Frühjahr 1847:
Als Nicholas durch Megans leises Husten aufwachte, verfluchte er sich dafür
eingeschlafen zu sein. Besorgt sah er seine Freundin an. Ihre Klamotten waren
schon wieder schweißnass. Vorsichtig krabbelte er über sie hinweg,
um aus dem schmalen Bett aufzustehen. Er zog ihr die verschwitzten Sachen aus
und hing sie am Fußende des Bettes auf, bevor er trockene Kleidung aus
dem Koffer kramte. Nachdem er Megan wieder vollständig angezogen hatte,
wechselte er noch einmal den Umschlag auf ihrer Stirn und tränkte das Taschentuch
dazu mit etwas Meerwasser aus einer Flasche. "Nicky, mir ist so heiß!"
- "Ich weiß, mein Schatz." Er streichelte ihr noch einmal liebevoll übers
Haar, bevor er sich erhob um ihr etwas Trinkwasser zu geben. Mit großem
Unbehagen stellte er fest, dass nur noch sehr wenig in der Flasche war und setzte
sich wieder zu Megan ans Bett. "Hier, trink!"
Kaum zu glauben, dass sie unter Durst leiden mussten wo doch so viel Wasser
um sie herum war. Aber das Meerwasser war nicht genießbar, und diejenigen
die in ihrer Verzweiflung trotzdem davon tranken wurden krank, einige starben
sogar daran. Den Rest raffte der Hunger dahin. Sie hatten hier sogar noch weniger
zu essen als zu Hause, die Lebensmittelzuteilungen waren ein Witz. Die unterernäherten
und durch Skorbut (Vitaminmangel) geschwächten Menschen wurden so zu einer
leichten Beute für Seuchen aller Art, die sich auf diesem überfüllten
Schiff natürlich sehr schnell ausbreiteten, denn meist schliefen 12 Leute
in einem 8-Bett-Zimmer. Er und Megan hatten noch Glück gehabt. Zwar mussten
sie sich beide in die untere Hälfte eines Doppelstockbettes zwängen,
doch brauchten sie eines der wenigen 2-Bett-Zimmer nur mit einem jungen Mann
namens Kevin zu teilen. Genützt hat es trotzdem nicht viel, sondern lediglich
den Zeitpunkt hinausgezögert. Durch das apriltypische Regenwetter und die
feuchte Luft, die es mit sich brachte, hatte Megan sich vor einer Woche die
Grippe eingefangen. Und Nicholas wusste, dass sie daran sterben konnte, genau
wie schon so viele vor ihr an einer leichten Erkältung gestorben sind.
Doch was ihm Sorgen machte war weniger der Husten, sondern vor allem das Fieber,
das sie über Nacht bekommen hatte. Er wechselte die Umschläge halbstündlich,
aber es half alles nichts.
Als Megan einen heftigen Hustenanfall bekam, wurde auch Kevin wach und beugte
sich kopfüber zu ihnen herunter. "Hat sie jetzt etwa auch noch Fieber bekommen?!"
- "Mhh!" - "Hast du es denn schon mit Hausmitteln probiert?" Jetzt spuckte Megan
Blut und Nicholas Verzweiflung wurde immer größer. "Hausmittel?!
Verdammt noch mal, sie hat eine ausgewachsene Lungenentzündung!... Tut
mir leid, Kevin! Ich wollte dich nicht so anfahren. Wir sind so arm, wir haben
noch nicht mal das... Argh! Diese verdammten Briten! Sie haben uns schon alles
genommen und jetzt verliere ich wegen denen auch noch das liebste was mir geblieben
ist." weinte er und vergrub sein Gesicht in Megans verschwitzten Haaren. "Ich
wüsste nicht was ich ohne sie täte, wahrscheinlich würde ich
mich dann von Bord dieses Schiffes stürzen." Die Schiffsglocke riss Nicholas
aus seinen Selbstmordgedanken. Kevin schwang sich zu Boden und lief zur Tür.
"Na komm schon! Essenszuteilung! Wahrscheinlich haben die ein paar Fische gefangen."
- "Du glaubst doch nicht, dass ich sie jetzt allein lasse?!" - "Na gut, dann
werd ich versuchen euch etwas mitzubringen." - "Danke." Kurz nachdem Kevin gegangen
war, wurde Megans Atem flacher. "Megan, hörst du mich?... Liebling, bitte
sag doch was!" Nicholas Worte drangen wie in Watte gepackt zu ihr durch, sie
versuchte zu sprechen oder wenigstens seine Hand zu drücken, um ihm ein
Zeichen zu geben, doch sie hatte einfach nicht die Kraft dazu. Panisch riss
Nicholas ihr Korsett auf und legte seinen Kopf auf ihr Herz, es schlug noch.
"Es tut mir so leid, mein Liebling! Das ist alles meine Schuld! Du wolltest
Irland nie verlassen, doch ich habe dich dazu gedrängt und jetzt musst
du meinetwegen sterben!"
ein Jahr zuvor:
Megan saß in einen Brief vertieft auf der Mauer des Daches. Als sie Schritte
hörte blickte sie auf. Nicholas lehnte in der Tür. "Du hast Post von
einem Onkel aus Amerika? Deine Mutter war deswegen schon ganz aufgeregt." Megan
stand auf und ging zu ihrem Freund. "Hallo mein Liebster, auch schön dich
zu sehen!" - "Hey!" Er nahm sie in den Arm und vergrub sein Gesicht in ihren
langen rotblonden Haaren wie er es immer tat. "Und was steht drin?" - "Mhh?"
- "Na in dem Brief!" - "Ach nichts weiter." - "Megan!" - "Ich werds sowieso
nicht machen, aber er will dass ich nach New York komme und bei ihm wohne."
- "Und warum fährst du nicht?" - "Ich gehe in kein fremdes Land! Ich will
in Irland bleiben bis ich begraben werde!" - "Na dann pass mal auf, dass du
nicht schon in ein paar Wochen unter der Erde liegst! Das geschieht in diesen
Zeiten schneller als du glaubst. Verdammt Megan, hör doch wenigstens einmal
auf nur immer an dich zu denken! Einer weniger den deine Familie durchbringen
müsste..." - "Vielleicht wird die Ernte diesen Sommer wieder besser." -
"Nenn mir nur einen Grund warum das passieren sollte!" Nicholas ging ein paar
Schritte von ihr weg und lehnte sich dort an, wo die Mauer etwas höher
war, und schaute auf die Stadt. "Gott hat uns längst verlassen!" - "Sag
so was nicht!" - "Aber es ist wahr! Wir haben echt verdammtes Glück, dass
es in Dublin noch mehr zu essen gibt, aber die armen Bauern vom Land, die es
nur knapp über den nächsten Winter schaffen werden, wenn die nächste
Ernte auch ausfällt, würden töten für einen Onkel aus den
Staaten!" Megan trat hinter ihn, legte ihre Hände auf seinen Bauch und
flüsterte ihm ins Ohr. "Ich will doch nicht ohne dich sein!" - "Denkst
du ich will das?! Aber es ist mir lieber dich nie wieder zu sehen und zu wissen
dass es dir gut geht, als zuschauen zu müssen wie du langsam verhungerst
und leidest, obwohl du es verhindern könntest." Nicholas drehte sich zu
ihr um und gab ihr einen liebevollen Kuss. "Wir warten erst mal ab wie im August
die Ernte ausfällt, mhh? Und wenn es nicht anders geht, schreibe ich meinem
Onkel eben, dass er mir Geld für zwei Fahrkarten schicken soll. Ich gehe
entweder mit dir oder gar nicht!"
Natürlich wurde nichts besser. Auch die Kartoffelernte des Jahres 1846
verfaulte in der Erde. Hinzukam, dass Megans Vater, der in Großbritannien
beim Verlegen des Schienennetzes half und dadurch die Familie noch besser versorgen
konnte als die meisten anderen, einen Arbeitsunfall erlitt und nun für
die Arbeit bei der Eisenbahn nicht mehr zu gebrauchen war. Die britische Regierung
störte sich freilich nicht am Unglück der Iren, sie exportierten weiter
nahezu alles an Getreide und Fleisch was in Irland angebaut wurde nach Großbritannien,
da dort mit den Gütern ein größerer Gewinn erwirtschaftet werden
konnte und war sogar so dreist, die ausländischen Hilfsgüter die für
Irland bestimmt waren gleich mit außer Landes zu bringen. In Dublin versuchten
Rebellen ein Exportschiff zu plündern. Der Aufstand wurde vom britischen
Militär brutal niedergeschossen, Nicholas Vater befand sich unter den Opfern.
Seine Schwester war schon vor ein paar Wochen bei der Geburt ihres ersten Kindes
gestorben und das Baby mit ihr. Sie war einfach zu schwach es auf die Welt zu
bringen. Daraufhin hatte sich sein Schwager so heftig betrunken, dass man ihn
am nächsten Morgen erstickt an seiner eigenen Kotze auf der Straße
fand. Als Nicholas sich an diesem Vormittag im September auf den Weg zu Megan
machte, hatte er nur wenige Stunden zuvor auch seine Mutter verloren, sie hatte
sich bei seinem Bruder mit Typhus angesteckt. Mit verheulten Augen klopfte er
bei den O’Donoghues. Als Megan ihm öffnete fiel er ihr um den Hals, um
nicht unter der Last seiner Worte zusammen zu brechen. "Mutter ist tot!" Wie
immer gingen sie aufs Dach, um ungestört zu reden, doch es war schon lange
nichts mehr wie früher. Innerhalb weniger Monate hatte ihr Freund seine
gesamte Familie verloren, das hatte ihn verändert und es hatte sie verändert.
Beide waren durch die Umstände verdammt schnell erwachsen geworden. "Megan,
da du nun das einzige bist, was mir noch bleibt, bitte ich dich schreib deinem
Onkel!" - "Es tut mir unendlich leid was dir widerfahren ist und ich weiß,
ich kann deinen Schmerz nicht mal annährend nachfühlen, da meine Eltern
und meine Brüder noch leben, aber ich halte es immer noch nicht für
eine gute Idee." - "Liebst du mich und möchtest du mein Leiden lindern?
Dann schick endlich diesen verdammten Brief ab!" - "Du glaubst wohl, Amerika
wäre das gelobte Land und dass sie dort auf uns warten würden?! Na
klar, dort wächst das Geld auf den Bäumen und jeder ist ein Millionär!"
- "Dein Zynismus kotzt mich so unglaublich an!" - "Wenigstens bin ich nicht
so blauäugig! Warst du in letzter Zeit nicht mal am Hafen? Diese überladenen
Schiffe sind doch die reinsten Seuchenherde! Die kommen in Amerika doch mit
mehr Toten als Lebenden an, da kann ich genau so gut hier bleiben, dann sterbe
ich wenigstens zu Hause!" - "Ich will aber nicht, dass du stirbst und ich will
auch nicht sterben! Warum möchtest du es denn nicht wenigstens versuchen?"
- "Die schicken die Kranken zurück! Alle Einwanderer kommen zuerst auf
so einer Insel in Quarantäne bevor sie aufs Festland dürfen und die
New Yorker kommen alle an den Hafen, wenn die Schiffe einlaufen um die Neuankömmlinge
zu beklauen!" - "Wir haben doch nichts! Was sollen sie uns denn stehlen?" -
"Außerdem werden wir dort keine Arbeit finden, bei vielen Stellenangeboten
steht gleich da, dass sich Iren erst gar nicht zu bewerben brauchen!" - "Aber
wir haben doch deinen Onkel, der uns hilft..." - "Ich würde Liam Devaney
nicht meinen Onkel nennen. Er ist ein Cousin meiner Mutter, den ich erst einmal
gesehen hab. Ist ausgewandert als er noch ziemlich jung war, jünger als
wir jetzt, er müsste jetzt Anfang 30 sein. Hat anscheinend drüben
ein bisschen was verdient, aber davon haben wir nie was gesehen, er hat auch
vorher nie geschrieben. War lediglich vor 2 Jahren mal da, das muss so kurz
nach meinem 14. Geburtstag gewesen sein. Er hat uns deswegen nämlich alle
ins Café eingeladen. Jedenfalls hab ich nicht die leiseste Ahnung warum
er sich ausgerechnet um mich bemüht und verdammt noch mal nicht um einen
meiner Brüder!" - "Musst du denn immer alles hinterfragen?! Kannst du dich
nicht einmal über etwas freuen? Woher hast du eigentlich diese ganzen Informationen
über die USA?" - "Von einem der auf so nem Schiff arbeitet." - "Und du
bist dir sicher, dass diese Schauergeschichten wahr sind? So wie ich das sehe
wollen die Amerikaner nur verhindern, dass noch mehr Leute dort einreisen, weil
sie ihren Wohlstand nicht gern teilen." - "Aber ich will nicht so weit weg von
daheim. Können wir nicht nach Großbritannien gehen und wenn alles
vorbei ist zurückkehren?" - "Und bei diesen Barbaren leben, die meinem
Vater umgebracht haben? Die für unsere ganze beschissene Situation verantwortlich
sind weil sie uns seit Jahrhunderten unterdrücken und ausbeuten? Niemals!"
Es gab so viele Dinge, die Megan noch sagen wollte, ließ es aber bleiben,
da sie nicht die Absicht hatte noch weiter zu streiten. Ihr Geliebter war völlig
mit den Nerven runter und sie wollte ihn nicht noch mehr aufregen. "Schon gut,
ich hol was zu schreiben."
Im Februar erhielt Megan Liams Antwortbrief mit dem Geld und nun standen sie
also an Bord eines dieser Sargschiffe umringt von halb verhungerten Menschen,
alle naiver als ihre kleinen Kinder und ihr eigener Freund war wohl der Naivste
von allen. Megan war ganz und gar nicht zufrieden mit diesem Kompromiss, wenn
man es überhaupt so nennen konnte, denn im Grunde war es allein Nicholas
Entscheidung. Sie sah ihn von der Seite an, wie er den Dublinern am Hafenbecken
zuwinkte und den Militärs Fratzen schnitt. Bedeutete ihm seine Heimat denn
gar nichts, dass er sie so glücklich verlassen konnte? Megan ließ
ihren Blick noch einmal über die Stadt schweifen, ihre Stadt, würde
sie jemals wieder hier her zurückkehren können? Ihre Augen füllten
sich mit Tränen. Nicholas, der das sah nahm sie ganz fest in den Arm. "Hey
Süße! Du wirst schon sehen, es kommt alles in Ordnung. Die Armut
wird nicht länger unser Leben bestimmen. Endlich sind wir die Briten los,
die Freiheit wartet auf uns!" Einen Moment lang spielte Megan mit dem Gedanken
über die Reling zu klettern, ins Hafenbecken zu springen und zurückzuschwimmen.
Sie ließ es bleiben, denn Nicholas wäre ihr sicher nie gefolgt.
"Ich brauche drei Portionen!" - "Pro Nase nur ein Fisch!" - "Aber das Mädchen
mit dem ich das Zimmer teile ist tot-krank und ihr Freund will sie nicht allein
lassen, weil er Angst hat sie könnte ihm wegsterben solange er hier ansteht."
lächelte Kevin den Schiffsarbeiter, der das Essen verteilte, verzweifelt
an. Dieser sah sich um und als er sicher war, dass keiner seiner Kollegen ihn
beobachtet, drückte er Kevin zwei weitere Fische in die Hand. "Junger Mann,
warten Sie bitte!" Der Typ, der hinter Kevin in der Schlange angestanden hatte
kam auf ihn zu und reichte ihm die Hand. "Martin Gleeson, ich bin Arzt!"
"Nicholas, das ist Dr. Gleeson!" Nicky wischte sich die Tränen aus den
Augen und erkannte jetzt, dass neben Kevin ein großer Mann, schätzungsweise
Ende 20 mit einer hellen Stoffumhängetasche neben Kevin stand. Nicholas
erhob sich von Megans Seite um Dr. Gleeson Platz zu machen. Dieser stellte seinen
Beutel ab, setzte sich ans Bett und legte zwei Finger an Megans Hals um ihren
Pulsschlag zu messen. "Sie haben kalte Umschläge gemacht, das ist gut.
Seit wann hat sie denn das Fieber?" - "Sie hat es über Nacht bekommen.
Doktor, ich weiß nicht mehr was ich noch tun soll, sie hat vorhin Blut
gespuckt!" - "Eine Lungenentzündung also. Wie lange ist sie jetzt schon
ohnmächtig?" - "Kurz nachdem Kevin weggegangen ist, also vielleicht eine
Viertelstunde." Dr. Gleeson nahm das Taschentuch von Megans Stirn und gab es
Nicholas. "Machen Sie das mal richtig nass!" Dann wusch er ihr damit das Gesicht
und den Hals ab und hob ihren Kopf leicht an. "Hallo? Hören Sie mich?"
"Megan, ihr Name ist Megan!" "Megan, Sie müssen mir jetzt helfen und das
hier schlucken!" Dr. Gleeson kippte ein paar Tropfen einer braunen Flüssigkeit
in Megans Mund und gab das Fläschchen anschließend Nicholas. "Sie
müssen ihr jede Stunde 8 Tropfen davon verabreichen um den Schleim von
den Bronchien zu lösen, dann wird mit der Zeit auch der blutige Auswurf
verschwinden und ihre Atmung erleichtert werden." Dr. Gleeson holte noch ein
weiteres Fläschchen aus seiner Tasche, das eine durchsichtige Flüssigkeit
enthielt. "Das hier ist ein fiebersenkendes Mittel, es ist offiziell noch nicht
zugelassen." - "Haben wir denn eine andere Wahl?" - "Nein! Aber die Heilungschancen
sind hiermit wirklich hoch. Ich hatte es mit meinem Partner entwickelt, wir
führten eine Gemeinschaftspraxis in Kilkenny und konnten es dort schon
an einigen Patienten ausprobieren." Er schraubte das Fläschchen auf und
flößte Megan etwas davon ein. "Ja, schön schlucken!" "Hiervon
bekommt sie drei mal am Tag 15 Tropfen, das müsste helfen. Ich werde heute
Abend noch einmal nach ihr sehen." - "Danke Doktor!" - "Dafür bin ich da!
Und bitte nennen Sie mich Martin, ich komme mir sonst so alt vor." - "Martin,
entschuldigen Sie wenn ich frage, aber ihr Freund, der andere Arzt, was ist
mit ihm?" - "Erschossen. In Tipperary gab es einen Aufstand, bei dem einige
Männer Kornfelder eines Gutsherren überfallen haben. Er gehörte
zu den Rebellen." - "Meinen Vater haben diese dreckigen Briten auch erschossen.
Ich habe meine ganze Familie verloren und wenn ich Megan jetzt auch noch hergeben
muss gibt es für mich keinen Grund mehr weiterzuleben." - "Ich tue mein
bestes, aber Sie müssen jetzt sehr stark sein, auch für Megan! Wie
sehen eigentlich ihre Pläne aus?" - "Wir bleiben in New York. Megan hat
dort Verwandtschaft. Und Sie?" - "Ich reise weiter nach Boston. Die Stadt soll
viel von zu Hause haben, sehr europäisch und vor allem irisch geprägt
sein. Also falls Sie das Heimweh packt..."
Dank der Medikamente kam Megan wieder auf die Beine und war völlig gesund
als sie im Sommer in New York eintrafen. "Wahnsinn Megan, ich finde New York
ist eine großartige Stadt!" - "Du hast gerade mal den Hafen gesehen!"
- "Trotzdem." - "Ja ja, komm schon, suchen wir uns eine Kutsche! Hoffentlich
nimmt uns überhaupt jemand mit, so heruntergekommen wie wir aussehen..."
"Hey Sie! Wissen Sie wo das hier ist?" Megan hielt dem Kutscher Liams Adresse
auf dem Briefumschlag unter die Nase. "Natürlich! Die Frage ist nur, können
Sie mich auch bezahlen?!" - "Der hier wird Sie bezahlen!" entgegnete sie und
tippte dabei auf den Absender.
Mit großen Augen sah sich Nicholas die Stadt an, während Megan mal
wieder schlechtgelaunt war. Er mochte es nicht, wenn sie so verärgert war,
sprach sie aber nicht darauf an um Streit zu vermeiden. Die Kutsche hielt in
einer wohlhabenden Gegend, in der erst wenige Häuser standen, vor einem
freistehenden zweigeschossigem Haus. Nicholas sprang übermütig heraus
und drehte sich einmal im Kreis um sich genau umzusehen. Wie ein trotziges Kind
kletterte Megan langsam auf die Straße.
Durch das Wiehern der Pferde aufgeschreckt stürmte Liam zur Tür. "Na
kommt schon ihr faulen Säcke! Das sind sie!" Missmutig erhoben sich seine
beiden Handlanger und die anderen zwei Typen, die Grazziosi ihm geschickt hatte.
Er riss die Tür auf und ließ ihnen den Vortritt, er selbst blieb
auf der Treppe vor dem Eingang stehen. Die beiden kräftigen Italiener packten
Nicholas und zogen ihn zurück zur Kutsche, als er sich wehrte versetzten
sie ihm jeder einen Schlag in die Magengrube. Einer von Liams Gehilfen hielt
Megan fest und schleifte sie die Treppe hinauf. Der andere trug den Koffer ins
Haus. "Nein! Nicholas! Nicholas!" schrie Megan und versuchte sich loszureißen,
es gelang ihr nicht. "Hey, was ist jetzt mit meiner Bezahlung?!" rief der Kutscher.
"Die bekommst du von uns..." entgegnete einer der Italiener "... und jetzt fahr
schon los, nach Little Italy!"
Megan wurde gefesselt und auf die Couch gelegt damit sie nicht abhauen konnte.
Nachdem die beiden Kerle gegangen waren schloss Liam die Tür ab und setzte
sich neben sie. "Was soll das?" - "Ich habe ihn verkauft, ich muss doch das
Geld für seine Fahrkarte wieder reinkriegen!" - "Aber du hast geschrieben,
du würdest dich freuen ein paar Familienmitglieder um dich zu haben." -
"Nun, lass es mich so ausdrücken, das war gelogen!" grinste er. Megan starrte
ihn fassungslos an. "Aber wieso?" - "Ganz einfach, ich will dich für mich
allein, mein Täubchen!" Liam betatschte ihre Brust und steckte ihr seine
Zunge in den Hals. Angewidert spuckte ihm Megan ins Gesicht. "Mach das noch
einmal, und ich sorge dafür dass dein Freund große Schmerzen erleidet!
Große Schmerzen!" Er löste ihr die Fesseln von den Füßen
und zerrte sie ins obere Stockwerk. Dann blieb er vor einer Tür gerade
gegenüber der Treppe stehen. "Wasch dich, du stinkst nach Fisch! Und ich
warne dich, versuch erst gar nicht abzuhauen oder rumzuschreien, es wird dich
sowieso keiner hören, wir sind ganz allein!" Liam nahm ihr auch die Fesseln
von den Handgelenken ab und schubste sie ins Badezimmer, dann verschloss er
die Tür.
Megan stürzte zum Fenster, konnte es aber nicht öffnen, da in den
Rahmen ein Schloss eingelassen war. Sie sah sich um, fand aber keinen Gegenstand
mit dem sie es einschlagen konnte. Wahrscheinlich hätte es ihr auch wenig
genützt, woran hätte sie rausklettern können? Und selbst wenn
sie es nach unten geschafft hätte, wäre sie wohl kaum weit gekommen.
Im Garten drehten zwei blutrünstige deutsche Schäferhunde ihre Runden.
In ihrer Verzweiflung beschloss sie erst einmal zu baden, vielleicht würde
sie in der Wanne auf bessere Ideen kommen. Ja, baden ist immer gut. Nimm ein
Bad, wenn dein Freund gerade entführt wurde. Nimm ein Bad, wenn du kurz
davor stehst vergewaltigt zu werden. Megan tauchte unter, um den Schaum aus
ihren Haaren zu spülen. Und wenn sie sich ertränkte? Dann könnte
sie Liam eins auswischen. Aber sie musste Nicholas doch wiedersehen! In ihrer
Vorstellung stand er auf dem Dach ihres Hauses in Dublin. Seine blonden Haare
flatterten im Wind umher, er strich sich eine Strähne hinters Ohr und lächelte
sie an. Wie Wasserfälle rannen die Tränen ihre Wangen hinunter. Megan
ging wieder auf Tauchgang um sie wegzuspülen und ein Schluchzen zu unterdrücken.
Als sie zu frieren begann stieg sie aus der Badewanne und trocknete sich ab,
dann schlang sie das Handtuch um ihre Haare und cremte sich ganz langsam ein,
um Zeit zu schinden. Wie Liam schon sagte waren sie allein, wenn sie ihn die
Treppe runterstoßen könnte und er sich dabei verletzt, könnte
sie fliehen. Megan wusch sich die Hände und begann ihre langen Haare durchzukämmen.
Zuletzt schlüpfte sie in die Sachen, die am Haken an der Tür baumelten.
Kaum hatte sie das rote Kleid mit dem tiefen Ausschnitt richtig angezogen, wurde
die Tür aufgerissen. Anscheinend hatte Liam sie die ganze Zeit durchs Schlüsselloch
beobachtet. Er packte ihren Arm und zog sie in das Zimmer neben dem Bad. Das
vom Hunger geschwächte Mädchen hatte keinen Chance, einen starken
Mann wie ihn zu Fall zu bringen. Er schleuderte sie auf sein Bett und fiel wie
ein Tier über sie her. Sie strampelte mit ihren Füßen und rammte
ihm ihr Knie in den Bauch. Da ließ er ihre Unterarme los und schlug ihr
ins Gesicht. Sie versuchte in seine Hand zu beißen, doch er umfasste ihren
Hals und drückte ihre Kehle zu. Mit der anderen Hand öffnete er seine
Hose. Da fiel Megans Blick auf den Nachttisch. Sie griff nach der Öllampe
und zerschlug das Glas über Liams Kopf, der gerade damit beschäftigt
war, ihren Rock hochzuschieben. "Du Miststück!" Als er sich vor Schmerzen
aufbäumte, rammte sie ihm die nun mit scharfen Splittern versehene Lampe
in die Kehle. "Ahh!... Du wirst deinen Nicholas nie wieder sehen!" keuchte er.
Das waren seine letzten Worte bevor er über ihr zusammenbrach und sein
Blut auf ihrem Hals und Dekolleté verteilte.
Sie wand sich unter ihm hervor und stand zur anderen Seite des Bettes auf, um
mit ihren nackten Füßen in keine Scherben zu treten. "Oh mein Gott!
Ich habe ihn umgebracht." Megans Herz schlug wie wild und sie wurde immer panischer.
"Das ist alles nicht passiert, ich habe nur Halluzinationen, weil ich so lange
nichts gegessen hab..." sie schloss ihre Augen. "... und wenn ich meine Augen
jetzt wieder öffne stehe ich auf unserem Dach daheim in Irland." Megan
blinzelte und erblickte einen toten Mann in einer Blutlache auf dem Bett. Sie
stöhnte auf und las sich vorsichtig die Scherben vom Kleid. "Ich muss die
Leiche verschwinden lassen." Sie blickte sich im Raum um, und entschied sich
die Truhe vor dem Bett zu öffnen. Sie holte die drei Wolldecken, die sich
darin befanden raus und wickelte Liam in eine davon. Dann zerrte sie ihn über
den Rand des Bettes und ließ ihn kopfüber in die Truhe plumpsen,
was ein leichtes Knacken nach sich zog. Sie drückte seine Beine an seinen
Körper und legte die anderen beiden Decken ordentlich auf ihn drauf, bevor
sie die Truhe wieder zuklappte. Dann lief sie im Obergeschoss umher und schaute
was sich hinter den anderen Türen verbarg. "Verdammt, hier wird es doch
irgendwo eine Abstellkammer geben?!" Sie eilte die Treppe hinunter und entdeckte
unter der selbigen eine kleine Tür. Sie nahm sich einen Eimer, Kehrschaufel
und Besen heraus und säuberte das Schlafzimmer von den Glasscherben. Anschließend
zog sie die blutige Bettwäsche ab und holte saubere aus dem Schrank links
vom Bett. Nachdem sie das Schlafzimmer wie in Trance wieder in seinen Urzustand
gebracht hatte, zog sie den Schlüsselbund von der Tür. Sie räumte
die Putzutensilien wieder weg und entschied sich die blutige Bettwäsche
zusammen mit dem roten Kleid, das Liam extra gekauft hatte um sie darin zu vergewaltigen,
im Kamin zu verbrennen. Sie würde später eines von den anderen Kleidern
anziehen, die sie in dem Raum neben dem Schlafzimmer auf dem Bett hatte liegen
sehen. Dieses sollte wahrscheinlich ihr Zimmer werden. Sie nahm ein Streichholz
aus dem Päckchen, das auf dem Kaminsims lag, brannte es an und warf es
auf das Holz. Dann ging sie wieder ins Bad und wusch sich Liams Blut vom Körper.
Er hatte ihr ein paar rote Abdrücke am Hals verpasst, also entschied sie
sich für das dunkelgrüne Kleid mit dem hohen Kragen.
Als sie sich wieder auf der Couch niederließ, loderte das Feuer bereits
und sie fing an die Sachen zu verbrennen. Die Flammen übten eine beruhigende
Wirkung auf sie aus und als sie eine Weile so da saß, sank auch ihr Adrenalinspiegel
wieder und ihr knurrender Magen meldete sich zu Wort. Sie ging in die Küche
und trank bestimmt den halben Krug Wasser der auf dem Tisch stand leer. Die
Speisekammer war gefüllt mit den verschiedensten Sachen. Viele davon hatte
sie vorher noch nie gegessen, geschweige denn gesehen, also entschied sie sich
für das Schälchen mit Erdbeeren und schnitt sich auch eine Scheibe
Brot ab. Sie hätte zwar noch mehr essen können, wollte aber keine
Bauchschmerzen riskieren. Schließlich hatte sie seit... ja sie konnte
sich nicht mal erinnern wann sie zuletzt etwas gegessen hatte.
Als Megan ins Wohnzimmer zurückkehrte bemerkte sie, dass ihr Koffer neben
dem Sofa stand. Sie öffnete ihn und Nicholas Notizbuch fiel ihr entgegen,
in welches er Lieder und Gedichte schrieb, die ihm so einfielen. Sein Traum
war es eines Tages einen Roman zu verfassen. Sie blätterte ein bisschen
darin rum und entdeckte ein neues Lied. Er muss es geschrieben haben nachdem
sie wieder gesund geworden war. "Wir sind weiter gegangen als wir wollten und
nur die Zeit hat uns stets verfolgt. Wir haben gelernt es gibt nur Lieben oder
Hassen, doch nur die Liebe hat sich gelohnt. Es war nicht immer so leicht wie
wir dachten, doch jeder Schmerz zahlt sich aus. Du hast Fehler gemacht mit den
Jahren, aber Fehler mach ich ja auch. Und Du bist immer noch bei mir, wir sind
immer noch zwei hier..." "Jetzt nicht mehr!" schluchzte sie. Doch Megan wischte
ihre Tränen weg und las weiter. "...denn Du weißt zuerst kommt der
Blitz, dann kommt der Donner und am Ende kommt die Sonne." Sie klappte das Buch
zu und flüsterte "Na dann hoffe ich, dass die Sonne bald wieder für
mich scheint... Ich werde dich finden, selbst wenn ich mein ganzes Leben mit
Suchen verbringe!" Sie legte das Buch nieder und eilte ins obere Stockwerk,
in den Raum wo der Schreibtisch stand. "Im Arbeitszimmer dieses Betrügers
muss es doch irgendeine Aufzeichnung über Nicholas Verbleib geben! Er hat
gesagt, dass er ihn verkauft hat, wo guck ich denn da am besten nach? Im Adressverzeichnis
unter Sklaven- und Menschenhändler? Nein, so dumm ist keiner!"
In Liams Büro angekommen lag tatsächlich ein Terminkalender auf dem
Schreibtisch. Für morgen 9.00 hatte er Frühstück mit Antonio
Grazziosi notiert. "Das muss er sein! Diese beiden Typen waren doch Italiener!"
Megan beschloss an Liams Stelle das Treffen mit dem Mafiosi, denn offensichtlich
war er einer, wahrzunehmen. "Aber erst mal muss ich hier verschwinden." Sie
glaubte zwar nicht, an diesem Abend noch Besuch zu erhalten, denn mit Sicherheit
hatte Liam seinen Untergebenen und sogenannten Geschäftspartner verklickert,
dass er niemand zu sehen wünschte, weil er sie ordentlich durchvögeln
wollte, aber Megan fühlte sich in diesem Haus trotzdem nicht sicher und
zog es vor sich in eines der teuren Hotels zu begeben. Sie durchwühlte
den Schreibtisch nach Geld und fand in der ersten Schublade eine Pistole plus
Patronen. "Die werd ich mal lieber mitnehmen, in einer Stadt wie New York kann
man schließlich niemandem trauen!" In der zweiten Schublade fand sie nichts
außer ein paar Zetteln, doch als sie diese überflog traute sie ihren
Augen kaum. "Was Echtheitszertifikat über ein Stillleben von Lucas Cranach,
Gemälde in Öl auf Leinwand? Echt? Die Bilder über der Treppe
sind alle echt?" Das musste sie mit eigenen Augen sehen. Dort hang auch Die
Erschießung der Aufständischen von Francisco Goya. Megan strich sanft,
ja fast zärtlich, mit ihren Fingern über das Bild, es kam ihr vor,
als hätte es Tausende von Farbschichten, was wahrscheinlich auch stimmte.
Megan, die sich schon immer für Kunst interessierte, kannte das Gemälde
noch aus der 7. Klasse als Mr. O’Hara mal mit ihnen im Museum war. Freilich
hingen dort nur gutgemachte, aber dennoch wertlose Fälschungen. Ihr Kunstlehrer
hatte deshalb erklärt, dass Fälschungen meistens über viel weniger
Farbschichten verfügen als die Originale. Sie ließ ihren Blick umherwandern
und erkannte nun auch Gemälde von Dürer, Rubens und das besagte von
Cranach. Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte Freudentränen.
"Ich bin reich! Ich bin reich! Ich muss nie wieder hungern! WIR müssen
nie wieder hungern!" Ganz vorsichtig hang sie die schweren Bilder ab und lehnte
sie am Fuß der Treppe an die Wand. Dann rannte sie dieselbige wieder hinauf
und holte den größeren der beiden Koffer vom Kleiderschrank im Schlafzimmer.
"Hoffentlich krieg ich die auch alle da rein ohne die schicken Rahmen abnehmen
zu müssen!" Sie sollte Glück haben. Anschließend nahm sie den
zweiten Koffer vom Schrank und legte ihn im Nebenzimmer vors Bett um die Strümpfe,
Höschen, Korsetts und die drei anderen Kleider samt Accessoires die dort
lagen einzusortieren. Ihre Füße schmerzten etwas in den spitzen Halbschuhen,
die sie trug, da Liam sich offensichtlich in der Größe vertan hatte.
Sie zog sie aus und stattdessen die Stiefel an, die eine Nummer größer
waren und spürbar besser passten. Sie hievte den Koffer ins Arbeitszimmer
und legte die Patronenhülsen und die vier Echtheitsnachweise hinein, bevor
sie den Schlüsselbund vom Boden aufhob. Das unterste Schubfach war mit
einem Schloss versehen, aber der einzige kleine Schlüssel am Bund passte.
Zum Vorschein kam ein beiges Stofftäschchen voller Geldscheine. Megan zählte
die Bündel nach. "10.000 Dollar! Zehn TAUSEND Dollar? Wer hebt soviel Geld
zu Hause auf?" Sie packte das Täschchen samt Geld in den Koffer, bis auf
100 Dollar, die sie in der dunkelgrünen Handtasche, welche zu ihrem Kleid
passte, zusammen mit der Waffe verstaute. Sie nahm auch Liams Terminplaner an
sich, riss vorher jedoch das Blatt des morgigen Tages aus und steckte es ebenfalls
in ihre Handtasche. Das letzte Schubfach war irgendwie flacher als die anderen
beiden. Megan tastete es ab und entdeckte tatsächlich einen doppelten Boden.
Zum Vorschein kamen einige Ketten, Ohrringe und ein goldener Ring mit einem
Smaragd. "Omas Schmuck! Dieses Schwein! So hat er sich also die Fahrt nach Amerika
leisten können! Meine Mutter ist eine arme Frau und der beklaut die Familie!"
schrie Megan, die vermutete, dass bereits einige Stücke aus der Sammlung
fehlten. Ihre Mutter hatte ihr mal erzählt, dass das Haus ihrer Uroma abgebrannt
war und mit ihm auch ihr zukünftiges Erbe. In Wahrheit hatte Liam das Feuer
gelegt, nachdem er den Schmuck entwendet hatte. Megan kannte ihre Uroma nicht
persönlich, sie war vor ihrer Geburt gestorben, aber ihre Mutter hatte
ihr als Kind, wenn sie nicht einschlafen wollte öfters Geschichten erzählt
von der Zeit als sie selbst noch klein war und Megan erinnerte sich, dass Oma
Shannon einen smaragdenen Ehering trug. Sie steckte sich den Ring an den Finger,
räumte die restlichen Familienkostbarkeiten in den Koffer und schleppte
diesen ebenfalls ins Wohnzimmer, bevor sie noch einen letzten Rundgang durch
das Haus machte, auf der Suche nach weiteren wertvollen Gegenständen. Liam
Devaney würden diese eh nichts mehr nützen. Sie fand jedoch nichts
außer einer silbernen Taschenuhr im Nachtschrank seines Bettes. "Na ja,
dann bin ich morgen wenigstens pünktlich bei Mr. Grazi... ach egal, dem
Mafia-Boss! Sie öffnete die Uhr und las die Gravur an der Innenseite des
Deckels. "The future belongs to those who believe in the beauty of their dreams."
Liam Devaneys Träume waren bestimmt nicht schön, ihre eigenen dafür
umso mehr.
Im Arbeitszimmer sah sie noch nach, was sich unter dem Briefbeschwerer befand
und fischte ihren eigenen aus dem Haufen. Wieder im Wohnzimmer angelangt, stocherte
sie ein bisschen in der Glut rum, um das Ausgehen des Feuers zu verhindern.
Dann verbrannte sie darin ihren Brief und den, den Liam ihr geschrieben hatte
mitsamt der zu engen Schuhe. "Schade um die schönen Dinger! Aber was nützt
es sie mitzuschleppen, wenn sie mir doch nicht passen?!"
Da sie jeden Beweis ihrer Anwesenheit in diesem Haus vernichten wollte, überlegte
sie noch einmal ob sie auch wirklich alles entfernt hatte. "Hhh, das Bad! Ich
bin gar nicht noch mal im Badezimmer gewesen!" Erneut lief sie nach oben und
sammelte ihre alte Kleidung und Schuhe vom Fußboden. Doch was sollte sie
jetzt damit anstellen? Ihren eigenen schäbigen Reisegefährten konnte
sie ja wohl kaum mit in so ein Nobelhotel bringen und in Liams Koffer passte
fast nichts mehr rein. Auch so war es gefährlich, die abgetragenen Sachen
mitzunehmen, wenn der Koffer irgendwie zufällig aufgeht, würden sicher
einige Leute Verdacht schöpfen was diese elegante Lady, denn so sah sie
jetzt aus, mit solchen versifften Kleidungsstücken zu schaffen hat. Sie
musste sie also verbrennen. Doch das bedeutete auch, dass sie Nicholas Kleidung
ebenfalls dem Feuer überlassen musste. "Nein! Das kann ich doch nicht tun!
Wenn ich ihn niemals wiedersehe, hab ich mich hiermit selbst einer Erinnerung
beraubt..." Wieder flossen die Tränen ihre Wangen entlang. "Argh! Jetzt
reiß dich zusammen, du Heulsuse! Es sind doch nur Anziehsachen! Die wirklichen
Erinnerungen an ihn bewahrst du doch in deinem Herzen auf!" Sie kramte nach
ihrer alten Jacke und entnahm ihr ein postkartengroßes Bild von Nicholas,
das sie ganz fest an sich drückte. Er hatte es von einem Straßenkünstler
malen lassen und ihr an ihrem ersten gemeinsamen Weihnachtsfest geschenkt, das
war noch bevor die Seuche ausbrach. Auf der Rückseite stand eine Widmung
"für meine liebe Freundin". Megan ließ ihre Finger liebevoll über
die Tinte gleiten. "Ich muss dich einfach wiederfinden! Was nützt mir denn
das ganze Geld, wenn ich es nicht mit dir teilen kann?" Sie steckte das Bild
in ihre Handtasche und Nicholas Notizbuch in den Koffer. Dann warf sie die alte
Kleidung in dem Kamin und ließ die Flammen ihre Arbeit verrichten. Den
alten Koffer verstaute auf dem Schrank im Schlafzimmer. "Erstaunlich wie viel
ein Mensch an einem einzigen Tag in den USA erleben kann! Ich habe heute meinen
Freund verloren, bin knapp einer Vergewaltigung entkommen, habe aus Notwehr
jemanden getötet und habe Reichtum erlangt... und das alles vor Sonnenuntergang!"
Megan löschte das Feuer, schob die beiden Koffer zur Eingangstür,
schnappte sich ihre Handtasche, ging nach draußen und schloss wieder ab.
Sie lief ein Stück die Straße in westlicher Richtung entlang, also
der Sonne entgegen und hoffte, dass es nicht mehr allzu lange dauern würde,
bis sie auf eine Kutsche traf. In der Nähe eines kleinen Parks wurde sie
fündig. Sie sprach einen Mann an, der gerade sein Pferd am Brunnen tränkte,
da er einen freundlichen Eindruck machte. Er war vielleicht fünf Jahre
älter als sie und hatte ein hübsches Lächeln. "Hallo! Können
Sie mich zum Vier Jahreszeiten bringen?" - "Das tue ich sogar sehr gerne, wenn
Sie sich eine Minute gedulden. Mein Pferd ist sehr durstig." - "Kein Problem.
Wir müssen noch mal ein Stück zurück, ich habe zwei schwere Koffer."
Megan war das Hotel aufgefallen, als sie und Nicholas vom Hafen zu Liam gefahren
sind. Teure Unterkünfte boten Sicherheit und im deutschen Stadtteil würde
sie hoffentlich keinem von Liams Komplizen begegnen. Sie hatte das Haus verschlossen
und die Schlüssel mitgenommen, damit es zunächst so aussah als wäre
Liam verreist. Sie hoffte, dass so schnell niemandem sein Verschwinden verdächtig
vorkam. Doch wenn sich einer seiner Freunde Zugang zum Haus verschafft, feststellt
dass die Bilder fehlen und Liams Leiche in der Truhe liegt, dann würden
sie mit Sicherheit nach ihr suchen und nicht nur sie, sondern auch die Polizei
weil das ganze sehr stark an Raubmord erinnerte. Doch jetzt konnte Megan die
Polizei auch nicht mehr einschalten, es war zu spät, niemand würde
ihr das mit dem Totschlag abnehmen. "Wenn Sie es aus Notwehr getan haben, warum
sind Sie dann nicht gleich zu uns gekommen? Wieso haben Sie dann die Spuren
beseitigt?" Diese Fragen würde sie sich dann nämlich gefallen lassen
müssen. Wahrscheinlich würden die sie verknacken und dann würde
sie Nicholas nie wieder sehen. Oder sie würde wegen Mordes hingerichtet.
Gab es im Staate New York eigentlich noch die Todesstrafe? Ein eisiger Schauer
lief ihren Rücken herunter und sie begann zu zittern. "Ist Ihnen kalt Miss?"
- "Ein bisschen, vom Fahrtwind." - "Wir sind gleich da, dort vorn ist es schon!"
Megan ärgerte sich zwar, dass sie nicht schon früher daran gedacht
hatte die Cops zu verständigen, doch jetzt machte es ohnehin keinen Sinn
mehr sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was geschehen ist, ist geschehen,
sie stand nach dem Vorfall im Schlafzimmer eben unter Schock. Natürlich
hätten die ihr helfen können Nicholas zu finden, andererseits wenn
Liam so einflussreich war, wie sie es vermutete, kannte er sicher auch Bullen
und wer weiß was die dann mit ihr gemacht hätten... vielleicht einige
zwielichtige Gestalten auf sie angesetzt, die sie kaltmachen sollten. Die aus
der Unterwelt nahmen diesen ganzen Ehre-Scheiß doch ziemlich ernst, ein
Leben für ein anderes Leben und so weiter. Bei diesem Gedanken bekam sie
auch Angst, dass diese Typen Nicholas etwas antaten, zwang sich aber, heute
nicht mehr darüber nachzudenken, sondern erst mal das Treffen mit dem Mafiosi
abzuwarten.
Sie gab dem Kutscher mit dem netten Lächeln das Doppelte und folgte den
Hotelboys die ihr Gepäck in die Eingangshalle trugen. An der Rezeption
war niemand zu sehen, also lehnte sie sich dort an und wartete. Da sie auf der
anderen Seite ein kratzendes Geräusch vernahm beugte Megan sich über
den Tresen und sah einen jungen Mann auf dem Boden rumkrauchen, scheinbar suchte
er etwas. Als er wieder aufstand blickte er direkt in ihr Gesicht, er hatte
unglaublich blaue Augen und die weichsten Lippen die sie je gesehen hatte. "Ahh!"
er verlor das Gleichgewicht und fiel gegen das Regal mit den Schlüsseln.
"Oh Verzeihung! Ich hatte nicht die Absicht Sie zu erschrecken." lächelte
Megan. "Haben Sie sich verletzt?" - "Geht schon. Sie können ja nichts dafür.
Guten Abend erst mal! Womit kann ich Ihnen behilflich sein?" - "Mit einem Zimmer."
- "Einzelzimmer?" - "Nein, Doppelzimmer. Mein Mann kommt noch nach." - "Und
wie lange gedenken Sie zu bleiben?" - "Vorläufig drei Nächte." - "Ach
wo ist denn mein Stift jetzt schon wieder hin? Einen Moment bitte." Er ging
auf die Knie und sah unter dem Schreibtisch nach. Netter Hintern, dachte Megan
und neigte ihren Kopf ein wenig nach rechts um ihre Aussicht zu verbessern.
"Gut, dann brauche ich nur noch ihren Namen." - "Byrne." Er übergab ihr
den Zimmerschlüssel. "Dann wünsche ich einen angenehmen Aufenthalt
und noch einen schönen Abend, Mrs. Byrne! Sollten Sie irgendwelche Fragen
haben, können Sie sich jederzeit an mich wenden."
Sich als verheiratet auszugeben erschien Megan sicherer. Eine junge wohlhabende
Frau, die allein reiste war eher ungewöhnlich und Aufsehen erregen war
das Letzte was sie vorhatte. Das Doppelzimmer konnte sie sich jetzt doch leisten
und falls sie Nicholas morgen zurückbekommen würde, hätte sie
noch nicht mal gelogen. Sie zog sich aus und ließ sich auf das große
Bett fallen. In so einem weichen Bett hatte sie noch nie geschlafen. Es war
mit weißer Seidenbettwäsche bezogen, was sich toll auf der Haut anfühlte.
Megan stellte den Wecker auf dem Nachttisch auf 8.00 und schlief erschöpft
ein.
In ihren Träumen erlebte sie noch einmal den gestrigen Tag und als sie
am Morgen aufwachte war sie zwar körperlich entspannt, nervlich aber total
aufgewühlt. Wie stets in solchen Situationen ging Megan ins Bad und wusch
sich das Gesicht mit kaltem Wasser und trank auch davon, um ihre Angst zu vertreiben.
Als das nichts half zog sie sich zunächst an, packte noch 700 Dollar in
ihre Handtasche und machte sich dann mit der Pistole vertraut. Sie entnahm ihr
die Munition, entsicherte sie, steckte sie in ihren Stiefel, lief ein paar Meter
damit, zog sie blitzschnell heraus und drückte ein paar Mal ab, um zu sehen
wie viel Kraft sie aufwenden musste. Das ganze probte sie ein paar Mal bis sie
sich etwas sicherer fühlte und füllte schließlich die Trommel
komplett auf. Freilich hätte sie im Ernstfall kaum eine Chance gegen echte
Gangster die quasi mit ner Wumme aufgewachsen sind, aber es war immer noch besser
als dort völlig schutzlos aufzukreuzen. An der Rezeption hatte der nette
junge Mann vom Abend wieder Dienst und lächelte ihr zu als sie die Treppe
runterkam. Sie winkte zurück, gab schnell ihren Schlüssel ab und verließ
das Hotel.
Als die Kutsche vor der Trattoria hielt, war es bereits 9.30. Megan hoffte,
dass sie den Mafiosi noch nicht verpasst hatte, rechnete sich aber gute Chancen
aus, da sich die Italiener zum Essen ja bekanntlich viel Zeit ließen.
Sie atmete noch ein mal tief durch und betrat das Restaurant. Es waren nur zwei
Gäste anwesend. Megan entschied sich, den dicken Kerl, der gerade eine
große Portion Spaghetti verspeiste, anzusprechen. "Buongiorno! Sind Sie
Antonio Grazziosi?" Der Mann nickte und zog einen Stuhl etwas vom Tisch weg,
so dass Megan sich setzen konnte. "Mille grazie! Ich suche einen Mann, 20 Jahre
alt, blond, 1,75m groß, Ire." Megan zog das Bild aus ihrer Tasche und
legte es vor ihm auf den Tisch. Grazziosi nahm es in die Hand und betrachtete
es genauer. "Können Sie mir helfen ihn zu finden? Geld spielt keine Rolle!"
"Ey Giovanni!" Grazziosi winkte den Typ, der an der Bar saß, zu sich und
hielt ihm Nicholas Bild hin. "Kenne ich diesen Mann?" "Den Kerl haben Paolo
und Gabriel gestern Nachmittag mit in das alte Lagerhaus gebracht, sie haben
ihn von Devaney. Er gehört zu denen, die Johnny die Schlange gekauft hat
und als Arbeiter an einen Plantagenbesitzer in Virginia verschachern will."
flüsterte er Grazziosi ins Ohr.
Das Gespräch verstummte als ein junger Mann in das Restaurant stürmte
und zielstrebig ihren Tisch ansteuerte. Er war schlank und muskulös, seine
Ausstrahlung selbstbewusst. Die Narbe auf seiner rechten Wange ließ ihn
ein bisschen gefährlich wirken, wahrscheinlich stammte sie von einem Kampf.
"Papa, ich kann das was du vorhin zu mir gesagt hast, einfach nicht auf mir
sitzen lassen! Ich liebe Maria und ich werde sie heiraten mit oder ohne deinen
Segen!" - "Aber du bist erst 25, du weißt nicht was du willst!" - "Doch
das weiß ich sehr wohl! Ich habe mich entschieden und entweder du tolerierst
das, oder eben nicht!" - "Du bist verrückt geworden, die Frau ist so alt
wie deine eigene Mutter!" - "Maria ist 40!" - "Und damit zu alt für meinen
Jungen. Warum suchst du dir nicht ein nettes hübsches Mädchen in deinem
Alter?" - "Weil sie die Einzige für mich ist. Ich bin glücklich, kannst
du das denn nicht verstehen?" - "Ich wollte doch immer einen Enkel haben und
diese Frau kann sicher keine Babies mehr bekommen. Willst du denn die Erfahrung
verpassen einen kleinen Bambino großzuziehen? " - "Aber Kinder sind doch
nicht alles im Leben. Lern Maria doch erst mal richtig kennen, sie ist sehr
nett." - "Ich brauche sie gar nicht kennen zu lernen, das ist mein letztes Wort!"
- "Na schön, aber es ist mein Leben und ich dulde es nicht länger,
dass du dich ständig einmischst." Aufgebracht verließ der temperamentvolle
junge Grazziosi das Lokal. Sein Vater rief ihm noch nach "Aber kannst du mich
denn nicht auch verstehen? Du bist doch mein einziger Sohn, eine andere Chance
gibt es für mich nicht!"
Grazziosi saß noch eine Weile da und fixierte die Tür. "Francesco,
noch ein Glas Rotwein!" Der Barmann beeilte sich, da Grazziosi ganz und gar
nicht gern wartete, noch dazu nicht, wenn er wütend war. Grazziosi leerte
das Glas in einem Zug. "Noch eins!" Francesco sah Megan an "Darf ich Ihnen auch
etwas bringen, Signora?" - "Ja, einen Cappuccino, bitte!" "Kinder! Am Anfang
sind sie so lieb, doch wenn sie anfangen ihren eigenen Kopf zu entwickeln, machen
sie einem nur Kummer." seufzte Grazziosi und sah Megan an "Haben Sie schon welche?"
- "Nein, noch nicht." - "Na dann seien Sie froh und genießen Ihr Leben.
Der Ärger kommt noch früh genug angekrabbelt." Megan musste lächeln,
als sie hergekommen war, hatte Grazziosi so imposant auf sie gewirkt, doch jetzt
da sie seine menschliche Seite miterlebt hatte, musste sie zugeben, dass er
doch auch nur ein Mensch wie jeder andere war, mit Gefühlen und Problemen.
"500 Dollar, ich biete Ihnen 500 Dollar, wenn Sie mir diesen Mann bringen!"
nutzte sie die günstige Gelegenheit. "Wie bitte?" Megan tippte auf Nicholas
Bild, das noch immer auf dem Tisch lag. "Ach so, ja richtig." Grazziosi überlegte
einen Moment. Devaney, der ihm noch 100 Dollar schuldete, hatte ihm vorgeschlagen
ihm dafür einen Typen zu liefern, den er dann weiterverkaufen könne.
Grazziosi, der sich eigentlich aus dem Menschenhandel zurückziehen wollte,
da er langsam alt wurde und Bankraub sich als immer gewinnbringender erwies,
tat ihm den Gefallen trotzdem, handelte Devaney jedoch auf 50 Dollar herunter.
Anscheinend wollte Devaney den Burschen loswerden, welchen Grund er dafür
hatte, wollte er ihm jedoch nicht verraten, er hatte ihn lediglich um zwei Männer
gebeten, die ihn abholen sollten. Das Angebot der Lady klang lukrativ und wenn
er es geschickt anstellte, würde Devaney nie davon erfahren, dass er den
jungen Kerl nicht an Johnny die Schlange verkauft hatte. Und falls doch war
es auch egal, Devaney hatte viel zu viel Respekt vor ihm, als dass er deswegen
ne Riesenszene machen würde, außerdem war er selbst Schuld wenn er
ihm nicht sagte, was es mit dem Jungen auf sich hatte. Wo blieb Devaney, dieser
Penner überhaupt? Er hatte sich schon eine Dreiviertel Stunde verspätet.
Klar, Grazziosi aß noch und hatte Zeit, aber darum ging es nicht. Niemand
ließ Antonio Grazziosi warten! "Va bene, ich nehme Ihr Angebot an." "Aber
Signore Grazziosi, Johnny die Schlange wollte ihn in eine paar Stunden abholen!"
mischte Giovanni sich ein. Grazziosi gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf.
"Was soll das? Zweifelst du meine Entscheidungen an?" - "Nein!" - "Doch, du
zweifelst meine Entscheidungen an!" Grazziosi gab ihm noch einen Klaps. "Aber
ich wollte Sie doch nur erinnern..." - "Ach erinnern wolltest du mich? Was soll
das, glaubst du ich habe das vergessen? Glaubst du das? Johnny die Schlange
will mir 150 geben, die Lady bietet mir 500 Dollar! Giovanni, ich weiß
nicht, was ich davon halten soll, du hast meine Autorität vor der Lady
untergraben. In Zukunft dulde ich keine Widersprüche. Ist das klar?" Giovanni
nickte. Grazziosi versetzte ihm noch einen dritten Klaps. "Ist das klar?" -
"Ja, Signore." - "Und jetzt verschwinde und hol den Jungen ab! Wenn ihr hier
seid, dann sorg dafür, dass er in der Kutsche sitzen bleibt, komm rein
und sag mir bescheid, für den Fall dass Devaney doch noch aufkreuzt. Und
richte Raffael aus, dass er Johnny der Schlange, falls der heute Mittag Ärger
macht, weil einer fehlt, sagen soll, dass er ein Waschlappen ist und nichts
zu melden hat und dass sich die Preise eben geändert haben. Hier du Trottel,
sieh dir das Bild noch mal genau an, nicht dass du wieder alles falsch machst!"
Giovanni gab Megan das Bild zurück und verließ die Trattoria. Als
Megans Cappuccino kam, bestellte Grazziosi noch ein Tiramisu und einen Espresso
für sich und lud Megan ein, die Appetit auf eine Portion von diesen leckeren
Spaghetti hatte. "Complimenti, ich habe noch nie eine Frau gesehen, die zum
Frühstück Pasta isst, na ja jedenfalls keine Nicht-Italienerin...
Sie erinnern mich ein bisschen an meine erste Frau, Alessandra." - "Was ist
mit ihr passiert?" - "Sie hat mich verlassen und einen reicheren Typen geheiratet."
- "Das tut mir leid." - "Ich glaube ihm tat es am Ende am meisten leid." - "Warum,
hat sie ihn auch verlassen?" - "Nein, ich habe ihn eines Tages zufällig
auf der Straße getroffen, da hab ich ihn abgeknallt... Sie kommen aus
einem anderen Kulturkreis. Wie stehen Sie eigentlich zu diesen ganzen Morden?"
Ups, jetzt hatte er Megan kalt erwischt. Sie beherrschte sich und versuchte
sich nicht anmerken zu lassen, dass sie das Ganze nicht guthieß. Natürlich,
sie hatte gestern auch einen Menschen getötet, aber das war kein Mord.
"Na ja, so wie ich das sehe erwischt es doch nur Leute, die es auch wirklich
verdienen, oder? Und einem anderen Mann die Frau wegnehmen, gehört sich
ja nicht." - "Sì, Signora."
"Signore Grazziosi, die Lieferung ist eingetroffen!" kam Giovanni in die Trattoria
hinein. Megan und Grazziosi erhoben sich und folgten Giovanni vor die Tür.
Megan konnte noch gar nicht glauben Nicholas wiederzusehen und musste sich zusammenreißen,
nicht vor Grazziosi in Tränen auszubrechen. Sie drückte ihm das Geld
in die Hand "Arrivederci, es war nett mit Ihnen zu Essen." und sagte dem Kutscher
er solle zum Hafen fahren. Kaum dass sie saß fiel sie Nicholas um den
Hals. "Ich kann noch gar nicht richtig glauben, wie leicht das eben war." Nicholas
strich ihr übers Haar. "Megan, ich bin so froh, ich weiß gar nicht
was ich sagen soll." - "Dann sag nichts." Megan sah ihm tief in die Augen, streichelte
seine Wange und gab ihm einen Kuss. "Passiert das wirklich oder bist du nur
ein wunderschöner Traum?" - "Nein, ansonsten würde ich auch träumen,
mein Liebster." - "Noch gestern dachte ich, ich hätte dich für immer
verloren." - "Haben die dir wehgetan?" - "Natürlich haben sie mich am abhauen
gehindert, aber nein nichts ernsthaftes. Ich bin ok. Es war nur so schlimm,
nicht zu wissen was die mit mir vorhaben und vor allem wie es dir geht." - "Jetzt
wird alles gut, ich lasse dich nie mehr allein!"
Sie hielten sich ganz fest an den Händen während sie an den Geschäften
am Hafen vorüber liefen. "Hör zu Nicky, ich weiß, dir kommen
viele Dinge jetzt noch merkwürdig vor, aber es ist wichtig dass du keine
Fragen stellst. Ich werde dir alles erzählen, sobald wir sicher im Hotel
angekommen sind. Wir sind jetzt übrigens verheiratet, das ist Teil meines
Plans." - "Oh wie schön." - "Ja und deswegen müssen wir jetzt dafür
sorgen, dass du auch wie mein Mann aussiehst." Zuerst schleifte Megan ihn in
einen Barbershop. Frisch rasiert gings dann weiter um einen schlichten schwarzen
Anzug, einen Hut und ein paar neue Schuhe zu kaufen. "Das muss erst mal so gehen.
Nachdem du gebadet hast, kaufen wir dir schickere Sachen, aber zunächst
ist dieser klassische Anzug ok. Komm wir setzen uns erst mal in ein Restaurant,
du hast sicher Hunger."
"Steck deine linke Hand in die Hosentasche!" zischte Megan Nicholas zu, als
sie sich auf den Eingang des Hotels zu bewegten. "Wieso? Meine Hände sind
doch jetzt sauber!" - "Du trägst aber keinen Ehering! Lass dir nicht anmerken
wie toll du diese Residenz hier findest, für uns ist das alles ganz normal."
- "Klar!" Für Mr. Byrnes Geschmack lächelte der junge Kerl an der
Rezeption Megan etwas zu oft an als sie den Zimmerschlüssel abholten, er
entschied sich trotzdem lieber den Mund zu halten um nicht den Zorn seiner Freundin
auf sich zu ziehen. Diese jedoch bemerkte, dass er etwas ärgerlich war,
ergriff seine rechte Hand und schleifte ihn die Treppe hinauf um mitten darauf
stehen zu bleiben und ihm einen Kuss zu geben. "Warum soll ich mich denn nach
anderen Männern umsehen wenn ich dich habe, mhh?" In ihrem Zimmer angekommen
setzte Megan sich aufs Bett und zog ihre Stiefel aus, die Knarre legte sie auf
den Nachttisch. Nicholas sah sie erstaunt an "Du trägst eine Waffe?" -
"Amerika ist gefährlich! Komm, ich erklär dir alles beim Baden!" Megan
saß am Wannenrand und tauchte den Schwamm ins Wasser mit dem sie Nicholas
liebevoll den Oberkörper wusch. In seinem Kopf schrieen Tausende von Fragen
nach einer Antwort, doch da er Megan nicht drängen und lieber warteten
wollte bis sie ihre Gedanken geordnet hatte, sah er sie einfach nur an. Da überkam
ihn das Verlangen ihre Wange und ihren Mund zu küssen, also tat er es.
Und als er auch ihren Hals küssen wollte und dazu ihren Kragen aufknöpfte,
sah er die roten Flecken. "Was hat er dir angetan?" Megan starrte die Kacheln
an. "Er wollte mich vergewaltigen, da hab ich ihn erschlagen. Nicky, ich habe
einen Menschen umgebracht!" Nicholas nahm sie in den Arm und streichelte ihr
über den Rücken um sie zu beruhigen. Megan legte ihre Stirn auf seine
Schulter und ihre Tränen rannen seine nackte Brust hinab. Nachdem sie aufgehört
hatte zu weinen, berichtete sie ihm wie es ihr ergangen war und wusch ihm dabei
zärtlich die Haare. Als Nicholas aus der Badewanne stieg nahm Megan ein
großes Handtuch und wuschelte damit über seinen Kopf. Dann breitete
sie es über seinen Schultern aus und fuhr ihm sanft mit den Fingern durchs
Haar. "Die könnten mal wieder geschnitten werden, sind schon ziemlich lang.
Am besten wir gehen nachher gleich mal bei nem schicken Friseur vorbei." entschied
Megan, da sie selbst auch mit dem Gedanken an einen neuen Haarschnitt spielte.
Sie lächelte ihren Geliebten an. Dann schlang sie ihre Arme um seinen Nacken
und legte ihren Kopf auf seine Brust. Megan schloss für einen Moment ihre
Augen, so geborgen hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt. Doch
die Idylle war trügerisch, noch waren sie nicht wirklich in Sicherheit.
Nicholas spürte Megans warmen Atem an seinem Hals, wie sich ihr Körper
an seinen drängte und es war ihm peinlich, dass er auch sofort eindeutige
Reaktionen auf ihre Nähe zeigte. Er fühlte, dass es der Situation
nicht angemessen war, also riss er sich von Megan los und wickelte das Handtuch
um seine Hüfte. Sie muss ihn angeschaut haben, als sei sie gerade zum Tode
verurteilt wurden, denn sofort nahm er ihr Gesicht in seine Hände und küsste
sie so leidenschaftlich, dass ihm abermals eine angenehme Gänsehaut vom
Unterleib herauf bis in den Nacken kroch und seine Erregung wachsen ließ.
Die Realität schlich sich zurück in Megans Bewusstsein, sie hatten
noch so viele Dinge zu erledigen und für Bettspielchen war später
auch noch Zeit. Sie schob ihn mit sanfter Gewalt ein paar Zentimeter von sich
weg, hielt aber seine Hand fest. "Komm, ich möchte dir noch etwas zeigen!"
Megan führte Nicholas ins Wohnzimmer, kniete vor dem großen Koffer
nieder und öffnete ihn. "Hilf mir mal!" Zusammen breiteten sie die Kunstwerke
auf dem Teppich aus. "Das sind wertvolle Gemälde von Dürer, Cranach,
Rubens und Goya." - "Du willst mir doch nicht etwa erzählen dass..." -
"Doch! Diese alten Bilder sind alle echt!" Megan nahm die Nachweise dafür
aus dem anderen Koffer und wedelte damit vor Nicholas Augen herum. "Bei einer
Versteigerung in einem bekannten Auktionshaus können wir damit ein Vermögen
machen. Aber nicht hier, nicht in New York. Wenn Liams Leiche gefunden wird,
ist die Jagd auf mich eröffnet. Wir müssen die Stadt am besten so
schnell wie möglich verlassen." - "Lass uns nach Boston gehen, dort soll
es wunderschön sein." - "Ich werde mich in Amerika nie wohl fühlen
können. Es gibt nur einen Ort auf der Welt an dem ich leben will, wo ich
mich sicher und beschützt fühle und ich heiraten möchte und wo
unsere Kinder aufwachsen sollen." - "Die Seuche ist aber bestimmt noch nicht
gebannt..." - "Ich weiß und deswegen hab ich mir überlegt, wir nehmen
erst mal ein Schiff nach Großbritannien..." Nicholas wollte widersprechen,
aber er brachte es nicht übers Herz. Seine Freundin hatte so viel durchgemacht,
so viele schlimme Dingen hätten passieren können. Nur seinetwegen
waren sie jetzt in den USA. Er fand, dass es an der Zeit war sich zu revanchieren.
"...Sieh mal, in London werden wir die Bilder bestimmt am besten los und wissen
schneller bescheid was zu Hause los ist. Na und wenn das Grauen vorüber
ist, kehren wir nach Irland zurück." Nicholas nahm Megan in den Arm und
drückte sie ganz fest an sich. "Natürlich." - "Diesmal fahren wir
mit einem erstklassig ausgestatteten Schiff. Aber bevor wir dort überhaupt
an Bord gehen können, müssen wir uns den reichen Leuten anpassen.
Wir brauchen noch mehr Klamotten, auch für den Herbst, da es ja ein paar
Monate dauert bis wir ankommen." Megan löste sich aus Nicholas Umarmung
und verstaute reichlich Geld plus die Pistole in ihrer Handtasche. Als er sich
angezogen hatte machten sie sich auf den Weg. Sie waren gerade ein paar Schritte
von ihrem Zimmer entfernt als Nicholas seine Freundin festhielt und stehen blieb
um ihr den Kragen zuzuknöpfen. "Sonst denkt noch jemand ich würde
dich schlagen." Megan fragte an der Rezeption nach, wo man denn angenehm einkaufen
könne und der junge Kerl schrieb ihr auch auf, bei welcher Schiffsgesellschaft
sie an der richtigen Adresse waren.
Die Einkaufstraße war nicht weit entfernt vom Hotel. "Guck mal, das sieht
doch cool aus!" deutete Megan auf eine Schaufensterpuppe, die einen weißen
Anzug mit schwarzen Nadelstreifen, einen weißen Hut und dazu ein schwarzes
Hemd trug. "Ernsthaft?" sah Nicholas sie skeptisch an, da ihm dieses Outfit
ein bisschen zu ausgefallen erschien. "Aber klar, du würdest darin richtig
verwegen aussehen, rrr!" grinste sie ihn an. Tatsächlich gefiel der Anzug
Nicholas dann so gut, dass er ihn gleich anbehielt und als sie den Herrenmodenladen
mit einigen Taschen verließen, fiel Megan der fehlende Ehering wieder
ein. Nachdem sie beim Juwelier ein schönes Stück erworben hatten,
suchte Nicholas nun die Kleider für Megan aus. "Müssten wir jetzt
nicht alles haben?" - "Nein, wir sind noch lange nicht fertig. Wir brauchen
noch mehrere Paare Schuhe, Körperpflegemittel, Winterjacken, Unterwäsche,
Strümpfe... Ach ja und noch zwei Koffer um die ganzen neuen Sachen unterzubringen.
Was zu lesen für die Reise ist auch wichtig." - "Ehh? Ich kann nicht mehr."
- "Komm, wir machen erst mal Pause in einem Café." Während Nicholas
sich hinsetzte und bestellte, lief Megan zum Friseur auf der gegenüberliegenden
Straßenseite um nach einem Termin zu fragen. "Was soll denn gemacht werden?"
- "Also mein Mann ist da unproblematisch, irgendetwas modernes und ich hätte
meine Haare gern etwas kürzer, hinten bis zum Hals und vorn bis zum Kinn,
falls Sie das so anschrägen können." - "Wir erfüllen jeden Wunsch!"
- "Na das ist doch schön zu hören." Die nette Geschäftsführerin
blätterte in einem Buch. "Also in zwei Stunden könnte ich Sie beide
einschieben." - "Ja das passt gut." Da sie die restlichen Einkäufe schneller
als erwartet erledigten und somit noch Zeit hatten, gingen sie zunächst
zum Hotel zurück, verstauten alles in ihrem Zimmer und fuhren anschließend
zum Hafen. Der Mann, der im Büro der Rederei arbeitet, sah ziemlich gelangweilt
aus, so als ob ihm sein Job schon lange keinen Spaß mehr machte. Vielleicht
war das auch nie der Fall gewesen. Routiniert spulte er den üblichen Begrüßungstext
ab. "Wir möchten eine Fahrt nach Großbritannien buchen." - "Lady,
unsere Gesellschaft fährt ausschließlich nach Großbritannien."
- "Habe ich etwas anderes behauptet? Jedenfalls sind wir auf Hochzeitsreise
und von daher möchten wir uns überzeugen, dass das Schiff dem Anlass
entspricht. Also erzählen Sie mal was über Ihre Leistungen und die
Ausstattung der Zimmer!" - "Bla bla bla bla bla bla... alle Speisen und Getränke,
die Sie während des Frühstücks, Lunch und Dinners zu sich nehmen
sind im Preis inbegriffen. Außerdem verfügen die Kabinen über
bla bla bla... und eine große Badewanne." - "Aber selbstverständlich,
hahaha." Der Mann stimmte in Megans dummes Lachen mit ein und machte dabei einen
hohlen Gesichtsausdruck. "Wann ist der frühst mögliche Reisetermin
den wir bekommen können?" - "Der wäre morgen Nachmittag mit Reiseziel
London, falls Ihnen das nicht zu kurzfristig ist." - "Nein, das können
wir einrichten. Wann werden wir in London ankommen?" - "Erfahrungsgemäß
erreichen die Schiffe, die New York im Juli verlassen, London im Oktober." Nachdem
sie bezahlt und die Fahrkarten in Empfang genommen hatten, machten sie sich
auf den Weg zum Friseur. Nicholas konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.
"Was ist?" - "Ach nichts." lachte er und sah die Fahrt über amüsiert
aus dem Fenster. Als sie die Einkaufspassage erreichten, lief Megan ein paar
Schritte vor ihm her und wirkte etwas säuerlich. "Hey Sommersprosse, jetzt
sei doch nicht gleich beleidigt!" Sie blieb stehen und drehte sich um. "Ich
will aber wissen was du so lustig fandest." Er legte den Arm um ihre Schulter
und äffte sie nach. "Aber selbstverständlich, hahaha... So gestelzt
wie du vorhin geredet hast, passt du schon perfekt in diese Schickeria." Er
grinste sie an und gab ihr mit der Hüfte einen leichten Schubs. Sie schubste
zurück und jetzt lachten beide.
Einige Stunden später und etliche Dollar ärmer kehrten sie ins Hotel
zurück. "Ich hab so einen Hunger, ich könnte n halbes Schwein verschlingen."
- "Dann lass uns doch mal das Hotelrestaurant ausprobieren. Heute Abend mit
Showprogramm." las Megan auf der Tafel im Foyer vor. "Sag bloß das ist
der Kerl von der Rezeption." Nicholas deutete auf den Sänger auf der Bühne.
"Sieht ganz so aus." - "Hahahahaha." - "Also ich find ihn richtig gut." Durch
Megans Liebesbeweis am Vormittag auf der Treppe, hatte Nicholas nun nicht das
Bedürfnis wegen dieser Äußerung gleich eine Szene zu machen.
Grinsend schnitt er sich noch ein Stück Kartoffel ab. Nach dem Dinner ließ
Nicholas sich erschöpft aufs Bett fallen. Er knöpfte sein Hemd halb
auf und ließ noch einmal den Tag an sich vorbeiziehen. Megan verschwand
unbemerkt mit einer Einkaufstüte im Badezimmer. Als sie in dem Wäschegeschäft
waren, hatte sie darauf bestanden, die Sachen allein anzuprobieren um sie ihm
bei passender Gelegenheit vorzuführen. Sie zog sich aus und schlüpfte
in ein blassrosa Seidenhemd, das ihr bis kurz über das Knie reichte, es
hatte dünne Träger und war am Ausschnitt mit roter Spitze verziert.
"Nicholas..." rief sie ihm aus dem Bad zu "... es gibt da noch etwas sehr wichtiges,
das wir unbedingt tun sollten..." Voll ungestilltem Liebesverlangen sah er sie
an, wie sie lässig im Türrahmen lehnte. Die kürzeren Haare ließen
sie älter wirken, gar nicht wie 17. Seine Blicke blieben schließlich
an ihren Brustwarzen kleben, die sich unter dem dünnen Stoff abzeichneten.
Seit sie Irland verlassen hatten, hatte er nichts von ihr gehabt. "... die Hochzeitsnacht."
beendete Megan den Satz. Sie biss sich auf die Unterlippe, ging langsam auf
das Bett zu und kniete sich über ihn. Seine Hände glitten ihre Schenkel
hinauf um ihr das Hemd auszuziehen. Als er an ihrem Bauch angelangt war, fing
sie an zu lachen. Er kitzelte sie. "Kichererbse!" Sie wehrte seine Hände
ab und rächte sich, so dass auch er lachen musste. "Gackerlinse!" Nicholas
griff mit dem rechten Arm nach dem anderen Kissen und schlug es ihr leicht gegen
den Kopf. Megan packte es und riss auch das zweite Kissen an sich. Sie flüchtete
ein paar Schritte vom Bett und warf ihm die beiden Kissen nacheinander gegen
den Brustkorb. Nicholas ließ sich nach hinten fallen und tat so als würde
er leblos liegen bleiben. Megan tappte vorsichtig auf ihn zu. Blitzschnell schlug
er seine Augen auf. Sie nahm reiß aus und als er sie gefangen hatte, umklammerte
er ihren Bauch und küsste ihren Hals. "Komm ins Bett mein Sommersprossenmonster,
wir spielen jetzt dein Lieblingsspiel!" Sie drehte sich zu ihm um und fragte
gespielt unschuldig "Die ganze Nacht?" - "Du alter Gierschlund!" Sie schaute
ihn herausfordernd an und wiederholte ihre Frage "Die ganze Nacht?" - "Oh ja!"...
Nachdem Megan und Nicholas alle ihre Sachen in der Kajüte ausgepackt hatten waren sie erschöpft auf das Bett gefallen und das Reich der Träume war über sie gekommen. Sie hatten in der letzten Nacht nicht besonders viel geschlafen. Megan wachte eine Stunde später wieder auf. Vorsichtig löste sie sich aus Nicholas Umarmung und verließ leise das Bett. Da sie ihn noch schlummern lassen wollte, sah sie sich allein ein bisschen an Bord um. Nachdem sie ihre Erkundungstour beendet hatte ging sie an Deck. Außer ihr war niemand oben, die anderen Gäste aßen oder tanzten ihm großen Saal. Megan lehnte sich an die Reling und blickte dem Sonnenuntergang entgegen. New York war nur noch ein kleiner Fleck am Horizont. Sie ließ ihre Hände in die Taschen ihrer Jacke gleiten, in der sich noch immer Liams Haustürschlüssel befand. Nachdenklich drehte sie ihn in ihrer Hand, als sich ein Arm auf ihre Schulter legte. "Ach hier bist du." murmelte Nicholas verschlafen und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Sie standen eine Weile so da bis Megan ihre Gedanken aussprach. "Ich werde es nie vergessen können." - "Aber Schatz, es ist doch auch erst wenige Tage her." - "Nein Nicholas, du verstehst nicht. Ich werde es NIE vergessen. Jedes mal wenn ich etwas von diesem Geld ausgebe werde ich daran denken müssen, wie ich dazu gekommen bin, mein ganzes Leben lang." - "Oh Liebling, es tut mir so leid, das ist alles meine Schuld. Wir hätten nie nach Amerika kommen dürfen..." Megan legte ihre Finger auf seinen Mund. "Nein, du hattest recht. Zu Hause wären wir früher oder später verhungert..." Sie seufzte. "...Schon gemein, dass einem erst etwas Schlimmes passieren muss, bevor einem Gutes widerfährt... Aber es ist nun einmal so geschehen und ich werde mich damit arrangieren müssen. Im Grunde kann ich mich doch glücklich schätzen, denn das Wichtigste ist doch dass ich dich wiederhabe!" lächelte sie ihn an und gab ihm einen Kuss. Dann schleuderte Megan den Schlüssel in die Fluten. "Lassen wir die Vergangenheit ruhen, vor uns liegt eine wunderbare Zukunft."
Zuerst kommt der Blitz, dann kommt der Donner und am Ende kommt die Sonne.
Zuerst kommt der Blitz, dann kommt der Donner und am Ende ein ganzer Sommer.
Für Megan und Nicholas, die 1852 nach Irland zurückkehrten sollten
noch viele Sommer folgen.
Ende