Es begann alles mit einem Flug. Nichts Besonderes eigentlich für uns,
bis auf die Tatsache, dass es ein Privatflug war, der nur uns fünf als
Passagiere hatte, um uns über eine unkonventionelle, aber recht schnelle
Strecke unabhängig vom öffentlichen Flugverkehr von Dublin nach Glasgow
zu bringen, wo wir einen wichtigen Preis entgegen nehmen sollten. Auch wenn
wir den Preis später noch bekommen sollten, so kamen wir an diesem Abend
in Glasgow nie an.
Wir waren müde, hingen mehr in unseren Sitzen als dass wir saßen,
und nicht einmal B. war an diesem Abend zum Scherzen in der Lage. Keine Frage,
es herrschte dicke Luft. Wir hatten uns aufgrund unserer durch Erschöpfung
verursachten ungewöhnlichen Reizbarkeit bereits fast eine halbe Stunde
angeschwiegen und wussten auch nicht, wie der Abend weitergehen sollte, wenn
sich unsere Stimmung nicht besserte, als die Turbulenzen, die uns bereits den
gesamten Abend über begleitet hatten, ziemlich plötzlich ziemlich
viel stärker wurden.
Ich neige nicht dazu, luftkrank zu werden - das wäre in meinem Beruf aber
auch extrem hinderlich - doch dieses Mal verspürte ich plötzlich das
dringende Bedürfnis zu kotzen. Wir waren noch etwa eine weitere halbe Stunde
von Glasgow entfernt, als ich aufstehen wollte, um mich zu dem winzigen Bordklo
zu begeben oder zumindest zu sehen, ob ich irgendwo eine Tüte ergattern
konnte.
Aber unsere Flugbegleiterin hieß mich sitzen zu bleiben. Ich war verwundert,
fragte neugierig nach.
„Es gibt Probleme“, erklärte sie mir nur kurz und verließ uns dann,
um im Cockpit zu verschwinden.
Mein Blick wanderte durch die Runde, aber ich erhielt kaum eine Reaktion von
meinen halbschlafenden Kollegen. Einzig Shane sah zu mir auf. „Wird schon nix
Schlimmes sein“, sagte er. „Bleib einfach sitzen, ja?“
Das tat ich dann auch, und vergaß vor lauter Verwunderung meine Übelkeit.
Ich weiß, es klingt merkwürdig, aber es war tatsächlich so.
Wenn man nicht daran denkt, dass einem schlecht ist, muss man offensichtlich
auch nicht kotzen. Stattdessen reckte ich meinen Hals, um an Kian vorbei aus
dem Fenster sehen zu können.
Er war ein wenig genervt. „Sag mal, kannst du nicht einfach stillsitzen?“
„Sorry“, sagte ich. Meine eigene Gereiztheit hatte sich verflüchtigt. Ich
wollte nur wissen, was es für Probleme gab, und ob sie uns gefährden
könnten. Aber Angst hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch keine.
Mein Blick wanderte erneut von Gesicht zu Gesicht, und wieder einmal fragte
ich mich, wie Mark es schaffte, selbst so einen Sturm zu verschlafen, wie der,
den wir gerade erlebten. Aber wenn er einmal schlief, dann konnte ihn nichts
wecken, wahrscheinlich würde er noch den Weltuntergang verschlafen. Das
sagte jedenfalls B. ständig. Wundern würde es mich aber auch nicht.
Ich war gerade dabei, mich ein bisschen zu entspannen. Eine Weile lang war nichts
geschehen. Ich dachte schon, ich könnte vielleicht auch noch ein paar Minuten
Schlaf bekommen, wenn ich mir Mühe gab.
Aber es kam etwas dazwischen: Isabel, unsere junge Flugbegleiterin - ich weiß
nicht, ob ich sie Stewardess nennen soll - stürzte aus dem Cockpit. Schlagartig
riss sie alle aus ihren Gedanken und Träumen - außer Mark, denn der
schnarchte noch immer ruhig vor sich hin. B. verpasste ihm starken kräftigen
Rippenstoß. Es wirkte. Erstaunlicherweise.
Wir kamen nicht mehr dazu, zu fragen, was los war, denn Isabel hatte bereits
zu schreien begonnen. „Legt sofort eure Schwimmwesten an. Wir stürzen ab!“
Wie bitte? Ich glaubte, mich verhört zu haben. Aber zu weiteren Nachfragen,
oder auch nur dazu, festzustellen, ob ich vielleicht nur träumte, war keine
Zeit. Ein Blick aus dem Fenster zeigte mir, dass Isabel Recht hatte. Wir verloren
rapide an Höhe! Und unter uns: nur Wasser!
„Abstürzen?! Was?! Aber wie das denn?“ Shane blieb der Mund offen stehen.
Er bewegte sich kein Stück, bis ich ihn kräftig anstieß.
„Frag nicht, tu einfach, was sie sagt!“
B. kämpfte derweil mit seiner eigenwilligen Schwimmweste. Isabel musste
ihm helfen, das Ding anzulegen - irgendwie hatte es sich verheddert - mit ihm
mitten drin. „Cast away - the next generation - oder was geht hier?” fragte
er, und es klang scherzhaft. Aber sein Gesicht war bleich, und er hatte offensichtlich
Angst.
Und die hatte ich mittlerweile auch.
„Ich weiß es nicht“, antwortete Isabel. Auch sie war offensichtlich zum
ersten Mal in einer solchen Situation, was kein Wunder war, denn so etwas geschah
nicht oft, und sie konnte kaum älter sein als wir. „Alles was ich euch
sagen kann, ist dass Peter, unser Pilot, versuchen wird, das Flugzeug so langsam
wie möglich runter zu bringen, dann müssen wir - im wahrsten Sinne
des Wortes - ins kalte Wasser springen.“
„Und was geschieht mit den Piloten?`“ fragte Shane schnell. Ihm behagte der
Gedanke an das Springen nicht besonders, das konnte ich ihm ansehen.
Zum zweiten Mal an diesem Abend schrie ich ihm genau die gleichen Worte zu:
„Frag nicht, tu einfach, was sie sagt!“
Und dann war es so weit! Das Flugzeug führte eine Notlandung auf der Wasseroberfläche
durch. Dann musste alles sehr schnell gehen, denn das Flugzeug würde sinken.
Ich erinnere mich nicht mehr genau an das, was im Folgenden geschah. Einer nach
dem anderen sprangen wir in das kalte Wasser.
Es war wirklich eiskalt, und ich glaubte innerhalb der nächsten Minute
erfrieren zu müssen. Nicht einmal die dicke Schwimmweste hielt mich ein
bisschen wärmer. Jedenfalls hatte ich nicht das Gefühl. Vielleicht
wäre es ohne sie noch schlimmer gewesen.
Auf jeden fall hielt sie uns über Wasser, und das war auch gut so, denn
ich war viel zu erschöpft um zu schwimmen. Wahrscheinlich hätten meine
Kräfte aber ohnehin nicht bis zum Land gereicht, denn ich konnte nirgends
Land entdecken. Es war dunkel, und ich konnte nichts sehen, nicht einmal mehr
das Flugzeug. Nur durch leises Plätschern konnte ich eine Person in meiner
Nähe orten.
Ich wollte etwas rufen, aber nur ein gurgelähnlicher Laut kam heraus. Dafür
hörte ich Shanes Stimme: „Nicky?“
„Hier“, rief ich, gab mir dieses Mal mehr Mühe. Ich versuchte, in Shanes
Richtung zu schwimmen, was durch die unbequeme Weste nicht ganz leicht war.
„Ruf weiter - wo bist du?“
„Genau hier!“ rief Shane, und den Geräuschen zufolge hatte auch er angefangen,
in meine Richtung zu paddeln. Ich schwamm weiter. Irgendwann stieß mein
Arm gegen etwas, das sich im Wasser bewegte, ich konnte aber immer noch nichts
sehen. „Shane?“
„Yeah, ich glaube, du hast mich“, hörte ich ihn sagen.
„Wo sind die anderen?“ keuchte ich.
Gemeinsam begannen wir aus Leibeskräften Geräusche zu machen und die
Namen der anderen zu brüllen. Und dann erhielten wir eine Antwort! Es war
die Stimme von Isabel, die wie aus weiter Ferne erklang, aber als wir gemeinsam
in ihre Richtung schwammen, was so zusammen übrigens ziemlich schwierig
war, merkten wir schnell, dass sie gar nicht so weit von uns entfernt gewesen
war. Wir erreichten sie erstaunlich schnell.
Mein Orientierungssinn war total im Eimer, und das, obwohl meine Augen sich
langsam an Dunkelheit und Meerwasser gewöhnt hatten und ich jetzt zumindest
die Umrisse von Shane und Isabel erkennen konnte.
Wir schrieen noch eine Weile weiter, aber Mark, Kian, B, und die beiden Piloten
blieben verschollen!
Ich wachte auf, und wusste nicht, wo ich war. Keine blasse Ahnung, aber mein
Bett war es nicht. Ich lag auf etwas hartem. Wie Stein.
Um genau zu sein - ich lag tatsächlich auf einem kleinen Felsenvorsprung,
der zum Teil noch vom Wasser bedeckt war, das nun meine Beine umspülte.
Aber nicht nur meine Hose war nass, auch mein Pullover fühlte sich feucht
und klamm an, und die Ärmel klebten an meiner Haut. Ich trug zudem eine
Schwimmweste.
Warum, zur Hölle, bin ich hier, fragte ich mich. Dann fiel mein Blick auf
Shane, der neben mir lag. Nun fiel mir wieder ein, was geschehen war. Für
einen Moment hatte ich daran gezweifelt, dass ich überhaupt Nicky Byrne
war. Aber offensichtlich waren diese Zweifel überflüssig.
Und das war ganz gut so, denn ich hatte verdammt noch mal andere Probleme momentan.
Eines davon hieß Shane und lag neben mir. Schlafend - oder bewusstlos?
Ich wusste es nicht, wobei ich nicht einmal wusste, ob es da überhaupt
einen Unterschied gibt.
Dann das zweite Problem. Isabel. Sie befand sich in ungefähr dem selben
Zustand wie Shane, nur auf der anderen Seite von mir. Ein wenig unsicher begann
ich, mich aufzurichten. Meine Hände waren nass und kalt und taten weh.
Meine Hosenbeine waren ziemlich kaputt, als hätte ich sie über den
Stein geschabt und meine Beine waren übersäht mit fiesen Schrammen.
Also hatte ich wohl tatsächlich meine Beine über den rauen Boden geschabt.
Also, was war geschehen? Ich beschloss, es wäre eine gute Idee, Shane zu
wecken, vielleicht konnte er mir weiterhelfen. Aber ich bekam ihn nicht wach.
Mehrmals schüttelte ich ihn, aber er gab nicht mal einen Piep von sich.
Das war ungewöhnlich, und ich begann mir Sorgen zu machen. Wahrscheinlich
doch Ohnmacht.
Also wandte ich mich Isabel zu. Ein bisschen unangenehm war es mir schon, sie
wecken zu müssen - ich kannte sie doch gar nicht richtig. Andererseits
sagte ich mir, wir sind jetzt Schiffsbrüchige. Für Schüchternheit
ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.
Sie brauchte ein bisschen, aber schließlich kam Isabel zu sich. Sie starrte
mich an, runzelte die Stirn und sagte: „Guten Morgen.“
Ich sagte: „Morgen, Mittag, Abend - was auch immer - wo sind wir?“
„Schottland“, antwortete Isabel. Sie hatte nun nicht mehr die Stirn gerunzelt,
sondern machte tatsächlich den Eindruck, als wüsste sie genau, was
los war. Im Gegensatz zu mir.
„Geht das noch ein bisschen konkreter?“ fragte ich also genervt.
Isabel sah mich lange an. „Nicky - so heißt du, richtig? - ich habe gerade
keine Landkarte, und ich sehe hier auch nirgendwo ein Schild. Du vielleicht?
- Mir ist kalt“, setzte sie dann hinzu.
„Ja, mir auch“, brummelte ich genervt. Ich zog meine Beine aus dem Wasser, und
winkelte sie an, um meine Arme darum zu schlingen. Das Problem war nur, dass
jetzt die Schürfwunden, die ich mir in der letzten Nacht zugezogen haben
musste, zu brennen begannen. Ich sah mich um.
Wir waren in der totalen Einöde gelandet! Vor mir: Nichts als Wasser. Die
Küste war geprägt durch einen langen Streifen grauer Felsen, wie der
auf dem ich lag. Nicht besonders hoch waren diese Felsen, man konnte vom Wasser
aus bequem heraufklettern. Dabei hatte ich mir wohl diese Wunden geholt. Nur
- ich konnte mich einfach nicht mehr erinnern.
Dort, wo die Felsen endeten, begannen die Berge. Es war kein sehr hohes Gebirge,
eigentlich nur eine Hügellandschaft, geprägt durch saftige grüne
Wiesen und kleine Wälder. Es erinnerte mich alles sehr an Irland, und ich
glaubte Isabel auch gerne, dass wir es bis nach Schottland geschafft hatten
- nur Glasgow war dieses keinesfalls.
Neben mir ertönte ein leises, männliches Stöhnen. Shane.
Ich wandte ihm meinen Blick zu, er sah mich an. Verwirrt - nicht minder verwirrt
als ich - und mit erneutem leisem Stöhnen richtete er sich langsam auf.
Mir fiel auf, dass seine Hose nicht kaputt war. Nicht so zerrissen wie meine
zumindest.
„Alles okay?“ fragte er mich und klang dabei etwas besorgt.
„Yeah, soweit auch nur irgendetwas okay sein kann, wenn man die ganze Nacht
in eiskaltem Wasser verbracht hat und dann am Morgen in so einer Einöde
wie dieser aufwacht“, sagte ich, und mir fiel auf, dass ich gereizt klang. Das
war kein Wunder, aber andererseits konnte Shane auch nichts für die Situation,
in der wir uns befanden, und ich wollte ihm auch nicht dieses Gefühl geben.
Aber Shane ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er lächelte sogar.
„Yeah, aber weißt du, du hast Glück, dass wir beide gestern Nacht
da waren.“ Er zeigte erst auf Isabel und dann auf sich selber. „So würdest
du nämlich immer noch auf dem Wasser treiben und von den Wellen gegen die
Felsen geschleudert werden.“
Nein, das hielt ich für keine sehr angenehme Vorstellung. Fragend sah ich
Shane an. Isabel klärte mich schließlich über die Geschehnisse
auf. „Wir sind - ich weiß nicht, wie lange - auf dem Wasser getrieben,
aber wir müssen die ganze Zeit einigermaßen in der Nähe vom
Land gewesen sein, wir haben es nur nicht gesehen, weil es so dunkel war.“
„Aha“, sagte ich, und es klang nicht besonders intelligent.
„Naja, als es hell wurde, warst du der Erste, der nicht mehr konnte. Vielleicht
war es auch die Kälte oder was auch immer. Jedenfalls hast du einfach das
Bewusstsein verloren. Wir konnten das Land schon sehen, aber das letzte Stückchen
mussten Shane und ich dich ziehen. Was für ein Glück, dass es Schwimmwesten
gibt.“
„Und ihr habt mich hierauf gezerrt?“ fragte ich. Das würde meine aufgeschürften
Beine und die kaputte Hose erklären.
„Jap“, antwortete Shane. „Und du bist schwerer, als ich immer dachte.“
„Sorry“, sagte ich scherzhaft, aber es klang bitter. Nicht weil ich mich über
das ärgerte, was er gesagt hatte, sondern weil ich nicht wusste, wie es
nun weitergehen sollte. Mein Magen hing mir in den Kniekehlen, meine Beine taten
weh, und weit und breit kein Weg, nicht einmal ein Trampelpfad. Nichts als die
pure Wildnis. Aber abgesehen davon brannte mir noch etwas anderes auf dem Herzen.
„Was ist mit Bryan? Und Kian und Mark?“
„Keine Ahnung“, seufzte Isabel. „Unsere Piloten sind auch verschollen.“
„Andererseits sind wir jetzt selber verschollen“, setzte Shane hinzu. „Ich hielt
mich eigentlich für einen Naturfreund - aber das hier ist dann doch ein
bisschen zuviel des Guten! - Ein Königreich für ein Haus mit einem
Kamin!“
„Und einer gut gefüllten Speisekammer“, sagten Isabel und ich wie aus einem
Mund.
Shane sah uns abwechselnd an, dann nickte er. „Okay, dagegen hätte ich
auch nichts einzuwenden.“
„Aber wenn wir hier herumliegen und jammern, werden wir gar nichts davon bekommen“,
bemerkte Isabel sehr richtig. „Also, wenn das Haus mit Kamin und Speisekammer
nicht zu uns kommt, dann müssen wir halt zum Haus gehen.“
„Und in welche Richtung, bitte?“ wollte ich wissen, während ich vorsichtig
versuchte aufzustehen. Mit meinen steifen Muskeln, und dem vom auf hartem Stein
Schlafen verspannten Nacken war das nicht einfach. Und meine Schürfwunden
brannten nur noch mehr. Es fühlte sich an, als wäre die gesamte Haut
an meinen Waden und Oberschenkeln zu kurz und deshalb extrem überspannt.
Isabel sah sich derweil ein wenig ratlos um. „Ich weiß nicht recht“, murmelte
sie. „Ich halte es für am sichersten, an der Küste entlang zu gehen.“
„Yeah, das ist mit Sicherheit der erfolgversprechendste Weg.“ Shanes Stimme
triefte vor Sarkasmus. „Meinst du nicht, Nicky?“
„Was auch immer“, sagte ich, denn ich war noch damit beschäftigt, mich
auf meinen zerschundenen Körper zu konzentrieren.
„Dein Vorschlag?“ erkundigte sich Isabel bei Shane.
Er zeigte auf einen der Hügel, um genau zu sein - dieser wirkte aus unserer
Perspektive am höchsten. „Vielleicht können wir von da oben aus mehr
sehen als von hier. - Nicky?“
„Ja?“
„Was denkst du?“
Nun war es natürlich mal wieder an mir, die Entscheidung zu treffen. Aber
ich war eigentlich mehr für Shanes Vorschlag. Ich bildete mir ein, der
Hügel musste ein hervorragender Aussichtsplatz sein. „Hoch“, entschied
ich also spontan.
Und langsam setzten wir uns in Bewegung. Isabel und Shane hatten weniger Probleme
dabei als ich, obwohl auch ihnen die Erschöpfung der vergangenen Nacht
noch anzusehen war. Wir sprachen nicht miteinander, während wir zuerst
eine Weile von Felsen zu Felsen sprangen, bis wir schließlich das etwas
festere Land erreichten, wo auch das erste Gras wuchs, durchsetzt von tiefdunkelgrünem,
nassem Moos. Unser Weg war ein einziger Slalom um die vielen Pfützen, von
denen einige so groß waren, dass wir schließlich irgendwann keine
Lust mehr hatten, sie zu umrunden. Wir hatten ohnehin nasse Füße,
und erkälten würden wir uns sowieso, also gingen wir einfach geradeaus
weiter.
Das Wasser wurde jedoch weniger, als der Weg langsam anstieg, dafür wurde
das Gehen anstrengender. Ich konnte bereits nach wenigen Minuten nicht mehr.
Ich denke, das lag hauptsächlich daran, dass ich wirklich ziemlich hungrig
und müde war. Ich setzte mich auf einen kleinen Felsenvorsprung, der nur
sehr spärlich bewachsen war und blickte auf die See zurück. Wir waren
noch nicht wirklich weit gekommen, stellte ich fest.
Weder Shane noch Isabel schien die kleine Pause, die ich einlegte, zu stören.
Shane blieb vor mir stehen und drehte sich ebenfalls um in die Richtung, aus
der wir gekommen waren. Isabel gab mir einen leichten Schubs, um mich beiseite
zu schieben. „Mach mal etwas Platz.“
„Klar. Für dich immer.“ Ich rückte zur Seite, und sie setzte sich
zu mir. Da der Stein nicht breit genug für drei Hinterteile war, setzte
sich Shane auf unseren Schoß. Normalerweise hätte ich ihn sofort
weggeschubst, aber er lehnte sich zurück, und es war wesentlich wärmer
so, deshalb ließ ich ihn genau dort sitzen, wo er war.
Aber einen Kommentar konnte ich mir nicht verkneifen: „Hey Shane, du bist aber
auch schwerer, als ich dachte!“
„Davon gehe ich aus“, antwortete Shane lachend. Dann sprang er auf. Er sah aus,
als hätte er etwas entdeckt!
„Shane?“ Ich reckte meinen Hals. Aber ich sah nichts. Da er mir den Rücken
zugedreht hatte, konnte ich nicht genau sehen, in welche Richtung er starrte.
Aber schließlich wandte er sich zu mir. „Nicky, was ist das da?“ Er zeigte
auf irgendetwas, das ein ganzes Stückchen weiter an Küste sein musste.
Mein Blick folgte neugierig und hoffnungsvoll seinem ausgestreckten Finger,
aber ich konnte nichts erkennen, außer: „...ein paar Punkte.“
„Eben!“ schrie Shane, plötzlich ziemlich aufgeregt. „Und jetzt sieh mal
etwas genauer hin!“
Ich tat wie mir geheißen und starrte so intensiv auf diese Punkte, dass
ich mir schon etwas verrückt vorkam, doch dann ging mir plötzlich
auf, was Shane meinte: „Sie bewegen sich.“
Isabel war aufgestanden. Sie hatte die Hand über die Augen gelegt, um besser
sehen zu können - was im Übrigen reine Illusion war, denn ein Sonnenschutz
für die Augen war aus dem einfachen Grund nicht nötig, dass die Sonne
gar nicht schien.
„Das könnten Menschen sein!“ rief Shane und setzte sich in Bewegung. Sein
Energiepegel schien durch diese Entdeckung sprunghaft angestiegen zu sein, denn
er legte ein beachtliches Tempo vor. Ich konnte nicht mithalten, jedenfalls
nicht ohne vom Gehen in einen unruhigen Laufschritt zu verfallen.
Isabel erging es ähnlich als sie uns zwei Verrückten schließlich
auch zu folgen begann. Sie ging ungefähr fünf Schritte, begann zu
laufen - und rutschte auf dem feuchten Moos aus und ein ganzes Stück den
Berg hinunter. Obwohl sie mir leid tat, denn besonders angenehm hatte das nicht
ausgesehen, hatte dieser Sturz doch etwas Gutes, denn Shane hielt für einen
Moment an, um ihr als der Gentleman, der er nun einmal war, wieder aufzuhelfen.
Diesen Moment nutzte ich, um zu ihm aufzuschließen.
Isabel sah sehr wütend aus, als sie wieder stand. Sie war auf ihrer rechten
Seite gelandet, die nun fast völlig schwarz und verschlammt war. Der Dreck
war noch nass, und so war es recht wenig von Erfolg gekrönt, als sie versuchte,
ihn abzuwischen. Einzig ihre Hände waren nun ebenfalls dreckig - oder dreckiger
als zuvor. Mit zerknirschtem Gesicht wandte sie sich an Shane: „Geht’s auch
etwas langsamer dieses Mal?“
Shane grinste verlegen - er war noch immer aufgeregt. „Yeah, okay. Aber dann
beeil dich auch!“
„Shane, ich glaube, du hast das Prinzip von etwas langsamer noch nicht ganz
verstanden“, wollte ich ihn in Kenntnis setzen, aber er hörte schon gar
nicht mehr zu.
Wir nahmen den Weg über das Gras, aber direkt an den Felsen entlang. Ich
stolperte mehrmals über den einen oder anderen kleinen Stein, der dort
lag, wo ich ihn nicht erwartet hatte.
Wir mussten, trotz des von Shane vorlegten beachtlichen Tempos, ein ganzes Stück
wandern - und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich die Punkte ebenfalls
bewegten - und zwar nicht in unsere Richtung. Shane hatte das offensichtlich
auch bemerkt, denn er zog noch mehr an. Ich wunderte mich über ihn - immerhin
hatte er kürzere Beine als ich - und ich war ehemaliger Sportler. Aber
jetzt konnte ich nicht mithalten. Ich schob es auf meine Verletzungen. Die Haut
an meinen Beinen brannte wie Feuer.
Isabel hetzte neben mir her und war ebenso außer Atem - aber es nützte
alles nichts. Wer oder was die Punkte auch immer waren - sie bewegten sich von
uns weg - und wir würden sie nicht aufhalten können. Shane gab irgendwann
auf. „Scheiße!“ Mit diesen Wort ließ er sich ins nasse Gras sacken,
noch immer keuchend und vollkommen ausgelaugt.
Isabel und ich blieben ebenfalls stehen. Obwohl mir unser Versagen ein wenig
zu denken gab, war ich insgeheim froh über diese Pause. Ich stimmte dem
zu, was Shane gesagt hatte und setzte mich ebenfalls. Allerdings bemühte
ich mich, einen nicht allzu mit Moos bewachsenen Stein zu finden, auf den ich
mich setzen konnte. In dem hohen Gras wimmelte es nur so davon.
Isabel ließ sich wieder neben mir nieder. Eine Weile saßen wir still
da und ruhten uns keuchend aus. Wir waren vollkommen fertig - und traurig.
Und wütend! Nachdem er eine Weile still vor sich hingeflucht hatte, sprang
Shane plötzlich auf und brüllte: „Scheiße!“ Danach flippte er
völlig aus. Er schrie, fluchte und sprang wie wild hin und her. Isabel
und ich sahen uns verwundert an.
„Nein, das ist nicht normal“, sagte ich.
Shane beruhigte sich erst, als er so erschöpft war, dass er sich nicht
mehr auf den Beinen halten konnte und zurück ins Gras sank. Einen Moment
lang dachte ich, er würde zu weinen beginnen - und so weit wäre es
vielleicht auch gekommen, wenn nicht...
„Shane?“
Shane hörte nichts.
Aber Isabel und ich! Wieder sahen wir uns an, und ich bemerkte, wie ihre Augenbrauen
in die Höhe schossen. Diese Stimme kannten wir, sie gehörte...
„Bryan?“ schrie ich.
„Nicky!“ kam die prompte Antwort, und in diesem Moment tauchte B.`s rundes Gesicht
mit strahlenden Augen hinter einem Felsen auf! Er stieß einen wahren Urlaut
aus vor offensichtlicher Freude und kam auf mich zu galoppiert! Und ich sprang
ebenfalls auf, um ihm entgegen zu stolpern. Er rannte mich fast um, und ich
bin sicher, er hätte mich hochgehoben und durch die Luft geschwungen, wäre
er nicht selbst zu müde dazu gewesen. Aber er schien vollkommen aus dem
Häuschen.
Nachdem Bryan mich halb platt gedrückt hatte, war als nächstes Shane
dran, der mittlerweile auch endlich kapiert hatte, was los war. Wir brauchten
sehr lange, um uns soweit zu beruhigen, dass wir uns erzählen konnten,
was geschehen war. Zuerst waren wir an der Reihe, ich erzählte alles, was
ich wusste, und wieder und wieder unterbrachen mich Isabel und Shane und fügten
etwas hinzu.
Dann erzählte Bryan: „Wir konnten euch einfach nicht wiederfinden letzte
Nacht. Ich habe geschrieen bis ich heiser war, aber ich habe nur Antwort von
Kian gekriegt. Und von diesem Piloten. Peter.“
Bei diesem Namen wurde Isabel hellhörig. Peter war immerhin ihr Kollege.
„Wie geht´s Pete? Ist er okay?“
Bryan hob abwehrend die Hände. „Jetzt lass mich doch erst mal ausreden
hier. Also, Peter, Kian und ich haben dasselbe gemacht wie ihr. Wir sind hier
an der Küste an Land gekrochen, genau wie ihr. Danach müssen wir alle
ohnmächtig geworden sein - Kian ist immer noch nicht aufgewacht. Deshalb
bin ich noch hier. Weil Peter, Mark und...“
„Wie?“ fragte ich überrascht. „Wieso Mark? Erzähl mal immer der Reihe
nach, Bryan.“
„Okay, pass auf!“ B. war vor Aufregung vollkommen außer Atem. „Der Zufall
wollte es so, dass Mark und Veit, der Kopilot, nur ein paar hundert Meter weiter
an Land gekommen sind. Sie haben uns ziemlich schnell gefunden - und geweckt!
Und jetzt sind Mark und die anderen zwei halt losgegangen. Sie wollen sich ein
wenig hier umsehen.“
„Aha“, sagte ich. „Und was ist jetzt mit Kian?`“
„Bewusstlos. Er ist aber nicht verletzt, oder so.“
Ich dachte daran, in welchem Zustand ich Shane gefunden hatte, nachdem ich selbst
aufgewacht war. Ich hoffte, dass sich Kian in genau diesem Zustand befand. „Wo
ist er?“ fragte ich deshalb, um mich selbst überzeugen zu können.
B. deutete hinter sich auf den Felsen, hinter dem er zuerst zum Vorschein gekommen
war. Dann drehte er sich um und ging los. Ich folgte ihm, schon ein wenig besorgt
und mich auch nicht darum kümmernd, ob sich Isabel und Shane nun anschlossen
oder nicht. Sie taten es, allerdings gingen sie etwas langsamer als ich und
Bryan.
Ich war bereits etwas erleichtert, als ich Kian sah. Er schien tatsächlich
keinerlei Verletzungen zu haben - sondern sah einfach nur so aus, als ob er
schlief. Bryan und ich knieten neben ihm nieder, und ich legte meine Hand auf
Kians Schulter, um ihn leicht zu schütteln.
Es half nichts, und ich setzte mich kopfschüttelnd. Ich spürte Bryans
Blick auf mir und sah ihn an. „Ich habe es auch schon versucht“, sagte er.
Etwa zehn Minuten saßen wir ratlos da und schwiegen. Keiner sagte ein
Wort. Schließlich verlor ich die Geduld. Erneut versuchte ich, Kian zu
wecken, indem ich ihn schüttelte. Dieses Mal öffnete er tatsächlich
die Augen und sah mich an, ohne sich jedoch sonst irgendwie zu bewegen, und
fragte: „Frühstück?“
Ich wünschte mir, ich hätte Kians Frage mit: „Ja.“ Oder: „Sofort!“
beantworten können. Leider hatte ich nur müde lächeln und den
Kopf schütteln können. Für einen Moment hatte mich die Erleichterung,
dass alle am Leben und weitestgehend gesund waren, übermannt, dann fiel
mir mein Magen wieder ein - und die Leere, die sich darin ausgebreitet hatte.
Und noch etwas: ich hatte Durst. Und wie!
Wir saßen im Kreis. Keiner von uns hatte eine funktionierende Uhr, keiner
hatte ein funktionierendes Handy. Alles nass und unbrauchbar. Und selbst wenn
wir ein Handy gehabt hätten, so wären mit Sicherheit außerhalb
des Empfangsbereiches gewesen.
Und so saßen wir dann da und warteten auf den Rest von uns und diskutierten
unsere Möglichkeiten, ab und zu unterbrochen von dem erbarmungslosen Knurren
eines Magens. Ich hatte dabei das Gefühl, meiner wäre am lautesten,
und so wie mich die anderen jedes Mal ansahen, musste das wohl auch stimmen.
„Sag mal, Nicky, kannst du das nicht mal abstellen?“ fragte Kian, als wieder
einmal das bekannte Brummen aus meiner Bauchgegend ertönte.
Ich ärgerte mich darüber, dass mir keine passende Antwort einfiel,
also sagte ich nur etwas unwirsch: „Nein.“
Isabel wechselte das Thema: „Also, noch mal von vorne: wir wissen nicht, wo
wir sind, und niemand anders weiß das. Als Peter per Funk seinen Notruf
rausgeschickt hat, können wir noch meilenweit von diesem Ort entfernt gewesen
sein. Die Hälfte unserer Gruppe ist verschwunden, und wir haben alle Hunger
und Durst, richtig?“
„Yap“, sagte Shane. Er hatte schon eine ganze Weile lang keinen Ton mehr von
sich gegeben, und nach diesem einen Wort verfiel er zurück in ein mürrisches
Schweigen. Er lag auf dem nassen Felsen, den Kopf auf die Hände gelegt,
den Oberkörper zwischen mir und Isabel, die Füße in Bs Richtung
ausgestreckt. Es regnete, und Shane hatte fast während des gesamten Gesprächs
den Mund weit aufgesperrt, um den Regen aufzufangen. Was unsere Pläne betraf,
zeigte er sich reichlich unproduktiv.
Ich wandte mich an Bryan, um zu erfahren, wann die anderen wiederkommen wollten.
B. zuckte nur etwas verwirrt die Schultern. „Also eigentlich... sie müssten
schon wieder hier sein.“
„Also, ehrlich gesagt, B., du bist auch bescheuert, die einfach loslatschen
zu lassen, du Idiot“, kommentierte Kian.
B. brauste sofort auf. „Ich hätte auch mit ihnen gehen können, dann
würdest du da wahrscheinlich immer noch hinter diesem Felsen liegen - bis
du schimmelst.“
Kian setzte zu einer Antwort an, aber da ich beide gut genug kannte, um zu wissen,
dass das sich leicht zu einem ausgewachsenen Kampf entwickeln konnte, schaltete
ich mich schnell dazwischen: „Also, ich glaube, ihr Genies bringt uns nicht
weiter, wenn ihr euch hier die Köpfe einschlagt.“
„Und was schlägst du vor, Genie?“ fragte Bryan.
„Wir überlassen Mark und die beiden Piloten ihrem Schicksal und ziehen
los“, sagte ich, denn ich hatte das Gefühl, dass so langsam einmal eine
Entscheidung getroffen werden musste. Und wenn kein anderer die Initiative ergreifen
wollte, dann musste ich das halt tun. Immerhin war ich auch der Älteste.
„Hmpf“, sagte Shane. Mit ihm war wirklich nicht viel anzufangen. Was allerdings
Isabel nicht störte. Sie schien ihn zu mögen. Noch ein Faktum, das
mich störte. Nichts, dass ich eifersüchtig gewesen wäre, aber
eine Liebesgeschichte und ein mögliches Liebeskummerdrama, die sich daraus
noch entwickeln würden, konnte ich nun gar nicht gebrauchen.
Bryan und Kian reagierten derweil etwas hilfreicher auf meine Idee. Sie sahen
erst einander an, dann mich, und schließlich begannen beide gleichzeitig
zu reden.
„Okay, vielleicht hast du recht“, sagte Bryan.
„Hast du den Arsch total offen?“ fragte Kian.
Ich seufzte. Nun war es an Isabel, die endgültige Entscheidung zu treffen.
„Wir gehen“, lautete diese.
Ich seufzte erneut. Okay, damit war es offensichtlich entschieden. Es gefiel
mir allerdings immer noch nicht. Zum einen ärgerte ich mich über Shanes
plötzliche Passivität, schob es aber auf dessen Erschöpfung.
Zum anderen wusste ich, dass Kian nun schlecht gelaunt sein würde, weil
Isabel für etwas entschieden hatte, was er nicht wollte.
Und dann machte ich mir Sorgen um den Rest von uns, besonders um Mark. Ich konnte
auch nicht verstehen, wie er Bryan und Kian alleine hatte zurücklassen
können - es sei denn, er war wirklich nicht weit weg gegangen. Aber warum
kamen er und die anderen dann nicht wieder?
Es musste später Nachmittag sein, als wir uns in Bewegung setzten. Bryan
und ich führten dabei den kleinen Zug von Leuten an. Dabei unterhielten
wir uns noch einmal über die vergangene Nacht, die für uns beide eine
unvergessliche Erfahrung geworden war. Hinter uns ging Kian, leise vor sich
hinmurmelnd. Ab und zu fand er einen Stein, den er eine Weile vor sich her und
dann, unbeabsichtigt, ins Wasser kickte - er war kein besonders talentierter
Fußballer.
Wir hatten dieses Mal den Weg am Wasser entlang gewählt, in der Hoffnung
irgendwann auf einen Bach zu stoßen, der ins Meer floss. Es begann bereits
zu dämmern, deshalb machte es nicht viel Sinn, auf einen der Hügel
zu klettern, wir würden sowieso nichts sehen können.
Shane und Isabel waren ein Stück hinter uns zurückgeblieben. Sie unterhielten
sich ebenfalls leise, und offensichtlich verstanden sie sich ziemlich gut.
Das Gehen wurde gefährlicher, je dunkler es wurde. Irgendwann blieb Bryan
stehen. Kian, der das nicht bemerkte, weil er intensiv auf den Boden starrte,
um über keinen Stein zu stolpern, rannte natürlich prompt gegen B.,
und ich begann zu beten, aber es brach kein Streit aus dieses Mal. Beide waren
zu erschöpft, und keiner konnte in solch einer Situation die Energie aufbringen,
sich zu streiten. Nicht einmal Bryan oder Kian. Interessiert an den Grund des
Stopps erkundigte sich Kian nur: „Was’n los?“
„Ich würde sagen, wir bleiben heute Nacht hier“, schlug Bryan daraufhin
vor. „Ich meine, man kann kaum noch seine Hand vor Augen sehen, und ich habe
keinen Bock, weiterzurennen, wenn es stockfinster ist.“
„Hast recht“, stimmte ich zu, denn es hörte sich sinnvoll an, was B. sagte.
„Ausnahmsweise mal“, versuchte ich zu scherzen, aber es kam nicht an.
Dafür kamen Shane und Isabel in diesem Moment bei uns an. Wir informierten
sie über unseren Beschluss, und sie waren einverstanden. Na ja, wir hatten
sie auch vor vollendete Tatsachen gestellt. Sie hatten also gar keine Chance,
sich anders zu entscheiden - wenn sie nicht alleine weitergehen wollten. Und
das wollten sie nicht.
Wir suchten uns also ein Plätzchen auf einem großen flachen Stein.
Shane schlug vor, sich ins Gras zu legen, weil es weicher sei. Er hatte ja auch
schon zuvor gezeigt, dass ihm der Matsch nichts ausmachte, auf dem besagtes
Gras wuchs. Aber ich lag lieber hart und nicht ganz so feucht. Und die anderen
ebenfalls.
„Mach, was du willst“, gähnte ich müde.
Aber Shane sah sich überstimmt, und er legte sich zu Isabel auf den harten
Stein.
Ich legte mich ebenfalls hin, sehr vorsichtig allerdings, denn als ich daran
dachte, erneut eine Nacht auf einem Felsbrocken zu verbringen, fielen mir meine
aufgeschürften Beine wieder ein. Und wie auf Kommando begannen diese auch
wieder wehzutun. Den gesamten Tag über hatte ich sie vergessen, aber als
ich nun dalag, machte sich jede einzelne Schramme bemerkbar.
Es begann wieder zu regnen, nachdem es vor circa einer Stunde gerade erst aufgehört
hatte. Oder zumindest nahm ich an, dass eine Stunde her sein musste. Ich erinnerte
mich an Shanes Trick, das Wasser mit weit offenem Mund aufzufangen. Es ging
nicht besonders gut, war aber besser als gar nichts.
Links neben mir flüsterten Isabel und Shane leise - und es hörte sich
an, als würden sie flirten! Da stürzte man mit dem Flugzeug ab, fand
sich in der totalen Einöde wieder, fror, hungerte - und woran dachte dieser
Filan? Ans Flirten!
Auf der anderen Seite neben mir schnarchte Bryan leise. Noch mehr Ungerechtigkeit!
Bryan konnte hier tatsächlich schlafen, während ich mir den Arsch
abfror, unerträgliche Schmerzen erleiden musste und von dem Knurren meines
eigenen Magens wachgehalten wurde.
„Nicky“, kam Kians Stimme aus der mittlerweile undurchdringlichen Dunkelheit.
Er hörte sich ein wenig amüsiert an, aber ich tippte darauf, dass
das Galgenhumor war. „Kannst du nicht endlich deinen verdammten Magen abstellen?“
„Hey, vielleicht finden sie uns ja so“, antwortete ich scherzhaft.
Ich konnte Kian fast grinsen hören. „Naja, so laut ist es auch nicht.“
Eine Weile herrschte Schweigen. Das Flüstern aus Isabels und Shanes Ecke
war ebenfalls verstummt. Ich hörte nur das Wasser ein Stückchen entfernt
leise plätschern, und das Schnarchen von B. Ansonsten war es wirklich vollkommen
still, fast schon unheimlich. Deswegen war ich auch froh, als Kian wieder zu
reden anfing.
Wir redeten fast die gesamte Nacht über belanglose Dinge, weil wir beide
nicht schlafen konnten. Unser erstes Thema waren Shane und Isabel - wir schlossen
eine Wette ab, wie lange es dauern würde, bis da irgendetwas zwischen beiden
passierte, dann sprachen wir über die Band und dann... bekam ich irgendwann
keine Antwort mehr.
Toll! Ich hätte es wissen müssen. Einmal mehr hatte ich die Arschkarte
gezogen. Ich war wirklich müde, aber ich konnte einfach nicht schlafen.
Es begann schon langsam wieder hell zu werden.
Irgendwann musste ich dann doch eingeschlafen sein. Jemand weckte mich - und
zwar auf genau dieselbe Art und Weise, auf die ich schon Stunden zuvor erst
Shane und einige Zeit später Kian geweckt hatte - durch ein unangenehmes
Rütteln an meiner Schulter.
„Nicky!“
Ich beschloss, es zu ignorieren. Vielleicht hörte es ja wieder auf... -
das war jedenfalls das, was mein verschlafenes Hirn mir sagte. Aber das hatte
seine Rechnung nicht mit B. gemacht. Hartnäckig schüttelte er weiter.
„Nicky! Komm schon, Alter! - Ich glaube, mit dem ist was nicht in Ordnung.“
Das letzte war ganz offensichtlich nicht an mich gerichtet.
Mühsam kämpfte ich mich aus dem Land der Träume zurück in
die Wirklichkeit und öffnete gerade noch rechtzeitig die Augen um zu sehen,
wie sich Bryan zu meinem Gesicht beugte, um mir erneut ins Ohr zu brüllen.
„Schon gut, schon gut, ich bin schon wach.“
Ich rieb mir ausführlich die Augen und sah in die Runde. Alle außer
mir sahen schon ziemlich wach aus. B. hielt mir einen Streifen Kaugummi vor
die Nase. „Frühstück? Ist der letzte. Haben wir für dich aufgehoben.“
Ich bemerkte, dass es auch das einzige Kaugummi sein musste, das wir hatten,
denn keiner der anderen hatte etwas im Mund. „Danke“, sagte ich erstaunt und
nahm das Angebot an. „Macht ihr euch solche Sorgen um mich?“
„Nee, aber dein Magen geht uns schon die ganze Zeit auf die Nerven“, sagte Bryan.
„Ach so, wenn’s weiter nichts ist“, murmelte ich und versuchte aufzustehen.
Ich fühlte mich denkbar widerlich. Nicht nur die Reste meiner kaputten
Hose klebten an meinem Körper, auch mein Pullover fühlte sich wie
eine zweite Haut an, und alles war schmutzig und klamm. Meine kalten Hände
waren weitestgehend unbrauchbar, ich hatte einige Mühe dabei, das Kaugummi
auszuwickeln. Schließlich schaffte ich es dann aber doch. Während
ich es in den Mund schob, verschaffte ich mir mit einem kritischen Blick in
die Runde eine Übersicht über unsere Gesamtverfassung:
Fünf schmutzige - nein fast bis zur Unkenntlichkeit verdreckte - junge
Leute, denen die Erschöpfung und Lustlosigkeit ins Gesicht geschrieben
stand. Isabel und Shane hatten sich ein wenig zurückgezogen und saßen
dicht neben einander an einen großen Steinbrocken gelehnt. Bryan kniete
immer noch dort, wo er gewesen war, als er versucht hatte mich zu wecken. Und
Kian rannte seit geraumer Weile zwischen B. und Shane samt Isabel hin und her.
Er machte mich nervös, aber ich hielt es für sicherer, ihn nicht darauf
anzusprechen, denn so wie er aussah, war er selber nervös - nicht der beste
Zeitpunkt, ihm zu sagen, dass er einem auf den Sack ging.
„Und wie soll’s jetzt weitergehen?“ fragte Bryan.
„Wie gestern, oder nicht?“ meldete sich nun Shane aus seiner Ecke.
Ich konnte nicht verhindern, dass ich ihm einen säuerlichen Blick zuwarf.
„Aha, Monsieur hat auch mal wieder etwas dazu zu sagen?“
Shane verzog sofort gereizt das Gesicht. „Bitte. Ich kann auch still sein.“
Ich wollte gerade antworten, als ich Kian gefährlich tief Luft holen hörte.
Ich überlegte es mir anders. Eine Weile schwiegen wir, dann sagte ich:
„Shane, dein Wort in Gottes Lauscher. Wir gehen weiter.“
Dieses Mal entschieden wir uns wieder für die Hügel. Ein sehr flach
ansteigender Weg - falls man es Weg nennen konnte - führte zu einem Punkt,
von dem aus wir uns einen ganz guten Ausblick erhofften. Das war zwar recht
positiv - wir hatten immerhin ein Ziel - aber andererseits bedeutete es auch,
dass ich dieses Mal mit Sicherheit den Berg ganz würde erklimmen müssen.
Wir verließen unser Nachtlager und begannen den Aufstieg, nach einer Weile
begann B. zu pfeifen, was Kian dazu veranlasste, leise vor sich hin zu singen.
Erst waren es nur die beiden, dann stimmte ich ein, froh darüber, meine
Gedanken auf etwas Angenehmes zu lenken. Naja, und dann änderte Bryan den
Text von ‚Flying Without Wings’ in ‚Eating Without Food’.
Wütend schrie ich auf, ich hatte gerade vergessen, dass ich Hunger für
zwei hatte, und dann so etwas! Typisch Bryan, typisch. Einfach typisch!
Ich brauchte eine Weile, um mich zu beruhigen. B. sah mich etwas verwundert
an, aber letztendlich konnte ich nicht anders und musste lachen. Er sah so treu-doof
aus, und er wusste es. Und wenn ich ehrlich sein soll, ich war froh, ihn dabei
zu haben. Er konnte nerven, ja - aber er konnte einen fast immer aufmuntern,
egal wie down man sich fühlte.
Es war nicht so, dass ich nicht auch froh war, dass Shane und Kian dabei waren
- und Isabel - denn das bedeutete, dass sie überlebt hatten, aber ich glaube,
mit einem von beiden alleine hätte ich es nicht ausgehalten.
Trotz Bryans zweifellos nicht zu verachtender Portion Galgenhumor, die mir einmal
mehr die Laune gerettet hatte, bat ich ihn doch, zu dem alten Text des Liedes
zurückzukehren. Es war einfacher erträglicher, wenn man nicht ständig
an sein Leid erinnert wurde!
Wir stapften mühsam durch hohes Gras, rutschen mehrfach aus und arbeiteten
uns stetig höher. Ich weiß nicht wie lange wir unterwegs waren, aber
irgendwann sagte Kian plötzlich: „Hey, wo ist Filan?“
Ich drehte mich sofort um. Shane? Im ersten Moment packte mich die blanke Angst,
dann be-merkte ich, dass auch Isabel verschwunden war, und meine aufsteigende
Panik wandelte sich in Wut. „Wo wohl?“ fragte ich also sauer.
Kian zuckte die Schultern. „Was sie tun, das weiß ich auch. Aber das klärt
trotzdem nicht die Frage, wo sie sind, oder?“
‚Sei einfach still’, dachte ich und walzte auch sofort wie eine dampfende Lokomotive
den Weg zurück, den wir gekommen waren. Dieses Mal konnte man es tatsächlich
Weg nennen, denn wir hatten unsere Spuren in dem weichen Gras und im Matsch
hinterlassen. Ich musste aufpassen, dass ich nicht ausrutschte, wie Isabel tags
zuvor, denn ich wollte nicht meinen Weg nach unten auf dem Hintern machen.
„Bleib hier“, gab Bryan Auskunft, und das tat er dann auch. Wir waren zwar noch
nicht allzu weit den Berg hoch gekommen, aber er drehte sich dennoch zurück,
um die bescheidene Aussicht zu betrachten, die man von diesem Punkt schon hatte.
Kian folgte mir. Er setzte sich tatsächlich auf den Hosenboden - gleich
zweimal. Aber er stand jedes Mal kommentarlos wieder auf. Nur beim zweiten Mal
hörte ich ihn leise “Scheiße...“ murmeln. Wir mussten nicht besonders
weit gehen, bis wir die zwei Ausreißer hinter einem Felsvorsprung entdeckten.
Wie Kian gesagt hatte; wir wussten beide, was sie taten. Und unsere Vermutungen
bestätigten sich.
Isabel hatte offensichtlich ihre Abneigung gegen den Matsch überwunden,
jedenfalls lag sie in aller Ruhe, mit meinem lieben Bandkollegen knutschend
neben einer großen Pfütze. Um ganz ehrlich zu sein, die beiden sahen
aus, als wären sie auf dem besten Weg, eine Nummer zu schieben. Ich schluckte
erschrocken, alleine bei dem Gedanken daran.
Als nächstes warf ich Kian einen Blick zu. Er sah den beiden genauso entgeistert
zu wie ich. Sein Mund stand weit offen vor Erstaunen, dann sagte er abfällig:
„Sehr erotisch.“
Erst da bemerkte Shane, was Sache war; nämlich, dass ich wir ihm bereits
geraume Weile zusa-hen. Er brach die Knutscherei ab - sehr zu Isabels Enttäuschung,
wie man erkennen konnte.
Als nächstes blickte Shane mich an. „Oh-oh.“
„Ja, ganz richtig, Filan. Das beschreibt es ganz genau“, platzte ich heraus.
Ich war wütend! „Was glaubst du eigentlich, was du da gerade tust?“
„Ich... äh... ich glaube..., ich glaube, du willst mir gerade sagen, dass,
was es auch immer ist, was ich da gerade tue, dass ich das auf später verschieben
soll. Richtig?“ fragte ein verschämt ausse-hender Shane, und Isabel sah
genauso bedröppelt aus. Sie nickte nur, unschuldig grinsend, wäh-rend
Shane vor sich hinstammelte, dabei sahen ihre Augen mich flehentlich an.
„Mir egal, was ihr jetzt macht; ich gehe“, sagte Kian. Er hatte offenbar genauso
wenig Lust wie ich, sich eine sprichwörtliche Schlammschlacht anzusehen.
Ich folgte ihm, als er sich umdrehte. Und nur Sekunden später standen auch
Shane und Isabel, beide klitschnass, und, so wie sie aussahen, noch frierender
als zuvor. Sie hielten sich in einigem Abstand zu uns, um sich nicht noch eine
Strafpredigt anhören zu müssen.
‚Wenn jetzt B. verschwunden ist, wird hier irgendjemand dran glauben müssen’,
versprach ich mir selber. Zutrauen tat ich es Bryan. Aber er stand genau da,
wo er auch zu erwarten gewesen war.
Einen weiteren Tag verbrachten wir mit einem anstrengenden Marsch. Später
- ich schätze, es muss früher Abend gewesen sein - mussten wir immer
öfter kleine Pausen einlegen, bis es ir-gendwann keinen Sinn mehr hatte,
noch weiter zu gehen. Also schlugen wir erneut unser Nacht-lager auf.
Wir fanden keine große Fläche, die halbwegs trocken war, weshalb
wir uns zu verteilen began-nen. Wohlweislich legte ich mich weit von B. weg,
denn ich hatte keine Lust, sein Schnarchen noch einmal zu ertragen, wenn ich
sowieso nicht schlafen konnte.
Isabel und Shane fanden ein kleines Plätzchen auf einem moosbewachsenen
Stein, der kaum ge-nug Platz für zwei bot, aber das störte die beiden
herzlich wenig. Sie kuschelten sich dicht anein-ander, und ich musste sofort
an meine Freundin denken, die jetzt allein in Irland war - und mich womöglich
schon als tot abgeschrieben hatte!
Was für ein Gedanke! Ich war sicher, nicht schlafen zu können, wenn
es mir nicht gelang, diesen Gedanken abzuschütteln. Also sah ich mich nach
den beiden anderen um: Bryan hatte einen Busch gefunden - und sich einfach hineingesetzt!
Gott, der kam auf Gedanken! Aber offensicht-lich störte es ihn nicht, dass
diese Position ganz offensichtlich recht unbequem war; er war bereits eingeschlafen.
Dabei war es noch nicht einmal ganz dunkel!
Blieb also wieder nur noch Kian. Er hatte genauso wie ich noch keinen guten
Schlafplatz gefun-den und rannte nun suchend hin und her. Wir hatten eine etwas
größere ebene Fläche kurz unter dem Ziel unseres Aufstiegs erreicht.
Es war schon zu schummerig, um die Aussicht von hier aus genießen zu können,
und auch schon fast zu dunkel, einen trockenen Platz zu finden.
Kian und ich sahen uns eine Weile stumm an, dann entschieden wir dafür,
uns ein wenig von den anderen zu entfernen, bevor wir gar keine Chance mehr
hatten, irgendetwas zu sehen. Wir woll-ten nicht im Matsch übernachten.
Also stiegen wir noch ein bisschen höher. Es war ein ziemlich unangenehmer
Marsch aufwärts, denn ich stolperte mehr, als dass ich ging, und als ich
Kian plötzlich hinter mir meinen Namen zischen hörte, war es mit meiner
Balance natürlich endgültig vorbei, und ich rutschte aus.
„Was?!“ flüsterte ich wütend vom Boden aus, wo ich nun auf dem Allerwertesten
saß. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich flüsterte. Wahrscheinlich
war es nur die unbewusste Reaktion auf Kians leises Zischen gewesen.
Mittlerweile konnte ich kaum noch etwas erkennen, und so sah ich auch nicht,
wo Kian hinzeigte, als er zur Antwort gab: „Da vorne!“
„Wo denn, verdammt nochm...?“
„Da, am Wasser! Bist du blind?!“ Ich konnte an Kians Stimme hören, dass
er aufgeregt und dabei war, die Geduld zu verlieren.
Ich suchte mit meinen Augen die Küste ab - oder besser, die Dunkelheit,
die eben diese Küste be-deckte. Moment mal - Dunkelheit? Nein! Nicht völlige
Dunkelheit! Ich konnte ein kleines Licht sehen, das eben dieses Dunkel durchbrach!
Das hatte Kian also gemeint. Naja, dafür hatte ich mich gerne in den Schlamm
gesetzt, wie ich in diesem Moment entschied. Plötzlich war auch ich ganz
aufgeregt. Licht! Das war ein Zeichen von Zivilisation! Wir waren nicht ganz
alleine hier draußen!
Nur... „Was glaubst du, was das für ein Licht ist?“ wollte ich wissen.
„Keine Ahnung. Es könnte auch ein Schiff sein, und das ist morgen schon
weg.“ Kian war nicht mehr zu bremsen. Es war klar, dass er irgendetwas tun wollte.
Aber was?
Ich versuchte abzuschätzen, ob sich das Licht an Land oder eher auf Höhe
der See befand, doch das gelang mir nicht. Ich vermochte es wirklich nicht zu
sagen. Alles, was ich wusste, war, dass es sehr klein war, was bedeutete, das
die Quelle, was diese auch immer sein mochte, ziemlich weit weg war.
„Es bewegt sich nicht“, stellte neben mir Kian fest. „Das muss irgendwie ein
Haus sein oder so etwas!“
„Meinst du?“ fragte ich zögerlich. „Ich habe vorhin im Hellen nichts gesehen.“
„Ich auch nicht. Aber ich glaube, es hat keiner von uns genau in diese Richtung
gekuckt, oder?“
Ich überlegte, aber kam zu dem Schluss, dass ich es nicht wusste. „Keine
Ahnung. Ich erinnere mich nicht mehr.“ Mir fiel übrigens bei diesem Satz
auf, dass ich immer noch auf dem matschi-gen Boden saß, wo ich mich ja
zuvor unfreiwillig niedergelassen hatte. Ein wenig mühsam stemmte ich mich
hoch und wischte mir die Hände an meiner ohnehin vollkommen ruinierten
Hose ab.
Nur, um mich gleich darauf erneut hinzupacken, weil Kian einen unvorsichtigen
Schritt vorwärts machte und dabei gegen mich prallte. Jetzt hatte ich endgültig
genug. Licht hin oder her, Dreck hin oder her - ich wollte schlafen. Also blieb
ich einfach liegen.
Kian, der bei unserem Zusammenprall ebenfalls auf unsanfte Weise zu Boden gegangen
war, hatte allerdings immer noch nicht genug Aktion für den Tag gehabt.
Er begann irgendeine weiter-führende Unterhaltung über dieses gottverdammte
Licht, aber ich hörte nicht zu. Stattdessen schob ich ihn nur ein Stückchen
weg - er lag halb auf mir ohne es zu merken - und versuchte dann, in dem Matsch
und Schlamm, der mich umgab, einzuschlafen.
Es war schließlich Kians monotones Gemurmel, was mir half, ins Land der
Träume zu finden; und genau da wollte ich auch hin! Ich träumte von
einer heißen Dusche, einem frischgedeckten Frühstückstisch und
sauberen, trockenen Klamotten. Gott, wie mir all das fehlte!
Es fiel mir am nächsten Morgen nicht besonders schwer, aufzustehen. Meine
Kleidung hatte sich über Nacht endgültig mit Wasser vollgesogen, und
die Farbe meines gesamten Körpers hatte sich zu einem einheitlichen Braun
gewandelt, was der Matsch verursachte. Die Kälte spürte ich schon
nicht mehr, nicht einmal das leichte Zittern meines Körpers störte
mich mehr.
Ich richtete mich in eine sitzende Position auf und wischte mit dem trockneren
Handrücken den Schmutz aus dem Gesicht. Dann sah ich mich um. Kian lag
noch immer neben mir - und schlief tief und fest. Als ich ihn genauer musterte,
wurde mir erst klar, wie fertig, verdreckt und verwahr-lost ich selber aussehen
musste, und das erzeugte ein wenig Amüsement in mir, denn ich dachte daran,
wie ich - und Kian war da nicht anders - mich sonst aufregte, wenn ich nur in
eine Pfütze trat. Wir waren wohl die beiden eitelsten der Gruppen - und
nun lagen wir hier, und sieh uns mal einer an!
Mein Blick wanderte entlang der Küste, und ich versuchte mich zu erinnern,
wo wir in der Nacht das Licht gesehen hatten. Ich konnte die Richtung allerdings
nur ungefähr orten, denn es sah na-türlich im Hellen alles anders
aus, und in der letzten Nacht hatte auch mein Orientierungssinn nicht so gut
funktioniert. Ich musterte jeden Zentimeter Land, den ich von meinem Sitzplatz
aus erkennen konnte, und schließlich stand ich auch auf, aber ich konnte
nichts sehen, von wo das Licht gekommen sein konnte.
Ich hörte Kian neben mir irgendetwas murmeln und überlegte, ob ich
ihn wecken sollte. Einer-seits war es vielleicht gut, wenn jeder von uns so
viel Schlaf bekam wie möglich, andererseits lag er halb in jener Pfütze,
die auch mir die letzte Nacht zu etwas ganz Besonderem gemacht hatte.
Ich spürte bereits die Anzeichen einer Erkältung, und ich wollte Kian
- und allen anderen - diese zweifelhafte Freude ersparen. Aber dazu war es wahrscheinlich
ohnehin schon zu spät. Also ließ ich Kian erst mal weiterschlafen
und kletterte zurück zu anderen. Aber auch hier schliefen noch alle. Shane
und Isabel teilten sich noch immer den schmalen Platz auf ihrem Stein, und aus
Bry-ans Busch ertönte ein leises, unmissliches Schnarchen.
Ich näherte mich ihm, und begann dann, das Gestrüpp etwas genauer
zu betrachten. Ob man diese Blätter essen konnte? Fragte ich mich. Aber
ich entschied mich dagegen, es zu probieren. Ich hat-te nicht viel Ahnung von
Pflanzen und Hunger hin oder her - schmutzige, von Läusen zerfressene Blätter
zu essen, ekelte mich an.
Ein Geräusch ließ mich mich umdrehen. Es kam von Shane, der mich
offenbar bemerkt hatte und sich nun aus Isabels Umarmung schälte. Er sah
müde aus, und mit seinen schmutzigen, aber trockenen Händen rieb er
sich über das Gesicht, wo er eine leichte braune Spur hinterließ.
Dann sah er mich an, gähnte und nieste schließlich.
Offenbar war ich nicht der einzige, dem die Kälte und die ständige
Nässe nicht bekam.
Mit ein paar unsicheren Schritten kam Shane auf mich zu. „Morgen“, sagte er.
„Morgen“, gab ich zurück.
Eine Weile Stille, dann fragte Shane: „Wie geht’s dir?“
Ich musste plötzlich grinsen. „Schlechter als nach einer Nacht mit euch
unterwegs jedenfalls nicht.“
Shane lächelte ein bisschen, wurde aber ziemlich schnell wieder ernst.
„Und, wie soll’s jetzt weitergehen?“
Ich begann ihm, von der letzten Nacht zu erzählen, und von dem Licht, das
Kian und ich entdeckt hatten. Shane wurde eindeutig hellhörig, aber zunächst
einmal erkundigte er sich danach, wo Kian überhaupt war.
Ich deutete in einer etwas unklaren Bewegung zurück zu der Stelle, an der
ich Kian zurückge-lassen hatte und antwortete: „Nimmt ´n Schlammbad.
Soll ja bekanntlich gut sein für die Haut.“
„Yeah, aber nicht für die Gesundheit.“
Ich fand Shanes Antwort nicht ganz passend, denn wenn etwas gut war für
die Haut, dann war es doch gesund? Na ja, das ist wohl Nicky-Denken. Ich hatte
mir schon öfter Sorgen gemacht, was meine Eitelkeit betraf, war aber bisher
zu keiner Änderung gekommen.
Shane nahm das Gespräch wieder auf: „Okay, und in welche Richtung, hat
euch der Stern über Bethlehem gesagt, müssen wir gehen?“
Ich zeigte ihm die ungefähre Richtung. Wo auch immer das Licht herkam,
es muss an der Küste gewesen sein, soviel wusste ich. Denn es war schwach
und klein und recht weit weg gewesen, und besonders weit konnte man in den Hügeln
nicht sehen. Shane nickte.
„Und wann machen wir uns auf den Weg?“ wollte plötzlich jemand hinter uns
wissen, und ich sah mich um. Isabel war aufgewacht. Sie hatte wohl festgestellt,
dass ihre einzige Wärmequelle, die sie noch hatte, sich verflüchtigt
hatte, und so war auch sie aufgestanden. Sie näherte sich uns langsam,
und als sie Shane erreichte, kuschelte sie sich gleich wieder an ihn. Er legte
seinen Arm um sie.
Ich übernahm - einmal mehr - die Initiative. „Gut, gehen wir jetzt. Wir
haben genug Zeit verlo-ren.“
In Isabels Gegenwart war Shane wie auch am Vortag nicht sonderlich produktiv,
also übernahm ich es, die anderen beiden zu wecken. B. erwies sich dabei
allerdings als sehr hartnäckig, er bat mich mehrfach, ihm noch fünf
Minuten zu geben und gab mir dabei diverse Namen, angefangen bei Mum bis hinzu
Anto! Es dauerte eine ganze Weile, bis ich ihn endlich dazu überredet hatte,
aufzustehen.
Kian wachte sehr viel schneller auf! Er brauchte etwa eine Sekunde, um zu realisieren,
worin er die Nacht verbracht hatte und auch schon im gleichen Moment aufzuspringen.
Wütend schüttelte er die Arme, in der Hoffnung, so das klebrige braune
Etwas loszuwerden, das sich über seinen ganzen Körper verteilt hatte.
Er funkelte mich sauer an. „Warum hast du mich nicht schon eher geweckt?!“
„Wenn du glaubst, dann sähest du jetzt anders aus, dann reg dich von mir
aus auf“, sagte ich unbekümmert und drehte mich um, um das kleine Stück
zu Shane, Isabel und B. wieder zurück-zuschlittern.
Ein paar Minuten später setzte sich die ganze Gruppe wieder in Bewegung,
um die erhoffte Zivi-lisation zu erreichen. Mittlerweile hatten wir alle die
Nasen voll von dieser Wildnis.
Unser Weg führte uns wieder am Wasser entlang, das zumindest Kian und ich
nutzten, um den gröbsten Dreck von uns abzuwaschen. Wie gesagt, nass waren
wir ohnehin schon, und die Kälte merkten wir kaum noch.
Als wir allerdings unsere Arme ins Wasser steckten, sah mich Kian an, und ich
stellte fest, dass sich seine Lippen etwas ungesund bläulich verfärbt
hatten. Wenig später konnte ich bei allen an-deren die gleiche Erscheinung
feststellen. Ich nahm an, dass das ein Zeichen unserer Unterküh-lung war,
und ich konnte nur hoffen, dass keiner von uns plötzlich mit Fieber oder
ähnlichem zu kämpfen würde haben müssen.
Die ersten Anzeichen von Erkältung - Schnupfen und Husten - machten sich
allerdings schon all-gemein bemerkbar. Die durch diese Krankheiten verursachten
Geräusche begleiteten uns auf un-serer Wanderung fast die gesamte Zeit.
Ich wartete eigentlich nur darauf, dass irgendjemand schlapp machte.
Im Verlaufe des Tages spürte ich, dass das Hungergefühl in meinem
Magen nachließ, ich meine, ich dachte sogar daran, etwas zu essen, aber
mein dringendes Verlangen danach schwand. Mein erster Gedanken war, zum Glück,
dann dachte ich, dass es wohl ein eher schlechtes Zeichen war. Ich getraute
mich nicht, die anderen zu fragen, wie es ihnen erging.
Müde schleppten wir uns vorwärts, und ich bezweifelte langsam, dass
ich in der letzten Nacht tatsächlich ein Zeichen der Zivilisation gesehen
hatte. Wir hätten es längst erreichen müssen! Ich hatte zwar
keine Uhr, aber mein Zeitgefühl war schon immer recht verlässlich
gewesen, und so kam ich zu dem Schluss, dass es schon mindestens später
Nachmittag sein musste.
Ich musste mir allerdings auch eingestehen, dass sich meine Sicht erheblich
geschwächt hatte, gelegentlich hatte ich sogar das Gefühl, dass die
Küste, an der wir entlang stapften, sich bewegte: auf und ab, nach links,
nach rechts. Gelegentlich schwand meine Sicht ganz, und mir wurde kurz schwarz
vor Augen.
Als es das erste Mal geschah, bekam ich Angst. Aber ich spürte sofort einen
kräftigen Griff, der sich um mein Handgelenk festigte, und dann hörte
ich Bryans Stimme, die mir zurück in die Wirklichkeit half.
B. beruhigte mich, ernster dennoch, als ich ihn lange gesehen hatte, dass mein
kurzer Schwäche-anfall nur mit der gähnenden Leere in meinem Magen
zu tun hatte und mit der Anstrengung, und schließlich fügte er noch
hinzu: „Das ist ganz normal bei solchen Strapazen. - Aber wir haben es ja fast
geschafft!“
Das gleiche geschah noch zweimal oder dreimal. Auch bei Isabel machte sich dieselben
Anzei-chen von Schwäche bemerkbar. Der Rest von uns war offensichtlich
noch ein bisschen fitter. Shane bot Isabel sogar an, sie ein Stückchen
zu tragen. Aber sie lehnte das ohne zu zögern ab. Ganz so sehr strotzte
er ja auch nicht vor Kraft momentan.
Bryan wiederholte immer wieder den Satz, den er schon mir zur Beruhigung gesagt
hatte: „Wir haben es fast geschafft!“
„Irrtum!“ hörte ich Kian plötzlich schreien. „Wir haben es geschafft!“
Er begann, wie wild auf und ab zu hüpfen, und einmal mehr machte er mich
vollkommen nervös - bis ich auch sah, was er entdeckte hatte:
Nicht allzu weit weg stand ein kleines Häuschen am Wasser, und in dem Haus
brannte Licht, und aus dem kleinen Schornstein, das es hatte, kam Rauch!
Allgemeine Aufregung machte sich aufgrund der neuen Entwicklungen breit! Eine
Weile starrten wir uns gegenseitig an, dann ergriff dieses Mal Kian die Initiative,
indem er einfach losrannte. Ich hatte nicht einmal genug Zeit, mich darüber
zu wundern, wie viel Energie er noch hatte, da schleifte mich Bryan auch schon
von der Stelle, ebenfalls in Richtung unserer Rettung.
Und so verteilten wir uns über die Länge unseres Weges. Kian rannte
noch immer ganz vorne, ein ganzes Stückchen von Bryan entfernt, der noch
immer mich im Schlepptau hatte und mich gnadenlos hinter sich her zog. Ein ganzes
Stück hinten uns waren Shane und Isabel, denn Shane hatte Isabel nun doch
Huckepack genommen.
Und genau das wollte Bryan plötzlich auch mit mir tun! „Spinnst du?!“ kreischte
ich. „Dann schaffst du es nie bis zu der Hütte!“
„Nicky, du unterschätzt mich gewaltig“, sagte Bryan und schüttelte
meinen rechten Arm, den er nach wie vor umklammerte. „Los, komm!“
Er ließ - endlich - meinen Arm los und drehte mir seinen Rücken zu.
„Mach schon!“ kommandierte er, und schließlich ließ ich mich tatsächlich
von ihm Huckepack nehmen, denn mir tat bereits alles weh, und meine Beine drohten
schon seit einer Weile unter mir zusammenzuklap-pen.
B. kam natürlich mit mir als Last sehr viel schlechter vorwärts, und
nach einer Weile hatten Shane und Isabel uns eingeholt. Kian hatte das Haus
inzwischen fast erreicht. Er war allerdings auch erheblich langsamer geworden.
Es begann zu dämmern. Ich hatte Angst, wir würden Kian aus den Augen
verlieren, deshalb brüllte ich aus Leibeskräften seinen Namen, aber
er reagierte nicht.
Dafür reagierte Bryan! „Hey, spinnst du? Gröl mir doch nicht ins Ohr!”
„T’schuldigung, war nur... weil...“, begann ich zu antworten, merkte aber, dass
B. mir gar nicht mehr zuhörte. Offensichtlich wollte er gar keine Antwort
auf seine Beschwerde hören!
Es war schon fast völlig dunkel, als wir das Haus erreichten, aber über
der Tür brannte Licht, und in dem Licht stand ein Mann! Er stand einfach
nur da, und selbst als wir uns näherten, und er uns sehen musste, bewegte
er sich kaum. Nur seinem Gesicht war das pure Entsetzen anzusehen.
Ich hörte Bryan irgendetwas keuchen, dann ließ er meine Beine los,
und ich glitt von seinem Rücken zu Boden, wo ich auch eine Weile liegen
blieb - und zwar bis der Mann sich über mich beugte und an meiner Schulter
rüttelte.
„Hallo! Junge, bist du wach!“ er brüllte mir fast ins Ohr, aber ich war
unfähig zu antworten, konnte nur nicken und irgendwelche zusammenhangslose
Worte vor mich hin murmeln.
Der Fremde half mir auf - oder besser, ergriff meinen rechten - natürlich!
- Arm, der noch von Bryans festem Griff wehtat, und zog mich hoch. Mit einiger
Mühe und seiner Hilfe gelang es mir, in die Wärme des kleinen Häuschens
zu wanken, das auf den ersten Blick genauso gemütlich ein-gerichtet war,
wie ich es mir von außen vorgestellt hatte. Allerdings hätte ich
nach den vergange-nen Strapazen wohl jedes Haus als gemütlich eingerichtet
bezeichnet.
Erst einige Zeit später war ich in der Lage, mir die Räumlichkeit,
in der ich mich befand, genauer anzusehen und ein Urteil zu treffen. Ich fand
mich in einer Art Küche wieder. Es sah nicht sehr nobel aus, aber tatsächlich
gemütlich, wenn auch ohne den gesamten Komfort, an den ich von zu Hause
gewöhnt war. Es gab einen kleinen, runden Tisch mit vier Stühlen und
eine Reihe von Schränken. Der Boden war aus Holz - und völlig verdreckt
und mit dunklen Matschspuren be-deckt!
Das waren meine Spuren, und die meiner Freunde und Kollegen. Ich sah sie der
Reihe nach an. Shane, Bryan und Kian saßen mit mir um den Tisch herum
und starrten zurück.
Keiner sagte etwas.
Dann öffnete sich die Tür zu einem weiteren Raum, und eine ältere
Frau kam herein. Sie lächelte es uns an. Dann sagte sie etwas. Ich kann
mich nur noch an den zweiten Teil erinnern, denn erst nach einem weiteren Moment
brachte ich genug Konzentration auf, um zuzuhören. „... habt ihr ja noch
einmal Glück gehabt, dass mein Mann und ich hier so mitten in der Einöde
leben. Eure Freundin liegt in der Stube auf dem Sofa und schläft. Ihr braucht
alle dringend ein Bad, aber kann ich euch ja erst einmal etwas zu essen machen.
Ihr müsst ja hungrig sein.“
Keiner von uns fühlte sich verantwortlich, das Wort zu ergreifen und ihr
eine Antwort zu geben. Schließlich räusperten Shane und ich uns gleichzeitig,
und ebenfalls zur gleichen Zeit begannen Kian und B. zu reden. Keiner verstand
irgendetwas, und die gute Frau sah uns reichlich verwirrt an.
B. antwortete schließlich: „Also, wenn sie vielleicht ein Stückchen
Brot hätten, wäre das...“
Da lachte unsere Gastgeberin laut auf: „Ein Stückchen Brot? Kommt schon
Jungs, so arm bin ich doch nun auch wieder nicht.“ Mit diesen Worten drehte
sie sich resolut um zu ihrem kleinen Herd und sagte: „Zuerst einmal mache ich
euch einen Tee, und dann sehen wir weiter.“ Sie setzte dann auch einen Kessel
Wasser auf und begann, in ihren Schränken zu rumoren. Eine Packung Reis,
ein kleiner Sack mit Kartoffeln, eine Packung Hack und ein paar Gläser
mit eingemachtem Ge-müse kamen daraus zum Vorschein. Ich bemerkte, wie
Bryans Augen mit jedem Stück, das auf der Küchenablage vor ihr landete,
größer wurden und musste grinsen. Kian merkte von alldem nichts,
weil er mit dem Rücken zu dieser herrlichen Pracht saß, und Shane
war, den Kopf auf den auf der Tischplatte verschränkten Armen, eingeschlafen.
Es dauerte nicht lange, und sie hatte uns ein hervorragendes Mahl gezaubert.
Na ja, das war wohl ähnlich wie mit den Räumen - in dieser Situation
hätte ich wohl alles gegessen und es auch noch gut gefunden. Halt. Moment.
Nicht alles. Aber fast alles.
Kian weckte den schlafenden Shane mit einem kräftigen Rippenstoß,
und dann legten wir uns ins Zeug! Erst eine halbe Stunde später - vier
laute, aber natürlich unbeabsichtigte Rülpser hatten zu erkennen gegeben,
dass wir nun endgültig satt waren - kam Shane auf den Gedanken, so höflich
zu sein, unsere nette Gastgeberin nach ihrem Namen zu fragen. Es war mir, ehrlich
gesagt, etwas peinlich, dass wir nicht schon eher darauf gekommen waren. Aber
sie lachte.
„Ihr könnt mich gerne Oma McBurghlein nennen.“ Sie sah in vier überraschte,
wahrscheinlich nicht unbedingt begeisterte Gesichter und lachte: „Keine Sorge.
So nennt mich hier jeder im Dorf.“
„Dorf?“ Kian wurde hellhörig, und ich verpasste ihm einen Tritt. Es hörte
sich irgendwie unhöf-lich an, wie ich fand. Er sollte schon froh sein,
dass wir überhaupt einen Ansatz von Zivilisation gefunden hatten.
Aber Mrs., nein Oma McBurghlein lachte nur erneut: „Nur ein kleines Fischerdörfchen.
Mein Mann ist gerade dort, um zu telefonieren, damit ihr morgen zurück
nach Hause fahren könnt. - Wir haben nämlich hier kein Telefon.“
Ich nickte nur, nahm die Informationen in mich auf. Das waren ja endlich einmal
gute Neuig-keiten. Nur eines bedrückte mich: Mark! Was war mit ihm geschehen?
Das wusste Oma McBurghlein - ich hatte mich tatsächlich schon an diesen
Namen gewöhnt! - leider auch nicht.
Dafür hatte sie andere gute Nachrichten: ungeachtet der Tatsache, dass
sie und ihr Mann keinen Telefonanschluss besaßen, hatten sie dennoch Strom
und fließendes Wasser. Heißes Wasser. Genau das richtige für
ein langes Bad!
Mittlerweile war ich nämlich trocken, und der Schmutz an meinem Körper
fühlte sich hart und verkrustet an. Ab und zu bröckelten winzige Stücke
davon zu Boden.
Vorsichtig fragte ich nach. Und bekam meinen Wunsch erfüllt! Nur Minuten
später fand ich mich in einem kleinen, vollgeräumten Badezimmer wieder,
bereit, ein - leider nicht sehr langes - Bad zu nehmen. Ich wünschte plötzlich
die anderen allesamt ins Pfefferland, denn ich wollte meine Ruhe haben. Aber
stattdessen klopfte Kian alle paar Minuten an die Tür, in der Hoffnung,
dass ich endlich fertig wäre. Und wieder einmal verdarb er mir die Stimmung,
und ich wurde von Mal zu Mal nervöser. ‚Irgendwann kommt der Tag, da macht
mich dieser Kerl endgültig wahnsinnig’, dachte ich.
Und eine Stunde später wiederholte sich dieser Gedanke, als wir mit Wolldecken
und Sofakissen nebeneinander auf dem Teppichboden in der Stube von Oma McBurghlein
lagen und versuchten, den ersten richtigen Schlaf nach drei Nächten zu
bekommen.
Ungeachtet Kians ätzender Gewohnheit, sich vorm Einschlafen mindestens
pro Minute ein bis zwei Mal umzudrehen - was durchaus störend war, wenn
man neben ihm lag - schlief ich zum ersten Mal seit drei Nächten richtig
gut und lange. Ich träumte nicht, sondern knackte wie ein Baby einfach
weg und war - laut allen anderen bis zum nächsten Mittag nicht wach zu
kriegen. Und ich hätte wohl auch noch länger schlafen können,
aber Shane weckte mich zu einem aus-führlichen Mittagessen, dem auch nicht
so ganz abgeneigt war...
Bei dieser Mahlzeit erfuhr ich dann auch die ersten Neuigkeiten: Oma McBurghleins
Ehemann war noch am Abend unserer Ankunft ins nahegelegene Fischerdorf gefahren,
dort von einer Kneipe aus zu telefonieren Er hatte die Polizei in dem nächsten
größeren Ort angerufen, von wo aus alles weitere organisiert worden
war. Man hatte unsere Eltern benachrichtigt und unser Management - und hoffentlich
auch unsere Fans, die sich mit Sicherheit ebenfalls schon Sorgen gemacht hatten.
Mr. McBurghlein hatte sich dazu noch bereit erklärt, uns in den Ort zu
fahren, von dem aus wir einen Zug in die nächste Stadt nehmen und dann
nach Hause fliegen konnten. Nur eines hatte sich noch immer nicht aufgeklärt:
wo Mark und die beiden Piloten waren.
Das bedrückte mich. Und so wie die anderen aussehen, ging es ihnen nicht
anders. Die gute Stimmung am Tisch sank sofort auf Null, als Mr. McBurghlein
uns die schlechte Nachricht überbrachte. Eine Weile schwiegen wir alle.
Ich spürte sogar Tränen der Enttäuschung in mir aufsteigen. ‚Warum?’
begann ich mich zu fragen. Ich wollte doch nur meinen Freund und Kol-legen lebend
wiedersehen. War das zuviel verlangt?
„Seht ihr, ich habe es ja gesagt, wir hätten auf sie warten sollen“, bemerkte
Kian scharf, aber als Antwort fauchten ihn vier Leute wütend an, und so
sagte er schließlich nichts mehr zu diesem Thema. Ich bin überzeugt,
ihm wäre noch mehr eingefallen.
„Ja, möglicherweise ist es meine Schuld“, gestand ich schließlich.
„Ich habe den Vorschlag ge-macht, sie zurückzulassen.“
Isabel, die auf Shanes Schoß saß, weil nicht genug Stühle vorhanden
waren, schüttelte energisch den Kopf: „Papperlapapp“, versuchte sie mich
aufzumuntern. „Es war unsere Entscheidung. Wir haben sie schließlich einheitlich
- nein, mehrheitlich - getroffen.“
„Jetzt hört mal auf, euch Vorwürfe zu machen“, warf B. empört
ein. „Wir haben das Beste getan, was wir tun konnten. Ich meine, ihr wisst ja
gar nicht, wie lange ich da schon auf die gewartet habe! Die waren seit Stunden
weg!“
Shane sah ihn mit zusammengezogenen Brauen an. „Meinst du?“
„Gott, Junge, das weiß ich!“ sagte Bryan.
Wir konnten es ohnehin nicht ändern. Alle waren traurig über die schlechten
Neuigkeiten, nach-dem sich doch gerade alles zum Guten gewendet hatte. Aber
wir konnten nur eines tun: der Poli-zei Auskunft geben über die ungefähre
Strecke, die wir gegangen waren, damit das abzusuchende Gebiet eingegrenzt werden
konnte, womit die Chancen stiegen, die noch Vermissten in naher Zu-kunft zu
finden.
Und dann saßen wir auf der Polizeiwache, um unsere Auskünfte zu geben.
Jeder für sich wurden wir von einem gemütlichen Beamten mit einem
dicken Schnurrbart interviewt, ausnahmsweise einmal nicht über unsere Karriere
oder unser Liebesleben, und mit Isabel als fünfte Person.
Von den McBurghleins hatten wir uns bereits verabschiedet - natürlich nicht
ohne zu fragen, ob wir irgendetwas tun könnten, um uns bei ihnen zu bedanken.
Oma McBurghlein hatte daraufhin nur gelacht, und uns ganz nebenbei offenbart,
dass sie uns - bis auf Isabel - erkannt hatte. Sie hatte ja schließlich
auch Enkelkinder! Also bat sie uns jeden um ein Autogramm - ein Wunsch, den
wir ihr gerne erfüllten!
Das Verhör - wenn man es ein Verhör nennen konnte - war da schon weniger
angenehm. Ich saß auf der Kante eines unbequemen Stuhles in einer winzigen,
unaufgeräumten Büroraum und hoffte, das Gespräch zu kurz wie
möglich halten zu können.
Der Polizeibeamte, dessen Namensschild ihn als Mr. Reynolds ausgab, war aber
sehr freundlich. Er dankte mir sogar für meine Hilfe - als hätte ich
nicht auch ein Interesse daran, dass die anderen drei gefunden wurden! Ich sagte
dennoch freundlich bitte und er ging mit mir zurück ins Wartezimmer, um
nun Shane mitzunehmen.
Müde setzte ich mich neben Bryan, der seine Auskünfte als erstes gegeben
hatte. „Ich verstehe das nicht. Was, wenn er jetzt von fünf Leuten fünf
unterschiedliche Aussagen erhält? Das ist doch nicht von Nutzen.“
Ich zuckte die Schultern. „Vielleicht soll das nur verhindern, dass wir uns
gegenseitig verwirren“, nahm ich an. Es war mir aber auch egal, denn ich ging
davon aus, dass der Polizist wusste, was er tat.
Und das wusste er auch! Noch bevor wir am selben Abend ins Flugzeug stiegen,
hatten die Suchtrupps Mark, Peter und Veit gefunden. Wir allerdings erfuhren
davon erst, als wir - dieses Mal nach einem glatten Flug ohne Zwischenfälle
- in Dublin landeten, wo unsere Eltern uns glücklich und erleichtert in
Empfang nahmen.
Mark kam einen Tag später in Irland an, und natürlich brannten wir
anderen darauf, seine Geschichte zu hören. Aber da er keine Lust hatte,
uns alles mehrfach zu erzählen, hieß es, ein paar Tage warten, bis
wir wieder alle gemeinsam unterwegs waren.
Wir saßen in einem kleinen, schlecht besuchten Pub in London und tranken
gerade unser zweites Bier, als Mark zu erzählen begann: „Es gefiel mir
eigentlich gar nicht, euch, Bryan und Kian, alleine zurück zu lassen. Aber
andererseits war ich ziemlich sicher, dass wir nicht allzu lange brauchen würden,
um einmal auf diesen Hügel zu klettern und uns einen Überblick über
die Gegend zu verschaffen.“
„Lange genug“, merkte B. an, aber es klang nicht sehr vorwurfsvoll. Eher etwas
belustigt. Ein paar Tage zuvor allerdings hatte er an der Situation noch nichts
lustig gefunden!
Mark übernahm wieder das Wort: „Naja, wir sind auch ganz schön weit
gekommen. Und sehr lange hat es auch nicht gedauert bis wir oben waren. Aber
wir konnten nichts sehen. Hinter dem Hügel war noch ein Hügel - und
noch einer! Ich wollte daraufhin zu euch zurück, aber Peter sagte, er wolle
noch einmal versuchen, ob man von einem anderen Platz etwas sehen könnte.
Ich bin natürlich mit - wollte ja nicht alleine da in den Bergen ´rumstehen.“
„Das muss ja dann ganz schön lange gedauert haben“, warf ich ein.
Mark schüttelte den Kopf. „Nein, das raufklettern nicht.“
„Sondern?“ fragte Kian nach.
„Naja, auch dieser Aussichtsplatz war nicht wirklich in irgendeiner Weise von
Nutzen“, erklärte Mark. „Also wollten wir wieder zurück. Aber, ich
weiß ja nicht, ob es euch aufgefallen ist, der Boden in diesen Bergen
war verdammt matschig!“
„Yeah, schon klar“, grinste Bryan und sah erst mich, dann Kian an.
„Jedenfalls ist Veit dann plötzlich ausgerutscht, regelrecht ins Rollen
geraten, und ein ziemlich großer Stein hielt seinen Abwärtsgang auf.
Um genau zu sein: ich hörte nur einen lauten Schrei, und dann lag er da.
Bewusstlos. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass es eine Weile gedauert
hat, bis er wieder zu sich gekommen ist. Und tragen konnten wir ihn auch nicht
- dazu war der viel zu schwer. Und als er aufwachte hatte er natürlich
tierische Kopfschmerzen. Gehirnerschütterung oder so was. Ich weiß
nicht. Auf jeden Fall wurde es bereits dunkel, als wir endlich den Rückweg
antreten konnten. Aber das war uns dann zu gefährlich. Also haben wir die
Nacht dort verbracht. Und als wir am nächsten Tag wieder da hin sind, wo
wir euch zurückgelassen hatten, wart ihr weg.“
„Ich habe den anderen gesagt...“ begann Kian einmal mehr, aber ein langer Blick
von B. und mir brachte ihn zum Schweigen.
Shane gab die gesamte Zeit über keinen Kommentar von sich. Er starrte nur
düster in sein mittlerweile drittes Bierglas, und ab und zu trank er einen
kräftigen Schluck. Ich musste grinsen. Ich kannte den Grund seiner miserablen
Laune; er war nämlich weiblicher Natur und lag von daher auf der Hand:
Isabel.
Sie hatte ihm nach unserer gemeinsamen Rückkehr den Laufpass gegeben. Ich
weiß allerdings nicht warum. Wir alle wussten das - nur Mark hatte keine
Ahnung von gar nichts! Und als er schließlich nachfragte, begannen wir,
sehr zu Shanes Unwillen, ihn über alles in Kenntnis zu setzten, was während
seiner Abwesenheit zwischen Shane und unseren jungen Flugbegleiterin vorgefallen
war.
Mark lachte, als er schließlich alles wusste, und verpasste Shane einen
kräftigen Rippenstoß. „Hey Filan, ist doch halb so wild! Hauptsache
ihr habt mich wieder, oder?“
Daraufhin musste dann auch Shane grinsen. Er bestellte für alle noch eine
Runde, und dann stießen wir auf den - fast... - glücklichen Ausgang
dieses Abenteuers an.
Hier an dieser Stelle soll die Geschichte enden. Wie gesagt, den Preis, den
wir hatten entgegen-nehmen sollen, bekamen wir später noch, und danach
wurde aus unserem Leben wieder das, was es vorher gewesen war.
Nachwort: Ich hoffe die Geschichte hat dir/euch gefallen! Ich würde mich
sehr über etwas Feedback freuen. Wer mir was schreiben will, kann das tun,
an: n_luvs_ya@yahoo.de