Once upon in time...

Prolog
Draußen fielen dicke Regentropfen vom Himmel, der sich grau über das ganze Land erstreckte. Eine Decke von dunklen Wolken zog daran entlang und ließ die Landschaft draußen genauso öde wirken, wie alles, was Yvonne, die auf dem harten, kalten und feuchten Steinboden des Kerkers saß, fühlte. Die ersten Regentropfen hatten sich bereits einen Weg durch das kleine Fenster oben in der Steinmauer gebahnt.
Yvonne fuhr sich mit der Hand durch die feuchten, kurzen Haare. Die Zeit, in der sie noch lang gewesen waren, war vorbei und Yvonne musste unweigerlich daran denken, wie es dazu gekommen war. Eine durchaus traurige Geschichte, wenn man bedachte, dass gleich am Anfang, als gerade mal der Plan, etwas anders zu machen, stand, jemand ankam und an ihr zweifelte. Es war Shane gewesen, der versucht hatte, sie davon abzuhalten, aber sie hatte nicht auf ihren besten Freund gehört. Er war immer so lieb zu ihr gewesen und jetzt, wo er sie brauchte, saß sie hier unten und konnte nichts tun, als abwarten. Und das alles, weil sie nicht auf ihn gehört hatte, weil sie gedachte hatte, es besser zu wissen. Sie wusste nicht, ob sie es richtig gemacht hatte und ob sie stolz darauf seine sollte, es wenigstens versucht zu haben... es war schief gegangen und vielleicht hatte Shane gewusst, dass ihr Plan von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen war. Und das alles wegen Kian, in den sie so unsterblich verliebt war, heimlich, obwohl er an allem Schuld war. Jedenfalls versuchte sie die ganze Zeit, sich das einzureden. Sie hatte angefangen, hatte Kian vielleicht mit hineingerissen... Denn es war etwas anderes, was sie zutiefst bedrückte. Für Yvonne war die Tatsache, dass Frauen tiefer gestellt waren als Männer schon schlimm genug, doch dass ausgerechnet ihre große Liebe ihr das zu spüren geben würde... Yvonne schüttelte den Kopf. Es hätte niemals soweit kommen dürfen. Ihre Gedanken schweiften zurück zu dem Tag, an dem alles angefangen hatte. Nur
Shane war eingeweiht gewesen und Yvonne wusste nicht, ob sie ihn dafür lieben oder verfluchen sollte, dass er bereit gewesen war, ihr zu helfen, als er es aufgegeben hatte, sie von ihrem Plan abzuhalten. Es war der letzte Turniertag gewesen und Shane hatte es geschafft, sie durch lauter Lügen und Stammbaumfälschungen in den Wettkampf zu bringen, um für den 1. LCK (1. Lanzenkampfclub Kaiserslautern e.V. 1243) zu kämpfen. Sie war durchgekommen,
bis zum letzten Kampf, hatte Ritter von ihren Pferden gestoßen und niemand hatte gemerkt, wer sich wirklich unter der Rüstung befand. Die letzte Nacht hatte sie kaum geschlafen, nachdem Shane am Abend gekommen war und ihr mitgeteilt hatte, wer im Finale gegen sie antreten würde: Lord Kian Egan.
Noch schlimmer war es am nächsten Morgen gewesen, als sie unter den Augen von Prinzessin Sylvia aufs Pferd gestiegen war. Hundertprozentig wusste sie nicht, wer sich unter der Rüstung versteckte, aber schon ihre Anwesenheit, wie sie hochnäsig auf ihren Platz zumarschierte und erniedrigend auf die unteren Ränge schaute, wo der Mittelstand seinen Platz hatte und hätte Yvonne nicht auf dem Pferd gesessen, dann hätte sie genau dort gestanden. Ihr gegenüber, etwa hundert Meter von ihr entfernt, stand Kian Egan, war
gerade auf sein Pferd aufgestiegen, als Brian McFadden und Marcus Feehily, seine zwei Knappen, auf ihn zukamen und ihn dazu aufforderten, sich zu ihnen hinunterzubeugen. Brian McFadden hatte seine Hände zu einer Muschel geformt und war damit an Kians Ohr gegangen. Yvonne hatte sie dabei beobachtet und gesehen, dass Kian einmal zu ihr hinüberblickte, nachdem Brian unauffällig mit dem Finger auf sie gezeigt hatte. Yvonne war unruhig im Sattel hin und her gerutscht, hatte dann aber keine Zeit mehr gehabt, sich groß Gedanken darüber zu machen, was Kian und sein Knappe miteinander geredet hatten. Sie
hatte sich noch einmal umgeblickt, doch als alles normal gewesen war, hatte sie sich auf ihren Start konzentriert. Ihr Pferd war noch einmal gestiegen, losgaloppiert und Yvonne war mit erhobener Lanze auf Kian zugeritten. Es waren seine blauen Augen, die Yvonne für gewöhnlich aus der Fassung gebracht hatten, wenn sie ihn auf Turnieren gesehen hatte. Sie hatte fest daran geglaubt, dass die Rüstungen sie vor jeglichen Tagträumen bewahren würden,
doch schon die Art, wie er sich bewegte, ließen sie heimlich schwärmen.
Und dann war alles ganz schnell gegangen. Sie hatte gezielt, wollte ihn treffen, seiner Lanze ausweichen, als diese senkrecht in die Höhe geschnellt war, die ihre ihn in die Brust traf und zurücktaumeln ließ. Holzsplitter waren durch die Luft geflogen, dann hatte man lautes Jubeln gehört, gemischt mit Buhrufen, die an Kian gingen. Er hatte die Lanze hochgenommnen, er hatte aufgegeben... "Er hat aufgegeben", kam es aus dem Publikum. "Er hat aufgegeben!"
Bei der Siegerehrung war es dann Sylvia gewesen, die alles kaputt gemacht hatte, obwohl Yvonne zugeben musste, dass Kians Stolz ein ganzes Stück dazu beigetragen hatte. Warum hatte er nicht einfach die Klappe gehalten? Sylvia hatte gefragt, warum er aufgegeben hätte und da hatte Kian es wohl nicht lassen können.
"Ich schlage keinen Frauen", hatte er geantwortet und zu ihr gewandt, doch trotzdem laut genug, dass alle es hören könnten: "Und nun würde ich euch gerne kennen lernen, MISS!"
Kennen lernen war nicht mehr möglich gewesen, doch Yvonne wusste nicht, ob sie das noch wollte. Es war völlig sinnlos, sich diese Frage zu stellen, denn sie hatte sich erledigt. Yvonne wusste, dass Kian längst wieder unterwegs war, irgendwo auf einem Lanzenkampf, auf denen er Männer vom Pferd schmeißen konnte. Yvonne ballte die Fäuste und blickte wieder nach draußen.
Es regnete immer noch. Und Shane? Yvonne wusste nicht, was er gerade tat. Vielleicht war er schon mit Nicholas in Irland. Yvonne vergaß den Regen und dachte für einen Moment an Irland, wo in ein paar Tagen die "Traumhochzeit“ des Jahres stattfinden sollte. Sicherlich hatte Nicholas es nie gewollt, aber aus den Zeiten, wo man verheiratet wurde, anstatt zu heiraten, war man leider immer noch nicht rausgekommen. Und Zeiten, in denen Männer ihre
anderen Liebesvorlieben völlig frei ausleben durften... Yvonne wollte nicht dran denken. Shane hatte es ihr erzählt, kurz bevor ihr diese dumme Idee gekommen war. Shane hatte von Nicholas erzählt, davon, dass er nicht länger nur Nicholas Knappe war... Yvonne hatte es hingenommen. Sie selbst war eine von den Personen, die versuchten, aus der verzwickten und völlig eingeengten Gesellschaft herauszukommen und akzeptierte es einfach so, wie es war.
Und jetzt? Shane war mit Nicholas in Irland, Nicholas sollte heiraten und ausgerechnet die Tochter des irisches Premierministers. Yvonne wusste nicht, wen von den beiden sie mehr bemitleiden sollte. Shane war schon hundemies dran, seine große Liebe zu verlieren, aber Nicholas erging es ja auch nicht besser. Georgina Ahern. Yvonne wurde schlecht, als sie auch nur an sie dachte. Nicholas war außer Kian immer der einzige Adlige gewesen, den Yvonne
mochte und jetzt das. Die Tatsache, dass Nicholas Sylvias Bruder war, war schon schlimm genug.
Die Regentropfen, die von draußen hereinkamen vermischten sich mit einem Schwall von Tränen, den Yvonne nicht zurückhalten konnte und einfach über ihre Wangen fließen ließ.
"Shane", flüsterte sie. "Es tut mir so leid!"

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Das Gewitter hatte sich bereits verzogen, als Yvonne das nächste Mal aufwachte. In ihren Tränen musste sie eingeschlummert sein und hatte geträumt... geträumt von Kian. Ausgerechnet Kian, der alles zerstört hatte. Yvonne hatte sich vorgenommen, nicht mehr an in zu denken, eine Mauer zu bauen, zwischen ihr und den Gedanken an Kian, doch diese Gedanken waren ein wenig zu stark und hatten längst ein Riss in die Mauer gerissen. Es waren bereits drei Tage vergangen, seit sie in diesem Loch gelandet war und Yvonne bekam langsam das Gefühl, die Tage nicht mehr lange mitzählen zu können. Das Zeitgefühl würde schwinden genau wie die Erinnerungen... Doch die Erinnerungen schwanden nicht. Denn noch an diesem dritten Tag kam etwas in den Kerker und Yvonne fragte sich, woher es kam. Durch das kleine Fenster oben in der Mauer war eine Taube geflogen gekommen, am Bein einen Zettel, einen Stift und sonst nichts. Yvonne wollte sich einreden, dass er von Shane kam, gab es jedoch gleich wieder auf, als sie den kleinen Zettel auseinandergerollt hatte und sich nichts darauf befand. Keine Nachricht, gar nichts. Shane hätte geschrieben, ihr Mut gemacht, vielleicht einfach was nettes gesagt, doch der Zettel war und blieb leer. Doch es war egal, von wem dieser Zettel stammte. Er war vielleicht der einzige Weg, das Schlimmste zu verhindern und das Schlimmste, was im Moment passieren konnte, war die Hochzeit von Nicholas und Georgina Ahern. Yvonne schnappte sich den Stift, kritzelte ein paar Zeilen auf das Pergament und rollte es wieder zusammen.
"Bring ihn einfach irgendwohin", flüsterte sie und schickte die Taube wieder fort. Jetzt hieß es abwarten und wenn es sein musste, dann bis in die Ewigkeit, um festzustellen, dass niemand ihre Nachricht erhalten hatte. Hätte sie zu diesem Zeitpunkt geahnt, wer sie befreien würde, dann hätte sie vielleicht überlegt, ob sie die Taube wirklich fortschicken sollte, doch nun war sie weg, vielleicht auf dem Weg zu ihrem Retter und vielleicht war es ja doch... Yvonne wies sich selbst zurecht, schob den Gedanken an Shane beiseite und sagte sich immer wieder, dass Irland viel zu weit weg war.
Yvonne hatte fast aufgegeben, an mutige Ritter auf Pferden, die kamen, um sie zu retten, zu glauben. Es war fünf mal dunkel geworden, fünf mal hatte die Dunkelheit sie eingeholt und alle Hoffnung mit sich genommen und an jedem Morgen, an dem Yvonne aus einer kalten und einsamen Nacht erwachte, wurde weniger davon zurück gebracht, bis es nur noch ein winzig kleines Fünkchen war, das drohte, vom eisigen Wind, der durch die Mauern fegte,
ausgeblasen zu werden. Wo war die Yvonne, die vor wenigen Tagen hoch zu Ross gegen Männer gekämpft hatte? Sie war durch die Mauerritzen entflohen und hatte eine Yvonne zurück gelassen, die dabei war, alles aufzugeben, alles hinzunehmen, wie es kam.
Doch das Fünkchen Hoffnung hielt sich, bis zu dem Moment, als es an einem Morgen heftig knallte und alles so schnell ging, dass Yvonne im ersten Moment nicht realisieren konnte, was geschah. Steine flogen durch die Luft, Staub wirbelte herum und Sonnenlicht drang durch die Dunkelheit. Yvonne rieb sich die Augen und blickte nach draußen, wo sie den Umriss des mutigen Ritters erkennen konnte. Es gab sie also doch noch. Wäre da nicht dieses freche Grinsen aufgetaucht, dass Yvonne entdeckte, als sie auf den Mann zurannte. Kian Egan. Yvonne stoppte. Kian stand da, grinste. Durchbohrte sie mit seinen blauen Augen und ließ ihre Knie mit jeder klitzekleinen Bewegung, die er machte, ein Stück mehr zittern. Yvonne geriet in Versuchung, in seine Arme zu rennen und konnte sich gerade noch zurückhalten, als eine Stimme in ihrem Unterbewusstsein sagte: "Und nun würde ich euch gerne kennen lernen, MISS!" Yvonne stoppte und starrte ihn an. Er war der letzte gewesen, den sie hier
erwartet hatte. Der allerletzte. Wer hatte denn dafür gesorgt, dass sie überhaupt hier gelandet war? Wer war denn dafür verantwortlich, dass... "Ich weiß, ich bin der letzte, den ihr hier erwartet hattet und mein kleiner Besuch kommt auch gewiss ein wenig überraschend, aber ich möchte nicht das Risiko eingehen, ebenfalls dort unten zu landen. Wenn ich euch darum bitten dürfte, mit mir zu kommen?"
Genauso musste es sein. Der mutige Ritter nahm sie mit, ritt mit ihr davon auf sein Schloss...
Yvonne schüttelte den Kopf. Sie wollte ihm nicht folgen und wenn sie ihn immer noch liebte. Wenn sie ehrlich zu sich war, dann war er ein arroganter Adliger, der es nicht nötig hatte, Leute aus Kerkern zu holen. "Ich? Euch folgen? Tut mir leid, euch das sagen zu müssen, doch wegen euch ist schon genug meiner kostbaren Zeit verloren gegangen und ich habe nicht
vor, sie weiterhin mit euch zu verschwenden." Kian grinste. "Und was habt ihr jetzt vor, wenn ich fragen darf?"
"Ihr dürft. Ich werde nach Irland gehen."
Kian fing laut an zu lachen.
"Nach Irland? Alleine?", fragte er ungläubig und fuhr sich durch die blonden Haare, die auf seine Stirn hingen. Yvonne verschränkte die Arme.
"Stellt euch vor, MISS geht alleine nach Irland. Wenn ihr mich jetzt entschuldigen würdet?"
"Oh nein", antwortete Kian und trat ihr in den Weg, als Yvonne an ihm vorbeilaufen wollte. "Ich werde euch durchaus nicht einfach gehen lassen. Euer Pferd steht dahinten, meines steht daneben und ich werde dafür sorgen, dass die beiden sich nicht weiter als fünf Meter von einander entfernen."
Warum tat er das? Warum hatte er sie aus dem Kerker geholt, warum hatte er ihr Pferd? Warum hatte sie verdammt noch mal das Gefühl, von ihm abhängig zu sein?
"Habt ihr euch jetzt überlegt, ob ihr mir folgen oder euch lieber wieder verhaften lassen möchtet?", unterbrach Kian ihre Überlegungen.
"Oh ja, das habe ich. Ich werde definitiv Drittes wählen und..."
"Hatte ich drei Lösungen erwähnt?"
"Hattet ihr nicht, aber das ist mir egal. Ich werde nach Irland gehen und zwar alleine. A-L-L-E-I-N-E. Ohne euch!"
Mutwillig machte Yvonne ein paar große Schritte zur Seite und lief an Kian vorbei. Sie hatte definitiv nicht vor, sich wieder einsperren zu lassen und ging sicheren Schrittes in die Richtung, die Kian ihr gedeutet hatte, als er von den Pferden gesprochen hatte. Sie musste sich zwingen, sich nicht noch einmal umzudrehen, denn das Hinterteil, an dem sie gerade vorbeigelaufen war, war einfach zu verlockend. Doch sie drehte sich nicht um, hörte nichts,
aber Kian war hinter ihr, weil es nicht zu seiner Art passte, einfach stehen zu bleiben und sie gehen zu lassen. Er hatte gesagt, er würde sie nicht gehen lassen und er würde alles daran setzen, ihre Abreise zu verhindern. Die Pferde standen unter einem Baum. Kian hatte sie nebeneinander angebunden und Yvonne stolzierte auf ihres zu. Renault blickte ihr schon mit großen Augen entgegen und schnaubte als er sie sah. Sicher setzte sie einen Fuß in den Steigbügel, ohne einmal in Kians Richtung zu schauen. Nichtsahnend, was Kian genau vorhatte, setzte sie ihr Pferd in Bewegung und ritt Richtung Nordwesten, die entgegengesetzte Richtung der Sonne, die so früh am Morgen noch gar nicht richtig zu sehen war. Auf den Wiesen lag noch der Tau, ein dünner Schleier von Nebel zog sich über den Boden und die Luft war noch kalt und klar. Es wäre wunderbar gewesen, wären da hinter ihr nicht Pferdehufe aufgetaucht, die immer näher kamen.
"Dafür werde ich euch umbringen, Egan", flüsterte Yvonne und fasste die Zügel in ihren Händen fester an, als Kian auch schon neben ihr auftauchte und wieder sein breites Grinsen aufsetzte. Yvonne stöhnte, was Kian einfach überhörte.
"Hatte ich erwähnt, dass ich euch nicht alleine gehen lasse?"
"Ja, dass hattet ihr, wenn ich mich recht erinnere, allerdings meine ich ebenfalls erwähnt zu haben, dass ich trotzdem alleine gehe."
Kian lachte wieder. "Tut mir leid Miss, doch ich werde euch jetzt an den Versen hängen und nicht von euch weichen. Nicht gerade eine atemberaubende und schöne Vorstellung doch wir werden uns mit den Begebenheiten zufrieden geben werden müssen."
"Wir müssen gar nichts. Reitet nach hause, dann bin ich euch los, ihr seid mich los und wir alle sind zufrieden."
"Oh, das würde ich zu gerne tun, doch das gehört nicht zur feinen Art, eine Frau einfach so alleine losreiten zu lassen und ganz rein zufällig bin ich in Irland auf einer Hochzeit eingeladen und..."
"Wie bitte?"
"Ich sagte, dass ich ganz rein zufällig auf einer Hochzeit in Irland eingeladen bin. Also würdet ihr jetzt bitte so freundlich sein und meine Gegenwart akzeptieren?"
"Nein!"
"Habt ihr eigentlich immer das letzte Wort?"
"Wenn ich mit so arroganten Arschlöchern wie euch rede, dann ja."
Kian stöhnte und war gleichzeitig zutiefst empört über die Redensarten dieser Frau. Still ritt er hinter ihr her. Yvonne schnaubte. Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Sie blickte
ihn von der Seite aus an und musste feststellen, dass sie selbst nicht wusste was sie von Kian denken sollte. Wie konnte man nur so unverschämt gut aussehen? Seine Haare wippten bei jedem Schritt, den das Pferd machte, seine Muskeln zeichneten sich deutlich unter seinem Hemd ab und die blauen Augen blickten sich suchend in der Gegend um.
"Sucht ihr etwas?", fragte Yvonne und blieb auch gleich stehen, um dem Geräusch zu lauschen, das in weiter Ferne irgendwo zwischen den Bäumen aufgetaucht war. Pferde.
Kian blieb ebenfalls stehen, wartete geduldig ab und blickte in die Richtung aus der das immer lauter werdende Hufgetrappel kam.
"Wer zum Teufel ist das?", fragte Yvonne, die das dumme Gefühl hatte, dass Kian genau wusste, wer da angeritten kam. Kian antwortete nicht, sondern fuhr sich wieder durch die Haare. Yvonne ertappte sich dabei, wie sie ihm heimlich dabei zuschaute und wieder einmal
merkte, wie gut er aussah. Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als die Haselnusssträucher am Rande des Weges auseinander gerissen wurden und zwei Männer auf ihren Pferden aus
dem Wald kamen. Yvonne erkannte sie sofort und musste bei ihrem Anblick wieder an das Turnier zurückdenken. Es waren Brian McFadden und Marcus Feehily, Kians Knappen. Yvonne wollte etwas sagen, wurde jedoch von Brian, der wohl nicht so viel von der feinen Art hielt, unterbrochen:
"Ich kann nicht glauben, dass du das wirklich getan hast, Egan." Yvonne seufzte.
Aufgrund der Tatsache, dass Brian Kian duzte, schienen Brian und Marcus nicht nur Kians Knappen, sondern auch seine besten Freunde zu sein und Yvonne hätte gerne auf ihre Gesellschaft verzichtet. Schon allein aus dem Grund, dass Brian und Marcus sie verraten hatten, wollte sie die beiden nicht den ganzen Tag um sich haben.
"Natürlich habe ich das getan. Aber ist das etwa die Art eine Lady zu begrüßen?", entgegnete Kian. Daraufhin kam Brian, der mittlerweile von seinem Pferd gestiegen war auf sie zu und sagte: "Guten Tag, Miss, wie darf ich euch doch gleich nennen, Keating?"
Er betonte das Miss ganz besonders und machte eine völlig übertriebene Verbeugung. Yvonne erwiderte: "Ganz genau. Miss Keating. Aber ich denke, ihr werdet gar nicht mehr oft dazu kommen mit mir zu sprechen, da ich mich schon auf dem Weg zu einer Hochzeit in Irland befinde. Mister Egan wollte mich nur noch ein Stück des Weges begleiten und dann werde ich alleine weiterreisen."
Während sie den letzten Satz sprach, warf sie Kian ein überlegenes Grinsen zu. Bevor der etwas erwidern konnte, meldete sich Marcus zu Wort: "Was für ein Zufall, genau da möchten wir auch hin, da könnten wir euch doch unmöglich alleine reisen lassen."
"Oh mein Gott", dachte Yvonne. "Den ganzen Weg bis nach Irland mit den Kerlen, die sich wahrscheinlich durchgehend über sie lustig machen würden?"
"Ich bevorzuge es, allein zu reisen, ohne die Begleitung von so reizenden Herren", entgegnete sie scharf. Es gab da nur noch ein kleines Problem. Sie hatte kein Geld, wovon also sollte sie die ganze Zeit über leben? Vielleicht sollte sie doch mit Kian reiten? Yvonne verwarf den Gedanken wieder, wenn sie das täte wäre sie ja schon wieder von ihm abhängig und musste
Dankbarkeit zeigen. Kian schien Gedanken lesen zu können, als er sagte: "Das ist also eure Dankbarkeit dafür, dass ich sie aus dem Kerker geholt habe?"
"Das ist meine Dankbarkeit dafür, dass ihr mich überhaupt in den Kerker gebracht habt!", konterte sie.
Eine Weile blieb es still, bis Kian schließlich sagte: "Gut, das ist also ihr letztes Wort. Ihr möchtet alleine reisen." Er machte eine Pause. Insgeheim hoffte Yvonne, dass er sie nicht wirklich alleine gehen lassen würde. So sehr sie ihn jetzt hasste, so sehr liebte sie ihn doch auch. Sie schaute zu ihm, seine blauen Augen glitzerten vor Zorn und er schien innerlich zu beben und atmete so tief ein, dass sein Hemd zu platzen schien. Er wollte seine Wut unterdrücken und sprach weiter: "Das werde ich nicht zu lassen. Ich werde euch nicht alleine nach Irland reisen lassen! Und wenn ich den ganzen Weg bis zu eurem Ziel hinter euch her reite und kein einziges Wort mit euch spreche!"
Yvonne atmete auf. Er würde doch mitkommen. Sie durfte jetzt nur nicht zeigen wie erleichtert sie war, dass Kian mitkommen würde. Yvonne wollte gerade losreiten, hielt jedoch einen Moment inne und sagte noch, so kühl und trocken wie es ging: "Tut, was ihr nicht lassen könnt, doch ich komme auch sehr gut alleine zurecht. Yvonne trieb ihr Pferd an und
ritt weiter des Weges, ohne den drei Männern auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen. Das einzige, was sie von ihnen wahrnahm, waren die Geräusche, die die Pferde ab und zu von sich gaben, sonst nichts. Sie waren heute wohl nicht sonderlich gesprächig oder zu dummen Witzen aufgelegt. Unglaublich, dass man so was den ganzen Tag mitmachte, doch Yvonne merkte erst am Abend, dass sie tatsächlich stundenlang stillschweigend hintereinander hergeritten waren. Der hellblaue Himmel färbte sich in eine dunkles, klares blau und als die ersten Sterne zu sehen waren, musste Yvonne sich eingestehen, dass es keinen Sinn mehr machte, weiterzureiten. Sie musste sich einen Platz zum Übernachten suchen. Einen Platz zu finden erwies sich nicht als sonderlich schwierig. Schnell fand Yvonne eine Lichtung, auf
der genug Platz war, um vier Personen und vier Pferde unterzubringen, denn Yvonne war sich sicher, dass Kian, Brian und Marcus sich auf keinen Fall dazu überreden lassen würden, weiterzureiten. Die drei kamen wenige Sekunden später auf der Lichtung an und stiegen sofort von ihren Pferden. Yvonne machte sich hinten am Sattel vom ihrem Pferd zu schaffen. Noch immer war ihr unerklärlich, wie Kian an ihr bepacktes Pferd gekommen war, aber eine Decke von Kian war immer noch besser, als zu frieren. Yvonne konnte sich zwar schon denken, dass Kian wieder die Bemerkung fallen lassen würde, dass die Decke von IHM war, doch die Dankbarkeit, die er sich wünschte, würde er auf keinen Fall bekommen, so viel stand fest. Sie merkte, dass sie einen Moment in der Dunkelheit verharrt hatte, um über Kian nachzudenken und als sie wieder in die Realität zurückkehrte, merkte sie, dass Kian ihr dabei
zugeschaut hatte. Schnell schnappte sie sich ihre Decke und suchte sich einen Platz auf dem Boden, um sich hinzulegen. Yvonne hatte sich gewünscht, dass Kian sich irgendwo ein paar Meter entfernt von ihr hinlegen würde, weil sie das Gefühl hatte, seine Nähe einfach nicht länger ertragen zu können. Doch Kian hatte gar nicht vor, es überhaupt bei der Dunkelheit, die Yvonne davor beschützt hatte, nicht dauernd zu ihm rüberzuschielen, zu belassen.
Ohne dass Yvonne es bemerkt hatte, waren Brian und Marcus zwischen den Bäumen verschwunden, um Holz zu suchen. Nur wenige Minuten später kamen sie mit dicken Ästen bewaffnet wieder und häuften es in der Mitte der Lichtung auf.
"Bitte nicht", betete Yvonne, die Kian heute nicht mehr in die Augen schauen wollte. Doch es half alles nichts. Kurze Zeit später hatte Brian das Holz zum Brennen gebracht und es wurde ein wenig hell auf der Lichtung. Yvonne sah Kian dabei zu, wie er auf dem Boden vor dem Feuer hockte und fragte sich, warum er das alles überhaupt tat. Warum ritt er den Weg bis
nach Irland und schlief irgendwo im Wald auf dem Boden? Yvonne konnte sich Kian sehr gut vorstellen, wie er sich in eine Kutsche setzte, sich nach Irland kutschieren ließ und zwischendurch in einem Gasthaus übernachtete. Aber nein, er hatte sich sein Pferd genommen und war hinter ihr hergeritten und Yvonne konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass er das alles tat, weil er sie nicht alleine gehen lassen wollte. Er konnte jede haben.
Yvonne blickte schnell in die Flammen, als Kian zu ihr herüberblickte.
"Warum setzt ihr euch nicht zu uns?", fragte er und deutete auf den Platz neben sich. Yvonne wollte nicht, musste sich jedoch eingestehen, dass sie langsam eine Gänsehaut bekam und sich nichts sehnlicher wünschte, als vor einem Feuer zu sitzen. Sie zögerte einen Moment, stand dann aber doch auf und setzte sich ans Feuer, bedacht darauf, dass sie sich bloß nicht zu nah an Kian heransetzte. Wie gerne hätte sie sich neben ihn gesetzt, wollte es aber auf keinen Fall soweit kommen lassen, dass sie tat, worum er sie bat. Kian störte sich nicht daran, sondern dachte an etwas ganz anderes. Er hatte nicht nur dran gedacht, Decken auf die Pferde zu packen, nein, er hatte sogar alles, was man sonst noch zum Überleben brauchte. Marcus war aufgestanden, weil sein Magen sich zu Wort gemeldet hatte und zu allem Übel musste Yvonne auch noch feststellen, dass sie ebenfalls Hunger hatte, als Marcus zurückkam. Doch diesmal hatte sie mehr Glück. Sie musste nicht warten, bis es Kian war, der ihr was anbot, nein, diesmal war es Marcus, der ihr mal half und Yvonne musste zugeben, dass sie Marcus mochte. Mit Marcus zu reden war um einiges erträglicher, als sich mit Kian zu streiten.
Marcus setzte sich neben sie, was Kian mit einem unidentifizierbaren Blick quittierte. Yvonne achtete nicht mehr auf ihn, blickte in die Flammen und hörte zu, wenn Marcus ab und zu mal was sagte. Gott sei Dank gab es irgendwann keine Flammen mehr, in die man schauen
konnte und auch keine Flammen mehr, die dazu beitrugen, dass man die ganze Zeit in Versuchung geriet, Kian anzuschauen. Das kleine Feuer verwandelte sich langsam in eine Glut und es wurde wieder dunkel. Yvonne musste gähnen, stand schweigend auf und legte sich wieder auf ihren Platz. Sie hörte noch, wie die anderen ebenfalls aufstanden, dann wandte sie sich dem Himmel zu, der so klar war, dass man jeden einzelnen Stern wie einen Diamanten blinken sehen konnte. Und irgendwo zwischen den Sternen fegte für den Bruchteil
einer Sekunde eine Sternschnuppe über den Himmel. Yvonne sah ihr nach, überlegte, was sie sich wünschen sollte, doch sie wusste es nicht. Es gab so viel, was geändert werden musste, zu viele Sachen, die Yvonne gerne wahr gemacht hätte und als sie gerade das Gefühl bekam, gleich zu wissen, was sie sich wünschte, bewegte sich etwas neben ihr.
"Habt ihr sie auch gesehen?", fragte eine Stimme, die Yvonne eindeutig Marcus zuordnen konnte. Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte und starrte weiterhin in den Himmel. Sie hörte Marcus tiefe Atemzüge neben sich, wie er langsam ein und aus atmete und Yvonne nicht wusste, was sie denken sollte. Ihre Gefühle wurden von einem Tag auf den anderen von
irgendwelchen drei Männern, mit denen sie nie ein Wort gewechselt, sondern sie immer nur von fern beobachtet hatte, durcheinander gewürfelt und ließen sich nicht wieder ordnen. Yvonne schloss die Augen und öffnete sie erst am nächsten Morgen wieder, als die ersten Sonnenstrahlen sich einen Weg durch die Bäume suchten und ihr direkt ins Gesicht schienen. Yvonne erinnerte sich sofort an den letzten Abend und blickte neben sich. Doch der Platz neben ihr war leer. Nur ein paar plattgelegene Grashalme verrieten, dass Marcus tatsächlich neben ihr geschlafen hatte, doch er war nicht mehr da. Yvonne blickte sich auf der Lichtung um und konnte nur Brian erkennen, der hinten im Gras saß und ein Blatt Pergament vor sich liegen hatte. Ein wenig traurig blickte er darauf und schrieb zwischendurch wieder ein paar Worte. Sonst war niemand zu sehen.
"Wo sind Mr. Egan und Marcus?"
Brian blickte auf und sah sie erstaunt an.
"Mr. Egan und Marcus?" Yvonne nickte und hielt dann inne.
"Äh... ich meine natürlich Mr. Feehily!"
Brian lächelte. Ihm war wohl nicht entgangen, was da letzte Nacht passiert war und machte sich sicherlich auch seine Gedanken. Trotzdem antwortete er: "Die sind jagen!"
"Jagen?", fragte Yvonne erstaunt, die sich nicht vorstellen konnte, dass Kian diese Arbeit selbst erledigte.
"Ja, jagen. Stellt euch vor, Kian geht selbst jagen."
Konnte er Gedanken lesen? Noch besser. Und was machte er da, während die anderen 'jagen' waren?
"Und ihr?", sprach Yvonne ihre Gedanken laut aus und schaute weiter zu Brian, der sich gerade wieder über sein Papier beugen wollte. Brian erschrak und nahm das Papier ein Stück hoch, als könne Yvonne von oben darauf blicken.
"Ich?", fragte Brian unsicher. "Gar nichts."
Yvonne stellte fest, dass sie ihn nie so verlegen gesehen hatte und blickte ihn ernst an.
"Ihr wollt mir nicht erzählen, dass ihr da gar nichts macht."
Brian wollte ihren Blicken ausweichen, schaffte es aber scheinbar nicht und die beiden schauten sich eine Weile stumm in die Augen. Yvonne wollte in seinem Gesicht lesen, was er verstecken wollte, doch plötzlich schaffte Brian es unheimlich gut, seine Gefühle geheim zu halten und Yvonne fragte noch einmal: "Was schreibt ihr?" Yvonne setzte eine bittenden Blick auf, der sagte, dass sie sich im Moment nichts sehnlicher wünschte, als dass Brian ihr verriet, was er da tat. Brian schien diesem Blick weder ausweichen noch standhalten zu können und sagte etwas traurig: "Es ist ein Brief."
"An wen?"
Als Brian merkte, dass Yvonne nicht locker lassen wollte, war er wohl bereit, ihr sein Herz auszuschütten.
"An Kerry", sagte er, wendete dann seinen Blick ab und schaute in die Ferne. Yvonne konnte erkennen, dass er nah dran war, Tränen zu vergießen, was sie bei einem Mann erst einmal erlebt hatte und damals war es Shane gewesen, als er von Nicholas erzählt hatte. Da hatte also jemand Brians Herz erobert.
"Wo ist sie?", fragte Yvonne.
"Zu hause?"
"Warum ist sie nicht bei euch, oder hab ich das nicht richtig verstanden, wenn ich denke, dass sie eure große Liebe ist?"
Brian schwieg wieder einen Moment und dann weinte er tatsächlich, was Yvonne als ein "Ja" annahm. Brian brauchte eine Weile, dann fing er an zu erzählen:
"Wir kennen uns noch nicht lange, aber ich bin mir sicher, dass sie die Frau ist, mit der ich auf ewig zusammen sein möchte."
"Wo ist das Problem?", fragte Yvonne, die nicht verstehen konnte, warum Brian so traurig war. Er würde bald wieder zu hause sein und...Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Brian ihre Frage beantwortete:
"Wisst ihr, sie kommt nicht gerade aus einer reichen Familie. Mit anderen Worten, sie..."
"Ich komme auch nicht aus einer reichen Familie... und?"
"Das meine ich nicht", antwortete Brian. "Habt ihr als kleines Kind eure Eltern verloren? Habt ihr jemals auf der Straße gesessen? Habt ihr..."
Yvonne nickte. Sie verstand sehr wohl, was Brian meinte. Trotzdem konnte sie sein Problem noch immer nicht verstehen.
"Das hat doch nichts mit der Liebe zu tun!"
Brian schüttelte den Kopf. "Ich liebe sie über alles, nur das Problem ist, dass es keiner weiß und..."
"Mr. Egan?"
Yvonne konnte sich denken, warum Brian nichts von seiner Liebe erzählt hatte und Brian bejahte ihre Frage mit einem Nicken. Yvonne spürte, wie Wut in ihr aufkam, gemischt mit ein wenig Mitleid für Brian. Sie hatte genug Erfahrung damit gemacht, wie es war, seine Liebesgefühle den ganzen Tag verstecken zu müssen, auch wenn sie im Moment gar nicht wusste wen, oder ob sie überhaupt jemanden liebte.
"Und es weiß wirklich niemand?"
Brian lächelte wieder.
"Doch. Kerry, ich und ihr."
"Warum habt ihr es mir erzählt? Ich könnte es Mr. Egan erzählen!"
"Das würdet ihr nicht tun!"
"Und wieso nicht?"
"Weil ihr ihm damit einen Gefallen tun würdet und das ist im Moment das Letzte, was ihr wollt!"
Yvonne wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Brian hatte sie einfach durchschaut. Er schaute sie noch einmal an.
"Ihr würdet es also Kian erzählen, wenn ihr ihn mögen würdet?"
Yvonne schüttelte den Kopf.
"Ich denke, dass ich das Vertrauen anderer Leute nicht einfach so ausnutzen würde!"
Damit beendete Yvonne das Gespräch, erntete noch ein letztes dankbares Lächeln von Brian und sah ihm dabei zu, wie er sich wieder seinem Brief zuwandte. Es war mal wieder die verdammte Gesellschaft, die wohl einfach nicht zulassen wollte, dass man sich liebte. Shane, Brian...Yvonne wollte gerade wieder in Gedanken versinken, als sie Papier rascheln hörte. Sie schaute auf und sah, wie Brian eilig den Brief einsteckte. Und als die Hufe hörte, wusste sie auch, warum. Kian. Wenige Sekunden später kamen die zwei Pferde von Marcus und Kian aus dem Wald und machten eine Vollbremsung auf der Lichtung. Yvonne würdigte Kian
keines Blickes, sondern begrüßte Marcus mit einem Nicken. Dieser stieg vom Pferd, in der Hand einen Hasen, den die beiden erwischt hatten. Brian warf Yvonne noch ein paar vielsagende Blicke zu, die Kian jedoch nicht bemerkte.
Am Nachmittag waren sie wieder ein ganzes Stück weit gekommen. Yvonne war die ganze Zeit neben Brian hergeritten, weil sie am Morgen festgestellt hatte, dass sie ihn mochte. Nicht mehr. Er war einfach nur nett und Yvonne nahm sich vor, ihm bei der nächsten Gelegenheit ein wenig mehr von sich und vielleicht auch ihrer Liebe zu Kian zu erzählen. Doch so schnell, wie Yvonne es sich erhofft hatte bot sich diese Gelegenheit nicht. Sie ritten einige Tage, ohne das Yvonne auch nur ahnen konnte, wo in etwa sie sich befanden. Tagelang war es immer das Gleiche gewesen. Brian hatte es nicht gewagt, seinen Brief noch einmal auszupacken, ein Wörtchen über Kerry zu verlieren oder sich zu viele Gedanken zu machen. Kian und Yvonne hatten kein Wort miteinander geredet und Yvonne merkte, dass sie Marcus immer mehr mochte. Was sie auch tat, er brachte sie zum Lachen, was in Kians Gegenwart wahrlich nicht einfach war. Er sah immer noch unverschämt gut aus, trieb Yvonne in die Verzweiflung, wenn er sich durch die Haare fuhr und sie mit seinen blauen Augen durchbohrte und gab sich Mühe, die Nase möglichst hoch zu tragen, was ihm erstaunlich gut gelang, selbst, wenn er auf den Boden blickte. Erst als sie am Meer ankamen wusste Yvonne das sie per Schiff weiterreisen würden. Erst nach England, dann nach Irland. Kian hatte aber nicht vor, das nächste Schiff zu nehmen. Er wollte eine Nacht in dem Örtchen an der Küste bleiben und in dieser Zeit in einem Gasthaus wohnen, um sich auszuruhen. Yvonne hatte ein kleines Zimmer für sich. Wenn sie aus dem Fenster schaute, konnte sie direkt in den Hof gucken, wo die Pferde standen. Neben ihrem Zimmer befand sich das von Kian, Marcus und Brian teilten sich ein Zimmer. Yvonne bekam wieder Hoffnung, hier noch einmal mit Brian reden zu können, bevor sie nach England übersetzen würden. Außerdem würde es ihr sicherlich gut tun, endlich mal wieder in einem richtigen Bett zu schlafen. Am Abend bekam sie Hunger und machte sich auf den Weg nach unten. Dort fand sie Brian, der alleine, mit einem großem Bier vor sich, an einem Tisch nahe dem Kamin saß. Ein Feuer flackerte und es war nicht viel los. Das war die Gelegenheit.
"Darf ich mich zu euch setzten?", fragte sie.
"Natürlich, setzt euch nur. Habt ihr schon etwas gegessen?", entgegnete er mit einem Lächeln.
"Nein, ich hatte Hunger bekommen, deshalb bin ich runter gegangen. Wo sind denn Mr. Egan und Marcus?" Brian blickte in die Flammen und zuckte mit den Schultern.
"Sie haben gegessen und sind dann gegangen. Ich denke Kian ist auf sein Zimmer gegangen, um sich auszuruhen, weil wir morgen früh das nächstbeste Schiff nehmen werden, um nach England zu kommen."
"Morgen?", fragte Yvonne, die sich schon Sorgen gemacht hatte, nicht mehr rechtzeitig anzukommen. Kian schien es nicht gerade eilig zu haben.
"Marcus ist draußen", fuhr Brian fort. "Ich weiß nicht, was er tut. Vielleicht frische Luft schnappen."
Yvonne nickte. Kian würde sich also nicht mehr blicken lassen. Sie atmete auf, was Brian nicht entging. Er schaute sie fragend an und wartete auf eine Antwort.
"Was?", fragte Yvonne, die nicht ganz verstand, was Brian wollte.
"Ich habe längst bemerkt, dass ihr Kian nicht mögt, aber ihr schient ihn ja regelrecht zu hassen!"
Yvonne musste unweigerlich seufzen. Sie wusste immer noch nicht, was sie von Kian denken sollte. Um ihre Gedanken zu ordnen, fasste sie das ganze zusammen: Er war ein arrogantes, unheimlich gutaussehendes Arschloch.
"Riesen Depp der Typ", sagte sie trocken.
"Mehr nicht?"
Yvonne fühlte sich ausgefragt, musste sich jedoch eingestehen, dass Brian die Wahrheit verdient hatte. Er konnte sich wahrscheinlich sowieso seinen Teil denken. Trotzdem musste sie wissen, worauf er anspielte.
"Was meint ihr?"
Brian lachte.
"Ich meine, dass ich nicht verstehen kann, wie man jemanden, den man abgrundtief hasst, den ganzen Tag anstarren kann."
"Anstarren?"
"Ich denke, so könnte man es nennen, wenn man den Mund nicht mehr zubekommt, die ganze Zeit in eine Richtung guckt und so aussieht, als würde man gleich umfallen."
Er hatte Recht, er hatte ja so Recht. Brians Augen waren im Gegensatz zu Yvonnes anscheinend überall und nicht nur bei Kian gewesen. Brian wartete immer noch und Yvonne konnte nicht anders, als ihm alles zu erzählen.
"Kian sieht verdammt gut aus", fing sie zögernd an. Brian nickte. "Seine Haare, seine Augen, sein Körper..."
Yvonne merkte, wie sie ins Schwärmen geriet, schaffte es aber, sich selbst zu stoppen. "Andererseits, ist er ein arrogantes Arschloch", sprach sie ihre Gedanken von eben laut aus. Brian lachte ein weiteres Mal.
"Wunderbar!"
Er nahm den letzten Schluck von seinem Bier und erhob sich.
"Wollt ihr noch was sagen, oder kann ich schlafen gehen?"
"Ich denke, dass wir uns inzwischen doch so nah gekommen sind, dass wir uns duzen könnten!"
Brian lachte. "Okay, sonst noch was?"
"Tu mir einen Gefallen, sag Kian bloß nicht, dass ich ihn liebe!"
Jetzt war es raus. Yvonnes Gefühle waren durcheinander gewesen, aber jedes Mal, wenn sie Kian sah, dann war es vorbei. Ein eindeutiger Beweis dafür, dass ihre Gefühle zu diesem Mann nicht ganz ohne waren. Brian hatte seinen Augen kurz aufgerissen, hatte sich dann aber beherrscht, Yvonne eine gute Nacht gewünscht und war mit einem Lächeln auf den Lippen aus dem Raum gegangen. Er würde kein Wort über das Gespräch verlieren, dessen war Yvonne sich sicher, stand ebenfalls auf und ging aus dem Raum. Sie sah Brian noch, wie er die letzten Stufen der Treppe nahm, folgte ihm jedoch nicht. Marcus Idee, frische Luft zu schnappen, war wirklich nicht schlecht und so verließ Yvonne das Haus durch die Vordertür und trat hinaus in die Dunkelheit. Die Nacht war klar und Yvonne atmete ein paar Mal tief ein und wieder aus, bevor sie ein paar Schritte ging und sich entspannte. Es war eine wunderschöne Nacht und Yvonne konnte nicht glauben, dass sie wirklich auf dem Weg nach
Irland war. Sie würde Shane wiedersehen und vielleicht war ja wenigstens an seinem Glück noch was zu retten. Und Brian? Yvonne konnte ihn verstehen, wusste aber nicht, wie sie ihm helfen sollte. Sie hoffte inständig, dass sich alles regeln würde, sobald sie wieder zu hause waren. Yvonne hatte nicht bemerkt, dass hinter ihr Schritte aufgetaucht waren und so erschrak
sie sich heftig, als sie plötzlich eine Hand auf der Schulter spürte.
"Marcus!", rief sie, nachdem sie sich umgedreht und sein Gesicht erkannt hatte.
"Yvonne", antwortete er und nahm seine Hand wieder runter.
"Was macht ihr hier?"
"Das gleiche könnte ich euch fragen."
Marcus lächelte. Es war dunkel, aber Yvonne sah es und konnte nicht anders, als zurücklächeln.
"Ich dachte, ihr wärt längst im Bett", sagte Marcus.
Yvonne schüttelte den Kopf und merkte, wie sie eine Gänsehaut bekam. Draußen war es reichlich kühl und sie war dünn angezogen. Marcus nahm sie in den Arm und Yvonne konnte nicht leugnen, dass sie sich wohl fühlte. Sie legte ihren Kopf auf seine Brust und schlang ihre Arme um seinen Hals, während sich seine langsam einen Weg um ihre Hüfte suchten. Yvonne spürte, wie ihr die Tränen kamen und wusste nicht, wieso. Irgendjemand hatte ihr den Kopf
verdreht und sie konnte nicht einmal sagen, wer es gewesen war. Sie merkte es nicht einmal, als Marcus sie ein wenig losließ und mitnahm. Sie gingen ein Stück, bis Yvonne es glitzern sah. Sie waren am Meer, die Sterne glitzerten am Himmel und ohne ein Wort zu sagen drückte Marcus sie runter auf den Boden und setzte sich zu ihr. Yvonne blickte hinaus aufs Meer, sehnsüchtig nach irgendetwas, das endlich eine Antwort auf all die Fragen geben würde. Marcus legte einen Arm um ihre Schultern und sie legte ihren Kopf in seinen
Arm. Schweigend saßen sie am Meer, während unten kleine Wellen ans Ufer schlugen. Es dauerte nicht lange, dann konnten Marcus und Yvonne es nicht mehr bei den Blicken aufs Meer belassen. In dem Moment, als Marcus seinem Arm noch ein wenig enger um sie schlang, blickten sich beide in die Augen. Yvonne wollte etwas sagen, brachte es jedoch eine Weile nicht fertig, sondern schaute nur in seine Augen, die so liebevoll auf sie hinabblickten.
Und als die Worte endlich bereit waren, über ihre Lippen zu kommen, das legte Marcus seinen Zeigefinger auf ihren Mund und machte "Sh." Yvonne wollte nichts mehr sagen, als er den Zeigefinger wieder runterließ. Sie konnte sich nicht erklären, was sie plötzlich empfand, doch Marcus musste das gleiche gedacht haben. Yvonne wehrte sich nicht, als er seine
Hand unter ihr Kinn schob und seine Lippen auf ihre drückte. Yvonne schloss die Augen, legte sich in seinen Arm und gab sich ganz seinen Küssen hin, die ihr versprachen, dass alles gut werden würde und das es irgendwo eine Antwort auf alle ihre Fragen geben würde.
Yvonne wachte am nächsten Morgen auf, als es an ihrer Zimmertür klopfte. Langsam öffnete sie ihre Augen, ließ es einfach klopfen und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Sie konnte sich gut an das erinnern, was letzte Nacht unten am Wasser passiert war, doch war ihr unerklärlich, wie sie auf ihr Zimmer gekommen war. Sie konnte sich nicht erinnern, selbst gelaufen zu sein. Es klopfte noch einmal, als Yvonne gerade versuchte, den Abend Revue
passieren zu lassen. Gleichzeitig mit dem Klopfen ertönte eine laute, männliche Stimme.
"Miss Keating, wir müssen uns bald auf den Weg machen."
Kian.
Yvonne stöhnte, als sie seine Stimme erkannte. Er kam immer in den schönsten Moment und brachte es jedes Mal auf seine ganz eigenen Art und Weise fertig, sie zu zerstören. Yvonne antwortete ihm mit einem genauso lauten "Ja" und hörte, wie er wieder verschwand. Sie setzte sich im Bett auf und blickte nach draußen. Das Wetter war schön, doch Yvonne sah, wie sich hinten am Horizont große, graue Wolken auftürmten, die ganz und gar nicht vertrauenserweckend aussahen. Trotz alledem mussten sie sich auf den Weg machen und Yvonne beeilte sich, sich etwas anzuziehen, um runter zum Frühstück zu gehen. Dort traf sie wie erwartet auf Kian, Marcus und Brian, die an einem Tisch saßen und sich angeregt unterhielten. Marcus war der erste, der sie bemerkte und blickte zur Tür. Yvonne ging auf den Tisch zu und ließ sich neben Kian, neben dem sich der noch einzig freie Platz befand,
nieder. Stumm verschlang sie ihr Frühstück, da sie wirklich keine Lust hatte, ein Gespräch mit Kian anzufangen, was ihr vortrefflich gelang. Als sie fertig war, schob sie ihren Teller weg, stand auf und verließ den Raum. Sie ging sofort nach draußen, wo die Pferde auf dem Hof angebunden waren. Schade, dass sie nicht die Möglichkeit gehabt hatte, mit Marcus zu sprechen. Sie wusste nicht, wie Kian reagieren würde, aber er musste nicht alles
wissen. Yvonne packte alles auf ihr Pferd und wartete auf die anderen, die wenige
Minuten später auf den Hof kamen und sich zur Abreise bereit machten. Unten am Meer hatte das Schiff bereits angelegt. Yvonne machte sich angesichts des Sturmes, der sich auf dem Meer zusammenbraute ein wenig Sorgen, doch sie verflogen schnell, als Marcus ihr von hinten auf die Schulter klopfte und sagte: "Na los!"
Auf dem Schiff war genug Platz für die Pferde. So früh am Morgen hatte wohl sonst niemand vor, nach England überzusetzen. Yvonne bekam ihre eigene Kajüte, schmiss jedoch nur ihre Sachen aufs Bett, um wieder nach oben zu gehen. Noch schien die Sonne, die bunten Fahnen des Schiffes wehten im Wind und kleine Wellen schlugen an den Bug. Es dauerte nicht lange, dann setzte sich das Schiff Bewegung und Yvonne stand alleine auf dem Deck und blickte zurück. Marcus, Kian und Brian standen auf der anderen Seite und schauten zu, wie der Landstreifen immer schmaler wurde. Erst, als er kaum noch zu sehen war, entschloss Yvonne sich, runter in ihre Kajüte zu gehen. Dort blieb sie nicht lange alleine. Nur wenige Minuten, nachdem sie sich auf ihr Bett gesetzt hatte, klopfte es an der Tür und bevor Yvonne "Herein" rufen konnte, öffnete sich die Tür. Erschrocken schaute Yvonne auf und blickte in
die Augen von Brian. Wieder einmal konnte sie es nicht lassen, laut aufzuatmen. Brian überhörte es diesmal, weil er sich wohl schon denken konnte, was sie damit meinte.
"Brian", begrüßte sie ihn dann und deutete neben sich aufs Bett. Brian setzte sich und kam sofort zum Punkt: "Du liebst Kian?"
"Brian, wie kommst du jetzt darauf?" Yvonne konnte nicht verstehen, warum er am letzten Abend mit einem Lächeln aus dem Raum gegangen war, nichts dazu gesagt hatte und jetzt einfach hereinkam und wieder damit anfing.
"Ich habe letzte Nacht darüber nachgedacht und verstehe dich einfach nicht." Yvonne stöhnte. Sie verstand sich selber nicht und jetzt erwartete Brian eine Erklärung. Sie zuckte mit den Schultern.
"Ich weiß es selbst nicht, aber ich denke schon, dass man es verliebt sein nennen kann, wenn ich dauernd so ein komisches Gefühl bekomme, wenn ich ihn sehe. Ich weiß nicht, wieso, aber ich kann dagegen nichts tun. Dabei würde ich ihm am liebsten manchmal eine reinhauen."
"Kann ich mich dann auf die Szene freuen, in der ihr euch küsst und du ihm dabei eine runterhaust?"
"Brian", schrie Yvonne, als er anfing zu lachen. "Das ist nicht lustig. Ich weiß nicht, was ich machen soll."
"Entschuldigung", sagte Brian ein wenig verlegen. "Ist halt ein wenig schwierig, die Situation. Da ist ja auch noch Marcus..."
Yvonne erschrak und riss die Augen auf.
"Was meinst du damit schon wieder?"
Sie war verzweifelt. Brian würde sie noch in den Wahnsinn treiben, wenn er nicht endlich aufhören würde, alles zu wissen.
"Ich meine damit, dass mir in den letzten Tagen nicht entgangen ist, dass du Marcus magst."
"Ich mag dich auch", versuchte Yvonne sich rauszureden und lächelte unschuldig.
"Das ist was anderes. Ihr wart gestern Abend ewig draußen und dann hat Marcus dich in dein Zimmer getragen."
"Er hat mich in mein Zimmer getragen?", fragte Yvonne.
"Oh, da hab ich ja mehr mitbekommen, als du! Weißt du wenigstens, was davor passiert ist?"
"Weißt du es?", fragte Yvonne erschrocken und wurde rot.
"Nein", sagte Brian, was Yvonne unheimlich beruhigte. Sie wusste nicht, wem sie davon erzählen sollte. Kian war mit Sicherheit der Letzte, der es erfahren würde, aber im Moment hatte sie auch nicht das Bedürfnis, es Brian zu erzählen. Und da Brian im Moment so ziemlich alles zu wissen schien, merkte er auch dies, stand auf und ging zur Tür. Er drehte sich noch einmal um, als er die Hand schon auf der Türklinke hatte, und sagte: "Im Moment ist dein Problem leider ein wenig zu hoch für mich, auch wenn ich dir wirklich gerne helfen würde. Aber ich denke, du wirst das regeln, oder?" Er zwinkerte ihr zu und verließ das Zimmer.
Der Nachmittag zog sich nicht lange hin. Das Wetter war schön und bevor Yvonne überhaupt realisieren konnte, dass sie schon einige Stunden auf dem Schiff waren, wurde es draußen allmählich dunkel. Außerdem pfiff ein eisiger Wind um das Schiff, die Wellen wurden größer und als Yvonne sich in ihr Bett legte, merkte sie, wie das ganze Schiff hin und her schaukelte. Doch sie hätte sowieso nicht schlafen können. Zu viele Gedenken flogen durch ihren Kopf und ließen sich kaum ordnen. Kian und Marcus ließen sich einfach nicht aus ihrem Kopf verbannen. Dazu kam, dass Brian sehr wohl von ihren Vorlieben für beide Männer wusste. Das erleichterte die ganze Sache nicht gerade, aber sie hatte wenigstens jemanden, mit dem sie reden konnte. Lange lag sie wach und dachte über all das nach, was in den letzten Tagen passiert war. Sie versank regelrecht in ihren Gedanken und wurde erst wieder in die Realität
zurückgeholt, als es einmal laut donnerte. Yvonne fuhr zusammen und blickte sich nervös in ihrer Kajüte um. Draußen tobte ein Sturm und diese Nacht würde sie wohl keinen Schlaf mehr bekommen. Die Tür flog auf und das erste, was Yvonne sah, war eine Öllampe, die hin
und her schwankte. Der jemand, der sie festhielt, betrat das Zimmer und Yvonne sah, dass es Marcus war.
„Marcus?", fragte sie trotzdem noch einmal.
"Ja , ich bin es. Ziemlich schreckliches Wetter draußen."
Yvonne nickte.
"Darf ich reinkommen?", fragte Marcus und stellte seine Lampe, ohne auf Yvonnes Antwort zu warten, auf dem kleinen Tisch neben dem Bett ab. Yvonne setzte sich auf und rückte ein Stück zur Seite, damit Marcus sich neben sie setzen konnte.
"Was ist los?", fragte Yvonne, die sich mal wieder nicht erklären konnte, warum da jemand einfach so in ihr Zimmer kam. Marcus zuckte mit den Schultern.
"Eigentlich gar nichts. Ich konnte nicht schlafen und da dachte ich, dass ich mal gucken komme, wie es dir so geht."
"Seit wann duzt du mich?", fragte Yvonne erschrocken, die sich nicht daran erinnern konnte, ihm das erlaubt zu haben. Sie war nicht der Typ, der darauf bestand, auf eine bestimmte Art und Weise angeredet zu werden, doch sie fand es unhöflich, einfach du zu sagen.
"Oh", sagte Marcus und hielt sich die Hand vor den Mund. "Tut mir leid."
Yvonne lachte. "Ist schon okay."
Yvonne konnte nicht anders, als ihm wieder eine Weile in die Augen zu blicken, ohne etwas zu sagen. Sie wusste nicht, woran es lag, aber das Gefühl, bei Marcus zu sein, war einfach schön und es reichte, in seine Augen zu schauen, um alles andere zu vergessen. Er war ein schüchterner Typ, aber ganz sicher einer von denen, die ein Herz aus Gold hatten. Jedenfalls bekam Yvonne das Gefühl, als sie so neben ihm saß, immer ein Stückchen näher an ihn heran rutschte und ihre Hand langsam auf seine Oberschenkel gleiten ließ. Marcus ergriff sie und drückte sie, was bei Yvonne ein unheimliches Glücksgefühl auslöste und sie dazu trieb, Marcus auf ihr Bett niederzudrücken. Er zog sie zu sich runter und noch bevor Yvonne ihre Augen schließen konnte, lagen seine Lippen feucht auf ihren und Yvonne spürte, dass sie mehr wollte. Sie nahm ihn fester in den Arm und die beiden versanken in eine leidenschaftliche, lange Nacht.

"Yven", drang eine leise Stimme an Yvonnes Ohr und sie schlug die Augen auf.
Als sie den Kopf zur Seite drehte, sah sie Marcus, der neben ihr lag, die Arme fest um sie geschlungen, ein Lächeln auf den Lippen und verwuschelte Haare.
"Richtig süß", dachte Yvonne. Zudem hatte er das Talent ich ihren Spitznamen so
liebevoll auszusprechen, wie es bisher noch niemand geschafft hatte. Ein perfekter Morgen, der auf eine wundervolle und romantische Nacht folgte. Sogar durch den Sturm waren sie gekommen, die Sonne schien wieder und alles war okay. Yvonne hatte alles vergessen, als Marcus herein gekommen war und noch hatten es die Gedanken an Kian nicht geschafft, an Marcus vorbei zu kommen. Yvonne wünschte sich, dass es ewig so bleiben würde. Doch es blieb nicht. Die Schritte auf dem Flur überhörte sie, erst beim Klopfen an der Tür schrak sie auf. Marcus hatte sich hochgesetzt und blickte erschrocken zur Tür, die aufflog, ohne dass die beiden den jemand vor der Tür hereingebeten hatten. Kian. Yvonne riss den Mund auf, als sie Kian erkannte, der in der Tür stand, starr und unfähig, sich zu rühren, als er sie mit Marcus in einem Bett liegen sah. Yvonne versuchte erst gar nicht, die Situation zu erklären. Da gab es nichts zu erklären. Die Sache war klar und Kian hatte natürlich sofort begriffen, was zwischen ihr und Marcus passiert war. Yvonne hatte nicht gewusst, was Kian tun würde, doch das hatte sie nicht erwartet. Kian stand eine Weile da, starrte die beiden an, dann fingen seine Lippen an zu zittern, seine Augen verengten sich und dann verließ Kian das Zimmer. Ohne ein Wort zu sagen, rannte er hinaus und knallte die Tür hinter sich zu. Yvonne hörte noch die schnellen und immer leiser werdenden Schritte vor der Tür, dann nahm sie den Kopf wieder runter und blickte zu Marcus, der nicht wusste, was er sagen, geschweige denn tun konnte. Beide wussten nicht, was Kian eben gedacht hatte, ob er sauer gewesen war und wie es jetzt weitergehen sollte, doch die Laune war hin und das spürte Marcus. Er stand auf, zog sich seine Sachen an und sagte: "Ich glaube, ich gehe jetzt erst mal." Yvonne nickte, blickte Marcus noch hinterher und als er verschwunden war, schlug sie mit der Faust auf ihr Kissen, ließ sich dann darauf fallen und fing an zu weinen. Sie drückte ihr Gesicht fest ins Kissen, ließ die Tränen laufen und brachte es nicht mal fertig, in Ruhe nachzudenken. Sie weinte einfach, weinte, weil alles so durcheinander war und die Welt sich ein wenig zu schnell drehte, um mit den Gefühlen hinterher zu kommen. Yvonne bekam das Gefühl, dass sie nicht mehr steuern konnte, was passierte und das machte sie verrückt.

Yvonne hatte sich den ganzen Tag in ihrer Kajüte verkrochen und kein Wort mit irgendjemandem geredet. Sie hatte stundenlang geweint, vielleicht sogar gewundert, dass überhaupt noch Tränen da waren, die sie vergießen konnte. Es war erstaunlich, dass man nicht wusste, warum man weinte und es einfach tat, stundenlang, bis man merkte, dass man nicht wusste, warum man es tat. Und man weinte trotzdem weiter, weil alles so trostlos schien. Yvonne hörte erst auf, als sie Kopfschmerzen bekam und das Bedürfnis verspürte, an die frische Luft zu kommen. Sie zog sich etwas über und verließ die Kajüte. Draußen war
es bereits am Dämmern. Einen Tag lang geheult und das nur, weil alles so kam, wie es kam und trotzdem falsch war. Die Sonne war dem Horizont schon bedenklich näher gekommen und hatte den Himmel wundervoll gefärbt. Ein helles Rosa zog sich über die kleinen Schleierwolken, die vom Wind langsam über den Himmel getragen wurden. Yvonne atmete die Seeluft tief ein und stütze sich mit beiden Armen auf die Reling. Ein leichter Wind blies ihr um die Nase, Yvonne schloss die Augen und spürte plötzlich, wie jemand von hinten kam und seine Arme um ihre Hüften schlang.
"Yven", kam da wieder diese vertraute Stimme an ihr Ohr und Yvonne konnte nicht anders, als sich umzudrehen und in Marcus Gesicht zu blicken.
"Yven", wiederholte er ihren Namen. "Wir müssen reden."
Yvonne wurde mulmig. Marcus sagte es mit einer bedrückten, aber sicheren und festen Stimme. Er hatte bestimmt keine guten Nachrichten. Yvonne nickte, drehte sich an der Reling um und ließ sich daran herunter auf den Boden gleiten. Marcus ließ sich neben ihr nieder, zog seine Knie an und schlang seine Arme fest um seine Beine. Yvonne tat es ihm gleich, legte ihr
Kinn auf die Knie und starrte auf den Horizont, der sich auf der anderen Seite des Schiffes immer auf und ab zu bewegen schien. Darüber leuchtete der Himmel inzwischen in einem kräftigen Rot.
"Yven, was da letzte Nacht passiert ist...", brachte Marcus die Sache auf den Punkt, ohne sie anzugucken und auch Yvonne wendete ihre Blicke nicht vom Horizont ab. Geduldig wartete sie, dass Marcus fortfahren würde. "Ich weiß nicht, was mit mir passiert ist. Es ist nicht so, dass ich es nicht wiederholen würde und du glaubst nicht, was ich für dich empfinde, aber ich glaube, dass ich..."
Er stockte kurz und suchte nach den richtigen Worten. Yvonne konnte sich denken, was kommen würde, trotzdem sagte sie nichts sondern hörte weiter zu, als Marcus weiterredete. "Ich glaube, dass ich im Moment einfach nicht bereit für eine Beziehung bin und.." Wieder stockte er. Mehr brauchte er auch gar nicht zu sagen. Yvonne konnte nicht sagen, was sie wirklich für Marcus empfand, trotzdem musste wieder weinen, als er fertig war. Mit Marcus war es anders gewesen, als mit Kian. Kian kannte sie kaum, hatte sich in seine Augen verliebt und war nie bis in sein Herz vorgedrungen. Bei Marcus war das anders. Sie hatte ihm vertraut, sich verliebt? Yvonne schluchzte und fuhr sich über die Wange, um ein paar Tränen wegzuwischen. Marcus legte einen Arm um ihre Schultern, drückte sie und flüsterte in ihr Ohr: "Yven, versprich mir, dass wir immer Freunde bleiben!"
Yvonne nickte und konnte sogar ein wenig lächeln. "Marcus, ich hab dich furchtbar lieb!"
Marcus drückte sie noch einmal und die beiden blieben noch eine Weile auf dem Deck sitzen, schauten zu, wie sich der rote Feierball der Sonne langsam verabschiedete und irgendwo hinter dem Horizont verschwand, um am nächsten Morgen wieder aufzugehen.

Es war erstaunlich, wie schnell die Zeit auf dem Schiff verging. Es war nicht einfach gewesen, Kian aus dem Weg zu gehen, aber Yvonne hatte es versucht und war zu dem Entschluss gekommen, dass es ihr doch relativ gut gelungen sein musste, wenn sie noch am leben war. Sie konnte sich gut vorstellen, wie Kian genau das gleiche dachte.
Leider sank die gute Laune von Yvonne auch schnell wieder, als es sich dann kaum noch vermeiden ließ, Kian aus dem Weg zu gehen. Von schönen Sonnenuntergängen, wundervollem Wetter und angenehmen Temperaturen konnte Yvonne nur noch träumen, als sich am Himmel mal wieder große, graue Wolken auftürmten und es nicht mehr aufhören wollte, zu regnen. Auf Deck ließ es sich angesichts dieses Wetters nichts mehr aushalten und viel Platz war unten in den Kajüten nicht gerade. Yvonne war gerade auf dem Weg zu ihrer,
als Kian ihr draußen auf dem Flur entgegenkam. Er war wohl gerade draußen gewesen, war klitschnass und seine Haare klebten auf der Stirn. Vom Kinn tropften noch die letzten Regentropfen und seine Klamotten waren von oben bis unten völlig aufgeweicht. Yvonne wollte an ihm vorbei, streifte ihn am Arm und merkte, wie sie nass wurde. Kian merkte dies.
"Ganz schön mieses Wetter", bemerkte Kian.
Yvonne drehte sich um. "Ach, hat Mr. Egan es erst bemerkt, als er schon nass war?", sagte sie schnippisch und Kian warf ihr einen wütenden Blick zu.
"Nein, stellt euch vor, ich habe schon vorher bemerkt, dass es regnet."
Yvonne lachte. "Also für mich wäre das ein Grund, erst gar nicht nach draußen zu gehen!"
"Wenn ihr meint, dann bleibe ich ab jetzt lieber hier unten und gehe das Risiko ein, euch öfters über den Weg zu laufen."
Yvonne musste zugeben, dass es wirklich wesentlich angenehmer gewesen wäre, wenn Kian einfach über Bord gesprungen hätte, doch angesichts der Tatsache, dass er wohl wirklich nicht vorhatte, noch einmal nach draußen zu gehen, musste sie wohl mit ihm auskommen.
Zu alledem hatte sie bemerkt, dass sie plötzlich aufgehört hatte, ihn anzustarren, wenn er an ihr vorbeiging. Sie wusste nicht, ob sie sich darüber freuen sollte oder nicht. Gegenüber Kian war das allemal ein Vorteil, trotzdem hätte Yvonne gerne gewusst, was mit ihr passiert war.
"Na ja", fuhr Kian fort. "Es ist noch eine Nacht, dann haben wir es geschafft."
Yvonnes Herz fing an zu schlagen. Noch eine Nacht, dann würden sie in England sein.

Yvonne stand an Deck, als das Schiff anlegte. Der Sturm war über Nacht vorbeigezogen und das Wetter hatte sich beruhigt. Die Sonne schickte ihre Strahlen über den kleinen Hafen. Es war ein kleiner beschaulicher Ort, ein paar Boote lagen im Hafen und die Fischer, die nach einer langen Nacht wieder an Land waren, standen auf dem Hafenplatz und priesen lautschreiend ihre Ware an. Yvonne hatte die Schifffahrt gut überstanden, abgesehen davon,
das in Sachen Liebe alles aus dem Ruder gelaufen war, war aber trotzdem froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, als sie mit Renault am Hafen stand und wartete, das die anderen das Schiff verließen. Zuerst folgte Brian, der plötzlich ein wenig Mühe hatte, seinen Haflinger vom Schiff zu bewegen, dann kam Marcus mit seinem Schimmel, und Kian als letzter mit einem Araberhengst, wie Yvonne ihn noch nie gesehen hatte. Sie musste sich
eingestehen, dass sie das Pferd nie beachtet hatte. Es war ihr vorher nie aufgefallen, da sie immer nur zu Kian geschaut hatte. Und jetzt? Irgendetwas war geschehen, dass sie Kians Pferd betrachtete. Kian kam mit Brian und Marcus zu Yvonne, blieb einen Augenblick stehen und schaute sich um. Dann nahm er sein Pferd und ging auf die Häusergruppe zu, die nahe dem Hafen zwischen ein paar Bäumen stand. Er hatte entschieden, dass sie sich eine Nacht in dem kleinen Ort ausruhen würden, da die Nächte auf dem schaukelnden Schiff nicht gerade erholsam gewesen waren. Yvonne wusste immer noch nicht, was er an dem einen Morgen, an dem er sie und Marcus im Bett entdeckt hatte, gedacht hatte, aber er hatte es nicht einfach hingenommen, geschweige denn verarbeitet. Er hatte sich verändert und das nicht gerade zum Positiven. Streitigkeiten waren vorprogrammiert, sobald einer der beiden den Mund öffnete und gegenüber Marcus war Kian auch nicht mehr sonderlich freundlich. Nur Brian, der wusste mal wieder alles und schien trotzdem keine Probleme zu haben, abgesehen von Kerry, aber die hatte absolut nichts mit den aktuellen Reiseproblemen der Gruppe zu tun. Schweigend ging Yvonne auf ihr Zimmer. Sie hatte den ganzen Tag für sich Zeit, das Wetter war schön und Yvonne nahm sich vor, sich nicht den ganzen Tag auf ihrem Zimmer zu verkriechen, um nachzudenken, wie man geradezu unlösbare Probleme lösen konnte. Sie wusste, dass das wieder in einer endlosen Rumheulerei enden würde und das war Kian im Moment einfach nicht wert.

Erst am Abend sah sie wieder einen der anderen. Sie war den ganzen draußen gewesen und hatte sich erst am späten Nachmittag auf den Weg zurück gemacht, um sich ein wenig auszuruhen. Erst, alles dunkel wurde, klopfte es mal wieder an der Tür. Schon allein
daran, dass der jemand wartete, bis Yvonne "Herein" rief, konnte sie erkennen, dass es nicht Kian war. Es war Brian, der sie fragte, ob sie Lust hätte, mitzukommen, um was zu trinken. In der Nähe sei ein gutes Gasthaus. Yvonne war sofort mitgekommen, hatte kurz gehofft, dass Kian nicht mitkommen würde, aber es war klar gewesen, dass er nicht auf seinem Zimmer bleiben würde. Trotzdem versuchte Yvonne, sich nicht die Laune verderben zu lassen.

Als sie ankamen war es schon sehr voll, Brian gelang es aber trotzdem, einen Tisch zu ergattern. Yvonne setzte sich neben Brian. Tiefsinnige Gespräche, die einem vielleicht weiterhelfen konnten, waren in Kians Gegenwart zwar ausgeschlossen, aber vielleicht konnte man ja doch noch ein wenig Spaß haben.
Brian bestellte was zu trinken und Yvonne vergaß schnell, dass Kian ihr immer noch gegenüber saß. Vielleicht lag es daran, dass sie ein Glas nach dem anderen leerte und Brian lustig alles erzählte, was ihr einfiel, während Marcus und Kian sich lachend über Gott und die Welt unterhielten. Eine ganze Weile ging das so und es musste schon unheimlich spät sein, als Brian sich unerwartet erhob und den Raum verlassen wollte. Yvonne brauchte eine Weile, bis sie merkte, dass Brian wirklich gehen wollte. Sie wollte sich ebenfalls erheben, doch Brian hob die Hand und deutete ihr, sich wieder zu setzen.
"Wohin?", fragte Yvonne und nachdem Brian sich vergewissert hatte, dass Marcus und Kian noch beschäftigt waren, zog er etwas flaches aus seiner Tasche und flüsterte: "Brief."
Yvonne nickte. Er wollte den Brief wohl noch irgendwo loswerden, sodass Kian es nicht merkte. Yvonne wendete sich wieder ihrem Glas zu. Sie entschloss sich, nicht mehr allzu lange zu bleiben, hatte zum Schluss aber doch ein wenig zu viel getrunken, um zu merken, dass Marcus ebenfalls gegangen war und sie und Kian allein gelassen hatte. Kian saß ihr gegenüber, trank den letzten Schluck und sagte: "Wir auch?"
Yvonne nickte. Sie hatte wirklich keine große Lust, noch länger mit ihm hier sitzen zu bleiben, sich anzuschweigen, gelegentlich mal eine blöde Bemerkung fallen zu lassen und den Unterkiefer so weit vorzuschieben, dass es böser nicht mehr ging. Beide erhoben sich und schlenderten aus dem Raum. Sie traten nach draußen und schnell waren die Stimmen und das laute Gelächter, die aus dem Gasthaus drangen, nicht mehr zu hören. Die Nacht war klar und kühl und Yvonne musste zurückdenken, an die Nacht, als sie Marcus draußen getroffen hatte. Der Mond hatte am Himmel gestanden, rundherum zigtausend Sterne und man hätte auch diese Nacht als romantisch bezeichnen könne, wäre da nicht Kian gewesen, der zwar immer noch unheimlich gut aussah, aber nicht die Absicht hatte, sich auch so zu benehmen. Schweigend ging er neben ihr her und überlegte wahrscheinlich schon, was er als nächstes sagen könnte, um die Stimmung wieder auf den Tiefpunkt zu bringen oder ihr zu zeigen, dass er etwas besseres war. Doch er tat es nicht. Er schwieg tatsächlich, bis sie am Meer waren. Sie waren am Hafen und Kian stoppte an einer Mauer, die sich am Wasser befand.
"Wunderschön", flüsterte er und Yvonne erschrak. Sie blickte aufs Meer, wo der Vollmond sein Licht über die spiegelglatte Wasserfläche schickte und war erstaunt über das, was Kian da gerade gesagt hatte. Seit sie ihn getroffen hatte, hatte er nie auch nur andeutungsweise etwas so romantisches gesagt, denn wenn sie sich so umschaute, dann war das Naturschauspiel, was man in dieser Nacht beobachten konnte, wirklich wunderschön und Kian hätte es nicht besser sagen können. Kian starrte gebannt aufs Meer und ohne seinen Blick davon abzuwenden, ließ er sich auf der Mauer nieder. Yvonne blieb stehen und entschied, dass er wohl doch ein wenig zu viel getrunken hatte. Dabei musste sie zugeben, dass sie auch einiges runtergehauen hatte und dies auch spürte. Sie war erschöpft, ihr war ein wenig schwindelig und sie entschied sich kurzerhand, einen Augenblick zu verweilen und setzte sich ebenfalls auf die Mauer, bedacht darauf, sich bloß nicht direkt neben Kian zu setzen. Doch nach einer Weile merkte sie, dass sie eine Gänsehaut bekam und rutschte
unbewusst an Kian heran, der gleich seinen Arm um ihre Schulter legte und sie fest drückte. Ihr war egal, was sie tat, merkte es gar nicht mehr, ließ ihren Kopf auf seine Schulter fallen und seufzte zufrieden. Es war ein schönes Gefühl, nachts in den Armen eines Mannes zu liegen, seine Wärme zu spüren und einfach gar nichts zu sagen. Ein Gefühl der Zufriedenheit machte sich in ihrem ganzen Körper breit, ließ sie noch näher heranrutschen und ihre Hände glitten auf seine Oberschenkel, wo Kian sie mit seiner freien Hand ergriff und mit ihren Fingern spielte. Glücklich blickte Yvonne ihn von der Seite an. Er saß da, lächelte ein wenig, blickte aufs Meer und Yvonne konnte nicht erkennen, an was er gerade dachte, aber er sah glücklich aus und Yvonne musste zugeben, dass er noch mal so gut aussah, wenn er so guckte. Kian wendete seinen Blick vom Meer ab und schaute ihr in die Augen. Yvonne musste ihre schließen, wollte den Blick festhalten und dann ging alles so schnell, dass keine Zeit mehr da war, um zu überlegen, was richtig war. Vielleicht war es nicht richtig, aber es war wunderschön, als sie erst Kians Geruch wahrnahm, dann seine Lippen, die sich auf ihre legten und darauf warteten, dass sie reagierte. Yvonne schlang beide Arme und seinen
Hals, zog ihn noch näher zu sich heran und versank in einen Kuss, der die ganze Nacht hätte dauern können, alleine mit Kian, nur der Mond als Zeuge dieses Schauspiels auf der kleinen Mauer am Hafen. Ein paar Sterne, die schwinden und am Morgen kein Wort darüber verlieren würden.
Brian stand in der Tür und wartete geduldig, dass Yvonne ihr Gepäck die Treppe runterschleppte. Er hatte ihr helfen wollen, aber Yvonne war nicht der Typ von Frau, der sich das Gepäck tragen ließ. Nein, sie war der Typ von Frau, der alles tun wollte, was Männer auch taten und wenn es Lanzenkampf war.
Yvonne hatte den Absatz der Treppe erreicht und stellt ihr Gepäck vor ihren Füßen ab.
"Wo ist Marcus?", fragte sie. Brian deutete mit dem Fingern nach draußen.
"Geh ruhig auch schon, ich hab noch was zu erledigen. Brian stutze kurz, ging dann aber ein paar Schritte auf Yvonne zu und schnappte sich ihre Sachen. Yvonne wollte ihn aufhalten. "Hey, das mache ich selber."
"Tust du nicht!"
"Tu ich doch!"
"Dann werde ich nicht gehen."
Stöhnend ließ Yvonne das Gepäck los und schaute Brian nach, als er damit aus der Tür ging. Kopfschüttelnd wendete sie sich wieder der Treppe zu und wartete. Kian war mit Sicherheit noch oben und würde jeden Moment kommen. Und da polterte es auch schon und Yvonne sah Kian auf sich zukommen. Der blieb kurz stehen, als er Yvonne sah, setzte dann aber seinen Weg fort, bis er unten war. Er wollte an ihr vorbeigehen, doch Yvonne hielt ihn fest. Da gab es etwas, dass sie unbedingt mit ihm bereden musste, so ungern sie daran zurückdachte.
Sie konnte noch immer nicht glauben, was sie getan hatte.
"Egan, hättet ihr ein zwei Sekunden Zeit?"
Kian stöhnte, drehte sich aber noch einmal um und sah ihr ins Gesicht.
"Okay!"
"Gut, kommen wir am besten gleich zum Punkt. Was da gestern Nacht passiert ist..."
"Oh, Miss Keating möchte nicht, dass jemand erfährt, dass sie Mr. Egan geküsst hat?"
Yvonne erschrak. Was hatte er gesagt? Sie ballte die Fäuste.
"Ich? Euch? Geküsst? Ihr habt mich geküsst!"
Kian lachte. "Was hätte ich für einen Grund? Ihr habt mich zuerst geküsst. Wie käme ich auf die lächerliche Idee, euch zu küssen?" Er blickte sie mit einem überlegenen Grinsen und verschränkten Armen an. Dann nahm er die Nase hoch und schien es regelrecht zu genießen, als Yvonne schnaubend an ihm vorbei und nach draußen lief.
Brian hatte bereits Yvonnes Pferd bepackt, als sie nach draußen kam. Marcus war ebenfalls fertig und Kian, der kurze Zeit später das Haus verließ, war ebenfalls bald fertig. Sie konnten weiterreisen. Wütend stieg Yvonne auf ihr Pferd und als Brian gerade fragen wollte, was los sei, winkte sie ab und ritt los. Brian hatte sie schnell eingeholt und ritt schweigend neben ihr
her. Yvonne war ihm dankbar dafür, dass er nichts sagte. Sie brauchte Zeit, ein wenig nachzudenken, da sie immer noch nicht realisieren konnte, was wirklich passiert war. Es konnte nicht wirklich passiert sein, dass sie Kian Egan geküsst hatte, einfach so. Zugeben, es war superromantisch gewesen, aber wenn sie jetzt darüber nachdachte, dann war es das ganz und gar nicht mehr. Sie konnte nicht glauben, was in sie gefahren war, einfach so zuzulassen, dass es zu diesem Kuss kommen konnte. Viel zu spät merkte sie, dass es sinnlos war, so viele Gedanken an Kian zu verschwenden. Dicke Regentropfen kamen wieder vom Himmel und Yvonne wurde sofort nass. War nicht anders zu erwarten gewesen, in England. Marcus machte den Vorschlag, irgendwo Pause zu machen, doch als Brian sah, dass die Wolken
sich in absehbarer Zeit nicht verziehen würden, meinte er, dass sie nicht alle Zeit der Welt hatten und weil keiner der Vier Lust hatte, die Hochzeit zu verpassen, ritten sie einfach weiter. Kalt und nass kamen sie gegen Abend in einem kleinen Ort an. Kian machte die äußerst schlaue Bemerkung, dass sie zwei Möglichkeiten hatten. Im Ort übernachten oder weiterreiten. Angesicht der Tatsache, dass die Hochzeit aber nicht auf sich warten lassen würde, fiel die erste Möglichkeit weg und es blieb nur die ungemütlichere von beiden übrig. Kurze Pause und weiter durch die Nacht. Ein wenig gestärkt stieg Yvonne ein zweites Mal an diesem Tag auf ihr Pferd, ließ sich erschöpft in den Sattel sinken und trieb ihr Pferd an. Mit
hängendem Kopf ritt sie hinter den anderen her, immer durch die Dunkelheit und nirgendwo ein Ort oder irgendetwas, was auf Menschen oder Gasthäuser hinwies. Der Regen hatte sich ein wenig gelegt und es kamen nur noch wenige Tropfen herunter. Trotzdem war es kalt, so kalt, dass Yvonne ab und zu sah, wie die anderen drei sich schüttelten und sich in die Fäuste pusteten. Yvonne spürte ihre Füße kaum noch und versuchte, sich abzulenken. Nicht noch
einmal machte sie den Fehler, zu viele Gedanken an Kian zu verschwenden. Sie dachte an Shane und daran, dass sie ihn bald wiedersehen würde. Sie freute sich auf sein Lachen und auf alles, was zu ihm gehörte. Die Vorstellung, dass sie nur wegen ihm durch die Nacht ritt und fror, machte das alles ein wenig erträglicher und ließ sie vergessen, was passiert war.
Jetzt galt nur noch die Zukunft und die musste gerettet werden. Sie war sich darüber im klaren, dass es niemand tun würde, wenn nicht sie. Sie hatte keinen Plan, wie sie es tun sollte, doch spontan war sie schon immer gewesen und da niemand davon wusste, dass diese Hochzeit bei den Gästen wahrlich keine schönen Erinnerungen wecken würde, konnte ihr auch niemand einen Strich durch die Rechnung machen, so wie damals... auf dem Turnier...
Es war nicht zu fassen, dass man, egal, woran man dachte, immer wieder auf Kian kam. Er schien in allem drinzuhängen, zu allem dazuzugehören und war sich wahrscheinlich nicht mal im klaren darüber, was er damit anrichtete. Das einzige, was er im Moment wusste, war, dass er ein Mann war und Yvonne nicht. Des weiteren wusste er, dass er adlig war und Yvonne nicht. Ganz abgesehen davon, dass er sie nicht geküsst haben wollte. Yvonne überlegte.
Sie war sich sicher, dass sie es ebenfalls nicht gewesen war. Im Moment gab es keinen Mann, den sie küssen wollte. Dabei ritten vor ihr drei wirklich gutaussehende Herren her. Kian fiel raus, Marcus hatte Schluss gemacht und Brian war ein Freund, wenn auch ein guter und Yvonne zog in Erwägung, ihm zu erzählen, was sie vorhatte. Wenn er Kerry haben wollte,
dann würde er vielleicht sogar einsehen, dass Shane Nicholas haben wollte...Yvonne beschloss, zu warten. Noch hatte sie Zeit, sich gut zu überlegen, wen sie einweihen wollte. Nur eines stand fest: Kian würde nicht dazugehören. Es war wieder einige Zeit vergangen, als Kian stopp dachte. Er ritt vom Weg ab hinein in den Wald. Es war noch dunkler geworden und man konnte nichts mehr sehen. Kian fand sich aber doch ganz gut zurecht und hatte einen Platz unter einem Baum gefunden, der noch trocken war. Er steig vom Pferd ab und ehe Yvonne fragen konnte, was sie vorhatten, antwortete Marcus: "Wir machen kurz Pause, um uns aufzuwärmen."
Yvonne nickte, ließ sich von Renault gleiten, band ihn irgendwo an und wartete, was geschehen würde. Aufwärmen war gut, bei der Kälte. Yvonne hüpfte auf der Stelle auf und ab, um sich warm zu halten, doch das brachte reichlich wenig.
Doch Kian, Marcus und Brian schienen auch gar nicht vorgehabt zu haben, sich unter einen Baum zu stellen, um darunter auf und ab zu hüpfen. Schnell waren Marcus und Brian zwischen den Bäumen verschwunden und Kian und Yvonne setzten sich auf den kalten, aber wenigstens trockenen Boden. Schweigen, das gelegentlich durch das Knacken eines Astes oder eine rufende Eule unterbrochen wurde. Sonst hörte man nur den Regen, der auf das
Blätterdach prasselte. Das Geräusch drang tief in Yvonnes Kopf ein und blieb darin, bis Brian und Marcus wiederkamen, Äste niedertraten und die Stille durchbrachen. Beide hatten sie Holz mitgebracht, dass sogar wunderbar trocken war. Schnell hatten sie ein Feuer entfacht und die Flammen erhellten Kians Gesicht, das nachdenklich ins Feuer schaute. Starr saß er da, schien über irgendetwas nachzudenken, ließ sich aber nicht anmerken, um was es ging.
Doch Yvonne bemerkte, dass sie ihn selten so nachdenklich gesehen hatte. Sie entdeckte immer wieder neue Seiten von Kian, doch plötzlich waren sie unwichtig gewesen, keine spannende Sache mehr, die Yvonne stundenlang anschauen konnte, ohne dass sie merkte, wie sie dabei ins Schwärmen geriet. Sie war so nah bei Kian, hatte so lange davon geträumt und plötzlich war es unwichtig und Yvonne wünschte sich, dass sie ihn endlich loswurde. Sie
konnte sich nicht erklären, woher diese plötzliche Wende in ihrem Leben gekommen war, doch sie war einfach da, es war so und Yvonne konnte sich nicht dagegen wehren. Wahrscheinlich war es so etwas wie Schicksal. Es hatte nicht sein sollen, genau wie mit Marcus und Yvonne bekam Zweifel, ob ihr irgendwann noch einmal der Mann über den Weg laufen sollte, der ihr ganzes Leben verändern würde, wenn es nicht Kian war. Es war es immer gewesen, er hatte ihr Leben bestimmt, bis zu dem Tag, an dem sie sich kennen gelernt
hatten.
"Komisch", dachte Yvonne und grinste in sich hinein. Es war seltsam, was das Leben mit sich brachte.

"Wir haben es gleich geschafft", sagte Kian und ritt ein wenig schneller. Yvonne spürte, dass es nicht mehr weit sein würde. Das Meer musste unmittelbar hinter dem nächsten Hügel sein, denn man konnte es regelrecht riechen. Yvonne atmete tief ein und seufzte dann zufrieden. Sie waren lange genug durch England geritten, jetzt mussten sie nach Irland und dann...
Yvonne dachte nicht weiter. Spontan sein war noch immer erste Regel, wenn es darum ging, diese verdammte Hochzeit zu verhindern. Sie lagen noch knapp in der Zeit, ein Problem, um das Yvonne sich wirklich Sorgen machte. Mit welchen Erwartungen war sie losgereist? Es war von Anfang an klar gewesen, dass es bis nach Irland ein ganzes Stück sein würde, doch dass es so anstrengend werden würde... Und wenn man nebenbei auch noch Kleinkrieg mit
Kian führte, Liebesprobleme aller möglichen Leute lösen wollte und das schlechte Wetter im Nacken hatte, dann konnte das wirklich reinhauen. Yvonne hatte mitbekommen, dass Mr. Ahern sich eine Hochzeit in Frankreich, Paris oder Côte d'Azur, gewünscht hatte. Das hätte ihr wirklich einiges erspart und die Reise erleichtert, doch für die ganzen Gäste aus Irland wäre es das gleiche Theater gewesen und so hatte man die Hochzeit dann wohl doch nach
Irland gelegt. Das hatte natürlich auch seine Vorteile. Yvonne hatte immer den Traum
gehabt, einmal nach Irland zu kommen. Sagenumwogen wie es war, waren Unmengen an Erzählungen nicht an ihr vorbei gegangen. Die Landschaft sollte ein Traum sein, die Leute gastfreundlich und sonst wäre sowieso alles in Ordnung. Dem letzten glaubte Yvonne nach der Bekanntgabe der Hochzeit von Nicholas und Georgina, nicht mehr so ganz, doch die Landschaft würde das auch nicht verändert haben und so beschloss Yvonne, dass sich diese Reise am Ende auf jeden Fall gelohnt haben sollte, egal was passieren würde.
Und dann kam das Meer. Glitzernd in der Morgensonne, die nach dem vielen Regen diesen Morgen zum Leben erweckt hatte, lag es unter ihnen, davor ein kleiner Hafen über dem sich der kleine, dazugehörige Ort auf einem grünen Hügel entlang zog. Eine Idylle aus dem Märchenbuch, die es wert war, ein paar Sekunden stehen zu bleiben, um den Ausblick zu genießen. Doch Kian forderte alle auf, weiterzureiten, bevor Yvonne den Ausblick in
ihrem Gedächtnis einfangen konnte. Das Schiff, dass sie nach Irland bringen würde, lag bereits im Hafen.
Yvonne hatte bereits eine lange Schiffsfahrt hinter sich, doch das sie so schaukelig war, wie diese, daran konnte sie sich nicht erinnern. Trotz schönen Wetters hob sich das Schiff auf und ab, wog hin und her. Yvonne ließ sich auf einer Bank nieder, um nicht umzufallen. Wenigstens würden sie diesmal nicht so lange auf See bleiben. Sie wollte nach Irland, so schnell wie möglich.

Und sie kam nach Irland. Nach einer doch sehr langen Fahrt, konnte man am Horizont endlich einen dünnen Streifen Land erkennen, der aber noch so weit entfernt war, dass er schwarz und kaum auszumachen war. Doch er war da und Yvonne ließ ihn nicht aus den Augen, als hätte sie Angst, ihn zu verlieren. Sie ließ ihn auch nicht aus den Augen, als sich eine Hand von hinten auf ihre Schulter legte. Sie zuckte lediglich kurz zusammen und wartete, immer
noch auf den Horizont schauend, was passieren würde.
"Ihr scheint es eilig zu haben", sagte Kian trocken und nahm seine Hand wieder herunter. Yvonne blickte nicht nach hinten. Sie hatte es nicht nötig, wieder in seine Augen zu schauen, nur um erneut festzustellen, dass sie jeglichen Reiz verloren hatten. Sie zuckte mit den Schultern.
"Wenn ich euch fragen darf...", fuhr Kian fort und stellte sich neben sie. "Warum wollt ihr auf diese Hochzeit?"
"Ich denke nicht, dass euch das etwas angeht."
"Oh, das denke ich doch. Ohne mich wärt ihr nicht hier. Ich habe euch schließlich aus dem Kerker befreit."
"Niemand hat euch darum gebeten."
"Ich meine ja nur... Da werden eine Menge Leute aufkreuzen, die ganz bestimmt nicht gut auf euch zu sprechen sind!"
Yvonne antwortete nicht. Kian hatte Recht, doch sie würde sich hüten, ihm das zu sagen. Stumm starrte sie weiter auf die See und Kian verschwand. Vielleicht würde er darauf warten, dass sie irgendwann ankam, ihm vor die Füße viel und dafür dankte, dass sie nicht immer noch gefangen war. Vielleicht wartete er darauf, dass sie ihm alles anvertraute, weil er es
nicht haben konnte, etwas, was ihn brennend interessierte, nicht zu wissen und nicht das zu bekommen, was er haben wollte.
Als Yvonne sich wieder auf den Horizont konzentrierte, merkte sie, dass der Landstreifen breiter geworden war. Ein wenig Nebel verhinderte die klare Sicht, doch es bestand kein Zweifel daran, dass Irland genau vor ihnen lag. Yvonnes Herz schlug ein wenig schneller und wie ein kleines Kind an Weihnachten stand sie aufgeregt an Deck und beobachtete, wie sie Irland immer näher kamen. Die Nebelfront wurde schwächer, je größer der Landstreifen wurde und Yvonne konnte die ersten grünen Flecken erkennen. Dunkel und ein wenig unscharf, da es Abend wurde, doch die Lichter, die dann am Streifen auftauchten, konnte man alle einzeln ausmachen. Dublin. Yvonne konnte es nicht fassen, dass sie tatsächlich in Irland war, als sie den ersten Fuß auf festen Boden setzte und sich zufrieden am Hafen umschaute. Größer als alle anderen, an denen sie Halt gemacht hatten, erstreckte er sich ein ganzes Stück am Wasser entlang. Und obwohl es spät war, der Himmel bereits ein dunkles Blau angenommen hatte und der Mond sich langsam auf seiner Laufbahn gen Himmel schob, war Dublin nicht leer und ausgestorben. Als Yvonne gemeinsam mit Marcus, Brian und Kian durch die Straßen zog, sah man immer mehr Leute, die sich in die Pubs begaben, um dort
den Abend zu verbringen. Die Luft lag voll von irischem Leben, Yvonne konnte geradezu spüren, wo sie sich befand. Brian, Marcus und Kian hielten an und Yvonne tat es ihnen gleich. Brian begann eine Diskussion, ob die Zeit reichen würde, noch einen Halt einzulegen. Keiner konnte leugnen, nicht die Lust zu verspüren, eine Nacht in Dublin zu verbringen, zu feiern, dass sie ihr Ziel fast erreicht hatten und sich dann noch ein wenig auszuruhen, um auch noch die letzten Kilometer bis nach Galway an der Westküste zu meistern.
"Okay", sagte Brian. "Wir hätten Zeit, wenn wir die nächsten Tage nicht trödeln."
Marcus stimmte ihm zu. "Ich möchte lieber eine Nacht in Dublin verbringen, als hinterher wieder irgendwo im Wald."
Yvonne stimmte den beiden zu und obwohl man Kian ansehen konnte, dass es ihm missfiel, mit Yvonne einer Meinung zu sein, ging auch er auf den Vorschlag ein und die drei machten sich auf die Suche nach einem Platz für die Nacht. Keiner hatte Lust, die Nacht wieder auf dem kalten Boden an irgendeinem Lagerfeuer zu verbringen. Das hätte wiederum bedeutet, dass sie Dublin verlassen mussten und das wollte keiner. Deshalb war Yvonne froh, als sie sich endlich auf ein weiches Bett fallen lassen konnte, um ein paar Minuten abzuschalten. Brian hatte den Vorschlag gemacht, noch einmal loszuziehen und würde sich ein Bierchen nicht nehmen lassen. Und auch, als Yvonne ihm versprochen hatte, noch einmal mitzukommen, hatte Kian nicht abgelehnt. Sie würden also wieder zu viert losziehen,
gemeinsam den Abend genießen und Spaß haben.

Yvonne hätte nicht gedacht, dass sie selbst in Kians Gegenwart so viel Spaß haben würde. Der Abend war ausgelassen, Yvonne konnte immer noch nicht richtig fassen, dass sie in Irland war. Dublin war eine wunderschöne Stadt und auch, wenn Yvonne noch nicht viel von Irland gesehen hatte, so glaubte sie zu wissen, dass es sich wirklich gelohnt hatte. Allein das Gefühl, dass sie an diesem Abend verspürte, ein Gefühl von Glücklichkeit im ganzen
Körper, war ein Geschenk, dass Irland gebracht hatte und Yvonne wollte es nie wieder missen. Sie wusste, dass es noch etwas zu erledigen gab, bevor alles in Ordnung war und es war wichtig. So wichtig, dass sie es auch nicht vergaß, als sie schon ein paar Kilkenny hinunter gelassen hatte. Der Gedanke an die Hochzeit hatte sich in ihren Gedanken festgesetzt und ließ sich auch nicht mit Alkohol runterspülen.
Yvonne merkte am nächsten Morgen, dass sie es wohl versucht hatte, denn ein Kater war die Folge der letzten Nacht.
"Du solltest dich schämen", hörte Yvonne eine leise Stimme in ihrem Kopf. Ihre Mutter hätte sie für das, was sie in den letzten Tagen getan hatte, einen Kopf kürzer gemacht und wenn Yvonne auf diese Tage zurückblickte, dann konnte sie ihr das nicht einmal verübeln. Ihre Mutter hatte immer das Beste gewollt. Sie war keine Adlige, aber stets darauf bedacht gewesen, aus Yvonne eine Dame zu machen. Und wenn Yvonne jetzt darüber nachdachte, wie sie tatsächlich auf einem Lanzenkampfturnier und dann im Kerker gelandet war. Dazu kam, dass es sich einfach nicht gehörte, einfach abzuhauen, dabei mit mehreren Männern rumzuknutschen und sich dann einfach so zu betrinken und wenn Yvonne in die Zukunft blickte, auf die Pläne, die sie hatte, dann war das nicht minder. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals von einer Frau gehört zu haben, die eine Hochzeit verhindern wollte, damit zwei Männer sich lieben konnten. Und wenn sie es durchziehen würde, dann würde man desto
trotz nie zu hören bekommen, dass das zu den guten Manieren einer jungen Frau gehörte.
Yvonne ballte entschlossen die Fäuste: "Hinfort mit den Manieren, es geht um Liebe!"
Entschlossen raffte sie sich auf, nahm alle ihre Sachen zusammen und verließ ihr Zimmer. Sie war nicht die erste, die nach draußen kam. Marcus war bereits unten bei den Pferden und machte alles für die Reise fertig. Ein Weilchen würden sie noch brauchen, um nach Galway zu kommen. Bis zum Abend wollten sie in Kildare sein, ein County westlich von Dublin. Marcus blickte nervös an den Himmel. Es war schon bedenklich hell und wenn Kian und Brian sich nicht bald beeilen würden, dann würde es dunkel sein, bevor sie Kildare
erreicht hatten. Doch die beiden ließen nicht lange auf sich warten. Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen sich auf den Straßen blicken ließen, waren sie aus Dublin raus und ritten durch eine grüne Landschaft, in der sich nur gelegentlich ein Dorf blicken ließ. Das ganze Land, das hauptsächlich aus grünen Wiesen bestand, wurde von kleinen Steinmauern durchzogen, dazwischen Schafe, die weideten. Yvonne atmete tief ein. Es war ein schönes Gefühl, sein Ziel fast erreicht zu haben. Es fehlte nur noch wenig, dann würde auch sie es geschafft haben.
Gegen Abend hatten sie es tatsächlich geschafft, nach Kildare zu kommen. Es dämmerte, als sie das County erreichten, trotzdem ritten sie weiter, während vor ihnen, irgendwo im Westen, die Sonne hinter den grünen Hügeln verschwand. Die grünen Wiesen wurden in ein tiefes Orange getaucht, während die kleinen Schleierwolken am Himmel von einem zarten Rosa überzogen wurden. Eine wahrlich romantische Stimmung ,wenn man von dem absah, was noch vor ihnen war. Yvonne hatte kurzzeitig sogar Gewissensbisse bekommen und hatte
sogar Zweifel gehabt, ob es sich mit ihrem Gewissen vereinbaren ließ, eine Hochzeit zu zerstören, doch wenn sie an Georgina dachte und an den herzzerreißenden Gesichtsausdruck, den Shane bei dem Gedanken an Nicholas angenommen hatte, dann war das wirklich kein Problem. Die Nacht war angenehm, wenn Yvonne an England zurückdachte. Es war nicht warm, doch auch nicht so kalt, dass man das Gefühl bekam, sich jeden Moment die Füße
abzufrieren. Ein leichter Wind wehte ihr durchs Gesicht, ließ die Mähne ihres Pferdes nach hinten wehen und die Bäume leise rauschen. Bis auf das Hufgetrappel was es ansonsten völlig still. Yvonne wusste nicht, warum die anderen kein Wort sagten, aber vielleicht lag es auch bei ihnen an dem überwältigenden Gefühl, endlich da zu sein. Sie konnte sich nicht
vorstellen, dass die drei mit irgendwelchen bösen Absichten nach Irland gereist waren, trotzdem war es schön, es geschafft zu haben. Es war schön, endlich in Galway zu sein. Über Offaly waren sie endlich im County angekommen. Am letzten Zipfel, trotzdem war es nicht mehr weit. Es war früh am Morgen, es dämmerte noch nicht einmal, als entschieden wurde,
noch eine kleine Pause einzulegen. Sie waren zu dem Entschluss gekommen, dass die Zeit dazu noch da war und wenn sie nach Sonnenaufgang weiterreiten würden, würden sie es schaffen. Kian hatte sich auf einer großen Wiese, die am Hang eines Hügels lag, einen Platz gesucht, stieg vom Pferd und ließ sich im Gras nieder. Yvonne setzte sich ebenfalls ins Grüne und blickte den Hang hinunter. Er lag nach Westen und sie konnte erahnen, wo sie lang reiten
würden, um endlich an die Westküste zu gelangen. Der Weg zog sich schlängelig zwischen Mauern, Wiesen und Hügeln durch, bis zum Meer, das noch nicht zu sehen war. In der Dunkelheit war alles nur schemenhaft zu erkennen, doch nachdem, was Yvonne bis jetzt gesehen hatte, konnte sie sich vorstellen, wie es aussehen würde. Sie hörte leises Rascheln und als sie nach hinten blickte, sah sie, dass Brian und Marcus sich hingelegt hatten, um zu schlafen. Kian saß noch da, blickte in ihre Richtung, ließ sich dann aber ebenfalls ins Gras fallen und rührte sich nicht mehr. Yvonne drehte sich wieder um. Selbst wenn sie gewollt hätte, so hätte sie kein Auge zubekommen und so blieb sie am Hang sitzen und blickte in die
Dunkelheit, irgendwo dahin, wo ihre Zukunft lag und wo sich das Schicksal mehrerer Menschen entscheiden würde.

"Yvonne, was da passiert ist."
Yvonne stöhnte, als Kian ihr mal wieder eine Hand auf die Schulter legte und mit ihr rede wollte. Sie nahm abwehrend die Hände hoch und sagte:
"Ich habe dich nicht geküsst!"
"Yvonne."
"Seit wann sagt ihr Yvonne zu."
"Herrgott, ich will mit dir reden!"
Yvonne spürte, wie er sich neben sie setzte. Sie wollte es sich verkeifen, sagte es trotzdem und nicht gerade freundlich.
"Willst du wieder mit mir darüber streiten, wer hier wen geküsst hat?"
"Seit wann nennst du mich Kian?
"Seit du mich Yvonne nennst", antwortete Yvonne bestimmt, zog die Knie an, legte ihre Arme verschränkt darauf und ließ ihr Kinn auf ihre Arme sinken.
"Okay Yvonne, es geht mir nicht darum, dass ich dir einreden möchte, dass du mich geküsst hast. Wir hatten beide etwas getrunken und..."
"Das ändert nichts an den Tatsachen!"
"Du hast ja Recht", sagte Kian beruhigend und obwohl Yvonne sich dagegen wehren wollte, dass ihre Wut nachließ, nur weil Kian einen verständnisvollen Tonfall einlegte, merkte sie, wie sie ruhiger wurde. Geduldig wartete sie ab, was er noch zu sagen hatte.
"Yvonne, was ich sagen wollte. es tut mir leid."
"Was?"
"Alles. die letzten Tage waren nicht einfach und ich muss sagen, dass es mir wirklich keinen Spaß macht, noch weiter mit dir zu streiten."
"Das fällt dir früh ein", gab Yvonne mit einem ironischen Tonfall zurück, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen.
"Ich weiß, aber hast du was gesagt?"
Yvonne wusste nicht, was sie antworten sollte. Sie wusste nicht einmal, ob es ihr Freude bereitet hatte, wenn sie mal das letzte Wort gehabt hatte, ob sie Spaß daran gehabt hatte, Kian zu beleidigen und ob es wirklich Sinn machte, einen Kleinkrieg zu führen, wenn man das gleiche Ziel hatte, abgesehen davon, was Yvonne anstellen wollte, wenn sie dieses Ziel erreicht hatten.
"Und an dem einen Abend", fuhr er fort, womit er an die kleine Geschichte auf der Hafenmauer erinnern wollte. Er sagte nichts dazu, sondern wartete auf eine Antwort von Yvonne. Yvonne überleget lange, was sie sagen wollte. Sie erinnerte sich an diese Nacht und sie musste zugeben.
"Es war wunderschön, oder", sagte sie halb lachend, blickte aber weiter auf den Horizont, der gerade von den ersten Sonnenstrahlen, die aus dem Osten über ihren Rücken auf das Land fielen, beleuchtet wurde.
"Ja Yvonne, das war es und ich weiß nicht, warum wir uns fertig machen."
Yvonne zuckte mit den Schultern und bekam die Antwort von Kian.
"Weil wir beide zwei bescheuerte Egoisten sind, Yvonne."
Yvonne lachte wieder und hörte sich weiter an, was Kian ihr erzählte. Sie hatte ihn an diesem Morgen noch kein einziges Mal angesehen.
"Lass uns aufhören damit. bitte Yvonne." Seine Stimme klag verzweifelt, bittend und sogar überzeugend. Yvonne konnte nicht anders, als ihren Blick endlich von der Landschaft abzuwenden und ihm in die Augen zu schauen.
Yvonne erschrak, als sie in seine Augen blickte. Sie glitzerten feucht in der Morgensonne, sein Haar glänzte golden im Licht und er blickte ihr so tief in die Augen, dass Yvonne das Gefühl bekam, von seinem Blick aufgespießt zu werden. Da war es wieder, dieses etwas in seinen Augen, das Yvonne eine Gänsehaut verpasste und dafür sorgte, dass sie ihren Blick nicht mehr abwenden konnte. Aber da war noch etwas anderes, dass noch nie da gewesen war. Diesmal ging es tiefer, als die Haare und die Augen. Und vielleicht auch sein Hintern. Es war etwas, das einem Stiche ins Herz versetzte und Yvonne verspürte plötzlich die Sehnsucht, ihn noch einmal zu küssen. Doch sie konnte nicht anders, als in seine Augen zu starren, die
sehnsüchtig und immer noch bittend flackerten, feucht wurden und Yvonne musste weinen. Sie musste sich zwingen, ihn nicht weiter anzublicken und schaute wieder auf die Hügel, die nun golden in der Morgensonne glänzten und einen wunderschönen Morgen anpriesen. Sie ließ ihre Tränen laufen, spürte, wie sich ein Kloß in ihren Hals festsetzte und ihre Knie weich wurden. Sie war froh, dass sie auf der Erde saß. Und dann spürte sie etwas, das so unglaublich war, dass sie nicht wusste, woher es kam. Sie wusste, dass Kians Lippen, die feucht und kühl in ihrem Nacken lagen, es verursachten. Langsam suchte er sich seinen Weg über ihren Nacken, bis Yvonne ihren Kopf drehte und ihm einen Kuss gab, der so innig war, dass sie geradezu das Gefühl bekam, mit ihm zu verschmelzen. Kian schloss sie in die Arme, dann drückte er sie ein paar Zentimeter von sich weg, um ihr in die Augen sehen zu können.
"Yvonne, ich liebe dich doch!"

Yvonne hatte sich nie verliebt, ohne das Gefühl zu haben, dass es nicht der richtige war oder der, mit dem sie zusammen sein wollte. Sie konnte nicht einschätzen, ob Kian der richtige war, doch er hatte bei ihr etwas ausgelöst, dass sie immer mehr dazu brachte, doch den Entschluss zu fassen, dass er es sein könnte. Als sie sich an dem Morgen aufmachten, wusste sie, dass sich wieder etwas geändert hatte. Ja, sie starrte ihn wieder an, wenn er sich durch ihr Blickfeld bewegte. Es war nicht die Liebe auf den ersten Blick gewesen, es hatte ein wenig mehr gebraucht, ein paar mehr Blicke und die hatten sich gelohnt. Und wenn sie ihn wieder anstarrte... Kian merkte es und er nahm es ihr nicht übel. Er hielt was auf sich, daran hatte sich nichts geändert. Und in Sachen Liebe. Kian wurde dann geliebt, wenn er geliebt werden wollte und wenn er es nicht wollte, dann eben nicht. Yvonne wusste nicht, wie er das anstellte, doch es war einfach so. Er hatte halt Talent und dagegen konnte sie sich nicht wehren. Sie konnte nur hoffen, dass die Zeit, in der er lieber wieder streiten wollte, noch fern war.
Doch die Zeit kam nicht, während sie weiter Richtung Küste ritten. Vor den anderen hatten sie nichts erwähnt, doch Yvonne war von Anfang an klar gewesen, dass Brian es merken würde und auch Marcus ließ nicht lange auf sich warten. Yvonne wusste nicht recht, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollte, wenn sie an die Nacht mit Marcus zurückdachte. Er hatte Schluss gemacht, doch irgendetwas zwang sie dazu, immer wieder daran zu denken, gerade in den Momenten, wenn sie Kian in Marcus Gegenwart ein Küsschen gab. Vielleicht dachte auch er an die Nacht zurück, die wirklich schön gewesen war... Yvonne schüttelte den Gedanken ab. Es war vorbei mit Marcus, daran konnte sie nichts ändern und erst recht nicht daran, dass sie Kian liebte. Vielleicht schaukelten sich ihre Gefühle genau deshalb wieder ein, weil sie versuchte, sich diese Tatsachen immer wieder vor Augen zu führen. Und sie vergaß alles, als sie die Küste erreichten. Von einem Hügel aus konnte sie hinunter schauen und einen langen Streifen der Küste erkennen und kleine weiße Strände wechselten sich mit Felsen und Klippen ab, dahinter grüne Wiesen und hinten am Horizont die Sonne, die sich wie ein roter Feuerball auf die Stelle zuschob, wo Himmel und Erde sich berührten. Und
diesmal würde auch Kian ihr diesen Ausblick nicht vermiesen, wie er es in England getan hatte. Seine Ader für Sentimentales kam wieder hervor, er blieb stehen, seufzte zufrieden auf und sagte glücklich: "Wir haben es geschafft!"
Wäre die Beziehung zwischen Yvonne und Kian anders verlaufen, so hätte Yvonne bestimmt etwas gesagt wie "Wow, ihr habt es auch schon gemerkt", oder ähnliches, doch sie war froh, dass sie sich nicht einmal mehr dazu zwingen musste, solche Bemerkungen zu unterlassen. Sie wollte nicht mit Kian streiten, den Moment genießen und dann gemütlich mit den dreien hinunter zur Küste reiten, um noch vor der totalen Finsternis in ihrem Quartier anzukommen.
Es wurde ernst. Die Zeit war knapp gewesen und so war es nicht verwunderlich, dass die Hochzeit bereits einen Tag nach ihrer Ankunft stattfinden würde. Yvonne wusste immer noch nicht, was sie genau anstellen wollte und die große Frage, wen sie einweihen wollte, stand immer noch offen. Kian fiel raus, denn Yvonne wusste nicht, wie er reagieren würde.
Trotz ihrer großen Liebe zu ihm, hatte sie ihn immer noch nicht durchschaut und Männer waren sowieso kaum zu verstehen. Und er war ganz bestimmt nicht nach Irland gereist, um alles kaputt zu machen, sondern um eine Hochzeit zu feiern. Da waren Marcus und Brian ganz sicher eher geeignet. Als Knappen würden sie keinesfalls auf der Hochzeit erscheinen, genauso wenig wie Shane...
"Shane", dachte Yvonne und wendete sich an Kian.
"Wo werden wir denn heute übernachten?"
"Alle Gäste werden in einem Schloss untergebracht sein. Und weil du ja nun nicht mehr von meiner Seite weichen wirst..."
Yvonne lächelte ihn verliebt an, was er sofort zurückgab. Yvonne hatte nie gewusst, dass er so gucken konnte. Sie war erleichtert über das, was Kian eben gesagt hatte. Sie konnte sich
durchaus vorstellen, dass Nicholas und Georgina sich ebenfalls in diesem Schloss befinden würden, was so viel bedeutete, dass sie mit Shane Tür an Tür schlafen würde. Sie freute sich, ihn wiederzusehen und war gespannt, wie er bei ihrem Anblick reagieren würde, weil sie sich lebhaft vorstellen konnte, wie er schon am Pläne schmieden war, sie so schnell wie möglich aus dem Kerker zu befreien. Bei dieser Vorstellung musste sie unweigerlich in sich hineingrinsen. Allerdings verschwand dieses Grinsen, als sie da waren. Ein wenig hilflos
blickte sie an der Fassade der Gemäuers vor ihr hoch und bekam den Mund nicht wieder zu. Wann hatte sie das letzte Mal so gewohnt? Es musste in ihrem letzten Leben gewesen sein.
"Mund zu Yvonne... was zu Essen gibt es später..."
Kian grinste sie an und ritt dann, ohne noch einen Kommentar von Yvonne abzuwarten, auf das Große Tor zu. Yvonne folgte ihm, dann kamen Brian und Marcus. Das Tor war geöffnet und die vier landeten auf einem großen Hof, der sich zwischen den Gebäuden befand. Yvonne blickte sich um. Der Hof war leer, bis auf ein paar Knappen, die sofort angerannt kamen, um die Pferde zu versorgen. Yvonne fühlte sich etwas unwohl. Sie wollte es unbedingt vermeiden, Sylvia über den Weg zu laufen. Doch Kian ließ ihr keine Zeit, um nachzudenken. Er nahm sie an die Hand und zog sie auf die großen Steintreppen vor dem Haupteingang zu. Er betrat mit ihr die große Eingangshalle, die prächtiger war, als alle Räume, die Yvonne
je betreten hatte. Doch wieder blieb keine Zeit, sich ein wenig umzuschauen. Sofort wurden sie empfangen, ein Mann lief mit einer Liste herum und hakte Namen ab.
"Kian Egan", sagte Kian und beobachtete den Mann, wie seine Augen suchend über die Liste flogen.
"Ah, da haben wir es ja... halt... hier steht ihr und zwei Knappen... sonst niemand..."
Der Mann suchte weiter. "Nein, sonst niemand."
Kian setzte einen überraschten Blick auf. "Das kann nicht sein, das ist ein Missverständnis... sie ist meine Geliebte!"
Kian zog Yvonne an sich heran und küsste sie wieder. Yvonne umarmte ihn und ließ erst wieder los, als der Mann neben ihnen sich räusperte. Yvonne wurde rot.
"Na gut, ihr Zimmer ist oben", sagte der Mann und Kian ließ nicht länger auf
sich warten und nahm Yvonne mit auf sein Zimmer.
"Sag mal", fing Yvonne an, der die Sache von eben immer noch ein wenig unangenehm war. "Machst du so was öfters?"
"Nein, nur, wenn es ein muss!"
Kian grinste sie noch einmal an und begann dann mit der Zimmersuche. Schnell hatte er es gefunden, öffnete die große Eichenholztür und betrat mit Yvonne das Zimmer. Was Yvonne als erstes auffiel, als sie durch die Tür kam, war das riesengroße Bett in der Mitte des Zimmers und als sie und Kian sich noch einmal anblickten, wusste sie, dass Kian in dem Moment die gleiche Gedanken hatte, wie sie. Beide mussten lachen. Yvonne ließ sich seufzend auf die weiche Matratze fallen und schloss die Augen. Sie war erschöpft, aber zufrieden. Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als die Matratze neben ihr ein Stückchen absank. Kian hatte sich neben sie gelegt, kuschelte sich an sie und begann, seine Finger über ihre Schultern gleiten zu lassen. Yvonne verspürte ein Kribbeln im Bauch, als Kian sich langsam daran machte, sie von ihrer Kleidung zu befreien... Das Feuer, dass die ganze Zeit im Kamin gebrannt hatte, war zur Glut geworden, draußen war der Mond in voller Pracht aufgegangen und die Sterne leuchteten wie Diamanten, als Yvonne sich an Kian kuschelte und ihm ein Küsschen gab. Es war spät, beide waren müde und es gab nichts, was beredet
werden musste. Beide hatten eine lange und anstrengende Reise, die die beiden auf nicht gerade angenehme Weise zusammengeführt hatte, hinter sich. Sie war vorbei, würde der Vergangenheit angehören und es gab absolut nichts, was man tot diskutieren musste. Beide lagen gemeinsam unter der Bettdecke und verarbeiteten ihre erste Nacht, den schönsten Moment, den es gegeben hatte, seit die zwei sich kannten und Yvonne wünschte sich, dass es nicht der letzte war, dass es da nichts gab, was Kian je wieder von ihr reißen würde. Kian hatte die Augen geschlossen und als Yvonne ihren Kopf auf seine Brust legte, ging sein Atem langsam und gleichmäßig. Yvonne lauschte seinem Herzklopfen und wurde müde. Doch sie wollte nicht schlafen. Da war etwas, was unbedingt erledigt werden musste, bevor der Morgen kam. Yvonne hob ihren Kopf, ging an Kians Ohr und flüsterte: "Kian?"
Kian regte sich nicht, atmete ruhig weiter und schien zu schlafen.
"Kian?", flüsterte Yvonne noch einmal und als er immer noch keine Regung zeigte, schlug sie die Bettdecke zurück und stand auf. Leise schlich sie durch das Zimmer, nahm sich den Morgenmantel, der über einem Stuhl hing und stahl sich zur Tür. Sie quietschte ein wenig, als Yvonne sie öffnete, doch Kian schlief weiter. Auf dem Flur war es totenstill und Yvonne wünschte, sie wäre nicht alleine. Doch sie konnte Kian unmöglich wecken, und ihm erzählen,
was sie vorhatte, also schlich sie alleine weiter, bis sie die Treppe erreichte und hinunter in die leere Eingangshalle blicken konnte. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen und Yvonne setzte eine Fuß nach dem anderen auf die Treppenstufen, bis sie unten angekommen war. Da war der Tresen und den suchte Yvonne. Sie musste Brian finden und wusste nicht, wo er sein Zimmer hatte. Sie hatte es nicht gewagt, an die Nachbartüren von Kian zu klopfen, um wohlmöglich noch den falschen zu erwischen. Auf dem Tresen lag die Liste mit den Namen. Leichter als Yvonne gedachte hatte und als sie sich die Liste im Schein des Mondes, der durch die Fenster drang, anschaute, fand sie, was sie suchte. Sie platzierte die Liste so, wie sie sie vorgefunden hatte, als sie plötzlich eine Hand auf der Schulter spürte.
Sie wollte schreien doch jemand hielt ihr den Mund zu und machte "Sh".
Yvonne ließ ihre Luft raus, der jemand hinter ihr ließ sie los und Yvonne wagte es nicht, sich umzudrehen. Das war auch gar nicht nötig.
"Wer seid ihr", fragte eine bekannte Stimme hinter ihr. Yvonne drehte sich um.
"Shane?"
"Yven?"
Das Erstaunen war in beider Stimmen nicht zu überhören und wenige Sekunden später lagen sich die beiden in den Armen.
"Yvonne, was machst du hier?" Shane konnte nicht fassen, was gerade passiert war, dass Yvonne vor ihm stand, mitten in der Nacht, in Irland.
"Shane, ich hab dich vermisst!", brachte Yvonne nur hervor, das einzige, was sie in diesem Moment dachte. Sie hatte es nicht erwarten können, Shane wiederzusehen und dann ging es sogar schneller als geplant.
"Ich hab dich ja so vermisst", sagte sie noch einmal und schloss ihre Arme ein wenig fester
um Shanes Hals.
"Ich dich auch", gab Shane glücklich zurück, nahm dann aber seine Arme runter und sagte: "Lass uns woanders hingehen. Ich möchte hier nicht stehen bleiben."
"Warum bist du hier unten?"
"Wollte frische Luft schnappen, aber was machst du in Irland?"
"Gleich, okay?", sagte Yvonne und zog ihn mit sich zu der großen Eingangstür. Shane öffnete sie und trat hinaus in die Dunkelheit. Yvonne folgte ihm und ließ sich dann neben ihm auf den großen Steintreppen nieder. Eine Weile lang sagten beide gar nichts. Yvonne wollte nur neben ihm sitzen, kurz genießen, das sie endlich erreicht hatte, was sie wollte und das Shane bei ihr war. Shane bereitete dem Schweigen ein Ende.
"Also Yven, was tust du hier?"
"Ich bin wegen der Hochzeit hier."
Shane sagte kurz nichts, seufzte traurig und stütze die Ellbogen auf die Knie.
"Ich wünschte, morgen würde nie kommen."
Yvonne legte mitleidig ihren Arm um ihn, ließ ihre Hand auf seinem Rücken auf und ab gleiten und sagte: "Es wird alles wieder gut."
"Gar nichts wird gut", sagte Shane und man konnte hören, dass die ersten Tränen dazu bereit waren, loszulaufen. "Nicholas heiratet morgen." Shane nahm seine Hand und wischte sich damit über die Augen.
"Deshalb bin ich hier Shane. Alles wird gut."
Yvonne blickte bestimmt in die Ferne, die irgendwo in der Dunkelheit lag. Shane ahnte Schreckliches.
"Yvonne, was hast du vor?"
Yvonne wollte ihn nicht beunruhigen, ihn aber auch nicht anlügen und auf ihre ganz direkte Art, sagte sie: "Ich werde nicht zulassen, dass du unglücklich bist!"
"Du willst nicht wirklich..."
Bevor Shane seinen Gedanken aussprechen konnte, kam Yvonne ihm dazwischen:
"Doch, ich will! Es ist mir egal, ob du mir dabei helfen willst, oder nicht, aber ich weiß, dass du diese Hochzeit nicht willst, egal, was du jetzt sagen oder tun wirst."
Shane stand auf, doch Yvonne rührte sich nicht von der Stelle.
"Überleg es dir", sagte sie und ließ Shane dann die Zeit, die er brauchte.
Er ging wieder in das Gebäude, während Yvonne noch ein paar Minuten wartete. Erst, als sie anfing zu frieren, verließ sie die Treppe und machte sich auf den Weg zu Brians Zimmer. Sie wusste nicht genau, was sie von ihm zu erwarten hatte, glaubte jedoch, dass Brian ebenfalls das Bedürfnis hatte, die Welt und ihre Gesellschaft auf den Kopf zu stellen, um endlich ein
besseres Leben zu führen. Sie hatte keine große Lust, in dieser Nacht noch mehr von diesen tiefsinnigen Gesprächen zu führen, vor allen Dingen, weil es in den letzten Tagen genug davon gegeben hatte, doch wenn es sein musste... Brians Zimmer befand sich gegenüber von Kians und war nicht schwer zu finden. Yvonnes Schritte waren auf dem Teppich, der sich lang durch den ganzen Flur zog, gedämpft und sie hoffte, das auch durch das laute Klopfen
an Brians Tür niemand wach werden würde. Nach einen zaghaften Klopfen an die Holztür war aus dem Zimmer keine Antwort gekommen und Yvonne hatte lauter Klopfen müssen. Ein wenig nervös schaute sie sich um, um sicher zu gehen, dass sich nicht doch irgendwo eine Zimmertür geöffnet hatte und irgendjemand sich gestört fühlte. Doch es blieb leer und dann kam das erlösende "Ja?" aus Brians Zimmer.
"Ich bin's... Yvonne!"
Yvonne hörte Schritte, die auf die Tür zukamen und wenige Minuten später saß sie in einem der großen Ledersessel vor Brians Kamin. Yvonne war erstaunt darüber, dass alle Zimmer so luxuriös ausgestattet waren. Brian legte noch einmal Torf nach und setzte sich ihr gegenüber. Er wartete. Yvonne beobachtet die Glut, die sein Gesicht leicht erhellte, und sagte:
"Kann ich mit dir reden?"
"Sonst hätte ich dich nicht hereingelassen."
"Es geht um morgen... die Hochzeit..."
"Ach die... ja, hab mich schon die ganze Zeit gefragt, was du da vorhast. Oder bist du eingeladen?"
"Eingeladen? Nein, eigentlich sollte ich im Kerker sitzen! Ich habe nicht vor, mich vor der Kirche zu platzieren, um dem glücklichen Paar zuzujubeln. Nein, so weit wird es nicht kommen."
"Wie weit?"
"Das ist es ja, warum ich hier bin. Ich werde nicht zulassen, dass Nicholas Georgina Ahern heiraten wird."
"Wieso?" Brian verstand nicht, was Yvonne ihm gar nicht verübeln konnte. Sie musste wohl etwas weiter ausschweifen.
"Es geht um Shane und Nicholas."
"Um Shane und Nicholas?"
Brian wurde sichtlich immer verwirrter und sagte: "Okay, ich halte jetzt meine Klappe und du erzählst mir einfach alles!"
Yvonne nickte, schluckte einmal kräftig und atmete tief durch, um nicht vorher losheulen zu müssen. Sie wollte ihm vorher noch das Wichtigste erzählen. Dann konnte sie immer noch Tränen vergießen, sich vor ihm auf die Knie werfen und ihn anflehen, ihr zu helfen.
Brian hörte die ganze Zeit geduldig zu, nickte ein paar Mal und sagte erst einmal gar nichts, als Yvonne fertig war. Er saß da, blickte in die Glut und fragte irgendwann, als Yvonne schon fast wieder ganz woanders war: "Warum willst du, dass ausgerechnet ich dir helfe, oder hatte ich das jetzt falsch verstanden?"
"Nein, da hast du gar nichts falsch verstanden. Ich kann dich nicht dazu zwingen, aber was ist, wenn ich Bitte sage?"
Yvonne blickte ihn mit großen, erwartungsvollen Augen an.
"Warum ich?", wiederholte Brian seine Frage.
"Wegen Kerry!"
"Wegen Kerry?", fragte Brian erstaunt und verstand nicht, was Yvonne meinte.
"Ja, wegen Kerry. Brian es ist so einfach. Es geht um das Prinzip, endlich alles anders zu machen, um endlich das zu tun, was du willst. Wenn Shane und Nicholas wieder zusammen sind, dann steht dir und Kerry doch nichts mehr im Wege."
Brian nickte. Seine Augen verengten sich und blickten traurig Richtung Kamin, als er an Kerry dachte. Alles war so schwer, doch Yvonne hatte Recht. Man musste etwas ändern. Man musste es einfach tun, und wenn es darum ging, die Liebe zweier Männer zu retten. Es würde ein Skandal werden, auf den ein zweiter folgen würde.
"Ich helfe dir, Yven", sagte Brian und erhob sich. "Aber ich finde, du solltest jetzt ins Bett gehen!"
Yvonne nickte, stand auf und ging mit Brian zur Tür. Dieser schob sie sanft auf den Flur und schloss dir Tür nach einem "Gute Nacht" hinter ihr. Zurück auf ihrem Zimmer kuschelte sie sich wieder an Kian, der immer noch am schlafen war, und schloss die Augen. Sie hatte geahnt, dass sie kein Auge zumachen würde, lag lange wach, wartete, dass der Morgen kam, wurde jedoch von der Müdigkeit übermannt und schlief ein.

"Yvonne?"
Ein lautes Klopfen und Brians Stimme weckten Yvonne am nächsten Morgen. Sie war sofort hellwach und als sie neben sich blickte, war das Bett leer. Kian war nicht mehr da und Yvonne konnte keine Geräusche aus dem Bad vernehmen.
"Yvonne?", ertönte Brians Stimme noch einmal und er klopfte heftiger an die Tür. Yvonne blickte sich noch einmal suchend im Zimmer um, lauschte noch einmal an der Badtür, doch als von Kian weder was zu sehen, noch zu hören war, ging sie zur Tür und öffnete. Wie erwartet stand Brian davor und hüpfte aufgeregt auf der Stelle auf und ab.
"Na endlich", sagte er nervös, als Yvonne endlich in der Tür erschienen war und im verschlafen entgegenblickte.
"Was ist los?"
"Yven, hast du mal bemerkt, wie spät es ist?"
"Spät?... Brian, klär mich auf... wo ist Kian?"
Brian fing an zu lachen. "Yvonne, aufwachen!"
Brian wedelte mit seiner Hand vor Yvonnes Gesicht herum, kniete vor Yvonne nieder und fragte: "Georgina, willst du mich heiraten?"
Yvonne riss die Augen auf. Auch, wenn sie Brians Art, sie an die Hochzeit zu erinnern, relativ komisch fand und hoffte, dass es niemand gesehen hatte, war sie schockiert. Sie hatte nicht wirklich verschlafen...
"Brian, hab ich verschlafen?", fragte sie vorsichtshalber noch einmal und Brian bestätigte dies mit einem Nicken.
Yvonne schrie kurz auf und, schlug die Tür zu und rief; "Bin sofort da! Warte!"
Brian blieb vor der Tür stehen, trat nervös von einem Fuß auf den anderen und blickte sich auf dem Flur um, ob sich irgendetwas interessantes tat. Doch es blieb leer. Die einzigen, die sich jetzt noch in dem Schloss befanden und etwas anstellen wollten, waren er und Yvonne. Yvonne hatte von Shane erzählt, doch der war nirgendwo zu sehen. Brian wusste nicht einmal, ob sie ihn schon getroffen hatte. Gott, vielleicht wusste er noch gar nichts von der Sache... Egal, Yvonne war sich ihrer Sache sicher und Brian hatte schnell gelernt, dass man ihr dann lieber nicht dazwischen reden sollte. Marcus war auch nirgendwo zu sehen. Wahrscheinlich war er noch am Schlafen. Der Kerl war durchaus zu beneiden. Die Reise war anstrengend und Brian konnte nicht leugnen, dass er ebenfalls das Bedürfnis hatte, sich einfach aufs Ohr zu hauen und zu schlafen.
Yvonne beeilte sich. Gerade als Brian genug über Marcus nachgedacht hatte, flog die Tür auf und Yvonne stürmte auf den Flur. Ohne einmal anzuhalten, packte sie Brian am Arm und zog ihn nach draußen. Das Wetter war schön, der perfekte Morgen für eine Hochzeit... vorausgesetzt man wollte überhaupt heiraten und obwohl Yvonne nicht hundertprozentig wusste, ob Nicholas Georgina mochte oder nicht, war sie sich sicher, dass er mit dieser Frau
nicht glücklich werden würde.
Brian rannte mit ihr in den Stall. Er war bestens informiert, wo ihre Pferde standen, wo sie Sättel hingen und er schien ebenfalls zu wissen, wo sie hinmussten, nachdem sie fertig waren. Doch er blieb noch kurz stehen und stellte die Frage, die ihm auf der Zunge brannte: "Wo ist Shane?"
Yvonne zuckte mit den Schultern.
"Ich hab gestern Nacht mit ihm geredet und er war unentschlossen... aber das ist jetzt nicht wichtig. Wenn wir den jetzt noch suchen, dann ist es vielleicht zu spät."
Brian gab ihr Recht und ritt los. Yvonne folgte ihm im Galopp und die beiden ritten über die Wiesen hin zu einer kleinen Kirche, aus der man Orgelmusik und Gesang hörte. Yvonne betete, dass sie nicht zu spät waren. Brian deutete ihr, zu warten. Er zeigte auf eine kleine Tür, die wie ein Seiteneingang aussah. Er stieg vom Pferd, ging auf diese Tür zu und verschwand in der Kirche. Yvonne ritt noch ein Stück auf die Kirche zu und wartete. Und es dauerte nicht lange, da hörte sie einen verzweifelten Schrei.
"Yvonne", tönte es aus der Kirche und Yvonne erkannte Brians Stimme. Es hörte sich eilig an und Yvonne wartete nicht länger, stieg nicht erst vom Pferd ab und stürmte in die Kirche. Ohne auf die hysterischen Schreie, die links und rechts von ihr ertönten, zu achten, ritt sie durch den Mittelgang, die Augen immer auf die zwei Personen gerichtet, die sich vor dem Altar erschrocken umgedreht hatten und sie erschrocken anblickten. Nicholas und
Georgina. Hinter ihnen stand ein Priester, der nicht weniger erschrocken war. Yvonne konnte erkennen, dass Nicholas bereits den Ring in der Hand hatte. Brian hatte also im letzten Moment gerufen und als sie an ihn dachte, hörte sie ihn wieder schreien. Sie blickte nach hinten und sah, wie Brian von der Orgeltribüne sprang. Er hatte sich also den besten Platz ergattert und mitbekommen, dass sie eingreifen mussten.
"Yvonne", rief Nicholas und ließ den Ring fallen. "Was tust du hier?"
Yvonne stieg vom Pferd ab, stellte sich vor das Ehepaar und blickte Nicholas eindringlich in die Augen. "Dich vor dem größten Fehler deines Lebens bewahren!"
Nicholas blickte ein wenig verwirrt drein und Yvonne schaute sich in der Kirche um. Alle Augen waren auf sie gerichtet und nicht sonderlich weit hinten konnte sie Kians eisblaue Augen funkeln sehen, wie er sie erschrocken und entgeistert zugleich anstarrte und es nicht wagte, sich zu rühren. Es war totenstill in der Kirche und so wandte Yvonne sich wieder an Nicholas und formte ihre Lippen zu einen "Shane!"
Nicholas verstand, ließ den Kopf sinken und starrte hilflos auf den roten Teppich, der zur Feier des Tages in der Kirche lag. Yvonne schaute ihm dabei zu, wie er verzweifelt überlegte, was er tun sollte. Das waren Gäste in der Kirche, die nun von ihm erwarteten, dass er Georgina den Ring auf den Finger steckte, da war ihr Vater, der seine Tochter in festen Händen sehen wollte, da war Louis, Nicholas Vater, der die Ehre der Familie retten wollte und da waren Yvonne und Brian, denen das alles ganz egal war. Es ging darum, sich
zwischen der Liebe und alle dem, was man von ihm erwartete, zu entscheiden und Nicholas merkte, dass dies wahrlich nicht leicht war. Yvonne sagte nichts, wartete auf eine Reaktion, die sie leider nicht bekam, bevor es Georginas Vater reichte.
"Nein!", schrie er, sprang von seine m Platz auf und zog seinen Degen aus dem Gürtel. Damit stürzte er sich zuerst auf Yvonne. Eine Hysterie brach in der Kirche aus, die Frauen sprangen auf und rannten aufgeregt aus der Kirche, während die Männer ihre Degen zogen und sich gegen Brian und Yvonne stellten. Georgina schaute dem ganzen ein wenig hilflos zu, während Nicholas nicht wusste, gegen wen er sein Schwert richten sollte. Yvonne wehrte mit dem Degen, den Brian ihr noch am Schloss gegeben hatte, geschickt alles ab und wartete verzweifelt darauf, dass Nicholas sich endlich entscheiden würde. In der Kirche waren noch eine ganze Menge Leute. Es fehlten nur ein paar Frauen, die ängstlich geflüchtet waren, die
restlichen Gäste saßen, unfähig sich zu rühren, in ihren Bänken und schauten sich das Spektakel fassungslos an. Nicht einmal Kian griff ein. Yvonne konnte sich vorstellen, dass er rein gar keine Ahnung hatte, was vor sich ging. Das war auch nicht mehr nötig, als Nicholas sich endlich entschieden hatte, der Szene ein Ende zu setzen. Er schnappte sich einen Degen, rannte damit auf Yvonne, Brian und Georginas Vater zu. Yvonne blieb starr stehen
und hoffte, dass Nicholas die richtige Entscheidung treffen würde. Nicholas blieb bei den dreien stehen, hob seinen Degen und schlug damit auf den von Georginas Vater ein. Yvonne konnte es nicht fassen und als sie merkte, dass Brian und Nicholas nicht ganz gegen ihn ankamen, stürzte sie sich von hinten auf ihn und warf ihn zu Boden. Brian traf ihn noch einmal in die Bauchgegend, als er schon am Boden lag und machte sich dann auf den Weg
zum Ausgang. Nicholas folgte ihm und auch Yvonne rannte ihnen hinterher. Sie sah noch Sylvia und Louis in der ersten Bank sitzen, die immer noch nicht fassen konnte, was sie gerade gesehen hatten. Sylvia warf ihr einen tötenden Blick zu, dann rannte Yvonne weiter. Vorbei an all den Gästen, vorbei an Kian. Nur noch raus. In der Kirche war es still geworden. Keiner reagierte, niemand wagte es, sich zu rühren. Der erste, der etwas tat, war Kian. Ruckartig stand er auf, rief noch ein lautes "Yvonne" und wollte hinterher rennen, als Georgina sich umdrehte und rief: "Egan, das wagt ihr nicht!"
"Doch, das ist nicht meine Art, meine Geliebte einfach so im Stich zu lassen."
Sylvia erhob sich und funkelte ihn böse an. Sie wollte etwas dazu sagen, doch Kian war bereits durch den Ausgang verschwunden. Man hörte draußen noch Hufgetrappel, dann war es wieder still. Yvonne hielt Nicholas noch einmal fest, bevor er an Shanes Zimmertür
klopfte.
"Viel Glück", flüsterte sie ihm zu und schob ihn dann auf die Tür zu. Dann zog sie Kian und Brian mit sich. Das musste Nicholas alleine machen. Nicholas klopfte noch einmal und dann kam ein leises und wimmerndes "Herein", das ohne Zweifel von Shane stammte. Nicholas drückte die Türklinke herunter und betrat ein wenig unsicher das Zimmer. Shane lag auf dem Bett, hatte seinen Kopf unter dem Kissen vergraben und schluchzte vor sich hin. Er schaute nicht einmal auf, als Nicholas herein kam.
"Shane?", fragte Nicholas vorsichtig und trat näher an das Bett heran.
"Shane!"
Shane erkannte Nicholas unverkennbare Stimme sofort, schaute auf und wusste nicht, was er sagen, geschweige denn tun sollte.
"Ni... Nicholas", brachte er mit Mühe und Not heraus und starrte ihn ungläubig an.
"Shane", rief Nicholas noch einmal, stürmte auf ihn zu, schloss ihn in die Arme und flüsterte: "Shane, ich liebe dich!"
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Es war gewiss der Abend, an dem Yvonnes Augen leuchteten, wie der Mond, der durch das dunkle Blau seine Bahn am Himmel entlang zog, irgendwoher hergekommen, aus dem Meer, das dunkel, nur im Mondschein glitzernd, unter ihnen lag. Kian hatte sich mit ihr auf eine Klippe gesetzt, den Arm um ihre Hüfte geschlungen und auf den Mond gedeutet. Er hatte nichts sagen brauchen, denn Yvonne hatte einfach genickt, ihren Kopf auf seine Schulter gelegt und sich den Mondaufgang angeschaut, wie sie nie einen gesehen hatte. Sie spürte
Kians Wärme, sein Herz, dass dicht an ihrem schlug und seine Lippen, die immer wieder die ihren suchten und darauf ruhten, so sanft wie der Wind das Wasser zu kleinen Wellen formte, die sich ineinander verloren. Yvonne verlor sich in seinen Armen, ließ sich darin fallen und wollte auf ewig liegen bleiben, den Mond betrachten, die Sterne und das fühlen, was sich in Kians Brust verbarg. Von ihm ging etwas aus, das man nicht beschreiben konnte, etwas, das kam, sich festsetzte und nicht noch einmal fortgehen würde. Auch nicht, als Kian sie hochdrückte und aufstand. Yvonne blickte ihm in die Augen, als er etwas unglaubliches tat. Seine Augen fingen an zu leuchten, dann fiel er vor ihr auf die Knie und fing an zu reden:

Yven,
Es gibt einen und doch so viele Gründe
Dich hierher geführt zu haben
Einer mögen die Sterne sein
Die mich fortan an Dich erinnern
Und wenn sie nicht halb so schön leuchten
Wie Deine Augen
Ein anderer der Mond
Der so einsam am Himmel steht
Dass ich dieser Mond sein könnte
Wenn Dein Herz nicht in meiner Nähe brennt
Denn alles erscheint so leer und unwirklich
Wenn Du nicht bei mir bist
So kalt wie ein Winter
In dem die weiße Einöde
Bis zum Horizont sich erstreckt
Und nichts zu sehen ist
Was annähernd so schön ist
Wie Dein Antlitz
Das alle Leuchtkraft
Der glitzernden Eiskristalle
Um das Vielfache einer nicht existierenden Zahl übertrifft
Selbst auf dem schwierigen Weg
Schwer zu begehen durch die Unebenheiten
Durch die dunkeln Seiten der Liebe
Die uns auf dem Weg begleitet haben
Hat das Faszinierende an Dir
Nie an Anziehungskraft verloren
Ich habe die Sonne auf
Und wieder untergehen sehen
Und an jedem Tag, an dem der rote Feuerball
Der nicht im Geringsten
Die Wärme Deines Herzens besitzt
Dem Horizont nahe kam
Ist der Funke Hoffnung auf Liebe
Der tief in mir leuchtete
Nie erloschen
Denn jeder Tag
An dem die Sonne wieder aufging
Brachte ihn erneut zum Glühen
Mit der Hoffnung auf das
Nach dem sich mein Herz so sehr sehnt
Dass es aus lauter Verzweiflung fast in Stücke bricht
Die so klein sind
Dass sie durch ein Nadelöhr passen könnten
Denn ich habe Dich vermisst
Wie die Sonne die Blume vermisst
Wie die Sonne die Blume
Im tiefsten Winter vermisst
Und wenn Du so nah bei mir warst
So habe ich mich gesehnt
Nach dem, was sich in Dir verbirgt
Denn ich habe nach einer Liebe gegriffen
Die so fern schien
Wie die Sonne
Die mit ihrem Licht
Nicht die Hälfte Deiner Schönheit bestrahlen könnte
Da sie nicht über die Macht verfügt
Etwas unter ihren goldenen Strahlen zu platzieren
Das größer ist
Als das Universum
Und so hatte die Sonne nicht die Kraft
Mich aus der eisigen Welt zu holen
In die mich die Erloschenheit
Der brennenden Flamme in Deinem Herzen
Verbannt hat
Dies vermag nur eine
Yven,
Willst du meine Frau werden?

Yvonne hatte Tränen vergossen, bereits nach den ersten Zeilen. Und trotzdem
brachte sie es über die Lippen:
"Ja Kian, ich will!"