir am Ende der Aufnahmen ja mal über ein Trinkgeld verhandeln“, zwinkerte Nicky und sah zu Shane, der ihm mit dem erhobenen Daumen signalisierte, dass dieser Kommentar absolut angemessen war.

Kian beobachtete das ganze Szenario still und heimlich, ohne sich in irgendeiner Weise einzubringen. Ihm war momentan nicht nach Späßen und Scherzen zumute, weshalb er sich lieber dezent im Hintergrund hielt, anstatt irgendetwas zu tun, was ihm nicht zusagte.
Wenn er ehrlich war, genügte es ihm schon, in wenigen Minuten Liebeslieder zu singen, obwohl er den Glauben an die Liebe nach der Trennung von Jodi längst verloren hatte.
Was war an Liebe bitteschön so großartig?
Liebe tat nur weh, brachte Schmerzen, die nur schwer heilten, wenn sie überhaupt einmal heilten.
Wieso verliebte man sich, wenn man dadurch doch nur litt?
Seufzend unterbrach Kian seinen Gedankengang selber und fuhr sich durch das dunkelblonde, längere Haar, bevor er auf dem Sofa etwas weiter nach unten rutschte und sich so gut es ging ausstreckte.
Noch immer spürte er die Folgen des Unfalls in seinen Knochen. Noch immer pochte sein Kopf regelmäßig und noch immer schmerzten all die Blutergüsse, die seine leicht gebräunte Haut auf unangenehme Weise verzierten.
„Alles okay, Kian?“, wollte Andrew wissen, während er einige Blätter überflog und zu Kian aufsah. Kian nickte lediglich, obwohl er innerlich schrie. Danach schrie, nach Hause zu fahren. Danach schrie, Jodi wieder zu sehen und sie nach der langen Zeit in die Arme zu schließen.
Warum konnte er diese Frau nicht vergessen? Weil er zwei Jahre seines Lebens mit ihr verbracht hatte? Weil er im nachhinein feststellen musste, dass eben diese zwei Jahre die vermutlich kostbarsten und schönsten Jahre seines Lebens waren? Himmel, er war unwahrscheinlich durcheinander und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, so sehr nahm ihn diese ganze Thematik mit. Wenn er doch nur jemanden hätte, mit dem er darüber reden könnte.
Jemanden, der weder ihn noch Jodi gut genug kannte, um sich am Ende ein Urteil zu erlauben.
Kian wollte lediglich einen neutralen Zuhörer, doch wo sollte er diesen Zuhörer finden? Er seufzte leise, als er wieder einmal feststellte, wie hilflos er doch war. Kian hatte förmlich für Jodi gelebt und jetzt, wo sie weg war, hatte er das Gefühl, das ihm auch die Luft zum atmen langsam und allmählich entzogen wurde. Eine Empfindung, die alles andere als angenehm war.
„Können wir anfangen, Jungs?“ Andrews Stimme hallte gedämpft in Kians Hörgängen wieder und er bemühte sich, aufzublicken.
„Sicher. Nur zu“, erwiderte Shane enthusiastisch, der nach der eingelegten Babypause wieder mit vollem Elan und Einsatz an die Sache ging. Kian konnte ihn nur beneiden und beschloss nun endgültig, seine trüben Gedanken für den Rest des Tages auf Eis zu legen und sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Sie würden in wenigen Stunden das Album fertig bekommen und Kian sollte verdammt noch mal stolz darauf sein.
„Gut. Shane und Mark, ihr seid die ersten. Wir müssen „United“ noch verfeinern, okay? Los geht’s.“ Andrew klatschte auffordernd in die Hände und stand auf, um Shane und Mark zu sich zu winken und sich hinter das Mischpult zu stellen.

Während Shane voller Energie aufsprang, tat sich Mark schwerer und stöhnte auf, was von Nicky nur mit einem hämischen Grinsen bedacht wurde. Sie hatten am gestrigen Abend nach Marks Offenbarung eindeutig einen über den Durst getrunken und fühlten sich momentan auch genauso.
„Komm schon, Fee. Wer trinken kann, kann auch arbeiten“, lachte Nicky und nickte bekräftigend, als Mark seine Mundwinkel verzog und seine Nase rümpfte.
„Pah“, war das einzigste, was Mark entgegnete, ehe er von Andrew in ein kurzes Gespräch verwickelt wurde.

Kian konnte sich ein amüsiertes Schmunzeln nicht verkneifen, wurde jedoch augenblicklich wieder ernst, als ihm eine Zeitschrift ins Auge fiel. Er richtete sich auf und griff nach selbiger, um nur Sekunden später Jodi, seine Jodi, auf dem Titelblatt bewundern zu dürfen.
Ein tennisballgroßer Kloß bildete sich schlagartig in seinem Hals – ein Kloß, den es beinahe unmöglich unterzuschlucken galt. Himmel, er hatte sie nun wochenlang nicht mehr gesehen und nun strahlte ihr unvergleichbares Lächeln vom Titelfoto einer bekannten, irischen Tageszeitung.
Womit hatte er das verdient? Warum wurde er jetzt, wo er sich doch vorgenommen hatte, den gesamten Tag über keinen Gedanken mehr an Jodi zu verschwenden, mit ihr konfrontiert?
Kian schloss einen kurzen Augenblick lang die Augen und atmete tief durch, bevor er die pathetische Überschrift überflog und lauthals seufzte.

Jodi Albert – auch alleine sehr glücklich!

Kian musste nicht weiterlesen, um zu wissen, dass sich diese Überschrift auf ihre Trennung bezog, die wochenlang in den Medien diskutiert und analysiert wurde. Hatten sie denn immer noch nicht genug? Mussten sie auch acht Wochen danach weiterhin auf ein und dem selben Thema herum treten?
Verdammt noch mal, das war schlichtweg nicht zum aushalten.
Von plötzlicher Wut gepackt, schmiss er die Zeitung auf den Boden, stand auf und stürmte förmlich aus dem Raum, dicht gefolgt von Nicky, der den veränderten Gemütszustand seines Freundes mitbekommen hatte. Er deutete Andrew, Ruhe zu bewahren und verließ ebenfalls den Raum, um Kian draußen auf dem Flur den Tränen nahe aufzufinden.
Kian hatte gewusst, dass Nicky ihm folgen würde und auch wenn er jetzt viel lieber alleine gewesen wäre, war er dankbar für diese Tatsache.
„Mensch, Kian“, sagte Nicky leise, trat näher zu Kian heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Ich kann nicht mehr, Nicky. Ich kann einfach nicht mehr. Immer wenn ich denke, nichts mehr für Jodi zu empfinden, geschehen Dinge, die meine komplette Gefühlswelt auf den Kopf stellen. Als ich eben dieses Foto von ihr gesehen hab, musste ich unwillkürlich daran denken, dass sie mich vor acht Wochen noch genauso angelächelt hat. Und jetzt? Jetzt lächelt Jodi für die Kameras und vielleicht auch schon für einen anderen Mann“, schluchzte Kian vehement und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. Er konnte nicht glauben, dass er wegen Jodi dermaßen die Fassung verlor.
„Hey, das ist doch vollkommen verständlich. Ihr wart zwei Jahre zusammen und das ist schon eine verdammt lange Zeit. Da dauert die Verarbeitung einer Trennung natürlich umso länger.“ Kian sah auf und lachte leise.
„Du hörst dich an wie mein Therapeut.“
„Na ja, vielleicht bin ich das ja auch. Zumindest in irgendeiner Weise“, lächelte Nicky aufmunternd und lehnte sich an die weiße Wand hinter ihm. Kian nickte langsam.
„Ja, kann schon sein. Aber sollte ich dir mit meinem Rumgeheule irgendwie auf die Nerven gehen, sagst du mir bescheid, okay?“
„Aber sicher doch. Soll ich dich noch einen Moment alleine lassen oder kommst du wieder mit rein?“ Nicky sah Kian fragend an und drehte sich um, als er keine Antwort erhielt.
Kian brauchte eindeutig noch einen kurzen Augenblick für sich.
Als Nicky hinter der Tür verschwunden war, schloss Kian die Augen und ließ sich an der Wand herab gleiten. Die hellen Lichtstrahler an der Decke brannten in seinen Augen und die zahlreichen goldenen Schallplatten verschiedenster Künstler blendeten ihn förmlich.
Was hätte er dafür gegeben, augenblicklich nach Sligo in sein Haus fahren zu können und sich in seinem Schlafzimmer solange zu verbarrikadieren, bis er sich wieder besser fühlte?!
Vermutlich alles, doch Kian war sich im klaren darüber, dass das keine Lösung war.
Zumindest keine annehmliche, mit der er unbeschwert weiterleben konnte.
Mit einer letzten flüchtigen Handbewegung beseitigte er die glitzernden Tränen von seinen Wangen, ordnete sich das Haar und ging wieder zurück ins Studio, indem Mark und Shane gerade heftigst ihre gesanglichen Qualitäten unter Beweis stellten. Nicky saß wie vorhin auch schon auf dem Sofa, doch mittlerweile unterzeichnete er einige Autogrammkarten, die er vor sich auf einem kleinen Tisch gestapelt hatte.

„Soll ich dir helfen?“, fragte Kian leise, als er sich neben Nicky setzte, war sich jedoch sogleich über die Sinnlosigkeit seiner Frage bewusst und verzog beschämt seine Mundwinkel.
„Wenn du in der Lage bist, meine Unterschrift einwandfrei zu kopieren, dann gerne“, lachte Nicky.
„Sorry. Ich bin grad nicht so gut darin, klar und logisch denken.“
„Hey, kein Problem. Ich denke, dass ging jedem von uns schon mal so. Vielleicht unterzeichnest du einfach deine eigenen Autogrammkarten, okay? Sie sind in dem Umschlag auf dem Sessel da vorne.“ Nicky deutete mit seinem Zeigefinger auf den moosgrünen Sessel und schlug Kian spielerisch auf die Schulter, als er sich seufzend erhob und auf den Umschlag zusteuerte.
Kian hatte sich gerade fürchterlich blamiert und wäre am liebsten im Boden versunken, doch er konnte nicht einfach flüchten. Dessen war er sich leider bewusst.
Sorgsam öffnete er den Umschlag und beförderte seine Autogrammkarten ans Tageslicht, um es Nicky gleich zu tun und sie zu unterschreiben, während Shane und Mark ihre Parts einsangen.
Das versprach ein sehr langer Tag zu werden.

*

„Ich würde sagen, die Arbeit hat sich gelohnt, oder?“, sagte Andrew und blickte stolz in die Runde.
Das Album war fertig, vollständig aufgenommen und wartete nur noch auf die Veröffentlichung.
„Oh ja, Andrew. Ich denke, es ist das beste Album, das wir jemals aufgenommen haben“, pflichtete ihm Shane bei und zückte sein Handy, um Gillian anzurufen und ihr mitzuteilen, dass er sich in wenigen Minuten auf den Heimweg machen würde.
„Shane hat recht. Wir sind mit dem Album zu unseren Wurzeln zurückgekehrt und trotzdem ist es völlig anders als all das, was wir vorher gemacht haben“, dachte Nicky laut und ließ sich sichtlich erleichtert zurück auf die Couch sinken.
„Wann wird es eigentlich veröffentlicht? Hat Louis schon einen Termin durchblicken lassen?“, wollte Andrew wissen und schlüpfte in seine Lederjacke, allzeit bereit, das Studio zu verlassen.
„Am 17. Oktober erscheint es in Großbritannien und Irland, am 31. Oktober in Deutschland, Schweden und Dänemark“, verkündete Shane, noch immer Gillians Nummer wählend.
Andrew nickte lediglich und deutete den Jungs, nun gehen und abschließen zu wollen.
Alle erhoben sich, nahmen ihre Sachen und verließen erst das Tonstudio und kurz darauf das Gebäude.

„Macht’s gut, Jungs. Ich werde mich nach Hause machen. Meine wunderbare Frau wartet auf mich“, verkündete Andrew, hob seine Hand zu einem Abschiedsgruß und verschwand um die Ecke und somit aus dem Blickfeld der Jungs.
„Ich werde es Andrew jetzt gleich tun. Gillian und Alana warten auf mich.“ Shane klopfte jedem noch einmal auf die Schultern und wandte sich dann zum gehen, wurde jedoch von Nicky zurück gehalten.
„Denk dran, Shane. Wir sehen uns am Sonntag. Gina steckt schon mitten in den Vorbereitungen für die Party und hat mich heute Morgen extra noch mal darum gebeten, dir zu sagen, dass du mit Gillian unbedingt kommen musst. Für Alana findet ihr doch sicherlich einen Babysitter.“ Shane legte seine Stirn in Falten und platzierte seinen Zeigefinger an seinem Kinn.
„Ich weiß nicht, Nicky. Wir haben Alana noch nie weg gegeben und ich glaube kaum, dass Gillian sonderlich begeistert von der Idee sein wird“, zweifelte er offenkundig.
„Ach komm schon, Shane. Alana ist fast drei Monate alt – langsam solltest du mit Gillian mal wieder einen entspannten Abend verbringen, ganze ohne Windeln wechseln und Babygeschrei. Deine Eltern passen doch sicherlich gerne auf die Kleine auf, oder?“ Nicky versuchte alles, um Shane zu überzeugen, doch er spürte langsam, dass er auf Granit biss. Himmel, seit Alana auf der Welt war, hatte sich Shane verändert. Keine ausschweifenden Partys mehr, kein übermäßiger Alkoholkonsum. Shane war ein fürsorglicher und verantwortungsvoller Vater geworden, der schier alles für seine Tochter und seine Ehefrau machte.
„Sicher würden sie das tun, aber ich glaube trotzdem nicht, dass Gillian einverstanden ist. Sie bewacht Alana wie das teuerste Juwel auf Erden, lässt sie noch nicht mal aus den Augen, wenn sie schläft. Gil ist eine richtige Glucke geworden, die jede freie Minute mit ihrem Kind verbringen will. Sie macht sich sogar schon sorgen, wenn Alana nachts ganz unerwartet ein mal hustet, weil sie befürchtet, die Kleine würde eine Lungenentzündung bekommen.“ Shane grinste aufgrund seiner Schilderungen, wusste er doch, dass er keinesfalls übertrieben hatte.
„Komm schon. Du wirst Gil sicherlich überzeugen können, oder? Falls nicht, dann könnt ihr Alana auch gerne mitbringen. Wir bringen sie im Gästezimmer unter und dezimieren die Musiklautstärke, damit eure kleine Prinzessin nicht unnötig gestört wird. Na, was meinst du? Klingt das nicht nach einem sehr verlockenden Angebot?“ Nicky zwinkerte vielsagend und fuhr sich über die kurzen Bartstoppeln, während er auf Shanes Antwort wartete.
„Also schön. Ich werde ihr dein Angebot unterbreiten, aber versprechen kann ich trotzdem nichts. Okay?“ Nicky nickte freudestrahlend und umarmte Shane kurzerhand, bevor er von ihm abließ und ihn endlich zu seinem Wagen gehen ließ.

Nicky, Mark und Kian blickten ihm allesamt grinsend nach und verabschiedeten sich schließlich ebenfalls voneinander.
„Fährst du jetzt gleich, Mark, oder kommst du noch mal mit zu mir?“, fragte Nicky.
„Ich muss dich noch mal kurz belästigen, Byrne. Dank des teuflischen Biers von gestern Abend hab ich heute morgen in der ganzen Hektik vergessen, meinen Kulturbeutel einzupacken. Auf den bin ich aber leider Gottes angewiesen.“
„Ah, okay. Dann kommst du jetzt mit mir und Kian fährt nach Sligo. Das tust du doch, oder?“ Kian, der bis zum jetzigen Zeitpunkt stillschweigend neben seinen Freunden gestanden hatte, sah auf und nickte leicht.
„Ja. Ich werde bis Sonntag früh bei meinen Eltern bleiben und am späten Nachmittag pünktlich bei dir sein. Wäre übrigens von Vorteil, wenn du eine Schlafgelegenheit für mich organisieren könntest.“
„Daran soll es ja nun nicht scheitern. Wir haben zwei Gästezimmer, eins davon belegen wahrscheinlich Shane und Gillian, das andere ist schon für Mark reserviert. Aber wenn es dir nichts ausmacht, kannst du das Doppelbett auch mit Fee teilen. Solange ihr nicht fummelt“, lachte Nicky und schloss seinen Wagen auf.
„Keine Sorge. Ich werde an Mark schon nicht Hand anlegen. Dann also bis Sonntag. Bye.“
„Bye, Kian. Und fahr vorsichtig.“ Nachdem Mark sich schon in Nickys Wagen niedergelassen hatte, stieg nun auch Nicky ein, startete den Motor und fuhr davon. Kian wartete absichtlich, bis seine Freunde außer Sichtweite waren, ehe er nach seinem Handy griff und die Nummer von Jodi wählte.
Aus irgendeinem Grund verspürte er das Bedürfnis, ihre Stimme zu hören. Aber er hatte kein Glück. Lediglich ihre Mailbox nahm das Gespräch an und so war Kian gezwungen, ihr eine kurze Nachricht dort zu hinterlassen und anschließend zu hoffen, dass sie sich daraufhin bei ihm melden würde.

*

Erschöpft steckte Cat den Wohnungsschlüssel in das dafür vorgesehene Schloss und stieß die Tür auf, um nur Sekunden später geräuschvoll ihre Handtasche auf den Boden zu werfen und sich die alten Turnschuhe von den Schuhen zu streifen. Gott, sie war vollkommen fertig, hatte das Gefühl, ihre Beine würde unter ihrem eigentlich nicht erwähnenswerten Körpergewicht nachgeben.
Der Tag war anstrengend gewesen. Anstrengender, als sie anfangs angenommen hatte.
Es war ihr erster richtiger Arbeitstag gewesen und William hatte sie sofort überall unvermittelt eingesetzt, nachdem er sie mit den Mitarbeitern bekannt gemacht hatte.
Cat musste Stoffe zuschneiden, selbige aussuchen und erste Skizzen bezüglich der Tourkostüme für nächstes Jahr machen. Außerdem hatte sie Unmengen an Stoffrollen zu tragen, Treppen rauf und runter, egal wie beschwerlich diese Tätigkeit auch war.
William hatte keinerlei Erbarmen mit ihr gehabt und irgendwie war Cat ihm dafür überaus dankbar.
Sie wollte nicht wie ein rohes Ei behandelt werden, nur weil sie neu und noch ziemlich unerfahren auf diesem Aufgabengebiet war, aber wenn sie ehrlich war, hatte sie fast damit gerechnet.
Seufzend schälte sie sich aus ihrer neu erstandenen Daunenjacke und ging geradewegs in die Küche, um Teewasser aufzusetzen und sich das Abendessen zuzubereiten.
Cat hatte mörderischen Hunger, hatte schier das Gefühl, den ganzen Tag lang rein gar nichts gegessen zu haben, obwohl genau das Gegenteil der Fall war.
Nun ja, das schien an den Gesetzmäßigkeiten der Schwangerschaft zu liegen.
Die Schwangerschaft! Cat hatte es geschafft, diese Tatsache den ganzen Tag über gekonnt zu verdrängen, doch jetzt, wo sie alleine in ihrer Ein-Zimmer Wohnung war, wurde sie von diesem Gedanken regelrecht übermannt und hatte keine Gelegenheit zu flüchten.

Kopfschüttelnd ging Cat in die Hocke und angelte nach einem Wasserkessel, den sie mit Wasser füllte und auf die bereits angewärmte Herdplatte stellte. Anschließend öffnete sie auf Zehenspitzen stehend einen der oberen Küchenschränke und griff nach einer Packung ihrer Lieblingsteesorte, Kirsche-Vanille. Glücklicherweise befanden sich noch genau zwei Teebeutel in der Packung, die Cat augenblicklich heraus nahm und in ihrer gelben Teekanne verstaute, darauf wartend, dass das Wasser endlich zu kochen begann.
Himmel, in knapp zwei Wochen würde sie Irland verlassen und durch England reisen.
Gemeinsam mit Westlife, einer ihr prinzipiell unbekannten Band. Wie sollte sie das nur überstehen?
Cat war zwar ein überaus offener, kontaktfreudiger und neugieriger Mensch, doch vor großen und langen Reisen scheute sie sich zumeist. Irland war ihr das Wichtigste – sie konnte sich nicht vorstellen, irgendwo anders langanhaltend glücklich zu werden. Und doch musste sie zumindest kurzfristig Abschied nehmen. Etwas, was ihr sehr missfiel, obwohl sie wusste, dass es nicht für erwähnenswert lange Zeit war.
Das penetrante Pfeifen des Teekessels beendete abrupt ihren Gedankengang und ließ sie kurz aufschrecken. Das diese Dinger auch immer derart laut sein mussten.
Eilig langte sie nach dem Henkel und zog den Kessel von der Herdplatte, um einen Moment zu warten und das Wasser danach in die bereit gestellte Teekanne zu schütten. Bereits nach wenigen vergangenen Sekunden duftete es in der gesamten Küche herrlich nach Vanille und Kirsche und Cat freute sich jetzt schon wahnsinnig auf einen gemütlichen und entspannten Abend vor dem Fernseher.
Während der Tee ein wenig abkühlte, öffnete Cat den Kühlschrank und betrachtete dessen Inhalt argwöhnisch. Sie musste dringend mal wieder einkaufen, wenn sie nicht in den nächsten Tagen jämmerlich verhungern wollte, denn außer vermutlich saurer Milch, etwas Käse und zwei Bechern Joghurt, war kaum mehr etwas vorzufinden. Cat stöhnte auf und beschloss sich eine Pizza zu bestellen. Dann musste sie sich wenigstens nicht selber betätigen und konnte sich ein wenig ausruhen, so, wie sie es nach diesem Tag verdient hatte.

Zielstrebig lief sie ins Wohnzimmer und griff nach dem Telefonhörer, um die ihr altbekannte Nummer zu wählen und auf das Freizeichen zu warten.
„Pizzeria Rialto“, meldete sich kurz darauf eine weibliche Stimme.
„Guten Abend. Ich hätte gerne eine große Thunfischpizza und einen kleinen Tomaten-Morzarella-Salat“, sagte Cat schnell, ohne die Speisekarte, die sie Tage zuvor im Briefkasten vorgefunden hatte anzusehen.
„In Ordnung. Holen Sie das ganze ab oder soll es geliefert werden?“
„Liefern, bitte.“ Cat gab der jungen Frau am anderen Ende der Leitung ihre Adresse und nahm erleichtert entgegen, dass das Essen in fünfzehn Minuten da sein würde.
Lächelnd ging sie noch einmal zurück in die Küche, nahm sich eine große Tasse aus dem Schrank und langte danach nach der Teekanne, um sofortig wieder das Wohnzimmer zu betreten, alles auf dem kleinen Couchtisch vor sich abzustellen und sich hinzusetzen, bevor sie den Fernseher murmelnd anstellte. Der Abend schien in der Tat sehr erholsam zu werden.
Gerade, als sie die Tasse Tee, die sie sich gerade eingegossen hatte, hinauf zu ihren Lippen führen wollte, klingelte das Telefon neben ihr.
Wer zum Teufel verspürte jetzt das Bedürfnis, sie bei ihrer wohlverdienten Erholungsphase zu stören? Grummelnd nahm Cat den Hörer in die Hand und meldete sich standardgemäß.

„Catherine O’Connor. Hallo?“ Cat konnte sich den genervten Unterton nicht verkneifen.
„Hi, Honey.“ Es war Holly. Warum nur hatte Cat den Anruf ihrer besten Freundin bereits erwartet, jedoch gehofft, er würde nicht stattfinden?
„Holly, was für eine Überraschung“, entfuhr es ihr höhnisch, den Blick auf den Fernsehbildschirm gerichtet.
„Ich wollte einfach mal hören, wie dein erster Arbeitstag so gelaufen ist. Hattest du viel zu tun?“ Eine derartige Frage konnte nur von Holly stammen. Eindeutig.
„Ach, wo denkst du hin, Holly. Ich habe den lieben langen Tag auf einem Höckerchen gesessen, Däumchen gedreht und darauf gewartet, dass mein Feierabend endlich beginnt“, scherzte Cat, war sich allerdings nicht wirklich sicher, ob Holly ihre Worte auch als einen Scherz auffassen würde.
Überhaupt war sie doch ein wenig überrascht, dass Holly sich bei ihr meldete, nachdem sie ihr gedroht hatte, erst dann wieder mit ihr zu reden, wenn sie bezüglich der Schwangerschaft eine vernünftige Entscheidung getroffen hatte.
„Echt? Ich dachte, Louis und dieser Baker wollten dich konsequent mit in die firmeninternen Dinge einbeziehen“, fragte Holly empört nach und zauberte mit diesem Kommentar ein amüsiertes Lächeln auf Cats Lippen. Sie hatte es gewusst.
„Gott, Holly. Das war ein Witz, okay? Natürlich hab ich viel zu tun gehabt. Ich musste Stoffe zuschneiden, Stoffrollen umher tragen und erste Skizzen machen. Und eh ich es vergesse; Kaffee kochen durfte ich auch noch“, lachte Cat und verzog ihre Mundwinkel, nachdem sie einen Schluck Tee aus der Tasse genommen hatte. Er war noch viel zu heiß, um ihn zu trinken.
„Oh, dann bin ich aber beruhigt. Ich dachte wirklich, dass du nichts zu tun hättest. Möglich ist immerhin alles, gerade in einer solchen Branche. Hat es dir denn wenigstens gefallen? Wie sind deine Kollegen? Gibt es ein paar Prachtexemplare, die ich mir vielleicht mal ansehen sollte?“ Cat schüttelte grinsend den Kopf. Holly konnte an nichts anderes als an gutaussehende Männer denken, war ständig hinter genau dieser Spezies her, nur um eine kurze, leidenschaftliche Affäre mit ihnen zu beginnen und sie anschließend ohne weiteres fallen zu lassen.
Nicht gerade die feine englische Art, die Holly praktizierte, und dennoch war sie meistens äußerst erfolgreich was ihre Eroberungen anging.
„Holly, ich bitte dich. Die Männer sind mir doch vollkommen egal. Ich arbeite dort, weil es mir Spaß macht und weil ich verdammtes Glück hatte, überhaupt angenommen zu werden“, antwortete Cat streng, jedoch nicht ohne den Ansatz eines belustigten Untertons in der Stimme.
„Das mag ja sein, aber ansehen kostet doch nichts, oder? Und nun erzähl schon.“
„Was soll ich denn erzählen, Holly? Wie ich die Stoffe zugeschnitten hab? Wie ich mich an der Kaffeemaschine betätigt hab? Entschuldige, aber diese Tätigkeiten sind alles andere als interessant“, lachte Cat und nahm einen Schluck aus ihrer nunmehr lauwarmen Teetasse.
Gott, wann immer sie mit Holly telefonierte – sie fanden kein Ende in ihren Gesprächen.
„Dann erzähl mir eben was anderes. Auf das Thema Männer bist du zum Beispiel noch nicht genauer eingegangen.“ Cat leierte mit den Augen. Sie würde Holly einen ausführlichen Lagebericht liefern müssen, ansonsten würden sie noch bis in die frühen Morgenstunden miteinander telefonieren.
„Also gut. Aber ich fasse mich kurz, hörst du?!“, gab Cat schließlich nach und lehnte sich auf dem Sofa zurück. Eigentlich war sie müde und hungrig, doch sowohl das Essen als auch der langersehnte Schlaf würde wohl oder übel noch warten müssen.
„Mir egal. Hauptsache du erzählst überhaupt was“, sagte Holly voller Vorfreude.
„Ich arbeite mit einem gewissen Jeremy Malvin zusammen. Ein sehr ansehnlicher Mann. Schwarze Haare, markante Gesichtszüge und stechend grüne Augen, beinahe so wie eine Katze. Er ist so um die 1,85 m groß, schätze ich. Wir haben heute fast den ganzen Tag zusammen verbracht, weil William ihn damit beauftragt hat, mir die Firma zu zeigen und die Mitarbeiter vorzustellen. Nicht schlecht, dieser Jeremy, aber nach der Pleite mit Ethan hab ich von Männern erst mal genug“, schloss Cat seufzend ab und vergrub ihren Kopf in den weichen Polstern des Sofas.
Einen Moment lang war es still am anderen Ende der Leitung, dann räusperte sich Holly.

„Wo du gerade Ethan angesprochen hast, Cat. Was ist jetzt eigentlich mit dem Baby? Hast du darüber nachgedacht, ob du es nicht doch behalten willst?“ Cat schloss ihre Augen. Innerlich hatte sie bereits gewusst, dass genau diese Frage angesprochen werden würde, doch sie hatte diesen Gedanken gekonnt verdrängt, aus Angst sich der Gegenwart zu stellen.
„Wenn ich ehrlich bin, hab ich mich damit noch nicht wirklich auseinander gesetzt. Nicht, weil ich es nicht wollte. Ich hatte ganz einfach keine Zeit“, versuchte sich Cat zu erklären und schielte aus dem Fenster. Es war mittlerweile dunkel und einzig die Straßenlaternen und der laufende Fernseher beleuchteten Cats kleines Wohnzimmer.
„Keine Zeit, aha. Aber denkst du nicht, dass du dir dafür Zeit nehmen solltest? Du bist schwanger Cat, schwanger von Ethan, und du weißt nicht, ob du das Baby abtreiben oder austragen willst. Mein Gott, Cat, übernimm doch einfach mal Verantwortung und triff eine Entscheidung. Besser heute, als morgen.“ Holly sprach mit einem mal laut und vorwurfsvoll und Cat konnte es ihr noch nicht einmal verübeln, immerhin hatte ihre beste Freundin recht. Sie musste sich entscheiden – und das schnellst möglich, bevor das Dilemma Ausmaße annahm, denen Cat nicht mehr gewachsen sein würde.
„Verdammt, Holly. Das ist leichter gesagt als getan. Weißt du eigentlich was eine Schwangerschaft für mich bedeutet? Ich habe weder den Platz noch das Geld um für ein Baby zu sorgen. Noch dazu bin ich kurz vor der Vollendung meines Studiums und will diese Tatsache durch ein Kind nicht gefährden. Eigentlich ist meine Entscheidung längst gefallen, wie du siehst“, rief sie aufgebracht in den Hörer, mit dem dringenden Wunsch, dieses Telefonat schnell zu beenden.
Ihre Entscheidung war tatsächlich gefallen und das behagte ihr ganz und gar nicht.
„Dann treibst du also ab“, resümierte Holly nüchtern, ohne jegliche Emotionen.
„Ja, ich denke schon“, erwiderte Cat nickend.
„Okay, das ist deine Entscheidung. Du musst wissen, was du tust. Ich muss jetzt auflegen. Man sieht sich.“ Ohne eine Reaktion ihrer Freundin abzuwarten, legte Holly auf.
Cat stöhnte. Sie hatte es gewusst. Sie hatte gewusst, dass Holly derartig reagieren würde.
Irgendwie verständlich, schließlich würde Cat durch die Abtreibung das Leben ihres ungeborenen Kindes jäh beenden. Das Leben, das zwar vorhanden war, jedoch noch gar nicht richtig begonnen hatte. Ächzend legte sie den Hörer neben sich auf die Couch und trank den letzten Schluck ihres inzwischen kalten Tees, bevor sie sich erhob und einen kurzen Blick an die Wanduhr warf.
Just in diesem Moment schellte die Türklingel durch die kleine Wohnung und kündigte den Besuch des Pizzaboten an. Endlich, wie Cat erleichtert feststellte, denn ihr Magen hatte sich während des Telefonats mit Holly nicht nur ein mal lautstark zu Wort gemeldet.

Eiligen Schritts durchquerte sie erst das Wohnzimmer und lief dann durch den Flur, um die Tür zu öffnen und in das Gesicht eines jünglichen Italieners zu sehen.
„Ihre Thunfischpizza und der Salat, Ma’am“, lächelte er und reichte ihr eine weiße Plastiktüte mit duftendem Inhalt. Cat nahm sie entgegen und stellte sie auf der Kommode neben sich ab, ehe sie nach ihrer Geldbörse griff und den Mann wieder ansah.
„Was bekommen Sie?“
„8, 55 €!“, antwortete er, ebenfalls ein Portemonnaie heraus nehmend.
Cat nickte und beförderte einen zehn – Euro Schrein zutage, den sie ihm großzügig reichte.
„Stimmt so“, sagte sie, verabschiedete sich höflich von dem jungen Mann und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Mit der rechten Hand angelte sie nach der Plastiktüte, mit der linken legte sie ihre Brieftasche beiseite, um anschließend zurück ins Wohnzimmer zu gehen und es sich samt Pizza und Salat erneut auf der Couch bequem zu machen.
Cat wollte die verbleibenden Stunden des Abends genießen und sich zumindest am heutigen Tag keine weiteren Gedanken mehr über ihre Schwangerschaft machen, auch wenn das im Grunde mehr als angebracht gewesen wäre.

*

8. Oktober 2005, Sligo

„Kian, gut das du schon wach bist. Würdest du mir wohlmöglich einen Gefallen tun?“ Patricia drehte sich ihrem Sohn zu, als dieser schlurfend die Küche betrat und sich den nächstbesten Stuhl heran zog. Er legte seine Stirn in Falten, nickte dann jedoch, als er dem Blick seiner Mutter begegnete.
„Sicher. Was soll ich tun?“, fragte er, während er seinen leicht schmerzenden Kopf auf seiner Hand abstützte, die Augen mehr geschlossen als wirklich offen.
„Es geht um Colm. Er hat in einer halben Stunde Fußballtraining und besteht darauf, dass du ihn fährst. Würdest du das wohl machen? Dann könnte ich mich nämlich um die anfallenden Hausarbeiten kümmern und das Mittagessen vorbereiten“, erklärte Patricia, die Spülmaschine nebenbei einräumend. Kians Lippen entfuhr ein vernehmliches Stöhnen, dass nicht einmal annähernd von Begeisterung zeugte.
„Mum, ich bin vor knapp fünf Minuten aufgestanden und noch immer hundemüde. Kann Dad Colm nicht fahren?“, ächzte er fragend.
„Dein Vater ist schon früh nach Galway gefahren, angeblich, um sich dort mit einem alten Schulfreund zu treffen, aber ich denke viel eher, dass er sich gemeinsam mit Peter und Oliver einen frauenfreien Tag außerhalb von Sligo machen will“, schmunzelte Patricia amüsiert, wohlwissend, dass sie ihren Mann wahrscheinlich besser kannte, als er sich selber.
„Dann hab ich wohl keine Wahl, oder?“, stellte Kian nüchtern fest und verzog seine Mundwinkel zu einem schiefen grinsen, als seine Mutter seine Frage kopfschüttelnd verneinte.
„Kian, du weißt, wie sehr Colm dich liebt. Er würde am liebsten rund um die Uhr bei dir sein und Zeit mit dir verbringen. Tu ihm doch den Gefallen und fahr ihn zum Training. Das wäre vermutlich das Größte für ihn“, versuchte Patricia ihren Sohn zu überzeugen.
Kian nickte, wusste er doch, dass seine Mutter recht hatte. Colm würde vermutlich alles für ihn machen, egal um was es sich handelte, nur damit sich Kian in einigen seiner freien Minuten in seiner Gegenwart aufhielt. Demnach war er es seinem Bruder schuldig, ihn wenigstens zum Training zu fahren.
„Also schön. Wo ist Colm?“
„Draußen. Er steht schon seit mindestens zehn Minuten neben deinem BMW und wartet darauf, dass du raus kommst“, lachte Patricia und deutete mit ihrem Zeigefinger aus dem quadratischen Küchenfenster. Kian konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er dem Fingerzeig seiner Mutter folgte und seinen Bruder tatsächlich ausgehfertig neben seinem Zweitwagen entdeckte.
Colm war ein wahres Goldstück und Kian wollte ihn keinesfalls enttäuschen.
Etwas träge erhob er sich von seinem Stuhl und trottete zur angelehnten Küchentür.
„Ich werde jetzt meine Pflicht als großer Bruder wahrnehmen und Colm zu seinem heißgeliebten Fußballtraining fahren. Bis dann.“ Er winkte seiner Mutter kurz zu, ehe er gänzlich aus ihrem Blickfeld verschwand und eilig nach oben in sein ehemaliges Kinder- und Jugendzimmer lief.

Kian wusste selbst nicht warum er seine freien Tage hier bei seinen Eltern anstatt in seinem eigenen Haus verbrachte, doch die heimische und harmonische Atmosphäre schien ihn hier förmlich fest zu schweißen. Eine Tatsache, gegen die er sich keinesfalls wehren konnte.
Nachdem er sein Zimmer betreten hatte, öffnete er seinen alten Kleiderschrank mit schnellen Handgriffen und entnahm ihm achtlos ein hellgraues, langärmliches Shirt und eine dunkelblaue, ausgewaschene Jeans, die er mittlerweile seit genau zwei Jahren besaß und wann immer es ging trug. Zwar war diese Hose nicht mehr unbedingt angebracht, um auszugehen, doch um Colm zum Training zu fahren und anschließend im heimischen Wohnzimmer zu relaxen reichte es alle male.
Beinahe hektisch bedeckte er seinen vom Sommer gebräunten Körper mit der heraus gelegten Kleidung und trat kurz in das angrenzende Badezimmer, um sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht zu werfen und die abstinenten Lebensgeister wieder zu erwecken.
Für gewöhnlich würde er in einer solchen Montur keinen Schritt vor die Tür wagen, doch seit der Trennung von Jodi war ihm sein Aussehen schier egal geworden.
Nur, wenn er mit der Band unterwegs war, richtete er sich her – ansonsten trug er das, was bequem und zeitweise auch unansehnlich war.

„Egan, du siehst zum davon laufen aus“, sagte er zu sich selber, raufte sich flüchtig das Haar und verließ sein Zimmer wieder, um die Treppe regelrecht nach unten zu hetzen und im hellen Flur keuchend inne zu halten. Patricia kam augenblicklich lächelnd aus der Küche und bedachte ihren Sohn mit einer liebevollen und zugleich dankbaren Umarmung.
„Du bist ein toller großer Bruder, Kian“, lobte sie Kian und strich ihm sanft über die stoppelige Wange. Kian erwiderte ihr Lächeln ergiebig und stieg in seine Turnschuhe, bevor er sich seine schwarze Lederjacke über die Schultern warf und die Türklinke der Haustüre langsam nach unten drückte.
„Es wird sicherlich nicht lange dauern. Ich liefere lediglich Colm am Sportplatz ab und schau dann vielleicht mal kurz bei Gillian und Shane vorbei. In spätestens einer halben Stunde bin ich wieder hier“, sagte Kian, bereits auf seinen Wagen zulaufend.
Patricia nickte lediglich und sah Kian nach, stellte voller Stolz erneut fest, wie gut erzogen und liebevoll er doch war. Allein wie er mit Colm umging zeugte von abgöttischer Geschwisterliebe.

„Wartest du schon lange, Sportsfreund?“, fragte Kian, als er seinem Bruder gegenüber stehen blieb und ihm freundschaftlich auf die Schulter schlug.
„Ach was. Ich wusste ja, dass du kommst“, tat Colm die Situation mit einer lässigen Handbewegung ab und zog sich seine Basketballkappe tiefer ins Gesicht. Kian musste unwillkürlich über seinen Bruder lachen, entriegelte die Wagentüren und nahm Colm seinen überdimensionalen Rucksack ab, um ihn im Kofferraum zu verstauen.
„Du kannst dich ruhig schon ins Auto setzen“, meinte Kian eher beiläufig, während er Colms Rucksack im Kofferraum arrangierte und seiner Mutter, die nach wie vor im Türrahmen verhaarte, zum Abschied zuwinkte. Und tatsächlich folgte Colm der Aufforderung seines Bruders und nahm stolz auf dem Beifahrersitz statt, bevor Kian sich auf den Fahrersitz fallen ließ und den Schlüssel ins Zündschloss steckte.
„Bereit zur Abfahrt?“
„Aber immer doch, Kian. Meine Freunde werden staunen, wenn ich mit einem BMW zum Training vorgefahren werde. Ich fühle mich schon fast wie David Beckham“, quietschte Colm begeistert, aufgeregt auf seinem Sitz hin und her rutschend.
Kian nahm die Worte seines kleinen Bruders schmunzelnd zur Kenntnis und lenkte den Wagen konzentriert aus der Ausfahrt, mittlerweile ohne irgendein Anzeichen von Müdigkeit.
„Dann fehlt dir ja nur noch eine große, dunkle Sonnenbrille, was?“, lachte Kian.
Er war froh darüber, dass seine Mutter ihn darum gebeten hatte, Colm zum Training zu fahren, denn anderenfalls hätte er wohl am heutigen Tag kaum etwas Zeit mit seinem Bruder verbringen können.
„Oh, richtig. Eine Sonnenbrille. Würdest du mir deine geben?“
„Heute, wo nicht mal ansatzweise die Sonne scheint? Colm, meinst du nicht, dass das ein bisschen übertrieben wäre?“, wollte Kian mit gerunzelter Stirn wissen, doch Colm schüttelte lediglich emsig mit dem Kopf.
„Das ist überhaupt nicht übertrieben, sondern total cool. Keiner aus unserer Mannschaft hat eine Sonnenbrille auf. Ich wäre der einzigste“, verkündete Colm mit stolzgeschwellter Brust.
„Genau, du wärst der einzigste, über den sich dann alle lustig machen. Irgendwann, wenn du ein weltberühmter und einflussreicher Fußballer bist, komme ich auf deine Frage zurück, aber vorerst behalte ich meine Sonnenbrille besser selber“, sagte Kian grinsend und in einem Tonfall, der keinerlei Platz für Widersprüche ließ. Das wusste auch Colm.

„Wie lange trainiert ihr eigentlich immer?“, wollte Kian nach kurzer Stille ehrlich interessiert wissen.
„Im Sommer zwei Stunden, im Winter meistens nur anderthalb. Heute hat Billy uns aber versprochen, zwei Stunden zu trainieren, weil wir am Mittwoch ein ganz wichtiges Spiel in Dublin haben. Du kommst doch zum Spiel, oder Kian?“ Colm sah hinüber zu Kian, der aufmerksam auf den Verkehr achtete, seinem Bruder aber nichts desto trotz zuhörte.
„Mittwoch? Da habe ich einen wichtigen Arzttermin, Colm. Ich weiß nicht, ob ich Zeit habe. Wann genau ist das Spiel denn?“ Kian wusste, wie viel Wert Colm darauf legte, dass sein großer Bruder bei Sportveranstaltungen und Fußballspielen anwesend war und auch Kian würde alles daran setzen, einem Fußballspiel von Colm beizuwohnen, doch ausgerechnet am Mittwoch musste er in die Klinik – zum Fäden ziehen.
„Um 16.30 Uhr. Bitte, Kian. Du musst unbedingt kommen. Dad und Gavin sind auch da und wenn du auch kommst, dann spiele ich bestimmt besser, als sonst“, flehte Colm in seiner kindlichen Naivität und verursachte augenblicklich ein schlechtes Gewissen bei seinem großen Bruder.
Kian hatte in diesem Jahr nicht häufig die Gelegenheit gehabt, Colm beim Fußball spielen zuzusehen, doch am Mittwoch würde es wohl glücklicherweise doch klappen, immerhin war sein Termin zum Fäden ziehen schon früher und um halb fünf hatte er die Klinik sicherlich längst schon wieder verlassen. Demnach stand einem Sportnachmittag nichts im Wege.
„Ich werde kommen, Colm“, versprach Kian lächelnd und spürte, wie ihm die Tränen der Rührung in die Augen stiegen, als er den strahlenden Gesichtsausdruck seines Bruders wahrnahm.
Colms Augen glitzerten vor lauter Freude, sein Lächeln war breiter als je zuvor.
Kian wusste, dass er Colm soeben unwahrscheinlich glücklich gemacht hatte – etwas, dass ihn ganz und gar ausfüllte.

Nur wenige Minuten später parkte Kian seinen Wagen auf einem kiesigen Parkplatz und entließ Colm zum Training.
„Viel Spaß, Kleiner, und pass auf, dass dir niemand die Knochen bricht“, mahnte er scherzend, öffnete die Fahrertür und wuschelte seinem Bruder kurz durch das braune Haar, bevor er die Tür wieder schloss und Colm geistesabwesend hinterher blickte. Er liebte seinen Bruder abgöttisch, stand ihm näher als jedem anderen in der Familie. Zwar konnte er nicht leugnen, dass er auch zu seinen Eltern und anderen Geschwistern ein überaus gutes Verhältnis hatte, doch mit Colm verband ihn etwas bestimmtes. Etwas ganz besonderes.
Dessen war er sich vollkommen sicher.
Leise lächelnd startete er erneut den Motor und lenkte den Wagen aus der breiten Parklücke, um Shane und Gillian wie angekündigt einen Besuch abzustatten und einen kurzen Blick auf sein kleines zukünftiges Patenkind zu werfen. Kian erinnerte sich noch zu gut daran, wie Shane ihm vor knapp zehn Wochen freudestrahlend eröffnet hatte, ihn als zweiten Patenonkel ihrer kleinen Tochter auserkoren zu haben.
Gott, Kian war schrecklich stolz gewesen, hätte vor lauter Freude sogar beinahe geweint.
Glücklich hatte er sich dazu bereit erklärt, diese Aufgabe zu übernehmen, schließlich war er bereits kurz nach Alanas Geburt Feuer und Flamme für dieses kleine, hübsche Mädchen gewesen.
Bei dem Gedanken daran musste er ein weiteres mal an Jodi denken.
Damals waren sie noch zusammen gewesen, hatten sich noch zusammen über Shanes Wunsch gefreut und zusammen beschlossen, in naher Zukunft ebenfalls eine kleine Familie zu gründen.
Nun, dieser Beschluss war jetzt leider Gottes hinfällig und auch wenn Kian sich vorgenommen hatte, nicht mehr an Jodi zu denken, schmerzte es ihn noch immer, wenn er unweigerlich mit ihr konfrontiert wurde. Plötzlich vibrierte sein Handy in der Hosentasche und er erinnerte sich augenblicklich an den Anruf bei Jodi. Normalerweise hätte es jeder sein können, der ihm eine Nachricht zukommen ließ, doch schier in diesem Moment war es sich fast sicher, dass es Jodi war, die sich gemeldet hatte.
Himmel, er hoffte es so sehr. Und zugleich fürchtete er sich davor.
Vorsichtig bog er in die nächstbeste Einfahrt ein, stellte den Motor ab und fischte nach dem Handy. Auf dem Display wurde eine erhaltende Nachricht angezeigt – Absender Jodi.
Er hatte es geahnt, hatte es sogar gewusst. Es war wie eine Eingebung, als hätte ihm eine höhere Macht genau diese Tatsache zugeflüstert.
Mit zitternden Fingern öffnete er die Nachricht, bereit sie zu lesen, neugierig darauf, was sie ihm mitzuteilen hatte. Allein, dass sie sich bei ihm gemeldet hatte, versetzte ihn in Wallungen, jagte ihm einen wohligen Schauer über den Rücken und verursachte eine unübersehbare Gänsehaut auf seinem gesamten Körper.

Hey, Kian!
Tut mir leid, dass ich mich so lange nicht mehr gemeldet hab – ich hatte viel zu tun.
Trotzdem hat mich dein Anruf verwirrt. Du willst mit mir reden?
Fein. Sag mir Zeit und Ort, ich werde da sein.
Jodi

Kian verzog bei diesen Sätzen seine Mundwinkel und stieß einen tiefen und lautstarken Seufzer aus. Wenn er ehrlich war, hatte er sich etwas anderes erhofft, allerdings nichts anderes erwartet.
Sie war distanziert, gab nur das Nötigste von sich – verständlich, nach ihrer Trennung.
Kian war sich auf einmal nicht mehr sicher, ob er sich überhaupt mit Jodi treffen und somit alte Wunden unnötig aufreißen wollte. Ein Treffen würde sicherlich nichts bringen, wenn überhaupt würde es nur Schmerzen verursachen. Schmerzen, die Kian gerade jetzt, kurz vor der Promotion, keinesfalls gebrauchen konnte. Er beschloss, ihr schleunigst zu antworten und seinen Anruf als unsinnig ab zu tun.

Das mit dem Treffen hat sich bereits erledigt. Ich bin nicht mehr interessiert.
Einen schönen Tag noch. Kian

Kian war sich im klaren darüber, dass er sich soeben selbst belogen hatte, doch wenn er damit weiteren Schmerzen aus dem Weg gehen konnte, war ihm das nur mehr als recht.
Ächzend ließ er seinen mit einem mal schwer gewordenen Körper in die weichen Polster des Fahrersitzes sinken und starrte betroffen aus dem Fenster.
Hatte er nicht vorgehabt, um Jodi zu kämpfen?
Wollte er ihr nicht all seine Liebe entgegen bringen, nur um ihr zu zeigen, wie wichtig sie ihm nach wie vor war? Und was tat er jetzt?
Genau das Gegenteil von dem, was er eigentlich vorhatte?
Hatte er bereits zum jetzigen Zeitpunkt aufgegeben? Aufgegeben, um Jodis Gunst zu buhlen?
Aufgegeben, die Frau zurück zu erobern, mit der er die wertvollsten Jahre seines Lebens verbracht hatte? Kian verstand sich und sein Verhalten selber nicht, doch er hatte das Gefühl, das es so durchaus besser war. Jodi und er waren getrennt, lebten seit zwei Monaten in anderen Welten, die sich kaum mehr kreuzten.
Er wusste, dass noch weitere schwere Wochen, vielleicht sogar Monate vor ihm lagen, doch er war gewillt, selbige zu bewältigen – ob mit oder ohne Jodi. Würde sie einen Schritt auf ihn zumachen, wäre er nicht abgeneigt, doch er selber war nicht in der Lage, auf Jodi zuzugehen, ihr seine Avancen klar und deutlich aufzuzeigen. Dafür war er zu stolz; viel zu stolz.
Ein flüchtiger Blick auf die Uhr verriet ihm, dass er längst hätte losfahren müssen, um sich rechtzeitig bei seiner Mutter zurück melden zu können. Aus diesem Grund verschob er seinen Besuch bei Gillian und Shane, startete den Motor und trat aufs Gaspedal, nur um weg zu kommen.
Weg von diesem Ort, sinnbildlich auch weg von Jodi.

*

Grummelnd verstaute Mark eine randvoll gefüllte Einkaufstüte im Kofferraum seines Wagens und angelte nach der unberührten Zigarettenschachtel in seiner Hosentasche.
Er hasste es, einkaufen gehen zu müssen, wusste aber, dass er keine andere Wahl hatte, wenn er seine Mutter etwas entlasten wollte. Sie war noch immer vollkommen fertig wegen Barrys baldigen Weggang, konnte sich kaum mehr auf Mark, noch auf die restliche Familie konzentrieren.
Wie würde sie erst reagieren, würde Mark ihr von der bevorstehenden Promotion erzählen?
Marie verabscheute es, lange auf ihre Kinder verzichten zu müssen, und gerade jetzt, wo Barry vorhatte, mehre Jahre ins Ausland zu gehen, war sie bezüglich dieses Themas besonders empfindlich.

Seufzend öffnete Mark die Zigarettenschachtel und entnahm ihr einen Glimmstängel, um ihn augenblicklich anzuzünden und zwischen seine vollen Lippen zu stecken.
Er schloss einen kurzen Moment die Augen, als er den Rauch tief inhalierte und mit einem tiefen Atemzug wieder ausstieß.
Wie oft hatte er sich bereits vorgenommen, dieses lästige Laster aufzugeben?
Ein mal? Zwei mal? Nein, seine Entwöhnungsversuche waren mittlerweile kaum mehr zählbar und ließen ihn immer wieder aufs neue beschämt aufstöhnen.
Nun, bald war Silvester – eine neue Gelegenheit, um sich das Rauchen abzugewöhnen.
Mark hatte es sich in seinem innerlichen bereits vorgenommen und stellte sich schon jetzt mental auf den ersten Januar im Jahre 2006 ein – dem Jahr, in dem er die Zigaretten zu den Akten legen würde.
Bei dem Gedanken daran musste er lächeln. Hoffentlich schaffte er es tatsächlich.
Mark nahm einen weiteren Zug von seiner Zigarette und warf aus den Augenwinkeln einen Blick auf die gut erkennbare Kirchturmuhr. Es war kurz nach zehn; seine Mutter würde sicherlich schon auf die Einkäufe warten, denn ohne selbige konnte sie unmöglich das Mittagessen zubereiten.
Schwermütig drückte Mark die Zigarette an einer Steinmauer aus und warf sie zu Boden, bevor er den Kofferraum seines Wagens schloss, um ihn herum ging und sie hinter das Lenkrad fallen ließ.
Er hoffte, alle wichtigen Lebensmittel, die auf dem Einkaufszetteln gestanden hatten, bekommen zu haben, denn anderenfalls würde ihn Marie zurück zum Supermarkt schicken, nachdem sie ihm eine lautstarke Standpauke gehalten hatte. Wie in alten Zeiten.

Mit gekonnten Handgriffen startete er den Motor, legte den Gang ein und trat auf das Gaspedal, um den Wagen aus der schmalen Parklücke heraus zu lenken und auf die dichtbefahrene Hauptstraße abzubiegen. Es war Samstag und Sligo schien völlig überfüllt mit Einheimischen oder Touristen, die sämtliche Gassen und Straßen unsicher machten und säumten.
Während er sich auf den Verkehr konzentrierte, strich er sich durch das dunkle Haar.
Am morgigen Tag würde er schon wieder in Dublin sein, um mit Nicky und vielen anderen Leuten Nickys Geburtstag zu feiern.
Hatte Mark überhaupt Lust auf eine ausschweifende Party?
Auf Unmengen Alkohol, oberflächliche Gespräche und auf Frauen, die um seine Gunst buhlten?
Wenn er ehrlich war, reizte ihn dieser Gedanke schon, doch er kämpfte dagegen an.
Zumindest vorerst.
Plötzlich trat Mark auf das Gaspedal. Kian. Sein Wagen stand am Gehweg und Kian lehnte an ihm, die Schultern hängend, den Kopf gesenkt. Gott, es schien ihm nicht gut zu gehen.
Kurz entschlossen setzte Mark den Blinker und fuhr an den Straßenrand, um auszusteigen, die Straße zu überqueren und auf Kian zuzulaufen. Er schien ihn nicht einmal wahr zu nehmen, als er neben seinem Freund zu stehen kam. Erst als Mark ihm eine Hand auf die Schulter legte, sah Kian auf – die Augen rot und geschwollen, als hätte er stundenlang geweint.

„Hey, was ist los?“ Mark hatte nicht vor, erst um den heißen Brei herum zu reden, sondern fragte Kian unvermittelt, auch wenn dieser sich dadurch möglicherweise gestört fühlte.
„Nichts“, entgegnete Kian tonlos, langte nach einem Taschentuch und schnäuzte sich geräuschvoll.
Mark legte seine Stirn in Falten und atmete tief durch.
Es war nur allzu offensichtlich, dass es Kian mehr als schlecht ging, doch weswegen?
„Kian, komm schon. Wir sind seit Ewigkeiten beste Freunde und ich weiß, dass es dir nicht gut geht. Aber ich wüsste gerne warum. Liegt es an Jodi? Hast du Probleme mit deinen Eltern? Vielleicht mit deinen Geschwistern? Los, rede mit mir“, forderte Mark vehement und zwang Kian dazu, ihm in die Augen zu sehen.
„Herrgott, Mark. Du weißt doch ganz genau, was mich so runter zieht, oder? Also lass mich verdammt noch mal in Ruhe und kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten. Ich muss jetzt sowieso los“, gab Kian lautstark zurück und schickte sich an, in seinen BMW zu steigen, als Mark seinen Oberarm packte und ihn kraftvoll herum wirbelte.
„Zum Teufel noch mal, Kian. Du sagst mir jetzt sofort, was mit dir los ist, ansonsten werde ich dich dazu zwingen, in MEINEN Wagen zu steigen und mit mir zu MEINEN Eltern zu fahren.“ Mark sprach äußerst laut, jedoch nie ohne unhöflich oder aufdringlich zu werden.
Kian seufzte und raufte sich das Haar. Er schien einsichtig zu werden.
„Na gut“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und lehnte sich mit seiner Rückansicht wieder an den Wagen, die Arme vor der Brust verschränkt.
„Geht doch. Man muss dir wirklich immer erst die heiße Pistole auf die Brust setzen, ehe du irgendwas von dir gibst“, lächelte Mark sanft und postierte sich Kian gegenüber.
Er würde seinem Freund zuhören, egal wie lange es dauern würde.
„Du hast recht, Mark. Es liegt an Jodi. Ich hab sie angerufen, nur, weil ich ihre Stimme hören wollte. Aber lediglich ihre Mailbox ist rangegangen. Leider. Jedenfalls hat sie mir vorhin geschrieben, eine SMS. Sie wollte sich mit mir treffen, mich sehen, aber ich hab ihr abgesagt, weil ich plötzlich gemerkt hab, dass es so nicht weiter gehen kann. Eine Konfrontation mit Jodi hätte mich fertig gemacht“, seufzte Kian, den Tränen schon wieder bedrohlich nahe.
Mark konnte nicht anders, als ihn in eine Umarmung zu ziehen und lange und ausgiebig zu herzen.
Er tat ihm schrecklich leid, doch Mark war machtlos, konnte gegen Liebeskummer auch nichts ausrichten.

„Und nun?“ Mark wusste nichts anderes darauf zu sagen.
„Keine Ahnung. Vermutlich sollte ich Jodi einfach aus meinem Gedächtnis verbannen und keinen einzigen Gedanken mehr an sie verschwenden. Aber ich weiß, dass ich das nie und nimmer schaffen werde. Dafür bedeutet sie mir einfach zu viel.“
„Aber du kannst es versuchen“, munterte Mark ihn auf.
„Ich bin mir aber sicher, dass sämtliche Versuche scheitern werden. Jodi war die Liebe meines Lebens – keine Frau wird jemals an sie heran kommen können“, zuckte Kian mit den Schultern und vergrub seine Hände nun in den Taschen seiner weiten Jeanshose.
„Wenn du es nicht versuchst, dann wirst du damit wohl oder übel recht haben“, meinte Mark und blickte gen Himmel, der sich nunmehr bedrohlich zuzog. Erneuter Regen drohte.
„Ich will aber nicht recht haben, Mark. Das einzigste, was ich will ist, endlich wieder glücklich zu sein. Wir gehen übernächste Woche auf Promo und ich bin nicht mal annähernd in der Verfassung dazu. Was zum Himmel sollen denn die Fans mir denken? Das mich meine Arbeit tierisch nervt und ich absolut keine Lust mehr darauf habe? Wenn ich Jodi doch nur vergessen könnte“, jammerte Kian und sah zum ersten mal seit einigen Minuten zu Mark, der unverändert in seiner Position verharrte.
„Vergessen wirst du sie sicherlich nie können, aber du könntest dich darum bemühen, ohne sie zu leben“, schlug Mark vor, auch wenn er wusste, dass Kian nicht darauf eingehen würde.
„Mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben“, antwortete Kian.
„Genau das denk ich auch“, bestätigte Mark nickend und sah auf die Uhr.
Seine Mutter würde ihm die Hölle heiß machen, würde er sich nicht schleunigst auf den Weg nachhause machen. Kians Zustand schien jetzt wieder einigermaßen stabil; er konnte ihn also getrost alleine lassen. Jedenfalls hoffte er das.
„Du, Kian. Ich hab den ganzen Kofferraum voller Einkäufe, die meine Mum unbedingt zum Mittagessen braucht. Deswegen sollte ich mich schnellstens heim machen“, lachte er entnervt und deutete mit seinem Kopf in Richtung seines Wagens.
„Sicher. Geh nur. Ich will ja nicht Schuld am mangelnden Familienfrieden im Hause Feehily sein“, versuchte er zu Lächeln und schaffte es tatsächlich. Mark erwiderte eben dieses Lächeln, schlug ihm noch einmal freundschaftlich auf die Schulter und wandte sich dann von ihm ab.
„Wir sehen uns morgen bei Nicky, okay?“
„Okay“, nickte Kian und hob seine Hand zu einem Abschiedsgruß.
Mark war unwahrscheinlich froh, ausgestiegen zu sein und mit Kian gesprochen zu haben.
Hoffentlich hatte er ihm geholfen, wenigstens ein bisschen.

*

Gedankenverloren ging Kian die Einfahrt seines Elternhauses entlang, nach wie vor über Jodi nachdenkend. Er konnte ihre Nachricht nicht vergessen, konnte nicht glauben, dass er ihr tatsächlich eine Absage erteilt hatte, wo er sich doch so sehr nach ihr verzehrte.
Gott, er musste verrückt geworden sein, doch er hatte keine andere Wahl gehabt.
Eine Absage war das einzig richtige – für ihn und für Jodi.
Niemand konnte wissen, wie ein Treffen zwischen ihnen verlaufen wäre, wäre es zu selbigem gekommen. Hätten sie sich gestritten oder amüsiert? Wären alte, längst verloren geglaubte Gefühle neu entflammt? Himmel, es hätte wahrlich viel passieren können; eine weitere Tatsache, weswegen Kian froh war, dass es nicht zu diesem Aufeinandertreffen gekommen war.
Seufzend erklomm er die wenigen Treppenstufen, die zur Haustür führten, und drehte den Knauf, in der Hoffnung, die Türe wäre nicht abgeschlossen. Und tatsächlich ließ sie sich problemlos öffnen und Kian konnte unbemerkt eintreten.
Seine Mutter hatte die Angewohnheit, Türen grundsätzlich nicht abzuschließen – etwas, was sich als durchaus gefährlich erweisen konnte, bemerkte man es nicht früh genug.
Kian musste unweigerlich schmunzeln, als er daran dachte.
Wie oft hatte er seine Mutter schon diesbezüglich belehrt?
Wie oft hatte er versucht, ihr klar zu machen, dass Fans durch nicht abgeschlossene Türen durchaus in seine Privatsphäre eindringen konnten, ohne das es überhaupt jemand bemerkte?
Sehr oft und trotzdem schien sie es noch nicht gelernt zu haben.

Gerade, als Kian aus seinen Schuhen fuhr, öffnete sich die Haustür hinter ihm und Marielle betrat gemeinsam mit einer Freundin das Haus.
„Hallo, Schwesterherz“, flötete Kian, wohlwissend, dass Marielle diesen Ausdruck verabscheute.
„Du sollst mich nicht immer Schwesterherz nennen“, zischte sie warnend und zog ihre Freundin mit sich, ohne eine Reaktion ihres Bruders abzuwarten. Er liebte es, Marielle mit solchen Bemerkungen zu ärgern, gerade jetzt, wo sie sich mitten in der Pubertät befand.

Nachdem er sich seiner Jacke entledigt und sie ordentlich an die Garderobe gehängt hatte, lief er ohne Umwege in die Küche, sein derzeitig liebster Aufenthaltsort im gesamten Haus.
Es duftete bereits herrlich nach einem verführerischen Mittagsmahl – genau, wie Patricia es angekündigt hatte. Gott, ohne seine Mutter wäre Kian wahrlich aufgeschmissen.
Er konnte weder kochen, noch Wäsche waschen, würde demnach völlig untergehen, müsste er irgendwann einmal einen eigenen Haushalt führen. Vielleicht hielt er sich deswegen zur Zeit lieber bei seinen Eltern, als in seinem eigenen Haus auf.
Ja, diese Begründung klang plausibel, konnte also durchaus der Wahrheit entsprechen.
Kopfschüttelnd verdrängte er diesen Gedanken und schlich sich von hinten an seine Mutter heran, die sich über einen Topf gebeugt hatte und in selbigem mit einem überdimensionalen Holzlöffel rührte.
Sie schien Kian nicht zu bemerken, nahm ihn nicht einmal ansatzweise wahr.
Eine Tatsache, die Kian sehr gelegen kam.
Er wusste, wie schreckhaft seine Mum war und liebte es schier abgöttisch, sie zumindest ein wenig zu ängstigen. So leise es nur irgend möglich war, näherte er sich Patricia und blieb nur wenige Zentimeter hinter ihr stehen. Kian hoffte, dass sie nicht schreien würde, wenn er sich in wenigen Sekunden durch ein Wort, eine Geste, bemerkbar machte.

„Hi, Mum!“ Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und fuhr augenblicklich zusammen, als sie sich ruckartig herum drehte und ihm den Löffel unabsichtlich mitten ins Gesicht schlug.
Himmel, dieser Versuch schien wahrlich gescheitert zu sein.
„Kian, zum Teufel. Musst du mich dermaßen erschrecken? Das hast du nun davon. Lass mal sehen.“ Augenscheinlich besorgt legte Patricia den Holzlöffel auf der Küchenablage ab und berührte sanft Kians leicht gerötete Wange.
„Tut es sehr weh?“, fragte sie schuldbewusst nach, während sie sich von Kian entfernte und hinüber zum Kühlschrank lief, um das Eisfach zu öffnen und einen Kühlakku heraus zu nehmen, den sie augenblicklich auf der Wange ihres Sohnes platzierte.
„Es geht“, stöhnte Kian wenig überzeugend und ließ sich schwerfällig auf einen nahestehenden Stuhl fallen, als der Schmerz sich schleichend verschlimmerte. Gott, er bereute es, dass er sich dermaßen kindisch aufgeführt hatte und hätte alles darum gegeben, sein Tun und Handeln rückgängig zu machen. Er musste vollkommen ramponiert aussehen – erst die hässliche Platzwunder über die Augenbraue und jetzt die geschwollene Wange. Das schien eindeutig nicht seine Woche zu sein.
„Möchtest du dich vielleicht hinlegen und ausruhen, Schätzchen? Du bist ganz blass“, stellte Patricia mit gerunzelter Stirn fest, sorgenvoll auf ihren Sohn herab blickend.
„Nein, es geht schon. Ich bin hart im nehmen, das weißt du“, zwinkerte er lächelnd und legte den Kühlakku neben sich auf dem Küchentisch ab.
„Wenn du meinst. Ich wollte dich im übrigen nicht schlagen, Kian. Es ist aus einem Reflex heraus geschehen, weil ich mich so erschrocken hab“, gab sie peinlich berührt zu und spähte hinüber zum Herd.
„Mum, du musst dich nicht entschuldigen. Es war ganz allein meine Schuld, okay? Ich dachte, ich müsste mal wieder das Kind in mehr zutage befördern und dieses Dilemma ist nun mal dabei rausgekommen.“ Er grinste schief, bereute diese Regung jedoch augenblicklich, als das starke pochen oberhalb seines Wagenknochens sämtliche seiner Gesichtsmuskeln zu lähmen drohten.
Vielleicht sollte er sich doch ein wenig hinlegen...

*

Etwas später in Dublin

„Du machst mich total verrückt, Nicky“, seufzte Georgina lautstark und warf theatralisch ihre Hände in die Höhe, um ihrem Missmut Ausdruck zu verleihen.
Nicky, der bis eben damit beschäftigt war, eine schier endlos lange Einkaufsliste zu erstellen, sah grinsend auf und hob unschuldig seine Schultern.
„Mein Gott, Gina. Du dramatisierst alles mal wieder unnötig. Ich habe nur ein mal im Jahr Geburtstag und möchte dieses wichtige Ereignis deswegen mit einer großen Party gebührend feiern, okay?“ Georgina zog kopfschüttelnd eine Augenbraue in die Höhe und winkte ab.
„Wichtiges Ereignis – das ich nicht lache. Aber meinetwegen. Tu was du nicht lassen kannst. Ich werde derweilen zu Cecelia fahren.“ Mit diesen Worten wandte sich Georgina von ihrem Ehemann ab und stolzierte aus der Küche.

Schon seit den frühen Morgenstunden hatte Nicky ihr mit der bevorstehenden Geburtstagsparty in den Ohren gelegen, sie wann immer er die Möglichkeit hatte daran erinnert.
Mittlerweile kannte Georgina Nickys Vorstellungen, wusste welchen und wie viel Alkohol er anbieten wollte. Langsam aber sicher riss ihr der Geduldsfaden und bevor sie etwas tat oder sagte, was sie wohlmöglich später bereuen würde, zog sie sich lieber zurück und verließ für eine Weile dieses Haus.
Nicky blickte ihr zwar nach, unternahm allerdings keine Versuche, sie in irgendeiner Weise aufzuhalten. Er kannte seine Frau lange genug, um zu wissen, dass sie nun lieber ihrer Ruhe hatte, anstatt sich mit ihm auseinander zu setzen.

Nachdem die Haustür lautstark ins Schloss gefallen war, erhob sich Nicky von der Couch und ging hinüber zu dem kleinen Tischchen, auf dem das Telefon platziert worden war.
Er wollte die letzten Gäste einladen, natürlich persönlich, wie es sich für den Gastgeber gehört.
Eilig wählte er die erste Nummer und wartete gespannt, dass jemand abnahm.
Und tatsächlich vernahm er nur Sekunden später eine ihm sehr bekannte Stimme.
Augenblicklich entstand ein Lächeln auf seinen Lippen.

„McFadden“, meldete sich sein ehemaliger Bandkollege.
„Hallo, Brian. Rate mal, wer am Telefon ist“, begrüßte Nicky einen seiner besten Freunde und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Erst hatte er vorgehabt, Brian nicht einzuladen, weil Kerry zur Party kommen würde und wohl nicht unbedingt auf ihren Ex-Ehemann treffen wollte, doch letztlich hatte er sich doch dazu durchgerungen, immerhin handelte es sich bei Brian McFadden um einen engen Vertrauten, der auf einer Party keinesfalls fehlen durfte.
„Glaubst du ernsthaft, ich erkenne dich nicht, Byrne?“, entgegnete Brian lachend.
„Nein, nicht wirklich. Aber ich wollte mich nicht mit dem Standartsatz bei dir melden, verstehst du?“, antwortete Nicky ebenfalls lachend. Es tat gut, Brians Stimme zu hören.
„Morgen ist dein großer Tag, was?!“
„Ganz genau. Deswegen rufe ich übrigens auch an. Ich wollte dich einladen.“
„Mich einladen?“, hakte Brian scheinbar ungläubig nach und ließ Nicky stutzen.
Was war verkehrt daran, dass er seinen Freund an seinem Geburtstag bei sich haben wollte?
„Du hast es erfasst. Hast du etwa keine Zeit?“
„Doch, doch natürlich hab ich Zeit. Es ist nur – also Delta ist momentan hier bei mir in Dublin und ich halte es nicht für die beste Idee, sie mitzubringen“, zweifelte Brian offenkundig.
Das war also der Grund für Brians zurückhaltende Art.
„Warum nicht? Du weißt, dass wir Delta alle mögen. Es wäre nicht die erste Party, auf die ihr zusammen geht und Georgina würde sich sicherlich freuen, mit Delta mal wieder ausführlich schwatzen zu können“, erklärte Nicky, wusste aber eigentlich, dass es an etwas ganz anderem lag, weshalb Brian seine Freundin nicht mitbringen wollte.
„Ich hab gehört, Kerry wird auch kommen.“
„Da hast du richtig gehört. Sie gehört nach wie vor zu meinen besten Freunden und Georgina hätte sie gerne dabei. Aber woher weißt du davon?“, fragte Nicky und vergrub seine freie Hand in der Hosentasche.
„Kerry hat mir davon erzählt. Letzte Woche, als sie die Kinder abgeholt hat.“
„Aber dann verstehe ich dein Problem nicht, Brian. Ihr seid seit einem Jahr getrennt und scheint euch langsam wieder zu verstehen. Da werdet ihr ja wohl eine gemeinsame Party überstehen, oder?“
Stille. Brian schien ernsthaft über Nickys Worte nachzudenken.
„Kerry hasst Delta wie die Pest, Nicky. Ich möchte dir die Party nicht ruinieren.“
„Das wirst du schon nicht tun. Kerry ist eine erwachsene, zivilisierte Frau...“
„...die gerne mal ausfällig wird, wenn sie zu viel Alkohol intus hat“, beendete Brian Nickys Satz und stöhnte verunsichert auf.
„Glaub mir, Brian. Kerry wird sich zurückhalten. Das verspreche ich dir.“
„Versprich nichts, was du nicht halten kannst, Byrne. Aber ich werde trotzdem gerne auf deine Einladung zurück kommen. Ein Versuch ist es schließlich wert, oder?“ Nicky lächelte.
„Ganz bestimmt sogar. Gina wird Kerry schon bei Laune halten, verlass dich drauf. Wir sehen uns also morgen Abend gegen halb sieben?!“
„Ja, tun wir“, versicherte Brian und beendete nach einem Abschiedswort das Telefonat.
Nicky nahm einen erleichterten Atemzug und warf einen kurzen Blick auf den Zettel, den er am gestrigen Tag vor dem Telefon abgelegt hatte.
Brian war eingeladen – glücklicherweise – und jetzt musste er nur noch eine Person anrufen, die er gerne dabei haben wollte, obwohl er sie so gut war gar nicht kannte.

Sorgsam wählte er die Nummer, führte den Hörer erneut an sein Ohr und ging zurück zum Sofa, um sich auf selbiges fallen zu lassen und die Beine weit von sich zu strecken.
Die Organisation einer anspruchsvollen Geburtstagsparty war anstrengender als gedacht.
„Hallo? Catherine O’Connor hier.“ Er schrak auf und fuhr sich benommen durch das Haar.
Eigentlich hatte er sie nicht einladen wollen, wieso auch, wo sie sich doch prinzipiell kaum kannten, und dennoch wünschte er, sie bei sich zu haben. Sie bei der Party zu haben, schließlich war Catherine von nun an eine wichtige Mitarbeiterin ihres Teams.
„Catherine, ich bin’s, Nicky. Nicky Byrne. Erinnern Sie sich an mich?“ Er wusste nicht recht, was er sagen sollte und hoffte von daher, dass sie ihn von allein erkennen würde.
Einen Moment lang herrschte beharrliche Stille am anderen Ende der Leitung, dann allerdings räusperte sich Cat lautstark.
„Mister Byrne, hallo. Natürlich erinnere ich mich. Gibt es ein Problem oder weswegen rufen Sie mich an?“ Sie wirkte verwirrt – eine Tatsache, die Nicky augenblicklich zum grinsen brachte.
Er hatte keine Ahnung, welche Abneigung Mark gegen sie hatte, denn auch, wenn Nicky erst ein mal die Gelegenheit hatte, mit ihr zu reden, mochte er sie.
„Nein, keine Panik, Catherine. Und nennen Sie mich bitte Nicky. Dieses förmliche Mister Byrne lässt mich gleich noch mal um Jahre altern“, lachte er und hoffte, das eingefahrene Gespräch somit ein wenig zu lockern.
„Okay. Aber dann müssen Sie mich bitte Cat nennen. Alle meine Freunde und Bekannten sagen Cat zu mir; den Namen Catherine benutzt eigentlich nur meine Mutter“, erklärte sie leicht belustigt.
„Gut, Cat. Nun zu dem Grund weshalb ich anrufe. Ich weiß nicht, ob Sie es mitbekommen haben, aber ich habe morgen Geburtstag und gebe eine große Party, zu der ich Sie rechtherzlich einladen möchte. Viele meiner Freunde werden da sein, meine Kollegen ebenfalls. Da Sie nun zu unserem Team gehören, die wenigsten Leute jedoch persönlich kennen, dachte ich mir, der morgige Tag wäre die perfekte Gelegenheit, um das zu ändern.“ Nicky sprach schnell und unkoordiniert, nicht sicher, ob Cat tatsächlich alles verstanden hatte, was er ihr sagen wollte.
„Sie wollen MICH einladen, Nicky?“, platzte es jedoch nur Sekunden später laut aus ihr heraus.
Nicky verzog instinktiv sein Gesicht und drückte seinen Körper tiefer in die Polster der Couch, hatte er doch mit einer solchen Reaktion gerechnet.
„Ja, das will ich. Sicher, wir haben uns erst ein mal gesehen und sind uns eigentlich völlig fremd, aber Sie werden bald mit uns auf Promotion gehen und es liegt mir schon sehr am Herzen, dass Sie mich und auch die anderen vorher ein bisschen besser kennen lernen. Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn Sie vorbei kommen würden, Cat“, sagte Nicky ehrlich.
„Ich...ich weiß nicht so genau. Also...was...wie...ich kenne dort doch niemanden“, stammelte Cat unbeholfen, völlig überfordert mit der derzeitigen Situation.
„Dem schaffen wir Abhilfe. Ich werde Sie nicht zwingen, Cat, aber Sie würden mir mit Ihrer Anwesenheit eine große Freude machen.“
„Wirklich?“
„Wirklich.“

Wieder herrschte Stille. Cat schien ernsthaft zu überlegen, während Nicky gespannt auf eine Antwort wartete. Seine Worte waren nicht gelogen – er wollte sie tatsächlich auf seiner Geburtstagsparty haben, allerdings nicht ganz ohne Hintergedanken, wie er insgeheim zugeben musste.
„Also schön. Ich werde da sein.“
„Ernsthaft? Das freut mich, Cat. Wir sehen uns morgen. Haben Sie meine Adresse?“
„Ja, die habe ich. Mister Walsh hat sie mir an meinem zweiten Arbeitstag gegeben“, antwortete sie noch immer ein wenig eingeschüchtert.
Nicky nickte in den Hörer, verabschiedete sich noch einmal von ihr und legte auf.
Nun war er wirklich gespannt, wie sich der morgige Tag und vor allem die Party gestalten würde.

*

Aufgeregt ließ Cat den Hörer zurück auf die Station sinken, während sie rückwärts aus dem Wohnzimmer ging und sich mit ihrer Rückansicht an die nächstbeste Wand lehnte.
Sie konnte nicht glauben, dass sie soeben von einem ihrer Vorgesetzten zu dessen Geburtstag eingeladen worden war. Warum ausgerechnet sie?
Sie war eine einfache Mitarbeiterin, doch noch nicht einmal eine Woche in Louis Walshs Firma beschäftigt war. Konnte sie unter solchen Umständen bereits auf eine Feier eines solch einflussreichen Menschen gehen?
Cat arbeitete wie gesagt gerade erst ein paar Tage für die Jungs, schaffte es kaum, sich ihre Namen zu merken und würde nun bereits am morgigen Tag mit all den ihr noch fremden Menschen eine Party feiern. Hätte sie vielleicht absagen sollen?
Wieso war sie nur derart vorschnell gewesen, anstatt sich diese Einladung noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen?

Seufzend fuhr sie sich durch das Haar, bevor sie unbewusst eine Hand auf ihren noch flachen Bauch legte und langsam darüber strich. Cat hatte nach wie vor keine nennenswerte Entscheidung bezüglich der Schwangerschaft getroffen; eine Tatsache, die ihr sehr zusetzte, schließlich hatte sie nicht ewig Zeit. Leider. Sollte sie auf Holly hören und das Kind behalten oder sollte sie auf ihren Instinkt vertrauen und abtreiben? Doch hatte sie das Recht, das Leben eines Menschen zu beenden, bevor es überhaupt begonnen hatte? Sie konnte ihr eigenes Kind unmöglich vernichten – zumindest nicht willkürlich. Hatte sie eine andere Wahl? War sie in der Lage, ein Kind großzuziehen?
Sie hatte weder die finanziellen noch die räumlichen Mittel und wäre demnach mehr als jemals zuvor auf ihre Mutter angewiesen, obwohl sie sich nichts sehnlicher wünschte, als weiterhin unabhängig zu sein. Kopfschüttelnd ließ sie sich an der Wand herunter gleiten und zog ihre Knie eng an ihren schmalen Körper heran. Sie wusste nicht was sie tun, wie sie sich entscheiden wollte, aber sie hatte das Gefühl, dass momentan jeder ausgerechnet jetzt eine Entscheidung von ihr erwartete.
In den nächsten Tagen würde Cat nicht nur körperlich, sondern vor allem seelisch durch die emotionale Hölle gehen.

*

Am Abend in Sligo

Nachdenklich drehte sich Kian auf den Rücken, den Blick an die Zimmerdecke gerichtet, die Beine auf dem weichen Bett leicht angewinkelt.
Er fühlte sich nach dem versehentlichen Ausrutscher seiner Mutter vom Mittag nach wie vor nicht sonderlich gut und wünschte sich nichts sehnlicher, als schnellst möglichst einzuschlafen, doch seine Gedanken machten ihm leider Gottes einen Strich durch die Rechnung – mittlerweile beinahe den gesamten Nachmittag über.
Kian wusste nicht warum, aber er musste unentwegt an Jodi und ihre Nachricht denken.
Sie hatte den Wunsch geäußert, ihn zu sehen, doch er hatte nichts besseres zu tun gehabt, als ihr abzusagen, obwohl er sich noch nie so sehr im Leben nach etwas Zärtlichkeit und Liebe gesehnt hatte, wie schier in diesem Moment. Kian fühlte sich allein und verlassen, vollkommen hilflos der großen Welt gegenüber. Himmel, er hatte sich dermaßen stark an Jodi gewöhnt, dass es ihm nun schwer fiel, einen Weg zurück ins Leben zu finden.
Einen Weg zurück in ein Leben ohne Jodi. Ohne die Liebe seines Lebens.
Seufzend strich er sich eine in die Stirn gefallene Haarsträhne hinter das Ohr und richtete sich ein wenig auf, um nach seinem Handy zu angeln, dass unbeweglich auf dem Nachtschränkchen lag.
Kian wusste, dass er jeden Augenblick einen Fehler begehen würde, doch die Sehnsucht nach Jodi war viel zu groß, als das er in der Lage war, großartig darüber nachzudenken.
Sorgsam wählte er ihre Nummer und führte das Telefon hinauf an seine Ohrmuschel.
Hoffentlich würde sie rangehen. Hoffentlich!

Kian fuhr erschrocken zusammen, als er tatsächlich nur Sekunden später ihre liebliche Stimme am anderen Ende der Leitung vernahm. Nun wusste er entgültig, was er in den vergangenen acht Wochen so schmerzlich vermisst hatte.
„Hallo?!“, meldete sich Jodi sanft. Sie schien zu wissen, von wem der Anruf kam.
Kian erschauderte sofort und schloss kurzzeitig seine Augen.
„Hallo, Jo. Ich bin’s, Kian. Hast du einen Moment Zeit?“, fragte er unvermittelt und nahm einen tiefen Atemzug, als sie seine Frage augenblicklich bejahte.
„Sicher. Für dich habe ich immer Zeit, das weißt du.“ Kian nickte.
„Ja, das weiß ich. Du hast mir heute morgen eine Nachricht geschrieben, Jo, erinnerst du dich? Es ging um ein Treffen, dass ich in meiner Sturheit leider Gottes abgesagt habe. Jetzt habe ich allerdings ein paar Stunden darüber nachgedacht und gemerkt, dass ich nichts lieber tun würde, als dich wieder einmal zu sehen. Wir sind seit fast neun Wochen getrennt und in eben diesen neun Wochen haben wir uns nicht ein mal zu Gesicht bekommen“, schilderte Kian ausführlich, das Augenpaar aus dem kleinen Fenster gerichtet. Er wollte Jodi zu nichts drängen, hoffte jedoch insgeheim, dass sie zusagen würde.
Ein paar Sekunden lang herrschte absolute Stille zwischen den Beiden.
Jodi schien über Kians Vorschlag nachzudenken und Kian hielt sich aufgrund dessen im Hintergrund, um keinesfalls ungeduldig oder gar hektisch zu wirken.
Es war ihm wichtig, dass sie ihre eigene Entscheidung traf und sich zu nichts gezwungen fühlte.

„Du willst dich also wirklich mit mir treffen? Trotz der SMS vom Vormittag?“, hinterfragte sie skeptisch.
„Natürlich will ich das. Ich hab dir eben gesagt, dass ich vorhin über deine SMS nicht großartig nachgedacht habe und aus irgendeinem Grund enttäuscht war, dass du mir nicht schon früher geschrieben hast. Jetzt allerdings stempele ich mein Verhalten selber als völlig idiotisch und egoistisch ab, denn du musst mir eins glauben. Momentan würde ich nichts lieber tun, als dich zu sehen und ein wenig mit dir zu reden. Mir fehlen unsere gemeinsamen Gespräche über Gott und die Welt, Jo.“ Er seufzte, wusste er doch, dass er soeben alte Wunden neu aufgebrochen hatte.
Warum konnte er sich nicht mit der derzeitigen Situation arrangieren?
Warum war es ihm nicht möglich, Jodi in Ruhe zu lassen, sie nicht länger zu belästigen?
Himmel, er tat sich mit seinem eigenen Verhalten doch nur selber weh...
„Kian?“
„Hm?!“
„Mir fehlen diese Gespräche auch – glaub mir“, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme und versetzte Kian mit diesen Worten einen schmerzhaften Stich mitten in sein bereits lädiertes Herz. Hatte Jodi diesen Satz eben wirklich gesagt? Waren ihr diese Worte tatsächlich über die Lippen gekommen? Gott, er konnte es nicht glauben, nicht realisieren.
Sie schien ihn zu vermissen, ernsthaft zu vermissen.
„Wann kannst du ein Treffen einrichten, Jo? Ich meine, du bist doch sicherlich zuhause in England, oder?“, wollte er interessiert wissen, mittlerweile aufrecht auf dem Bett sitzend.
„Ja, das bin ich, aber ich komme morgen früh nach Dublin. Nicky hat mich zu seiner Geburtstagsparty eingeladen, aber bis eben wusste ich nicht, ob ich wirklich erwünscht bin, schließlich wären wir uns dort aller Wahrscheinlichkeit nach begegnet“, erklärte sie leise lächelnd und fuhr fort. „Aber jetzt, wo ich weiß, dass du mich gerne wieder sehen würdest, spricht im Grunde nichts dagegen, nicht auf der Party zu erscheinen. Wir werden uns sicherlich für ein paar Minuten von der feiernden Gesellschaft abseilen können, um uns ungestört zu unterhalten, meinst du nicht auch?“ Kian lachte leise und fuhr sich durch das Haar.
„Ich denke, dass das durchaus möglich sein wird. Dann sehen wir uns also schon morgen, ja?“
„Genau. Ich freu mich, Kian.“
„Ich freu mich auch, Jo“, erwiderte Kian zart, bevor er das Gespräch beendete, das Handy neben sich fallen ließ und seinen plötzlich beschwingten Körper in den weichen Polstern der Matratze vergrub. Er würde Jodi endlich wieder sehen. Seine Jodi.

*

9. Oktober 2005, Sligo

„Herrgott, kann Mark in seinem Leben nicht ein mal pünktlich sein? Muss er sich immer und überall verspäten?“, fluchte Shane lautstark, nachdem er einen flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr geworfen und die Hupe erneut betätigt hatte.
Er hatte vorgehabt, gemeinsam mit Gillian, seiner Tochter und Mark bereits in aller Frühe nach Dublin zu fahren, um Nicky bei den letzten Partyvorbereitungen zu helfen und Georgina somit ein wenig entlasten zu können, doch Mark durchkreuzte seine Pläne wieder einmal durch seine mangelnde Disziplin. Wunderbar.
„Darling, reg dich nicht auf. Wir haben alle Zeit der Welt, okay? Außerdem rechnet Nicky noch gar nicht mit uns“, versuchte Gillian zu beschwichtigen, während sie sanft über Alanas kleinen Kopf streichelte und ihrer Tochter dabei zusah, wie ihr langsam, aber allmählich die Augen zufielen. Sie hatte lange mit sich gerungen, ob sie gemeinsam mit Shane zu Nickys Party fahren sollte, doch letzten Endes hatte sie sich dafür entschieden, wusste sie doch, nicht auf Dauer lediglich zuhause sitzen zu können. Trotz ihrer neuen Mutterpflichten war Gillian nach wie vor eine junge Frau, die ihr Leben in vollen Zügen genießen sollte, anstatt sich in der häuslichen Küche zu verbarrikadieren und Fläschchen für das Baby zuzubereiten.
„Ich reg mich aber auf. Du kennst mich, Gil. Wenn ich eines hasse, dann ist es Unpünktlichkeit“, zürnte Shane weiterhin und raufte sich das dunkle Haar.
„Ja, ich weiß, aber sieh mal. Mark kommt gerade zur Tür heraus. Also bitte ich darum, ein nettes Lächeln aufzusetzen und ihm höflich einen guten Morgen zu wünschen.“ Gillian zwinkerte ihrem Mann vielsagend zu und konzentrierte sich anschließend auf Mark, der gerade die Beifahrertür öffnete.

„Guten morgen, euch dreien“, grüßte er lächelnd und ließ sich in den Sitz fallen, ohne überhaupt Kenntnis von Shanes nach wie vor bestehender Wut zu nehmen.
„Guten morgen, Mark. Hast du gut geschlafen?“ Gillian war darum bemüht, augenblicklich die Brisanz aus der Situation zu nehmen, indem sie Mark in ein Gespräch verwickelte, während Shane grummelnd den Motor startete.
„Na ja, einigermaßen würde ich sagen. Und selber? Hat Alana euch wenigstens mal zwei Stunden am Stück schlafen lassen?“, grinste Mark und drehte sich auf seinem Sitz herum, um einen Blick auf Gillian und das schlafende Baby zu werfen.
„Ob du es glaubst oder nicht, aber Alana schläft mittlerweile schon fast fünf Stunden am Stück. Nicht schlecht, oder? Das nächtliche Stillen ist demnach fast überstanden.“ Auf Gillians schönen geschwungenen Lippen entstand ein Lächeln, als sie begeistert in ihre Hände klatschte und sich entspannt auf ihrem Sitz zurück lehnte.
Shane hingegen schien keinesfalls nach Lächeln zumute, denn er hatte noch kein einziges Wort von sich gegeben, seit sich Mark im Wagen befand.
„Freut mich zu hören. Dann könnt ihr das zweite Kind ja nun in Planung geben, oder? Jetzt, wo Alana aus dem Gröbsten heraus ist“, lachte Mark und bedeckte seine Augen, vermutlich aus reiner Gewohnheit, mit einer dunklen Sonnenbrille, obwohl der Himmel wolkenverhangen war.
„Das Zweite? Glaub mir, Mark. Bevor ich noch einmal Mutter werde, werden Jahre vergehen. Alanas Geburt war viel zu anstrengend, als das ich das in naher Zukunft noch mal durchmachen möchte“, schüttelte Gillian energisch ihren Kopf und sah Shane durch den Rückspiegel hindurch an.
„Du möchtest doch auch noch kein zweites Kind, oder Darling?“, fragte sie ehrlich interessiert. Shane, der ihrem Blick durch den Spiegel begegnete, verzog seine Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen und seufzte tief.
„Im Augenblick nicht, nein. Alana ist drei Monate alt - gerade jetzt braucht sie unsere vollste Aufmerksamkeit, weil Babys in diesem Alter am meisten lernen.“
„Ich staune, Filan. Woher weißt du das?“, brachte sich nun Mark in das Gespräch ein und schielte aus den Augenwinkeln hinüber zu Shane, der konzentriert auf die Straße blickte, angestrengt auf den Verkehr achtend.
„Shane liest seit Alanas Geburt Unmengen von Büchern und Zeitschriften, die eigentlich für Frauen gedacht sind“, antwortete Gillian anstelle ihres Mannes, lehnte sich ein wenig nach vorne und küsste Shane vorsichtig in den Nacken. Mit Genugtuung stellte sie fest, dass sich die kleinen Härchen an eben dieser Stelle langsam aufstellten – etwas, was Gillian über alles liebte. Hätte sie nun die Gelegenheit dazu, würde sie Shane auf der Stelle in das nächstbeste Schlafzimmer ziehen, nur um ein paar wenige leidenschaftliche Minuten mit ihm zu verbringen. Sie hatten seit dem achten Schwangerschaftsmonat nicht mehr miteinander geschlafen und Gillian wusste, dass Shane inzwischen arg mit dieser Tatsache zu kämpfen hatte.
Er war ein Mann, ein Mann, dessen Bedürfnisse ganz einfach hin und wieder gestillt werden mussten.
„Im Ernst? Shane, das hätte ich dir gar nicht zugetraut“, lachte Mark und verschränkte seine Hände sorgsam in seinem Schoß. Shane erwiderte nichts darauf, hatte sich sein Zorn bezüglich Marks Unpünktlichkeit nach wie vor nicht gelegt. Er wollte nichts sagen, was er später möglicherweise einmal bereuen würde.

*

Ausgeschlafen und unerwarteterweise sehr fröhlich, schlug Kian das Bettlaken zurück und setzte sich auf, beide Hände auf der Matratze abgestützt. Er fühlte sich ausgeglichen, beinahe wie von einer schweren Last befreit.
Sollte das etwas einzig und allein an dem gestrigen Telefonat mit Jodi liegen?
Einzig und allein daran, dass er seit langem wieder ihre wunderschöne Stimme gehört hatte?
Oder lag es viel mehr an der Tatsache, dass er sie – die Liebe seines Lebens – bereits in wenigen Stunden nach mehr als zwei Monaten räumlicher und emotionaler Trennung wieder sehen würde?
Kian wusste es nicht. Es war ihm auch schlichtweg egal.
Nichts anderes als seine gute Laune und die Vorfreude auf das Aufeinandertreffen beherrschte derzeitig seine Gedanken, die noch vor wenigen Tagen undurchsichtig und wüst schienen.
Er gähnte hinter vorgehaltener Hand und warf flüchtig einen Blick auf seine Armbanduhr, die er vor wenigen Stunden auf dem Nachtschränkchen abgelegt hatte. Es war kurz nach halb zehn am Morgen; Shane, Gillian und Mark waren demnach bereits auf dem Weg nach Dublin.
Kian musste lächeln, als er an den kommenden Abend und die damit verbundene Party dachte.
Endlich würden sie wieder einmal gemeinsam ausgelassen feiern können.

„Kian?“, schallte es plötzlich durch das gesamte Haus. „Kian, bist du schon wach?“
Es war unverkennbar Patricia, die gellend nach ihrem Sohn rief.
Nachdem Kian sich kurz das Haar geordnet hatte und vollends aufgestanden war, setzte er zu einer nicht minder lauten Antwort an.
„Ja, bin ich. Wieso fragst du?“, rief er und hoffte inständig, Colm und Marielle nicht geweckt zu haben. Die beiden waren schreckliche Langschläfer, beinahe sogar noch schlimmer als Kian selber, wenn das überhaupt in irgendeiner Weise möglich war.
„Das Frühstück ist fertig, Schatz“, antwortete Patricia. Kian schüttelte verständnislos den Kopf. Deswegen machte seine Mutter am frühen Morgen einen solchen Aufstand?! Unfassbar.
Bevor er etwas erwiderte, durchquerte er sein Zimmer und öffnete das Fenster an der gegenüberliegenden Wand, um einen tiefen Atemzug von der kühlen Herbstluft zu nehmen und anschließend nach unten in die Küche zu gehen.
Kian kannte seine Mutter und wusste, dass das fertig zubereitete Frühstück nicht der einzige Grund für ihre unerwartete morgendliche Rufaktion war. Schweren Schritts eilte er die hölzernen Treppenstufen herunter, den schmalen Flur entlang und unmittelbar hinein in die Küche, allerdings nicht, ohne sich vorher durch irgendein Geräusch anzukündigen.
Die Aktion vom gestrigen Tag war ihm eine Lehre gewesen.

„Guten morgen, Mum“, sagte Kian und ging auf seine Mutter zu, die wie immer hinter dem Herd stand und fleißig herum wirtschaftete.
„Guten morgen, Schatz“, erwiderte sie und küsste ihren Sohn auf die stoppelige Wange, nachdem er sich zu ihr herab gebeugt hatte. Kian war zwar mittlerweile fünfundzwanzig Jahre alt, holte sich aber dennoch seinen allmorgendlichen Begrüßungskuss ab, wann immer er zuhause war.
„Warum warst du so laut, Mum? Normalerweise rufst du uns doch auch nicht in so einem Tonfall, wenn das Frühstück oder Mittagessen fertig ist und darauf wartet, von hungrigen Mäulern verspeist zu werden“, äußerte Kian seine Verwunderung offenkundig, zog sich einen Stuhl heran und ließ sich schwerfällig auf selbigen fallen.
„Du hast gestern mit Jodi telefoniert, nicht wahr?“, wollte Patricia unerwartet wissen und setzte sich zu ihrem Sohn, instinktiv nach seinen Händen greifend.
Kian seufzte. Eigentlich hätte er es sich doch denken können, dass seine Mutter von dem Telefonat wusste. Doch woher? Stutzend blickte er auf und direkt in die stechenden Augen seiner Mutter. Sie schien zu wissen, was er dachte und nickte peinlich berührt.
„Ich habe mitbekommen, wie du mit ihr geredet hast, als ich Colm seinen frisch gewaschenen Schlafanzug bringen wollte.“
„Du hast gelauscht?“, hinterfragte Kian zornig, jetzt, wo seine Vorahnung bestätigt worden war.
„Gelauscht wäre übertrieben, Kian. Ich habe lediglich ein paar Gesprächsbrocken mitbekommen, mehr nicht.“
„Mehr nicht? Gott, Mum, das reicht ja wohl auch. Wie kommst du dazu, meine Telefonate zu belauschen? Vertraust du mir nicht mehr?“ Kian zog eine Augenbraue in die Höhe und verschränkte die Arme vor der Brust, um seine ablehnende Haltung zu signalisieren.
„Doch, natürlich vertraue ich dir, Schatz“, nickte Patricia emsig und überlegt, wie sie sich nun am besten ausdrücken konnte, ohne etwas falsches zu sagen. „Es ist nur – ich habe Jodis Namen gehört und war deswegen etwas verunsichert, schließlich hast du sie nach eurer Trennung so gut wie nie erwähnt, geschweige denn ihren Namen überhaupt in den Mund genommen“, erklärte sie fast verzweifelt und hob die Schultern. Kian atmete tief durch, musste er seiner Mutter doch recht geben. Wahrscheinlich hätte er sich in ihrer Situation nicht anders verhalten und trotzdem störte es ihn, dass sie scheinbar den Inhalt des Gesprächs mitbekommen hatte.
„Was hast du alles gehört, Mum? Bitte sei ehrlich“, forderte er und begegnete ihrem reuevollen Blick.
„Das du sie gerne wieder sehen würdest und ein Treffen mit ihr vereinbart hast. Heute Abend, auf Nickys Geburtstagsparty“, murmelte Patricia leise und sah gewissermaßen dankbar zur Küchentür, die sich schier in diesem Moment langsam öffnete.
Marielle stand im Türrahmen, verschlafen und schlecht gelaunt wie jeden Morgen.

Kian war sich im Klaren darüber, dass es nun keinen Zweck hatte, weiterhin über diese Thematik zu diskutieren und erhob sich deswegen von seinem Stuhl.
Patricia folgte seinen Bewegungen ungläubig, ehe sie ebenfalls aufstand.
„Wo willst du hin, Kian?“
„Nach oben. Ich muss noch ein paar Sachen zusammen packen, bevor ich zu Nicky fahre.“
„Und was ist mit dem Frühstück? Mit den Pfannkuchen? Du liebst doch Pfannkuchen.“ Patricia legte eine Hand auf Kians Schulter und versuchte zu lächeln, doch Kian löste sich augenblicklich von ihr und winkte ab.
„Ich hab aber gerade überhaupt keinen Hunger. Sorry, Mum. Ach ja, und wenn du nächstes Mal eines meiner Telefonate belauschst, dann informier mich bitte früher darüber“, bemerkte er scharfzüngig, lief an der sichtlich verwirrten Marielle vorbei und zurück hinauf in sein Zimmer.
Kian liebte seine Mutter abgöttisch, doch DAS konnte er ihr nun wahrlich nicht verzeihen.
Zumindest nicht jetzt und in diesem Moment.
Zwar wusste er, dass sich Patricia – genau wie der Rest der Familie – lediglich um ihn sorgte, doch war das ein Grund, um so etwas zu tun? Um ihn zu belauschen, nur weil er mit seiner Ex-Freundin telefonierte? Herrgott, er dachte immer, zuhause bei seinen Eltern genügend Freiraum zu haben, um sich entfalten zu können, doch das Geschehene lehrte ihn eines besseren.
Sehr zu seinem Leidwesen.

*

Dublin, Mittagszeit

„Nicholas Byrne! Herrgott, hör gefälligst auf damit, wie ein Wahnsinniger durch das Haus zu laufen. Das ist nicht deine erste Geburtstagsparty, schon vergessen?“, nörgelte Georgina, nachdem sie auf dem Sofa Platz genommen und die langen Beine übereinander geschlagen hatte.
„Ich weiß, Gina, aber ich bin trotzdem fürchterlich aufgeregt“, seufzte Nicky und setzte sich neben seine Frau, um nach ihrer Hand zu greifen und sie sanft zu drücken.
„Aber warum denn, Darling? Etwa, weil du heute siebenundzwanzig wirst?“ Sie lächelte, als Nicky seine Mundwinkel verzog und sich zurück lehnte.
„Erinnere mich bloß nicht daran. Ich gehe langsam aber sicher auf die Dreißig zu, Gina.
Oh Gott, ich werde alt.“ Er warf seinen Kopf in den Nacken und stöhnte theatralisch auf, als er von Georgina statt mitfühlenden Worten, gellendes Gelächter vernahm.
Verständnislos sah er sie an.
„Wieso lachst du? Machst du dich über mich lustig?“
„So ein Unsinn. Ich war bis jetzt nur immer der Meinung, dass Depressionen erst auftreten, wenn man die dreißiger Grenze überschritten hat. Bei dir scheint das ganze aber schon viel früher einzutreten, oder?“, grinste sie und fuhr ihrem Mann liebevoll durch das helle blonde Haar, als sie erkannte, dass ein Wutausbruch seinerseits schleichend nahte.
„Ich bin nicht depressiv, Gina. Höchstens ein bisschen genervt. Ich hab heute Morgen, als ich vor dem Spiegel stand und mich rasiert habe, kleine Falten rund um meine Augen entdeckt. Verstehst du? Ich habe schon Falten. Mit siebenundzwanzig!“, jammerte er und suhlte sich regelrecht in Selbstmitleid. Georgina, die dafür nicht einmal ansatzweise Verständnis hatte, zog Nicky dennoch tröstend in ihre Arme und küsste seine Stirn, nachdem er ihr mit einem langen Atemzug signalisiert hatte, wie unglücklich er war.

Einige Minuten vergingen, bis er sich einigermaßen beruhigt und entspannt hatte.
„Besser?“, fragte Georgina führsorglich, unentwegt seinen Oberarm streichelnd.
„Etwas“, murmelte Nicky.
„Was kann ich tun, damit du dich wieder wohl fühlst, Darling?“, wollte Georgina wissen, ohne zu ahnen, was für eine Antwort ihr Mann ihr darauf geben würde.
Sorgsam löste er sich aus Georginas Umarmung, richtete sich gänzlich auf und blickte ihr lange und intensiv in die großen, wunderschönen Augen.
„Mich küssen“, flüsterte er und platzierte seine weichen Lippen auf den Ihrigen, ehe sie überhaupt die Möglichkeit hatte, etwas zu erwidern.
„Und das genügt dir?“, nuschelte Georgina fragend zwischen seinen Küssen, die Augen geschlossen haltend.
„Nicht wirklich“, kicherte Nicky leise und presste ihren schmalen Körper enger an seinen eigenen heran. Er brauchte Bestätigung. Bestätigung dafür, dass er noch nicht alt war.
Bestätigung dafür, dass er nach wie vor ein sehr guter Liebhaber war.
Und genau diese Bestätigung würde er sich nun holen.
Gefühlvoll ließ er seine Hände ihren Rücken entlang wandern, während er ihre Lippen mit seiner Zunge auseinander drückte und berauscht in ihren Mund eindrang.
Mit Genugtuung vernahm er den tiefen Seufzer, den Georgina unwillkürlich ausstieß, und intensivierte den Kuss noch einmal um weiteres. Gerade, als er mit seiner rechten Hand unter ihren Pullover fahren wollte, schellte die Türklingel durch das Haus und ließ beide erschrocken zusammen fahren. Besuch! Zu dieser Zeit? Nicky stutzte. Soweit er sich erinnern konnte, würden alle Gäste erst gegen Abend kommen und von den Abendstunden waren sie momentan offensichtlich noch meilenweit entfernt.
Vielleicht verspürten einige aufdringliche Fans wieder einmal das Bedürfnis, die Privatsphäre von ihm und seiner Frau zu stören.

„Erwartest du jemanden?“, erkundigte sich Georgina und fuhr sich fahrig durch das dunkle Haar.
„Nicht vor halb sieben“, entgegnete Nicky verwirrt und schickte sich an, seine Berührungen und Streicheleinheiten bei seiner Frau fortzusetzen, als es erneut klingelte und Georgina fluchend vom Sofa aufsprang und zielstrebig in die Diele lief.
„Gina, nicht aufmachen“, flehte er und deutete beinahe beschämt auf seine bereits deutlich erkennbare Männlichkeit. Georgina jedoch lachte lediglich, schüttelte ihren Kopf und öffnete nur wenige Sekunden später die Tür. Demnach hatte Nicky keine andere Wahl, als sich eines der zahlreich vorhandenen Zierkissen in den Schoß zu drücken und abzuwarten, wer sie zu dieser Zeit störte. Als er jedoch nur Augenblicke später Gillians Stimme hörte, war jegliche Wut verflogen und unbändiger Freude gewichen. Shane und Gillian waren gekommen, gemeinsam mit ihrem Baby und Mark.

„Darling? Sieh mal, wer da ist.“ Georgina deutete mit einer ausladenden Handbewegung auf Shane, Mark und Gillian, die Alana auf dem Arm hielt, sie aber sofort an Shane weitergab, um dem Geburtstagskind in aller Ausführlichkeit gratulieren zu können.
„Alles Gute, Nicky. Ich wünsch dir von ganzem Herzen Glück, Gesundheit und reichlich Stehvermögen, damit sich dein Traum von der Großfamilie doch noch verwirklichen lässt“, zwinkerte sie vielsagend, beugte sich nach unten und schlag dem sitzenden Nicky die dünnen Arme um den Hals.
„Gilly“, stammelte er überwältigt. „Ich freu mich so sehr, dich zu sehen.“ Noch nie, so glaubte er, hatte er seine Worte dermaßen ehrlich gemeint, wie in eben diesem Moment.
Er freute sich unwahrscheinlich über Gillians Anwesenheit, hatte er sie doch nach Alanas Geburt erst ein einziges mal gesehen. Nicky hatte sie und ihre herzliche Art vermisst. Sehr vermisst.
„Und ich freu mich, dich zu sehen. Warte, ich habe hier noch eine kleine Gratulantin“, sagte sie, drehte sich zu Shane herum und streckte ihre Arme aus, um Alana vorsichtig entgegen zu nehmen.
„Hier. Alana Nicole Filan möchte dir ihre herzlichsten Glückwünsche überbringen“, lächelte Gillian, als sie Alana in Nickys Arme legte und ihn dabei beobachtete, wie er das kleine Bündel Leben verzückt und den Tränen nahe ansah. Georgina, die neben Gillian getreten war, rang offenkundig mit ihrer Fassung und bemühte sich darum, bei dem Anblick, der sich ihr bot, nicht augenblicklich in Tränen auszubrechen. Sie hatte Nicky noch nie in solch ein Position gesehen. Zwar hatte er damals, als Molly und Lilly noch Babys waren, beide Mädchen des Öfteren gehalten, doch jetzt, wo er mit Alana auf dem Arm in den Polstern des Sofas lehnte, wurde Georgina plötzlich bewusst, was für ein wunderbarer Vater er doch sein würde.
„Hallo, meine Kleine“, durchbrach Nicky die kurzzeitig eingekehrte Stille und nahm Alanas rechte Hand behutsam in seine eigene. „Du bist eine wunderschöne kleine Lady, weißt du das? Die Jungs werden später Schlange stehen, nur um überhaupt ein Wort mit dir wechseln zu können. Herrgott, ich hab noch nie ein hübscheres Baby als dich gesehen, Prinzessin. Und es freut mich natürlich ganz besonders, dass mir die Ehre zuteil wird, dich halten zu dürfen.“ Er blickte lange in das rosige Gesicht des kleinen Mädchens und gab Alana danach zurück an ihre Mutter.
„Die Kleine hat dir sehr gut gestanden, Byrne“, bemerkte Mark und war der nächste, der Nicky gratulierte.
„Meinst du? Ich bin ja schon länger am überlegen, ob ich mir so ein Exemplar anschaffe.“
„Mach das unbedingt, Nicky. Du wirst es trotz schlafloser Nächte, stinkenden Windeln und chronischem Babygeschrei ganz sicher nicht bereuen“, nickte Shane, postierte sich vor seinem Freund und zog ihn in eine herzliche Umarmung.
„Happy Birthday, Nicky, und auf ein langes, erfülltes Leben.“ Nicky konnte nicht anders, als seine Augen zu schließen und wieder einmal festzustellen, dass er die besten Freunde der Welt hatte.

*

Von unbändiger Übelkeit geplagt eilte Cat durch ihre Wohnung, unmittelbar ins Badezimmer, um sich über die Toilette zu beugen und sich lautstark zu übergeben.
Gott, sie hasste diese allmorgendlichen Übelkeitsattacken.
Sie verabscheute sie, wünschte sich, dieses Stadium niemals zu durchleben müssen.
Doch Cat war nun einmal schwanger – und Übelkeit war gerade in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten eine lästige unangenehme Begleiterscheinung.
Seufzend stützte sie sich mit beiden Händen auf dem Boden ab und atmete tief und gleichmäßig, um ihren leicht beschleunigten Atem zu kontrollieren und einigermaßen zur Ruhe zu kommen.

„Verdammt“, fluchte Cat, als sie die Spülung betätigte und sich erhob, um hinüber zum Waschbecken zu gehen und sich die Hände sowie das Gesicht zu waschen.
Sie hatte noch gut zwei Wochen. Zwei Wochen, in denen sie wohl oder übel eine Entscheidung bezüglich ihrer Zukunft treffen musste. Cat war sich im Klaren darüber, dass ein Schwangerschaftsabbruch lediglich bis zur zwölften Woche möglich war und genau diese Grenze hatte Cat bald erreicht. Sehr zu ihrem Leidwesen, wie sie wieder einmal feststellen musste.
In den vergangenen Tagen war kaum eine Stunde, eine Minute vergangen, in der sich Cat nicht Gedanken über sich und das Baby gemacht hatte. Zwar stand sie Abtreibungen im Grunde nicht sonderlich positiv gegenüber, doch hatte sie eine andere Wahl, als das Leben ihres eigenen Kindes abrupt auszulöschen? Sie schüttelte ihren Kopf, zutiefst schockiert über ihre eigenen Gedankengänge. Schon als junges Mädchen hatte sie sich eine große Familie gewünscht, mit einer handvoll Kindern und einem fürsorglichen, gutaussehenden Ehemann. Ein Kind würde sie bald bekommen – allerdings von einem Mann, der ihr rein gar nichts mehr bedeutete.
Was sollte sie nur tun?
Sollte sie ein weiteres Mal Hollys Meinung bezüglich dieser Thematik einholen?
Oder sollte sie auf ihren Instinkt, ihr Bauchgefühl vertrauen?
Im Grunde wollte Cat nicht abtreiben, doch in ihrer derzeitigen Situation sah sie keinen anderen Ausweg. Sie hatte einen wundervollen Job, der ihr sehr viel Spaß machte und der es ihr erst ermöglichte, ihr Studium im nächsten Jahr erfolgreich abzuschließen.
Sowohl den Job, als auch das Studium würde sie aufgeben müssen, wenn sie das Baby wirklich bekommen wollte. Und ob das in ihrem Interesse lag, war mehr als fraglich.
Nervös fuhr sie sich durch das hellblonde Haar und band es sich mit einem herumliegenden Haargummi zu einem festen Pferdeschwanz zusammen, bevor sie das Bad verließ.
Himmel, sie musste sich noch für die Geburtstagsparty herrichten, auf die sie eigentlich überhaupt nicht gehen wollte. Ob Nicky es ihr wohl verübeln würde, wenn sie fern blieb?
Ob er ihre Abwesenheit überhaupt bemerken würde?
Zwar musste Cat sich eingestehen, dass sie die Jungs nach dieser kurzen Zeit bereits sehr mochte, doch an ihrer Einstellung anderen Menschen gegenüber zweifelte sie noch immer.
Allein wenn sie an Mark dachte, stellten sich ihr vor lauter Wut sämtliche Nackenhaare beinahe schmerzhaft auf. Cat verabscheute diesen Mann und dachte mit Grauen an die Wochen, die ihr mit ihm und den anderen bevorstanden. Kopfschüttelnd versuchte sie diesen Gedanken zu verdrängen und warf einen flüchtigen Blick aus dem Fenster. Entgegen ihrer Erwartungen regnete es am heutigen Tag nicht. Welch Wunder. Sie fuhr erschrocken zusammen, als das unerwartete Klingeln des Telefons in ihre Gehörgänge drang, und drehte sich um, um zur Telefonstation zu eilen und abzunehmen.

„O’Connor.“
„Cat, hier ist Holly. Ich wollte hören, wie es dir geht“, meldete sich Holly am anderen Ende der Leitung. Prinzipiell hatte Cat geahnt, dass es Holly war, die sie störte, und gewissermaßen hatte sie sich auf das bevorstehende Gespräch bereits intensiv vorbereitet, wenn auch eher unwillkürlich als willkürlich. Sie brauchte einen Gesprächspartner, gerade zum jetzigen Zeitpunkt, also kam Holly wahrlich wie gerufen.
„Hi. Sag mal, lässt du es langsam zur Gewohnheit werden, dich jeden Tag bei mir zu melden?“, wollte Cat amüsiert wissen und nahm auf der Couch Platz, die Beine unter ihren Po geklemmt.
„Natürlich, schließlich will ich doch wissen, was meine beste Freundin den lieben langen Tag treibt, wenn sie gerade nicht an der Arbeit ist und mit einflussreichen, gutaussehenden Popstars verkehrt“, lachte Holly gellend. Cat quittierte diese Aussage mit einem leisen Seufzen und rieb sich kurz über die brennenden Augen.
„Wie du siehst, bin ich zuhause, Holly“, erwiderte Cat nüchtern.
„Nicht im Ernst, Cat. Darauf wäre ich nie gekommen. Hör mal, wir waren lange nicht mehr zusammen weg. Was hältst du davon, wenn wir heute Abend irgendwas unternehmen? Wir könnten ins Kino gehen oder uns eine DVD besorgen, die wir kombiniert mit Haufenweise Cola, Chips und Popcorn schauen, während wir über die Schauspieler herziehen oder hemmungslos schmachten“, schlug Holly begeistert vor und kicherte. Cat verzog ihre Mundwinkel zu einer Grimasse und bereute ein weiteres Mal an diesem Tag, dass sie Nicky zugesagt hatte.
Warum verdammt musste diese Geburtstagsparty auch ausgerechnet am heutigen Tag sein? Himmel, etwas Zeit mit Holly hätte ihre Freundschaft sicherlich gut getan, dass Cat ihr jetzt allerdings absagen musste, würde sich bestimmt als Schritt zurück erweisen.
„Man, Holly, dein Vorschlag ist wirklich genial, aber ich hab heute Abend leider Gottes schon was vor. Tut mir leid“, entschuldigte sich Cat ehrlich und fuhr sanft lächelnd über die bereits spürbare Wölbung ihres Unterleibes. Lange würde sie ihre Schwangerschaft nicht mehr verbergen können, wie auch, wenn sie sich tatsächlich dazu entscheiden würde, das Kind auszutragen, anstatt abzutreiben?!
„Du hast was vor? DU?“ Holly schien überrascht und machte keinen Hehl daraus.
„Ja, ich habe etwas vor. Sorry.“
„Und was, wenn ich fragen darf? Cat, außer mit mir, gehst du kaum mit jemandem aus. Also, raus mit der Sprache. Hast du jemanden kennen gelernt? Einen Mann vielleicht?“
„Nein, habe ich nicht, Holly“, schüttelte Cat ihren Kopf und lehnte sich ein wenig zurück, um eine bequemere Position einzunehmen.
„Ich bin zu einer Geburtstagsparty eingeladen, mehr nicht.“
„Und wer bitteschön hat Geburtstag? Mensch, Catherine, lass dir doch nicht alles aus der Nase heraus ziehen“, stöhnte Holly entnervt.
„Nicky Byrne, Mitglied von Westlife. Er hat mich gestern angerufen und spontan zu seiner kleinen Feier eingeladen“, tat Cat die Tatsache als unwichtig ab und spürte erneut ein Gefühl der Übelkeit in sich aufsteigen.
„Ernsthaft? Du bist auf solch eine Party eingeladen? Cat, du wirst dort Unmengen Prominente kennen lernen, ist dir das klar?“
„Holly, es ist mir egal, wen ich dort kennen lerne und wen nicht. Ich werde hingehen, dem Geburtstagskind alles Gute wünschen und mich anschließend wieder verziehen. Schließlich kenne ich dort niemanden. Und auf Alkohol muss ich sowieso verzichten“, erklärte Cat, ohne die Bedeutung ihrer Worte zu bemerken. Holly allerdings hatte ganz genau hingehört und jaulte freudig auf, als sie sich Cats letzten Satz noch einmal in Erinnerung rief.
„Auf Alkohol verzichten? Cat, hast du etwa eine Entscheidung getroffen? Behältst du das Baby?“ Cat, überrascht aufgrund dieser Frage, legte verwirrt ihre Stirn in Falten, weiterhin zaghaft über ihren Bauch streichend.
„Habe ich das gesagt?“, hakte sie nach.
„Nein, nicht wirklich, aber es hat so geklungen. Allein deine Wortwahl – von wegen, du musst auf Alkohol verzichten. Das würde keine Frau sagen, die vorhat, ihr Kind abtreiben zu lassen.“ Cat schluckte und musste feststellen, dass Holly durchaus recht hatte.
Verdammt, sie hatte tatsächlich recht. Cat hatte eine Entscheidung getroffen, wenn auch bis jetzt nur in ihrem Inneren. Sie wollte ihr Baby nicht töten, wollte es nicht abtreiben, sondern bekommen, allein weil sie neugierig darauf war, wie es aussehen würde, wenn es erst einmal das Licht der Welt erblickte.
„Oh Gott“, stieß sie überwältigt von dieser Erkenntnis hervor und schlug sich beinahe entsetzt eine Hand vor den Mund.
„Ich will das Kind bekommen, Holly“, stammelte sie, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Einen kurzen Augenblick lang herrschte Stille, die erst von Holly nach einigen Minuten durchbrochen wurde.
„Herzlichen Glücklich, werdende Mummy“, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme und veranlasste Cat dazu, ihre soeben getroffene Entscheidung langsam zu realisieren.
„Danke“, wisperte sie und war sich zum ersten Mal darüber bewusst, in weniger als neun Monaten ein eigenes Kind zu haben. Unglaublich.

*

Dublin, Abend

„Darf ich einen kurzen Moment lang um Ruhe bitten?“, rief Nicky durch das Wohnzimmer und verschaffte sich somit die Aufmerksamkeit all seiner Partygäste.
Rund fünfzig Personen hatten in der vergangenen halben Stunde den Weg in sein Haus gefunden und sich nunmehr mitsamt alkoholischen Getränken im Wohnzimmer versammelt. Bevor Nicky fortfuhr, räusperte er sich kurz und sah zu Georgina, die ihm lächelnd über den Oberarm strich und kaum merklich nickte.
„Ich möchte euch allen danken. Danken dafür, dass ihr meiner Einladung nachgekommen seid. Danken dafür, dass ihr mir solch herzliche Glückwünsche und wunderbare Geschenke mitgebracht habt. Aber am meisten möchte ich euch für eure unverwechselbare Freundschaft und pure Anwesenheit danken, mit der ihr diesen Abend zu etwas besonderem macht“, sagte Nicky tief bewegt, langte nach einem gefüllten Champagnerglas und hielt es demonstrativ in die Höhe.
„Auf euch und auf meinen siebenundzwanzigsten Geburtstag!“ Alle Gäste wiederholten seine Worte und nahmen einen Schluck aus ihren Gläsern, ehe sie wieder auf ihre individuellen Gespräche eingingen.

Cat stand etwas verloren in einer Ecke und nippte an ihrer Cola, eine Hand in der Tasche ihrer schwarzen Hose vergraben. Nach dem Telefonat mit Holly und der getroffenen Entscheidung bezüglich des Babys, war sie ein wenig optimistischer zu der Party gegangen und hatte sich augenblicklich sehr wohlgefühlt, als Nicky sie freundlich begrüßt und seiner Frau vorgestellt hatte. Nachdem Cat allerdings Mark erblickt hatte, war der anfängliche Optimismus augenblicklich verflogen und einem undefinierbarem Wutgefühl gewichen.
Seufzend lehrte sie ihr Glas in einem Zug und schlenderte durch das beinahe überdimensionale Zimmer, beobachtete die anwesenden Leute, spähte jedoch insgeheim nach dem Buffet, um ihren leeren Magen endlich zu füllen. Sie hatte seit den Mittagsstunden rein gar nichts mehr gegessen, hatte sich viel mehr mit sich und dem Baby beschäftigt, als auf ihr Hungergefühl zu achten.
„Hey, du Trauerkloß.“ Cat wirbelte erschrocken herum und blickte unmittelbar in Nickys strahlendes Gesicht.
„Oh, hallo, Nicky“, versuchte sie zu lächeln und strich sich peinlich berührt eine Strähne ihres offenen Haares hinter das Ohr.
„Amüsieren Sie sich, Cat?“
„Ob ich mich amüsiere? Ja, natürlich amüsiere ich mich“, log sie eilig, nach wie vor lächelnd.
„Das freut mich. Also, wenn Sie irgendwas brauchen, wenden Sie sich einfach an mich oder Georgina. Dort drüben stehen die Getränke und da vorne ist das Buffet gerade aufgebaut worden. Ich sage Ihnen eins, Cat – nach dieser Party werde ich einige Kilos mehr auf die Wage bringen“, lachte er und legte sich eine Hand auf den Bauch. Cat konnte nicht anders, als in sein Lachen einzustimmen. Er war ein wirklich netter Zeitgenosse.
„Wenn Sie das sagen, werde ich die Köstlichkeiten des Buffets doch gleich mal probieren.“
„Nur zu. Der Andrang legt sich langsam wieder“, zwinkerte er ihr zu und verschwand nur Sekunden später in der feiernden Menge. Cat sah ihm kurz nach und beschloss dann, ihren Weg zum Buffet fortzusetzen. Gemächlich näherte sie sich der langen Tafel und sog bereits den herrlichen Duft des Essens in sich auf, als ihr jemand von der Seite plötzlich grob einen Arm in die Seite rammte und anschließend lauthals fluchte.
„Passen Sie doch auf“, ließ Cat ihrem Unmut freien Lauf und blickte auf, um den Übeltäter identifizieren zu können. Es war Mark, mit dem sie soeben zusammen gestoßen war – wieder einmal.
„Catherine? Was zum Teufel machen Sie denn hier?“, fragte Mark irritiert, während er einen Teller von der Seite des Buffets nahm und das Essen beäugte.
„Nicky hat mich eingeladen“, antwortete sie nüchtern und fügte hinzu: „Oder dachten Sie etwa, ich habe mich ins Haus geschmuggelt, nur um Ihnen allen beim feiern zusehen zu können?!“
„Ihnen traue ich alles zu“, entgegnete Mark, fuhr ihren Körper verächtlich auf und ab und zog danach schnaubend von dannen. Cat hatte Mühe, ihre Wut zu unterdrücken und machte auf dem Absatz kehrt, um an die frische Luft zu flüchten. Sie benötigte dringend etwas Sauerstoff, wenn sie ihren Puls wieder normalisieren wollte. Ohne auf die Anderen zu achten, stürmte sie durch die Menge, in die Diele und unmittelbar hinaus in den Vorgarten des riesigen Anwesens. Cat sehnte sich nach einem stillen Ort, ohne Alkohol und Zigarettenqualm, der schmerzend in ihren Augen brannte. Gerade, als sie eine kleine Bank ausfindig gemacht hatte, erblickte sie Kian, gemeinsam mit einer dunkelhaarigen Schönheit, die in beachtlicher Entfernung neben ihm saß.

Ohne großartig weiter darüber nachzudenken, schlug sie eine andere Richtung ein und nahm sich insgeheim vor, diesem Mark Feehily bei ihrem nächsten Aufeinandertreffen kräftig die Meinung zu sagen. Er führte sich fürchterlich anmaßend auf – wann immer er sich in ihrer Nähe befand.

*

Aus den Augenwinkeln heraus erkannte Kian Cat, die gerade aus der Haustür kam und offensichtlich in seine Richtung schaute. Er hoffte inständig, dass sie nicht zu ihnen stoßen und ihn und Jodi somit stören würde, und atmete kaum hörbar auf, als sie nur den Bruchteil einer Sekunde später in eine andere Richtung lief.
Somit war das Gespräch zwischen ihm und Jodi nicht gefährdet.
Glücklicherweise, wenn er bedachte, wie töricht er sich zu Beginn der Feier ihr gegenüber benommen hatte. Nicht einmal ein Grußwort wollte ihm über die Lippen kommen, als sie plötzlich und unerwartet vor ihm stand und sanft lächelte, so, wie sie es auch während ihrer gemeinsamen Zeit getan hatte. Allein bei dem Gedanken daran schien Kians Herz einige Schläge auszusetzen.
Langsam rückte er einige Zentimeter näher zu ihr heran und warf seinen Kopf in den Nacken, als sie ihm belustigt dabei zusah. Gott, er benahm sich wie ein unerfahrener, schüchterner Teenager und wenn er ehrlich war, fühlte er sich auch genauso.
„Lass uns reden“, begann er das Gespräch nach langer Stille, allerdings ohne Jodi dabei anzusehen. Aus irgendeinem Grund schaffte er es nicht, in ihr liebliches Gesicht zu blicken und wieder einmal festzustellen, dass er sie nach wie vor über alles liebte.
„Meinetwegen gerne“, entgegnete Jodi und spitzte ihren Mund. „Über was genau wollen wir reden?“
„Jo, du weißt selber, dass es zu verschiedenen Themen Redebedarf gibt.“
„Schon, aber ich weiß nun mal nicht, womit wir anfangen sollen“, zuckte sie mit den Schultern und stellte einen Teller voller Köstlichkeiten auf ihren Schoß.

Kian sah kurz zu ihr herüber und nickte zustimmend.
„Du hast recht. Beginnen wir mit einem neutralen Thema, okay?“
„Klar“, begrüßte Jodi seinen Vorschlag und steckte sich ein Stück Tomate in den Mund.
„Gut. Was hast du in den letzten Wochen denn so gemacht? Hast du gedreht?“
„Gedreht? Nicht wirklich. Ich hab einige richtig interessante Rollenangebote bekommen“, schwärmte sie begeistert und lehnte sich auf der harten Bank vorsichtig zurück.
„Ehrlich? Um was für Angebote handelt es sich den genau?“, wollte Kian interessiert wissen und griff ebenfalls nach einem Stück Tomate, das sich allerdings auf seinem Teller befand.
„Ich soll in einem Spielfilm eine Psychopatin spielen, die vollkommen durchdreht, weil ihr Freund sie verlassen hat. In einem anderem Film würde mir die Rolle als erfolgreiche Sängerin zuteil werden, die sich von ganz unten nach ganz oben arbeitet“, erklärte sie und neigte ihren Kopf in Richtung Himmel. Allmählich wurde es dunkel und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten Sterne am Himmelszelt zu erkennen waren.
„Klingt ansprechend“, murmelte Kian, mittlerweile mit einem Hackbällchen und einem Käsespieß beschäftigt.
„Oh ja, sehr“, nickte Jodi, stellte den Teller beiseite und sah hinüber zu Kian.
„Und was hast du gemacht? Ihr habt ein neues Album aufgenommen, richtig?“
„Ja. Das Album ist am Freitag fertig geworden und ohne zu lügen unser bisher bestes. Wir sind zu unseren Wurzeln zurück gekehrt und haben uns wieder hauptsächlich auf romantische Balladen konzentriert“, erzählte er, Jodis Blick aufgeregt auffangend.
Lange war er nicht mehr derartig nervös gewesen, wie zum jetzigen Zeitpunkt.
„Hört sich schön an. Und wann wird’s veröffentlicht?“
„In knapp einer Woche, wenn ich mich recht erinnere“, gab er zur Auskunft und dachte bereits jetzt mit Freude an die bevorstehende Promotion durch Großbritannien.
„Dann wirst du wieder häufig unterwegs sein, nicht?“
„Das kannst du laut sagen. Louis hat bereits jetzt auf jeden Tag der nächsten Wochen mindestens zwei wichtige Termine gelegt“, stöhnte Kian auf und schüttelte verständnislos den Kopf, auch wenn er es prinzipiell liebte, tage- und nächtelang zu arbeiten.

Jodi lächelte und strich ihm unbedacht eine Strähne seines blonden Haares hinter das Ohr.
Kian, beinahe erschrocken wegen dieser Geste, sah sie entgeistert an und schluckte schwer.
Sie waren plötzlich wieder dermaßen vertraut miteinander, dass ein Außenstehender niemals bemerken würde, dass sie jemals getrennt waren.
„Du kannst mich gerne besuchen kommen, wenn ihr in England seid“, bot sie ihm an, ihre Hand noch immer seinem Ohr beachtlich nahe.
„Auf dieses Angebot komme ich ganz sicher zurück, Jo“, raunte und schloss kurz die Augen, als Jodi damit begann, leicht über seinen Hals zu streicheln. Wie hatte er nur fast neun Wochen darauf verzichten können? WIE?
„Das kannst du auch, denn ich würde mich sehr darüber freuen. Kian?“
„Ja?“
„Ich habe dich schrecklich vermisst“, gab sie zu und blickte unmittelbar in Kians bestechend blaue Augen, die aufgrund ihrer Worte regelrecht zu strahlen anfingen.
„Ich dich auch, Jo. Ich dich auch“, nickte er, nicht ohne den Blick von Jodi zu wenden.
Scheinbar minutenlang blickten sie sich stillschweigend an, studierten die Körper des jeweils anderen voller Ruhe und Ausgiebigkeit, so, wie sie es zuvor noch nie getan hatten.
Sie schienen sich völlig neu zu sehen, völlig neu kennen zu lernen.
„Jodi? Darf ich ehrlich zu dir sein?“, durchbrach Kian die Stille plötzlich.
„Sicher. Ich bestehe sogar darauf“, erwiderte sie energisch, ihre Hand mittlerweile auf seinem Schulterblatt ruhend.
„Okay. Jodi Albert, ich liebe dich über alles und es ist mir wichtig, dass du das weißt“, gab er fast flüsternd von sich und sah betreten zu Boden. Kian hatte keine Ahnung, wie sie dieses Geständnis aufnehmen würde, doch er hoffte inständig, dass sie seine Gefühle noch immer erwiderte. Alles deutete darauf hin – sie musste es ihm nur noch sagen.
„Kian...ich...oh man“, stammelte Jodi unbeholfen und fuhr sich durch das lange Haar.
Sie schien verwirrt und keinesfalls mit den Worten umgehen zu können. Kian wagte es noch immer nicht, aufzusehen und hielt fast instinktiv die Luft an, als sie kaum merklich näher an ihn heran rutschte und mit ihren Händen nach den seinen suchte.
„Kian, ich weiß, dass die letzten Wochen nicht einfach für uns beide waren, aber trotzdem denke ich, dass die diese räumliche und emotionale Trennung gut getan hat. Uns beiden.
Dich allerdings jetzt und hier wieder zu sehen, tut unglaublich gut und ich möchte dich nicht so einfach wieder gehen lassen. Nicht bevor ich das getan habe, was ich schon den gesamten Abend über tun wollte“, sprach Jodi ruhig, während sie Kians Hände vorsichtig drückte und ihn darum bat, sie anzusehen. Kian kam ihrer Aufforderung gemächlich nach, auch wenn sie ihm nicht das gesagt hatte, was er sich erhofft hatte.
„Und was möchtest du tun?“, wisperte er, ihrem Gesicht langsam näher kommend.
„Das“, hauchte Jodi, bevor sie ihre Lippen behutsam auf seine legte und sie voller Liebe und Zuneigung liebkoste. Bevor Kian die Zeit hatte, zu realisieren, was hier gerade vor sich ging, verlor er sich in dem Kuss mit seiner großen Liebe und zog sie innig in seine Arme, um den Kuss zu intensivieren und sie näher an seinem eigenen Körper zu spüren. Wie lange hatte er sich danach gesehnt? Danach, dass er sie wieder in seinen Armen hielt? Danach, dass sich ihre Lippen berührten und leidenschaftlich liebkosten? Ihm kam es vor wie eine Ewigkeit, obwohl er wusste, dass das nicht einmal annähernd der Realität entsprach.

Nach einigen Augenblicken lösten sich die beiden wieder voneinander und sahen sich atemlos an.
Beide schienen sie diesen sehnsüchtigen Kuss genossen zu haben und beide schienen sie zumindest innerlich nach mehr zu schreien. Kian warf einen flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr und atmete beinahe erleichtert auf, als er erkannte, dass er nun ohne schlechtes Gewissen von der Party verschwinden konnte. Nicky würde es ihm zu dieser Uhrzeit nicht mehr übel nehmen – besonders nicht, wenn er gemeinsam mit Jodi gehen würde.

„Jo?“
„Ja?“ Sie war kurz in Gedanken gewesen.
„Was hältst du davon, wenn wir uns langsam abseilen und Nicky noch einen schönen Abend wünschen? Ich würde gerne mit dir alleine sein“, sagte er vielsagend und zwinkerte ihr schelmisch zu, als Jodi leicht errötete und nervös mit ihren feingliedrigen Fingern spielte.
„In Ordnung. Lass uns reingehen und auf wiedersehen sagen“, nickte sie und erhob sich wie zur Bestätigung ihrer eigenen Worte. Kian tat es ihr ohne zu zögern gleich und griff nach ihrer Hand, die sie ihm überraschenderweise noch nicht einmal entzog.
„Es ist schön, dich wieder spüren zu können“, lächelte Kian und legte seine Stirn in Falten, als er sich daran zu erinnern versuchte, wann er das letzte Mal dermaßen glücklich gewesen war.
„Das nennst du spüren? Wir halten lediglich Händchen.“
„Na und. Ich spüre deine Hand, deine Finger, deine Warme Haut“, erläuterte Kian, hielt kurz vor der Haustür inne und hauchte Jodi einen leichten Kuss auf die Lippen, ehe er die Tür mit einem Fuß aufstieß und eintritt. Augenblicklich kam ihm ein Schwall schwüler Luft und dröhnender Musik entgegen – etwas, was Kian auf ausgelassenen Party besonders verabscheute. Und genau aus diesem Grund wollte er schnellst möglich mit Jodi gehen, um den Abend möglicherweise noch in vollen Zügen auskosten zu können.
„Möchtest du hier in der Diele warten oder dich persönlich von Nicky verabschieden?“, fragte Kian, bereits emsig in das vollkommen belagerte Wohnzimmer spähend.
„Ich denke, ich bleibe hier und mach mich schon fertig. Bestell Nicky schöne Grüße von mir, ja?“ Kian nickte, lächelte noch einmal kurz und trat dann in das Wohnzimmer, schwer damit beschäftigt, nach Nicky oder Georgina zu suchen. Sie schienen entweder wie vom Erdboden verschluckt zu sein oder sie hielten sich in einem völlig anderen Zimmer auf. Kian hoffte auf das Letztere und winkte Shane energisch zu sich heran, als er ihn am anderen Ende des Raumes entdeckte. Shane, der schon weit mehr getrunken hatte, als gut für ihn war, torkelte unsicheren Schritts auf Kian zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Alles klar, Kian?“, lallte er, unentwegt grinsend.
„Ähm...ja, sicher. Alles bestens. Sag mal, weißt du vielleicht, wo Nicky ist? Ich will mich von ihm verabschieden.“
„Verabschieden? Willst du schon gehen?“
„Ja, will ich. Jodi wartet in der Diele auf mich und -.“ Ehe Kian die Gelegenheit dazu bekam, seinen Satz zu beenden, jaulte Shane theatralisch auf und schloss Kian fest in seine Arme.
„Jodi wartet auf dich. Kian, mein Junge, ihr scheint endlich wieder zueinander zu finden, was? Ich freue mich für dich. Und für Jodi. Treibt es heute Nacht nicht zu wild, ja?“ Kian riss empört seine Augen auf und schüttelte den Kopf, als er Shane beinahe irrem Gesichtsaudruck begegnete. Wenn dieser Mann etwas getrunken hatte, wusste er wahrlich nicht mehr, was er von sich gab.
„Keine Sorge, Shane. Wenn ich Nicky nicht finde, werden Jodi und ich überhaupt nichts treiben können“, brüllte Kian die unmenschliche Lautstärke und nahm einen erleichterten Atemzug, als er Nicky die Treppe herunter kommen sah. Ohne weiter auf Shane einzugehen, stürmte er auf seinen anderen Freund zu, packte ihn am Arm und zog ihn unmittelbar in eine Stille Ecke.

„Egan, was ist denn in dich gefahren?“, wollte Nicky verwirrt wissen, die Stirn in tiefe Falten gelegt.
„Nichts. Rein gar nichts. Ich wollte mich lediglich von dir verabschieden.“
„Verabschieden? Aber wieso denn? Es ist erst kurz nach elf, du willst doch nicht ernsthaft schon gehen, oder etwa doch?“ Nicky vergrub seine Hände in den Taschen seiner ausgewaschenen Jeans.
„Doch. Ich hab eben mit Jodi geredet und ich glaube, dass wir möglicherweise wohl eine zweite Chance bekommen. Wir haben uns wieder angenähert und eben sogar geküsst“, grinste Kian verlegen und fuhr sich unbemerkt durch das weiche Haar. Allein die Aussprache dieser Worte veranlasste ein undefinierbares kribbeln in seiner Magengegend.
„Im Ernst?“, stieß Nicky überrascht hervor.
„Ja, im ernst. Deswegen würde ich den Abend gerne mit ihr ausklingen lassen, verstehst du?“ Kian wusste, dass Nicky seine Entscheidung nachvollziehen würde und fühlte sich bestätigt, als Nicky tatsächlich nickte und ihm einen Arm um die Schulter legte.
„Hau ab, Kian, und verbring mit deiner Herzdame einen wunderschönen Abend. Meinen Segen hast du jedenfalls“, grinste Nicky und löste sich wieder von seinem Freund.
„Danke. Du hast übrigens gerade eben wie meine Oma geklungen.“
„Tja, mit siebenundzwanzig Jahren bin ich nun mal alt und reif genug, um anderen Ratschlägen zu erteilen und solche Worte von mir zu geben“, lachte Nicky und entfernte sich langsam von Kian in Richtung Mitte des Wohnzimmers. Kian blickte ihm noch einen Moment lang hinterher, bevor er kehrt machte und in die Diele lief. Jodi war bereits fertig angezogen und bereit dazu, das Haus zu verlassen.
Gemeinsam mit ihm. Ein zwar ungewohnter, aber dennoch schöner Gedanke.

Als auch Kian sich seine dicke Lederjacke übergezogen hatte, trat er zur Jodi an die Haustür und deutete ihr mit einer Kopfbewegung, selbige zu öffnen und nach draußen zu treten.
Es war stockduster draußen und lediglich der sichelförmige Mond und die winzigen Sterne trugen zumindest ein wenig zur Erhellung der Umgebung bei.
„Ziemlich kalt, findest du nicht auch?“, bemerkte Jodi händereibend.
„Ja, sieht so aus, als würden wir bald den ersten Nachtfrost kriegen“, stimmte Kian ihr zu, während sie nebeneinander die Einfahrt der Byrnes hinab liefen.
„Wo wollen wir jetzt eigentlich hin, Kian? Ich meine, bis nach Sligo ist ein bisschen zu weit, oder?“
„Was hältst du von einem kleinen, gemütlichen Hotel am Stadtrand? Ich war vorgestern erst dort und hab mich gebührend verwöhnen lassen“, schlug Kian vor, zielstrebig auf seinen Wagen zusteuernd.
„Meinetwegen gerne. Aber ich muss vorher noch meine Tasche aus meinem Auto holen, okay?“ Kian nickte und entriegelte die Türen seines Wagens, ließ sich hinter das Steuer fallen und warf seinen Kopf in den Nacken. Der Abend verlief eindeutig besser als anfangs angenommen.
Er schreckte etwas zusammen, als sich die Beifahrertür plötzlich öffnete und Jodi sich neben ihn setzte, die Tasche auf den Rücksitz werfend. Sie lächelte schief, als sie Kians erschrockenen Gesichtsausdruck sah und warf ihm zur Entschuldigung eine zarte Kusshand zu.
„Kann’s los gehen?“
„Aber immer doch, Mister Egan“, kicherte Jodi und lehnte sich zurück, als Kian den Motor geräuschvoll startete.
„Mister Egan? Du hast mich noch nie so genannt“, stutzte Kian und schaltete mit der linken Hand das Radio ein. Er genoss Jodis Anwesenheit ungemein, viel mehr, als er zugeben wollte.
„Nicht? Nun, dann fang ich eben jetzt damit an“, antwortete sie schulterzuckend.

Die restliche Fahrt bis zum Hotel verlief relativ schweigsam.
Sowohl Kian als auch Jodi waren viel zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, als das sie sich auf den jeweils anderen konzentrieren konnten. Keiner der beiden wusste, wie genau der Abend enden würde, doch zumindest Kian hatte zu diesem Zeitpunkt wage Vorstellungen davon.
Er wollte sich Jodi weiter annähern, sie berühren, wie vorhin, sie küssen wie vorhin.
Wenn sie dabei noch ein wenig weiter gehen würden, hätte er nichts dagegen – allerdings nur, wenn auch Jodi nichts dagegen einzuwenden hatte. Kopfschüttelnd unterbrach er diesen Gedankengang selbstständig und beschleunigte etwas, als das Hotel allmählich in sein Blickfeld geriet.
Es machte einen unwahrscheinlich behaglichen Eindruck, war umgeben von einigen Quadratmetern Grünfläche und wirkte keinesfalls wie ein Stadthotel.

„Da wären wir, Miss Albert“, verkündete Kian begeistert, als er seinen BMW auf dem Parkplatz parkte, eilig ausstieg und um das Auto herum lief, um Jodi die Beifahrertür zu öffnen.
„Vielen Dank, der Herr. Du bist heute ein wirklicher Gentlemen“, gluckste Jodi und hakte sich bereitwillig bei Kian unter, nachdem dieser seine und ihre Tasche aus dem Wagen genommen hatte.
Langsam gingen sie auf den Eingang zu, unmittelbar zur Rezeption. Kian wurde augenblicklich wieder erkannt, herzlich empfangen und bekam natürlich das beste Zimmer des Hauses im dritten Stock. Dankbar nahm er die Schlüssel in Empfang und zog Jodi mit sich die Treppe nach oben, wohlwissend, wo er hin musste. Kian konnte es kaum mehr erwarten, endlich allein mit Jodi zu sein und beeilte sich deswegen umso mehr, das angesteuerte Zimmer zu erreichen.
„Da ist es“, freute sich Kian und hetzte den Gang entlang, um vor der Zimmertür inne zu halten.
„Ich sehe es ja. Du musst mich nicht so ziehen“, beklagte sie sich lautstark und löste sich aus Kians Griff. Kian allerdings erwiderte nichts darauf und öffnete stattdessen die Tür, um nur den Bruchteil einer Sekunde später einzutreten.
„Gefällt es dir?“, fragte Kian und ließ beide Taschen auf den Boden fallen. Jodi blickte sich skeptisch um, nickte dann jedoch und machte einige Schritte auf Kian zu, um beide Arme um seinen Hals schlingen zu können. Kian konnte nicht glauben, wie vertraut sie plötzlich wieder miteinander umgingen, als wäre rein gar nichts zwischen ihnen geschehen. Als hätte eine Trennung nie stattgefunden.
„Und nun?“ Jodi zog eine ihrer akribisch gezupften Augenbrauen in die Höhe.
„Was, und nun? Wollen wir fernsehen?“
„Fernsehen? Uh, nein. Dazu hätte ich nicht in ein Hotel fahren müssen“, schüttelte Jodi energisch ihren Kopf und schürzte ihre Lippen.
„Nicht? Was möchtest du denn dann machen?“ Obwohl Kian die Antwort auf seine Frage zumindest erahnte, wollte er dennoch Bestätigung für seine Vermutungen.
„Weiß nicht. Was möchtest du denn machen?“
„Keine Ahnung. Dich küssen vielleicht“, flüsterte er und kam Jodis Lippen bedrohlich nahe.
„Ja, das würde mir gefallen. Aber ich wüsste da noch etwas besseres, schöneres als küssen“, entgegnete sie ebenso flüsternd und zog Kian mit sich auf das breite, komfortable Doppelbett.
Kian konnte nicht anders, als die Augen zu schließen und sich auf das zu freuen, was nun bevorstand.
Lange hatte er sich danach gesehnt und nun würde er endlich das bekommen, was er wollte.

*

10. Oktober 2005, Dublin

Müde schlug Kian seine schweren Augenlider auf und starrte an die weiße Zimmerdecke, darauf bedacht, die Geschehnisse der letzten Nacht innerlich noch einmal herauf zu beschwören.
Er hatte mit Jodi geschlafen, hatte sie geliebt, genauso, wie in früheren Zeiten.
Gott, sie war fürchterlich zärtlich gewesen, hatte sich ihm ohne Bedenken hingegeben und ihn zu dem vermutlich glücklichsten Menschen auf Erden gemacht. Endlich waren sie wieder zusammen, wieder ein Paar – zumindest nahm er das an. Wie sonst sollte er die vergangene Nacht deuten?
Bei dem Gedanken daran zeichnete sich ein zufriedenes Lächeln auf seinen Lippen ab, dass jedoch augenblicklich erstarb, als er mit seiner Hand nach Jodis Körper tastete, ihn allerdings nicht zu fassen bekam. Ein wenig irritiert warf er einen Blick auf die kreisrunde Wanduhr an der gegenüberliegenden Wand und stellte beklommen fest, dass es gerade erst kurz nach neun Uhr in der Früh war.
Jodi konnte unmöglich schon wach sein, wo sie es doch kaum schaffte, ihr Bett an freien Tagen vor den Mittagsstunden zu verlassen. Kopfschüttelnd schob Kian die Bettdecke ein wenig beiseite und setzte sich auf, emsig im Zimmer umblickend. Er lauschte möglichen Geräuschen, versuchte Jodis Kleidung oder ihre Tasche ausfindig zu machen, doch nichts dergleichen geriet in sein Blickfeld.
War sie etwa gegangen? Einfach verschwunden, ohne ein Wort der Verabschiedung?
Nein, ganz sicher nicht. Jetzt, wo sie endlich wieder zusammen gefunden hatten, würde sie niemals einen Schritt in die vollkommen falsche Richtung tun. Oder etwa doch?

Kian wusste nicht, wie er sich verhalten, was er denken sollte, und rutschte an den Bettrand, um seine nackten Füße auf dem weichen Teppichboden zu betten und langsam aufzustehen. Es gab ganz bestimmt eine Erklärung für das, was gerade vor ging. Dessen war er sich sicher.
Benommen von den unerwarteten Ereignissen durchquerte er das Zimmer und ging in die Hocke, um seine auf dem Boden stehende Tasche zu öffnen und frische Unterwäsche sowie ein neues Shirt zutage zu befördern. Er brauchte dringend eine eiskalte Dusche, um wach zu werden und klar denken zu können. Gerade, als er in das angrenzende Badezimmer gehen wollte, fiel ihm ein handflächengroßer Zettel ins Auge, der fein säuberlich gefaltet auf der kleinen Kommode lag nahe der Zimmertür lag. Eine Nachricht von Jodi? War sie doch nicht einfach verschwunden, so, wie er mittlerweile befürchtet hatte? Von plötzlicher Neugier gepackt, ließ er seine Wäsche fallen und eilte auf den Zettel zu, nahm ihn in die Hand und faltete ihn mit zitternden Fingern auf.

Lieber Kian,
tut mir echt leid, dass ich mich nicht persönlich von dir verabschieden kann, aber ich hab gestern vergessen zu erwähnen, dass ich heute Mittag ein wichtiges Shooting in Liverpool habe, das leider keinen Aufschub duldet. Deswegen hab ich mich heute Morgen in aller Frühe aus dem Bett gekämpft und eilig einen Flug gebucht. Wahrscheinlich bin ich jetzt schon in der Luft – vielleicht sogar schon in Liverpool, denn so, wie ich dich kenne, wirst du den halben Tag verschlafen, bevor du nach Sligo aufbrichst und deiner Familie einen Besuch abstattest.
Die vergangene Nacht war wirklich sehr schön, Kian, und noch jetzt habe ich das Gefühl, deine warmen Hände auf meinem gesamten Körper zu spüren. Es hat mir sehr viel bedeutet, nach neun Wochen Enthaltsamkeit, wieder eins mit dir zu werden und ich hoffe inständig, dass du genauso empfindest. Zwar muss ich dir gestehen, dass ich nun nicht weiß, was genau zwischen uns ist und ob es wieder so wird, wie früher, doch ich denke, dass ich mir darüber jetzt noch keine Gedanken machen muss. Ich genieße das Hier und Jetzt, Kian, ohne großartig über die Zukunft nachzudenken.
Würde mich im übrigen sehr freuen, wenn du dich melden würdest. Ganz egal wann und zu welcher Uhrzeit.

Kuss
Jodi

Nachdem er diese Zeilen ausführlich gelesen hatte, ließ Kian den Zettel zu Boden fallen und seufzte tief auf. Zwar freute er sich darüber, dass sie ihm eine Nachricht dagelassen hatte, doch die Tatsache, dass die letzte Nacht für sie lediglich schön und aufregend gewesen war, verunsicherte ihn ungemein.
Fühlte sie etwa nicht das Gleiche, was er fühlte, wenn er mit ihr zusammen war, an sie dachte?
Sie hatte nichts von einer neuen Beziehung erwähnt, wollte ungebunden in die Zukunft blicken und hatte folglich vollkommen andere Vorstellungen als Kian, der sich endlich langhaltend binden wollte. Am liebsten natürlich mit Jodi – auch wenn dieser Wunsch zum momentanen Zeitpunkt in weite Ferne gerückt war. Konnte er mit einer Frau glücklich sein, die lediglich ihren Spaß und eine offene Beziehung, gar nur eine Affäre wollte? Nein, ganz sicher nicht, doch gleichzeitig war schien es ihm ein Unding, sich endgültig von Jodi zu lösen und nach einer neuen Frau Ausschau zu halten.
Kian liebte Jodi, sah in ihr seine Traumfrau – Herrgott, warum konnte sie nicht ebenso denken?
Oder deutete er ihre geschrieben Worte lediglich falsch?
Hatte sie vielleicht versucht, ihm etwas anderes zu sagen?
Kian war ehrlich verwirrt und wusste nicht recht, wie er sich nun verhalten sollte.
Wohlmöglich würde ein ausgiebiges Telefonat mit Jodi Klarheit bringen.
Er musste es zumindest versuchen.
Bevor er sein Vorhaben jedoch in die Tat umsetzte, würde er erst einmal dusche und versuchen, seine vom Schlaf verspannten Muskeln ein wenig zu lockern.

Noch während er unter dem lauwarmen Wasserstrahl stand, schossen im Bruchteile der vergangenen Liebesnacht in den Kopf. Scheinbar stundenlang hatten sie sich geliebt, nach allen Regeln der Kunst verwöhnt und liebkost. Jodi war eine wahrliche Meisterin auf diesem Gebiet, das musste er auch jetzt noch grinsend zugeben. Sie wusste ganz genau, was er wollte, wonach er sich verzehrte und war stets bereit dazu gewesen, ihm genau das zu geben, ihn glücklich zu machen und seine Bedürfnisse zu befriedigen.

Er fuhr erschrocken zusammen, als sein Handy, das er auf dem Toilettendeckel abgelegt hatte, zu klingeln begann, stellte geistesgegenwärtig den Wasserstrahl ab und sprang förmlich aus der Duschkabine, um sich hektisch ein Handtuch um die Hüften zu wickeln und abzunehmen.
„Hallo?!“, keuchte er atemlos in den Hörer, während er sich im Schneidersitz auf die eisigen Fliesen setzte.
„Hey. Ich bin’s“, meldete sich eine ihm vertraute Stimme.
„Jodi? Du? Sollte ich mich laut deinem kleinen Brief nicht melden? Und überhaupt – sag bloß, du bist schon in Liverpool?“ Kian war ehrlich überrascht über diesen Anruf, auch wenn er sich freute.
„Ja, ich bin eben gelandet“, antwortete sie.
„Eben? Himmel, wann bist du denn heute aufgestanden und geflogen?“
„Geflogen bin ich um halb acht, aufgestanden um halb sieben. Ich hab mir ein Taxi kommen lassen, damit ich deinen Wagen nicht entführen musste“, kicherte sie. Kian nickte und fuhr sich aufgewühlt durch das triefende Haar.
„Und ich habe rein gar nichts mitbekommen. Meine Güte. Man könnte mich im Schlaf sonst wohin verschleppen, ohne das ich was merken würde“, stöhnte er theatralisch.
„Unsinn. Die letzte Nacht war eben anstrengend; da ist es nur allzu verständlich, wenn du tief und fest schläfst. Aber warum ich eigentlich anrufe: Ich glaube, ich habe meine Sonnenbrille auf dem Nachtschränkchen liegen gelassen. Würdest du sie wohl mitnehmen und mir geben, wenn wir uns das nächste mal sehen?“, bat sie ihn, ohne zu ahnen, dass sie Kian mit diesen Worten schier zur Weißglut trieb. Jodi rief wegen eine belanglosen Sonnenbrille an. Wegen einer Sonnenbrille! Nicht zu fassen.
War sie tatsächlich derart oberflächlich geworden, wie die Spatzen in den letzten Wochen munter von den Dächern gepfiffen hatten?
„Sicher. Kein Problem“, murmelte er und griff sich instinktiv an die plötzlich pochende Platzwunde, die ihn noch immer an den Unfall vor einer Woche erinnerte. Blitzartig musste er an den kommenden Mittwoch denken. Daran, dass ihm die Fäden endlich gezogen worden und daran, die liebreizende und hübsche Krankenschwester wieder zu sehen. In den letzten Tagen war er viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, über Jodi und ihre gemeinsame Zukunft zu grübeln, doch jetzt, wo er seine Gefühle Jodi gegenüber langsam deuten konnte, schlichen sich auch andere Personen allmählich zurück in seine Gehirnwindungen. Ob ihm das wirklich gefiel, wusste er noch nicht recht, doch er würde es heraus finden. Dessen war er sich sicher.
„Kian? Bist du noch dran?“, holte Jodi ihn unweigerlich in die Gegenwart zurück.
„Ähm...ja...ich bin noch hier. Du, hör mal. Kann ich dir eine Frage stellen?“
„Eine Frage? Natürlich, schieß los. Aber beeil dich; ich muss gleich wieder“, gab Jodi zur Auskunft und trieb Kian die Zornesfalten auf die Stirn.
„Was sind wir nun eigentlich nach letzter Nacht? Getrennt? Zusammen?“ Stille.
Noch nicht einmal Jodis Atem war zu vernehmen.
„Ich weiß es nicht, Kian, und um ehrlich zu sein, will ich es auch gar nicht wissen. Sicher, letzte Nacht war wunderschön und ich möchte sie nicht missen, aber können wir nicht einfach alles auf uns zukommen lassen und abwarten?“
„Nein, Jodi. Ich habe dir gestern Abend gesagt, dass ich dich liebe und ich brauche Klarheit, um mit dem vergangenen abschließen und etwas neues aufbauen zu können“, schüttelte er den Kopf, ohne seinen aufgeregten Herzschlag wahrzunehmen. Ja, er liebte Jodi nach wie vor, doch wollte er auch nach wie vor eine gemeinsame Zukunft mit ihr haben? Er war sich plötzlich nicht mehr sicher, zeigte sich Jodi gegenüber zum ersten mal unentschlossen.
„Klarheit? Und was ist, wenn ich dir diese Klarheit nicht geben kann? Kian, du bedeutest mir immer noch sehr viel, aber ich weiß nicht, es für eine aufgewärmte Beziehung reicht. Können wir uns nicht einfach ab und zu ungezwungen treffen?“, schlug sie vor und schrie kurz erschrocken auf, als Kian mit geballter Faust auf den Fliesenboden schlug.
„Unter ungezwungenen Treffen verstehst du doch sicherlich hemmungslose Sexorgien, oder? Jodi, verdammt. Du weißt, dass ich kein Mann bin, der für Affären zu haben ist. Ich sehne mich nach etwas festem, etwas das mich ganz und gar ausfüllt. Verstehst du das nicht?“
„Doch, natürlich verstehe ich das, aber ich denke, dass ich dir das nicht geben kann. Ich bin noch so jung, möchte noch so viel erleben und entdecken. Wie kann ich da an heiraten und Familie denken“, empörte sie sich offenkundig. Kian schluckte, während er innerlich soeben eine folgenschwere Entscheidung getroffen hatte. Jodi war nicht die Frau seines Lebens – zumindest jetzt nicht mehr. Sie hatten beiden völlig verschiedene Vorstellungen von einem ausgefüllten Leben und würden niemals einen gemeinsamen Nenner finden, auch wenn sich Kian eine Zeit lang nichts sehnlicher gewünscht hatte.
„Danke für deine Ehrlichkeit, Jodi. Ich würde sagen, dass es nun endgültig vorbei ist, oder?“
„Ja, ich denke schon“, pflichtete sie ihm flüsternd, leicht wehmütig bei. Kian nickte, legte ohne ein weiteres Wort auf und ließ sich mit ausgebreiteten Armen auf den Boden fallen.
Jodi und er hatten sich gerade zum zweiten Mal getrennt – dieses Mal allerdings für immer.

*

12.Oktober 2005, Dublin

Seufzend fuhr sich Ruby durch das dunkelbraune Haar und langte nach einer Haarklammer.
Sie war am gestrigen Tag spontan beim Friseur gewesen und hatte sich das Haar schneiden lassen.
Aus irgendeinem Grund bevorzugte sie kurzes Haar bei Frauen weit mehr, als längeres.
Zwar hatte sie als kleines Kind selbst beinahe hüftlange Haare gehabt, damit allerdings kaum gute Erfahrungen gemacht. Einmal wäre sie sogar beinahe mit den Haaren in die Mixstäbe der Küchenmaschine gekommen, nur weil sie ihrer Mutter beim Kuchen backen behilflich sein wollte. Aus diesem Ereignis hatte sie gelernt – vermutlich dauerhaft, denn kurz danach hatte sie sich das Haar rapide kürzen lassen und diese Frisur eigentlich durchgängig bis zum jetzigen Zeitpunkt beibehalten.
Kopfschüttelnd verdrängte sie diesen beiläufigen Gedanken und blickte auf, als sich die Tür des Behandlungszimmers öffnete und Doktor Thompson gemächlich eintrat. Er hielt einen dicken Ordner in der rechten Hand, einen Becher Kaffee dagegen in der Linken.

„Ist Mister Egan schon da?“, fragte er beiläufig, während er sich schwerfällig hinter seinen Schreibtisch setzte, den Ordner ablegte und einen großen Schluck seines Kaffees nahm.
„Nein, bis jetzt noch nicht“, schüttelte sie den Kopf und fügte rasch hinzu: „Aber ich denke, dass er jeden Augenblick eintreffen wird.“ Doktor Thompson nickte und trank erneut von seinem Kaffee.
Ruby hatte eigentlich erwartet, dass er noch irgendetwas erwidern würde, doch Doktor Thompson schwieg beharrlich und studierte stattdessen einige bereitgelegte Unterlagen.
Kaum eine Minute später, öffnete sich die Tür ein weiteres Mal.

Rubys Kopf schnellte förmlich in die Höhe und errötete leicht, als sie Kian Egan erblickte, nur wenige Meter von sich entfernt. Er hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben, lächelte jedoch sofort, als er Rubys Blick auffing und standhielt. Irgendwie wirkte er ein wenig bedrückt und müde, beinahe so, als hätte er in den vergangenen Nächten nicht viel Schlaf gefunden, doch bevor Ruby die Möglichkeit dazu bekam, ernsthaft darüber nachzudenken, begrüßte er den Doktor.
„Guten Tag“, grüßte er förmlich und reichte Doktor Thompson die Hand, als dieser sich von seinem Lederstuhl erhob und auf den jungen Patienten zutrat.
„Guten Tag, Mister Egan. Geht’s Ihnen gut?“
„Ja, danke. Ich kann nicht klagen“, nickte Kian und wandte sich dann Ruby zu, die ein wenig verloren neben den Beiden stand, unsicher, was sie als nächstes tun sollte. Obwohl sie eigentlich vollkommen routiniert auf diesem Gebiet war, fühlte sie sich jetzt, am heutigen Tag, aus irgendeinem Grund etwas überfordert. Doch warum? Sie nahm einen tiefen Atemzug und streckte ihre Hand aus, um sie Kian ebenfalls zu reichen und ihn somit zu begrüßen.
„Guten Tag“, nickte sie, nach wie vor lächelnd.
„Hallo“, erwiderte er und schüttelte energisch ihre Hand.
„Ich hoffe, diese Platzwunde hat Sie nicht sonderlich in ihrem Tun und Handeln beeinflusst.“
„Nein, ganz und gar nicht. Ganz im Gegenteil. Sie ist kaum aufgefallen. Dank Ihnen!“ Ruby legte ihre Stirn in Falten und entzog ihm schlagartig ihre Hand. Es war ihr schon immer äußerst unangenehm gewesen, von anderen, förmlich völlig fremden Menschen gelobt zu werden.
„Dank mir?“, fragte sie zögerlich, beinahe flüsternd. Sie fühlte sich unbehaglich.
„Ganz genau. Hätten Sie die Wunde nicht so ausgezeichnet vernäht, hätte ich bestimmt Probleme gekriegt“, zwinkerte er ihr vielsagend und überaus charmant zu.
Einen Moment lang blickten sie sich still in die Augen, bevor Doktor Thompson durch eine unbedachte Geste einschritt und Kian dazu aufforderte, sich kurz zu setzen. Ruby unterdessen schickte er in das Nebenzimmer, damit sie alles für das Fäden ziehen vorbereiten konnte.

In gewisser Weise war Ruby froh, die Tür einen Augenblick lang hinter sich schließen zu können.
Sie hatte in den vergangenen Tagen schon des Öfteren festgestellt, dass sie sich auf den heutigen Tag gefreut hatte. Darauf, Kian Egan endlich wieder zu sehen, doch warum konnte sie sich nicht recht erklären. Lag es vielleicht daran, dass er sich stets nett und charmant ihr gegenüber verhielt und machte sie ihre aufkeimende Sympathie lediglich an seinem unwahrscheinlich guten Aussehen fest? Ruby schüttelte ihren Kopf und atmete tief durch. Nein, auf Äußerlichkeiten war Ruby noch nie fixiert gewesen. So auch jetzt nicht. Zumindest nahm sie das an. Etwas verwirrt lehnte sie sich mit ihrer Rückansicht an die kühle Wand und schloss die Augen. Sie musste sich konzentrieren, durfte gedanklich nicht ein weiteres mal abdriften. Kian Egan war ein Patient, den sie heute vermutlich das letzte Mal gesehen hatte.

*

Konzentriert langte Cat nach der überdimensionalen Schere neben sich, setzte sie an und schnitt das vorgezeichnete Motiv aus dem weißen Quadrat Baumwollstoff. Sie hatte erste Outfits für die bevorstehende Promotion, sowie für die im nächsten Jahr stattfindende Tour designt und war nun dabei, einige Stoffe zurecht zu schneiden und sie zu vollständigen Kleidungsstücken zu verarbeiten.
Cat arbeitete seit nunmehr einer Woche in der Firma – verstand sich mit allen Mitarbeitern prächtig und hatte sich bereits zum jetzigen Zeitpunkt wunderbar in das Team integriert.
Zwar geriet sie noch manchmal mit William aneinander, weil er des Öfteren andere Ansichten bezüglich modischer Kleidung hatte, doch diese Meinungsverschiedenheiten waren nicht so gravierend, das sie nicht problemlos aus der Welt geschafft werden konnten.

„Cat, Mittagspause!“, schallte es plötzlich durch den kleinen Erdgeschossraum am Ende eines langen Ganges und Cat sah erschrocken auf, unfähig etwas zu sagen. Sie konnte nicht glauben, was sie gerade sah. Wen sie gerade sah.
„Holly“, stieß sie überrascht hervor und ließ augenblicklich die Schere samt Stoff auf den Holzboden fallen. Was zum Teufel suchte Holly, ihre beste Freundin, hier? Ausgerechnet hier, an Cats Arbeitsplatz?
„Ganz recht, Miss O’Connor. Hast du Hunger?“ Holly ließ sich unbeeindruckt auf Cats Arbeitsplatte nieder und schlug die Beine übereinander, bevor sie ihr Haar nach hinten warf und eine Plastiktüte neben sich abstellte.
„Holly, was machst du hier? Ich meine – was machst du hier???“
„Dich mit einigen wichtigen Nährstoffen versorgen. Es ist kurz nach halb eins, folglich also langsam Zeit für ein ausgiebiges Mittagessen“, erklärte Holly grinsend, öffnete die Tüte und beförderte etliche weiße Kartons zutage, die allesamt herrlich exotisch dufteten.
„Ich muss arbeiten, Holly“, schüttelte Cat verwirrt ihren Kopf, konnte jedoch nicht verhindern, einen Blick in die Kartons zu werfen. Chinesisches Essen. Frühlingsrollen. Gebratene Nudeln und geschmorte Ente. Herrgott, Holly wusste nach wie vor, mit welchen Dingen sie Cat aus der Reserve locken konnte.
„Du musst aber nicht den ganzen Tag arbeiten, Cat. Sieh doch mal auf die Uhr. Es ist Mittag – du hast Pause. Außer dir arbeitet hier nämlich niemand mehr.“
„Woher willst du das wissen?“
„Weil ich es gesehen hab, als ich mich am Empfang anmelden musste“, leierte Holly mit den Augen und schnalzte lautstark mit der Zunge. Cat verzog ihre Mundwinkel und erhob sich von dem Stuhl, auf dem sie bis eben regungslos gesessen hatte. Zwar freute sie sich über Hollys unverhofften Besuch, wusste jedoch nicht recht, auch damit umzugehen. Sowohl William als auch Louis haben ihr zu Beginn des Jobs mehr als ein Mal gesagt, dass Besuch von Freunden strengstens untersagt war.
Allein der Geheimhaltung wegen.
Doch Holly war nun einmal eine Freundin, eine sehr gute sogar.
„Man, Holly. Du darfst überhaupt nicht hier sein. Ich kriege eine Menge Ärger, wenn William dich sieht“, seufzte Cat, nahm aber dennoch einen mit Nudeln gefüllten Karton und begann ohne zu zögern zu essen. Ihr Magen hatte sich tatsächlich schon vor etlichen Minuten lautstark gemeldet.
„Na und. Ich werde ja wohl mit meiner besten Freundin zusammen Mittag essen können. Und nun hau rein, sonst wird der ganze Kram noch kalt“, kicherte Holly und tat es Cat gleich.
„Hoffentlich sieht das keiner“, murmelte Cat, konzentrierte sich aber viel mehr auf das Essen, als darauf, sich argwöhnisch nach eventuellen Mitarbeitern umzusehen.
Wenn alle anderen Pause machten, durfte sie das doch wohl auch.

„Was ich dich fragen wollte, Cat. Lassen sich die Wunderkinder eigentlich auch mal hier blicken?“ Holly sah von ihrem Essen auf und blickte zu Cat, die sich eine Gabel gebratener Nudeln genüsslich in den Mund steckte, ausgiebig kaute und danach den Kopf schüttelte.
„Normalerweise nicht. Die Mitarbeiter dieser Firma sind dafür zuständig, Outfits und andere kleidungstechnische Dinge zu kreieren – die Jungs haben hier im Prinzip rein gar nichts zu suchen. Weshalb fragst du?“ Cat konnte sich im Grunde schon denken, warum Holly nach den Jungs gefragt hatte, doch sie wollte es von ihrer Freundin persönlich hören, immerhin war es ja durchaus möglich, dass sie sich täuschte und vollkommen falsche Schlüsse zog.
Wenn sie allerdings recht bedachte, war Holly derart leicht zu durchschauen, dass falsche Schlüsse prinzipiell gänzlich ausgeschlossen waren.
„Nur so. Ich hatte sie gerne mal kennen gelernt“, gab Holly kleinlaut zu und zerknüllte den soeben geleerten Karton, um ihn anschließend in dem nahestehenden Papierkorb zu entsorgen.
„Kennen gelernt hättest du sie also gerne. Interessant“, grinste Cat und rieb sich den Bauch, nachdem sie auch ihren Karton in beinahe beängstigender Geschwindigkeit geleert hatte.
Seit sie schwanger war, kannte sie wahrlich kein Sättigungsgefühl mehr.
Und Hunger hatte sie sowieso ständig – meist auf alles mögliche.
„Ja, ich hätte sie gerne kennen gelernt. Ist das etwa schlimm?“
„Nein, wieso sollte das schlimm sein?“, zuckte Cat mit den Schultern, durchquerte schlendernd den hellen Raum und trat an das Fenster, um einen Blick nach draußen werfen zu können.
Es war ein ungewöhnlich schöner Tag, der weder von grauen schweren Wolken, noch von sinnflutartigen Regenschauern getrübt wurde.
„Keine Ahnung. Du hast mich nur so komisch angesehen, als hätte ich irgendwas unmenschliches von mir gegeben“, sagte Holly und drehte sich, um Cat weiterhin im Blickfeld behalten zu können.
„Ach Holly, du weißt hoffentlich, dass ein Treffen zwischen dir und den Jungs ziemlich unwahrscheinlich ist, oder? Ich glaube kaum, dass sie sich jemals hier blicken lassen werden. Und falls doch, denke ich nicht, dass du dann ausgerechnet hier sein wirst, um mir mein Mittagessen zu bringen. Schlag dir diesen Gedanken also besser aus dem Kopf, okay?“ Cat verschränkte ihre Arme vor der Brust und wartete, bis Holly langsam, wenn auch äußerst widerwillig, nickte.
„Man wird doch wohl mal träumen dürfen, oder?“ Cat schmunzelte aufgrund Hollys offensichtlicher Enttäuschung, ging auf ihre Freundin zu und zog sie liebevoll in ihre Arme.
„Träume sind erlaubt, Holly, aber man darf den Blick für die Realität nicht verlieren.“
„Oh, Catherine O’Connor, neuerdings philosophischer Moralapostel. Diese ganzen Modeleute scheinen deine Gehirnwindungen etwas zu trüben, was.“ Holly schlug Cat sanft auf die Schulter und löste sich anschließend aus ihrer Umarmung, um ihre Handtasche zu schultern und auf die Tür zuzusteuern.
Cat blickte ihr amüsiert grinsend nach.
„Danke für das leckere Essen, Holly.“
„Nichts zu danken, Cat. Das gehört zum Versorgungsdienst junger Schwangerer. Und falls du vor lauter Arbeit wieder einmal vergisst, eine Pause zu machen – ruf mich einfach an. Meine Nummer kennst du ja.“ Holly hob ihre Hand zu einem Gruß und wollte den Raum gerade verlassen, als sie stehen blieb und sich noch einmal herum drehte. „Und wenn sich doch noch ein zufälliges Aufeinandertreffen mit den Jungs arrangieren lässt, meld dich bei mir, okay?“ Mit diesen Worten war sie vollends aus dem Zimmer verschwunden.

*

„Alles okay? Ich meine, hat es sehr weh getan?“ Ruby entsorgte gewissenhaft die Abfälle, die vom Fäden ziehen übrig geblieben waren, während Kian sich langsam, fast vorsichtig, von der Liege erhob und nach seiner Jeansjacke griff.
„Nein, es ging. Zumindest zeitweise. Ist die Narbe eigentlich sehr groß?“ Er fasste sich unbewusst an die warme Stelle knapp über dem Auge und lächelte entschuldigend, als Ruby sich amüsiert zu ihm herum drehte und ausführlich musterte. Gott, er sah unwahrscheinlich gut aus, besonders, wenn er nicht wusste, was er tun, wie er sich verhalten sollte.
„Ganz und gar nicht. Sie werden sehen, Kian, in weniger als zwei Wochen ist rein gar nichts mehr von Ihrem Unfall zu sehen. Glauben Sie mir“, lächelte sie und nickte bekräftigend, als sie Kians skeptischem Blick begegnete.
„Meinen Sie wirklich?“, hakte er zweiflerisch nach.
„Natürlich. Die Wunde war nicht tief genug, als das sie Sie dauerhaft entstellen würde.“
„Hoffentlich haben Sie recht. Andernfalls werde ich mich wohl nach einem guten Gesichtschirogen umsehen müssen“, seufzte er und zog somit unwillkürlich Rubys Aufmerksamkeit auf sich.
Ruby wusste nicht recht, ob sie sich verhört hatte, hatte keine Ahnung, wie sie seine soeben ausgesprochenen Worte auffassen sollte. Hatte er das etwa ernst gemeint?
„Was? Kian – Sie.“ Sie hielt abrupt inne, als Kian zu lachen begann und sich lässig durch das blonde Haar fuhr.
„Sagen Sie bloß, Sie haben mir das abgenommen?“
„Ich...also...warum denn nicht? Vielleicht sind Sie ja ein Mensch, der mit körperlichen Veränderungen nicht umgehen kann“, versuchte sie ihre Denkweise zu rechtfertigen und wünschte sich schleunigst in ein metertiefes Erdloch, in dem sie lautlos verschwinden konnte, als sie die enorme Hitze in sich aufsteigen spürte. Gott bewahre sie vor weiteren Peinlichkeiten dieser Art!
„Sie müssen nicht rot werden“, sprach Kian sie auf ihre veränderte Gesichtsfarbe an, machte die Situation dadurch allerdings noch schlimmer.

Ruby schnappte hörbar nach Luft und wandte sich ruckartig von ihm ab, nur um ihn nicht mehr ansehen zu müssen. Wie hatte sie diese scherzhaft gemeinten Worte nur ernst nehmen können, wo sie doch sonst ständig alles hinterfragte, bevor sie sich eine Meinung bildete?
„Nun, ich entlasse Sie jetzt, wenn Doktor Thompson nichts mehr mit Ihnen vorhat“, bemerkte Ruby hastig und durchquerte das Zimmer, um nach draußen auf den Gang treten zu können.
„Vielen Dank, unbekannte Krankenschwester. Doktor Thompson hat gesagt, ich wäre wieder vollkommen gesund, ohne bleibende Schäden davon gekommen. Ihren Namen haben Sie mir im übrigen immer noch nicht verraten“, meinte er etwas amüsiert, als er neben Ruby trat und die Türklinke nach unten drückte.
„Wieso wollen Sie unbedingt meinen Namen wissen?“ Sie zog eine Augenbraue in die Höhe.
„Weil ich Ihren auch weiß. Ganz einfach. Aber um es noch einmal offiziell zu machen. Ich bin Kian John Francis Egan und lebe seit meiner Geburt im nordwestlichen Sligo. Nun sind Sie an der Reihe“, zwinkerte er ihr zu und verließ gänzlich mit Ruby das Behandlungszimmer.
Ruby überlegte einen Moment, ob sie ihren Namen preisgeben sollte, fand aber keinen Grund der dagegen sprach und nickte schließlich, Kian wieder ansehend.
„Ich heiße Ruby. Und ich lebe schon mein Leben lang in Dublin“, gab sie schüchtern zur Auskunft.
„Ruby...ein schöner Name. Ich hatte früher ein Kaninchen, das Ruby hieß.“ Rubys Augen weiteten sich aufgrund Kians Worte und sie hätte ihn wegen dieses Satzes am liebsten geohrfeigt. Wie konnte er sie nur mit seinem Kaninchen vergleichen? Mit einem Kaninchen?
Kian, der ihre veränderte Mimik bemerkt hatte, legte ihr unbedacht einen Arm um die Schultern und lachte lautstark auf. Scheinbar fand er die Situation fürchterlich komisch.
„Das sollte ein Kompliment sein, Ruby“, beschwichtigte er und zog sie unweigerlich näher zu sich heran. Ruby wusste nicht, was sie am liebsten getan hätte – sich schleunigst von ihm gelöst oder ihm einen saftigen Tritt gegen das Schienbein verpasst. Dermaßen dreist und gemein hatte sie ihn nun wahrlich nicht eingeschätzt.
„Ich soll es als Kompliment auffassen, dass Sie mich mit Ihrem Kaninchen verglichen haben? Verzeihen Sie, Mister Egan, aber darüber kann ich ganz und gar nicht lachen“, empörte sich Ruby, ehe sie Kian grob von sich weg stieß und zielstrebig den Gang entlang auf die geschlossenen Aufzugstüren entlang lief. Sie war wütend, unsagbar wütend, obwohl der Grund dafür eigentlich vollkommen belanglos war. Wäre sie sich nicht derartig bescheuert vorgekommen, hätte sie über diese Situation sicherlich gelacht. So aber fühlte sie sich nicht ernst genommen.
Von Kian nicht ernst genommen.

Ruby nahm einen tiefen Atemzug, als sie geräuschvolle Schritte hinter sich vernahm.
Kian folgte ihr ganz offenkundig, ob ihr das jedoch gefiel, stellte sie ein mal mehr in Frage.
Nervös trat sie von einem Fuß auf den anderen, darauf wartend, dass der Aufzug endlich im Erdgeschoss ankommen würde. Kian war ihr letzter Patient am heutigen Tag – in weniger als fünf Minuten hatte sie Feierabend und würde folglich die Klinik verlassen.
„Ruby, nun warten Sie doch. Ich wollte Sie nicht beleidigen. Wirklich nicht“, keuchte Kian, als er neben ihr zum stehen kam und sie erneut bei den Schultern griff.
„Lassen Sie mich gefälligst los“, zischte Ruby unter zusammengebissenen Zähnen und nahm erleichtert zur Erkenntnis, dass sich die Aufzugstüren soeben begleitet von einem klingelartigen Geräusch geöffnet hatten.
„Ich lasse Sie erst los, wenn Sie mir verzeihen“, sagte Kian stur und machte tatsächlich keinerlei Anstalten, von ihr abzulassen.
„Das ist doch lächerlich. Himmel, ich möchte jetzt in diesen Aufzug steigen, mich umziehen und nach Hause gehen. Geht es Ihnen denn nicht genauso? Wollen Sie denn unbedingt länger als unbedingt notwendig hier in diesem Krankenhaus verweilen?“
„Wenn es sein muss, schon“, nickte Kian und folgte Ruby in den Aufzug, nachdem sie sich geschickt aus seinem festen Griff gelöst hatte. Ruby hätte am liebsten geschrieen, so aufgebracht war sie, doch prinzipiell war sie kein Mensch, der sich durch Gewalt oder lautstarke Rufe vor einer Auseinandersetzung drückte. Viel lieber schwieg sie beharrlich.
Wenn Kian die Absicht hatte, seine Freizeit im Krankenhaus zu verbringen, dann konnte er das ihretwegen gerne tun. Es war ihr schlichtweg egal und Ruby würde bezüglich dieses Themas kein einziges Wort mehr von sich geben. Zumindest hatte sie das vor.

Im fünften Stockwerk angekommen, stieg Ruby aus dem Fahrstuhl, Kian hinter sich wie einen Schatten wissend. Er schien es wirklich ernst zu meinen. Unglaublich.
Entnervt hielt sie in ihrer Bewegung inne und drehte sich zu ihm herum.
Gott, sie benahmen sich alle beide wie naive Kinder – dem musste dringend ein Ende gesetzt werden.
„Hören Sie mir zu, Kian Egan. Ich hasse es, verfolgt zu werden, okay?“
„Und ich hasse es, wenn jemand wütend auf mich ist, okay?“ Er stemmte seine Hände in die Hüften und sah Ruby unmittelbar in die Augen, mit einer solchen Intensität, dass Ruby spürte, wie ihre Knie langsam weich wurden und nachgaben. Verdammt, was veranstaltete dieser Mann nur mit ihr?
„Gehen Sie, wenn ich Ihnen sage, das ich Ihnen nicht mehr böse bin?“, fragte Ruby stirnrunzelnd, darauf bedacht, das vorbeilaufende Patienten oder Mitarbeiter nichts von diesem Gespräch mitbekamen.
„Wenn Sie es ehrlich meinen, dann durchaus“, nickte Kian, sie weiterhin unentwegt anblickend.
Ruby konnte nicht anders, als sich seinem Blick zu entziehen und abzuwenden.
Das Blau seiner Augen funkelte derart bestechend, dass sie glaubte, von einem Magier auf unnachahmliche Weise hypnotisiert zu werden.
„Also schön. Ich bin Ihnen nicht mehr böse, weil Sie mich mit Ihrem Kaninchen vergleichen haben. Wenn ich es mir recht überlege, hab ich wohl sowieso ein bisschen überzogen reagiert“, gab sie zu, erstaunt über das Selbstbewusstsein, das sie plötzlich an den Tag legte.
Normalerweise war Ruby eine verschlossene Person, die nur das Allernötigste von sich gab. Seltsam.
„Wunderbar. Das beruhigt mich jetzt ungemein.“ Kian wischte sich den imaginären Schweiß von der Stirn und lächelte. Er lächelte so, wie er es immer tat, wenn er mit Ruby redete.
Und sie mochte dieses Lächeln, vergötterte es nahezu.
„Fein. Dann kann ich mich jetzt also umziehen gehen? Meine Schicht ist nämlich seit mehr als fünf Minuten zu Ende und ich würde schon ganz gerne in meinen freien – wenn auch ereignislosen – Nachmittag starten“, erklärte sie mit einem Fingerzeig auf ihre Armbanduhr und entfernte sich etwas von Kian. Er reagierte nicht sofort auf ihre Worte, schien viel eher einen Moment lang nachzudenken.
Dann allerdings räusperte er sich hinter vorgehaltener Hand.
„Sie haben heute Nachmittag frei? Und noch dazu nichts vor?“ Ruby nickte, auch wenn sie sich fragte, weshalb Kian diese Dinge von ihr wissen wollte.
„Sehr gut. Vielleicht kann ich meinen kleinen Ausrutscher wieder gutmachen, indem ich sie zu einem Fußballspiel einlade. Ich weiß nicht, ob Sie Fußball mögen, aber mein Bruder spielt heute mit seinem Verein gegen Dublin – wenn Sie möchten, nehme ich Sie mit zum Sportplatz. Und anschließend lade ich Sie zu einem heißen Kaffee ein. Na, was meinen Sie?“

Ruby schluckte und versuchte, nicht allzu überrumpelt auszusehen.
Wann wurde sie jemals dermaßen charmant von einem Mann eingeladen?
Wann wurde sie überhaupt schon einmal von einem Mann eingeladen?
Was sollte sie tun? Wie sollte sie sich verhalten? Natürlich, sie mochte Kian, doch um bereits mit ihm auszugehen, kannte sie ihn doch prinzipiell viel zu wenig.
Was wusste sie schon von ihm? Nichts, außer seinen vollständigen Namen und seinen Geburts- und Wohnort. Doch irgendetwas in ihr strebte sich dagegen, die Einladung auszuschlagen.
Und was war schon dabei, ein wenig Spaß bei einem ungezwungenen Fußballspiel zu haben, wo sie doch selber sehr gerne Sport betrieb. Im Grunde nichts.
Schmunzelnd knöpfte sie ihre Strickjacke auf, während sie gedanklich eine Antwort formulierte.
Kian Egan hatte sie zu einem Fußballspiel eingeladen, nicht zu einem intimen Essen.
Er wollte seinen Malheur von vorhin lediglich wieder gutmachen und sie sollte verdammt sein, sollte sie dieses nett gemeinte Angebot ausschlagen.

„Okay, ich sehe mir gerne das Fußballspiel Ihres Bruders an“, sagte sie zu und drehte sich eilig um, um in den Aufenthaltsraum zu gehen, als sie noch einmal stehen bleib und zu Kian sah.
„Sie müssen allerdings einen Moment auf mich warten. Ich muss mich noch umziehen und von meinen Kollegen verabschieden. Können Sie diese Geduld aufbringen?“
„Sicher doch“, nickte Kian und setzte dazu an, noch etwas zu sagen, verstummte allerdings jäh, als Ruby bereits aus seinem Blickfeld verschwunden war.

Kaum zehn Minuten später stand Ruby wieder vor Kian, der sich währenddessen auf einen der Plastikstühle gesetzt und den Kopf in den Nacken gelegt hatte.
Er schien tatsächlich überaus erschöpft zu sein und Ruby wusste plötzlich nicht mehr, ob es gut gewesen war, seine Einladung anzunehmen. Vermutlich wäre er viel lieber alleine zu dem Spiel gegangen, als sie in seiner Nähe zu wissen.

„Ich bin soweit“, flüsterte sie kaum hörbar und zog den Reißverschluss ihrer schwarzen Daunenjacke zu. Kian, der sie allem Anschein nach nicht kommen gehört hatte, blickte verwirrt auf und schenkte ihr ein ehrliches Lächeln.
„Gut sehen Sie aus – so ganz ohne die weiße Strickjacke und die dazugehörende Hose“, bemerkte anerkennend, nachdem er Ruby in aller Ausführlichkeit gemustert hatte.
Es war ihr zwar unangenehm gewesen, sich seinen Blicken ausgesetzt zu fühlen, doch sie hatte ihn gewähren lassen und Stillschweigen über ihr Unbehagen bewart.
„Danke“, erwiderte sie verlegen und senkte beschämt den Blick.
Es war ihr einfach nicht vergönnt, mit Komplimenten umzugehen.
„Sie müssen sich dafür nicht schämen, Ruby. Die weiße Kleidung gehört nun mal zu Ihrem Job und ich freue mich ganz einfach, Sie zur Abwechslung auch mal in Alltagssachen zu sehen.“
„Na ja, wenn Sie meinen.“ Obwohl Ruby noch während ihrer kurzen Auseinandersetzung mit Kian unerwartetes Selbstbewusstsein bewiesen hatte, fiel sie nun ihr gewohntes Muster zurück.
Einsilbigkeit. Manchmal verabscheute sie sich dafür. Ehrlich.
„Und ob ich das meine. Aber nun los. Ich lasse meinen Bruder nur ungern warten“, wechselte Kian geschickt das Thema, erhob sich und bot ihr seinen rechten Arm an, damit sie sich einhaken konnte.
Ruby allerdings schüttelte dankend den Kopf.
Sie hatte es noch nicht gemocht, derart auf Tuchfühlung zu gehen.
Und daran würde sich aller Wahrscheinlichkeit nach auch nichts mehr ändern.
Kian nahm dies ruhig hin, auch wenn er sich nicht erklären konnte, weshalb Ruby mit einem Mal wieder so vollkommen anders war. Mal redete sie ununterbrochen, dann jedoch schaffte sie es kaum, einen zusammenhängenden, vernünftigen Satz zu formulieren. Merkwürdig. Kian hatte das große Bedürfnis, sie nach den Gründen zu fragen, zu erfahren, was mit ihr los war, doch er war sich im Klaren darüber, dass ihm eine solche Frage nicht zustand. Sie waren sich nach wie vor gänzlich fremd, hatten sich erst vier Mal gesehen, ohne wirklich viel miteinander zu reden.

Ruby merkte, dass auch Kian stiller geworden war, als sie in den Aufzug getreten waren.
Hatte sie ihn etwa mit ihrer etwas ablehnenden Haltung verärgert?
Wohl kaum, schließlich war sie weder unhöflich noch in irgendeiner Weise gemein ihm gegenüber gewesen. Sie hatte sich lediglich seinem Arm verweigert; mehr nicht. Leise seufzend lehnte sie sich an die verspiegelte Wand des Fahrstuhls und beobachtete mehr gelangweilt, als ernsthaft interessiert die Anzeige der gerade passierten Stockwerke. Eigentlich hatte sie den heutigen Nachmittag in aller Ruhe vor dem Fernseher verbringen wollen, nun allerdings würde sie mit einem fremden Mann einem Jungenfußballspiel beiwohnen. Ob ihr das gefiel, wusste sie noch immer nicht, doch es würde auf jeden Fall endlich Abwechslung in ihren tristen Alltag bringen. Dessen war sie sich sicher.

*

Die anschließende Fahrt zum Sportplatz etwas außerhalb der Stadt verlief überraschenderweise sehr gesprächig. Kian hatte die anfänglich karge Situation durch einige Scherze gelockert und Ruby dadurch das ein oder andere Mal in herzhaftes Gelächter ausbrechen lassen.
Er mochte es, wenn sie lachte, betrachtete sie dann besonders gern.
Studierte ihre weichen Gesichtszüge dann besonders gern.
Obwohl er diese Frau prinzipiell kaum kannte, spürte er die unverkennbare Wärme, die von ihr ausging. Er konnte sich vorstellen, dass sie eine sehr großzügige und liebenswerte Frau war, die zurecht den Beruf als Krankenschwester angetreten hatte. Ruby schien ein ausgeprägtes Sozialverhalten zu haben, sah vermutlich ihre Erfüllung darin, anderen Menschen zu helfen.
Beachtlich, denn wenn Kian ehrlich war, musste er zugeben, dass er so etwas nicht konnte.
Ihm graute es schon davor, ein Krankenhaus nur zu betreten – es sei es lediglich als Besucher.
Ruby hingegen verbrachte den Großteil ihres Lebens in diesem Institut, um sich dem Schicksal von kranken und hilfsbedürftigen Menschen anzunehmen und wenigstens ein wenig dazu beizutragen, dass es ihnen besser ging. Das schätzte er sehr.

„Was machen Sie eigentlich beruflich?“, fragte Ruby plötzlich und unterbrach somit Kians Gedankengänge. Er sah aus den Augenwinkeln zu ihr und stöhnte schwach auf.
Warum hatte er nur gewusst, dass sie ihm diese Frage stellen würde? Überhaupt hatte es ihn gewundert, dass sie ihn nicht augenblicklich erkannt hatte. Scheinbar kannte sie sich auf dem Gebiet Musik nicht sonderlich gut aus; anders konnte er sich Rubys Unwissenheit nun wahrlich nicht erklären.
„Ich bin Sänger“, krächzte er beinahe, in der Hoffnung, dieses Thema umgehen zu können.
Ruby hingegen war interessiert daran, mehr über ihn zu erfahren, und da gehörte sein Berufsleben nun einmal dazu. Auch wenn ihm dies nicht zu gefallen schien.
„Sänger? Professioneller Sänger?“
„Ja.“
„Kann man damit denn überhaupt sein Geld verdienen?“ Ruby zog ihre Stirn kraus.
„Ja.“
„Und verdienen Sie gut an diesem Beruf?“
„Ziemlich gut.“ Ruby stutzte. Kian schien nicht besonders gerne über seinen Beruf zu reden.
Gerade deshalb wollte sie noch mehr über ihn wissen.
„Was bedeutet ziemlich gut? Ich weiß, dass es mich eigentlich nichts angeht, aber-.“
„Schon okay“, fiel ihr Kian abrupt ins Wort und lächelte, ehe er sich wieder auf den Straßenverkehr konzentrierte und nach dem Sportplatz Ausschau hielt.
„Nein, es ist nicht okay“, sagte Ruby kleinlaut und machte sich auf dem Beifahrersitz unweigerlich kleiner. Es war ihr unangenehm, dass sie eine solch private Frage gestellt hatte.
Warum konnte sie auch nicht ein einziges Mal nachdenken, ehe sie etwas von sich gab?
„Doch, es ist okay, Ruby. Ich an Ihrer Stelle wäre sicherlich auch neugierig gewesen.“
„Sie an meiner Stelle hätten aber nicht weiter gefragt, wenn Sie gemerkt hätten, dass Ihr Gesprächspartner nicht sonderlich erpicht darauf ist, über sein Privatleben bzw. seinen Job Auskunft zu geben“, seufzte Rubygeräuschvoll, das Gesicht mittlerweile puterrot.
„Da könnten Sie unter Umständen recht haben“, gab Kian zu. „Aber zerbrechen Sie sich jetzt bitte nicht den Kopf darüber, ja? Ich bin Sänger in einer bekannten Band und verdiene jährlich mehr Geld, als manch einer, der sein gesamtes Leben über schwer arbeiten muss. Durch meinen Beruf werde ich meistens mit den Annehmlichkeiten des Lebens konfrontiert, kann mir ohne Umschweife teure Dinge leisten, ohne überhaupt einen Gedanken an meinen Kontostand zu verschwenden. Man sollte meinen, ich hätte keine Sorgen und würde ein unbeschwertes Leben führen, aber dem ist ganz gewiss nicht so.“ Kian machte absichtlich an dieser Stelle halt, damit es Ruby möglich war, das soeben gehörte aufzunehmen und zu verarbeiten.

Kian wusste nicht, wie sie darauf reagieren würde, doch er hoffte inständig, sie nicht verschreckt zu haben. Seit der entgültigen Trennung von Jodi am Wochenende, war er besonders Frauen gegenüber sehr misstrauisch eingestellt. Doch bei Ruby hatte er ein gutes Gefühl. Warum auch immer...

„Ist Ihre Band wirklich so berühmt?“, wollte Ruby nach einigen schweigsamen Minuten wissen und neigte ihren Kopf etwas nach rechts, um Kian ansehen zu können.
„Ja, durchaus“, nickte er, ihren Blick nicht erwidernd.
Ruby biss sich unbewusst auf die Unterlippe und faltete ihre feingliedrigen Finger auf ihrem Schoß ineinander. Sie wusste nicht, wie sie sich nun verhalten sollte – wo sie es doch scheinbar mit einem populären Menschen zu tun hatte. Ob er es ihr wohl übel nahm, dass sie seine Band nicht kannte?
„Und wie lautet der Name der Band?“
„Westlife“, kam es postwendend aus seinem Mund. Westlife.
Ruby musste zugeben, schon einmal etwas von dieser Band gehört zu haben, konnte sie jedoch nicht recht in eine bestimmte Musikrichtung einordnen.
„Sagen Sie bloß, Sie haben noch nie etwas von uns gehört“, fragte Kian, als hätte er Rubys Gedanken gelesen. Sie schüttelte beschämt ihren Kopf und zuckte mit den Schultern.
„Nein, nicht wirklich. Ich höre nicht oft Musik. Eigentlich nie. Höchstens alte Schallplatten meiner Oma.“
„Was für Schallplatten?“
„Hauptsächlich Elvis Presley. Ich liebe seine Musik und die Art, wie er mit seiner Stimme so viele Emotionen gleichzeitig ausdrückt“, schwärmte Ruby, ohne Kians sanftes Schmunzeln wahrzunehmen.
Wenn sie Songs von Elvis Presley hörte, vergaß sie alles um sich herum.
Ihre Sorgen. Ihre Probleme. Ihre Ängste. Ihren Kummer.
Von unerwarteter Melancholie gepackt, blickte sie aus dem Seitenfenster.
Warum musste sie ausgerechnet jetzt mit ihrem Schicksal hadern?
Jetzt, wo sie sich in Gegenwart einen grundsätzlich unbekannten Menschen befand?
„Alles in Ordnung?“ Kian legte ihr behutsam eine Hand auf die Schulter, als er an einer Kreuzung hielt.
„Erinnerungen“, entgegnete Ruby leise. „Nur Erinnerungen.“
„Unangenehme Erinnerungen?“, hakte Kian vorsichtig nach.
„Nein, nicht nur“, antwortete sie, wandte sich Kian zu und versuchte den Ansatz eines Lächelns.
„Sie verbinden die Musik von Elvis Presley also mit Erinnerungen. Hm, wissen Sie was?“
„Was?“
„Ich liebe Elvis auch. Gibt es einen Song, den Sie besonders mögen?“
„Can’t help falling in love“, sagte sie ohne nachzudenken und grinste, als Kian zustimmend nickte.
„Ja, den zähle ich auch zu meinen Favoriten. Wenn mich nicht alles täuscht, müsste ich eine CD von ihm in Fach an der Seitentür liegen haben.“ Demonstrativ wühlte Kian in dem angesprochenen Fach, bis Ruby ihn darauf aufmerksam machte, dass die Ampel bereits vor wenigen Sekunden auf grün umgeschaltet hatte und er sorglos weiterfahren konnte.

Sie wollte alles – alles, außer Musik von Elvis Presley hören.
Denn dann würde sie traurig werden. Denn dann würde ihr wieder einmal schmerzlich bewusst werden, welch jämmerliches Leben sie doch führte. Wie alleine sie sich doch fühlte.
Und wie glücklich sie einmal gewesen war.

„Sehen Sie mal. Da vorne ist der Sportplatz. Ich kann den Wagen meines Vaters sehen“, freute sich Kian offenkundig, lenkte den Wagen in eine kleine Seitengasse und stellte den Motor ab.
Ruby atmete unabsichtlich erleichtert auf und schnallte sich ab, um nur Augenblicke später an die kühle Oktoberluft treten zu können. Der Winter nahte wahrlich mit großen Schritten.
„Wie alt ist Ihr Bruder eigentlich, Kian?“
„Er wird elf. Im nächsten Monat.“ Kian verriegelte die Türen des BMWs und ging zielstrebig auf den Sportplatz zu, ohne Ruby noch wirklich wahrzunehmen. Allein diese Geste seinerseits enttäuschte Ruby. Sie bereute es augenblicklich, seiner Einladung nachgekommen zu sein, wo sie sich doch jetzt vollkommen überflüssig fühlte, als sei sie unerwünscht, nicht willkommen.
Lautlos folgte sie ihm auf die Laufbahn des Platzes und entdeckte bereits etliche kleinere Kinder, die auf dem moosgrünen Rasen allesamt einem schwarz-weißen Ball hinterher jagten.
Das Spiel schien schon begonnen zu haben. Kian jedenfalls ging ohne Umwege auf einen älteren Mann zu, der neben einer Holzbank stand und hin und wieder einige Kommentare in Richtung des Rasens rief. Unverkennbar sein Vater. Ruby traute sich kaum, sich beiden zu nähern, doch sie hatte nicht vor, das gesamte Spiel über stumm Abseits zu stehen. Kaum war sie bei Kian und dem älteren Mann angekommen, sah Kian zu ihr und legte ihr wieder einmal eine Hand auf die Schulter.
Dann lächelte er und deutete mit einer Handbewegung auf den Mann.
„Ruby, das ist mein alter Herr. Kevin Egan. Dad, das ist Ruby, die Krankenschwester, die mich nach dem Unfall verarztet hat“, stellte Kian die beiden einander vor.

Ruby reichte Kians Vater höflich die Hand und lächelte.
„Schön, Sie kennen zu lernen, Mister Egan.“
„Die Freude liegt ganz auf meiner Seite. Sie sind also die Frau, die meinen Sohn wieder gesund gemacht hat“, stellte Kevin fest, den Blick zwischen Ruby und Kian hin und her schweifend.
„Nun ja, gesund ist er von alleine geworden. Ich hab nur ein bisschen dabei geholfen“, entgegnete sie bescheiden und vergrub ihre eisigen Hände in den Taschen ihrer warmen Jacke.
„Nur nicht so bescheiden, junge Frau. Ruby ist eine hervorragende Krankenschwester, Dad, und noch dazu sehr Fußballbegeistert, wie sie mir eben im Auto erzählt hat“, lachte Kian und stieß Ruby sanft in die Seite. Es war unglaublich, wie vertraut sie ihn machen Moment miteinander umgingen.
Vielleicht würde es Ruby nun endlich gelingen, ihren freien Nachmittag zu genießen.

*

Später Nachmittag, Dublin

Klagend schloss Cat ihre Wohnungstür auf und trat in die angenehm warme Diele.
Ihr heutiger Arbeitstag war beendet. Glücklicherweise.
Aus irgendeinem Grund war ihr nach dem gemeinsamen Mittagessen mit Holly fürchterlich übel gewesen und sie hatte sich mehr als ein Mal lautstark übergeben müssen, bevor sie sich auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren konnte. Cat wusste nicht recht, ob sie diese Übelkeit auf das chinesische Essen oder auf ihre voranschreitende Schwangerschaft schieben sollte – doch eines war klar. Auch jetzt hatte sich ihr Zustand nicht wesentlich gebessert.
Sie kämpfte nach wie vor mit Übelkeit, Kopfschmerzen und Kreislaufproblemen.
Prinzipiell alles völlig normale Symptome einer Schwangerschaft.
Kopfschüttelnd hängte sie ihren Mantel an der Garderobe ab, fuhr aus ihren alten Turnschuhen und warf ihre übergroße Handtasche in eine Ecke, um ohne Umwege ins Wohnzimmer zu gehen. Cat sehnte sich nach den weichen Polstern ihres Sofas, nach ein wenig Ruhe, vielleicht auch nach ein wenig Schlaf. Doch zugleich musste sie auch nachdenken. Nachdenken über so vieles, dass keinesfalls Aufschub duldete. Ihre Schwangerschaft. Ihr Job. Ihr Studium. Ihre finanziellen Mittel.
Bald würde sie ihre Schwangerschaft nicht mehr verbergen können, denn schon jetzt schien ihr Bauch mit jedem weiteren Tag unermesslich zu wachsen. Doch wie sollte sie Louis und die anderen Menschen in ihrer Umgebung mit der Wahrheit konfrontieren?
Ihre Mutter würde vor lauter Fürsorglichkeit vermutlich sogar ihren Job aufgeben, nur um dem Baby eine großartige Großmutter zu sein. Louis würde ihr wahrscheinlich sofort kündigen und Ethan – nun, an den hatte sie bis zum jetzigen Zeitpunkt am wenigsten gedacht. Er wurde Vater und wusste nichts davon. Noch nicht zumindest. Seit ihrer Trennung vor zwei Monaten hatten sich Cat und Ethan nicht mehr gesehen, jeglichen Kontakt zueinander vermieden, nur um der Vergangenheit aus dem Weg gehen zu können. Sie hatten über drei Jahre lang eine überaus glückliche Beziehung geführt, die plötzlich, ohne Vorwarnung an einer Affäre zerbrochen war. Cat wollte nicht daran denken, nicht noch einmal Revue passieren lassen, wie ihr das Herz auf schlimmste Art und Weise gebrochen wurde.
Und nun erwartete sie von diesem Mann ein Kind. Ein wahres Desaster.

Ächzend legte sie ihre Beine auf dem Couchtisch ab und vergrub ihren schwerfälligen Körper in den Polstern des Sofas. Vielleicht sollte sie sich ins Bett legen, die Decke über ihren Kopf ziehen und versuchen ein wenig Schlaf zu finden. Nein, unmöglich. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es gerade erst kurz nach halb sechs am Abend war – wenn sie sich jetzt ins Bett legen würde, stände sie spätestes um Mitternacht wieder hellwach im Wohnzimmer.

Sie verzog ihre Mundwinkel und lehnte sich vorsichtig nach vorne, um nach der Fernbedienung zu greifen und den Fernseher anzuschalten. Zwar hatte Cat keine Ahnung, was momentan lief, doch irgendetwas passables würde sich schon finden. Zumindest hoffte sie das.
Während sie durch die zahlreichen Sender schaltete, versuchte sie immer wieder aufs Neue ein geräuschvolles Gähnen zu unterdrücken. Sie war tatsächlich fürchterlich müde und würde wahrscheinlich innerhalb der nächsten fünfzehn Minuten in einen tiefen Schlaf fallen.
Hätte die penetrant schellende Türklingel ihre Ruhe nicht abrupt gestört...
„Oh nein“, fluchte sie lautstark, ohne sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen.
Sie würde ganz einfach nicht aufmachen, vortäuschen, dass sie nicht zuhause war.
Genauso würde sie es handhaben. Es klingelte noch zwei weitere Male, bis Stille eintrat.
„Geht doch“, murmelte Cat zufrieden, fuhr aber augenblicklich erschrocken zusammen, als sich ein hämmerndes Klopfen in ihre Gehörgänge schlich.
„Catherine O’Connor, mach sofort diese verdammte Tür auf, sonst trete ich sie ein. Ich weiß ganz genau, dass du da bist.“ Es war Holly. Großartig. Augenrollend und schwerfällig erhob sich Cat von dem Sofa, durchquerte das Wohnzimmer und riss die Wohnungstür förmlich auf, nur um Sekunden später in das irritierte Gesicht ihrer besten Freundin zu blicken.
„Hey“, war alles, was ihr über die Lippen kam, bevor sie sich umdrehte und geräuschvoll zurück ins Wohnzimmer schlurfte.
„Wow, was für eine enthusiastische Begrüßung“, spöttelte Holly, trat aber dennoch ein und entledigte sich ihrer Schuhe sowie ihrer champagnerfarbenen Lederjacke.
„Was willst du, Holly?“, fragte Cat mehr genervt, als interessiert, mittlerweile schon wieder auf dem Sofa sitzend. Sie hatte keine Lust, sich ausgerechnet jetzt, wo sie dem Schlaf näher war als allem anderen, mit ihrer Freundin auseinander zu setzen.
„Was ich will? Meine Güte, Cat. Kannst du dir das nicht denken?“
„Nein, kann ich nicht“, schüttelte Cat ihren Kopf und beobachtete mit Unmut, wie sich Holly ihr gegenüber auf dem Sessel platzierte.
„Nach dem Essen heute Mittag und dem dazugehörigen Gespräch hab ich noch mal über alles nachgedacht. Über die Jungs und so. Hör mal, ich will sie unbedingt treffen, okay? Gibt es nicht doch die Möglichkeit, dass du sie mir vorstellst?“ Holly sah Cat unmittelbar in die Augen, legte einen beinahe flehenden Blick auf. Cat wusste, dass sie prinzipiell keine Chance hatte.
Wenn Holly sie in dieser Art und Weise anblickte, konnte ihr Cat keinen Wunsch abschlagen.

„Na schön, Holly. Ich versuche mein bestes.“ Mit diesen Worten erhob sie sich wieder von der Couch und durchquerte das Wohnzimmer, um hinüber zum Telefontischchen zu gehen und den Hörer in die Hand zu nehmen. Schnell wählte sie ihr eine mittlerweile nur allzu gut bekannte Nummer und führte den Hörer hinauf an ihre Ohrmuschel, auf das Freizeichen wartend. Sie wusste, dass ihr Vorhaben im Grunde kaum von Erfolg gekrönt sein würde, doch ein Versuch war es wert.
Aus den Augenwinkeln heraus blickte sie zu Holly, die aufgeregt in ihrem Sessel hin und her rutschte, die Finger in ihrem Schoß krampfhaft ineinander verschlungen.
„Walsh“, tönte es mit einem Mal mürrisch am anderen Ende der Leitung, was Cat dazu veranlasste, augenblicklich ihre Mundwinkel zu verziehen.
„Guten Tag, Mister Walsh. Hier ist Catherine O’Connor“, meldete sie sich leise.
„Catherine, welch eine Überraschung. Gibt es ein Problem? Sie haben seit dem Vorstellungsgespräch nicht mehr in meinem Büro angerufen“, lachte er, wurde aber augenblicklich wieder ernst.
Etwas, dass Cat an diesem Mann ganz und gar nicht mochte.
Er war zeitweise unberechenbar, ließ seine ständig wechselnden Launen gerne an Mitarbeitern aus.
„Nein, es gibt kein Problem, Mister Walsh. Ganz im Gegenteil. Ich habe viel mehr eine Bitte an Sie.“
„Eine Bitte? Das klingt interessant. Raus mit der Sprache. Was kann ich für Sie tun, Catherine?“ Cat schloss kurz die Augen und atmete dann tief durch. Sie musste vollkommen den Verstand verloren haben.
„Ich fliege doch nächste Woche mit den Jungs nach England, richtig? Und ich wollte sie fragen, ob ich eine Begleitperson mitnehmen kann? Meine beste Freundin Holly sich dazu bereit erklären“, sagte Cat zaudernd und hoffte, ihr Chef würde nicht augenblicklich einen Wutanfall bekommen.
„Eine Begleitperson? Himmel, Catherine. Wie kommen Sie denn auf diese Idee?“, stieß er überrascht aus. „Ich meine, wenn jeder eine Begleitperson mitbringen dürfte, würden die Hotelbuchungen in überdimensionale Höhen steigen. Das ist unmöglich, Catherine. Sagen Sie Ihrer Freundin, dass das keines Falls geht.“
„Kann man da denn gar nichts machen?“, versuchte es Cat erneut, wusste aber insgeheim, dass es keine großen Erfolgsaussichten gab. Es war zwecklos.
„Nein, tut mir leid. Irgendwo muss ich Grenzen ziehen.“
„Ja, das verstehe ich“, nickte Cat leise seufzend, verabschiedete sich von ihrem Vorgesetzten und legte den Hörer zurück auf die Station. Sie hatte es gewusst.

*

Am Abend, Dublin

Ruby lächelte, als sie die Beifahrertür von Kians Wagen öffnete und nach draußen an die unwahrscheinlich kühle Oktoberluft trat. Sie hatte trotz anfänglicher Bedenken einen wunderschönen und ausgelassenen Nachmittag auf dem Sportplatz verlebt und war anschließend gemeinsam mit Kian, seinem Vater sowie Colm in ein gemütliches Café am Stadtrand gefahren, um den überlegenen Sieg der Mannschaft aus Sligo mit einem Stück Kuchen und einer Tasse Kaffee gebührend zu feiern.
Ruby hatte Kians Familie sofort gemocht, sie ohne zu zögern in ihr Her geschlossen.
Sie waren aufgeschlossen und höflich, haben sich augenblicklich um einen herzlichen Umgang bemüht. Dafür war Ruby überaus dankbar, denn nicht überall wurde sie derart liebevoll aufgenommen.

„Alles okay, Ruby?“, holte Kian sie abrupt in die Gegenwart zurück und legte ihr eine Hand auf die gebrechliche Schulter. Sie drehte sich zu ihm herum und nickte energisch.
„Ja, alles bestens. Danke, Kian.“
„Für was?“ Er stich sich unbewusst eine Strähne seines blonden Haares aus der Stirn, bevor er seine Hände in den Taschen seiner Jeans vergrub.
„Für diesen schönen Nachmittag. Es ist lange her, seit ich das letzte Mal einen solchen Spaß hatte“, gab sie ehrlich zu und blickte beinahe beschämt auf den grauen Asphalt.
Sie wusste nicht recht, was sie nun tun sollte. Am liebsten hätte sie Kian gefragt, ob er Lust hatte, sie nach oben in ihre Wohnung zu begleiten und dort eventuell noch etwas fern zu sehen, doch sie traute sich nicht, brachte die entscheidenden Worte nicht über ihre wunderschönen roten Lippen.
Aus diesem Grund schwiegen sie sich einige Minuten lang beharrlich an.
Kian schien genauso wenig die richtigen Worte zu finden, wie Ruby selber, was sie zum einen zwar erleichterte, zum anderen jedoch auch in irgendeiner Weise enttäuscht stimmte.
Vermutlich war er überhaupt nicht daran interessiert, den Abend mit ihr zu verbringen.
Als sich diese Erkenntnis beinahe schmerzhaft in ihr Gehirn schlich, verzog sie kaum merklich den Mundwinkel und ließ die Schultern ungewöhnlich stark hängen. Ruby schien förmlich in sich zusammen zu fallen – weshalb auch immer.
„Ruby-.“
„Kian-.“, setzten sie gleichzeitig an und lachten leise, als ihnen dies bewusst wurde.
Die unangenehme Stille war somit durchbrochen. Glücklicherweise.
„Du zuerst, Ruby“, forderte Kian und nickte energisch, als Ruby verhalten ihren Kopf schüttelte.
Sie wollte ihm unter allen Umständen den Vortritt lassen, um sich weitere Peinlichkeiten zu ersparen.
Im Laufe des Nachmittags waren sie beinahe unbemerkt zum Du übergegangen und hatten dies stillschweigend beibehalten. Warum auch nicht? Sie befanden sich etwa im gleichen Alter und sahen keinen Grund, einen persönlicheren Ton einzuschlagen.
„Na schön“, seufzte Ruby schließlich und fuhr sich kurz unbeholfen durch das kurze Haar.
Sie hatte sich vorgenommen, ihn doch auf eine Tasse Tee und einen gemütlichen Fernsehabend einzuladen, auch wenn sie sich sicher war, dass die Chance einer Zusage unwahrscheinlich gering war. Begleitet von einem tiefen Atemzug räusperte sie sich.
„Also, hättest du vielleicht Lust...ich meine...würdest du wohl einen Tee mit mir trinken? Oben in meiner Wohnung...ich bin ungern allein...und...und heute Abend läuft meines Wissens ‚Ungeküsst’ mit Drew Barrymore im TV. Ich liebe diesen Film – wir könnten ihn zusammen anschauen. Wenn du allerdings schon etwas anderes vorhast, ist das auch kein Problem“, stammelte sie, ohne Kian dabei anzuschauen. Ruby spürte förmlich, wie ihr das Blut rauschend in die Wangen stieg und hoffte inständig, nicht allzu rot zu werden.
„Prinzipiell sehr gerne, Ruby, aber ich muss heute Abend noch zurück nach Sligo fahren. Mein Bruder ist mit seiner hochschwangeren Frau zu Besuch und ich habe die beiden schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Ein anderes Mal, in Ordnung?“, entgegnete er mit einem leicht schuldbewussten Unterton und legte Ruby einen Finger unter das Kinn, um ihr unmittelbar ins Gesicht sehen zu können.

Ruby hatte es gewusst. Wie konnte sie nur denken, dass ein derart beschäftigter und gutaussehender Mann freiwillig ein Abend mit ihr – noch zudem in ihrer wenig komfortablen Wohnung – verbringen würde? Sie war verdammt leichtgläubig. Ein qualvolles Lächeln zeichnete sich zaghaft auf ihren blassen Lippen ab, als sie seinem Blick begegnete.
„Kein Problem. Es war auch nur eine Frage“, versuchte sie ihre Enttäuschung zu überspielen, trete sich um und suchte in ihrer großen Handtasche nach ihrem Haustürschlüssel.
Ruby ertrug es nicht, Kian weiter anzusehen. Nicht nach dieser Demütigung.
Da hatte sie nach langer Zeit wieder einmal einen Schritt auf einen Mann zugemacht, den sie mochte und der ihr sympathisch war, und dann endete alles schier in einem Fiasko.
„Hey, ich hätte gerne den Abend mit dir verbracht, Ruby. Wirklich“, nickte Kian und lehnte sich mit seiner Rückansicht gegen seinen Wagen, Ruby aufmerksam beobachtend.
„Schon okay. Du musst dich nicht dafür entschuldigen. Ehrlich nicht“, wehrte sie heftiger als geplant ab und fluchte leise auf, als sie den gesuchten Schlüssel in ihrem Durcheinander nicht ausfindig machen konnte. Sie wusste, dass Kians Augenpaar auf ihr ruhte, was sie noch einmal zusätzlich nervös machte. Was richtete dieser Mann nur an, dass sie dermaßen aus der Fassung war?
„Ich habe jetzt aber ein schlechtes Gewissen. Hör mal, ich habe eine Idee. Hast du übermorgen zufällig schon was vor oder würdest du den Abend eventuell mit mir verbringen?“, fragte er plötzlich und für Ruby vollkommen unerwartet. Sie wirbelte herum und sah in sein lächelndes Gesicht.
Was zum Teufel hatte er nun vor?
„Nein, eigentlich nicht“, schüttelte sie den Kopf. „Ich muss lediglich bis um vier Uhr arbeiten.“
„Prima. Dann halt dich bereit. Ich hole dich um fünf Uhr ab und dann holen wir das nach, was wir heute verpasst haben, in Ordnung?“
„Aber, Kian.“
„Kein aber. Eine Absage dulde ich nicht“, zwinkerte er, stieß sich von dem Wagen ab und öffnete die Fahrertür. Ruby wollte noch etwas sagen, in irgendeiner Weise reagieren, doch bevor sie den Mund aufmachen konnte, hatte Kian den Motor bereits gestartet und das Auto auf die Straße gelenkt.
Sie hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was Kian mit dieser erneuten Einladung bezweckte, doch sie war glücklich darüber, hatte sie doch gedacht, ihn mit ihrem gerade ausgesprochenen Vorschlag verschreckt zu haben. Ruby wusste selbst nicht, weshalb es ihr mit einem Mal derart wichtig war, Zeit mit Kian zu verbringen, wo sie doch Männern gegenüber meistens eher skeptisch war.
Kopfschüttelnd und fest entschlossen, sich keine weiteren Gedanken mehr darüber zu machen, öffnete sie die Haustür und schwebte die steinernen Treppenstufen bis nach oben zu ihrer Wohnung regelrecht hinauf. Ruby fühlte sich beschwingt, als würde sie auf Watte gehen.

*

13. Oktober 2005, Sligo

Träge saßen Shane und Gillian auf dem weichen Sofa, Alana zwischen sich in der Mitte liegend.
Sie wollten den heutigen Tag in vollen Zügen genießen, rein gar nichts tun, was auch nur annähernd mit Arbeit oder ähnlichem zusammenhing. Es war Shane wichtig, die letzten Tage vor der Promotion mit seiner kleinen Familie zu verbringen, wo er doch die ganze nächste Woche über auf seine bezaubernde Ehefrau und seine wunderschöne Tochter notgedrungen verzichten musste.
„Gillian?“ Er neigte seinen Kopf in die Richtung seiner Frau.
Gillian hatte gerade gebannt auf den laufenden Fernseher gestarrt, wandte ihren Blick jedoch augenblicklich ab, als sie Shanes Stimme sanft und leise neben sich vernahm.
„Was ist, Darling?“ Sie lächelte liebevoll, als er einen Arm unter Alanas kleinen Körper schob und anschließend nach Gillians kühler Hand griff, um sie fest in seine eigene zu nehmen.
„Es tut mir unglaublich leid, dass ich euch nächste Woche allein lassen muss.“
„Bitte? Shane, was redest du da? Und wieso zum Teufel entschuldigst du dich?“ Gillian legte ihre Stirn in tiefe Falten und richtete sich ein wenig auf, um Shane besser ansehen zu können.
„Weil ich nicht bei euch sein kann. Was ist, wenn du mit Alana überfordert bist?“
„Ich bitte dich, Shane Filan. Alana ist meine Tochter. Ich kann ohne Probleme ihre Windeln wechseln, sie baden und mit Nahrung verzogen. Nur keine Sorge“, empörte sie sich leicht amüsiert.
„Aber vielleicht bist du irgendwann einmal müde und schläfst ein, während du Alana auf dem Wickeltisch liegen gelassen hast. Oder was ist, wenn du ihr Geschrei nicht hörst? Oder wenn sie krank wird? Es kann so viel passieren, Gilly“, belehrte Shane und intensivierte den Druck auf die Hand seiner Frau. Sie schien seine Bedenken nicht einmal annähernd nachvollziehen zu können.
„Das kann es auch, wenn du da bist“, schüttelte sie den Kopf und entzog Shane ihre Hand.
„Du sagst es. Wenn ich da bin.“
„Ach, Shane. Hör auf, einen solchen Unsinn zu reden. Wenn Alana tatsächlich krank werden sollte – was ich natürlich nicht hoffe – kannst du genauso wenig dagegen unternehmen wie ich. Ich bin alt genug, um den Kinderarzt selbstständig aufzusuchen. Außerdem wohnen deine Eltern beinahe in unmittelbarer Nachbarschaft. Es kann also überhaupt nichts passieren“, versuchte sie ihn zu beruhigen und nahm Alana vorsichtig auf den Arm, als sie leise zu weinen begann.
Shane beobachtete Gillian einen Augenblick dabei und seufzte es.
Er liebte es, wenn sie Alana hielt, ihr behutsam über das Köpfchen strich.
Sie war eine wundervolle Mutter und kümmerte sich stets innig und zärtlich um ihre kleine Tochter.
Wohlmöglich waren seine Sorgen doch unbegründet und er machte sich unnötig verrückt.
Früher hatte es ihn schließlich auch kaum gestört, eine Woche von Gillian getrennt zu sein.
Jetzt jedoch war alles mit einem Mal vollkommen anders.

Mit gesenkten Mundwinkeln erhob er sich von der Couch und lief hinüber zur Terrassentür.
Obwohl Gillian mit aller Macht versuchte, ihm seine Bedenken zu nehmen, war er noch immer nicht gänzlich überzeugt. Was war verkehrt daran, sich um Alana zu sorgen?
Sie war doch noch so klein und hilflos, konnte rein gar nichts unternehmen, wenn ihr etwas passieren sollte? Alana war auf ihre Eltern angewiesen. Und zwar auf beide. Doch Shane würde in der nächsten Woche in England unterwegs sein, war demnach nicht bei seiner kleinen Tochter.

„Du passt aber auf sie auf, oder?“, fragte Shane nach einigen Minuten der Stille und wandte sich wieder Gillian zu, die Alana mittlerweile in seinen Armen hin und her wog.
Ein Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab, bevor sie sich erhob und auf ihren Ehemann zutrat.
„Natürlich werde ich das tun. Sie ist immerhin auch mein Kind“, antwortete sie belustigt und hab Alana an Shane, der bereitwillig seine muskulösen Arme geöffnet hatte.
Shane presste seine Tochter fest an sich und hauchte Gillian dankbar einen Kuss auf die Wange.
„Ich werde euch jeden Abend anrufen, hörst du? Und dann ist ein aktueller Lagebericht angesagt.“
„Oh Gott, dann werde ich Buch führen müssen“, lachte Gillian und strich sich eine Strähne ihres hellen blonden Haares aus der Stirn.
„Wenn es sein muss“, entgegnete Shane augenzwinkernd, die Augen auf seine schlafende Tochter gerichtet. „Ich werde sie jetzt nach oben bringen, okay? Schließlich muss ich meinen Pflichten als Familienvater mehr als gewissenhaft nachgehen.“ Und mit diesen Worten verschwand Shane aus Gillians Blickfeld und lief die Treppe nach oben.

*

14. Oktober 2005, Sligo

Zufrieden lächelnd verließ Kian das Haus seiner Eltern und ging auf den dunkelblauen BMW zu, der sorgsam geparkt in der Einfahrt stand. Er wusste nicht warum, doch aus irgendeinem Grund freute er sich auf die bevorstehenden Stunden. Auf den bevorstehenden Tag.
Kian würde Ruby wieder sehen, würde sich wieder mit ihr unterhalten können.
Er wusste selbst nicht wieso, aber er hatte sie vermisst, obwohl er sie lediglich einen Tag nicht gesehen hatte. Gott, er kannte diese junge Frau prinzipiell kaum und trotzdem mochte er sie.
Er mochte sie auf eine innige Art und Weise, anders, als er andere Frauen bis jetzt gemocht hatte.
Vielleicht, so hoffte Kian, würde er zu Ruby eine Freundschaft aufbauen können.
Eine tiefe Freundschaft, auch wenn diese momentan noch in weiter Entfernung lag. Sie müssten sich zuerst weiter annähern, vertrauen zueinander aufbauen, um letztlich eine Freundschaft zu entwickeln. Doch Kian glaubte, dass die Chancen darauf nicht unbedingt schlecht standen.
Er spürte eine bedeutungsvolle Verbundenheit zu Ruby, fühlte, dass sie sich auf einer Wellenlänge bewegten. Natürlich war Ruby weitaus zurückhaltender als Kian und dennoch hatten sie in etwa die gleichen Vorstellungen von einem glücklichen und harmonischen Leben.

Ein Lächeln zeichnete sich auf Kians Lippen ab, als er die Türen des Wagens entriegelte und einstieg. Es war ungewöhnlich schönes Wetter für Mitte Oktober; kaum eine Wolke zierte den blauen Himmel. Kian wusste noch nicht recht, was genau er mit Ruby unternehmen würde, doch während der Fahrt nach Dublin würde ihm sicherlich etwas einfallen. Schließlich war er ein äußerst kreativer Mensch, der ständig vor unendlich vielen Ideen zu platzen drohte. Gerade, als er den Schlüssel ins Zündschloss gesteckt hatte und den Motor starten wollte, kam Marielle mit schnellen Schritten aus der Tür geeilt, unmittelbar auf das Auto zu.

„Kian, warte!“, rief sie lautstark und blieb atemlos neben der Fahrertür stehen. Kian, verwundert über das Verhalten seiner jüngeren Schwester, kurbelte die Fensterscheibe nach unten und steckte seinen Kopf nach draußen, um Marielle besser ansehen zu können.
„Was ist“, fragte er mit krausgezogener Stirn und grinste, als Marielle ihre Hände atemlos und geräuschvoll keuchend auf ihren spitzen Knien abstützte.
„Ich muss dir was geben, Kian“, presste sie mühsam hervor und richtete sich auf.
Kian, dessen Stirn nach wie vor in Falten lag, verzog seine Mundwinkel.
„Und was möchtest du mir geben? Marielle, ich muss los, wenn ich pünktlich in Dublin sein will. Ich hab eine wichtige Verabredung und ich möchte auf keinen Fall zu spät kommen“, drängte er und tippte ungeduldig mit den Fingern seiner linken Hand auf dem schwarzen Lenkrad herum.
Marielle fuhr sich durch das braune Haar, senkte ihren Blick und seufzte.
„Also, Mum hat mir gesagt, dass du dich mit einer Frau triffst“, setzte sie an.
„Und? Ist das etwa schlimm? Oder vielleicht außergewöhnlich?“
„Nein. Nein, überhaupt nicht. Ich dachte nur, du bräuchtest deswegen etwas“, fuhr sie fort.
„Ach ja? Und was, wenn ich fragen darf?“ Kian suchte den direkten Augenkontakt zu seiner Schwester und stutzte, als sie ihm selbigen vehement verweigerte. So kannte er seine Schwester nicht.
Ihr schien irgendetwas fürchterlich unangenehm zu sein, doch was? Ungeduldig sah Kian auf seine Armbanduhr, nur um anschließend wieder zu Marielle zu blicken.
„Marielle Egan. Sag mir sofort, was los ist. Ich habe nicht ewig Zeit“, durchbrach Kian die unweigerlich eingekehrte Stille und errang somit Marielles Aufmerksamkeit. Sie nickte langsam, bevor ihre rechte Hand in ihrer Hosentasche vergrub und etwas kleines rechteckiges zutage beförderte.
Kian konnte nicht genau erkennen, was es war, doch insgemein hatte er bereits eine Vermutung.
Eine Vermutung, die ihm nicht so recht zusagen wollte.
„Hier, Kian. Ich meine, du weißt schließlich nicht, ob sie die Pille nimmt“, sagte Marielle schnell, drückte Kian schnell etwas in die Hand und verschwand ohne eine Reaktion ihres großen Bruders im Haus. Kian blickte ihr mit einem offenem Mund nach, ehe er Marielles „Geschenk“, dass in beinahe mächtig in seiner Hand lag, begutachtete. Er hatte es gewusst. Er hatte es wirklich gewusst.
Es war ein Kondom. Marielle hatte ihm in der Tat ein Kondom zugesteckt. Seine kleine Schwester.
Kopfschüttelnd stieß er einen lauten Seufzer aus, verstaute das Kondom aber dennoch in seiner Jackentasche. Kian fand keine plausible Erklärung, weshalb Marielle es ihm gegeben hatte, doch er versuchte zu kombinieren und mutmaßte, dass es lediglich an der Verabredung mit Ruby lag.
Zwar kannte Marielle Ruby nicht, wusste aber von Kevin, dass Kian sich nach Colms Fußballsspiel mit ihr verabredet hatte. Vermutlich nahm sie nun an, Ruby wäre Kians neue Freundin und wollte einfach vorsorgen, falls ihr Bruder von nicht steuerbaren Trieben heimgesucht werden sollte.

Kian spürte, wie er allein bei diesem Gedanken errötete.
Sicherlich konnte er nicht leugnen, dass er Ruby mochte, aber er würde sich niemals auf etwas mit ihr einlassen. Erstens war sie nicht sein Typ und zweitens hegte er kein Interesse an ihr.
Zumindest kein sexuelles Interesse, dass unter allen Umständen befriedigt werden musste.
Kian tadelte sich aufgrund dieser Gedanken und startete endlich den Motor seines Wagens, um sich auf den Weg nach Dublin zu machen. Er wollte Ruby keinesfalls versetzen.

*

Dublin

Geschäftig lief Ruby durch die Diele, den Flur entlang und direkt hinein in ihr beinahe eisig kaltes Schlafzimmer. Sie war vor weniger als fünf Minuten von der Arbeit gekommen, hatte den Weg nach Hause mit einer schier unmenschlichen Geschwindigkeit zurückgelegt, nur, um noch genügend Zeit zu haben. Genügend Zeit, um sich für den gemeinsamen Abend mit Kian herzurichten.
Schon als sie das Krankenhaus verlassen hatte, war sie ungewöhnlich aufgeregt gewesen.
Sie wusste nicht, was sie erwarten würde, konnte sich nicht vorstellen, was Kian mit ihr vorhatte.
Er hatte ihr immerhin vorgestern nicht gesagt, was sie unternehmen würden.
Sehr zu ihrem Leidwesen. Ruby verabscheute Überraschungen – immer und überall.
Doch sie hoffte, dass Kian sie mit seiner Überraschung erfreuen würde.
Sie lächelte, als sie die schweren Türen ihres Kleiderschrankes öffnete und sich mit verschränkten Armen davor postierte. Er würde sie mit Sicherheit erfreuen, denn allein seine unverhoffte Einladung versetzte sie in eine ungewohnte Ekstase, in einen Freudentaumel, den sie selten zuvor erlebt hatte. Ruby hatte keine Ahnung, weshalb sie derartig auf Kian reagierte, doch sie war sich im Klaren darüber, dass ihre Gefühle wohl noch gänzlich andere Formen annehmen würden, würde sie nicht aufpassen und sich zusammen reißen. Sie kannte ihn nicht gut genug, um bereits derartige Empfindungen spüren zu dürfen. Er war ein Bekannter – mehr nicht.

Stöhnend griff sie in ein Fach ihres Schrankes und zog wahllos einen weißen Rollkragenpullover sowie eine schwarze Nadelstreifenhose heraus. Beides betrachtete sie argwöhnisch in ihren Händen, drehte und wendete es nach allen Ecken und Richtungen, nur um letztlich zu dem Schluss zu kommen, dass beide Kleidungsstücke wohl mehr als angebracht für die bevorstehende Verabredung mit Kian waren. Zufrieden nickend öffnete sie den Knopf ihrer Jeans und streifte sie von ihrer Hüfte, die Beine hinab. Ruby hatte ungewöhnlich schöne Beine, schlank und wohlgeformt, leider Gottes jedoch kalkweiß. Sie trug kaum kurze Röcke, legte sich in den Sommermonaten eigentlich nie in die Sonne.
Und aufgrund der Berufsrichtung, die sie eingeschlagen hatte, lehnte sie Solariumsbesuche kategorisch ab. Das Krebsrisiko war ihr viel zu hoch, auch wenn das für außenstehende möglicherweise lächerlich klang. Ruby allerdings war gänzlich davon überzeugt.

Nachdem sie sowohl Hose als auch Pullover über ihren schmächtigen Körper gezogen hatte, ging sie hinüber in das angrenzende Badezimmer und postierte sich mit kraus gezogener Stirn vor dem kreisrunden Wandspiegel über dem marmorierten Waschbecken. Ruby fuhr sich skeptisch durch das kurze Haar, seufzte vernehmlich und stellte den Wasserhahn an. Sie hatte keinerlei Ideen, wie sie ihr Haar herrichten sollte, damit es nicht langweilig und trist aussah. Überhaupt war Ruby in letzter Zeit immer öfter der Meinung, dass sie ein vollkommen farbloser und uninteressanter Typ war.
Wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie sich selber nicht verstand.
Dass sie ihr Tun und Denken selber nicht einmal ansatzweise nachvollziehen konnte.
Noch vor einigen Wochen hatte sie es weder gestört, wie ihre Haare aussahen noch, was für Kleidung sie trug. Doch jetzt auf einmal waren all dies Faktoren, über die sie sich tagtäglich den Kopf zerbrach.
„Du bist eine dumme Nuss, Ruby Wallace“, schalt sie sich selbst und warf sich eine Ladung eiskaltes Wasser ins Gesicht, um die Lebensgeister, die während der Arbeit abhanden gekommen waren, allmählich wieder zum Leben zu erwecken. Kian hatte sich für fünf Uhr angekündigt und Ruby wollte alles daran setzen, um bis zu dieser Uhrzeit fertig zu sein. Es würde nicht zu ihrer Persönlichkeit passen, ihn warten zu lassen, auch wenn das vielleicht gar keine so schlechte Idee war.
Das plötzliche Schellen der Türklingel holte sie zurück in die Gegenwart.
Ruby wirbelte herum, blieb jedoch völlig erschrocken stehen. Herrgott.
War das etwa schon Kian? Falls ja, dann wäre er nun wahrlich überpünktlich.
Schließlich war es noch nicht einmal halb fünf – sie hatte also noch dreißig Minuten Zeit.
Eigentlich. Ruby richtete sich eilig das langweilige, glatte Haar und nahm einen tiefen Atemzug, bevor sie das Badezimmer verließ, den Flur entlang lief und sich hinter die noch geschlossene Wohnungstür stellte. Eigentlich wollte sie nicht aufmachen. Jedenfalls noch nicht.
Ruby sah schrecklich aus, war gerade mal fertig angezogen, aber weder geschminkt noch in irgendeiner anderen Weise gestylt. Sie sah aus wie immer. Und genau das wollte sie zumindest am heutigen Abend vermeiden, wo Kian sie schon um eine Verabredung gebeten hatte.
Es klingelte erneut und Ruby schreckte ein weiteres Mal ungehalten zusammen.
Himmel, sie benahm sich wirklich fürchterlich kindisch. Sie würde Kian heute nicht das erste Mal sehen, hatte schon vorgestern den Nachmittag mit ihm verbracht. Was also sollte am heutigen Tag anders sein? Es war lediglich Kian – ein mittlerweile guter Bekannter von Ruby.

„Okay, auf geht’s“, sprach sich Ruby selbst Mut zu, legte ihre Hand auf die Türklinke und drückte sie langsam nach unten. Ein Lächeln zeichnete sich auf ihren ungeschminkten Lippen ab, als sie Kian erblickte. Gott, er sah gut aus. Nicht besser als sonst, aber dennoch unwahrscheinlich gut.
Seine blonden Haare fielen ihm lässig in die Stirn, verdeckten sogar den Großteil seiner wunderschönen blauen Augen, die Ruby während des Fußballspiels seines Bruders zum ersten Mal wirklich aufgefallen waren. Noch nie, so musste sie gestehen, hatte sie derart schöne Augen gesehen.
„Hallo“, grinste er, beugte sich nach vorne und streifte ihre Wange mit seinen wundervoll weichen Lippen. Ruby schloss einen Moment lang ihre Augen und versuchte das undefinierbare Gefühl in ihrer Magengegend irgendwie zu deuten. Sie hatte so etwas noch nie gespürt.
Jedenfalls nicht in dieser atemberaubenden Intensität.
„Hi“, erwiderte sie knapp, nachdem sie wieder einigermaßen zur Besinnung gekommen war. „Du bist ziemlich früh dran“, stellte sie wenig begeistert fest und trat einen Schritt zurück, als Kian ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat.
„Ich weiß. Bist du mir deshalb böse?“
„Ich? Ach was. Ich bin lediglich überrascht; das ist alles“, zuckte sie mit den Schultern und wies mit einer ausladenden Handbewegung auf die offene Wohnzimmertür. Glücklicherweise hatte sie gestern noch ein wenig aufgeräumt, sonst wäre Kian jetzt mitten in ein undurchsichtiges Chaos getreten.
„Entschuldige, aber ich bin einfach sehr früh von Zuhause losgefahren, weil ich dachte, die Straßen wären voller. Außerdem wollte ich unterwegs noch bei einem Freund vorbei schauen, aber der war leider nicht zuhause. Also bin ich gleich zu dir gekommen. Wenn ich allerdings wieder gehen soll, musst du es nur sagen. Ich kann auch unten im Auto auf dich warten.“ Er sah zu Ruby herab.
„Nein, setz dich ins Wohnzimmer“, schüttelte sie emsig ihren Kopf, bevor sie sich an ihm vorbeidrängte und zurück in Richtung Badezimmer lief. „Ich bin gleich wieder da“, rief sie ihm zu, ehe sie die Tür lautstark hinter sich in die Angeln fallen ließ und sich an selbiger herunter gleiten ließ.
Warum musste sie sich nur immer dermaßen töricht benehmen?

*

„Kian?“ Ruby trat zögernd in das helle Wohnzimmer.
Kian, der bis zum jetzigen Zeitpunkt stillschweigend auf dem Sofa gesessen hatte, sah auf und begegnete Rubys skeptischem Blick.
„Wohin gehen wir? Ich meine, kann ich so bleiben?“ Ruby wusste nicht, weshalb sie Kian diese Frage stellte, doch es war ihr wichtig, seine Meinung bezüglich ihres Aussehend einzuholen.
Immerhin war er ein Mann. Ein Mann, der Ruby zudem noch äußerst gut gefiel.
Allein bei diesem Gedanken spürte sie eine unangenehme Hitze in sich aufsteigen. Vermutlich war ihr Gesicht schon wieder puterrot; so wie eigentlich immer, wenn sie sich mit Kian unterhielt.
„Wo wir hin gehen, verrate ich noch nicht, aber ich sage dir trotzdem, dass du bezaubernd aussiehst“, nickte er, zeigte ihr den erhobenen Daumen und stand auf, um auf Ruby zuzugehen.
Sie bewegte sich kaum einen Zentimeter, als er ihr eine Strähne ihres Haares aus der Stirn strich, nach ihrer Hand griff und sie nach draußen in die Diele führte, wo er ihr ihre Jacke reichte und sich seine selber überzog.

Er war ein wahrer Gentlemen. Nett, höflich und überaus zuvorkommend.
Obwohl sie praktisch nichts von ihm wusste, konnte sie zumindest das über ihn behaupten.
Ruby lächelte, als Kian zu ihr herab sah und mit einer ausladenden Kopfbewegung auf die Wohnungstür hinwies.
„Können wir?“, wollte er wissen, seine rechte Hand bereits auf der metallenen Türklinke ruhend.
„Sicher. Ich bin fertig“, entgegnete Ruby nickend, ging an ihm vorbei, hielt jedoch noch einmal inne, als ihr einfiel, dass sie ihre Handtasche in ihrem Schlafzimmer vergessen hatte.
Ohne Handtasche war sie nur eine halbe Frau. Nicht etwa wegen Kosmetikartikeln oder ähnlichem. Nein, viel eher wegen dem Pfefferspray, das sie ständig bei sich trug. Schließlich konnte man sich in einer Stadt wie Dublin nie genug vor brutalen Angreifern schützen.
„Okay, jetzt hab ich wirklich alles“, lächelte sie entschuldigend und verließ gemeinsam mit Kian ihre Wohnung.

Sie hatte keine Ahnung, was an diesem Abend auf sie zukommen würde, doch sie war gewillt, sich überraschen zu lassen. Nun, wenn sie ehrlich war hatte sie auch überhaupt keine andere Wahl.
Kian hatte sich sicherlich etwas einfallen lassen – zumindest hoffte sie das.
Ruby würde ihm einfach vertrauen und all das geschehen lassen, was auch geschehen sollte.
Sie war ein ungewöhnlich abergläubischer Mensch, glaubte an Schicksal und daran, dass alles im Leben einen bestimmten Sinn hatte. So sicherlich auch der Abend mit Kian.
Ruby schüttelte ihren Kopf, als sie merkte, dass sie wieder einmal vollkommen in Gedanken versunken war und hob ihren Kopf, um Kians wundervolle Rückansicht bestaunen zu können. Er lief zwar wenige Meter vor ihr die Treppen herunter, doch sie konnte dennoch sein intensives Aftershave riechen. Es drang förmlich in jede ihrer Poren, sodass sie gar nicht anders konnte, als einen tiefen Atemzug zu nehmen und sich am Treppengeländer festzuhalten. Ruby verstand sich selber nicht mehr, hatte allerdings aufgehört, sich gegen ihre ständig weiter aufkeimenden Gefühle zu wehren und ließ sie stattdessen zu. Auch auf die Gefahr hin, eine derbe Enttäuschung zu erleben.

„Ruby?“
„Was ist, Kian?“
„Hast du was dagegen, wenn wir laufen?“ Er drehte sich zu ihr herum.
„Nein, wieso. Es regnet nicht. Es ist nicht sonderlich kalt. Wir können gerne laufen. Wohin auch immer“, antwortete Ruby schulterzuckend und trat neben Kian, der zufrieden nickte.
„Wunderbar. Darf ich bitten, meine Liebe?“ Kian hielt ihr seinen Arm hin und wartete, bis sie sich eingehakt hatte, bevor er nach links abbog und den Gehweg entlang lief. Ruby genoss die plötzlich vertraute Nähe, die zwischen ihnen herrschte, kostete jeden Moment in allen Zügen aus.
Wann würde sie noch einmal die Gelegenheit dazu bekommen, ihm derart nahe zu sein?
Leise seufzend ging sie neben ihm her, sah auf den Boden und konzentrierte sich darauf, nicht allzu unbeholfen zu wirken. Um Umgang mit Männern war Ruby wahrlich tollpatschig.
„Hast du eigentlich Hunger?“
„Hunger?“ Ruby legte ihre Stirn in Falten. „Ein bisschen. Ich hab vorhin in der Krankenhauskantine schnell gegessen“, erwiderte sie.
„Na schön. Dann würde ich sagen – Planänderung. Eigentlich hab ich vorgehabt, dich in ein edles Restaurant auszuführen, doch da du scheinbar keinen Hunger verspürst, gehen wir stattdessen ins Kino. Einverstanden?“ Ruby blieb abrupt stehen, das Gesicht von Ungläubigkeit gezeichnet.
Kian wollte mit ihr ins Kino gehen. Mit ihr, Ruby Wallace. Herrgott, einen romantischeren Ort hätte er sich kaum aussuchen können. Ob er damit wohl etwas bezweckte?
„Ruby?“ Kian stieß ihr behutsam in die Seite und beförderte sie somit in die Realität zurück.
Sie sah erschrocken auf, darauf bedacht, ihre aufkeimende Unsicherheit zu verbergen.
Es war schier eine Ewigkeit her, als sie das letzte Mal gemeinsam mit einem Mann im Kino gewesen war. Gerade deshalb wusste sie nicht recht, was auf sie zukommen würde.
Wie sich der Abend mit Kian im weiteren gestalten würde.
Am liebsten hätte Ruby Klarheit gehabt, die Situation selber in die Hand genommen, doch sie ließ Kian gewähren, aus Angst ihn zu verstimmen, aus Angst, sich zu bevormundend zu verhalten.
„Okay, dann also Kino“, nickte sie nach kurzer Stille und schlug mit Kian eine andere, von ihm gewählte Richtung ein. Sie würde ihm vertrauen. Egal in welcher Situation.

*

Skeptisch blickte Cat an sich herab, legte beide Hände auf ihren nackten Bauch und betrachtete sich anschließend in dem großen Wandspiegel, der ihr Badezimmer bereits seit ihrem Einzug in die kleine Wohnung zierte. Sie spürte eine leichte Wölbung, konnte ihr Baby – das heranwachsende Leben – entgegen ihrer anfänglichen Erwartungen schon spüren. Es war ein schönes, zugleich aber auch sehr beängstigendes Gefühl, wenn sie nur an die Zukunft dachte. An die Zukunft mit dem Kind.
Cat wollte dem Baby etwas bieten, es ohne Schwierigkeiten in einer behüteten Umgebung aufziehen, doch momentan schien dies ein weitgehegter Traum ihrerseits zu sein, denn Schwierigkeiten gab es wahrlich genug. Die Wohnung war viel zu klein für ein Kind, ihr Einkommen reichte jedoch bei weitem nicht aus, um sich eine größere Wohnung zu suchen. Noch dazu würde sie in wenigen Monaten ihren Job aufgeben müssen, genau wie ihr Studium, auf dessen Ende sie jahrelang zielstrebig hingearbeitet hatte. War das etwa alles umsonst gewesen? Hätte sie vielleicht doch abtreiben sollen?
Cat schüttelte energisch ihren Kopf und löste ihren Blick vom Spiegel.
Sie dachte eindeutig zu viel nach.
Ein Seufzen schlich sich über ihre roten Lippen, als sie das Badezimmer verließ und ins Wohnzimmer ging. Sie wusste mit dem restlichen Tag nichts anzufangen, vermisste ihre Arbeit, obwohl sie selbige am Nachmittag noch lautstark und vernehmlich verflucht hatte.
Himmel, sie sollte Louis allmählich von der Schwangerschaft berichten. Lange würde sie ihren wachsenden Bauch schließlich nicht mehr verbergen können und noch dazu lastete dieses Geheimnis unwahrscheinlich schwer auf Cats gebrechlichen Schultern. Einzig Holly wusste bis zum jetzigen Zeitpunkt bescheid, noch nicht einmal ihrer Mutter hatte Cat reinen Wein eingeschenkt. Und von Ethan wollte sie gar nicht erst reden. Er wurde Vater und wusste rein gar nichts davon.
„Du bist eine dumme Kuh, Catherine O’Connor, die erst handelt, anstatt nachzudenken“, schalt sie sich selber, bevor sie sich in die weichen Polster des Sofas sinken ließ, allerdings augenblicklich wieder aufsprang, als das laute und überaus penetrante Klingeln des Telefons in ihre Gehörgänge drang.
Noch nicht einmal jetzt hatte sie ihre Ruhe.

Ächzend durchquerte sie das Wohnzimmer, nahm den Hörer ab und führte ihn an ihre Ohrmuschel.
„O’Connor“, murmelte sie kaum verständlich.
„Schatz, schön, deine Stimme endlich mal wieder zu hören.“ Cat schloss die Augen.
Es war ihre Mutter. Die Person, mit der sie im Moment am wenigstens gerechnet hatte.
„Hallo, Mum“, entgegnete sie betont fröhlich, stöhnte aber innerlich laut auf.
„Cat, ist alles in Ordnung? Du hörst dich überhaupt nicht gut an“, stellte Laura O’Connor sofort besorgt fest.
„Alles bestens, Mum.“
„Das klingt aber überhaupt nicht so, Darling.“
„Doch, Mum. Es geht mir gut“, log Cat und sehnte bereits zum jetzigen Zeitpunkt das Ende des Gesprächs herbei. Sie wusste, wie hartnäckig ihre Mutter manchmal sein konnte.
„Wirklich?“ Laura klang noch immer wenig überzeugt.
„Ja, wirklich. Weshalb rufst du an?“, wechselte Cat rasch das Thema und trat an das Wohnzimmerfenster, um einen flüchtigen Blick nach draußen auf die belebte Straße werfen zu können. Sie liebte es, zeitweise Abende vor dem Fenster zu verbringen, nur um vorbeilaufende Passanten grinsend zu beobachten.
„Du hast dich lange nicht bei mir gemeldet. Das letzte Mal, als du unser gemeinsames Abendessen abgesagt hast“, erklärte Laura mit einem leicht vorwurfsvollen Ton, der auch ihrer Tochter keinesfalls entgangen war. Daran hatte Cat überhaupt nicht mehr gedacht. Sie hatte ihrer Mutter versprochen, das Abendessen schnellst möglichst nachzuholen, doch mittlerweile waren seitdem fast zwei Wochen vergangen, in denen Mutter und Tochter keinerlei Kontakt mehr zueinander hatten.
„Oh ja, richtig. Tut mir leid, aber das hatte ich völlig vergessen“, entschuldigte sich Cat.
„Vergessen? Allmächtiger, dass glaube ich nicht. Du vergisst tatsächlich ein Abendessen mit deiner Mutter?! Bedeute ich dir etwa gar nichts mehr?“ Warum hatte Cat nur gewusst, dass dieses Gespräch in eine Richtung verlaufen würde, die ihr ganz und gar nicht gefiel?
„Ich hab in letzter Zeit viel gearbeitet.“
„Dann ist dir deine Arbeit also wichtiger, als ich. Interessant.“ Laura klang schrecklich beleidigt, versuchte Cat offenkundig ein schlechtes Gewissen einzureden.
„Meine Güte, Mum. Hör bitte auf, die Tatsache zu verdrehen“, seufzte Cat.
„Das tue ich doch gar nicht. Ich frage mich lediglich, warum sich meine Tochter allmählich von mir distanziert. Habe ich dir etwas getan?“
„Nein, hast du nicht. Ich habe nur derzeitig so viele andere Sachen im Kopf.“
„Andere Sachen?“, hakte Laura argwöhnisch nach. Cat beschlich mit einem Mal das merkwürdige Gefühl, sich indirekt verraten zu haben. Verflucht.
„Ja, andere Sachen, Mum. Aber das ist nebensächlich“, wehrte sie sofort ab, in der Hoffnung, ihre Mutter würde darauf anspringen.
„Nebensächlich? Das glaube ich aber kaum.“
„Ist aber so.“
„Catherine, Herrgott. Ich bin deine Mutter. Sag mir gefälligst, was mit dir los ist“, forderte Laura O’Connor barsch und ließ somit prinzipiell keinerlei Platz für irgendwelche Diskussionen.
„Verdammt noch mal. Ich bin schwanger, okay?“ Cats Hand schnellte erschrocken hinauf zu ihrem Mund. Sie hatte es nicht sagen wollen. Sie hatte es wirklich nicht sagen wollen und dennoch war dieses eine, bedeutsame Wort über ihre Lippen gekommen. Gott, sie war verloren!

„Schwanger?“, flüsterte Laura am anderen Ende der Leitung ungläubig.
Cat nahm einen tiefen Atemzug und nickte unbemerkt in den Hörer.
„Ja, schwanger“, bestätigte sie.
„Himmel Herrgott. Mein kleines Mädchen.“ Laura schien vollkommen aufgelöst, konnte kaum mehr einen vernünftigen, zusammenhängenden Satz formulieren.
„Mum, bleib ruhig.“
„Ich kann nicht ruhig bleiben, Cat. Nicht, wenn meine Tochter mir beiläufig eröffnet, dass sie ein Baby bekommt.“
„Lass uns ein anderes Mal darüber reden, ja?“, bat Cat, gedanklich bereits nicht mehr an dem Gespräch teilnehmend. Sie wusste was nun geschehen würde. Sie wusste, was ihre Mutter ihr jeden Augenblick sagen würde. Gott, sie wusste es ganz einfach.

Einen kurzen Moment lang herrschte noch Stille.
Dann jedoch räusperte sich Laura vernehmlich.
„Du musst heiraten.“ Cat senkte ihren Blick und spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg.
Sie hatte es ganz einfach gewusst.

*

Dublin später Abend

„Der Film war großartig“, schwärmte Ruby begeistert, als sie neben Kian aus dem Kino und somit gezwungenermaßen an die kühle, beinahe nächtliche Herbstluft trat.
Es war lange her, dass sie sich so sehr amüsiert hatte.
„Oh ja, das war er“, stimmte Kian nickend zu und griff nach Rubys kalter Hand.
Sie fuhr kurz erschrocken zusammen, ließ ihn jedoch gewähren.
Viel zu angenehm war das Gefühl, das ihren gesamten Körper in diesem Moment übermannte. Obwohl sie ihn erst wenige Tage kannte, mochte sie ihn auf eine Art und Weise, wie sie noch nie einen Mann zuvor gemocht hatte. Kian bedeutete ihr schon jetzt unwahrscheinlich viel und sie wollte gar nicht daran denken, wie sich das ganze noch entwickeln würde, wenn sie sich langsam näher kamen und auf der Ebene, auf der sie sich momentan befanden, weiterhin miteinander kommunizieren würden.
Kopfschüttelnd versuchte sie ihre Gedanken zu verdrängen und strich sich eine Strähne des dunklen Haares aus der Stirn. Sie sollte den Abend genießen, anstatt an die Zukunft zu denken.

„Und nun?“ Sie blieb stehen und sah Kian an.
„Was meinst du?“
„Kian“, lachte Ruby. „Was machen wir heute Abend noch?“
„Keine Ahnung. Hast du was bestimmtes im Sinn?“ Kian erwiderte Rubys liebevollen Blick und lächelte, als sie ein wenig beschämt ihre schmalen Schultern hob. Sie hatte etwas unwahrscheinlich unschuldiges an sich, wenn sie ihn so anblickte.
„Eigentlich nicht. Ich hab mich ehrlich gesagt ganz auf dich verlassen“, gab sie mit hochrotem Kopf zu und wünschte sich in ein metertiefes Erdloch, in dem sie augenblicklich verschwinden konnte.
„Bist du eine Person, die sich mehr auf andere verlässt, anstatt selber tätig zu werden?“ Rubys Kopf schnellte nach oben, die Augen weit aufgerissen, die Lippen leicht geöffnet.
Sie hatte mit allem gerechnet, aber ganz sicher nicht mit einer solchen Frage.
Mit einer Frage, die sie dermaßen auf dem Konzept brachte.
„Manchmal schon“, antwortete sie flüsternd.
„Wirklich nur manchmal?“
„Ja, wirklich nur manchmal. Ich vertraue nicht jedem“, zuckte sie möglichst unbeeindruckt mit den Schultern und schickte sich an, sich etwas von Kian zu entfernen. Doch Kian griff geistesgegenwärtig nach ihrem dünnen Oberarm und umfasste ihn beinahe gänzlich mit seiner Hand.
„Habe ich etwas falsches gesagt, Ruby?“ Sie sah ihn mit großen Augen an, während sie sich mühsam aus seinem Griff zu lösen versuchte.
„Nein, hast du nicht.“
„Aber warum reagierst du dann auf bestimmte Dinge wie ein verschrecktes Huhn? Ich meine, ich kenne nicht viele Frauen, die sich mir gegenüber so verhalten“, meinte er verständnislos und ließ von Ruby ab, als er erste Tränen in ihren Augen erkannte.
„Ich bin eben eine andere Art Frau, Kian Egan. Wenn du das nicht verstehst, dann kann ich dir auch nicht helfen“, schüttelte sie mit dem Kopf und setzte sich in Bewegung.
Ruby wollte weg. Einfach nur möglichst weit weg von Kian.
Er hatte das unglaubliche Talent, Themen anzusprechen, die Ruby lieber ruhen ließ.
Sie hasste es, über ihr Verhalten Männern gegenüber Stellung zu nehmen und dennoch wusste sie, dass es unausweichlich war. Wenn sie Kian wirklich wichtig war, dann würde er sie auch weiterhin darauf ansprechen, ihr keine Ruhe lassen, bis er alles über sie wusste.
Bis er kompromisslos alles über sie wusste. Und ob Ruby das wollte, stand in den Sternen.

Seufzend nahm sie die gedämpften Schritte hinter sich wahr, die Kians weiterhin vorherrschende Gegenwart deutlich signalisierten. Eigentlich wollte Ruby auch nicht, dass er ging.
Zumindest noch nicht jetzt und hier, schließlich hatten sie beinahe den gesamten Abend noch vor sich.
Aber andererseits fürchtete sie sich vor weiteren Fragen seinerseits. Davor, dass er tief in ihr innerstes würde eindringen können. Davor, dass er etwas in ihr wach rief, dass sie lange Zeit verdrängt hatte.
„Ruby, warte gefälligst“, hörte sie ihn rufen und blieb wie von einer unsichtbaren Macht geleitet ohne zu zögern stehen, bis er zu ihr aufgeschlossen hatte und neben ihr laufen konnte.
„Ich wollte dir nicht zu nahe treten“, entschuldigte er sich leise und reuig und legte Ruby einen Arm um die Schultern, um sie versöhnlich zu sich heran zu ziehen. Das er damit längst verschollen geglaubte Gefühle bei ihr wachrief, wusste er nicht.
„Schon okay“, murmelte sie, blieb stehen und schlug Kian freundschaftlich auf die Schulter.
Sie musste dringend von ihrem wirklichen Gemütszustand ablenken.
„Wirklich?“ Kian blickte sie voller Skepsis an, dass Gesicht förmlich zu einer Grimasse verzogen.
„Ja, wirklich“, nickte Ruby und hoffte inständig, überzeugend genug gewesen zu sein.
Sie hatte nicht die Kraft dazu, um sich mit ihrer Vergangenheit auseinander zu setzen.
Jedenfalls nicht zum jetzigen Zeitpunkt und in Anwesenheit von Kian.
„Na schön“, gab sich Kian schließlich geschlagen.
Ruby war zufrieden. Zufrieden mit sich und ihrer plötzlichen Selbstkontrolle.
Wohlmöglich würde der Rest des Abends doch noch ganz angenehm werden.

„Was machen wir nun mit dem angebrochenen Abend, Ruby? Doch noch essen gehen?“ Kian warf diese Frage beinahe beiläufig in den Raum und war wenig überrascht, als Ruby sich eher unentschlossen zeigte und nur mit den Schultern zuckte. Sie traute sich ganz einfach nicht, eigene Ideen und Vorschläge einzubringen, aus Angst, etwas anzusprechen, was Kian auch nur ansatzweise missfallen würde.
„Mensch, Ruby. Ich erwarte doch nicht von dir, dass du mir hier einen Vortrag über deine Wünsche und Vorstellungen hältst, aber ein bisschen Einsatz kann ich doch wohl verlangen, oder? Und falls nicht – was wäre an einem schlichten ja oder nein so schwer? Zwei ganz simple Worte, die in weniger als zwei Sekunden ausgesprochen sind.“ Kian versuchte die vorherrschende Situation ein wenig aufzuheitern, konnte aber nicht wirklich zu Ruby vordringen.
Sie ging geistesabwesend neben ihm den Gehweg entlang, tief in Gedanken versunken.
Herrgott, Ruby war ein schrecklich nachdenklicher Mensch, egal um was es sich handelte.
Sie haderte mit fast allem, was um sie herum geschah, zweifelte an allem, was sich auch nur annähernd positiv auf ihr tristes Leben auswirkte.
„Ich möchte nach Hause“, sagte Ruby beinahe flehend und vergrub ihre feingliedrigen Hände in den Taschen ihrer Jacke.
„Okay, ich bring dich heim“, willigte Kian ein und gemeinsam liefen sie den Weg entlang zu Rubys kleiner Zwei-Zimmerwohnung. Sie benötigten kaum mehr als zehn Minuten, fanden sich schneller als eigentlich erwartet vor der schweren Haustür wieder.

Schweigend stellten sie sich gegenüber, dem jeweils anderen intensiv ins Gesicht blickend.
Ruby wollte den Abend prinzipiell nicht beenden, war sich jedoch nicht sicher, ob Kian nach ihrem mehr als dummen Verhalten überhaupt noch daran interessiert war, Zeit mit ihr zu verbringen. Nach mehreren Sekunden fasste sie sich schließlich ein Herz und räusperte sich.
Ruby hatte rein gar nichts zu verlieren; dessen war sie sich bewusst.
„Kian?“, begann sie zögerlich.
„Ja?“
„Darf ich dich was fragen?“
„Aber natürlich. Alles was du willst“, antwortete er überschwänglich und lächelte aufgrund Rubys offenkundiger Unbeholfenheit.
„Ähm, also. Ich weiß nicht genau, wie ich das jetzt sagen soll...“
„Hey, ich beiße nicht. Raus mit der Sprache.“ Ruby nickte und platzierte ihre rechte Hand auf ihrem bebenden Brustkorb. Herrgott, war sie nervös.
„Würdest du vielleicht heute noch mit nach oben kommen und zusammen mit mir eine Tasse Tee trinken? Ich würde mich wirklich freuen, weil der Abend doch so vielversprechend begonnen hat“, erklärte sie hastig, wagte es kaum, Kian in die Augen zu blicken. Sie fürchtete sich viel zu sehr für einer eventuellen Absage, die er ihr vermutlich sowieso erteilen würde.
Als er jedoch erfreut nickte und sagte, schnellte ihr Kopf in die Höhe von unerwarteter Freude deutlich gezeichnet.
„Ich würde wirklich sehr gerne eine Tasse Tee mit dir trinken“, bestätigte er noch einmal, als er Rubys ungläubigem Blick begegnete.

Ein liebliches Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab.
Kian hatte zugesagt, würde jetzt tatsächlich mit ihr nach oben gehen und zusammen mit ihr eine heiße Tasse Tee trinken. Konnte es etwas schöneres geben?
„Hoffentlich hab ich überhaupt noch Tee“, meinte Ruby mit einem Mal und wandte sich Kian zu, der jedoch lediglich abwinkte und hinter ihr in das Treppenhaus trat.
„Falls nicht, ist es auch kein Problem. Notfalls nehme ich auch mit einer Tasse Kaffee oder Milch vorlieb.“
„Milch hab ich auf jeden Fall da“, grinste Ruby und erklomm die Treppenstufen, dicht gefolgt von Kian. Sie mochte es nicht, wenn ihr jemand förmlich im Rücken saß, doch sie musste aufhören, sich ständig und überall unwohl zu fühlen, immerhin hatte sie rein gar nichts zu befürchten.
Ganz im Gegenteil. Ruby sollte viel eher froh darüber sein, dass Kian bereit dazu war, den Abend mit ihr zu verbringen, obwohl sie sich kurz zuvor so fürchterlich benommen hatte.

*

15. Oktober 2005, Dublin

Gähnend öffnete Ruby ihre schweren Augenlider. Es war bereits vollkommen hell im Zimmer und dennoch hatte sie arge Probleme, sich in irgendeiner Weise zu orientieren.
Sie wollte sich aufsetzen und umsehen, hielt jedoch beinahe erschrocken inne, als sie feststellte, dass sie sich nicht wie angenommen in ihrem Schlafzimmer befand, sondern unter einer Decke auf dem Sofa lag. Himmel, warum lag sie auf dem Sofa und nicht in ihrem Bett?
Ein lautes Seufzen entwich ihren Lippen, als sie sich den vergangenen Abend in Erinnerung rief. Er war weitaus ausgelassener geworden, als sie angenommen hatte und Kian und sie waren nicht wie angedacht nur bei Tee, Milch und Wasser geblieben. Ruby hatte spontan eine Flasche Rotwein geköpft und sie gemeinsam mit Kian geleert, bevor sie sich anschließend einer Sektflasche hingegeben und somit eindeutig zu viel getrunken hatten. Vermutlich war sie dann völlig erschöpft auf dem Sofa eingeschlafen.
Kian! Sein Name stahl sich derart abrupt in ihre Gedanken, dass sie erschrocken zusammen fuhr.
War er am gestrigen Abend noch nach Hause gefahren? Oder hatte er in ihrer Wohnung übernachtet? Nein, wahrscheinlich nicht, denn ansonsten hätte sie ihn wohl angetroffen.
Er war demnach also gefahren.

Rubys Gedankengang wurde jäh unterbrochen, als sie Geräusche vernahm.
Sie konnte die Geräusche keiner bestimmten Richtung zuordnen, war jedoch der Meinung, dass sie einzig aus der Küche kommen konnten, denn sie vernahm das Klirren von Tellern und Tassen.
War Kian etwa doch über Nacht hier geblieben? Regelrecht entsetzt sprang sie von der Couch auf, schlüpfte in ihre bereitgestellten Pantoffeln und durchquerte eilig das Wohnzimmer, um schnellst möglich in die Küche zu gelangen und nach dem rechten zu sehen. Alles in ihr schrie nach Kians Anwesenheit, doch zugleich fürchtete sie sich auch davor, auf ihn zu treffen.
Schließlich konnte sie sich nicht vollständig daran erinnern, was in der letzten Nacht alles geschehen war. Ruby wurde augenblicklich rot, als dieser absurde Gedanke in ihren Gehirnwindungen ankam. Sie war angezogen gewesen, als sie aufgewacht war. Folglich konnte nichts zwischen Kian und ihr passiert sein. Nein, ganz sicher nicht, denn Zärtlichkeiten hätte sie schon aus lauter Angst nicht zugelassen. Zumindest nahm sie das an. Vorsichtig lugte sie um die Ecke und erkannte Kian hinter der Küchenablage, wie er auf Zehenspitzen stehend geschäftig in einem der oberen Schränke herumwirtschaftete. Herrgott, er hatte die Nacht doch bei ihr verbracht, ohne dass sich Ruby darüber im klaren gewesen war. Warum hatte sie auch derart viel trinken müssen?

„Guten Morgen“, murmelte sie leise, als sie gänzlich in die Küche trat.
„Oh, guten Morgen, Ruby. Ausgeschlafen?“ Kian wandte sich Ruby zu und lächelte, als sie zaghaft und wenig kommunikativ nickte.
„Ja, ich denke schon, auch wenn ich es nicht unbedingt gewohnt bin, meine Nächte auf der Couch zu verbringen“, antwortete sie, während sie sich verlegen durch das kurze, strubbelige Haare fuhr. Es war ihr unangenehm, Kian in solch einer Verfassung entgegen zu treten – weshalb auch immer.
„Das kann ich mir vorstellen. Aber falls es dich tröstet; auf einem Sofa lässt es sich allemal besser schlafen, als in einem Sessel.“ Kian ließ demonstrativ seinen Nacken kreisen, bevor er sich von dem Küchenschrank entfernte und sowohl Teller als auch Tassen auf dem Holztisch am Fenster abstellte. Scheinbar war er gerade damit beschäftigt, das Frühstück vorzubereiten.
Und das, wo Ruby doch eigentlich überhaupt nichts Essbares im Haus hatte.
„Na ja...also...ich werde mal schnell zum Bäcker laufen und uns Brötchen besorgen. Vielleicht auch gleich noch ein bisschen Marmelade“, sagte sie eilig, um das Thema zu wechseln und sich Kians intensiven Blicken zu entziehen. Sie hasste es, derartig angestarrt zu werden.
„Wenn du möchtest, kann ich auch zum Bäcker gehen. Dann kannst du dich in aller Ruhe duschen und anziehen“, schlug Kian vor.
„Nein, nicht nötig“, winkte Ruby wild gestikulierend ab. „Ich mach das schon.“ Und mit diesen Worten drehte sie sich auf dem Fußballen um, sprintete den Flur förmlich entlang und schloss sich anschließend in ihrem Schlafzimmer ein, nur um vorzubeugen, dass Kian sie wohlmöglich beim anziehen sehen oder beobachten konnte. Kopfschüttelnd tauschte sie ihre ausgebeulte Trainingshose gegen eine legere Jeans, zog sich über das helle T-Shirt einen dicken Pullover und kämmte sich das Haar, um nur Sekunden später in die Diele zu treten und nach ihrer Handtasche zu suchen.
Unter anderen Umständen hätte sie Kian niemals alleine in ihrer Wohnung gelassen, aber jetzt, wo sie sich so sehr nach einer Fluchtmöglichkeit sehnte, dachte sie nicht weiter darüber nach.
„Ich gehe jetzt“, rief sie und fuhr zusammen, als Kian seinen Kopf aus der Küchentür steckte.
Sogar am frühen Morgen sah dieser Mann unwahrscheinlich attraktiv aus.
„Okay. Ich kümmere mich derweil um den Kaffee. Bis gleich.“
„Ja, bis gleich“, nickte Ruby, ohne wirklich auf Kian zu achten.
Mit einem gekonnten Handgriff langte sie nach ihrem Schlüsselbund, warf ihn in ihre Handtasche und stürmte regelrecht aus der Wohnung. Sie fühlte sich komplett überfordert mit der momentanen Situation.

Ruby hatte sich eindeutig länger Zeit gelassen als eindeutig notwendig gewesen wäre, seufzte aber dennoch vernehmlich auf, als sie den Schlüssel in das Schloss ihrer Wohnungstür steckte und drehte. Sie erschrak zutiefst, als Kian ihr plötzlich öffnete, noch bevor sie das selber tun konnte.
Er hatte sie vermutlich kommen hören.
„Ich dachte, du wärst unterwegs abhanden gekommen“, lachte er zur Begrüßung und schlug ihr spielerisch auf die gebrechliche Schulter, als sie an ihm vorbei lief.
„Na ja, der Bäcker war gut besucht, würde ich sagen“, lächelte sie gequält, übergab Kian die Brötchentüte und schälte sich anschließend aus ihrer Jacke, um sie an der Garderobe abzuhängen. Wie gerne hätte sie sich ähnlich unbeschwert verhalten, wäre Kian mit der selben Ausgelassenheit gegenüber getreten, die er offenkundig an den Tag legte. Doch irgendetwas in Ruby schien genau diese Tätigkeit zu blockieren. Etwas, das sie nicht definieren konnte. Sehr zu ihrem Leidwesen.
Kopfschüttelnd fuhr sie sich durch das Haar und ging in die Küche. Sie war noch nicht einmal überrascht, als sie den gedeckten Frühstückstisch vorfand und den herrlichen Kaffeeduft in ihrer feinen Nase wahrnahm. Kian hatte wirklich an alles gedacht. Selbst Eier schien er in ihrem eigentlich vollkommen leeren Kühlschrank gefunden zu haben. Nicht schlecht.
„Setz dich, Ruby“, forderte Kian, zog einen Stuhl zurück und wartete so lange, bis Ruby sich gesetzt hatte, ehe er selbst Platz nahm und nach der Kaffeekanne griff. Höflich goss er zuerst Ruby und dann sich selbst etwas von der dampfenden schwarzen Flüssigkeit ein und stellte die Kanne danach zur Seite.

Es war schier eine Ewigkeit her, seit Ruby das letzte Mal gemeinsam mit einem Mann gefrühstückt hatte und obwohl sie dieser Gedanke ein wenig traurig stimmte, musste sie auch zugeben, dass er ihr in irgendeiner Weise gefiel. Die Tatsache, nicht allein in der Wohnung zu sein, wirkte überaus beruhigend.
„Tut mir übrigens leid, dass ich dir nicht mehr zum Frühstück bieten kann“, sagte Ruby leise, nachdem sie ihren Blick über den Holztisch hatte gleiten lassen.
„Ich bitte dich, Ruby. Wir haben mehr als genug, okay? Und außerdem konntest du ja nicht damit rechnen, dass du einen ungebetenen Gast bewirten musst.“
„Aber ich hätte trotzdem mehr im Kühlschrank haben müssen.“ Peinlich berührt blickte sie auf die Tischplatte, ohne zu merken, wie nervös sie ihre Hände in ihrem Schoß zusammenfaltete.
„Hör auf so einen Unsinn zu reden und iss lieber. Sonst fällst du mir noch ganz vom Fleisch.“ Ruby nickte langsam, wenn auch nach wie vor nicht überzeugt und griff nach einem Kürbiskernbrötchen. Eigentlich hatte sie keinen Hunger, doch sie wollte sich vor Kian nicht die Blöße geben und rein gar nichts zu sich nehmen. Das würde vermutlich einen völlig falschen Eindruck erwecken.
Beide verfielen vorrübergehend in gefräßiges Schweigen, sahen einander lediglich hin und wieder an. Ruby wusste nicht wieso, aber Kians Gestalt zog ihre Blicke immer wieder aufs neue förmlich magisch an. Sie konnte sich seiner Anwesenheit, seinem Körper nicht entziehen, auch wenn sie sich im Moment nichts anderes wünschte. Ihre Gefühlen schienen Achterbahn zu fahren; eine Tatsache, die sie verabscheute.
„Gibst du mir bitte die Butter?“
„Ähm...sicher“, stammelte Ruby und reichte Kian die Butter, nachdem er ihren Gedankengang abrupt beendet hatte. Gott, sie musste aufhören, ständig über Dinge nachzudenken, die sie sowieso nicht ändern konnte. Irgendwann – das wusste sie – würde sie die Gefühle, die sie seit dem gestrigen Tag unverkennbar mit Kian in Zusammenhang brachte, interpretieren können. Ganz gewiss.
Von unerwartetem Optimismus gepackt, beschloss sie, ein unverfängliches Gespräch zu beginnen.
Ruby wusste, dass Kian ein sehr guter Gesprächspartner war und liebte es daher, sich mit ihm zu unterhalten. Aber nur dann, wenn er ihr keine privaten Fragen stellte.

„Haben wir gestern Abend eigentlich sehr viel getrunken?“ Sie sah ihn nicht an, als sie ihm diese Frage stellte, nippte stattdessen an der Kaffeetasse, die seit geraumer Zeit unbemerkt in ihren kleinen zierlichen Händen drehte.
„Keine Ahnung. Allzu viel wird es wohl nicht gewesen sein, denn anderenfalls hätte ich jetzt höllische Kopfschmerzen“, antwortete Kian grinsend und schob sich eine Scheibe Wurst in den Mund.
„Gut. Ich dachte echt, wir hätten über die Stränge geschlagen.“
„Haben wir doch auch.“
„Aber eben hast du doch noch gesagt, dass wir nicht viel getrunken haben.“ Nun sah Ruby Kian an und spüre deutlich, wie sie wieder einmal errötete.
„Na ja, wenn wir bedenken, dass wir eigentlich nur Tee und Milch trinken wollten, haben wir mit dem Rotwein und der darauffolgenden Sektflasche schon über die Stränge geschlagen“, erklärte er schulterzuckend und fuhr unbeirrt mit dem Frühstück fort.
Ruby beneidete ihn um seine Arglosigkeit und stützte ihren plötzlich schweren Kopf auf einer ihrer Handflächen ab. Sie sehnte sich nach ihrem komfortablen Bett, war sich jedoch im klaren darüber, dass sie in weniger als zwei Stunden ihre Schicht im Krankenhaus beginnen musste.
Herrgott, manchmal hasste sie ihren Job Abgrund tief. Trotz ihrer Unbehaglichkeit, hätte sie am liebsten den gesamten Morgen, den gesamten Vormittag, mit Kian verbracht, doch dank ihrer beruflichen Aufgaben war dies leider nicht möglich.
„Du, hör mal“, begann sie langsam, vorsichtig über den Rand ihrer Tasse schauend.
„Ja?“ Lauernd sah Kian sie an.
„Ich fand den gestrigen Tag wirklich sehr schön.“
„Ich auch“, stimmte Kian ihr ohne zu zögern zu und lehnte sich auf dem Stuhl zurück.
Ruby musste sich beherrschen, um ihn nicht andauernd anzustarren und blickte deshalb auf ihren leeren Teller.
„Deswegen würde ich demnächst gern wieder etwas mit dir unternehmen. Irgendwas. Vielleicht sogar schon nächste Woche – da habe ich nämlich drei Tage frei“, schlug sie beinahe ängstlich vor, abwartend auf Kians Reaktion. Sie bemerkte seine jähe Unentschlossenheit, beobachtete die kleinen Fältchen, die sich fast schleichend auf seiner Stirn bildeten. Anscheinend schien er angestrengt nachzudenken. Nachzudenken darüber, ob er sich noch einmal mit Ruby treffen wollte.
Unwillkürlich beschleunigte sich ihr Herzschlag. Ruby hatte wieder einmal Angst vor einer Absage, Angst davor, zurück gewiesen zu werden. Zurück gewiesen zu werden von dem Mann, der er mittlerweile viel mehr bedeutete, als sie selber wahrhaben wollte.

„Tut mir leid, Ruby, aber ich hab nächste Woche leider keine Zeit.“
„Oh“, war der einzigste Laut, der Rubys Lippen entwich, als sie diese deutliche Absage erhielt.
Aus irgendeinem Grund hatte sie es geahnt, bereits gewusst, dass Kian nicht mehr daran interessiert war, Zeit mit ihr zu verbringen. Himmel, sie war wieder einmal viel zu naiv gewesen, hatte sich einem Mann geöffnet, der sich nur aus reiner Höflichkeit mit ihr traf. Wunderbar.
„Bitte nicht sauer sein, aber ich bin die ganze nächste Woche über beruflich in England und Schottland unterwegs und werde wohl kaum die Möglichkeit bekommen, einen schnellen Abstecher nach Irland zu machen“, entschuldigte er sich und lächelte. Obwohl es Ruby so sehr mochte, wenn Kian lächelte, war es ihr jetzt und in diesem Moment nicht möglich sein Lächeln zu erwidern.
Sie war getroffen, verletzt von seiner Absage. Warum hatte sie auch fragen müssen?
„Beruflich. Aha. Deine Band – wie hieß sie noch gleich?! Westlife. Richtig. Ihr scheint wirklich sehr berühmt zu sein, wenn ihr durch ganz Großbritannien reist“, stellte sie resignierend fest und erhob sich träge von ihrem Stuhl, um das beschmutzte Geschirr in die Spüle zu stellen und den Wasserhahn aufzustehen. Ruby musste sich beschäftigen. Egal wie. Sie ertrug es nicht, Kian anzusehen und zu wissen, dass sie ihn die gesamte nächste Woche über nicht zu Gesicht bekommen würde.
Seit sie ihn im Krankenhaus kennen gelernt hatte, verging kaum ein Tag, an dem sie nicht an ihn dachte. Und mittlerweile, so glaubte sie, hatte sie Gefühle für ihn entwickelt, die alles andere als gut waren. Sie waren weder gut für Kian, noch für sie selber.
„Ruby, es tut mir wirklich leid. Ich habe ganz vergessen, dir davon zu erzählen“, holte er sie augenblicklich in die Gegenwart zurück, doch Ruby zuckte lediglich mit ihren schmalen Schultern.
„Du musst dich nicht entschuldigen oder rechtfertigen. Dein Beruf geht vor.“ Obwohl sie wusste, dass sie wahre Worte sprach, wünschte sie sich nichts sehnlicher, als das Kian sich dennoch bei ihr entschuldigte. Ruby wollte hören, dass es ihm leid tat. Sie wollte hören, wie er förmlich um Vergebung flehte. Doch sie wusste, dass sie all diese Worte nicht vernehmen würde. Nicht von Kian.
„Soll ich dir beim Abwasch helfen?“, fragte er.
„Nein. Ich wasch nur die paar Teile ab und dann mach ich mich auf den Weg zur Arbeit. Du gehst jetzt am besten.“
„Aber ich würde dir wirklich gerne helfen. Ich könnte-.“
„Nein!“, fiel sie ihm grob ins Wort und wirbelte herum. Sie wollte Kian nicht mehr sehen.
Zumindest nicht im Augenblick. Ruby fühlte sich unwahrscheinlich gedemütigt, hatte sie doch so sehr gehofft, auch in den kommenden Tagen etwas mit Kian unternehmen zu können.
„Okay. Dann fahre ich jetzt nach Hause. Ich wünsch dir ein schönes Wochenende, Ruby. Sobald ich genügend Zeit habe, melde ich mich bei dir, in Ordnung?“ Ruby nickte.
„Mach das. Und überanstreng dich nicht.“
„Keine Sorge“, grinste Kian. „Mit den paar Presseleuten und kreischenden Mädchen werde ich noch gerade so fertig.“
„Dann ist ja gut.“ Eigentlich war Ruby ein sehr zugänglicher Mensch, doch in dieser Situation konnte sie nicht anders, als alle Schotten dicht zu machen. Sie wusste, dass sie sich mit ihrem Verhalten selber weh tat und doch konnte sie nichts dagegen unternehmen. So sehr sie auch wollte.

Kian verharrte noch einen Moment in der Küche, Ruby unentwegt ansehend, wandte sich dann jedoch recht schnell ab, als er bemerkte, dass er nicht mehr erwünscht war. Plötzlich nicht mehr erwünscht war. Er konnte nicht leugnen, dass er Ruby sehr mochte, doch manchmal schaffte sie es, ihn mit ihrem Verhalten, ihrem Tun und Handeln, zur Weißglut zu treiben. Kian bemühte sich, sorgsam und einfüllig mit Ruby umzugehen, doch sobald er einen Schritt auf sie zugemacht hatte, unternahm sie gleich drei Schritte zurück und entfernte sich somit unweigerlich wieder von ihm.
Sie war ein wandelndes Rätsel. Ein Rätsel, dessen Lösung scheinbar irgendwo vergraben war.
Ohne ein weiteres Wort des Abschieds verließ Kian Rubys kleine, aber dennoch gemütliche Wohnung.

*

Dublin, früher Nachmittag

Cat fuhr sich nervös durch das wasserstoffblonde Haar, als sie vor dem Büro von Louis Walsh in ihren Bewegungen inne hielt und einen letzten tiefen Atemzug nahm.
Sie musste sich bei ihrem Vorgesetzten melden, bevor sie in den wohlverdienten Feierabend starten konnte. Es gab letzte Details bezüglich der herannahenden Promotion zu besprechen und Cat kam leider Gottes nicht drum herum, an eben dieser Besprechung teilzunehmen.
Die Tatsache, dass sie aufgrund dessen auch auf Mark Feehily treffen würde, nahm sie zusätzlich mit. Sie hatte ihn das letzte Mal an Nickys Geburtstag gesehen und war prompt mit ihm aneinander geraten, ohne es eigentlich zu wollen. Dieser Mann hatte ganz einfach etwas unerträgliches an sich. Etwas, das Cat unwillkürlich zur Weißglut trieb. Selbst wenn sie sich dagegen wehrte.
Vermutlich würden sie nie auf einen gemeinsamen Nenner kommen, nie ein und der selben Meinung sein, doch Cat wusste nicht einmal, ob sie das auch überhaupt wollte. Diese Popstars waren keine Menschen, mit denen sie sich auf Dauer abgeben wollte. Mit ihn zu arbeiten war in Ordnung, mit ihnen befreundet zu sein dagegen weniger.

„Kann ich Ihnen helfen, Miss O’Connor?“ Cat wirbelte erschrocken herum, als sie eine liebliche weibliche Stimme dicht hinter sich vernahm. Es war Louis’ Sekretärin.
„Nun, nicht direkt. Mister Walsh wollte mich sprechen, hat mich aber noch nicht zu sich herein gerufen“, erklärte Cat kurz und platzierte ihre kalten Hände auf ihren erhitzten Wangen.
„Haben Sie denn überhaupt geklopft?“ Cat senkte peinlich berührt ihren Blick und schüttelte den Kopf. Natürlich hatte sie nicht geklopft. Wie auch, wenn sie daran überhaupt nicht gedacht hatte.
Die junge Sekretärin quittierte Cats Geste mit einem Lächeln und ballte ihre Hand zu einer Faust, um selber tätig zu werden und an die schwere dunkle Holztür zu klopfen.
„Herein“, schallte es laut nach draußen.
„Gehen Sie schon, Miss O’Connor“, drängte die Sekretärin, deren Name Cat sich noch nie hatte merken können, und nickte bekräftigend, als Cat trotz Louis’ Aufforderung stur in ihrer Position verharrte und starr auf den weinroten Teppichboden blickte.
Sie wusste nicht warum, aber sie wollte dieses Büro nicht betreten. Sie wollte nicht auf die Jungs treffen, wollte nicht mit Mark konfrontiert werden. Cat wusste, dass sie sich nicht würde zurückhalten können, würde Mark ihr gegenüber eine unangebrachte oder gar beleidigende Aussage treffen.
Wenn es um diesen Mann ging, geriet sie schneller in Rage, als sie es gewöhnlich tat.
Dennoch trat sie in das Büro, langsam und gemächlich. Immerhin hatte sie keine Wahl!
„Catherine“, tönte es ihr sofort erfreut entgegen. Louis erhob sich sofort von seinem Stuhl, ging um seinen pompösen Schreibtisch herum und reichte Cat seine überraschend kühle Hand.
„Guten Tag“, grüßte Cat höflich und ergriff die Hand ihres Vorgesetzten. Sie wagte es kaum, sich umzusehen, hatte sie doch beim eintreten bereits Marks hämische Blicke auf sich gespürt.
„Setzen Sie sich doch zu den Herren auf die Sofas. Danach besprechen wir weitere Einzelheiten.“ Louis deutete mit einem Kopfnicken auf die vier jungen Männer inmitten des Zimmers und legte Cat eine Hand auf die Schulter, als sie offenkundig zögerte, sich den Jungs zu nähern. Allein die Tatsache, dass einzig neben Mark ein freier Platz war, missfiel ihr dermaßen stark, dass sie am liebsten augenblicklich nach Hause gegangen wäre. Nur der Gedanke an die kommende Woche ließ sich noch schwerer ertragen. Sie seufzte vernehmlich und ließ sich schwerfällig neben Mark nieder.
Er rutschte instinktiv weiter nach drüben, als ginge von Cat etwas gefährliches aus.
Dieser Mann war wirklich noch schlimmer, als sie ihn in Erinnerung gehabt hatte.
Obwohl Cat bereits ein derber Spruch auf den Lippen lag, hielt sie sich zurück und faltete ihre unangenehm zitternden Finger in ihrem Schoß ineinander.
Sie musste zugeben, dass sie gespannt auf Louis’ Ausführungen war.

„Jungs, ihr wisst, was in der nächsten Woche auf euch zukommen wird, nicht wahr?“ Er sah zwischen Kian, Shane, Nicky und Mark hin und her und nickte zufrieden, als ihm ein zustimmendes Gemurmel entgegen tönte. Die Jungs schienen ebenso wenig erpicht auf diese Unterredung zu sein, wie Cat.
„Wunderbar. Deswegen verlange ich von euch, dass ihr Catherine unterstützt. Sie hat auf dem Gebiet der Promotion nicht einmal ansatzweise Erfahrungen.“
„Dann soll sie gefälligst hier bleiben“, entwich es Mark daraufhin.
Louis blickte ihn sofort strafend an, ebenso wie Nicky, der unmittelbar neben seinem Kollegen saß.
„Mark Feehily – höre ich von dir noch einen solchen Satz, schmeiß ich dich eigenhändig aus diesem Büro. Ihr seid auf Catherine angewiesen, verstanden? Sie ist dafür zuständig, dass ihr ordentlich gekleidet seid und nicht wie irgendwelche Clowns durch die Gegend rennt“, tadelte Louis Mark lautstark und schlug herrisch auf die Platte des Tisches.
„Louis hat recht“, stimmte Shane zu und schenkte Cat ein herzliches Lächeln.
Sie fühlte sich von allen angenommen. Von allen, außer von Mark.
Cat hatte keine Ahnung, was er beabsichtigte, doch mittlerweile glaubte sie fast, dass er lediglich daran interessiert war, ihr das Leben zu erschweren, nur damit sie freiwillig das Handtuch werfen würde. Himmel, die kommende Woche schien wahrlich sehr nervenaufreibend zu werden...

*

17. Oktober 2005, Dublin Flughafen

„Mist, verdammt. Ich bin viel zu spät!“ Fluchend schulterte Cat ihre überdimensionale olivefarbene Reisetasche und eilte unkontrollierten Schritts in das vollkommen überfüllte Flughafengebäude.
Wenn sie auch nur annähernd an die folgenden Stunden und den damit verbundenen Flug nach London dachte, drehte sich ihr augenblicklich der Magen um. Sie hasste Flugzeuge, wäre unter normalen Umständen niemals in eines gestiegen. Herrgott, genau in diesem Moment verfluchte sie ihren Job und ihr Studium. Hätte sie nicht Grundschullehrerin werden können?
Oder vielleicht Verkäuferin in irgendeinem Supermarkt?
Dann würde ihr jetzt kein nervenaufreibender Flug bevorstehen.
Leise seufzend blickte sie sich nach ihrem Gate und den Jungs um, in der Hoffnung, sie irgendwo in der Nähe ausfindig zu machen. Es reichte natürlich noch nicht, dass Cat ausgerechnet an diesem Morgen verschlafen hatte. Nein, jetzt musste sie sich vermutlich auch noch auf die Suche ihrer Vorgesetzten begeben. Und das in einem Tempo, von dem ihr allein beim denken schwindelig wurde. Kopfschüttelnd setzte sie sich in Bewegung, drängte sich an nörgelnden Mitreisenden vorbei, stets darauf bedacht, den Überblick in der Halle zu wahren. Würde sie sich jetzt verlaufen, wäre alles vorbei. Louis würde sie ohne mit der Wimper zu zucken feuern und ihr somit das Beenden ihres Studiums unmöglich machen. Etwas, das Cat unbedingt vermeiden wollte.

Unbemerkt legte sie eine Hand auf ihren Bauch und atmete tief durch.
Sie hatte das gesamte Wochenende über mit ständig wiederkehrenden Übelkeitsattacken gekämpft und sich nicht nur ein Mal vorgenommen, sowohl Louis, als auch William und den Jungs von ihrer Schwangerschaft zu erzählen. Doch Cat hatte sich rechtzeitig gefasst und war zu der Auffassung gekommen, damit wohl problemlos noch ein paar Wochen warten zu können.
Noch war für Außenstehende nicht einmal der Ansatz eines Babybauches zu sehen und Cat wollte Louis erst ihr Können beweisen, bevor sie ihm diese Nachricht überbrachte.
Denn so waren ihre Chancen auf Verbleib in der Firma wahrscheinlich allemal höher.
Kopfschüttelnd verdrängte sie diesen Gedanken und schloss nur Sekunden später vor lauter Erleichterung kurz die Augen, als sie Mark entdeckte, nur wenige Meter von sich selbst entfernt stehend. Cat hätte es niemals für möglich gehalten, sich irgendwann einmal derartig über seine Gegenwart zu freuen.

„Mark“, rief sie völlig aufgeregt, zielstrebig auf ihn zurennend.
Er wirbelte augenblicklich herum, als er Cats Stimme vernahm und verzog die Mundwinkel.
Scheinbar hätte er sich in diesem Moment mit jedem lieber abgegeben, als mit Catherine O’Connor.
„Morgen“, murmelte er halbherzig, als Cat keuchend vor ihm zum stehen kam, die Reisetasche abstellte und ihre Hände auf den zitternden Knien abstützte. Ihre Kondition ließ wahrhaft zu wünschen übrig.
„Morgen. Wo ist der Rest?“, fragte sie beiläufig, während sie sich darum bemühte, wieder zu Atem zu kommen. Es wunderte sie ehrlich, dass Mark ganz allein im Terminal stand, schließlich ging ihr Flug in weniger als einer Dreiviertelstunde und Louis hatte allen am Samstag breitspurig erklärt, wie wichtig es war, rechtzeitig am Flughafen zu erscheinen, um den Abflug nicht unnötig zu verzögern.
„Ist dir keine dümmere Frage eingefallen?“ Selbst am frühen war Mark bereits aus Konfrontationskurs. Und das, obwohl Cat ihm rein gar nichts getan hatte. Oder etwa doch?
Sie richtete sich langsam auf und quittierte Marks Kommentar mit einem vernehmlichen schnauben.
„Herrgott, was schreist du mich denn so an? Ich hab dich doch lediglich etwas gefragt?“
„Und ich hab dir lediglich geantwortet.“
„Aber die Art und Weise, wie du mir geantwortet hast, gefällt mir ganz und gar nicht.“
„Weißt du was? Das ist mir scheißegal.“ Die beiden merkten überhaupt nicht, wie sie während ihrer Auseinandersetzung unbemerkt die Du – Form eingeschlagen hatten.
„Mir ist das aber nicht scheißegal. Ich hab dir nichts getan“, schüttelte Cat wütend ihren Kopf und stemmte ihre langen Arme in die schmalen Hüften.
„Doch, hast du!“, entgegnete Mark nicht weniger wütend und griff nach seiner Sonnenbrille in der Jackentasche. Ohne Cat aus den Augen zu lassen, setzte er sie auf.
„Ach ja? Und was bitte schön? Reicht meine bloße Anwesenheit jetzt etwa schon aus oder wie muss ich dein Gemecker verstehen?“
„Wenn du es genau wissen willst – ja. Verdammt noch mal. Dave hat mich wegen deiner Unpünktlichkeit dazu verdonnert, hier auf dich zu warten, um dich gegebenenfalls zum richtigen Gate zu führen. Das bedeutet im Klartext, dass mir ungefähr eine halbe Stunde wertvoller Freizeit geraubt wurde. Freizeit, hörst du?“, erklärte er aufgebracht und bohrte seinen Zeigefinger regelrecht in Cats rechte Schulter.
„Bitte was? Freizeit? Hier auf einem Flughafen? Ich dachte eigentlich, du wärst nur ein Idiot, aber jetzt weiß ich, dass das nicht stimmt. Du bist nämlich ein Vollidiot. Und hör gefälligst auf, mir in die Schulter zu stechen. Ich habe nämlich ein gesundes Schmerzempfinden.“ Cat schob ihn grob von sich und versuchte ihre Fassung zu bewahren. Egal was dieser Mann mit seinem widerlichen Verhalten bezweckte – es schien einwandfrei zu funktionieren. Cat tobte innerlich, auch wenn sie nach außen hin noch ungewöhnlich ruhig wirkte.
„Wenn du mich noch ein einziges Mal als Vollidiot betitelst, sorge ich höchstpersönlich dafür, dass du auf der Stelle entlassen wirst. Ich warne dich, Catherine. Leg dich nicht mit mir an.“ Die letzten Worte flüsterte Mark nur noch, doch sie klangen wesentlich bedrohlicher als die vorangegangenen.
Cat hatte vollkommen vergessen, mit wem sie sich soeben gestritten hatte.
Mit einem ihrer Vorgesetzten. Mit einem Mann, der ohne Probleme ihre Entlassung veranlassen konnte. Warum hatte sie sich auch nicht ein Mal im Griff? Warum ließ sie sich immer wieder aufs Neue von ihm provozieren, wo sie doch prinzipiell wusste, welche Folgen das haben könnte?

Es dauerte einen Augenblick, bis sie aufblickte und einen tiefen Atemzug nahm.
„Entschuldige. Ich wollte dich nicht beleidigen.“ Cat hatte das Gefühl, dass es ihr noch nie zuvor in ihrem Leben derart schwer gefallen war, etwas zu sagen, diese Worte auszusprechen.
Sie hatte sich entschuldigt. Sie hatte sich tatsächlich bei dem unausstehlichsten Mann auf Erden entschuldigt. Wenn auch nicht sonderlich überzeugend, wie sie zugeben musste.
„Doch, du wolltest mich beleidigen. Das weißt du genauso gut wie ich. Aber ich will jetzt nicht weiter mit dir darüber diskutieren. Sieh zu, dass du deine Tasche nimmst und folg mir einfach.“ Ohne eine Reaktion von Cat abzuwarten, ging Mark los und verschwand schneller als angenommen in der Menge. Cat hatte kaum Zeit dazu, dass eben stattgefundene Gespräch zu verarbeiten, als sie Mark folgte und sich anstrengte zu ihm aufzuschließen. Sie durfte ihn jetzt keinesfalls verlieren.

Cat konnte ihre Erleichterung nicht verbergen, als sie gemeinsam mit Mark zu den anderen Jungs stieß und Dave ihre Verspätung als nicht sonderlich schlimm abstempelte.
Wenigstens einer, der ihr gut gesonnen war.
Nun musste Cat nur noch den Höllentrip – auch genannt Flug – hinter sich bringen, ehe sie gänzlich aufatmen und sich allmählich entspannen konnte.

*

Kian verzog unwillkürlich seine Mundwinkel, als er Cat und Mark erblickte.
Herrgott, hätten sich die beiden nicht etwas mehr Zeit lassen können?
Er hatte nicht mehr lange Zeit, musste sich demnach beeilen, wenn er Ruby vor dem Abflug noch mal sprechen wollte. Das ganze Wochenende über hatte er vehement versucht, Ruby telefonisch zu erreichen, hatte sie ein Mal stündlich angerufen, nur um sich kurz darauf mit ihrem Anrufbeantworter auseinander zu setzen. Kian konnte sich nicht erklären, warum sie nicht abnahm, doch langsam begann er sich zu sorgen. Er hatte während seines Zusammenseins mit Ruby des Öfteren gemerkt, wie angeschlagen ihre Persönlichkeit doch war. Wie anfällig sie sich gegenüber Kritik verhielt.
Doch Kian verstand nicht, wieso sie das tat. Es gab doch eigentlich keinen Grund dazu.
Ruby war eine liebenswerte, freundliche und hübsche Frau, die vermutlich keinem etwas zu Leide tun konnte. Ganz im Gegenteil. Sie übte einen Beruf aus, bei dem sie Menschen half.
Kam sie dabei vielleicht zu kurz? Vergaß sie dadurch wohlmöglich zeitweise an sich selbst zu denken?
Kian wusste es nicht. Er wusste nur, dass Ruby ihm mehr bedeutete, als er anfänglich dachte.
Diese Erkenntnis hatte ihn am gestrigen Tag regelrecht übermannt, als er gedankenverloren auf seinem Bett gelegen hatte und Rubys sanftes Gesicht ständig vor seinem inneren Augen sah.
Ob er wollte oder nicht – sie war mehr für ihn als eine simple Freundin.
Und das, obwohl er geglaubt hatte, nach Jodi keine Frau mehr an sich heranlassen zu können.
Seufzend zückte er sein Handy und wählte erneut Rubys Nummer.
Er vernahm augenblicklich das Freizeichen und betete innerlich, dass sie rangehen und sich melden würde. Kian wollte ihre Stimme hören, wollte hören, dass es ihr gut ging.
Aber vor allem wollte er hören, dass sie ihm seine Absage nicht mehr übel nahm.
Das sie ihm nicht böse war, weil er die Woche über nicht in Irland verweilte.

„Guten Tag. Hier spricht Ruby Wallace. Ich bin momentan leider nicht zu erreichen. Wenn Sie mir allerdings eine Nachricht hinterlassen möchten, dann tun Sie das bitte nach dem Signalton. Danke.“
Kian schloss enttäuscht die Augen und ließ sich auf einen der harten Plastikstühle fallen.
„Hallo, Ruby. Ich bin’s mal wieder. Kian. Ich bin grad am Dubliner Flughafen und warte auf meinen Flug nach London. Eigentlich hatte ich gehofft, dich vorher irgendwie noch mal zu erreichen, aber allem Anschein nach bist du nicht zuhause. Schade, denn ich hätte dir gerne persönlich gesagt, dass ich dich schon jetzt vermisse. Du bist mir sehr wichtig, Ruby, und ich möchte, dass du das weißt. Kleines, tu mir bitte den Gefallen und melde dich schnellst möglich bei mir. Egal zu welcher Tages- und Nachtzeit. Ich möchte doch nur wissen, ob es dir gut geht. Hörst du? Nun ja, ich muss jetzt Schluss machen. Bye.“ Kian legte auf und ließ sein Handy in die Tasche seine schwarzen Lederjacke gleiten. Ruby hatte wieder einmal nicht abgenommen. Gott, wo war sie nur?
Kian wollte sich keine Sorgen machen, doch es beunruhigte ihn, dass Ruby nie an ihr Telefon ging.
Sie war doch eine zuverlässige Person, die sich meldete, wenn sie wichtige Bandansagen gehört hatte. Und Kian hatte nunmehr über zehn Nachrichten auf ihrem Anrufbeantworter hinterlassen, am Ende immer wieder mit der Bitte, dass sie sich doch melden sollte. Bis jetzt allerdings leider ohne vorzeigbares Erfolgserlebnis.

„Kian?“ Kian fuhr erschrocken zusammen, als er eine Hand auf seiner Schulter wahrnahm.
„Nicky. Himmel, musst du mich so erschrecken?“
„Tut mir leid, Ki, aber standest hier so verloren in der Ecke. Ich dachte, ich geselle mich zu dir und teile dir mit, dass unser Flug in zehn Minuten geht.“ Nicky lachte auf, als Kian mit den Augen leierte.
„Danke, Byrne. Ohne diese Information wäre ich sicherlich vollkommen allein und verunsichert hier zurück geblieben.“
„Ja, das glaube ich auch“, nickte Nicky feixend.
„Warum zum Teufel hat dich Gina heute nicht zum Flughafen begleitet? Dann würde ich mich jetzt nicht mit dir rumschlagen müssen“, seufzte Kian und schlug seine Hände theatralisch über dem Kopf zusammen.
„Weil sie nachher eine Modenschau in Cork moderieren muss.“
„Ach so. Das wusste ich nicht.“
„Kein Problem. Komm, lass uns zu den anderen gehen, bevor wir noch depressiv werden.“ Nicky griff nach Kians Hand und zog ihn mit sich zu Dave und den anderen Jungs, die sich angeregt miteinander unterhielten. Kian konnte sich nicht erklären, weshalb, aber er sehnte sich gerade in diesem Augenblick mehr nach Rubys Anwesenheit, als jemals zuvor. Gott, was war nur in ihn gefahren?
Es war erst gut eine Woche her, als er sich unter größten innerlichen Schmerzen endgültig von Jodi und ihrer Beziehung gelöst hatte. Konnte er sich nun bereits in eine andere Frau verliebt haben?
In eine Frau, die mit Jodi nicht einmal ansatzweise zu vergleichen war?
Kian bekam von der ständigen Grübelei allmählich Kopfschmerzen.
Er konnte seine eigenen Gefühle momentan kaum deuten, doch er befürchtete fast, dass er sein Herz verloren hatte. Verloren an die feinfühlige Krankenschwester Ruby Wallace.

*

Erschöpft ließ sich Ruby in die weichen Polster ihres Sofas sinken.
Sie war vollkommen fertig, hatte das Gefühl, ihre Beine vor lauter Anstrengung nicht mehr zu spüren. Obwohl Ruby am heutigen Tag lediglich sechs Stunden Dienst hatte, hatte sie sich völlig freiwillig beinahe vier Stunden länger in der Klinik aufgehalten, Unmengen von Akten geschrieben und Patienten übernommen, denen sie im Grunde gar nicht zugeteilt war.
Und warum tat sie das alles? Aus einem ganz bestimmten Grund.
Genau dieser Grund trug den Namen Kian Egan und war ein unglaublich attraktiver junger Mann.
Ein attraktiver junger Mann, der gerade beruflich in England unterwegs war und sie während der kommenden Woche wohl vergessen würde. Doch Ruby wollte nicht vergessen werden. Zumindest nicht von ihm. Nachdem er am vorgestrigen Tag prinzipiell vollkommen überstürzt ihre Wohnung verlassen hatte, kam Ruby nicht drum herum, sich mit ihm und ihrer Beziehung zu ihm auseinander zu setzen. Sie hatte lange nachgedacht, mit ihren Empfindungen gehadert und sich bemüht, die wichtigen, die entscheidenden Details heraus zu filtern. Mit der Erkenntnis, mehr von Kian zu wollen als bloße Freundschaft. Ruby hatte sich unsterblich in ihn verliebt – sehr zu ihrem Leidwesen.
Sie hatte sich vor einigen Jahren vorgenommen, nie wieder ihr Herz für jemanden zu öffnen.
Nie wieder jemanden nahe an sich heran gelassen und nun war es doch geschehen.
Unerwartet, aber vor allem gänzlich ungeplant.

Ruby seufzte und fuhr im gleichen Augenblick erschrocken zusammen, als sich ihr Anrufbeantworter lautstark meldete.
„Sie haben eine neue Nachricht. Sie haben eine neue Nachricht.“ Ruby leierte mit ihren Augen und erhob sich schwerfällig von dem Sofa, träge zum Telefon schlürfend. Sie wollte nichts sehnlicher als etwas Ruhe, doch die Neugier auf die verpassten Anrufe war im Moment größer, als der Wunsch nach ihrem Bett.
„Na dann mal los“, sagte Ruby zu sich selber und betätigte den Abhörknopf.
„Hallo, Ruby. Ich bin’s mal wieder. Kian. Ich bin grad am Dubliner Flughafen und warte auf meinen Flug nach London. Eigentlich hatte ich gehofft, dich vorher irgendwie noch mal zu erreichen, aber allem Anschein nach bist du nicht zuhause. Schade, denn ich hätte dir gerne persönlich gesagt, dass ich dich schon jetzt vermisse. Du bist mir sehr wichtig, Ruby, und ich möchte, dass du das weißt. Kleines, tu mir bitte den Gefallen und melde dich schnellst möglich bei mir. Egal zu welcher Tages- und Nachtzeit. Ich möchte doch nur wissen, ob es dir gut geht. Hörst du? Nun ja, ich muss jetzt Schluss machen. Bye.“ Ein piepen signalisierte ihr deutlich das Ende der Nachricht.
Ruby konnte nicht anders, als sich an der Wand herunter gleiten zu lassen und die Augen zu schließen. Wie oft in den vergangenen zwei Tagen hatte Kian bei ihr angerufen?
Und wie oft war sie einfach nicht rangegangen, aus Angst, etwas von sich preis zu geben, das sie lieber unter Verschluss halten würde? Zehn Mal mindestens. Er schien sich um sie zu sorgen.
Jedenfalls hatte er das gesagt und auch seine Stimmlage hatte deutlich darauf hingewiesen.
Dennoch brachte es Ruby nicht übers Herz, ihn zurück zu rufen.
Sie hatte ganz einfach Angst. Angst davor, ihm ihre Gefühle unbewusst zu offenbaren.
Kian war ein gefeierter und aufregender Mann, also ganz gewiss nicht auf dem gleichen Level wie sie. Er bewegte sich vermutlich weitaus höher, pflegte weitaus bedeutendere Kontakte.
Kontakte mit weitaus hübscheren Frauen. Mit blonden Frauen, die noch dazu einen tollen Körper besaßen. Da konnte Ruby nun wahrlich nicht mithalten. Nicht mit ihren 1,61 m, nicht mit ihrem minimal vorhandenem Busen und vor allem nicht mit ihrem kurzen, chronisch zerzausten Haar.

Ruby wusste nicht wieso, aber auf einmal kamen die Tränen.
Die Tränen der Enttäuschung.
Die Tränen der Verzweiflung.
Die Tränen der Ausweglosigkeit.
Die Tränen der Vergangenheit.

Allein Rubys Gefühle für Kian reichten aus, um sie an sich zweifeln zu lassen.
Sie hatte Angst, sich auf etwas einzulassen, aus dem sie später sowieso nur als Verlierer heraus gehen konnte. Ruby konnte nichts gewinnen – nicht, wenn es um Kian ging.
Und sie wollte auch nichts gewinnen. Nicht, um danach wieder ein schmerzliches Erlebnis mehr verarbeiten zu müssen. Sie hatte in der Vergangenheit wahrlich genug gelitten.
Genug durchgemacht. Besonders mit Männern. Sie konnte nicht mehr.
War ganz einfach nicht mehr in der Lage dazu, jemandem die Liebe zu geben, die sie empfand und zugleich auch Liebe von einer anderen Person entgegen zu nehmen.
Es war schlichtweg unmöglich.

*

Am selben Tag, London

„Himmel, ich setze nie auch nur wieder einen Fuß in ein Flugzeug. Ich habe kurzzeitig gedacht, ich müsste sterben“, stöhnte Cat, als sie gemeinsam mit Nicky und Shane in die beinahe vollkommen leere Hotellobby trat, während Mark, Kian und Dave mit einigen Metern Abstand hinter ihnen liefen.
Tatsächlich war der Flug nach London die Hölle gewesen. Zumindest für Cat.
Sie hatte mit schlimmster Übelkeit und unmenschlichen Bauchschmerzen zu kämpfen.
Noch zudem musste sie den gesamten Flug über neben Mark sitzen, weil nirgendwo anders ein Platz frei gewesen war. Glücklicherweise hatte er Erbarmen gezeigt und sie ans Fenster gelassen, als sie fast flehend darum gebeten hatte.
„Du hast echt ziemlich große Flugangst, was?“, stellte Shane amüsiert fest und hielt inne, als Daves Stimme von hinten in seine Gehörgänge drang.
„Flugangst ist untertrieben. Ich leide Höllenqualen“, nickte Cat und blieb ebenfalls stehen.
„So schlimm?“
„Schlimmer. Ihr seid diese Fliegerei ja gewohnt, ich dagegen habe heute zum aller ersten Mal in meinem Leben ein Flugzeug betreten. Ein bisschen Angst ist da ja wohl verständlich“, versuchte sie sich energisch zu rechtfertigen und platzierte eine Hand unbemerkt auf der kleinen Wölbung ihres Bauches. Für Außenstehende war ihre Schwangerschaft nach wie vor nicht sichtbar – Cat jedoch spürte mit jedem vorranschreitenden Tag weitere Veränderungen ihres Körpers.
„Glaub mir, Cat. Für mich war es anfangs auch eine große Überwindung, in ein Flugzeug zu steigen“, sagte Nicky leise, als er sich zu Cat gebeugt hatte. Sie schenkte ihm ein aufrichtiges Lächeln und widmete ihre Aufmerksamkeit dann Dave, der sich vor seinen Schützlingen aufgebaut hatte.

„Okay, Leute. Wie ihr seht, sind wir dort angekommen, wo wir hinwollten. Ich werde euch nun eure Zimmerschlüssel besorgen. Danach könnt ihr euch meinetwegen eine halbe Stunde ausruhen, duschen oder etwas essen, bevor ich euch um drei Uhr im meinem Zimmer erwarte. Es gibt einige Dinge, die ihr wissen solltet – und da Jake erst morgen nachkommt, muss ich euch diese Dinge erklären. Cat, du hast übrigens auch zu erscheinen. Louis will, dass ich dich voll und ganz in das Team integriere. Einverstanden?“ Dave sah erwartungsvoll zu Cat, die langsam nickte und sich das helle blonde Haare hinter ihre Ohren strich.
„Sicher, ich werde da sein“, nickte sie, wenn auch wenig begeistert von dieser Tatsache. Sie wusste zwar, dass sie den Jungs – vor allem Mark – während dieser Woche nicht aus dem Weg gehen konnte, doch dauernd mit ihnen konfrontiert zu werden behagte ihr nicht.
„Gut. Wartet hier. Ich werde schnell zur Rezeption gehen.“ Ohne eine Reaktion der Jungs abzuwarten, näherte sich Dave der Rezeption und lieferte sich sofort ein angeregtes Wortgefecht mit dem jungen Angestellten.
„Daves ist ein wahres Organisationstalent. Eigentlich könnte er Jakes Posten als Tourmanager ohne weiteres übernehmen“, grinste Nicky mit einem Seitenblick auf Dave und erhielt zustimmendes Gemurmel von Shane. Kian und Mark hingehen ließen sich zu keinem Kommentar hinreißen, schwiegen stattdessen beharrlich. Und auch Cat sagte nichts, schließlich hatte sie nicht das Recht, über diesen Dave zu urteilen. Sie kannte ihn kaum, konnte bis jetzt lediglich von ihm behaupten, dass er sehr freundlich und zuvorkommend war. Ganz anders als manch anderer Mann.
Es dauerte nicht lange, bis Dave die jeweiligen Schlüssel an alle weiteregereicht und sie zu den Aufzügen gedrängt hatte. Einzig Nicky bevorzugte das Treppenhaus; trotz der zahlreichen Gepäckstücke, der er mit sich trug.
„Warum läuft er?“, wollte Cat an Shane gewandt wissen, als sie sich an die verspiegelte Wand des Aufzugs lehnte und die Etagenanzeige argwöhnisch beobachtete.
„Platzangst. Nicky hasst geschlossene Räume, besonders Aufzüge.“
„Und da nimmt er es in Kauf und läuft ganze zehn Stockwerke?“
„Ja, für gewöhnlich schon. Er ist diesbezüglich ein bisschen eigen“, lachte Shane. „Manchmal zwingen wir ihn auch dazu, mit uns im Aufzug zu fahren. Immer dann verspürt Kian das dringende Bedürfnis, auf und ab zu springen und ihm somit eine wahnsinnige Angst einzujagen. Ich glaube, unser Nicky stirbt irgendwann noch mal an einem Herzinfarkt.“ Cat, die Shane aufmerksam zugehört hatte, lachte leise und fuhr dann erschrocken zusammen, als der Aufzug hielt und begleitet von einem schrillen Klingeln seine Türen öffnete.

Ihr Zimmer war nicht mehr weit. Bald würde sie ein wenig Zeit für sich haben, ganze ohne die Jungs. Vor allem aber ganz ohne Marks durchdringende Blicke, die er ihr nicht nur in der Lobby, sondern auch im Aufzug unentwegt zugeworfen hatte. Cat wusste nach wie vor nicht, weshalb er eine derart große Abneigung gegen sie hegte, aber es kümmerte sie ehrlich gesagt auch nicht besonders.
Schließlich beruhte diese Abneigung auf Gegenseitigkeit!

*

18. Oktober 2005, London

Erschöpft richtete sich Cat auf, als das Klingeln des Weckers allmählich in ihre Gehörgänge drang.
Es war Punkt sieben in der Früh – und Cat musste notgedrungen aufstehen und sich für den bevorstehenden Tag herrichten. Dave hatte ihr gestern mitgeteilt, dass sie pünktlich um acht Uhr mit zwei gemieteten Vans zu einem Fernsehsender fahren würden und wert darauf legten, Cat bei sich zu wissen. Sie wusste zwar nicht recht, was genau sie dort tun musste, fügte sich aber dennoch ihrem Schicksal und hatte eher unfreiwillig zugesagt. Stöhnend schälte sie sich aus der wärmenden Bettdecke, platzierte ihre nackten Füße auf dem rauen Teppichboden und gähnte vernehmlich hinter vorgehaltener Hand. Cat musste sich beeilen, wenn sie noch frühstücken wollte.
Und das sie noch frühstücken wollte, stand außer Frage. Ihr kleiner Untermieter beschwerte sich schon jetzt heftigst aufgrund mangelnder Nährstoffe und Cat war gut daran getan, dem schnellst möglich Abhilfe zu schaffen, wenn sie den Tag geil überstehen wollte.

Mit schlürfenden Schritten ging sie in das angrenzende Badezimmer, entledigte sich ihres Pyjamas und stieg eilig unter die Dusche. Sie konnte sich nicht genau erklären, warum, aber aus irgendeinem Grund war sie fürchterlich aufgeregt. Vielleicht, weil sie den gesamten Tag über mit den Jungs verbringen würde. Weil sie den ganzen Tag über mit Mark verbringen würde. Musste.
Allein bei dem Gedanken daran wurde ihr schlecht. Sie kannte keinen Menschen, den sie derartig ablehnte, wie diesen Mann.

Kopfschüttelnd stellte sie das Wasser wieder ab, umwickelte ihren fröstelnden Körper mit einem weißen Hotelhandtuch und trat vor den viereckigen Spiegel, der über dem Marmorwaschbecken angebracht worden war. Cat war an diesem Morgen fürchterlich blass, wirkte überaus unausgeschlafen. Kein Wunder, schließlich war sie erst weit nach Mitternacht eingeschlafen.
Sie hatte noch lange mit Holly telefoniert, ihr die Ohren vollgejammert und sich lautstark über Mark ausgelassen. Manchmal wünschte sie sich, diesen Job niemals angenommen zu haben, doch immer dann fiel ihr ein, dass ihr somit einige wichtige Erfahrungen fehlen würden.
Erfahrungen, die ihr Leben nur noch bereichern konnten.
Nachdem sie sich abgetrocknet und angezogen hatte, band sie ihr noch feuchtes Haar mit einem schwarzen Haargummi zusammen und griff nach ihrer Tasche. Prüfend sah sie sich noch einmal in ihrem Zimmer um, langte nach ihrem dicken Mantel und nickte bestätigend, als sie alles hatte. Gekonnt schulterte sie ihre Tasche und verließ das Hotelzimmer, um unmittelbar auf den Aufzug zuzulaufen. Cat hatte eins mit Nicky gemeinsam; sie mochte Aufzüge auch nicht sonderlich, war aber viel zu bequem, um die zahlreichen Treppenstufen nach unten zu laufen. Sie war froh, dass sich die Fahrstuhltüren augenblicklich öffneten und Cat ohne lange zu warten einstiegen konnte. Mit dem Zeigefinger betätigte sie den Knopf für das Erdgeschoss und fand sich nur einige Sekunden später in selbigem wieder. Die Lobby war ungewöhnlich stark gefüllt. Unzählige Männer mit Anzügen und Aktentaschen säumten Cats Weg zum Speisesaal.

„Cat, hier sind wir“, wurde sie plötzlich Nickys klarer Stimme aus den Gedanken gerissen.
Sie wirbelte herum und erblickte Nicky gemeinsam mit Kian an einem der runden Tische sitzen. Lächelnd ging sie auf beide zu und ließ sich ihnen gegenüber auf einen freien Stuhl fallen.
Obwohl sie die Jungs noch nicht wirklich lange kannte, musste sie zugeben, bis jetzt zumindest einen guten Draht zu ihnen gefunden zu haben. Sie konnte sich mit ihnen unterhalten, mit ihnen lachen und scherzen, wann immer ihr danach war.
„Guten morgen“, grüßte sie ein wenig träge und ließ ihre Tasche auf den Boden fallen.
„Guten morgen“, kam es einheitlich zurück. Kian schien, wie am gestrigen Tag auch schon, gedanklich nicht unbedingt anwesend zu sein, Nicky hingegen schon. Selbst am frühen Morgen wurden seine Lippen von einem aufrichtigen Lächeln umspielt. Ein Lächeln, das zur Heiterkeit animierte.
„Und, wie war deine erste Nacht außerhalb Irlands“, wollte Nicky augenblicklich wissen, während er ein Vollkornbrötchen in zwei Hälften schnitt und diese mit goldgelber Butter beschmierte.
„Ganz okay, würde ich sagen“, zuckte Cat mit den Schultern. Sie musste ihm gegenüber ja nicht zugeben, dass sie eigentlich kaum ein Auge zugemacht hatte. Die ungewohnte, fremde Umgebung setzte ihr mehr zu, als sie anfänglich gedacht hatte, und bereits zum jetzigen Zeitpunkt sehnte sie sich mehr denn je nach ihrer wenig komfortablen Schlafcouch im heimischen Dublin.
Sie war kein Weltenbummler, verbrachte ihre Zeit lieber zuhause in ihrem kleinen Apartment.
„Das freut mich. Hast du irgendwas besonderes geträumt?“
„Warum fragst du?“ Cat legte ihre Stirn in tiefe Falten und lehnte sich auf dem weichen Stuhl zurück.
„Ganz einfach. Das, was man in der ersten Nacht in einem neuen Haus, Zimmer oder Ort träumt, geht für gewöhnlich in Erfüllung“, erklärte er geheimnisvoll und nahm einen Bissen seines Brötchens.
„Hör nicht auf Nicky“, brachte sich nun Kian in das laufende Gespräch ein. „Er erzählt manchmal den größten Mist, den du dir vorstellen kannst. Ich habe schon so viele in meinem Leben geträumt – und bis jetzt ist noch nichts davon wahr geworden.“ Kian winkte eher desinteressiert, nahm eine halb gefüllte Teetasse in beide Hände und drehte sie bedächtig.
„So ein Unsinn, Egan. Glaub mir ruhig, Cat. Ich sage die Wahrheit.“
„Na wenn das so ist. Ich habe nichts geträumt, Nicky. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern“, antwortete Cat ehrlich und senkte peinlich berührt ihren Blick, als sich Magen geräuschvoll bemerkbar machte.
„Hunger? Ich kann dir diese Vollkornbrötchen empfehlen. Himmlisch. Als wären sie gerade erst frisch aus dem Ofen gekommen“, schwärmte Nicky und rieb sich demonstrativ über den Bauch. Cat quittierte seine Aussage lediglich mit einem Grinsen und ging dann unmittelbar auf das aufgebaute Frühstücksbuffet zu. Die lange Tafel war reichlich gedeckt, bot wahrlich alles, was sich ein hungriger Magen nur wünschen konnte. Nach kurzem überlegen, nahm sich Cat einen Teller und füllte ihn mit einem herrlich duftendem Mohnbrötchen, zwei Scheiben Käse und einigen Früchten.
Anschließend kehrte sie zum Tisch zurück und hätte vor lauter Schreck ihren Teller beinahe fallen lassen. Sie hatte nicht mitbekommen, dass Shane und Mark ebenfalls in den Speisesaal gestoßen waren und sich zu Nicky und Kian gesetzt hatten. Wunderbar.
Cat hatte sich so sehr auf ein entspanntes und streitfreies Frühstück gefreut, doch allein Marks bloße Anwesenheit genügte, um sie innerlich bereits wieder kochen zu lassen. Verdammt.
„Morgen“, sagte sie leise, als sie am Tisch angekommen war und Mark auf ihren Platz vorfand.
„Guten Morgen, Cat. Und, wie ist das Frühstücksbuffet. Ist was schmackhaftes dabei?“, begrüßte sie Shane und sah zu ihr herauf.
„Ja, allerhand. Finde ich zumindest“, nickte Cat und blickte zu Mark, der sie vollends ignorierte. Sie wollte wirklich keinen Streit vom Zaun brechen, aber er saß auf ihrem Platz.
Und genau das würde sie ihm jetzt auch sagen; egal, wie er es auffassen würde.
„Mark? Da habe ich bis eben gesessen“, begann sie betont höflich, ihn unentwegt ansehend.
„Na und!? Jetzt sitze ich hier. Es gibt genügend freie Tisch und Stühle, irgendwie wird sich also sicher ein freier Patz für dich finden lassen“, entgegnete er voller Gleichgültigkeit, ohne Cat Beachtung zu schenken.
„Mark, hör auf damit. Es ist früh, ich habe Hunger und ich möchte mich jetzt nicht mit dir streiten.“
„Schön für dich. Dann setz dich doch einfach woanders hin. Du bist hier sowieso nicht erwünscht.“
„Bitte was? Sag das noch mal.“ Cat wollte sich nicht aufregen, wollte sich nicht provozieren lassen, doch Marks Worte reizten sie nicht nur; nein, sie verletzten Cat auch unwahrscheinlich.
„Du hast schon richtig gehört, Catherine. Glaub ja nicht, dass sich hier irgendwer über deine Anwesenheit freut. Du wirst lediglich geduldet, mehr nicht. Und jetzt zieh Leine.“ Cat war bis jetzt vieles von Mark gewohnt gewesen, doch das, was er sich in diesem Moment leistete, war eindeutig zu viel. Wie konnte er es wagen, in einem solchen Ton mit ihr zu reden?
Ihr solche Dinge scheinbar ohne Reue förmlich vor den Kopf zu werfen?

„Mark, hör auf zu spinnen“, bemerkte Shane streng und schüttelte verständnislos den Kopf.
„Ich spinne nicht, Shane. Wenn hier jemand spinnt, dann ist das diese Person.“ Er wandte sich Cat zu und deutete mit seinem Zeigefinger unmittelbar auf ihre zierliche Gestalt.
Cat glaubte, sich noch nie in ihrem Leben dermaßen unwohl gefühlt zu haben.
Sie wusste nicht genau, ob Mark die Wahrheit sagte. Ob sie tatsächlich nur geduldet wurde.
Gott, wie hatte sie nur denken können, gemocht zu werden? Wie hatte sie das nur denken können?
Sollte sie sich etwa derartig in Shane, Kian und Nicky getäuscht haben?
War ihre Freundlichkeit nur geheuchelt? Cat konnte das alles nicht glauben.
„Jetzt hör gefälligst auf, Mark!“ Nicky schlug mit geballter Faust donnernd auf die Tischplatte.
Anwesende Hotelgäste drehten sich verwundert zu ihnen herum, doch Nicky ließ sich nicht stören.
„Du sitzt tatsächlich auf Cats Platz und wirst deswegen sofort deinen Hintern von diesem Stuhl bewegen. Ich weiß nicht, was in dich gefahren ist, Feehily, aber ich kann dein widerliches Verhalten nicht mehr länger gut heißen. Es ist unmöglich, wie du Cat behandelst. Sie hat dir nichts getan. Ich wiederhole: Sie hat dir wirklich nichts getan, okay? Womit hat sie es bitte verdient, dermaßen von dir gestraft zu werden? Herrgott noch mal. Du bist ein erwachsener Mann, von dem man eigentlich mehr erwarten sollte. Mark, ich hab dich bis jetzt immer geschätzt, aber langsam treibst du dein Spielchen zu weit. Nur weil du offensichtlich ein Problem mit Cat hast, muss das noch lange nicht bedeuten, dass uns genauso geht. Ich kann nämlich von mir behaupten, dass ich sie Mark. Das ich sie bereits jetzt in mein Herz geschlossen habe. Wenn du das nicht verstehen willst, dann solltest du derjenige sein, der sich an einen anderen Tisch setzt.“ Nicky hatte eigentlich nicht vorgehabt, derart laut und aggressiv zu sprechen, doch all die Wut, die sich im Laufe der Zeit angestaut hatte, musste er heraus lassen. Ob er wollte oder nicht. Mark, vollkommen perplex, starrte entsetzt zu Nicky.
„Das meinst du nicht ernst, oder?“, zischte er mit zusammengebissenen Zähnen.
„Doch, Mark. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ernst ich das meine. Cat hat es nicht verdient, so von dir behandelt zu werden. Du solltest dich schämen, Mark Feehily.“ Die beiden jungen Männer sahen sich einen Moment lang stillschweigend in die Augen. Regten sich nicht einen Zentimeter. Schienen noch nicht einmal mehr zu atmen. Mark war der Erste, der seinen Blick abwendete, sich ruckartig erhob und wortlos aus dem Speisesaal stürmte.

Cat blickte ihm betroffen nach und setzte sich dann langsam auf den freigewordenen Platz.
So weit hatte sie es nun wahrlich nicht kommen lassen wollen.
Es freute sie zwar, dass Nicky Partei für sie ergriffen hatte, doch es ängstigte sie zugleich auch, dass Mark all das scheinbar nicht an sich heranließ. Gott, sie war Schuld an diesem schrecklichen Streit.
Schuld daran, dass sich die beiden Freunde eine hitzige Diskussionen geliefert hatten.
„Hey, schau nicht so traurig, Cat. Mark beruhigt sich wieder“, meinte Nicky, als hätte er Cats Gedanken lesen können.
„Hoffentlich hast du recht. Ich meine, ihr seid langjährige Freunde und habt euch wegen mir gestritten. Das war ganz sicher nicht meine Absicht.“
„Das behauptet auch niemand, Cat. Es war ganz einfach Zeit, Mark endlich von seinem hohen Ross herunter zu holen. Manchmal braucht er das, um den Boden nicht aus den Augen zu verlieren“, erwiderte Nicky lächelnd und beendete somit diese ledige Thematik.

*

„Cat, kannst du bitte kurz zu mir kommen?“ Dave winkte Cat wild gestikulierend zu sich, während die Jungs sich in das Nebenzimmer verzogen hatten, um sich umziehen.
„Was ist denn, Dave? Ich muss die schwarzen Hemden noch dringend umändern.“
„Ich hab von deiner Auseinandersetzung mit Mark erfahren“, begann er vorsichtig und fuhr sich über den sorgfältig rasierten Kopf.
„Wer hat dir davon erzählt?“
„Shane. Er wollte mich darauf aufmerksam machen, dass ihr scheinbar große Probleme miteinander habt. Stimmt das?“ Cat seufzte auf und zog ihre übergroße Strickjacke fester um ihren Körper.
Gott, alle Welt schien über die Disharmonie zwischen ihr und Mark bescheid zu wissen.
„Ja, es stimmt, aber es liegt nicht allein an mir, Dave. Ich will mich eigentlich nicht mit Mark streiten.
„Das weiß ich, Cat. Shane hat es erwähnt. Heute beim Frühstück soll es besonders schlimm gewesen sein, richtig.“
„Richtig“, nickte Cat seufzend.
„Hat er dich verletzt?“
„Wer?“
„Na Mark. Hat er dich in irgendeiner Weise verletzt?“ Dave sah durchdringend zu ihr herab.
„Wenn du wissen willst, ob er mir gegenüber handgreiflich geworden ist, kann ich dich beruhigen. Er hat mich nicht angefasst“, schüttelte sie vehement mit dem Kopf. Cat war nicht sonderlich glücklich über den Verlauf des Morgens, wusste jedoch, dass sie im Laufe der Woche vermutlich noch mehrmals mit den Geschehnissen konfrontiert werden würde.
„Nein, das meinte ich nicht, Cat. Man kann einem Menschen auch durch Worte weh tun.“
„Das stimmt“, pflichtete ihm Cat leise bei, den Blick auf den Parkettboden gerichtet.
„Hat er das getan? Hat dir Mark durch seine Worte weh getan?“
„Natürlich hat er das. Sehr sogar. Weißt du, es ist nicht gerade angenehmen, wenn man gesagt bekommt, dass man hier nur geduldet wird. Mark hat mich sehr verletzt. Mehr, als ich anfänglich wahr haben wollte. Hätte Nicky nicht eingegriffen, wäre ich wahrscheinlich auf ihn losgegangen und hätte ihm eine saftige Ohrfeige verpasst“, erklärte Cat tief betroffen, obwohl sie versuchte, ihre Gefühle zu unterdrücken, sie nicht nach außen treten zu lassen.
„Ich werde ihn mir noch mal zur Brust nehmen und ein ernstes Wort mit ihm wechseln. So kann es unmöglich weiter gehen. Mark muss begreifen, dass du ein Teil des Teams bist und er dich respektieren und akzeptieren muss.“ In die letzten Worte legte Dave besonders viel Betonung.
Cat wollte gerade etwas erwidern, bekam allerdings nicht die Gelegenheit dazu, da aus dem Nebenzimmer lautstark nach ihr verlangt wurde. Und es war ausgerechnet Marks Stimme, die gellend ihren Namen rief.

Mit den Augen leiernd durchquerte sie den Hauptraum, um anschließend die Tür des Nebenzimmers zu öffnen. Die Jungs hatten nicht mehr sonderlich viel Zeit, mussten in weniger als zehn Minuten fertig gekleidet und gestylt im Studio sitzen.
„Was ist denn los?“, wollte Cat wissen und versuchte Mark im Zimmer ausfindig zu machen. Doch außer Nicky und Shane, die sich gerade die Schuhe banden, konnte sie niemanden erkennen.
„Ich bin hier!“, kam es plötzlich aus einer Kabine rechts neben ihr und Cat seufzte innerlich auf.
Mark schien Probleme mit seiner Kleidung zu haben und sie konnte sich lebhaft vorstellen, dass er sie jeden Moment dafür verantwortlich machen würde.
„Soll ich zu dir in die Kabine kommen?“, hakte sie nach, um einem möglichen Fehler vorzubeugen.
„Natürlich sollst du das. Von draußen kannst du schließlich wenig tun.“
„Okay, dann komme ich jetzt rein“, kündigte Cat an und nahm einen langen Atemzug. Langsam schieb sie den Vorhang der Kabine zur Seite, trat hinein zu Mark und riss erschrocken ihren Mund auf.
Er stand lediglich mit Boxershorts bekleidet vor ihr und hielt ihr seine schwarze Stoffhose entgegen. Cat benötigte einen Moment, um ihren Blick von seinen kräftigen Beinen abzuwenden und schüttelte leicht verwirrt den Kopf.
„Was ist mit dir Hose?“ Sie nahm sie entgegen und betrachtete sie kritisch.
„Sie ist zu klein, verdammt“, poltere Mark.
„Und was soll ich bitte daran ändern?“
„Du hättest wissen müssen, das sie mir nicht passt.“
„Warum hätte ich das wissen müssen?“
„Weil du während dieser Woche unsere Stylisten und somit verantwortlich für Klamotten bist. Schon vergessen?“ Mark sah sie verachtend an und stemmte seine Arme in die Hüften.
„Reg dich doch nicht so auf, Mark. Es ist nur eine Hose“, schlichtete Cat nüchtern und schickte sich an, die Kabine wieder zu verlassen, als Mark nach ihrem Handgelenk griff und sie zurück wirbelte.
Cat spürte, wie sich ihr Herzschlag unwillkürlich beschleunigte. Was sollte das?
„Lass mich los, Mark. Ich werde dir die Hose eine Nummer größer besorgen.“
„Du weißt ganz genau, dass es mir nicht um die Hose geht, Catherine“, zischte er bedrohlich, seinen Griff noch einmal spürbar verstärkend. Cat verstand nicht, versuchte ihre wirren Gedanken zu ordnen.
„Aber ich dachte, dich stört, dass die Hose zu klein ist.“
„Du verstehst nichts, Cat. Überhaupt nicht.“ Und mit diesen Worten zog er Cat dichter zu sich heran, drückte seine Lippen beinahe schmerzhaft auf die Ihrigen und drang mit einer ungeahnten Intensität mit seiner Zunge ihren Mund ein. Cat wusste nicht, wie ihr geschah, versuchte dem Ganzen etwas entgegen zu setzen, war jedoch nicht in der Lage dazu und ließ ihn gewähren.
Noch nicht, so glaubte sie, wurde sie von einem Mann mit einer solchen Gier und Härte geküsst.
In dem Moment, als sie wieder zur Besinnung kam und Mark von sich stoßen wollte, ließ er von selbst von ihr ab, riss ihr die Hose regelrecht aus den Händen und stürmte ohne eine weitere Bemerkung aus der Kabine. Er ließ sie zurück. Vollkommen verwirrt und erschüttert.

*

„Erzählen Sie uns etwas von der Rolle als frischgebackener Vater, Shane. Wie ist es, plötzlich ein eigenes Kind zu Hause zu haben, dass unentwegt nach Aufmerksamkeit verlangt?“, fragte die Moderatorin, nachdem sie ihr kleines hellblaues Kärtchen überflogen hatte.
Shane lehnte sich auf dem roten Sofa zurück und atmete tief durch.
Er hatte gewusst, dass diese Frage früher oder später kommen würde.
„Es ist wunderbar ein Kind zu haben, wissen Sie. Ich liebe Alana über alles und kann mir ein Leben ohne sie mittlerweile nicht mehr vorstellen. Sie ist ein sehr liebes Kind und schon jetzt unwahrscheinlich gut erzogen. Alana macht mit ihrer Mum und mir kaum Arbeit, schläft nachts sogar schon durch“, erzählte Shane bereitwillig, ohne dabei zu merken, wie er langsam ins schwärmen geriet. Wann immer er über seine kleine Tochter redete, versank er förmlich in einer anderen Welt.
„Ich nehme an, es ist schwer für sie, nach der Geburt Ihrer Tochter wieder arbeiten zu gehen, nicht?“
„Anfangs war es zugegeben schon nicht ganz einfach, aber ich wusste schließlich, auf was ich mich einlasse. Wenn wir in Irland unterwegs sind, nehme ich meine Frau und meine Tochter zu Auftritten meistens mit, wenn wir uns allerdings im Ausland aufhalten, ist das aufgrund Alanas Alter natürlich nicht möglich. Dann telefoniere ich lediglich mit Gillian und höre ab und zu im Hintergrund Alanas schreien, wenn sie Hunger hat oder ihr niedliches Schnorcheln, wenn sie schläft. Alles in allem habe ich meine Familie also ständig um mich herum.“ Er lächelte und fuhr sich unbewusst durch sein Haar.
Die Moderation gab sich mit dieser Antwort zufrieden und widmete sich an den anderen Jungs.
Stellte ihnen Fragen über ihr Privatleben, über ihre Zukunftspläne und ließ die Musik dafür größtenteils außer acht. Cat, die das ganze Szenario hinter den Kulissen beobachtet hatte, schüttelte verständnislos den Kopf, meldete sich bei Dave ab und verschwand schnellen Schritts in den Aufenthaltsraum der Jungs. Sie sehnte sich nach ein wenig Ruhe. Nach ein wenig Zeit, um nachdenken zu können. Marks Kuss steckte ihr noch immer in den Knochen und es galt, sich damit auseinander zu setzen. Ob ihr das gefiel oder nicht.

Schwerfällig und mit ausgebreiteten Armen ließ sich Cat auf die Couch fallen und platzierte beide Hände auf ihrem Bauch. Sie verstand Mark nicht, wurde aus seinem Verhalten einfach nicht schlau. Warum zum Teufel hatte er sie geküsst, wo er doch im Grunde gar nicht weit genug von Cat entfernt sein konnte? Sie verstand es nicht. Erst tobte er, weil seine Hose zu klein war und dann küsste er sie plötzlich mit einem solchen Verlangen, wie es Cat selten zuvor erlebt hatte.
Was sollte das alles? Was für ein Spiel trieb er hier nur mit ihr?
Cat mochte Mark nicht, hasste ihn sogar zeitweise und musste dennoch zugeben, dass ihr dieser Kuss gefallen hatte. Das sie es förmlich bedauert hatte, als Mark sich von ihr gelöst hatte.
Und trotzdem wusste sie, dass dieser Kuss alles andere als richtig war.
Er stimmte mit Marks Verhalten ihr gegenüber ganz einfach nicht überein.

Cat seufzte lautstark und beförderte ihr Handy aus ihrer Hosentasche zutage.
Es war Zeit für einen befreienden Anruf bei Holly.
Rasch wählte sie die Nummer ihrer besten Freundin und wartete auf das Freizeichen. Cat wusste zwar nicht genau, was sie Holly eigentlich sagen wollte, doch sie musste mit jemandem reden.
„Hallo?!“, kam es keuchend vom anderen Ende der Leitung.
„Auch hallo“, meldete sich Cat grinsend und streckte ihre leicht geschwollenen Beine aus.
Himmel, diese Schwangerschaft setzte ihr langsam aber sich ganz schön zu.
„Cat? Bist du das?“
„Ja. Hallo, Holly. Ich dachte, ich melde mich mal bei dir.“
„Das dachtest du also. Aha. Musst du nicht arbeiten?“ Holly stutzte.
„Doch. Ich musste die Jungs für einen Fernsehauftritt einkleiden, den sie gerade absolvieren. Deswegen hab ich ein bisschen Freizeit“, erklärte Cat schulterzuckend.
„Und wie gestaltest du deine Freizeit?“
„Mit telefonieren, wie du unschwer erkennen kannst“, lachte Cat und warf einen flüchtigen Blick auf ihre Uhr. Allzu lange würde der Termin nicht mehr andauern.
„Hör mal, Süße. Du rufst mich doch nicht umsonst an, oder?“ Gott, Holly kannte ihre beste Freundin wirklich gut. Manchmal sogar zu gut.
„Ja, du hast recht“, gab Cat seufzend zu. „Holly? Ich wurde vor etwa einer Stunde auf das Übeleste bestimmt und anschließend so leidenschaftlich geküsst, das mein ganzer Hormonhaushalt durcheinander geraten ist.“
„WAS??? Cat, WER hat dich geküsst? Wer?“
„Mark Feehily“, entwich es Cat kleinlaut. Sie hatte Holly mehr als ein Mal gesagt, wie unausstehlich sie diesen Mann fand und nun war sie doch tatsächlich von ihm geküsst worden. Unglaublich.
„Mark Feehily? Der Mark Feehily? Aber ich dachte ihr hasst euch!“
„Das tun wir doch auch.“
„Aber wenn man sich hasst, dann küsst man sich doch nicht“, kreischte Holly.
„Ich weiß“, entgegnete Cat wehleidig. Sie hatte so sehr gehofft, dass Holly ihr eine plausible Erklärung für die vorherrschende Situation geben würde, doch nichts dergleichen geschah.
Ganz im Gegenteil. Holly war genauso erschüttert, wie Cat gute sechzig Minuten zuvor.
„Und nun? Ich meine – was passiert nun mit euch? Seid ihr zusammen?“
„Hilfe, Holly. Wir sind ganz bestimmt nicht zusammen und werden es auch niemals sein. Ich bin weder an ihm, noch an einer festen Beziehung interessiert. Nicht zuletzt dank meiner Schwangerschaft“, empörte sich Cat.
„Apropos Schwangerschaft. Weißt du, wer mir heute Morgen über den Weg gelaufen ist? Ethan. Er hat sich nach dir erkundigt.“
„Nach mir?“ Cats Augen weiteten sich schlagartig. Seit ihrer Trennung von Ethan hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Stand in keinerlei Kontakt mehr zu ihm. Weshalb also erkundigte er sich nun nach ihr?
„Ja, nach dir. Er wollte wissen, wie dein Studium läuft und ob es dir gut geht.“
„Aber du hast ihm doch nichts von der Schwangerschaft erzählt, oder?“
„Um Gottes Willen, Cat. Natürlich habe ich ihm nichts davon erzählt“, verneinte Holly die Frage, sehr zu Cats Beruhigung. Sie wollte gar nicht daran denken, wie Ethan reagieren würde, würde er erst einmal wissen, dass er Vater wurde.
„Du, Holly. Ich muss Schluss machen. Die Jungs scheinen gerade zu kommen. Lass uns heute Abend noch mal telefonieren, okay?“ Cat hatte Geräusche aus dem Flur vernommen und kurz darauf Nickys markante Stimme erkannt. Sie wollte nicht mit Holly telefonieren, wenn die Jungs praktisch mithören konnten.
„Alles klar. Kopf hoch, Cat. Bis dann.“
„Bye.“

*

Am Abend, Dublin

Unentschlossen starrte Ruby auf ihr Telefon, fixierte den Apparat förmlich.
Bereits den ganzen Tag über wartete sie auf einen Anruf. Wartete darauf, dass er sich bei ihr meldete. Schließlich hatte er das gesamte Wochenende ununterbrochen bei ihr angerufen und sich nach ihr erkundigt. Warum tat er das jetzt nicht mehr? Weil sie nicht abgenommen hatte? Weil sich Ruby einfach nicht dazu durchringen konnte, sich bei ihm zu melden?
Herrgott, wieso nur war alles plötzlich derart kompliziert geworden?
Ruby kannte Kian knapp drei Wochen und trotzdem hatte er ihr gewohntes Leben auf unnachahmliche Weise aus der Bahn gebracht. Sie war verwirrt, von ihren eigenen Gefühlen überwältigt.
„Ruby, verdammt. Greif endlich zum Telefonhörer und ruf ihn an“, sprach sie sich selber Mut zu und griff entschlossen nach dem Hörer. Sie zögerte zwar noch einen Augenblick lang, langte dann aber dennoch nach dem kleinen weißen Zettel neben dem Telefon und wählte langsam und mit zitternden Fingern sorgsam Kians Nummer.

Ruby wusste nicht, was sie sagen sollte, wie sie ihren Anruf rechtfertigen würde, doch irgendetwas würde ihr einfallen. Ganz sicher. Irgendetwas musste ihr einfallen.
Sie fuhr erschrocken zusammen und machte einen Satz zurück, als sie seine Stimme auf einmal vernahm. Ruby versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen und nahm einen tiefen Atemzug, um wenigstens ein Wort über die Lippen zu bringen.
„Hallo, Kian. Ich bin’s, Ruby“, setzte sie mit gebrechlicher Stimme an und biss sich nervös auf ihre Unterlippe.
„Ruby? Gott sei dank. Ich habe mir schreckliche Sorgen um dich gemacht. Warum hast du dich nicht gemeldet? Ich hab so oft versucht, dich zu erreichen. Wo warst du nur?“ Kian überhäufte sie regelrecht mit Fragen und überforderte Ruby damit unwahrscheinlich.
Sie hatte keine Ahnung, wie sie ihm antworten sollte. Sollte sie ehrlich sein und ihm ihre Gefühle gestehen? Nein, besser nicht. Zumindest nicht am Telefon. Um diese Thematik zu klären, musste sie persönlich mit ihm reden, ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber sitzen.
„Es tut mir leid, Kian, aber ich musste arbeiten.“
„Das ganze Wochenende?! Ruby, erzähl mir keine Märchen.“
„Ich erzähle dir keine Märchen. Ich musste wirklich arbeiten“, rechtfertigte sie sich, wenn auch wenig überzeugend. Sie schien Kian mit ihrem Verhalten tatsächlich verärgert zu haben.
„Aber du hättest dich doch bei mir melden können. Oder hast du deinen Anrufbeantworter nicht abgehört?“
„Doch“, entgegnete Ruby leise und fühlte sich mit einem Mal fürchterlich schuldig.
„Also hast du dich wohlweißlich nicht bei mir gemeldet. Gut zu wissen“, schnaubte Kian aufgebracht und erschreckte Ruby zutiefst? Hatte sie ihn wirklich dermaßen verärgert?
„Kian, ich kann dir das erklären.“
„Du musst mir nichts erklären, Ruby. Es ist deine Sache, was du tust bzw. was du nicht tust. Offensichtlich wolltest du den Kontakt zu mir meiden, also habe ich das zu akzeptieren.“
„Hör auf, Kian. Du verdrehst die Tatsachen.“ Rastlos durchquerte sie ihr Wohnzimmer, um sich auf einen Stuhl zu setzen und ihren zitternden Beinen somit Entlastung zu bieten.
„Dann erklär es mir, Ruby. Erklär mir, warum du mich nicht angerufen hast. Irgendeinen plausiblen Grund muss es doch geben. Oder etwa nicht?“
„Ach Kian“, seufzte Ruby wehleidig. „Die gibt es auch.“
„Dann klär mich doch verdammt noch mal auf.“ Ruby schloss ihre Augen und verfluchte dieses Telefonat. Hätte sie ihn doch bloß nicht angerufen...
„Das geht nicht, Kian. Zumindest nicht jetzt.“
„Und warum nicht?“
„Weil es zu verworren ist. Ich will dir das alles nicht per Telefon erklären.“
„Okay, damit muss ich wohl oder übel leben, was?“ Er klang etwas versöhnlicher, als noch wenige Minuten zuvor.
„Wenn du damit leben kannst?!“
„Ich denke schon. Also reden wir über das alles, wenn ich zurück in Irland bin, ja?“ Ruby war plötzlich ganz erleichtert, als sie unbewusst in den Hörer nickte.
„Das wäre schön.“
„Gut. Dann stehe ich spätestens am Freitag bei dir auf der Matte und verlange nach einer befriedigenden Erklärung. Du, ich muss jetzt Schluss machen. Die Arbeit ruft. Mach dir noch einen schönen Abend und überarbeite dich nicht.“ Er lachte leise.
„Nein, das werde ich nicht tun. Dir wünsche ich auch noch einen schönen Abend. Tschüß.“
„Tschüß, Ruby.“

Zufrieden mit sich und dem Verlauf des Gesprächs, legte Ruby den Hörer zurück auf die Station und lehnte sich nun wesentlich entspannter zurück. Eigentlich hatte sie angenommen, Kian wäre länger unterwegs – das er nun jedoch am Freitag schon zurück sein würde, gefiel ihr natürlich.
Lächelnd schaltete sie sich den Fernseher ein und griff nach einem der zahlreich vorhandenen Zitronenbonbons, die auf dem Glastischchen neben der Couch verteilt waren.
Sie würde Kians Worte befolgen und sich einen gemütlichen Abend machen.

*

Später Abend, London, Hotel

Rücklings und mit ausgebreiteten Armen ließ sich Cat auf das breite Bett ihres Hotelzimmers fallen und ächzte geräuschvoll auf, als sich regelrecht alle Knochen ihres Körpers knackend zu Wort meldeten. Sie war unwahrscheinlich erschöpft, hatte das Gefühl, den ganzen Tag lang schwere körperliche Arbeit geleistet zu haben, obwohl das prinzipiell wahrlich nicht der Fall war.
Cat hatte sich den Tag über lediglich mit unzähligen Stoffmustern und einigen Kleidungsstücken der Jungs beschäftigt, sich ab und zu um die Einkleidung gekümmert und war dann abrupt von Mark in einer der Umkleidekabinen geküsst worden. Ohne ein Wort der Erklärung.

Kopfschüttelnd richtete sie sich auf und platzierte beide Hände unbewusst auf ihrem Bauch.
Es beschämte sie sehr, tief in ihrem Inneren zugeben zu müssen, dass ihr der Kuss gefallen hatte.
Das sie es genossen hatte, Marks Lippen plötzlich auf ihren zu spüren. Er hatte ihr unweigerlich den Atem geraubt, sie mit diesem Kuss in vollkommen andere Sphären versetzt.
Doch warum hatte er das getan? Warum hatte er Cat einfach geküsst, wo er doch für gewöhnlich nicht genug Abstand von ihr halten konnte. Cat hatte sich in den letzten Stunden um eine Antwort bemüht, unentwegt über das Geschehenne nachgedacht und war trotzdem zu keinerlei Lösung gekommen. Auch ihre Versuche, mit Mark in Kontakt zu treten, waren bereits in Ansatz kläglich gescheitert. Er tat sein bestes, um sie ignorieren, würdigte sie noch nicht einmal eines Blickes, wenn ihr an ihr vorbeiging oder aufgrund der Kleidung unweigerlich mit ihr konfrontiert wurde.
Cat hasste ihn dafür, doch zugleich machte es für sie auch einen schrecklich großen Reiz aus, zu versuchen, hinter die Fassade des Mark Feehilys zu blicken, heraus zu finden, was in ihm vorging, was ihn beschäftigte. Denn das ihn etwas beschäftigte war nur allzu offensichtlich.
Ein Seufzen schlich sich über Cats blasse Lippen, wurde jedoch sofort erstickt, als ein dumpfes Klopfen unerwartet in ihre Gehörgänge drang. Jemand schien das Bedürfnis zu verspüren, sie zu sehen.
Vermutlich war es Dave, der mit ihr Details des kommenden Tages besprechen wollte.
Schwerfällig richtete sie sich deshalb vom Bett auf und schlurfte durch das geräumige Hotelzimmer, hinüber zur Tür. Cat hatte selbige noch nicht einmal ein paar Zentimeter geöffnet, als sie mit einem Mal den dringenden Wunsch verspürte, sie augenblicklich wieder zu schließen.
Es war nicht Dave, der angeklopft hatte. Es war Mark. Ausgerechnet Mark.

„Hallo. Störe ich?“, fragte er und vergrub seine Hände in den Taschen seiner Jeans.
„Na ja“, stammelte Cat und bemühte sich um einen ruhigen Atem. Warum war sie plötzlich dermaßen aufgeregt? „Ich wollte mich eigentlich gerade hinlegen.“
„Oh. Ach so.“
„Ähm, was willst du denn? Ich meine, es ist nicht gerade normal, dass du dich vor meine Zimmertür verirrst, oder?“ Cat wusste nicht recht, was sie sagen, wie sie sich verhalten sollte, und konfrontierte Mark deshalb einfach mit den Dingen, die ihr gerade in den Sinn kamen.
Vielleicht würde er von alleine das Thema Kuss ansprechen. Wohlmöglich war er sogar deswegen nur gekommen. Um mit Cat über den Kuss zu reden und ihr zu erklären, dass er nicht Herr seiner Sinne war, als er seine Lippen auf ihre gepresst hatte. Ja, genauso musste es sein.
„Ich wollte mit dir reden, Catherine“, antwortete Mark leise und sah sich kaum merklich auf dem leeren Hotelgang um.
„Reden. Aha. Und über was, wenn ich fragen darf?“
„Über...über ein paar Dinge, die dringend geklärt werden müssen“, erwiderte er schulterzuckend und ziemlich unbeeindruckt. Cat nickte lediglich und wollte einen Schritt zur Seite machen, um Mark eintreten zu lassen, als ein jähes Gefühl der Übelkeit in ihr aufstieg.
Gott, wieso musste das ausgerechnet jetzt geschehen, wo Mark das scheinbar klärende Gespräch suchte? Himmel, sie hätte ihre Schwangerschaft im Augenblick verfluchen können, wahrte aber ihre Fassung und nahm einen tiefen Atemzug.
„Geht’s dir nicht gut?“ Mark hatte sich ein wenig zu Cat herunter gebeugt, als er ihren veränderten Gemütszustand bemerkt hatte.
„Doch. Doch, geht schon. Mir ist nur ein bisschen schlecht. Mehr nicht“, versuchte sie die Situation als belanglos abzutun, obwohl die Übelkeit scheinbar im Sekundentakt zunahm.
Verdammt, das Gespräch mit Mark konnte sie vergessen, wenn sie vermeiden wollte, sich auf seinem T-Shirt zu übergeben.
„Du...Mark – lass uns die Unterhaltung bitte verschieben. Okay? Ich...ich leg mich jetzt besser hin. Gute Nacht.“ Ohne eine Reaktion von Mark abzuwarten, knallte sie die Tür zu und sprintete mit schnellen und unkontrolliert wirkenden Schritten in das nahe Badezimmer, zu der rettenden Kloschüssel.

*

19. Oktober 2005, früher Morgen

Unsanft wurde Cat aus ihrem unruhigen Schlaf gerissen, als das Klingeln des Telefons allmählich, aber intensiv in ihre Gehörgänge drang. Sie fuhr erschrocken nach oben und stützte sich mit beiden Händen auf der weichen Matratze ab, die Augen halb geschlossen. Cat hatte das Gefühl, Unmengen von Sand in ihren Augen zu haben und rieb sie sich deshalb mit einer Hand.
Anschließend langte sie umständlich nach dem Telefonhörer und presste ihn an ihr Ohr.
„Catherine O’Connor“, meldete sie sich gähnend und strich sich eine Strähne ihre hellen Haares aus der Stirn. Es war einen Moment lang still am anderen Ende der Leitung – erst dann meldete sich eine tiefe, wohlbekannte Männerstimme. Cat glaubte, jemand würde ihr den Boden unter den Füßen wegziehen. Das durfte nicht wahr sein; Ethan war am Telefon, hatte sie angerufen.
Augenblicklich hämmerten Tausende von Fragen auf Cat ein, die sie unmöglich beantworten konnte.
„Guten morgen, Cat. Ich bin’s, Ethan. Habe ich dich geweckt?“, fragte er vorsichtig und unwahrscheinlich leise, sodass Cat arge Probleme damit hatte, ihn zu verstehen.
„Ja, hast du. Was willst du eigentlich? Woher weißt du, dass ich in London bin? Und woher in Gottes Namen hast du meine Telefonnummer?“ Cat wusste sich nicht anders zu helfen, als ihn mit Unmengen an Fragen unweigerlich aus der Reserve zu locken. Sie verwirrt und hasste es!
„Holly hat es mir erzählt“, antwortete Ethan. Cat schloss ungläubig ihre Augen und atmete tief durch.
Wieso hatte sie es nur geahnt? Gott, Holly musste von allen guten Geistern verlassen gewesen sein. Wie konnte sie Ethan nur Cats Telefonnummer geben? Wie nur, wo Cat nach der Trennung von Ethan ausdrücklich gewünscht hatte, vorläufig in keinerlei Kontakt mehr zu ihm zu treten?
Sie hätte am liebsten auf der Stelle wieder aufgelegt, nahm sich aber zusammen und versuchte sich langsam wieder zu sammeln. Rief er wohlmöglich wegen dem Baby an?
Wusste er vielleicht, dass Cat schwanger war? Das Cat von ihm schwanger war?
Cat verdrängte diesen Gedanken eilig und schüttelte emsig ihren Kopf. Nein, Holly würde ihm niemals davon erzählt haben. Niemals.

„Schön, das Holly es dir erzählt hat. Dann wird sie dir sicherlich auch gesagt haben, dass ich eine anstrengende Woche für mir habe und auf meinen wertvollen Schlaf nicht verzichten kann. Wenn du also nur anrufst, um mir auf die Nerven zu gehen, werde ich sofort wieder auflegen“, kündigte Holly aufgebracht an und klemmte ihre kalten Füße unter ihren Po. Sie vergaß aufgrund der ganzen Aufregung sogar ihre kurzzeitige Übelkeit.
„Cat, hör mir bitte zu. Ich muss dir etwas wichtiges sagen.“
„Nichts musst du. Was für dich wichtig ist, ist für mich belanglos.“
„Bitte, ich flehe dich an“, versuchte es Ethan erneut und klang ehrlich betroffen. Aus welchem Grund auch immer. Cat wurde hellhörig und beschloss schweigend, Ethan reden zu lassen. Egal, was er zu sagen hatte. Scheinbar lag ihm tatsächlich etwas auf dem Herzen – war es doch die Schwangerschaft?
„Na schön. Dann rede eben. Aber tu mir den Gefallen und fass dich kurz. Ich würde gerne noch ein bisschen schlafen, bevor ich mich durch sämtliche TV-Studios Englands kämpfe“, seufzte Cat theatralisch und dachte mit Grauen an die kommenden Stunden.
„Aber das, was ich dir sagen muss, ist nicht mit wenigen Worten abzutun.“
„Probier es.“

Stille. Keiner der beiden sagte etwas. Nur Ethans gleichmäßige Atemzüge waren zu hören.
Cat wurde ungeduldig. Hatte sie nicht gesagt, er sollte sich beeilen?
Stattdessen schwieg er sie an – einfach so. Herrgott noch mal.
„Ethan, ich lege gleich auf, wenn du Mund nicht innerhalb von drei Sekunden aufkriegst“, drohte Cat unmissverständlich an und erhob sich langsam vom Bett, als sich ihr Rücken schmerzend zu Wort meldete. Gott, sie war gerade erst im dritten Monat schwanger und fühlte sich schon jetzt wie eine alte Frau. Wie sollte das erst werden, wenn sie im neunten Monat und somit hochschwanger war?
„Es ist nicht so einfach, Cat. Glaub mir“, sagte er und stieß einen vernehmlichen Seufzer aus.
Cat, die mittlerweile auf der Couch saß, verzog ihre Mundwinkel zu einer Grimasse.
„Was ist nicht so einfach, Ethan? Was? Rück endlich raus mit der Sprache. Gott, ich beiße doch nicht, schon gar nichts durchs Telefon hindurch. Nun?“
„Cat, man hat mich benachrichtigt“, begann er zaudernd.
„Benachrichtigt? Was meinst du damit?“ Cats Herz schlug mit einem Mal unzählige Takte schneller. Sollte er damit etwa doch ihre Schwangerschaft meinen?
„Ich hab vor ungefähr zehn Minuten einen Anruf erhalten.“
„Vor zehn Minuten? Einen Anruf? Meine Güte, lass dir doch nicht alles einzeln aus der Nase ziehen.“ Cat war ehrlich nervös. Sie wusste nicht, auf was er hinaus wollte, konnte seine zusammenhangslosen Sätze nicht deuten. Er redete von einem Anruf; doch was meinte er damit?
„Cat, setz dich am besten.“
„Wieso? Was zum Teufel ist denn nur los?“
„Deine Mum ist letzte Nacht gestorben.“

Sechs Worte, die Cat den Boden unter den Füßen wegrissen.
Hatte sie sich eben gerade verhört? Hatte Ethan tatsächlich gesagt, dass ihre Mutter gestorben wäre? Ihre Mummy? Das konnte unmöglich wahr sein; sie musste sich verhört haben.
Ihre Mutter war kerngesund, litt nie an irgendwelchen Krankheiten. Wieso also sollte sie so dermaßen plötzlich gestorben sein? Das war ein Ding der Unmöglichkeit.
„Ethan, darüber macht man keine Scherze“, flüsterte sie, in der Hoffnung, dass Ethan sich wirklich nur einen Scherz mit ihr erlaubt hatte. Einen Scherz, der weit weg von der Realität war.
„Ich scherze nicht, Cat. Deine Mum wurde gestern Abend aus noch unbekannten Gründen von einem Lastwagen erfasst und ist letzte Nacht ihren schweren Verletzungen erlegen. Man hat mich benachrichtigt, weil man dachte, wir wären noch zusammen. Und weil du nicht auffindbar warst“, erklärte Ethan, als würden seine Worte zu Besserung der Situation beitragen.

Es vergingen einige Minuten, bis Cat die Nachricht vom Tod ihrer Mutter realisiert hatte.
Sie fühlte eine Leere, eine fast greifbare Leere, die sich wie ein Schleier eisiger Kälte über ihren gesamten Körper legte. Cat zitterte, spürte ein Hämmern in ihrer Schläfengegend und glaubte, sich jeden Augenblick übergeben zu müssen. Noch nie hatte sie etwas derart schlimmes durchlebt.
„Cat? Alles okay?“, holte sie Ethan abrupt in die Gegenwart zurück.
„Okay? Du fragst mich ernsthaft, ob alles okay ist? Ethan, meine Mum ist gestorben“, flüsterte sie entsetzt und endlich liefen die ersten Tränen. Oh Gott.
„Das muss schrecklich für dich sein und ich wäre jetzt gerne bei dir, um dir Trost zu spenden.“
„Ich brauche keinen Trost.“
„Doch, den brauchst du. Glaub mir, Cat.“
„Ethan, lass mich einfach in Ruhe, ja?“ Ohne ein weiteres Wort ließ Cat den Hörer sinken und starrte lethargisch auf ihr Bett. Ihr Herzschlag beschleunigte sich von Sekunde zu Sekunde, nahm beinahe schmerzhafte Ausmaße an. Ihre Mum war gestorben. Einfach gestorben.
Wieso? Weshalb?
Himmel, nun hatte Cat niemanden mehr. Überhaupt niemanden mehr.
Ihre Mum war die einzigste nahe Verwandte gewesen – und jetzt war sie tot.

Schwankend nahm sie den kurz zuvor abgelegten Telefonhörer erneut auf und wählte zaudernd die Nummer ihres Vorgesetzten. Die Nummer von Louis Walsh. Cat konnte unter diesen Umständen keine Minute länger mehr in diesem Hotel und dieser Stadt verweilen, musste ganz dringend nach Hause. Nach Irland. Herrgott, sie hatte so viele Besorgungen zu machen, musste sich um die Bestattung ihrer Mutter kümmern und entfernte Verwandte von dieser Tatsache informieren.
„Walsh“, meldete sich plötzlich eine grimmige Stimme.
Cat fuhr unweigerlich zusammen, schloss die Augen und versuchte, ihre wirren Gedanken wenigstens etwas zu ordnen.
„Guten morgen, Mister Walsh“, begann Cat. „Hier ist Catherine O’Connor.“
„Catherine, guten Morgen. Warum rufen Sie an? Gibt es ein Problem?“
„Na ja, nicht direkt, aber indirekt. Ich habe eben einen Anruf bekommen“, antwortete sie und platzierte eine Hand auf ihrem rebellierenden Magen, als ihr erneut übel wurde.
„Einen Anruf? Um was hat es sich denn gehandelt? War es etwas wichtiges?“ Louis klang ein wenig beunruhigt, schien bereits zu spüren, das etwas nicht in Ordnung war.
„Meine...meine Mutter ist...ist vergangene Nacht gestorben“, stammelte Cat unbeholfen und spürte ein weiteres Mal einen Schwall heißer brennender Tränen in ihren Augenwinkeln.
Sie wollte nicht weinen; nicht, wenn ihr Chef zuhören konnte. Und dennoch konnte sie sich nicht dagegen wehren. Sie flossen – einfach so, ohne das sie Einfluss darauf nehmen konnte.
„Oh Gott. Das tut mir leid.“ Mehr wusste selbst Louis Walsh darauf nicht zu erwidern.
„Danke. Weshalb ich Sie anrufe – nun, ich kann unmöglich hier in London bleiben. Es gibt viele Dinge zu erledigen. Die Beerdigung, dann muss ich ihre Wohnung ausräumen, Möbel wegschaffen und den Mietvertrag kündigen. Ich kann nicht hier bleiben und mit den Jungs durch Großbritannien reisen“, erklärte sie mit gebrechlicher Stimme und schluckte schwer.
Warum sah sie mit einem Mal so viele Sterne vor ihren Augen?
Warum hatte sie plötzlich das Gefühl, als würde sie in Treibsand stehen, der sie immer weiter nach unten zog?
„Selbstverständlich dürfen Sie nach Hause fahren. Bei einem Todesfall stelle ich Sie natürlich frei. Wenn Sie möchten, buche ich Ihnen schnellst möglich einen Flug, damit Sie in ein paar Stunden schon in Dublin zurück sind. Na, was meinen Sie, Catherine?“ Cat war aufgrund dieses Angebots zu Tränen gerührt und nahm es dankbar an.
„Gut, ich rufe Sie noch einmal zurück und gebe Ihnen die Abflugzeit durch, okay?“
„Okay. Und vielen Dank, Mister Walsh.“
„Kein Problem. Lassen Sie den Kopf nicht hängen, Catherine. Es wird alles gut.“ Mit diesen Worten unterbrach Louis die Leitung und ließ eine vollkommen aufgelöste Cat zurück.

Schwermütig legte sie den Hörer zurück auf die Station und schlurfte hinüber zu ihrem Kleiderschrank.
Aller wirkte fürchterlich trostlos, war schier unerträglich. Cat fühlte sich erdrückt und beklemmt, als stecke sie in irgendeinem kleinen Raum, in dem ihr die Luft zum atmen langsam, aber intensiv entzogen wurde. Sie konnte nicht glauben, was gerade mit ihr passierte.
Wie ihr eigentlich geordnetes Leben allmählich aus den Fugen geriet.
Sie war schwanger. Ihre Mum war tot. Mark hatte sie geküsst.
Das emotionale Chaos war perfekt.

*

Müde schlug Mark seine schweren Augenlider auf, als das Klingeln des Telefons langsam in seine Gehörgänge drang. Er richtete sich auf und stützte sich mit einer Hand auf der Matratze ab, bevor er mit der anderen nach seinem Handy auf seinem Nachtschränkchen griff und es an seine Ohrmuschel führte.
„Ja?!“, grummelte er unverständlich.
„Guten morgen, Schätzchen.“ Es war die Stimme seiner Mutter.
Mark lächelte und war mit einem Mal hellwach. Er liebte Anrufe seiner Familie, besonders aber Anrufe seiner Mutter. Sie baute ihn immer auf, sagte ihm immer wieder aufs neue, dass das, was er tat, richtig war. Egal in welchen Situationen er sich gerade befand.
„Mum. Ich hab nicht mit dir gerechnet“, entgegnete Mark ehrlich.
„Das konnte ich mir fast denken. Ich wollte mich eigentlich nur nach deinem Wohlbefinden erkundigen. Seid ihr gut nach London gekommen? Du hast dich gestern nicht mehr gemeldet.“
„Oh, das tut mir leid, aber wir hatten viel zu tun. Auftritte, Radiotermine – eben alles, was es zu erledigen gibt. Dabei hab ich euch leider völlig außer Acht gelassen“, entschuldigte er sich reuig und schwang seine Beine gemächlich aus dem warmen Bett. Aufstehen musste er sowieso.
„Schon in Ordnung, Mark. Du hörst dich krank an. Bist du erkältet?“ Mark kräuselte aufgrund dieser Frage seine Stirn und fasste automatisch an seinen Hals.
„Nein, eigentlich nicht. Wieso?“
„Du bist heiser, Schatz.“
„Das bin ich doch morgens immer“, versuchte Mark zu erklären und wollte in seinen Ausführungen fortfahren, als Marie im abrupt ins Wort fiel.
„Du bist morgens nur heiser, wenn du den Abend zuvor ordentlich Alkohol getrunken hast. War das denn der Fall?“
„Ähm...wie kommst du denn da drauf?“ Mark fühlte sich ertappt. Er hatte am gestrigen Abend wirklich etwas viel getrunken. Nicht etwa, weil ihm danach zumute war. Nein, vielmehr, um seine wirren Gedanken damit etwas zu ordnen. Zwar wusste er, dass das prinzipiell wenig Sinn machte, doch er brauchte Abstand. Abstand von seiner Denkweise, die sich fast ununterbrochen mit Cat beschäftigte.
Mit Cat und diesem unwahrscheinlich intensiven, beinahe leidenschaftlichen Kuss, den er sich in der Umkleidekabine in aller Dreistigkeit von ihr gestohlen hatte. Seit diesem Vorfall hatten sie kein Wort mehr miteinander gewechselt, doch Mark wusste nicht recht, ob er froh oder enttäuscht aufgrund dessen sein sollte. Eigentlich mochte er Cat nicht, ertrug es kaum, sie in seiner Nähe zu wissen, doch wenn sie eben nicht unmittelbar um ihn herum war, begann er sie zu vermissen.
Mehr als merkwürdig, stellte Mark innerlich fest und seufzte leise auf.
Er fühlte sich gefühlsmäßig vollkommen überfordert und würde den Kuss am liebsten ungeschehen machen. Allerdings musste er zugeben, dass er diesen Kuss durchaus genossen und gerne wiederholt hätte. Ob jedoch mit Cat, konnte er nicht recht beantworten.

„Mark, Schätzchen? Bist du noch dran?“, holte ihn Marie je in die Gegenwart zurück und ließ ihn mit ihrer etwas lauteren Stimme erschrocken zusammen fahren. Er nickte unbewusst in den Hörer, während sein Blick aus dem großen Zimmerfenster schweifte.
„Sicher. Du, kann ich dich später zurück rufen? Ich hab jetzt nämlich keine Zeit für ein ausführliches Telefonat“, lag er und fügte eilig hinzu: „Wir müssen gleich irgendeinen Fototermin erledigen und vorher würde ich schon gerne noch frühstücken.“
„Natürlich, Mark. Melde dich einfach, wenn du Zeit hast. Bestell den anderen Jungs schon Grüße.“
„Und du bestell Dad, Barry und Colin schöne Grüße.“ Mit diesen Worten warf Mark sein Handy auf das breite Bett, durchquerte anschließend das geräumige Hotelzimmer und langte nach der angebrochenen Zigarettenschachtel, die einladend auf dem kreisrunden Glastisch in der Sitzecke platziert worden war. Ächzend nahm er sich eine Zigarette, steckte sie sich in den Mundwinkel und zündete sie an. Mark genoss den ersten Zug und stieß mit vollem Wohl tun den blauen Rauch wieder aus, nachdem er ihn tief inhaliert hatte.

Er wusste selbst nicht wieso, aber plötzlich waren seine Gedanken wieder bei Cat.
Bei der aufmüpfigen, arroganten und noch dazu schamlosen Frau, die es unentwegt schaffte, ihn in fürchterliche Rage zu versetzen. Er verabscheute sie, hasste ihre schrecklichen Haare und sehnte sich immer nach Abstand, wenn sie in seiner Nähe war. Doch gerade jetzt, in diesem Moment, sehnte er sich nach ihrer Gegenwart, nach ihrem Körper, doch vor allem nach ihren Lippen, die er schon einmal warm und wohltuend auf seinen eigenen gespürt hatte. Kopfschüttelnd nahm er einen weiteren Zug und ließ die Schultern ungewöhnlich stark hängen. Was war nur in ihn gefahren? Wie konnte er sein eigenes Verhalten erklären, es den anderen gegenüber rechtfertigen? Es vor allem sich selbst gegenüber rechtfertigen? Himmel, er musste vollkommen verrückt geworden sein.
War es lediglich das natürliche Bedürfnis eines Menschen gewesen, der ihn dazu bewogen hatte, Cat zu küssen, oder schlummerte tief in seinem inneren etwas wie Zuneigung für eben diese Person?
Normalerweise nicht, aber was war momentan schon normal?

*
London, Heathrow

Nervös blickte sich Cat nach allen Seiten um.
Sie hatte ihr Gepäck in aller Eile vor wenigen Minuten am Schalter abgegeben und wartete nun sehnsüchtigst darauf, dass ihr Flug aufgerufen wurde. Louis Walsh hatte sich in erstaunlicher Schnelle um einen Flug für sie gekümmert und nur knapp fünf Minuten nach ihrem verzweifelten Anruf tatsächlich einen arrangieren können.
Cat glaubte, einem Menschen noch nie dermaßen dankbar gewesen zu sein.
Sie mochte Louis zwar schon seit Beginn ihrer Arbeit, doch am heutigen Tag hatte er noch einmal zusätzlich Pluspunkte bei ihr gesammelt. Cat dankte ihm von Herzen und würde sich in den kommenden Tagen etwas einfallen lassen, um sich bei ihrem Vorgesetzten erkenntlich zu zeigen.
Seufzend ließ sie sich auf einen nahestehenden Plastikstuhl fallen und schlug die Beine übereinander. Seit sie vom plötzlichen Tod ihrer Mutter erfahren hatte, rumorte ihr Magen ganz schrecklich. Sie glaubte andauernd, sich übergeben zu müssen, konnte den Brechreiz aber glücklicherweise immer noch rechtzeitig auffangen und zurück halten.

Es war kaum zu glauben, dass ihre Mutter nicht mehr am Leben sein sollte.
Das Laura O’Connor nicht mehr am Leben sein sollte. Die Frau, die Cat neben Holly als einzigste davon erzählt hatte, dass sie ein Kind erwartete. Himmel, Laura wäre in weniger als einem halben Jahr zum ersten Mal Großmutter geworden, doch das leidige Schicksal hatte ihr leider Gottes und vollkommen unerwartet einen Schritt durch die Rechnung gemacht. Natürlich war sich Cat im Klaren darüber, dass ihre Mum anfangs wenig Begeisterung aufgrund der Schwangerschaft gezeigt hatte, doch sie war sich sicher, dass sich das geändert hätte, hätte sie erst einmal die kleine Wölbung des Bauches ihrer Tochter gesehen. Hätte sie erst einmal das Ultraschallbild ihres Enkels in den Händen gehalten. Als Cat all diese Dinge bewusst wurden, liefen die Tränen unaufhaltsam, benetzten ihre aschfahle Wangen und perlten lautlos auf ihrem Mantelkragen ab. Sie weinte still, ohne großartige Laute von sich zu geben. Cat vermisste ihre Mutter jetzt schon, vermisste die Vertrauensperson, die Laura für sie nun einmal ihr ganzes bisheriges Leben dargestellt hatte.
Zu wem sollte sie nun gehen, wenn sie Tipps bezüglich ihrer Haushaltsführung brauchte?
Zu wem sollte sie gehen, wenn sie hungrig war und nichts zu essen im Hause hatte?
Zu wem sollte sie gehen, wenn sie sich aussprechen wollte, ohne dafür Erklärungen abgeben zu müssen? Sicher, Cat hatte noch Holly – doch Holly war keinesfalls mit ihrer Mutter zu vergleichen.
Aus einem Instinkt heraus griff Cat in ihre Manteltasche und beförderte ihr Handy zutage.
Sie musste mit Holly reden. Unbedingt. Eilig wählte Cat die Nummer ihrer besten Freundin und wartete geduldig auf das Freizeichen. Hoffentlich war Holly überhaupt schon wach...

„Ja, hallo?!“, meldete sich plötzlich eine hellwache Stimme.
Cat seufzte dankbar auf und lehnte sich ein wenig mehr zurück.
„Guten morgen, Holly. Hier ist Cat.“
„Cat! Schön, dass du anrufst. Wie geht’s dir in London? Was machst du?“ Holly löcherte Cat förmlich mit Fragen, schien demnach noch nicht zu wissen, was in der vergangenen Nacht vorgefallen war. Woher auch? Cat rieb sich müde über die Augen und nahm einen tiefen Atemzug.
„Es geht mir miserabel, Holly“, sagte sie auf den Punkt kommend.
„Süße, warum das denn? Was ist los? Du klingst auch ehrlich gesagt nicht sonderlich gut. Hast du viel Stress? Verlangen die Jungs viel von der ab? Oder bekommt dir die englische Luft nicht.“ Holly machte sich ganz offensichtlich Sorgen um ihre schwangere Freundin und redete unbewusst immer schneller. Cat hatte Mühe, den Worten ihrer Freundin zu folgen und fiel ihr aufgrund dessen barsch ins Wort.
„Ich komme nach Dublin.“
„Was? Wann?“
„In zwei Stunden bin ich da. Momentan sitze ich am Londoner Flughafen und warte darauf, das mein Flug ausgerufen wird“, schilderte Cat kurz, einen Blick auf die große, mächtige Anzeigetafel ihr gegenüber werfend.
„Bitte was? Wurdest du etwa gefeuert?“ Holly war entsetzt.
Hätte sich Cat nicht dermaßen schrecklich und erschöpft gefühlt, hätte sie vermutlich lauthals losgelacht, so aber kam noch nicht einmal ein schlichtes Lächeln über ihre spröden Lippen.
„Nein, Holly. Ethan hat mich vorhin angerufen.“
„Oh, stimmt. Er wollte deine Nummer haben. Was wollte er?“
„Er hat mir gesagt, dass meine Mum letzte Nacht gestorben ist. Ganz plötzlich. Einfach so“, antwortete Cat apathisch, ohne zu bemerken, dass sie erneut weinte und am gesamten Körper heftig zitterte.
Einen Moment lang war es völlig still am anderen Ende der Leitung.
Erst dann vernahm Cat leises, kaum hörbares Wimmern, das eindeutig von Holly ausging.
„Oh mein Gott, Cat. Sag, dass das nicht wahr ist“, flüsterte Holly entsetzt, schwer darum bemüht, ihre Fassung zu wahren.
„Doch, es ist wahr. Man hat Ethan letzte Nacht angerufen, weil man davon ausgegangen ist, dass wir noch zusammen wären. Mum ist tot. Sie war von einem LKW erfasst worden und erlag letzte Nacht ihren schweren Verletzungen. Unfassbar, nicht?“ Cat klang mit einem Mal so teilnahmslos, als würde ihr diese ganze Situation rein gar nichts ausmachen. Dabei war genau das Gegenteil der Fall.
„Das tut mir schrecklich leid, Süße. Das tut mir so schrecklich leid. Ich kann es nicht glauben. Ich meine – deine Mum soll nicht mehr da sein. Dabei hat sie mir doch noch vor ein paar Tagen versprochen, mit einen Kuchen zu backen, wenn ich Geburtstag habe. Cat, deine Mum war auch meine Mum. Ich habe sie so fürchterlich gern gehabt“, weinte nun auch Holly und ließ die Lage beinahe ins unerträgliche für Cat anschwellen. Sie wollte gerade etwas erwidern, wollte gerade damit beginnen, Holly wenigstens etwas zu trösten, als ihr Flug endlich aufgerufen wurde.
„Holly, wir reden, wenn ich wieder in Dublin bin. Ich muss jetzt Schluss machen.“
„Ist gut“, schluchzte Holly und legte ohne ein weiteres Wort auf.
Cat ließ den Hörer noch einen Moment wortlos an ihrem Ohr ruhen, bevor sie ihn zurück in ihre Manteltasche gleiten ließ und sich langsam erhob. Sie spürte jeden einzelnen Knochen, hatte das Gefühl, sie würde in sich zusammen fallen, würde sie auch nur einen falschen Schritt machen.

Doch etwas half ihr, diese Schmerzen zu überwinden, sich nicht zu beschweren.
Es war die Tatsache, dass sie in wenigen Stunden zurück in ihrer Heimat sein würde.
Zurück in Dublin, in der Stadt, die in der vergangenen Nacht um einen bedeutenden Menschen ärmer geworden war.

*

Etwas später, London/ Hotel

Schwermütig trat Mark aus dem Fahrstuhl und sah sich kurz prüfend im beinahe gänzliche leeren Foyer um, bevor er in den Gang abbog und mit hängenden Schultern in den Speisesaal lief.
Schon von weitem erblickte er Nicky, Kian und Shane, die unbeschwert miteinander lachten und sich scheinbar gegenseitig das Frühstück von den Tellern klauten.
Himmel, auf diese gute Laune hatte Mark derzeitig überhaupt keine Lust. Ganz im Gegenteil.
Es wunderte ihn, dass Cat nicht am Tisch saß, wo sie doch am gestrigen Tag beiläufig erwähnt hatte, eine Frühaufsteherin zu sein? Schlief sie etwa noch? Falls ja, dann musste sie sich aber beeilen, wenn sie noch vor den zahlreichen zu absolvierenden Terminen frühstücken wollte.

„Morgen“, begrüßte Mark seine Bandkollegen und hob kurz seine Hand, ehe er sich einen Stuhl zurecht schob und sich träge auf selbigen fallen ließ.
„Morgen. Schlecht geschlafen?“, fragte Shane grinsend, nachdem er Marks Gesichtsausdruck intensiv beäugt hatte. Er war blass und wirkte überaus müde.
„Nein. Aber an dieses frühe Aufstehen werde ich mich wohl nie gewöhnen“, seufzte er zur Antwort und hob dabei unbemerkt seine Schultern.
„Wirst du aber wohl müssen, schließlich stehen uns noch vier Tage Hardcore Promotion bevor“, feixte Kian und nippte danach an seiner kleinen mit Tee gefüllten Porzellantasse.
„Mir egal. Irgendwie werde ich das schon überstehen. Wo ist eigentlich der Rest? Ich meine, Dave und Cat?“ Wo Dave war wollte er im Grunde gar nicht wissen, doch hätte er sich einzig nach Cat erkundigt, wären sofort wieder heftige Spekulationen ausgebrochen. Und das zu vermeiden, lag ihm sehr am Herzen, wo er sich doch selbst nicht erklären konnte, weshalb er in den letzten Tagen immer häufiger an Cat denken musste.
„Keine Ahnung. Dave hab ich vorhin schon mal kurz über den Gang rennen sehen; Cat hab ich allerdings heute Morgen noch nicht angetroffen“, gab Nicky zur Auskunft und sah beiläufig aus dem Fenster. Es drohte wieder einmal Regen. Wie in den vergangenen Tagen auch.
Mark wollte gerade etwas erwidern, als Dave fast gänzlich unbemerkt zu ihnen an den Tisch trat, die Mundwinkel ungewöhnlich stark gesenkt. War etwas passiert?
„Guten morgen, alle miteinander“, begann er mit belegter Stimme und ließ seine Hände in den Hosentaschen seiner ausgewaschenen Jeans verschwinden.
„Morgen“, kam es eintönig von den Jungs zurück, die ihre Aufmerksamkeit allesamt auf Daves imposante Gestalt gerichtet hatten.
„Ich muss euch etwas mitteilen, Jungs. Vor etwa einer Stunde hat Louis mich angerufen und mir gesagt, dass er Cat bis auf weiteres beurlaubt und somit freigestellt hat. Sie wird an dieser Promotion nicht mehr teilnehmen und ist bereits in den frühen Morgenstunden zurück nach Dublin geflogen“, erklärte er, ohne erst einmal genauere Details zu nennen. Mark glaubte, sich verhört zu haben und zwinkerte heftigst mit den Augen, als Dave zu ihm herunter blickte.
Warum hatte Cat die Promo derart überstürzt abgebrochen? Es musste ganz einfach etwas passiert sein. Oder lag es an Mark? Lag es daran, dass sie es nicht mehr ertragen hatte, länger mit ihm zusammen zu arbeiten? Lag es vielleicht daran, dass er sich dreist einen Kuss von ihr gestohlen hatte, ohne ihr auch nur den Ansatz einer Erklärung dafür zu liefern?
„Was?“
„Aber warum das denn?“
„Wieso hat sie sich nicht mal verabschiedet?“ Von allen Jungs drangen Fragen zu Dave – von allen bis auf Mark. Er war von der Nachricht derart überrumpelt worden, dass ihm einen Augenblick lang tatsächlich die Sprache fehlte.
„Hört zu. Cat ist wegen einer ernsten Angelegenheit nach Dublin zurück geflogen. Sie hat heute morgen einen Anruf bekommen – wohl von einem Freund. Genau dieser Freund hat ihr leider Gottes mitteilen müssen, dass ihre Mutter in der letzten Nacht von einem LkW erfasst und tödlich verletzt worden ist“, berichtete Dave niedergeschlagen und tief betroffen. Obwohl sie Cat noch nicht sonderlich lange kannten und kaum Zeit mit ihr verbracht hatten – die hatten sich allesamt schnell an dieses zierliche, aber durchaus temperamentvolle Geschöpf gewöhnt.
Das wurde Mark mit einem Mal beinahe schmerzhaft bewusst.
Er konnte nichts sagen, sondern erhob sich lediglich wortlos von seinem Stuhl und stürmte mit unkontrollierten Schritten aus dem Speiseraum. Mark musste mit Cat reden.
Unbedingt. Er musste ihr sagen, dass es ihm leid tat, wie er sich ihr gegenüber immer verhalten hatte. Er musste ihr sein herzlichstes Beileid aussprechen, aber vor allem musste er sagen, dass er Gefühle für sie entwickelt hatte, die er selber nicht deuten konnte. Die allerdings rein gar nichts mit Hass oder Abscheu zu tun hatten, sondern sich in die komplett entgegengesetzte Richtung entwickelt hatten.

*

Dublin, Flughafen

„Oh Gott, Cat!” Vollkommen aufgelöst stürmte Holly auf ihre beste Freundin zu und zog sie in eine intensive und zugleich unwahrscheinlich tröstende Umarmung. Cat ließ sämtliche Gepäckstücke geräuschvoll zu Boden fallen und warf sich förmlich in Hollys Arme. Sie drückte sich an ihren Körper, legte ihren Kopf auf Hollys Schulter ab und begann zu weinen. Unkontrolliert und hemmungslos zu weinen. Die ganze Zeit über hatte sie mit ihrer Fassung gekämpft und den Kampf zumindest im Flugzeug gewonnen. Nun aber schienen sämtliche Dämme zu brechen – jetzt, wo sie zurück in Dublin war. Zurück in ihrer Heimat.

„Süße, hör auf zu weinen“, schluchzte Holly ebenfalls und umfasste Cats gerötetes Gesicht fest mit ihren Händen, um ihr in die Augen zu sehen.
„Ich kann nicht, Holly“, krächzte Cat hilflos und glaubte, sich keinen Moment länger auf den Beinen halten zu können. Kraftlos sackte sie in Hollys Armen zusammen. Holly hatte gerade schnell genug reagieren können, um ihren Griff zu verstärken und Cat zu halten.
„Mach mir hier ja nicht schlapp, Cat. Wir müssen schließlich noch zum Auto.“
„Ich kann aber nicht mehr gehen.“
„Doch, du kannst. Reiß dich bitte ein bisschen zusammen. Nur, bis wir im Auto sitzen. Okay?“ Cat begegnete Hollys Blick und nickte langsam, bevor sie ihre letzten Kräfte auf ihre dünnen Beine verlagerte und sich nach unten zu ihrer Reisetasche bückte.
„Nichts da, Miss O’Connor. Ich nehme deine Tasche.“ Holly kam Cat zuvor und schulterte deren Reisetasche, ehe sie nebeneinander herlaufend aus der großen Eingangshalle liefen.
Holly hatte mitgedacht und den Wagen unmittelbar vor dem Flughafengebäude abgestellt – im Halteverbot. Doch niemand schien diesen kleinen Regelbruch bemerkt zu haben; jedenfalls hatte sie kein Knöllchen unter dem Scheibenwischer stecken.
„Setz dich schon ins Auto. Ich verstaute deine Tasche im Kofferraum.“ Wieder nickte Cat wortlos und befolgte Hollys Worte auf der Stelle. Selbst wenn sie gewollt hätte, sie hätte sich aufgrund mangelnder Kraft nicht dagegen wehren können. Warum nur tat es mit einem Mal so fürchterlich weh. Warum wurde ihr gerade jetzt derart schmerzhaft bewusst, dass sie ihre Mutter für immer verloren hatte? Warum jetzt und nicht schon in London?
Cat konnte sich diese Frage nicht beantworten, als sie sich schwermütig in den weichen Sitz fallen ließ. Sie wirkte wie ein Schluck Wasser, vollkommen in sich zusammen gefallen.
Nicht mal zu einer Regung war sie in der Lage, als Holly sich neben sie setzte und den Motor startete. Ihre Zunge schien wie gelähmt, ebenso wie ihre Lippen, durch die lediglich ab und zu ein leises Wimmern zu hören war.

Ihr Leben hatte sich von einer Sekunde zur anderen grundlegend geändert.
Nichts war mehr so, wie es war. Und das wusste auch Catherine O’Connor.

*

London

Unruhig blickte Mark auf seine schwere Armbanduhr.
In den letzten dreißig Minuten hatte er unentwegt versucht, Cat zu erreichen, doch lediglich ihre Mailbox hatte sich immer wieder mit den selben Worten am anderen Ende der Leitung gemeldet.
Vermutlich befand sie sich noch im Flugzeug – oder es lag in ihrem Interesse, von niemandem erreicht zu werden. Durchaus verständlich, immerhin war ihre Mutter gestorben.
Mark seufzte und sah noch einmal auf seine Uhr.
Ihm blieben noch genau fünfzehn Minuten, bis er mit den Jungs einen Auftritt in einer Fernsehsendung absolvieren musste. Vielleicht würde er Cat jetzt erreichen.
Tief durchatmend nahm er sein Handy ein weiteres Mal zur Hand und wählte sie ihm mittlerweile bekannte Nummer. Mit Herzklopfen nahm er das plötzlich ertönende Freizeichen zur Kenntnis, dass nur Sekunden später von Cats unverkennbarer Stimme abgelöst wurde.

„Ja.“ Herrgott, sie klang miserabel. Mark war sich mit einem Mal nicht mehr so sicher, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, sie anzurufen. Immerhin pflegte er zu Cat kein unbedingt gutes Verhältnis. Bis auf den Kuss vom Vortag hatten sie sich in wahrlich jedem Augenblick, den sie miteinander verbracht hatten, gegenseitig bis aufs Blut gereizt.
„Hallo? Wer ist denn da?“, erklang Cats Stimme erneut, dieses Mal allerdings noch viel erschöpfter, als ein paar Sekunden zuvor. Mark bis sich aufgeregt auf die Unterlippe, bevor er sich meldete.
„Hier ist Mark.“
„Mark?“ Er hörte sie erschrocken aufschreien. Vermutlich würde sie ihn jeden Moment einfach wegdrücken. Ja, das würde sie tun.
„Genau. Ich wollte dir mein herzlichstes Beileid aussprechen“, beeilte er sich zu sagen, ehe sie auflegte. Doch entgegen seiner Erwartungen traf eben dieser Fall nicht ein. Ganz im Gegenteil.
Er vernahm ein leises Schluchzen.
„Vielen Dank.“ Zwei Worte, die in ihrer ehrlichen Dankbarkeit kaum zu übertreffen waren.
Marks Puls beschleunigte sich unwahrscheinlich stark und er sah kleine Sternchen vor seinen Augen flimmern. Was passierte hier nur mit ihm? Im Grunde mochte er diese Frau nicht und doch schien er gerade kurz davor, sich Hals über Kopf in sie zu verlieben.
„Dave hat uns vorhin bescheid gegeben“, sagte er kurz.
„Das konnte ich mir schon denken. Tut mir leid, dass ich ohne ein Wort abgehauen bin. Aber Mister Walsh war so freundlich und hat mir einen Flug zurück nach Dublin gebucht.“
„Du musst dich nicht entschuldigen, Cat. Wir verstehen dich voll und ganz.“ Mark sprach ungewöhnlich liebevoll mit Cat, ohne es selbst zu bemerken.
„Dann bin ich ja beruhigt.“
„Bist du schon in Dublin gelandet?“
„Ja, vor einer halben Stunde. Meine beste Freundin fährt mich gerade nach Hause“, antwortete Cat müde. Mark nickte. Sie schien von diesem Gespräch alles andere als angetan und dennoch brachte es Mark nicht fertig, das Telefonat zu beenden und aufzulegen. Er hegte das schrecklich intensive Bedürfnis, weiterhin mit ihr zu reden, auch wenn das aller Wahrscheinlichkeit nach nicht auf Gegenseitigkeit beruht.
„Dann bist du ja vorerst gut versorgt, oder?“, fragte er ernsthaft besorgt nach.
„Ich denke schon.“ Eine kurze Pause entstand. „Mark?“
„Ja?“
„Warum rufst du mich eigentlich an? Ich meine; wir sind schließlich nicht die besten Freunde.“ Mark hatte gewusst, dass diese Frage kommen würde, doch er war sich nicht wirklich sicher, was er ihr antworten sollte.
„Ich habe mir ganz einfach Sorgen um dich gemacht“, erwiderte er ehrlich, ohne allerdings all zu viele Details aus seinem innersten Gefühlsleben preis zu geben. Er wollte nichts überstürzen. Schon gar nicht am Telefon und in einer solchen Situation.
„Oh. Ausgerechnet du machst dir Sorgen um mich. Verwunderlich.“
„Ja, ich weiß. Aber Menschen ändern sich, nicht?“
„Änderst du dich denn auch?“ Mark stockte. Sie brachte ihn mit ihren Fragen allmählich in Bedrängnis.
Es war offensichtlich, dass er etwas für sie empfand, doch das es so etwas wie Liebe sein konnte, wollte er sich selber nicht eingestehen. Zumindest nicht vorerst.

Er schwieg einige Sekunden lang beharrlich, ehe er endlich antwortete.
„Vielleicht. Du, ich muss jetzt Schluss machen. Dave hat gerade nach mir gerufen.“ Mark wusste, dass er soeben gelogen hatte, doch anders konnte er sich in diesem Moment nicht helfen.
„Okay. Dann danke für den Anruf. Und die grüß die anderen von mir.“
„Mach ich.“

Mark legte auf und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn.
Er war ein solcher Idiot. Ein so verdammter Idiot.
Nur weil er mit seinen eigenen Gefühlen nicht klarkam, hatte er Cat dermaßen abgewürgt.
Dabei hätten sie so vieles zu bereden gehabt.
Und was hatte Mark getan? Er hatte gelogen und den anstehenden Auftritt ein paar wenigen Erklärungen vorgezogen. Himmel, das würde er sich nie verzeihen!

*

Dublin am späten Abend

Cat zitterte am ganzen Leib, als sie aus der Duschkabine ihres Badezimmers trat und sich eines der hellblauen Handtücher um den zierlichen Körper wickelte.
Holly hatte ihr befohlen, den Abend mit einer heißen Dusche ausklingen zu lassen, bevor sie den Weg ins Bett antreten konnte. Cat war Holly unwahrscheinlich dankbar.
Dankbar für die tröstenden und aufbauenden Worte.
Dankbar für die zahlreichen liebevollen Umarmungen.
Aber vor allem war sie ihr dankbar für die tiefgründigen Gespräche.
Normalerweise war Holly kein Kind von Traurigkeit, doch in solchen Situationen, wie sie momentan nun einmal bestand, zeigte selbst sie ihre Intelligenz und ihr Verantwortungsbewusstsein.
Leicht lächelnd trat Cat vor den Wandspiegel und fuhr sich mit beiden Händen durch das feuchte Haare. Ihr Kopf pochte fürchterlich stark und sie spürte schier jeden einzelnen Knochen.
Doch etwas spürte sie nicht. Ihr Kind, das langsam in ihrem Körper heran wuchs.
In den vergangenen Tagen wurde sie ständig mit ihrer Schwangerschaft konfrontiert, hatte sich beinahe unentwegt übergeben und musste andauernd mit Schwindelanfällen kämpfen.
Heute allerdings hatte sich das Baby noch nicht ein Mal bemerkbar gemacht.
Eine Tatsache, die Cat ein wenig beunruhigt. Sie platzierte zuerst ihre rechte, dann ihre linke Hand auf der mittlerweile deutlich spürbaren Wölbung ihres Bauches und strich mit sanft kreisenden Bewegungen darüber. Cat hatte in irgendeiner Zeitung einmal gelesen, dass das Baby spüren würde, wenn es der Mutter schlecht ging – und das es Cat momentan schlecht ging, war deutlich erkennbar.
Vermutlich auch für das in ihr wachsende kleine Geschöpf.

Himmel, sie hatte ihre Schwangerschaft mehr als einmal verflucht und sich gewünscht, diese Tatsache rückgängig machen zu können, doch jetzt, wo sie so vor dem Spiegel fand, empfand sie plötzlich tiefste Dankbarkeit für das wundervolle Geschenk in ihrem Leib.
Sie fühlte sich nicht mehr ganz so allein, wie noch vor wenigen Stunden.
Obwohl der Tod einer geliebten Person unwahrscheinlich tragend und prägend war, so wusste sie auch, dass es ein Danach geben würde. Ein Danach mit ihrem kleinen Baby.
Cat begann eine ihr bekannte Melodie zu summen. Eine Melodie eines Schlaflieds, dass ihre Mutter ihr in ihrer Kindheit fast jeden Abend vorgesungen hatte. Sie würde diese Tradition übernehmen, wenn ihr Baby erst einmal auf der Welt war.
„Cat?“ Hollys Stimme unterbrach Cats Gedankengang abrupt.
„Ich komme gleich. Gib mir noch zwei Minuten.“ Eilig wickelte sich Cat aus dem Handtuch, hängte es zurück auf den Handtuchstände und bedeckte ihren unwahrscheinlich stark fröstelnden Körper mit einem dicken, flauschigen Pyjama, den ihr Holly einmal geschenkt hatte.

Mit schweren, schlürfenden Schritten verließ sie das Badezimmer und trat in das Wohnzimmer.
Holly hatte die Couch bereit zu einem Bett hergerichtet und daneben eine Matratze aufgepumpt.
Sie hatte seit Cats Ankunft keinen Hehl daraus gemacht, dass sie die Nacht bei ihrer besten Freundin verbringen würde.
„Kriech unter die Laken, Cat. Ich geh mich derweil bettfertig machen.“ Holly lächelte Cat im vorbeigehen zu und war nur Sekunden später aus ihrem Blickfeld verschwunden.
Cat atmete tief durch, schlüpfte aus ihren Pantoffeln und schlug das wärmende Zudeck zurück, um sich auf der Schlafcouch nieder zu lassen. Ein ordentliches Bett hatte die Einraum-Wohnung leider Gottes nie zugelassen. Doch Cat hatte sich niemals beschwert.
Wohltuend nahm sie das weiche Polster der Couch wahr, das ihren schmerzen Rücken glücklicherweise endlich entlastete. Zwar hatte sie versucht, den ganzen Tag über in irgendeiner Weise zur Ruhe zu kommen, doch bis auf ein kurzes Nickerchen in Hollys Auto war ihr dies nicht einmal ansatzweise gelungen. Dafür würde sie vermutlich jetzt augenblicklich einschlafen.

Sie hörte, wie Holly sich neben ihr auf der Matratze ausbreitete und geräuschvoll ihre Steppdecke zureckt zog.
„Schläfst du schon, Cat?“
„Nein.“
„Dann solltest du es jetzt tun. Ich wünsche dir eine gute Nacht, Maus.“
„Die wünsche ich dir auch.“ Cat streckte ihre Hand aus und suchte nach Hollys, die sie nach kurzem Suchen glücklicherweise recht schnell gefunden hatte.
„Danke für alles, Holly. Auch dafür, dass du freiwillig auf dieser fürchterlichen Matratze schläfst“, flüsterte Cat mit belegter Stimme und spürte Tränen in sich herauf steigen, als Holly Cats Hand fest zu drücken begann.
„Das ist doch mehr als selbstverständlich. Wir kennen uns seit dem Kindergarten und sind immer durch dick und dünn gegangen. Ich werde dich doch wohl jetzt nicht allein lassen, Cat“, erklärte Holly eindringlich.
„Du glaubst gar nicht, wie viel mir das bedeutet, Holly“, schluchzte Cat auf.
„Wo wir gerade beim Thema sind. Cat – was hast du morgen eigentlich vor? Ich meine...die Beerdigung steh schließlich an.“ Holly tat sich schwer mit dieser Thematik und wusste dennoch, dass sie unvermeidbar angesprochen werden mussten. Cat seufzte.
„Ich werde mich morgen mit dem Bestattungsunternehmen in Verbindung setzen. Laut Ethans Berichten wird die Beerdigung Samstag Vormittag stattfinden.“
„Du hast mit Ethan gesprochen? Wann?“
„Kurz nachdem mich Mark angerufen hat. Ethan wollte wissen, ob ich schon zurück in Dublin bin. Er hat mir seine Hilfe wegen der Beerdigung angeboten und ich habe sie angenommen“, antwortete Cat und dachte mit einer undefinierbaren Gänsehaut an das Telefongespräch mit ihrem Ex-Freund zurück.
„Oh. Und was wollte dieser Mark eigentlich? Ich dachte, ihr hasst euch.“
„Tun wir auch, aber nach dem Kuss hat sich alles verändert.“
„Zum positiven oder zum negativen?“
„Mal so, mal so würde ich sagen“, zuckte Cat mit den Schultern und fuhr sich mit ihrer freien Hand über die brennenden Augen. Es wurde Zeit, endlich zu schlafen.
„Können wir morgen drüber reden, Holly?“
„Sicher. Und jetzt denk nicht mehr so viel nach und schlaf schön.“ Holly drückte Cats Hand noch einmal kurz, bevor sie selbige losließ und sich auf die Seite drehte. Cat tat es ihr gleich und schloss die Augen, in der Hoffnung, wenigstens ein paar Stunden lang Ruhe zu finden.

*

22. Oktober, Glasgow/ Flughafen

Die Promotion war vorüber. Vorerst.
Kian wusste nicht recht, ob er sich darüber freuen sollte, schließlich hatte er die Woche genossen.
Mehr, als er anfangs angenommen hatte. Es hatte gut getan, wieder mehr Zeit mit Mark, Shane und Nicky zu verbringen, nachdem sie sich beinahe den gesamten Sommer über kaum gesehen hatten.
Und trotzdem war er auch froh darüber, dass er endlich zurück nach Irland fliegen konnte.
Schließlich würde er Ruby endlich wiedersehen und sie sogar am heutigen Tag noch treffen.
Seit ihrem Gespräch vom Monat hatten sie die ganze Woche über nichts mehr voneinander gehört und Kian glaubte, dass besonders Ruby diese räumliche Trennung gut getan hatte.
Manchmal wirkte sie auf ihn unglaublich verängstigt und zurückhaltend, beinahe sogar abschreckend.
Nicht etwa wegen ihrem Verhalten – nie viel eher wegen ihrer teilweise unschätzbaren Charaktereigenschaften. In dem einen Moment verhielt sie sich ganz unbeschwert und glücklich, in dem anderen Moment jedoch zog sie sich schon wieder vollkommen zurück und ließ niemanden mehr an sich heran. Kian hatte diese Züge oftmals bei ihr beobachtet und war gewillt, selbigen endlich auf den Grund zu gehen. Er wollte in Ruby nicht mehr nur dieses scheinbar unlösbare Rätsel sehen; er wollte sie endlich kennen lernen. Richtig kennen lernen. Kian hegte das Bedürfnis, hinter ihre Fassade zu blicken und tief in ihr innerstes vorzudringen, auch wenn sich dies für sie wohlmöglich als schmerzhaft erweisen würde.

„Kian, kommst du? Dave kriegt die Krise, wenn wir nicht vollzählig sind“, sagte Nicky augenrollend und winkte Kian zu heran.
„Ja, sicher. Einen Moment noch.“ Nicky nickte und entfernte sich allmählich von Kian, um diesem unbewusst die Gelegenheit dazu zu gaben, ein letztes Mal vor dem Flug sein Handy zu zücken und sich bei Ruby zu melden. Sie sollte wissen, dass er in weniger als drei Stunden bereits bei ihr sein würde, damit sie sich sowohl physisch als auch psychisch darauf vorbereiten konnte.
Schnell wählte er ihre Nummer und wartete ungeduldig auf das Freizeichen.
Aus den Augenwinkeln konnte er bereits die wartenden Blicke seiner Freunde sehen, doch diese waren ihm momentan relativ egal. Er wollte nur noch Rubys Stimme hören.

„Ruby Wallace“, meldete sie sich plötzlich und Kian spürte, wie sich sein Herzschlag zu beschleunigen begann. Diese Frau hatte allein mit ihrer Stimme eine beinahe unheimliche Wirkung auf ihn.
„Hallo, Ruby. Hier ist Kian.“ Stille. Sie schien mehr als überrascht zu sein, denn ein tiefer Atemzug hallte geräuschvoll durch die Leitung.
„Hallo, Kian. Mit dir habe ich gar nicht gerechnet.“
„Ich wollte auch nur kurz bescheid sagen, dass ich jetzt auf dem Weg nach Irland bin. Unser Flug geht in wenigen Minuten und...na ja...ich wollte mich eben schon mal bei dir anmelden“, erklärte er, während er mit der freien Hand nervös am Saum seiner Jacke spielte.
„Anmelden? Wofür?“, fragte Ruby vollkommen entgeistert. Kian musste unweigerlich schmunzeln.
Hatte sie ihr Telefonat von Montag etwa schon wieder vergessen oder wollte sie lediglich nicht mehr daran denken.
„Du weißt es nicht mehr?“, begann Kian sie zu necken und lachte leise, als sie langsam nervös zu werden schien. Himmel, Ruby war wirklich unwahrscheinlich schnell aus der Fassung zu bringen.
„Nein. Was denn nur?“
„Unsere Verabredung.“
„Verabredung???“, stieß sie regelrecht kreischend hervor und schnappte angestrengt nach Luft.
„Ganz ruhig, Rub. Wir haben doch am Montag miteinander telefoniert, richtig?“
„Richtig.“
„Und während des Telefonats haben wir beschlossen, dass ich dich am Freitag – also heute – besuchen komme. Deswegen der Anruf und die Anmeldung“, schloss Kian seine Schilderung und nahm erleichtert zur Kenntnis, dass Ruby aufatmete.
„Da dran hab ich ehrlich gesagt gar nicht mehr gedacht“, entschuldigte sie sich kleinlaut und eingeschüchtert; wie immer.
„Ist doch nicht schlimm. Deswegen auch der Anruf. Also, ich denke wir werden gehen vierzehn Uhr in Dublin landen. Wenn du nichts dagegen hast, komme ich danach sofort bei dir vorbei.“
„Ähm...sicher...kein Problem“, stammelte sie ein wenig unbeholfen und legte nach einer kurzen Verabschiedung schlagartig auf. Kian starrte sein Handy noch einen Augenblick lang ein wenig verwirrt an, ließ es dann jedoch in seiner Jackentasche verschwinden und begann damit, sich auf die kommenden Stunden und vor allem auf Ruby zu freuen.

*

22. Oktober 2005, Dublin
Ruby nahm einen tiefen Atemzug, nachdem sie den Telefonhörer zurück auf die Station gelegt hatte.
Sie hatte überhaupt nicht mehr daran gedacht, dass Kian bereits am heutigen Tag zurück nach Dublin kam und somit auch ihr vereinbartes Treffen unmittelbar bevorstand.
Himmel, wie hatte sie so etwas wichtiges nur aus den Augen verlieren können, wo sie doch für gewöhnlich an schier alles, selbst belangloses, dachte? Kopfschüttelnd fuhr sie sich durch das kurze Haar und sah anschließend an sich herunter. Gütiger Gott, sie sah schrecklich aus.
Ruby hatte den Weg aus dem Bett gerade erst vor ein paar Minuten gefunden, war demnach noch ungeduscht und in voller Schlafbekleidung. Sie musste sich dringend einer ausgiebigen Dusche unterziehen und sich auch sonst soweit herrichten, damit Kian nicht augenblicklich wieder gehen würde, wenn sie ihm die Tür öffnete.

Nachdem sie ihr Vorhaben einige Minuten später in die Tat umgesetzt hatte, schlüpfte sie in eine schwarze Stoffhose und ein beigefarbenes Leinenshirt und lief schnellen Schritts in das unordentliche Wohnzimmer. Ruby hatte den gesamten gestrigen Abend über unzähligen Dokumenten und Formularen gebrütet und vor lauter Müdigkeit vergesse, selbige wegzuräumen.
An Kians Besuch hatte sie schließlich nicht einmal ansatzweise mehr gedacht.
Herrgott, sie musste noch einiges erledigen, bevor sie Kian gegenüber treten konnte.

*

Schweren Schritts betrat Cat gemeinsam mit Ethan und Holly die Wohnung ihrer Mutter.
Sie war vor wenigen Wochen das letzte Mal hier gewesen und hatte das schier erdrückende Gefühl, alles hätte sich in diesem Zeitraum grundlegend geändert. Nun, wenn sie ehrlich war, dann entsprach das auch der Tatsache, doch Cat weigerte sich, diesen Gedanken endgültig zuzulassen.
„Ich konnte mich nicht mal von ihr verabschieden“, sagte sie leise, als sie in das düstere Wohnzimmer trat und die mit zahlreichen Familienbilder behangenen Wände ausführlich studierte.
„Mach dir nur keine Vorwürfe, Süße.“ Holly trat hinter Cat, dicht gefolgt von Ethan, der es sich nicht hatte nehmen lassen, seine ehemals große Liebe bei diesem schweren Gang zu begleiten.
„Holly hat recht. Denk nicht zu häufig darüber nach.“ Ethan legte Cat sorgsam eine Hand auf die gebrechliche Schulter und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln, als sie sich langsam zu ihm herum drehte und unmittelbar in seine Augen sah.
„Das ist leichter gesagt, als getan, meine Lieben. Auch wenn es manchmal nicht so aussah; ich habe meine Mutter aufrichtig und von ganzem Herzen geliebt. Das sie mir einfach so, ohne irgendeine Vorwarnung genommen wurde, kann ich nicht begreifen.“ Mit einer schleichenden Bewegung löste sie Ethans Hand von ihrer Schulter und trat gänzlich in das Wohnzimmer.

Unbewusst platzierte sie beide ihrer Hände auf ihrem Bauch und dachte nach.
Sie befand sich mit dem Vater ihres Kindes in einem Raum, ohne dass er überhaupt auch nur eine Ahnung bezüglich seiner angehenden Vaterschaft hatte. Vielleicht sollte Cat ihn endlich einweihen, auch wenn der Zeitpunkt denkbar schlecht war. Doch einen wirklich perfekten Zeitpunkt würde es nie geben – dessen war sie sich bewusst.

„Ethan?“
„Ja?“
„Kommst du kurz mit rüber in das Schlafzimmer meiner Mum? Ein paar Sachen zusammen suchen. Holly, kannst du dich derweilen um das ganze Geschirr in der Küche kümmern. Irgendwo müsste ein alter Wäschekorb rumstehen, in die wir die ganzen Sachen erst mal packen können“, sagte Cat und deutete mit ihrem Zeigefinger in den schmalen Flur. Holly nickte.
„Sicher. Ich bin schon unterwegs.“ Wie um ihre Worte zu bestätigen, lief sie an Cat vorbei und verschwand in dem dunklen, fensterlosen Korridor.
„Kommst du, Ethan?“ Cat blickte zu ihrem Ex-Freund auf und spürte, wie sich ihr Herzschlag allmählich beschleunigte. Der entscheidende Schritt stand an und sie war unsagbar gespannt auf Ethans Reaktion. Hoffentlich würde er nicht komplett ausrasten und ihr die Schuld für dieses Kind zuschieben. Immerhin waren sie beide an der Entstehung dieses kleinen Wesens beteiligt gewesen. Genau dieser Gedanke war es, der Cat ein wenig Mut gab. Sie hatte schließlich nichts zu verlieren.
„Ich bin direkt hinter dir, Cat. Wo genau ist noch mal das Schlafzimmer? Ich war schon so lange nicht mehr hier in der Wohnung.“ Etwas unbeholfen sah er sich um und folgte Cat schließlich aus dem Wohnzimmer, bis ans Ende des Flures. Es fiel Cat unwahrscheinlich schwer, das Schlafzimmer ihrer Mutter nach deren Tod zu betreten und Ethan ausgerechnet hier über ihre Schwangerschaft in Kenntnis zu setzen, doch ein besserer Ort war ihr auf die Schnelle nicht in den Sinn gekommen.
Cat konnte sich selber nicht erklären, warum es ihr gerade jetzt dermaßen wichtig war, Ethan die Wahrheit zu sagen, wo sie den Kontakt in den letzten drei Monaten beinahe gänzlich gemieden hatten. Sollte sie der Tod von Laura O’Connor plötzlich wieder vereinen?
Kopfschüttelnd unterbrach Cat ihren Gedankengang und setzte sich vorsichtig auf das breite Doppelbett. Laura schien es noch sorgfältig gemacht zu haben, bevor sie die Wohnung an diesem einen, schicksalhaften Abend verlassen hatte.

„Alles okay, Cat?“ Ethan setzte sich neben sie und legte eine Hand sanft auf die Ihrige.
Cat fuhr aufgrund dieser unerwarteten Berührung zusammen, sammelte sich aber glücklicherweise noch rechtzeitig, ehe Ethan ihr Verhalten bemerkt hätte.
„Um ehrlich zu sein – nein. Es geht mir miserabel, Ethan.“
„Der Tod der eigenen Mutter ist ja auch nur sehr schwer zu verarbeiten“, zeigte er sich äußerst verständnisvoll und nickte, als Cat seinem Blick begegnete.
„Es liegt nicht daran, Ethan. Zumindest nicht nur. Mich beschäftigt noch etwas anderes.“
„Etwas anderes? Dein Job?“
„Nein, nicht mein Job“, schüttelte Cat ihren Kopf und nahm einen tiefen Atemzug.
Warum wollten ihr die prägnanten Worte nicht über die Lippen kommen, wo sie doch sonst für gewöhnlich kein Blatt vor den Mund nahm und unentwegt redete.
„Was ist es dann? Du kannst mir alles sagen...auch wenn wir ins letzter Zeit unsere Diskrepanzen hatten. Vermutlich kenne ich dich teilweise besser, als du dich selbst kennst. Also?“ Er zog eine Augenbraue in die Höhe und animierte Cat somit zu reden.
Sie hatte diesen Vorgang schließlich schon begonnen und konnte ihn nun unmöglich abbrechen.
„Oh Gott, Ethan. Ich weiß nicht genau, wie ich es dir sagen soll”, begann sie mit zitternder Stimme und verstärkte den Druck auf seine angenehm warme Hand unweigerlich.
„Nur keine Hemmungen. Ich beiße doch nicht.“
Cat nickte und schluckte daraufhin schwer.
„Ich bin schwanger, Ethan. In der dreizehnten Schwangerschaftswoche mit einem von dir gezeugten Kind“, platze es aus ihr heraus, bevor Cat geräuschvoll in Tränen ausbrach.
Es war vollbracht, auch wenn sie sich inständig wünschte, ihm gegenüber nie auch nur ein Wort bezüglich dieses Themas gesagt zu haben.

Ethan schwieg. Eine Minute. Zwei Minuten. Fünf Minuten.
Die beinahe unheimlich anmutende Stille wurde lediglich des Öfteren von Cats Schluchzern heimgesucht, die sich dann jedoch im Ärmelstoff ihres Pullovers verloren.
„Schwanger. Du bekommst ein Baby. Ein Baby von mir“, fasste Ethan wie in Trance zusammen, ohne dabei Cats Hand auch nur eine Sekunde lang loszulassen. Sie nickte wortlos und schnäuzte sich in ein Papiertaschentuch, die sie seit dem Tod ihrer Mutter ständig bei sich trug.
„Das bedeutet, ich werde Vater...“

*

Am Nachmittag, Rubys Wohnung

Ruby schreckte auf, als die Türklingel kreischend durch die Wohnung schellte.
Herrgott, Kian. Er war faste eine halbe früher da, als er am Telefon angekündigt hatte.
Ruby hatte nicht einmal die Gelegenheit dazu gehabt, Kaffee oder Tee aufzusetzen.
Hoffentlich würde ihr Kian das nicht verübeln und sie als schlechte Gastgeberin abstempeln.
Ruby schüttelte empört über diesen Gedanken ihren Kopf und erhob sich, als es erneut klingelte. Sie durchquerte ihr kleines, gemütliches Wohnzimmer und hielt in der Diele kurz inne.
Nach einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel der Garderobe, öffnete sie ihre Wohnungstür und betätigte den Summer, um Kian zu öffnen. Himmel, warum war sie nur dermaßen aufgeregt. Sie sah Kian am heutigen Tag nicht das erste Mal – und dennoch schien alles anders zu sein. Lag es daran, dass sie sich nunmehr eine Woche lang nicht mehr gesehen hatten oder lag es an den merkwürdigen Telefonaten, die sie in letzter Zeit öfters geführt hatten? Bevor Ruby eine Antwort darauf finden konnte, nahm Kian ihre gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch. Er kam die letzten Treppenstufen nach oben gelaufen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, ein ehrlich erfreutes Lächeln auf den Lächeln liegen. Wieder einmal merkte Ruby, wie viel sie eigentlich für diesen Mann empfand und wie sehr sie ihre eigenen Empfindungen doch ängstigten. Es war lange her, dass sie auch nur annähernd so gefühlt hatte und es machte ihr unwahrscheinlich viel Angst, derart intensive Gefühle für einen ihr noch ziemlich fremden Mann zuzulassen.

„Hallo, Ruby“, begrüßte Kian Ruby und blieb vor ihrer Wohnungstür stehen. Ruby sah auf und lächelte schüchtern. Er sah gut aus, hatte die Haare etwas kürzer, als noch vor einer Woche.
„Hallo, Kian.“ Ihre Stimme wirkte gebrechlich, als würde sie ihr jeden Augenblick versagen.
Ruby wusste, was an diesem Nachmittag und vielleicht auch an diesem Abend anstehen würde und sie fürchtete sich unwahrscheinlich davor, Kian Dinge über ihre Vergangenheit anzuvertrauen, die sie lange Zeit zu verdrängen versucht hatte.
„Darf ich dich zur Begrüßung vielleicht umarmen?“ Ruby nickte.
„Natürlich. Tu dir keinen Zwang an.“ Nun war es Kian, der nickte. Er machte einen Schritt auf sie zu und betrat somit die Wohnung. Dann legte er seine Arme um Rubys zierlichen Körper und zog sie an sich. Ruby glaubte einen Moment lang, ihr Herz würde ihr aus der Brust springen, so heftig pochte es dagegen. Ob Kian ihren Herzschlag wohl spüren konnte? Ruckartig löste sie sich von ihm und verknotete ihre Finger regelrecht ineinander. Sie wollte sich Kian gegenüber keinesfalls irgendwelche Blöße geben.
„Ähm, wollen wir nicht ins Wohnzimmer gehen? Ich meine...hier ist es schließlich nicht wirklich gemütlich“, sagte sie eilig, um die zwischen ihnen entstandene Stille zu durchbrechen.
„Sicher, gerne“, entgegnete Kian, schloss die Wohnungstür hinter sich und legte seine Lederjacke ab. Anschließend stieg er aus seinen Schuhen und folgte Ruby in das Wohnzimmer, in dem er sich vor knapp einer Woche schon einmal aufgehalten hatte.

Ruby schien vollkommen verwirrt. Kians Anwesenheit machte sie unglaublich nervös und sie wusste nicht recht, wie genau sie sich verhalten sollte, nachdem sie seine Anrufe in der letzten Woche ausnahmslos ignoriert hatte. Vermutlich hatte er nun einen völlig falschen Eindruck von ihr – doch sollte sie das nicht eigentlich genau wollen? Beabsichtigte sie das nicht? Obwohl sich Ruby nach Kians Nähe sehnte, konnte er zugleich auch nicht weit genug von ihr weg sein.
„Ich setze schnell Kaffee auf. Oder möchtest du lieber Tee?“ Sie sah zu Kian, der auf der kleinen Couch Platz genommen hatte.
„Du musst gar nichts kochen, Ruby. Setz dich doch zu mir.“
„Ähm, das mach ich gleich. Sag mir jetzt, was du lieber möchtest. Tee oder Kaffee?“ Kian leierte kaum merklich mit den Augen, antwortete Ruby aber dennoch freundlich und ruhig.
„Tee, bitte.“
„Okay, ich bin gleich wieder da.“ Mit diesen Worten entfernte sich Ruby aus Kians Blickfeld und verschwand in der Küche. Kian blickte ihr nachdenklich nach und seufzte auf. Er wurde aus dieser Frau einfach nicht schlau, egal, wie sehr er sich bemühte. Sie machte den Anschein eines undurchsichtigen Labyrinths, ohne Eingang und ohne Ausgang. Und dennoch mochte er sie. Er mochte sie sogar mehr, als er sich anfangs eingestehen wollte.

Eben, als er Ruby umarmt hatte, hatte er zum ersten Mal gemerkt, wie sehr er sie eigentlich begehrte. Ihr zierlicher Körper hatte sich unwahrscheinlich warm und weich an den Seinigen gespürt und obwohl er versucht hatte, sich lediglich auf ihre Umarmung zu konzentrieren, kam er nicht drum herum, ihre wohlgeformten Brüste an seinem Brustkorb wahrzunehmen. Kian spürte, wie ihm heiß wurde, als er sich diese Szene in Erinnerung rief und ermahnte sich innerlich selbst, jetzt bloß nicht die Haltung zu verlieren.

*

Glücklicherweise hatte sich Ruby nach den Anlaufschwierigkeiten im Laufe des Nachmittags wieder gefangen. Sie hatte gemeinsam mit Kian Tee getrunken und dazu Gebäck gegessen, bevor sie ein wenig fern geschaut und über Belanglosigkeiten geredet hatten.
Obwohl Ruby gedacht hatte, Kian würde am Abend bereits wieder aufbrechen, hatte er ihr vorgeschlagen, noch ein wenig zu bleiben, wusste er doch, dass es noch einiges zu bereden gab. Ruby fühlte sich zwar anfangs nicht wohl bei diesem Gedanken, sagte aber dennoch zu. Kians Gegenwart stimmte sie einfach viel zu freudig, als sie das sie ihn einfach hätte gehen lassen können.
Und nun saßen sie hier, bei einem Glas Wein und Salzstangen.
Der Fernseher war ausgeschaltet, das Licht gedämmt. Draußen war es bereits dunkel; nicht verwunderlich, schließlich brach die Nacht langsam heran.
„Erzähl mir von London und Glasgow. Seit du hier bist, hast du noch kein Wort über die Promotion angefangen“, sagte Ruby plötzlich und füllte zwei leere Gläser mit Rotwein.
Kian, der ihr gegenüber nach wie vor auf der Couch saß, blickte erstaunt auf und verzog seine Mundwinkel zu einem schiefen grinsen.
„London und Glasgow sind tolle Städte, aber die Promo war fürchterlich anstrengend. Wir haben vier Monate pausiert und jetzt plötzlich wieder präsent zu sein, ist schon irgendwie merkwürdig. Aber ich denke, wir haben die letzte Woche allesamt genossen.“
„Freut mich zu hören.“
„Ja, mich auch. Wir waren vor der Promo nämlich ziemlich skeptisch“, seufzte Kian und fuhr sich durch das blonde Haare. Ruby ertappte sich dabei, wie sie ihn anstarrte, sah aber augenblicklich beschämt weg, als er ihren Blick auffing und erwiderte.
„Warum? Ich kenne zwar nur dich und kann die anderen Jungs nicht beurteilen, aber ich denke, ihr seid ganz umgängliche Personen.“
„Das sind wir auch. Kennst du eigentlich wirklich keinen einzigen Song von uns?“ Ruby schüttelte peinlich berührt den Kopf, griff eilig nach ihrem Weinglas und nippte daran, nur um nichts auf seine Frage entgegnen zu müssen. Es war ihr peinlich, als geborene Irin noch nichts von Westlife gehört zu haben, immerhin scheinen die Jungs im ganzen Land bekannt wie bunte Hunde zu sein.
„Ist dir das etwa peinlich?“, neckte Kian.“
„Ähm, soll ich ehrlich sein?“
„Ich bestehe darauf.“
„Ja, es ist mir total peinlich. Du musst mich für eine dumme Hinterwäldlerin halten“, stöhnte Ruby auf und ließ sich mit dem Weinglas in der Hand im Sessel zurück fallen.
„Soll ich dir mal was sagen, Ruby?! Du spinnst!“
„Wieso spinne ich?“
„Du redest dir totalen Unsinn rein, merkst du das nicht? Himmel, leg dir doch ein bisschen mehr Selbstbewusstsein zu, Kleine. Du musst dich nicht verstecken.“ Es lag Kian am Herzen, genau diese Thematik – Rubys mangelndes Selbstvertrauen – endlich einmal anzusprechen.
Doch entgegen seiner ersten Erwartungen, reagierte sie nicht sofort auf diese Worte. Ganz im Gegenteil.

Ruby presste ihre Lippen fest aufeinander, sodass sich ihre Kieferknochen deutlich unter der Haut abzeichneten. Im Grunde hatte sie gewusst, dass Kian ihr Verhalten bereits aufgefallen war, doch sie hatte gehofft, er würde es niemals zur Sprache bringen. Vor allem nicht am heutigen Abend, der gerade derart unbeschwert verlaufen war. Und dennoch war es wohlmöglich gar nicht schlecht, dass er dieses Thema angeschnitten hatte, denn so war es ihr möglich, ihm Teile ihrer Vergangenheit zu erzählen, damit er verstehen lernen würde. Damit er manche ihrer Verhaltensweisen vielleicht sogar nachvollziehen konnte.

„Glaub mir, ich hätte gern mehr Selbstbewusstsein“, begann sie plötzlich und sah Kian direkt in die Augen. Wenn sie ihm ihre Sorgen, ihre Probleme nahe bringen wollte, dann musste sie ihn ansehen, musste ihm unmittelbar in die stechend blauen Augen schauen.
„Dann erklär, warum du es nicht hast“, erwiderte Kian sanft, ihren Blick erwidernd.
„Ich weiß aber nicht, ob ich das kann.“
„Ich bin mir sicher, dass du es kannst. Es ist nur von Vorteil, wenn man sich jemandem anvertraut, anstatt alles in sich hinein zu fressen. Glaub mir, ich rede aus Erfahrung“, erklärte Kian und dachte dabei an das Ende seiner Beziehung zu Jodi. Als sie sich das erste Mal voneinander getrennt hatten, hatte er auch mit niemanden darüber geredet und wäre beinahe daran zerbrochen.
Kian wollte nicht, dass es Ruby ähnlich erging, auch wenn das vermutlich längst passiert war.
„Meinst du?“, zweifelte Ruby den Tränen nahe.
„Ja, das tue ich. Und nun gib mir deine Hand und beginne mit reden.“ Kian wusste, dass er Ruby unter Druck setzen musste, auch wenn es ihm nicht sonderlich einfach fiel. Er erschrak, als er Rubys eiskalte Hand vorsichtig in die seinige nahm und zärtlich umschloss. Sie zitterte wie Espenlaub und am liebsten hätte Kian sie in den Arm genommen und ihr gesagt, dass sie nicht reden musste.
Doch sie musste es tun, hatte sie allem Anschein nach doch schon lange genug geschwiegen.
Ruby war sich im klaren darüber, dass sie nun nicht mehr zurück konnte.
Sie musste über ihre schlimmen Erfahrungen reden, auch wenn ihr die Erinnerung an die Vergangenheit regelrecht die Kehle zuschnürte.

„Ich hatte vor zwei Jahren meinen ersten Freund. Damals war ich zweiundzwanzig und was Männer angeht gänzlich ohne Erfahrungen. Ich habe mir nie viel aus dem anderen Geschlecht gemacht, weder in meiner Kindheit, noch in meiner Jungend. Während alle meine Freundinnen in der achten oder neunten Klasse erste sexuelle Erfahrungen sammelten und auf Parties gingen, blieb ich zuhause und habe lieber ein gutes Buch gelesen. Niemand wusste, dass ich noch Jungfrau war – schließlich habe ich nie darüber gesprochen. Zum einen habe ich mich dafür geschämt, zum anderen war ich aber auch neidisch auf meine Freundinnen. Es war nicht leicht für mich, immer zu hören, wie toll es ist, jemanden zu küssen und wie erfüllend es sein kann, mit jemandem zu schlafen. Insgeheim habe ich mich gefragt, wie diese Mädchen es nur alle angestellt haben, einen Freund zu bekommen, wo ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal von einem Jungen geküsst worden war. Doch dann, vor fast genau zwei Jahren, stand Steven plötzlich vor mir. Er war Medizinstudent und hat zeitweise in der Klinik gearbeitet. Wir waren gleichaltrig und haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden. Es war merkwürdig, denn ihm gegenüber habe ich keinerlei Hemmungen verspürt.“ Ruby machte eine Pause und strich sich fahrig durch das Haar. Kian, der ihr aufmerksam zugehört hatte, deutete ihr mit einer Kopfbewegung, weiter zu reden.
„Wir sind häufig miteinander ausgegangen und haben uns mit dir Zeit immer besser kennen gelernt. Irgendwann sind wir zusammen im Bett gelandet und ich hatte das erste Mal in meinem Leben Sex. Im ersten Moment war ich ehrlich gesagt ziemlich enttäuscht, denn ich hatte mir mein erstes Mal in meinen Träumen vollkommen anders vorgestellt. Ich hatte bestimmte Visionen und Wünsche, wie das alles ablaufen sollte, aber diese Wünsche haben sich nicht mal annähernd erfüllt. Es war eigentlich ganz unspektakulär. Nach einem gemeinsamen Abendessen beim Italiener, sind wir in Stevens Wohnung gegangen, haben ein bisschen fern gesehen und rumgeknutscht. Wie das eben so ist, wenn man frisch verliebt ist. Nach einer Zeit hat er dann damit begonnen, mich zu streicheln und langsam ausziehen. Auch wenn ich anfangs schon sehr ängstlich war, wusste ich, dass die Zeit gekommen war. Ich wollte mit ihm schlafen, unbedingt. Danach ging alles ganz schnell, es hat vielleicht fünf Minuten gedauert, aber es war für mich das Zeichen, dass ich mich nun in einer festen Beziehung befinde. In einer Beziehung mit Steven.“ Rubys Augen wurden leer.
„Was geschah dann?“, brachte sich Kian ein und drückte Rubys Hand fester.
Sie hob erschöpft ihre Schultern und sah ihn müde an.
„Wie gesagt, wir waren von diesem Zeitpunkt an zusammen und sehr glücklich. Zumindest am Anfang. Nach etwa zwei Monaten hat Steven damit begonnen, mich kontinuierlich zu betrügen. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, doch ich habe es nicht fertig gebracht, ihn zu verlassen. Schließlich habe ich ihn geliebt. Sehr sogar. Er war alles für mich und ich habe ihm so viel gegeben – er war mein erster ‚Mann’ und ich war der festen Überzeugung, ihn später einmal zu heiraten. Irgendwann hat er mir dann gesagt, dass ich miserabel im Bett wäre und unbedingt ein wenig Nachhilfe bräuchte. Er schleppte mich zu irgendeinem seiner Freunde und hat mich dort allein zurück gelassen. Ich wusste nicht, was das alles zu bedeuten hatte – bis sich eben dieser Freund vor mir ausgezogen und an mir vergangen hat. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe. Ich war durcheinander und vollkommen fertig, konnte mir einfach nicht erklären, warum mich Steven zu diesem widerlichen Typen gebracht hat. Anfangs glaubte ich nicht, dass Steven diese...nun ja...Vergewaltigung beabsichtigt hat. Ich war einfach zu gutgläubig. Als ich zurück in Stevens Wohnung kam, habe ich mich ihm anvertraut und ihm gesagt, wie schlecht, dreckig und ausgenutzt ich mich fühle. Doch anstatt mir gut zuzureden und mich zu trösten, hat er mir eine schellende Ohrfeige verpasst. Aus der Ohrfeige wurden mehrere und nach und nach entwickelten sich seine Schläge zu Peitschenhieben und Faustschlägen. Steven hat mich teilweise so stark verletzt, dass ich mehrere Tage krank geschrieben wurde und allein einer Freundin hab ich es zu verdanken, dass ich von diesem Mann losgekommen bin“, endete Ruby und die ersten Tränen bahnten sich bereits einen Weg ihre Wange entlang.

Kian war entsetzt, unfähig sich zu rühren.
Das also verbarg sich hinter Rubys teilweise dermaßen verschreckten Verhalten.
Sie war von dem Mann, den sie geliebt hatte, misshandelt worden.
Nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Vor allem seelisch.
Und noch dazu hatte er sie einem seiner Freunde übergeben, nur damit sie im Bett etwas dazu lernen konnte. Was für kranke Menschen gab es eigentlich? Wie konnte man einer derart entzückenden, schönen und liebenswerten Frau, wie es Ruby war, nur so etwas entsetzliches antun?
Kian spürte, wie ihm übel wurde und kämpfte mit aller Macht gegen den aufsteigenden Brechreiz an. Er durfte jetzt keine Schwäche zeigen, nicht, wo Ruby ganz dringend einen Menschen brauchte, der ihr Stärke entgegen brachte.

„Bitte nicht weinen, Ruby“, bat Kian und erhob sich von der Couch, um sich auf die Lehne von Rubys Sessel zu setzen und ihr vorsichtig einen Arm um die Schultern zu legen.
Ihr gesamter Oberkörper bebte und unzählige Tränen perlten aus ihren Augenwinkeln.
„Kian, ich hab Angst, mich...mich jemandem zu öffnen...nachdem...“, schluchzte sie kraftlos und warf sich ohne großartig nachzudenken, in Kians offene Arme.
„Ich weiß, Kleines, ich weiß. Aber du musst wieder vertrauen aufbauen und Gefühle zulassen“, sagte Kian eindringlich, während er Ruby wie ein schreiendes Baby in seinen Armen wiegte.
Er wusste nicht genau, was er nun tun sollte, doch er beschloss, seinem Instinkt zu folgen, auch auf die Gefahr hin, etwas völlig falsches zu machen. Doch manchmal sprachen Taten, Gesten, mehr als tausende von Worten.
„Du darfst jetzt nicht erschrecken, hörst du Rub?“ Sie nickte schwach, auch wenn sie keine Ahnung hatte, auf was Kian hinaus wollte. Ruby fühlte sich matt und nahm an dieser Unterhaltung im Grunde nur noch körperlich teil.
„Ich werde jetzt etwas tun, was ich schon einige Tage lang tun wollte und nichts und niemand wird sich mir in den Weg stellen. Vor allem lasse ich nicht zu, dass die Erinnerungen an Steven dich derart gefangen halten, dass ich zurück stecken muss.“ Obwohl er leise lachte, war der Ernst seiner Worte nicht zu verkennen.

Unendlich langsam beugte er sich zu Ruby herab, sah ihr einen kurzen Augenblick lang in die Augen und platzierte anschließend seine brennenden heißen Lippen auf den Ihrigen, die keinerlei Widerstand aufbrachten. Ob Kian jedoch tatsächlich den richtigen Schritt gewagt hatte, konnte er nach wie vor nicht eindeutig sagen. Das würde wahrscheinlich erst die Zukunft zeigen. Doch der erste Schritt war getan – das wusste auch Ruby...

*

23. Oktober 2005, Dublin

Weinend betrat Cat die kleine Kapelle, in der am heutigen Vormittag die Beerdigungszeremonie ihrer geliebten Mum statt finden sollte.
„Soll ich dich stützen“, fragte Holly, die langsamen Schritts neben ihr lief und unentwegt besorgt zu ihr herüber blickte. Cat jedoch schüttelte lediglich ihren Kopf.
„Nein, es geht schon. Ich möchte keine Schwäche zeigen, Holly. Nicht jetzt.“
„Aber du darfst Schwäche zeigen, Cat. Schließlich ist es deine Mutter, die dort vorne im Sarg liegt und in weniger als einer Stunde ihre letzte Ruhe finden wird. Wein ruhig, wenn es dir dadurch besser geht“, sagte Holly energisch.
„Ich glaube, ich bin überhaupt nicht mehr in der Lage dazu, zu weinen. Mein Tränenvorrat ist vermutlich längst aufgebraucht“, entgegnete Cat und lachte dabei sogar leise.
Tatsächlich hatte sie seit gestern Nachmittag keine Träne mehr entbehren müssen.
Cat hatte gemeinsam mit Ethan die letzten Vorbereitungen bezüglich der Beisetzung getroffen, nachdem sie ihm in der Wohnung ihrer Mutter endlich von der Schwangerschaft erzählt hatte.
Entgegen ihrer Erwartungen hatte er sich sofort dazu bereit erklärt, für das Baby zu sorgen und Unterhalt zu zahlen, wenn es erst einmal auf der Welt war. Cat hätte niemals mit einer solchen Reaktion gerechnet, waren sie doch im Streit auseinander gegangen.
Doch der plötzliche Tod ihrer Mutter schien sie auf merkwürdige Art und Weise wieder miteinander zu verbinden. Eine Tatsache, die Cat nicht unbedingt missfiel.
Kopfschüttelnd verdrängte sie diesen Gedanken und folgte Holly in die vordere Bankreihe.
Sie erblickte einige wenige Verwandte, dafür aber umso mehr Freunde ihrer Mutter.
Laura O’Connor war wirklich eine beliebte und angesehene Frau gewesen.

Einige Minuten brachten sie in vollkommender Stille zu, bis der Pfarrer den Gottesdienst begann.
Er richtete seine ersten Worte an die Familie der Verstorbenen und wünschte ihnen sein herzlichstes Beileid, ehe er dazu überging, ein paar persönliche Dinge über die Verstorbene zu erzählen.
„Ich habe Laura bereits ihr ganzes Leben lang gekannt. Habe ihren ersten Schrei im Hause ihrer Eltern mitbekommen und durfte sie nur wenige Wochen später hier, in dieser Kapelle, taufen.
Sie war ein aufgewecktes, fröhliches und manchmal auch sehr freches Kind, hat aber stets den Respekt zu älteren Menschen gewahrt. Auch als junges Mädchen hatte sie ihre Unbeschwertheit beibehalten – bis sie schließlich früh Mutter einer kleinen Tochter wurde. Bis sie Mutter von Catherine wurde. Laura hat mir einmal erzählt, wie stolz sie auf ihr kleines Mädchen ist. Wie sehr sie Catherine liebt und wie froh sie darüber war, die Schwangerschaft nicht wie anfangs geplant abzubrechen.
Laura war eine bemerkenswerte Frau, die in ihrem viel zu kurzen Leben nicht nur Höhen, sondern auch sehr viele Tiefen überwinden musste. Doch sie hat es stets geschafft; eine wahrlich bemerkenswerte Leistung. Dieser wundervolle Mensch wurde uns anfangs der Woche leider viel zu früh genommen, wurde viel zu früh aus dem geliebten Leben gerissen und hatte viel zu früh ihre wunderbare Tochter verlassen müssen. Wir hoffen, dass Gott sie in seinem Himmelsreich herzlich aufgenommen hat.“ Er verstummte, den Tränen sehr nahe.

Cat glaubte, jemand würde ihr ununterbrochen hart in die Magengrube schlagen.
Noch nie in ihrem Leben hatte sie derart schöne und ehrliche Worte gehört.
Noch nie in ihrem Leben hatte sie das Gefühl gehabt, dass die Welt tatsächlich um einen Menschen ärmer geworden war. Erst jetzt wurde ihr richtig und kompromisslos bewusst, dass ihre Mutter nicht mehr am Leben war. Das sie niemals mehr zurückkehren würde, von dem Ort, an dem sie sich gerade befand. Es trieb Cat schier in den Wahnsinn, nicht zu wissen, wie es ihrer Mum nun ging und wo sie jetzt war. Alles in ihr sehnte sich nach Lauras Gegenwart, nach Lauras Nähe, doch Cat wusste, dass sie eben diese Nähe niemals mehr spüren würde.
Vielleicht in einem späteren Leben einmal, aber im Hier und Jetzt ganz gewiss nicht mehr.
Weinend nahm sie die Hand auf ihrer Schulter wahr und drehte sich ihr entgegen.
Ethan hatte plötzlich Hollys Platz eingenommen und sich neben Cat gesetzt.
„Wein so viel du willst, Cat. Niemand wird es dir verübeln“, flüsterte er und zog sie dichter zu sich heran. Cat ließ ihn schluchzend gewährend und postierte ihren schweren, pochenden Kopf an seiner scheinbar unendlich starken Schulter. Genau das hatte sie vermisst, nach ihrer Trennung von Ethan. Die Tatsache, von jemandem getröstet zu werden und die Tatsache, sich an jemandem anlehnen zu können, ohne sich selbigem gegenüber rechtfertigen zu müssen.
Cat wusste, dass ihr noch unsagbar schwere sechzig Minuten bevor standen, doch mit Hilfe von Holly und Ethan würde sie auch diese überwinden. Irgendwie.

*

Es regnete, als die Trauergemeinde auf dem Friedhof ankam.
Das Grab war ausgehoben, bereit dafür, um mit dem schlichten Eichenholzsarg zu verschmelzen.
Cat konnte kaum glauben, dass sie den Gottesdienst tatsächlich überstanden hatte.
Sie hatte durchweg weinen müssen, konnte sich den ein oder anderen lauten Schluchzer nicht verkneifen. Doch es war ihr in diesem Moment egal – schließlich war es ihre Mutter, um die sie trauerte. Niemand in der Kirche hatte eine derart emotionale Bindung zu der Verstorbenen, wie Cat.
„Du wirst ganz nass, Cat. Komm mit unter den Schirm.“ Ethan trat neben sie und hielt ihr langsam den Schirm entgegen.
„Nein, danke. Ich werde ganz gerne nass“, schüttelte Cat den Kopf und vergrub ihre eisigen Hände tiefer in den warmen Manteltaschen.
„Ich möchte aber nicht, dass du nass wirst und dich erkältest. Denk an unser Baby.“ Cat erstarrte und sah fassungslos zu Ethan, der sie milde anlächelte und mit seinen dunklen Augen ihrem Blick begegnete. Unser Baby. Er hatte unser Baby gesagt – nicht etwa dein Baby.
„Abhärtung in der Schwangerschaft wird dem Kind schon nicht schaden“, antwortete Cat mit trockenen Mund und belegter Zunge.
„Hör auf so gleichgültig zu denken und komm mit unter den Schirm. Deine Mum würde dir von dein törichtes Verhalten den Allerwertesten versohlen.“
„Das mag sein, aber meine Mum ist nicht mehr am Leben, wie du weißt.“ Cat wandte sich von ihm ab und ging zu Holly, die inmitten der trauernden Gesellschaft stand und den Worten des Pfarrers lauschte.

„Wir haben uns heute hier versammelt, um Abschied zu nehmen. Abschied von unserer geliebten Frau, Mutter, Tochter, Freundin, Bekannten, Laura O’Connor. Wir müssen heute Morgen das tun, was wir nicht verstehen und begreifen können, was beinahe unsere Kräfte übersteigt. Gott, wir fragen uns: WARUM? Warum musste Laura O’Connor sterben? Warum hat man eine lebenslustige Frau derart hemmungslos aus dem Leben gerissen? Warum hatte man einer Tochter, die Mutter genommen? Hättest du nicht eingreifen können, still und heimlich, wie du es so oft zuvor bei anderen Menschen auch schon getan hast? Hättest du es verhindern können? Wer trägt die Verantwortung für ihren Unfall? Leidest du mit uns? Weinst du mit uns? Wie sollen all diese Menschen, die hier versammelt sind, mit dem Leid und dem Schmerz, den sie aufgrund des Verlustes dieses geliebten Menschen spüren, umgehen? Wie sollen sie es ertragen können? Fragen über Fragen – und doch gibt es keine Antworten für uns. Manchmal sind wir froh, wenigstens noch fragen zu können. Auch wenn wir keine Antwort erhalten. Manchmal durchleben wir Phasen, in denen wir uns dumpf, leer und verlassen fühlen, in denen wir noch nicht einmal mehr beten können. Daher, Gott, bitten wir dich: Gib uns Kraft, jetzt auszuhalten, was auszuhalten ist. Und gib uns Kraft das zu verarbeiten, was geschehen ist, was wir nicht verhindern konnten.
Es ist grausam einen Menschen zu verlieren. Und es ist noch grausamer, wenn dieser Mensch andere Menschen hinterlässt, die auf ihn gezählt haben, die ihn brauchen und die ihn auch weiterhin brauchen werden. Wir müssen heute ertragen, was nicht erklärbar ist. Niemand hat das Recht zu behaupten, dass Lauras Tod schon seinen Sinn haben wird. Diese Aussage steht niemandem zu. Wenn überhaupt, dann dürfen Sie, Catherine, irgendwann einmal diesen Satz oder einen ähnlichen von sich geben. Doch wahrscheinlicher ist es, dass Sie auf Dauer, genau wie die anderen Trauernden, mit der Unbegreiflichkeit dieses Todes leben werden.
Laura war eine lebensfrohe, hübsche Frau mittleren Alters, die stets für ihre einzige Tochter und ihre Lieben da war. Sie hat nie etwas Schlimmes getan, war immer fleißig und lustig. Umso unbegreiflicher ist es für uns heute hier stehen und zusehen zu müssen, wie Laura begraben wird, tief hinein in die Ewigkeit entlassen wird. Sie verlieren zu müssen, das ist wohl die grausamste Erfahrung, die wir machen müssen. Zu erkennen, dass wir das Leben nicht in der Hand haben.“ Er endete tief bewegt, wie bereits kurz zuvor während des Gottesdiensts.
„Asche zu Asche und Staub zu Staub. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben.“
Dann besprengte der Priester den Sarg mit Weihwasser und sprach die Worte: „Im Wasser und im Heiligen Geist wurdest Du getauft. Der Herr vollende an Dir, was er in der Taufe begonnen hat.“ Anschließend inzensierte er den Sarg mit Weihrauch und warf Erde auf ihn als Zeichen der Vergänglichkeit allen Lebens. Als Ausdruck der Hoffnung machte er ein Kreuzzeichen über das Grab.

Cat wusste, was nun kam – sie wusste, dass sie nun an der Reihe war, sich von ihrer Mutter zu verabschieden. Nach einem letzten hilfesuchenden Blick zu Holly und Ethan, trat sie nach vorne an das Grad und ging vorsichtig in die Knie, auch auf die Gefahr hin, ihre Kleidung zu beschmutzen.
Mit all der Kraft, die sie noch aufbringen konnte, öffnete sie ihren Mund und begann zu sprechen.
„Mum, ich bin es, Cat. Es tut mir leid, dass ich nicht bei dir sein konnte, als du von uns gegangen bist. Ich hätte alles dafür gegeben, mich wenigstens von dir verabschieden zu können, doch das Schicksal scheint es anders vorgesehen zu haben. Du fehlst mir so sehr und ich kann immer noch nicht begreifen, dass du mit einem Mal nicht mehr da sein sollst. Ich meine – ich habe praktisch mein ganzes bisheriges Leben mit dir verbracht, du warst stets bei mir, wenn auch nur gedanklich. Mum, was soll ich jetzt ohne dich nur machen? An wem soll ich mir ein Beispiel nehmen, wenn das Baby erst auf der Welt ist? Wie soll ich ihm nur erklären, was eine wundervolle Person seine Oma gewesen ist? Auch wenn wir nicht immer der gleichen Meinung waren, haben wir uns trotzdem respektiert und akzeptiert. Es wird schwer sein, ohne dich zu leben...“ Mit diesen Worten richtete sich Cat taumelnd auf und warf einen letzten Blick auf den Sarg, bevor sie sich umdrehte und ihre Augen aufriss.
Das konnte unmöglich wahr sein. Mark befand sich auf dem Friedhof!

Ohne auf die anderen Anwesenden zu achten, stürmte zu auf ihn zu und hielt keuchend vor ihm inne.
Natürlich wusste sie, dass sie gerade von Holly und Ethan unwahrscheinlich argwöhnisch beobachtet wurde, aber das war ihr egal. Was zum Teufel hatte Mark hier zu suchen? Hier, auf der Beerdigung ihrer Mutter, von der er im Grunde doch überhaupt nichts wissen konnte?
„Hallo, Cat“, begrüßte er sie leise und mit einem sanften Lächeln.
„WAS willst DU hier, Mark Feehily?“, zischte Cat, ohne auf seine Begrüßung einzugehen.
Seine Anwesenheit missfiel ihr dermaßen stark, dass sie ihm allein aufgrund seiner Dreistigkeit am liebsten eine schellende Ohrfeige verpasst hätte.
„Ich...“, setzte er an, brach jedoch sofort wieder ab und fuhr sich verlegen durch das feuchte Haar. „Ich wollte dich sehen, Cat, und dir am wahrscheinlich schwersten Tag deines Lebens beistehen.“
„Beistehen? Du willst mir beistehen? Ausgerechnet du? Ich fasse es nicht.“ Aufgebracht schüttelte sie ihren Kopf und stemmte ihre Hände in die mittlerweile fülligeren Hüften.
„Ja, ausgerechnet ich. Ich weiß, dass ich nicht das recht darauf habe, aber...“
„Nichts aber“, fiel sie ihm wütend ins Wort. „Du hast hier nichts zu suchen, Mark. Überhaupt nichts. Woher verdammt wusstest du von der Beerdigung?“
„Louis“, gab Mark zerknirscht zur Auskunft und trat einen Schritt näher an Cat heran.
„Louis? Hat er dir etwa bescheid gesagt?“
„Ja, nachdem ich ihn darum angefleht hab, schon.“
„Und warum hast du ihn angefleht? Herrgott, Mark, ich verstehe das alles nicht. Erst bringen wir uns gegenseitig mit Blicken und Worten fast um, dann küsst du mich plötzlich und alles ist anders. Erklär es mir, Mark. Erklär es mir bitte.“ In Cats Kopf ging es zu wie in einem Schlachtfeld.
Sie wusste nicht, was sie von der sich ihr bietenden Situation halten sollte.
Zum einen freute sie sich natürlich, dass Mark allem Anschein nach an sie gedacht hatte, doch zum andern schüchterte sie sein undefinierbares Verhalten auch ein.
„Ich kann dir das nicht erklären“, seufzte Mark, unmittelbar in Cats Augen blickend.
„Dann will ich, dass du gehst. Sofort.“
„Aber-.“
„Nein, Mark. Entweder ich erhalte hier und jetzt eine Erklärung von dir oder ich möchte, dass du diese Beerdigung verlässt.“ Mark nickte einsichtig und nahm einen tiefen Atemzug.
„Cat, auch wenn das jetzt fürchterlich unglaubwürdig und kitschig klingt, aber ich habe sehr, sehr starke Gefühle im Laufe der letzten Tage für dich entwickelt. Du bedeutest mir mehr, als ich mir anfangs eingestehen wollte und mein schreckliches Verhalten dir gegenüber lässt sich nur mit meiner Angst vor Gefühlen und damit verbundenen Verletzungen rechtfertigen“, erklärte er schnell und Cat hatte arge Schwierigkeiten, seinen Worten zu folgen und sie zu verarbeiten.
Sie hatte es bereits geahnt, als Mark sie am Abend ihres Abflugs nach Dublin unerwartet angerufen hatte. Cat hatte insgeheim bereits gewusst, dass er sich wohlmöglich in sie verliebt hatte.
Doch wie stand es mir ihr? Wie fühlte sie für ihn? Ähnlich oder vollkommen anders?
Cat hatte noch nicht großartig darüber nachgedacht, hatte sich noch nicht damit auseinandergesetzt, wusste aber bereits eine Antwort. Spätestens, als sie aus den Augenwinkeln zu Ethan sah.
Ethan war der Mann, den sie liebte, der Mann, zu dem sie gehörte.
Aber vor allem war er der Mann, mit dem sie in gut fünf Monaten ein Baby haben würde.
Als sie diese Erkenntnis hart übermannte, taumelte sie einen kurzen Augenblick, fing sich aber glücklicherweise rechtzeitig und schaffte es, Mark in die Augen zu blicken.

„Mark, du weißt genauso gut wie ich, dass wir beide niemals eine gemeinsame Zukunft haben werden“, setzte sie an und war erstaunt, als Mark nickte.
„Ja, das weiß ich, weil du mich nicht liebst. Weil du keinerlei Gefühle für mich hast.“
„Das stimmt nicht!“, beeilte sie sich zu sagen und schlug sich, entsetzt über ihre eigenen Worte, nur Sekunden später die Hand vor den Mund.
„Wie meinst du das, Cat?“ Mark hatte seine Stirn in tiefe Falten gelegt.
„So, wie ich es gesagt habe. Ich habe durchaus Gefühle für dich entwickelt, Mark, aber diese Gefühle werden über bloßes Begehren niemals hinaus gehen. Letztens, als du mich in der Kabine geküsst hast, hat mein gesamter Körper vor Aufregung gekribbelt. Ich hätte dich nur zu gerne noch ein weiteres Mal geküsst, dich vielleicht auch gerne gestreichelt oder berührt. Du hast eine atemberaubende Wirkung auf mich – aber ich werde dir niemals ein Gefühl wie Liebe entgegen bringen können.“
„Wie kannst du das sagen, wenn du es überhaupt nicht versuchst?“
„Weil meine Liebe bereits einem anderen gilt. Deswegen“, antwortete Cat leise, strich Mark kurz und flüchtig über die unrasierte Wange und ging.

Cat wusste, dass es keiner weiteren Worte zur Klärung dieser Thematik gab.
Sie hatte ihm alles gesagt, was er wissen musste. Alles, was von Wichtigkeit war.
Die Schwangerschaft hatte sie ihm absichtlich verschwiegen.
Warum?
Weil sie während der Unterhaltung mit Mark beschlossen hatte, den Job bei Louis Walsh wieder aufzugeben und ihr Studium erst einmal nicht zu beenden. Sie wusste, dass sie sich nunmehr schonen und bedachter leben musste; ein Job, bei dem sie unentwegt mit populären Menschen zu tun hatte, würde ihr dabei ganz sicher nicht gut tun.
Bevor Cat ihr Studium wieder aufnehmen und ihr letztes Semester absolvieren würde, wollte sie erst einmal Mutter sein. Und war nur Mutter – so, wie es ihre eigene Mum ihr vorgelebt hatte...

ENDE