Für Franzi, weil ich dich lieb hab!
*Happy Birthday*

~*Then the rainstorm came, over me
And I felt my spirit break
I had lost all of my, belief you see
And realised my mistake*~


Einführung - Chapter # 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - 8 - 9 - 10 - 11 - 12 - 13 - 14 - 15 - 16 - 17 - 18 - 19 - 20 - 21 - 22 - 23 - 24 - 25 - 26 - 27 - 28 - 29 - 30 - 31 - 32 - 33 - 34 - 35 - 36 - 37 - 38 - 39 - 40 - 41 - 42 - 43 - 44 - 45 - 46 - 47 - 48 - 49 - 50 - 51 - 52 - 53 - 54 - 55 - 56 - 57 - 58 - 59 - 60
- ENDE

EINFÜHRUNG

"Egan!" "Ja?" "Rauskommen, der Direktor will dich sehen!" Kian sah sich verwirrt um. Was hatte er jetzt schon wieder verbrochen? Eigentlich war er die letzten Tage sehr ruhig und in sich gekehrt gewesen und war immer zu allen Sitzungen und Therapiestunden gegangen. Was konnte er also wollen? Er rappelte sich auf, drückte seufzend gegen die schwere Tür und trat auf den Flur, wo er schon ungeduldig erwartet wurde. "Na endlich, der Direktor wartet nicht gerne, das müsstest du doch eigentlich wissen, Egan. Nach über 7 Jahren... Ich würde es mir ja nicht auf die letzten Tage verscherzen..."

Was der Betreuer da redete, verwirrte Kian immer mehr. Er kannte ihn nicht, wahrscheinlich war er neu. Das Einzige was er wusste, war dass er nicht besonders beliebt sein konnte. Schon die Art, wie er ihn musterte. "Jaja, so kann es gehen, Egan. Früher Popstar, jetzt verrückter Ex-Knacki in Therapie... Schade, dass ich nicht das Vergnügen hatte, schon früher mit "ihnen" zu tun zu haben!" Der Betreuer lachte laut auf. Kian starrte nur auf den Boden und biss die Zähne zusammen. Er wollte sich nicht provozieren lassen. Denn das war genau das, was dieser Mann bezweckte, ihn dazu bringen, ihn zu schlagen oder sonst etwas Verbotenes zu tun. Vielleicht wollte der Direktor ihm ja sagen, dass er bald entlassen würde... Er begann sich auszumalen, was er tun würde, wenn er endlich wieder frei und ungestört wäre. "Ich will auf jeden Fall Shane und die anderen Jungs wieder sehen. Und meine Eltern und Geschwister und andere Verwandte. Und Anto. Ben und Dave, die Band. Priscilla und Fiona! Und Helen, Cecilia, Mel... Mel!" Kians Gedanken schweiften mal wieder zu ihr und der ganzen Sache, die damals, vor fast dreizehn Jahren geschehen war. Er wusste mittlerweile, dass sie das einzig Richtige getan hatte, indem sie die Polizei doch noch einschaltete, wobei sie ja eigentlich selber auch Polizistin gewesen war. Nicky, der ihn ein paar Mal besucht hatte, als Einziger der Jungs - einmal sogar mit seiner damals dreijährigen Tochter Rebecca -, hatte ihm erzählt, was wirklich passiert war, in den Monaten, wo Mel als Tänzerin bei ihnen gearbeitet hatte. Norah besser gesagt. Melanie war schließlich nicht ihr richtiger Name. Aber für ihn blieb sie Melanie, die Liebe seines Lebens, die ihn verpfiffen hatte, und der er es trotzdem nicht mehr übel nahm. Sie würde wohl ihre -

"Egan, wir sind da!" Kian schreckte aus seinen Gedanke hoch und war fast dankbar, dass der Betreuer ihn daraus befreit hatte. Es schmerzte ihn zu sehr, dass keiner der Jungs aus der Band außer Nicky ihn in fast zehn Jahren besucht hatte. Es schnürte ihm fast die Luft ab. Aber er konnte es verstehen und er war sehr überrascht gewesen, als Nicky sich angekündigt hatte. "Wissen sie zufällig, was der Direktor von mir will?" fragte er und blickte seinem grimmigen Gegenüber in die Augen. "Klar. Aber ich sag’s dir nicht! Und jetzt geh schon!" Kian drückte die Klinke runter und betrat zögernd den Raum.

"Mr. Egan? Erfreut sie zu sehen." Der alte Mann gab ihm die Hand und lächelte ihn freundlich an. Es schien wirklich ein freudiger Anlass zu sein, wegen dem er Kian zu sich gerufen hatte. "Mr. Egan, um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, sie werden in den nächsten paar Tagen entlassen werden." Er nahm Platz und knöpfte sein Jackett langsam zu und wieder auf. Kian starrte ihm ungläubig und heftig atmend auf die Hände. "Mr. Egan? Haben sie mich verstanden?" Kian sah langsam zu ihm hoch. "Sicher. Ich komm echt hier raus? Meinen sie das ernst? Aber ich hab doch noch fast 4 Monate!" "Ja, schon. Aber sie führen sich gut, haben sich nichts zu Schaden kommen lassen und wir brauchen Platz für ein paar Neue. Die Jugend von heute hat immer schlimmere Krankheiten..." Schulterzuckend richtete sich der Direktor auf und stützte seine Ellbogen auf den Tisch.

"Verraten sie mir doch mal, was sie vorhaben, wenn sie draußen sind, Mr. Egan. Was erwarten sie, wie sich die Öffentlichkeit verhält oder noch viel schlimmer ihr Freundeskreis und die Verwandtschaft? Mr. Egan, machen wir uns nichts vor, wir wissen beide, dass sie nicht besonders viel Besuch hatten, in den letzten siebeneinhalb Jahren, in denen wir das Vergnügen miteinander hatten und ich habe von meinen Kollegen erfahren, dass es im Gefängnis nicht anders war!" Kian rieb sich die Schläfen. "Ich weiss auch nicht. Ich hab mir so lange und oft ausgemalt, was ich draußen tun werde und wo ich zuerst hingehe und wenn ich sehen will, aber jetzt wo es greifbar nah ist, scheint es unwirklich, sich vorzustellen wie eine Person reagiert, die man dreizehn Jahre lang nicht gesehen hat!" "Ich weiss, was sie meinen. Viele Leute, die hier entlassen werden, haben dasselbe oder ähnliche Probleme. Und das ist nicht nur bei Mördern oder sonstigen Straftätern so. Auch geistig behinderte oder kranke Leute haben Angst, was sie erwartet, da draußen. Es ist für sie eine andere Welt geworden. Was haben sie denn jetzt genau vor?" Kian räusperte sich. "Ähm, ich möchte eigentlich nur noch nach Hause. Nur weiss ich leider nicht, ob das möglich ist. Ich glaube nicht, dass die Leute in Sligo noch gut auf mich zu sprechen sind... vielleicht bleib ich ein paar Tage bei Nicky oder fahr zu meinen Eltern. Aber ich werde auf jeden Fall versuchen, meine alten Leute wieder zu sehen und mit ihnen zu reden. Ich möchte nicht, dass sie auf ewig einen schlechten Eindruck von mir haben!" "Das ist eine sehr gute Einstellung. Sie müssen sich immer vor Augen halten, sie haben zwar einen unverzeihlichen Fehler gemacht, aber Mr. Egan", Der Direktor rückte seine Krawatte zurecht und räusperte sich. "Sie sind trotz allem ein Mensch, mit Würde und Stolz. Lassen sie sich nicht unterkriegen, wenn nicht alle positiv auf ihren Besuch reagieren, okay?" Kian nickte entschlossen. "Sehr gut. Dann möchte ich, dass sie heute noch normal zu der Therapiesitzung gehen und morgen wird sich Dr. O'Shea noch zu einem Abschlussgespräch mit ihnen treffen. Danach müssen sie sich noch einigen Untersuchungen unterziehen. Können sie mir soweit folgen, Mr. Egan?" Kian nickte schwerfällig und seine Fingernägel gruben sich tief in sein Handgelenk. Er schloss die Augen und lauschte einem Moment nur seinem stark klopfenden Herzen. "Gut. Ich denke, das war’s auch. Die Formalitäten habe ich schon mit ihren Anwalt geregelt, sie müssen nur noch ein einziges Stück unterzeichnen, dass konnte ihnen der Herr leider nicht abnehmen. Lesen sie sich das in Ruhe durch und füllen sie es aus, sie können es Dr. O'Shea morgen geben, einverstanden?" "Ja Sir. Bis morgen."

Kian erhob sich vom Stuhl und ging ein wenig in Trance mit dem Betreuer zurück zu seinem Zimmer, dass er sich mit zwei Kumpels teilte, die er während der Therapie kennen gelernt hatte. Pete, der jüngere der zwei, war damals im selben Transporter wie er hier angekommen und die waren ins Gespräch gekommen. Halt das Übliche. Kian dachte an damals, vor siebeneinhalb Jahren, zurück. Wie schwarz hatte er alles gesehen? Seine Zukunft stand damals in den Sternen, er wusste nicht, wie er weitere acht Jahre ohne seine Freunde, die Musik und seine Familie aushalten sollte. Zum Glück war da Pete gewesen. "Hey du!" Kian wandte den Blick, der die letzten zwanzig Minuten starr auf den Straßenverkehr gerichtet gewesen war, zu dem jungen Mann, der keine zwei Meter von ihm weg saß und sah ihn erschöpft an. "Ja?" "Kenn ich dich irgendwo her? Ich schwörs dir, ich kenn deine Visage! Haben wir uns schon mal getroffen?" Der Junge war ganz aufgeregt und seine Augen glänzten feucht. Kian wendete deinen Blick desinteressiert wieder aus dem Fenster. "Nicht das ich wüsste." Der Junge merkte wohl, dass Kian keine Lust hatte mit ihm zu reden, und so hielt er den Rest der Fahrt seinen Mund. Aber kurz bevor sie aussteigen konnten, griff er nach Kians Arm. "Hey. Sorry, war ne doofe Nummer eben, aber du kommst mir eben verdammt bekannt vor. Ich bin Pete." Er hielt ihm die Hand hin und grinste ihn freundlich an. Kian konnte sich ein Grinsen auch nicht verkneifen. "Ich bin Kian. Endlich mal jemand, der lachen kann hier." "Das seh ich doch genauso. Wenn wir das Leben nur halb so ernst nehmen würden, wie die Schließer und Betreuer und die ganzen anderen hier, wären wir nach zwei Tagen krepiert!" Kian nickte zustimmend und sie gingen langsam auf das kalte, weißgestrichene Gebäude der "Geschlossenen psychotherapeutischen Klinik Dublin". "Wie lange musst du?" fragte Pete ihn. "8 Jahre, aber nach 5 Jahren Knast ist das ja das reinste Zuckerschlecken." "Na dann." seufzte Pete und grinste Kian wieder schief an. "Auf die nächsten Jahre!"

Kian schüttelte den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben. Es tat trotz allem weh, die Kumpels, die er jetzt 8 Jahre lang ertragen musste, zu verlassen. Besonders eben Pete, den der war in der langen Zeit wie ein kleiner Bruder geworden, für den er den Beschützer spielten musste. Bald hatte er wieder einen anderen kleinen Bruder, Colm. Kian musste die Tränen runterschlucken. "In ein paar Tagen sehen wir uns, Kleiner." Er drückte die Türklinke runter und Pete sprang ihm schon entgegen. "Und was wollte der Direx?" Pete strahlte ihn an und Kian zuckte hilflos mit den Schultern. "Ich werd entlassen Kumpel." Er sah, wie Pete sprachlos die Kinnlade hinunterfiel. "Aber.. aber.. du hast doch noch ein paar Monate?!" Pete setzte sich mit plötzlich traurigem Blick auf sein Bett. "Ich verstehs auch nicht, Mann. Ich hab noch genau drei Monate und 24 Tage. Aber anscheinend hatte ich ne gute Führung oder sowas." Eine Weile schwiegen die beiden sich an. "Freust du dich rauszukommen?" fragte Pete ihn daraufhin ohne ihn anzublicken. "Ich weiss nicht. Man muss sich wieder an so viel gewöhnen, zum Beispiel die Leute, die bestimmt glotzen werden und auch die ganzen anderen alltäglichen Sachen, die du hier drinnen nicht tun brauchst, kochen, oder sowas!" Pete starrte nickend an einen dunklen Fleck an der Wand. "Ich geh dann mal zu Fred." sagte er plötzlich nach einer Weile Stille und war Sekunden später aus dem Raum.

Kian räusperte sich um den Kloß in seinem Hals zu vertreiben und lies sich auf sein Bett fallen, die Hände hinterm Kopf. Wieder einmal holten ihn seine Gedanken ein und er dachte an die nächsten Tage. "Was mach ich zuerst...?" fragte er sich eine Weile und kam zu dem Entschluss, dass er als erstes zu Nicky gehen würde, weil er bei ihm sicher war, nicht entsetzt rausgeschmissen zu werden. "Und danach fahr ich erstmal nach..." Es klopfte laut an der Tür. "Ja?" "Kian, sie sollen zu Therapiestunde kommen." "Was, jetzt schon? Ist doch erst Fünf!" "Ja, aber der Doktor muss heute noch etwas mit ihnen besprechen, deswegen möchte er gerne früher anfangen." Er raffte sich auf und versuchte, seine zitternden Hände zu verbergen. Die Betreuerin lächelte ihn freundlich an und Kian war dankbar, dass er nicht wieder diesen unfreundlichen Klotz aushalten musste. "Kommen sie, heute in Raum 3." sagte sie immernoch lächelnd. "Sind sie schon aufgeregt? Wie lange waren sie hier?" fragte sie interessiert. " Ich war jetzt fast 8 Jahre hier und werde vorzeitig entlassen." "Ich hab auch noch nie etwas Schlechtes über sie gehört, es ist mir also kein Rätsel warum." versuchte sie Kian ein Lächeln zu entlocken. "Ja, stimmt schon. Ich hab mich die letzten Jahre sehr zurück gehalten. Ich habe auch nicht vor, das zu ändern, wenn ich hier raus bin." "Haben sie noch Freunde von früher, die ihnen in der ersten Zeit helfen werden?" "Ich... ich werde zu einem Kumpel von damals ziehen für eine Weile, ist alles schon geklärt." log er und verschwand schnell und keuchend durch die Tür, die ihm die Betreuerin aufhielt, ohne sich zu verabschieden. Sie war ihm deutlich zu neugierig. Er hatte es noch nie gemocht, so ausgefragt zu werden. Auch die ganzen Interviews gingen ihm damals mit der Zeit ganz schön auf die Nerven.

"Ah, Kian. Schön dich zu sehen. Alles wohlauf?" Der Doktor war wohl der einzige Beamte hier drin, der ihn duzen durfte und dem Kian nicht den Hals umdrehen wollte, wenn er Fragen stellte. "Naja, ein bisschen aufgeregt bin ich schon." "Das ist ganz normal." versicherte Dr. O'Shea ihm. "Kian, sag mir, was du vorhast." Er lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. " Ich werde Nicky besuchen gehen, vielleicht kann ich da ein paar Tage bleiben, wenn Georgina nichts dagegen hat -" Georgina...?" "Seine Frau und die beiden haben auch ein paar Kinder, einen Jungen namens Keelin und zwei Mädchen namens Rebecca und Ilyssa. Deswegen weiss ich nicht, ob Gina damit einverstanden ist, wenn ich da bin." "Ach was, Kian, du bist der beste Freund ihres Mannes und du bist nicht gefährlich oder sowas, du bist ein ganz normaler Mensch, der zurzeit leider nicht weiss wohin." "Er ist nicht mein bester Freund. Mein bester Freund war Shane, aber da liegt die Betonung auf war, ich glaube nicht, dass er je wieder ein Wort mit mir reden wird. Wahrscheinlich hab ich alle zu sehr enttäuscht und deswegen haben sie mich alle abgeschrieben." "Verdammt nochmal KIAN!" Dr. O'Shea sprang hektisch auf und schlug auf den Tisch. "Du redest von dir als wärst du ein Unmensch, ein Monster, ein Psychopath!" "BIN ICH ES DENN NICHT?" schrie Kian aufgebracht zurück. "Warum bin ich denn hier? Warum hab ich dreizehn Jahre meines Lebens sinnlos rumgesessen und Buße getan, wenn ich vollkommen gesund sein sollte? Warum hab ich dann diesen Menschen umgebracht?"

Sein Gegenüber setzte sich wieder hin, schlug die Beine übereinander, faltete die Hände und blickte ihn streng an. "Kian, wenn du so von dir denkst, bist du noch nicht bereit, entlassen zu werden. Vielleicht sollte ich nochmal mit dem Direktor reden, aber das käme wahrlich dumm, nachdem ich Vorgestern noch ein gutes Wort für dich eingelegt habe." sagte er ruhig. Kian erwiderte nichts.

"Kian, du bist nicht krank. Du warst krank, ja, das bestreitet keiner, deswegen bist du hier. Aber sieh mal", Er stütze die Ellbogen auf den Tisch. "Wenn du nicht gesund wärst, könnten wir das Risiko dich zu entlassen gar nicht eingehen." versuchte er Kian klar zu machen. Dieser seufzte. "Es tut mir leid. Es kam nur irgendwie so überraschend, mit der Entlassung. Ich hab frühestens in drei Monaten damit gerechnet und wollte erst in ein paar Wochen damit anfangen, mir Gedanken darüber zu machen." "Ich verstehe was du meinst. Fühlst du dich denn bereit, rauszukommen?" "Ich weiss nicht. Es kommt darauf an, wie alle um mich herum reagieren. Wenn Nicky mich rausschmeißt, dann weiss ich nicht wohin. Zu Bryan kann ich nicht gehen, unser Verhältnis war nie so toll und außerdem hat er mich fast selber umgebracht, als er es mitbekommen hat. Das muss ja dann nicht sein. Und Shane und Mark sind viel zu verbittert und enttäuscht, dass ich es war, der den Mann umgebracht hat, in der Lagerhalle wo wir als Kinder immer gespielt haben. Bleibt also nur noch Nicky." "Und was ist mit deinen Eltern?" "Ich weiss es nicht. Irgendwie hab ich ein schlechtes Gefühl, das mir sagt, erstmal nicht zu ihnen zu gehen." Eine Weile herrschte Stille zwischen den beiden. "Und Melanie?" fragte der Doktor leise.

Kian gab keine Antwort. Er blickte nur auf den Boden und atmete hektisch ein und aus. Plötzlich schluchzte er laut und eine Träne tropfte von seiner Wange. "Kian, bitte....." sagte er und stand auf. "Ich dachte, du wärst über sie hinweg?!" Kian verschränkte seine Arme vorm Gesicht und zog die Knie an. "Ich hab nie aufgehört sie zu lieben." flüsterte Kian. "Dann musst du zu ihr gehen, vielleicht geht es ihr genauso!" "Ich hab ihre Adresse nicht. Früher hat sie irgendwo am Bristol Channel in England gewohnt, aber ich weiss weder wie das Dorf hieß, noch ob sie überhaupt noch da wohnt." "Dann musst du es herausfinden Kian. Lauf nicht weg vor deinen Gefühlen. Das ist wichtig, hörst du?" Kian nickte langsam. "Kann ich bitte auf mein Zimmer gehen?" "Natürlich. Charlie wartet draußen auf dich." Kian verzog das Gesicht. War Charlie etwa dieser unfreundliche Klotz? Er schloss die Tür hinter sich und sah nur die Sekretärin des Direktors an ihrem Schreibtisch und die Betreuerin von eben auf einem Stuhl an der Wand sitzen, die sich erhob als sie ihn sah. "Das ging aber schnell. Alles geklärt?" fragte sie lächelnd. Kian gab sich wortkarg und nickte nur.

Kapitel 1

"Sind sie soweit Kian?" "Ja, einen Moment nur noch." Kian stopfte den letzten Pullover in seine Tasche und zog den Reißverschluss zu. Dann ging er langsam noch einmal zum Schrank und tastete im obersten Fach ganz weit hinten nach dem kleinen Kästchen. Als er es fühlte, hielt er einen Moment inne. Viereinhalb Jahre hatte es unberührt dort oben gestanden. Er gab sich einen Ruck und zog es hervor. Dicker Staub bedeckte es und er strich sorgsam darüber, sodass das bunte Blumenmuster wieder zum Vorschein kam. Diese Dose hatte Nicky ihm mitgebracht, doch er hatte nie den Mut gehabt, sie zu öffnen. Es waren Fotos von den Jungs aus Westlifezeiten darin, das wusste er von Nicky. Fotos von früher, von Parties, Festen, Hochzeiten und Fotos von Nickys Familie und der der anderen. Er hatte ihm erzählt, dass er sie bekommen hatte, indem er den anderen sagte, sie seien für ein Fotoalbum. Außerdem war da noch Bilder von Melanie und der ganzen Crew... "Kian? Wir müssen so langsam los..." Erschrocken sah Kian zu Charlie. "Ja ist gut. Entschuldigung." Er schulterte die Tasche und stopfte die Schachtel in ein Seitenfach. Dann folgte er Charlie aus der Tür raus. Als sie am Aufenthaltsraum vorbeikamen, blieb Kian noch mal stehen. "Kann... kann ich mich kurz von ihm verabschieden?" Pete saß dort und starrte mit leerem Blick auf den Fernseher. Charlie nickte. "Aber nur kurz." Kian ließ seine Tasche runter und drückte die Tür leise auf. Pete drehte sich nicht um. Er nahm die Fernbedienung, drückte ihn aus und setzte sich Pete gegenüber. Der sah ihn nun mit unbeweglicher Miene an. "Ich muss Kumpel. Vergiss mich nicht, ja?? Ich komm dich besuchen." Pete verzog keine Miene. "Mensch jetzt mach es doch noch schwerer als es sowieso schon ist!" sagte Kian leise und zog ein altes, goldenes Feuerzeug aus der Hosentasche, auf dem die Silhouette eines Einhorns und seine Initialen in Silber eingraviert waren. "Hier. Das wollte ich dir schenken bevor ich gehe, du magst es doch so. Damit du was hast, dass dich erinnert." Kian stand auf und verließ traurig den Raum. "Idiot" murmelte er und nahm seine Tasche wieder hoch.

Als die beiden in die Eingangshalle kamen, stand die ganze Mannschaft bereit um Kian zu verabschieden. Dr. O'Shea und die anderen Ärzte, alle Betreuer, die Köchin und diverse andere Mitarbeiter und seine ganzen Kameraden. Fast mit Tränen in den Augen ging Kian zu jedem einzelnen und verabschiedete sich. "Kian, ich bin sicher, dass du es schaffst da draußen." sagte Dr. O'Shea. "Ich hoffe es. Auf Wiedersehen." antwortete Kian. "Lieber nicht!" lachte der Doktor und klopfte ihm auf die Schulter. Als Kian fertig war mit Verabschiedung, gingen er und Charlie raus zum Auto. Sie würde ihn zu Nicky fahren. Kian wusste nicht, ob dass bei allen Entlassenen so gemacht wurde, oder ob Dr. O’Sheas veranlasst hatte, aber er war dankbar dafür. Jetzt musste er nur noch hoffen, dass Nicky zuhause war.

Nach einer knappen halben Stunde stand Kian vor Nickys Haus und sah sich unsicher um. Er hatte das Gefühl vor Aufregung fast zu ersticken. Es war so lange her, dass er hier gestanden hatte, die Erinnerungen daran verschwammen langsam zu einem undurchsichtigen Grau. War es wirklich dieses Haus? Alle sahen so gleich aus... Er beschloss, sein Glück einfach herauszufordern und klingelte leicht nervös. Es erklang eine leise Melodie und Kian summte mit. Es war ein altes Kinderlied. "Sleep my love, and peace attend thee, all through the night..." Lange rührte sich nichts im Haus, aber dann sah er durch das Fenster in der Tür einen Schatten die breite Treppe herunter eilen. Dann öffnete sich die Tür. "Kian?" Nicky blickte ihn fassungslos an. "Aber..." Er sah auf seine Uhr. "Bist du abgehauen?" "Nein. Ich bin entlassen worden." Kian zuckte mit den Schultern. Nicky starrte ihn irgendwie zweifelnd an. "Kann... kann ich vielleicht reinkommen?" stotterte Kian verlegen. Irgendwie hatte er sich dieses Treffen anders vorgestellt. "Oh, Entschuldigung. Natürlich. Willst du was trinken, was Warmes vielleicht? Es ist ziemlich kalt draußen, oder?" Kian nickte. "Das wäre nett." "Geh durch, weisst ja noch wo das Wohnzimmer ist, oder? Ich geh eben einen Kaffee aufsetzen." Kian lief ins Wohnzimmer und sah sich die Fotos an, die auf dem Kaminsims standen. Von Rebecca, Ilyssa und Keelin. Von Ihm und Gina. Bertie und Miriam. Nickys Opa und Oma und der ganze andere Rest der Familie. Gerade als Kian ein Bild von Nickys zwei Mädels in der Hand hatte, kam Nicky zurück. "Entschuldigung." sagte Kian und stellte das Bild vorsichtig zurück. "Macht nichts. Komm setz dich und erzähl mal." Nicky stellte die Tassen ab und goss sich und Kian etwas Kaffee ein.

"War doch ohne alles oder?" Kian nickte. "Jaja. Schwarzer Kaffee soll ja schön machen." lachte Nicky, aber Kian verzog keine Miene, sondern starrte gedankenverloren in seine Tasse. Nicky rieb sich die Stirn. "Du hast dich verändert Kian." Er stellte die Tasse ab und lehnte sich zurück. "Wie kann man sich nach fünf Jahren Gefängnis und acht Jahren Therapie nicht verändern? Diese Therapie war dafür gedacht, dass ich mich verändere Nicky." Kian sah ihm in die Augen. "Aber doch nicht so! Früher konnten wir unbeschwert reden, du hast gelacht, Witze gerissen..." "Erwartest du von mir, dass ich dir ein paar Witze erzähle?" rief Kian aufbrausend. "Nein, Kian..." "Was denn dann? Ich hab ziemlich viel zu erzählen, also bitte." "Tut mir leid. Ich wollte dich jetzt nicht irgendwie beleidigen oder so. Aber du hast dich nun einmal verändert." "Klar hab ich das. Das weiss ich auch. Und ich hatte gehofft, dass du damit vielleicht umgehen kannst. Weisst du... ich weiss- ich weiss einfach nicht wohin ich jetzt soll und ich wollte dich fragen, ob ich nicht ein paar Tage hier bleiben kann." Hoffnungsvoll hielt er die Luft an und starrte an die Wand hinter seinem Kumpel. "Klar. Natürlich kannst du hier bleiben. Gina hat bestimmt nichts dagegen und die Kids haben nichts dagegen zu haben." scherzte Nicky und Kians Mundwinkel hoben sich für eine Sekunde. "Danke." sagte Kian leise. "Aber jetzt erzähl doch mal was. Wenn du so viel zu sagen hast... Ich bin ganz Ohr." Kian umklammerte seine Tasse und durchforstete seine Gedanken nach dem Anfang der Geschichte.

"Ich weiss gar nicht, wie und wann es angefangen hat, wenn ich ehrlich bin. Es ist einfach zu lange her. Ich war vielleicht 16 oder 17, als ich diese Krankheit bekam, du weisst schon, diese Zwiespältigkeit. Irgendwie ist nie etwas Schlimmeres passiert als ich noch jünger war, abgesehen davon, dass ich mal einer streunenden Katze den Hals umgedreht hab und irgendwann hatte ich auch erstmal Ruhe davor. Aber als wir damals kurz vor der Tour waren kam es irgendwie wieder. Vielleicht wegen dem Stress oder so..." Kian stockte und sah auf. "Willst du das überhaupt hören?" sagte er unsicher.

"Ja, bitte." "Also ich... ich kann mich nicht mehr erinnern, was passiert ist in der Lagerhalle, es ist als ob das jemand gelöscht hätte... Das war eigentlich nicht wirklich ich, sondern meine Krankheit. Das ist, als ob du einen zweiten Menschen in dir hast, der manchmal hochkommt, bei mir immer wenn ich Angst hab oder mich über irgendetwas tierisch ärgere. Aber ich hab das jetzt im Griff, keine Sorge. Ich bin harmlos wir ein Tiger ohne Zähne..." sagte Kian und musste grinsen. Er hatte lange nicht mehr gelacht und selbst dieses kleine Grinsen tat ihm gut. Seltsam, das selbst Pete das Lachen mit der Zeit verlernt hatte, wo sie doch durch dieses Freunde geworden waren. "Kian? Woran denkst du? Du weinst ja." Nicky nahm neben ihm Platz und streichelte seinen Arm. "Echt?" Kian blinzelte und wischte die Tränen weg. "Ähm... Wo war ich?" lenkte er ab und überlegte. "Ähm, der Tiger, richtig. Also, das meiste kennst du ja, danach kam halt die Zeit der Tour, aber ein paar Sachen habt ihr da doch irgendwie alle verpasst. Außer dass ich entdeckt hab, dass ich den Reporter umgebracht hab, hab...." Kian holte tief Luft.

"Ich hatte ein Verhältnis mit Mel weisst du, ich war richtig in sie verliebt, ich dachte wir könnten vielleicht glücklich werden, heiraten, Kinder kriegen und sowas. Ich konnte schlecht wissen, dass sie Polizistin war, genauso wenig wie sie anscheinend wusste, wer der Mörder war, sonst hätte sie sich doch nie mit mir eingelassen..." Seine Stimme zitterte. "Wir... wir haben uns immer versteckt, keine Ahnung wieso, wahrscheinlich weil wir Angst vor Louis hatten oder es einfach so aufregend war, dass immer jemand reinplatzen konnte." Kians Augen füllten sich mit Tränen, aber er redete weiter. "Aber, aber als sie herausgefunden hat, dass ich es war, der... ich weiss bis heute nicht wie sie das angestellt hat. Ich hab sie bedroht Nicky, ich weiss aber nicht mehr wie. Sie hat es mir hinterher erzählt, nachdem ich ihr von der Krankheit erzählt hab. Ich hab sie bedroht Nicky, verstehst du? Ihr ein Messer oder so an den Hals gehalten und ich will nicht wissen, was ich in der Nacht gemacht hab, in der sie mich verraten haben muss. Ich ... es tut mir so leid weisst du, aber ich merk das nicht, es ergreift mich immer so und..."

Kian hatte sich immer mehr in Rage geredet und merkte gar nicht, dass ihm nun Sturzbäche die Wangen runterliefen und er alles verschwommen sah. "Kian, ist gut, hör auf, hör auf, du kannst nichts dafür, shhh." Nicky nahm ihn vorsichtig in den Arm und streichelte ihm den Rücken rauf und runter. Kian klammerte sich an seiner Hand fest und drückte sie fest. Er zitterte stark und die Tränen hörten nicht auf. "Wieso hast du uns denn nie was erzählt Kian? Wieso hast du alles für dich behalten? Du wusstest doch, dass du gefährlich warst. Dachtest du, wir lassen dich hängen?" Kian richtete sich langsam auf. "Und ich hab nicht mal falsch gedacht." sagte er verbittert. "Wie meinst du das?" "Außer dir hatte ich nie Besuch. Nie, verstehst du? Dreizehn Jahre ohne ein bekanntes Gesicht von früher. Meine Eltern nicht, meine Geschwister nicht, meine anderen Verwandten nicht, meine besten Freunde nicht, nicht die anderen drei. Nicht mal Mel." Er wurde immer leiser. "Es tut mir so Leid Kian, es tut mir so leid. Ich hätte viel öfter kommen müssen, als nur ein paar Mal. Was sind schon 5 Mal auf dreizehn Jahre verteilt?" "Nicky, ich mach dir keinen Vorwurf, du brauchst dir auch keine zu machen, bitte. Besser 5 Mal als kein Mal!" "Aber..." Das Türschloss klapperte und laute Kinderstimmen drangen ins Haus. "Daddy, wir sind wieder daaaaaaaa!" erklang eine piepsige Mädchenstimme. Georgina murmelte etwas und die Stimme verstummte. "Wir müssen aber gleich noch mal weg, Monika hat doch Gebur-" Georgina erreichte das Wohnzimmer, blickte Kian entsetzt an und ließ den Schlüssel fallen.

Kapitel 2

Sie hielt die Hand vor den Mund und blickte ihn mit großen Augen an. Kian stand schnell auf. "Georgina... hallo, ich... Ich bin entlassen worden." "Kian..." Sie drehte sich zu ihren Kindern um. "Geht doch schon mal vor ins Auto, ich komm gleich nach, ja?" "Okay." sagte Rebecca und zog an Keelins Hand. Ilyssa klammerte sich weiterhin am Bein ihrer Mutter fest. "Ilyssaschatz, geh zum Auto!" sagte Nicky bestimmt und sie ging wirklich. "Was machst du hier?" fragte Gina, als ihre Tochter das Haus verlassen hatte. "Gina, er-" fing Nicky an, doch Kian schnitt ihm das Wort. "Ist nicht so wichtig, ich wollte sowieso gerade gehen." Er ging mit gesenktem Blick und einem flauen Gefühl im Magen in den Flur und nahm seine Tasche hoch. Er hatte deutlich gemerkt, dass Georgina unbehaglich zumute war, weil er da war. Nicky rannte ihm hinterher, als er begriff, das Kian vor hatte zu gehen. "KIAN! Bleib stehen Mensch, du bleibst hier! Wo willst du denn hin bitte schön?" Kian schüttelte traurig den Kopf. "Ich weiss es nicht, aber ich möchte euch nicht zur Last fallen. Bitte Nicky, du brauchst mich nicht zum Narren zu halten, ich seh doch, das Georgina sich unwohl fühlt, weil ich da bin." Nicky sah betreten zu Boden. "Aber Kian, sag mir bitte wo du hinwillst. Du hast doch kein-" "Bitte bleib hier Kian. Ich wollte dich wirklich nicht rausschmeißen." Georgina trat in den Flur. "Ich hab nur mit jeden außer dir gerechnet, verstehst du?" Eine Weile schwiegen sich alle an. "Bist du sicher?" fragte Kian dann leise. "Ganz sicher." Er ließ die Tasche wieder runter und Georgina nahm ihn in den Arm. "Ich bin so froh, dass es dir wieder gut geht." sagte sie und Kian legte zögernd seine zitternde Hand auf ihren Rücken. "Gina, die Kinder warten im Auto..." warf Nicky dann ein. "Ach ja, wir wollten ja noch zu Monika... ich weiss nicht, wann wir wieder kommen, der Kühlschrank ist aber noch voll, macht euch irgendwas, okay? Tschüss." Sie schnappte sich das Geschenk und ihre Tasche vom Flurtischchen und stürmte zur Tür raus. "Was sollte das denn grade?" fragte Kian grinsend. Nicky zuckte mit den Schultern. "Nicht, dass sie dir hier wegen mir untreu wird!"

"Was hast du eigentlich jetzt als nächstes vor?" hakte Nicky nach und blickte seinen Freund neugierig an. "Ich hab keine Ahnung, ich lass erstmal alles auf mich zukommen. Ich werde die nächsten Tage mal nach einer Wohnung suchen, damit ihr wieder eure Ruhe habt und dann sehe ich weiter. Ich habe vor, ein paar Leute zu besuchen, zu schauen, wie sie reagieren, wenn ich vor ihnen stehe...." "Mark und Shane, stimmt’s?" Kian starrte an die Decke um die Tränen aufzuhalten. "Ich weiss noch nicht, wen genau. Ich werde es aber auf jeden Fall versuchen." "Soll ich vielleicht mitkommen, wenn du zu ihnen gehst?" "Nein, wirklich nicht Nicky, dass ist echt nett, aber ich möchte das gerne alleine machen." "Okay. Sag mal, hast du was gegen nen Happen zu Essen? Ich hab ziemlichen Hunger!" "Nein, ich auch, wenn ich ehrlich bin." Kian grinste. "Wenigstens den Appetit haben sie dir nicht versaut da drin, was?" Nicky klopfte ihm auf den Rücken und sie gingen zusammen in die Küche, wo sie sich Rühreier machten.
"Und was machen wir jetzt?" "Ich schlage vor, wir klemmen uns vor die Kiste und quatschen über die guten alten Zeiten!"

Kapitel 3

Am Morgen, als die Vögel anfingen zu zwitschern, schlug Kian gähnend seine Augen auf. Der Wecker auf dem Tischchen im Gästezimmer zeigte gerade halb sieben an, nicht gerade eine menschliche Aufstehzeit für Familien, also drehte er sich noch mal um und versuchte weiterzuschlafen. Aber keine halbe Stunde später gab er genervt auf.
Nachdem er geduscht und sich angezogen hatte, horchte er verwundert auf. Unten tat sich schon was! Er ging leise die Treppe runter und in die Küche, aus der die klappernden Geräusche kamen. "Guten Morgen!" sagte er leise zu dem kleinen Mädchen. "Du bist Ilyssa stimmt’s?" Die Kleine nickte erschrocken, nachdem sie die Teller auf dem Tisch abgestellt hat. "Und wer bist du?" "Ich bin ein alter Freund von deinem Papa, ich werd ein paar Tage hier bleiben, okay?" Ilyssa nickte und sagte dann vollkommen ernst: "So alt siehst du aber gar nicht aus!" Kian musste lachen. Kinder waren schon etwas Wundervolles! "Nicht? Da hab ich ja Glück gehabt. Was machst du denn Schönes?" "Ich mach Frühstück. Willst du mir helfen?" Eifrig klatschte sie in ihre Hände und rannte durch die Küche. "Klar. Wo ist denn das Besteck?" "In der zweiten Schublade! Kannst du den Schinken machen? Das kann ich nicht." Kian strich ihr über die Haare. "Dann wollen wir das mal zusammen machen, oder?"

Zwanzig Minuten später wachte Nicky durch den aufsteigenden Geruch von Frühstück auf. "Hmmm.... Schatz?" Georgina rieb sich gerade den Schlaf aus den Augen. "Ja?" "Was riecht hier so gut?" Er rollte sich auf den Bauch und gab ihr einen langen Kuss. "Ich weiss nicht, ich bin jedenfalls nicht, ich muss jetzt erstmal duschen." kicherte sie. "Haha. Aber beeil dich, ich geh schon mal runter." "Ja, mach das." Nicky strich ihr noch mal über den Rücken und sah ihr hinterher, als sie in das angrenzende Badezimmer ging. Glücklich atmete der tief ein und fragte sich, womit er so eine wunderschöne, liebevolle Frau als Mutter seiner Kinder und Frau seiner Träume verdient hatte. Langsam stand er auf und machte sich auf den Weg nach unten, wo ihm der Geruch noch intensiver entgegen schlug. Unbeabsichtigt ging er äußerst leise in Richtung Küche, wo er ein eifriges Treiben bemerkte.

"... und dann musst du es nur noch wenden, so... verstanden? Das lässt du jetzt ein bisschen brutzeln und gehst in der Zeit schon mal deine Eltern wecken, sonst ist alles kalt, bevor du deine Schlafmütze von einem Vater wach bekommst!" Nicky stand belustigt im Türrahmen und sah Kian und seiner jüngsten Tochter zu. Sie saß auf der Arbeitsfläche der Küchenzeile und hatte Georginas Schürze umgebunden. Kian stand vor dem Herd und schien ihr zu erklären, wie man ein anständiges irisches Frühstück macht, mit allem was dazu gehört: gebratener Schinken, baked Beans, Sausages, Toast, irischer Butter und einer guten Tasse Tee. Außer dem Schinken stand auch alles schon bereit auf dem Tisch, mit einem dicken Strauss Blumen aus dem Garten in der Mitte. "Das hab ich aber gehört Kian!" Erschrocken drehten sich die beiden in seine Richtung und Nicky musste laut losprusten. Kians Gesicht war alles andere als sauber und sein Tshirt hatte auch ein paar Fettspritzer von der Pfanne erlitten. "Ähm, sorry. Das war ja nur ein Scherz..." stotterte Kian hilflos und Nicky musste sich beherrschen nicht vor Lachen umzufallen. Ilyssa und Kian standen währenddessen stumm herum und wussten nicht was sie tun sollten, bis Ilyssa einfach auch anfing zu lachen. Kian sah ein paar Mal von der Kleinen zu Nicky und wieder zurück, bevor auch er sich nicht mehr halten konnte. Es sah einfach zu lustig aus, wie Nicky sich hilflos vor Lachen am Türrahmen festklammerte, um nicht umzufallen.

Durch das Gelächter angelockt, kam auch Rebecca mit ihrem Bruder die Treppe runter gepoltert und setzte sich freudig an den Frühstückstisch. "Hey, du musst noch warten Becky!" ermahnte Ilyssa ihre Schwester, die sofort nach dem Toast griff. "Sag das mal deinem Bruder, Schwesterherz. Der ist schon fast fertig." Kauend fiel Rebeccas Blick auf Kian. "Wer bist du eigentlich?" fragte sie undeutlich. "Rebecca, sprich nicht mit vollem Mund!" "Das ist Kian, aber der gehört mir" riefen Ilyssa und Nicky zeitgleich, sodass keiner etwas verstand. Ilyssa klammerte sich aber so an Kian fest, dass ihre Schwester sie auch ohne Worte verstand. "Hi." sagte sie also desinteressiert und widmete sich wieder ihrem Toast. Genau in dem Moment betrat Georgina die Küche. "Schon alle da? Hmmm, das duftet herrlich, wer hat das denn so lecker hergerichtet?" Ilyssa hüpfte in die Arme ihrer Mutter. "Kian hat mir geholfen!" Sie grinste ihn breit an und winkte mit ihrer kleinen Hand. Kian winkte lachend zurück. "Dann lasst uns jetzt mal anfangen, bevor alles kalt wird." schlug Nicky vor. "Rebecca ist ja schon fertig." schmollte Ilyssa. "Na und? Keelin auch schon ewig." "Jetzt streitet euch nicht, wir haben Besuch." ermahnte Georgina ihre Kinder. "Wir streiten doch gar nicht, wir diskutieren." "Ja ja, dann hört auf zu diskutieren." unterstütze Nicky seine Frau. "Sonst sagst du doch immer, wir sollen uns mit unseren Problemen auseinander setzen Dad." "Aber bitte nicht um viertel nach Acht am Frühstückstisch!" "Wir haben schon zwanzig nach!" "Seid einfach bitte ein paar Minuten still!" sagte Georgina genervt. "Wie viel sind ein paar Minuten?"

Kapitel 4

Nach dem Frühstück ging Gina mit den Kids einkaufen und Nicky und Kian saßen wieder auf dem Sofa und redeten. Sie hingen ihren Gedanken nach und merkten gar nicht, dass es immer später wurde. Irgendwann kam Gina zurück und Nicky fragte verwirrt nach seinen Kindern. "Die sind nebenan, Yvonne passt auf sie auf. Wir wollten uns doch heute einen schönen Abend machen!" Gina sah Nicky fragend an. "Ähm... stimmt. Aber Gina, ich..." Nicky bis sich auf die Lippe. Er kam sich vor wie in einer Zwickmühle. Einerseits hatte er sich schon lange auf den Abend gefreut, andererseits war es ihm unangenehm, Kian auf die Nase zu binden, dass er irgendwie störte. Aber Kian schien das schon von alleine zu merken. "Ich finde auch, dass ihr euch das verdient habt. Ich bleib einfach hier, wenn ihr nichts dagegen habt." "Bist du sicher Kian?" Georgina sah ihn unsicher an. "Ja sicher. Ich bin unangekündigt hier aufgetaucht, ich will doch nicht eure Pläne durchkreuzen!" "Okay. Danke Kian, das ist super. Dann geh ich mich jetzt mal fertig machen." Nicky stand auf und zog Georgina nach einem Kuss die Treppe hoch. Kian sah ihnen grinsend hinter her und schaltete den Fernseher an. Es liefen gerade Nachrichten und Kian schaute gespannt hin, was heute so passiert war. Ein Banküberfall in Dublin, ein schwerer Unfall mit Todesfolge, eine Fünflingsgeburt, Fußball und die Verleihung der EMA's 2018. Was für ein Starauflauf!

Leute, die er schon gar nicht mehr so richtig kannte, aber auch altbekannte Gesichter, die sich noch über Wasser hielten. Er sah Christina Aguilera, allerdings hatte sie sich sehr verändert. Er erspähte auch Shania Twain, Elton John und noch ein paar andere. Und plötzlich sah er dann Bryan mit Kerry auf dem roten Teppich. Sofort sprang Kian auf und kniete vor dem Fernseher nieder. Es verschlug ihm die Sprache. Kerry sah großartig aus, sie trug ein bodenlanges, weinrotes Kleid und trug die Haare, die ihr bis unter die Schulterblätter gingen, offen. Sie trug eine Brille, ansonsten sah sie aus wie früher. Bryan, ja. Bryan trug eine helle Jeans und ein Jackett. Seine Haare waren wie immer und sein Lächeln versetzte Kian zehn Jahre zurück. Er war ganz erstaunt, als er seine nassen Wangen erfühlte und wischte die Tränen beschämt weg. Das war absurd, aber Kian hatte tatsächlich für ein paar Sekunden das Gefühl der Atemnot gespürt und gefühlt, dass er Bryan dringend wieder sehen musste, genau wie alle anderen. "Am besten ich mach mir einen Plan, wen ich alles sehen will..." grübelte er, doch verschob den Gedanken auf später.

Er schaltete den Fernseher aus und horchte der Stille, die sich ausbreitete. Nur von oben hörte man ein leises Lachen und ein paar dumpfe Geräusche, die Kian nicht zuordnen konnte. Bewegungslos saß er auf der Couch und starrte in die Dunkelheit. Die große Glaswand neben ihm zeigte schon die ersten Sterne auf dem klaren Himmel, dabei war es erst halb sieben. Kian stand auf und besah sich den Himmel. Es kam ihm vor, als riefen die Sterne ihm etwas zu. "Kian! Bitte komm uns besuchen, wir vermissen dich doch alle so, dreizehn Jahre... dreizehn Jahre haben wir uns nicht gesehen! Bitte komm zu uns!" Erschrocken griff Kian sich an die Stirn. Fieber hatte er keins. Hatte er Halluzinationen? Sterne redeten doch nicht...

Er schob diesen Vorfall auf Müdigkeit und wollte gerade hoch gehen, als Nicky und seine Frau runter kamen. "Wow, wo wollt ihr denn hin? Gina, du siehst bezaubernd aus!" Sie trug ein schwarzes bodenlanges Kleid ohne großes Dekoltée, aber rückenfrei. "Alter Schmeichler... wir haben im Trocadero einen Tisch bestellt!" "Aha! Dann wünsch ich euch viel Spaß!" "Danke." sagte Gina und gab ihm ein Küsschen auf die Wange. "Mach keinen Unsinn und lass keinen rein, okay?" lächelte sie und Nicky lachte. "Gina, das ist nicht Keelin... Kian kann schon auf sich aufpassen!" "Jaja... 'tschuldigung, so Sprüche brennen sich in dein Gedächtnis ein, wenn du sie zehnmal am Tag verwendest!" grinste sie verlegen. "Ach was. Ich hab schon doofere Sprüche gehört glaub mir. Und jetzt ab mit euch, sonst kommt ihr zu spät und der Tisch ist besetzt!" "Okay. Bis später dann!" Hand in Hand liefen die beiden die Treppe vorm Haus runter und Kian schloss hinter ihnen die Tür. Durch das Wohnzimmerfenster sah er wie Nicky Georgina die Autotür seines roten Ferraris aufhielt. "Immernoch derselbe Schleimer..." dachte Kian amüsiert. "Und was mach ich jetzt?"

Da fiel ihm die Box wieder ein, die Nicky ihm mal geschenkt hatte. Er stieg die Treppen rauf in sein Gästezimmer und kramte sie hervor. Auf dem Bett sitzend wischte er den Staub vom Deckel und öffnete sie langsam. Zum Vorschein kam ein großer Stapel Fotos und ein Zettel. Er faltete ihn aus einander und las ihn langsam.

"Lieber Kian!
Ich kann deine Krankheit noch immer nicht verstehen, aber ich bin fest entschlossen, zu dir zu halten, egal was kommt. Krankheiten kann sich kein Mensch aussuchen, auch du nicht. Klar, es ist mir schon unheimlich, dass du ein Mörder bist, aber schließlich hätte mir das genauso passieren können, wenn ich krank wäre. Weisst du, all das hier lässt mich erneut erkennen, wie kurz alles sein kann. Durch diesen Vorfall mussten wir uns musikalisch alle trennen und du wurdest aus unserem Kreis gerissen. Ich weiss nicht, wie es im Moment in deinem Inneren aussieht, aber bitte komm zu mir, wenn es dir schlecht geht. Ich meine... ich meine, bitte melde dich, wenn was ist. Du bist einfach ein zu guter Freund gewesen, in allen Situationen, als dass ich dich jetzt einfach fallen lassen könnte, weil du einen Fehler gemacht hast. Ich hab versucht, mit den anderen zu reden, dass sie den ersten Schritt auf dich zu machen, aber sie sind zu verstockt, um dir zu verzeihen. Ich glaube, Mark leidet am meisten unter allem. Nicht nur, dass er seinen vielleicht besten Freund verloren hat, er musste auch, wie wir alle, seinen großen Traum aufgeben. Das ist für uns alle nicht leicht Kian, aber ich bin sicher, wir werden das alle schaffen. Von Shane habe ich schon Solopläne verläuten hören und ich denke Mark wird es ebenfalls versuchen. Ich nicht. Meine Familie ist mir einfach zu wichtig. Aber seit Westlife sich getrennt haben, ist er sowieso verändert. Ich glaube, er ist sehr verletzt, dass es aus ist. Aber ich merke, dass ich irgendwie vom Thema abgekommen bin. Was ich mit diesem Brief ausdrücken will, ist... Kian, ich steh zu dir, okay? Ich komm dich so oft besuchen, wie ich kann, Ehrenwort. Aber die Kinder lassen mir auch kaum Zeit, weil Georgina ja jetzt die Berufstätige ist. Ich soll dich von ihr grüssen... und bald bring ich Rebecca mal mit, damit du sie kennen lernen kannst. Ich weiss doch, wie du dich auf das nächste Westlifebaby gefreut hast. Und weisst du, Georgina und ich haben uns entschieden, sie erstmal noch nicht taufen zu lassen, damit du doch noch Pate werden kannst, wie besprochen. Wenn du noch willst natürlich nur. Drängen wollen wir dich wirklich nicht. Und damit du mal weisst, wie dein zukünftiges Patenkind aussieht, hab ich ein paar Fotos zusammengesucht. Auch von allen anderen. Shane und so. Von der ganzen Crew sind auch ein paar dabei. Ich hab gedacht, du freust dich vielleicht. Und damit du uns nicht vergisst. Dreizehn Jahre sind nicht so lang, du wirst schon sehen. Und ein bisschen hast du ja jetzt auch schon rum... halt die Ohren steif und denk dran, dass wir dich alle lieben Kian. Du schaffst das schon. Le grá, dein Nicky."

Kapitel 5

Kian liefen dicke Tränen die Wangen herunter, als er den Brief wieder zusammenfaltete. Wieso hatte er diese Box dreizehn Jahre herumstehen lassen, ohne sie zu öffnen? Dann hätte er etwas gehabt, an das er sich klammern konnte... Aber er war zu stur gewesen, um sie zu öffnen. Er hatte sie nicht ansehen wollen, die Bilder. Von einem Brief hatte Nicky nie etwas gesagt, vielleicht war es ihm unangenehm. Er konnte noch nie gut über Gefühle reden, zumindest nicht über traurige oder persönliche. Kian hatte nie gewusst, was für einen Freund er in Nicky hatte. Er legte die zwei Bögen schließlich zur Seite und nahm den Stapel Fotos in die Hand. Das oberste Bild zeigte die fünf Westlifer auf der Bühne, es musste die erste Tour gewesen sein. Wie unkompliziert da noch alles gewesen war... Er legte das Bild zur Seite und schaute weiter. Sortiert waren die Bilder anscheinend nicht. Das nächste Bild zeigte Nicky und Georgina in ihren Flitterwochen, allerdings ein privates Foto, nicht die aus diesem Glamour-Magazin. Weiter ging es mit Shane und Gillian bei ihrer Hochzeit, Mark mit irgendeinem ihm unbekannten Mädchen, Georgina mit Rebecca im Krankenhaus, Nicky mit ihr auf dem Arm, alle fünf zusammen in einem Privatjet, ein Foto von Anto und Louis und noch eine Menge mehr, bis Kian schließlich bei einem Foto der Tänzerinnen ankam. Bevor er es sich genauer ansah, versuchte er, sich Melanie ins Gedächtnis zu rufen. Doch das einzige, was ihm einfiel, waren ihre pinken Turnschuhe, die Baggy Hosen und die weinroten Haare. Ihr Gesicht verschwamm, bevor er es festhalten konnte und ihre Stimme, alles was sie sagte, hallte zehnfach in seinem Kopf, sodass er ihre klare, weiche Stimme nicht entschlüsseln konnte. Kian fühlte sich erdrückt und klein, so machtlos. Er wollte sich an jede Einzelheit von ihr erinnern, aber sein Kopf ließ das nicht zu. Er wollte ihre Stimme hören, ihre grünen Augen sehen, das Lächeln sehen, dass ihn damals zum schmelzen gebracht hatte.... Mit einem Tränenschleier vor den Augen schaute er auf das Gruppenfoto der Tänzerinnen. Er erkannte Naomi und Ella wieder. Sie grinsten ihm aus der linken Ecke entgegen, zusammengeknuddelt, als hinge die Welt davon ab. Cecillia und Helen standen rechts, Arm in Arm und Helen hielt Melanies Hand. Sie lächelte sein Lieblingslächeln in die Kamera und Kian fragte sich, wer dieses Bild geschossen hatte. War er es selbst gewesen? Es kam ihm so vor, als würde Mel nicht in die Kamera, sondern hinter die Kamera blicken. Sie wirkte zufrieden und Kian erinnerte sich plötzlich wieder an ihre Stimme. "Mein erster Job war Zeitung austragen, dann war ich Kellnerin in einem Café, aber da bin ich wegen Unfreundlichkeit rausgeflogen. Dann hab ich mir mit babysitten Geld verdient, dann wurde ich Pizzalieferantin. das war alles neben meinem Journalistikstudium. Dann hab ich mir einen Job bei der Sun gesucht, aber irgendwie gemerkt, dass das nichts für mich ist. Dann war ich ne ganze Zeit wegen Maddie arbeitslos und dann bin ich hauptberuflich Tänzerin geworden...."

Wann hatte sie das noch mal gesagt? Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit. Aber wenn er es recht überlegte, war es auch eine. Dreizehn Jahre und ein paar Monate. Er schaute sich noch die restlichen Fotos an und hörte auf einmal, wie die Tür ins Schloss fiel und eine Kinderstimme das Haus füllte. Er stand auf, ging leise die Treppe runter und folgte dem Geplapper ins Wohnzimmer. "... und in der dritten Stunde hat unsere Lehrerin uns beigebracht, wie man mal nimmt!" "Oh, ich bin so stolz auf dich Ilyssa! Du bist schon so ein großes Mädchen! Was kannst du denn schon malnehmen?" "Einmal eins ist eins, einmal zwei ist zwei, einmal drei ist drei..." "Toll machst du das! Hast du deinen Teddy gefunden?" "Ja, hier ist er!" "Dann lass und wieder rüber gehen Ily, wir stören euren Besuch nur, okay?" "Kian macht das bestimmt nichts aus, der ist ein ganz lieber weisst du?" Kian spähte um die Ecke. Auf dem Boden hockte Yvonne Keating und Ilyssa saß auf Augenhöhe und blickte sie an. "Er ist ein alter Freund von meinem Papa und muss ein bisschen bei uns bleiben, weil er Probleme hat." "Wie heisst er?" fragte Yvonne leise. Kian ging einen Schritt vor und trat somit ins Licht. "Kian." sagte er und als er ihr erschrockenes Gesicht sah, war er sich nicht mehr sicher, ob es so gut gewesen war, dass er sich gezeigt hatte.

Kapitel 6

Erschrocken sprang Yvonne auf ihre Beine. "Kian!" Sie hielt sich die Hand vor den Mund. "Aber... " Sie umklammerte Ilyssas Hand feste, doch sie löste sich aus Yvonnes Griff und rannte rüber zu Kian. "Yvonne, erstmal Hallo! Wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen!" Sie räusperte sich leise, aber erwiderte nichts. "Ähm, wie geht’s dir denn? Und Jack und Marie und, Ronan?" fragte Kian und kam ein paar Schritte auf sie zu. "Ja, also, uns geht’s allen gut. Marie hat eine Erkältung, aber ansonsten... Kian was machst du hier? Wieso... wieso...." "Wieso ich nicht mehr im Knast bin?" fragte Kian und blickte sie kalt an. Sie schaute zu Boden. "Weil ich entlassen worden bin, die Ärzte sagen, dass ich wieder gesund bin, deswegen dürfen und wollen sie mich nicht länger in geschlossener Therapie behalten." "Onkel Kian, was hattest du denn?" Kian hob Ilyssa auf seinen Arm. "Weisst du, ich hatte ganz wirre Gedanken, böse, verstehst du? Aber jetzt nicht mehr. Es ist alles wieder in Ordnung." Ilyssa strahlte ihn an und kuschelte sich an seinen Arm. "Wie lange bist du schon hier? fragte Yvonne nach einer Weile. "Seit Gestern." Yvonne überlegte einen Moment. Dann lächelte sie auf einmal. "Tut mir leid Kian. Ich vergesse immer, dass das für dich auch nicht leicht war. Willst du mit rüber kommen? Dann bist du hier nicht so allein. Du kannst Nicky und Georgina ja eine Nachricht schreiben, damit sie sich keine Sorgen machen heute Nacht." Kian strahlte sie an und ließ Ilyssa erstmal runter, damit er nach einem Zettel suchen konnte. Er schrieb schnell, dass er mit zu Keatings gegangen war und dann gingen die Drei rüber und Yvonne schloss die Tür auf. "Schatz? Ich hab noch jemanden mitgebracht!" Ronan erschien mit einem Handtuch in der Hand und einer Schürze umgebunden im Flur und gab seiner Frau einen Kuss. Dann strubbelte er Ilyssa über die Haare, bevor er Kian erblickte. Sein Mund öffnete sich erstaunt und Ilyssa hörte auf zu quietschen. Kian spielte mit seinen Fingern. "Hi Ro…" Yvonne, die hinter ihrem Mann stand, lächelte ihm aufmunternd zu. "Also ich… ähm…" "Kian, was machst du hier? Ich dachte du bist noch in Therapie? Ich hätte höchstens in vier, fünf Monaten mit dir gerechnet!" Er ging auf den erstaunten Kian zu und umarmte ihn fest. Yvonne lachte über die herzliche Begrüßung und über Kians erschrockenes Gesicht. Ronan ließ ihn wieder los und zog ihn ins Wohnzimmer. Dort saß Rebecca mit Keelin auf dem Boden und spielte ein Spiel. Rebecca sah auf, als Ronan und Kian ins Wohnzimmer kamen und verdrehte die Augen. Ronan ließ sich in die teure Ledergarnitur fallen und deutete Kian, sich neben ihn zu setzen. Ronan wollte gerade ansetzten etwas zu sagen, als Rebecca ihm ins Wort fiel. "Ich helfe Yvonne in der Küche." Sie schnappte sich Keelin und verschwand um die Ecke. "Sie hat was gegen mich, glaub ich." seufzte Kian. "Nein, bestimmt nicht. Becky ist ein bisschen schwierig, sie ist schon viel zu erwachsen für ihr Alter. Aber im Grunde ist sie ein liebes Mädchen." Für ein paar Minuten lag ein angenehmes Schweigen im Raum, während dem Kian sich umsah. Er dachte an Nicky’s Brief und überlegte, ob er Ronan die Frage, die ihm so auf der Zunge brannte, stellen sollte. "Ro…", fing er an. "Ist…" Ronan sah ihn gespannt an. "Ja?" "Rebecca… Ist sie getauft worden?" Ronan sah ihn verständnislos an. "Ich glaube nicht. Nicky hat mir mal erzählt, dass er ihr später selber die Entscheidung überlassen will. Aber ich glaube, da steckt was anderes hinter." Kian nickte nur leicht und sah auf den Boden. In seinem Kopf sah er die Szene, wie Nicky und Georgina ihn damals gefragt hatten, ob er Patenonkel werden wollte. Gillian sollte Patentante werden.

"Kian? Können wir mal kurz mit dir reden?" "Klar, worum geht’s? Wenn’s nicht zu lange dauert…" "Na ja, ich denke nicht." sagte Georgina. Ihre Hand lag auf ihrem Bauch, der noch recht flach war, dafür dass sie schon im sechsten Monat war. Nicky grinste ihn an und umklammerte die Hand seiner Frau zärtlich. "Möchtest du der Patenonkel von der Kleinen werden?" Kian sah die beiden überglücklich an. "Seid ihr euch sicher? Ich hab keine Ahnung von sowas…" "Natürlich sind wir uns sicher, du bist perfekt für diese Aufgabe Kian!" Georgina lächelte glücklich. "Machst du es? Bitte bitte!" Kian musste lachen. "Okay, wenn euch soviel daran liegt, versuch ich es. Danke." Gina flog ihm um den Hals. "Nein, nein. Du brauchst dich nicht zu bedanken. Ich muss Danke sagen!"

Er war so glücklich gewesen damals. War es wirklich schon so lange her? Er erinnerte sich an jedes Detail. Georgina hatte eine Jeans und ein rosa T-Shirt mit Blumenranken angehabt. Sie trug einen Pferdeschwanz und ihre Augen hatten gestrahlt wie die Sonne. Nicky trug an dem Tag eine Lederhose und ein hellblaues Shirt. Seine Haare waren mal wieder ziemlich kurz gewesen. Wenn er sich recht erinnerte, war es der Tag vor Tourstart gewesen. Es… "Kian?" Er schreckte hoch. "Was? Ach du bists.” Er grinste verlegen und ließ sich in die Kissen des Sofas fallen. "Woran hast du gerade gedacht? Und vor allem, ab wann hast du mir nicht mehr zugehört? Ich hab mindestens noch zehn Minuten über Rebecca geredet, aber als du nicht auf meine Frage geantwortet hast, hab ich mich dann doch gewundert." "Ähm, sorry! Irgendwie musste ich grad an etwas denken... weisst du, vor dreizehn Jahren, kurz bevor die Tour angefangen hat, haben Nicky und Georgina mich gefragt, ob ich Patenonkel werden will." Er sah Ronan in die Augen. "Deswegen...?" Kian nickte nur müde. Ronan schien zu bemerken, dass es Kian nicht so gut ging und legte seinen Arm um ihn. "Willst du schlafen? Du kannst ins Gästezimmer gehen, Nicky und Gina sind bestimmt noch nicht zurück." "Danke." Die beiden erhoben sich und Ronan warf noch schnell einen Blick auf die Uhr. Es war schon fast elf Uhr. Er führte Kian die Treppe hoch und zeigte ihm das Gästezimmer. "Das Bad ist den Flur entlang die letzte Tür rechts, okay?" "Ja, okay. Danke." Ronan wünschte ihm noch eine gute Nacht und ging dann wieder runter. Kian zog sich deine Schuhe, das Hemd und die Hose aus und legte sich ins Bett. Er schloss die Augen und als er sie das nächste Mal aufmachte, war es taghell im Zimmer und er hörte das Zwitschern der Vögel von draußen. Kian fühlte sich wie gerädert, nicht, als ob er die ganze Nacht geschlafen hätte. Er schlug die Decke zurück und stand auf. Doch plötzlich sah er nur noch Sternchen vor seinen Augen tanzen und knickte mit dem Knöchel um. Er flog ungeschickt auf den Boden und spürte augenblicklich einen stechenden Schmerz in seinem Fuß. "Autsch!" sagte er laut und schüttelte den Kopf. Wenigstens waren die Sternchen weg. Was war nur los? Er rieb sich die Augen und versuchte ganz langsam aufzustehen. Nachdem ihm das gelungen war, ging er vorsichtig zum Fenster und öffnete es. Sofort wehte kalter Herbstwind herein und er bemerkte, dass er nur Boxershorts trug. Schnell schloss er das Fenster wieder und obwohl er nur wenige Sekunden die frische Luft eingeatmet hatte, fühlte er sich um Welten besser. Er zog sich die Hose und sein Hemd an und öffnete die Tür.

Kapitel 7

Als er in der Küche ankam, sah er die Keatings und die drei Byrne Kinder schon am Frühstückstisch sitzen. "Tut mir leid, dass ich so spät aufgestanden bin." "Macht doch nichts. Komm setz dich zu uns und iss etwas." "Danke, das ist nett." Er setzte sich auf den freien Stuhl neben Rebecca und griff nach einem Brötchen. Irgendwie fühlte er sich beobachtet, als er hineinbiss. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Rebecca ihn ansah, aber anscheinend hatte sie bemerkt, dass ihm ihre Blicke bewusst waren, denn sie wandte sich schnell ihrem Brötchen zu.

Wenig später stand er mit Keelin, Rebecca und Ilyssa vor dem Haus der Byrnes und sie klingelten. Ilyssa und ihr kleiner Bruder alberten lautstark herum und Rebecca starrte in die Ferne. Georgina öffnete ihnen mit verärgertem Gesicht die Tür. "Keelin, Ilyssa! Macht nicht so einen Lärm! Hallo Kian, hattest du einen schönen Abend?" Sie ließ alle hinein und Kian ging, während er erzählte, hinter ihr her zum Wohnzimmer. "Ich hab mich gut mit Ronan unterhalten und irgendwann war er so spät, dass ich nicht mehr rüber wollte. Außerdem wusste ich gar nicht, ob ihr hier gewesen wärt! Wie war euer Abend?" "Ganz wunderbar! Wir hatten im Trocadero einen fabelhaften Tisch und das Essen... du weisst ja selber wie lecker es dort ist. Und es gab Kerzenlicht... es war einfach nur total romantisch! Genauso schön wie früher auch immer." Georgina strahlte plötzlich wieder richtig. "Kian ich muss dich leider mit der Horde Kleinkinder hier alleine lassen, weil ich zur Arbeit muss... Du weisst ja, das Nicky jetzt den Hausmann spielt, er kann jetzt sogar kochen und waschen!" Sie kicherte und warf einen liebevollen Blick in die Ecke wo er mit seinem Jüngsten saß. "Also, ich bin heute Abend so gegen halb sieben wieder da. Vielleicht könnt ihr ja einen Spaziergang oder so machen." Sie zwinkerte ihm zu und nahm ihre Jacke vom Haken. Danach zog sie noch Schuhe und einen dicken, warmen Schal an und blickte sich lächelnd ihm Spiegel an. Kian schaute auf das Kalenderblatt, das an der Wand hing. Es war der 8. Oktober, ein Montag. Plötzlich fiel ihm ein, was es für ein Tag war und wieso die beiden gestern essen gegangen waren. "Oh Shit, wieso sagt ihr denn nichts, alles Gute zum ... ähm, 22. Jahrestag?" Sie grinste ihn frech an und lachte laut. "Fast. 24. triffts besser. Aber Nicky vergisst das auch immer! Jetzt muss ich aber wirklich los. Tschüss, bis heute Abend!" Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss und Kian ging kopfschüttelnd ins Wohnzimmer, wo Keelin laut quietschte. "Du hättest mir ruhig mal sagen können, dass ihr Jahrestag habt." sagte Kian gespielt ärgerlich. "Ähm, ich hatte es ja selbst vergessen bis zu dem Zeitpunkt, wo sie mich daran erinnert hat." Er kratzte sich am Kopf. "Und was hast du ihr dann geschenkt?" "Ja, ich hatte zum Glück mein Geschenk schon ein bisschen eher gekauft. Es war eine Kette mit so weißen und blauen Steinen. War verdammt teuer, aber seine Sache wert!" grinste er frech und Kian verstand den Wink. "Daddy, weiterspielen!" Keelin fing an zu quengeln. Kian ließ sich neben seinem Kumpel auf dem Fußboden nieder und lächelte den Kleinen an. "Wie alt bist du denn Keelin?" Erst sah der Junge ihn etwas verängstigt an, aber Nicky strich ihm liebevoll über die Haare und da fing er an zu plappern. "Ich werde bald sieben!" strahlte er und zeigte seine kleinen Zähnchen, die Kian entgegenblinkten. Daraufhin rutschte Keelin auf seinen Knien auf Kian zu und sah ihn mit großen Augen an. "Er sieht Gina wahnsinnig ähnlich." sagte Kian, als er ihm in die Augen blickte. " Und wer bist du?" fragte der Kleine nun neugierig. "Woher kennst du meine Mummy und meinen Daddy und warum bist du nicht zuhause?" Er griff nach Kians Hand und spielte mit seinen Fingern. "Keelin hör’ auf, das macht man nicht." Keelin warf einen bösen Blick auf seinen Daddy und ließ Kian wieder in Ruhe. Dieser suchte sich eine passende Antwort zusammen. "Weisst du Keelin, ich war lange verreist und hab vorher meine Wohnung verkauft, deswegen muss ich mir jetzt eine Neue suchen. Und bis ich was gefunden hab, bleib ich hier. Deine Eltern kenn ich noch von vor meiner Reise. Wir waren früher beste Freunde." "Und jetzt nicht mehr?" Kian sah zu Nicky. "Doch, jetzt immernoch."

Nach dem Mittagessen, Nicky hatte zusammen mit Kian einen Gemüseauflauf gemacht, ging Kian alleine spazieren. Nicky hatte versucht, ihn davon abzubringen, aber Kian wollte sich nicht reinreden lassen. So schlenderte er nun die Straße entlang und sah sich um. Früher, als er öfters bei Nicky gewesen war, war das Viertel, indem er wohnte, noch nicht vollständig gebaut gewesen. Heute, nach 13 Jahren, stand ein Haus neben dem anderen und das Viertel war, nach Kians Meinung, noch vergrößert worden. Langsam näherte er sich dem Ausgang und dann trat er auf offene Straße. Er fühlte sich plötzlich sehr beobachtet. Unbehaglich drehte er sich, während er den Weg entlang ging, immer wieder um. Irgendwann, nachdem er kaum fünfhundert Meter gegangen war, wurde es ihm zu dumm und er drehte wieder um. Geknickt über diesen gescheiterten Versuch ließ er sich im Garten der Byrnes nieder. Es wehte ein strenger Wind, der die bunten Blätter umherwarf, aber er machte Kian nichts. Er wollte ungestört nachdenken, und das gelang ihm bestimmt nicht, wenn er im Haus war, wo Rebecca sofort wieder abhauen, Ilyssa ihn umzingeln, Keelin rumschreien und Nicky ihn ausfragen würde. Er war überaus dankbar für ihre Hilfe und fühlte das starke Band von früher so deutlich wie schon lange nicht mehr, aber im Moment musste er einfach für sich sein. Er setzte sich auf die Hollywood Schaukel. Zwar waren keine Polster mehr drauf und sie knarrte fürchterlich, aber er war alleine und wenigstens war sie nicht nass. Er schaukelte nachdenklich hin und her und war mit seinen Gedanken bei der nächsten Therapiestunde. Wenn sein Dr. O'Shea ihn nach den ersten Tagen fragen würde, sollte er ihm alles erzählen? Sollte er Rebecca, den Brief und die Patenschaft erwähnen? Er war sich nicht sicher, ob er das wollte. Er war viel zu aufgewühlt, weil Rebecca ihn anscheinend nicht mochte und ihm immer auswich. Er hatte noch kein Wort mit ihr geredet, außer "Hallo" und "Guten Morgen". Wusste Rebecca wer er war? Wusste sie, dass er nicht, wie er Keelin erzählt hatte, auf einer langen Reise, sondern im Knast gewesen war?

"Was hat er denn Daddy? Ist er traurig, weil er keine Wohnung hat?" Keelin und sein Daddy standen im Wintergarten und sahen auf Kian, der mit dem Rücken zu ihnen auf der Hollywoodschaukel saß. "Nein. Er denkt bestimmt an seine Reise." flüsterte Nicky und küsste Keelin auf seinen blonden Schopf.

Kapitel 8

"Dann erzähl mir doch mal von deinen ersten Tagen als freier Mann, Kian." Kian wollte grade Luft holen, da unterbrach in Dr. O'Shea noch einmal. "Bitte fang am Anfang an und lass nichts aus. Das ist wichtig, verstehst du? Ich weiss, dass es nicht schlimm war, also schieß los." Kian blickte ihn verwirrt an. Woher wollte er wissen, wie die zwei Tage gewesen waren? "Ähm...." Er rutschte unruhig in seinem Stuhl hin und her. "Als Charlie mich bei Nicky abgesetzt hat, war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob es das richtige Haus war..." Der Doktor hörte ihm aufmerksam zu und Kian stoppte bloß einmal an der Stelle mit dem Brief. Er war gestern zu keiner Entscheidung gekommen, aber schließlich beschloss er, es seinem Gegenüber einfach zu erzählen. Immerhin war er Arzt und vielleicht wusste er, wie er mit Rebecca umgehen sollte. Er räusperte sich. "Erinnerst du dich noch an diese Box, die Nicky mir einmal mitgebracht hat?" Als er nichts erwiderte, fuhr Kian fort. "Ich hab sie nie geöffnet, weil ich zu stolz war. Na ja, jedenfalls hab ich sie dann vorgestern doch angeschaut und einen Brief darin gefunden, von dem ich nichts wusste. Er war natürlich von Nicky und es stand eine Menge Sachen über ihn und die anderen Jungs drin. Und am Schluss stand, dass er und seine Frau beschlossen haben, Rebecca noch nicht taufen zu lassen, damit ich Taufpate sein konnte. Kurz vor Tourbeginn hatten die beiden mich nämlich gefragt. Ich hab mich noch getraut, Nicky darauf anzusprechen. Und Rebecca... ich weiss nicht, ich hab das Gefühl, dass sie mir ausweicht. Sie hat mir vielleicht mal Hallo gesagt, aber sonst redet sie nicht mit mir und verlässt den Raum, wenn ich ihn betrete. Was soll ich denn nur machen?" fragte Kian mit einem traurigen Blick auf seinen Arzt.

"Hey Nicky!" "Ah, da bist du ja wieder. Und hat der Doc dich ausgequetscht?" Kian rümpfte die Nase. "Es geht so. Hast du noch was vor oder...?" Kian hatte seinen Kumpel am Morgen gefragt, ob er ihn zum Therapiezentrum fahren würde. "Also, wenn du nichts dagegen hast, ich müsste noch ein bisschen einkaufen!" Nicky runzelte die Stirn, als ob er versuchen würde, sich an die Einkaufsliste zu erinnern. "Geht in Ordnung. Können wir mal bei der Bank vorbeischauen, ich will sehen, ob mein Konto noch da ist." scherzte Kian und kurz darauf stand Kian tatsächlich am Schalter seiner Bank und sprach äußerlich ganz lässig mit der Frau dahinter. "Guten Tag, ich möchte gerne Geld von meinem Konto abheben..." Er füllte den Schein aus, nachdem er noch einmal schnell seine Nummern nachgeschaut hatte und reichte ihn durch. Die Frau schaute etwas länger als nötig auf den Schein und Kian wurde nervös. Er spürte den Schweiß seine Stirn herunter laufen und wischte ihn schnell weg. Wenig später hielt er zweihundert Euro in der Hand und Nicky und er verließen die Bank. Kians Hand zitterte immernoch heftig. "Hey, du brauchst doch keine Angst zu haben, Mann. Selbst wenn dich jemand erkennt, was man doch vermuten kann, sie können dir nichts anhaben, okay? Du hast ein Recht darauf, hier zu sein, genau wie alle anderen auch." Ein paar Minuten kämpfte Kian mit sich selbst und den Tränen, dann sah er auf und blickte in Nickys Augen. "Danke. Ich hab keine Ahnung, was ich ohne dich machen würde." Er drückte seine Hand und Nicky steuerte mit einem Lächeln um den Mund auf den nahen Tescoladen zu. Fast hätte Kian lachen müssen, als Nicky den Einkaufswagen durch die Gänge schob und die Preise verschiedener Produkte verglich. "Mann, ich bin anscheinend nicht der Einzige, der sich verändert hat, was? Früher wusstest du nicht mal, wie Preisvergleichen geht." "Hör mal, ich hab drei Kinder und bin als Hausmann tätig, was soviel heisst, dass ich so gut wie jeden Tag einkaufen gehe, sowas lernt man mit der Zeit einfach..." Nicky sah stumm auf die Nudeln in seiner Hand. "Immerhin halte ich noch keine Schwätzchen mit meiner Nachbarin." lachte er dann und warf das Packet einfach in den Wagen. "Was hälst du von Pasta heute Abend?"

"Hör mal Ki, es ist gleich sechs, wenn wir uns ein bisschen beeilen können wir Gina von der Arbeit abholen, ist das okay? Dann muss sie nicht mit der Bahn fahren." "Wieso mit der Bahn?" "Ihr Auto hat einen Totalschaden, weil irgendso ein Idiot ihr hinten reingefahren ist, als sie geparkt hat." Kian überlegte. "Ähm, kannst du nicht alleine fahren? Ich will nicht so gerne da auftauchen..." Georgina arbeitete in einer Anwaltskanzlei, in der, die ihn vor dreizehn Jahren verteidigt hatte. "Ähm, okay, wartest du dann hier auf uns? Wir kommen dich dann in ... einer halben Stunde wieder abholen!" "Ja, das ist in Ordnung." "Gut, bis dann." Nicky stieg in sein Auto und startete den Motor. Als er außer Sichtweite war, betrat Kian den Laden gegenüber. Ihm war eben eingefallen, dass Nicky morgen Geburtstag hatte und er wollte noch schnell irgendwas besorgen. Aber was? Ihm fiel absolut nichts ein, also verließ er den Laden wieder. Er schlenderte gedankenverloren durch die Gegend und blieb vor einem Tiergeschäft stehen. Nicky hatte ihm erzählt, dass sie Keano einschläfern lassen mussten, weil er nicht mehr gehen konnte und einige Geschwüre hatte. Sollte er ihnen einen zweiten Hund kaufen? Die Kinder würden sich bestimmt freuen, aber was würden Georgina und Nicky dazu sagen? Immerhin war Keano damals so etwas wie das Verlobungsgeschenk gewesen. Allerdings war er sich fast sicher, dass in einer Ecke der Küche noch ein Hundekörbchen gestanden hatte. Er betrat den Laden und sah sich um. In einigen Körbchen auf dem Boden lagen fünf süße kleine Hunde. "Guten Tag der Herr, kann ich ihnen helfen?" Kian schreckte herum und sah in das Gesicht eines alten Mannes. "Ähm, ich wollte mir mal ihre Hunde anschauen." "Ah, ein Hundeliebhaber. Wir haben hier ein paar ganz süße mit einem tollen Stammbaum. Wollen sie sich die Kleinen mal anschauen?" Kian nickte und der Alte hob zwei kleine Hundebabies hoch. Kian grübelte. Er wollte auf keinen Fall wieder die gleiche Art wie Keano war nehmen. "Haben sie eine bestimmt Vorstellung?" Der Alte holte Kian aus seinen Gedanken heraus. "Ähm, ja, also ich möchte keinen Labrador. Aber auch nicht so einen Hund, bei dem man Angst haben muss, dass er einem verloren geht." Kian hob einen Kleinen hoch, der still eingerollt in der Ecke gelegen hatte und nicht wie alle anderen aufgeregt gebellt hatte. Und als er in seine Augen sah, dachte er, er müsste weinen. Die Auge sahen ihn so traurig an, dass es ihm fast das Herz brach. Er nahm den Welpen auf den Arm und kraulte ihn hinter den Ohren. Er war fast schwarz mit hellen Tupfen um die Augen und Pfoten und sein Fell glänzte herrlich. "Hat er einen Namen?" "Es ist eine Sie. Sie heisst Marie." sagte der Alte und schaute ihn seltsam an. Nachdem Kian ihr noch mal in die Augen gesehen hatte, wusste er, dass er sie einfach kaufen musste. "Ich nehme sie. Wie viel wollen sie für sie haben?" Der Mann winkte ab. "Sie können sie geschenkt haben. Keiner der je im Laden war, wollte sie haben. Sie sagen alle, sie schaut so traurig und wollten sie nicht. Ich bin froh, dass sie sie nehmen." Einen Moment musste Kian ganz verdutzt geschaut haben, den der Mann lachte. "Ich mein es ernst! Nehmen sie sie und behandeln sie sie gut." "Ähm, ich bräuchte allerdings noch ein bisschen Futter." "Ach ja. Hier haben sie etwas. Das kostet sie dann allerdings doch noch sieben Euro." Kian holte sein Portemonnaie aus der Tasche und holte einen Zwanzig Euro Schein heraus. "Hier und keine Widerrede. Können sie mir vielleicht einen Karton geben, wo ich sie reinsetzen kann? Ich bin zu Fuß hier."

"Ich dachte schon ihr kommt gar nicht mehr." sagte Kian und stieg ins Auto. "Auf halber Strecke war ein dicker Stau und wir natürlich mitten drin." stöhnte Nicky und grinste Kian an. Dieser kletterte mit dem Karton auf den Rücksitz und hoffte, dass Marie sich benehmen würde, bis morgen früh. "Hast du dich noch in den Läden umgeschaut?" fragte Georgina mit einem Blick auf den Karton. "Ja, und ich bin mal wieder schwach geworden." Nickend drehte Gina sich wieder um und starrte aus dem Fenster. Während der kaum fünf minütigen Fahrt spürte Kian mehrmals Maries Kratzten am Karton und jedes Mal hustete er laut um es zu übertönen. Beim dritten Mal fuhr er mit seiner Hand in den Karton und streichelte die Kleine sanft am Kopf.

Kapitel 9

Als Kian am Morgen aufwachte, war es noch keine sechs Uhr. Er ging duschen und zog sich frische Sachen an, bevor er runter ins Wohnzimmer ging. Es war noch keiner wach, deswegen setzte er sich mit Marie auf dem Schoß auf die Couch und döste ein wenig. Er musste wohl wieder eingeschlafen sein, denn als er das nächste Mal die Augen aufschlug, hörte er Georgina in der Küche rumoren. Anscheinend hatte sie ihn nicht bemerkt, denn sie sang halblaut ein Lied und klapperte fröhlich mit den Tellern. Schnell rückte Kian Marie die Schleife um den Hals zurecht und stand leise auf. Er setzte sie solange wieder in den Karton, den er ins Wohnzimmer gestellt hatte und ging zu Gina in die Küche. "Guten Morgen." sagte er und sie drehte sich erschrocken um. "Morgen Kian. Ich hab dich gar nicht die Treppe runterkommen hören." "Ich war auch schon unten. Hab im Wohnzimmer gedöst, weil ich nicht mehr schlafen konnte. Bin seit sechs auf den Beinen." "Du Armer! Hilfst du mir ein bisschen? Ich will Nicky ein schönes Frühstück machen zum Geburtstag." "Klar, was soll ich machen?"

"Happy Birthday to you… happy birthday to you! Happy Birthday dear Daddy, happy birthday to you! Alles Gute zum Geburtstag Daddy!" Ilyssa sprang ihrem Daddy um den Hals und gab ihm einen dicken Kuss auf die Wange. Keelin versuchte sie wegzuschubsen, damit er seinen Daddy auch umarmen konnte, aber Nicky nahm ihn einfach auch noch in den Arm. "Danke meine Süßen." "Wir haben auch ein Geschenk für dich! Becky hat es, Becky! Gib Dad das Geschenk!" "Jaja, ist gut Ilyssa. Alles Gute zum Geburtstag Dad!" Sie umarmte ihn auch fest und drückte ihm das Päckchen in die Hand. Kian sah von seinem Platz gespannt zu, was wohl drin sein würde. Nicky packte es langsam aus und tat, als wäre er total aufgeregt. Keelins Lachen erfüllte das Haus. Nicky hatte das Papier schließlich entfernt und hielt ein Kochbuch und eine Chefkochmütze in der Hand. Er lachte laut, nahm seine drei Kinder fest in den Arm und drückte allein einen Kuss auf die Wange. "Das habt ihr toll ausgesucht!" sagte er stolz und blickte zu seiner Frau. Georgina reichte ihm nun auch ein Päckchen. Bevor er es nahm, nahm Nicky lieber seine Frau in den Arm und gab ihr einen zärtlichen Kuss. "Egal was es ist, es ist toll." flüsterte er ihr gerade so laut ins Ohr, dass man es verstehen konnte. Georgina lachte und forderte ihn auf, auszupacken. Er wickelte das Papier ab und zum Vorschein kamen zwei Karten für die Premiere des neuen Musicals "The Joy of Music". "Mein Gott, du musst wahnsinnig sein!" Georgina lächelte erfreut, dass es ihm gefiel und gab ihm noch einen Kuss. Kian musste dabei an früher denken, wie er mit Melanie... Er schüttelte den Gedanken ab und holte einmal tief Luft. "Ich hab auch was für dich Nicky." sagte er dann und grinste. Nicky strahlte ihn an. Kian erhob sich von seinem Stuhl und ging rasch ins Wohnzimmer. Dann rief er:" Ihr müsst alle die Augen zu machen!" Er fühlte sich sicher, dass sie Marie mögen würden. "Okay!" erklang es aus der Küche und Kian betrat sie. Das Bild, das sich bot, war zum Schießen komisch. Nicky stand hinter Keelin und hielt ihm die Augen und den Mund zu, der Kleine versuchte jedoch heftigst sich loszustrampeln. Georgina strich mit geschlossenen Augen Ilyssa über den Kopf, die leise vor sich hinbrabbelte. Nur Rebecca saß etwas gelangweilt da, die Arme auf den Tisch verschränkt. Kian setzte Marie mitten auf den Tisch und kraulte sie hinter den Ohren. "Dann macht eure Augen mal wieder auf." Keelin jauchzte erfreut, als sein Vater ihn endlich losließ und augenblicklich war die Küche voller glücklichem Kindergeschrei und Nicky strahlte übers ganze Gesicht. Das kleine Hündchen wusste gar nicht wie ihr geschah, als sie von Arm zu Arm gereicht wurde. Georgina schien nicht so glücklich wie alle anderen, deswegen setze Kian sich zu ihr. "Sieh mal, es ist doch kein Ersatz für Keano. Er wird immer der beste Hund der Welt bleiben. Aber ich dachte, ihr habt ja sogar noch alles da und keiner wollte Marie haben, sie hat mir so Leid getan." Georgina versuchte zu lächeln und wischte sich die drei Tränen aus dem Gesicht. "Wie albern von mir." schniefte sie. "Keano war halt was Besonderes für mich, er war so ein lieber Kerl." "Gib ihr eine Chance, G." "Mach ich. Sie ist ja auch so süß." Kian drückte ein letztes Mal Georginas Hand, dann stand er auf und stellte sich hinter Nicky. Er drehte sich um und grinste breit. "Süßes Kerlchen. Hat er auch einen Namen?" "Dad, es ist ein Mädchen!" rief Rebecca dazwischen." Jaja, hat sie denn einen Namen?" "Ich tippe auf Baby." rief Ilyssa "Quatsch, sie heisst bestimmt Elli." fauchte Keelin seine Schwester an. "Elli? Was soll das denn für ein Name sein! Nein, sie muss ..." "Sie heisst Marie." rief Kian laut in die Diskussion. "Genau das wollte ich gerade sagen!" strahlte Ilyssa dann. "Jaja, jetzt wusstest du es wieder, war ja klar. Du Besserwisserin!" meckerte Keelin.

Am Mittag saßen alle sechs am Tisch und aßen ein Gericht aus Nickys neuem Kochbuch. "Schmeckt wirklich toll." sagte Kian mit einem lobenden Unterton an Nicky fürs Kochen und an die Kinder fürs Kochbuch aussuchen. Als alle fertig gegessen hatten, räumten Kian und Georgina den Tisch ab. "... du musst wirklich nicht helfen, Kian. Ich schaff das auch alleine." "Ich möchte aber gerne helfen. Wenn ich euch schon so lange auf der Pelle hocken muss, will ich mich auch irgendwie nützlich machen. Ich hab mich ja noch nicht mal auf die Suche nach einer Wohnung gemacht!" Er nahm sich vor, gleich morgen in der Zeitung nach Angeboten zu suchen. "Ach, dass ist doch wirklich kein Problem. Dann lass uns mal anfangen!" Kian räumte die Spülmaschine ein und stellte sie an, während Georgina das restliche Geschirr brachte und den Tisch abwischte. "Kommt eigentlich irgendein Besuch heute oder in den nächsten Tagen?" "Ja, meine und Nickys Eltern wollten mit unseren Geschwistern heute so gegen fünf kommen. Ähm..." Sie stütze die Hände in die Hüften. "Das ist doch okay für dich oder? Sonst kann ich auch absagen..." "Bloß nicht! Macht euch wegen mir keine Umstände! Zur Not geh ich spazieren oder einkaufen oder bleib einfach oben. Das wird schon." Er lächelte sie an und sie strich sich nervös die Haare hinter die Ohren. Sich nach Arbeit umsuchend, murmelte sie leise etwas vor sich hin. Plötzlich hörte man ein Handy piepen und Georgina rannte aus der Küche. "Nicky! Du hast eine SMS bekommen!" rief sie und Nicky polterte die Treppe herunter. "Von wem denn?" "Von Shane." Georginas Stimme war jetzt gedämpft. "Cool, von dem hab ich auch schon eine Weile nichts mehr gehört..." sagte Nicky fröhlich und man hörte daraufhin nur noch ein Keuchen, als hätte Georgina ihm den Ellebogen in den Bauch gerammt.

Um halb Fünf stand Nicky schon wieder in der Küche, die gerade erst aufgeräumt war und bereitete das Abendessen vor, das er seiner und Georginas Familie servieren wollte. Rebecca saß in dem riesigen Sessel im Wohnzimmer und Keelin und Ilyssa rannten wie zwei geölte Blitze mit Marie durch das ganze Haus. Georgina war oben im Badezimmer und machte ihre Haare. Kian saß nervös auf der großen Couch und überlegte, ob er nicht doch nach oben gehen sollte. Plötzlich polterten Ilyssa und ihr kleiner Bruder so laut die Treppe runter, das Kian regelrecht auf seine Beine sprang vor Schreck. Marie kläffte laut, dafür dass sie nur so klein war. "Ilyssa! Wie oft hab ich dir gesagt, du sollst nicht die Treppe so runterrennen?! Eines Tages tust du dir noch ernsthaft weh! Und dem Hund erst!" brüllte Georgina von oben runter und nur wenige Sekunden später stand sie mit diversen Klammern und Stecknadeln in den Haaren und einem Lockenstab in der Hand neben ihrer eingeschüchterten Tochter. Gerade als sie mitten in ihrer Standpauke war, klingelte es an der Haustür. "Georgina! Gehst du mal? Ich kann grad nicht hier weg!" rief Nicky aus der Küche und man hörte ihn laut fluchen. Georgina hastete die Treppe hoch, riss sich dabei die Klammern aus den Haaren und rief: "Kian kannst du mal gehen? Das sind ...." Die Tür knallte hinter ihr zu, bevor sie den Satz beendet hatte. Kian fühlte sich total überrumpelt, ging aber trotzdem zielstrebig zur Tür. Davor stehend holte er noch einmal tief Luft und öffnete mit einem Lächeln auf den Lippen, das gefror, als Kian erkannte, wer dort vor ihm stand.

Kapitel 10

Eine sehr erwachsene Molly lief mit Lilly im Schlepptau ins Haus und Kian blickte ihnen entsetzt hinterher. Ihm war klar, dass, wenn er sich umdrehte, Kerry und Bryan ihn ansehen würden. Ganz langsam traute er sich, den Kopf zu wenden. Sein Herz klopfte schneller, als wäre er einen Marathon gelaufen. Erst als Bryan sich räusperte, sah Kian endlich auf. Kühl blickten die beiden ihn an. "Willst du uns nicht rein lassen?" fragte Bryan. Kian trat eingeschüchtert einen Schritt zurück. "Doch doch, kommt rein... Nicky..." Bryan und Kerry gingen ohne ein weiteres Wort Hand in Hand ins Wohnzimmer zu ihren Töchtern. Hinter ihnen lief noch ein kleiner Junge tapsig durch den Flur. Bevor Kian ein einziges Wort zu ihm sagen konnte, rief Kerry nach ihm. "Jamie! Komm bitte ins Wohnzimmer!" Dann kam Nicky zeitgleich mit Georgina in den Flur und die beiden sahen abwechselnd von Kian zu dem gerade eingetroffenen Besuch. Kian stand wie starr dort und Tränen liefen ihm übers Gesicht. Georgina nahm seinen Arm und zog ihn die Treppe hoch ins Gästezimmer, während Nicky ins Wohnzimmer ging. "Kian, alles ist gut, sie meinen das nicht böse! Ich hab mich auch wie ein Idiot benommen, als du plötzlich in unserem Wohnzimmer gesessen hast!" Er schniefte und setze sich auf sein Bett. "Ist schon okay Gina, du musst dir keine Ausreden einfallen lassen. Lass mich bitte alleine." Georgina seufzte, streichelte ihm noch mal über die Haare und verließ traurig den Raum.

Unten schallte ihr schon ein lauter Streit entgegen. "Du hättest uns ruhig sagen können, dass er hier ist!" sagte Bryan mit einem unüberhörbaren Unterton. "Und ihr hättet euch ja ankündigen können!" "Ach, sieh an. Sonst waren wir doch immer willkommen! Was hat er euch denn für Flöhe in den Kopf gesetzt?" Georgina betrat den Raum und sah die Kinder alle zusammen in einer Ecke gekauert sitzen, Bryan, Kerry und Nicky saßen auf den Sofas. "Bryan! Bitte red nicht so über Kian, du weisst genau wieso das damals passiert ist!" "Ja, und genau deswegen hab ich meine Frage gestellt!" "Er hat eine lange Therapie hinter sich, er ist nicht mehr krank!" "Das kann man nie wissen, oder?" Nicky und Bryan funkelten sich gegenseitig an. Georgina stand von Nicky unbemerkt hinter ihrem Ehemann und merkte, wie unwohl Kerry sich in dieser Situation fühlte. Sie wusste nicht so recht, zu wem sie halten sollte. Einerseits war es nicht richtig, wie Bryan über Kian herzog, aber andererseits wusste sie wirklich nicht, ob man Kian wieder vertrauen konnte und sollte. "Bitte hört auf euch zu streiten." versuchte Georgina zu schlichten. "Da kann man auch ganz normal drüber reden! Becky, Ilyssa, Keelin, Molly, Lilly, Jamie... ab nach oben, was spielen, wir müssen hier etwas Wichtiges klären." Murrend erhoben sich die sechs und verschwanden nach oben in Rebeccas Zimmer und hörten nur noch gelegentlich ein paar laute, aber dennoch unverständliche Worte heraufklingen. "Von wem ist eigentlich die Rede?" fragte Lilly und Jamie schaute ebenfalls fragend in die anderen Gesichter. "Kian. Er wohnt seit ein paar Tagen hier." sagte Rebecca. "Aber er ist mir irgendwie unsympathisch." "Ach was." rief Ilyssa dazwischen. "Du hast ihm bloß keine Chance gegeben, weil du Mums und Dads Gespräch an dem Abend belauscht hast, wo er gekommen ist!" "Man Lyssi, halt die Klappe. Was verstehst du davon schon!" "Mehr als du!" "Ach ja?" "Jetzt beruhigt euch doch mal wieder ihr beiden. Ihr klingt schon wie Mum und Dad." stoppte Lilly die beiden. "Was weisst du denn Ilyssa?" "Er war krank." "Suuper! Das haben wir auch nicht vorher gewusst." maulte Rebecca und lief in ihrem Zimmer umher. "Aber du weisst nicht was er hatte! Er war ganz lange in Therapie und jetzt ist er wieder gesund. Er muss nur manchmal noch zu einer Therapiestunde. Das hat er mir erzählt, als ihr noch gepennt habt!" Ilyssa stand mit ihren Händen auf den Hüften da und sah grimmig ihre große Schwester an. "Ich geh mal auf Toilette." sagte Molly und verließ genervt den Raum. Sie war sich nicht sicher, ob sie dieser Kian der Kian war, den sie kannte. Sie konnte sich wage an einige Momente mit einem Menschen erinnern, der diesen Namen trug. "Wenn er das ist, war er wohl früher in Dads Band" überlegte sie und drehte den Wasserhahn auf. Sie ließ sich kaltes Wasser über das Handgelenk laufen und dachte nach. Was war dann passiert? "Ich geh zu ihm und frag einfach. Er muss es sein!" sagte sie zu sich. "Und mehr als rauswerfen kann er mich nicht."

Aus Rebeccas Zimmer drang vergnügtes Lachen zu ihr herüber. Anscheinend hatten sie das Thema gewechselt. In welchem Zimmer konnte er sein? Sie beschloss am Gästezimmer zu klopfen, schließlich würde er schon nicht ganz eingezogen sein. Doch es kam keine Antwort. Sie wartete ein paar Sekunden und wollte schon gehen, als sie innen ein leises Rascheln hörte. Vorsichtig öffnete sie die Tür und der Lichtstrahl aus dem Flur fiel in das Zimmer. Im Bett, das gerade vor ihr lag, lag Kian. Sie betrat den Raum. "Kian?" fragte sie leise. Er richtete sich auf und sah sie überrascht an. "Molly?" Seine Stimme hörte sich weinerlich an. "Was machst du hier?" Er machte keine Anstalten seine Tränen wegzuwischen. "Ich weiss nicht. Mich interessiert einfach, warum du bei Mum und Dad so unten durch bist. Und irgendwie hab ich das Gefühl dich zu kennen." Er sah ihr lange in die Augen. "Willst du dich setzten?" fragte er dann und kramte nach einem Taschentuch. "Wartest du einen Moment?" Er hastete ins Badezimmer und kam wenig später schon ein wenig frischer wieder. "Da bin ich wieder." Molly sah ihn mit gemischten Gefühlen an. Einerseits verband sie mit ihm, wenn er es war, ein paar schöne, frühe Kindheitserinnerungen, aber andererseits, irgendwas musste er schon angestellt haben, damit er so verhasst war. "Molly, es ist so schön dich zu sehen! Wahrscheinlich... ähm, ich weiss einfach nicht wo ich anfangen soll." stotterte er herum. "Darf ich dich was fragen?" Er sah wieder auf und nickte bloß. "Bist du früher mit Dad in der Band gewesen? Ich bin mir da nicht so sicher. Das ist so ewig her." Sein Gesicht hellte sich bei dem Gedanken an früher auf. "Ja, ich war dabei. Mit Nicky, Shane, Mark und deinem Dad." "Und warum habt ihr euch getrennt? Daddy will nie darüber reden und ich hab im ganzen Haus keinen Schnipsel darüber gefunden. Und sie haben sonst alles aufbewahrt!" Anscheinend war es für ihn auch schwer, darüber zu reden. "Ich weiss nicht, ob die beiden wollen, dass ich es dir erzähle Molly." "Sie müssen es ja nicht erfahren!" Er druckste ein wenig herum. "Ich war schuld." sagte er schließlich. "Keine Ahnung ob es dich interessiert, aber es war 2005. 13 Jahre her." Er schnaubte. "Mir kommt es viel länger vor." Es herrschte eine seltsame Stille und Kian schien zu überlegen. "Kannst du mir vielleicht erst ein bisschen von deiner Familie und dir erzählen? Wenn ich fertig bin, wirst du mich wahrscheinlich nicht mal mehr mit dem Hintern anschauen." Er schniefte wieder und so wollte Molly nicht nein sagen. Sie setzte sich im Schneidersitz neben ihn auf sein Bett und fing an.

"Also, ich bin Molly!" Sie kicherte. "Siebzehn Jahre alt, gehe in die 11. Klasse auf der höheren Schule. Ich hab fast überall zweien und dreien, nur in Mathe steh ich fünf. Dad gefällt das gar nicht 'Mit so einer Note in Mathe kommst du nicht weit, Molly, da hilft dir auch dein süßes Lächeln nicht mehr...' Man der nervt. Ich bin im Volleyballverein Mannschaftsführerin. Wir gewinnen fast jedes Spiel! Vielleicht werd ich Profi-Spielerin, mal sehen. Dann brauch ich auch kein Mathe! Und Lilly geht in die neunte Klasse, sie hat teilweise echt schlechte Noten und sie macht nur Unsinn! Andauernd muss sie zum Direktor. Ich hab mittlerweile aufgehört zu zählen, wie oft Dad und Mum wegen ihr da waren! Außerdem hat sie eine schlimme Allergie gegen Äpfel und Tannen. Dafür isst sie für ihr Leben gerne Schokolade und wenn sie einmal anfängt, hört sie nie mehr auf! Sport macht sie keinen, dafür schreibt sie Geschichten ohne Ende, wenn sie nicht mit ihren Freunden unterwegs ist. Eine wurde auch schon in der 'Irish Sun' abgedruckt. Alle haben sie ausgelacht, und gesagt, Dad hätte die Zeitung bestochen, sonst wäre das gar nicht abgedruckt geworden. Trotzdem ist sie sehr beliebt in der Schule. Ich kann mich da auch nicht beklagen. Und sie hat Dads Stimme geerbt, was für eine Schande. Ich kann nur krächzen. Jamie haben wir adoptiert, als ich 6 war. Ich kann mich gar nicht mehr richtig an die Zeit ohne ihn erinnern. Seine richtigen Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen als er ein paar Monate alt war. Er erinnert sich nicht an sie. Ich glaube, er ist glücklich bei uns. Wir behandeln ihn auch richtig wie unseren Bruder! Aber manchmal nervt er total! Er ist ein kleiner Freak und so ein Besserwisser! Gerade aufs Gymnasium gekommen und schon der Klassenstreber." Sie seufzte. "Aber er ist auch manchmal total lieb. Er kann toll malen und in der Schule hängen überall Bilder von ihm rum! Egal aus welchem Raum du kommst, überall strahlt dir ein Bild entgegen. Er malt fast nur Bilder mit einer Sonne drauf und mit Wiese oder so. Er liebt die Natur. Er hat nicht so viele Freunde, aber die die er hat, mögen ihn umso mehr und das sind auch so kleine Idioten."

Für einen Moment unterbrach sie sich und blickte Kian an, der währen der letzten zehn Minuten kein Wort gesagt hatte. Er hatte alles in sich aufgenommen und sah sie fröhlich an. "Ähm, Mum hat einen Job bei so einem Fernsehmagazin und in einer Zeitung. Sie macht zwei Mal die Woche die "Whassup today Mornin' Show" und schreibt in der "Hotstars" diverse Artikel. Sie hat mir erzählt, dass sie früher da ne eigene Kolumne hatte, aber das hat ihr bald keinen Spaß mehr gemacht, weil sie alle für ihre Meinung kritisiert haben. Und als Westlife dann gesplittet sind, hat sie’s aufgegeben, weil alle nur noch danach gefragt haben. Seitdem arbeitet sie da als richtige Reporterin. Dad hat sich sowas wie ein Songwriter Büro aufgemacht. Er schreibt mit den verschiedensten Leuten Songs und ist dauernd unterwegs um passende Leute zu finden, die sie singen. Er kann das echt super gut! Die ersten Songs waren richtig schlecht, aber mittlerweile... er schreibt nicht mehr nur von diesem ganzen Liebeszeug... " Sie überlegte, was sie noch erzählen sollte, doch Kian unterbrach ihre Gedanken. "Danke." Er seufzte. "Ich hätte das auch so gerne erlebt." "Wie meinst du das?" "Na, wie du und Lilly gewachsen seid, wie ihr Jamie aufgenommen habt, ich hätte gerne eins von deinen Volleyballspielen gesehen, oder Jamies Bilder oder gehört wie Lilly singt. Weisst du, ich war lange krank, ich hab eine Therapie gemacht und keiner außer Nicky hat mich besucht, ich verstehe schon warum. Aber ich hab trotzdem alle vermisst." "Musstet ihr euch deswegen trennen? Wegen deiner Krankheit?" "Na ja, teilweise. Ich... du musst wissen, dass ich sowas wie..." "MOLLY!" Die Tür flog auf und Bryan stürmte in den Raum. "Du kommst sofort mit, wir gehen!" Bryan funkelte Kian wütend an. "Wenn du noch einmal meine Tochter belästigst, zeig ich dich an!" Er zog an Mollys Handgelenk und sie stolperte mit einem letzten Blick auf Kian hinter ihrer Dad aus dem Zimmer. Zurück blieben nur Kian und seine Gedanken.

Kapitel 11

"Was fällt dir eigentlich ein, zu diesem... diesem... zu gehen?" Bryans Kopf wurde immer roter und seine Adern traten an seinen Schläfen heraus. Sie waren zuhause bei sich angekommen und Bryan und Kerry saßen zusammen mit Molly im Wohnzimmer. "Er ist gefährlich! Er...." "Woher soll ich das denn wissen, wenn ihr nie über redet? Für mich schien er einfach nur ein bisschen verängstigt und traurig!" "Klar ist er traurig! Weil er so doof war, einen Reporter-" "BRYAN! Hör sofort auf!" brüllte Kerry dazwischen und nahm Molly in ihre Arme. "Molly, du weisst doch das wir nur dein Bestes wollen, genauso Lillys und Jamies. Und Kian ist einfach nicht der richtige Umgang für euch alle. Er hat uns vor langer Zeit sehr enttäuscht und wir möchten nicht, dass euch das mit ihm auch passiert!" "Aber ihr habt ihm ja nicht mal ne Chance gegeben, sich für das Geschehene zu entschuldigen oder-" "ER HAT EINEN MENSCHEN UMGEBRACHT, WIE SOLL-" "Er hat was?" Molly sah ihren Dad und ihre Mum entsetzt und fassungslos an. Kerry stand auf und ging zum Fenster, Bryans Kopf wurde bloß noch roter und er setzte sich mit der Hand an der Stirn auf die Couch. "Mum! Dad! Was soll das? Ich möchte-" "Molly, darüber gibt es nichts zu sagen." "Aber-" "Bitte geh hoch auf dein Zimmer." Völlig aufgebracht stürmte sie die Treppe hoch und schloss sich ein. "Das darf doch nicht wahr sein!" Sie trat mit dem Fuß wütend gegen die Tür. Sie fühlte sich unsicher. Einerseits verstand sie nun ansatzweise warum ihre Eltern sie nicht in Kians Gegenwart alleine lassen wollten, aber trotzdem wusste sie doch, dass Kian nicht so war. Er konnte einfach kein kaltblütiger Mörder sein, so hatte sie ihn nicht von früher in Erinnerung. Da musste etwas anderes hinter stecken. Sie wusste es! Aber je länger sie darüber nachdachte, umso weiter schien die Antwort zu entschwinden.

"Kian?" Es klopfte an der Tür. "Wer ist da?" fragte er matt. "Nicky." kam es von der anderen Seite. "Komm rein." Als er die Tür öffnete sah er Kian mit verheulten Augen auf dem Bett sitzen, in die Decke eingewickelt. "Bryan ist ein ignorantes Arsch." sagte Nicky und setzte sich neben ihn. "Können wir vielleicht über etwas anderes reden?" schniefte Kian. Ein paar Minuten war es still. Dann wischte Kian sich die Tränen weg und lachte: "Das war er immer schon!" Sie schwiegen weiter und doch merkte Nicky wie Kian sich entspannte. Plötzlich klingelte es unten an der Tür und Nicky stand auf. "Das wird meine Familie sein. Willst du mit runter kommen?" "Ich weiss nicht. Vielleicht später Mal. Sag ihnen nicht, dass ich hier bin, okay?" Nicky nickte und schloss die Tür hinter sich.

"Hallo mein Schatz, alles Gute zu deinem Geburtstag, mein Gott du wirst schon vierzig Jahre! Wie die Zeit vergeht!" "Mum, musste das jetzt sein?! Du musst mich immer wieder daran erinnern, wie alt ich schon bin!" "Ja ja, was soll ich den sagen, Junge? Wo sind denn die Kinder?" Nicky umarmte seine Schwester Gillian feste. SIe hatten sich ewig nicht gesehen. "Die sind oben. Hi Dad" "Hallo mein Junge! Alles Gute zum Geburtstag!" "Danke. Jetzt kommt durch ins Wohnzimmer, Ginas Familie dürften auch jeden Moment kommen..."

Kian stand auf dem Treppenabsatz und lauschte den Gesprächen unten. Georginas Familie war auch endlich gekommen und unten wurde viel gelacht. So unbeschwert... er beschloss, sich leise runter zu schleichen und eventuell zu ihnen zu gehen. Es nützte nichts, er würde ihnen doch irgendwann gegenüber treten müssen und er wollte sich den Zeitpunkt selber aussuchen.

"... ach, was ist das Hündchen aber süß, wie heisst es denn? Wurde aber auch Zeit, nachdem Keano-" "Sie heisst Marie und sie hat ganz traurige Augen, schau doch mal!" plapperte Ilyssa drauf los und hielt ihren Großeltern das kleine Hündchen hin. "Och, das arme Ding, ganz dürr, hast du denn kein gutes Futter mitgekauft Georgina, das kann man ja nicht mit ansehen..." "Ähm.." Georgina räusperte sich und wusste nicht was sie sagen sollte. Nicky gab ihr mit den Augen zu verstehen, dass sie nicht widersprechen sollte und zum Glück schien ihre Mutter auch gar keine Antwort zu erwarten, denn sie redete munter weiter. Cecelia und Georgina tauschten währenddessen einen genervten Blick aus. Ihre Mum konnte manchmal wirklich nervtötend sein!

"KI!" Ilyssa sprang auf und rannte auf Kian zu, der leise in den Türrahmen getreten war. Alles drehte sich nach ihm um und er sah, wie ihn sechs entsetzte Augenpaare ansahen und er hörte leise Schreie. Er nahm die Kleine auf den Arm und versuchte zu lächeln. "Ähm... Hallo zusammen." sagte er leise und wollte schon wieder gehen. "Nein, warte." hörte er Nickys Stimme hinter ihm. Er zog ihn wieder ihn die Küche und hielt ihn am Arm fest. "Mum, Dad, Gillian, Miriam, Bertie, Cecelia... was habt ihr für ein Problem damit, dass Kian hier ist?" Er sah sie herausfordernd an.

Kapitel 12

"... bei Ronan. Wir haben uns klasse unterhalten, wie früher! Und an Nickys Geburtstag war seine und Georginas Familie da und ich hab irgendwann den Mut bekommen, zu ihnen zu gehen, aber sie haben so geschockt reagiert, dass ich sofort wieder gegangen bin. Bryan war mit seiner Familie auch mal kurz da, er ist komplett ausgerastet. Hat den Kindern den Kontakt mit mir verboten und gedroht mich anzuzeigen, falls ich sie je wieder sehen würde. Mehr Leute hab ich noch nicht gesehen. Im Moment kümmere ich mich eher um eine Wohnung." sagte Kian. Dr. O'Shea sah seine Unterlagen durch. "Hm." Beide schwiegen einige Minuten. "Lass dich nicht unterkriegen." Er räusperte sich leise und kramte in einer der großen Schubladen seines Mahagonis-Schreibtisches. Als er Kian wieder ansah, hielt er ein kleines gebundenes Büchlein in den Händen. "Ich habe eine Aufgabe für dich." Kian sah ihn mit großen Augen an. " Ich möchte, dass du von heute an, regelmäßig Tagebuch führst. Wie du das gestaltest, ist mir egal, mach es so, wie es dir am leichtesten fällt. Du musst es mir nicht zeigen. Es ist nur für dich. Kann ich mich auf dich verlassen?" Kian nickte. Tagebuch führen? Das war doch was für Mädchen. Aber er konnte sich schon vorstellen, dass ihm manche Sachen leichter von der Hand gingen, als von der Zunge. Vielleicht merkte sein Arzt, dass er ihm längst nicht alles anvertraute. Zum Beispiel das Gespräch mit Molly. Es hatte ihm gut getan, dass sie zu ihm gekommen war. Aber irgendwie konnte er trotzdem nicht darüber reden.

"Entschuldigen sie bitte, haben sie alte Zeitungen archiviert?" fragte Molly die ältere Frau hinter der antiken Theke. "Kindchen, was denkst du denn, wir sind hier in der besten Bibliothek in ganz Irland, natürlich haben wir ein Zeitungsarchiv." Die Frau lächelte Molly freundlich an und versuchte, sie unauffällig zu mustern. Ihr war nicht entgangen wer da vor ihr stand. "Was suchst du denn?" "Ich suche einige Zeitungsausschnitte, die etwa im Juni 2004 veröffentlich wurden." "Natürlich, du geht’s am besten hier gleich gerade aus die Treppen hinunter, dann einmal rechts und suchst dort. Es ist alles nach den Zeitungen sortiert." "Okay, danke schön." Molly nahm ihre Schultasche unter den Arm und schlenderte zu den Treppen. Unten angekommen tauchte sie in das gedämpfte Licht ein und staunte über die umfangreichen hohen Regale und versuchte sich vorzustellen, wie viele davon eine Antwort auf all ihre Fragen haben würden. Sie hatte ihrer Mutter erzählt, sie würde nach der Schule mit Louisa, ihrer besten Freundin shoppen gehen, aber sie hatte nie vorgehabt es zu tun. Stattdessen hatte es sie hier her verschlagen. Nachdem sie ihre Tasche und ihre Jacke sowie den Schal an einem der vielen Tische abgelegt hatte, ging sie auf das Abteil der Daily Star zu und suchte nach den passenden Daten. Als sie den gesuchten Monat fand, zog sie einen Stapel Zeitungen heraus und nahm ihn mit an den Tisch. Sie durchsuchte alle sehr genau und murmelte einige Flüche vor sich hin, als sie nach der fünften Zeitung immer noch nicht das leiseste Bisschen gefunden hatte. Es musste doch etwas über die Trennung Irlands größter Band in der Zeitung gestanden haben, wenn es noch dazu so einen dramatischen Grund gab! "Das kann doch nicht wahr sein... wenn ich wenigstens das genaue Datum wüsste..." Molly schlug niedergeschlagen die letzte Zeitung zu und ging zurück zum Regal, um den nächsten Stapel zu holen. Aber sie machte sich kaum Hoffungen.

"Hi Kian, du kommst gerade richtig, kannst du mir einen großen Gefallen tun? Meine beste Freundin kommt heute zum Essen ..." Georgina öffnete dem überraschten Kian die Tür. "Klar, du weisst doch, ich koche gerne..." "Jaja, du Meisterkoch, es soll gebratenen Schinken mit Gemüsegratin geben und als Nachspeise, zur Feier des Tages gibt es überhaupt mal eine, ein Eis mit heißen Früchten. Nur leider hab ich vergessen Eis zu kaufen." Kian lachte über Georginas verzweifelten Blick. "Kein Problem, fahr du schnell zum Supermarkt, ich mach in der Zeit schon mal das Gemüsegratin." Sie sah in unbehaglich an. "Kian... kannst du nicht vielleicht zum Supermarkt fahren? Weil ich nämlich Unpraktischerweise noch einen wichtigen Anruf erwarte, den ich nicht verpassen darf...." "Ähm..." "Bitte Kian, ich würde ja Rebecca schicken, aber die ist noch in der Schule und Ilyssa kann ich nicht alleine losschicken. " "Wenn es unbedingt sein muss, geh ich natürlich. Immerhin ertragt ihr mich hier schon über eine Woche bei euch. Da kann ich ja auch mal was für euch tun, nicht wahr?" Er sah sie mit einem nervösen Lächeln an und Georgina lächelte dankbar zurück. "Danke Kian, ich weiss, dass das für dich keine Selbstverständlichkeit ist. Ich bin dir wirklich dankbar." "Schon okay, jetzt gibt mir deinen Einkaufszettel oder was auch immer und ein bisschen Geld, sonst kommt deine Freundin gleich schon!"

"Oh mein Gott!" Molly hielt die Zeitung wie einen Schatz ins Licht. In großen roten Buchstaben stand fett über einem Westlifebild auf der Titelseite: "Westlife Split! Die grausame Wahrheit über Kian..." Es wurde auf die Seiten drei, vier, sieben, acht, zehn, fünfzehn, sechzehn, siebzehn und achtzehn verwiesen und Molly schlug mit klopfendem Herzen Seite drei auf. Eine Flut von Bildern starrte ihr entgegen und überall sah sie ihren Vater mit seinen Bandfreunden stehen und freundlich in die Kamera blicken. Sie kannte kaum Bilder, wo die fünf vereint nebeneinander standen, ob man es glaubte oder nicht. Sie betrachtete Kian lange, bevor sie endlich den Artikel las.

"Westlife Split up! Gestern nahm die Bandgeschichte von Westlife noch vor Ende der laufenden Tür ihr tragisches Ende. Der Grund... Bandmitglied Kian John Francis Egan, ein sympathisch wirkender junger Mann aus Sligo, Kindergartenfreund von Shane und Mark und Mitgründer der Band ist ein Mörder. Er wurde gestern Morgen von einer englischen Spezialeinheit festgenommen und befindet sich im Moment in Untersuchungshaft. Es wird ihm der Mord an Stan Harris vorgeworfen, dem Reporter, der vor mehr als einem Jahr tot in einer stillgelegten Halle am äußeren Rand Sligos aufgefunden wurde. Die Spezialeinheit, unter der Leitung von Sean Corbett, hatte schon Anfang des Jahres Verdacht geschöpft und eine Kollegin, die sich bereit erklärt hat, wurde unter falscher Identität als Tänzerin eingeschleust. Norah Ferrell war es dann auch, die diese schreckliche Tat aufdeckte. Sie musste ganze sechs Monate mit der Band verbringen. Viele falsche Fährten kosteten sie Zeit, die sie lieber bei ihrer jungen Tochter verbracht hätte, wie ihr Chef und enger Freund exklusiv verriet. Sie zweifelte immer wieder daran, ob sie das Richtige tat und jetzt weiss sie, dass sie es definitiv tat. Kian John Francis Egan, Mädchenschwarm und ewiger Junggeselle der Band Westlife, Sohn einer liebenden Familie, in guten Verhältnissen aufgewachsen, hat einen unschuldigen Familienmenschen umgebracht. Stan Harris wurde mit Kopfschuss niedergeschossen und verblutete. Als sei das noch nicht genug, ritzte ihm sein Mörder mit einem scharfen Messer zwei der vielleicht sarkastischsten Worte in den Arm, die es je gab. "I cry." steht dort geschrieben.
Wie Sean Corbett weiter verriet, leidet Kian Egan angeblich an einer unheilbaren Krankheit, die nicht mal einen medizinischen Namen trägt. Fest steht, dass Kian, wie er mehrmals selber verriet, zu manchen Zeiten zu einem anderen Menschen wird, eben dem Menschen, der Stan Harris so brutal gemeuchelt hat. Ob es der Wahrheit entspricht, wird bald in den folgenden Prozessen aufgedeckt werden, die Kian über sich ergehen lassen werden muss."

Kapitel 13

Molly schlug die Zeitung wortlos und geschockt auf die nächsten Seiten auf und sah sofort mehrere Polizeibilder von Kian. Er hatte blutunterlaufene Augen und eine aufgeplatzte Wunde am Kopf, die seine kristallblauen Augen unheimlich wirken lies. Er sah ernst aus, aber blickte nicht in die Kamera. Sein Blick ging ins Leere und er schien weit weg. Seine blonden Haare, die er auf den Bildern, die neben dem ersten Artikel abgedruckt waren noch lang trug, waren kahl geschoren. Molly starrte das Bild mit zugeschnürtem Hals mehrere Minuten an, bevor sie den nächsten Artikel las. Es war ein Interview mit Sean Corbett, dem Polizeichef, der Kian festgenommen hatte. Es waren darunter noch mehrere Bilder von ihm und Norah Ferrell abgebildet, der Undercover-Polizistin. Molly überflog es bloß. "... Es hat sich schon relativ schnell heraus kristallisiert, dass Kian der Schuldige war... Er lies das Überwachungsvideoband verschwinden... Auf Grund seiner Krankheit hat er nur verminderte Schuldfähigkeit... " Bald schon liefen Molly die Tränen über die Wangen. Nicht nur die Bilder von Kian, auch die Nüchternheit des Polizeichefs und die Vorurteile gegen Kian ließen es gar nicht anders zu. Wusste ihr Vater überhaupt, was Kian alles durchgemacht hatte?

Kian lief durch den Supermarkt und suchte nach dem Eis. Er kam sich wieder sehr beobachtet vor und er begann langsam zu schwitzen. Schließlich fand er den Eisschrank und nahm eine Familienpackung Vanilleeis heraus. Dann lief er zur Kasse und stellte sich an die Schlange. Es ging nur schleppend voran, weil eine ältere Dame der Kassiererin das Geld in kleinen Stücken gab. Hinter ihm stand eine Frau etwa Mitte zwanzig und starrte ihn ununterbrochen an. Was wollte sie? Sie sah aus, als überlege sie angestrengt. Kian wollte nur noch weg. Hatte sie ihn erkannt? Würde sie gleich losschreien? Würde sie vor Angst zusammen brechen? Würde sie die Polizei rufen, würde sie- "Mister, das macht 3, 50 € bitte, hallo? Geht es ihnen gut?"

Molly klappte die letzte Zeitung zu, legte den Kopf auf den Tisch und weinte lautlos vor sich hin. Wie grausam dieser ganze Prozess gelaufen war! Kein Mensch war so unwürdig, dass ihm so etwas passierte. Erst monatelang diese Gewissheit, dass sie ihn doch irgendwann schnappen würden, dann die Verhaftung, die Verachtung von seinen Freunden und Arbeitskollegen, der kahl geschorene Kopf, die enttäuschten Fans bei den Prozessen, die Prozedur, bis das Urteil gefallen war und schließlich das Urteil selbst. 5 Jahre Haft in der JVA Dublin und anschließend 8 Jahre geschlossene Therapie. Aber das Schlimmste war die Wunde an Kians Kopf. Er war nicht hingefallen wie sie zuerst dachte. Ihr eigener Vater hatte Kian so heftig geohrfeigt, dass er gegen einen Heizkörper gefallen war.

Kian kam schweißgebadet zuhause bei den Byrnes an und stellte die Eispackung sofort in die Kühltruhe. Er konnte Georgina nirgends entdecken und so ging er leise in sein Zimmer. Nicht ohne die aktuelle Zeitung vom Schuhschränkchen mitzunehmen und sich vor zunehmen, nachher einen Blick reinzuwerfen, um endlich eine Wohnung zu finden. Er warf sich auf sein Bett und sah das kleine Buch, das Dr. O'Shea ihm gegeben hatte auf dem Fußboden liegen. Er hob es auf und schlug es auf. Alle Seiten waren leer, weiß. Er kramte einen Kuli hervor und began zu schreiben.

Molly stand leise schniefend auf und nahm einige Zeitungen mit besonders interessanten Artikeln mit zu dem Kopierer, der in einer stärker beleuchteten Ecke stand. Sie legte den ersten Artikel darauf und stellte ihn an. In der Zwischenzeit besah sie sich die übrigen Seiten noch einmal genauer. Ihr fiel ein kleiner Artikel ins Auge, den sie beim ersten Durchblättern übersehen hatte.

"Liebes Tagebuch..." Er lies den Stift wieder sinken. Wie sollte er den bloß anfangen? Ihm gingen alle möglichen Dinge durch den Kopf, die er loswerden wollte, aber er merkte bald, dass er viel weiter ausholen musste. Ganz von vorne. Am Anfang. Nicht bei seiner Entlassung, seinen Problemen, die ihn gerade jetzt beschäftigten. Nein. Er musste endlich einmal alles ohne Unterbrechungen loswerden, die ganze Geschichte. Der Mord. Melanie. Die Tour im Jahre 2004. Er musste mehr als dreizehn Jahre in der Vergangenheit beginnen.

"Norah Ferrell. Die Frau, die alles aufdeckte. Sie arbeitete schon mehrere Jahre bei der Spezialeinheit und verbrachte ihre Jugend in enger Freundschaft zu ihrem heutigen Vorgesetzten Sean Corbett, der ihr letztendlich den Job gab. Sie wurde unter dem Namen Melanie Griffin als Tänzerin für die laufende Tour eingeschleust und sollte alle Mitglieder der Band beschatten, damit der Mörder möglichst schnell geschnappt werden konnte. Sie tat ihren Job sehr erfolgreich und erhält nun eine Auszeichnung für besondere Verdienste. Sie lies ihre kleine Tochter Madeleine (5) über vier Monate alleine, um ihrem Job nachzukommen. Leider war sie nicht bereit, uns ein Interview zu geben..."

Norah... Melanie... irgendwie hatte Molly das Gefühl, dass es etwas gab, was verschwiegen wurde.

Kapitel 14

"Molly?" "Ja, ich bin wieder da." Kerry kam mit einer Schürze umgebunden aus der Küche. "Es gibt gleich Abendessen, wo warst du denn so lange?" "Ich... wir haben uns in ein Café gesetzt und festgequatscht, sorry." sagte Molly lustlos. Sie wollte schnell nach oben in ihr Zimmer. "Hast du irgendwas Schatz? Du wirkst bedrückt." "Nee, ist nichts. Ich bin nur ein wenig müde, Louisa hat mich mal wieder ein bisschen gestresst. Aber es ist nichts, was man nicht mit ein bisschen Schlaf aufholen kann." Kerry warf ihrer Tochter noch einen mitfühlenden Blick zu und verschwand dann wieder in der Küche. Molly ging erleichtert, dass sie nicht weiter nachfragte, nach oben, warf ihre Tasche in die Ecke und legte sich aufs Bett. Sie schloss die Augen und war wenige Sekunden später eingeschlafen.

"Liebes Tagebuch. Ich hätte schon viel früher meine ganzen Gefühle und Eindrücke loswerden sollen, aber ich habe nie einen Weg gefunden, dies zu tun. Mehr als ein Jahrzehnt ist vergangen, seitdem alles angefangen hat und ich fühle mich kein Stück besser. Ich vermisse Melanie und meine alten Freunde und meine Familie fehlt mir sehr. Aber ich habe große Angst. Am besten ich beginne ganz von vorne...
Als ich vielleicht gerade 16 war, wurde ich krank. Ich meine, richtig krank, eine schlimme Infektion oder so und ich war mehrere Wochen im Krankenhaus. Als ich entlassen wurde, merkte ich bald, dass ich mich verändert hatte. Ich hatte kaum mehr Lust, mit meinen Freunden etwas zu unternehmen, ich strich immer alleine umher und drehte hier und da einer streunenden Katze den Hals um. Ich fragte mich nie, was mit mir los war, ich dachte, das würde jeder Jugendliche einmal durchmachen, so eine Phase. Es legte sich auch bald wieder und ich fühlte mich in meiner Vermutung gestärkt. Dann ging der ganze Rummel mit damals noch 'IOU' los. Wir gründeten die Band, spielten einige Schulkonzerte oder auf Stadtfesten. Eine Single nahmen wir sogar auf! Wir waren so stolz. Dann erfuhren wir eines Tages, das Mae, Shanes Mutter, bei Louis Walsh, DEM Louis Walsh angerufen hatte, und ihn gebeten hatte, uns anzuhören. Und er kam wirklich. Er versprach, uns einen Vertrag zu besorgen und bald darauf stellte er uns Simon Cowell vor. Aber dann mussten Michael, Derek und Graham uns verlassen, weil sie Cowell nicht passten und wir starteten ein Casting. Dort fanden wir Bryan und Nicky, mit denen wir dann zu Westside und schließlich zu Westlife wurden. Wir brachten 7 Nummer eins Hits in Folge heraus und bekamen tausend Auszeichnungen und Awards, gingen mehrmals auf Tour und brachten gefeierte Alben raus. Aber etwa drei Monate bevor die Vorbereitungen für unsere vierte Tour begannen, hatte ich wieder dieses komische Gefühl, wie kurz nach meiner schweren Krankheit. Es war Mitte Dezember und wir hatten schon für Weihnachten frei und ich lief quer durch Sligo zu einer alten Lagerhalle, wo ich mit Shane und Mark früher manchmal gespielt hatte. Keine Ahnung wieso. Ich ging hinein und fand dort einige Waffen. Ich besah sie einige Minuten und fühlte, wie mein Bauch stark zu kribbeln anfing. Das Nächste, an das ich mich erinnere ist, dass ich zuhause im Bett lag und lachte."

Spät in der Nacht erwachte Molly und spürte ihren Magen knurren. Sie stand auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Im Dunkeln tappte sie durch den Flur und lief zur Küche. Sie sah dort noch Reste vom Abendessen stehen, lief aber daran vorbei zum Kühlschrank. Sie öffnete ihn und griff nach der Milchflasche und einer Tafel Schokolade, die darin lag. Dann setzte sie sich an dem Küchentisch und aß. Dabei kam Kian wieder langsam in ihre Gedanken gekrochen und sie musste ihre Tränen mühsam zurück halten. Sie stopfte die Schokolade schnell in ihren Mund, um sich anders zu beschäftigen, bis ihr eine Idee kam.

"Was machst du Kian?" fragte Ilyssa. "Ich suche nach einer Wohnung." "Willst du wieder gehen?" Ilyssa setzte sich mit traurigem Gesicht auf den Küchentisch vor ihn. "Ich muss, Ily. Ich störe euch doch bloß. Ich kann nicht für immer hier wohnen!" Ilyssa zog einen Schmollmund. "Das ist schade. Aber dann musst du ganz nah bei uns bleiben, okay?" "Klar, willst du mir nicht helfen? Zu zweit geht das bestimmt schneller!" "Was brauchst du denn?" "Ich brauche etwas Kleines in Stadtnähe, was nicht so teuer ist. Das wäre zwar nicht das Problem, aber es muss ja nicht sein, oder?" "Nee. Bloß nichts verschwenden!" Kian sah Ilyssa überrascht an. War sie wirklich erst 11 Jahre alt? Manchmal kam sie ihm schon viel älter vor. "Schnapp dir eine Zeitung und kreis mal alles ein, was dir passend erscheint, okay?" schlug er dann vor und Ilyssa begann eifrig in einer Zeitung herumzuwerkeln.

Am nächsten Morgen verging die Schule für Molly nur sehr schleppend. Sie war total aufgeregt und hoffte, dass ihr Vorhaben gelingen würde. Als es endlich gongte, verließ sie ohne Verabschiedung von ihren Freundinnen als Erste den Klassenraum. Sie stürmte durch das Schultor und beeilte sich, den ersten Bus nach Hause zu bekommen. Zuhause angekommen schnappte sie sich das Telefonbuch und verbarrikadierte sich mit dem Telefon auf ihrem Zimmer. "F... F... Fe... Fer... Ferrell, da ist es ja. Jetzt noch der Vorname...... Komm schon, es muss doch drin stehen!" Sie fuhr mit dem Zeigefinger die Reihen ab und stoppte schließlich bei 'N'. "Na bitte, vier Norah Ferrells in Dublin" Schon verließ sie der Mut wieder. Vier? "Na dann mal los..." Sie wählte die erste Nummer und wartete, dass sich jemand meldete. Doch stattdessen ertönte nur eine mechanische Stimme. "Kein Anschluss unter dieser Nummer... Kein Anschluss unter dieser Nummer..."

"Schau mal Kian! Ich hab fünf Stück gefunden!" "Das ist ja prima Ilyssa. Les doch mal vor, damit ich mal ein Bild davon bekomme. " bat Kian die Kleine. "Okay, ähm... 3 Zimmer - Wohnung am Stadtrand zu verkaufen. Noch gut in Schuss, Sanitäre Anlagen müssen aber erneuert werden. 300.000 €." Sie machte eine Bedenkpause für Kian und nach einigen Sekunden schüttelte er den Kopf. "3 Zimmer sind zu viel, 2 1/2 reichen locker und auf Renovierung hab ich keine Lust. Weiter." "2 1/2 Zimmer Woh-" "ILYSSA!" "Ähm, ja?" "Wo bist du, du musst in zehn Minuten beim Klavierunterricht sein, wir hätten schon vor einer Viertelstunde los gemusst, wieso sagt du mir den nicht Bescheid?" "Ich hab’s vergessen, Daddy. Sorry..." Sie warf die Zeitung auf den Küchentisch und rannte eilig die Treppe herauf um ihre Tasche zu holen. Derweilen kam Nicky die Treppe runter und versuchte sich im Laufen seine Lederjacke anzuziehen. "Hi Kian, sorry... du kannst ja solange bei Keelin bleiben, oder? Becky ist sowieso bei einer Freundin, über Nacht." "Kein Problem, ich hatte eh nicht vor, heute noch wegzugehen." "Okay. Keelin ist im Garten, wirf einfach ab und zu mal ein Auge auf ihn, mehr brauchst du gar nicht zu tun.... Bis später dann." Ilyssa kam die Treppe heruntergetrampelt und zog noch schnell Jacke und Schuhe an, dann waren die beiden verschwunden und die Tür krachte laut.

Kapitel 15

"Norah Ferrell?" "Ähm hallo... Hier ist Molly McFadden, ich..." "Molly wer?" "Ja, ich bin mir nicht sicher, ob ich hier richtig bin, sind sie von Beruf Polizistin?" Einige Sekunden herrschte ein unangenehmes Schweigen. "Nein, tut mir leid." "Oh, schade. Es ist nur so, dass es mehrere Norah Ferrells in Dublin gibt, entschuldigen sie bitte die Störung, ich - " "Was suchst du denn?" "Ähm, ich wollte mit dieser Norah sprechen, wegen einer Sache, die mich brennend interessiert, aber ich möchte sie jetzt damit auch nicht belästigen, ich hab auch erst gestern davon erfahren, es..." "Molly, ich glaube, ähm... Ich glaube, du hast diese Norah gefunden."

Kian lief zur Gartentür im Wohnzimmer und öffnete sie. Es war leichtes Nieselwetter draußen und er wollte nicht, dass Keelin sich erkältete. "Kee! Kommst du bitte rein? Du wirst noch krank bei dem Wetter!" Der Junge sah ihn mit einem Schmollmund an und kam dann langsam zu ihm getrottet. "Wo sind denn Daddy und meine nervenden Schwestern?" Kian lächelte sanft und streichelte ihm über die Haare. "Dein Daddy ist mit Ilyssa beim Klavierunterricht und Becky ist bei ihrer Freundin." Keelin rümpfte die Nase. "Ihre Freundinnen sind doof. Die machen sich immer lustig über mich." Keelin sah aus, als wenn er gleich weinen wollte. Da nahm Kian ihn in seine Arme und drückte ihn. "Hey Indianer. Die wissen einfach nicht, wie toll du bist! Wenn du älter bist, werden dir die Mädchenherzen nur so zufliegen. Wie deinem Daddy." "Und wie dir?" Kian sah den Kleinen erstaunt an. "Vielleicht sogar so wie mir, ja" lächelte er und Keelins Kinderlachen erfüllte das Haus.

Molly wollte ihren Ohren nicht glauben. "Ähm, sind sie sich sicher, ich... sie wissen doch gar nicht, worum es geht-" "Geht es um Kian?" Molly lies sich auf ihr Bett fallen. "Bist du noch dran?" "Ja...." "Was möchtest du von mir?" "Ich möchte mir die Geschichte anhören." "Ich ... bin nicht sicher, ob ich dazu bereit bin." stotterte Norah am anderen Ende der Leitung. "Ich bitte sie. Meine Eltern wollen mir nichts erzählen und Kian darf ich nicht sehen. Sie sind meine letzte Chance, mehr zu erfahren, als in den Zeitungen stand." "Reichen dir diese Informationen denn nicht?" Sie hörte sich gestresst an. Molly zuckte unbewusst mit den Schultern. "Ich hab das Gefühl, dass da noch etwas ist, das keiner weiss." Norah zog scharf die Luft ein, sagte nichts. "Wieso haben sie mir gesagt, dass ich die richtige Nummer habe, wenn sie mir nicht helfen wollen?" rief Molly wütend. "Molly, ich würde dir gerne helfen, aber-" "Das sind alles nur faule Ausreden! Wenn sie es wirklich wollten, dann würden sie es tun!" Mollys Kopf rauchte. Einige Zeit schwiegen die beiden sich am Telefon an. "Okay, wenn du willst kannst du zu mir kommen, meine Adresse ist..."

Molly zog so schnell sie konnte Jacke und Schuhe an und raste zur nächsten Bushaltestelle, weil der Bus nach Fahrplan schon eine Minute da sein sollte. Aber Busse kommen ja bekanntlich nie, wann sie sollen... Als Molly die Straße überquerte, stand der Bus schon da und sie erwischte in gerade noch. Sie löste einen Fahrschein und lies sich außer Atem auf einen Sitz fallen. Aufgeregt blickte sie auf den kleinen Zettel in ihrer Hand. "Corrig Road 21, Dun Laoghaire." stand da und genau dahin wollte sie nun. Die Busfahrt würde etwa eine Stunde dauern und sie lehnte sich entspannt zurück. Mit geschlossenen Augen genoss sie die ersten blinzelnden Sonnenstrahlen des Tages und nickte wohl ein wenig ein, denn schon bald hörte sie wie die Endstation aufgerufen wurde. "Shit" murmelte sie, nahm ihre Tasche und stieg aus. Sie wurde von einer leichten Brise und raschelten Blättern unter ihren Füßen begrüßt und stemmte die Hände in die Hüften. Sie suchte nach einem vertrauenswürdig aussehenden Passanten, doch die meisten schienen nur Touristen zu sein. Schließlich beschloss sie, trotzdem zu fragen und tippte einer älteren Dame auf die Schulter. "Entschuldigen sie bitte, könnten sie mir sagen, wo ich dieses Haus finde?" Molly hielt der Frau den Zettel hin und sie studierte ihn einige Sekunden. "Da musst du die breite Straße hier ganz hoch laufen, dann rechts abbiegen und danach die vierte Straße links, wenn mich nicht alles täuscht. Dann bist du in der Corrig Road." "Vielen Dank für ihre Hilfe!" Molly lächelte die Frau noch einmal an, bevor sie eilig die Straße entlang lief. Sie bog am Ende rechts ab und zählte die Straßen bis sie wieder links abbog. Dann stand sie wenig später vor Hausnummer 21 und klingelte aufgeregt. Molly hatte bis jetzt nur wenige, 13 Jahre alte Bilder von der Frau gesehen, die ihr gleich die Tür aufmachen würde. Sie hörte es im Hause rumoren und versuchte, durch die Milchglasscheiben etwas zu sehen. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen.

"Hi." Molly sah das Mädchen vor sich skeptisch an. "Wohnt hier Norah Ferrell?" Das Mädchen zog die linke Augenbraue hoch. "Ja, einen Moment. " Sie lehnte die Tür an und Molly wunderte sich, wer das Mädchen war, sie mochte vielleicht so alt sein wie sie. "Muuuuuuuum, du hast Besuch! So ein Mädchen, hab vergessen sie zu fragen, wie sie heisst…" rief das Mädchen so laut, dass Molly es laut und deutlich verstehen konnte. Daraufhin war wieder Treppenknarren zu hören und die Tür wurde wieder aufgemacht. "Kannst reinkommen, sie ist auf dem Weg." "Danke." sagte Molly und versuchte, das Zittern in ihrer Stimme zu bekämpfen. "Wie heisst du eigentlich?" Molly sah sich um. Das Haus war groß und im Flur hingen große Gemälde. Die beiden gingen in die Küche und setzten sich. "Ähm, ich bin Molly McFadden." Molly hielt ihr die Hand hin und das Mädchen ergriff sie zögernd. "Madeleine Ferrell. Was willst du von meiner Mum?" "Maddie, hör sofort auf sie so auszufragen! Verschwinde!" rief eine Stimme aus dem Flur. Kurz darauf betrat eine Frau die Küche und Molly wusste sofort, dass sie Norah war. Ihre Augen waren unverkennbar und die hohe Stirn hatte Molly auf den Fotos schon erstaunt. Bloß die Haare, die sie früher glatt rot trug, waren heute hellbraun und gelockt. Molly hätte gerne gewusst, welches der beiden ihr Naturhaar war. "Hallo Molly, schön dass du da bist." Norah lächelte sie freundlich an und Molly fühlte sich augenblicklich wohler in ihrer Haut. Madeleine verließ murrend den Raum. "Mach dir nichts aus ihr. Sie hat einen schlechten Tag. Mathearbeit." winkte Norah ab. "Ich bin Norah."

Sie setzten sich, nachdem Norah einen Tee aufgesetzt hatte, ins Wohnzimmer und Norah sah Molly unbehaglich an. "Du hast dich überhaupt nicht verändert Molly." sagte sie leise. Molly hob beide Augenbrauen. Sie beobachtete, wie Norah die Tränen in die Augen stiegen. Molly räusperte sich und begann zu reden. "Ähm, ...." Norah schüttelte ihren Kopf und sah sie entschuldigend an. "Hast du schon etwas gesagt?" "Nein." "Dann fang doch mal an, was willst du alles wissen? Ich bin froh, wenn du schnell fertig bist." sagte Norah. "Eigentlich wollte ich sie bitten, mir die Geschichte ganz zu erzählen, wie sie zu dem Job gekommen sind und sowas. Warum sie es gemacht haben, wie sie es herausgefunden haben, was dann passierte... alles halt. Ich kenne Kian nicht gut. Er hat lange ihm Knast gesessen und diese Therapie gemacht, aber ich kann mir keinen Reim darauf machen. Ich habe noch wage Erinnerungen von früher und das passt alles nicht zu ihm, kann das an dieser Krankheit liegen?" Molly sah Norah bittend an. Sie nahm einen Schluck Tee und sah aus als krame sie in ihren Erinnerungen. Schließlich räusperte sie sich und sah auf.

Kapitel 16

"Es war im Jahr 2003, im späten Dezember, nach Weihnachten, als ich den Job angenommen habe. Maddie war damals noch keine fünf. Mein Chef ist ein alter Freund von mir gewesen, Sean Corbett, ich hatte Vertrauen in ihn und er baute mich solange auf, bis ich zustimmte. Ich wurde also als Tänzerin eingeschleust für die Tour, weil ich selbst leidenschaftlich tanze. Ballett, Jazz, Clipdance und alles Mögliche. Es klappte ganz gut, weil Kian damals seine alte Tänzerin gefeuert hatte und ich dann seine "Neue" war. Er war ganz schön pampig zu mir, aber irgendwie haben wir uns zusammengerauft, unter anderem auch weil er durch Zufall von Maddie erfahren hat. Dann hab ich ihm davon erzählt und dadurch kamen wir besser klar. Wir sind auch immer zusammen im Fitnessstudio gewesen. Ab und zu hab ich mir mit Helen, einer anderen Tänzerin, abends Videos angeschaut oder so und da gab’s manchmal auch ein paar Sachen. Helen ist lesbisch, und irgendwie hatte sie sich trotzdem in Kian verknallt. Ich wusste nicht, wie ich ihr helfen sollte, weil ich zu dem Zeitpunkt gerade selbst mit diesem Problem beschäftigt war. Ich meine, ob ich jetzt in Kian... verliebt war. Irgendwann haben wir es versucht. Es war toll mit ihm! Nur wurden dadurch meine steten Ermittlungen schwieriger. Ich folgte Shane, was sich hinterher als harmloser Kram entpuppte, ich klaute Marks Briefe und entdeckte eine traurige Liebesgeschichte und schließlich stieß ich auf diese ganze Videogeschichte. Wir hatten ganz vergessen, dass das Überwachungsvideo der Halle verschwunden war, aber das fiel mir dann wieder ein und ich suchte in Bryans Privatsammlung, einer riesen Ansammlung von den verschiedensten Videos. Irgendwann hab ich das richtige Video gefunden..." Norah stoppte, um sich die Tränen wegzuwischen. Auch Molly war den Tränen nahe. "Es war so grausam. Kian war wie weggetreten, er redete wirres Zeug, er drohte dem Mann, machte makabere Witze und man hörte sogar den Schuss. Außerdem sang Kian bevor Stan Harris die Halle betrat und als er ermordet war dieses Lied. "I cry". Genau die Worte, die er Harris in den Arm geritzt hat. Das Letzte was man sah war, wie Kian die Kamera ausschaltete. " Norah stand auf und ging zum Fenster.

Molly wusste nicht, was sie sagen wollte. Nach einigen Minuten kam Norah wieder auf das Sofa zu und setzte sich. Sie rieb sich die in tiefe Falten geworfene Stirn. "Ich hab ihn damit konfrontiert. Er ist mir an die Kehle gegangen mit einem Messer und hat mir nach ein paar Stunden, wo ich auf einer Parkbank gesessen hab, erzählt, dass er da so eine Krankheit hat. Einen zweiten Menschen in sich haben. Multiple Persönlichkeitsstörung nennt man das. Ich hab deswegen und weil ich ihn liebte geschwiegen, nichts gesagt. Aber als er mich eines Abends im Schlaf fast erwürgt hätte, hab ich es nicht mehr ausgehalten. Ich hab meinen Chef angerufen und am nächsten Morgen ist er mit dem Team gekommen. Kian hat das erst alles gar nicht verstanden und hat sich gefragt, wie sie es wissen konnten, er hatte sie Spuren so perfekt verwischt. Du musst wissen, dass er sich an die Tat selber nicht erinnern kann. Er hat wahrscheinlich bloß das Video gesehen. Naja, jedenfalls ist er dann darauf gekommen, dass ich damit zu tun habe und hat mich wüst beschimpft. Dann ist er abgeführt worden und ich hab ihn seitdem nur noch im Fernsehen gesehen. Ich hab mich geweigert zu den Prozessen zu gehen und danach meinen Job aufgegeben. Aber zum Glück hat niemand rausbekommen, dass wir uns geliebt haben." Sie schniefte und sah Molly an. Ihre Augen spiegelten eine tiefe Traurigkeit wider, aber auch eine Wärme, die Molly nicht verstand.

Sie versuchte erstmal, all diese neu gewonnenen Informationen zu ordnen und mit dem zu koordinieren, was in den Zeitungen stand, was ihre Eltern ihr im Streit an den Kopf geworfen hatten und den Ansätzen von Kian. "Darf ich dich noch etwas fragen?" fragte sie dann leise. Norah nickte wortlos. Molly brauchte einige Zeit, bis ihr die Worte über die Lippen kamen. "Was empfindest du jetzt für Kian?"

Norah schloss die Augen und horchte für einen Moment in sich rein. Sie hatte sich ein und dieselbe Frage schon unzählige Male gestellt. Ein sanftes Kribbeln in ihrem Bauch meldete sich zu Wort.

"Weisst du Molly" Norah unterbrach sich selbst für eine Weile. "Ich weiss es nicht genau. Es ist so lange her und trotzdem kommt es mir wie gestern vor. Einerseits hasse ich Kian dafür, was er Stan Harris, seiner Familie und Westlife, aber auch mir angetan hat. Aber andererseits, kann ich ihn gar nicht hassen, weil er so ein wundervoller Mensch ist. Er hat mir so viel gegeben und fast nichts genommen. Wir kannten uns nur kurz, aber damals glaubte ich ihn besser zu kennen als alle anderen. Es ist einfach eine zu schwierige Frage."

Sie lehnte sich zurück und drehte ihren Ring zwischen ihren Fingern. Beide wussten nicht, was sie sagen sollten. Molly schaute sich stumm und unauffällig im Raum um, starrte schließlich an die Decke. Sie fühlte sich plötzlich unbehaglich, in einem fremden Wohnzimmer, mit einer fremden Frau über fremde Leute zu reden, über längst vergangene Zeiten. Gerade wollte sie aufstehen und sich verabschieden, sich höflich bedanken für die Informationen und die arme Frau nie wieder mit ihren naiven Fragen belästigen, da hörte sie ihr leise Stimme.

"Molly... ich glaube ich liebe ihn immer noch." Und sie brach zusammen in ein Meer aus Tränen.

Kapitel 17

Kian stieg aus dem Auto. "Danke, dass du mich hergefahren hast Nico. Kannst du mich so gegen 17 Uhr?" "Klar, kein Problem, dann geh ich solange einkaufen. Und ich soll wirklich nicht mitkommen?" "Nein. Ich schaff das schon alleine, keine Sorge." "Okay, dann bis nachher." Kian nickte und schlug die Tür zu. Dann streckte er sich und sah innerlich gefasst auf das weiße Gebäude vor ihm. Bis zwanzig zählend holte er tief Luft und ging dann auf den Mann zu, der vor Hausnummer 26 stand. "Guten Tag, sind sie Mr. Benett?" "Ja, Mr. Egan nehm ich an? Kommen sie doch herein und schauen sich alles an." Er schloss die Tür auf und ließ Kian herein. "Sie wissen ja aus der Anzeige das Gröbste. 57 m², 2 1/2 Zimmer, Bad, Küche, noch eine kleine Abstellkammer... und dazu kommt die tolle Lage mit guten Verbindungen zur Stadt. Das Haus wurde erst vor zwei Jahren fertig gestellt und die Sanitären Anlagen sind einwandfrei. Die Leitungen..."

Kian schaltete ab. Das Gerede des Maklers war sowieso nur halbwahr. Er gab nichts darum ob die Sanitären Anlagen noch Tipp topp waren oder nicht, er wollte eine Wohnung die ihm gefiel. Noch dazu hätte es ihn gewundert, wenn die Wohnung so toll war und sie seit zwei Jahren keiner haben wollte. Er zwang sich dazu dem Makler wieder zuzuhören und ihn in einer günstigen Atempause zu unterbrechen. "Erm Mr. Benett, ich glaube die Wohnung ist nicht das Richtige. Ich möchte weitersuchen." Mr. Benett, der erkannte, dass er sich umsonst eine Viertelstunde den Mund fusselig geredet hatte, schenkte Kian ein gezwungenes Lächeln und nickte.

"Natürlich. Dann schlage ich vor, wir fahren zum nächsten Haus und versuchen es da." Eine Viertelstunde später sah Kian sich die nächste Wohnung an und kurz darauf die dritte und ihm fiel auf, dass Mr. Benett nicht mehr viel zu sagen hatte. Wahrscheinlich hatte er endlich erkannt, dass Kian bei seiner Auswahl nicht nach intakten Sanitäranlagen ging. Als Kian zum dritten Mal den Kopf schüttelte, kam es ihm vor, als wäre der Makler kurz vorm Nervenzusammenbruch.

Sie fuhren zur vierten Wohnung, eine Dachwohnung und als Kian sie betrat, hatte er ein gutes Gefühl. Die Wohnung war in ein schönes Licht getaucht und obwohl sie nicht bezugsfertig war, fühlte Kian sich sofort zuhause. Wieder begann der Makler das unverzichtbare Fachchinesisch herunterzubeten. "Wie sie sehen Mr. Egan, diese Wohnung ist nicht bezugsfertig, sie ist gerade erst fertig gestellt worden, vor ein paar Wochen um genau zu sein. Hier muss tapeziert, gestrichen und Teppichboden verlegt werden. Sie hat 74 m², kostet insgesamt 105.000 Euro, hat 3 Zimmer, eine Küche und ein großes Bad. Allerdings liegt sie direkt am Strand, hat eine schöne Dachterrasse und ist sehr schalldicht..." Kian lief auf die Terrasse und eine sanfte Brise wehte ihm um die Nase. Eigentlich hatte diese Wohnung, außer dass sie ein Zimmer zu viel hatte nur Vorzüge. Sie lag am Strand, war geräumig, die Zimmer waren gut strukturiert, er würde am Strand wohnen, nahe bei Nicky... Kian stellte sich vor, hier zu wohnen. Morgens aufzustehen, einen Kaffee zu trinken, Zeitung zu lesen, die frische Morgenbrise auf der Terrasse zu spüren, in der Küche zu kochen, zu essen, im Bad zu duschen oder im Wohnzimmer fern zu sehen. Dann drehte er sich um und ging zurück zu Mr. Benett. "Ich möchte diese Wohnung kaufen." sagte er entschlossen und sah eine Millionen Steine von seinem Gegenüber purzeln. "Sehr gut." Er kramte in seiner Tasche und zog einige DIN A 4 Seiten hervor. "Das ist der Kaufvertrag. Sie können ihn mitnehmen und mir zu schicken, meine Adresse steht auf dem letzten Zettel. Der Preis ist Verhandlungsbasis. Alles soweit klar?" Kian nickte bloß. "Okay, dann wäre es die beste Idee, wenn sie nachhause gehen würden und die Papiere unterzeichnen."

Molly saß im Bus nachhause und starrte aus dem Fenster. Sie war verwirrt. Das war alles ein bisschen viel gewesen in den letzten Tagen. Als sie auf die Uhr schaute, bemerkte sie, dass sie mehr als drei Stunden bei Norah verbracht hatte. Es wurde bereits dunkel und sie wusste, dass ihre Mutter sich vielleicht Sorgen machen würde. Sie beschloss, dass es besser wäre, nachhause zu fahren, statt, wie sie vorgehabt hatte, zu Kian. Das wollte sie dann auf den nächsten Tag verschieben.

"Hi Nicky! Pünktlich auf die Minute, was?" "Klar, mit dem Auto fliegst du ja auch eher als zu fahren!" scherzte Nicky und Kian stieg ein. "Und? Hast du was gefunden?" "Ja! Eine super Wohnung! 74 m², Dachwohnung mit Terrasse, nah am Strand... ich muss zwar renovieren, aber das ist es mir wert!" "Und was kostet der Spaß?" "105.000€ nur. Ich hätte mehr geschätzt...." "Wow! Da hast du ja ein schönes Schnäppchen geschlagen! Hast du dir den Kaufvertrag schon angesehen? Nicht das da irgendwo noch ein Haken dran ist!" "Glaub ich eigentlich nicht, aber keine Sorge, ich seh mir alles ganz genau an!" Sie waren zuhause angekommen und sie stiegen aus dem Auto. Als Nicky die Tür aufschloss, hüpfte ihnen Ilyssa schon entgegen. "Daddy, ich hab eine eins in Mathe!" Nicky nahm seine Tochter auf den Arm. "Super! Ich dachte du hattest so ein schlechtes Gefühl?" "Ja, schon... " "Du hast sowieso immer ein schlechtes Gefühl Ily!" Er wuschelte ihr durch die Haare und ließ sie wieder runter. " Georgina kommt in einer halben Stunde, ich bin dann in der Küche, okay?" "Ja klar... Und was machen wir jetzt Ily?" "Ich muss noch Hausaufgaben zu Ende machen... danach können wir ja Möbel für deine neue Wohnung aussuchen!" schlug Ilyssa vor. "Das ist eine gute Idee." "Gut. Ich muss noch die Buchstabierungsübung machen. Hilfst du mir?" "Sicher doch. Fang an, welches Wort?" "Da musst du gucken, wenn ich's erst lese, weiss ich's ja schon!" "Ach so, stimmt." Kian lachte. "Okay, erstes Wort - Ach du meine Güte! Donaudampfschifffahrtgesellschaftskapitän..." Kian kratzte sich verwirrt am Kopf. "In welcher Klasse bist du Ily?" "In der 2.!" "Oh je... die Zeiten ändern sich gewaltig. Zeig mal her... Hey, richtig! Super! Okay, nächstes Wort... Ostereieranmalgeräthersteller?!?!"

Kapitel 18

"Molly! Telefon für dich! Aber beeil dich, du kommst zu spät in die Schule!" "Wer ist denn da?" Molly knöpfte sich den obersten Knopf ihrer Bluse zu und rannte zum Telefon. "Eine Mrs. Ferrell. Wer ist denn das?" Molly sah ihre Mutter überrascht an. Sie hatte allenfalls mit ihrer besten Freundin gerechnet, die sich vor der Physikklausur drücken wollte und sie darum beten wollte, sie zu entschuldigen. Sie nahm Kerry den Hörer aus der Hand und ging wieder Richtung ihr Zimmer. "Ja?" "Hey, Molly. Ähm... wie geht's dir?" "Wie soll's mir schon gehen... es ist halb acht in der Früh, ich hab noch nicht gefrühstückt, ich schreib heute eine Physikklausur und hab bis fünf Uhr Schule... kann der Tag noch schlimmer werden?" "Oh. Ähm... na ja. Eigentlich ... aber egal. Ich will dir den Tag nicht noch schlimmer machen." "Nein, sag schon, warum rufst du an, lass dich von mir nicht abschrecken, ich bin morgens unausstehlich." "Wie dein Vater. Ähm, ich meine, ich hab angerufen, weil... ich dich fragen wollte, ob du nicht heute nach der Schule vorbeikommen willst, aber wenn du so lange Schule hast und du hast auch sicher viele Hausaufgaben auf und musst lernen, also ist das nicht schlimm, das ist ja bestimmt auch stressig - " "Nein, ich komme gerne!" "Wirklich?" "Ja, klar. Wir haben uns doch gestern wirklich gut verstanden und wenn sie... ich meine wenn du das auch so gesehen hast, warum sollen wir uns nicht wieder treffen? Ist ja nicht so als wenn wir was Verbotenes machen." "Und was ist mit deinen Eltern? Ich hatte gerade schon Angst, dass Kerry mich an meiner Stimme oder sonst etwas erkennt... immer wenn ich sie sehe oder ihre Stimme höre muss ich an den Morgen denken, wo Kian sich an das Video erinnert hat. Da hab ich Molly und Lilly gehalten, als Kerry die Kleinen gefüttert hat." "Ähm... du hast mich gehalten?" "Norah räusperte sich. "Oh... ähm, ja. Stimmt ja. Sorry. Hab gerade vergessen, dass du das ja bist. Tut mir leid." "Ist schon okay, kann man ja mal vergessen. Ist es okay, wenn ich direkt nach der Schule komme? Das wäre so gegen halb sechs." "Ja. Prima. Hast du Hunger dann? Ich kann etwas kochen. Ich kann Nudeln mit Soße und Spiegelei und Bratkartoffeln!" lachte Norah. "Gerne. Ich liebe Bratkartoffeln!" "Okay, dann bis später. Und viel Glück bei Physik!" "Danke... bis später!" Molly legte auf, schnappte sich ein Haargummi um sich die langen, sanft gewellten Harre zurück zubinden. Dann schmiss sie ihre Schulbücher und Hefte unsanft in die Tasche und nahm ihre Jeansjacke vom Schreibtischstuhl. Sie nahm sich im Stillen vor, am nächsten Tag aufzuräumen. Aber sie wusste schon jetzt, dass sie sich nicht daran halten würde. Sie betrachtete sich eine Weile und zog ihre Stupsnase kraus, als sie ihre üblichen Schönheitsfehler beäugte. Dann zog sie sich das Haargummi wieder aus den Haaren und verließ ihr Zimmer.

"Wer war das denn jetzt?" Kerry hörte ihre Tochter die Treppe herunterpoltern und hielt ihr einen geschmierten Toast entgegen. Sie kannte ihre beiden und wusste, dass beide nichts Anständiges essen würden, wenn sie nicht dafür sorgte. "Danke Mom. Keine Zeit für Erklärungen, ich muss los, ich kauf mir in der Pause was am Kiosk, komm heute spät zurück, bin nachher bei Katie, tschau!" Während dieser knappen Worte hatte Molly den Toast verschlungen, sich einen Apfel geschnappt, ihre Turnschuhe angezogen, die Jacke übergeworfen und die Tasche geschultert. Kerry's Mund öffnete sich immer weiter und sie brachte nur ein kleines "Aber..." hervor, bevor die Tür vor ihrer Nase zu knallte.

"Lil!" Lilly drehte sich um und sah ihre Schwester auf sie zu kommen. "Hi Pooh, was'n los? Du bist ja ganz außer Atem." "Kannst du bitte Mom sagen, dass die Arbeit ganz okay war? Ist bestimmt nicht so schlecht. Danke!" Molly wollte schon wieder davon eilen, aber Lilly hielt sie noch mal auf. "Ja, sag ich ihr, aber warum sagst du's ihr nicht selbst?" "Ich muss ganz schnell weg, sag ich dir irgendwann mal, geht jetzt nicht..." "Aber Pooh...das ist gemein, ich will wissen, wo du hingehst...machst du was Verbotenes? Oooh, dass sag ich Mom! Du hast bestimmt einen geheimen Freund..." "Lilly! Wenn du das machst, ich bring dich um! Ich zerreiße alle Unterlagen für deine Geschichte und dass meine ich ernst! Ich hab keinen Freund, ehrlich. Ich sag dir auch ganz bestimmt alles, okay? Aber halt noch nicht jetzt. Später, versprochen. Aber ich muss jetzt schnell los!" Noch leicht schmollend ließ Lilly ihre große Schwester los und diese rannte ohne ein weiteres, zeitverschwendendes Wort davon. Lilly wurde das Gefühl nicht los, dass Molly nicht durfte, was auch immer sie vorhatte ...

"Was hälst du von dem Sofa?" "Sieht unbequem aus..." Ilyssa machte einen Schmollmund und blätterte die Seite des Kataloges um. "Die ist cool!" rief sie aufgeregt und zeigte mit dem Zeigefinger auf eine Stoffcouch in knalligen Farben. "Bist du sicher? Ist das nicht zu bunt?" "Deine Wohnung muss ganz bunt werden! Mit bunten Wänden, bunten Möbeln, bunten Sachen darin!" Ilyssa klatschte laut in die Hände. "Okay, wenn du meinst. Was hälst du davon, wenn wir morgen nach der Schule in ein Möbelhaus fahren und uns ein paar schöne Sachen aussuchen?" "Können Kee und Becky auch mitkommen? Bitte!" "Von mir aus! Aber wir müssen erstmal deinen Daddy und deine Mummy fragen!" Ilyssa kicherte und strubbelte Marie, die die ganze Zeit neben ihnen gesessen hatte, durch ihr kurzes, goldenes Fell. Dann fiel die Kian um den Hals und gab ihm einen dicken Schmatzer auf die Wange. "Danke, du bist der Beste!"

"Wir gehen Möbel aussuchen, wir gehen Möbel aussuchen!" Keelin hüpfte hektisch auf dem Rücksitz herum und achtete nicht auf den Anschnallgurt. "Keelin, sei still! Wenn du nicht Ruhe gibst, fahr ich gleich wieder zurück und Becky und Ily gehen alleine mit Kian!" Sofort hörte Keelin auf zu plärren und saß still auf seinem Hintern. Rebekka kam nicht drum herum zu schmunzeln, auch wenn sie sich geschworen hatte, den ganzen Tag keine Miene zu verziehen. Warum musste ihr Vater sie auch unbedingt dazu verdonnern, mitzufahren? Sie hätte weiss Gott Besseres zu tun gehabt. Sie seufzte laut und sah aus dem Fenster. Der Parkplatz des Möbelhauses kam in Sicht und nachdem sie die Schranke passiert hatten, fuhr Nicky in die nächstbeste Parklücke. Als sie ausstiegen, sah Rebekka sich um und musste ein weiteres Mal lächeln. Es sah einfach zum Schießen aus, wie ihr Vater mit Keelin auf dem Arm versuchte, das Auto abzuschließen, nebenbei auch noch den einzigen roten Ferrari weit und breit, der an sich schon gar nicht auffiel. "Lässt uns mal reingehen, ich denke, wir werden länger brauchen, so wie es aussieht..." Nicky stemmte die Hände in die Hüften und sah seinen zwei Kleinen hinterher, die wie vom Blitz getroffen in Richtung Eingang rannten. "Irgendwann werden sie es wohl auf die harte Tour lernen müssen..." seufzte er dann und lief mit einem lachenden Seitenblick auf Kian und Rebekka kopfschüttelnd los. "Daaaaaaaaadddy!" hörte er vom Eingang herklingen und sah vier Hände aufgeregt winken. "Ich geh schon mal vor, was haben die denn jetzt wieder angestellt..." er atmete genervt aus und lief schneller voraus. Also blieben nur noch Kian und Rebekka, die gemächlich hinterher trotteten. "Und wie war die Schule heute?" fragte Kian vorsichtig. Rebekka sah ihn genervt an. "Geht so. Hab Mathe mal wieder nicht kapiert, aber sonst alles okay." murmelte sie leise und steckte die Hände in ihre Jackentaschen. Kian wusste nicht, was er noch sagen sollte und war erleichtert, als sie endlich bei den anderen ankamen. "Okay, dann let's go." sagte Nicky und nahm Keelin an die Hand, damit er nicht schon wieder Unsinn machte. "Wohin zuerst?" "Ich würde sagen, Bettenabteilung, Hauptsache ich kann schon mal irgendwo schlafen!"

Kapitel 19

"Danke dass du gekommen bist Molly. Ich wüsste nicht, mit wem ich sonst darüber reden sollte." "Kein Problem. Ich hab ja schließlich damit angefangen. Alles noch mal aufgewühlt und so." Norah winkte ab. "Ach. Das macht doch nichts. Du bist jederzeit wieder hier willkommen, okay? Kannst ruhig herkommen wenn du willst. Dann mach ich uns einen Tee und wir reden ein bisschen oder so. Wenn dir mal die Decke auf den Kopf fällt." Molly lächelte ihr Gegenüber an und Norah musterte das Mädchen genau. "Gott, ich hätte nie gedacht, dass wir uns mal wieder sehen. Komm mal her." sagte sie mit weinerlicher Stimme und nahm Molly in ihre Arme. "Norah? Darf ich dir mal was vorschlagen?" Sie schniefte und blinzelte Molly mit tränenverschleierten Augen an. "Klar." Molly ließ Norah los und begann mit ihren langen Haaren zu spielen. "Möchtest du Kian nicht wieder sehen?" Norah griff sich an den Kopf und schloss die Augen. "Hm... ich habe auch schon darüber nachgedacht. Aber ich weiss nicht, ob es so gut wäre, nach all der Zeit. Und ob Kian es überhaupt möchte!"

"Okay, ich würde sagen, wir lassen es für heute gut sein, oder? Wir haben ein Bett, ein Sofa, mehrere Regale, einen großen Schrank, zwei Kommoden, einen großen Tisch, zwei Stühle und eine Menge Krimskrams. Lasst uns doch noch eben schnell beim Baummarkt reinspringen und schauen, was wir da an Tapeten oder sowas finden!" schlug Nicky vor. "Au ja! Schöne bunte Tapeten!" rief Ilyssa freudig. Sie hatte Kian schon zu bunten Regalen und einem Glastisch, den man "füllen" konnte überredet. Aber Kian gefiel der Gedanke, dass die Wohnung bunt werden würde, auch gut. Bunte Farben strahlten Wärme aus, und die konnte Kian gebrauchen, wenn er alleine war. "Abmarsch, der Baumarkt ist um die Ecke, wir können laufen!" Sie liefen keine zwei Minuten und Kian überlegte sich währenddessen, was er nehmen sollte. Sie betraten den Baummarkt und liefen gerade weg zur Tapetenabteilung. "Guck mal Ki! Die ist doch schön!" Keelin hielt ihm eine Micky-Mouse Tapete hin und strahlte. "Sehr schön Keelin, aber ich glaube, ich möchte etwas Einfacheres!" Nach etwa zehn Minuten hatte Kian sich für eine Strukturtapete entschieden und sie liefen weiter zur Farbabteilung. Dort standen sie nun vor Türmen aus Farbtöpfen und überlegten. "Was haltet ihr von gelb-orange?" Nicky legte den Kopf schief und überlegte. "Es würde mit deutlich helfen, wenn ich die Wohnung schon gesehen hätte." sagte er dann nachdenklich und rieb sich übers Kinn. "Aber ich denke schon, dass es schön aussähe. Du hast ja erzählt, dass die Wohnung zum Meer blickt und da wir schon orange und rote Regale und sowas gekauft haben, würde es bestimmt passen." überlegte er. "Seh ich auch so. Was sagt ihr dazu?" Kian drehte sich zu den Kindern um, aber die hatten sich zur Türen-Abteilung verzogen und spielten Verstecken dahinter. Keelin war deutlich unterlegen, weil er nicht an die Türklinken reichte. "Kommt sofort wieder her! Man spielt nicht mit den Türen! Rebekka, wie alt bist du eigentlich? Ich dachte, wenigstens du wüsstest dich zu benehmen!" fuhr Nicky seine drei Kinder etwas pampig an. Sie kamen kleinlaut zurück und taten von nun an brav und wohlerzogen, wenn Nicky sie beobachtete. Aber sobald er sich wieder auf den verschiedenen Farbnuancen konzentrierte, hörte Kian hinter sich leises Kichern.

"Puh! Wie konntest du bloß meinen Kindern versprechen, dass wir sie mitnehmen? Wir haben über sechs Stunden gebraucht, um ein paar Möbel und Tapeten auszusuchen!" "Man könnte meinen, sie sind ziemlich außer Übung Mr. Byrne! Wer wollte den früher immer shoppen bis zum Umfallen? Wer hat uns denn noch in die hinterletzten Läden gezerrt, weil er unbedingt eine 1000€ teure Gucci-Hose anprobieren wollte, die er hinterher doch nicht gekauft hat!" "Ist ja gut, dann weiß ich jetzt wenigstens, woher die Kids das haben...." murmelte Nicky und stieß Kian den Ellbogen in die Rippen. "Aber immerhin haben wir noch einen Teppichboden gefunden. Oh, Georgina müsste jeden Augenblick kommen. Ich begebe mich mal in die Küche!" "Okay. Kann ich dir irgendwie helfen?" "Nein, ist nicht so viel. Das geht schnell. Versuch mal lieber, Keelin und Ilyssa dazu zu bewegen, sich die Hände zu waschen vor dem Essen!"

"Hallo ihr Lieben! Ich bin zuhause!" "Mummy, Mummy, wir haben heute für Kian Möbel gekauft!" Keelin kam aus dem Wohnzimmer angerannt und fiel seiner Mutter in die Arme. "Ui! Das ist ja super. Und wann willst du einziehen Kian?" "Das könnt ihr bei Essen besprechen, es ist gedeckt My Lady!" Georgina lächelte und drückte Nicky einen Kuss auf den Mund. "Klasse, ich sterbe vor Hunger!" Sie setzten sich und ließen sich Nicky's Werk gut schmecken. "Also ich muss jetzt erst mal tapezieren und anstreichen und so, und die Möbel werden bald geliefert. Bis dahin muss alles soweit klar sein. Ich muss mich morgen direkt mal umschauen, ob ich einen Tapezierer finde. Das traue ich mir nämlich nicht so ganz zu!" lächelte Kian. "Oh, warte mal, Schatz, kann nicht dein Onkel tapezieren? Der hat uns doch auch so toll alles gemacht." "Hm, ich kann ihn ja morgen mal anrufen! Was sagst du dazu Kian?" Er runzelte die Stirn. "Hm. Wenn er nichts dagegen hat. Ich möchte hier keinem zur Last fallen... ich finde bestimmt auch ein Unternehmen, das mir das macht..." "Ach Papperlapapp, so ein Unsinn. Mein Onkel macht das schon, keine Sorge." "Danke schön. Das wäre ein Problem weniger mit dem ich heute einschlafen muss!"

Kapitel 20

"Es ist sehr nett von ihnen, dass sie mir die Wohnung tapezieren. Danke schön." "Nichts zu danken, ich tapeziere gerne. Ich wollte früher immer Tapezierer werden, aber daraus wurde leider nichts. Außerdem hat mein Neffe mich ganz schön bequatscht, der hätte nicht Ruhe gegeben, bevor ich zugestimmt hab!" Nicky's Onkel war ein dickerer, gemütlicher Herr mit grauen Haaren und einer großen, unmodischen Brille. Aber er hatte ein liebes Lächeln und seine Augen strahlten hinter der Brille hervor wie zwei Diamanten. Kian fand ihn sofort sympathisch und hatte keine Bedenken, dass er den ganzen Nachmittag mit ihm alleine in der Wohnung war. Und Nicky hatte ihm versichert, dass er am frühen Abend vorbeischauen wollte, um eventuell noch hier und da zu helfen und Kian dann hinterher wieder mitzunehmen. "Also, wo soll ich denn anfangen?" "Eigentlich vollkommen egal. Vielleicht im Schlafzimmer, dann können wir da als erstes streichen und dann den Teppichboden verlegen." "Wollen sie vielleicht etwas -" "Mach mich nicht noch älter als ich bin, bitte. Ich heisse Declan, du kannst mich duzen." "Okay, willst du was trinken?" "Och, ich hätte nichts gegen ein Gläschen Bier. Hast du zufällig was hier?" Kian war froh, dass Nicky ihm von der Bier-Vorliebe seines Onkels erzählt hatte. Sonst hätte er nur Wasser dagehabt und das wäre ihm unangenehm gewesen. "Ja, ich hab gestern noch welches besorgt. Aber es ist jetzt nicht kalt, ich hab ja keinen Kühlschrank hier." "Egal, Bier ist Bier. Danke! Zum Wohl!" Sie stießen an und nahmen erstmal einen Schluck. "Ahhh, das tut gut. Dann mal auf zur Arbeit!" Declan begann im Schlafzimmer und Kian, der im Wohnzimmer die Wände grundierte, hörte ein lautes Pfeifen aus dem Zimmer kommen. Er lachte und freute sich, dass Declan so ein geselliger Mensch war. Nach gut zwei Stunden waren sowohl Kian als auch Declan erstmal geschafft und sie beschlossen, erstmal Mittagspause zu machen. Sie setzten sich auf den Terrassenboden und Declan erzählte bei einer zweiten Flasche Bier und den Sandwichs, die Kian mitgebracht hatte, wieso er nicht Tapezierer geworden war. Anschließend beschwerte er sich über die vielen Ecken der Wohnung und ging dann dazu über, Kian über sein Leben auszufragen. "Warum kaufst du dir so eine kleine Wohnung? Du hast doch genug Geld, dir ein Schloss bauen zu lassen!" "Ich möchte lieber eine kleine gemütliche Wohnung haben, in der ich mich wohl fühle, als in so einem Schloss einsam zu sein." gestand Kian und hoffte, dass die nächsten Fragen in eine andere Richtung gehen würden. Eine weitere Viertelstunde lang, wich Kian ihm so gut es ging aus und kam sich dabei gemein vor, bis Declan beschloss, dass es an der Zeit wäre, weiter zu machen, wenn sie noch etwas schaffen wollten heute. "Ich mach mich dann mal im Wohnzimmer ans Werk, okay?" "Ja, ist gut. Ich guck mich um, was ich noch tun kann..." Kian lief in die Küche und begutachtete die Kacheln und Fliesen und überlegte, wann er sich eine Küchenzeile kaufen wollte. Er beschloss, Nicky nachher zu fragen, ob er einen guten Laden kannte. Dann machte er sich daran, die Fliesen zu schrubben, die voller Tapetenkleister waren. Declan hatte vor der Pause, das Schlafzimmer und die Küche geschafft und anscheinend nicht mit Tapetenkleister gegeizt. Er war eine volle Stunde beschäftigt, bis die Fliesen wieder glänzten. "Kian?" Er wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und lief ins Wohnzimmer. "Hast du vielleicht noch ein Packet Kleister? Kaum zu fassen, wie schnell die immer leer sind, die sparen aber auch an allen Ecken und Enden!" Kian schmunzelte und sah sich auf dem Wohnzimmerboden um. Das würde noch ein Heidenspaß werden, diese Sauerei wieder zu entfernen, aber er war viel zu dankbar für die Hilfe, als dass er gemeckert hätte. "Klar, ich hab noch eins, warte einen Augenblick...."

"Na ihr Zwei? Hattet ihr einen angenehmen Tag? Seid froh, dass ich es geschafft hab, die Kids zuhause zu lassen!" "Ich hätte nichts dagegen gehabt, die Racker mal wieder zu sehen... ihr könntet uns ruhig mal öfter besuchen kommen, mein lieber Neffe!" "Ja ja, Onkel Declan, ist ja gut. Du kannst ja gleich noch auf ein Bierchen mit zu uns kommen. Seid ihr vorangekommen?" "Ja, ich denke, wir werden morgen schon früh fertig. Im Prinzip mussten ja nur Schlafzimmer, Wohnzimmer, ein bisschen Küche, ein bisschen Bad, das zweite Zimmer und die Abstellkammer gemacht werden. Und jetzt fehlen nur noch Bad, das Zimmer und die Abstellkammer. Dann hab ich meinen Job hier erledigt und ihr könnt euch ans streichen machen." "Das ist gut zu hören. In drei Wochen kommen die Möbel und wir müssen vorher den Teppich noch verlegen... hoffentlich kriegen wir den bald!" seufzte Nicky. "Hallo Nicky, das ist bloß MEINE Wohnung, du musst dir da nicht den Kopf zerbrechen!" lachte Kian und klopfte seinem Freund auf die Schulter. "Ich mach hier eben noch die letzte Bahn fertig, dann können wir von mir aus fahren!" sagte Declan und stieg wieder auf die Leiter.

Nachdem er die Bahn fertig hatte, räumten sie die Sachen ein wenig auf, damit sie morgen direkt weitermachen konnten und fuhren anschließend zu Nicky nach hause. "Gut, dann kann ich jetzt direkt kochen, Georgina kommt in einer guten halben Stunde. Willst du noch mitessen Declan?" "Gerne, wenn’s keine Umstände macht!" "Ach was, ich kauf sowieso immer viel zu viel." "Na dann..." "Onkel Declan!" Ilyssa kam mit Keelin im Schlepptau die Treppe herunter gepoltert und hüpfte vor ihm auf und ab, bis er sie auf den Arm nahm. Kian nahm Keelin hoch und sie liefen ins Esszimmer. Die Kids unterhielten Kian und Declan gut mit Geschichten aus dem Kindergarten und der Schule, bis Georgina nachhause kam. "Hallo meine Süßen. Ach Hallo Declan, bleibst du noch zum Essen? Hmmm, das duftet lecker..." Sie warf ihre Jacke und den Schal über den Kleiderhaken und lief in die Küche. "Wie können Frauen nur den ganzen Tag auf solchen Schuhen laufen?" fragte Declan sich laut und versetzte Kian einen Stich ins Herz damit. Es erinnerte ihn so sehr an Melanie, dass er sich kurz entschuldigte und im Bad einschloss, um seine Fassung wieder zu erlangen. Melanie war partout gegen hohe Absätze gewesen, hatte sie nur so oft wie unbedingt nötig getragen und sofort von ihren Füßen gezerrt, wenn es möglich war. Für ein paar Minuten atmete er tief ein und aus und versuchte, ihr Bild wieder aus seinem Kopf zu verbannen.

"Ich bin mir sicher, dass Kian dich auch wieder sehen will, nach alldem was war mit euch. Es ist so lange her, ich schätze Kian nicht als einen Menschen ein, der ein Leben lang nachtragend ist. Gegen Gefühle kann schließlich nichts machen. Ihr seid beide machtlos gewesen gegen sie. Willst du es nicht wenigstens versuchen? Dann hättest du noch jemanden, mit dem du reden kannst und vielleicht findet ihr ja wieder zueinander." "Ach Molly." Norah seufzte. "Ich glaube in solchen Dingen bis du noch ein wenig naiv. Aber ich lasse es mir durch den Kopf gehen." "Versprochen?" "Versprochen." "Okay. Ich muss langsam nach Hause, sonst macht meine Mutter sich noch Sorgen." "Soll ich dich eben bringen? Dann musst du nicht mit dem Bus fahren." Molly zögerte. "Ich halte auch ein Stück vor dem Haus, wenn du nicht möchtest, das deine Mutter uns sieht." Molly gab es auf, sich unnötig Gedanken zu machen und nahm das Angebot an. So würde sie über eine halbe Stunde früher zuhause sein.

"Danke fürs Fahren! Wir sehen uns bestimmt bald ne?" "Klar, wie gesagt, du kannst kommen wann immer du willst!" "Okay. Dann bis die Tage!" Molly warf die Autotür hinter sich zu und winkte Norah noch einmal hinterher, dann lief sie aufs Haus zu. Sie kramte gerade nach ihrem Haustürschlüssel, als die Tür aufging und Kerry mit einem grimmigen Gesichtsausdruck zum Vorschein kam. "Molly, kannst du mir mal sagen was, das soll? Wer war diese Frau und warum hat sie dich hier her gefahren? Warum zum Teufel lügst du mich an?"

Kapitel 21

"Mom, wie alt bin ich denn, ich kenne sie doch, sie hatte nicht die Absicht mich zu entführen oder sonst was! Muss ich dir alles erzählen?" "Du hast gesagt, du bist bei Katie! Wer war diese Frau?" "Das geht dich überhaupt nichts an!" "Das geht mich verdammt noch mal ne ganze Menge an! Ich trage die Verantwortung für dich Molly, du bist noch minderjährig! Du kannst nicht tun und lassen was du willst!" "Gott Mom! Ich habe nichts Verbotenes getan!" "Ich glaub' ich bin im falschen Film! Molly, du hast mir gefälligst zu sagen, wo du dich rumtreibst!" Wütend stemmte Kerry ihre Hände in die Hüften. "Was ist denn hier los?" Bryan betrat das Zimmer und sah fragend zu seinen beiden Mädels. "Deine Tochter hat sich bei einer fremden Frau rumgetrieben und mir erzählt, sie wäre bei Katie!" Bryan runzelte die Stirn. "Deswegen brüllst du so?" Kerry sah äußerst genervt zu ihrem Ehemann. "Bryan Nicholas McFadden, wenn du mir jetzt in den Rücken fallen solltest, ist die Scheidung schon so gut wie sicher! Wie kannst du es befürworten, wenn Molly sich bei einer Frau rumtreibt, die wir nicht mal kennen?" "Wer hat den gesagt, dass ich das gut finde? Ich habe lediglich gesagt, dass ich es nicht gut finde, dass du sie so anfauchst!" Kerry's Kopf wurde immer roter. "Ich kann es nicht glauben. Bryan, Molly ist 17!" "Eben! Sie ist doch kein kleines Kind mehr! Ich dachte immer, Männer hätten dieses Mein-kleines-Mädchen-wird-langsam-groß Problem, nicht Frauen! Kerry, jetzt überleg doch mal. In weniger als zwei Jahren ist sie erwachsen, sie muss langsam lernen, selbst zu entscheiden, was gut für sie ist." Bryan legte den Arm um die beiden und sah sie versöhnlich an. Kerry seufzte schließlich. "Du hast ja Recht. Aber Molly, ich möchte trotzdem nicht, dass du uns anlügst. Wir haben dir immer Vertrauen entgegen gebracht, du brauchst keine Angst zu haben." "Ich weiß, ich finde es auch lieb, dass ihr mir so viel Freiheit gebt normalerweise. Aber in der Sache... das würdet ihr einfach nicht verstehen, okay?" "Das weisst du doch gar nicht, vielleicht-" "Oh doch, ich bin mir ganz sicher. Bitte vertraut mir einfach, bitte. Ich verspreche euch, dass ich keine Dummheiten machen werde. Indianerehrenwort." Bryan und Kerry blickten sich einige Sekunden in die Augen. "Okay. Aber bitte sei wirklich vorsichtig, okay? Man weiss nie, was so Leute vorhaben. Kennst du die Frau denn?" "Noch nicht so lange, aber ich vertraue ihr wirklich."

"Glaubst du, wir haben das Richtige gemacht?" Bryan und Kerry saßen später abends aneinandergekuschelt auf dem Sofa und ließen sich mit einer Fernsehsendung nach der anderen berieseln. Aber Kerry konnte ihre Gedanken nicht von dem Vorfall am späten Nachmittag abwenden. "Mach dir doch keine Sorgen Kerry. Sie ist alt genug, um auch mal eine Sache alleine durch zu machen." "Ja schon, aber wenn ich wenigstens diese Frau kennen würde. Ich wünschte ich hätte sie besser sehen können, als sie vorbei gefahren ist. Hoffentlich hat sie nichts Schlimmes vor! Ich hab solche Angst um unser kleines Mädchen..." Kerry schmiegte sich enger an ihren Mann und nahm seine große Hand in ihre. "Hey." Bryan strich ihr mit seiner freien Hand zärtlich über den Kopf und platzierte einen sanften Kuss auf ihr Haar. "Sie ist kein kleines Mädchen mehr. Ich weiss, dass es schwer ist, das zu akzeptieren. Mir kommt es auch vor wie gestern, dass sie geboren wurde, getauft oder was auch immer. Aber hey, das ist alles lange her und bis jetzt hat Molly noch keine großen Rückschläge bekommen. Wenn es jetzt das erste Mal sein sollte, dann ist es für sie doch auch sowas wie eine positive Erfahrung. Und solange sie sich bloß mit dieser Frau trifft und glaubt, dass die vertrauenswürdig ist, sollten wir ihr vertrauen! Es könnte doch wirklich schlimmer sein, sie könnte zum Beispiel Drogen nehmen, oder eine Bank ausrauben. Es ist doch bloß völlig normal, dass Molly ein bisschen loslässt."

"Man, bin ich froh, dass jetzt alle Tapeten hängen. Dann mach ich mich jetzt ans Streichen und dann kann der Teppichboden kommen, wenn er will!" lächelte Kian. "Also nochmal vielen vielen Dank, Declan. Das war wirklich lieb." "Kein Problem. Vielleicht sehen wir uns ja nochmal irgendwann, bei Nicky oder sonst wo. Hat mich jedenfalls gefreut, dich kennen zulernen. Und solange ich tapezieren darf, bin ich glücklich!" Declan hielt ihm die Hand hin und Kian schüttelte sie. "Ja, bis dann mal! Tschüss!" Er schloss die Tür hinter ihm und hoffte, dass er heile zuhause ankommen würde. Denn diesmal konnte Nicky ihn nicht abholen und trotzdem hatte Declan nicht auf ein Bierchen verzichten wollen. "Ich hab’s zumindest versucht." sprach Kian sich laut zu und lief ins Wohnzimmer, wo er gerade die Decke strich. "Dann mal auf!"

"Hi Kian!" "Was, schon so spät? Ich muss noch die eine Wand da!" "Kann ich dir vielleicht noch helfen?" "Vielleicht kannst mal den Müll da aus der Ecke zusammen räumen, damit wir ihn gleich mitnehmen können." schlug Kian vor. "Okay." "Ich bin auch gleich fertig." sagte Kian und setzte sie Rolle wieder an. "Du siehst übrigens zum Schießen aus, Kian. Alles voller Farbflecken. Aber die Farbe ist echt klasse!" "Dann lass uns mal fahren, ich bin fertig! Und wie du schon gesagt hast, ich muss dringend mal unter die Dusche!"

Kapitel 22

"So, schön dich mal wieder zusehen Kian. Du siehst gut aus!" "Danke, mir geht’s auch sehr gut. Ich renoviere gerade meine neue Wohnung." Kian saß seit langem mal wieder bei Dr. O'Shea und die beiden unterhielten sich. "Hm, erzähl doch mal, was du so gemacht hast. Immerhin sind mehrere Wochen vergangen, seit du hier warst. Tut mir übrigens sehr leid, dass du nicht kommen konntest, weil ich krank war." "Macht nichts, geht es ihnen jetzt wieder besser?" "Deutlich. Aber lass uns mal zu dir kommen." "Also, ich hab mir eine Dachwohnung in Dublin gekauft, mit einer tollen Terrasse. Wir haben tapeziert und angestrichen, und in ein paar Tagen kommen die Möbel, die wir gekauft haben. Nicky, seine Kinder und ich. Es war total lustig. Und sein Onkel hat die Wohnung tapeziert. Alle sind sehr nett." Kian lächelte, doch der Doktor schien zu überlegen. "Hm. Nun gut, Kian, das hört sich ja fabelhaft an. Aber du scheinst nicht viel weiter gekommen zu sein, in der Sache mit deiner Familie, oder?" Kian sah betreten erst zum Boden und dann zu seinem Gegenüber. "Ich wollte erstmal wieder ein geregeltes Leben haben, bevor ich mich Hals-Über-Kopf in diese Sache stürze und wieder den Halt verliere. Außerdem kann ich auch nicht ewig bei Nicky wohnen und dort alles Durcheinander bringen." "Ich dachte, alle mögen dich?" "Jaa, schon. Aber trotzdem. Es ist einfach unhöflich, unangekündigt zu kommen, zu bleiben und ewig nichts unternehmen, um wieder gehen zu können." Dr. O'Shea faltete langsam seine Hände. "Was hälst du davon, wenn du, sobald deine Wohnung fertig ist, nach Sligo fährst und dich deiner Vergangenheit stellst?"

Kian saß auf dem mittlerweile verlegten Teppichboden seiner Wohnung und blätterte in seinem Tagebuch. In den vergangenen Wochen hatte er mehr und mehr der ganzen Geschichte aufgeschrieben und noch einmal durchlebt, und er war nun wieder in der Gegenwart angekommen. Er hatte von Nicky und seiner Familie geschrieben, wie sie einkaufen gewesen waren, wie sie die Wohnung renoviert hatten und alles, was ihm einfiel. Im Nachhinein kam es Kian plötzlich albern vor, all diese Worte aufgeschrieben zu haben und doch nicht ausdrücken zu können, was ihm das alles bedeutete. Er griff nach einem der Stifte, die um ihn verstreut lagen.

"Liebes Tagebuch! 12.November 2018
Endlich habe ich alles erzählt. Fühlt sich gut an. Aber trotzdem ist es seltsam, einem Buch alles zu erzählen. Ich fühle mich um eine Antwort betrogen. Um einen Ratschlag. Ich weiss nicht genau, was ich als Nächstes tun soll. Wahrscheinlich sollte ich langsam mal meiner Familie gegenübertreten. Aber bin ich dazu bereit? Will ich wirklich riskieren, dass mein neues Leben wieder einen Riss bekommt?
Aber andererseits, will ich denn riskieren, dass sie für immer kein Teil von diesem sind? Sie sind immerhin, trotz all dem meine Familie. Ich bin mit ihnen aufgewachsen! Nur durch sie bin ich der Mensch, der ich heute bin. Okay, mag sein, dass das Quatsch ist. Vielleicht war ich nur durch sie der Mensch, der ich vor der Therapie war. Aber ich möchte so gerne, dass all meine alten Freunde und eben meine Familie vor mir stehen, mir zuhört, was ich zu sagen habe (falls ich was heraus bekommen sollte) und mir erst danach sagt, dass sie mich nie wieder sehen wollen. Sie sollen wenigstens den Menschen hassen, der ich jetzt bin, nicht den, der ich vor langer Zeit mal war.
Ich hoffe, dass ich das durchstehe, aber ich habe jetzt schon eine Menge Leute die hinter mir stehen. Nicky, Georgina, die Kinder (abgesehen von Rebekka - ich weiss nicht, wie ich mich ihr gegenüber verhalten soll, sie ist so abweisend), sein Onkel, Dr. O'Shea, und die Frau die unter mir wohnt, hat mich heute morgen mit einem breiten Lächeln begrüsst. Mal sehen, vielleicht gehe ich nachher zum Supermarkt und kaufe etwas, dann könnte ich runtergehen und vorstellen mich. Aber nur vielleicht. Bestimmt weiss sie eh schon wer ich bin und wollte nur freundlich sein...
Okay, bevor ich jetzt noch pessimistischer werde, hör ich lieber auf. Die Möbel müssten eh bald kommen. Vielleicht ist das die erste Nacht in meinem neuen, eigenen Bett!"

Kaum hatte Kian das Buch zugeklappt und die verstreuten Stifte aufgesammelt, klingelte es auch schon an der Tür. Kian eilte hin um zu öffnen und freute sich, die Möbelpacker zu sehen. "Hallo, sind wir hier richtig bei Kian Egan?" "Ja, kommen sie doch rein." Kian ließ die Männer durch und bewunderte, wie sie die Sachen mit Leichtigkeit schleppten. "Wohin sollen wir die Möbel stellen?" "Das Bett hier links ins Zimmer, den Tisch...."

Mehr als drei Stunden später saß Kian auf seinem Bett. Zu dumm, dass er vergessen hatte, Bettwäsche mitzubringen. Oder überhaupt zu kaufen. Er sah durch die geöffnete Tür, das Wohnzimmer und bewunderte den Tisch und die Stühle. Die Regale lagen noch verpackt auf dem Tisch und der Schrank war erst halb aufgebaut. Die Wände sahen kahl aus und die Fenster waren dreckig. Die Wohnung war bis auf Kians leisen Atem totenstill. Aber seit langem fühlte Kian sich das erste Mal wieder zuhause.

Kapitel 23

"Bist du sicher Kian? Du bist ewig lange nicht mehr gefahren!" "Mein Arzt hat gesagt, dass ich es versuchen soll. Immerhin habe ich einen Führerschein. Es spricht nichts dagegen. Ich fahr auch vorsichtig." "Das ist mir trotzdem nicht geheuer. Und immerhin willst du dir mein Auto leihen!" Kian seufzte. "Ja, schon. Was soll ich denn machen, wenn ich Glück hab, steht mein Auto noch in Sligo. Außerdem habt ihr doch genug, du musst mir ja nicht den Ferrari leihen!" "Das hätte ich eh nicht gemacht. Aber Kian, ich weiss nicht-" "Wenn ich heute nicht fahre, dann fahre ich nie." sagte Kian kurzangebunden und hörte Nicky am anderen Ende der Leitung seufzen. "Na schön. Aber bitte ruf sofort an, wenn du in Sligo angekommen bist, okay?" "Mach ich, kommst du dann eben vorbei und holst mich ab? Ich fahr dich dann wieder nachhause." "Okay. Bis gleich." Nicky legte den Hörer auf und seufzte. "Schatz, wer war das denn?" "Kian. Er will nach Sligo fahren!" "Oh. Und du sollst ihm dein Auto leihen?" "Genau das. Ach Gina, ich weiss nicht, was ist, wenn etwas passiert? Mir ist absolut nicht wohl bei der Sache."

Kian wohnte nun schon über eine Woche in seiner Wohnung und hatte alles soweit eingerichtet. Er war einkaufen gewesen und hatte allerhand Dinge gekauft, die die Wohnung verschönern sollten, Bilderrahmen, Gardinen, Bilder, kleine Teppiche, Vasen, eine Wanduhr oder Kissen. Außerdem hatte er Telefon, Strom, Wasser und Fernsehen angemeldet und seine Küche geliefert bekommen. Also war alles fertig und Kian wollte sein Versprechen einlösen und endlich nach Sligo fahren. Das war er sowohl Dr. O'Shea als auch sich selber schuldig.

Kurz nachdem Telefongespräch mit Nicky klingelte es auch schon an der Tür. Kian hob die Tasche auf, die er mit ein paar Schlafsachen gepackt hatte und öffnete. Er wollte etwas länger in Sligo bleiben. Nicky lächelte ihm nervös entgegen und Kian schloss die Tür hinter sich ab. Sie liefen schweigend die Treppen herunter und als sie auf der Straße ankamen, sah Kian seinen Freund fragend an. "Hier." Nicky reichte ihm die Schlüssel und Kian ergriff sie. Die beiden stiegen in das Auto und Kian steckte den Schlüssel in Schloss. E drehte seinen Kopf zu Nicky. "Alles klar?" Dieser nickte nur und Kian drehte den Schlüssel um. Der Motor sprang an und Kian drückte sanft aufs Gas. Einige Minuten herrschte noch Stille, bis Kian sich zusammenraufte. "Okay, ich denke, ich brauche etwa drei Stunden bis Sligo wenn ich langsam fahre. Ich hab auch für den Notfall eine Straßenkarte eingepackt, falls dich das beruhigt. Und sobald ich angekommen bin, ruf ich dich aus ner Telefonzelle an. Wahrscheinlich bleibe ich ein paar Tage, entweder in einen Bed & Breakfast oder bei meinen Eltern, je nachdem wie es abläuft. Zum Wochenende bin ich auf jeden Fall wieder in Dublin." Kian fuhr die Auffahrt zu Nicky's Haus rauf und stellte den Motor aus. "Danke, dass du mir das Auto leihst." Nicky lächelte. "Kein Problem. Dann viel Glück in Sligo. Und sei vorsichtig, Kian. Mann kann nie wissen, was alles so unterwegs ist." Nicky klopfte Kian leicht auf die Schulter und stieg dann aus. Er lief auf das Haus zu und Kian sah Georgina hinter dem Fenster stehen. Er winkte ihr kurz zu, bevor er den Motor startete und davon fuhr.

Etwa zweieinhalb Stunden später sah Kian das Ortsschild von Sligo. Sein Herz schlug auf einmal doppelt so schnell und seine Hände wurden schweißig. Er zog seine Mütze tiefer ins Gesicht und hoffte, dass ihn niemand erkannte. Er fuhr in Richtung Stadtmitte und bog dann in die Strandhillroad ein. Wenig später parkte er den Wagen am Straßenrand und stieg langsam aus. Das Haus seiner Eltern stand vor ihm. Er stütze sich an dem blauen Zaun vor ihm ab und lächelte. Er zog sich die Mütze vom Kopf, fuhr sich durch die Haare und ging dann auf das Haus zu. Plötzlich überkam ihn eine Angst. Wohnten seine Eltern überhaupt noch hier? Würden sie ihn reinlassen? Wer würde da sein? Wie würden sie reagieren? Wussten sie überhaupt, dass er entlassen worden war? Soweit Kian die Sache verfolgt hatte, waren die Medien nicht auf seine Entlassung aufmerksam geworden.

Als er vor der Tür stand, verließ ihn sein Mut plötzlich ganz. Was wollte er eigentlich sagen? "So ein Mist, wieso bin ich überhaupt hergekommen." fluchte Kian und lief mit schnellen Schritten wieder Richtung Auto. Aber plötzlich bog ein Auto in die Straße ein. Kian blieb stehen und griff sich an den Kopf. Das war eindeutig sein kleiner Bruder Colm. "Er kann Auto fahren?" rief Kian aus und ging rückwärts. Er musste sich verstecken!

Er lief eilig den Weg zum Haus zurück und duckte sich hinter dem Wagen in den Einfahrt. "Oh Gott, was tue ich hier." dachte Kian bei sich und ließ sich auf den Boden fallen. Er guckte unter das Auto und sah wie das Auto sich neben den bereits geparkten Wagen stellte. Sekunden später erschien ein paar Schuhe, das sich gemächlich entfernte. Die Absätze klapperten ein wenig und Kian schätze ein, dass Colm jetzt in etwa bei der Haustür angekommen sein musste. Und richtig, er hörte die Türklingel. Daraufhin hörte er die Tür knarren. "Hi Mum." "Hallo Schatz, komm rein, der Tee ist gerade fertig-" Die Tür wurde wieder geschlossen und Kian atmete aus. Er richtete sich wieder auf und rieb sich die Stirn.

Er kam sich lächerlich vor. Er versteckte sich gerade hinter dem Auto seiner Eltern, verdammt nochmal! Was wenn ihn jemand hier so hocken sah? Hektisch stand Kian bei diesem Gedanken auf. "Okay. Jetzt oder nie." dachte er sich und klopfte den Schmutz von seiner Hose. Sein Blick fiel auf das Handschuhfach des Autos, hinter dem er sich versteckt hatte. Es stand offen und innen drin lag unter vielen anderen Sachen ein Bild, das Kian als Kind einmal gemalt hatte. Er erkannte es sofort, weil es das Lieblingsbild seiner Mutter gewesen war und es Jahre lang gerahmt im Flur gehangen hatte. Das gab Kian den Mut, aus dem Schatten des Autos zu treten und auf erneut auf die Haustür zuzulaufen.

"Also ich weiss nicht Colm, bist du dir wirklich sicher, dass du-" Patricia stoppte mitten im Satz, als es an der Tür klingelte. "Wer kann das denn sein? Hast du deine Freundin eingeladen? Ich dachte...." "Nein, eigentlich nicht, soll ich aufmachen?" "Ja bitte, dann hole ich solange schon mal den Kuchen." Colm erhob sich und lief durch den Flur zur Haustür. Durch die Milchglasscheibe konnte er ausmachen, dass es männlicher Besuch war, aber nichts Genaueres. Er nahm den Türgriff zögernd in die Hand und öffnete langsam die Tür.

Kapitel 24

Colm sah seinem Bruder entgegen. "Erkennt er mich überhaupt?" fragte Kian sich im Stillen und zwang sich zu einem Lächeln. "Hallo." sagte er leise. "Auch hallo. Was wollen sie?" fragte Colm kühl. "Colm, wer ist denn da?" rief Patricia aus dem Wohnzimmer, doch ihre Stimme kam näher. Schließlich tauchte sie neben Colm auf und schlug sich die Hand vor den Mund. Ihr erschrockener Blick trieb Kian die Tränen in die Augen. Er war sich sicher, dass sie ihn wegschicken würde. Unter Tränen drehte er sich um und lief davon.

Patricia brauchte einige Sekunden um sich zu fangen, bevor sie hinterher rannte. Sie holte ihn schnell ein und berührte sanft seinen Arm. "Kian." Kian schreckte zur Seite, blieb jedoch stehen. Er sah seine Mutter nur verschwommen vor sich stehen und bevor er es realisierte, spürte er, wie sich ihre Arme um ihn schlungen. "Mum, ich hab dich so vermisst." sagte er mit tränenerstickter Stimme. "Ich dich auch mein Junge, du hast uns allen schrecklich gefehlt." Sie drückte ihn fest an sich und Kian fragte sich, ob sie vorhatte ihn je wieder loszulassen. " Komm mit rein bitte, ich denke, wir haben einiges zu klären." sagte Patricia und blickte zur Haustür. Colm stand unbeweglich dort. Sie sah ihn flehend an, doch da drehte Colm sich um und verschwand. Patricia lächelte ihren Kian an und wischte ihm die Tränen aus dem Gesicht. Zusammen gingen sie ins Haus und Kian sah sich genau um. Eigentlich hatte sie fast nichts geändert. Über der Treppe hingen die Bilderrahmen, in der Ecke neben dem Esstisch stand ein riesiges Regal mit CDs, das schwarze Klavier mit den Pokalen drauf stand im Esszimmer, die uralte Lampe stand neben der Couch, das Radio plärrte laut und es war sehr sauber. Aber bei genauem Hinsehen fiel Kian auf, dass seine Bilder nicht mehr über der Treppe hingen, dass alle Westlife CDs im Regal fehlten und nur noch die Pokale seiner Geschwister auf dem Klavier standen. Traurig setzte Kian sich auf das alte Sofa. Seiner Mutter entgingen die suchenden Blicke nicht. "Sei nicht traurig Kian." Sie setzte sich neben ihn, doch plötzlich fühlte es sich falsch an, ihn zu berühren.

"Dein Dad hat damals alles weggeräumt." sagte sie mit Schuldgefühlen. Sie hätte ihn doch aufhalten können! "Aber es ist alles noch da, dein Zimmer...!" Kian sah von seinen Fingern auf, als er Geräusche im oberen Geschoss vernahm. Er biss sich auf die Lippe. Er wusste, dass Colm dort oben war. "Er war noch klein Kian. Du hast ihn enttäuscht. Ihr wart euch doch so nah und dann warst du plötzlich weg. Kannst du ihn nicht verstehen?" Kian wischte sich die Tränen weg und versuchte zu nicken. Dann sah er seine Mutter mit einem schrägen Lächeln an. Sie hatte sich wirklich nicht verändert. Nur ein paar Falten und graue Haare mehr. Eigentlich war sie im Prinzip ganz ergraut. Patricia bemerkte Kians Blicke und griff sich in ihr Haar. "Fürchterlich, nicht wahr? Grau steht mir gar nicht." lachte sie und Kian grinste. "Wie geht's den anderen so?" fragte Kian leise. Patricia war froh, dass er etwas ansprach, über das man gut reden konnte. "Ach... allen ganz gut. Alle außer Haus, alle verheiratet außer Colm, alle haben einen guten Job, verdienen gutes Geld..." Kian stütze seinen Kopf in die Hände. "Und was mach ich? Ich bring einen Mann um." sagte Kian mit zitternder Stimme. Patricia knibbelte nervös an einen Kerzenwachsfleck auf der Tischdecke und strich sie glatt. "Ach Kian. Wir wissen doch, dass das nicht du warst.” Sie legte ihre zitternde Hand auf seinen Rücken und sah ihn liebevoll an. "Aber manchmal frage ich mich, was ich damals falsch gemacht habe. Ich habe mal gelesen, dass die Auslöser für diese Krankheit bestimmte Erlebnisse in der Kindheit sind. Aber was ist dir denn passiert?" "Weißt du, mein Arzt hat mir erzählt, dass eine Persönlichkeitsstörung wie eine Schutzwand funktioniert. Und genau deswegen kann ich mich auch nicht an all diese Dinge erinnern." Eine Minuten schwelgten die beiden in ihren Gedanken. "Mum?" "Hm." "Was ist hier losgewesen, als ich weg war? Ich meine, nachdem ich festgenommen worden bin…" "Hier hat alles verrückt gespielt. Gegen Mittag hat uns hier Polizist aus England angerufen und alles erzählt. Natürlich waren wir erstmal alle geschockt. Nachmittags hat das Telefon alle zwei Minuten geklingelt und irgendwelche Reporter wollten wissen, ob die Geschichte stimmt. Irgendwann haben wir den Stecker rausgezogen. Dann war ja der Prozess und man hat deine Krankheit entdeckt und du bist verurteilt worden und so weiter, das weißt du ja selbst. Dein Dad hat uns allen verboten, dich zu sehen Junge. Ich wollte dich immer besuchen kommen und Marielle auch. Aber wir wollten ihn nicht verärgern." Sie drehte nervös ihren Ehering am Finger. "Und irgendwie haben wir unser Leben dann weitergelebt. Vor allem für Colm war es schwer, weil er dich vermisst hat und er in der Schule nicht mit dem Gerede der anderen zu Recht kam. Tja, und jetzt bist du wieder hier." sagte sie und Kian sah kleine Tränen in ihren Augen glitzern. "Mein kleiner Junge ist wieder da." wisperte sie und umarmte ihn. "Wann bist du eigentlich entlassen worden?" fragte sie und ließ ihn wieder los. "Das ist schon ne Weile her, etwas über einen Monat vielleicht. Ich hab ne Zeit lang bei Nicky gewohnt und hab mir jetzt eine eigene Wohnung in Dublin gekauft." "Willst du nicht wieder hier herziehen?" Patricia sah ihn etwas enttäuscht an. "Mum, versteh mich doch, ich war mir wirklich nicht sicher, ob ihr mich überhaupt reinlasst. Und wenn ich das mit Dad so höre, werde ich mich sowieso mal langsam wieder auf die Socken machen. Kann… kann ich hoch in mein Zimmer und ein paar Sachen mitnehmen?" "Natürlich. Ich warte solange hier unten. Aber Kian, bitte bleib. Willst du dich jetzt ewig vor deinem Vater verstecken?” Kian antwortete nicht, sondern stieg die Treppe hinauf. Im Flur blieb er erstmal stehen und sah sich die viele Fotos an der Wand an. Hochzeitsfotos von seinen Geschwistern, Bilder von kleinen Kindern die er nicht kannte und von denen er vermutete, dass es seine Nichten und Neffen waren, Urlaubsfotos seiner Eltern…

Er drehte sich um und wollte sein Zimmer betreten, als Colm plötzlich im Türrahmen seines alten Zimmers stand. "Was machst du hier Kian?" Kian konnte nicht antworten. Sein Hals war wie zugeschnürt und die Worte die ihm einfielen, kamen ihm lächerlich unbedeutend vor. Als Kian nichts erwiderte, drehte Colm sich wieder um und wollte die Zimmertüre hinter sich schließen. "Colm, bitte! Ich… ich weiss einfach nicht was ich sagen soll." "Du sollst bloß meine Frage beantworten und danach für immer aus meinem Leben verschwinden!" Colm sah seinen Bruder erbost an.

Kapitel 25

"Ich möchte einfach mein Leben weiterleben Colm. Und ich will mich nicht für immer vor den Leuten verstecken, die mir immernoch viel bedeuten. Auch wenn du mich vielleicht nicht verstehst und nie wieder etwas mit mir zu tun haben willst, wenigstens hast du es mir selber gesagt."

Nach diesen bitteren Worten ging Kian in sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Er sah, dass alles noch so war, wie er es in Erinnerung gehabt hatte. Er lief ein wenig umher und ließ die Bilder seiner Zeit in diesem Zimmer in seinem Kopf ablaufen. Später nahm er ein paar Sachen aus dem Regal und verstaute sie in einer Tasche, die er mitgebracht hatte. Es waren hauptsächlich Bilder, Figuren und anderer Plunder, an dem er früher sehr gehangen hatte und den er gerne in seiner Wohnung aufstellen wollte. In einer Ecke, in einem Karton gestapelt fand er nun auch die Bilderrahmen, CDs und Trophäen, die sein Dad aus dem Haus geräumt hatte. Er nahm einige heraus und packte sie auch in seine Tasche. Als er alles hatte, was er mitnehmen wollte, wandte er sich zum gehen, doch sein Blick fiel noch einmal auf sein Bett.

Plötzlich erinnerte er sich an das Geheimfach darunter, wo er oft verbotene Dinge aufbewahrt hatte. Er stellte die Tasche wieder ab, kniete sich vor das Bett und griff an die Fußleiste an der Kopfseite. Ein Stück ließ sich ablösen und dahinter war ein Loch, das wohl einmal als Behausung einer Mäusefamilie gedient hatte. Es bot viel Platz und Kian zog einen Stapel Zeitungen, ein kleines Buch, sowie Fotos, lose Zettel, Bonbons und eine kleine Schachtel heraus.

Er besah sich die Zeitungen und lachte auf. Es waren kleine Schmuddelheftchen, die er sich einmal heimlich mit einem Freund zusammen gekauft hatte. Kian erinnerte sich noch an das Gefühl von Stolz, dass sie nicht nach ihrem Alter gefragt worden waren und anstandslos die Zeitungen ausgehändigt bekommen hatten. Er legte die Hefte zur Seite und klappte das Buch auf. "Liebes Tagebuch..." Kian hatte sich nicht mehr gewusst, dass er früher schon einmal Tagebuch geführt hatte. Er schaute auf das Datum und stellte fest, dass er zu dem Zeitpunkt, wo er dies geschrieben hatte, gerade zwölf gewesen war. Er blätterte wahllos darin herum und stoppte an einem Eintrag, den er im späten Oktober 1992 verfasst hatte. Er las einige Zeilen und plötzlich brach es wie eine Flut über ihn herein. Das Auto, das kleine Mädchen, das Blut…

"Bis morgen!" rief Kian und winkte seinen Freunden zu. Dann lief er, die Sporttasche über der Schulter, quer über das Fußballfeld und bog in den Feldweg ein. Es war eine Abkürzung nach Hause, die zwar teilweise von Autos befahren wurde, aber nur sehr selten. Kian ging sie schon, seit er mit dem Fußball angefangen hatte. Gedankenversunken lief er den Weg entlang und kickte kleine Steinchen vor sich hin. Er wollte morgen, am Sonntag mit seinem besten Freund zum Strand herunter gehen und dort mit einem Boot, das sie in einigen Wochen gebaut hatten, auf’s Meer hinaus fahren. Es war 18 Uhr durch und somit schon so gut wie stockfinster. Plötzlich aber erhellten Autoscheinwerfer die Straße. Noch war es weit weg, doch es näherte sich schnell. Kian lief unwillkürlich noch ein Stückchen näher an den rechten Feldrand und blickte sich kurz um, bevor er wieder nach vorne sah, vermutend, dass das Auto ziemlich bald an ihm vorbei fahren würde. Dort sah er im Licht des Scheinwerfers ein kleines Mädchen weit entfernt auf der Straße sitzen. "HEY! Du da, geh da weg, da kommt ein Auto!" rief Kian, doch das Mädchen schien ihn nicht zu hören. Er lief schneller über die holprigen Grasnarben und versuchte, das Mädchen rechtzeitig zu erreichen. Das Auto kam immer näher. Es schien Kian, als würde es sogar noch an Fahrt gewinnen, obwohl Kian sich sicher war, dass der Fahrer ihn und das Mädchen längst gesehen hatte. Das kleine Mädchen, sie mochte gerade vier oder fünf geworden sein, starrte Kian plötzlich ängstlich an und weinte lautstark. "Komm da weg!" schrie Kian noch, bevor das Auto an ihm vorbei raste, direkt auf das Mädchen zu. Kian kniff die Augen zusammen und hörte nur einen dumpfen Aufschlag und danach das Beschleunigen eines Autos. Fassungslos riss Kian die Augen wieder auf. Sofort sah er das Mädchen blutüberströmt und total verbogen auf der Straße liegen, dann fiel sein Blick auf das Auto, das sich rasend schnell entfernte. "HEY!" rief Kian wieder, und genau wie beim ersten Mal bekam er keine Reaktion. Das Auto fuhr einfach weiter. Plötzlich erinnerte Kian sich daran, dass er sich das Autokennzeichen merken sollte und er versuchte, es aus der Ferne so gut es ging zu erkennen. Doch er erkannte nur noch die die ersten zwei Ziffern des Schildes - 88. Immernoch geschockt wandte er sich dem Mädchen zu. "Hallo?" fragte Kian leise. Er kniete sich zu ihr runter und versuchte ihren Puls zu fühlen, wie er es in dem Erste-Hilfe Kurs in der Schule gelernt hatte. In der Dunkelheit sah er nur schemenhaft, wie gekrümmt sie da lag. Ihr Puls war nur noch ganz schwach, ihre Augen waren geschlossen und alles war voller Blut. Die Straße glänzte matt, ihr Kleid war blutgetränkt und Kian wunderte sich, wo es herkam. Er wusste nicht was er tun sollte, das Mädchen würde nicht überleben. Würde man ihn verantwortlich machen? Würde er ins Gefängnis kommen? Würde er vielleicht seine Familie nie wieder sehen? Kian steigerte sich unter seinem Schock immer weiter hinein, sodass er am Schluss völlig außer Atem und blind vor Angst einfach aufstand und weglief. "Wenn mich niemand hier sieht, kann mich auch keiner ins Gefängnis stecken." Sagte er immer wieder laut vor sich hin und rannte noch schneller.

Kian liefen Tränen über die Wangen, als er sich an alles erinnerte. Hatte er das echt alles so lange verdrängt gehabt? Wie er jetzt so da saß, kam ihm alles wie gestern vor und das gleiche Gefühl wie damals beschlich ihn wieder. Diese Gewissheit, dass ein Abschnitt seines Lebens zu Ende war. Dass er neu anfangen und alles Alte hinter sich lassen musste.

Kapitel 26

"Ja Mom, ich komme nochmal wieder. Ich möchte noch ein paar Leute in Sligo sehen. Ich verabschiede mich auf jeden Fall nochmal von euch." "Gut. Aber versprich mir, dass du keine Dummheiten machst Kian und dass du wirklich kommst, und nicht vor deinem Dad wegläufst." Kian stand im Flur seines Elternhauses, die Tasche geschultert, in die er alle seine persönlichen Sachen gepackt hatte, bereit, das Haus zu verlassen und sich auf den Weg zu Shane oder Mark zu machen. Er drückte seiner Mutter nickend noch einen Kuss auf die Wange und lief dann zu dem Wagen, den Nicky ihm geliehen hatte. Er stieg ein und entschied sich, zuerst zu Shane zu fahren. Er parkte etwas entfernt von Shane’s Anwesen und sah einem der Pferde beim Grasen zu. Es kam nach einer Weile gemächlich herüber gelaufen und blieb vor Kian stehen. Es kaute noch immer auf dem Gras herum. Kian streckte seine Hand nach dem Pferd aus und fuhr ihm sanft über die Blässe am Kopf. Das Pferd schnaubte nur leise und stellte die Ohren auf. Bei dem Gedanken an seine frühere Angst vor Pferden musste Kian beinahe lachen. Er strich ein letztes Mal über die Blässe und lief dann Richtung Haus. Er sah zwei Autos in der Einfahrt stehen, einen nagelneuen BMW und einen etwas älteren Porsche. Kian holte noch einmal tief Luft, bevor er die letzten Schritte zurück legte und sofort auf den Klingelknopf drückte.

Sein Herz pochte wild und er ballte seine rechte Hand zu einer Faust. Im Haus waren Schritte zu hören. Als die Tür aufging, stand ein kleines Mädchen mit braunen Augen und blonden Haaren vor ihm. "Hallo…" fing Kian an. "Auch hallo!" rief das Mädchen fröhlich zurück. Kian stockte. "Sind... deine Eltern zuhause?” fragte er vorsichtig. "Jaaa, die sind im Garten.” Das Mädchen legte den Kopf schief. "Meinst du ich darf herein kommen?" fragte Kian. Die Kleine nickte bloß und öffnete die Tür weiter. Dann lief sie eilig voraus. "Mammy, Daaaddy ihr habt Besuch!” rief sie lauthals. "Wer ist es denn?” kam Shane’s Stimme von irgendwoher. Das Mädchen drehte sich wieder zu Kian um und winkte ihm zu, er solle mitkommen, bevor sie rief: "Keine Ahnung wie er heisst!" Unsicher lief Kian ihr hinterher und stand bald im riesigen Wintergarten. Als Shane die Schritte seiner Tochter hörte, erhob er sich und sah lächelnd in ihre Richtung. Kian sah außer ihm noch drei weitere Personen dort. Gillian und zwei kleine Jungen, die herumtobten. Shane und Gillian sahen ihn an, etwas erstaunt, aber durchaus freundlich, sodass Kian wieder an Zuversicht gewann. Er wollte gerade ansetzten, etwas zu sagen, als Shane ihm unbewusst das Wort abschnitt. "Hallo Kian. Ich habe schon seit einigen Tagen mit dir gerechnet." Das wiederum verschlug Kian die Sprache.

"Setz dich zu uns." sagte Shane dann ruhig und deutete auf einen freien Stuhl. Gillian erhob sich dann und nahm den Kleineren der beiden Jungen auf den Arm, den anderen an die Hand, worauf dieser sich lautstark beschwerte. Im Vorbeigehen lächelte sie Kian freundlich an, was Kian nun vollkommen verwirrte. Er setze sich schließlich und sah sich um, bevor er Shane ansah. Eine Frage brannte Kian auf der Zunge. "Woher wusstest du, dass ich kommen wollte?" fragte er dann. Shane schien zu überlegen. "Bryan hat mich angerufen.” sagte er dann einfach. Kian nickte. "Und bestimmt hat er dir irgendwelche Schauergeschichten erzählt, dass ich Molly belästigt hätte?" fragte er niedergeschlagen. "Ich habe es ihm allerdings nicht geglaubt." antwortete Shane gelassen. "Er hat mir erzählt, dass du bei Nicky wohnst und als Bryan dann an Nickys Geburtstag vorbeikam, gab’s Zoff wegen Molly. Und als sie dann wieder zuhause waren, hat Bryan sich verplappert und ihr erzählt, weswegen du im Gefängnis warst. Er hat gesagt, seitdem verhält sie sich ganz komisch." Kian sagte nichts dazu. "Aber ich denke nicht, dass du hier bist, um über Bryan zu reden oder?" griff Shane die Sache nach einer Weile wieder auf.

"Nein, da hast du Recht." Kian suchte nach Worten, aber wieder wurde er von Shane unterbrochen. "Wie geht es dir überhaupt? Warst du schon bei deiner Familie oder Mark?” Ganz überrumpelt strich Kian sich über die Haare. "Ähm, ja mir geht es ganz gut, denke ich. Ich bin heute Morgen angekommen und bei meinen Eltern gewesen, ehrlich gesagt erst bei meiner Mutter und Colm, die anderen waren nicht zuhause. An sich war es ganz gut, aber Shane… darüber wollte ich eigentlich auch nicht reden." Jetzt schaute Shane ganz unbehaglich, doch Kian wollte das Gespräch nicht noch länger herausschieben.

"Erinnerst du dich noch an unseren geplanten Bootsausflug als wir klein waren?" fragte er. Shane konnte sein Erstaunen über diese Frage nicht verbergen, nickte jedoch. "Klar. Da waren wir gerade 12 Jahre alt. Das Boot hatten wir uns gebaut und wir wollten an einem Sonntag fahren, aber dann bist du krank geworden und danach war das Boot weg.” "Hab ich dir jemals erzählt, was ich hatte?" Shane schüttelte gespannt den Kopf. "Ich war gar nicht wirklich krank. An dem Tag davor hatte ich Fußballtraining und ging dann den Feldweg zurück nach Hause. Es war dunkel und plötzlich kam ein Auto angerast. Im Scheinwerferlicht konnte man ein kleines Mädchen auf der Straße sitzen sehen…" Kian starrte die ganze Zeit auf den Boden. "… und dann bin ich weggerannt. Ich hatte einfach solche Angst, dass ich dafür zur Verantwortung gezogen werde." Da stoppte Kian seinen Bericht und lauschte den Geräuschen, die von Gillian und den Kindern herüberklangen.

"Warum hast du denn nie was erzählt?" fragte Shane fassungslos. "Wir hätten dir geholfen Kian, du hättest für nichts bestraft werden können. Du warst weder strafmündig, noch in der Lage ein Auto zu fahren, was ja offensichtlich bei genaueren Untersuchungen als Todesgrund festgestellt worden wäre… ich kann es einfach nicht fassen. Und was hat das eigentlich jetzt mit der ganzen Sache mit … Stan Harris zu tun?" Shane’s Stimme wurde immer leiser.

"Ich habe nichts erzählt, weil ich wirklich Angst hatte, Shane. Glaubst du ein 12 jähriges Kind hat eine Ahnung wie bei Leichen Todesursachen festgestellt werden, wenn es gerade unter Schock steht? Da habe ich sicherlich nicht dran gedacht. Und ich war mehr als einmal kurz davor, dir alles zu erzählen, weil ich mich wie kurz vorm Platzen fühlte. Aber es ging einfach nicht. Und dann hab ich versucht es zu verdrängen. Wie es scheint mit Erfolg, denn ich habe mich erst heute wieder daran erinnert, weil ich ein altes Tagebuch von mir-" "Du hast Tagebuch geführt?" platze Shane heraus und merkte sofort, wie unpassend diese Bemerkung war. Kian seufzte.

"Ja, Herrgott. Jedenfalls glaube ich, dass das vielleicht der Grund ist, warum ich diese Störung habe. Mein Therapeut hat ja andauernd gepredigt, ich solle doch herausfinden, woher sie kommt, aber ich konnte mich einfach an nichts erinnern." "Du meinst, deswegen bist du krank geworden?" Kian nickte. "Man muss das als eine Art Schutzwall verstehen. Wenn irgendwas Bedrohliches passiert, schaltet sich die Krankheit sozusagen mit dieser zweiten Person ein und wenn alles vorbei ist, verschwindet sie und man erinnert sich an nichts mehr. Sowas kommt halt durch schlimme Erlebnisse in der Kindheit vor." schloss Kian seine Erklärung.

"Weißt du, was aus dem Mädchen geworden ist?" fragte Shane nach einer Weile. Kian verneinte. "Ich hab nie wieder etwas von ihr gehört, ich kannte sie auch nicht. Sie schien nicht aus Sligo zu sein. Und anscheinend wurde sie auch von keinem vermisst, sonst wäre ja nach ihr gesucht worden. Aber ich frage mich im Nachhinein schon, warum sie niemand entdeckt hat. Ich bin den Weg nie wieder gelaufen, soweit ich mich erinnere."

Sie schwiegen eine Zeit lang und Kian versuchte, seine Gedanken in Worte zu fassen. "Shane?" fragte er dann schließlich. "Hm.” "Bitte verzeih mir." Er wartete auf eine Reaktion, aber es kam keine. "Ich hatte ja echt nicht die Absicht krank zu werden und auch nicht die leiseste Ahnung davon. Wenn ich davon gewusst hätte, hätte ich es euch allen bestimmt gesagt. Ich wollte nicht, dass wir so abrupt aufhören mussten, mitten in der Tour unseren Traum aufgeben. Es war ja auch meiner, Shane. Ich weiss, dass ihr es nicht fassen konnten, aber ich hab mich auch nicht besser gefühlt, als ich erst das Video fand, dann zu dem Bewusstsein kam, dass ich Stan Harris umgebracht hatte und das Video dann wieder verlor. Und ich hab mich oft genug mies dafür gefühlt, dass ich alles kaputt gemacht hab. Ich hab die Band getrennt, ich hab unsere Crew arbeitslos gemacht, ich hab seiner Familie einen geliebten Menschen genommen und unsere Fans enttäuscht, meine Familie und alle die mich mochten. Ich hab soviel geändert Shane und ich kann mich nicht einmal daran erinnern."

Er schämte sich nicht für seine Tränen und Shane sah ihn mit gemischten Gefühlen an. Der eiserne Kian weinte? "Wir haben alle Fehler begangen Kian. Ich weiss, dass du es bereust. Es tut mir auch leid, dass ich dich in diesen 13 wichtigen Jahren im Stich gelassen habe. Das ist unverzeihlich Kian."

"Können wir einfach wieder Freunde sein?" fragte Kian leise nach einigen Minuten. Shane zögerte nicht. "Von mir aus gerne!" Er klatschte in die Hände und erhob sich von seinem Stuhl. "Soll ich dir meine Familie vorstellen?" rief er dann stolz und strahlte Kian an. "Klar, ich will doch wissen, wer mir da eben die Türe aufgemacht hat und wie es meinem Cousinchen geht… Shane? Sie-" "Sie hat nichts gegen dich, Ki, keine Sorge. Wir haben nachdem Bryan angerufen hat, ein Gespräch darüber gehabt und sie hat gesagt, dass sie hofft, dass du vorbeikommst. Also mach dir keinen Kopf und komm endlich mit!"

Kapitel 27

"Kian, es ist so schön, dass du hergekommen bist!" sagte Gillian mit einem warmen Lächeln auf den Lippen. Kian lächelte zurück und nahm sie in die Arme. Er legte sein Kinn auf ihre Schulter, schloss für einen Moment die Augen und atmete ihr Parfüm ein. "Wie geht es dir?" fragte sie dann und Kian sah sie wieder an. "Gut! Nur ein bisschen müde, erst so die Renovierung der Wohnung und heute überhaupt alles...." er seufzte und musste im nächsten Moment direkt Lachen. "Ich hör mich an wie ein alter, gebrechlicher Mann!" Er schüttelte den Kopf. "Jedenfalls bin ich auch froh, dass ich gekommen bin. Du hast mir gefehlt, Cousinchen. Aber jetzt möchte ich mal deine Familie kennen lernen!" Er drehte sich um und stand nun Shane und den Kindern gegenüber. Gillian lief an ihm vorbei und legte ihre Hand auf Shanes Brust. "Also, dass ist mein Ehemann." lachte sie. "Wir sind seid 2003 verheiratet, also schon 15 Jahre... Wow, wie hab ich das bloß ausgehalten?" scherzte Gillian und Shane schlug ihr scherzhaft gegen die Schulter. Sie stupste ihm auf die Nase und legte dann dem kleinen Mädchen die Hände auf die Schultern. "Das ist Alesha. Sie ist jetzt acht und unsere Älteste. Der kleine Racker auf Shanes Arm ist Ben, er ist wird Anfang Dezember drei. Und er hier ist Luke, ganze fünf Jahre alt." erklärte sie und sah ihre Kinder dabei auf eine liebevolle Weise an, auf die wohl nur Mütter ihre Kinder anschauen können.

"Hallo ihr Drei! Ich bin Kian, ein alter Freund von eurem Daddy!" "Hallo Kian..." quiekte Luke und kam auf ihn zu. "Was machst du hier?" fragte er neugierig. "Euch besuchen!" erklärte Kian dem Kleinen freundlich und musterte ihn ein bisschen. "Er hat eindeutig dein Lächeln geerbt Shane. Pass auf, dass wird mal ein großer Herzensbrecher!" zwinkerte er und Lukes kleine Milchzähnchen blitzten hervor. Luke streckte seine Arme nach Kian aus und verunsicherte ihn damit. Wollte er auf seinen Arm? "Los, nimm ihn schon hoch, er ist nicht schwer..." sagte Gillian mit einer gewissen Zuversicht in der Stimme. Also hob Kian den Kleinen hoch und dieser lachte vergnügt. "Scheinbar hast du einen neuen Freund, Kian." lächelte Gillian und strich ihrem Sohn zärtlich über die Wange. "Die Augen hat er deutlich von dir Cousinchen." In dem Moment fing Ben an zu weinen. Shane lief mit ihm und Alesha im Schlepptau aus dem Raum und seine Frau sah den dreien beunruhigt hinterher. "Kann ich euch kurz alleine lassen?" fragte sie nervös und Kian bemerkte die Besorgnis in ihren Augen. "Sicher. Ich werde den kleinen Mann hier schon ein paar Minuten beschäftigen können." Von irgendwoher schrie Ben weiterhin. "Okay, setz dich einfach." Sie hastete aus dem Raum und Kian nahm auf dem weißen Ledersofa platz. Luke strampelte sich aus seinem Arm frei und setzte sich schräg auf das Sofa. "Ben hat Neurodermitis." sagte er dann und Kian hatte den Anschein, dass er nicht wusste, was das bedeutet. "Seine Beine und Arme sind ganz rot." versuchte Luke noch zu erklären, bevor er sich mit einem traurigen Blick an Kian kuschelte. Dieser legte seinen Arm um den jungen und versuchte sich vorzustellen, wie Shane und Gillian sich fühlten. Oder wie Ben sich fühlte. Er sah eigentlich ganz gesund aus. Aber wie Luke sagte, waren die befallenen Stellen nur an Armen und Beinen. Kian wusste eigentlich auch so gut wie gar nichts über diese Krankheit. Seine Gedanken schwirrten umher und er fühlte sich plötzlich so schwer und matt und warm durch Lukes Nähe, dass ihm auf der Stelle die Augen zu fielen.

Als er wieder aufwachte, lag er auf der Couch und hatte eine Decke über sich liegen. Er rieb sich die Augen und versuchte seine steifen Beine zu strecken. Zum Schlafen war dieses Sofa nicht sonderlich gut geeignet. Er richtete sich auf und schlug die Decke weg. Es wurde gerade dunkel und die Tür des Wohnzimmers war angelehnt, das Licht aus dem angrenzenden Raum malte einen geraden Streifen an die Wand und dieser brach sich in dem Spiegel, der neben dem Bücherregal hing. Es schickte ein paar bunte Strahlen in den Raum. Kian saß eine Weile wie bezaubert da und beobachtete sie. Mit jeder Bewegung im Raum nebenan veränderten sie sich leicht. Irgendwann sah Kian auf die Uhr die über dem Spiegel hing und bemerkte, wie spät es tatsächlich schon war. Er rappelte sich langsam auf, kratzte sich am Kopf und lief dann zu der Tür. Er stieß sie langsam auf und sah Shane und Gillian am Küchentisch sitzen. Shane sah auf und lächelte. "Na du Schlafmütze!" "Entschuldigung. Ich weiss auch nicht, wie das passieren konnte." murmelte Kian verlegen. "Ach Quatsch." Gillian lächelte und winkte ab. "Kein Problem. Luke war auch eingeschlafen. Das sah vielleicht süß aus!" Sie stand auf und lief zum Herd, auf dem ein paar Töpfe standen und vor sich hin kochten. "Willst du etwas mitessen?" fragte sie und rührte dabei etwas um. "Wenn es keine Umstände macht gerne. Eigentlich müsste ich schon lange wieder zuhause sein." seufzte Kian schlaftrunken und gähnte hinter vorgehaltener Hand. "Auf keinen Fall fährst du heute noch irgendwo hin Kian!" sagte Gillian streng und stemmte ihre Hände in die Hüften. "So müde wie du bist, schläfst du ein, sobald du gemütlich sitzt. Du bleibst heute hier und schläfst dich im Gästezimmer aus." "Du hast wahrscheinlich Recht." räumte Kian ein. "Dann nehm ich das Angebot natürlich gerne an!" Er grinste und setze sich auf einen Stuhl. "Hast du denn wenigstens gut geschlafen auf der Couch?" fragte Shane. "Immerhin waren es über zwei Stunden..." "Naja, weiss du, ein Luxusbett mit superweicher Matratze ist das ja nicht gerade", sagte Kian ironisch. "Aber ich hatte auch schon Schlimmere." Shane sah ungemütlich zu Gillian herüber. "Wie lange dauert das Essen noch, Schatz?" "Eine Viertelstunde vielleicht." überlegte Gillian und strich sich eine Strähne ihrer langen blonden Haare hinter die Ohren.

Shane sah wieder zu Kian herüber. "Wollen wir solange ins Wohnzimmer gehen?" fragte er und stand auf. "Ich hol uns eben etwas zu trinken. Geh schon mal vor, du weisst ja wo das Wohnzimmer ist." Kian fühlte sich seltsamerweise wie um etwa zwei Monate zurückversetzt. "Genau das hat Nicky auch zu mir gesagt, als ich zu ihm kam." dachte Kian und wusste allerdings nicht, wieso er sich das behalte hatte. "Kann ich vielleicht kurz meine Mutter anrufen?" fragte Kian seine Cousine und diese nickte eifrig. "Sagt schöne Grüße von uns, okay? Ich hab sie lange nicht mehr gesehen. Sligo ist doch gar nicht mehr so klein, wie es mal war..." Sie zuckte mit den Schultern und sagte Kian, dass das Telefon ihm Flur stand. Er lief hin und wählte die Nummer von Zuhause. "Marielle Flynn, bei Egan?" "Hi... Marielle." stotterte Kian und überlegte, ob er seinen Namen sagen sollte. Hatte seine Mutter der Familie erzählt, dass er nach hause gekommen war? "Ja?" hinterfragte sie leicht genervt. "Kann ich vielleicht Patricia einmal sprechen?" sagte Kian, entschlossen sich nichts anmerken zu lassen. "Einen Moment bitte..." Kian hörte nur undeutliches Gemurmel. "Ja, wer ist denn da?" "Hi Mum, hier ist Kian." "Na endlich! Ich dachte schon, du meldest dich gar nicht mehr. Wo bist du? Du wolltest doch heute Abend wiederkommen..." "Das hatte ich auch wirklich vor Mum. Aber ich bin bei Shane auf der Couch eingeschlafen und gerade erst wieder aufgewacht! Gillian lässt mich jetzt nicht mehr nach Hause fahren, weil ich so müde aussehe. Ich komm dann morgen und bleib bis Dad kommt okay?" "Nicht nötig, Kindchen. Morgen ist Sonntag und dein Vater ist den ganzen Tag zuhause." "Ach ja, stimmt. Okay, dann komm ich irgendwann im Laufe des Tages." Patricia stimmte zu. "Ach... hast du den anderen eigentlich erzählt, dass ich vorbei gekommen bin?" hinterfragte Kian. "Nein. Ich möchte, dass du es ihnen selber sagst." sagte sie dann leise. "Okay. Danke. Bis morgen." Kian legte ohne auf ihre Antwort zu warten auf.

"Wer war denn das, Mum?" fragte Marielle, als ihre Mutter wieder das Wohnzimmer betrat. "Ach... nicht so wichtig. Ein Bekannter." redete Patricia sich heraus und Marielle gab sich mit der lausigen Antwort nur schwerlich zufrieden.

Kapitel 28

Shane und Kian saßen im Wohnzimmer und redeten über die vergangenen 13 Jahre. Kian erzählte seinem Freund auch von der Affäre mit Melanie und von den anderen Sachen, die damals unbewusst völlig an ihm vorbei gegangen waren. Shane reagierte ziemlich gelassen, aber erstaunt war er schon, vor allen Dingen, dass er nichts bemerkt hatte. "Ich hab immer geglaubt, dass ich dich in- und auswendig kenne, Kian." grinste er. "Hast du vielleicht noch ein Geheimnis, dass du mir anvertrauen willst?" scherzte er anschließend. Kian zuckte bloß die Schultern. "Ich glaube, sonst war da nichts mehr." Er verzog die Mundwinkel zu einem leichten Lächeln.

"Shane, Luke hat mir eben etwas erzählt." Kian sprach endlich das Thema an, was ihn schon seit geraumer Zeit beschäftigte. Shane blickte auf. "Ich kann’s mir schon denken." seufzte Shane.

"Ben hat die Neurodermitis schon seit ein paar Wochen nach seiner Geburt. Aber es ist zum Glück nicht so schlimm. Seine Arme und Beine sind betroffen und es juckt ihn ständig, aber da es früh erkannt worden ist und er eine gute Salbe hat und an einem Therapieprogramm teilnimmt, ist es viel besser geworden. Außerdem soll er bald anfangen, autogenes Training zu machen, damit er sich entspannen kann, wenn es doll juckt. Wir haben unseren Hund, den wir ein paar Jahre hatten, abgegeben, weil er Allergene besitzt, die die Krankheit verschlimmern und wir haben beide mit dem Rauchen aufgehört, weil das alles Faktoren sind, die Ben's Zustand verschlechtern könnten. Wenn nun alles gut läuft, kann Ben später mal ein ganz normales Leben führen."

Shane hatte seine Stirn in tiefe Falten gelegt. "Das tut mir leid Mann." sagte Kian aufrichtig, klopfte ihm auf die Schulter und lies seine Hand dort ruhen. "Ist schon okay. Solange der Junge nicht zu sehr leidet." Shane legte seine Hand auf Kians. Sie sahen sich an und Kian sah ihn seinen Augen eine Mischung aus Angst und Freude. In dem Moment rief Gillian aus der Küche, dass das Essen fertig sei. Sie standen also auf und liefen nebeneinander zu ihr. Es stand schon alles dampfend auf dem Tisch und sie ließen es sich stumm schmecken. Es gab einen Auflauf mit Nudeln, Pilzen, Spinat und Lachs mit Käse überbacken.

"Hmmm, das war toll." sagte Kian und rieb sich den Bauch als er fertig war und Shane nickte zustimmend. Gillian fühlte sich geschmeichelt und nahm liebend gerne den Kuss ihres Göttergattens an. Kian beobachtete die beiden mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. "Wie am ersten Tag." warf er ein und die beiden strahlten ihn an. "Sei doch froh! Du hast schließlich immer gesagt, ich soll Gill nie wieder gehen lassen..." erinnerte Shane ihn. "Klar, und das meinte ich auch so!" warnte Kian ihn zurück und stand auf, um seinen Teller in die Spüle zu räumen. "Lass mal Kian, ich mach das schon." "Kommt überhaupt nicht in Frage, du hast gekocht." informierte Kian sie und Gillian seufzte. Sie erhob sich von Shanes Schoß und schob Kian unsanft von der Spüle weg. "Du bist unser Gast, also benimm dich bitte auch so!" scherzte sie und stemmte zum zweiten Mal am Tag die Hände in die Hüften um Kian klein zukriegen. "Gott, wie hab ich diesen Sturkopf vermisst. Shane, wie hälst du das bitte aus?" fragte Kian verzweifelt. "Ganz einfach, mir ist sie unterworfen!" Gillian schwang entrüstet mit dem Handtuch, dass sie gerade in der Hand hielt. "Wenn hier jemand jemandem unterworfen ist, dann ja wohl du mir mein Lieber..." flötete die zuckersüß und warf ihrem Ehemann einen Handkuss zu, den Shane auffing und spielerisch gegen seine Lippen drückte. Er stand nun auch auf und führte den lachenden Kian aus dem Raum.

"Kommst du eben kurz mit hoch? Ich will nochmal nach den Kids sehen." fragte Shane. "Klar. Dann kann Gillian in der Zeit zu Ende abspülen, wenn sie schon keine Hilfe will." "Du kennst doch die Frauen, Kian. Wenn man ihnen Hilfe anbieten, schlagen sie alles ab und sind beleidigt, weil sie denken, wir denken, sie würden es nicht alleine schaffen. Und wenn wir nicht helfen wollen, sagen sie, wir seien ein faules Pack!" Kian schmunzelte.

Sie betraten das Kinderzimmer von Alesha, das dem von Ilyssa stark ähnelte, obwohl Alesha drei Jahre jünger war. Die Regale waren vollgestopft mit rosa Plüschtieren, Barbies und Puppen und an den pinkgestrichenen Wänden hingen Gemälde und ein paar Fotos. Der blaue Teppichboden passte überhaupt nicht zur Wandfarbe und war übersät mit Spielzeugkisten, Schulheften und Mädchenzeitschriften. In dem Bett unter dem Fenster mit den türkisen Vorhängen lag Alesha auf dem Bauch und blätterte in einem Heftchen. "Hallo Daddy!" rief sie fröhlich, strampelte sich aus der Walt Disney-Bettdecke frei und rannte auf Shane zu, der sie auf seine Arme nahm. An diesen Anblick musste Kian sich erst gewöhnen. Alesha blinzelte über Shanes Schulter zu Kian und grinste ihn schief an, ohne was zu sagen. "Na Süße.. wieso schläfst du denn noch nicht?" fragte ihr Daddy und hob die Augenbrauen hoch. "Meine Lehrerin hat gesagt, ich muss das Heft da bis Montag zu Ende lesen und das ist total schwierig." sagte Alesha. "Dabei kann ich dir ja morgen helfen, okay? Aber nun schlaf, sonst bist du Morgen müde." sagte Shane liebevoll und strich ihr über die Haare. "Okay." Alesha sprang aus Shanes Armen und legte sich wieder ins Bett. Ihr Daddy deckte sie zu und knipste im Rausgehen das Licht aus. "Schlaf gut, Süße." "Gute Nacht Daddy." flüsterte die Kleine und Kian hörte die Müdigkeit in ihrer Stimme hochkrabbeln.

Shane schloß die Tür und zwinkerte Kian zu, bevor er ins nächste Zimmer ging. Dort sah Kian über die Schultern seines Freundes Luke seelig schlummernd im Bett liegen. Shane betrat das im Dunkeln liegende Zimmer nur kurz, um das sperrangelweit offene Fenster zu schliessen und kam dann wieder heraus. "Ich muss Ben eben noch eincremen, ist das okay?" fragte er dann Kian und ging schon auf die dritte Tür auf diesem Flur zu. "Klar. Ich bin überhaupt nicht da. Wenn es dir lieber ist, kann ich auch schon runter gehen und Gillian vielleicht doch noch helfen." schlug Kian vor, weil es ihm unangenehm war, Shane dabei zu zusehen, als sei Ben eine Attraktion, die man besichtigen konnte. "Nein, bleib ruhig." erwiderte Shane kurzangebunden und deutete ihm, mitzukommen. Ben's Zimmer war hell- und dunkelblau gestrichen und ein bunt getupfter Teppichboden war verlegt worden.

Shane cremte Ben liebevoll ein, aber er quängelte trotzdem. Scheinbar war es unangenehm, wenn man die befallenen Stellen berührte. Kian lehnte sich an die Kommode und starrte an die gegenüberliegende Wand. Er versuchte, Ben's Gebrabbel zu verstehen, aber der der Kleine lag schon im Halbschlaf und bemerkte wohl selber kaum, dass er redete. Schnell war Shane fertig und zog dem Jungen Höschen und Hemd wieder an und deckte ihn zu.

"Lass uns runter gehen, Gillian dürfte jetzt fertig sein." sagte Shane dann lächelnd und schloß die Tür hinter sich, als Kian den raum auch verlassen hatte. "Okay. Ach Shane... hast du noch Kontakt zu Mark?" fragte Kian und schaute seinen Freund an. "Naja..." stotterte Shane. "Nicht richtig. Er hatte ja damals diese Affäre mit Jade, ich weiss nicht, ob du das mitbekommen hast. Sie war ja erst 20 und ihr Vater, der war so ein richtiger Spießer, wollte nicht, dass sie sich mit Mark traf. Jedenfalls ist Mark dann, nachdem du verurteilt worden bist, zu ihr gefahren und die beiden sind irgendwohin ausgewandert, wo sie ihre Ruhe haben konnten. Ich glaube, vor anderthalb Jahren etwa ist Mark zurückgekommen, ohne Jade. Er hat mir erzählt, dass sie wohl einen ziemlichen Streit hatten, mehr aber auch nicht. Ich hab seitdem nicht mehr viel mit ihm zutun gehabt. Er hat sich jetzt total zurückgezogen." "Meinst du, ich kann zu ihm fahren?" Shane überlegte nicht lange. "Das weiss ich nicht Kian. Versuch es oder lass es bleiben." "Hast du denn seine Adresse?" "Er wohnt direkt am Strand, ich kann dir die Adresse heraussuchen, wenn du willst." "Ich würde gerne zu ihm hin fahren." räumte Kian ein und Shane nickte. "Alles klar, das mach ich dann morgen früh direkt als Erstes." Sie ereichten das Wohnzimmer und Gillian saß bereits auf dem Sofa, mit einem Fotoalbum auf dem Schoß. Sie lächelte die beiden an. "Ich dachte, wir gucken uns vielleicht ein paar alte Fotos an..."

Kapitel 29

"Guten Morgen, Schlafmütze!" rief Gillian aus und betrat den Raum ohne Zögern. Kian lag quer über dem Bett, die Decke um sich geschlungen, als hinge sein Leben davon ab. Sie zog die Vorhänge vor der Balkontür weg und öffnete die Tür. Warme Sonnenstrahlen fielen in das kühle Zimmer und erhellten es freundlich. Gillian zog Kian genüsslich die Decke weg und lächelte, als er sich daraufhin eng in der Mitte zusammenrollte. Sie trat näher an ihn heran, um ihn anzustupsen, aber als ihre Hand kurz vor Kians Nase war, griff seine Hand nach ihr und sie fiel mit dem Kopf zuerst in sein Bett. "Aaaaah, Kian!" kreischte sie und musste laut lachen. Er nahm sie in einen lockeren Schwitzkasten und fing an, sie zu kitzeln. "Aaah, nein, bitte Kian! Hilfe!" sie strampelte und machte einen Heidenkrach. Kian lachte mit ihr mit und ergab sich erst nach weiteren fünf Minuten. "Da tun einem ja die Ohren weh." grinste er und blickte auf seine Cousine, die auf seinem Schoß lag und ihn von unten anblickte. Sie strubbelte ihm durch die Haare und kniff ihm in die Wange. "Wenigstens bist du jetzt wach. Eigentlich wollte ich dir nur sagen, dass der Frühstückstisch gedeckt ist!" Sie klopfte Kian auf seinen Oberschenkel und raffte sich wieder auf. Aber Kian stoppte sie noch einmal. "Cousinchen..." Sie sah ihm in die Augen. "Du glaubst gar nicht, wie sehr ich sowas vermisst hab." sagte er und Gillian sah die Tränen in seinen Augen. Deswegen umarmte sie ihn kurzerhand und wiegte ihn hin und her wie sie es bei Ben manchmal tat, wenn er sich besonders schlecht fühlte. Dann stand sie auf und ging ohne Worte, nur mit einem Augenzwinkern aus dem Zimmer.

"Guten Morgen Shane!" Kian betrat die Küche und setzte sich auf den gedeckten Platz. Es war gerade erst Neun durch und die Kinder schienen entweder noch zu schlafen oder weg zu sein. "Morgen." murmelte Shane undeutlich und kaute sein Brötchen weiter. "Greif zu." Er deutete auf den Brotkorb und Kian langte danach. Er schmierte sich in Ruhe sein Brötchen, bis Shane ihm einen kleinen Zettel rüberschob. "Das ist Marks Adresse." sagte er. "Aber fahr auf keinen Fall morgens da hin, ich glaube in der Hinsicht hat Mark sich nicht so verändert." Kian lachte. "Das glaube ich auch."

"Danke, dass ich heute Nacht hier bleiben konnte. Sag Gillian nochmal schöne Grüße von mir, ja? Und den Kids auch. Ich komm auf jeden Fall nochmal vorbei, bevor ich zurück nach Dublin fahre." Shane nickte. "Sag ich alles. Und fahr vorsichtig. Wann willst du eigentlich zurückfahren? Weil ich morgen für zwei Tage weg bin..." Shane kratzte sich am Kopf. "Oh.. das trifft sich schlecht." Kian grübelte. "Na mal sehen, ich weiss noch nicht. Ich kann ja auch nicht ewig bei meinen Eltern bleiben, wenn mein Dad mich überhaupt lässt." Nervös kramte Kian in seiner Hosentasche nach dem Schlüsselbund. "Ich muss dann." sagte Kian und hob die Hand kurz zum Gruß, bevor er die Auffahrt runterlief und ins Auto stieg.

"Kerry McFadden?" "Hallo, ich würde gerne mit Molly sprechen." sagte eine Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. "Wer ist denn da?" hinterfragte Kerry neugierig. "Norah." Ihre Stimme zitterte ein wenig. Würde Kerry sie erkennen? Hätte sie doch bloß nicht angerufen! "Und was wollen sie?" Norah schloß die Augen und spielte mit dem Telefonkabel. "Mit Molly sprechen bitte." wiederholte sie höflich. Kerry schlug sich leise vor die Stirn. "Ähm, okay.. entschuldigen sie bitte die unhöflichen Fragen. Ich geb' sie ihnen sofort." Kerry rief nach ihrer Tochter und griff währenddessen eilig nach Papier und Stift um die Nummer von der Anzeige abzuschreiben, bevor Molly ankam. Diese kam auch schon wenig später die Treppe runtergepoltert und griff nach dem Hörer, hielt ihn jedoch noch kurz zu. "Wer ist denn da?" sie sah ihre Mutter gesapnnt an. "Eine Norah." Kerry zog die Augenbrauen hoch, als Mollys Gesichtsausdruck sich verfinsterte. Sie lief betont langsam ins Wonhzimmer und tat, als schließe sie die Tür hinter sich, aber in Wirklichkeit versuchte sie das Gespräch zu belauschen. "Hi Norah! Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht anrufen!" Molly wisperte mehr, als dass sie sprach. "Ja... schon. - Was?" Kerrys Atem ging flach. "Bist du ganz sicher? Das ist ja fantastisch! - Ja, ich hab die Adresse. Wann willst du denn hinfahren?" Langsam verstand Kerry nur noch Bahnhof und sie wünschte sich diese wunderbaren Langziehohren aus einem Kinderbuch, dass sie ihrem jüngsten Sohn früher vorgelesen hatte. "Okay, Montag - Ja, aber ich hab acht Stunden - Hm - Na okay. Holst du mich von der Schule ab? - Prima. Mein Gott, ich freu mich so für dich! Das ist soo cool! - Ach Quatsch, du brauchst mir nicht zu danken - Ja, dann bis Montag!" Molly legte auf und Kerry setzte sich schnell auf die Couch und schnappte sich eine Zeitung mit Rezepten. Sie versteckte sich so gut es ging dahinter und ihr Herz schlug wild. Molly kam ins Wohnzimmer und stellte sich hinter sie. "Ich bin Montag nach der Schule bei Katie, okay?" Sie legte Kerry ihre Arme um die Schulter und drückte ihr ein Küsschen aufs Ohr. "Kann spät werden, vielleicht übernachte ich auch da, mal sehen." Sie wuschelte ihrer Mutter durch die Haare und wandte sich zum Gehen. "Übrigens hälst du die Zeitung falschrum." warf Molly beiläufig ein und lies die Tür zuschnappen. "Ein Glück" dachte Kerry und hasste sich abgrundtief. Wieso hatte sie so ein schlechtes Gefühl bei dieser Sache? Und warum, warum zum Teufel musste sie ausgerechnet jetzt diese blöde Zeitung verkehrt herum halten?

Kian fuhr die ihm vertraute Straße zu seinem Elternhaus entlang und bog bei der kleinen Siedlung links ab. Er parkte etwas entfernt und lief das kleine Stückchen betont langsam. Er hatte ein wenig Angst vor seinem Vater. Hatte seine Mutter ihm doch etwas gesagt oder wirklich nichts erwähnt? Er zog seine Jacke fester zu um den Novemberwind vorbeiziehen zu lassen. Dann stand er zum zweiten Mal in dieser Woche vor der Tür und klingelte.

"Machst du mal auf, Patricia Liebes?" Patricia erhob sich wortlos von ihrem Sessel und stellte die Tasse auf den gedeckten Kaffeetisch. Kevin Egan saß neben seiner ältesten Tochter und redete gerade mit ihr über seine Arbeit an einem Modellflugzeug, das er für ihren Sohn zum Geburtstag bastelte. Außerdem im Wohnzimmer waren Fenella, Tom und Colm, dessen Miene sich mit dem Erklingen der Türklingel schlagartig verfinstert hatte. Patricia lief zur Tür und öffnete. "Hallo Junge. Wir trinken gerade Kaffee." sagte Patricia beiläufig und umarmte ihren Sohn. "Hi. Wer ist denn alles da?" fragte Kian und versuchte einen Blick ins Wohnzimer zu erhaschen, aber Patricia hatte wohlweißlich die Tür zum Flur hinter sich zugezogen. "Tom, Fenella, dein Dad und Colm." Kian schluckte. Gleich so viele... Er atmete tief ein und aus und rieb sich die Hände. "Okay, dann auf in die Höhle des Löwen!"

Kapitel 30

Im Wohnzimmer verstummten plötzlich die Gespräche als Kian den Raum hinter seiner Mutter betrat, die beruhigend seine stark zitternde Hand hielt. Colm sprang sofort vom Sofa auf und wollte den Raum verlassen, doch die beiden versperrten ihm den Weg und er erkannte, dass er nicht durchkommen würde. Fenella sah total geschockt aus und krallte sich in ein Kissen, sein Dad hatte seine Hand auf sein Herz gelegt, das aufgeregt klopfte und Tom war etwas blass geworden. Kian lächelte schüchtern und ihm war, als sehe er diese doch so vertrauten Gesichter zum ersten Mal. "Hi" sagte er dann und sah wie Fenella aufstand. Sie kam langsam auf ihn zu und blieb vor ihm stehen, sah ihm in die Augen. Kian hatte kaum eine Gelegenheit, etwas zu tun, da gab sie ihm eine sanftige Ohrfeige. "Du Monster" brachte sie wütend und mit zitternder Stimme hervor. Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und verließ das Wohnzimmer durch die Gartentür. Colm lief ihr hinterher ohne seinem Bruder einen Blick zu würdigen.

Kian stand dort wie vom Donner gerührt. Er hielt seine Augen geschlossen und legte seine kühle Hand auf die brennende Stelle. Tränen kamen langsam hoch. Das Wort "Monster" schien in seinem Kopf wiederzuhallen. Es wurde immer lauter und lauter und Kian hielt sich die Ohren zu. Seine Mutter stand neben ihm und sah ihn ängstlich an. "Kian, was hast du? Sag doch was... Kian, sie meinte das nicht so, wir lieben dich doch alle... bitte..." Sie brach nun auch in Tränen aus, verzweifelt, dass Kian sie anscheinend nicht verstehen konnte. "Monster... Monster... Monster...DU MONSTER!" drohte es in Kians Kopf. Ihm wurde schwindelig und er taumelte rückwärts, bis er gegen den Türrahmen schlug. Dann wurde er ohnmächtig.

"Kian, kannst du mich hören?" Langsam öffnete Kian seine schweren Augen. Er sah nur verschwommen und er hatte so starke Kopfschmerzen, dass er sie direkt wieder schloss. "Er ist wach. Kian, verstehst du mich? Du brauchst nur nicken." Kian versuchte kläglich seinen Kopf zu bewegen. "Hast du Schmerzen?" Wieder nickte Kian leicht. "Wo?" Kian hob langsam seinen Arm und fasste sich an den Kopf. Erstaunt stellte er fest, dass er einen Verband darum trug. "Kopfschmerzen, kein Wunder. Du bist mit Hängen und Würgen an einer Gehirnerschütterung vorbei geratscht. Sonst noch irgendwo?" Kian versuchte den Kopf zu schütteln. "Wir geben dir jetzt ein Mittel dagegen, okay?" Kian bemühte sich gar nicht erst, zu nicken, denn er spürte jeden einzelnen Knochen in seinem Körper und wollte bloß schlafen. Wenn der Schmerz weg war, würde es wohl gehen...

Er blinzelte. Der Kopfschmerz war fast ganz verschwunden. Langsam sperrte er seine Augen offen und sah sich um. Er lag wohl im Krankenhaus, denn es roch nach Medikamenten und das Bett sah verdächtig danach aus. Neben ihm erblickte er auf einem Stuhl seine Vater sitzen. Er musste wohl eingenickt sein, denn er hatte die Augen geschlossen und sah bewegungslos dort. Kian schaute ihn genau an. Er war alt geworden. Seine Haare waren vollständig ergraut und er hatte ein paar tiefe Furchen im Gesicht. In dem Moment öffnete sich die Tür und Shane kam herein. "Hey Kian, du machst vielleicht Sachen. Ich hab einen gehörigen Schrecken bekommen..." Erst da sah er Kians Vater, der durch die Störung aufgewacht war. Er sah hoch und genau in Kians Augen. Zu seiner Überraschung sah Kian dort keinen Hass oder Wut, sondern Traurigkeit und ein bisschen Angst. Sein Vater sah erst zu Shane und dann zurück zu Kian. "Wie geht es dir Kian?" fragte er heiser. "Naja.. geht so." gab Kian umstandsgemäß zu, obwohl er wusste, dass sein Dad nicht auf seinen Zusammenbruch anspielte. "Hör mal, ich möchte gerne mit dir reden, okay? Ich denke, du weisst ja schon, dass ich ein paar Probleme mit ... dieser ganzen Sache hatte. Aber ich komm lieber morgen wieder. Jetzt ist Shane ja da und... Naja, wie dem auch sei - Tschüss." Er rang sich ein Lächeln ab und nickte Shane kurz zu. Kian sagte kein Wort.

Shane setzte sich auf den freigewordenen Stuhl und nahm Kians Hand. Sie war eiskalt. "Kian?" Langsam wendete Kian Shane seinen tränenverschleierten Blick zu. "Was ist denn passiert? Deine Mutter hat mir am Telefon nur gesagt, dass du im Krankenhaus liegst. Sie war total aufgelöst." Kian konnte die Sorge in seinem Blick erkennen. Kian dachte an die wenigen Minuten zurück, die er im Wohnzimmer war. "Ich weiss es nicht so genau. Ich kam nachhause und es waren ein paar Leute zum Kaffee da. Fenella ist dann aufgestanden und hat mir eine Ohrfeige gegeben und mich ein Monster genannt. Aber danach... keine Ahnung. Aber es war schrecklich!" Kian seufzte. "Kein guter Start zurück ins Familienleben, was?" Shane zuckte die Schultern. "Fenella hat wirklich übertrieben Kian. Sie hat sich da in eine fixe Idee verrannt, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Wenn die ganze Familie sich mal zusammen setzt, wird sie schon erkennen, dass es ein Fehler war. Kian... mach dich bitte jetzt nicht fertig, weil sie sowas gesagt hat, okay?" Shane drückte seine Hand, weil er nicht sicher war, ob Kian ihn gehört hatte, denn dieser schaute aus dem Fenster. Er erwiderte nichts zu de Gesagten. "Hast du mit dem Arzt gesprochen?" Shane nickte unglücklich. "Und?" "Naja, wohl mit viel Glück an einer Gehirnerschütterung vorbei, ein paar blaue Flecken und ein kleiner Bluterguß an der Hand." "Und wann werde ich entlassen?" fragte Kian ungeduldig. Er wollte diese ganze Sache in Sligo so schnell wie möglich aus der Welt räumen. "Nur bis morgen früh nach der Visite. Aber du sollst es langsam angehen lassen und dich möglichst nicht anstrengen oder aufregen." "Soll wohl heißen, das Gespräch ist um ein paar Tage verschoben was?" Kian seufzte und legte den Kopf zurück in das weiche Kissen. "Gibt es wenigstens was zu essen?"

Kapitel 31

Am nächsten Tag meldete Kian sich nach der Visite ab und lief, die Hände in den Hosentaschen, zum Ausgang. Als er herauskam, erschrak er fürchterlich, denn plötzlich war er von mehreren Paparazzi umringt, die versuchten Fotos zu schießen. Er zog sich den Jackenkragen hoch ins Gesicht und rannte einfach drauf los. "Oh Gott, was wollen die von mir." dachte Kian und sein Herz klopfte. Er hatte keine Lust, morgen die Zeitung aufzuschlagen und sein Gesicht mal wieder darin zu sehen, gerade als er sich daran gewöhnt hatte, nicht mehr fürchten zu müssen, mit irgendeiner Lügengeschichte aufs Titelblatt zu kommen. Er sah sich suchend um, ob er Gillians Auto sah, die sich bereit erklärt hatte, ihn abzuholen. Er sah es etwas entfernt stehen und lief so unauffällig und doch schnell wie möglich dorthin. Gillian machte ihm schon die Tür auf und sobald er beide Füße im Auto hatte, trat seine Cousine aufs Gaspedal. "Meine Güte, was ist denn hier los?" fragte Gillian und Kian musste erst einmal nach Luft schnappen. "Woher wissen die bitte schön, dass du im Krankenhaus warst? Und warum zum Teufel interessiert es sie?" Kian grübelte. Er wusste auch keine Antwort darauf. "Vielleicht haben sie ja auf jemand anders gewartet." warf Kian ein. "Ja klar und ich bin der Kaiser von China. Nee nee, mein Lieber, irgendwas ist hier oberfaul."

Gillian fuhr ihn zu seinem Elternhaus und stieg mit aus. "Nein G, bitte fahr nach Hause." "Kommt gar nicht in die Tüte, ich geh da jetzt mit rein Kian, es ist außerdem genauso gut meine Familie, ich betrachte das jetzt einfach mal als Familienbesuch." Kian schüttelte genervt den Kopf und lief genauso nervös wie gestern auf die Tür zu. Gillian nahm beruhigend seine Hand in ihre. Aber das machte Kian gerade noch nervöser. Was wenn ihnen ein Fotograf gefolgt war? Er wollte nicht, dass morgen womöglich noch in der Zeitung stand, dass er ein Verhältnis mit Gillian hatte. Deswegen schüttelte er sie sanft aber bestimmend ab. Gillian drückte für ihn auf den Knopf und die vertraute Melodie erklang.

"Hi ihr beiden, kommt herein." "Hallo Patricia, schön dich mal wieder zu sehen. Schade bloß, dass es solche Umstände sein müssen, was?" Patricia nickte traurig und schloß ihren Sohn in die Arme. "Geht es dir wieder besser? Hast aber einen ganz schönen blauen Fleck im Gesicht." stellet seine Mutter fachmännisch fest und strich sanft darüber, was bei Kian eine Gänsehaut verursachte. "Naja, lasst uns ins Wohnzimmer gehen, und heute sind alle da." warnte Patricia. "Aber sie sind ja vorgewarnt und Fenella hat geschworen, dich nicht anzurühren." versicherte sie danach. Also öffnete sie die Tür zum Wohnzimmer und lächelte kurz noch zuversichtlich Kian an. Sie betraten zu dritt das Zimmer und Kian sah seine ganze Familie dort versammelt. Seinen Dad, Vivienne, Fenella, Mariella, Colm, Tom, Gavin und ein paar dazugehörige Ehefrauen und Ehemänner.

Vivienne traute sich als Erste, sich zu bewegen. Sie erhob sich vorsichtig und ging auf Kian zu. Dieser erlebte gerade ein Déja-vue und wollte schon wegrennen, als er Viviennens Arme um seinen Nacken spürte. Sie drückte ihn feste und er kam nicht drumrum sie auch zu drücken. Er freute sich viel zu sehr, dass sie ihm anscheinend verziehen hatte. "Hallo Bruderherz." wisperte sie leise in sein Ohr und Kian gab ihr einen Kuss auf die Wange. "Hallo Schwesterchen." "Nenn mich nicht Schwesterchen, du weisst dass ich das hasse!" zwinkerte sie fröhlich. "Dann nenn mich nicht Bruderherz, das mag ich auch nicht!" Sie brachen in Gelächter aus und ihre Mutter kam zu ihnen, nahm sie beide in ihre Armen. "Schön, dass ihr euch immernoch so gut versteht. Aber jetzt setzt euch mal, ich denke, wir haben viel zu erzählen."

Nach zwei Stunden angespanntem Gespräch klingelte es plötzlich an der Tür. "Wer kann das denn sein?" fragte Patricia laut und stand auf um zu öffnen. Man hörte vom Wohnzimmer aus nur einen kleinen Aufschrei. Dann kam sie zurück und Kian verschluckte sich an seinem Wasser, dass er gerade trank, als er Mark im Türrahmen stehen sah. "Hallo Leute." sagte er gespielt fröhlich. "Hat heute noch keiner Zeitung gelesen?" Er wedelte damit herum und lief dann doch unsicher auf Kian zu und warf sie ihm auf den Schoß. Kian war sich nicht sicher, aber er glaubte ein leichtes Nicken von Mark gesehen zu haben. Er schlug also die Zeitung auf und brauchte gar nicht lange zu suchen. Schon auf der zweiten Seite leuchtete es ihm entgegen:

"Skandal! Ehemaliger Westlife Sänger und verurteilter Mörder Kian Egan aus Sligo wieder auf freiem Fuß!"

Weiter wollte Kian schon gar nicht mehr lesen. Er warf die Zeitung auf Gillians Schoß und ging zum Fenster. Wie so oft in diesen Tagen hatte er wieder mit den Tränen zu kämpfen. Die Zeitung wurde stillschweigend immer weiter gereicht und Kian hörte leise Schritte auf dem Teppichboden näher kommen. Er spürte eine Hand auf seiner Schulter und wagte nicht aufzusehen. "Ich steh hinter dir Kian." hörte er dann eine tränenerstickte Stimme sagen. Da blickte er doch auf und sah Mark dort stehen, wo er Gillian oder seine Mum vermutet hatte. "Es war dumm von mir, dich so lange alleine zu lassen. Du warst doch mal mein bester Freund und ich hab alles kaputt gehen lassen." Kian schüttelte unter weiteren Tränenschüben den Kopf und legte nun auf seinen Hände auf Marks Schultern. "Quatsch. Es ist schon okay Mark. ich bin dir dankbar, dass du wenigstens jetzt kommst." Mark schluchzte. "Es tut mir trotzdem leid..." Kian vergrub sein Gesicht in Marks warmer Umarmungund sperrte seine Gedanken für einen Moment aus. Doch dann fiel ihm etwas ein. "Mark?" "Hm." Er wollte die Umarmung nicht unterbrechen. "Was war das für eine Zeitung?" "Sun" "Steht da was wegen dem Krankenhaus drin?" "Ja, sogar mindestens ne halbe Seite." "Shit." murmelte Kian und löste sich nun doch etwas beschämt von Mark. "Mum? Kann ich mal eben kurz telefonieren?" "Aber sicher, Schatz. Du weisst ja wo das Telefon steht." Kian lief schnell in den Flur und wählte Nickys Nummer.

"Byrne?" "Hi, hier ist Kian." "KIAN! Wie geht es dir, was hast du gemacht, hast du schon gesehen, dass du fett in der Zeitung stehst?" hörte Kian Georgina aufgeregt am anderen Ende der Leitung schnattern. "Ähm, ja... aus dem Grund rufe ich an. Ich wollte euch nur sagen, dass es mir gut geht und ihr euch keine Sorgen machen braucht." "Tja, leider etwas zu spät... Nicky ist vor anderthalb Stunden nach Sligo gefahren." Kian stöhnte. Das konnte doch nicht wahr sein! "Hat er sein Handy bei? Dann ruf ich ihn an und sag er soll umdrehen." "Nee, leider hat er das gestern noch geschrottet." "Toll." Kian grübelte. "Naja, da kann man dann wohl nichts mehr machen." "Aber danke, dass du angerufen hast Kian. Ich hab mir auch schon Sorgen gemacht. Aber leider konnte ich nicht mitfahren, wegen den Kindern." "Das ist lieb Gina. Aber du, ich muss jetzt Schluss machen, ich bin grad bei meiner Familie, wollte ja nur eben Bescheid sagen..." "Kein Problem. Bis dann ne? Komm vorbei, wenn du zurück bist und erzähl alles!" "Mach ich, danke und tschüss!"

Kian legte auf und ging zuück ins Wohnzimmer, wo die Gespräche wieder im Gange waren. Er setzte sich zwischen Mark und Gillian und lächelte die beiden an. Er hoffte, dass nun alles wieder gut werden würde.

Kapitel 32

Erneut klingelte es an der Tür und diesmal kam Kian seiner Mutter zuvor. "Bleib ruhig sitzen Mum, ist eh für mich." sagte er zu ihr. Dann lief er in den Flur und öffnete die Tür. "Hi Ni- Shane?" Kian sah seinen Freund erstaunt an. "Was machst du hier, ich dachte du wärst weg?" "War ich ja auch." Shane betrat den Flur und zog seine Jacke aus. "Aber als ich die Zeitung gelesen hab, bin ich sofort wieder umgedreht. Das kann auch noch ein paar Tage warten." "Aber-" "Kein Aber Kian, ich will dir jetzt beistehen, ich weiss, dass es dich mitnimmt, du brauchst mir nichts vorzumachen." Shane lief an Kian vorbei zum Wohnzimmer, aber Kian hielt ihn am Ärmel fest. "Shane, Mark ist hier." Erschrocken blieb Shane stehen. "Was?" Sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Kian zuckte die Schultern. "Er ist eben mit der Zeitung in der Hand hier aufgekreuzt." sagte er. "Ja... und?" "Shane, es ist so schön, er hat mir verziehen." schluchzte Kian plötzlich und ihm liefen, diesmal freudige Tränen über die Wangen. Shane wollte Kian gerade in seine Arme schließen, als sowohl die Wohnzimmertür aufging, als auch die Türklingel zum dritten Male ging. Kian wandte sich zur Tür um und öffnete. "Hi Nicky." sagte er und lächelte. "Du hättest nicht extra aus Dub kommen müssen. Ich hab eben noch bei euch angerufen." begrüsste Kian ihn. "Kein Problem, zuhause ist mir eh die Decke auf den Kopf gefallen. Wie geht es-" Nicky hatte seinen Blick schweifen lassen und Mark und Shane entdeckt. "Hey ihr Zwei, das ist ja mal ne Überraschung!" "Hallo Nicky! Was machst du denn hier? Wir haben uns ja ewig nicht gesehen!" sagte Mark. "Um genau zu sein fast elf Jahre." sagte Nicky fast traurig und nahm Mark in den Arm. "Hey, ich will auch." sagte Shane und schummelte sich in die Umarmung. Kian stand etwas außenvor und sah der Szene mit wässrigen Augen zu. Shane bemerkte Kians Zustand und öffnete die Umarmung, um ihn auch herein zu lassen. "Komm her Kumpel." Er legte seinen Arm auf Kians Rücken und Kian lächelte glücklich. Hätte man ihm vor ein paar Tagen gesagt, dass er sich bald mit seinen besten Freunden ausgesöhnt war und seiner Familie wieder halbwegs in die Augen schauen konnte, hätte er denjenigen für total bescheuert erklärt.

"Schade, dass Bryan nicht hier ist." sagte Shane niedergeschlagen und Mark sah auf. "Wie geht es ihm denn? Hast du ihn schon gesehen Kian?" Schmerzlich erinnerte Kian sich an die Begegnung zurück. "Ja, aber leider war es ein bisschen unglücklich." "Pah! Ein bisschen! Der Kerl ist total ausgetickt. Hat Kian wüst beschimpft. Nur weil Molly zu IHM gekommen ist und mit ihm reden wollte. Freiwillig!" "Du hast mit Molly geredet? Da bist du ja sogar mir einen Schritt vorraus." seufzte Mark. "Ich muss endlich mal wieder aus meinem Mauseloch rauskommen, fürchte ich. Ich bekomm gar nichts mehr mit und ich hab sogar deinen Geburtstag verschlafen, Nicky." Mark sah ihn entschuldigend an. "Ach was. Damit bin ich die letzten Jahre auch ausgekommen." Nicky klang etwas verbittert, denn er hatte allen immer auf irgendeine Weise seine Geburtstagsgrüße zukommen lassen. "Ach Nicky, bitte sei nicht sauer. Ich hatte so viel um die Ohren, nachdem Jade..." Er stoppte und sah seine Freunde unsicher an. "Was ist denn mit Jade?" fragte Shane etwas ungehalten. "Mark, wir sind deine Freunde, wir waren etwas enttäuscht als ihr zwei ohne vorher viel zu sagen, einfach weggegangen seid und seit du wieder da bist, sind wir auch nicht an dich ran gekommen." Mark räusperte sich und es war ihm sichtlich unangenehm. "Sollen wir nicht woanders hingehen?" fragte er und Shane, Nicky und Kian nickten. Sie liefen in die Küche und liessen sich auf den Stühlen nieder. "Also..." begann Mark und knöpfte nervös seine Jacke zu. Erst da fiel Kian auf, dass er sich kaum verändert hatte, bis aufs Alter natürlich. Er war immernoch etwas pummelig, hatte seine lieben Gesichtszüge behalten, er trug wie früher so oft einfache Jeans, ein Tshirt und eine schwarze Jackettjacke. Und seine Haare waren immernoch so kurz, als wären sie gerade frisch geschoren, wie Mark es vor jeder Tour gemacht hatte. Dadurch konnte man den Wirbel am Ansatz ganz deutlich erkennen.

Sein Blick wanderte zu Shane, als er weiterhin darauf wartete, dass Mark anfing zu sprechen. Auch Shane hatte sich wenig verändert. Er schien sehr viel älter geworden zu sein, was Kian der hohen Verantwortung für seine Kinder und vor allem für Ben zuschrieb. Er trug einen Anzug, was vermutlich mit seiner kleinen Reise zu tun hatte und seine Haare lagen etwas unordentlich flach auf seinem Kopf. Anscheinend hatte er es aufgegeben, sie hochzugeelen, seit seine Geheimratsecken zu stark geworden waren.

Nicky hatte sein Haare wieder lang wachsen lassen, sie fielen fast bis in seinen Nacken und sahen ein wenig ungewaschen aus. Er trug eine dunkle Jeans und ein lockeres Hemd, das er morgens bei seinem eiligen Aufbruch augenscheinlich etwas falsch geknöpft hatte. Seine Augen funkelten glücklich, als sein Blick umherwanderte und Kians kreuzte. Sie hielten ein paar Sekunden Blickkontakt, doch dann begann Mark endlich zu reden.

"Ähm... Ich weiss nicht recht, wo ich anfangen soll... Also, wir sind etwa zwei Jahr nach deiner Verhaftung, Kian, also... danach sind wir zusammen abgehauen nach Australien und haben dort ungestört gewohnt. Anscheinend kannte mich dort kaum einer." Mark drehte nervös an seiner Armbanduhr herum. "Sechs Jahre später, am 01.05.2013 haben wir geheiratet." Marks Blick wurde immer geistesabwesender. "Ganz still in einer kleinen Zeremonie am Strand. Es war wunderschön." Mark legte eine kleine Pause ein, in der niemand etwas sagte; keiner wollte ihn stören, er schien vollkommen in seinen Erinnerungen verloren. "Wir hatten eine wundervolle Zeit auf in dem kleinen Dorf in Australien, in dem wir damals lebten, aber eigentlich sind wir immer umher gezogen. Drei Jahre danach war Jade plötzlich schwanger. Ich hab mich so gefreut und sie war auch überglücklich, aber manchmal hab ich sie abends leise weinen gehört. Wenn ich sie darauf angesprochen habe, hat sie es immer auf die Hormone geschoben..." Marks Stimme zitterte. "Ich hab es dann als sie im fünften Monat war auch so rausgefunden. Sie hatte schon seit geraumer Zeit einen Anderen und hat mich mit ihm betrogen. Ich hab die beiden erwischt." Nicky, der neben ihm saß, ergriff wortlos seine Hand. "Das Kind ist von ihm." brachte Mark gerade noch heraus, dann liefen die ersten Tränen. Immernoch sagte keiner ein Wort, aber Nicky nahm ihn fürsorglich in den Arm. "Es hat so weh getan, ich wollte einfach nur alleine sein. Ich hab gedacht, sie wäre die Richtige, aber sie hat mich nur benutzt." Da brach Shane das Schweigen. "Das konntest du doch nicht wissen Mark! Du hast sie geliebt, vielleicht hat sie dich auch einmal geliebt, am Anfang." Nicky nickte. "Mach dir keinen Vorwurf. Sie weiss nicht, was sie verpasst, wenn sie dich gehen lässt."

Mark seufzte und wischte sich beschämt die Tränen weg. "Naja, jedenfalls bin ich dann zurück nach Irland geflogen, dass war vor etwa anderthalb Jahren." Mark suchte Shanes Blickkontakt. "Es tut mir leid, dass ich dich damals so unfreundlich weggeschickt hab. Du hast gestimmt gedacht, ich wäre zu einem totalen Arschloch mutiert." Shane grinste. "So in etwa. Aber was willst du anderes erwarten, Mark. Wir hatten uns fast zehn Jahre nicht gesehen. Und dann will ich dich besuchen und du reagierst total abweisend. Das war ein ganz schöner Schock." Mark sah ganz zerknirscht aus. "Das tut mir Leid Shane." "Brauch es nicht. Ich weiss ja jetzt, was dahinter gesteckt hat. Ich hätte wahrscheinlich genauso reagiert, wenn Gill mich betrogen hätte." Mark fing an zu lächeln. "Jetzt erzählt aber mal, was ihr so gemacht habt die letzten Jahre..."

Kapitel 33

"Hallo Molly, schön dich zusehen!" Norah holte Molly wie abgemacht von der Schule ab, damit Kerry sie nicht sehen würde. Norah versuchte ihre Nervosität zu verstecken und lächelte Molly an. "Hi Norah! Fahr schnell los, je eher wir da sind, desto besser!" Molly ließ sich in den Sitz fallen und klatschte aufgeregt in die Hände. "Hast du dir schon überlegt, was du ihm sagen willst?" "Nicht wirklich." sagte Norah knapp. Sie hatte jetzt nicht die Nerven, sich mit großartig mit Molly zu unterhalten. Diese verstand den Wink und blieb den Rest der Fahrt ruhig.

Etwa anderthalb Stunden später waren sie dann nach einigen Fehlversuchen in der Straße, in der Kians Wohnung lag. Sie suchten die Hausnummer 14 und standen dann vor einem Mehrfamilienhaus. Norah suchte an den Klingeln nach 'Egan' und fand den Knopf schließlich ganz oben. "Soll ich wirklich?" fragte sie. "Na hör mal!" Molly stemmte ihre Hände in die Hüften. "Du hast selber gesagt, dass du ihn sehen willst!" Als Norah dennoch zögerte, schob Molly sie zur Seite und drückte für sie.

Sie warteten einige Zeit, aber es tat sich auch nach mehrmaligem Klingeln nichts. Plötzlich hörten sie Schritte hinter sich. "Guten Tag, kann ich ihnen irgendwie behilflich sein?" fragte eine Frau etwa Mitte Sechzig sie und lächelte freundlich. Norah räusperte sich. "Ähm, vielleicht. Wir wollten zu Mr. Egan, aber anscheinend ist er nicht zuhause. Wissen sie vielleicht, wo wir ihn finden können?" Die Frau lächelte. "Ja, das weiss ich in der Tat. Warten sie einen Moment hier, obwohl, sie können auch mitkommen. Kommen sie!" Sie schloß die Tür auf und wartete, bis die beiden hinter ihr in den Hausflur getreten waren. "Meine Wohnung ist eine Etage höher. Oder wollen sie lieber hier warten?" "Ganz egal." Also setzte die Frau sich wieder in Bewegung und Norah entschied, ihr zu folgen. Als sie die Wohnung betrat, war sie erst einmal erstaunt. Von außen und im Flur sah das Haus etwas heruntergekommen aus, aber die Wohnung entsprach diesem Bild nicht. Sie war hell und freundlich eingerichtet, man fühlte sich direkt wohl. Wie Kians Wohnung wohl aussah?

"Woher wissen sie, wo er sich aufhält, Mrs.?" "Oh entschuldigen sie bitte, ich hab mich gar nicht vorgestellt. Ich bin Rosalyn Hagerty." Sie hielt erst Norah und dann Molly lächelnd ihre Hand hin, die die beiden genauso lächelnd schüttelten. Norah wiederholte ihre Frage. "Ach." Rosalyn winkte ab. "Ich glaube, dass könnte ihnen im Moment ganz Irland sagen. Mich wundert es eher, dass sie es nicht wissen!" Norah sah die Frau verwirrt an und nahm dann ganz verdattert die Zeitung entgegen, die sie ihr hinhielt. Sie schlug die Zeitung auf und sofort sah Kian ihr entgegen...

"Skandal! Ehemaliger Westlife Sänger und verurteilter Mörder Kian Egan aus Sligo wieder auf freiem Fuß!
Der wegen dem Mord am Reporter Stan Harris im Jahr 2005 verurteilte Ex-Boygroup Sänger Kian Egan aus Sligo wurde vor etwa zwei Monaten aus der Therapie entlassen. Zuvor hatte er fünf Jahre Gefängnis und fast 8 Jahre in der "Geschlossenen psychotherapeutischen Klinik Dublin" verbracht.
Sein Mord an dem Reporter hatte vor 13 Jahren einen riesen Skandal ausgelöst, monatelang beherrschte dieser Fall die Medien. Egan wurde nur zu 13 Jahren Buße verurteilt, was bei vielen Leuten und auch Stars Entsetzen auslöste. Grund für das äußerst milde Urteil war eine mysteriöse Krankheit, die Egan haben sollte. Es handelt sich dabei um eine Form der multiplen Persönlichkeit, die meistens während der Jugendjahre durch prägende Erlebnis hervorgerufen wird, z.B. wenn ein kleines Kind Zeuge eines Mordes oder Opfer sexuellen Missbrauchs wird. Doch wie der Arzt und auch seine Familie uns damals bestätigen konnten, liegt nichts dergleichen vor, sodass man die Krankheit als Flucht vor der Strafe ansehen könnte.
Lesen sie auf den folgenden Seiten genauere Berichte über multiple Persönlichkeitsstörungen, über die Gerichtsverhandlung im Jahr 2005, über Kian Egans Vergangenheit..."

Norah blickte geschockt auf. Mrs. Hagerty sah sie milde lächelnd an. "Schlagen die Seite 5 auf, da stehts." sagte sie dann. Norah wollte die Zeitung umblättern, aber ihre Hand zitterte so stark, dass sie es nicht schaffte. Rosalyn schob sie zum Küchentisch und drückte sie auf einen Stuhl, damit ihre Beine nicht womöglich noch nachgaben. Molly stand mit blassem Gesicht dahinter. Dieser Artikel glich fast haargenau denen, die sie im Zeitungsarchiv in der Stadtbibliothek gefunden hatte. Norah schlug Seite 5 auf.

"Gestern wurde der verurteilte Mörder Kian Egan, der seit Anfang Oktober wieder auf freiem Fuß ist, in ohnmächtigem Zustand in das Sligo General Hospital eingeliefert. Ein Freund der Familie Egan erzählte: "Kian war nach seiner Entlassung das erste Mal nach Hause gekommen und traf dort auf seine ganze Familie. Sein Vater ist ausgerastet und hat ihn verprügelt, bis er ohnmächtig war und ins Krankenhaus musste." Dort wird er jetzt stationär behandelt. Wann er entlassen wird, ist noch unklar. Die "Sun" bleibt dran und hält sie auf dem Laufenden."

Norah konnte nicht mehr. Die Bilder, die dabei waren, gaben ihr den Rest. Kian auf dieser ambulanten Liege, von nah, von fern, alte Bilder... Sie legte ihren Kopf auf die kühle Tischplatte und ließ die Tränen laufen. Molly stand etwas unsicher dahinter und streichelte sanft ihren Rücken. Rosalyn lief ins Badezimmer und holte einen nassen Waschlappen. "Hier." sagte sie fürsorglich. "Legen sie sich das auf die Stirn." Norah tat wie gehießen und schniefte etwas. "Es tut mir leid, dass ich ihnen solche Umstände mache." "Kind, sie machen keine Umstände. Es tut mir gut, mal wieder ein bisschen Besuch zu haben." Sie lächelte freundlich und Norah fühlte sich besser. Rosalyn setzte sich dann auf den zweiten Stuhl und deutete Molly, sich auch hinzusetzen. "Darf ich fragen, warum sie den Herrn Egan besuchen wollten?" Norah überlegte, was sie sagen sollte, aber Molly unterbrach diese Gedanken. "Wir sind Freunde von ihm." Die alte Frau nickte. "Richtig. Ich hab gleich gedacht, dass ich dich irgendwo her kenne." "Ja. Ich bin Molly McFadden." Rosalyn blinzelte. "Molly McFadden?" Sie nahm ihre Brille ab und studierte Molly genau. "Richtig. Du hast dich verändert, Kind. Das letzte Bild von dir muss bestimmt zehn Jahre alt sein." "Ja, das könnte hinkommen. Und ich bin ganz froh drum, dass es so ist."

In der Zwischenzeit hatte Norah sich wieder etwas gefasst. "Mrs. Hagerty..." fing sie an. "Rosalyn." "Wie?" verwirrt blickte Norah sie an. "Ich hasse es, gesiezt zu werden." erklärte Rosayln grinsend. "Achso." Norah musste auch etwas lachen. "Also. Haben sie schon mit Kian geredet, seit er hier wohnt?" Nervös spielte Norah mit ihren Fingern herum und knibbelte an dem Nagellack. "Sicher. Lass mich überlegen... ich glaube, das war an dem Tag wo er eingezogen ist. Vorher hat er etwa eine Woche lang die Wohnung renoviert. Es ist die unterm Dach, richtig schöne Wohnung. Und dann kam er irgendwann einmal abends zu mir und wollte sich vorstellen. Netter Kerl, kann ich sagen. Sehr freundlich. Er hat eine Flasche Wein mitgebracht und wir haben uns über das Haus und die Nachbarn und sowas alles unterhalten. Ich wohne ja schon hier seit ich dreißig bin. Ich glaube, er ist etwa zwei Stunden geblieben, danach ist er wieder hoch zu sich." Rosalyn versuchte sich genauer zu erinnern. Dann sah sie auf die Uhr. "Du lieber Himmel, es ist schon acht Uhr! Stockfinster ist es draußen. Wo kommt ihr her?" "Molly wohnt in der Stadtmitte und ich in Dun Laoghaire." sagte Norah und blickte aus dem Fenster. "Kinders, bei dem Wetter lass ich euch auf keinen Fall noch bis Dun Laoghaire fahren! Es regnet in Strömen! Nein nein, kommt nicht in die Tüte, ich richte euch das Gästezimmer her." Norah wollte protestieren und auch Molly war kurz davor, ihre Stimme zu erheben, aber Rosalyn blieb hart. "Nichts da. Ihr bleibt hier. Ich bin heilfroh, wenn ich bei dem aufkommenden Gewitter ein bisschen Gesellschaft habe. Molly, möchtest du deine Eltern anrufen?" "Ähm, nein danke." gab Molly sich geschlagen. "Ich hab ihnen erzählt, dass ich bei meiner Freundin schlafe." räumte sie ein und erntete einen bösen Blick von Rosalyn. "Die Jugend von heute hat keinen Respekt mehr vor ihren Eltern..." sagte sie kopfschütelnd und verließ den Raum, um das Bett im Gästezimmer zu beziehen.

Molly sah Norah an. "Vielleicht kommt er ja morgen nachhause, bevor wir zurückfahren." "Molly, wir müssen aber ganz früh fahren. Erstens hast du Schule, zweitens ist meine Tochter alleine zuhause und drittens möchte ich Rosalyn nicht noch mehr Umstände machen, als ich es eh schon tu." sagte Norah mit gedämpfter Stimme. "Ach was. Schule kann ich auch gut mal sausen lassen, das interessiert doch keinen, deine Tochter ist eh schon erwachsen und freut sich, wenn sie mal Ruhe hat und Rosalyn ist über Gesellschaft froh, dass hat sie doch gesagt. Wir können ja irgendwann nochmal hier her kommen und ihr einen dicken Blumenstrauß vorbei bringen. Und weisst du was ich jetzt mache?" Molly hüpfte auf und ab. "Nein, aber du wirst es mir bestimmt sagen." "Ich ruf jetzt bei Shane an und sag ihm, dass er Kian nachhause schicken soll." Einen Moment herrschte Ruhe und Molly setzte sich betreten wieder hin. "Meinst du nicht?" "Molly, du kannst doch jetzt da nicht einfach anrufen. Er wird bestimmt Fragen stellen und außerdem weisst du doch gar nicht, ob Kian überhaupt da war. Oder ob sie sich nicht vielleicht wieder gestritten haben." "Genau das ist der Punkt. Ich werde es auch nie wissen, wenn ich nicht anrufe!" sagte Molly und lief in den Flur. "Rosalyn?" "Ja?" Molly hörte die Stimme der alten Frau aus einem Zimmer kommen. "Kann ich mal kurz das Telefon benutzen?" Natürlich, es steht im Flur." sagte sie und Molly drehte sich suchend um, bis sie es schließlich fand. Sie kramte in ihrer Tasche nach dem kleinen Notizbuch, in dem sie alle Telefonnummern stehen hatte und suchte Shanes heraus.

"Halloooo!" "Hallo, ähm, hier ist Molly McFadden. Wer ist denn da?" "Alesha." hörte sie die piepsige Stimme sagen. "Ist dein Daddy zuhause?" "Nein, der ist bei Kian." sagte sie vergnügt. "Hm. Okay. Dann tschüss." sagte Molly kurzangebunden und legte nach dem etwas verrückten Abschiedgruß der Kleinen auf. "So ein Mist." fluchte sie vor sich hin und suchte in dem Büchlein nach der Nummer der Egans. "Hoffentlich geht Kian nicht dran!" betete sie, als sie wählte. "Patricia Egan?" Molly atmete erleichtert auf. "Hallo Patricia. Hier ist Molly." sagte sie. "Molly! Das ist ja eine Überraschung! Was gibt es Neues?" "Ach, eigentlich nicht viel. Sorry, dass ich vielleicht störe, aber Kian ist doch bei euch, oder?" "Ja, er ist hier." sagte Partricia jetzt etwas weniger enthusiastisch. "Was ich nämlich fragen wollte ist, wann er wieder zurück nach Dublin kommt." Mollys Herz klopfte ein bisschen. "Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung. Er sitzt nämlich gerade mit Shane, Nicky und Mark in der Küche. Soll ich ihn fragen?" "Nein nein, ist schon okay. Aber es wäre lieb, wenn du ihm sagen würdest, dass es schön wäre, wenn er morgen zurück kommt." Molly kreuzte die Finger, dass Patricia nicht nach dem Grund für diese Bitte fragte und spürte, dass diese sich genau diese Frage gerade verkniff. "Alles klar, sag ich ihm. Wie geht es deinen Eltern und Lilly und Jamie?" fragte Patricia ablenkend. "Also Dad schreibt immernoch an seinen Liedern und Mum arbeitet noch bei Hotstars und bei dieser TV Show. Alle sind gesund und munter und die Schule läuft auch gut." fasste Molly die Situation knapp zusammen. "Das ist schön zu hören." Patricia räusperte sich. "Hör mal, ich muss Schluss machen, ich hab die ganze Familie hier im Wohnzimmer sitzen, die auf mich wartet. Aber es war schön, dass du mal wieder angerufen hast." sagte Patricia abschließend. "Ja, hat mich auch gefreut, mal wieder von euch zu hören. Du denkst dran, Kian Bescheid zusagen okay?" "Alles Klar. Bis dann Molly." "Ja, bis dann."

Kapitel 34

Um halb eins bog Kian in die Straße ein, in der er seit ein paar Wochen wohnte. Er wusste nicht wieso, aber seine Mutter hatte darauf bestanden, dass er heute möglichst früh zurück fuhr. Und da er seine Angelegenheiten in Sligo jetzt einigermaßen geregelt hatte, hatte er kein überzeugendes Argument dagegen gehabt. Er war gleichzeitig mit Nicky losgefahren, aber so wie Nicky in dem Ferrari fuhr, musste er schon etwa eine Stunde zuhause sein. Bestimmt stand er gerade am Herd, denn Georgina musste ja arbeiten und die Kinder würden bald aus der Schule kommen.
Er stieg aus dem Auto und schloss dann die Haustür auf. Im Flur hob er seine Post auf und guckte sie beim Treppensteigen durch. Aus einer der Wohnungen drang Gelächter. "Mrs. Hagerty scheint Besuch zu haben." dachte Kian bei sich und freute sich für sie, die alte Frau verbrachte weit zu viel Zeit mit sich alleine. Er schloss seine Wohnungstür auf und warf die Post auf die Kommode.

"Rosalyn, das wäre wirklich nicht nötig gewesen, wir..." "Ach was, macht mir nichts vor, ich seh euch an der Nasenspitze an, dass ihr Hunger bis unter die Arme habt. Ihr seid eh viel zu dünn, dass ist ja schon nicht mehr gesund. Also greift zu!" Das liess zumindest Molly sich nicht zweimal sagen, denn es duftete wirklich gut und wenn es mindestens so gut schmeckte, so nahm Molly sich vor, musste sie ihre Mutter mal hier her schicken, um einen Kochkurs zu machen. Kerry war froh, wenn sie es einmal schaffte, dass Essen nicht anbrennen zu lassen und ob es dann trotzdem schmeckte, war schon wieder eine andere Geschichte. Meistens endeten Kerrys Kochanfälle mit einem verzweifelten Griff zum Telefon, um den Pizzaservice anzurufen.

Eine knappe halbe Stunde später waren alle rundum satt und zufrieden mit sich und der Welt. "Wieso wird man eigentlich immer so müde, wenn man was gegessen hat." gähnte Molly und reckte sich. "Keine Ahnung. Wahrscheinlich ist das einfach eine Gemeinheit der Natur." seufzte Norah dann und rieb sich den Bauch. "Rosalyn, das war wirklich lecker. Danke schön." Die alte Frau erhob sich, um den Tisch abzuräumen. "Ich hab zu danken. Lange hatte ich nicht mehr so erfrischenden Besuch. Normalerweise hält es keiner länger als zwei Stunden bei mir aus." "Das kenn ich. Das ist wohl das Phänomen der Familie. Alle sind froh, wenn sie möglichst wenig voneinander sehen." stimmte Norah zu. "Ist das bei euch so? Bei uns nicht." warf Molly ein. "Das kommt noch." sagte Rosalyn lachend und stellte die Teller in die Spüle. Zufällig sah sie zum Fenster und bemerkte, dass dort das Auto stand, mit dem Kian gefahren war. "Ich glaube Mr. Egan ist nachhause gekommen." sagte sie deswegen und sah ihre beiden Gäste an.
Norah spürte plötzlich ihr Herz wie wild klopfen. Sollte sie es echt wagen, ihn wiederzusehen? Nach all den Jahren? Molly bemerkte Norahs Zögern und drückte sanft ihre Hand. "Komm, wir gehen jetzt hoch."

"Ich danke ihnen vielmals für ihre Hilfe Rosalyn. Und natürlich für die Verpflegung, ich weiss gar nicht, was wir ohne sie gemacht hätten!" Die drei standen an der Tür, mehr oder weniger bereit zu gehen. "Keine Ursache, es hat mich gefreut." erwiderte Rosalyn und drückte sowohl Norah, als auch Molly einmal feste an sich. "Ihr könnt jeder Zeit wieder kommen, ich bin sowieso immer zuhause!" scherzte sie und lächelte dabei. Molly fragte sich, wie man jemanden so schnell ins Herz schliessen konnte, wie sie es bei dieser Frau getan hatte. "Wir kommen auf jeden Fall wieder. Versprochen." sagte Norah noch einmal. Dann schloss sich die Tür hinter ihnen und sie standen alleine im Hausflur. "Die Dachwohnung ist es." sagte Molly leise und sah nach oben. Zwei Stockwerke kamen wohl noch. Sie liefen langsam die Stufen hoch und Norah fühlte sich mit jeder Stufe aufgeregter.

Schliesslich standen sie vor der Tür und Norah fasste diesmal den Mut, auf den Klingelknopf zu drücken, aber Molly zog, kurz bevor ihr Finger ihn berührte ihre Hand zurück. "Was ist ?" fragte Norah verärgert. "Soll ich hierbleiben?" fragte Molly unsicher. "Ich weiss ja nicht..." "Quatsch, du bleibst bitte hier, so bin ich wenigstens nicht ganz alleine." entgegnete Norah und sah von Molly zum Klingelknopf und zurück. "Soll ich jetzt?" Molly zuckte die Schultern. Also drückte Norah.

Kapitel 35

Zehn Minuten nachdem Kian zurück gekommen war, klingelte es an der Tür. "Wer kann das denn sein?" fragte Kian sich und grübelte auf dem Weg zur Tür. Er hatte das seltsames Gefühl, dass seine Mutter von diesem Besuch gewusst hatte und ihn deswegen heim geschickt hatte. Es war normalerweise nicht ihre Art, ihn weg zu schicken, jedenfalls war es früher nicht so gewesen.

Kian zog sich das Hemd wieder über, das er gerade ausgezogen hatte und strich sich die Stirnhaare ein bisschen mehr ins Gesicht, um den blauen Fleck zu verdecken, den Fenella verursacht hatte. Vor der Tür blieb er kurz stehen, um sich auf das Bevorstehende vorzubereiten, denn irgendwie wusste er, dass es nicht bloß Georgina sein konnte. Schliesslich versuchte er zu lächeln und öffnete die Tür.

Norah erstarrte, als die Tür aufging. Zuerst sah sie Kian für einen Augenblick lächeln, als er sie noch nicht erblickt hatte. Als sein Blick ihren traf, sah er verwirrt aus und dann sprangen seine Augen immer zwischen Molly und ihr hin und her.

"Guten Tag... hallo Molly! Ähm, darf ich fragen, was ihr hier wollt?" fragte Kian und sah dabei Molly an. Doch sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren um sich zuerinnern, wer da vor ihm stand. Molly sucht erst Blickkontakt zu Norah, bevor sie antwortete. Sie schien total durcheinander. "Ja... ich weiss nicht, ob du sie-"

Plötzlich rannte Norah wie aus einem Reflex heraus die Treppen herunter und aus dem Haus heraus. "Norah! Stopp!" rief Molly ihr hinterher und wusste nicht, was sie zuerst tun sollte. Kiane erklären, wer sie war, oder ihr folgen. "Verdammt!" rief sie aus. "Sorry, Kian, ich muss sie aufhalten, wenn sie weg ist, sitz ich hier fest." Mit den Worten rannte Molly auch wie eine Verrückte die Treppen herunter und fand Norah heftig weinend ans Auto gelehnt sitzen. "Norah! Warum bist du weggerannt? Was sollte das? Du hast Kian total verwirrt! Ich dachte, du wolltest ihn sehen... und warum sitzt du hier auf dem Boden?" Molly hatte sie neben ihre Freundin gesetzt und sie fürsorglich in den Arm genommen. "Du hast den Schlüssel in der Tasche." murmelte Norah und vergrub dann ihren Kopf in Mollys Armen.

Kian stand immernoch im Türrahmen, wie gelähmt, seit er erkannt hatte, wer dort gerade vor ihm gestanden hatte. Wieso hatte er sie nicht sofort erkannt? Wieso hatte er sie nicht hereingebeten? Wieso hatte er sie nicht sofort nach ihrem Namen gefragt? Wieso musste er immer alles vermasseln? Bestimmt waren die beiden schon wieder unterwegs nach Hause. Bestimmt würde er Norah nie wieder sehen. Dabei wünschte er sich seit Monaten nichts sehnlicher als das, dass gestand er sich in diesem Moment ein. Er sank ganz langsam am Rahmen hinunter und legte seinen Kopf auf die Knie. Wieso?

Als Norahs Tränen versiegt waren, standen die beiden auf und setzten sich in den Wagen. So ungerne wie Molly Norah auch fahren lassen wollte, sie hatte keine andere Wahl, wenn sie heute noch nachhause wollte. Außerdem war es schon fast eins Uhr und die Schule war gleich zu Ende, sodass ihre Mutter sie zuhause erwarten würde.

Eine Stunde später stand Molly vor ihrer Haustür. Norah war direkt weitergefahren und so kramte Molly in ihrer Tasche nach dem Haustürschlüssel. Das war allerdings gar nicht nötig. "Hi Molly." Lilly stand plötzlich vor ihr und flüsterte: "An deiner Stelle würde ich mich auf ein Donnerwetter gefasst machen." Dann lief sie an ihrer Schwester vorbei und lief die Einfahrt entlang. Molly bekam ein flaues Gefühl in der Magengegend, als sie die Tür leise hinter sich schloss.
Sie versuchte, mucksmäusschenstill die Treppe zu ihrem Zimmer raufzuschleichen, aber zu ihrem Pech kam ihr Vater genau in dem Moment, wo sie auf die knarrende Stufe trat, aus dem Wohnzimmer. "Molly?" "Ja, äh, Hi Dad." lächelte sie nervös und tat so, als wüsste sie von nichts. "Halt halt halt. Du kommst jetzt mal schön mit ins Wohnzimmer. Ich denke, du weisst, worum es geht."

Molly lies leise seufzend ihren Rucksack auf der Treppe stehen und lief ins Wohnzimmer. "Hi Mum." sagte sie, doch Kerry deutete ihr nur, sich zu setzten. "Molly, kannst du uns vielleicht erklären, warum du heute nicht in der Schule warst?" Molly verfluchte sich dafür, dass sie in solchen Situationen immer einen roten Kopf bekam. "Ähm, Mum, Dad, das war wirklich wichtig, echt. Ich hab nicht vor, es jemals wieder zu tun." "Du hast auch letztens erst gesagt, dass du uns nicht anlügst!" brauste Kerry auf. "Von wegen du übernachtest bei Katie! Die kam eben und wollte fragen, wie es dir geht, weil du in der Schule gefeht hast!" Keryr war wütend aufgesprungen, aber Bryan hatte sie festgehalten. Die aufbrausende Art ihrer Mutter machte Molly auch wütend. "Immerhin ist es meine Entscheidung, ob ich zur Schule gehe oder nicht. Ich bin nicht mehr schulpflichtig!" rief sie etwas lauter als beabsichtigt. "Was hat das denn mit deiner Lüge zu tun? Du willst doch bloß ablenken!" Molly fühlte sich total unfair behandelt. "Das stimmt doch gar nicht! Mum, das war eine Notlüge!" "Ach ja? Dann erzähl uns doch mal wofür!" Mittlerweile war Bryan auch sauer und heilfroh dass Lilly und Jamie nicht zuhause waren, um das hier mitzuerleben. "Das würdet ihr nie im Leben verstehen!" "Probiers doch aus!" "Nein." Trotzig wie ein kleines Kind weigerte Molly sich, dieses geheimnis preiszugeben. Sie würde es erst sagen, wenn Kian und Norah sich wieder vertragen hätten und das konnte nach den heutigen Erlebnissen noch dauern. "MOLLY!" Kerry schien fast zu platzen. "Du sagst uns jetzt SOFORT wo du dich herumgetrieben hast! Nimmst du Drogen? Trinkst du? Wirst du erpresst? WAS IST LOS MIT DIR!" Plötzlich brach Kerry in Tränen aus. "Molly wir wollen dir nur helfen. Geh in dein Zimmer bitte. Du hast Hausarrest." Schniefend und blind vor Tränen schlürfte Kerry in die Küche, um sich die Nase zu putzen. Bryan saß zusammengesunken auf dem Sofa und starrte auf seine Hand, ohne auf seine Tochter zu achten. Niedergeschlagen über diesen Streit und dessen Folgen stieg Molly nun endlich die Treppe rauf. Sie war plötzlich verunsichtert. War es das wirklich wert? Durch ihre Freundschaft zu Norah riskierte sie, dass sie ihre Familie verlor. Seit sie Norah kannte, hatte sie nur noch Streit mit allen und ständig passierte etwas Ungeplantes. Vielleicht sollte sie es einfach aufgeben. Norah war schliesslich eine erwachsene Frau, die sich selber helfen konnte...

Kapitel 36

Es war kalt geworden in den letzten Wochen und der Dezember neigte sich langsam aber sicher dem Ende zu. Es war kurz vor Weihnachten und alle Fenster waren mit bunten Lichtern ausgeschmückt. Überall duftete es nach Tanne und Weihnachtsplätzchen und der Schnee lag in diesem Jahr fast ziemlich hoch. Wenn man durch die verschneite Welt schlenderte, sah man Kinder Schneemänner bauen, Schneeballschlachten veranstalten oder auf zugefrorenen Seen Schlittschuh laufen. Ihre Schreie klangen durch das leichte Schneerieseln nur gedämpft herüber und sowieso schien die Welt wie in Watte gepackt.

All das hatte Norah die letzte Woche beobachtet und dabei versucht, ein wenig in Weihnachtsstimmung zu kommen. Aber es wollte ihr nicht recht gelingen. Dass ihre Tochter seit knapp zwei Wochen wieder einen Freund hatte, der ständig bei ihnen im Haus herum lungerte, trug natürlich genauso dazu bei, wie dass Molly sich seit dem Tag, andem sie bei Kian waren, nicht mehr gemeldet hatte. Das machte ihr alles ganz schön zu schaffen und statt sich ihrem Job zu beschäftigen, saß sie während den Arbeitszeiten meist träumend im Büro. Sie arbeitete seit mehr als zehn Jahren als Sekretärin in dieser Anwaltskanzlei.

Missmutig hob sie den Kopf, um auf die Uhr zu sehen. Gleich würde eine neue Angestellte kommen, die sie herum führen musste. Sie gähnte herzhaft und streckte sich nocheinmal, dann trank sie schnell den Kaffee aus und suchte sich irgendwas raus, was nach Arbeit aussah, damit keiner ihre Faulheit bemerkte. Gerade wollte Norah anfangen, aus Langeweile doch wirklich ein bisschen zu arbeiten, als es an ihrer Bürotür klopfte. "Herein." sagte sie klar und die Tür öffnete sich. Norah setzte sich ihr extra-nettes Lächeln auf, dass jedoch sofort gefror, als sie ihr Gegenüber erkannte. "Oh Gott." Am liebsten hätte Norah sich in dem Moment in einem Mauseloch verkrochen aber sie liess sich nichts anmerken und schüttelte freundlich die Hand der brünetten Frau.

"Hallo, ich bin Norah Ferrell, die Chefsekretärin hier. Ich nehme an, du bist unsere "Neue"?" fragte sie lächelnd. "Ja, die bin ich." sagte die Frau und musste ein bisschen grinsen. "Ich bin Georgina Byrne."

Nicky und Kian saßen zusammen am Küchentisch und tranken einen heißen Kaffee. "Ah, das tut gut..." sagte Kian und rieb sich den Hals. "Ich bin den ganzen Morgen in der Stadt gewesen, wegen dem Jobangebot und danach musste ich noch einkaufen. Versuch das bloß nicht!" warnte Kian. "Es scheint, als ob die Leute glauben, dieses Wochenende versinken wir im Schnee! Alle kaufen und kaufen. Nicht mal Geschenke... nur Lebensmittel. Es ist zum Verrücktwerden." seufzte er und Nicky lachte. "Wir entwickeln uns zu richtigen Tratschtanten, Kian! Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter solche Art von Gesprächen auch immer kurz vor Weihnachten gehalten hat. Genau das Gleiche hat sie vor zwei Wochen an Keelin's Geburtstag auch noch erzählt. Hat es denn wenigstens geklappt mit dem Job?" fragte er dann. "Nein, leider nicht." sagte Kian und rührte in seiner Tasse. "Kopf hoch, du findest schon noch was. Du suchst doch gerad mal erst einen knappen Monat. Andere suchen über Jahre." "Ja, schon." Kian wollte selbst Nicky nicht erzählen, was ihn eigentlich wirklich bedrückte. Seit Norah bei ihm in der Tür gestanden hatte, war er wie in ein tiefes Loch gefallen. Aber da er kurz darauf den Rat seines Arztes sich einen Job zu suchen befolgt hatte, was bis jetzt erfolglos gewesen war, schob Nicky Kians Verfassung darauf.

In dem Moment hörte man, wie Georgina nachhause kam und heftig atmend in die Küche lief. "Ich werdet es nie im Leben glauben, wer bei mir in der neuen Kanzlei Chefsekretärin ist." rief sie außeratmen und ließ sich erschöpft auf einen freien Stuhl sinken. Nicky und Kian starrten sie gespannt an, doch Georgina musste ersteinmal Luft schnappen. "Mensch G, jetzt spann uns doch nicht so auf die Folter!" sagte Nicky. "Norah Ferrell." sagte sie simpel und Kian zog scharf die Luft ein. Bloß Nicky musste erst überlegen, was ihm der Name sagte. Dann sah er zu Kian, der ganz blass um die Nasenspitze geworden war. "Kian, geht es dir nicht gut?" Georgina legte ihren Arm um ihn, als die ersten Tränen kullerten. "Aber Kian, du hast dir doch die ganzen letzten Monate gewünscht, sie zu finden." sagte sie sanft. Kian blickte verbittert auf. "Ich hab sie schon längst getroffen." sagte er als nächstes. Da musste Georgina sich wieder setzen. "Und..." "An dem Dienstag nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen worden bin, ist sie mit Molly zusammen bei mir zuhause aufgekreuzt. Aber ich hab sie nicht sofort erkannt und plötzlich ist sie weggerannt." Kian erzählte ihnen den genauen Ablauf des Vorfalls und plötzlich verstand Nicky, dass seine miese Laune gar nichts mit dem Job zu tun hatte.

"Aber Kian, wieso hast du denn nichts gesagt? Es ist nicht gut, wenn du sowas in dich hineinfrisst." Kian zuckte mit den Schultern. "Ich konnte es einfach nicht sagen." Georgina versuchte ihn aufzumuntern. "Weisst du, Norah sah auch nicht besonders glücklich aus und wenn ich das so höre, kann das eigentlich nur irgendwie zusammenhängen. Ich weiss zwar nicht so genau, ob Norah mich erkannt hat, aber es sah nicht so aus, als wenn sie bei ihrer Arbeit noch viele Menschen um sich herum hat. Mal sehen, was ich machen kann!" bot sie an. Nicky sah seine Frau etwas verwirrt an. "Willst du sie ausquetschen, oder was?" "Naja, so krass würde ich es nicht ausdrücken. Es ist halt so, dass ich jetzt so die Zweitsekretärin bin und da keiner außer mir ist, mit dem sie reden kann! Und wenn ich sie vielleicht mal darauf anspreche, warum sie so trübe ist, ist das ja kein Ausquetschen." zog Georgina sich geschickt aus der Affäre. "Georgina, ich möchte nicht, dass du das mit ihr machst." warf Kian ein. "Aber Kian, du..." "Ich sagte Nein! Ist das so schwer zu verstehen?" "Kian, du kannst mir nicht verbieten, meine neue Kollegin nach ihrem Wohlbefinden zu fragen!" "Aber ich kann dir verbieten, deine NEUE KOLLEGIN über mich auszuquetschen, was darauf hinausläuft!" brauste Kian auf, schnappte sich seine Einkaufstasche und war zwei Sekunden später zur Tür hinaus.

Kapitel 37

"Hi Kian, hier ist Nicky. Ich wollte fragen, ob du nicht Lust hast, am 31. vorbei zukommen. Wir feiern bei uns zuhause ne kleine Party für Neujahr. Es kommen ne Menge Leute, die Hälfte kenn ich selbst nichtmal! Die Jungs kommen auch alle. Naja, bis auf Bryan eben, der kommt nur, wenn du absagst. Aber lass dich bitte davon nicht beeiflussen, okay? Wenn du Lust hast, dann komm, das kann Bryan dir nicht vermiesen. Sag bitte rechtzeitig Bescheid, obwohl es auf eine Person mehr oder weniger auch nicht ankommt. Ciao."

Kian drückte den Anrufbeantworter aus. Warum sollte er da hingehen und den Leuten zuschauen, wie sie sich amüsieren? An Weihnachten war er auch alleine gewesen. Hatte sich auf dem Sofa in eine Decke gekuschelt, ein Glas Wein nach dem anderen getrunken, dabei die Weihnachtslätzchen gegessen, die Mrs. Hagerty ihm gebacken hatte und sich mit leiser Weihnachtsmusik berieseln lassen. Es war ein schöner Abend gewesen, besser als die letzten Weihnachtstage in der Klinik. Aber als er an die Klinik zurückdachte, bekam er ein schlechtes Gewissen, weil er seit seiner Entlassung seinen besten Freund Pete nicht mehr gesehen hatte. Wie es ihm wohl ging? Er nahm sich vor, bei seiner nächsten Therapie Stunde nach ihm zu fragen und ihn besuchen zu gehen.

Er hatte von der höchstwahrscheinlich ausgelassenen Stimmung der Gäste abgesehen, auch gar keine Lust, Georgina zu begegnen. Seit dem Vorfall mit ihrer neuen Arbeit hatte er sie nicht mehr gesehen oder gesprochen, die Funkstille schien auf beiden Seiten schweigend so vereinbart worden zu sein.

Kian nahm den Hörer auf und wählte die Nummer der Byrnes. "Nicholas Byrne?" "Hi Nicky, hier ist Kian, ich-" "Ach hi Kian, du rufst bestimmt wegen der Party an. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass du nicht zuhause bist." "Ähm, ich war wegen einem Job weg, aber der war auch nichts. Aber wegen der Party, ich kann leider nicht." Kian hörte Nicky am anderen Ende fast die Mundwinkel verziehen. "Ausrede?" "Ähm, meine Eltern haben mich..." "Deine Eltern werden auch hier sein, Kian." Da wusste Kian sich nur noch mit der Wahrheit zu helfen. "Ich hab einfach keine Lust Nicky. Überall nur fröhliche Leute, die sich mit ihren Partner vergnügen und anstoßen und sich auf das neue Jahr freuen. Ich pass da nicht rein Nicky, wahrscheinlich geht sowieos erstmal die Hälte, wenn sie mich sehen." "Kian du bist einfach zu pessimistisch. Und wenn das ne Ausrede ist, um Georgina nicht sehen zu müssen, dann bin ich wirklich von dir enttäuscht Kian. Ihr leider beide unter diesem dummen Streit und seid beide zu stolz um ihn aus der Welt zu schaffen. Ihr seid erwachsene Menschen, Kian, redet drüber, wenn ihr Probleme habt. Ich erwarte, dass du übermorgen um 19 Uhr hier bist und zieh dir was Anständiges an." Mit den Worten knallte Nicky wutentbrannt den Hörer auf die Gabel und Kian stand noch einige Minuten mit dem Hörer in der Hand grübelnd am selben Fleck.

"Mum, bitte bitte bitte!" "Nein, Molly, du gehst nicht zu der Party. Wenn du überhaupt zu einer Party gehst, dann kommst du mit uns zu den Byrnes, wenn Dad sich dazu entscheidet hinzugehen!" Kerry trocknete einen weiteren Teller ab. "Aber Mum, das ist die obercoolste Party der ganzen Stadt und ich bin eingeladen worden! Das ist eine Beleidigung für die, wenn man dann nicht kommt!" sagte Molly verzweifelt. Der Typ, für den sie schon etwas länger schwärmte, hatte sie zur Silvesterfeier in dem angesagtesten Jugendclub in ganz Dublin eingeladen, nur sie und keine andere. Aber das wollte sie ihrer Mum nun wirklich nicht auf die Nase binden. "Da steckt doch bestimmt wieder irgendwas hinter, Molly. Nein, und dabei bleibt es. Das kannst du gerne nächstes Jahr machen, wenn du erwachsen bist, aber dieses Jahr hast du deinen Dad und mich viel zu sehr enttäuscht, um auch noch auf eine "coole Party" gehen zu dürfen." Etwas aufbrausend knallte Kerry den Topf hin. "Aber nächstes Jahr werde ich dann nicht mehr eingeladen." Molly war den Tränen nahe, was auch ihrer Mutter nicht verborgen blieb. "Molly, es tut mir wirklich leid, aber du gehst da nicht hin. Du hast noch bis zum 1. Januar Hausarrest, vergiss das nicht, auch wenn wir das schon ein bisschen gelockert-" "Worum geht es?" Bryan betrat den Raum. "Dad bitte, ich muss unbedingt zu der Silvester Party im SilverClub, bitte!" Bryan zog seine linke Augenbraue hoch. "Und wieso 'unbedingt'?" Molly seufzte. "Weil deine Tochter eine supercoole Einladung bekommen hat." sagte Kerry missbilligend. "Von wem?" Mollys Kopf wurde plötzlich hochrot und sie scharrte mit dem Fuss die restlichen Brotkrumen vom Abendessen zusammen. "Von einem Typen eine Stufe über mir." Sie wagte nicht aufzusehen. "Und warum hat der dich eingeladen?" Verständnislos sah sie nun doch hoch. "Weil er mich mag." sagte sie überzeugt. "Molly, manchmal bist du ein bisschen gutgläubig. Bist du dir wirklich sicher, dass der Kerl dich mag? Hast du je was mit ihm zutun gehabt?" Kleinlaut schüttelte sie den Kopf. "Denkst du nicht, dass er vielleicht was Anderes von dir will?" Mollys Augen wurden weit. "Du spinnst. Kyle ist der beliebsteste Junge der ganzen Schule." "Und das ist ein Argument dafür, dass er nett und anständig ist? Molly, du gehst mit uns auf die Party bei Nicky und Georgina, da bist du besser aufgehoben, klar?" Molly wusste nicht mehr, was sie darauf sagen sollte. Sie starrte nachdenklich weiterhin auf die Krümel und hörte nur wie gedämpft, wie ihre Eltern die Küche verliessen.

Kapitel 38

Kian zupfte sich nervös das weiße Hemd zurecht, bevor er klingelte. Ein paar Sekunden später öffnete ihm eine völlig fremde Person die Tür. Wahrscheinlich war es so voll, dass immer der, der am nächsten zur Tür stand, aufmachte. Er betrat das Haus und hing seine dicke Winterjacke, die er über seiner Kleidung trug, auf den überfüllten Kleiderhaken, der jederzeit zusammen zubrechen drohte. Er sah sich suchend nach einem bekannten Gesicht um, und sah schliesslich Shane und Gillian mit gefüllten Sektgläsern in der Ecke neben dem Sofa stehen. "Hey ihr zwei." sagte er und legte Shane seine Hand auf den Rücken. "Hallo Kian!" rief Gillian aus und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Shane zog es vor, ihn kurz in den Arm zu nehmen. "Wer ist denn noch alles da?" fragte Kian und nahm ein Glas Sekt an, dass ihm eine Frau mit Tablett in die Hand drückte. "Oh je." sagte er und sah ihr hinterher. "Da haben Nicky und Gina sich ja ganz schön was geleistet." "Da hast du Recht. Also, ich hab schon Mark mit Familie gesehen, deine Eltern, unsere Eltern sind auch hier, dann Verwandte von Nicky und Georgina, Freunde von den Kids, Kollegen von Georgina..." zählte Shane auf und überlegte dabei, ob er nicht jemanden vergessen hatte. Kian verschluckte sich an dem Sekt. "Nicht so hastig Kian! Ach ja und Bryan hat sich auch angekündigt." Erstaunt sah Kian ihn an. "Aber..." "Ja, ich versteh das auch nicht, aber Nicky hat gesagt, er will kommen." Kians angesammelter Mut schien innerhalb von wenigen Sekunden in sich zusammen zu schrumpfen. "Ich glaube, ich geh lieber wieder." sagte er kleinlaut und stellte das aus Angst mit einem Schluck leergetrunkene Glas wieder auf das Tablett der Kellnerin. "Ach Quatsch Kian! Du hast entschieden, dass du kommen möchtest, und er hat entschieden, dass er kommen möchte. Das ist doch kein Problem, das Haus ist groß genug, mit 50 prozentiger Wahrscheinlichkeit wirst du ihn den ganzen Abend nicht sehen." versuchte Gillian ihn zu überzeugen. "Nein nein, ich geh jetzt wieder, ich-" "Hi Kian, schön das du gekommen bist!" Nicky erschien wie aus dem Nichts neben ihm. "Ja, aber ich wollte auch schon wieder gehen.." murmelte Kian so leise, dass es in der Musik unterging. "Was hast du gesagt?" rief Nicky etwas lauter, den irgendein Idiot hatte wohl die Musikanlage genau in dem Moment lauter gestellt. "Tut mir leid, ich muss mich mal ebe um die Musik kümmern!" rief Nicky in die Runde und war wieder verschwunden. Aber als Kian sich zum zweiten Mal zum Gehen wenden wollte, stand plötzlich Ilyssa neben ihm. "KIAN!" rief sie vergnügt und hüpfte auf und ab. "Hey Süße!" sagte Kian und strich ihr über die Haare. "Warum bist du die ganze Woche nicht gekommen?" fraget die Kleine, nachdem Kian sie auf den Arm genommen hatte. Kian entschuldigte sich von Shane und Gillian und setzte sich mit Ilyssa auf das Sofa. "Mummy war ganz traurig, dass ihr euch gestritten habt. Sie hat gesagt, dass sie es nicht so gemeint hat." Kian versuchte, der Kleinen gegenüber nicht aufzubrausen. "Das legt sich wieder Ily. Ich bin sicher, dass wir das heute Abend noch aus der Welt schaffen können." "Au ja!" rief sie, sprang auf und zog kräftig an Kians Arm. "Komm, die Mummy ist in der Küche." Kian stöhnte.

"Mummy! Kian will mit dir reden!" Sie schleifte ihn hinter sich her, bis Kian neben Georgina stand. "Hi Georgina." sagte er knapp. Ilyssa verschränkte ihre Arme. "Hallo Kian." Georgina wandte sich wieder dem Essen zu. Kian lehnte sich am Tisch an. So vergingen mehrere Minuten, in denen Ilyssas Gesicht immer länger wurde. "Ihr seid doof." sagte sie dann mit Tränchen in den Augen und rannte trotzig aus dem Raum. Kian wollte ihr hinterher, aber Georgina hielt ihn am Arm fest. "Was?" fragte er und zog ihn wieder weg. "Kian, es tut mir leid. Es war echt nicht meine Absicht, dich so zu verärgern. Ich dachte, die Idee würde dir gefallen. Ich meine, du hattest so überhaupt gar keine Idee, was du tun solltest und dann hatte ich so eine Gelegenheit und..." "Ist schon okay, G. Ich weiss ja, dass du es nur gut gemeint hast." Die beiden sahen sich in die Augen. "Freunde?" Kian hielt ihr die Hand hin. "Freunde."

Die nächsten Stunden lief Kian mit ständig nachgefülltem Glas durch das ganze Haus und redete hier und da mit Bekannten oder Freunden und seiner Familie, die ja auch da war. Bryan war mittlerweile wohl auch angekommen und Kian hatte ihn einmal gesehen. Er hatte auch Molly, Lilly und Jamie im Schlepptau und Kian schlich den ganzen Abend um sie herum, um einen Moment zu erwischen, wo sie alleine war. Schliesslich ging sie einmal aus dem Wohnzimmer heraus und Kian nahm eine andere Tür. Sie trafen sich im Flur.

"Hi Molly." sagte er und erschrocken drehte diese sich um. "Musst du mich so erschrecken." keuchte sie. "Hi. Wie geht es dir?" fragte Molly beiläufig. "Können wir vielleicht woanders hingehen?" fragte Kian darauf ersteinmal. "Es ist mir zu gefährlich, dass dein Dad uns sieht." Molly nickte und die beiden gingen die Treppe herauf. Sie gingen sich zum zweiten Mal ins Gästezimmer und setzten sich aufs Bett. "Also, was ist los?" fragte Molly. "Hm, dass wollte ich eigentlich von dir wissen. Warum seid ihr einfach abgehauen?" Obwohl Kian nicht ins Detail ging, wusste Molly natürlich ganz genau, was Kian meinte. "Sie hatte einfach Angst." sagte Molly deswegen. "Aber Kian, ich will eigentlich jetzt nicht für sie sprechen. Ich hab sie auch seitdem nicht mehr gesehen." Kian hob erstaunt seine Augenbrauen. "Warum nicht?""Ich hab Hausarrest bekommen, weil ich Mum erzählt hab, ich bin bei einer Freundin und an dem Morgen Schule geschwänzt hab." "Das passt irgendwie überhaupt nicht in mein Bild von deinen Eltern." "Ja, das denke ich auch immer. Früher waren sie so cool, und heute darf ich nichts mehr. Muss mit auf diese langweilige Spießerparty, wo ich im SilverClub sein könnte." stöhnte Molly. "So schlimm?" fragte Kian amüsiert. "Naja... es geht. Lilly und Jamie mussten immerhin auch mit und es sind ja auch ne Menge Leute hier, die ich kenne." gab Molly zu. "Aber es wäre halt so cool gewesen." Sie versuchte nicht an die Argumente ihres Dads zu denken.

Plötzlich klopfte es an der Tür, die die beiden hinter sich geschlossen hatten, um ihre Ruhe zu haben. "Ja?" fragte Kian und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass es weder Bryan noch Kerry war. Die Tür öffnete sich auf Kians Frage hin und eine Frau in einem knielangen weißen Kleid mit weinrotem Druck und einen Band aus gleichfarbigen Strasssteinen etwas über der Taille betrat das Gästezimmer. Sie hatte hellbraune, gelockte Haare, die sie zu einer lockeren Hochsteckfisur fixiert hatte, nur einzelne Strähnen fielen ihr ins Gesicht. Sie war dezent in warmen Rottönen geschminkt und trug zum Kleid passende rote High Heels, die um die Beine geschnürt wurden. Etwas schüchtern fing sie an zu lächeln, als sie Molly und Kian zusammen auf dem Bett sitzen sah. "Hallo ihr Zwei." sagte sie und konnte ein leichtes Zittern in der Stimme nicht verbergen. "Darf ich mich vielleicht zu euch setzen?"

Kapitel 39

Als Norah ins Licht des Raumes trat, musste Kian sie die ganze Zeit anschauen. Sie hatte sich so sehr verändert, das fiel ihm auch nach dem kurzen Treffen im letzten Monat erst jetzt so richtig deutlich auf. Ihre Haare, ihr Gesicht, ihre ganze Erscheinung. Und diese Schuhe... Als er aufsah, direkt in ihre grün-braunen Augen, grinste sie schief und hob einmal kurz den Fuss.

Sie lief auf Molly und Kian zu und nahm auf der anderen Seite des Bettes Platz. "Ähm... ich fragt euch jetzt vielleicht, warum ich gerade jetzt gekommen bin. Ich meine... ich hatte ja eigentlich mehrmals die Chance dazu. Aber-" Sie suchte Blickkontakt mit Kian. "Ich hab mich einfach nicht getraut." Ihr Blick passte nicht zu dem Lächeln auf ihren Lippen. Kian konnte darauf nichts erwidern, anstatt etwas zu sagen, sah er sie einfach weiterhin an. Norah fühlte sich etwas unwohl unter seinen Blicken. "Molly... bist du sauer, weil ich nicht angerufen hab?" Molly, die eigentlich schon etwas enttäuscht gewesen war, gab nach. Sie war nicht die Art von Mensch, die lange nachtragend war. "Nein. ich hätte ja genauso gut anrufen können." sagte sie und stand auf, lief ums Bett und nahm Norah in den Arm.

"Wirklich nicht?" flüsterte Norah ihr mit ihrer sanften Stimme ins Ohr. "Nein, echt nicht. Und jetzt sprecht euch bitte aus, okay? Wehe du rennst wieder weg." Molly drückte ihr ein Küsschen auf die Wange und liess sie dann los. Sie zwinkerte Kian noch einmal aufmunternd zu, dann schloss sie die Tür hinter sich.

Eine Zeit lang schiegen die beiden Verbliebenen und wagten nicht einmal, einander anzusehen. Aber in Kians Kopf spielten sich die verschiedensten Szenen ab. Szenen der Vergangenheit, seiner Zeit mit Norah vor 13 Jahren, seiner Anfangszeit im Gefängnis und der letzten Monate. Szenen, die sich vielleicht in den nächsten Minuten abspielen könnten. Dann räusperte Norah sich plötzlich.

"Entschuldige" lächelte sie nervös und lief mit unsicheren Schritten zu dem kleinen Schränkchen neben der Balkontür, auf dem ein Kübel mit Sekt und mehrere Gläsern standen. Anscheinend hatte wer auch immer dieses Zimmer wohlbedacht hergerichtet. Sie griff nach dem Sekt und holte mit einigen gekonnten Griffen den Korken unfallfrei heraus. Sie goß einen Schluck in zwei der Gläser ein und gab Kian eins. Aus dem anderen nahm sie selbst einen kleinen Schluck. "Ich hab immer so eine trockene Kehle." sagte sie lächelnd. Über solche Dinge, liess es sich einfacher reden.

"Ähm, aber ... Sag Kian, wie geht es dir?" Sie setzte sich wieder, diesmal direkt neben Kian, sodass er ihr Parfüm riechen konnte. " "Gut..." stotterte Kian, der ganz irritiert von ihrer Nähe war. "Ich hab eine Wohnung, hab fast alle meine Freunde wieder..." Kian machte eine Pause und dachte an seine missglückten Jobsuchen. "...und außerdem bist du hier..." setzte er schließlich flüsternd noch dazu. Norah sah lächelnd auf. Norah entschlos sich daraufhin, ihm eine ganz offene Frage zu stellen. "Was hast du in den letzten Jahren gefühlt, wenn du an mich gedacht hast, Kian?" fragte sie sanft. Erstaunt über diese Frage, sah Kian in ihre nahen Augen. Er überlegte, während er ein weiteres Mal ihr Gesicht studierte, aber diesmal empfand Norah es nicht als unangenehm. Ohne seinen Blick von ihr abzuwenden, fing er dann an zu sprechen. "Ich hab mir gewünscht, dich einmal wieder zu sehen. Um mit dir zu reden, Missverständnisse zu klären." sagte er, war sich aber darüber im Klaren, dass sie auf etwas Anderes hinaus wollte.

"Ich meine, was hast du hier gefühlt." sagte Norah und legte zaghaft ihre Hand auf sein wild klopfendes Herz. Kian hätte schwören können, dass in dem Moment, wo ihre Hand auf seinen Körper traf, ein Funke übersprang. "Ich hab gehofft, dass wir uns wiedersehen können." wiederholte Kian. "Ich hab mich einsam gefühlt, im Stich gelassen, nicht nur von dir. Da war immer so ein kleiner Stich, wenn mich irgendwas Kleines an dich erinnert hat. Dein Parfüm von früher war mir fast ständig in der Nase. Manchmal hab ich auf meinem Bett gelegen und stundenlang an dich gedacht. Warum du das getan hast. Was ich gemacht hab, dass dich dazu gebracht hat, mich entgültig zu verraten. Ob es nur deine Vernunft war, die mich verraten hat. Oder auch dein Herz. Ich hab mich an die letzten Worte geklammert, die du zu mir gesprochen hast. Du hast gerufen 'Nein Kian! Ich liebe dich wirklich, bitte, bitte glaub mir...', aber mit der Zeit war ich mir immer sicherer, dass es nicht so gemeint war."

Norah hatte während er sprach die Hand nicht weggenommen und nun legte Kian seine darüber. Norah verschränkte ihre Finger mit seinen und kam noch ein Stückchen näher gerückt. "Kian, ich-" Sie wurde abgeschnitten von einem ohrenbetäubenden Krach und plötzlich war der schwarze Himmel erleuchtet. Kian stand auf und zog Norah zur Balkontür, die er rasch öffnete. Dann schnappte er sich die beiden Sektgläser und zog Norah weiter auf den Balkon. Ein frischer Wind wehte ihnen entgegen und sie blickten zum wolkenlosen Himmel. Er leuchtete innerhalb von wenigen Sekunden in den buntesten Farben und es war unheimlich laut, wenn die nächste Rakete hochging. Unter ihnen im Garten versammelten sich nun alle Gäste und bei jeder besonders schönen Farbe ertönte ein "Aaah" und "Oooh". Norah fror ein wenig und trippelte näher zu Kian, der rundum zufrieden seinen Arm um sie legte. "Wunderschön" murmelte Norah in sein Ohr. "Nicht so schön wie du." murmelte er zurück. Norah blickte ihn lächelnd von unten an. Dann stellte sie sich genau vor ihn und legte ihre Hände auf seine Brust. "Und was fühlst du jetzt für mich Kian?" führte Norah ihre Frage von vorhin fort. Statt zu antworten, stellte Kian sein Glas auf den Rand des Balkons und legte seine Arme um sie. Er blickte ihr in die Augen und beobachtete für einen Moment, wie das Feuerwerk in ihnen explodierte. Dann senkte er langsam seinen Mund zu ihrem und als seine Lippen die ihren berührten, spürte er, wie in dem Moment ein zweites Feuerwerk entfacht wurde. "Und jetzt zieh endlich diese verdammten Schuhe aus." sagte er in einer atemlosen Pause. Norah kicherte, zog erleichtert die High Heels von ihren Füßen und schlag dann ihre Arme um seinen Hals, um die nächste Rakete loszuschicken.

"Schau mal Gina!" Molly zeigte mit dem Finger auf die beiden Figuren, die auf dem Balkon standen. Sie war nachdem sie wieder runter gegangen war, zu Georgina gelaufen, um sie zu fragen, warum Norah hier war. Ihr Herz tat fast einen Sprung, als sie sah, wie Kian Norah küsste. Sie ergriff Georginas Hand. "Ist das nicht süß?" Georgina nahm sie fest in den Arm und knuddelte sie einmal. "Wo ist Nicky, wenn man ihn braucht." ärgerte sich Georgina. "Warum, willst du auch mal, oder was?" Georgina lachte. "Das auch! Aber er hat einen Fotoapparat.. Naja.. wir wollen die beiden ja auch nicht stören. Aber soll ich dir was sagen, Molly? Ich bin richtig froh, dass bei meiner alten Kanzlei so viel schief gelaufen ist. Solche Stümper, da! Und sonst hätte ich nie Norah getroffen und sie wäre heute nicht hier. Hast du gesehen, mit was für einer Fluppe Kian die ganzen Wochen herumgelaufen ist? Und nichts erzählt hat er, bis- Uaaah!" Jemand war plötzlich von hinten auf Georgina gesprungen. "Nicky! Du Idiot! Hab ich dir jetzt den Sekt aufs Kleid gekippt, Molly?" "Nein nein, alles okay. Ich such mal meine Familie, okay? Viel Spaß." zwinkerte sie dann und liess die beiden alleine, die schon in einem Neujahrskuss versunken waren.

"Molly?" Sie wirbelte herum und sah in Madeleines Gesicht. "Ach hi Maddie, ich wusste gar nicht, dass du heute auch hier bist." sagte Molly erstaunt und umarmte sie. "Ja, hatte ich auch eigentlich nicht vor, aber Mum war so aufgeregt und dann hab ich halt nachgegeben!" lachte sie. "Ich bin aber auch nicht alleine. Mein Freund ist mitgekommen, aber der ist mir kurz nach Neujahr abhanden gekommen. Ich habe gehofft, du weisst vielleicht, wo meine Mum ist, ich würde ihr gerne ein frohes neues Jahr wünschen." Molly drehte Maddie Richtung Balkon und deutete hoch. "Ich glaube, das wird sie auch so haben."

Molly lief nachdem sie noch kurz mit Maddie geredet hatte, weiter zu ihren Eltern. Die standen zusammen mit Lilly und Jamie, sowieso fast der gesamten früheren Westlife Truppe samt Familie am hinteren Ende des riesigen Gartens. "Hey Molly!" Lilly winkte ihre große Schwester zu sich und Jamie hüpfte auf und ab. "Molly!" rief er. "Frohes neues Jahr!" Jamie umarmte seine Schwester und Lilly umarmte einfach beide drumherum, weil Jamie ihr zuvor gekommen war. "Euch beiden auch ein fröhliches neues Jahr. Auf das alle unsere Wünsche in Erfüllung gehen. Und halten euch an eure guten Vorsätze!" ermahnte Molly besonders ihren kleinen Bruder. Sie drückte beide nocheinmal, dann umarmte sie ihre Mum von hinten und wünschte ihr auch ein ein frohes Neues. "Dir auch mein Schatz!" erwiderte sie und drückte ihr einen feuchten Kuss auf die Wange. "Mum, du bist ja angetrunken." sagte Molly und rümpfte die Nase. "Es ist ja auch Silvester, da darf man das." kicherte Kerry und schob Molly weiter zu ihrem Dad. Als sie dann in dessen Armen lag und ihm einen Kuss gab, fühlte sie sich richtig wohl. "Noch sauer, weil du nicht auf die Party durftest?" fragte Bryan seine Tochter und Molly sah auf. Einen Moment überlegte sie. "Nein. Ich glaube, das wäre eh nichts für mich. Silvester ohne meine Familie ist nicht Silvester." flüsterte sie dann und obwohl Bryan dieses undeutliche Gemurmel nicht verstand, konnte er sich doch denken, dass Molly glücklich war. An seinem Orangensaft nippend, sah er auf zum Balkon. Dort standen Norah und Kian Arm in Arm und beobachteten die letzten Raketen am Himmel. Irgendwie wurde es Bryan dabei warm ums Herz, weil er wusste, dass Kian gerade dasgleiche verspüren musste, was er fühlte.

Kapitel 40

Am nächsten Morgen wollte Kian die Augen gar nicht öffnen. "Es war alles nur ein Traum" sagte er sich immer wieder und drehte sich von einer Seite zur anderen, um wieder einzuschlafen und weiterträumen zu können. Aber plötzlich hörte er ein gedämpftes Kichern neben sich und schlug erschrocken die Augen auf. Verwirrt sah er sich um und stellte fest, dass er wie in seinem Traum im Gästebett der Byrne's lag. Als das Kichern nicht aufhörte, drehte er sich einmal um und blickte in Norahs Gesicht. Sie hatte die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen und ihre braunen Locken lagen wirr auf dem Kissen.

Erschrocken schloss Kian die Augen wieder und das Kichern verstummte. "Kian?" Norahs warme Stimme jagte Kian einen Schauer den Rücken runter. Ganz langsam öffnete er die Augen wieder und Norah lag immernoch vor ihm. "Es war gar kein Traum." flüsterte er und lächelte sie an. Sie streckte die Hand aus und berührte sein kratziges Gesicht. "Nein, ich bin wirklich da." sagte sie und fing wieder an zu kichern. Sie setzte sich ein Stückchen auf, schob ihre Haare zur Seite und küsste Kian auf den Mund. "Hmm. Es ist so schön, das wieder tun zu können." grinste sie so breit, dass ihre weißen Zähnen hervorblitzten. Daraufhin zog Kian sie zu sich und Norah setzte sich vorwitzig auf ihn drauf. Dann zog sie das Laken über sich und Kian und darunter sah alles wie gedämpft aus. Sie vergaß, dass es draußen unter Null Grad waren; dass der erste Januar war und dass sie noch das Kleid von gestern Abend trug. Durch das dünne Tuch schien die schwache Morgensonne ein wenig durch. Kian legte seine Hände auf ihre Hüften. Ein paar Minuten lagen sie nur da und sahen sich in die Augen, als wollten sie im anderen lesen, wie in einem Buch. Kian setzte an, ihr zu erklären, wie glücklich er war, doch Norah schnitt ihm das Wort ab. "Kian, es ist so wunderbar. 13 Jahre. 13 lange Jahre." Sie beugte sich nocheimal runter und küsste ihn. Seine Zunge suchte sich ihren Weg in Norah's Mund und sie spielten zaghaft miteinander. Als Norah den Kuss brach, liess sie die Augen noch einige Sekunden geschlossen. Kian nahm vorsichtig seine Hand hoch und tippte ihr auf die Nase. Norah quiekte laut. "Du Spinner!" rief sie und kniff ihm in den Bauch. "Du müsstest aber auch mal wieder in die Mucki Bude!" zog Norah ihn auf. Kian fing an zu lachen und erinnerte sich an ihre kleinen Treffen im Fitnessraum.

Plötzlich klopfte es laut an der Tür und Norah sprang erschrocken auf, die Decke immernoch in der Hand, sodass Kian ohne Decke auf dem Bett lag. Er trug genau wie Norah noch die Klamotten vom letzten Abend. "Kian?" Georginas Stimme erklang. "Ja?" Kians Herz klopfte und er zwinkerte Norah zu. "Kann ich hereinkommen?" "Kian sprang aus dem Bett und lief zur Tür. "Was ist denn?" fragte er und steckte den Kopf durch die Tür. "Frohes neues Jahr erstmal." sagte Georgina und lächelte. "Ist Norah bei dir?" flüsterte sie dann und Kian war etwas erstaunt. "Na hör mal. Wenn ihr das irgendwie geheimhalten wolltet, hätten ihr euch gestern Abend eine andere Stelle aussuchen sollen." Georgina zog die Augenbrauen hoch. Kian lächelte verschmitzt. "Hast Recht. Ja sie ist hier, was ist denn?" "Ihre Tochter würde ganz gerne mit ihr sprechen, sie will gerne nachhause." sagte Georgina daraufhin. Kian nickte. "Ich sag ihr Bescheid." "Danke." Sie wendete sich zum Gehen. "Ach Kian, wenn ihr wollt, unten ist Frühstück." Nickend schloss Kian die Tür und fühlte, wie Norah ihn von hinten umarmte. "Was wollte sie?" Kian drehte sich in ihrer Umarmung um. "Deine Tochter will dich sehen und ich gebe zu, dass ich wirklich gerne mitkommen würde!" sagte er und küsste sie auf die Nasenspitze.

Nur ein paar Minuten später liefen die beiden Hand in Hand die Treppe runter. Erstaunlicherweise war alles aufgeräumt und sauber. Nur noch wenige Leute liefen umher, denn es war schon recht spät. "Hey Mum." rief Madeleine aus dem Wohnzimmer und winkte sie zu sich herüber. Mit Kian im Schlepptau lieg Norah auf sie zu und gab ihr einen Kuss. "Frohes neues Jahr, meine Kleine." sagte sie und wiegte sie in ihren Armen hin und her. Kian und auch Madeleines Freund beobachteten die beiden dabei. Madeleines braune Locken waren zu einem Pferdeschwanz zusammengenommen und sie strahlte wie ein heller Stern. Sie trug ein rotes, sehr knappes Kleid und Kian musste schmunzeln. Madeleine beobachtete ihn kritisch. "Warum lachen sie?" fragte sie dann etwas überheblich. "Ich versuche gerade zwischen dem Foto, das ich von dir kenne und der jungen Frau die vor mir steht, einen Zusammenhang zu erstellen." beantwortete Kian ihre Frage und überhörte den Unterton einfach. "Wir kennen uns?" stieß sie erstaunt aus. "Maddie..." Norah bedachte Kian mit einem liebevollen Blick, bevor sie weiterredete. "... das ist Kian Egan."

Madeleines seltsamer Gesichtsausdruck blieb Kian zwar nicht verborgen, aber er fühlte sich zu glücklich, um ihn als angreifend zu empfinden. "Mum! Du hast mir erzählt, dass du diese Person nie wieder sehen möchtest!" empörte Madeleine sich. Norah sah entschuldigend zu Kian, aber der gab ihr das Zeichen, dass er in die Küche gehen würde, um ihr Zeit mit ihrer Tochter zu geben. Er hatte genug von ihr gesehen und verstand ihre erste Reaktion nur zu gut. In keinster Weise geknickt ging Kian in die Küche, wo Nicky mit seiner ganzen Familie und seinen besten Freunden saß. Es war ganz still, bis Gillian aufgeregt: "Hey Kian! Frohes Neues!" rief und auf ihn zu rannte. Kian wusste genau, dass sie über ihn geredet hatten. Er gab seiner Cousine einen Kuss auf die Wange und wünschte allen die am Tisch saßen ebenfalls ein frohes neues Jahr, während er einen freien Platz einnahm. "Tut mir leid, dass ihr gestern so wenig von mir zu sehen bekommen habt." sagte er und fühlte wie ihm das Blut in die Wangen stieg. "Och, guck mal, er wird ja ganz rot!" quietschte Georgina und alle lachten. Am lautesten ertönte Bryans markantes Gelächter, der ihm direkt in die Augen sah. Kian wusste nicht recht, ob er den Blick positiv deuten sollte. Er entschied sich, Bryan einfach anzulächeln und bekam ein breites Grinsen zurück. Kerry bemerkte ihren Blickkontakt, zog einmal an iher Zigarette und zwinkerte Kian zu.

KIan blickte weiter am Tisch umher. Links neben ihm, allerdings ein gutes Stück weg saß Rebecca, auf ihrem Schoß Keelin, der angestrengt versuchte, Marie mit seiner Hand zu erreichen, die zufrieden auf dem Boden lag und ihre Pfote leckte. Einen Platz weiter saß Ilyssa, dann Lilly, Jamie, Molly, Kerry und Bryan. Neben Bryan saß Nicky, Georgina neben ihm streichelte lächelnd über seinen Arm. Mark saß auf Georginas linker Seite und redete angeregt mit Ronan und Yvonne, die neben ihm saßen. Deren Sohn Jack saß mehr schlecht als recht neben seiner Mutter auf dem Stuhl, wogegen Marie noch ein wenig anständiger mit einem Stift auf der Papiertischdecke herumkritzelte. Neben Marie waren zwei Plätz frei, die Kian in Gedanken Maddie und ihrem namenlosen Freund zuordnete. Die nächsten fünf Stühle waren von Shane und Gillian mit Kindern besetzt, dann kam noch ein freier Stuhl, wohl für Norah gedacht und dann schloß sich der große Kreis bei ihm wieder.

Er entschloss sich, einfach mal in die Offensive zu gehen. "Was habt ihr denn gestern Abend noch Schönes gemacht?" sagte er und sah Shane an. "Ein paar von uns sind auf die Straße gegangen und haben rumgeknallt. Die anderen waren im Garten und haben sich das Feuerwerk angeschaut und da die Musik eh so laut war, sind wir ganz draussen geblieben und haben schön getanzt." grinste er und strubbelte seiner Frau durch die Haare." Plötzlich schien es, als ob alle, die gerade ihre Ehepartner dabei hatten ganz beschäftigt wären und so blieben nur Mark und er, die sich stirnrunzelnd ansahen. "Genau wie früher, was?" scherzte Mark und Kian gab ihm schmunzelnd recht. Aber es fühlte sich trotzdem um Einiges besser an.

Kapitel 41

"Müsst ihr wirklich schon gehen?" fragte Kian und fühlte sich, als wäre sein Herz kurz davor zu zerreißen. Wie lange hatte er sich danach gesehnt, Norah so in den Armen zu halten, wie er es gerade tat? "Ja, leider. Weil ich ja leider gestern den Anfall hatte, Maddie unbedingt mitzuschleppen, sonst hätte ich noch länger bleiben können. Aber die Kleine will jetzt nachhause. Nicht zu fassen, dass sie sich ausgerechnet einen Freund angelt, er kein Auto besitzt!" grummelte Norah und sah Kian liebevoll an. "Wir können uns ja bald wieder treffen." hauchte Kian ihr ins Ohr und knabberte sanft daran. "Hast du den Zettel noch, mit der Adresse? Du musst mich besuchen kommen." seufzte sie. "Du mich aber auch." "Hast du die Telefonnummer aufgeschrieben?" "Ja hab ich." "MUM!" Die beiden überhörten Maddies genervte Versuche, ihre Mutter endlich zum Gehen zu bewegen. "Ich muss aber viel arbeiten in den nächsten Wochen." seufzte Norah. "Tanzt du eigentlich noch?" Kian sah sie fragend an. "Manchmal. Aber das ist irgendwie auf der Strecke geblieben, nachdem ich ganz nach Dublin gezogen bin." "Wie geht es Nicola?" Plötzlich sprudelten tausend Fragen aus Kian herraus. Norah sah ihn traurig an. "Ich weiss es nicht." sagte sie mit etwas weinerlicher Stimme. "Tut mir leid." sagte Kian und umarmte sie feste. "Ich bin schon wieder viel zu neugierig." "Nein nein, bist du gar nicht." "Doch, bin ich." "MUM JETZT KOMM ENDLICH!" "Sorry, Kian." schniefte Norah. "Ich muss jetzt echt. Ich hoffe, wir können uns bald sehen." Sie versuchte zu lächeln. "Nicht weinen, No. Du bist zu hübsch für Tränen." Geschmeichelt drückte Norah ein letztes Mal seine Hand und gab ihm einen Kuss. Dann lief sie zu ihrer Tochter, die sie mitfühlend in den Arm nahm.

"Kian?" Etwas erschrocken drehte Kian sich um und sah in Bryans Gesicht. Erst wollte Kian einfach nur rennen, aber dann fiel ihm ein, dass Bryan anscheinend seine Meinung geändert hatte. "Hallo Bryan." sagte er und fühlte sich eigentlich nicht in der Lage, mit ihm zu reden. Bryan liess sich neben ihm auf der Lehne der Couch nieder. "Ich wollte mich eigentlich bei dir entschuldigen." sagte Bryan. "Für ein paar Sachen, die wohl nicht ganz richtig waren, auch bei den Umständen nicht." Kian sah ihn kraftlos an. "Aber ich glaube im Moment steht dir nicht der Sinn nach Entschuldigungen, oder?" Da brach Kian einfach in Tränen aus und Bryan rückte näher an ihn ran, um ihn zu trösten. "Sie ist doch nicht weg Kian. Nur nach Hause. Du kannst jederzeit da hin fahren und sie sehen. Oder was anderes machen, wenn dir der Kopf danach steht." versuchte Bryan zu scherzen. "Es fühlt sich genauso an wie damals Bryan." schniefte er. "Ich weiss, dass sie nicht weg ist, dass ich sie jederzeit wiedersehen kann, aber es tut weh." Es war Kian plötzlich ganz egal, dass er sich bei Bryan ausheulte, er war schliesslich selbst gekommen. Aber tief innen war Kian ihm sehr dankbar, dass er das Kriegsbeil wieder begraben hatte.

Rebecca stand im Türrahmen und beobachtete die beiden. Wenn sogar Bryan sich wieder mit Kian vertragen konnte, der richtig in der Sache von damals verwickelt gewesen war, wieso konnte sie sich dann nicht dazu aufraffen, Kian eine Chance zu geben? Nur weil sie dieses eine Gespräch ihrer Eltern belauscht hatte, wollte sie nichts mit Kian zu tun haben. Ein Mörder! Aber schliesslich war es nicht ganz so gelaufen, wie sie nach dem Gespräch vermutet hatte. Sie hatte gedacht, Kian hätte diesen Menschen einfach blutrünstig erschossen, einfach so aus Spaß an der Sache. Aber seit er letztens in der Zeitung gewesen war, wusste sie erst, wie es wirklich abgelaufen war. So in etwa wenigstens. Außerdem hatte Kian genug durchgemacht. Also, wenn Bryan es konnte, dann wollte sie es auch versuchen.

Bryan und Kian redeten noch eine Weile, nachdem Kian seine Tränen getrocknet hatte. Anderen wäre es vielleicht peinlich gewesen, aber Kian war es mittlerweile schon so gewöhnt, immer und überall zu den unpassensten Gelegenheiten zu heulen, dass es ihm nun wirklich nichts ausmachte. Aber bald darauf musste Bryan leider mit seiner Familie nachhause, weil Jamie quängelte und es Lilly nicht so gut ging. "Ich glaube, sie hat sich gestern ein bisschen zu oft am Sekt vergriffen." kicherte Kerry, als sie Kian umarmte. "Wir sehen uns bestimmt demnächst bald wieder, oder?" "Klar, ich glaube, ich bin Molly noch was schuldig, wenn ich das richtig erkannt habe!" grinste Kian und Kerry wollte nicht unhöflich sein und fragen, was er meinte. Vielleicht hatte er gestern etwas zu ihr gesagt, was sie nicht mitbekommen hatte. Denn auch spürte den Alkohol noch in ihren Knochen. Deswegen grinste sie nur, nickte ihm zu und griff nach Bryans Hand, der ungeduldig an der Haustür stand und wartete, dass seine Frau endlich kam.

Molly fing total an zu schwitzen, als sie Kians Bemerkung zu ihrer Mutter hörte. Da sie sich noch nicht von ihm verabschiedet hatte, lief sie schnell zu ihm. "Kian! Meine Mum weiss nicht, dass ich Kontakt zu Norah habe, bitte sag ihr nichts davon." raunte sie ihm zu. Dann räusperte sie sich und sprach normal mit ihm. "Kommst du uns bald mal besuchen Kian? Du musst dir unser neues Haus anschauen. Naja, jedenfalls das Haus, wo wir wohnen, neu ist es ja nicht mehr so. Okay?" Sie zwinkerte ihm zu und er gab ihr ein Küsschen auf die Wange.

Bryan nahm seine älteste Tochter in den Arm, als sie zu ihnen kam. "Ich werde das Gefühl nicht los, dass du mir irgendwas zu sagen hättest, Pooh." Molly kicherte. "Dad! Nenn mich nicht Pooh, dafür bin ich zu alt." "Okay." Bryan tat beleidigt. "Ach Dad... sorry, natürlich darfst du mich Pooh nennen, soviel du willst." seufzte Molly. "Na dann. Erzählst du mir, was du Kian ins Ohr geflüstert hast?" Molly musterte ihren Dad genau. Er hatte sich zwar mit Kian ausgesöhnt, aber sie war trotzdem skeptisch, ob er gut fände, was sie getan hatte. "Ein anderes Mal, ja?" Bryan hob die Augenbrauen, erwiderte jedoch nichts darauf. "Lass uns mal zu deiner Mutter und Lilly und Jamie aufschliessen." sagte er stattdessen und ging schneller. Molly trottete langsam hinterher. Wusste er vielleicht schon, dass sie sich heimlich mit Norah und Kian getroffen hatte?

Kian blieb währenddessen noch eine Weile bei den Byrnes, um bei den letzten Aufräumarbeiten zu helfen. Mark und Familie Filan waren kurz vorher gegangen, jedoch nicht ohne ihm das Versprechen abzuringen, sie bald besuchen zu kommen. Kian hatte ihnen das mit Vergnügen versprochen und dann war nur noch er bei den Byrnes. Keelin und Ilyssa hatten sich mit Marie in ihre Zimmer verzogen und ab und zu hörte man ein paar seltsame Geräusche von oben herunter klingen. Rebecca hatte sich entschlossen, beim Abwasch zu helfen und stand nun neben Kian in der Küche. Georgina drückte ihr und Kian je ein Handtuch in die Hand und trotzdem kamen sie nicht mit dem Abtrocknen nach. Georgina schien Übung darin zu haben, denn der Stapel vor ihnen wurde immer größer. Georgina und er schwatzten bei der Arbeit ein wenig, aber Rebecca schien ganz in Gedanken versunken. Sonst wäre sie wahrscheinlich auch schon weggelaufen, sagte Kian sich in Gedanken. Aber als er sie dann einmal anblickte, lächelte sie ihn überraschend an. Da war Kian erst Recht verwirrt. Plötzlich fiel ihm diese ganze Patenschaftsgeschichte wieder ein. Er musste Nicky einmal danach fragen. Vielleicht konnte er ja, wenn Rebecca ihn jetzt vielleicht langsam doch mochte, doch noch ihr Patenonkel werden. Vielleicht hatte sie ja nichts dagegen. Vielleicht würde sie sich sogar freuen! Wenn- "Kian?!" Erschrocken schüttelte Kian den Kopf, um seine Gedanken zu vertreiben. "Sorry, was hast du gesagt?" "Du meine Güte, in welchem Traumland warst du denn?" kicherte Georgina und nahm ihm das Hantuch aus der Hand. "Den Rest schaffen wir alleine, außerdem bist du eine Gefahr für mein kostbares Geschirr, so wie du dich aufs Abtrocknen konzentrierst." Sie schob ihn Richtung Küchentür. "Ich geh ja schon!" lachte Kian und schloss die Tür hinter sich.

"Nicky, kann ich mal kurz mit dir reden?" Nicky richtete sich auf und liess die Mülltüte, mit der er durchs ganze Haus tigerte einen Moment ruhen. "Was ist denn?" fragte er. Kian lehnte sich an den Tisch. "Es ist wegen Rebecca." sagte er und kratzte sich am Kopf. "Ist schon was länger her, aber Ronan hat mir mal erzählt, dass sie nie getauft wurde." Kian verschränkte die Arme vor der Brust. "Warum?" brachte er seine Frage auf den Punkt. Nicky lehnte sich nun auch an den Tisch und sah ihn an. "Sag bloß, du erinnerst dich nicht mehr daran." Nicky war etwas überrascht. "Naja, doch. Also, wenn du jetzt das meinst, was ich meine. Aber ich frag mich halt, wieso ihr nicht einfach jemand anders gefragt habt." Kian konnte Nicky aus irgendeinem Grund nicht ins Gesicht sehen und Nicky zögerte einen Moment mit seiner Antwort. "Wir haben es dir versprochen, Kian! Du hast immer gesagt, dass du gerne Pate von Ginas und meinem ersten Kind werden möchtest. Schon lange bevor wir überhaupt verheiratet waren. Direkt nachdem du wusstest, dass wir zusammen waren, hast du das gesagt. Glaubst du, über sowas seh ich einfach hinweg und nehme jemand anders, nur weil du nicht mehr da bist?" Nickys Stimme klang belegt. "Es war für uns sebstverständlich, dass wir warten, bis du unser Versprechen wahrnehmen kannst." "Aber was habt ihr Rebecca erzählt, warum sie nicht getauft wurde?" Nicky überlegte einen Moment. "So wirklich danach gefragt hat sie noch nie. Wahrscheinlich kann sie sich denken, dass es einen Grund dafür gibt, den wir ihr nicht so gerne sagen. Aber ich glaube früher hat G ihr erzählt, dass sie sich das später einmal selber aussuchen soll." Ein paar Minuten herrschte Schweigen. "Kian?" Er nickte nur. "Willst du immernoch Pate werden?"

Rebecca stand während dem Gespräch von Kian und ihrem Dad im Schatten hinter der Tür und lauschte. Das schien zur Gewohnheit zu werden diese Tage. Langsam konnte sie das Puzzle zusammensetzten, dass sich seit Kians Auftauchen in ihrem Kopf befand. Plötzlich schienen einige Teile zu passen, die vorher keinen Sinn ergaben. Wieso sie nie getauft worden war, wieso keiner darüber redete, wieso Kian sich am Anfang so Mühe mit ihr gegeben hatte... Ganz leise lief sie die Wendeltreppe hoch und schloss die Zimmertüre hinter sich. Sie liess sich auf dem Fensterbrett nieder und starrte gedankenverloren in die weiße Welt hinaus. Sollte sie Kian einmal darauf ansprechen? Aber dann würde sie erklären müssen, woher sie davon wusste. Er würde ihr sicherlich nicht glauben, dass sie es selbst herausgefunden hatte. Aber sie musste mit ihm darüber reden, da führte kein Weg dran vorbei.

Kapitel 42

Die Wochen schienen dahin zu fliegen. Kian kam sich vor, als hätte jemand sein Leben auf Schnelldurchlauf programmiert, den jeder Tag verging viel zu schnell. Viel zu wenig Zeit konnte er mit Norah verbringen, da sie oft in der Kanzlei Überstunden machen musste und er, da er nun endlich auch einen Job gefunden hatte, auch kaum noch Freizeit hatte. Trotzdem war er glücklich. Er arbeitete nun in einem kleinen Laden um die Ecke von ihm, nichts besonderes, er sortierte die Sachen ein, räumte auf, wischte den Boden und half ab und zu auch an der Kasse aus. Aber mit diesen kleinen Arbeiten konnte man sich ganz schön aufhalten, sodass er oft sogar länger bleiben musste. Aber der Besitzer des Ladens war wirklich nett und da Kian über die Bezahlung auch nicht klagen konnte, machte er es gerne, solange es nicht Überhand nahm.

An einem schönen Tag Anfang Februar hatte der Laden wegen irgendwas geschlossen, was Kian sich nicht merken konnte, deswegen entschloss er sich, Mittags in der Kanzlei von Norah und Georgina vorbeizufahren und die beiden in der Mittagspause zu überraschen. Er fuhr mit der Bahn dorthin, weil er sich immer noch kein Auto geleistet hatte und stand fast pünktlich zur Mittagspause vor dem Gebäude. Er betrat das Backsteingebäude durch den Haupteingang und fragte sich an der Rezeption durch bis zu dem Büro, was Georgina und Norah sich teilten. Er klopfte vorsichtig, als er davor stand und plötzlich wurde die Tür aufgerissen. "Kian!" rief Georgina. "Was machst du denn hier?" Sie drückte ihn kurz an sich. "Ich wollte euch einmal besuchen kommen, weil der Laden heute zu ist. Irgendein Betriebsausflug oder eine Fortbildung oder sowas, nichts für mich. Und da hatte ich so viel Zeit über.." erklärte er, bevor er Norah einen langen Kuss gab. Er glaubte, Georgina im Hintergrund etwas quieken zu hören. Er strich Norah die Locken aus dem Gesicht und nahm ihre Hand. "Sollen wir uns in irgendein kleines Restaurant setzen?" fragte er fröhlich. "Von mir aus! Ich hab gewaltigen Hunger!" freute sich Georgina und schnappte sich ihre Handtasche. Kian und Norah liefen ihr händchenhaltend langsam hinterher, als sie aus dem Raum stürmte. "Was ist denn mit ihr los?" fragte Kian verwundert. "Ich weiss auch nicht. Vielleicht hat sie heute morgen Kichererbsen gegessen und sie sind ihr nicht bekommen oder so." spekulierte Norah und zog Kian etwas schneller, um Georgina nicht aus den Augen zu verlieren.

Wenig später saßen die drei in einem kleinen Restaurant und aßen zu Mittag. "Seltsames Wetter ist es, oder?" bemerkte Georgina. Norah nickte. "Ja, es ist richtig kalt. Letztes Jahr war es um diese Zeit bestimmt schon über zehn Grad." sagte sie dann und schob sich ihre Gabel in den Mund. "Schade eigentlich, dass es so kalt ist, es ist sogar zu kalt für Schnee." Kian schaute aus dem Fenster, während er an seiner Cola nippte. "Aber dafür hatten wir ja um Weihnachten so viel Schnee, der ewig liegen geblieben ist. Wie lange hatten wir keine weiße Weihnachten mehr? Ich glaube, für Keelin muss es das erste Mal gewesen sein." Georgina grinste. "Georgina, ich wollte dich schon länger mal was fragen." sagte Kian vorsichtig und nahm noch einen Schluck Cola. "Was denn?" fragte sie und lächelte ihn an. "Ähm..." Die Frage wollte nicht aus seinem Mund herauskommen. Was war so schwer daran, sie zu fragen? Bei Nicky hatte er es auch geschafft. Er musste Georgina endlich fragen, ob sie immernoch wollte, dass er Patenonkel wurde! Er nahm all seinem Mut zusammen. "Weisst du zufällig, wo ich mir ein gutes Auto besorgen kann?" Kian hätte am liebsten seinen Kopf gegen die Wand gehauen, aber liess sich nichts anmerken. Georgina sah ihn trotzdem etwas verwirrt an. "Ähm, ja, mal sehen, ich glaube der Mann von einer Freundin arbeitet als Autoverkäufer, ich kann ja mal anrufen, ob er gerade was Gutes da hat." sagte sie und wartete auf Kians Antwort. "Danke, das wäre super. Ich kann nicht ewig mit dem Bus fahren, dass geht mir auf die Nerven." sagte er und seufzte. Plötzlich erhellte sich Georginas Gesicht wieder. "Wisst ihr was, ich hab gestern was Tolles gehört, also meine Freundin..."

Zwei Stunden später saß Kian wieder zuhause in seiner Wohnung und haute seinen Kopf im Takt der Wanduhr gegen die Tischplatte. "Wieso hab ich es ihr nicht gesagt, wieso hab ich es ihr nicht gesagt..." Nach einer Weile fühlte Kian sich benommen und legte sich mit wankenden Schritten auf die Couch.

Er musste wohl eingeschlafen sein, denn als er das nächste Mal die Augen öffnete und auf die Uhr sah, war es bereits halb sieben. "Mist!" rief Kian aus. "Ich wollte doch heute Abend zu Nicky..." Er rappelte sich auf, rieb sich die immer noch schmerzende Stirn und holperte ins Bad, um sich ein bisschen frisch zu machen. Danach stopfte er ein paar Sachen in einen Rucksack und schnappte sich den Haustürschlüssel. Er liess die Tür zuschnappen und stand bald an der Bushaltestelle. Er stieg in den anfahrenden Bus und schaute zu, wie die schon dunkle Welt an ihm vorbei zog. Er fühlte sich träge und schloss irgendwann die Augen. Er war schon zu oft diese Strecke lang gefahren, um sie noch irgendwie interessant zu finden. Er musste wieder einmal in die Innenstadt fahren und irgendwas Spannendes tun. Aber vorerst stieg er an Nicky's Haltestelle aus und überquerte die breite Straße neben der Tankstelle. Er ging die angrenzende Allee in einem gemütlichen Tempo entlang, obwohl es kalt war. Er mummelte sich tiefer in den Schal ein, den Norah ihm geschenkt hatte. Keine zwei Minuten später betrat er das Viertel, in dem Nicky mit seiner Familie wohnte und starrte in den trockenen Springbrunnen am Eingang. Er wünschte sich, es wäre schon wieder wärmer und er würde so schön sprudeln, wie er es früher immer getan hatte, denn als Kian letztes Jahr zu Nicky gekommen war, war er auch schon ausgeschaltet gewesen. Er lief die breite, im Moment unbefahrene Straße weiter und stand dann wie so oft vor Nicky's Haus. Als er klingelte, wurde ihm von Rebecca geöffnet.

"Hi Rebecca." sagte er und sie lächelte ihn schüchtern an. "Willst du zu Dad? Der ist oben in seinem Arbeitszimmer. Ich glaube, er hat schon auf dich gewartet." sagte sie und Kian war erstaunt, dass sie ihn mit mehreren vollständigen Sätzen ansprach. "Ja... danke." antwortete er perplex und hing seine Jacke auf den Kleiderhaken. "Wie geht es dir denn so?" fragte Rebecca weiter. "Ja... ganz gut. Ich hatte heute frei und hab deine Mum und Norah in der Mittagspause überrascht." sagte Kian freundlich, aber immer noch verwirrt. Hiess dass vielleicht, dass Rebecca ihre Zweifel ihm gegenüber an den Haken gehängt hatte? "Ja, das hat Mum mir schon erzählt. Ihr wart zusammen im "Armen Mann" stimmts? Da gehen wir auch manchmal hin." "Echt? Naja, es war auch ganz schön da, wenn ich es mir recht überlege. Und lecker vor allen Dingen." "Was hattest du denn?" Rebecca schien wirklich interessiert! "Hm... einen frischen Salat, ein paar Sandwichs und eine Cola." zählte Kian auf. "Die Sandwichs sind cool, nicht wahr? Ich nehm immer Hühnchen und Mais." "Hey, das hatte ich auch! Wir haben den gleichen Geschmack!" scherzte Kian und hörte plötzlich Schritte. "Kian, bist du das? Warum kommst du nicht hoch?" rief Nicky vom Treppenabsatz. "Tja." lächelte Kian. "Ich geh dann mal hoch!" Rebecca nickte. "Tschüss." Kian lief die Treppe hoch und Nicky sah ihn an. "Was war das denn? Ein kleines Schwätzchen mit meiner Tochter?" Er zog beide Augenbrauen hoch. "Hey." verteidigte Kian sich. "Sie hat angefangen ja!" Nicky winkte lachend ab und ging wieder in sein Arbeitszimmer. Kian folgte ihm und setzte sich auf das Sofa neben dem Schreibtisch. Er griff nach der Gitarre neben sich und spielte ein paar Töne. Nicky sah von seiner Arbeit auf. "Wieso spielst du das jetzt Kian?" fragte er unsicher. Kian zuckte mit den Schultern. Unbeirrt fuhr er fort.

I've been trying to reach you
'Cause I got something to say
But you're talking about nothing at all
And you're slipping away

We were crying together
It was a long time ago
Before you walk out the door
And leave me this way
Just hear what I say

You make me feel, you make me real
For the rest of my days, in so many ways
You make me feel

I've been trying to leave you
Why should we go on like this?
But my heart can't breathe
When I hear you say
It's better this way

You make me feel, you make me real
For the rest of my days, in so many ways
You make me feel

Ten thousand light years away from you
Keep thinking maybe its time to let go
But by the end of the day
I still want to say 'do you'

(You make me feel)
You make me feel(Oooh)
You make me real(So real)
For the rest of my days, in so many ways
You make me feel

I've been trying to reach you (You make me feel)
'Cause I got something to say (You make me real)
For the rest of my days, in so many ways
You make me feel

"Warum hast du das gespielt?" fragte Nicky noch einmal, als das Lied vorbei war. Kian zuckte wieder die Schultern. "Erinnert mich immer an Norah, weil wir öfters dazu getanzt haben." seufzte er. "Erinnerst du dich noch, wie wir bei unserer ersten Tour dieses Lied gesungen haben? Du warst so aufgeregt, weil du andauernd den Text vergessen hast." "Was ich? Nee, mein Lieber, das warst ja wohl du!" schnaufte Nicky. "Pah!" Kian richtete sich auf. "Wer hat denn den ganzen Tag den Text gelernt damals!" Nicky gab sich geschlagen. "Okay okay, ich gebs ja zu. Aber gesteh wenigstens, dass du auch ganz schön die Hosen voll hattest!" "Naja, wer hatte das von uns nicht, oder?" Nicky grinste. "Naja, war ja auch die erste Tour. Anderes Thema, bleibst du heute hier? Ist schon so dunkel, ich würde dich ungern mit dem Bus fahren lassen." "Ja, das wäre ganz gut, wenn ich hier bleiben dürfte." "Das Gästezimmer ist immer für dich frei." bemerkte Nicky und fügte noch hinzu: "Außerdem bin ich sicher, dass Ilyssa sich fürchterlich freut, wenn du bleibst." Kian nickte und stand auf. "Ist Georgina eigentlich da?" "Ja, aber es ging ihr nicht so gut, sie hat sich früh hingelegt." Kian nickte. "Und was hat sie?" "Ich weiss nicht, sie ist schon ein paar Tage ein bisschen komisch, ich weiss gar nicht, ob ich mir jetzt Sorgen machen soll." erklärte Nicky ihm. "Dann schick sie einfach mal zum Arzt." schlug Kian vor. "Ach was. In ein paar Tagen vielleicht, wenn es nicht mehr besser wird. Wahrscheinlich hat sie sich ein bisschen den Magen verdorben, sie war immer schon empfindlich." Nicky winkte ab. "Na wenn du meinst." Kian verliess den Raum und lief die Treppe runter, um seine Tasche ins Gästezimmer zu bringen. Schliesslich kannte er Nicky lange genug, dass er wusste, dass er ihn nicht mehr nachhause fahren lassen würde. Er stellte die Tasche schnell ab und ging dann wieder runter, weil er gehört hatte, wie Nicky auch runtergegangen war.

In der Küche saß Nicky an dem großen Tisch, die kleinere Kids turnten um ihn herum und Rebecca versuchte irgendwas zum Abendessen zu zaubern. "Na ihr." sagte Kian als er die Küche betrat. "Hi Kian!" rief Ilyssa. "Willst du mitessen? Rebecca kocht uns gerade was!" Ilyssa kraulte Marie hinter den Ohren, während sie mit Kian sprach. "Ja, gerne. Ich bleibe heute eh über Nacht hier!" Kian strubbelte Keelin durch die Haare, der ihn breit angrinste und seine schönen Zahnlücken entblößte. "Meine Güte!" Kian musste lachen. "Du hast ja kaum noch Zähne im Mund!" Keelin kicherte und Ilyssa drängelte sich durch zu Kian. "Guck mal, meine sind jetzt alle wieder da!" Sie fuhr mit der Zunge über ihre Schneidezähne. "Super Ilyssa, aber geh mal vom Tisch runter, das Essen ist fertig!" sagte ihre große Schwester etwas genervt und schob die Kleine ein bisschen zur Seite. "Hm...!" machte Keelin und klopfte mit seiner Gabel ungeduldig auf den Tisch. "Wir haben Hunger Hunger Hunger, haben Hunger Hunger Hunger, haben DURST!" sang er und schien daraufhin vor Lachen kaum noch Luft zu bekommen. "Wo hast du das denn her?" Nicky schüttelte belustigt seinen Kopf, gab seinem Sohn jedoch zu verstehen, ein bisschen leiser zu sein. "Mummy gehts nicht so gut, sie muss schlafen." erklärte er. Keelin machte große Augen und legte den Zeigefinger auf den Mund. "Shhhh!" Da häufte Rebecca ihm das Gemüse auf den Teller und Keelin überschlug sich fast mit dem Essen. "Also wirklich, Kee..." Nicky schaute seinem Sohn fast fasziniert zu. "Von mir hast du die Manieren jedenfalls nicht!"

Kapitel 43

Als Kian gerade aus der Dusche kam, klingelte das Telefon. Er eilte schnell zum Apparat und versuchte gleichzeitig noch, seine Haare trocken zu rubbeln. "Egan?" "Hi Schatz!" "Hi Norah... was gibts? Ich komm gerade erst aus der Dusche!" "Oh, das tut mir natürlich leid!" Norah lachte am anderen Ende. "Ähm, ich wollte fragen, ob du heute Abend Zeit hast? Wir könnten essen gehen, wenn du willst..." "Keine schlechte Idee... ich hab eh nichts zu essen im Haus." gab Kian zurück. "Ach was. Du gehst also nur mit mir essen, weil du nichts da hast?" neckte Norah ihn. "Natürlich, ich meine sonst würde ich mich ja gar nicht mit dir treffen, ich bin sicher, meine Freundin hätte etwas dagegen." "Bääh. Also soll ich dich um acht abholen?" "Ja danke... ich muss mir endlich mal ein Auto besorgen, ganz schön peinlich, dass DU mich immer abholen musst!" lachte er. "Wo sollen wir denn hin?" "Wie wärs, wenn wir zu dem Griechen in der City fahren? Dauert zwar ein bisschen da hin zu kommen, aber es ist echt schön da und er kocht fantastisch!" schwärmte Norah. "Okay." Kian grinste. "Wenn du so gerne da hin möchtest... schliesslich musst du fahren!" "Hey hey, fahren kannst du schliesslich auch!" "Jaja, bis nachher dann!" lenkte Kian ab. "Okay. Ciao." Kian zögerte einen Moment. "Ich liebe dich..." murmelte er dann. Norah lächelte. "Ich dich auch Kian!" Dann legte sie auf. Kian lauschte noch ein paar Sekunden dem regelmäßigen Tuten in der Leitung, bevor er seufzend auflegte.

Er zog das Handtuch, dass er sich während dem Gespräch um die Schultern gelegt hatte runter und trocknete seine Haare weiter, als er zum Schlafzimmer zurückging. Doch noch bevor er es erreichte, klingelte es ein weiteres Mal. Er hastete zurück und hob ab. "Egan?" "Hi Kino..." hörte er am anderen Ende. "Georgina?" fragte er vorsichtig. Diesen Spitznamen hatte schon ewig keiner mehr benutzt! "Ja, ich bins." "Ist irgendwas passiert? Du hörst dich nicht gut an." "Kannst du vielleicht vorbeikommen? Ich brauch jemanden zum Reden." Kian hörte heraus, dass sie geweint hatte. "Das will ich dir aber nicht am Telefon sagen Kian. Hast du Zeit?" Sie schniefte. "Gina... Norah und ich... also-" "Wenn du keine Zeit hast, ist das schon okay, ich will dir jetzt auch nicht den Tag versauen..." "Gina, du versaust mir nicht den Tag! Wenn es dir nicht gut geht, dann ist es selbstverständlich, dass ich mich um dich kümmere, wenn du das möchtest. Ich kann Norah absagen, sie versteht das bestimmt." "Das musst du nicht..." "Ich will aber!" Georgina schwieg. "Ich ruf dich gleich zurück, okay?" Georgina stimmte zu und Kian wählte kurze Zeit später Norahs Nummer. "Ferrell?" "Hi Norah... ich bin's nochmal!" "Kian! Ist irgendwas passiert?" "Ähm, ja wie man's nimmt. Georgina hat gerade angerufen... Hör mal Norah, würde es dir was ausmachen, wenn wir unser Essen auf Morgen verschieben? Sie hat irgendwas und will es mir nicht am Telefon sagen." Kian biss sich auf die Lippe. Er hasste es, Norah so zu enttäuschen. "Naja, wenn du meinst es ist wirklich wichtig..." "Ach Norah, es tut mir so leid, aber ich will Georgina jetzt nicht alleine lassen!" "Aber mich oder was?" "Jetzt werd nicht unfair!" "Ist sie dir wichtiger als ich, oder was?" "Bitte... Norah sie braucht mich! Hinterher ist es was Schlimmes und ich hab sie im Stich gelassen..." "Sie hat doch Nicky, soll sie mit ihm reden!" "Ich dachte, sie wäre auch deine Freundin, Norah!" "Ja, ist doch wahr." Sie wussten nichts mehr zu sagen. "Dann fahr doch zu ihr." sagte sie schliesslich und ihre Stimme klang etwas schrill. Dann erklang ein weiteres Mal das Freizeichen.

"Hi." Georgina öffnete ihm die Tür. "Danke, dass du kommen konntest." sagte sie. "Wie geht es dir?" wechselte Kian das Thema und begutachtete Georgina. Sie trug einen dicken Bademantel mit einem langen Schlafanzug darunter und sah ziemlich blass aus. "Naja..." Sie gingen die Treppe hoch und liefen ins Schlafzimmer. Als Kian eintrat, wurde ihm schlagartig heiß. "Mein Gott, wie hoch steht denn hier die Heizung?" fragte er erstaunt. "Mir ist ein bisschen kalt." antwortete Georgina und wurde etwas rot. "Wo sind denn die anderen?" "Nicky ist zu seinen Eltern gefahren und die Kids sind heute bei Freunden." erklärte sie. "Also bist du alleine..." Sie hatte sich währenddessen in ihr Bett gelegt und unter der Bettdecke eingemummelt. "Ja..." Kian merkte, dass sie anscheinend noch nicht ihren Mut gefasst hatte, ihm zu sagen, was los war, deswegen schwieg er ein paar Minuten, um ihr Zeit zu geben. Sie spielte nervös mit ihren Fingern und fuhr sich immer wieder durch ihre hellbraunen Haare, die unordentlich herunterhingen. "Kian, ich..." Sie brach diesen Satz immer wieder an der gleichen Stelle ab. Mittlerweile hatte Kian sich die härtesten Horrorvisionen davon ausgemalt, was sie ihm gleich erzählen könnte. Krebs, Leukämie, Aids, ein Magengeschwür, Osteoporose... er wurde fast verrückt! Aber er hatte bloß weiterhin schweigend ihre Hand ergriffen und sah sie aufbauend an. Langsam sammelten sich Tränen in ihren Augen. "Kian ich bin schwanger." brachte sie gerade noch hervor, bevor die Tränen wirklich flossen. Kian musste seine Erleichterung mühsam verbergen und nahm sie in die Arme. "Und warum bist du darüber so traurig?" fragte er, krabbelte ein Stückchen näher und strich ihr über die Haare. Sie sah ihn an. "Ich bin 39 Kian! Keelin ist jetzt 8... ich ... ich wollte eigentlich keine Kinder mehr, mir sind drei schon genug... irgendwer muss ja auf sie aufpassen und ich will meinen Job nicht aufgeben..." In ihren Augen sah Kian jetzt erst, wie viel Sorgen ihr das Ganze anscheinend bereitete. "Weiss Nicky schon davon?" Sie schüttelte traurig den Kopf. "Ich hab irgendwie noch keinen Moment gefunden, es ihm zu sagen. Was, wenn er das Kind nicht will?" "Jetzt bekomm mal keine Panik G! Bist du dir überhaupt sicher, ich meine, hast du nur so einen Test zum Kaufen gemacht oder warst du beim Arzt?" "Ich war beim Arzt." versicherte sie ihm und wischte ihre Tränen weg. "Und wie weit bist du?" "9. Woche." Kian schluckte. "Und ..." "Und was?" Er kratzte sich am Kopf. "Wieso erzählst du mir jetzt davon? Ich hab bei sowas absolut keine Erfahrung, ich-" "Naja, aber es ist trotzdem anders. Ich musste mit irgendwem darüber reden und ich hab Angst vor dem was Nicky sagt. Schliesslich ist er jetzt auch schon 40 und so..." "Aber das hat doch nichts mit dem Alter zu tun!" "Ja, aber was werden denn die Kinder sagen? Die sind auch nicht blöd! Rebecca wird sich sicher nicht besonders freuen!" "Das kannst du erst wissen, wenn du es ihnen sagst!" sagte Kian ihr deutlich. Sie seufzte. "Du hast ja Recht." Sie strampelte die Decke weg und öffnete den Gürtel des Bademantels. Dann hob sie das Oberteil des Schlafanzugs und streichelte mit der Hand über ihren Bauch. "Ich meine..." sagte sie und wirkte ziemlich verloren. "Es ist ja nicht so, dass ich es nicht haben will-" "Dann gibt es doch da eigentlich gar nichts dran zu diskutieren!" "Doch! Es geht ja hier nicht nur um mich!" "Naja, nicht nur, aber zu 90 Prozent schon! Ich meine, schliesslich musst du das Kind bekommen. Du musst es neun Monate tragen, du musst es hinterher stillen-" "Oh Gott Kian hör auf, wenn du so weitermachst, will ich es doch nicht! Ich hab gerade so schön verdrängt, was dann alles auf mich zu kommt!" kicherte sie. "Na siehst du. Wenn du willst, kann ich ja mitkommen, wenn du es Nicky sagen willst-"

In dem Moment wurde die Tür aufgerissen und Nicky stürmte in den Raum. "KIAN!" rief er so außer sich, dass Kian es mit der Angst zu tun bekam. Georgina wurde wieder so blass wie am Anfang. "ICH HAB ES GEWUSST! RAUS HIER KIAN!" Sein Kopf wurde ganz rot. "Aber Nicky, was ist denn-" Georgina band hektisch ihren Bademantel wieder zu. "Was soll das Georgina! Ich dachte... Ich meine... Ich versteh das nicht!" "Nicky, bitte hör mir zu, ich weiss ja nicht, was du dir hier gerade ausmalst, aber wir haben nur gere-" "NUR GEREDET! ACH JA!" Er sah Kian an. "ICH HAB GESAGT DU SOLLST VERSCHWINDEN!" Kian rappelte sich auf und ging mit möglichst viel Abstand zu Nicky aus dem Raum. Er schloss die Tür hinter sich und ging leise die Treppe runter ins Wohnzimmer. Von da an hörte er nur noch Fetzen herunter klingen. Er zog die Beine an und wiegte sich ein bisschen hin und her, zur Beruhigung. "Alles wird gut, alles wird gut.." sagte er immer wieder zu sich und blockte den Streit oben aus. Aber lange hielt er das nicht aus und lief dann zum Treppenaufgang. Von da aus konnte er das Gespräch gut verfolgen.

"Nicky bitte..." Georgina weinte. "Ich versteh das nicht Gina, ich meine, wir sind seit 24 Jahren zusammen, du kennst Kian eine Ewigkeit, wieso-" "Nicky, jetzt beruhig dich mal, ich hab nichts mit Kian, wir-" "Für wie blöd hälst du mich eigentlich? Nein... das habe ich schon länger kommen sehen! Ich meine... warum willst du nicht mehr mit mir schlafen? Warum gehst du morgens so früh zur Arbeit? Warum machst du immer solche Überstunden? Du gehst mir aus dem Weg damit du mehr Zeit für IHN hast!" Kians Herz zog sich zusammen. Dachte Nicky wirklich so von ihm? Er dachte an den Abend vor drei Wochen, wo sie noch friedlich zusammen in seinem Arbeitszimmer gesessen hatten und 'You make me feel' sangen... hatte er da auch schon so gedacht? Wenn er an den Kommentar dachte... "Warum spielst du dieses Lied Kian?" Natürlich hatte er da schon so gedacht! Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen.

"VERDAMMT NOCHMAL NICKY ICH BIN SCHWANGER UND ICH BRAUCHTE EINFACH JEMANDEN ZUM REDEN!" schrie Georgina so laut sie konnte. Kian hörte Nicky keuchen. "Du bist was?" "Ja, schwanger." "Von wem?" "Von dir du Idiot!" heulte Georgina. "Ich wusste einfach nicht wie du reagieren würdest, ich hatte Angst du willst das Kind nicht und deswegen hab ich abgeblockt, deswegen bin ich dir aus dem Weg gegangen und die Überstunden im Büro hab ich zum Nachdenken genutzt, ob ICH das Kind überhaupt will!" "Mein Gott Gina, es tut mir so leid, ich weiss nicht... es war einfach... normalerweise... Gott, bist du dir wirklich sicher?" "Ja, ich war beim Arzt. Ich bin schon in der 9. Woche." Es wurde still im Schlafzimmer und Kian hörte nur ab und zu ein paar undefinierbare Geräusche. "Es tut mir leid G.. normalerweise bin ich nicht so eifersüchtig..." "Weiss sich doch Nico... ich bin seit 24 Jahren mit dir zusammen!" sagte Georgina immer noch schluchzend. "Das ist doch wundervoll Gina, warum hast du gedacht, ich würde es nicht wollen?" "Weiss nicht. Einfach weil es so überraschend war und wir ja auch nicht mehr die Jüngsten sind und so ganz ohne Risiko ist das auch nicht. Vielleicht war es ja auch ein Hormonschub!" "Und wie stehst du jetzt dazu?" Nicky's Stimme klang sehr unsicher. "Das wollte ich davon abhängig machen, was du sagst." gab Georgina kleinlaut zu. "Ich will, dass wir das Kind bekommen Liebling." sagte Nicky dann bestimmt. "Und es tut mir so leid, dass ich dir nicht vertraut habe G! Wie kann ich das je wieder gut machen...?" Kian hörte die versteckte Frage heraus. "Brauchst du gar nicht... geh dich lieber bei Kian entschuldigen!" Kian hörte wie Nicky sich räusperte und ging schnell ins Wohnzimmer.

Nicky kam kurz daraufhin die Treppe runter und lief in den Flur. Er zog seine Jacke an und schlüpfte in seine Schuhe. Kian begriff erst nicht, dass Nicky dachte, er wäre nachhause gefahren. Dann hörte er, wie die Tür sich öffnete. Er lief schnell in den Flur, um Nicky aufzuhalten. "Nicky!" Erschrocken drehte Nicky sich um. "Du bist noch hier?" "Ja... ich dachte..." "Ist schon gut, hör mal, es tut mir wirklich leid!" seufzte Nicky und seine Schultern hingen fast auf dem Boden. "Ich weiss echt nicht, was in mich gefahren ist, dass ich sowas denke..." versuchte Nicky zu erklären. "Weisst du Nicky, du brauchst dich nicht zu rechtfertigen. Es sah ja auch ein bisschen komisch auf, wie Gina da mit ihrem offenen Bademantel lag. Außerdem macht man manchmal seltsame Dinge, ich glaube, da kenn ich mich auch ganz gut aus..." Sie setzten sich nachdenklich ins Wohnzimmer und starrten schweigend an die Decke. "Ich werde noch mal Vater Kian, ist das zu fassen?" Kian grinste und klopfte ihm auf die Schulter. "Herzlichen Glückwunsch Nico. Und diesmal werde ich euch nicht plötzlich im Stich lassen!"

Kapitel 44

Die Nachricht von Georgina's Schwangerschaft verbreitete sich relativ rasch. Am nächsten Tag kamen direkt beide Elternpaare angefahren und gratulierten und umarmten ihre Kinder und beide Mütter verdrückten ein paar Tränchen. "Dass wir das noch erleben dürfen, ein viertes Enkelkind zu bekommen!" heulten sie fast synchron. Georgina fühlte sich ein bisschen unwohl, weil alle ihren Bauch betatschen wollten, obwohl es eigentlich noch nichts zu fühlen gab. Andauernd klingelte das Telefon und Shane oder Mark oder irgendwelche anderen Freunde und Verwandten riefen an, weiss der Henker woher sie die Neuigkeiten erfahren hatten. Wegen diesem Trubel hatte Kian sich schon früh nach dem Essen verabschiedet. Rebecca hatte ihn zur Tür begleitet, da ihre Eltern gerade damit beschäftigt waren, eine hysterische Cousine von Georgina zu beruhigen, die angerufen hatte. Sie lebte wohl in Amerika und glaubte an so manchen Hokuspokus und wie sie fand, war es gerade eine sehr ungünstige Zeit für weitere Kinder, soviel hatte Kian dem Gespräch entnehmen können.

"Tschüss dann Rebecca, danke dass du mich zur Tür gebracht hast!" sagte Kian und winkte. "Ja... ähm, Kian warte mal!" rief sie und zog ihn zurück ins Haus. "Was ist denn los? Machst du dir Sorgen wegen dem Baby?" fragte Kian. Ilyssa und Keelin waren euphorisch gewesen, als Nicky ihnen von dem Geschwisterchen erzählt hatte, dass ihre Mummy bekommen würde, aber Rebecca war nicht so begeistert gewesen. Ein Baby bedeutete schliesslich ziemlich viel Stress! "Nein, naja, doch, aber das meine ich gerade nicht. Ich... wollte mich entschuldigen." stotterte sie. "Wofür denn?" Kian war etwas verwirrt. "Naja, ich war halt nicht so nett zu dir. Das ist nur so, weil ich mal ein Gespräch von Mum und Dad belauscht hab, kurz nachdem du hergekommen bist und da hab ich halt mitbekommen, dass du im Gefängnis gesessen hast." gab sie kleinlaut zu. "Aber mittlerweile ist mir das egal. Es war unfair von mir, dich dafür zu hassen." Kian schwieg. "Naja, und ich hab auch mitbekommen, dass du mal mein Patenonkel werden solltest und ich fänd es gut, wenn du es immer noch machen willst." Den letzten Teil ratterte sie in einer Eile herunter, dass Kian Schwierigkeiten hatte, mitzukommen. Aber letzten Endes verstand er sie doch. "Aber natürlich will ich das Rebecca. Ich hab mir schon immer gewünscht, dein Pate zu werden. Daran hat sich bis heute nichts geändert." sagte er lächelnd. Rebecca umarmte ihn und Kian streichelte ihr glücklich den Rücken rauf und runter. "Danke Kian! Das ist echt schön!"

"Es ist schön, dass wir endlich mal alle wieder zusammen sind! Leider konntet ihr ja gestern an Luke's Geburtstag nicht kommen." verkündete Gillian und klatschte in die Hände. "Also was gibts zu tratschen?" Sie kicherte.
Die alte Westlifeclique hatte sich seit einer Ewigkeit mal wieder bei Mark getroffen. Mittlerweile war es fast schon März und draussen wurde es langsam wärmer. Aber zum im Garten sitzen reichte es noch nicht ganz. Vielleicht würde es am St. Patricks Day warm genug sein. Deswegen saßen alle im Wohnzimmer bei einer Tasse Kaffee und Kuchen. Eigentlich ziemlich spießig, dachte sich Kian, aber trotzdem schön. Neben ihm saß Norah und hielt seine Hand. Richtig schön.
"Gestern war ich beim Arzt." begann Georgina. "Wahrscheinlich wird es wieder ein Mädchen, aber kann auch ein Irrtum sein. Eigentlich ist es noch viel zu früh, um irgendwas zu erkennen." "Wo wird es eigentlich schlafen?" fragte Bryan. "Soweit ich weiss, habt ihr kein Zimmer mehr frei..." "Erstmal wird es auf jeden Fall bei uns im Schlafzimmer bleiben, aber später sieht es so aus, als ob wir das Gästezimmer umräumen müssen!" lachte Nicky. "Dann musst du leider mit der Couch vorlieb nehmen Kian!" Kian lachte. "Och nö. Du kannst ja dann mit dem Baby im Gästezimmer bleiben und ich schlaf im Ehebett!" schlug Kian vor. "Tze... Naja. Wie geht es Ben eigentlich?" warf Nicky ein. "Immer besser erstaunlicherweise!" griff Gillian das Thema auf und schaukelte Ben auf ihrem Schoß. Der Kleine quiekte vergnügt. Die anderen Kinder, zumindest die Kleineren, waren eifrig dabei, Marks Wohnzimmer mit ihren Spielsachen zu überfluten. Besonders Luke amüsierte sich mit seinem nagelneuen ferngesteuerten Auto prächtig. Die Großen hatten sich ins obere Stockwerk verzogen und man hörte bloß ab und zu ein gedämpftes Kichern oder Rumpeln. "Er hat jetzt so eine neue Salbe vom Arzt bekommen und die scheint richtig gut zu wirken, die Rötungen lassen an manchen Stellen ganz schön nach." Gillian strich ihrem Sohn die Haare aus der Stirn und küsste ihn darauf. Georgina beobachtete die beiden ein wenig weggetreten. Sowas Kleines bald wieder zuhause haben? Manchmal verwirrte sie dieser Gedanke noch. Nicky stupste sie leicht an und strich ihr über den Arm. "Nicht so viel nachdenken Minnie..." neckte er sie. "Alles klar Nousey!" kicherte sie und kam sich vor, als wäre sie wieder Anfang Zwanzig. Plötzlich sprang sie auf. "Keelin! Hör sofort auf, Alesha an den Haaren zu ziehen!" erboste sie sich und entzweite die beiden, die sich in einem Streit über ein Spielzeug in die Haare bekommen hatten. "Ha-" Sie wollte noch ein wenig weiter schimpfen, wurde jedoch von der Türklingel abgeschnitten. "Soll ich eben aufmachen gehen?" fragte Georgina. "Ich steh eh gerade..." "Ja danke." sagte Mark und goss sich noch einen Kaffee ein. "Wer will noch?" fragte er in die Runde.

Georgina öffnete währenddessen die Tür. "Hallo!" begrüßte sie die Frau vor sich, die einen kleinen Jungen an der Hand hatte. Sie sah sehr dünn und hager aus und ihre Augen glänzten feucht. "Ist Mark zuhause?" fragte sie fast ohne Stimme. Ihr Herz war ihr fast in die Hose gerutscht, als diese Frau ihr öffnete, auch wenn sie sich sicher war, sie irgendwoher zu kennen. "Ja... darf ich vielleicht fragen, was sie von ihm wollen...?" Georgina war unsicher, ob sie die Frau reinlassen sollte. "Ähm..." "Ach wissen sie was, wahrscheinlich geht mich das ja nichts an, ich hol ihn mal eben okay? Bitte bleiben sie solange da stehen..." Georgina lehnte die Tür an und lief ins Wohnzimmer. "Mark, ist für dich. So eine dünne Frau mit einem kleinen Kind, ich weiss nicht..." erklärte sie vorsichtig. Mark erhob sich und ging zur Tür. Georgina ging vorsichtshalber hinterher. "Jade!" keuchte Mark und wollte fast die Tür wieder zuschlagen. "Mark, nein bitte... Hör mir zu..." Mark schloss ein paar Sekunden seine Augen und schien angestrengt nachzudenken. "Okay." sagte er schliesslich und öffnete wieder. Jade hatte den kleinen Jungen mittlerweile auf den Arm genommen. Er liess sie eintreten und Georgina stand unbeweglich im Weg. Das war Jade? Sie hatte sich sehr verändert, aber sie hatte sie auch bloß ein oder zwei Mal gesehen... Jade lächelte sie schüchtern an. "Hi..." "Ja.. hallo Jade... ich, ähm... hab schon viel von dir gehört!" Jade musterte sie etwas unsicher und blieb an ihrem nun schon etwas gewölbten Bauch hängen. Georgina wurde rot. Was dachte sie wohl von ihr?

"Geht durch ins Wohnzimmer bitte." meldete Mark sich zu Wort, der sich ganz schön gut im Griff zu haben schien. Die beiden nickten und gingen vor, Georgina als erstes, um die anderen vielleicht noch vorzuwarnen, was ihr allerdings nicht gelang. Jade betrat nur Sekunden nach ihr den Raum und wirkte erst einmal geschockt, als sie die gesamte Mannschaft im Wohnzimmer sitzen sah. "Ähm... hallo." Der kleine Junge auf ihrem Arm strampelte ein wenig. "Shh Aidan." Sie wiegte ihn ein wenig auf ihren Arm hin und her und er gab wieder Ruhe. Dann sah sie Mark an, der sich vor sie auf Rückenlehne der Couch gesetzt hatte. Jetzt wirkte er doch den Tränen nahe. "Was willst du hier Jade?" fragte er gerade heraus und Nicky, der gerade seinen Kuchen aß, verschluckte sich heftigst, als er ihren Namen hörte. Georgina rannte zu ihm und klopfte ihm auf den Rücken. "Alles okay Nousey?" fragte sie besorgt und setzte sich wieder neben ihn. Jade sah den beiden erleichtert zu. Sie hatte befürchtet, die Frau könnte Marks neue Freundin sein, seine neue schwangere Freundin, um genau zu sein. Dann liess sie den Jungen von ihrem Arm runter, der sofort zu den anderen Kindern tapste, bevor sie sich wieder Mark zuwandte. "Mark ich... damals..." Sie unterbrach sich. "Callum ist mir nicht wichtig Mark. Ich-" "Warum hast du dann überhaupt etwas mit ihm angefangen?" fragte Mark hilflos. "Es war- Keine Ahnung.... Aber da waren keine Gefühle hinter, bitte glaub mir Mark... ich weiss nicht mehr was ich machen soll... du fehlst mir so und Aidan brauch dich doch auch!" Sie wusste nicht, wohin mit ihren Händen, also steckte sie sie in ihre Hosentaschen. "Wieso kommst du jetzt? Wieso nicht schon vor einem Jahr? Wieso hast du mich überhaupt gehen lassen, wenn Callum dir nichts wert war!" Jade wirkte müde. "Das hab ich mich auch mehr als einmal gefragt. Aber Mark, ich meine... ich war damals im siebten Monat schwanger! Mich hätte doch niemand mehr fliegen lassen und als Aidan dann geboren war, konnte ich auch erst nicht mit ihm hierher fliegen und irgendwann hab ich mich kaum noch getraut, weil so viel Zeit verstrichen war." gab sie kleinlaut zu. Während die beiden erstmal eine Weile schwiegen, verkrümmelten Marks Gäste sich ins obere Stockwerk, um den beiden ein bisschen Zeit und Platz zum Diskutieren zu lassen. Jade lief zu ihrem Sohn und nahm ihn vom Boden auf, weil er versuchte, den anderen hinterher zu laufen. Mark beobachtete die Szene. Als Jade sich umdrehte, sahen die beiden sich in die Augen. Aber lange hielt Mark nicht Stand. Schon früher hatten Jade's Augen ihn immer aus der Fassung gebracht. Sie kam ihm ein bisschen näher. "Mark..." Sie führte diesen Anfang nicht fort, sondern setzte sich auch auf die Rückenlehne, sodass die Deckenlampe einen schönen Schimmer auf ihr braunes Haar warf, wenn Mark in ihre Richtung sah und ihre grünen Augen irrten ängstlich umher.

"Mark, er ist dein Sohn." sagte sie leise. "Ich will nicht, dass er ohne seinen Vater aufwachsen muss." Marks Augen brannten sich in ihre. "Jetzt ist er plötzlich von mir oder wie? Vor zwei Jahren sah die Sache aber ganz anders aus! Wahrscheinlich bist du einfach nur pleite oder dein Lover hat dich sitzen gelassen, deswegen kommst du angekrochen. Der Mark wird schon für seinen Sohn bezahlen! Pech, dass du mir, bevor ich gegangen bin noch an den Kopf geworfen hast, dass er von Callum ist!" "Aber Mark, das war doch nicht-" "Jade ich möchte, dass du gehst!" "Bitte Mark, ich hab einen Test machen lassen, er ist dein Sohn, WIRKLICH!" Mark drehte verwirrt an seinem Ehering, den er noch aus Gewohnheit trug. Vielleicht auch, weil sein Herz Jade eigentlich noch nicht aufgegeben hatte. Dann blickte er auf und sah Aidan in die Augen, ins Gesicht... er sah ihm wirklich so ähnlich. "Hast du den Test dabei?" fragte er leise. Jade nickte wortlos und zog einen Zettel aus ihrer Hosentasche. Sie entfaltete ihn und reichte ihn Mark. Dabei berührten sich ihre Hände und Mark spürte dieses berühmte Kribbeln, das ihn an Jade immer schon fasziniert hatte. Wie schaffte sie es, dass er so fühlte?

Er las sich den Zettel durch. Eine Menge Sachen verstand er nicht, es war so typisches Arzt-Fachchinesisch, aber weiter unten stand dieser eine Satz, bei dem sein Herz einen Sprung tat. "Hiermit bestätigen wir die Vaterschaft von Mark Feehily zu Aidan Feehily." stand da und darunter war noch eine Unterschrift des Arztes. Daneben entdeckte Mark noch Jades schwungvolle Schrift und die dritte Lücke war noch frei. "Unterschrift des Vaters" war als nähere Beschreibung angegeben. Mit glitzernden Augen sah Mark zu Aidan "Ist das auch wirklich wahr?" fragte er. "Nicht gefälscht? Kein Scherz?" Seine Stimme war belegt. Er stand auf und nahm Jade den Kleinen vom Arm. "Hey..." sagte er und Aidan blickte ihn mit seinem blauen Augen an. "Wo soll er diese Augen sonst her haben?" schniefte Jade. Mark drückte den Kleinen fest an sich und ihm kullerten Tränen die Wangen herunter. Er hatte die ersten zwei Jahre im Leben seines Sohnes verpasst! Er hatte diese zwei Jahre zuhause gesessen und sich besoffen, Jade nachgetrauert, war zum Einsiedler geworden... aber jetzt war alles gut. Er war sein Sohn! Das alleine zählte. Aber ob er Jade verzeihen konnte, wusste er nicht. Im Moment wollte er nur für seinen Sohn da sein, denn schliesslich konnte er nichts dafür, dass seine Mutter nicht treu gewesen war. Er sollte nicht mehr darunter leiden.

Kapitel 45

Kerry stand am Treppengeländer und lächelte. Sie hatte das Gespräch ein bisschen verfolgt, als sie merkte, dass die beiden nicht wirklich stritten. Und ihre Neugier war in solchen Fällen sehr groß. Als sie hörte, wie Mark den Vaterschaftstest durchlas, füllten sich ihre Augen mit Freudentränen. Was musste es für ein Gefühl sein, plötzlich einen zweijährigen Sohn zu haben? Bestimmt fühlte es sich wundervoll an, auch wenn es getrübt war dadurch, dass man den Anfang verpasst hatte. Kerry beschloss, die anderen zu holen und wieder runter zu gehen, eventuell ganz nachhause zu fahren und die kleine Familie alleine zu lassen.

Sie trommelte alle zusammen und sie gingen hinunter ins Wohnzimmer. Dort saß Mark mit Aidan auf dem Schoß auf der Couch und beobachtete den Kleinen grinsend. Jade saß daneben ohne ein Wort zu sagen, nur Aidan blubberte ein bisschen vor sich hin, die paar Worte die er bereits kannte. Als Mark die Treppe knarren hörte, sah er kurz auf und sein Grinsen wurde nur noch breiter, als er seine Freunde sah. "Leute..." sagte er fast feierlich und streichelte Aidan zärtlich. "Darf ich euch meinen Sohn Aidan vorstellen?" verkündete er und der Stolz in seiner Stimme war nicht zu überhören. Gillian lief zu ihm und umarmte ihn so gut es ging, ohne Aidan zu verletzen. "Er ist aber auch vielleicht süß!" freute sie sich und stupste dem Kleinen auf die Nase.

Jade saß etwas bedröppelt daneben, weil ihr keiner Beachtung schenkte. Ihr schwirrten viele Dinge durch den Kopf. Wo sollten sie heute Nacht bleiben? Würde Mark sie bleiben lassen? Würden sie wieder zusammen kommen? Würde alles wieder gut werden? Würden sie zurück nach Australien gehen?

"Jade?" hörte sie plötzlich ihren Namen und drehte sich verwirrt um. Wer hatte sie angesprochen? "Hi." sagte Georgina. "Ich bin Georgina. Tut mir leid, wenn ich dir eben einen Schrecken eingejagt hab." Sie gab Jade die Hand und zwinkerte ihr dann zu. "Keine Sorge, Mark ist immer noch frei für dich." setzte sie mit geflüsterter Stimme dazu. Jade lächelte sie matt an. Ja, es schien so. Aber es war immer noch Mark's Entscheidung. Georgina liess sich neben ihr auf der Couch nieder und hielt sich den Bauch. "Darf ich dich mal was fragen, Jade?" Jade nickte nur freundlich. "Warum hast du so lange gewartet um wiederzukommen?" Sie vergewisserte sich, dass Mark voll und ganz mit Aidan und den anderen beschäftigt war und nichts mitbekam. "Wir sind einfach nicht an ihn ran gekommen. Er war bis etwa letzten November totaler Einsiedler, ich glaube nicht mal seine Eltern hatten richtigen Kontakt zu ihm. Er hat uns überhaupt nicht beachtet, obwohl er hier war! War schon schlimm genug, dass ihr damals einfach abgehauen seid, nach Australien und keiner wusste wohin genau, weil jeder der eine Postkarte bekam, eine andere Adresse drauf stehen hatte. Also wieso bist du nicht früher gekommen?" Jade sah aus, als wollte sie heulen. "War es echt so schlimm für ihn? Ich wollte das nicht Georgina, bitte glaub mir. Das mit Callum ist einfach so passiert, es war mir nichts wert! Und dann war ich plötzlich schwanger und wusste erst nicht von wem und es war so verwirrend und ich war mir überhaupt nicht sicher und alles..." Sie stoppte ein paar Sekunden. "Und dann hat er uns einmal erwischt, ich wollte nicht dass er das sehen muss! Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon länger versucht, endlich mit Callum Schluss zu machen und Mark die Affäre dann zu beichten. Aber Callum war irgendwie zu stark für mich, manchmal machte er mir richtig Angst. Und bevor ich richtig realisiert hatte, was passiert war, war Mark schon längst verschwunden. Ich war da hochschwanger und konnte nicht mehr fliegen und als Aidan dann da war, konnte ich auch erstmal nicht. Das hab ich Mark eben auch schon erzählt, es war dann irgendwann so viel Zeit vergangen, dass ich einfach den Mut verloren hab. Aber ich wollte es Aidan nicht antun, ohne seinen Vater aufzuwachsen. Weil ich diesen Test da machen liess und so... und dann bin ich jetzt halt hier." Jade sah verloren aus. "Was hat Mark gesagt, also ich meine, jetzt nicht wegen Aidan, aber so überhaupt?" Georgina konnte ihre Fragen nicht stoppen. Jade zuckte die Schultern. "Er hat darüber nicht so viel gesagt, ich weiss nicht, ob er mir richtig zu gehört hat..." Georgina schielte über Jade hinweg zu Nicky, der ihr deutlich machte, dass er gehen wollte. "Hör mal Jade." sagte sie deswegen schnell. "Gib nicht auf, okay? Ich weiss, dass Mark dich nicht einfach abgehakt hat, was meinst du warum er den Ehering noch trägt? Sprich ihn drauf an, ihr kennt euch doch wirklich lange genug. Du schaffst das schon, es wäre so toll, wenn ihr wieder zusammen kommen würdet, alleine wegen Aidan, aber auch euretwegen. Okay?" Jade nickte dankbar. "Danke Georgina. Danke, dass du dich zu mir gesetzt und mit mir geredet hast." Georgina lächelte sanft. "Kein Problem."

Sie erhob sich langsam und ging zu Nicky rüber. "Über was habt ihr geredet?" fragte er leise. "Erzähl ich dir später." Sie gab ihm ein Küsschen und lief dann weiter zu Mark, um sich zu verabschieden. "Wollt ihr etwa schon gehen?" fragte er und stand auf, so gut es mit Aidan auf dem Schoß eben ging. "Ja... wollen euch mal ein bisschen Ruhe lassen." Sie seufzte, also sie Aidan ansah. "Er sieht dir wirklich ähnlich Mark." Er strahlte und küsste seinen Sohn auf die Wange. "Ein Glück, dass er nicht fremdelt." überlegte Mark. "Immerhin kennt er mich nicht, aber es scheint ihm nichts auszumachen, bei mir zu sein." "Tja, er spürt, dass ihr zusammen gehört!" Georgina knuffte ihn in die Seite und ging dann nach einem lieben "Tschüss, viel Spaß." wieder zu Nicky rüber. "Lass uns fahren, bitte." sagte sie und irgendwie hatte sie einen Kloß im Hals. "Ist irgendwas nicht in Ordnung?" fragte Nicky besorgt. "Nee, alles okay, ich bin nur immer so nah am Wasser gebaut wenn ich schwanger bin irgendwie und das ist ja wohl sowas von süß!" Sie kramte nach einem Taschentuch und die beiden gingen, nachdem sie sich noch von den anderen verabschiedet hatten, Hand in Hand zu ihrem Auto. Auch die anderen gingen nach und nach nachhause, um Mark und Jade nicht zu stören. Sie würden sich wohl noch viel zu sagen haben.

Es war schon etwas dunkel draussen und Jade stand am Fenster. Mark kam leise von hinten auf sie zu, mit Aidan auf dem Arm. "Wollt ihr beide vielleicht etwas essen?" fragte er, den perfekten Gastgeber spielend. Jade drehte sich um und lächelte gequält. "Ja, ich denke, Aidan hat bestimmt Hunger." sagte sie und warf einen Blick auf ihren Sohn, der sich Marks Pullover in den Mund gestopft hatte. "Lass das Aidan." Der Kleine blickte auf. "Ach, ist doch okay." winkte Mark ab. "Was wollt ihr den haben? Ich hab eigentlich alles da." wechselte er dann das Thema zurück zum Essen. "Hast du Nudeln? Er ist ganz verrückt danach!" erklärte Jade. "Klar, komm mit in die Küche." sagte er und lief voran. Er setzte Aidan auf einen Stuhl und achtete darauf, dass er nicht umfiel. Wie selbstverständlich er mit dem Kleinen umgehen konnte! Er wusste doch erst seit knapp zwei Stunden, dass er sein Vater war! Mark schüttelte den Kopf, um den Gedanken los zu werden und suchte die Nudeln in den Schränken. Er hatte noch irgendwo eine gute Fertigsauce, die sie dazu essen konnten.

Während er gedankenverloren am Herd stand, sah Jade ihm zu. Früher, in Australien, hatte auch meistens er gekocht, sie war dazu einfach nicht geboren. Ein Wunder, dass Aidan ihr Essen überhaupt runter bekam! Kurze Zeit später war das Essen fertig und Mark gab Aidan seinen extra etwas kleineren Teller, bevor er die restlichen Nudeln auf zwei andere Teller lud und die Sauce darüber gab. Es roch gut. Er liess sich auf dem Stuhl neben Aidan nieder, um ihm ein bisschen zu helfen, falls es nötig war. Schweigend schob er Jade ihren Teller zu und blickte ihr einen Moment in die Augen. Sie lächelte ihn dankbar an, wendete sich dann aber ihrem Essen zu. "Schmeckt fantastisch Mark." liess sie verlauten, als sie einige Bissen probiert hatte. "Naja, ist ja nicht so, als hätte ich die Sauce gemacht." wehrte Mark ab, konnte aber nicht verhindern rot zu werden. Irgendwie fühlte er sich, wie bei seinem ersten Date. Als würden Jade und er sich gar nicht kennen. Jedenfalls nicht so gut, wie sie es wirklich taten. Mark wusste genau, dass Jade ihre Nudeln eigentlich immer klein schnitt, aber anscheinend traute sie sich nicht. Er wusste auch genau, dass sie ihm eigentlich so viel sagen wollte, aber es kam kaum ein Wort aus ihr heraus. Auch als er sie ansah, merkte er, wie gut er sie kannte. Er erblickte das kleine Muttermal an ihrem Zeigefinger und lächelte. Er sah auch die Narbe auf ihrem Unterarm, die Snoopy ihr einmal verpasst hatte, als sie sich noch nicht so gut kannten. Oder all die kleinen Sommersprossen, die er aus Übermut an einem sonnig-warmen Wintertag am Regenbogen Strand an der Ostküste Australiens einmal verbunden hatte, sodass sie einen Kussmund ergaben. Oder ihren hervorstehenden Bauchnabel, für den sie sich immer schämte. Oder ihre perfekt manikürten Fingernägel, die sie jeden Tag anders farbig trug. Heute aus irgendeinem Grund hellgelb. Er entdeckte so viele Sachen an ihr, die sich in den letzten zwei einsamen Jahren nicht geändert hatten, die er genauso vorfand, wie er sie in Erinnerung hatte.

Mark wandte seinen Blick mit Mühe von Jade ab und bemerkte, dass Aidan ein ziemliches Chaos mit seinem Essen veranstaltet hatte. Er lachte und verursachte damit, dass Jade verwundert aufsah. Als sie ihren Sohn sah, musste sie jedoch auch lachen. Er hatte die Sauce auf seinem T-Shirt und dem Tisch verteilt und ein Gesicht hinein gemalt. Ein paar Nudeln lagen um den Teller verstreut und er schien nicht viel gegessen zu haben. "Ach Aidan." seufzte Jade. "Du kleiner Dreckspatz..." "Das macht doch nichts." stoppte Mark sie. "Das kann man ja alles einfach wieder sauber machen. Außerdem hätten wir ja aufpassen können." Mark sah sie lächelnd an. "Hast Recht." Wieder trafen sich ihre Blicke einige Sekunden, bevor Mark sich erhob, um einen Lappen zu holen. Als er wiederkam, stand Jade neben Aidan und zog ihm sein T-Shirt aus. "Soll ich das in die Waschmaschine tun?" fragte Mark. "Das wäre nett, ich hab nicht so viele Sachen für ihn eingepackt..." Jade stemmte ihre Hände in die Hüften und biss auf ihrer Lippe herum. Sie wollte nicht direkt wieder irgendwelche Ansprüche stellen, aber langsam musste sie Mark fragen, ob sie heute Nacht vielleicht bleiben konnten. "Ist gut, bis morgen früh ist es bestimmt wieder trocken." sagte er und Jade hustete. "Ihr bleibt doch oder?" "Wenn es dir recht ist..." begann Jade schüchtern. "Hör mal Jade. Mir ist klar, dass wir noch viel zu regeln haben zwischen uns beiden. Aber du glaubst doch nicht, dass ich meinen Sohn so schnell wieder gehen lasse, wenn ich zwei Jahre aufholen muss?" Jade wusste nichts darauf zu erwidern. "Ich mach das Gästezimmer fertig, okay? Wischst du mal solange den Tisch ab?" Jade nickte und Mark warf ihr den Lappen zu, der ihr aus den Händen glitt. Sie musste lachen. "Das war Absicht! Du weisst genau, dass ich nicht gut fangen kann!" protestierte sie dann. Marks Lachen erschallte, aber er erwiderte nichts und lief mit Aidan auf dem Arm die Treppe rauf zum Gästezimmer.

"Danke nochmal, dass wir bleiben dürfen." wiederholte Jade nochmal, als sie zehn Minuten später im Gästezimmer stand. "Bleibt solange ihr wollt." sagte Mark freundlich, gab Aidan noch einen Kuss auf die Stirn und schloss dann mit einem leisen "Gute Nacht." die Tür hinter sich. Er lief den Flur entlang zu seinem Schlafzimmer und schloss sobald er drin war ebenfalls die Tür hinter sich. Er entkleidete sich schnell bis auf Boxer Shorts und zog ein Schlaf-T-Shirt drüber, bevor er sich gähnend in sein Bett legte. Als er die Bettdecke über sich legte, kuschelte er sich gemütlich hinein, um die Kälte abzuhalten. Er war fast sofort eingeschlafen, die Ereignisse des Tages hatten ihm ganz schön viel abverlangt.

Kapitel 46

Am nächsten Morgen wurde Mark von Aidans Lachen geweckt. Er blickte müde auf die Uhr und sah, dass es bereits nach zehn Uhr war. Er zog sich schnell eine Jeans und ein anderes T-Shirt an, duschen würde wohl ausfallen müssen heute. Dann rieb er sich ein bisschen den Schlaf aus den Augen und lief die Treppe herunter. Als er die Küche betrat, kam Aidan grinsend auf ihn zugetapst. "Hallo Kleiner!" sagte Mark gerührt und ging in die Hocke, um seinen Sohn hochzuheben. Er sah Jade lächelnd an. "Guten Morgen Jade. Du hast schon Frühstück gemacht?" "Ja. Ich war eben mit Aidan Brötchen holen und dann haben wir den Tisch gedeckt, ich hoffe, das war okay?" Sie fragte ganz vorsichtig. "Natürlich war das okay! Weisst du wie lange ich schon keine frischen Brötchen mehr zum Frühstück hatte? Ich geh doch nicht für ein oder zwei Brötchen morgens zum Bäcker... super!" Er setzte sich zufrieden auf einen Stuhl und liess Aidan auf seinem Schoß. Jade, die aufgestanden war, als er die Küche betrat, setzte sich ebenfalls wieder hin und aß das Brötchen, das auf ihrem Teller lag weiter. "Was isst Aidan eigentlich zum Frühstück?" wollte Mark dann wissen. "Das was man ihm vorsetzt normalerweise, also würde ich vorschlagen ein Brötchen irgendwie klein gemacht." antworte Jade mit vollem Mund und Mark sah sie etwas verwirrt an. "Was? Ab fünfzig Gramm im Mund wird's undeutlich, musst du wissen, ich hab kein Wort verstanden!" Jade prustete. "Ich sagte..." wiederholte sie nachdem sie zu Ende gekaut hatte. "Ein Brötchen wäre okay, wenn du es irgendwie klein machst."

Nachdem sie zu Ende gegessen hatten, breitete sich wieder eine Stille zwischen ihnen aus. "Hm." Mark grübelte. "Wie lange seid ihr eigentlich schon hier in Sligo?" Jade sah ihn nervös an. "Seit drei Tagen. Ich hab mich nicht getraut..." wollte sie erklären. "Und wo habt ihr geschlafen?" "Ich hab ein Bed & Breakfast gemietet." "Dann fahr ich da jetzt mal eben hin und heb die Buchung auf. Ihr bleibt solange ihr wollt hier." Er stand auf und lief in den Flur, um seine Jacke zu holen. "Welches ist es?" fragte er noch und suchte nach seinem Autoschlüssel. Jade nannte ihm Namen und Adresse und er als er zur Tür raus wollte, fing Aidan plötzlich an zu schreien. Mark machte sofort kehrt und sah ihn besorgt an. Er saß auf Jade's Arm und hielt seine Arme ausgestreckt zu Mark. "Ich glaube, er würde gerne mitfahren..." erklärte Jade. "Kein Problem..." Mark nahm ihr den Kleinen vom Arm. "Willst du auch mitkommen?" Sie schüttelte den Kopf. "Ich kann ja solange die Küche aufräumen." sagte sie. "Okay, dann bis gleich." Er warf die Tür ins Schloss und lief zu seinem Jeep. Er setzte Aidan auf den Rücksitz und schnallte ihn gut an, hoffend, dass ihn keine Polizei oder sonst was stoppen würde, weil er keinen Kindersitz hatte. Er fuhr also ein bisschen nervös zu dem B&B und meldete, nachdem er Jade's Sachen herausgeholt hatte das Zimmer ab. Jade hatte ihm den Schlüssel gegeben und die Frau an der Rezeption nahm ihn zwar ein bisschen grummelig, aber ohne Beschwerde an sich. Nur das Geld wollte sie nicht wiedergeben, aber das war das kleinste Problem für Mark. Als er wieder raus war, setzte er sich wieder ins Auto und fuhr zu seinen Eltern. Er wollte ihnen Aidan zeigen, auch wenn er nicht lange bleiben konnte, weil Jade zuhause auf ihn wartete. Es dauerte nicht lange, bis Marie ihm die Tür öffnete. Als sie Mark sah, hellte sich ihr Gesicht auf. "Mark, mein Junge komm rein. Wen hast du da mitgebracht?" Mark grinste. "Mum, das ist Aidan." sagte er und seine Mutter schien nicht zu verstehen. "Aidan..." Er wippte den Kleinen auf seinem Arm ein bisschen auf und ab. "...das ist deine Oma." Marie griff erschrocken an den Türrahmen, um sich irgendwo abzustützen. "Was?" Sie wusste nicht, ob sie erschrocken, erfreut oder böse auf Mark sein sollte, weil er ihr nichts gesagt hatte. Mark traten die Tränen in die Augen. "Mum er ist mein Sohn..." Marie nahm ihm den Kleinen aus dem Arm und ging ins Wohnzimmer. "Jade ist gekommen." erklärte er die Situation. "Hab ich dir von der ganzen Sache erzählt?" Marie schüttelte den Kopf, ohne ihren Blick von Aidan abzuwenden. "Du bist ja nie zu uns gekommen..." Also erzählte Mark die ganze Geschichte, wie er Jade geheiratet hatte und sie dann schwanger wurde und den ganzen Rest. Marie war ziemlich geschockt und sie weinte plötzlich auch. Als Mark zu Ende gesprochen hatte, schüttelte sie traurig den Kopf. "Wieso erzählst du uns das jetzt erst Mark? Wir hätten dir doch beigestanden... Du bist verheiratet!" Sie nahm empört seine Hand und begutachtete den Ring an seinem Ringfinger. "Du hättest uns wenigstens einladen können." Mark nickte betreten. "Ich weiss Mum. Aber ihr ward alle so weit weg. Ich meine, geistig. Wir waren für uns alleine in Australien, nur wir zwei und die paar Leute, die wir dort kannten." Er hoffte, dass seine Mutter das verstand auch wenn er wusste, dass es keine Entschuldigung war. Dann seufzte er und stand auf. "Ich muss wieder los Mum, Jade ist alleine bei mir. Ich hatte eigentlich bloß vor, das Bed & Breakfast zu canceln." Marie stand also auch auf. "Junge, du musst wissen was du tust." sagte sie und blickte ihn fürsorglich an. "Aber hör auf dein Herz und lass dir den Kleinen nicht wieder wegnehmen. Ich bestehe darauf, ihn ab jetzt öfters zu sehen!" Mark grinste und sagte ihr noch, sie solle seinem Dad und seinen Geschwistern Bescheid sagen. "Wird gemacht." versicherte sie und schob ihn samt Aidan zur Haustür. "Und jetzt red mit Jade, solange bis ihr zu einem Ergebnis kommt bitte!"

"Da seid ihr ja endlich! Ich dachte schon, es wäre etwas passiert!" rief Jade aus, als Mark klingelte. "Sorry... ich bin noch bei meinen Eltern gewesen, aber nur meine Mum war zuhause." erklärte Mark. Jade's Gesichtsausdruck wechselte von Erleichterung zu Anspannung. "Keine Sorge... ich wollte ihr bloß ihren Enkel zeigen!" sagte Mark beruhigend und strich ihr über den Arm, ohne darüber nachzudenken. Aber als er sie berührte, musste er sofort an Callum denken und er zog seine Hand wieder weg. Sie nickte und sah Aidan an. "Ich glaube, er ist müde." gab sie zu bedenken und nahm ihn von Marks Arm. "Dann sollten wir ihn ins Bett bringen." Mark und Jade gingen also hoch zum Gästezimmer und legten den Kleinen hin. Aidan schlief fast sofort ein und seine Eltern blieben noch ein bisschen sitzen und beobachteten ihn. "Es tut mir leid, dass alles so gekommen ist." sagte Jade ohne Mark anzusehen. Mark erwiderte nichts, also startete sie einen neuen Versuch. "Findest du seinen Namen schön?" Jetzt sah Mark sie an. "Wir haben den Namen zusammen ausgesucht Jade, wie könnte ich ihn nicht schön finden?" Sie zuckte mit den Schultern. "Es soll schon Fälle gegeben haben, da hat tatsächlich jemand seine Meinung geändert." gab sie zurück. Er sah daraufhin wieder seinen Sohn an. Aidan... "Ich finde, er passt perfekt!"

Später saßen sie bei einem Glas Rotwein im Wohnzimmer und wollten endlich mal über alles reden. "Weisst du Mark..." Sie sank etwas tiefer in den gemütlichen Sessel hinein. "Es war verdammt schwierig in den beiden letzten Jahren." Versuchte sie jetzt, ihm ein schlechtes Gewissen einzureden? "Nachdem du abgehauen bist, hab ich endlich den Mut gefunden, Callum wegzuschicken. Ich hatte das schon länger vor, weil er mir nichts bedeutete. Aber er war so stark, dass ich Angst hatte, er würde mir was antun, wenn ich etwas tat, was ihm nicht gefiel. Und dann war ich ganz alleine, auf mich gestellt. Ich bin dann mit dem bisschen Geld, was ich noch hatte nach Sydney zurück und hab mir da ein kleines Zimmerchen gemietet. Ich hab eigentlich jeden Tag darauf gewartet, dass du wiederkommst und mir sagst, dass alles gut wird. Dass du bei Aidans Geburt dabei sein wirst, mir helfen wirst. Aber als es dann soweit war, war ich alleine, weil ich ja auch niemanden in der Stadt kannte..." "Wann hat Aidan Geburtstag?" fragte Mark dann. Jade lächelte und versuchte, ihre Tränen herunter zu schlucken. "An St. Patrick's Day... 17. März." "Nächste Woche!" rief Mark erstaunt. "Ja... nächste Woche wird er zwei." Sie schaute traurig drein. "Ich hätte viel früher kommen müssen." "Nein... dafür ich mach dir keinen Vorwurf, Jade." versicherte Mark ihr. "Du hättest mich bloß erst gar nicht soweit bringen dürfen, zu gehen." Jade seufzte. "Ich weiss. Es ist einfach unentschuldbar, dass ich es soweit habe kommen lassen. Ich hoffe, dass du mir einmal verzeihen kannst Mark. Aber wenn nicht, muss ich auch selbst damit klar kommen. Schliesslich hab ich vor zwei Jahren auch keine Rücksicht auf deine Gefühle genommen..." Mark nickte bloß ein bisschen abwesend und lauschte dem Radio im Hintergrund. Als das nächste Lied begann, sahen Mark und Jade sich schüchtern an. "Mark-" fing Jade an, aber er stand auf und hielt ihr die Hand hin. "Lass uns tanzen." forderte er sie auf. Jade wagte nicht zu widersprechen, aber sie wollte auch gar nicht. Als sie nun mitten im Wohnzimmer standen und Mark seine Hand auf ihre Hüfte legte, fühlte sie sich um 6 Jahre zurück versetzt. "Weisst du noch, dass wir auf diesem Lied zum ersten Mal als Mann und Frau getanzt haben?" wisperte Mark in ihr Ohr. Sie nickte lächelnd und dachte an diesen wunderschönen Tag zurück.

"Jetzt halt mal still Jade, der Schleier hält nicht!" ermahnte Susan ihre Freundin. "Du willst doch so gut aussehen wie möglich oder?" "Ja... schon. Aber dieser blöde Wind weht doch eh alles wieder weg!" " Na toll! Wer hat sich den entschieden, am Rainbow Beach zu heiraten, he? Und ich kriege jetzt alles ab." grummelte Susan und steckte die letzte Haarnadel in die Frisur. "Ach Susan, nimm das nicht so ernst, ich bin bloß wahnsinnig aufgeregt! Hast du ihn schon gesehen?" Jade nahm die Hände ihrer besten Freundin in ihre und drückte sie. "Ja und ich hab die strikte Anweisung, dir nichts zu verraten!" kicherte Susan. "Und jetzt lass uns endlich raus gehen. Ich glaube, Mark denkt schon, du bist zurück nach Irland geflogen, solange wie wir gebraucht haben!"
Als die beiden den kleinen Pavillon verließen, setzte eine kleine Blaskapelle zu spielen ein. Eine frische Brise wehte um Jade's Nase und alles kribbelte, als sie Mark dort vorne stehen sah. Er trug einen leichten weißen Sommeranzug mit einem bunten Hemd und Jade musste lachen. Das war so ihr Mark! Sie strahlte ihn glücklich an und als sie ihn erreichte, nahm er ihre Hand in seine und sah ihr tief in die Augen. Sie hoffte, dass ihm ihr Kleid gefiel. Es war ein weißes Sommerkleid, ging bis kurz übers Knie und hatte an manchen Stellen ein paar Rüschen und Perlen eingearbeitet. "Du siehst wunderschön aus." flüsterte Mark, bevor sie sich beide zum Pastor umdrehten, der etwas ungewohnt in Hemd und kurzer Hose vor ihnen stand. Er hielt eine Bibel in der Hand und begann nun, ihnen daraus vorzulesen.
Dann schloss er das kleine Buch wieder und lächelte die beiden herzlich an. "Ihr habt euch entschieden, den Rest eures Lebens miteinander zu verbringen." begann er. "Und wir sind heute hier versammelt..." Er deutete mit der Hand auf die etwa 20 Leute, die um sie herum standen. "... um euch in den heiligen Stand der Ehe zu schicken. Also frage ich zuerst dich, Markus Michael Patrick Feehily, willst du Jade McCormack zu deiner angetrauten Frau nehmen und sie lieben und ehren, bis dass der Tod euch scheidet?" "Ja, ich will." sagte Mark und blickte Jade zärtlich an. "Und so frage ich auch dich, Jade McCormack, willst du Markus Michael Patrick Feehily zu deinem angetrauten Mann nehmen und ihn lieben und ehren, bis dass der Tod euch scheidet?" Jade musste erst ihre Tränen wegwischen, bevor sie antworten konnte. "Ja, ich will." sagte sie dann bestimmt. Susans kleine Tochter kam nun zu ihnen und reichte den beiden ein Kissen mit den beiden Ringen drauf. Mark nahm den kleineren goldenen Ring auf, der mit ein paar Diamanten in Herzform besetzt war, steckte ihr den Ring an und sprach sein Gelübde. "Jade, hiermit nehme ich dich zur Frau und ich verspreche, dass ich dich immer mit all meinem Herzen lieben werde, komme was wolle." Jade nahm nun den zweiten Ring von dem Kissen und Susans Tochter rannte zurück zu ihrer Mutter. "Hiermit nehme ich dich zu meinem Mann, Mark.." sagte Jade und steckte den schlicht goldenen Ring an seinen Finger. "... ich hätte nie gedacht, dass eine Liebe so stark sein kann wie unsere und deswegen verspreche ich dir hier und jetzt, dich nie gehen zu lassen." Ein paar Sekunden sahen beide auf ihre ineinandergeschlungeden Hände mit den im langsam versinkenden Sonnenlicht funkelnden Ringen, bevor sie wieder zum Pastor sahen. "Sie dürfen die Braut jetzt küssen." erklärte der Pastor überflüssigerweise und Mark beugte sich runter zu ihr, damit ihre Lippen sich treffen konnten. Alle Anwesenden klatschen laut und Mark und Jade hielten diesen Moment für immer in ihren Erinnerungen fest. Dann öffneten sie die Augen wieder und drehten sich zu den Gästen. Sofort übernahm Susan's Tochter ihre nächste Aufgabe und bewarf die frisch vermählten mit Reis und Blüten. Lachend liefen die beiden den Gang, den die Gäste gebildet hatten, entlang und küssten sich noch einmal. "Ich liebe dich so sehr." wisperte Mark ihr ins Ohr und Jade kicherte. "Lass uns tanzen." Sie zog ihn ein bisschen zurück zu den Gästen und der Kapelle und sie begannen zu spielen.

I need you now
And tomorrow is too late
In you I've found
A million reasons I can't wait anymore
And for me it's now or never
I need to start loving you forever baby

I could live on loving you
Holding kissing touching you
You don't know how long I've waited for you
Holding on so I could
Live on loving you

You heard my voice
Through my silence crying out
I am here
Can you feel me reaching out
With my heart as far as I can go
I'll go on if you let me
Cause I'm trying to let you know oh baby

I could live on loving you
Holding kissing touching you
You don't know how long I've waited for you
Holding on so I could
Live on loving you

Tell me that the smile I see
The angel eyes
Looking back at me
Telling me you are
The only one for me

I could live on loving you
Holding kissing touching you
You don't know how long I've waited for you
Holding on so I could
Live on loving you

Als das Lied zu Ende war, trat Mark einen kleinen Schritt von ihr zurück. Jade dachte fast, den frischen Wind in ihren Haaren zu spüren, als sie ihre Augen öffnete. Mark's Gesicht war ganz nah. Sie blickten sich einfach nur in die Augen und sie fühlte, wie ihre Knie langsam nachgaben. Mark führte ihre Hände an seinen Hals und platzierte seine wieder an ihren Hüften. Dann senkte er seine Lippen und Sekunden später trafen sie auf ihre. Mark hatte fast vergessen, wie gut sich das anfühlte, wie vollkommen weich ihre Lippen waren, so geschmeidig...

Kapitel 47

Morgens erwachte Kian von den zwitschernden Vögeln und den vorsichtigen Sonnenstrahlen, die durch den Vorhang krochen. Er drehte sich zu Norah um und küsste sie sanft auf die Nasenspitze. "Hm..." grummelte sie und zog die Decke höher. "Hey.. aufwachen... Die Sonne scheint!" lockte er sie ein bisschen. Genervt schlug Norah die Decke wieder weg. "Du kannst einem ganz schön auf den Geist gehen Kian! Was interessiert mich am Wochenende um NEUN UHR, dass die Sonne scheint?" Sie schloss die Augen wieder. "Ich bin müde Schatz, lass mich bitte schlafen." Kian zog die Augenbrauen hoch. Aber er stand dann ohne ein weiteres Wort auf und ging duschen.

Als er zurück ins Schlafzimmer kam und seine Klamotten aufsammelte, saß Norah nun doch wach im Bett. "Tut mir leid Ki... ich wollte dich nicht anmaulen." Er zuckte die Schultern und stieg in seine Jeans. "Hey..." Sie krabbelte zum Bettrand, schlang ihre Arme von hinten um ihn und bedeckte seinen Nacken mit sanften Küssen. "Verzeihst du mir?" Seufzend liess Kian sich nach hinten fallen und begrub Norah unter sich. "Ahhh, Kian!" kicherte sie. "Geh runter!" Er drehte sich um und sah sie an, ihre Gesichter nur Millimeter voneinander weg. "Was ist bloß aus der Norah von früher geworden?" neckte er sie. "Jeden Morgen um sieben im Fitnessstudio... lange her was?" Norah antwortete nicht, sie zog bloß Kians Gesicht näher zu sich und küsste ihn, um weitere Sticheleien abzuwenden. "Sehr lang." fügte Kian atemlos hinzu. Er liess sich wieder neben sie fallen und kuschelte sich an sie. "Tanzt du eigentlich noch?" fragte er dann. "Ab und zu.. aber ich hab nicht mehr richtig Zeit dazu! Ich bin oft viel zu lange in der Kanzlei... eigentlich sollte das ja mit Georgina besser werden, aber wir quatschen so viel, dass wir eher länger brauchen!" "Lass das bloß nicht deinen Boss hören!" ermahnte Kian sie spielerisch. "Naja, und jetzt wo sie wieder schwanger ist, fällt sie eh ne Ewigkeit aus und ich muss wieder alles alleine machen." seufzte sie ein bisschen traurig. "Ohh... ich kann dich ja ganz oft besuchen kommen!" schlug Kian vor. "Untersteh dich! Da komm ich ja zu nichts mehr!"

Sie alberten noch eine Weile im Bett liegend herum, bevor es langsam immer später wurde und sie auch Maddie schon unten im Haus rumoren hören konnten. "Lass uns mal nach unten frühstücken gehen." schlug Norah vor. "Okay..." Norah schälte sich aus der Bettdecke und tapste mit nackten Füßen die kühle Marmortreppe hinunter. "Kommst du?" Kian lief ihr hinterher und beobachtete glücklich, wie sie auf dem kalten Boden herumsprang wie ein kleines Kind, sich ab und zu grinsend zu Kian umdrehte und fortlaufend kicherte. In der Küche angekommen liess sie sich an den Frühstückstisch plumpsen. Maddie sah keinen Moment von der Zeitung auf. Kian setzte sich neben sie und wünschte sich plötzlich, sich vielleicht doch etwas anderes angezogen zu haben, als bloß die Boxershorts und das T-Shirt. Unwillkürlich musste er daran denken, wie er es gefunden hätte, wenn seine Mum ihren Lover nach Hause gebracht hätte und er morgens in Boxershorts am Tisch gesessen hätte. Wahrscheinlich wäre er in Grund und Boden versunken, aber Maddie würdigte ihn keines Blickes. Stumm kaute sie auf dem Brötchen herum und blätterte Seite für Seite um. "Hm... was haltet ihr davon, wenn wir heute Abend essen gehen?" schlug Kian dann vor, teils weil er das abgesagte Essen mit Norah, wo Georgina ihn brauchte noch wieder gut machen musste und teils um Maddie für diesen misslungenen Morgen zu entschädigen, von dem sie ja anscheinend nicht mal was mitbekommen hatte. Norah legte verschmitzt grinsend den Kopf schief. "Ich lad euch natürlich ein." fügte Kian dazu, falls das noch nicht klar gewesen war. Norah lachte nun. "Was sagst du Maddie? So ne Chance bekommen wir nicht alle Tage..." Maddie lugte verstimmt über ihrer Zeitung hervor. "Wenn es unbedingt sein muss." brummelte sie dann etwas verstimmt. Norah warf Kian einen vielsagenden Blick zu, der ihm wohl zu verstehen geben sollte: "Sei froh, dass du dich mit sowas nicht rumärgern musst!" Kian grinste. "Okay... soll ich die Damen dann so gegen Acht abholen?" "Wo gehen wir denn hin?" wollte Norah augenklimpernd wissen. "Lasst euch überraschen...!" sang Kian übermütig und stopfte danach das letzte Stück Brötchen in seinen Mund, bevor er aufstand und nach oben tänzelte, um sich anzuziehen. Norah lachte lauthals über Kians Performance und zog eine Schnute um das Lachen zu unterdrücken, als sie Maddie genervt stöhnen hörte. Da startete Norah ein Ablenkungsmanöver. "Maddie... Hast du eigentlich die Brötchen geholt?"

Norah stoppte den Wagen vor Kians Haustür und gab ihm einen Abschiedskuss. "Bis heute Abend dann, ne? Oder soll ich noch mit hoch kommen?" "Nein, lieber nicht, ich hab nicht aufgeräumt!" scherzte Kian. "Aber demnächst muss ich mich nochmal bei Mrs. Hagerty bedanken!" warf sie ein. "Ich werde dich das nächste Mal dran erinnern." Kian gab ihr noch einen Kuss und schnallte sich dann ab. "Ciao, bis heute Abend!" Er liess die Tür ins Schloss fallen und Norah fuhr das Fenster noch einmal runter. "Was sollen wir eigentlich anziehen?" Kian lächelte sie an. "Irgendwas, vielleicht ein bisschen schicker, aber nicht so übertrieben!" erklärte er knapp und winkte noch einmal kurz. Norah warf ihm eine Kusshand zu und fuhr dann los.

Kaum hatte Kian die Wohnungstür aufgeschlossen, da klingelte das Telefon. "Kian Egan?" "Hi Kian, hier ist Rebecca!" "Hi Rebecca! Was gibt es denn? Du hast Glück, dass du mich erwischt, ich bin gerade erst gekommen." sagte er etwas außer Puste. "Oh.. tut mir leid!" stotterte sie ein bisschen verlegen. "Naja, ich wollte dich jedenfalls hiermit feierlich zu meiner Taufe am 1. Mai einladen!" sagte sie stolz. "Als Pate natürlich." fügte sie schnell noch hinzu. "Wirklich? Das ist so klasse Becky, echt. Ich freu mich riesig." "Weiss ich doch! Mum hat mir die ganze Woche in den Ohren gelegen, dass ich mich endlich festlegen soll." Er hätte schwören könnten, dass sie rot wurde. "Naja... ich geb dir dann jedenfalls bald wenn du mal wieder hier bist deine Einladung, wo alles genau drauf steht, wo es ist und so, ne? Zu Ilyssas Geburtstag bist du auch herzlich eingeladen." kicherte sie. "Sie erwartet, dass du auf jeden Fall kommst." "Klar komm ich. Ich komm bestimmt bald wieder vorbei, dann hol ich mir die Einladungen, okay?" "Klar." "Ich freu mich! Ciao!" "Tschüss!" Kian schüttelte amüsiert den Kopf. Irgendwie ging alles drunter und drüber in den letzten Wochen. Andauernd irgendwelche Schwangerschaften, Geburtstage, Feste, Wiedervereinigungen... zumindest glaubte und hoffte Kian, dass Jade und Mark sich wieder vertragen hatten...

"Sollen wir vielleicht mal die anderen besuchen?" fragte Mark leise und kraulte Jades Kopf. "Hm..." schnurrte sie katzengleich und drehte sich zu ihm um. Der Raum war noch verdunkelt und die beiden lagen aneinandergekuschelt im Bett. Obwohl Mark ihr vielleicht immer noch nicht ganz verziehen hatte, es nicht konnte, hatte er sich der ersten Versuchung hingegeben und nun lagen sie da, versuchten ihre Beziehung wieder so gut wie möglich aufzubauen. "Zu wem willst du zuerst?" überlies Mark ihr die Wahl. "Vielleicht zu deinen Eltern, damit sie ihren Enkel kennen lernen können." überlegte sie. "Gute Idee... mein Dad brennt wahrscheinlich schon darauf Aidan zu sehen." Mark grübelte ein bisschen. "Dann sollten wir uns mal fertig machen. Vielleicht sind meine Brüder ja auch zuhause, am Wochenende hocken sie manchmal da... zumindest war es früher so." vermutete Mark und ging ins Badezimmer. Im Vorübergehen warf er einen Blick auf die Uhr und erschrak. Hatten sie wirklich so lange geschlafen?

Erst eine knappe Stunde später standen sie auf vor Marks Elternhaus, weil Aidan gequengelt hatte und sich kaum anziehen liess. Anscheinend war er an seinen Daddy doch noch nicht so gewöhnt, wie Mark sich erhofft hatte, deswegen hatte er niedergeschlagen das Feld geräumt und für Jade Platz gemacht, die ihn in fünf Minuten ausgehfertig gehabt hatte. Mark drückte auf den Klingelknopf und kurz darauf öffnete Marie Feehily die Tür. "Mark! Ich hab mir schon gedacht, dass ihr heute kommt, geht durch, hallo Jade! Ach Aidanschätzchen...!" brabbelt sie drauflos und schob die etwas hilflos wirkende Jade ins Wohnzimmer, ohne ihr vorher die Chance zu geben, die Jacke abzulegen. Dort blickten ihr Marks Dad, sowie Marks Brüder, die ihm verdammt ähnlich sahen, entgegen. "Ähm.. hi!" sagte sie schüchtern und reichte Marks Dad die Hand. "Ich bin der Oliver:" sagt er freundlich und lächelte sie einige Sekunden an, bevor sein Blick weiter zu Aidan wanderte, der auf ihrem Arm schlummerte. Jade konnte aus seinen Augen ablesen, dass er ihn gerne einmal halten wollte, deswegen reichte sie den Kleinen weiter. Olivers Augen glitzerten ein bisschen. "Hallo Aidan..." säuselte er leise und Aidan gluckste, als er aufwachte. "Hier ist dein Opa!" Er nahm seine kleine Hand in seine große, raue Hand und schüttelte sie ein wenig. Marie war währenddessen in die Küche geeilt und hatte einen Kuchen aus dem Kühlschrank geholt, der eigentlich für den morgigen Sonntag gedacht gewesen war, aber da konnte sie genauso gut noch einen auftauen, behauptete sie und lud eifrig riesige Stücke auf die rasch verteilten Teller. Erst als alle saßen, kamen auch die zwei Jungs dazu, sich vorzustellen. "Hi Jade! Ich bin Colin." stellte der eine sich vor, der etwas kleiner und schmaler als der Zweite zwar, und die Haare in einer seltsamen Frisur, die bis zu den Schultern ging trug. Der Zweite, der sich mit "Ich bin Barry." vorstellte, war etwas gemütlicher, hatte einen gutmütigen Blick und trug die Haare so ähnlich wie Mark ziemlich kurz, außer das ihm dieser Wirbel am Ansatz fehlte. Jade hatte sich schon so manches Mal gefragt, wo Mark den her hatte. Während Jade nun den Erdbeerkuchen aß, den Marie ihr aufgetan hatte, erzählte Marie über Gott und die Welt. Wie süß Aidan sei, wie ähnlich er Mark sehe, wie froh sie sei, dass die beiden sich versöhnt hatte und so weiter. So sehr Jade versuchte, interessiert zu zuhören, irgendwann schalteten ihr Ohren auf Durchzug und es blieb nichts was Marie blubberte länger als zwei Sekunden hängen. Nach einer knappen Stunde, in der kein anderer geredet hatte als Marie, abgesehen von dem obligatorischen 'Ja sicher' und 'Ich bin ganz deiner Meinung', entschied Mark, dass seine Mum genug aus seiner Kindheit erzählt hatte. "Mum, ich denke, es wird Zeit, dass wir gehen, wir wollten noch ein paar andere Leute besuchen." sagte Mark bestimmt und Marie sah ihn überrascht an. "Schon? Wir haben doch so nett geplaudert, Jade, du musst unbedingt bald wieder kommen..." sagte sie und war kurz davor, wieder anzusetzen, als Mark aufsprang. "Danke für den Kuchen Mum... ich komm morgen nicht zum Kaffee, okay? Ihr habt Aidan ja jetzt gesehen." Er nahm Colin den Kleinen vom Schoß und wischte ihm vorsichtig die Spucke vom Kinn. Als Colin das sah, blickte er angewidert auf seine Hose, auf der nun ein schöner Spuckefleck prangte. Er seufzte, wünschte den dreien noch einen schönen Tag und verschwand murrend im Bad. Barry knuddelte Aidan auch noch mal und verzog sich dann auf sein Zimmer, erleichtert, dass Mark dem Dauerredefluss seiner Mum ein Ende bereitet hatte.

Nur knapp zehn Minuten später standen Mark und Jade mit Aidan vor Shane's Haustür. Mittlerweile war es schon fast vier Uhr und da es bewölkt war, war es etwas frisch draussen. Gillian öffnete freudestrahlend die Tür. "Hey ihr drei. Das ist ja ne Überraschung, mit euch hab ich gar nicht gerechnet!" empfing sie die drei freundlich und bat sie herein. Der Fernseher lief. Alesha und Luke lagen in seltenem Frieden davor und sahen sich irgendeine dieser Kindersendungen an, die möglichst bunt und möglichst lustig waren. Shane saß am Tisch und spielte mit Ben, sah aber auf, als Mark das Wohnzimmer betrat. Aidan war mittlerweile wieder hellwach und hibbelte auf seinem Arm. "Mark! Hey, wie gehts?" fragte er und zog grinsend seine Augenbrauen hoch. "Super... Ich, naja..." Er drehte sich noch einmal zurück. "Jade? Wo bleibst du denn?" "Ich komm sofort!" rief sie aus dem Flur und Sekunden später erschallte lautes Gelächter aus dem Flur. "Na das scheint ja schon in Freundschaft auszuarten." seufzte Shane und setzte Ben zu seinen Geschwistern vor den Fernseher. "Habt ihr euch also wieder vertragen?" fragte Shane mit gedämpfter Stimme, damit die Damen im Flur nichts mitbekamen. Mark nickte. "Naja, was heisst vertragen. Klar tut's noch irgendwie weh, aber ich meine, sie ist eine so tolle Frau und alleine um Aidan's Willen will ich versuchen, das zu vergessen. Ich glaube, ich würde es nicht ertragen, wenn Aidan bei ihr wohnen würde ich und ihn nur an den Wochenenden sehen dürfte oder so. Außerdem ist sie immer noch meine Frau und ich hab ihr dieses Versprechen nicht einfach so gegeben." Mark hatte das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. "Hey, das sollte ja jetzt kein Angriff sein oder so!" versicherte Shane ihm und legte seinen Arm auf Marks Schulter. Aber genau in diesem Moment kamen Jade und Gillian laut redend ins Wohnzimmer. Sie liessen sich aufs Sofa plumpsen und schon war das schönste Gespräch über Aidan und alles Mögliche im Gange. Der Unterschied zu dem bei Marks Eltern war, dass diesmal alle beteiligt waren und im Hintergrund der Fernseher plärrte. Die Sendungen begannen und hörten auf, ohne dass die Kids sich irgendwie bewegten. Nur hier und da wurde mal ein Lacher fallen gelassen. Gillian hatte währenddessen alte Fotoalben rausgekramt, die sie letztens erst Kian gezeigt hatte und sie hatten sich die dort gesammelten und sortierten Bilder angeguckt. Benny und Mummy im Urlaub, Lucky und Daddy beim Fussball spielen, Gillian's Babybauch, Ally's Einschulung... "Eine richtig süße Familie." sagte Jade verträumt und kraulte Aidans Köpfchen.

Als sein Arm vollkommen eingeschlafen war, sein Pullover vor Spucke schon triefte und es draussen stark zu regnen begann, hatte Mark genug. "Leute, ich muss mich mal irgendwie bewegen, mein Arm!" stöhnte er. "Ist Aidan dir zu schwer?" fragte Jade und nahm ihm den Kleinen ab. "Ich denke, wir sollten auch mal los." gab sie zu bedenken, als sie an der Windel roch. "Ist ja auch schon spät, ich muss mal die Kids von der Glotze verscheuchen." Gillian erhob sich und streckte ihre müden Knochen, bevor sie Richtung Fernsehgerät lief und es ausstellte. Die Kinder schienen diese radikale Methode gewöhnt zu sein, denn sie murrten nur ein bisschen und liefen dann die Treppe hoch. Nur Ben blieb dort sitzen und streckte die Arme nach ihr aus. "Oh, mein kleiner Benny, willst du zu deiner Mummy?" Sie knuddelte ihren Jüngsten einmal durch. "Dann sehen wir uns aber bald mal wieder, okay? Ich fand's richtig gemütlich heute." sagte sie und zwinkerte Mark an. "Ja.. sobald wir unsere Besuchrunde mal abgeschlossen haben. Dann können wir ja wieder von vorn anfangen!" scherzte Mark. "Oder wir kommen zu euch!" schlug Gillian vor. "Das ist eine gute Idee. Lasst uns das die Tage mal irgendwie am Telefon klären, ja? Der Kleine muss eine neue Windel haben..." Mark entfernte sich ein Stückchen von Jade, die Aidan auf dem Arm trug. "Männer!" kicherte sie und winkte Shane und Gillian zu, bevor sie zur Haustür rauslief. Mark folgte ihr rasch und schloss in Eile das Auto auf, um möglichst wenig vom Regen abzubekommen, der unablässig fiel.

Kapitel 48

Die nächste Gelegenheit für ein Treffen bot sich schon eine knappe Woche später am St. Patrick's Day. Abgesehen davon, dass es sowieso ein Nationalfeiertag war, war es der Tag von Aidan's zweitem Geburtstag und das war der Vorwand der Einladung gewesen, die ein paar Tage vorher bei Shane und Gillian, sowie bei vielen anderen eingetrudelt war. In den Tagen davor hatten Mark und Jade beide alle Hände voll zu tun gehabt, mit den Einladungen, dem Essen, den Geschenken für Aidan und anderen Kram, den man halt für eine Party so braucht. Die Aufgabe der Planung hatte Mark und Jade jedoch immer wieder ein Stückchen näher zusammen gebracht und das war beiden die Anstrengungen wert.

"Mark, hast du daran gedacht, den Kuchen beim Bäcker zu holen?" "Jep. Der Bäcker hat das Geschäft seines Lebens gemacht, glaube ich! Und ich hab auch den Pavillon schon von zuhause mitgebracht. Den müssen wir nachher noch aufstellen. Mal sehen, der Erste der kommt, wird dazu verdonnert mir zu helfen!" Jade wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Ich hoffe, dass das Wetter hält." sagte sie und schaute prüfend durch das große Wohnzimmerfenster, durch das man schon den Strand sehen konnte. "Ja, hoffentlich." sagte Mark und Jade lief zurück in die Küche, wo sie gerade irgendwas zu essen zauberte. Mark lief ihr hinterher, um schwerere Unfälle zu verhindern. "Soll ich hier nicht vielleicht weitermachen und du kümmerst dich um den Rest?" "Das ist eine super Idee. Ich hab sowieso keine Lust, den Gästen nachher angebrannte Frikadellen zu servieren." sagte sie und gab Mark einen flüchtigen Kuss und warf ihm die Schürze zu. "Du bist ein Schatz." flötete sie und war verschwunden. Mark wandte sich fröhlich den Frikadellen zu, oder zumindest dem, was mal Frikadellen werden sollten.

Etwa zwei Stunden später klingelte es an der Tür. Jade öffnete Nicky und Familie und schickte Nicky dann direkt erstmal runter zum Strand, um Mark beim Aufbau des Pavillons zu helfen. Etwas widerwillig lief Nicky zu seinem Kumpel und die Frauen machten sich daran zu schaffen, schnell noch ein bisschen aufzuräumen und das Essen auf die Tische zu stellen, während die Kids sich nach oben verkrümmelten. "Hi Mark. Fröhlichen St. Patrick's Day!" begrüsste er ihn und lachte, als er Mark zwischen den vielen Stangen und der weißen Plane verzweifelt die Anleitung lesen sah. "Hallo Nick, dir auch, bitte hilf mir!" flehte Mark. Nicky erbarmte sich also und mit vereinten Kräften hatten die beiden den Pavillon innerhalb von zehn Minuten aufgebaut.

Nach und nach trafen alle Gäste ein und Mark verlor den Überblick, wer alles schon da war. Es lief laute Musik, es wurde gegessen, manche Leute tanzten oder redeten unbeschwert mit den Leuten, die um sie herumstanden. Aidan stolperte an der Hand seiner Mum umher und empfing von allen Leuten seine Geschenke, auch wenn er nicht verstehen zu schien, warum er all das bekam. "Geburtstag ist schwer zu verstehen, was Aidan?" sagte Jade vergnügt und plauderte hier und da mit den Leuten, die sie nur flüchtig oder gar nicht kannte, denn sie hatten wirklich so viele Leute eingeladen, wie Mark kannte.

Um kurz vor vier liefen alle zur Straße raus und stellten sich auf, denn die St. Patrick's Parade sollte bald beginnen. Aidan saß auf Marks Arm und gluckste und brabbelte zufrieden vor sich hin. "Dein erster St. Patrick's Umzug mein Großer!" lachte Mark und seine Mum, die neben ihm stand, stimmte ein. "Ich erinnere mich noch an deinen ersten Umzug, Mark. Lang ist's her. Die Zeit vergeht wie im Fluge." Sie kniff ihrem Enkel in die Wange und in dem Moment hörte man Musik von etwas weiter her klingen. "Der Zug kommt!" rief jemand und alle lachten und hörten die Musik immer näher kommen. Kaum fünf Minuten später liefen die ersten Leute an ihnen vorbei. Hinter sich hörte Mark Ilyssa quengeln. "In Dublin ist der Zug viel schöner!" "Manchmal glaube ich, ich hab bei der Erziehung irgendwas falsch gemacht!" stöhnte Georgina und zog Ilyssa zu sich. "Hör mal zu mein Fräulein!" warnte sie ihre Tochter und anscheinend hatten Ilyssas Alarmglocken geschrillt, denn sie sagte nichts mehr und drängelte sie bloß ganz nach vorne, um mehr sehen zu können. Vielleicht auch, um ihrer Mum zu entkommen. "Sie ist in letzter Zeit so komisch." hatte Ilyssa Mark zugeflüstert, als er letztens mit Jade und Aidan bei ihnen gewesen war.

Sie sahen die Musikgruppen, lustig verkleideten Leuten und diversen Wagen mit ihren Mottos vorbeiziehen und unterhielten sich weiter, tranken ihren Sekt oder den Orangensaft und fingen ab und zu ein paar Bonbons auf, die sie dann den aufgeregten Kindern in die Taschen stopften. Nach knapp einer Stunde war der Zug erst vorbei und langsam leerten sich die Straßen wieder, nur die Kinder sammelten noch die letzten Bonbons auf. Mark und Jade liefen Hand in Hand wieder zurück ins Haus, als sie sich nachdem der Tumult sich aufgelöst hatte, wieder gefunden hatten.

Der Tag schien wirklich wie im Fluge zu vergehen, denn bald fing es schon an zu dämmern und am Strand wurde es frisch, denn der Wind wehte kräftig. Ein paar Leute brachen auf und es wurde ein bisschen leerer im Haus. Mark griff sich einen Teller und lud ihn mit dem Nudelsalat voll, den Norah gemacht hatte und lies sich aufs Sofa fallen. Er war hundemüde. Von dem feierwütigen Mark von früher schien nur noch der faule Teil geblieben zu sein, der nach ein paar Stunden fast tot umfiel. Geschafft schaufelte er den Salat in sich hinein. Plötzlich schmiss Bryan sich neben ihn und schnappte sich die Schüssel mit den Chips die auf dem Wohnzimmertisch stand. "Na? Was gibt's so...?" fragte er fröhlich. "Geht's dir nicht so gut?" Mark seufzte. "Ich bin bloß hundemüde." gestand er. "Ich bin schon seit sechs Uhr heute morgen auf den Beinen und ich wach nachts bei jedem Geräusch auf, dass Aidan von sich gibt." Er rieb sich die Augen. Bryan klopfte ihm freundschaftlich lachend auf den Arm. "Das ist normal Mark. Bald hast du dich an den Kleinen gewöhnt und du schläfst wieder durch." "Wahrscheinlich hast du Recht, aber das hilft mir jetzt auch nicht." "Mach dir mal keinen Kopf. Es sind sowieso bloß noch so deine Familie und wir alle da, wir kommen auch ganz gut ohne dich klar. Wenn du so müde bist, kannst du auch ruhig ins Bett gehen." Mark schüttelte den Kopf. "Ach Quatsch. Nein nein, ich ruh mich nur ein bisschen aus, dann kommen meine Lebensgeister gleich wieder." gähnte Mark. Bryan nickte und stand auf, die Chips nahm er mit.

"Jetzt schaut euch das an." sagte Gillian und stemmte die Hände in die Hüften. "Einfach eingeschlafen." Die Frauen lachten und Jade setzte sich vorsichtig neben Mark. "Hey Schatz." flüsterte sie ihm ins Ohr und küsste in drauf. Mark grummelte ein bisschen und griff unbewusst nach ihrer Hand. "Wie süß!" kicherte Kerry und Bryan schaute zu ihr hin. "Hab ich doch gleich gesagt, er soll nach oben gehen, anstatt das hier so offensichtlich zu machen." lachte er, als er Mark auf dem Sofa sah.
Mittlerweile waren wirklich nur noch die engsten Freunde und Verwandten da und die wollten es sich jetzt im Wohnzimmer gemütlich machen, da es angefangen hatte, etwas zu nieseln. Schnell hatten ein paar Männer das Pavillon auseinandergebaut, die Deko reingeholt und den ganzen Rest nach drinnen gebracht, damit nichts nass wurde. Mark wachte von dem Gelächter auf und öffnete schläfrig die Augen. "Verdammt." murmelte er, als er erkannte, dass alle ihn anstarrten. "Hey, du bist wieder wach." lachte Nicky. "So geschafft?" Mark versuchte, in irgendeiner Weise zu antworten, aber er brachte es noch nicht fertig, etwas zu sagen, sondern erhob sich bloß und wankte nach oben, um sich etwas frisch zu machen. "Der legt sich jetzt einfach ins Bett und pennt weiter!" hörte er noch irgendwen sagen.

Als er kurze Zeit später wieder herunter kam, saßen alle zusammen am Wohnzimmertisch und drum herum auf einigen Stühlen, die herbei geschafft worden waren. Die anderen plauderten über Dies und Jenes als Mark wieder dazu stieß. Jade legte ihren Arm um ihn und sah ihn zärtlich an. "Bist du so müde, mein Schatz?" Sie strich ihm über die Wange, aber Mark nahm ihre Hand in seine und küsste sie. "Hm.. Kinder haben ist ganz schön anstrengend und ich hab noch keinerlei Übung." seufzte er und lächelte sie an. "Übrigens seid ihr alle zu Ilyssas Geburtstag am 2. April eingeladen, nicht wahr Schatz?" Georgina strich ihrer Tochter durchs Haar und sie nickte. Anscheinend hatten die beiden ihren Krach wieder begraben. Mark sah sich um, wer alles noch da war. Er sah Shane und Gillian mit den Kindern, seine Eltern und Brüder, Ronan mit Familie, Bryan und Kerry waren nur mit Jamie gekommen, Nicky mit Familie und Kian und Norah um ihn herum versammelt und fühlte sich irgendwie wohl, zwischen all den Leuten, die ihm wichtig waren.

Kapitel 49

Als Norah an diesem Morgen etwas gestresst und viel zu spät in ihr Büro kam, empfing Georgina sie strahlend. "Alles Liebe zum Geburtstag No!" begrüsste sie sie und umarmte sie feste. "Woher weisst du denn das schon wieder?" fragte Norah und musste lachen. "Na hör mal, du vergisst, dass dein Lover praktisch jeder Tag bei uns ein und aus geht..." begann Georgina. "Du darfst ihm nicht verraten, dass ich es dir gesagt hab, aber er hat die ganze letzte Woche von nichts anderem mehr geredet." giggelte sie und legte ihren Finger auf die gespitzten Lippen. "Ich weiss von nichts." kicherte ebenfalls Norah und warf ihre Tasche auf den Schreibtisch, auf dem ein Kuchen mit Kerzen drauf stand. "Aah, Gina du bist zu süß! Ich muss jetzt aber nicht nachzählen, ob die Zahl hinkommt oder?" fragte Norah aus Spaß. "Nope, das hat schon alles seine Richtigkeit. Du brauchst dir bloß was zu wünschen und sie dann auszupusten." sagte Georgina und umarmte sie noch mal. "Okay." Norah holte tief Luft und blies die Kerzen aus. Dabei dachte sie fest an ihren Wunsch. "Der Boss weiss aber nichts davon oder? Nicht dass nachher bei der Besprechung noch so eine kleine Überraschung auf mich zukommt..." Georgina grinste. "Naja..." Sie kicherte. "Nee oder? Ich hab aber keine Lust auf eine Überraschungsparty oder so, am besten noch mit Zauberkünstler und einem Stripper, der aus der Torte kommt!" Georgina zog ein langes Gesicht. "Wirklich nicht? Weil weisst du... genau das hab ich nämlich alles bestellt..." Ihre Mundwinkel zuckten. Schließlich brach sie im selben Moment wie Norah in schallendes Gelächter aus. "Oh Gott, mein Bauch." lachte sie und hielt sich die Hand davor. "So gelacht hab ich schon lange nicht mehr." Sie schnappte nach Luft. "Du Scherzkeks. Aber jetzt lass uns mal anfangen." Norah setzte sich mit ernsthaftem Gesicht auf ihren Schreibtischstuhl und zog eine Akte hervor. Georgina beobachtete sie mit Argusaugen. Ein paar Sekunden herrschte Stille. "Sag mal, du hast nicht vielleicht Lust, mir zu erzählen, was Kian genau gesagt hat oder?" Norah warf die Akte wieder davon und legte ihre Füße auf den Schreibtisch. "So viel zu "wir arbeiten jetzt mal", oder wie?" Georgina setzte sich grinsend auf die Kante des Tisches. "Naja, ich hab immerhin schon in eine Akte hineingeschaut und es ist ja auch erst... halb zehn! Du lieber Himmel, wo ist die Zeit geblieben!"

Als es Punkt fünf Uhr war, zog Georgina die Bürotür hinter sich zu und lief mit Norah Richtung Ausgang des Gebäudes. "Komm doch noch mit zu mir." schlug Norah vor. "Dann schlagen wir uns die Bäuche voll mit deinem leckeren Kuchen und schauen mal, wer so im Laufe des Tages noch vorbei kommt." Georgina schien zu überlegen. "Na gut! Meine liebe Familie muss auch einmal ohne mich auskommen." entschied sie dann. "Aber ich muss wenigstens eben anrufen, wenn wir bei dir sind okay?" "Klar. Wenn sie wollen, können sie ja auch kommen. Rebecca und Maddie scheinen sich ja trotz Altersunterschied ganz gut zu verstehen und Kian wird sicherlich auch da sein." Georgina fasste sich an den Kopf. "Oh je... da fällt mir ein, Keelin wollte UNBEDINGT, dass ich mir heute sein Fußballmatch anschaue." Sie machte ein trauriges Gesicht. "Ich kann leider nicht mitkommen Norah..." "Wegen so einem blöden Fußballmatch?" "War ja klar, dass du das nicht verstehst." seufzte Georgina. "Wird Zeit, dass ihr mal nen Mann ins Haus bekommt! Die können bei sowas total beleidigt sein. Du vergisst, dass Fußball heilig ist!" "Für mich sind höchstens die Typen heilig!" kicherte Norah. "Naja, kann man nichts machen, dann sehen wir uns morgen, ne?" "Klaro und komm nicht wieder so spät. Viel Spaß noch heute!" Sie umarmten sich ein letztes Mal, bevor jede in ihr eigenes Auto stieg und davon fuhr.

Eine Viertelstunde erreichte Norah ihr Haus in Dun Laoghaire und fuhr das Auto schon mal in die Garage, um nicht später noch einmal raus zu müssen. Sie schloss die Haustür auf und sofort schlug ihr ein herrlicher Geruch in die Nase. Es war alles dunkel, bis auf das Wohnzimmer, in dem ein paar Lichter flackerten. Norah stellte leise ihre Tasche ab, zog Jacke und Schuhe aus und ging langsam dorthin. Sie hörte leise Musik spielen und öffnete ihre Haare, die sie für die Arbeit immer zusammensteckte. "Hallo?" fragte sie vorsichtig und lugte ins Wohnzimmer. Dort saß Kian auf der Couch und stand eilig auf, als sie den Raum betrat. "Was machst du denn hier Kian?" Er grinste bloß und begann für sie zu singen. "Happy Birthday to you, Happy Birthday to you, Happy Birthday dear Norah... Happy Birthday to you!" Er kam ihr immer näher und als der letzte Ton verklangen war, küsste er sie sanft. Norah vergaß alles um sich herum und legte ihre Armen um seinen Nacken. Sie fühlte sich geborgen in seinen Armen, die sich sanft um ihren Rücken schlangen. "Oh Kian..." seufzte sie nach einer Weile und trennte ihre Lippen voneinander. Er sah ihr einen Moment in die Augen und drehte sie dann zum Tisch um. Von dort kam der Kerzenschein, das einzige Licht, das den Raum ein wenig erhellte. Norah sah den Strauss Rosen, der den Tisch zierte und die dampfenden Teller mit all der liebevollen Dekoration. Sie stieß ein kleines Lachen aus. "Ich dachte..." sagte Kian und schob sie zu ihrem Stuhl. "Nach so einem langen Arbeitstag, hast du keine Lust mehr mit mir in ein nobles Restaurant zu gehen, deswegen hab ich mir erlaubt, für dich zu kochen." Er stützte seine Ellbogen auf den Tisch und blickte sie sanft an. Norahs Blick wanderte auf dem Tisch umher. "Das riecht fantastisch Kian... ich wusste gar nicht, dass du so gut kochen kannst!" "Na, probier erstmal, bevor du mich so lobst!" lachte Kian. "Und ich war auch ganz erstaunt, was mir heute alles gelungen ist." gab er zu. "Dann würde ich sagen - Bon appétit!"

Etwa eine Stunde später war das romantische Essen beendet, der Tisch abgeräumt und nur die Kerzen brannten noch, damit der Raum nicht im Dunklen lag. Norah und Kian lagen aneinander gekuschelt auf dem Sofa und plauderten. "Wo hast du Maddie eigentlich hingeschickt und wie hast du es hinbekommen, dass niemand anders hier aufkreuzt?" wunderte sie sich. "Hm... also bekomm jetzt keinen Schreikrampf, aber Maddie schläft heute bei Garrett und sonst hab ich meine Finger nicht im Spiel gehabt." "Ach ja, auch nicht bei diversen Arbeitskollegen, die plötzlich mit zu Fußballspielen ihrer Söhne mussten?" Kian verschluckte sich. "Wen meinst du?" Norah lachte lauthals. "Ach komm Kian! Ich mag vielleicht manchmal etwas schwer von Begriff sein, aber so blöd bin ich auch nicht!" Kian war froh, dass sie ihm nicht ins Gesicht sehen konnte, den er hatte das Gefühl, dass sein Kopf eine seltsame Farbe angenommen hatte. Statt zu antworten, lenkte er vom Thema ab. "Ich hab etwas für dich." flüsterte er und erhob sich von der Couch. Er lief in den Flur und griff in seiner Jackentasche nach dem Geschenk. Er holte das kleine Kästchen hervor und lächelte.

"Hier." sagte er, setzte sich vor der Couch auf den Boden und übereichte seiner Freundin das Kästchen. Norah sah ihn fragend an. "Jetzt mach schon auf." sagte er und beobachtete ihr Gesicht. Sie löste die Schleife und hob langsam den Deckel der kleinen Box. Darin lag ein paar silberne Ohrringe, in die filigrane blaue Steinchen in Blumenform eingearbeitet waren. Norahs Lächeln wurde breiter. "Du bist so wahnsinnig süß Kian, weisst du das?" Sie griff nach seiner Hand und in ihren Augen bildeten sich kleine Freudentränen, die sie wegblinzelte. Kian umarmte sie und war glücklich, dass ihr die Ohrringe gefielen. Nur ob sie verstanden hatte, warum er gerade diese Ohrringe ausgewählt hatte, wusste er noch nicht. Norah löste die Umarmung und zog ihn an seiner Hand hoch ins Schlafzimmer. Sie öffnete die Tür und lief direkt auf ihre Kommode zu. "Ich hab sie noch irgendwo Ki..." seufzte sie und wühlte wahllos die Schubladen durch. "Aber wo?" Sie hielt sich den Kopf und blickte sich suchend um. "Ah!" Sie holte sich den Stuhl vom Schreibtisch und stellte ihn vor den Schrank, sodass sie, wenn sie draufkletterte, oben auf den Schrank schauen konnte. Dort stand eine Box. Norah reichte sie Kian, dann stieg sie wieder von dem Stuhl herunter und setzte sich aufs Bett. "Gib mir mal die Schachtel." sagte sie und Kian tat wie ihm geheißen. Sie hob den Deckel vorsichtig ab und Kian sah darin eine Stapel Papier, sowie einen Packen Fotos und anderen Krimskrams. Norah legte die Papierstapel neben sich aufs Bett und hob eine darunter verborgen gewesene Schatulle auf. Als sie den Deckel lüftete, entdeckte Kian darin tatsächlich die Kette und den Ring, die er ihr zu ihrem 23. Geburtstag geschenkt hatte. "Du hast sie noch." flüsterte Kian fröhlich. "Natürlich! Hast du daran gezweifelt?" Sie nahm liebevoll seine Hand. "Naja, ich hab dir ja erzählt, was ich mir für Theorien ausgemalt hab." meinte Kian ein bisschen bitter und Norah streichelte ihm durchs Gesicht. "Keine Angst Schatz... Ich werde dich immer lieben." Einige Sekunden lang genoss Kian das herrliche Gefühl ihrer sanften Haut auf seiner und schloss die Augen. Dann aber holte Norah ihn aus seinen Träumen zurück. "Sollen wir uns mal die Fotos anschauen?" fragte sie leise, um nicht die wundervolle Atmosphäre zu zerstören. Kian nickte nur und öffnete die Augen wieder. Dann setzte er sich neben sie aufs Bett und beobachtete Norah, wie sie mit ihren schlanken Fingern nach den Bildern griff.

"Schau mal das hier..." kicherte sie los und zeigte mit dem Finger auf Nicky, der abgebildet war. Anscheinend waren in dieser Box nur Sachen, die sie an die Zeit bei der Westlife Tour erinnerten. Kian sah genauer hin. "Jaa!" Er grinste. "Da erinnere ich mich noch dran. War das nicht an dem Abend, wo wir einmal in die Disco gegangen sind und ihr beide euch noch nicht leiden konntet?" fragte er. "Genau. Gott, haben wir uns angegiftet!" Sie lachte laut, als sie daran zurück dachte. Die nächsten Fotos waren von verschiedenen Teilen der fertigen Show, die ihr wohl jemand geschickt hatte, denn da sie ja als Tänzerin selbst auf der Bühne gestanden hatte, konnte sie schlecht diese Fotos gemacht haben. Sie legte diese Bilder weg und schaute die nächsten. Das oberste Foto zeigte die Gruppe der Tänzerinnen und Norah hörte auf zu kichern. "Ich würde die Mädels gerne mal wiedersehen." bemerkte sie und studierte das Foto. "Weisst du, wann das war?" fragte sie dann. Kian musste passen. "Am Abend der ersten Show!" Kian glaubte, sich wage an diesen Tag zu erinnern. "War da nicht irgendwas?" fragte er unsicher. Norah nickte traurig. "Ja... Da hat Helen rausbekommen, dass wir zusammen waren." Plötzlich erinnerte Kian sich wieder genau. "Ach ja... und das war der Abend, wo du so besoffen warst und es beinahe herausposaunt hast, nicht wahr?" Norah wurde rot. "Naja..." Da lachte Kian laut. "Ach stimmt, du erinnerst dich bestimmt nicht dran, so zu wie du warst!" Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn. "Alles in allem war es nicht gerade ein toller Tag." bemerkte Norah und legte das Foto weg. Das Nächste zeigte Kian und sie beim Tanzen. "Wow... Seh ich da gut aus!" witzelte Kian und zeigte auf seine Frisur. "Ich wusste gar nicht mehr, dass ich mal so viele Haare hatte!" Norah blickte lächelnd auf Kians Kopf. Er hatte die Haare wirklich kürzer als damals, ein paar Zentimeter nur noch, aber es sah gut aus, erwachsener. "Ach was..." sagte sie und strubbelte durch seine Haare. "Trauere ihnen nicht hinterher." Sie zwinkerte und sah das Foto nochmal genauer an. "Weisst du noch, wann das war?" fragte er. "Ja, das müsste mein Geburtstag gewesen sein, oder so ungefähr. Nicola hat das Foto gemacht." seufzte sie und drehte das Bild um. "Hier schau." sagte sie. Auf dem Bild stand hinten drauf: "20.03.2005. Für No. Alles Liebe nachträglich noch Mal. Nico und Maddie." "Stimmt ja, Nicola hat ja damals auf Maddie aufgepasst." erinnerte sich Kian. "Hast du noch Kontakt zu ihr?" "Nein, leider nicht. Nach dem ganzen Presserummel bin ich ganz nach Irland gezogen und da ist der Kontakt irgendwie abgebrochen." Kian fühlte sich plötzlich schlecht. War er schuld, dass die Freundschaft zerbrochen war? "Ich hab eine Idee." sagte er und nahm ihr den Stapel der restlichen Fotos aus de Hand, damit er sie halten konnte. "Wir werden sie suchen." erklärte er fröhlich. "Meinst du?" Norah klang unsicher. "Willst du sie wiedersehen?" Sie nickte und Kian drückte aufmunternd ihre Hand. "Aber was ist, wenn sie mich nicht sehen will?" gab sie zu bedenken. "Dann müssen wir uns leider geschlagen geben, aber schon vorher kneifen gilt nicht." sagte er bestimmt. "Aber ich hab auch eine kleine Bitte an dich." gab er zu. "Was denn?" Norah strich über seine Hand. "Fährst du mit mir zu meiner nächsten Therapiestunde und besuchst einen Freund von mir danach?" "Wie, ich?" "Nein nein, ich geh natürlich mit." verbesserte Kian sich schnell. "Bitte." flehte er fast. "Ich hab ihm bei meiner Entlassung im Oktober versprochen vorbei zukommen und bin immer noch nicht dagewesen." gestand er. "Und jetzt traust du dich nicht mehr?" Kian nickte matt. "Natürlich geh ich mit dir hin, Kian." versprach sie ihm und nahm ihn in die Arme. "Danke." wisperte Kian in ihr Ohr. "Du weisst gar nicht, wie viel mir das bedeutet."

Eine Weile schwiegen sie andächtig und Norah dachte an die vergangene Zeit, die sie verschwendet hatten. "Schatz?" "Hm?" "Ich hab noch etwas für dich." flüsterte Kian. "Ach Ki..." "Sag nichts, ich schenk dir soviel ich will." Er stand auf und zog einen Briefumschlag aus seiner Jeanstasche. "Was ist das?" fragte Norah, als Kian ihr den Umschlag in die Hand drückte. "Schau nach." riet er ihr. Also öffnete Norah ihn vorsichtig. Zum Vorschein kam ein weißer Zettel und ein paar lose Karten. Zuerst entfaltete Norah den Zettel und begann zu lesen:

"Happy Birthday Süße!
Hier sind zwei Karten für Copélia.
Ich weiß ja, dass du Ballett so magst, aber leider nicht mehr viel damit zu tun hast.
Du darfst mitnehmen wen du willst!
Viel Spaß!
In Liebe, Kian."

Mit Tränchen in den Augen griff Norah nach den Karten und sah sie sich genau an. Die Vorstellung war am 29. April. "Das ist ja an deinem Geburtstag! Woher wusstest du bloß, dass ich genau in diese Vorstellung rein wollte?" Kian lachte. "Ich kann einfach hellsehen." scherzte er und Norah warf sich in seine Arme. "Danke! Diesmal weisst du nicht, wie viel mir das bedeutet.."

Kapitel 50

"Hi Norah!" "Kian, warum bist du denn schon wieder hier? Langsam gewöhn ich mich daran, dass du jeden zweiten Tag hier aufkreuzt! Musst du nicht arbeiten?" fragte Norah überrascht und erhob sich von ihrem Schreibtisch, auf dem sich tausend Sachen stapelten. "Naja, ich dachte ich hol dich mal in deiner Mittagspause ab und lade dich zu einer Spritztour in meinem neuen Auto ein..." prahlte Kian und umarmte sie. "Hast du endlich eins? Na gut, dann kannst du mich ja ab jetzt zu unseren Verabredungen abholen!" witzelte Norah und sah zur Uhr. "Komm, ich kann ja jetzt auch schon gehen, dann komm ich eben zehn Minuten früher wieder." Sie zog ihn an der Hand aus dem Raum und zum Aufzug. "Lass uns zu der kleinen Sandwichbar zwei Straßen weiter fahren." schlug Norah vor. "Die haben da so ein Buffett und du kannst drauf haben was du willst." "Klingt gut." Kian schob sie vor sich her auf die Straße und Norah sah sich nach einem auffälligen roten Flitzer um, aber Kian bugsierte sie auf einen weißen BMW zu. "Wie... kein Ferrari, nicht mal ein Cabrio?" Norah tat enttäuscht. "Ich dachte, ich könnte jetzt mal mit meinem steinreichen Lover angeben, aber wenn das so aussieht, ist es ja sogar peinlich, zuzugeben, dass du zu mir gehörst!" Kian schloss etwas beleidigt die Tür auf und stieg ein. Norah kletterte hinterher und tätschelte seinen Arm. "Kian?" fragte Norah und hatte Angst, ihn wirklich getroffen zu haben. "Naja, mit dir kann man sich ja auch nicht gerade schmücken, oder?" gab Kian grinsend zurück. Sie stöhnte. "Der hat aber auch etwas lange gebraucht Mr. Egan!" Sie musste kichern.

Wenig später saßen sie mit ihren Sandwichs an einem kleinen Tischchen vor der Bar und aßen im Licht der Sonne, die zwischen den wenigen Wolken hervorschaute. "Hm... wenn mal letzte Woche so schönes Wetter gewesen wäre, wo wir essen waren..." seufzte Norah. "Das bisschen Regen!" scherzte Kian. "Die Schuhe sind völlig ruiniert Kian! Alles voller Schlamm." Sie schnaubte. "Ach was, als ob du sie wirklich gemocht hättest." Er sah die gelben Sandalen vor sich. Okay, schick waren sie schon gewesen und zu dem gelbgrünen Kleid hatten sie toll gepasst. "Ich hab sie im Sommerschlussverkauf bekommen!" protestierte Norah. Kian musste lachen. "Und das ist jetzt der Beweis dafür, dass du die Schuhe toll fandest?" "Nein, aber dafür, dass sie ihr Geld wert waren." Kian schmunzelte, aber wurde dann wieder ernst. "Ich hab mich gestern bei der Auskunft erkundigt." gab er bekannt. "Wonach?" "Nach Nicola." Norah legte ihr Sandwich zurück auf den Teller. "Und?" "Naja, wie es scheint, wohnt sie noch immer da, wo sie früher gewohnt hat." Norah war der Appetit vergangen. "Wollen wir mal einen Wochenendtrip nach Dunster machen?" Norah zögerte. "Komm Süße, du brauchst keine Angst zu haben, ich bin sicher Nicola will dich auch gerne wiedersehen! Wir mieten uns einfach ein Bed & Breakfast oder so und machen einen Kleinurlaub draus." Norah setzte ein Lächeln auf. "Okay. Du hast Recht, sicher wird alles halb so schlimm. Wir fahren zusammen in Urlaub!" kicherte Norah und warf ihm eine Kusshand zu. "Und wenn wir wiederkommen, fahren wir zu deinem Freund." Diesmal musste Kian das Lächeln heraufzwingen. "Ja... danach besuchen wir Pete."

"Mum, Dad! Ich bin weg okay?" Lilly zog eilig ihre Jacke an. "Halt mein Fräulein, wo willst du hin?" Kerry hielt sie fest. "Hab ich dir doch gestern erzählt, ich übernachte bei Heather, wir müssen noch dieses blöde Referat da fertig bekommen." Kerry kratzte sich am Kopf. "Bist du sicher, dass du mir das erzählt hast? Ich glaube, ich werde alt... Naja, dann komm aber morgen nicht so spät zurück bitte." "Ist klar, tschüssi!" Lilly warf die Tür krachend ins Schloss und Kerry schaute ihr durch das kleine Fenster zu, wie sie die Straße überquerte und in Richtung Bushaltestelle lief. Dann ging sie in die Küche und begann, das Abendessen zu kochen.

"Daddy?" Molly umarmte ihren Dad von hinten, der auf es sich bei einen Fußballspiel auf der Couch gemütlich gemacht hatte. "Was gibt's?" fragte er ein bisschen grummelig. Molly lief um das Sofa herum und setzte sich neben ihren Dad, der den Arm um sie legte. "Ähm..." "Jetzt sag schon, ich beiss ja nicht." lachte Bryan. "Aber du darfst nicht sauer sein, okay?" Bryan nickte und wandte seinen Blick für einen kurzen Moment vom Bildschirm ab. "Weisst du noch, als wir an Silvester bei Nicky und Georgina waren?" "Klar." Molly begann zu überlegen, ob es ein kluger Zeitpunkt für dieses Gespräch gewesen war. "Da hab ich doch am nächsten Morgen wo wir gehen wollten, was zu Kian gesagt, stimmt's?" "Puuh.. also ich würd nicht drauf wetten, aber wenn du das sagst!" Bryan fluchte, als ein Spieler foulte und einer von "seiner" Mannschaft hinfiel. "Dad! Kannst du mich nicht mal anschauen?" Molly war etwas genervt. "Tut mir leid Molly... aber du weisst ja bestimmt wie wichtig dieses Spiel ist." Ehrlich gesagt, wusste Molly nicht mal, wer überhaupt spielte. Und nach diesem Kommentar war sie sich nicht sicher, ob es ein "Ja, du hast recht - Tut mir leid" oder ein "Nein, ich hab jetzt keine Zeit - Tut mir leid" gewesen war. Aber es schien, als ob Bryan gerade versuchte, seinen Blick vom Fußballspiel abzuwenden. Schliesslich schaffte er es, seine Tochter anzuschauen. "Du hast mich dann gefragt, was ich gesagt hab und ich hab dir gesagt, dass ich dir es dir ein anderes Mal erzähle, oder?" Bryan hob seine Augenbrauen. "Irgendein dummes Gefühl sagt mir, dass heute ein anderes Mal ist." witzelte er. Molly legte ihren Kopf in seinen Schoß, wie sie es als kleines Kind immer geliebt hatte. Bryan schien das auch zu registrieren. Dann sah sie ihren Dad an. "Naja... weisst du, ich muss da vielleicht ein bisschen weiter ausholen." Sie seufzte. "Also, an Nickys Geburtstag im Oktober hast du mir ja sozusagen erzählt, warum du Kian so auf dem Kicker hattest. Aber dann wolltet ihr mir ja nichts mehr davon erzählen und deswegen hab ich in der Bücherei nach alten Zeitungsartikeln gesucht, um mehr zu erfahren. Die hab ich auch gefunden und..." Molly sah für einige Sekunden den Artikel vor Augen, in dem berichtet wurde, dass ihr Dad Kian diesen Bluterguß im Gesicht beschert hatte und sie hatte das dumpfe Gefühl, dass er sich auch gerade daran erinnerte. "... und da hab ich den Namen Norah Ferrell gelesen. Ich hab mir irgendwie darüber besonders Gedanken gemacht ..." Bryan seufzte. "Molly ich weiss schon lange, dass du Kontakt zu Norah hattest." erklärte er. Verwirrt richtete Molly sich auf. "Woher denn?" Bryan musste nach den richtigen Worten suchen. "Sie hat ein paar Mal angerufen zum Beispiel." Mehr sagte er nicht. "Und daher weisst du es?" "Ich fand immer schon, dass sie eine sehr markante Stimme hat und ich hab ne ganze Menge Zeit gehabt, sie mir einzuprägen." versuchte er zu erklären. "Und wieso hast du nichts dagegen gesagt?" fragte sie durcheinander. "Keine Ahnung." Bryan strich ihr über die Haare. "Vielleicht weil ich irgendwann dann doch eingesehen habe, dass du langsam auf dich selbst aufpassen kannst und alleine entscheiden musst, was du für richtig oder falsch hälst." Molly lächelte. "Es tut mir leid, dass ich es euch nicht gesagt habe." entschuldigte sie sich. "Ach - schon okay. Es ist mire klar, dass es bestimmt ne Menge in deinem Leben gibt, von dem ich nichts weiss-" Molly wollte protestieren, aber Bryan beschwichtigte sie. "- und auch gar nicht wissen will! Solange du damit keine ernsthaften Probleme bekommst, ist das in Ordnung." Er rückte etwas näher an sie ran. "Aber sag deiner Mum bloß nicht, dass ich das gesagt hab!" Er sah gespielt ängstlich aus. Molly gab ihm grinsend einen Schmatzer auf die Wange und liess ihn dann in Ruhe, damit er das Fußballspiel zu Ende schauen konnte.

Kapitel 51

"Happy Birthday to you, happy birthday to you! Happy Birthday dear Ilyssa, happy birthday to youuuu!" Ilyssas Augen funkelten, als sie all die Leute ansah, die um den riesigen Geburtstagstisch herumstanden, um mit ihr zu feiern. Sie beugte sich dann ein bisschen rüber, um die 12 Kerzen auf der Torte auszupusten. Als sie es schaffte, alle auf einmal auszupusten, klatschten alle und Ilyssa lächelte. "Jetzt pack mal die ganzen Geschenke aus!" schlug Georgina vor und beobachtete ihre Tochter stolz. 12 Jahre schon! Irgendwie stiegen ihr die Tränen in die Augen.
Ilyssa packte währenddessen die ersten Geschenke aus, die in ihrer Reichweite waren. Shane und Gillian hatten ihr einen Gutschein für einen Tag im Freizeitpark geschenkt, von ihren Paten bekam sie so einen Modeschmuck, der zurzeit total modern war, von Nicky's Eltern einige Sachen für Marie, die sie sich ganz doll gewünscht hatte, von Georgina's Eltern war einen Stapel Mädchenbücher, bei denen sie ein wenig die Mundwinkel verzog, sich aber artig bedankte. Von Bryan und Kerry gab es mehrere CD's, die gerade in den Charts ziemlich angesagt waren, Kian und Norah hatten zusammen einen tragbaren CD Spieler mit allem möglichen Schnickschnack gekauft und Mark und Jade hatten einfach einen Gutschein mit Geld geschenkt, sodass sie mit einer Freundin oder so in der Innenstadt selbst was kaufen konnte. Keelin hatte ihr einen Blumenstrauß gepflückt und ihr kleine Gutscheine gemalt, wo er zum Beispiel drauf geschrieben hatte, dass er freiwillig einmal wenn sie eigentlich an der Reihe war mit Marie Gassi gehen würde. Und außerdem hatte er Marie's Pfote einmal in ein Stempelkissen gehalten und ihr daraus eine Geburtstagskarte gebastelt. Rebecca schenkte ihr ein übergroßes Kuscheltier, es war ein Hund mit riesigen Schlappohren. Als sie die Päckchen ihrer Eltern auspackte, entfuhr ihr ein spitzer Schrei. "Ah! Cool! Wo ist es, wo ist es?" rief sie glücklich und rannte ihren Dad fast um. "Draßsen vor der Tür." lachte Nicky und nichts hielt Ilyssa mehr in der Küche. Die Gäste gingen alle hinterher, um zu sehen, über was Ilyssa sich so freute. Draußen vor der Tür sahen sie Ilyssa dann freudestrahlend auf einem tollen Fahrrad sitzen und ein bisschen umherfahren. Alle lachten und Ilyssa kam nach einer Weile wieder zurück. Sie sah ihre Mum etwas im Hintergrund stehen und ging zu ihr durch.

"Was hast du denn Mum? Bist du nicht glücklich?" fragte sie etwas betrübt. "Doch mein Schatz. Ich bin sehr glücklich." versicherte ihr Georgina. "Aber warum stehst du dann so alleine hier hinten und weinst?" Ertappt wischte Georgina sich die Tränen weg. "Erinnerst du dich noch daran, wo ich Keelin bekommen habe?" Ilyssa schüttelte den Kopf. "Naja, ist ja auch egal, aber wenn man ein Baby bekommt ist das halt manchmal so." erklärte sie so gut sie konnte. "Dann muss man manchmal an blöden Stellen heulen oder so. Weil das Baby nämlich alles in einem ein bisschen durcheinander bringt." Ilyssa drückte nickend die Hand ihrer Mum und nahm sie dann in den Arm. "Wann bekommen wir das Geschwisterchen dann eigentlich?" fragte sie noch, aber Georgina merkte, wie ihre Aufmerksamkeit langsam wieder zu den Geschenken schwappte. "Wahrscheinlich so gegen Oktober." Ilyssa runzelte die Stirn. "So lange noch?" Sie gab ihrer Mum einen Kuss und lief dann zurück in die Küche, wo sich längst wieder alle versammelt hatten, um noch die übrigen Geschenke auszupacken. Georgina lief schnell ins Bad, um sich ein wenig frisch zu machen. Sie liess sich kaltes Wasser übers Handgelenk laufen und wischte sich die Tränen weg. Als sie wieder herauskam, stieß sie mit Nicky zusammen, der sie direkt in seine Arme schloss. "Hey..." wollte er sie beruhigen und strich ihr sanft den Rücken auf und ab. Georgina bekämpfte die Tränen, die jetzt schon wieder in ihr aufstiegen und lächelte ihren Mann an. "Alles klar?" fragte er voller Sorge. "Ja, ist nichts." versicherte sie. "Die Hormone spielen bloß ein bisschen verrückt." "Dann lass uns zurück in die Küche gehen und Ilyssa beim Auspacken zusehen." Nicky nahm sie bei der Hand und zog sie zur Küche. Dort angekommen setzte sie sich auf einen freien Stuhl und strich sanft über ihren Bauch. Gillian zwinkerte ihr liebevoll zu und ihre Mum kam zu ihr rüber. Eine blöde Sache, dass sie immer heulte. Dabei war sie so glücklich! Die ganze Familie um sie herum, das Baby, gutes Wetter, alle waren fröhlich und im Wohnzimmer wartete ein riesiges Stück Torte auf sie ...

Später am Abend, als alle Gäste längst wieder weg waren, und die ganze Familie im Wohnzimmer versammelt war und es sich auf dem Sofa oder einem Sessel - Keelin saß auf dem Fußboden - gemütlich gemacht hatte, fühlte Georgina sich total zufrieden. Vergessen die Tränen von vorhin, vergessen die Sorgen wegen dem Baby. Ilyssa hatte ihren Kopf auf den Bauch ihrer Mum gelegt und lauschte. Rebecca und Nicky verfolgten gespannt ein Fußballspiel, Keelin vergnügte sich mit seiner Eisenbahn und Georgina las ein Buch. Ab und zu wurde sie von der immer wieder entfachenden hitzigen Diskussion über Fußball zwischen Nicky und Rebecca abgelenkt, aber das Buch war eh nicht so toll.

Plötzlich fühlte sie einen leichten Tritt gegen ihren Bauch. Ihre Hand schnellte dorthin, aber Ilyssa schob sie kreischend wieder weg. "DAD! Es hat gekickt!" Keelin kam aufgeregt angetrabt und selbst Rebecca, die das ja auch schon bei Keelin bewusst erlebt hatte, setzte sich neben ihre Mutter. Nicky war sofort aufgesprungen und hatte sich vor seine Frau gekniet, ihr einen Kuss gegeben und dann unter Ilyssas Protest ebenfalls seine Hand auf dem Bauch platziert. Es war bis auf das Fußballspiel völlige Ruhe eingekehrt und alle warteten auf einen weiteren Tritt. Aber anscheinend hatte das Baby erstmal genug, den es tat sich nichts. Es wurde immer später und auch als das Fussballspiel eine Stunde danach unentschieden ausging, weigerte Nicky sich, seinen Platz zu verlassen. Erst als er sah, dass Georgina fast einschlief, ging er dann mit ihr hoch. Rebecca versprach ihnen noch, Licht und Fernsehen auszumachen und Keelin ins Bett zu bringen, dann verschwanden die beiden im Schlafzimmer. Kurz bevor Georgina in ihrem wohlverdienten Schlaf versank, tippte sie Nicky noch einmal an. Er öffnete schläfrig seine Augen. "Hm?" Georgina strich ihm eine Strähne aus dem Gesicht. "Es hat grad wieder getreten." sagte sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Er grummelte etwas, aber als er seine Augen schliesslich wieder schloss, lächelte er auch.

Kapitel 52

"Bist du bereit dafür Kian?" Sie drückte beruhigten seine Hand und er sah sie mit einen Lächeln auf den Lippen an. "Klar." Er fuhr sich trotzdem nervös durch die Haare und gemeinsam liefen sie durch die Eingangstür der Klinik. An der Rezeption wurde er freundlich begrüßt, weil er hier bekannt war, aber die Frau musterte Norah äußerst neugierig. Hand in Hand liefen sie durch die Flure, bis zu Dr. O'Shea's Büro. Kian klopfte und nun drückte er Norah's Hand, um sie zu beruhigen. Nach dem leisen 'Herein' öffnete Kian die Tür und der Arzt lächelte ihnen entgegen. "Hallo Kian." "Hi Doc. Ich hab wen mitgebracht." Kian grinste, aber Norah fühlte sich komisch. Hatte Kian seinem Arzt gar nicht erzählt, dass sie mitkam? "Das hab ich bereits gesehen. Willst du uns nicht bekannt machen?" Kian grinste Norah an und sie setzten sich erstmal. "Das ist Dr. O'Shea." sagte er zu seiner Freundin. "Und das ist Norah." Dr. O'Shea nahm seine Brille ab und kam ein Stück näher an sie heran. Dann reichte er ihr die Hand und seine Augen blickten freundlich. "Hallo Norah, ich bin erfreut sie kennen zu lernen." begrüsste er sie. "Ich auch." antwortete sie schüchtern. Kian drückte ihre Hand. Der Arzt lehnte sich wieder zurück. "Nun, hast du mir was zu erzählen Kian?" Seine Augen verrieten, dass diese Kühle nur gespielt war. "Tja..." Das Lächeln schien wie festgewachsen zu sein an Kians Lippen. Er erzählte, wie die ganze Sache gekommen war und endete damit, dass sie nachher noch Pete besuchen wollten. Dr. O'Shea, der die ganze Zeit erfreut zugehört hatte und sich dabei ein paar Notizen gemacht hatte, blickt nun betrübt auf. Kian schien verwirrt und Norah spürte, dass irgendetwas vorgefallen sein musste. "Ist irgendwas...?" hakte Kian nach. Der Arzt nahm Kians Hände in seine. "Kian, Pete lebt nicht mehr." sagte er leise und Norah hörte die Trauer in seiner Stimme heraus. "Wa..." Kian brachte kein Wort heraus. "Er ist vor einem Monat entlassen worden und vor ein paar Tagen wurde er tot aufgefunden." Den dreien standen Tränen in den Augen. "Hat er... war es... wie...?" stotterte Kian fassungslos und schluckte den Kloß herunter. "Er hat Selbstmord begangen. Ein sauberer Kopfschuss." seufzte Dr. O'Shea. Norah strich Kian über den Rücken, als seine Schultern langsam von einigen Schluchzern geschüttelt zuckten. "Ich hab ihn alleine gelassen Norah..." schluchzte er unter seinen Tränen und sie nahm ihn fest in ihre Arme. Eine Zeit lang sagte keiner etwas.

"Weiss man, warum...?" fragte Norah vorsichtig, weil sie spürte, dass Kian sich die Schuld gab. "Pete ging es schon in der letzten Zeit hier nicht so gut. Irgendwas beschäftigte ihn sehr und ich war von Anfang an dagegen, dass er entlassen wird. Aber der Direktor brauchte den Platz und da Pete eigentlich seine Zeit "abgesessen" hatte, konnte ich nichts machen. Naja, er ist dann aber nicht zu seinen Sitzungen gekommen und wir haben dann eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Die hat dann vor ein paar Tagen "Erfolg" gehabt..." erklärte er mit sanfter Stimme. "Aber nein, ein Motiv haben wir bislang noch nicht gefunden."

Eine Stunde und ein langes Gespräch später verließen Norah und Kian das Gebäude und liefen zum Auto. Kians Augen waren gerötet und er fühlte sich hundsmiserabel. Dr. O'Shea hatte ihnen den genauen Termin der Beerdigung mitgeteilt und Kian wollte hingehen. In zwei Tagen würde es so weit sein, genau der Tag von Bryan's Geburtstag. "Norah, kannst du mitkommen?" "Ich werde meinen Boss nach einer Beurlaubung fragen, Kian! Aber ich kann nichts versprechen! Du denkst auch daran, dich beim Laden zu entschuldigen?" hakte sie nach und setzte sich gegen Kians Willen ans Steuer. "Du fährst jetzt nicht Kian, du bist viel zu aufgewühlt. Hinterher setzt du das Auto in den Straßengraben." Sie schien die Situation vollkommen im Griff zu haben, aber sie konnte so gut nachvollziehen, wie er sich fühlen musste. Er hatte den Menschen, der ihm in der schwierigen Zeit hier in der Klinik beigestanden hatte, einfach im Stich gelassen und nun war es zu spät, es gab kein Zurück mehr, keine Möglichkeit, es wieder gut zu machen. Norah wollte gerade den Motor starten, als Dr. O'Shea plötzlich neben dem Wagen stand. Sie liess das Fenster ein Stück herunter und lächelte ihn zurückhaltend an. "Entschuldigung, ich habe noch etwas vergessen." sagte er mit einem sanften Lächeln. Er reichte etwas Goldenes durchs Fenster und Kian nahm es entgegen. Es war ein altes, goldenes Feuerzeug, auf dem die Silhouette eines Einhorns und Kian's Initialen in Silber eingraviert waren. "Das hatte er bei sich, als er sich umbrachte." Ohne ein weiteres Wort ging der Arzt davon und Norah fuhr das Fenster wieder hoch. Norah sah Kian fragend an. "Ich hab es ihm geschenkt, als ich entlassen worden bin." erklärte Kian und strich mit dem Daumen über das Einhorn...

Sie fuhren in Stille zu Kian's Wohnung und legten sich zusammen auf die Couch und kuschelten mit leiser Musik im Hintergrund. Er sah ihr tief in die Augen und strich ihr durchs Haar. "Weisst du, was fast am Schlimmsten ist?" fragte er und seine Stimme erstickte fast. Sie schüttelte nur traurig den Kopf und hielt seine Hand. "Jetzt weiss ich, wie die Familie von Stan Harris sich damals gefühlt haben muss. Bestimmt war es sogar noch schlimmer." Norah wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Also schwieg sie, bis Kian sich aufrichtete. "Würde es dir was ausmachen, zu gehen Schatz? Ich möchte jetzt ganz gerne alleine sein." sagte er und hoffte, dass sie Verständnis dafür hatte. Nickend erhob sie sich. "Aber wenn irgendetwas ist, rufst du an, okay?" Er nickte und gab ihr einen kurzen Kuss. "Ich rede dann mit meinem Chef wegen der Beerdigung, ja? Was machen wir eigentlich mit Bryan's Geburtstag?" Kian kratzte sich am Kopf. "Ehrlich gesagt, steht mir im Moment nicht so der Kopf danach, dicke zu feiern." gab er zu. "Aber das heisst natürlich nicht, dass du nicht hingehen kannst!" Norah lächelte. "Mal schauen. Mach keine Dummheiten, okay? Ich ruf dich morgen an." versprach sie. "Ich liebe dich Schatz!" Kian konnte die Worte nicht erwidern in diesem Moment. Vielmehr musste er daran denken, dass er vielleicht schon viel früher zur Klinik gefahren wäre, wenn sie nicht gewesen wäre. Aber das war natürlich Quatsch. Wenn sie es nicht gewesen wäre, dann hätte ihn etwas anderes abgelenkt. Mit wirren Gedanken schlürfte Kian ins Schlafzimmer und zog sich nicht einmal mehr um. Und obwohl es gerade erst fünf Uhr war, fiel er in einen unruhigen Schlaf.

Kapitel 53

Georgina und Nicky saßen im Wartezimmer von Georgina's Frauenarzt und warteten darauf, aufgerufen zu werden. Obwohl es mittlerweile das vierte Kind für die beiden war - "Jetzt habt ihr Kerry und mich um Längen geschlagen!" - waren die beiden total aufgeregt. Wahrscheinlich würde der Arzt heute erkennen können, was für ein Geschlecht das Kind hatte. "Was glaubst du ist es?" fragte Georgina und hielt sich den mittlerweile schon recht runden Bauch. In letzter Zeit spürte sie schon öfters das Baby kicken und sie wollte keinen Tritt verpassen. "Ich denke, es wird ein Junge." tönte Nicky. "Keelin braucht unbedingt noch einen kleinen Spielkameraden." "Hast du dir eigentlich schon mal über einen Namen Gedanken gemacht?" wollte die werdende Mutter dann wissen. "Für einen Jungen finde ich Caimin schön und ein Mädchen - was es aber sowieso nicht wird - vielleicht Caitlin oder Aileen?" schlug Nicky vor. "Mr. Byrne, ihre Namensvorschläge waren aber auch schon mal besser!" entrüstete Georgina sich. "Nein, ich bin für Milo oder Damian bei einem Jungen und Noreen oder Shelly, wenns ein Mädchen wird." Nicky rümpfte die Nase. "Wie wär's denn mit Doreen?" Sie diskutierten noch eine Weile darüber, bis sie plötzlich aufgerufen wurden. "Hallo Mr. Byrne." begrüsste der Arzt ihn, bevor er auch Georgina die Hand reichte und ihr bedeutete, sich auf die Liege zu legen. Georgina zog ihr Top hoch und der Arzt setzte das Stetoskop an. Man konnte den Herzschlag des Babys im Raum laut und deutlich hören. Georgina und Nicky strahlten sich beide von einem Ohr zum anderen an und Georgina musste die Tränen wegblinzeln. Lächelnd reichte der Arzt ihr ein Taschentuch. "Also der Herzschlag hört sich gut an." erklärte er. "Es gibt keinen Grund zur Sorge." Er packte das Gerät wieder weg und holte eine Geldose hervor. "Dann werde ich jetzt mal den Ultraschall machen." Er rieb Georginas Bauch mit dem Gel ein und setzte den Scanner an. Dann drehte er den Bildschirm so, dass die werdenden Eltern ihn gut sehen konnten. Das vertraute Bild eines Ultraschalls war zu erkennen und sie vernahmen die Bewegungen darin. Einige Minuten studierte der Arzt es aufmerksam ohne etwas zu sagen. Georgina und Nicky tauschten einen kurzen Kuss aus, als Georgina die Tränen wirklich nicht mehr zurückhalten konnte. Dann sah der Arzt zu ihnen. "Ich glaube, mit ziemlicher Sicherheit sagen zu können, dass es ein Mädchen wird." sagte er und Nicky war nur sekundenlang etwas enttäuscht, bevor die Freude überhand nahm. "Wir bekommen eine Tochter!" grinste er. Der Arzt gratulierte ihnen beiden nochmals und druckte mehrere Ultraschallbilder aus. "Hier, bitte sehr." Nicky nahm eines der Bilder an sich und Georgina verstaute die anderen in ihrer Handtasche. Der Arzt wischte ihr dann das Gel vom Bauch und sie zog sich wieder richtig an.

"Wir sind wieder zuhause!" Georgina warf den Schlüssel auf das Tischchen und zog die Jacke aus. Keelin kam mit Cowboyhut und gezielter Pistole zu seinen Eltern gerannt. "Hallo mein Großer!" Georgina zog ihm den Hut vom Kopf und wuschelte durch seine Haare. Nicky hängte seine Jacke am Haken auf und warf seine Schuhe in die Ecke. "Sieht aus, als ob wir beide weiterhin die einzigen Männer in diesem Haus bleiben, Kee." sagte er gespielt traurig. Obwohl beide sich sicher waren, dass der Kleine die Anspielung gar nicht verstanden hatte, verdunkelte sich sein Gesicht. "Das ist gemein! Gemein, gemein, gemein... gemein..." Singend setzte Keelin den Hut wieder auf und galoppierte auf seinem imaginären Pferd davon.

Kian verschlief den ganzen Tag. Er hatte immer wieder wirre Träume und erwachte schweißgebadet, nur um kurz darauf wieder in einen unruhigen Schlaf zu fallen. Zweimal hatte Norah angerufen und sich nach seinem Befinden erkundigt, und der dritte Anrufer war Georgina gewesen, um ihm freudig mitzuteilen, dass es ein Mädchen werden würde. "Ach Kian, das ist so wunderbar!" hatte sie gekichert. "Ich bring morgen auf jeden Fall die Ultraschallbilder mit, dann kannst du unsere Kleine sehen. Nicky und ich müssen uns jetzt mal langsam auf Namenssuche machen, bei Ilyssa und Keelin hat das fast vier Monate gedauert, bis wir uns einigen konnten, es ist so wunderbar! Ich freu mich auf morgen, dann könnt ihr alle unser Baby gucken, unser kleines Baby..." Sie hatte verzückt geseufzt und war so fröhlich gewesen, da hatte Kian einfach nicht die Kraft aufgebracht, ihr zusagen, dass er nicht kommen würde. All diese freudige Aufgeregtheit wäre mit einem Mal wie eine Seifenblase geplatzt und sie hätte nach dem Grund gefragt. Aber genau über dieses Thema konnte er noch nicht reden. Deswegen hatte er bloß 'Ja' und 'Nein' gesagt, freudig getan und 'bis Morgen' gesagt, bevor er sich müde wieder in die Kissen sinken liess und gähnend das Feuerzeug betrachtete. Für Kian war es wie ein Symbol, dass er genau dieses Teil bei sich getragen hatte, als... Es war wie ein Stich, wie jemand der vor ihm stand und ihm ins Gesicht sagte: "Sieh her, das hast du angerichtet, das ist ganz allein deine Schuld. Er hat sich umgebracht, weil du ihn im Stich gelassen hast!" Mit schlappen Bewegungen legte er das Feuerzeug vorsichtig auf den Nachttisch und knipste das Licht wieder aus. Sofort umhüllte ihn die sanfte Dunkelheit, die all seine Probleme wie mit einer geschmeidigen Handbewegung davon wischte.

"Hi Nicky!" "Hi Norah, was verschlägt dich denn hier her?" "Ich wollte Georgina eigentlich um einen Gefallen bitten." erklärte sie und warf ihre Haare nach hinten. "Klar, komm doch herein. Wobei ich bezweifele, dass du zu Wort kommen wirst, sobald sie dich sieht." grinste Nicky. "G kommst du mal runter, Norah ist hier!" rief er die Treppe hoch. "JAAA, ich komme sofort!" tönte es von oben und man hörte ein lautes Gekicher. Dann poltere Georgina mit Keelin vor sich her rennend die Treppe herunter. "Schatz, mach mal langsam!" sagte Nicky erschrocken und fing sie auf, als sie sich in seine Arme warf. Sie küsste ihn kurz und grinste dann Norah an. "Hat Keelin dir einen von seinen Sandkuchen eingeflösst oder hast du Rebecca's Nagellack getrunken?" Nicky fühlte die Stirn seiner Frau. An sich war die Szene zum Schießen komisch, aber Norah konnte sich nur ein kleines Lächeln abzwingen. Schliesslich nahm Georgina sie bei der Hand und zog sie in die Küche. "Kamillentee?" fragte sie grinsend und Norah setzte sich an den Küchentisch. "Ja... wenn du kein Wasser hast?" Endlich schien Georgina Norah's Stimmungslage zu erkennen. "Hast du irgendwas?" Einige Sekunden schien sie zu überlegen, was los sein könnte. "Ist irgendwas mit Kian?" "Naja..." Sie fuhr mit dem Finger den Rand des Wasserglases nach. "Wir waren gestern zusammen bei seinem Arzt und wollten einen Freund besuchen gehen danach. Aber der Arzt hat uns mitgeteilt, dass dieser Freund sich -" Sie brach ab und Georgina nahm ermutigend ihre Hand. "... dass er sich umgebracht hat." Georgina's eben noch strahlende Augen zeigten plötzlich Traurigkeit. "Und wie hat Kian das aufgenommen?" "Nicht so gut." gab Norah zu. "Wir sind dann noch zu ihm gefahren, aber nach einer Viertelstunde hat er mich rausgeschmissen." fügte sie betrübt hinzu. Einige Sekunden spielte Norah mit ihren Fingern. "Naja, aber warum ich eigentlich hier bin... kannst du mich morgen beim Boss entschuldigen?" fragte sie endlich. "Ich hab ihm versprochen, mit auf die Beerdigung zu gehen und die ist morgen." Georgina nickte. "Klar, mach ich. Aber ich versteh nicht, warum er mir eben am Telefon nichts gesagt hat..." fragte sie sich. Aber eigentlich konnte sie es doch verstehen. Sie hatte so über das Baby palavert, dass Kian gar keine Möglichkeit hatte, etwas zu sagen. "Dann kommt ihr morgen sicher auch nicht zu Bryan?" "Ich denke Kian auf keinen Fall. Aber ich schau mal, ob ich wenigstens kurz vorbei schau." Georgina schaute ernst drein. "Meinst du, du kannst dir trotzdem mal eben die Ultraschallbilder meiner Tochter zeigen?" "WAAAAS? Tochter?"

Kapitel 54

12.04.2019 SA

Als Norah am nächsten Tag bei Kian ankam, saß dieser bereits fertig auf der Couch. "Hallo Schatz." sagte sie und legte den Strauß Blumen auf den Tisch. Kian umarmte sie und wollte sie fast gar nicht mehr loslassen. "Wann müssen wir genau da sein?" hakte Norah nach. "Viertel nach zwölf." seufzte Kian. "Wir sollten also los." Norah angelte mit einer Hand nach den Blumen und zog Kian dann aus der Wohnung, der nur noch eben abschloss, bevor sie durchs Treppenhaus gingen und wenig später auf dem Weg zum Friedhof waren. Es schienen nicht viele Leute da zu sein und die, die da waren, schien nicht mal Kian zu kennen. Dafür erntete er aber einige schräge Blicke von diesen zwielichtigen Gestalten. Der Sarg stand vorne zwischen ein paar Blumen, aber der Deckel war verschlossen. Norah war dankbar dafür, denn mit Leichen hatte sie noch nie gut umgehen können und sie wollte alles verhindern, je wieder eine sehen zu müssen. Aber sie glaubte auch, dass es für Kian ganz gut war. Erstens weil es kaum jemand ertragen konnte, seinen besten Freund so aufgebart zu sehen und zweitens, weil es ihn unweigerlich an Stan Harris erinnern würde.

Sie nahmen Platz auf ein paar Stühlen, die aufgestellt worden waren und die kurze Messe begann. Während der Priester über Pete sprach, fiel Kian auf, wie wenig er von seinem Leben "davor" wusste. Es hatte ihm immer genügt zuwissen, warum er in die Therapie gekommen war und was währenddessen passierte. Nun keimte der Wunsch, all dies zu erfahren in Kian auf, nur um bereits wieder abzusterben. Denn von nun an wollte er sich nur um Norah kümmern, um sein baldiges Patenkind Rebecca und alle anderen Menschen, die im Moment eine Rolle in seinem Leben spielten. Er hatte beschlossen, Pete ruhen zu lassen, dieses Kapitel in seinem Leben endgültig abzuschließen. Und wenn bald auch noch die Therapiestunden abgeschlossen waren, würde er es auf jeden Fall schaffen.

Wenig später standen die beiden an Pete's Grab, das noch offen war und Kian warf etwas Erde auf seinen Freund herab. Tränen flossen sein Gesicht herunter und auch Norah konnte sie nicht zurück halten. Zusammen warfen sie die Blumen einzeln herunter und als sie dies getan hatten, befreite Norah ihre Hand aus Kian's Umklammerung und entfernte sich ein Stück, um ihm Zeit zu geben, sich ganz von Pete zu verabschieden.

"Hi Kumpel." seufzte Kian und kniete sich etwas hin. Er war froh, kurz alleine zu sein. Die anderen Typen waren schon vor längerer Zeit gegangen. "Es tut mir so leid, dass ich dich im Stich gelassen hab, Pete. Ich wollte dich andauernd besuchen kommen, aber ich hab es immerwieder vergessen oder ich hatte keine Zeit. Ich versuch auch gar nicht, irgendeine Entschuldigung zu finden, das ist echt mies von mir gewesen." Kian rupfte ein paar Grashalme aus dem Boden. "Ich hoffe, du kannst mir irgendwie verzeihen und ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass es keine Absicht war und dass ich es hasse, dass alles so gekommen ist." Plötzlich mischten sich ein paar Freudentränen zur Trauer. "Ich hab Norah wieder, Pete, wir sind zusammen." Er hatte sich so darauf gefreut, Pete das zu erzählen, als sie vorgestern zur Klinik gefahren waren. "Sie liebt mich..." Nachdem er diese Worte gesagt hatte, erhob er sich wieder und starrte noch einige Sekunde auf den hellbraunen Sarg, mit den Blumen, die darauf lagen. "Mach's gut Pete, eines Tages sehen wir uns wieder." flüsterte er noch und lief dann mit den Händen in den Taschen zu Norah, die bei den Stühlen auf ihn wartete. Sofort begann der Friedhofsgräber damit, das Grab wieder zuzuschaufeln und Kian und Norah verliessen den Friedhof Hand in Hand.

"Sollen wir eben kurz bei Bryan vorbeifahren?" fragte Norah und Kian nickte. "Aber ich möchte nicht so lange bleiben." gab er zu und sie drückte verständnisvoll seine Hand. Sie bog in die Straße ein, in der die McFaddens wohnten und parkte vor dem Haus. Sie klingelten und es war Molly, die ihnen die Tür öffnete. Kian hätte noch vor wenigen Monaten nicht gedacht, dass er einmal so hier stehen würde. "Hallo! Wollt ihr zu meinem Dad? Der ist im Wohnzimmer." sagte Molly grinsend und umarmte Kian kurz. Sie führte die beiden ins Wohnzimmer und dort waren schon fast alle versammelt, bloß Mark und Jade fehlten noch mit Aidan. Bryan's Familie war da, und Kerry's und auch eine ganze Menge Freunde. Bryan erhob sich, als die beiden ins Wohnzimmer kamen und umarmte sie herzlich. "Schön, dass ihr gekommen seid!" freute er sich und Kian lächelte gequält. "Wir wollten nur kurz vorbeischauen, um dir zu gratulieren." erklärte Norah und kraulte Kian den Rücken, der wieder kurz davor war zu weinen. Bryan war erstaunt. "Ist irgendwas passiert?" fragte er besorgt. "Ein Kumpel von mir ist heute beerdigt worden." sagte Kian mit einem Kiekser in der Stimme. "Oh man, das tut mir so leid..." sagte Bryan und umarmte Kian noch mal. Georgina kam währenddessen zu den dreien und legte Kian die Hand auf die Schulter. "Wie gehts dir Kino?" fragte sie vorsichtig. "Naja." sagte er. "Aber ich kann es ja leider nicht ändern. Vielleicht bin ich es selbst ein bisschen Schuld..." seufzte er, aber alle drei, die um ihn herumstanden, redeten ihm das sofort wieder aus. Wobei Bryan es einfach nur so tat, ohne den Hintergrund zu kennen. Kian war froh, so gute Freunde zu haben. Aber trotzdem verabschiedeten Norah und Kian sich nach einer Viertelstunde wieder, von der sie zehn Minuten mit den Ultraschallbilder verbracht hatten.

"Wann wollen wir eigentlich Nicola besuchen gehen?" fragte Kian, als sie später aneinandergekuschelt auf dem Sofa lagen, wie sie es so oft taten. Norah grummelte ein bisschen. "Keine Ahnung. Bekommst du denn frei?" fragte Norah zurück, weil Kian meistens auch an Samstagen arbeiten musste, wogegen Norah das Wochenende immer frei hatte. "Bestimmt. Teddy ist super lieb, der hat bestimmt nichts dagegen." Teddy O'Sullivan war der Besitzers des Ladens, in dem er arbeitete. "Sollen wir dann nächstes Wochenende fliegen?" schlug Norah vor. "Was ist mit Maddie?" wollte Kian daraufhin wissen. "Naja... Sie kann ja mitkommen!" "Na klar. Und uns dann die ganze Zeit mit ihrer miesen Laune auf die Nerven gehen. Wieso bleibt sie nicht einfach bei Garrett?" Norah rümpfte die Nase. "Der Kerl." Amüsiert sah Kian sie an. "Hey! Was wird das denn? Hast du Angst, dass du deine kleine Maddie verlierst?" "Ach Quatsch." stritt sie alles ab. "Dann ist die Sache ja geklärt! Wir fliegen nächste Woche nach England!" "Ich muss aber dann noch bei der Auskunft anrufen, um die Adresse rauszubekommen!! erinnerte Norah ihn. "Komm, das machen wir jetzt mal direkt." forderte Kian sie auf und griff zum Hörer.

Kapitel 55

Die nächsten Tage verbrachten Kian und Norah hauptsächlich mit den Vorbereitungen für die Reise. Bei der Auskunft hatten sie die Adresse erhalten, die Telefonnummer auch, aber beide waren sich einig, dass sie nicht vorher anrufen wollten. Kian plante und buchte die Reise, da er direkt eine Woche Urlaub genommen hatte, statt nur den Freitag, an dem sie losfliegen würden. Norah hatte währenddessen in ihrer freien Zeit eifrig die Koffer gepackt und entschieden, was mitgenommen werden sollte und was ihrer Meinung nach aus den verschiedensten Gründen - angefangen bei Peinlichkeit bis hin zur einfachen Altersschwäche einiger Teile - zuhause bleiben musste. Zu Kians Bedauern fiel auch sein Lieblingspullover unter Letzteres und somit hatte Norah ihm versprochen, das gute Teil bei der nächsten Altkleidersammlung abzugeben. Kian war ganz und gar nicht begeistert gewesen und hatte ihn vorsichtshalber ganz tief in seinem Schrank vergraben.

Am Freitagmorgen saßen Kian und Norah bei ihr zuhause mit den kleinen Rollkoffern im Wohnzimmer und checkten ein letztes Mal das Wichtigste durch. "Maddie ist dann für das Wochenende bei Garrett untergebracht." sagte Norah und sah sich ein letztes Mal um. In zehn Minuten wollten sie los. "Hast du überall das Licht ausgemacht?" fragte Kian. "Ja, ich denke schon... soll ich das Telefon ausstöpseln?" "Ach Quatsch! Dann kann dich ja gar keiner mehr erreichen. Und wozu hast du den Anrufbeantworter, wenn du alles rausziehen willst?" In dem Moment klingelte das Telefon tatsächlich. "Wenn man vom Teufel spricht..." seufzte Norah und nahm ab. "Ferrell?" Sie schaute besorgt auf die Uhr. "Hi Norah, ich wollte euch nur mitteilen, dass Jade und ich mit Aidan dieses Wochenende wieder nach Australien gehen." "Was? Dieses Wochenende? Oh nein, bitte nicht! Könnt ihr nicht noch warten?" "Wieso? Ist irgendwas?" fragte Mark etwas besorgt. "Nein, es ist nur so, dass ich mit Kian dieses Wochenende bei einer Freundin verbringe und dann können wir euch ja nicht verabschieden." seufzte Norah. Kian tippte ihr auf die Schulter, er wollte erfahren, um was es ging und wer am Telefon war. "Mark - sie gehen zurück nach Australien." "Dieses Wochenende schon?" Kian war erstaunt. Norah winkte ab, sie wollte Mark zuhören. "Das ist ja wirklich blöde! Aber wir haben schon gebucht. Wann fliegt ihr denn?" "In gut drei Stunden. Wir wollten jetzt gleich losfahren." "Mist. Da kann man leider nichts machen. Wenn ihr in Sligo wärt... aber hey, wir kommen ja bestimmt mal wieder rüber und ihr könnt ja euren nächsten Urlaub in Australien machen!" schlug er vor. "Naja, du hast Recht. Warum geht ihr jetzt so plötzlich?" Kian zeigte ungeduldig auf die Uhr, doch Norah boxte ihm in den Bauch. "So plötzlich ist das gar nicht." erklärte er. "Jade vermisst einfach das Land und ihre Freunde dort total und wir haben schon vor längerer Zeit beschlossen, zurück zu gehen. Aber wir wollten es euch nicht sagen, damit ihr nicht schon ewig vorher so traurig seid." "Woher wusstest du denn, das wir traurig sein würden?" neckte Norah ihn keck. "Ach hör auf, ich kenn euch doch!" scherzte er und Norah musste sich langsam verabschieden. "Hör mal Mark, ich wünsch euch alles Gute drüben, ja? Und schreib mal ne Postkarte oder so." "Hey, es gibt auch in Australien Telefone." "Ja ja... ich weiss." Sie kicherte. "Naja, drück Aidan noch einmal ganz fest von mir. Du musst ein paar Fotos von ihm schicken, mal ab und zu, okay?" "Klar mach ich. Kann ich vielleicht Kian noch kurz sprechen?" "Kein Problem, tschüss!" Sie reichte den Hörer an Kian weiter. "Hi Kino." sagte Mark. "Hey... na das nenn ich mal eine Überraschung." sagte Kian und schaute auf die Uhr. Wenn es jetzt einen Stau gab, konnten sie den Flug vergessen. "Ich werd euch vermissen, Ki. Aber wir melden uns auf jeden Fall so oft wie möglich." "Ja, dass müsst ihr machen. Schick auf jeden Fall mal die Adresse rüber, wenn es geht und Telefonnummer und sowas alles. Zur Not gibt es ja auch noch Emails." "Ja, da hast du Recht. Wir sind ja wirklich nicht aus der Welt." "Ne, bloß auf der anderen Seite." scherzte Kian. "Also nicht mal so um halb eins oder so anrufen und bei uns ist es tiefste Nacht!" "Nein, keine Sorge." "Okay, wir müssen jetzt wirklich los. Guten Flug und gib Aidan von mir auch einen Kuss, klar? Grüss Jade." "Klar, mach ich. Wir sehen uns, ne?" "Jeps. Bis dann." Kian legte auf und sah erneut zur Uhr. "Wir müssen los Süße, hoffentlich sind die Straßen frei!"

Wenig später saßen Norah und Kian nebeneinander im Flieger und schauten aus dem Fenster. Kian war aus plausiblen Gründen eine Ewigkeit nicht mehr geflogen, aber dies war sicher eine der Sachen gewesen, auf die er mit dem größten Vergnügen verzichtet hatte. Er spürte jetzt schon wieder dieses blöde Knacken im Ohr, weswegen man Kaugummi kauen sollte wie blöde, was aber nie half. Aber dafür war der Ausblick wirklich herrlich. Es war wunderschönes Wetter, die weißen Wölkchen türmten sich in anmutigen Formen vor ihnen auf und die Sonne strahlte. Ab und zu konnte man durch die dichte Wolkendecke ein bisschen Meer sehen und schon bald kam auch das Land in Sicht, da der Flug insgesamt bloß eine knappe Dreiviertelstunde dauerte. Als die Durchsage zum Anschnallen und diesem Kram kam, die immer eine halbe Ewigkeit dauerte, bis die Stewardessen alles aufgezählt hatten, was man tun sollte, blickte Norah Kian an. Sie war etwas nervös, obwohl sie erst am nächsten Tag zu Nicola fahren wollten, den Rest des Freitags wollten sie in London verbringen.

"Weisst du, wo genau unser Hotel ist?" fragte Norah und blickte planlos auf den Stadtplan von London. "Klar, los in die Bahn." Er schob sie hinein und die Türen schlossen sich hinter ihnen. Sie waren vom Flughafen in die Tube Schächte gelangt und dort immer den Schildern nachgegangen. Kian hatte sich entschlossen, mal wieder diese Art von Transportmittel zu geniessen. Er hatte früher schon diese kleinen, schmalen, rumpeligen Bahnen geliebt, mit den abgescheuerten Sitzen und der obligatorischen Zeitung, die immer irgendwo auf den Bankreihen zu finden war, weil der Besitzer sie nach dem Lesen für die anderen dagelassen hatte. Wenn er dieses durchgeplante, flächendeckende Netz der Linien sah, begriff er nicht, wieso es den irischen Veranwortlichen einfach nicht gelang, etwas auch nur im entferntesten Ähnliches zu Stande zu bringen, sodass man nicht immer den Bus nehmen musste. Die beiden ließen sich auf zwei freien Plätzen nieder und die Bahn ratterte erst einmal eine gute Stunde durch die Gegend, bevor sie in der Innenstadt Londons angelangt waren. "Wow." pfiff Norah, als sie ausstiegen und die langen Gänge entlang liefen. "Ich hätte nicht gedacht, dass wir so weit draußen waren." "Nein, ich auch nicht." "Aber mit dem Taxi wären wir bestimmt auch nicht schneller gewesen." Er nahm ihre Hand und zog mit der anderen seinen Koffer hinter sich her. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal diese Rolltreppen hochgefahren war, die so endlos lang und auf denen man nur rechts stehen durfte, damit links die Leute vorbei konnten, die es eilig hatten. Es musste bestimmt 15 Jahre oder länger her sein, denn in der letzten Zeit von Westlife konnten sie die Tubes nicht mehr benutzen, weil es einen viel zu großen Tumult gegeben hätte. Sie erreichten den Ausgang und Kian sah schon in einer gewissen Entfernung das Schild ihres Hotels leuchten. "Schau, da drüben ist es!" Er deutete mit dem Finger hin, aber Norah musste genau wie er auch erstmal die Eindrücke der Stadt in sich aufnehmen, in der sie beide so lange nicht gewesen waren. Es schien sich kaum etwas verändert zu haben, die Busse fuhren genauso chaotisch, kaum ein Fußgänger beachtete die Ampeln, ein Souvenirladen reihte sich an den anderen und die Straßen waren hoffnungslos überfüllt. Hand in Hand schlenderten die beiden mit den Augen überall und nirgends auf das schicke Hotel zu.

Nachdem sich die beiden kurz ein bisschen eingerichtete und frisch gemacht hatten, beschlossen sie, in einem kleinen Restaurant etwas zu essen, da das Mittagessen im Flieger sehr spärlich ausgefallen war. Sie fanden in einer kleinen, ruhigeren Nebenstraße eine gemütliche Pizzeria und setzten sich an einen draussen aufgestellten Tisch, da das Wetter blendend schön war. Ein Kellner brachte ihnen direkt die Karte und bestellten von der vielfältigen Auswahl einen kleinen Salat und Pasta für Norah und eine Pizza und Knoblauchbrot für Kian. Und dazu tranken sie einen guten Weißwein. Norah lachte über Kian's Auswahl. "Aber du gibst mir was von dem Brot ab oder? Sonst musst du heute leider auf dem Sofa schlafen!" Als der Kellner das Essen schließich brachte, waren Norah und Kian in einem etwas ernsthafterem Gespräch vertieft. "Ich finde es unglaublich, dass Mark und Jade jetzt schon wieder zurück wollen." warf Norah ein. "Ich meine, nach-" "...fünf Wochen? Das ist ne lange Zeit, No. Immerhin kenne die beiden sich jetzt fast 15 Jahre, sie haben mehr als die Hälfte davon glücklich zusammen gelebt, sie sind verheiratet und haben einen wundervollen Sohn, was spricht dagegen, dass sie zurück gehen, wenn sie es zusammen so beschlossen haben?" Norah zuckte die Schultern. "Naja, wahrscheinlich finde ich einfach nur den Gedanken unerträglich, diese guten Freunde, die ich erst so kurz kenne, schon wieder gehen zu lassen." sagte sie nachdenklich und pickte in dem Salat herum. "Jetzt ist aber erstmal wichtiger, dass wir Morgen zu Nicola fahren, oder? Was glaubst du, wie sie reagiert?" fragte Kian neugierig. Sie überlegte kurz. "Keine Ahnung. Nicola ist bei solchen Sachen vollkommen schwer zu durchschauen. Sie ist perfekt darin, ihre Gefühle zu verstecken, wenn sie es will." "Glaubst du denn sie erkennt dich überhaupt? Du hast dich total verändert seit früher." Kian dachte an seine Reaktion an ihr erstes Treffen nach der langen Zeit zurück, wo er sie nicht wiedererkannt hatte. "Alleine deine Haare sehen ja vollkommen anders aus." wies er sie darauf hin. "Schon, aber das ist die natürliche Form, wie ich sie jetzt trage. Ich hatte die Haare gefärbt und das Glatte war auch gefakt. War halt ganz praktisch, weil ich so total anders aussah, wie du ja auch schon gesagt hast und mich keiner erkannt hat, der nicht wusste, dass ich dabei bin!" "Das wollte ich dich immer schon mal gefragt haben, seit Silvester." rief Kian aus. "Ob das echt ist oder nicht. Aber ich dachte es mir schon, weil es so natürlich aussieht und du so selten beim Frisör bist." Er schmunzelte und pickte das letzte Stück seiner Pizza mit der Gabel auf. Die Sonne war während sie gegessen hatten, ein bisschen hinter den Wolken verschwunden und der Wind hatte aufgefrischt. Als nun auch Norah mit dem Essen fertig war, zahlten sie und brachen dann auf, um ein bisschen die Souvenirshops auszutesten.

Nur zwei Stunden später fielen die beiden geschafft und mit mehreren Tüten auf das riesige Bett in ihrem Hotelzimmer und verschnauften erst einmal ein bisschen. Norah hatte für Maddie und noch ein paar andere Leute ein paar Mitbringsel erstanden und sie hatte auch vor den Kleidungsläden nicht Halt gemacht, sodass Kians Füße nun mehr als nur rauchten. "Ah..." seufzte Kian und zog Schuhe und Strümpfe aus, um seine Füße zu massieren. "Ich geh nie wieder mit dir einkaufen." ärgerte er sich sichtlich. "Ooooh, mein kleines Bärchen hat Schmerzen..." kicherte Norah und rollte auf dem Bett zu ihm rüber. Sie setzte sich hinter ihn und begann, seine Schultern zu massieren, die ganz verspannt waren. "Hm...." Kian schloss genießerisch die Augen. "Nicht einschlafen Bärchen..." neckte Norah ihn und Kian seufzte. "Wie bist du eigentlich auf Bärchen gekommen?" fragte er neugierig und Norah beendete ihre Massage, damit sie ihre Arme um seinen Körper schlingen konnte. Sie hauchte ihm immer wieder kleine Küsschen in den Nacken und Kian wand sich ein wenig, weil er dort kitzelig war. "Keine Ahnung." gestand sie. "Weil du so groß und kuschelig bist." witzelte sie und Kian schmollte, denn Norah hatte sich schon immer über seine Größe lustig gemacht. "Ohhh, jetzt nicht beleidigt sein, Süßer, war doch nur ein Scherz! Für manche Spitznamen gibt es eben keine Erklärungen..." Kian schien einige Sekunden zu überlegen, ob er jetzt schmollen sollte oder nicht, bevor er sich abrupt umdrehte und nun auf Norah lag, die lachend aufschrie und versuchte sich freizustrampeln. "Na warte..." sagte Kian mit einem breiten Grinsen im Gesicht und senkte seine Lippen auf ihre. Nach einem längeren, stürmischen Kuss, schnappte Norah nach Luft. "Ich dachte, du wärst so müde?" stichelte sie. "Ich hab gerade erst meinen Winterschlaf beendet, da muss ich ja nicht das ganze Frühjahr verschlafen oder?"

Kapitel 56

Als Kian am nächsten Morgen aufwachte, war Norah schon komplett angezogen und hatte den ganzen Krempel vom Vortag in die Koffer gequetscht. "Morgen." grüsste sie ihn und drückte ihm ein Küsschen auf die Stirn. "Stehst du mal langsam auf? Ich wollte nicht ganz so spät los." erklärte sie ihm und zog den Reisverschluss des Koffers zu. Kian stieg gemächlich in seine Hose und holte schnell noch ein sauberes T-Shirt aus dem Koffer, bevor Norah diesen auch verschloss. Im Bad schüttete er sich eine Ladung kaltes Wasser ins Gesicht und fuhr sich durch die kurzen Haare, dann war er fertig und Norah drückte ihm schon seine Jacke in die Hand. "Süße, bist du irgendwie nervös?" "Nein, überhaupt nicht." Sie grummelte ein wenig und Kian zog hinter sich die Hotelzimmertüre zu. An der Rezeption gaben sie den Schlüssel ab und versuchten draußen, ein Taxi zu finden. Nach einer Ewigkeit, wie es Norah vorkam, hielt endlich Eines vor ihnen an und der Taxifahrer stieg aus, um ihnen mit dem Gepäck zu helfen. "Wo soll's denn hin gehen?" fragte der Fahrer dann und Norah teilte ihm die Adresse mit. Der Taxifahrer machte große Augen und rieb sich insgeheim die Hände, denn die Fahrt würde nicht billig werden.

Fast zwei Stunden später stiegen die beiden aus und Kian bezahlte den Fahrer noch schnell, bevor sie die Koffer herausholten und der Taxifahrer davon fuhr. "Das war vielleicht ein unfreundlicher Zeitgenosse." beschwerte Norah sich. "Es interessiert mich nicht einen winzigen Deut, wie schwer man es als Taxifahrer hat! Andere Leute haben auch Probleme...." Sie seufzte. "Egal." Sie standen Hand in Hand mit den Koffern vor dem Haus und verharrten dort eine Weile. "Sollen wir nicht klingeln?" fragte Kian leise, weil ihm die Blicke der Fußgänger langsam unheimlich waren und eine ältere Frau mittlerweile schon drei Mal an ihnen vorbeigelaufen war. "Ja, du hast Recht." pflichtete Norah ihm bei und zog den Koffer hinter sich her zur Türe. Gerade als sie klingeln wollte, öffnete sich die Tür und ein großer, braunhaariger Mann mit einem Aktenkoffer kam heraus.

"Hallo! Wollten sie zu uns?" fragte er freundlich. "Ähm.. ja.. wohnt hier Nicola Edwards?" stotterte Norah. "Ja, das ist meine Frau." erklärte er. "Aber sie ist gerade nicht da, sie bringt unsere Kleine in den Kindergarten." Norah hatte das Gefühl immer kleiner zu werden und schwieg. Deswegen mischte Kian sich in das Gespräch ein. "Wissen sie zufällig, wann sie wieder nach Hause kommt? Es wäre wichtig, dass wir sie sprechen. Wir sind extra aus Dublin gekommen." versuchte Kian ihn zu überzeugen. "Es dauert sicher nicht mehr lange. Wollen sie solange herein kommen? Ich muss zwar eigentlich los, aber ich kann auch noch warten, bis sie wieder kommt." erklärte er sich bereit. "Das wäre sehr nett." Kian schob Norah hinter dem Mann her und nahm ihr sogar noch den Koffer ab. Sie schien geschockt zu sein. "Mein Name ist übrigens Timothy Logan." stellte Nicola's Ehemann sich vor. "Ich bin Kian Egan." Kian nahm seine Hand und schüttelte sie. Norah lächelte Timothy dann auch an. "Und ich bin Norah Ferrell." Auch sie schüttelte seine Hand und sie gingen durch ins Wohnzimmer. Timothy bot ihnen etwas zu trinken an und sowohl Kian als auch Norah lehnten nicht ab, denn die Taxifahrt war heiß gewesen, das Taxi hatte nicht mal eine Klimaanlage besessen. Als er mit drei Gläsern und einer Flasche kaltem Wasser wieder zu der Sitzecke kam, schüttete er ihnen etwas ein. "Darf ich fragen, was sie von Nicola wollen?" fragte er höflich. "Ich bin eine alte Freundin von ihr." erklärte Norah. "Wir haben uns ewig nicht mehr gesehen, über zehn Jahre. Und Kian kennt sie auch ein bisschen." "Also wie gesagt, sie müsste jeden Augenblick kommen." wiederholte Timothy noch einmal. "Warum ist der Kontakt abgebrochen?" Anscheinend hatte Nicola nicht viel über ihre alte Freundschaft erzählt. "Weil ich nach Irland gezogen bin." gab Norah zu. "Und sie fand es nicht gut." Sie seufzte. "So kann's gehen!" Sie nippte an dem Wasserglas und plötzlich hörte man, wie die Haustür sich öffnete. Timothy lächelte sie kurz an, bevor er aufstand, um seine Frau zu begrüßen. "Schatz? Du hast Besuch!" sagte er gedämpft und Nicola erschrak fürchterlich. "Was machst du denn noch hier? Du kommst ja viel zu spät!" sagte sie zu ihm. "Jaja, komm mit, sie warten im Wohnzimmer." "Warte, lass mich eben die Jacke... wer ist es denn?" fragte sie. "Wirst du schon sehen." Nicola gab Timothy einen Kuss und lief ins Wohnzimmer, während sie ihr Halstuch vom Hals zog. "Hallo!" sagte sie fröhlich, bevor ihr fast die Augen aus dem Kopf fielen.

"Norah? Kian!" Sie schrie fast. "Was macht ihr denn hier?" Stürmisch fiel sie ihrer Freundin um den Hals und bei Norah fielen die ersten Tränen, die sie aber direkt wieder wegwischte. "Naja." schniefte sie und wollte ihre Freundin gar nicht mehr loslassen. "Ich dachte, wir sollten uns einfach mal wieder vertragen." "Wir haben uns ja gar nicht richtig gestritten..." Timothy gab Kian leise zu verstehen, dass er gehen würde und dieser nickte. Er war ganz gerührt von der Szene. "Wie geht es Maddie?" fragte Nicola, die sich inzwischen auf einem Stuhl niedergelassen hatte. "Gut. Sie ist dieses Wochenende bei ihrem Freund." seufzte Norah. "Waaas, sie hat einen Freund?" "Es ist nicht mal der Erste." nickte sie. Kian mischte sich ein. "Aber sie ist ja auch schon 18." Da erst bemerkte Nicola, dass Kian ja auch noch da war. "Hallo Kian." sagte sie mit gemischten Gefühlen. "Nicola..." Norah sah ihre Freundin fast ermahnend an. "Was denn?" "Du benimmst dich jetzt schon wieder unmöglich!" "Was, ich?" "Ja!" "Was ist das denn für eine Unverschämtheit!" erboste Nicola sich. Da wurde Norahs Blick wieder weich. "Bitte lass uns nicht streiten, Nico... aber Kian ist mein Freund, okay? Ich liebe ihn." Nicola sah zwischen den beiden hin und her. Dann lächelte sie Kian ein bisschen gequält an. "Wann bist du denn entlassen worden, Kian?" Dieser zog die Stirn kraus. So hatte er sich dieses Gespräch sicher nicht vorgestellt. "Letztes Jahr im Oktober." antwortete er deswegen knapp bemessen. Nicola nickte langsam und Norah nahm seine Hand in ihre. "Und seit wann seid ihr zusammen?" Langsam schien doch die Neugierde über den Argwohn zu gewinnen. "Seit Punkt Neujahr!" grinste Norah und dachte kurz an diesen Tag zurück. Sie war so aufgeregt gewesen! "Und gibt es da noch irgendwas zu erzählen, oder so?" Nicola musste grinsen. "Was du wieder denkst!" kicherte Norah. "Nein, sowas steht erstmal außer Frage. Aber bei dir gibt es ja anscheinend ne Menge zu erzählen?!" wollte Norah wissen. "Jep. Tim habt ihr ja schon kennengelernt und Theresa hab ich eben in den Kindergarten gebracht. Soll ich euch mal ein Foto zeigen? Sie ist so süß!" freute sich Nicola. Sie holte ihr Portemonnaie hervor und zog ein Bild heraus, auf dem die ganze Familie im letzten Urlaub abgebildet war. Timothy - oder Tim wie ihn sonst alle nannten - saß ganz rechts auf einem Stein vor dem Meer. Er trug ein sommerliches Outfit und eine dunkle Sonnebrille, Nicola trug ein großes Sweatshirt und einen knielangen Rock - "Das Sweatshirt ist von Tim, sowas Hässliches besitze ich eigentlich nicht!" - und das kleine Mädchen, das demzufolge Theresa sein musste, trug ein süßes rosanes Kleid mit lauter Rüschen und die braunen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwänzchen hochgebunden. "Ooohh, sie ist wirklich süß! Wie alt ist sie denn?" fragte Norah. "Im Oktober wird sie vier. Sie ist so ein braves Kind!" schwärmte Nicola und sie redeten einige Zeit über Theresa, bis Nicola plötzlich das Thema wechselte. "Sagt mal, habt ihr nicht auch Lust auf etwas zu Essen?" Auch Kian und Norah hatten nach dem ausgefallenen Frühstück schon ihre Mägen gespürt. "Schon, wenn du so fragst!" lachte Norah. "Dann mach ich uns was zu Essen."

Sie stand auf und lief zur Küche. "Wie lange seid ihr eigentlich hier in der Gegend?" fragte sie und lugte durch die kleine Durchreiche, die die Küche mit dem Wohnzimmer verband. "Noch bis Morgen Abend." sagte Norah. "Wir sind schon seit gestern in England, aber in London. Heute morgen sind wir erst mit dem Taxi hergekommen." "Mit dem Taxi? Das war aber ein teures Vergnügen oder?" Norah kicherte. "Als Gentleman hat Kian bezahlt, ich hab keine Ahnung!" "Das ist auch ganz gut so." grummelte Kian und Norah gab ihm ein Küsschen auf die Nasenspitze. "Können wir dir irgendwie helfen Nicola?" "Erstmal kannst du aufhören, mich 'Nicola' zu nennen, das ist ja schrecklich! Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du vielleicht wieder zu Nico übergehen würdest." Norah grinste breit. "Klar, Nico." betonte sie es übertrieben. "Dann wäre ja alles soweit geklärt, No." kicherte Nico dann und holte einige Zutaten aus dem Kühlschrank. "Wie sieht's aus, Pasta?" "Gern!" riefen Kian und Norah gemeinsam und sie kuschelte sich an ihren Freund. "No, mach doch mal bitte Musik oder sowas an! Der Spieler steht rechts neben dem riesigen Schrank!" "Alles klar!" Sie erhob sich und legte eine CD in den Spieler ein. Wenig später erklang fröhliche Musik und sie tanzte ein wenig dazu umher. "Ich bin so glücklich Kian!" strahlte sie und zog an seinem Arm. So musste er wohl oder übel aufstehen und er umarmte Norah und sie tanzten zusammen. Norah hatte ihren Kopf auf seine Schulter gelegt und die Augen geschlossen, ließ sich von ihm leiten. Kian roch so gut und in seinen Armen war es immer so schön warm, dass man ihn nie wieder loslassen wollte. Nicola beobachtete die Szene durch die Durchreiche und seufzte. Sie musste ihre Urteile über Kian wegräumen. Er war zwar vielleicht nicht gerade das, was sie als 'Normal' betiteln würde, aber die Schuld, die sie ihm im Lauf der Jahre in die Schuhe geschoben hatte, trug er nicht. Er konnte nichts dafür, dass Norah sie hier alleine gelassen hatte, dass sie nach Irland gezogen war. Jedenfalls nicht direkt. Sie grübelte noch einige Zeit darüber, während die beiden Turteltäubchen im Wohnzimmer weiter tanzten. Aber plötzlich hörte sie ein lautes Zischen hinter sich und sie drehte sich erschrocken herum. "Die Nudeln!" rief sie erschrocken.

Kapitel 57

Sie redeten den ganzen Tag über nur über die vergangenen Zeiten und letzten Endes schaffte Nicola es sogar, Kian normal zu begegnen. Irgendwann war es fällig, sich bei ihm zu entschuldigen, aber noch nicht jetzt. Jeden Moment musste Timothy mit Theresa nachhause kommen und Nicola freute sich, dass ihre beste Freundin nun ihre Tochter kennenlernen würde. "Wie hast du Timothy eigentlich kennengelernt?" wollte Norah wissen. "Das war eine witzige Geschichte!" lachte Nicola. "Ich war mit Lennard und Catherine mit den Kids im Urlaub-" "Wie geht es unseren ganzen Leuten eigentlich?" unterbrach Norah. "Gut, aber lass mich eben die Geschichte erzählen, bevor Timmy nachhause kommt. Also wir waren zusammen im Urlaub auf Korfu - da waren die Zwillinge gerade so um die sieben Jahre und Shelly grad fünf geworden, das war ein Chaos sag ich dir! Nie wieder fahr ich mit denen in den Urlaub, auch wenn die mittlerweile schon ein recht zivilisiertes Alter haben und ich Kleinkinder jetzt gewohnt bin! Solche frechen Biester! Okay, jedenfalls waren wir da in so einem Club Hotel und es gab jeden Abend irgendein Programm. Tim war mit Freunden im selben Hotel und an einem Abend mussten wir zusammen Karaoke singen. Wir waren grottenschlecht, aber das Lied war total lustig, wartet mal, ich hab das irgendwo auf CD..." Sie stand auf, um das Lied zu suchen. Sie wühlte in einem Kasten voller CDs herum und zog dann freudestrahlend eine heraus. Dann stoppte sie die gerade laufende CD und legte die anderen ein. Wenig später erfüllte sie Musik den Raum.

Let's get married
I love you and I want to stay with you
Let's get married
Have kids and grow old with you
Let's get married
Hold hands, walk in the park
You can get a cat as long as it barks

Nach dieser kurzen Stelle brach sie schon es wieder ab und Norah wischte sich die Lachtränen weg. "Das ist ja wirklich ein romantisches Lied." kicherte sie und Kian prustete auch. "Ja, hast Recht. Jedenfalls haben sich unsere Gruppen, also Lennard, Catherine und ich und Timothy mit seinen Freunden, von da an immer so getroffen, erst zufällig am Strand oder so und dann später absichtlich, weil wir uns ja eh immer gesehen haben. Das waren richtig lustige Kerle! Naja, und wie sich dann herausstellte, war einer, ich glaube es war Owen, bei derselben Firma wie Lennard, nur irgendwie war ihnen das bis jetzt noch nicht bewusst. Sie wohnten alle auch hier in der Gegend und deswegen ist der Kontakt halt nicht abgebrochen. Und so hat sich dann halt was zwischen uns entwickelt, weil er direkt bei mir in der Nachbarschaft gewohnt hat - ein Wunder, dass ich ihn vorher nie bemerkt habe! - und wir uns oft getroffen haben. Das waren noch Zeiten..." seufzte sie verträumt. "Geheiratet haben wir 2013, nach zwei Jahren schon. Und zwei Jahre später hab ich Theresa bekommen." schloss sie endlich und klatschte in die Hände. "Und was gibt es bei euch noch so zu erzählen?" "Nichts besonderes. Über Maddie hab ich ja schon erzählt, Kian sitzt hier bei uns und die anderen Leute kennst du alle nicht so gut." "Ach was, erzähl trotzdem." Aber leider wurden sie von der Klingel unterbrochen. "Das wird Theresa sein!" freute Nicola sich und stürzte zur Tür. "Mummy!" "Hallo mein Schatz! Willst du mal Mummys beste Freundin kennen lernen?" "Jaaaaa!" "Hallo Schatz!" "Hi." Timothy hatte Theresa gebracht. "Hör mal, ich muss noch eben bei meinen Eltern vorbei, es gibt irgendein Problem mit der Dunstabzugshaube und mein Vater kommt nicht damit klar. Ich bin so in einer Stunde wieder da, okay?" "Ja, bis später!" Nicola gab ihm einen Kuss und schloss die Tür wieder hinter ihm. "So, jetzt gehen wir zu Norah und Kian." erklärte sie ihrer Tochter und diese grinste. "So ihr zwei..." richtete sie sich an ihre Gäste. "Das ist meine Tochter Theresa!" Die Kleine saß auf dem Arm ihrer Mum und winkte ihnen zu. "Haaalloo!" grinste sie und zeigte ihre kleinen Zähnchen. "Hi Theresa!" strahlte Norah sie an und nahm die kleine Hand, die Theresa ihr entgegenstreckte. "Süß oder? Das hat Tim ihr mal beigebracht!" lachte Nicola. "Ach Nico... sie ist ja wirklich Zucker..." Norah seufzte. "Es war blöde von mir, einfach wegzuziehen und mich nicht mehr zu melden. Ich hab so viele wichtige Sachen in deinem Leben verpasst!" fügte sie traurig hinzu. Nicola ließ Theresa herunter und die Kleine kletterte auf einen der freien Stühle. "Ach was No." Nicola nahm die Hand ihrer Freundin. "Ich hätte auch nicht so stur sein dürfen, als du gesagt hast, du willst hier weg. Du kannst selber entscheiden, was du tun willst und als deine Freundin muss ich das auch akzeptieren." "Ich denke, wir haben beide Schuld, was?" Nicola nickte. "Aber jetzt lassen wir den Kontakt nicht mehr abbrechen, okay? Du schreibst mir jetzt deine Adresse auf und Telefonnummer und so!" "Ja, auf jeden Fall. Ich schreib dir auch Kian's auf, ja? Da bin ich nämlich auch oft." Norah zwinkerte Kian zu und dieser lachte. "Jaja... die junge Liebe..." Norah prustete. "Also, wenn ich bitten darf! Wir kannten uns schon ewig länger als du deinen Timothy!" "Jups, "kennen" würde ich das auch nennen." kicherte Nicola. "Du hast übrigens wunderschönen Schmuck!" grinste Nicola und Norah horchte auf. "Wie meinst du das?" hakte sie nach. "Ach komm, meinst du ich erinnere mich nicht mehr an deinen Geburtstag damals?" Noah wurde rot. "Die Ohrringe hat Kian mir dieses Jahr geschenkt." Nicola schlug die Hände vor der Mund. "Du hattest ja letzten Monat Geburtstag!" rief sie aus und umarmte ihre Freundin ein weiteres Mal. "Alles Gute nachträglich!"

Am späten Abend lagen Kian und Norah aneinandergekuschelt im Gästezimmer der Familie Logan und redeten noch leise. Nicola und Timothy hatten ihnen angeboten da zu bleiben, damit sie nicht noch ein Hotel oder Ähnliches suchen mussten. Timothy war zwei Stunden nachdem er Theresa gebracht hatte, schweißgebadet wiedergekommen und hatte sich über seine Eltern beschwert, denn ihnen waren plötzlich noch allerhand Dinge eingefallen, die repariert werden mussten. "Man könnte meinen, ich wäre ihr Angestellter!" hatte er geklagt. Sie hatten zusammen zu Abend gegessen und nachdem Theresa im Bett lag noch bei einem Gläschen Wein über Gott und die Welt geredet. "Bist du froh, gekommen zu sein?" fragte Kian seine Freundin. "Hm... aber ich glaube, Nicola mag es nicht, dass wir zusammen sind." "Das ist nun wirklich nicht ihr Problem. Sie wird schon damit klar kommen." "Meinst du?" "Ich hoffe es jedenfalls." antwortete Kian.

"Sollen wir euch bald mal drüben besuchen kommen?" Nicola hatte darauf bestanden, die zwei nach London zu fahren und am Flughafen zu verabschieden und jetzt standen die beiden dort und drückten alle noch mal an sich. Es war Sonntag Nachmittag und der Flieger würde in einer halben Stunde abheben. "Natürlich. Spätestens an Kian's Geburtstag müsst ihr mal kommen. Das ist schon in anderthalb Wochen." "Okay, dann kommen wir zu euch. Wir besuchen euch!" Nicola hüpfte ein bisschen auf und ab und umarmte Norah ein letztes Mal. "Wir müssen jetzt endlich in den Flieger, Süße." seufzte Norah und küsste sie auf die Wange. Sie umarmte Timothy noch zum Schluss und strich Theresa sanft über den Arm und die Kleine quiekte vergnügt. "Tschüss!" Sie winkte Kian und Norah hinterher, die nun die letzte Kontrolle passierten.

Kapitel 58

"O'Sullivan's, Kian Egan am Apparat, was kann ich für sie tun?" "Hi Schatz, sag mal, hast du auch die Einladung von Mark und Jade bekommen?" "Norah... du sollst doch nicht im Laden anrufen!" "Ja, ich stör ja auch gar nicht lange... Aber Schatz, ist das nicht der Hammer?" "Was denn? Ich hab den Brief heute morgen noch nicht auf gemacht..." "Oh... die beiden wollen noch mal heiraten! Und diesmal haben die beiden alle eingeladen! Die Feier findet am, warte ich muss noch mal eben nachgucken... am 15. Juli statt, wieder an diesem Rainbow Beach, wo sie auch das erste Mal geheiratet haben. Ach ich finde das soooo süß!" freute sich Norah und auch Kian konnte ein Grinsen nicht verbergen. "Das ist echt eine süße Idee. Du weißt nicht zufällig, wie sie darauf gekommen sind?" "Ich denke mal, Mark hat sie gefragt, oder?" "Keine Ahnung. Ich hab noch nicht mit ihnen gesprochen, seit sie wieder in Australien sind." "Findest du nicht auch, dass das wahnsinnig schnell ging? Ich meine... Mark war so am Ende, dann taucht sie auf und innerhalb von zwei Monaten wollen sie schon wieder heiraten!" "Schon, aber ich finde, dass sie gut zu einander passen. Und es ist doch nur gut, wenn Aidan mit beiden Elternteilen aufwachsen kann." "Jaja, das hab ich ja auch nicht in Frage gestellt!" erklärte sie. "Übrigens, kommst du morgen mit an den Flughafen, Familie Logan abholen?" "Was, sie kommen schon morgen?" "Ja, an deinem Geburtstag mein Bärchen! Der Flieger landet um halb zwei, genau in meiner und deiner Mittagspause, also würde das doch gehen!" "Morgen hab ich sogar schon ab ein Uhr Schluss, also komm ich gerne mit. Ich kann mich ja dann auch um die drei kümmern, wenn du wieder auf der Arbeit bist." schlug Kian vor. "Das wäre super! Du kannst sie ja dann auch einfach mit zu deinen Eltern nehmen, oder so. Oder ihr fahrt zu Nicky oder sonst wo hin, so ein bisschen kennt sie die Jungs ja auch, war ja einmal dabei. Gott, ich bin so aufgeregt! Aber dir fällt schon was ein, oder?" "Klar. Kein Problem. Hör mal Süße, ich muss Schluss machen, mein Chef guckt schon so. Bis morgen dann, oder sehen wir uns heute noch?" "Nee, wahrscheinlich nicht, ich muss heute ein bisschen Überstunden machen, damit ich dann mehr Zeit für die drei habe." "Okay, dann bis morgen." "Halt! Wo treffen wir uns denn?" "Oh, gute Frage! Aber ich glaube, deine Kanzlei liegt auf meinem Weg zum Flughafen. Soll ich dich abholen?" "Hm, das wäre schwierig, da passen wir nicht alle in ein Auto." "Ach Quatsch. Das bisschen. Und Theresa gilt ja nicht mal als fünfte Person, das passt alles. Ich hol dich dann direkt ab, okay?" "Ja, wenn du meinst. Bis morgen!" "Ja, Love you Süße!" "Ich dich auch." Die Leitung knackte und Kian legte mit einem schuldbewussten Blick zu Teddy O'Sullivan den Hörer auf. "Sorry." murmelte er und der alte, grauhaarige Mann lächelte verschmitzt. "Die jungen Männer von heute... kommen nicht einen Tag ohne ihre Frauen aus!" Kian fasste das ganze als Kompliment auf, denn immerhin war er mit seinen 39 Jahren auch nicht mehr der Jüngste.

Als Kian in seinem weißen Wagen vorfuhr, stand Norah bereits fertig draußen und wartete auf ihn. Sie stieg schnell ein und gab Kian ein Geburtstagsküsschen. "Hallo mein Bärchen, alles Gute zum Geburtstag!" sagte sie fröhlich und umarmte ihn feste. Nachdem sie ihn losgelassen hatte, wollte Kian schon den Motor starten, aber er wurde von Norah aufgehalten. "Warte noch einen Moment." Sie kramte in ihrer Handtasche und beförderte einen kleinen Umschlag zu Tage. "Der Rest liegt zuhause, das konnte ich leider nicht mitbringen." entschuldigte sie sich. "Danke Schatz." Kian lehnte sich zu ihr und gab ihr einen Kuss. "Du hast doch noch gar nicht reingeschaut!" kicherte Norah, "Ich weiß eh, dass es mir gefällt, schließlich ist es von dir." lächelte er und öffnete den Umschlag. Er zog ein Lederband mit einem silbernen Sonnenanhänger heraus und bestaunte es von allen Seiten. "Das ist ein ägyptischer Anhänger." erklärte Norah. "Er steht für Glück und Liebe, eben die Sonnenseite des Lebens." Kian band sich die Kette lächelnd um und sah sich dann im Spiegel an. "Super. Sie ist klasse." urteilte er und gab seiner Freundin noch einen Kuss. "Dann lass und jetzt mal losfahren, oder?" "Ja, sonst müssen die drei noch lange warten."

"Hi Nicola!" Norah umarmte ihre Freundin und drückte sie feste an sich. "Immer schön locker bleiben No... Wir haben uns doch bloß 2 Wochen nicht gesehen!" scherzte Nicola und drückte Norah Theresa auf den Arm. "Kannst du sie mal eben nehmen? Dann nehm ich die Tasche." "Kommt nicht in Frage, die nehm ich." schaltete sich Kian ein und Nicola lächelte. "So ein Gentleman. Und das an deinem Geburtstag!" Sie gab ihm ein Küsschen auf die Wange und gratulierte. Auch Timothy ließ sich nicht lumpen und umarmte ihn freundschaftlich. "Hach, es ist so schön, dass ihr hier seid." freute Norah sich. "Finde ich auch. Wo fahren wir jetzt hin?" wollte Nicola wissen. "Zu mir nach Hause. Maddie ist auch da!" rief Norah aus und Nicola drängte alle, sich zu beeilen, so aufgeregt war sie.

Sie stiegen alle in Kians Auto, was zwar ein bisschen eng war und nach einer Weile auch ziemlich stickig war, weil es mittlerweile in Dublin gut warm geworden war, aber doch gut passte und fuhren den Weg vom Dubliner Flughafen, hoch nach Dun Laoghaire. "Schaut, da wohnt Kian." zeigte Norah den drei "Fremdlingen" nach einer Weile, als sie das Haus erreicht hatten. Kian lachte über ihre kindliche Aufgeregtheit. Zehn Minuten später waren sie angekommen und Norah drückte Kian den Haustürschlüssel in die Hand, damit sie beim Tragen der Taschen helfen konnte. Er schloss auf und wollte erst einmal Licht machen, weil es stockfinster war im Haus. Wo war Maddie? Er lief durch ins Wohnzimmer und plötzlich ging das Licht von alleine an.

"ÜBERRASCHUNG!" riefen die Leute, die im Wohnzimmer versammelt waren und Kian schlug vor Schreck die Hände vor den Mund. "Happy Birthday to you..." begannen die Leute zu singen und Kian's Blick schweifte umher. Er sah Shane, Gillian, Nicky, Georgina, Bryan und Kerry, Mrs. Hagerty, Maddie, seine Familie und die ganzen Kids seiner Freunde und Verwandten ebenfalls. "Happy Birthday dear Kian... Happy Birthday to you!" endeten sie und Kian spürte, wie sich zwei schlanke Arme von hinten um seinen Bauch schlangen und ein Kopf sich an ihn lehnte. Kian nahm die Hand und drückte sie feste. "Ihr seid total süß, wisst ihr das?" freute er sich und zog Norah ganz in seine Arme. Er gab ihr einen Kuss und alle klatschten. Plötzlich stellte irgendwer den CD Spieler an und Musik begann. Norah strubbelte ihm durch die kurzen Haare und schob ihn dann zu den Gästen. "Hi Shane..." begrüßte er ihn per Handschlag und Shane klopfte ihm auf den Rücken. Irgendwer drückte ihm ein Glas Sekt in die Hand und Kian war so perplex, dass er einen großen Schluck nahm. Gillian kam zu ihnen rüber. "Hast du ihm etwa schon unser Geschenk gegeben, Schatz?" fragte Gillian argwöhnisch. "Nein, natürlich nicht. Das wollte Ally doch übernehmen. ALLY!" rief Shane seine Älteste und die kam freudestrahlend angelaufen. "Darf ich jetzt?" fragte sie aufgeregt und nahm dann ein mittelgroßes Paket von dem Schrank. "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!" grinste sie und Kian musste darüber lachen, dass es klang, als hätte sie es auswendig gelernt. "Danke Alesha!" erwiderte Kian und schüttelte ihre Hand, die sie ihm entgegen streckte. Dann übernahm er das Päckchen und öffnete das darum gewickelte Papier geschickt. Zum Vorschein kam ein rotes Fotoalbum, in das eine Menge Fotos von allen möglichen Anlässen eingeklebt waren. Kian blätterte mit leuchtenden Augen durch das Album und umarmte dann erst Shane und Gillian und dann Alesha, die wohl schon darauf gewartet hatte, denn sie war unbeweglich vor ihm stehen geblieben. "Danke ihr Lieben. Das ist wirklich schön." seufzte Kian und sah noch einmal genauer die Bilder an. Doch bevor er auch nur drei Stück begutachtet hatte, kam Bryan auf ihn zu und umarmte ihn herzlich.

"Alles Gute Kian. Altes Haus." lachte er und Kerry gab ihm einen Wangenkuss. Molly, die als Einzige der drei Kids mitgekommen war, umarmte ihn an ganz feste und gratulierte ihm. "So..." begann Bryan und rieb sich die Hände. "Wir haben natürlich auch ein Geschenk für dich Kian!" erklärte er und überreichte Kian ein seltsam unförmig eingepacktes Teil. "Na da bin ich ja mal gespannt!" sagte Kian und begann mit dem Auspacken. Als er fertig war, hielt er eine wunderschöne Gitarre in den Händen. "Mensch, ihr seid klasse!" freute Kian sich wie ein kleines Kind und umarmte alle drei noch einmal überschwinglich. Bryan freute sich, dass das Geschenk so gut ankam und Kian setzte sich sofort hin, um ein paar Klänge zu spielen. Er stimmte 'You make me feel' an und sowohl Norah, als auch Nicky und Georgina drehten sich zu ihm um. Die letzteren kamen auf ihn zu und er legte die Gitarre wieder weg. "Hey Kino." sagte Georgina und drückte ihn an sich. "Alles Gute zum 39. Geburtstag!" "Mensch, musste das sein?" lachte Kian. "Klaro, was sollen wir denn sagen?" mischte Nicky sich ein und reichte ihm das bis jetzt kleinste Päckchen. Kian packte es aus und hatte eine Videokassette in der Hand, als er fertig war. Kian sah die beiden erstaunt an, denn sie war nicht beschriftet und Kassetten war mittlerweile nicht mehr so üblich. "Jaja, schon klar. Kassetten sind out, wissen wir. Aber wenn du sie guckst, weißt du wieso es nicht anders ging." erklärte Georgina, als sie sein fragendes Gesicht sah. "Was ist denn drauf?" fragte Kian neugierig. "Das wirst du schon noch sehen!" kicherte Georgina und Kian's Blick fiel auf ihren Babybauch, der unter ihrem grünen Poloshirt hervorschaute. "Der wird ja auch mit jedem Mal, dass wir uns sehen größer!" staunte Kian und strich darüber. Georgina lächelte. "Ronan und Yvonne lassen schöne Grüße ausrichten. Sie konnten leider nicht kommen, sie sind im Urlaub." erklärte sie Kian dann. Dieser wollte gerade etwas erwidern, als Rebecca angelaufen kam.

"Alles Gute Kian!" Sie sprang in seine Arme, sodass Kian die Kassette erschrocken fallen liess, aber glücklicherweise fing Georgina sie gerade noch auf. "Becky!" mahnte Nicky seine Älteste, bevor er und Georgina die beiden alleine ließen. "Na, bist du schon aufgeregt?" fragte Kian sie. "Klar. Man wird schließlich nicht alle Tage getauft." lachte sie. "Mum und ich waren letzte Tage in der Stadt und wir haben ein super schönes Kleid für mich gekauft, was ich anziehen werde. Und coole Schuhe und alles. Ach, das wird super!" strahlte sie und vergaß für einen Moment, dass heute Kians großer Tag war. "Wo feiert ihr denn eigentlich?" wollte er wissen. "Ja, erst in der Kirche halt und dann später auf so einer riesigen Wiese bei uns im Viertel. Hoffentlich bleibt das Wetter so!" Die Worte purzelten ohne Punkt und Komma aus ihr heraus und Kian lachte. Es freute ihn, dass sie so freudig auf den großen Tag wartete. "Sei mir nicht böse Becky, aber ich muss mal zu den anderen gehen. Die warten alle schon." "Kein Problem, dann beschlagnahme ich eben meine zukünftige Patentante." Sie streckte Kian frech die Zunge heraus und stellte sich zu den Filans.

Kian lief zu dem kleinen Buffett, das aufgebaut worden war und staunte nicht schlecht, als er die ganzen Leckereien sah und ein paar probierte. Norah kam zu ihm und bot ihm noch ein bisschen Sekt an. "Lass mal gut sein, Schatz. Ich muss uns ja nachher noch heil zum Theater bringen und wieder zurück." "Stimmt ja." erinnerte Norah sich. "Ach da freu ich mich auch schon drauf!" Sie trank den letzten Schluck aus ihrem Glas und stellte es dann auch weg. "Sonst bekomm ich hinterher gar nichts mehr mit!" scherzte sie. Was machen wir eigentlich mit den ganzen Gästen, wenn wir weg müssen?" fragte Kian. "Ach was... die können ruhig noch ein bisschen weiter feiern. Wir kennen ja alle ziemlich gut, also wird schon nichts passieren!" Da war Norah zuversichtlich. Kian schloss sie in seine Arme und atmete den Duft ihrer Haare ein, so wunderbar frisch rochen sie, wie immer. "Hab ich dir heute schon gesagt, dass ich dich liebe?" fragte er leise. "Jetzt ja." sagte Norah und legte ihre Lippen auf seine. "Und ich liebe dich auch Kian. Über alles." Kian lächelte und sah ihr tief in die Augen, während seine Hand ihren Rücken auf und ab fuhr und sie noch einmal küsste. "Hm." unterbrach Norah den innigen Kuss nach einer Weile. "Ich hab ja noch ein Geschenk für dich." sagte sie und zupfte eine Haarsträhne wieder aus ihrem Gesicht. Sie lief kurz in die Küche und diesen Moment nutzte Mrs Hagerty, um Kian zu gratulieren. "Hallo Mrs. Hagerty!" begrüßte Kian sie mit zwei Küsschen auf die Wange. "Hallo Kian. Wie oft hab ich dir schon gesagt, dass du mich Rosalyn nennen sollst? Selbst deine reizende Freundin hat das mittlerweile begriffen." tadelte sie ihren Nachbarn. "Okay okay, Rosalyn!" lachte Kian über ihren Gesichtsausdruck. "Mach dich nicht lustig über mich Junge!" Sie tat, als drohe sie ihm und musste dann selbst lachen. "Ich hab dir auch was Schönes mitgebracht Junge. "Ach nein, dass wäre doch wirklich nicht nötig gewesen." sagte Kian schnell, aber Mrs. Hagerty schien da anderer Meinung zu sein. "Man wird nicht alle Tage 39 Jahre alt!" machte sie ihn aufmerksam und drückte ihm ein geschickt eingepacktes Geschenk in die Hand. Es war ein Buch, ein hoffentlich spannender Kriminalroman. "Damit du mal ein bisschen mehr liest, mein Junge!" In dem Moment kam Norah zurück und legte Mrs. Hagerty ihre schlanke Hand auf die Schulter. "Mrs. Hagerty, wie schön sie zu sehen!" Mrs. Hagerty sah sie etwas böse an. "Meine liebe Norah, jetzt habe ich ihrem Freund gerade eine Moralpredigt gehalten, dass er mich beim Vornamen nennen soll und habe ihm erzählt, dass sie das mittlerweile so schön tun und jetzt tun sie es auch nicht!" "Sie duzen mich ja auch nicht!" erwiderte Norah lachend. "Naja, lassen wir das also lieber. Ich will euch beiden Hübschen auch gar nicht länger stören." "Wollen sie schon gehen?" fragte Kian verwirrt. Sie waren doch alle gerade mal eine knappe Stunde da... "Ach was. Ich lass mir doch nicht dieses wunderbare Buffett entgegen und esse zuhause alleine zu Abend!" lachte sie und ging mit einem voll beladenen Teller davon, auf Molly zu.

"So, jetzt kommen wir mal zu deinem Geschenk." verkündete Norah und drückte ihm ein Päckchen in die Hand. Kian packte es aus. "Hey, noch ein Fotoalbum!" sagte er und fing an, darin zu blättern. "Hast du schon eins bekommen?" fragte Norah bestürzt. "Ja, die Filans haben mir eins geschenkt." sagte Kian, ohne zu bemerken, wie enttäuscht Norah war. Er blätterte noch einige Minuten schweigend durch das Album, das voller Bilder von Norah und ihm war. Es war aufgebaut, wie eine Dokumentation ihrer gemeinsamen Geschichte. Vorne waren einige Bilder von der Westlife Zeit, die sie gefunden hatte. Ein paar erkannte Kian wieder, sie waren in der Kiste in ihrem Schlafzimmer gewesen. Sie hatte überall ein paar Kommentare dabei geschrieben und dann kam eine neue Überschrift, nach der die Bilder aus diesem Jahr kamen. Kian fand das Album wunderschön. E sah auf. "Das ist echt-" Verwirrt sah er in ihr trauriges Gesicht. "Was ist los, Schatz?" Er nahm mitfühlend ihre Hand. "Ach nichts. Ich hab nur gedacht, ich hätte mal eine originelle Idee gehabt und dann hast du schon so ein Album bekommen." sagte sie bedröppelt. "Ach Süße..." Er umarmte sie. "Ja, ich habe noch ein anders Album bekommen, aber es ist lange nicht so schön wie deins. Und in dem Album von den Filans waren nur Fotos von ihnen, von den Kindern und so. Keine von uns beiden. Sie sind total anders!" versicherte er ihr und sie musste über ihre Dummheit lachen. "Ich bin so blöd. Werd hier ganz eifersüchtig, weil ich nicht die Einzige mit dieser Idee war." Sie lächelte ihn dann wieder an. "Übrigens, ich hab noch was." Kian legte seinen Kopf in den Nacken. "Norah..." "Keine Sorge, nicht von mir. Ein Brief von Mark und Jade." Sie überreichte ihm einen blauen Umschlag und Kian öffnete ihn strahlend. "Schade, dass sie heute nicht kommen konnten." seufzte er trotzdem und begann zu lesen:

"Happy Birthday Kian!
Sonnige Grüße aus Australien senden dir zu deinem Geburtstag Mark, Jade & Aidan. Dein Geschenk bleibt erstmal hier, dass bekommst du, wenn ihr im Juli zu unserer Hochzeit alle hier seid. Wir hoffen, du kannst es solange aushalten!
Ansonsten wünschen wir dir noch mal alles Gute, viel Spaß und grüß alle, sag ihnen wir vermissen sie und freuen uns auf den Besuch, okay?
Anbei ein Foto von uns dreien auf Rainbow Beach, damit ihr schon mal die Location kennen lernt!
Alles Liebe,
Mark & Jade"

Kian lachte, als er den krickeligen Kringel neben Jade's Schriftzug sah, den er Aidan zuordnete. Er holte das Foto aus dem Umschlag und sah es mit einem breiten Lächeln an. "Schau mal!" sagte er und hielt es Norah hin. Das Foto zeigte Mark und Jade mit Aidan zwischen ihnen engumschlungen an dem Strand, die Sonne schien hell und Jade's Haare wurden von dem anscheinend starken Wind durcheinander gewirbelt. Kian fragte sich, wer das Foto gemacht hatte. "Das nenn ich mal wunderschön." seufzte Norah. "Ja... ich freu mich schon, die drei dann wiederzusehen." sagte Kian. Norah sah prüfend auf die Uhr. "In einer knappen Dreiviertelstunde müssen wir los, ne?" Kian blickte ebenfalls zur Uhr. "Ach was... eine Stunde reicht auch locker. Wir haben ja feste Plätze." versicherte er ihr. "Okay, wenn du meinst." Sie gab ihm noch einen Kuss, bevor sie zu Nicola und Timothy ging, die mit Shane und Gillian in einer Ecke standen und sich unterhielten. Kian ging währenddessen endlich einmal zu dem Großteil seine Familie, die gekommen war. "Hallo ihr Lieben!" begrüßte er sie. "Sorry, dass ich jetzt erst Zeit für euch habe!" "Ach, das macht doch nichts." sagte seine Mum Patricia. "Wir haben uns wunderbar unterhalten." Sie wiegte ihn hin und her wie ein Kind und Kian grinste. "Mum! Meinst du nicht, ich bin ein bisschen zu alt für sowas?" "Man ist so alt wie man sich fühlt." zitierte sie weise und Kian ging einmal im Kreis, um alle zu begrüßen. Außer Colm waren alle gekommen, was Kian nur ein bisschen traurig stimmte, denn immerhin hatten ihm alle anderen verziehen. Colm würde ihm früher oder später auch verzeihen. Nachdem er alle gekommenen Familienmitglieder einmal umarmt hatte, tippte sein Dad ihm auf die Schulter und drückte ihm dann einen Briefumschlag in die Hand. Bestanden denn alle seine Geschenke heute nur aus Briefumschlägen? Er blickte in die gespannten Gesichter seiner Familie und öffnete den Umschlag. Er hatte absolut keine Ahnung, was darin sein konnte. Er holte einen Zettel heraus und zwei Karten. Er besah sich zuerst die Karten und seine Kinnlade fiel ihm herunter. "Ihr seid verrückt!" keuchte er und sah in das strahlende Gesicht seiner Mum. "Eine Reise nach Miami, ihr seid absolut verrückt!" Er fiel seinem Dad um den Hals und dieser freute sich über die gelungene Überraschung. "Und du kannst Norah mitnehmen." Kian konnte es nicht fassen. "Ihr seid großartig!" sagte er und meinte damit alle zusammen. "Du kannst buchen wann du willst, das sind nur Gutscheine, sozusagen. Wir wussten ja nicht, wann ihr beide mal Zeit habt." Kian strahlte. "Das ist das schönste Geschenk, dass ich je bekommen habe." "Was? Und ich dachte, das wäre deine erste Gitarre gewesen!" empörte sich Patricia lachend. "Ach Mum... damals war sie das." stimmte Kian ein und umarmte sie noch einmal.

"Kian?" Norah kam mal wieder von hinten und umarmte Kian. "Hm?" "Wir müssen mal gleich losfahren." sagte sie sanft und sah ihn lächelnd an. "Und es wäre toll, wenn du dir vielleicht vorher noch etwas anderes anziehen würdest." Er küsste sie sanft und verabschiedete sich dann schnell von seiner Familie, bei der er die ganze letzte Zeit gestanden hatte, bevor er nach oben in Norah's Schlafzimmer ging, wo er immer ein paar Klamotten deponiert hatte. Aber da sah er auf dem Bett einen Anzug liegen. Er drehte sich um und sah Norah an, denn er hatte gehört, dass sie ihm gefolgt war. "Du Spinnerin." lachte er und begann, sich umzuziehen. Auch Norah zog sich aus und stieg dann in ein schickes Kleid, dass sie letztens erst gekauft hatte. "Das wird toll." sagte sie strahlend und zog den Reißverschluss zu. "Ich war so lange nicht mehr beim Ballett... geschweige denn, dass ich getanzt habe!" seufzte sie. "Genau deswegen habe ich dir die Karten geschenkt." sagte Kian und beobachtete seine Freundin, wie sie sich die braunen Locken hochsteckte. "Ich hab deiner Mum und Maddie Bescheid gesagt, dass wir jetzt weg sind, damit sie die Gäste dann verabschieden." erklärte sie währenddessen. "Okay. Dann lass uns jetzt losfahren." schlug er vor und nahm sie bei der Hand. "Sonst kommen wir wirklich noch zu spät!"

Kapitel 59

"Ach Kian, war das schön..." seufzte Norah. "Die Prinzessin Copélia war so anmutig und sie hat toll getanzt, das kann ich neidlos sagen." Sie hakte sich bei Kian unter und so liefen sie die von wenigen Straßenlaternen beleuchtete Straße entlang zu Kian's Auto, das ein kleines Stück entfernt von dem Theater geparkt war, weil davor alles voll gewesen war. Bis auf die Straßenlaternen war es dunkel und am Himmel konnte man die Sterne sehen, es war warm und ein lauer Wind wehte. "Norah..." sagte Kian plötzlich und nahm ihre beiden Hände in seine. "Lass uns doch laufen!" schlug er grinsend vor. "Es ist so eine tolle Nacht..." Norah lachte lauthals. "Kian!" Sie umarmte ihn grinsend und küsste ihn auf die Nasenspitze. "Weisst du wie weit es bis zu mir ist? Bestimmt mehr als zehn Kilometer!" Sie lachte noch mehr. "Und in den Schuhen?" Sie schüttelte den Kopf. "Mein Lieber, ich hatte ja eigentlich vor, dir an deinem Geburtstag alle Wünsche zu erfüllen, aber diesen muss ich dir leider abschlagen!" "Kian tat als schmolle er. "Menno. Was ziehst du auch solche Schuhe an!" Sein Grinsen verriet, wie lustig er es fand. "Du hast ja Recht." seufzte Norah. Sie erreichten den Wagen und stiegen ein. Sobald sie saß, zog Norah die High Heels von ihren Füßen und warf sie auf den Rücksitz. Kian beobachtete sie grinsend. "Auf das Angebot mit dem 'alle Wünsche erfüllen' komm ich übrigens noch mal zurück!"

Als die beiden bei Norah zuhause ankamen, waren bloß noch Kian's Familie, die Logan's und Mrs. Hagerty da, alle anderen hatten sich schon verabschiedet. "Hey Mum, wie war das Stück?" fragte Maddie neugierig, denn sie mochte Ballett auch ganz gerne, allerdings nur zum Anschauen. "Es war wundervoll!" schwärmte Norah. "Die Prinzessin hat toll getanzt und der Prinz wäre was für dich gewesen, Süße! Und die Geschichte ist echt traurig..." Norah brabbelte noch ein wenig weiter über das Stück, als Patricia auf ihren Sohn zu ging. "Kian, ich hab hier noch einen Brief für dich." sagte sie und gab ihm einen weiteren Briefumschlag. "Bitte öffne ihn erst, wenn du alleine bist, ja?" Kian versprach ihr das und verabschiedete sich dann von allen, denn sie wollten auch mal langsam fahren, damit sie nicht allzu spät in Sligo ankommen würden. "Wir sind sowieso schon viel zu lange geblieben." erklärte Vivienne. "Aber Mum wollte dir unbedingt noch irgendwas geben. Hat sie?" "Ja, einen Brief. Aber ich sollte ihn noch nicht aufmachen." Kian zuckte die Schultern. "Naja. Dann machs gut. Wir sehen uns bestimmt bald mal wieder, dann kommst du rüber nach Sligo, okay?" nahm sie ihm das Versprechen ab. "Okay." Kian gab ihr einen Kuss auf die Wange und schloß die Tür hinter seiner ganzen Familie. "So." sagte er und sah sich um. "Wie's hier aussieht, habt ihr ja schön gefeiert." bemerkte Kian und hob ein zerborstenes Sektglas auf. "Es waren ja auch eine Menge Leute da!" redete Nicola sich heraus. "Musst dich ja nicht bei mir entschuldigen." lachte Kian. "Ist ja schließlich Norah's Geschirr und sie darf aufräumen." "Was? Das war deine Geburtstagsparty, da kannst du ruhig mithelfen." erboste sie sich. Kian grinste breit und klimperte mit den Augen. "Aber wenn ich es mir doch so sehr wünsche?" sagte er unschuldig und Norah war kurz davor, noch ein Sektglas nach ihm zu werfen. "So war das nicht gemeint, mein Freund!" lachte sie dann doch und stellte das Glas zurück. Nicola und Timothy warfen sich nur iritierte Blicke zu. "Sag mal No." begann Nicola dann. "Ich hab Theresa oben in das Gästezimmer gelegt, sie war müde. Ist das okay?" "Klar, da hättet ihr eh geschlafen." bestätigte ihr Norah und sah sie dann entschuldigend an. "Sorry übrigens, dass ich heute so wenig Zeit für euch hatte und ihr so überraschend in die Party hier reingestolpert seid. Aber ich konnte ja schlecht was sagen, heute am Flughafen." versuchte sie zu erklären. "Ach, das ist schon okay." winkte Nicola ab.

Da meldete sich Mrs. Hagerty, die bis jetzt dem Gespräch ruhig gelauscht hatte, zu Wort. "Kian, mein Junge. Kannst du mich mit nachhause nehmen?" "Ähm..." Er tauschte schnell einen Blick mit Norah aus, die nickte. "Ja, klar, kein Problem, wir wohnen ja im selben Haus!" scherzte er, war aber doch ein bisschen enttäuscht. "Sollen wir dann jetzt gleich fahren?" schlug er vor und Mrs. Hagerty war einverstanden. "Ich bin es nämlich nicht mehr gewöhnt, so lange aufzubleiben." erklärte sie. Also raffte Kian seine Geschenke auf und lief mit seiner Nachbarin zum Auto, wo er die Sachen in den Kofferaum lud. "Warten sie noch einen Moment, Rosalyn? Ich möchte mich eben verabschieden." Die alte Dame nickte lächelnd und Kian ging hastig zurück zum Haus. Er sagte Nicola und Timothy tschüss, die mit Maddie an der Sitzecke saßen und sich unterhielten, drückte Maddie kurz an sich und ging dann mit Norah zur Tür. "So war der Abend aber eigentlich nicht geplant." schmollte er. "Hey Bärchen, nicht traurig sein. Die alte Frau braucht nun mal ihren Schönheitschlaf." kicherte Norah und strich Kian's Wange entlang. "Und ich brauch dich." murmelte Kian und küsste sie in der Halsbeuge. Norah seufzte. "Kian... jetzt geh endlich. Sie wartet." Sie schob ihn ein Stück von sich weg, bevor sie anfing, seine Küsse zu sehr zu genießen. "Okay. Aber den Wunsch darf ich mir dann für wann anders aufheben, oder?" Norah schmunzelte. "Aber sicher. Ich liebe dich." sagte sie und gab Kian noch einen langen Kuss, den dieser mit Vorliebe erwiderte. "Ich dich auch Schatz. Bis morgen, ne? Und danke für den tollen Tag!" sagte er und entfernte sich, hielt ihre Hand solange fest, wie es ging. Dann drehte er sich glücklich lächelnd um und ging zu seinem Auto, in dem Mrs. Hagerty schon ungeduldig wartete. "Na endlich Jungchen." sagte sie scherzend. "Ich dachte schon, ich muss selber hinters Steuer klettern!" "Nein nein. Ich bin heute ihr Chauffeur." erklärte Kian. "Wo soll's denn hingehen, junge Dame?" Mrs. Hagerty lachte herzlich. "Ach Kian, sie sind so ein lieber Junge!" Kian bog kopfschüttelnd in ihre Straße ein und parkte auf einem freien Platz direkt vor dem Haus. Sie stiegen aus und Mrs. Hagerty nahm ihn in ihre Arme, aber sie war so klein, dass Kian sich runterbeugen musste. "Viel Spaß mit dem Buch!" zwinkerte sie und schloss ihre Haustüre auf. Kian nickte lachend und lief die Treppen weiter rauf, in der einen Hand eine Tüte, die er im Kofferraum gehabt und in die er die ganzen Geschenke gepackt hatte und in der anderen die Gitarre von Bryan und Kery. Er schloss umständlich die Tür auf, stellte die Gitarre in die Ecke und warf den Schlüssel auf die Komode. Sein Blick fiel auf einen Brief, der wohl unter der Tür durchgeschoben worden war. Er nahm ihn auf und brachte den ganzen Krempel ins Wohnzimmer. Er plumpste erschöpft auf sein buntes, von Ilyssa ausgesuchtes Sofa und nahm den Brieföffner, der noch auf dem Tisch lag, um den Brief zu öffnen. Er war von Dr. O'Shea.

"Lieber Kian!
Alles Gute zu deinem ersten Geburtstag im Freien!
Ich hoffe es geht dir gut mit Norah. Es tut mir leid, dass ich nicht zu der Beerdigung kommen konnte, leider war ich beruflich verhintert.
Aber genug davon, ich hoffe, du hast einen schönen Tag und natürlich auch schöne Geschenke.
Schöne Grüße vom ganzen Team und deinen Freunden!
Herzliche Grüße,
Dermot O'Shea

PS: Vergiss nicht, zu deiner Therapiestunde zu kommen am Montag!"

Kian lachte über diese herzlichen Zeilen und freute sich, dass sein Arzt daran gedacht hatte. Er holte sich aus dem Kühlschrank ein Bier und setzte sich zurück auf die Couch. Dort holte er das Album von Norah aus der Tasche und schlug es auf. "Norah Ferrell & Kian Egan" stand in großen, geschwungenen Buchstaben auf dem gelblichen Papier. Darunter standen noch ein paar Daten, nämlich '2. März - 25. April 2005'. 'Woher weiß sie die Daten noch so genau?' fragte er sich und schlug die Seite um. Das erste Bild war von dem Tag, an dem Norah zu ihrem Team gestoßen war, da war Kian sich ganz sicher. Sie trug diese weiten Baggyhosen, die sie früher immer getragen hatte, ein enges Top, das gerade noch ihre Narbe von Maddie's Kaiserschnitt bedeckte und ihre damals noch weinroten Haare waren zu einem Zopf zusammen gebunden und hingen über ihre Schulter. Sie musste sich in der Lobby des Hotels aufhalten, in dem sie damals eingecheckt hatten. Kian lächelte bei dem Anblick und verstand immer noch genauso gut, warum er sich in diese Frau verliebt hatte. Er blätterte langsam durch das Album und stieß mit jedem Foto auf alte Erinnerungen, bis er zu der Seite kam auf der erneut ein Datum stand. '1. Januar 2019 - ' Die letzte Ziffer war freigelassen und Kian liefen ein paar Freudentränen über die Wangen. Das war definitiv das schönste Geschenk, dass ihm je jemand gemacht hatte. Bei diesem Gedanken fielen ihm die Karten von seiner Familie ein, der Urlaub, davon hatte er Norah noch gar nichts erzählt!Müde blätterte er durch die letzten Seiten und trank, nachdem er das Album beiseite gelegt hatte, noch sein Bier aus, bevor er sich erhob und in der ganzen Wohnung das Licht löschte. Er freute sich schon darauf, ihr von dem Urlaub zu erzählen. Im Bett schmiedete er noch ein paar Pläne, wie er es ihr sagen würde, bevor ihm die Augen zu fielen.

Kapitel 60

"Mist, Mist, Mist...!" schimpfte Kian und verfluchte die blöde Krawatte, die er sich seit zehn Minuten umzubinden versuchte. Genervt warf er das Teil einfach auf sein Bett und öffnete die ersten beiden Knöpfe seines Hemds. "Dann zieh ich eben keine Krawatte an!" maulte er sein Spiegelbild an und lief aus dem Schlafzimmer. Immerhin hatte er überhaupt einen Anzug an, nämlich den, den Norah ihm vor zwei Tagen erst geschenkt hatte. Er griff sich noch sein Geschenk für Rebecca, - eine silberne, sehr lange Kette, an der ein schönes Kreuz hing und ein Taufbuch, in das man die Gäste und alle Geschenk und sowas alles eintragen konnte - warf einen letzten Blick in den Spiegel um seine Frisur zu inspizieren und wollte gerade die Tür hinter sich zu fallen lassen, aber in letzter Sekunde fiel ihm der Brief wieder ein, den ihm seine Mum an seinem Geburtstag gegeben hatte. Wieso hatte er bloß nicht mehr an diesen gedacht? Er lief eilig noch einmal ins Wohnzimmer und suchte danach. Nach fünf langen Minuten, in denen Kian eigentlich schon lange auf dem Weg zur Kirche hätte sein müssen, fand er ihn schließlich und stopfte ihn in die Jackentasche.

Eine Viertelstunde später hatte er die Kirche erreicht und parkte dort. Mit den Geschenken unterm Arm und dem Brief in der Hand lief er herein und sah sich suchend um. Es war schon sehr voll und er musste länger suchen, um Norah zu erspähen, die schon besorgte Blicke nach hinten zur Eingangstür warf, um zu gucken, ob er kam. Eilig lief Kian zu dem Platz in der ersten Reihe und ließ sich neben ihr nieder. "Hi Schatz." flüsterte er und gab ihr einen Kuss. "Sorry, dass wir uns gestern nicht sehen konnten." entschuldigte Norah sich. "Aber ich bin erst ziemlich spät aus dem Büro wieder gekommen und nachher hatte ich Nicola und Timothy versprochen mit ihnen auszugehen, wenn sie schon den ganzen Tag alleine Dublin erkunden mussten." erklärte sie. "Kein Problem-" setzte Kian an, aber da kam der Pastor auf ihn zu. "Mr. Egan? Kommen sie bitte mit vor zum Taufbecken?" bat er ihn und Kian drückte noch kurz Norah's Hand, bevor er dem älteren Mann zu dem Becken folgte, an dem schon Gillian stand, die Patentante werden sollte. "Die Taufzeremonie beginnt gleich." sagte der Pastor den beiden. "Sie haben eigentlich nur die Aufgabe, dem Mädchen die Hände zu halten, während ich das Weihwasser über ihre Stirn schütte und nachher einzeln diese Sprüche zu sagen." Er gab ihnen jeweils einen kleinen Zettel und Kian steckte ihn in seine Hosentasche. Die beiden Paten gingen wieder zu ihren Plätzen und Kian wisperte seiner Freundin noch etwas ins Ohr. "Ich muss dir nachher noch was erzählen." Nach zehn Minuten setzte die Musik ein und die Türen öffneten sich. "Ist ja wie bei einer Hochzeit." flüsterte Norah aufgeregt und bestaunte Rebecca's Kleid. Als sie das Taufbecken mit ihren Eltern erreicht hatte, zwinkerte Georgina Kian zu. Er musste lächeln und wischte sich seine schwitzigen Hände an der Hose ab.

"Nun bitte ich die beiden Taufpaten nach vorne!" verkündete der Pastor und Kian erhob sich lächelnd. Als er am Becken angekommen war, umarmte er die strahlende Rebecca. "Du siehst bezaubernd aus." flüsterte er ihr ins Ohr und sie strahlte bloß noch mehr. Dann nahm er, wie der Pastor ihnen vorhin erklärt hatte, ihre Hand und der Pastor sprach noch einige Worte. Dann musste Rebecca ihren Kopf über das Becken halten und der Pastor ließ ein bisschen von dem geweihten Wasser über ihre Stirn laufen. Anschließend übergab er das Wort an die Paten. Kian war froh, dass der Spruch so kurz war, denn so hatte er ihn während der anfänglich normalen Messe schnell auswendig lernen können und musste den Zettel nicht aus seiner Hosentasche hervorkramen. "Liebe Rebecca, hiermit bist du nun ein vollzähliges Mitglied der christlichen Gemeinde und ich nehme mich deiner als Pate an, damit du mit all deinen Problemen und Sorgen zu mir kommen kannst." sagte er und hoffte, dass Rebecca merkte, dass er trotz auswendig Gelerntem, ernst meinte, was er sagte. Er überreichte ihr die Blume, die er vom Pastor gereicht bekam und gab ihr zwei Küsschen auf die Wange. "Danke." flüsterte Rebecca ihm dabei ins Ohr. Kian lächelte sie an. Dann musste sie sich umdrehen, damit sie Gillian ansehen konnte. "Liebe Rebecca..." begann sie und musste, bevor sie Rebecca's Hand nehmen konnte, ihre Tränen, die ihr vor Rührung in die Augen getreten waren, wegblinzeln. "Hiermit bist du nun ein vollzähliges Mitglied der christlichen Gemeine und ich nehme mich deine als Patin an, damit du auch deine freudigen Erlebnisse mit mir teilen kannst." sagte sie und Rebecca umarmte sie feste. Gillian liefen nun die Tränen doch die Wangen runter und als sie ihr Patenkind dann losließ, griff sie nach der Rose, um sie ihr zu geben. Kian ließ währenddessen einmal seinen Blick in der Kirche schweifen und musste lachen, als er Georgina sah, die in Tränen aufgelöst gerade in ihr Taschentuch schniefte. Er lächelte Norah an und dann schweifte sein Blick in die hinteren Reihen. Er sah seine Familie, Nicky's Familie, Georgina's Familie, die Familien der anderen Jungs, Freunde und Bekannte der Byrne's, Arbeitskollegen von Georgina, die er Silvester schon kennen gelernt hatte und viele mehr. Aber er stutze, als er noch einmal zu seiner Familie sah und dort jemanden bemerkte, den er in Sligo vermutet hatte. Colm saß dort zwischen seiner Mum und Vivienne. Kian schüttelte ungläubig den Kopf und sah dann noch einmal genau hin, aber Colm saß wirklich dort und er schien bemerkt zu haben, dass Kian ihn entdeckt hatte. Sofort sah Kian wieder zu dem Geschehen am Taufbecken, doch der Pastor schien gerade die Messe abzuschließen. Dann gab er das Wort zu Nicky ab, der aufstand und sich nach hinten drehte. "Wir fahren jetzt anschließend zu uns ins Viertel und feiern dort noch!" erklärte er und nahm Georgina bei der Hand, die die Packung Taschentücher gerade in ihre Handtasche packte. Aber sie ließ ihren Ehemann wieder los und lief zu ihrer Tochter. "Ich bin so stolz auf dich meine Süße, das war wunderschön." sagte sie und schaukelte Rebecca hin und her. "Mum..." lachte diese und schob sie ein Stück von sich weg. "Du machst mein Kleid ganz nass!" kicherte sie und blickte sich um. "Kommt ihr?" fragte sie ihre Paten und nahm beide bei der Hand. Gillian drückte noch Georgina's Hand, um sie ein bisschen zu beruhigen.

Wenig später war der Großteil der Gesellschaft auf der großen Wiese im Viertel der Byrne's angekommen. Dort hatten sie einige Pavillons und schön dekorierte Tische und Bänke vorgefunden, sowie ein großes Buffett und gute Musik. Rebecca setzte sich auf einen Stuhl, der extra für sie besonders verziert worden war und empfing dort alle Leute, die ihr gratulieren wollten, weil sie sonst den Überblick verloren hätte, wen sie schon alles gehabt hatte. Kian beobachtete das eine Weile, bevor er selbst zu ihr ging, als die Schlange vor dem Stuhl gerade auf ein Minimun geschrumpft war. Nur Norah stand vor ihr und da konnte er sich auch gut zugesellen. "Kian!" freute sich Rebecca. "Hi Becky!" Er gab ihr erneut einen Wangenkuss und Norah einen richtigen. "Hey Bärchen." kicherte sie. Kian holte seine Geschenke für sein neues Patenkind hinter dem Rücken hervor und reichte sie ihr. Zuerst öffnete sie die Dose, in die er die Kette gelegt hatte, damit man sie besser verpacken konnte und ihre Augen strahlten. "WOW! Ist die schön!" rief sie und fiel Kian um den Hals. "Legst du sie mir an?" fragte sie bettelnd und drehte sich um. Kian öffnete die andere Kette, die sie angehabt hatte, ein silbernes Herz, und gab sie ihr in die Hand, bevor er ihr das Kreuz umlegte. "Das sieht fast so aus, wie das Kreuz, was dein Dad früher immer getragen hat." bemerkte Norah und Rebecca seufzte glücklich. "Na, jetzt mach schon das zweite Packet auf!" drängte Kian sie und Rebecca streckte ihm die Zunge heraus, bevor sie das Papier ungeduldig ablöste. "Cool... ein Taufbuch..." freute sie sich. "Ist das sowas, wo man die Geschenke und so reinschreibt?" wollte sie wissen und umarmte Kian ein weiteres Mal. "Was hast du denn von Norah bekommen?" fragte Kian neugierig und Rebecca hielt eine Tasche hoch, auf der Pallietten und Glitzerfäden eingestickt waren. "Schön oder?" Sie grinste.

"BECKY! Telefon! Kommst du mal?" rief Georgina und Rebecca entschuldigte sich kurz von den beiden. "Wer ist denn dran?" fragte sie ihre Mum. "Mark." sagte sie nur kurz und reichte dann den Hörer an ihre Tochter weiter. "Hi Mark!" "Hallo Rebecca! Alles Gute zur Taufe!" riefen Mark und Jade zusammen ins Telefon und Rebecca hielt den Hörer ein paar Zentimeter von ihrem Ohr weg. "Und wie wars?" fragte Mark dann in einer normalen Lautstärke. "Super! Meine Paten haben alles schön hinbekommen, das Wetter ist super, ich hab tolle Geschenke bekommen..." zählte Rebecca auf und Mark lachte. "Unseres bekommst du wenn ihr im Juli zu unserer Hochzeit kommt, okay? Wir wollten es nicht schicken, falsl etwas kaputt geht." "Ihr müsst mir doch gar nichts schenken!" protestierte Rebecca. "Komm, komm. Ich weiss doch, dass du enttäuscht gewesen wärst, wenn du keins bekommen hättest." lachte Mark und im Hintergrund konnte sie Jade ebenfalls kichern hören. Da fiel Rebecca etwas ein. "Alles Gute zum Hochzeitstag übrigens!" Mark schwieg einige Sekunden. "Woher weisst du das denn?" wollte er dann völlig perplex wissen. "Ach... davon haben mir so diverse Personen erzählt." Rebecca tat unschuldig. "Aber danke Rebecca, das ist total lieb von dir! Ich geb dir Jade eben noch mal kurz, okay?" "Alles klar, bis in zwei Monaten dann!" verabschiedete Rebecca sich und wartete, bis Jade ans Telefon kam.

"Schatz, ich wollte dir ja noch etwas erzählen." begann Kian und nahm ihre Hände grinsend in seine. "Schieß los." forderte Norah ihn auf und lauschte gespannt. "Wir fliegen nach Miami!" rief er freudestrahlend. "Nein!" Norah war fast sprachlos. "Doch! Meine Familie hat mir zwei Reisegutscheine geschenkt!" erklärte er ihr und sie fiel ihm in die Arme. "Ist das super! Ein richtiger Urlaub, Sommer, Sonne, Strand und Meer..." Sie strahlte ihn glücklich an. "Und nur wir beide..." seufzte Kian. "Keiner der stört!" Norah führte einen kleinen Freudentanz auf, bevor Kian sie zurück in seine Arme zog und anfing, sie zärtlich zu küssen.

"Hi Rebecca, alles Gute zur Taufe!" sagte Jade fröhlich zur Begrüssung und sofort danach hörte Rebecca nur noch ein unverständliches Brabbeln. "Hast du das gehört?" fragte Jade dann und Rebecca lachte. "Ja, was war das?" wollte sie wissen. "Das war Aidan. Er wollte dir auch gratulieren." erklärte Jade stolz und anscheinend hatte sie ihn auf dem Arm, denn Rebecca konnte das Gebrabbel immer noch etwas leiser hören. "Und ist es schön?" fragte Jade. "Jep, alles super. Wetter, Leute, Geschenke, Essen... hab ja Mark schon alles erzählt." "Das mit dem Geschenk hat er ja auch gesagt ne? Bekommst du dann im Juli." sagte Jade nochmal. "Geht klar. Ich freu mich schon drauf!" versicherte Rebecca ihr und Jade seufzte. "Und ich erst! Du, ich muss Schluss machen, okay? Ferngespräche sind ja nicht gerade billig!" "Kein Problem. Wir sehen uns ja bald schon wieder. Knuddel Aidan, okay?" "Mach ich, schöne Grüße, ja?" "Geht klar. Bis dann!"

Rebecca legte auf und legte das Telefon auf einem der Tische ab, bevor sie wieder zu ihrem Stuhl ging, wo Kian und Norah gerade ein bisschen beschäftigt waren. Sie schlich sich vorsichtig an die beiden heran und holte ganz leise ihre neue Digitalkamera aus dem Geschenkekorb, der neben dem Stuhl stand. Sie schoß ein Foto von den beiden, die engumschlungen, mit geschlossenen Augen und küssend dort standen. Als sie es geschoßen hatte, legte sie erst die Kamera weg, seufzte dann laut und musste lachen, als die beiden plötzlich auseinanderschoßen. "Becky..." sagte Kian verschämt und zupfte sein Hemd gerade, als Norah ihre Hand dort weggenommen hatte. Rebecca lachte herzlich. "Macht doch nix, bin ich gewöhnt. Ihr solltet mal Mum und Dad sehen, wie die turtelnd durch Haus rennen..." Sie schüttelte belustigt den Kopf. "Aber naja." Sie zuckte verständnissvoll die Schultern. "Ihr Bauch ist ja schon richtig riesig geworden." sagte Norah. "Voll das Brummerbaby." kicherte Rebecca und setzte sich wieder. "Hat das 'Brummerbaby' mittlerweile eigentlich einen Namen?" wollte Kian wissen. "Ja! Mum und Dad kamen gestern abend freudestrahlend zu uns ins Wohnzimmer gelaufen und haben uns verkündet, dass unsere Schwester den Namen Josephine tragen wird." verkündete sie. "Aber von mir wisst ihr das nicht, okay? Ich glaube, sie wollten es nachher oder irgendwann allen erzählen!" kicherte sie dann. "Keine Sorge, wir schweigen wie ein Grab und gehen dann mal, ne? Damit der Rest das gnädige Fräulein auch noch beschenken kann!" zwinkerte Kian und küsste sein Patenkind auf die Hand. "Schöne Grüße übrigens von Mark und Jade!" rief Rebecca ihnen hinterher.

Als Norah einmal mit Nicola und Timothy herumging, um alle bekannt zu machen, setzte Kian sich auf eine freie Bank und holte den Brief heraus, den er morgens noch schnell eingepackt hatte. Er öffnete ihn ungeduldig und entfaltete den kleinen Zettel, er sich darin befand.

"Lieber Kian!
Erstmal alles Gute zum Geburtstag!
Ich möchte mich entschuldigen, dass ich bei deinem Besuch so abweisend zu dir war. Ich habe lange mit unserer Mum über dich und all das geredet und bin zu dem Schluss gekommen, dass du mir eigentlich zu viel bedeutest, um sich ewig zu meiden. Eigentlich wollte ich schon zu deiner Party mitkommen, aber Mum meinte, das wäre nicht so eine gute Idee, weil es ja eine Überraschungsparty ist. Ich hab Mum also diesen Brief mitgegeben, um dich ein bisschen vorzuwarnen. Ich werde am Donnerstag zu Rebecca's Taufe mitkommen und hoffe, dass du mir vielleicht verzeihen kannst. Ich werde darauf warten, dass du zu mir rüber kommst, um dich ncht zu überrumpeln. Es würde mich wirklich freuen, wenn wir uns wieder "vertragen" können.
Bis Donnerstag dann.
Alles Liebe,
dein Bruder Colm."

Fast fassungslos starrte Kian noch ein paar Minuten auf das kleine Papier. Dann hob er seinen Kopf und ließ seinen Blick über die große Wiese schweifen, um Colm zu erspähen. Er stand im Moment mit Nicky und Georgina zusammen am Buffett. Sollte er rüber gehen? Kian zweifelte. Er wollte lieber ungestört mit ihm reden, wollte aber auch Nicky und Georgina nicht wegschicken. Aber er gab sich einen Ruck. Sein Bruder hatte ihm einen "Friedensvertrag" angeboten, er wäre blöde, so lange zu warten, bis er einmal alleine irgendwo stand, denn das konnte ewig dauern. Also erhob er sich und lief auf die drei zu. Als Nicky ihn kommen sah, zupfte er Georgina am Ärmel und schien sich von Colm zu verabschieden. Und als Kian seinen Bruder erreichte, stand er alleine am Buffett, mit dem Rücken zu Kian und einem leeren Teller in der Hand. Anscheinend hatte er nicht bemerkt, dass Kian gerade kam. "Colm?" fragte er deswegen vorsichtig und legte seine Hand auf die Schulter seines kleinen Bruders. Colm drehte sich ein bisschen erschrocken herum und lächelte dann, als er Kian erkannte. "Hey..." fing er an, aber dann kam eine Weile nichts mehr. "Hör mal-" begannen dann beide gleichzeitig. "Sag du zuerst." "Nee, fang du ruhig an." Colm seufzte und kratzte sich am Kopf. Da nahm Kian all seinen Mut zusammen und umarmte seinen kleinen Bruder einfach. Colm schien zwar etwas überrumpelt, aber nicht sauer darüber. "Ich hab dich vermisst, Kleiner." seufzte Kian und Colm nickte. Sie sahen sich in die Augen, bevor Colm ihn zurück in die Umarmung zog. Sie setzten sich dann auf die nächstgelegene Bank und redeten einige Zeit über alles Mögliche, was ihnen am Herzen lag. "Ich bin froh, dass du mir verziehen hast, Colm." gab Kian offen zu. "Und ich bin froh, dass du mir mein Verhalten verziehen hast!" erwiderte Colm. "Aber darf ich dich mal was fragen, Kian?" Kian nickte nur stumm und sah seinen Bruder weiterhin an. Wie er sich verändert hatte! "Wieso bist du so spät gekommen? Ich hab schon Stunden auf dich gewartet!" Colm's Gesichtsausdruck zeigte fast ein bisschen Schmerz. Hab gedacht, du kommst nicht mehr." Kian seufzte. "Tut mir leid! Ich hab den Brief total vergessen. Sei froh, dass ich ihn heute Morgen noch eingepackt hab, sonst hätte ich gar nichts von unserem "Treffen" gewusst!" erklärte Kian und Colm grinste. "Typisch Kian. Du vergisst aber auch alles!"

"Kommt ihr mal rüber, Kian? Wir wollen eine kleine Fotosession veranstalten!" rief Nicky zu wenig später ihnen rüber und widmete sich dann wieder Keelin, dessen Anzug zwar zuckersüß aussah, aber schon etwas verschmutzt war und nicht richtig saß. Alle Gäste hatten sich in einem großen Halbkreis vor einem Stück der Wiese versammelt, wo eine Menge Blumen in voller Blüte standen und Kian und Colm schlenderten gemütlich zu ihnen rüber. Kian sah einen richtigen Fotografen gerade seine Sachen auspacken und die ganze Familie Byrne stellte sich schon einmal bereit. "Enger zusammen bitte!" befahl der Fotograf ihnen und schoß dann mindestens zehn Fotos am Stück. "Okay, die Nächsten bitte..." Obwohl der Fotograf die Leute etwas herumkommandierte, wirkte er nett und irgendwie hatte Kian das Gefühl, dass er der Fotograf war, der auch Nicky's und Georgina's Hochzeitsfotos gemacht hatte. Nach bestimmt einer halben Stunde wurden die Paten endlich "aufgerufen" und Kian stellte sich mit Gillian und dem Täufling vor die schönen Blumen. Gillian zog ihm ein bisschen das Hemd zu Recht und zwinkerte ihn fröhlich an. Mit ihren Lippen formte sie das Wort 'Colm' und zeigte ihm den hochgestellten Daumen. Kian legte glücklich den Arm um seine Cousine und Rebecca und lächelte in die Kamera. 'Es ist ein wundervoller Tag.' dachte Kian. 'Das Wetter ist perfekt, alle meine Freunde sind hier, es gibt gutes Essen und alle sind glücklich. Norah ist bei mir.' freute er sich, sah kurz zu ihr rüber, wie sie neben Kian's Mum stand und lachend mit ihr schwätzte. Kian lächelte extra noch ein bisschen breiter, als der Fotograf endlich abdrückte.

Er war froh, dass alles so gekommen war, wie es war. Am Anfang hatte es zwar nicht so rosig ausgesehen, mit seinem Zoff mit Bryan, dem Vorfall bei seiner Familie, den Fotos in der Zeitung, Norah's Flucht vor ihm... aber mit der Zeit hatte sich alles gewendet. Nun hatte er wirklich alle Menschen um sich herum, die er schätze und liebte, außer Mark und Jade, aber die beiden würde er ja auch bald wiedersehen. Colm hatte ihm verziehen, Bryan auch, er und Norah waren so verliebt wie noch nie... Nur Pete fehlte ihm. Aber tief innen wusste Kian, dass es vielleicht besser so war. Dass Pete nur noch gelitten hatte und nun wahrscheinlich besser aufgehoben war.

Der Fotograf wollte nun zum Schluss noch Fotos von den anwesenden Paaren schießen und nahm als erstes Kian und Norah, weil Kian nun praktischerweise schon bereit stand. Norah drückte Kian's Mum ihr Sektglas in die Hand und lief zu Kian. Erst da bemerkte dieser die Schuhe an ihren Füßen. Er musste herzlich lachen und drückte ihr erstmal einen Kuss auf den Schopf. Sie trug zu dem weißroten Kleid, dass sie auch an Silvester schon angehabt hatte, ein paar pinke Turnschuhe. Sie passten absolut nicht dazu und sahen fürchterlich aus, aber Kian war glücklich, dass sie endlich mal wieder zu sich gefunden hatte und nicht mehr in den halsbrecherischen Highheels rumlief, wie sie es sonst tat, seit sie wieder zusammen waren. Norah blickte ihn grinsend an und küsste ihn liebevoll auf den Mund. "Ich liebe dich." sagte er dann zu ihr und nahm ihre Hand. "Ich liebe dich auch, Bärchen."

~*I need love, loves divine
Please forgive me now I see that I've been blind
Give me love, love is what I need to help me know my name*~

~*Ende*~