Prolog
Schwere, dunkle Regenwolken hingen über einem kleinen Vorort San Franciscos
und erstreckten sich bis in die Stadt hinein. Leise trommelten Regentropfen
gegen die Fenster und verhinderten eine Sicht nach draußen. Katie seufzte,
als sie die Haustür hinter sich schloss und sich mit geschlossenen Augen
dagegen lehnte. Sie hatte es gerade noch rechtzeitig geschafft, der drohenden
Sinnflut zu entgehen und begann damit, sich ihre Jacke auszuziehen, die sie
sorgfältig an einen Kleiderhaken hing, eh sie aus ihren Turnschuhen schlüpfte.
Ihr langes, blondes Haar, dass an den Spitzen leicht gelockt war, fiel ihr über
die Schultern und hing ihr störend im Gesicht, weshalb sie in ihre Hosentasche
griff und ein Haargummi zu Tage beförderte, mit dem sie ihr Haar zu einem
lockeren Knoten am Hinterkopf zusammen band. Prüfend blickte sie in den
Spiegel und nickte zufrieden. Einen Moment lang blieb sie stehen, nicht sicher,
was sie als nächstes tun sollte. Eigentlich gab es noch so viele Dinge
zu erledigen, die keinen Aufschub duldeten, doch Katie konnte sich nicht dazu
durchringen, diese Dinge auch zu erledigen. Sie hatte nur noch wenige Tage,
die sie in ihrer Heimat zusammen mit ihrer Familie verbringen konnte, bevor
sie ein neues Leben beginnen würde und in eine ungewisse Zukunft startete.
Katie zupfte an ihrem Kapuzenpullover und beschloss, in die Küche zu ihren
Eltern zu gehen. Sie lehnte sich an den Türrahmen und sah ihrer Mum, Brenda,
amüsiert dabei zu, wie sie ihren Vater, Edward, zu überreden versuchte,
eine Diät zu beginnen, für die er sich nicht zu begeistern schien,
was allein an seinem Gesichtsausdruck mehr als deutlich wurde. Katie lächelte
und trat in das Zimmer, wo sich die Köpfe ihrer Eltern überrascht
nach oben neigten.
„Hey“, sagte Katie kurz und ging zum Kühlschrank, den sie öffnete
und mit verschränkten Armen begutachtete.
„Hallo, Katie. Bist du schon lange da?“, fragte ihre Mum und stellte den Diätdrink,
den sie noch bis vor kurzem in ihrer Hand gehalten hatte, auf den runden, hellen
Holztisch, der die Mitte des Raumes zierte. „Nein, ich bin eben erst gekommen“,
antwortete Katie, während sie eine Flasche Milch aus dem Kühlschrank
holte und nebenbei nach einem Glas im oberen Küchenschrank angelte. „Ist
alles geregelt?“ Ihr Dad, der bis eben schweigend alles beobachtet hatte, meldete
sich zu Wort, mit einem grimmigen Unterton, wie Katie fand. „Ich denke schon.
Lillian wird mich zum Flughafen bringen, wenn ihr nichts dazwischen kommt. Ihr
müsst euch also um nichts kümmern.“
Sie sah ihre Eltern an, nahm einen Schluck aus ihrem Glas und stellte dieses
auf den Küchentisch, an den sie sich kurz darauf ebenfalls setzte. „Dann
bin ich aber beruhigt.“ Edward fuhr sich durchs Haar und musterte seine Tochter
aus den Augenwinkeln heraus, was Katie augenblicklich bemerkte, weshalb sie
ihn mit einem bösen Blick strafte. Zwar wusste sie, wie ihr Vater zu ihrem
Vorhaben stand, doch er konnte ihr nichts verbieten und vor wenigen Monaten
hatte er selbst noch gesagt, sie müsse ihre eigenen Erfahrungen sammeln,
denn nur daraus konnte man lernen.
Nun würde Katie ihre Erfahrungen sammeln – in Irland. Ihre Eltern konnten
nicht verstehen, warum Katie ausgerechnet ein Land wie Irland wählte, wo
ständig schlechtes Wetter war und man außer Kühe und Schafe
nichts kannte, doch Katie war sich im klaren darüber, weshalb sie sich
für Irland entschieden hatte. Schon als sie vor ein paar Jahren in der
Schule einen Vortrag über dieses Land halten musste, hatte es sie fasziniert,
da Irland etwas sehr mystisches hatte, zugleich aber auch wunderbar romantisch
und erholsam war, nicht zuletzt wegen der atemberaubenden Landschaft. Überall
grüne Wiesen und wunderschöne Buchten, an denen sich das Meer brach.
Es war immer ein Wusch von ihr gewesen, einmal dieses Land zu bereisen und jetzt
würde dieser Wusch endlich wahr werden, wenn auch nicht unter den Umständen,
die sie sich erhofft hatte. Katie hatte sich nach der Schule vorgenommen, Architektur
zu studieren, doch schon nach einem Semester hatte sie ihr Studium hingeschmissen,
da sie erkannt hatte, dass sie darin einfach nicht ihre Erfüllung sah.
Natürlich bereitete ihr das Studium zeitweise auch Spaß, doch ihre
Leidenschaft lag woanders, bei der Musik. Vor etwa drei Jahren hatte Katie ihren
ersten Song geschrieben, auf den sie mächtig stolz war und ihn sofort ihrer
gesamten Verwandtschaft präsentierte, die beigeistert von dem Talent des
jungen Mädchens waren und ihr dazu rieten, unbedingt weiter zu machen,
was Katie befolgte. Es entstanden immer bessere Songs, die qualitativ hochwertiger
waren, als ihre Erstlingswerke, und Katie liebte es abgöttisch, an warmen
Sommernächten, draußen auf der Terrasse zu sitzen und auf ihrer Gitarre
zu spielen, während der Sternenhimmel über ihr leuchtete. Auf Raten
ihres damaligen Musiklehrers hatte sie Demotaps aufgenommen und diese an verschiedene
Plattenfirmen geschickt, in der Hoffnung, irgendwann mal ihren eigenen Song
aus dem Munde eines weltberühmten Künstlers zu hören, doch zu
ihrem bedauern, wurden die Taps wieder zurück geschickt, mit der Begründung,
dass Musiker wie sie auf dem US – Markt keine Chance hätten. Katie nahm
sich diese Kommentare sehr zu herzen und dachte lange darüber nach. Vermutlich
stimmte es, was die Leute sagten, doch Katie wusste, dass ihre Songs gut waren,
weshalb sie beschloss, ihr Glück auf dem europäischen Musikmarkt zu
versuchen. Sicher war dieser Plan nicht der hauptsächliche Grund dafür,
ihr Leben in einem kleinen Städtchen aufzugeben, dass sie seit ihrer Geburt
vor zwanzig Jahren kannte, denn Katie wollte vor allem Ruhe und Erholung, die
sie hier nicht hatte und in Irland ganz sicher finden würde, auch wenn
es nicht leicht war, in ein völlig fremdes Land am anderen Ende der Welt
zu kommen, um dort ein neues Leben zu beginnen, doch Katie war ein Kämpfertyp
und ließ sich nicht klein kriegen, bevor sie ihr Ziel nicht erreicht hatte.
Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie ein leichtes rütteln an
ihrer rechten Schulter bemerkte.
„Alles in Ordnung, Katie?“ Ihre Mutter sah sie besorgt an und strich ihr sanft
über die Stirn, eh sie lächelte. „Du bist schon nervös, oder?“
Katie nahm einen tiefen Atemzug und nickte. Ja, nervös war sie wirklich.
„Mum, Dad, ich nehme noch schnell eine Dusche, damit ich bis zum Abendessen
fertig bin. Bis dann.“
Sie erhob sich von dem weichgepolsterten Stuhl und verließ das Zimmer.
Hastig eilte sie die dunkle Holztreppe nach oben und öffnete die Tür
ihres Zimmers, in das sie hineintrat und ihren Kleiderschrank öffnete.
Hektisch riss sie ein paar Sachen heraus und ging mit ihnen ins Badezimmer.
Stöhnend stützte sie ihre kalten Hände auf das Waschbecken vor
sich und betrachtete sich in dem Spiegel, der direkt darüber hing. Katie
wirkte blass, fast ein wenig kränklich, was vermutlich nur daran lag, dass
sie in den letzten Nächten eindeutig zu wenig geschlafen hatte, denn immer
wieder wachte sie mit starkem Herzklopfen schweißgebadet auf, auch wenn
sie nicht wusste, was der Grund dafür war. Sorgsam löste sie ihr Haar
aus dem Zopf und legte es sich über die Schultern. Es reichte ihr bis knapp
über die Brust und ergänzte sich hervorragend mit ihren rehbraunen
Augen. Katie war sich im klaren darüber, was für eine Wirkung sie
auf Männer hatte, die sie bis jetzt aber nie wirklich ausspielte. Sie hatte
erst einen richtigen Freund gehabt, bei dem sie dachte, er wäre der Richtige
und deshalb ihre Jungfräulichkeit opferte, die sie eigentlich bis zur Ehe
bewahren wollte. Trotzdem bereute sie diese Erfahrung nicht im geringsten und
grinste leise in sich hinein, als sie daran zurückdachte. Katie schüttelte
den Kopf und stieg aus ihrer Jeanshose, um sich danach von ihrem Pullover und
der Unterwäsche zu befreien.
Auf Zehenspitzen lief sie die kalten Fliesen entlang und stieg in die Duschkabine.
Katie betätigte den Wasserhahn und spürte nur Sekunden später
herrlich heißes Wasser auf ihren Körper nieder rieseln. Sie schloss
die Augen und versuchte, an nichts zu denken, sondern sich einfach nur zu entspannen,
was ihr sogar gelang. Mit einem gutriechenden Pfirsichshampoo bedeckte sie ihre
zarte Haut, ehe sie sich danach ihr Haar wusch, ein letztes mal abspülte
und anschließend das Wasser ausstellte. Etwas fröstelnd wickelte
sie ein Handtuch um ihren Körper und stellte sich erneut vor den Spiegel.
Sie sah kurz aus dem Fenster und musste feststellen, dass es wie aus Eimern
goss. Es war Anfang April und man sollte meinen, es würde endlich eine
Wetterbesserung eintreten, doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen verschlechterte
sich das Wetter von Tag zu Tag und eine Stunde am Stück ohne Regen wurde
zu einer wahren Rarität. Katie schlüpfte in ihre Trainingshose und
in ein weites T-Shirt, kämmte sich ihr Haar gründlich durch und cremte
sich ein, bevor sie sich wieder zu ihren Eltern gesellte und mit ihnen gemeinsam
zu Abend aß. Für Katie war es schwer vorstellbar, dass das in wenigen
Tagen nicht mehr so sein würde.
Der Regen pochte weiterhin unaufhörlich gegen Katies Zimmerfenster und
verschlimmerte sich mit der Zeit allmählich, was Katies Laune nicht unbedingt
besserte. Sie saß auf ihrem Bett und blätterte gedankenverloren in
einer Zeitschrift, in der sich außer Schminktipps und Hollywoodklatsch
nichts wirklich interessantes befand. Frustriert warf sie die Zeitschrift auf
den Boden und legte sich auf den Rücken, den Blick an die mit Holz bedeckte
Zimmerdecke gerichtet.
Wie sehr würde ihr dieses Zimmer fehlen, ganz zu schweigen von ihrer gewohnten
Umgebung und ihren besten Freunden. Lillian, Katies wahrscheinlich beste Freundin,
hatte zusammen mit Matthew, Gregor, Audrey, Wendy und Polly eine Abschiedsparty
organisiert, die am morgigen Tage stattfinden würde. Katie würde sie
alle so vermissen. Matthew, weil er wie ein Ruhepol auf sie wirkte, Gregor,
weil er für jeden Witz zu haben war, Audrey aufgrund dessen, weil man mit
ihr stundenlang shoppen gehen konnte, Wendy, weil sie sich für nichts zu
schade war und Polly, weil sie Katies Leidenschaft für Musik teilte.
Katie seufzte tief und spürte, wie sich ihre Augen mit Tränen gefüllt
hatten. Sie hatte sich fest vorgenommen, ihrer Vergangenheit nicht nachzutrauern
und an ihrer Entscheidung, nach Irland zu gehen, nicht zu zweifeln, da es jetzt
definitiv kein zurück mehr gab. Katie hatte alle organisatorischen Angelegenheiten
geregelt und konnte sich nun auf eine 80 m² Wohnung, mitten im Herzen von
Dublin, freuen. Sie hatte sich schon lange gewünscht, eine eigene Wohnung
zu beziehen, in der ganz allein sie der Boss war und in der sie tun und lassen
konnte, was sie wollte. Das sich genau diese Wohnung in Dublin befand, war Schicksal,
doch es würde Katie sicherlich gut tun, Abstand zu gewinnen und ihre missglückten
Songschreiberversuche zu vergessen.
Sie richtete sich auf und ging zu ihrem Kleiderschrank, aus dem sie zwei große
Reisetaschen heraus holte. Zwar würde sie erst übermorgen fliegen,
doch packen musste sie trotzdem schon. Ihre meisten Habseligkeiten waren schon
gut in überdimensionalen Koffern verstaut und einzig ihre Kleidung musste
noch reisefertig gemacht werden. Katie kniete sich hin und nahm eine Hose nach
der andern, die sie zusammenlegte und in die Taschen packte, eh sie sich an
ihre T-Shirts und Pullover sowie Jacken und Unterwäsche machte, die sie
ebenfalls sorgfältig verstaute. Auch wenn Ordnung nicht unbedingt zu Katies
Stärken gehörte, was ihr ihre Eltern oft genug vorhielten, legte sie
doch großen Wert darauf, ihre Kleidung nicht zu zerknittern, damit sie
nicht direkt bügeln musste, wenn sie in Dublin angekommen war. Hoffentlich
würde sich das Wetter bis zu ihrem Flug noch ein wenig bessern, denn Katie
war kein großer Freund von Flugzeugen, erst recht nicht, wenn sie bei
schlechtem Wetter in die Luft gingen. Bis zu diesem Zeitpunkt war sie erst ein
einziges mal geflogen und es hatte ihr voll und ganz gereicht, denn sowohl vor
als auch nach dem Flug, war sie rege damit beschäftigt gewesen, Stoßgebete
in den Himmel zu schicken.
Katie rieb sich ihre müden Augen mit Daumen und Zeigefinger und stemmte
ihre Hände in die Hüften. Obwohl sie so nahe an einer Millionenstadt
wohnte, war sie ein richtiges Landei, wie ihr Vater immer so schön zu sagen
pflegte.
Würde sie sich in Dublin überhaupt einleben können, auch wenn
diese Stadt nicht so übertrieben groß, aber dennoch die Hauptstadt
Irlands war?
Das größte Problem für Katie würden zu hundertprozentiger
Sicherheit die fehlenden Bezugspersonen sein. In Dublin hatte sie niemanden,
weder ihre Eltern noch Lillian, und es würde lange dauern, eh sie sich
den Freundschaftskreis aufgebaut hatte, den sie in Amerika hatte. Vermutlich
würde sie niemals wieder eine Freundin wie Lillian finden und sie hatte
eine Zeit lang energisch versucht, ihre beste Freundin zu überreden, mit
ihr nach Irland zu kommen, doch was sollte Lillian im fernen Europa, wo ihr
Leben doch hier in geregelten Bahnen verlief. Sie wohnte zusammen mit ihrem
Freund, Joe, in einem kleinen Häuschen, dass seinen Eltern gehörte
und würde in wenigen Wochen heiraten. Spätestens an diesem Tag würde
Katie zurück in ihre Heimat kommen, wenn auch nur vorrübergehend.
Seufzend langte sie nach ihrer Gitarre, die in einer Ecke neben ihrem Kleiderschrank
verborgen war und stimmte Elvis’ Song *Can’t help falling in love* an, den Katie
zu ihren Lieblingsliedern zählte, zumal sie Elvis sowieso vergötterte.
Er war neben Whitney Houston eines ihrer größten Idole und sie liebte
es, seine Lieder zu singen und zu spielen. Sie hoffte inständig, dass sie
auch in Dublin Zeit dafür haben würde, warum auch nicht, schließlich
würde sie genug Freizeit haben, da sich jobmäßig noch nichts
ergeben hatte. Katie legte ihre Gitarre wieder zur Seite. Es war Zeit, zum schlafen
gehen.
Kapitel 1
Katie wischte sich mit ihrem Unterarm über die schweißnasse Stirn
und atmete heftig, während sie sich eine einzelne Haarsträhne hinter
das Ohr strich, auf den Boden sah und seufzte. Lauter Umzugskartons bedeckten
den hellen Parkettboden und ließen die Wohnung ungemütlich und wüst
aussehen. Katie war am gestrigen Tage in Dublin angekommen und nach dem sehr
anstrengenden Flug zu müde, um sich ein wenig häuslich einzurichten.
Sie hatte ihre Sachen unachtsam in der Wohnung verteilt und war anschließend
erschöpft in ihr Bett gefallen, dass bereits aufgestellt worden war. Dafür
musste sie heute um so härter arbeiten, um ein halbwegs angenehmes Klima
zu schaffen. Die Küchenschränke hatte sie schon am Morgen gefüllt
und auch ihr Schlafzimmer war fertig eingeräumt, sodass nur noch das Wohnzimmer
fehlte.
Katie stemmte ihre Hände in die Hüfte und lief durch das Zimmer hindurch
zu dem großen Wohnzimmerfenster, von wo aus sie einen herrlichen Blick
über Dublins dichtbefüllte Einkaufsstraßen hatte. Wie gerne
hätte sie alles einfach stehen und liegen gelassen, um nach draußen
an die frische Luft zu gehen und den Duft der ‚Grünen Insel’ in sich einziehen
zu lassen. Doch leider sagten ihre Eltern schon, dass erst die Arbeit und dann
das Vergnügen kam und genauso wollte es Katie auch handhaben, da es nicht
unbedingt angenehm war, in einer unordentlichen Wohnung, in der noch nicht mal
ein Fernsehapparat aufgestellt war, zu hausen.
Stöhnend begab sie sich zurück zu ihren Kartons und war bis tief in
den Nachmittag damit beschäftigt, Schränke einzuräumen, Fenster
zu putzen und Gardinen aufzuhängen. Stolz begutachtete sie ihr Werk und
ließ sich zufrieden auf der weißen Couch nieder, die das Zimmer
zierte und eine durchaus wuchtige Erscheinung war. Sie nahm einen tiefen Atemzug
und streckte alle Viere von sich. Endlich etwas Entspannung. Auch wenn Katie
vollkommen alleine in einem ihr noch unbekannten Land war, fühlte sie sich
keinesfalls einsam oder im Stich gelassen. Ganz im Gegenteil. Zum ersten mal
in ihrem Leben hatte sie das Gefühl, etwas richtig gemacht zu haben und
endlich auf eigenen Beinen stehen zu können, denn bis vor wenigen Tagen
waren es noch ihre Eltern, die dafür gesorgt hatten, dass es ihr gut ging
und sie regelmäßig warme Mahlzeiten bekam, um nicht zu riskieren,
dass sie abmagerte und krank werden würde. Jetzt war Katie ganz auf sich
allein gestellt und musste Verantwortung für ihr Tun und Handeln übernehmen,
auch wenn das sicher nicht immer eine leichte Aufgabe sein würde, doch
Katie war sich sicher, dass sie auch diese Hürde meistern würde, auch
wenn sie noch so hoch war. Natürlich ließ sich nicht leugnen, dass
sie ihre Eltern und ihre Freunde vermisste und sie sich in der letzten Nacht
sogar in den Schlaf geweint hatte, doch Katie war klar, dass sie nicht aus der
Welt waren, sondern lediglich in einem anderen Land ihr eigenes Leben lebten,
genau wie es Katie zukünftig in Dublin tun würde.
Mit einem Schwung richtete sie sich auf und ging in die benachbarte Küche.
Aus einem der Schränke holte sie einen Topf, in den sie Wasser laufen ließ
und den sie anschließend auf einer Herdplatte abstellte, eh sie ihre spärlichen
Lebensmittelvorräte durchsuchte und auf einen einzigen Beutel Pfefferminztee
stieß. Frustriert angelte sie nach einer Tasse und bedachte diese mit
dem Teebeutel, eh sie sich an den Tisch fallen ließ und ihren schweren
Kopf auf ihren Händen abstützte. Sie schloss ihre Augen und lauschte
den Geräuschen ihrer Umwelt. Von irgendwo war leises Vogelzwitschern zu
hören, was aber augenblicklich von dem Lärm, der auf den Straßen
herrschte, übertönt wurde, sehr zum bedauern von Katie.
Erschrocken sah sie sich um, als ein lautes zischen die Küche erschütterte.
Das Wasser war übergekocht und verteilte sich ganz langsam auf dem gesamten
Zerahnfeld des Elektroherds.
„Mist!“, fluchte Katie und sprang hektisch auf.
Mit ihren Fingern griff sie nach dem Henkel des Topfes, um ihn von der heißen
Platte zu ziehen und schlimmeres zu vermeiden. Leider hatte sie nicht daran
gedacht, dass der Topf heiß war, weshalb sie sich ihre Hand leicht verbrannte.
Kopfschüttelnd machte sie ein paar Schritte zur Spüle und hielt ihre
Hand kurz unter eiskaltes Wasser, bevor sie einen Lappen nahm und die Sauerei
beseitigte. Das ging ja hervorragend los. Ihre Hände zitterten leicht,
als sie das Wasser in ihre Tasse schüttete, den Topf in das Spülbecken
stellte und sich an den Tisch setzte. Gedankenverloren rührte sie mit einem
Löffel in ihrer Tasse und bedachte sie mit einem Würfel Zucker. Langsam
führte sie Katie an ihre Lippen und pustete sanft, als heißer Dampf
heraufstieg und darauf deuten ließ, dass das Getränk noch nicht zum
Verzehr geeignet war. Dennoch nippte Katie vorsichtig an ihrer Tasse und verbrannte
sich prompt die Zunge. Aus irgendeinem Grund schien der heutige Tag nicht für
sie geschaffen zu sein. War es ihre neue Umgebung, die sie so sehr verunsicherte
oder lag es einfach nur an der Müdigkeit, denn für gewöhnlich
war Katie keinesfalls so tollpatschig, wie sie sich momentan anstellte. Eigentlich
war sie eher eine Person, der fast immer alles perfekt gelang und schon in der
Schule, wurde sie von den Lehrern geliebt, aufgrund ihrer konstanten guten Leistungen,
vor allem in den Fächern Musik und Kunst. In Mathematik hingegen hatte
sie ein leichte Schwäche, weshalb sich dieses Fach im Laufe der Jahre zu
ihrem Hassfach mauserte.
Die Gedanken daran ließen Katie ein wenig schmunzeln. Aus einem plötzlichen
Reflex heraus, lief sie in die Diele und griff nach dem Telefon. Sie hatte das
dringende Bedürfnis, ihre Eltern anzurufen und deren Stimmen zu hören,
denn wenn man den ganzen Tag ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt verbringen
musste, waren ein paar andere Stimmen nur förderlich, um nicht völlig
durchzudrehen. Eilig wählte sie die Nummer und lehnte sich an die Wand,
während sie wartete. Es klingelte ein mal und auch ein zweites mal. Als
nach dem dritten klingeln noch immer niemand abgenommen hatte, wollte Katie
schon wieder auflegen, doch dann meldete sich eine Stimme am anderen Ende der
Leitung, die ohne Frage ihrem Vater gehörte.
„Edward Brookwell“, meldete er sich und schnaubte in den Hörer. Vermutlich
war er gerade beschäftigt gewesen und förmlich zum Telefon gerannt,
was Katie belustigte.
„Dad, ich bin es, Katie.“ „Katie!?“ Sie hörte, wie er nach ihrer Mutter
rief und sich auf irgendetwas fallen ließ. „Wie geht es dir, Dad? Alles
in Ordnung?“ „Sicher, Kleines, sicher. Was hast du dir eigentlich dabei gedacht,
als du dich nicht gemeldet hast, nachdem du im Land der Schafe angekommen bist,
he? Wir haben uns um dich gesorgt und konnten dich nicht erreichen, da dein
Handy die ganze Zeit ausgeschaltet war. Warum hast du überhaupt so ein
Ding, wenn du es so gut wie nie benutzt?“ Katie schreckte zurück. Sie hatte
erwartet, dass ihr Dad sich über einen Anruf ihrerseits freuen würde,
doch anstatt genau das zu tun, machte er ihr Vorwürfe. Wunderbar. Vermutlich
war das seine Art, um seine doch vorhandene Freude zu überspielen, denn
obwohl er immer wieder gesagt hatte, es würde ihm nichts ausmachen, dass
sein einzigstes Kind das Land verlassen würde, wusste Katie, dass dem nicht
so war.
„Daddy, bleib ruhig. Es tut mir schrecklich leid, dass ich mich nicht gemeldet
habe, aber als ich es vorhatte, war es bei euch mitten in der Nacht und ich
wollte euch nicht wecken.“ „Ah ja, und was ist mit deinem Handy?“ „Hast du noch
nie etwas davon gehört, dass ein Handy während eines Fluges ausgeschaltet
sein muss, da es wissenschaftlich erwiesen ist, dass es als mögliche Absturzursache
für Flugzeuge gilt? Danach hab ich wohl einfach vergessen, es wieder anzustellen,
aber ich versichere dir, dass ich wohlbehalten hier angekommen bin und es mir
gut geht, okay?“ Sie hörte ihren Dad etwas unverständliches murmeln,
bevor sie die Stimme ihrer Mutter vernahm. „Hallo, mein Kind. Es freut mich
unwahrscheinlich, deine Stimme zu hören.“ „Ich freue mich auch, Mum.“ Katie
hatte schwer damit zu kämpfen, ihre Emotionen unter Kontrolle zu behalten,
denn ihre Augen hatten sich schlagartig mit Tränen gefüllt, die sich
einen Weg nach draußen bahnen wollten. „Geht es dir gut, Katie? Du klingst
ein wenig bedrückt.“ „Nein, Mum. Alles bestens. Die Wohnung ist ganz toll,
die Stadt ebenfalls und das Land sowieso, aber zuhause kann ich es noch nicht
nennen, weil ihr nicht bei mir seid.“ Sie hörte ihre Mutter schluchzen.
„Du fehlst uns fürchterlich, mein Engel. Dad und ich wünschen dir
nur das beste und wir sind stolz auf dich, dass du einen so großen Schritt
gewagt hast. Ich muss jetzt leider auflegen, sonst verbrennt mir das Essen.
Wir melden uns. Bye, Katie.“ „Bye, Mum.“ Sie legte auf und ließ sich an
der Wand herab gleiten.
Wenn sie sich bis zu diesem Moment nicht allein gefühlt hatte, dann tat
sie es jetzt. Katie vermisste ihre Eltern mehr, als sie anfangs wahr haben wollte
und auch wenn sie das starke Bedürfnis hatte, zurück in ihre Heimat
zu kehren, wusste sie, dass das unmöglich war, denn ihre Eltern waren stolz
auf sie und Katie wollte sie auf gar keinen Fall enttäuschen.
Frisch geduscht schlug Katie die Bettdecke zurück und schlüpfte aus
ihren Pantoffeln, um wenig später in das noch kühle Bett zu steigen.
Sie klopfte sich das Kissen zurecht und lehnte sich davor, eh sie das kleine
Lämpchen auf ihrem Nachttisch ausschaltete und die Augen schloss. Obwohl
sie hundemüde war und nur noch schlafen wollte, schaffte es Katie nicht,
Ruhe zu finden. Sie drehte sich hin und her und sah alle zehn Minuten auf ihren
Wecker, bis sie letztendlich entnervt aufgab und aus dem Bett stieg.
Mit nackten Füßen lief sie in die Küche und füllte sich
ein Glas mit kaltem Leitungswasser, dass ihr wohltuend die Kehle herunter lief,
als sie einen Schluck davon nahm. Gerade wollte sie zurück in ihr Zimmer
gehen, als ihr eine Zeitung ins Auge stach, die sie auf der Küchenablage
platziert hatte. Eher gelangweilt als interessiert blätterte sie darin
rum, bis sie auf den Jobanzeigenteil stieß, denn einen Job konnte Katie
wirklich gut gebrauchen, da es sich nicht lange mit ein paar Dollars, die ihr
ihre Eltern als Notgroschen mitgegeben hatten, leben ließ. Sie musste
selber Geld verdienen und sich etwas eigenes schaffen, denn auch wenn sie weit
weg von ihrer Familie war, würden diese sie genau immer dann unterstützen,
wenn ihr das nötige Kleingeld fehlte und Katie hatte keine Lust darauf,
weiterhin darauf angewiesen zu sein. Mit großen Augen studierte sie die
Seite und umrahmte hier und da ein paar Anzeigen, die ihr zusagten. Meistens
waren das Stellen als Kellnerin oder als Aushilfe in irgendwelchen Supermärkten,
doch es war immerhin besser als nichts, zumal Katie beschlossen hatte, ihr Talent
als Songschreiberin erst mal auf sich beruhen zu lassen, da sie es nicht verkraften
würde, wieder haufenweise Absagen zu kassieren.
Nachdem sie sich ein paar Notizen gemacht und diese sorgsam auf den Küchentisch
gelegt hatte, erhob sie sich von ihrem Platz und ging zurück in ihr Zimmer,
wo sie sofort nach ihrer Gitarre griff, die sie noch nicht ein einziges mal
in ihrer Hand hatte, seit sie in Dublin war. Also war es höchste Zeit.
Schnell band sich Katie ihr Haar zu einem Knoten zusammen, eh sie sich auf ihr
Bett setzte und Melodien spielte, die sie eigentlich gar nicht kannte, die ihr
aber dennoch im Kopf herum schwirrten. Zur Zeit hatte Katie einen Tick dafür,
Liebeslieder zu schreiben und zu komponieren, die sie in einer melancholischen
Stimmung am besten singen konnte. Und genau zu diesem Zeitpunkt war sie melancholisch,
sogar sehr.
Seufzend zupfte sie an den Saiten und summte dazu, ehe sie bemerkte, dass ihre
Augenlider langsam schwer wurden und Anstalten machten, zuzufallen. Um dies
zu verhindern, packte sie ihre Gitarre sorgfältig in die dafür vorgesehene
Tasche, stellte sie neben ihren Kleiderschrank und ließ sich rücklings
auf ihr Bett fallen. Sie hob ihren Körper etwas an, um sich zuzudecken
und positionierte ihren Kopf auf dem weichen Federkissen. Die Müdigkeit,
die plötzlich über sie herein gebrochen war, war stark und mächtig
und ließ Katie nur Sekunden später im Land der Träume versinken.
Sie hoffte inständig, von Alpträumen verschont zu bleiben, denn es
war lange her, seit sie mal eine Nacht durchgeschlafen hatte und Schlaf konnte
Katie mehr als alles andere brauchen.
An diesem Abend weinte Katie nicht und sie wünschte sich, dass das in Zukunft
so bleiben würde.
Kapitel 2
Helle Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster und erleuchteten den Raum. Katie
musste mehrmals blinzeln, als sie die Augen öffnete, da sich diese erst
an das grelle Licht gewöhnen mussten. Gähnend streckte sie sich und
drehte sich zur Seite, um einen Blick auf den Wecker zu werfen, der halb neun
morgens anzeigte. Halb neun. Katie hatte tatsächlich durchgeschlafen und
sie fühlte sich mit einem mal befreit und energiereich.
Ihre Augen wanderten zum Fenster und beobachteten den blauen Himmel, an dem
ab und zu ein paar winzige Wolken entlang zogen. Ein schöner Tag, um die
Stadt zu erkunden. Katie setzte sich aufrecht hin und schob die Decke von ihren
Beinen, eh sie aufstand, in ihre Hausschuhe stieg und ins Badezimmer lief, das
unangenehm kühl war, als sie es betrat. Sie stellte sich vor den Spiegel
und rieb sich über das Gesicht, um wenig später ihr Haar zurück
zu binden und nach ihrer Zahnbürste zu greifen, die auf einer Ablage neben
dem Waschbecken positioniert war. Mit kreisenden Bewegungen putzte sie ihre
Zähne und wusch sich anschließend ihr Gesicht, ehe sie es mit einer
Feuchtigkeitscreme bedeckte und ihr Haar öffnete. Es war völlig zerwühlt
und fast bis zum Ansatz gelockt, wie an jedem Morgen. Katie nahm eine Bürste
in ihre rechte Hand und kämmte es kräftig durch. Ihr Haar war ungewöhnlich
streb, was sie sofort auf die veränderte Luftfeuchtigkeit hier in Irland
zurück führte. Frustriert gab sie auf und lief zurück in ihr
Zimmer, wo sie die Türen ihres Kleiderschrankes aufriss und unwillkürlich
ein paar Kleidungsstücke herauszog.
Da das Wetter sehr schön war und Katie nach einem Blick auf das Thermometer
neben ihrem Zimmerfenster feststellte, dass es schon um die zwölf Grad
waren, beschloss sie, sich einen knielangen Jeansrock anzuziehen, den sie mit
einer roten Strickjacke kombinierte. Das blonde Haar band sie sich gezwungenermaßen
zu einem strengen Pferdeschwanz nach hinten und einzig ein paar Strähnen
ihres Ponys fielen ihr ins Gesicht. Nach einem prüfendem Blick im Spiegel,
nickte Katie zufrieden und ging in die Küche, die ebenfalls durch die Sonnenstrahlen
erhellt war und wunderbar freundlich wirkte.
Lächelnd setzte sie Wasser für ihren allmorgendlichen Kaffee auf und
öffnete den Kühlschrank, den sie ausführlich begutachtete. Recht
schnell stellte sie fest, dass sich nicht sonderlich viel essbares dort drinnen
befand, weshalb sie wohl oder übel auf Cornflakes zurückgreifen musste,
die sie in einem Shop am Dubliner Flughafen noch eilig gekauft hatte. Katie
ging in die Knie und holte eine gelbe Porzellanschüssel heraus, in die
sie die Flakes hineinschüttete und mit Milch bedeckte. Auch der Kaffe benötigte
nicht viel Zeit, sodass sich Katie an den Tisch setzen und ihr leckeres, wenn
auch nicht reichhaltiges Frühstück, verspeisen konnte. Während
sie an ihrem Kaffe nippte, studierte sie noch einmal die Adressen, die sie am
gestrigen Abend herausgeschrieben hatte und bei denen sie vorbeischauen würde.
Katie nahm sich vor, als erstes bei der Pizzeria vorbei zu sehen und anschließend
die restlichen Adressen abzuklappern. Glücklicherweise hatte sie sich bereits
einen Stadtplan besorgt, weshalb die Gefahr, dass sie sich eventuell verlaufen
könnte, prozentual nicht sonderlich hoch war.
Bei dem Gedanken daran musste sie an Lillian denken, die sich immer und überall
verlief, ob mit oder ohne Stadtplan. Vor nicht ganz drei Monaten waren die beiden
zusammen in San Francisco gewesen und Lillian hatte einen fürchterlich
teueren Designerladen entdeckt, den sie unbedingt begutachten musste. Katie
dagegen hatte keine große Lust darauf, sich in einen stickigen Laden zu
quälen und setzte sich deshalb in ein kleines Café, nur wenige Meter
von dem Laden entfernt. Sie wartete geschlagene zwei Stunden auf Lillian, die
in eine vollkommen andere Richtung gelaufen war und sich erst durch das Fragen
einiger Passanten auf den richtigen Weg gemacht hatte. Noch heute amüsierte
es Katie sehr.
Schmunzelnd stellte sie ihr dreckiges Geschirr in die Spüle, mit dem Vorsatz,
es zu späterer Stunde aufzuwaschen. Sie bedauerte es sehr, dass diese Wohnung
keine Spülmaschine vorzuweisen hatte, doch man konnte halt nicht alles
haben, auch wenn ein solches Gerät sehr zeitsparend war. Ein Blick auf
die Uhr sagte Katie, dass sie sich sputen musste. Eilig ging sie noch mal zur
Toilette, puderte ihr Gesicht etwas und lief dann in die Diele, wo sie nach
ihrer Jeansjacke griff und sich diese überzog. Anschließend suchte
sie in dem Schuhschrank nach ihren weißen Schnürstiefeln, die perfekt
unter den Rock passten und nach fast fünf Minuten hatte sie diese auch
endlich gefunden. Katie schlüpfte in sie hinein, warf sich ihre Handtasche
über die Schultern und verstaute den Wohnungsschlüssel sowie ihr Handy
darin, eh sie den Reißverschluss zu zog, die Haustür öffnete
und nach draußen in den Hausflur trat.
Ihre Wohnung lag im zweiten Stock und unter ihr wohnte eine Familie, bei denen
die Familienverhältnisse nicht wirklich geordnet waren, wie Katie schon
mitbekommen hatte, denn alle dreißig Minuten hörte sie eine andere
Männerstimme schreien, was darauf deuten ließ, dass die Frau, die
ebenfalls in der Wohnung wohnte, einen ungeheuerlichen Männerverschleiß
hatte. Kopfschüttelnd trat sie auf die Straße und nahm einen tiefen
Zug irische Luft, die in der großen Stadt selbstverständlich nicht
ganz so gut war, wie auf dem Lande. Nach einem kurzen Blick auf den Stadtplan,
schlug Katie den Weg nach links ein und fand auch nur Minuten später die
gesuchte Pizzeria, in der sie für ein unerfahrenes Mädchen, wie sie
es war, leider keinen Platz hatten, doch Katie gab nicht auf und ging auch den
restlichen Adressen nach.
Doch zu ihrem Pech, wurde sie überall abgewiesen, mit der Begründung,
dass sie auf dem jeweiligen Fach zu wenig Kompetenz mitbrachte, um den Job zu
meistern. Es war frustrierend, noch nicht mal die einfachste Arbeit zu bekommen.
Wie würde es dann erst werden, wenn sie erneut versuchen würde, mit
ihren Demotaps auf sich aufmerksam zu machen? Vermutlich würde sie bitter
enttäuscht werden und mit der Einsicht, weder auf dem amerikanischen noch
auf dem europäischen Musikmarkt Fuß fassen zu können, heim kehren,
heim, zu ihrer Familie. Planlos steuerte sie durch die Straßen, ohne jegliche
Perspektive.
Dankbar ließ sie sich auf einem roten Barhocker nieder, der vor einer
Theke eines nett aussehenden Lokals positioniert war. Katie hatte während
ihrer „Stadtführung“ einen plötzlichen Hunger verspürt, der unbedingt
gestillt werden musste, da ihr Magen bereits Entzugserscheinungen zeigte und
bedrohlich knurrte. Verlegen hielt sie sich den Bauch, als ein älterer
Mann mit grau –meliertem Haar hinter dem Tresen auftauchte und sich vor ihr
aufbaute.
„Was darf es sein?“, fragte er mit tiefer Stimme und musterte Katie eingängig.
„Einen Kaffee bitte...und ein Stück Kuchen, wenn es nicht allzu viel kostet.“
Der Mann sah Katie einen Moment lang fragend an und legte seine Stirn in Falten,
eh er lächelte und einen Teller mit einem großen Kuchenstück
hervor holte. „Hier, der beste Kirschkuchen der Stadt. Geht aufs Haus.“ Er zwinkerte
Katie zu und kümmerte sich um den von ihr bestellten Kaffee. Gerade als
Katie den Kuchen zu ihrem Mund führen wollte, wurde ihre Aufmerksamkeit
auf einen Tisch in der hinteren Ecke des Lokals gelenkt, an dem drei junge Frauen
saßen. Sie redeten so laut miteinander, dass Katie fast jedes Wort klar
und deutlich verstehen konnte.
„Staccie, glaubst du im Ernst, Dylan verzeiht dir deinen Seitensprung? Es war
ja noch nicht mal dein erster.“ „Mach dir keine Sorgen um sie, Vi. Dylan liebt
Staccie abgöttisch und er würde schier alles für sie tun, glaub
mir.“ „Mag ja sein, Megan, aber ich an ihrer Stelle würde mich nicht darauf
verlassen, immerhin gibt es irgendwann auch mal Grenzen.“ „Du wieder, Vi. Nur
weil du gerade keinen Typen hast, musst du uns unsere doch nicht schlecht machen,
richtig, Meg? Kümmere dich lieber um deinen Job in diesem Nachtclub, bevor
du uns hier Moralpredigten hältst.“
Katie seufzte und sah wieder weg. So wie die drei Frauen dort drüben, hatte
sie auch oft mit Lillian und Audrey in ihrem Lieblingscafé gesessen.
Sie fehlten ihr.
„Keinen Hunger?“, fragte der ältere Mann, als er bemerkt hatte, dass Katie
lustlos in ihrem Kuchen herumgestochert hatte. Sie sah auf und versuchte sich
ein lächeln abzugewinnen, doch eh es überhaupt existent war, war es
schon wieder verschwunden. „Doch und der Kuchen ist wirklich vorzüglich,
aber-.“ Sie unterbrach ihren Satz, als ein junger Mann mit Sonnenbrille und
Basketballmütze das Lokal betrat und sich auf dem Hocker neben ihr platzierte.
Der ältere Mann widmete seine Aufmerksamkeit sofort ihm. „Guten Tag, Kian.
Das gleiche wie immer?“ „Ja, danke, Pete.“ Der junge Mann setzte sein Cappi
ab und fuhr sich mit einer Hand durch das blonde Haar. Katie musste ihm unwillkürlich
dabei zusehen, drehte sich aber verlegen weg, als er bemerkt hatte, dass sie
ihn anstarrte. „Hier, bitte.“ Pete stellte ihm einen Pott schwarzen Kaffee und
einen Teller mit einem Muffin hin und verwickelte ihn in ein Gespräch.
„Und, alles im Lot? Was macht der Job?“ „Ich kann nicht klagen, Pete, aber gegen
ein bisschen weniger Arbeit hätte ich nichts einzuwenden. Termine, Termine,
Termine.” Er seufzte. Wieder hatte ihn Katie angesehen und der Klang seiner
tiefen, aber dennoch unendlich warmen Stimme, war wie Musik in ihren Ohren.
Verwirrt schüttelte sie den Kopf, als sie sich dabei ertappte, ins schwärmen
zu geraten. Verdammt, warum musste er aber auch so höllisch attraktiv sein?
Eilig nahm sie ihre Tasse in die Hand und trank ihren Kaffe in einem Zug aus.
„Darf es noch einer sein, Miss?“, fragte Pete an sie gewand und grinste, als
Kian sich zu Katie drehte und sie musterte. „Ich spendiere der Lady einen Kaffee.“
Der junge Mann namens Kian lächelte und reichte Katie seine Hand, die sie
zögernd ergriff.
„Ich bin Kian.“
„Katie, Katie Brookwell.“ Zwar fand sie es unglaublich nett, dass ein wildfremder
Mann ihr einen Kaffee spendierte, da sie momentan geldmäßig sowieso
auf dem Zahnfleisch kroch, doch zugleich war er auch irgendwie aufdringlich
und wenn Katie eines hasste, dann war es das. Die beiden sahen sich einen Moment
lang an, ehe ihre Blicke auseinander gingen. Auch Pete hatte Katie die ganze
Zeit nicht aus den Augen gelassen und zuckte mit den Schultern, als Kian zu
ihm sah. Katie wusste nicht, was diese seltsamen Gesten zu bedeuteten hatten,
doch wenn sie ehrlich war, legte sie auch nicht sonderlichen Wert darauf, es
zu erfahren. Sie würde jetzt einfach ihren Kaffee austrinken und dann gehen.
Genau das würde sie tun. Ihre kalten Hände umfassten die mittelgroße
weiße Tasse und führten sie langsam zu ihrem Mund, doch aus einem
für sie unerklärlichen Grund, rutschte ihr das Stück Porzellan
aus den Händen, schlug auf der Theke auf und verschüttete seinen gesamten
Inhalt auf Kians heller Jeans. Katie spürte, wie ihr die Röte ins
Gesicht stieg und griff eilig nach einer Serviette, die bis vor wenigen Sekunden
noch neben ihrem Teller gelegen hatte. Wirklich aller erste Sahne. Der Mann
war sich nicht zu schade dafür, ihr einen Kaffee auszugeben und was tat
sie? Sie schüttete ihm genau diesen über eine sehr teuer aussehende
Jeans.
„Oh Gott, es tut mir wahnsinnig leid. Wirklich. Ich mache das weg. Einen Moment.“
Ihre Finger zitterten, als sie mit der Serviette auf seiner Hose herum wischte,
die Flecken aber nicht wirklich beseitigen konnte. Warum sagte er denn nichts?
Er hätte sie doch wenigstens anschreien oder beleidigen können, doch
stattdessen saß er seelenruhig auf seinem Platz und lächelte. Er
lächelte. Herrgott. „Lass gut sein, Katie. Es ist halb so schlimm.“ „Aber
die Flecken“, stotterte sie und verlangte nach einer frischen Serviette. „Die
sind halb so wild. Es ist nur Kaffee und wenn meine Mutter mir das richtig beigebracht
hat, bekommt man Kaffee mit einem guten Waschmittel wieder raus. Außerdem
ist das nur eine dämliche und ersetzbare Hose. Schlimmer wäre es gewesen,
wenn du den Kaffee über meine Hände geschüttet hättest,
richtig?“ Katie nickte langsam, denn Kian hatte recht. Ein Stück Stoff
war ersetzbar. „Ich gebe dir selbstverständlich Geld für die Reinigung.“
„Nein, das wirst du nicht tun. Ich brauche kein Geld, okay? Und jetzt vergessen
wir die ganze Sache einfach und machen so weiter, wie wir angefangen haben,
einverstanden? Möchtest du vielleicht einen neuen Kaffee, jetzt, wo meine
Hose in den Genuss deines anderen gekommen ist?“ Katie schüttelte den Kopf.
Nein, sie wollte keinen Kaffee mehr. Alles was sie wollte, war nach Hause zu
gehen und sich selbst zu bedauern. Sie hatte kein Geld, keinen Job und keine
Freunde. Wirklich bemitleidenswert.
Ohne eine Vorwarnung erhob sich Katie von ihrem Hocker, legte etwas Einzelgeld
auf den Tresen und riss die Tür förmlich auf, um das Lokal zu verlassen.
Ihr war so heiß und sie fühlte sich so unsagbar unwohl. Selbst das
vorhin noch so herrliche Wetter hatte sich drastisch verschlechtert und der
blaue Himmel war dunkeln, schweren Wolken gewichen, aus denen Regen drohte.
Dieser Tag gehörte eindeutig nicht zu ihren besten, das war klar.
Kapitel 3
Gerade hatte Katie ihren Stadtplan aus der Handtasche ans Tageslicht befördert,
als erste einzelne Regentropfen aus den Wolken hervorbrachen und sich über
der Stadt, die vor kurzem noch unter strahlendem Sonnenschein gelegen hatte,
ergossen. Es störte Katie nicht, dass sie nass wurde und es störte
sie auch nicht, dass sie inmitten einer belebten Einkaufspassage stand und von
umherlaufenden Passanten wie eine aussätzige angestarrt wurde. Scheinbar
hatte sich alles gegen sie verschworen und genau in diesem Moment fehlten ihr
die tröstenden Worte, die Lillian immer für sie übrig hatte,
wenn es ihr schlecht ging, mehr als alles andere. Heiße Tränen traten
in ihre Augen und bahnten sich nacheinander den Weg über ihre Wangen. Sie
vermischten sich mit dem Regen, der mit jeder Sekunde stärker zu werden
schien. Katies Kleidung sowie ihr Haar waren bereits feucht, doch sie nahm es
nicht wahr. Mit ihren Gedanken war sie meilenweit weg und erst als sie eine
Hand auf ihrer Schulter spürte, wirbelte sie herum und sah in das Gesicht
einer Frau, etwa in ihrem Alter, die mit glänzenden grünen Augen zu
ihr sah.
Katie wusste, dass es sich bei dieser Person um die Frau handelte, die eben
ebenfalls in dem Lokal gesessen hatte und von ihren Freundinnen Vi genannt wurde,
doch was wollte ausgerechnet diese Frau von ihr, wo sie sich doch überhaupt
nicht kannten?
„Was wollen Sie von mir?“, fragte Katie tonlos und löste sich aus dem Griff
der Frau.
„Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe. Ich bin Violet.“ Sie reichte Katie
ihre Hand, die sie lange anstarrte, ehe sie sie ergriff. Zwar wusste sie jetzt
den Namen der Frau, doch den Grund, warum sie sich mit ihr zusammen in den Regen
stellte, kannte sie nach wie vor noch nicht.
„Katie“, entgegnete sie und musterte Violet von oben nach unten. Ihr schulterlanges,
glattes Haar umspielte ihr hübsches Gesicht und brachte ihre grünen
Augen sehr zur Geltung. Eine durchaus hübsche Erscheinung mit einer beneidenswerten
Figur, wie Katie fand. „Ich habe dich eben beobachtet, als du dem jungen Herrn
Kaffee über die Hose gekippt hast. Im ersten Moment sah es wirklich zu
komisch aus, wie er seine Augen aufgerissen hat und dich anstarrte. Ich dachte,
er würde einen Tobsuchtsanfall oder ähnliches kriegen, doch stattdessen
hat er nur gelächelt, richtig? Seltsam, wenn du mich fragst, aber überaus
liebenswert.“
Mittlerweile waren beide Frauen bis auf die Knochen durchweicht, doch weder
Violet noch Katie schienen sich daran zu stören. Katie legte ihre Stirn
in Falten und fuhr sich durch das triefende Haar, dass sich immer mehr aus dem
Zopf löste. Gut, Violet hatte sie beobachtet, aber weshalb war sie ihr
nach draußen in den strömenden Regen gefolgt, wo sie es doch drinnen
in dem warmen Lokal viel gemütlicher gehabt hätte? „Ähm, ich
weiß nicht, auf was du hinaus willst, Violet, aber ich würde es sehr
gerne erfahren, da ich in naheliegender Zukunft auch irgendwann noch mal nach
Hause möchte.“ Katie hatte demonstrativ ihre Arme vor der Brust verschränkt
und sah Violet an, die sich unbeeindruckt am Kopf kratzte und lächelte.
„Hey, Kat. Keine Sorge, ich bin keine Serienmörderin oder ähnliches,
also gibt es keinen Grund zum fürchten. Ich bin dir nur nach draußen
gefolgt, weil ich finde, du solltest auf der Stelle in dieses Lokal zurückgehen
und dich von diesem Mann zu einem Kaffee einladen lassen.“
Katie riss ihre Augen auf und schüttelte wild den Kopf. Nie und nimmer
würde sie noch einen Schritt in dieses Gebäude machen, wo sie sich
doch so sehr blamiert hatte.
„Oh nein, Violet. Mich kriegen keine zehn Pferde mehr da rein, erst recht nicht
zu diesem Mann. Der wird mich wahrscheinlich für ein dummes, kleines Blondchen
gehalten haben.“ „Sicher. Und deswegen hat er dir auch einen Kaffee ausgegeben.“
„Das war Mitleid, pures Mitleid. Mit einem Menschen wie ich es bin, würde
ich nämlich auch Mitleid haben.“ Violet grinste amüsiert und gab Katie
einen leichten Stoß vor die Stirn. „Erzähl nicht so einen Unsinn,
Katie. Du bist zwar blond, aber so wie ich es einschätzen kann nicht blöd,
was schon mal für dich spricht. Außerdem bist du wunderschön
und zusammen mit deinem atemberaubendem Körper und deiner faszinierenden
Ausstrahlung eine einmalige und bezaubernde Erscheinung. Glaub mir, der Mann
dort drin hat das genauso gesehen.“ Nun war Katie noch verwirrter.
Eine ihr noch vollkommen fremde Frau sagte ihr, wie schön sie doch war.
Crazy. Wenn alle Iren so waren, wäre es wohl das beste, wenn sich Katie
irgendwo im Wald eingraben lassen würde. Helfer würden sich bestimmt
finden. „Violet, warum um Himmels Willen erzählst du mir das alles. Wir
kennen uns überhaupt nicht und das einzigste, was wir voneinander wissen,
sind unsere jeweiligen Vornamen.“ „Na und. Du warst mir sympathisch und ich
finde, dass du und dieser Mann ein schönes Paar abgeben würdet, auch
wenn ich ihn nicht wirklich erkennen konnte, weil seine dämliche Sonnenbrille
seine Augen verdeckt hat.“ Violet lachte und obwohl es Katie nicht wollte, stimmte
sie in dieses lachen mit ein. „Bist du von Natur aus eine solche Spinnerin?“,
fragte Katie kopfschüttelnd und immer noch grinsend. „Nö, ich denke
nicht. Ich musste mir das erst antrainieren. Hat doch geklappt, oder?“ Katie
nickte. Unglaublich wie gut sie sich nach nur wenigen Minuten, die sie sich
erst kannten, schon verstanden. Trotz Katies anfänglicher Bedenken Violet
gegenüber, spürte sie jetzt, dass sie eine höfliche und aufrichtige
Person war, mit der sie sich liebend gern noch länger unterhalten hätte,
doch der Regen kam wie aus Eimern vom Himmel herab. „Na ja, war nett dich kennen
gelernt zu haben, Violet.“ „Sag bloß, du willst unser nettes Gespräch
schon beenden?“ „Wie du siehst regnet es in strömen und ich habe keine
große Lust darauf, mir hier draußen den Tod zu holen.“ „Musst du
doch auch nicht, denn nur wenige Meter von uns entfernt wurde ein wunderbar
gemütliches Lokal gebaut, dass doch sehr einladend aussieht, richtig?“
Katie zog ihre Augenbrauen nach oben, in dunkler Vorahnung darauf, was gleich
passieren würde, weshalb sie sich sofort eine passende Antwort zurecht
legte. „Vergiss es. Ich gehe da nicht rein.“ „Schön. Dann musst du mich
eben zu dir nach Hause einladen, denn wenn du denkst, dass du jetzt noch ungeschoren
davon kommst, hast du dich getäuscht. Ich will alles über dich wissen
und glaub mir, ich gebe nicht auf, bevor ich mein Ziel nicht erreicht habe.“
Katie schüttelte amüsiert den Kopf, war aber einverstanden.
Es würde ihr sicher gut tun, endlich mal ein wenig Abwechslung zu bekommen
und Violet versprach Abwechslung, ohne Frage, denn eine so temperamentvolle
Frau wie sie hatte sie noch nie getroffen und obwohl sie charakterlich so verschieden
waren, spürte Katie, dass das vielleicht der Anfang einer wundervollen
Freundschaft werden würde.
„Immer rein in die gute Stube“, sagte Katie, nachdem sie die Wohnungstür
aufgeschlossen hatte und zusammen mit Violet in die Diele trat. Während
sich Katie von ihrer pitschnassen Jacke befreite, sah sich Violet neugierig
um und lächelte, als sie Katies fragendem Blick begegnete. „Schön
hast du es hier.“ „Findest du?“ „Ja, soweit ich das beurteilen kann, ist es
doch ganz gemütlich, oder etwa nicht?“ Katie legte sich ihren Zeigefinger
auf die Lippen und dachte nach. Ja, gemütlich war es tatsächlich.
„Du hast recht. Geh doch schon mal ins Wohnzimmer. Ich ziehe mir schnell was
anderes an. Soll ich dir ein Handtuch mitbringen, mit dem du dir dein nasses
Haar abtrocknen kannst?“ Violet nickte und ging geradeaus ins Wohnzimmer.
Katie hingegen befreite sich eilig aus ihren Stiefeln, die schon ein wenig unter
Wasser standen und lief in ihr Zimmer, wo sie ihren nassen Rock gegen eine weite
schwarze Hose und ihre Jacke gegen ein enges hellblaues T-Shirt tauschte, bevor
sie mitsamt ihren nassen Sachen ins Badezimmer lief, sie an einem Haken aufhing
und ihr Haar in ein Handtuch wickelte. Sie wollte das Zimmer schon wieder verlassen,
als ihr Violet wieder einfiel, die sich über ein trockenes Handtuch sicherlich
nicht beschweren würde. Mit nackten Füßen ging sie den Parkettboden
entlang ins Wohnzimmer und warf Violet, die sich auf der Couch platziert hatte,
das Handtuch auf den Kopf. Erschrocken drehte sie sich um, lächelte dann
aber und bedankte sich höflich. Anstand schien sie zu haben.
„Wie wäre es mit einem heißen Kakao? Ich war vorhin schnell einkaufen
und habe seit zwei Tagen endlich mal wieder einen gut gefüllten Kühlschrank.“
„Kakao? Gerne.“ Katie nickte und ging in die Küche, die nur durch einen
breiten Durchbruch vom Wohnzimmer abgegrenzt war. Violet folgte ihr und ließ
sich unbekümmert auf den nächstbesten Stuhl fallen, so als wäre
sie alles andere als fremd in dieser Wohnung.
„Du kommst nicht aus Irland, stimmt’s?“ Katie, die gerade zwei Tassen mit Kakaopulver
gefüllt hatte, drehte sich verwundert um. War es denn so offensichtlich,
dass sie nicht von hier war?
„Stimmt, Vi. Ich bin gebbürtige Amerikanerin und wohne erst seit vorgestern
in Dublin. Woran hast du das erkannt?“ Violet zuckte mit den Schultern. „Keine
Ahnung. Vielleicht an deiner Gestik oder deinem Kleidungsstil, auf jeden Fall
ist es mir sofort aufgefallen. Und wo genau kommst du hier? Ich meine, Amerika
ist riesig, nicht zu sagen sogar gigantisch. Einen kleinen Anhaltspunkt könntest
du mir schon geben.“ „Ich komme aus einem kleinen Vorort von San Francisco,
was bedeutet, dass ich ein richtiges Landei bin, denn obwohl ich so nahe an
einer Millionenmetropole gelebt habe, war ich nur drei mal dort. Große
Städte sind einfach nichts für mich“, antwortete Katie und schüttete
die erwärmte Milch in die Tassen, rührte sie um und nahm sie in die
Hände, um sich zu Violet zu gesellen, die ihr eine Tasse abnahm und daran
nippte. „Interessant. Warum bist du ausgerechnet nach Dublin gekommen? Hätte
ich die Wahl zwischen den USA und Irland, hätte ich mich sofort für
die Vereinigten Staaten von Amerika entschieden. Ich wollte schon immer mal
nach New York oder Las Vegas, aber dazu fehlt mir leider das nötige Kleingeld.
Und nun beantworte meine Frage.“ „Ich bin hier her gekommen, weil ich mir ein
völlig neues Leben aufbauen und endlich selbstständig werden wollte.
Ich bin zwanzig Jahre, aber meine Eltern haben mich oftmals noch wie eine zehnjährige
behandelt, was auf Dauer wirklich an meinen Nerven gezerrt hat. Außerdem
will ich mich, was meinen Job angeht, hier in Europa endlich verwirklichen können.“
Violet setzte die Tassen von ihren Lippen ab und sah Katie neugierig an. „Was
machst du denn beruflich?“ „Ich bin Songschreiberin. Nach meinem Abitur wollte
ich eigentlich studieren, doch die Leidenschaft für die Musik war einfach
zu groß. Ich habe verschiedene Demotaps aufgenommen und sie an große
Plattenfirmen in den USA geschickt, in der Hoffnung, Whitney Houston oder ein
anderer bedeutender Künstler würde meine Songs singen, doch meine
Taps wurden immer wieder zurückgeschickt, mit der Begründung, dass
ich für den amerikanischen Musikmarkt nicht geeignet bin. Das war wirklich
deprimierend, weshalb ich nach Irland gekommen bin. Ich wollte alles hinter
mir lassen und hier neu beginnen, denn dieses Land hat etwas, was mich fasziniert.
Mein Dad sagte zwar immer, es ist das Land der Schafe, aber ich sehe das nicht
so, denn meiner Meinung nach ist Irland wirtschaftlich sehr stark und wird bald
mit den ganz großen Ländern mithalten können.“ Violet kicherte.
„Ganz nebenbei bemerkt sehe ich Irland auch als das Land der unbegrenzten Schafe“,
sagte sie und lachte lauthals los. Es dauerte einen Moment, bis sie sich wieder
eingekriegt hatte.
„Songschreiberin bist du also. Das finde ich gut, wirklich, aber stell dir den
europäischen Musikmarkt nicht so einfach vor. Ich hab zwar kaum Ahnung
davon, aber du musst verdammt gut sein, wenn du hier landen willst. In Irland
gibt es eigentlich nur einen Mann, der dir weiterhelfen kann und das ist Louis
Walsh, der Manager der erfolgreichsten Boygroup Europas.“ „Ehrlich?! Wie kontaktiere
ich ihn am besten?“ Violet nahm das Handtuch von ihrem Kopf und fuhr sich durchs
Haar. „Keine Ahnung. Ich an deiner Stelle würde lieber erst mal die Finger
davon lassen. Du hast noch genug Zeit und wenn mich nicht alles täuscht,
ist er momentan sehr beschäftigt, da sich seine Schützlinge auf ihre
bevorstehende Tour vorbereiten müssen.“ „Ich weiß und ich hab auch
gar nicht vor, meine Taps in der nächsten Zeit irgendwem zuzuschicken.
Momentan wäre mir ein anderer Job echt lieber. Es dauert nicht mehr lange
und ich bin pleite.“ „Oh. Hast du dich schon mal umgehört?“ „Ja, hab ich
und das fast in der ganzen Stadt, aber nirgendwo wollten sie mich als Aushilfe
einstellen.“ Katie seufzte und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Vielleicht
kann ich dir helfen.“ Violet hatte sich aufgerichtet und sah Katie eindringlich
an, die hellhörig geworden war. „Du? Und wie, wenn ich fragen darf?“ „Ich
arbeite als Barfrau in einem kleinen Nachtclub hier in Dublin. Die Bezahlung
ist zwar nicht atemberaubend hoch, aber man kommt durchaus damit aus. Wenn du
möchtest, höre ich mich mal bei meinem Chef um. Gegen hübsche,
junge Frauen hat er nämlich für gewöhnlich nichts einzuwenden.
Was meinst du?“
Katies Gesichtausdruck war zweifelnd, denn in einem Nachtclub zu arbeiten, war
nicht unbedingt die Erfüllung ihrer geheimsten Träume, doch es war
besser als gar nichts und zur Zeit konnte sie jede Unterstützung gebrauchen.
„Ok, meinetwegen kannst du dich umhören, aber ich warne dich. Sollte dieser
Club irgendetwas schmuddeliges an sich haben, bin ich schneller wieder draußen,
als du gucken kannst.“ „Kat, der Club ist echt anständig und jeden zweiten
Abend kommen die Bullen vorbei, um alles abzuchecken und um krumme Geschäfte
zu verhindern. Falls es aber nicht klappen sollte, darfst du mir nicht böse
sein. Ich habe nämlich nicht in der Hand, wen mein Boss einstellt und wen
nicht.“ Katie nickte. Mit einem mal fühlte sie sich befreit und viel wohler
in ihrer Umgebung, was hauptsächlich an der Bekanntschaft mit Violet lag,
die es endlich schaffte, Katie auf andere Gedanken zu bringen.
Sie wusste, dass sie nicht mehr vollkommen alleine war und auch ihre männliche
Bekanntschaft, Kian, wollte noch nicht so recht aus ihrem Kopf verschwinden,
auch wenn die Gelegenheit, ihn noch mal wieder zu sehen, sehr gering war, was
vielleicht auch besser war, da sich Katie nicht sicher war, ob sie ihm nach
dem Auftritt am Nachmittag noch mal ins Gesicht sehen konnte, von dem sie leider
nicht viel erkannt hatte, doch aus irgendeinem Grund ging etwas von ihm aus,
dass sie nicht deuten konnte, dass sie aber augenblicklich in seinen Bann gezogen
hatte...
Kapitel 4
Fröhlich summend ging Katie am nächsten Tag in die Küche. Sie
schaltete das Radio, dass auf einem kleinen Schränkchen in einer Ecke stand
ein und sang leise zu einem Song von Bon Jovi mit, während sie eine Pfanne
aus einem der Schränke holte und Schinken sowie zwei Eier darin verteilte.
Normalerweise war Katie kein Mensch, der ausgiebige Frühtücke mochte,
doch da sie jetzt reichlich Zeit hatte, konnte sie sich so etwas gutes schon
mal gönnen.
Vorsichtig goss sie sich ein wenig Orangensaft in ein Glas und nippte daran,
um es anschließend neben einem Teller und Besteck auf dem Tisch zu stellen.
Katie warf einen Blick aus dem Fenster und stellte freudestrahlend fest, dass
das Wetter sich gebessert hatte, auch wenn die Sonne gegen die noch vorherrschenden
Wolken nicht ankam. Hauptsache, der Regen hatte aufgehört. Sie sog den
Duft der gebratenen Eier in sich auf und fuhr mit ihrer Zunge über ihre
Lippen, bevor sie sich ihren Teller füllte und am Tisch Platz nahm.
Noch immer musste Katie an den gestrigen Tag denken, der noch sehr unterhaltsam
ausgeklungen war. Violet war noch bis spät in den Abend geblieben und hatte
Katie von ihrem bisherigen Leben in Irland erzählt. Sie hatte erfahren,
dass Violet einen Bruder namens Craig hatte, mit dem sie sich mehr oder weniger
gut verstand und der mit ihren Eltern vor etwa einem Jahr nach Glasgow gegangen
war, weil ihr Vater nach Schottland versetzt wurde. Obwohl Violet mitgehen sollte,
blieb sie standhaft und suchte sich eine Wohnung in Dublin, sowie einen Job,
von dem sie ihr ebenfalls reichlich erzählt hatte. Auch Katie hatte mit
Erzählungen aus ihrer Kindheit und Jugend nicht gespart und brachte Violet
oftmals zum lachen, als sie ihr beispielsweise erzählt hatte, dass sie
einmal beim spielen von einem Baum gefallen war, direkt auf einen Frosch, der
in alle Einzelteile zersprungen war. Noch heute ekelte sie sich bei dem Gedanken
daran, doch Violet fand es überaus komisch. Außerdem musste Katie
ihr musikalisches Können noch unter Beweis stellen, indem sie Violets Lieblingslied
auf ihrer Gitarre spielte – allein nach Gehör. Violet war fasziniert und
zollte respektvoll Beifall. Auch wenn sich die beiden noch nicht mal vierundzwanzig
Stunden kannten, kam es ihnen so vor, als würden sie sich schon eine Ewigkeit
kennen, trotz ihrer total unterschiedlichen Charaktere. Katie war im Gegenteil
zu Violet eher zurückhaltend und ruhig, dafür aber auch sehr zielstrebig,
während Violet vor Energie nur so strotzte, oftmals sehr laut war und einfach
in den Tag hineinlebte, ohne zu wissen, was auf sie zukam. In diesem Punkt beneidete
Katie Violet, denn für sie war es unmöglich, ihr Leben ohne irgendein
Ziel fortzusetzen. Die beiden hatten sich für den Vormittag zum shoppen
in der Innenstadt verabredet und Katie hoffte inständig, den von Violet
vorgeschlagenen Treffpunkt nicht zu verfehlen, denn ihre Kenntnisse, was Dublin
betraf, waren nach wie vor nicht sonderlich weitreichend.
Katie führte eine Gabel Rührei zu ihrem Mund und lehnte sich zufrieden
zurück. Nun war sie satt und der Tag konnte beginnen. Fast ein wenig hektisch
säuberte sie das benutzte Geschirr in der Spüle und räumte es
anschließend wieder in die Schränke, ehe sie ihr weites T-Shirt gegen
einen schlichten Pullover tauschte. Ihr Haar ließ sie ausnahmsweise offen
über ihre Schultern fallen. Mit schnellen Schritten schlüpfte sie
in ihre Turnschuhe, bevor sie sich ihre Jacke überzog und ihren Kopf mit
einem Cappi bedeckte. Nach einem kurzen Blick in ihre Handtasche, nahm Katie
den Schlüssel vom Schlüsselbrett und verließ die Wohnung. Sie
überlegte einen Moment lang, welche Richtung sie einschlagen sollte und
entschied sich für links, die Richtung, die sie auch am gestrigen Tage
genommen hatte.
Mit schweren Füßen lief sie die schmalen Gehwege entlang, immer wieder
darauf bedacht, in ihrer Unwissenheit Dublin gegenüber, sich nicht vollkommen
zu verlaufen. Sie musste mittlerweile schon fast eine halbe Stunde unterwegs
gewesen sein, doch von Violet fehlte jede Spur. Bis jetzt.
Katie begann schon an dem vereinbarten Treffpunkt zu zweifeln, als sie Violets
Stimme über die Straße schallen hörte. Diese Stimme war einfach
unverkennbar, weshalb sich Katie sofort angesprochen fühlte und ihre sonstige
Zurückhaltung völlig vergas. Sie hob ihre Hand und winkte Violet zu,
die auf der anderen Straßenseite stand und Katie wild gestikulierend deutete,
dass sie jetzt keinesfalls über die Straße gehen sollte, da die Gefahr,
von einem Auto angefahren zu werden, recht groß war. Als wenn das Katie
nicht selber wüsste. Kopfschüttelnd ging sie die paar Meter bis zur
nächsten Kreuzung und wartete darauf, dass die Fußgängerampel
auf grün umschaltete, was nur Sekunden später geschah. Fast ein wenig
hastig überquerte Katie die Straße und begrüßte Violet
mit einer herzlichen Umarmung.
„Hey, ich dachte schon, du wurdest entführt“, sagte Violet theatralisch
und grinste, als sie Katies zweifelndes Gesicht sah.
„Nun übertreib mal nicht, Vi.“ „Ich übertreibe nicht. Seit mindestens
zwanzig Minuten stehe ich nun schon hier und du tauchst einfach nicht auf. Was
hättest du denn an meiner Stelle gedacht?“ „Gar nichts. Vermutlich hätte
ich einfach nur gedacht, dass du den Weg nicht kennst und dich deshalb ein wenig
verspätest. Nicht wahr, Vi?“ Katie sah sie durchdringend an und lächelte,
als Violet ihr die Zunge rausstreckte und sich beleidigt wegdrehte. Gott, war
die empfindlich. Da Katie kein Interesse daran hatte, den ganzen Tag auf einer
Kreuzung zwischen lärmenden Autos zu verbringen, legte sie einen Arm um
Violets Schulter und zog sie zu sich.
„Komm schon, Violet. Warum bist du denn jetzt sauer? Ich hab dir doch gar nichts
getan.“ „Weiß ich.“ Violet drehte sich zu Katie und sah sie strahlend
an. „Ähm, eben hast du noch ein Gesicht gezogen, als wäre dein Hamster
gestorben und jetzt grinst du bis über beide Ohren. Du machst mir Angst.
Kann es sein, dass du unter einer gespaltenen Persönlichkeit leidest?“
Demonstrativ trat Katie einen Schritt zurück und zog eine Augenbraue nach
oben, als Violet energisch mit dem Kopf schüttelte. „Nicht das ich wüsste.
Ich wollte nur mal testen, ob du dich mit mir versöhnen würdest, Kat,
und so wie ich das sehe, würdest du das tun, also nichts wie los in die
Shoppingmeilen Dublins.“ Katie lachte, als Violet ihre Hand nahm und sie mit
sich zog.
Obwohl sich die beiden Frauen prinzipiell noch völlig fremd waren, gingen
sie miteinander um, als wären sie schon jahrelang Freunde. Schon seltsam,
denn noch vor vierundzwanzig Stunden beschlich Katie das Gefühl, in dieser
Stadt nicht glücklich zu werden, doch momentan war sie glücklich,
sogar sehr, denn in Violet hatte sie eine gute, vielleicht sogar eine sehr gute,
Freundin gefunden. Katie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Violet unsanft
an ihrer Schulter schüttelte und ganz und gar ihre Aufmerksamkeit beanspruchte.
„Sieh mal, Kat. Ist dieses Paar Schuhe nicht einfach göttlich.“ Katie sah
durch das Schaufenster hindurch auf das schwarze Paar Schuhe, dass an den Seiten
zwei weiße Streifen hatte und einen Absatz besaß, auf dem noch nicht
mal ein absolutes Topmodel hätte laufen können. „Ja, Vi, aber der
Preis ist ebenso göttlich. Hast du mal drauf geguckt? 115 Euro verlangen
die dafür. Da kriegt man ja fast vier Paar Schuhe für.“ Violet seufzte
und nickte zustimmend. „Du hast recht, aber irgendwann mal, vielleicht in meinem
zweiten Leben, werde ich mir ein solches Paar kaufen. Verlass dich drauf.“ „Okay“,
war Katies knappe Antwort, denn ihre Lust, sich weiter über sündhaft
teuere Schuhe zu unterhalten, war nicht unbedingt sonderlich groß. „Lass
uns weiter gehen, Vi. Kennst du ein nettes Café hier in der Gegend? Gegen
einen Kaffee hätte ich nämlich gerade nichts einzuwenden.“ Violet
legte sich einen Finger auf die Lippen, musterte kurz ihre Umgebung und legte
dann ihre Stirn in Falten. „Kennen tue ich schon eins, aber das hat soweit ich
weiß um diese Zeit noch geschlossen.“ „Oh. Schade.“
Katie stöhnte und zog sich ihre Mütze tiefer ins Gesicht.
„Würdest du auch mit einem Kaffee aus dem kleinen Imbiss dort vorne Vorlieb
nehmen?“ Violet zeigte auf ein kleines weißes Gebäude, in dem maximal
vier Personen Platz hatten, doch dennoch war Katie nicht abgeneigt von diesem
Vorschlag. „Einverstanden, wenn du mir einen spendierst.“ „Ausnahmsweise, Kat.
Ausnahmsweise.“ Katie lächelte und hakte sich bei Violet ein, um gemeinsam
mit ihr die Einkaufspassage entlang zu gehen und vor dem kleinen Imbiss zu stoppen.
Violet verabschiedete sich für einen kurzen Moment ins innere, während
Katie, leicht fröstelnd draußen auf sie wartete. Als sie sich mit
einem Schwung zur Seite drehte, gab es einen dumpfen Knall und Katie fand sich
auf dem Boden wieder.
Benommen von den Geschehnissen sah sie sich um und erblickte eine Hand vor ihrem
Gesicht, die sie dankend annahm. Sie erhob sich und klopfte sich den Staub von
der Kleidung, eh sie nach oben blickte und ein ihr bekanntes Gesicht sah. Kian.
Oh nein, das konnte doch nicht wahr sein. War sie tatsächlich mit ihm zusammengestoßen?
Sie lächelte peinlich berührt, als er sie erkannte.
„Tut mir leid“, murmelte Katie, darauf bedacht, ihm möglichst nicht in
die Augen zu sehen.
„Schon okay. Irgendwie können wir uns nicht auf normale Weise begegnen,
was?“ Er lächelte, als sie zu ihm hochsah. Verdammt, hatte der ein tolles
lächeln und zu gerne hätte sie die Augen dazu gesehen, die sie schon
einmal kurz erkennen konnte, doch wie am gestrigen Tage waren die unter einer
dunklen Sonnenbrille versteckt. Erst jetzt bemerkte Katie, dass Kian eine Begleitung
bei sich hatte. Einen Mann, ohne Frage, der in Kians Alter sein musste und sein
halbes Gesicht ebenfalls mit einer Sonnenbrille verdeckte. Seltsam, diese Iren.
„Ähm...ja...irgendwie ziehen wir uns an und stoßen uns im gleichen
Moment auch wieder ab. Merkwürdig.“ Katie nahm ihre Kappe ab, fuhr sich
durch ihr Haar und setzte die Kappe anschließend wieder auf. Unangenehm
hätte diese Situation nicht besser beschreiben können.
„Könnte mich freundlicherweise mal jemand aufklären? Kennt ihr euch?“,
kam es von Kians Begleitung. „Dich hab ich ganz vergessen, Shane. Ja, wir kennen
uns. Shane, das ist Katie. Katie, das ist Shane, einer meiner besten Freunde.“
Katie nickte und reichte Shane ihre Hand, die er lächelnd ergriff, was
ihn augenblicklich sympathisch erscheinen ließ. „Ist das Fleck aus der
Hose wieder rausgegangen?“, fragte Katie zögernd und schaffte es endlich
die Frage zu stellen, die ihr schon die ganze Zeit auf der Zunge brannte. „Bis
jetzt noch nicht, aber das liegt wohl daran, dass ich die Hose noch nicht gewaschen
habe.“ „Ach so, war ja nur eine Frage.“
Verlegen starrte sie auf den Boden und trat von einem Fuß auf den anderen.
„Ki, von was für einem Fleck redet ihr? Könnte mich mal bitte jemand
aufklären?“ Shane hatte sich wieder zu Wort gemeldet und sah Kian fragend
an, der abwinkte.
„Ich erkläre es dir später.“ „Hoffentlich, denn du weißt ganz
genau, dass Louis auf deine ganzen Frauengeschichten nicht sonderlich gut zu
sprechen ist.“ Kian räusperte sich und deutete Shane somit, ruhig zu sein,
doch Katie war hellhörig geworden und ihre Neugier wurde geweckt. Es wäre
vermutlich zu aufdringlich gewesen, Kian direkt nach diesem Louis und den angesprochenen
Frauengeschichten zu fragen, doch ansehen konnte sie ihn. Vielleicht würde
er ihr ja von selbst antworten.
Obwohl Katie bemerkt hatte, dass Kian ihrem fragenden Blick begegnet war, hüllte
er sich in Schweigen, was Katie zwar ein wenig ärgerte, was sie ihm aber
keinesfalls übel nehmen konnte, schließlich wäre sie die Letzte,
die einem wildfremden Menschen auf der Straße von ihrem Privatleben erzählt
hätte. Katie hatte vor, die peinliche Stille zu unterbrechen, doch schier
in diesem Moment kam Violet aus dem Imbiss mit zwei Bechern kochend heißem
Kaffee herausgestürmt.
„Kat, dein...-.“ Bevor sie es hatte aussprechen können, ließ Violet
die Becher fallen und starrte ungläubig zu Kian und Shane, die nervöse
Blicke tauschten, was Katie nicht entging.
„Vi, wieso um Himmels Willen hast du die Becher runtergeworfen?“
Verwirrt blickte Katie zu Violet, die ihren Blick gar nicht mehr von Kian und
Shane abwenden konnte, was Katie stutzig werden ließ. Zwar hatte ihr Violet
bei ihrem gestrigen Gespräch von ihrer Vorliebe für Männer erzählt,
doch ihre jetzige Reaktion überspannte den Boden doch ein wenig.
Gerade wollte Katie ihren Mund öffnen, um etwas zu sagen, aber dazu kam
sie nicht mehr, denn ohne Vorwarnung hatte Kian ihre Hand gepackt und sie mit
sich gezogen. Sie wollte sich wehren und sich seinem Griff entziehen, denn ein
Gefühl der Angst überkam sie mit einem mal, da sie eigentlich keine
Ahnung hatte, mit wem sie es zu tun hatte und Kians seltsames Verhalten trug
nicht unbedingt zur Entschärfung der Situation bei.
„Kian, was soll das? Lass mich los! Du sollst mich loslassen oder ich schreie
hier alles zusammen!!!“ Kian allerdings machte keine Anstalten, sich von ihr
zu lösen. Stattdessen zog er Katie solange mit sich, bis Violet und Shane
außer Sichtweite waren. Was hatte er nur vor?
Kapitel 5
Ängstlich sah Katie zu Kian, der sie mittlerweile in eine kleine enge Gasse
gezogen, um nicht zu sagen gedrängt, hatte, wo sie völlig einsam und
verlassen dastanden. Kians Hand umklammerte Katies Handgelenk noch immer, doch
diese schien es kaum noch wahrzunehmen, denn obwohl die Angst verschwunden war,
durchflutete nun ein Gefühl der Ungewissheit ihren Körper. Was würde
als nächstes geschehen? War der eigentlich nette und höfliche Kian
ganz anders, als sie ihn kennen gelernt hatte? Oder hatte sie ihn aus irgendeinem
Grund verärgert? Hatte sie etwas falsches gesagt? Getan? Unendlich viele
Fragen bildeten sich in Katies Kopf, doch sie versuchte einen möglichst
klaren Durchblick zu bekommen, denn Hysterie war ohne Zweifel vollkommen fehl
am Platz und würde sie ganz sicher nicht weiter bringen. Doch was sollte
sie als nächstes tun? Weglaufen? Schreien? Schreien konnte sie schon mal
ausschließen, denn in dieser verlassenen Gegend würde sie sowieso
keiner hören, auch wenn die Einkaufsstraße in unmittelbarer Nähe
lag . Katies Herz klopfte ihr bis zum Hals und ihr Atem wurde mit jeder Sekunde
die verging, schneller. Warum sagte er denn nichts? Warum tat er nichts? Was
sollte das alles?
Aus einem plötzlichen Reflex heraus, entzog sie sich Kians Griff und ging
drei Schritte zurück, um etwas Abstand zwischen Kian und sich zu lassen.
Mit tränengefüllten Augen rieb sie sich die Stelle, an der Kian sie
so grob festgehalten hatte und sah auf. Sie musste und wollte ihn ansehen, um
eine Antwort auf sein Tun und Handeln zu bekommen, was in keinster Weise irgendwie
gerechtfertigt schien. Katie wich erschrocken zurück, denn er hatte seine
Sonnenbrille abgenommen und sah sie mit den vermutlich wunderschönsten
blauen Augen an, die sie jemals gesehen hatte. Zwar hatte sie gestern in dem
Café einen kurzen Blick auf sie werfen können, doch bei Tageslicht
sahen sie noch mal um einiges anders aus, noch schöner. Bei dem Gedanken
daran schüttelte sie kaum merklich den Kopf und wand ihren Blick wieder
ab, denn für seine Augen zu schwärmen war ganz sicher nicht Sinn der
Sache. Sie wollte wissen, was in ihn gefahren war, weshalb er sie hier her gebracht
hatte, und da er seinen verdammten Mund von selbst nicht aufbekam, musste Katie
die Initiative ergreifen. Nach einem sehr tiefen Atemzug suchte sie erneut Augenkontakt
mit ihm.
„Was soll das?“ Auch wenn es nur läppische drei Wörter waren, die
Katie aussprechen musste, kamen ihr diese unwahrscheinlich schwer über
die Lippen und kosteten sie verdammt viel Überwindung.
„Sorry.“ Er versuchte zu lächeln, doch wenn er dachte, sich mit einem knappen
sorry aus der Affäre ziehen zu können, hatte er sich gewaltig getäuscht.
So schnell würde sie nicht klein bei geben, jedenfalls nicht so lange,
bis sie wusste, was ihn zu seinem Verhalten veranlasst hatte. „Kian, halt mich
nicht für dumm. Dieses dämliche sorry kannst du stecken lassen, verstanden?
Ich will eine ausführliche Antwort, mit der du mir erklärst, was das
ganze hier zu bedeuten hat! Ich stehe hier Ängste aus, von denen du sicherlich
noch nicht mal weißt, dass sie existieren, und du kannst nicht die Güte
aufbringen, mir zu erklären, was das hier soll? Auch wenn wir uns nur flüchtig
kennen, habe ich dich für einen charmanten, zuvorkommenden und liebenswerten
Mann gehalten, doch der Mann, der hier vor mir steht hat nichts mit diesem eben
genannten Mann zu tun. Du ängstigst mich, Kian. Weißt du das eigentlich?“
Sie sprach mit jedem Wort leiser, holte tief Luft und trat einen Schritt näher
an ihn heran, um ihm trotz ihrer Wut seine eventuelle Befangenheit zu nehmen.
Katie wollte doch nur eins; eine Erklärung. Sie sahen sich lange an und
Katie hatte das Gefühl, in seinen Augen zu versinken, hätte es die
Situation zugelassen. Kian sah sie mit einer solchen Wärme an, die sie
schon fast beunruhigte, die ihr aber trotzdem sehr zusagte. Dann nickte er mit
dem Kopf und lehnte sich an eine dunkle Häuserwand.
„Okay, einverstanden. Ich möchte mich noch mal bei dir entschuldigen. Es
war ganz bestimmt nicht so geplant, aber ich wusste ja nicht, dass du nicht
alleine unterwegs bist.“ Katie stutzte. Was hatte Violet denn mit der ganzen
Sache zu tun? „Sprichst du von meiner Freundin, Violet? Kennt ihr euch oder
weshalb hat sie die Becher fallen gelassen und Shane und dich so angestarrt?“
„Kommt sie aus Irland?“ „Ja, aber wieso fragst du? Kennst du sie nun oder nicht?“
Kian schüttelte mit dem Kopf. „Gut, und was für Problem gab es dann?
Ich verstehe nicht, warum du mich mit dir gezogen hast, als Violet vor uns stand.
Hattest du Angst, sie würde über dich herfallen oder was? Kian, ich
verlange doch nur eine simple Erklärung, mehr nicht.“ Katie bemerkte, dass
es Kian schwer fiel, die richtigen Wörter zu finden und unter normalen
Umständen hätte sie auch gar nicht weitergefragt, um ihn nicht zu
belasten, doch diese Umstände waren nun mal nicht normal. Als Kian nicht
antwortete, sah ihn Katie noch einmal kurz an, ehe sie sich ihre Jacke fester
um den Körper zog und sich auf dem Absatz umdrehte.
Sie wollte weg von hier, einfach weg, da aus Kian sowieso nichts mehr heraus
zu bekommen war, was sie unwahrscheinlich ärgerte. Was nahm sich dieser
Mann eigentlich heraus? Erst behandelte er sie so und dann konnte er sein Handeln
noch nicht mal begründen. Verrückt. Alle verrückt. Katie begann
die Straße entlang zu rennen und bemerkte nicht, wie Kian ihr folgte.
Auch an Violet dachte sie nicht mehr, die sich wahrscheinlich Sorgen um sie
machte, doch das war Katie momentan egal. Sie wünschte sich nichts sehnlicher,
als nach Hause zu kommen, weg von den ganzen Chaoten, die die Welt unsicher
machten.
„Katie, warte!“, rief Kian aus einigen Metern Entfernung, was Katie relativ
wenig störte und sie sich noch nicht mal die Mühe machte, sich umzudrehen
geschweige denn stehen zu bleiben. Nein, so leicht würde sie es ihm ganz
bestimmt nicht machen. Niemals. Glücklicherweise zählte sportliche
Betätigung zu Katies Stärken, sodass es Kian nicht möglich war,
sie einzuholen, was ihn allerdings nicht davon abhielt, ihr weiter zu folgen.
Außer Atem und fast hechelnd kam sie vor ihrer Wohnung zum stehen und
stützte ihre Hände auf die Knie, um nach Luft zu schnappen. Es war
verwunderlich, dass Katie auf sofortigem Wege ihre Wohnung gefunden hatte, obwohl
sie zwischenzeitlich herbe Orientierungsschwierigkeiten hatte. Katie nahm ihre
Kappe ab und wollte die Haustür öffnen, als Kian neben ihr auftauchte
und sie zurück hielt, diesmal sanft.
„Was willst du noch?“ Der genervte Unterton in Katies Stimme war nicht zu überhören
und auch Kian hatte ihn mitbekommen, weshalb er entschuldigend lächelte
und sich durch sein Haar fuhr. „Würdest du mir einen kurzen Augenblick
zuhören? Bitte. Danach kannst du mich meinetwegen erwürgen oder mich
auf die Straße schubsen. Meinetwegen kannst du mich auch völlig meiden,
es ist mir egal.“ Eigentlich hatte Katie nicht vorgehabt, zu lachen, doch Kian
war unwillkürlich komisch gewesen, was sie ihre Wut sogar ein wenig vergessen
ließ. Gut, er sollte seine Chance haben. Sie nickte und setzte sich auf
die zweite Stufe der Steintreppe, auf die sich kurz darauf auch Kian fallen
ließ. „Du möchtest, dass ich ehrlich zu dir bin, richtig?“ Er sah
zu Katie, die sich nicht die Mühe machte zu antworten, da diese Frage rein
rhetorisch war. „Na schön. Ich...ich habe dich mit mir gezogen, weil...weil
ich mich...weil ich mich einfach mal alleine mit dir unterhalten wollte. Um
uns herum waren so viele Leute und als dann auch noch deine Freundin auftauchte...“
Er seufzte, doch Katie hatte Mühe, seinen Worten glauben zu schenken. Wenn
er wirklich nur mit ihr reden wollte, hätte er es ihr doch auch sagen können,
anstatt sie so grob zu behandeln. „Und das ist alles, was du mir zu sagen hast?“
„Na ja, schon, aber ich will nicht, dass du falsche Schlüsse über
mich ziehst oder was vollkommen falsches denkst. Es war eine Kurzschlusshandlung
von mir, die ich auch bereue. Verzeihst du mir?“ Kian neigte seinen Kopf so,
dass Katie ihn direkt ansehen musste. „Dieser Hundeblick zieht bei mir nicht,
Kian. Ähm...wie heißt du eigentlich mit Nachnamen?“ „Egan, weshalb?“
„Nur so. Also, Egan, dieser Hundeblick zieht bei mir nicht.“ Kian zog einen
Schmollmund, was Katie dazu veranlasste, lauthals in Gelächter auszubrechen,
in das Kian wenig später mit einstimmte.
Selbst wenn sie gewollt hätte, konnte sie ihm nicht böse sein, auch
wenn sie mit seiner Erklärung noch nicht vollends zufrieden war. Sie wusste,
dass er ihr etwas verheimlichte, doch sie würde nicht weiter nachfragen,
schließlich ging es sie nichts an. Katie streckte sich und erhob sich
anschließend von der Stufe, da ihr Hinterteil langsam rege Erfrierungserscheinungen
zeigte. Auch Kian stand auf und richtete sich seine Sonnebrille, die er trotz
nicht vorhandener Sonne nach wie vor trug. „Also, ich werde meinen Körper
jetzt mal nach oben schwingen und ein heißes Bad nehmen. Auf Dauer ist
es hier draußen nämlich ziemlich kalt.“ „Ok. Und ich werde versuchen,
Shane ausfindig zu machen. Man sieht sich, oder?“ Er blickte etwas zweifelnd,
doch als Katie zögernd nickte, lächelte er. „Ich denke schon, aber
hoffentlich nicht wieder mit einem Zusammenstoß.“ Beide lachten, bis Katie
sich nach oben verabschiedete, während Kian zwischen den Menschenmassen
verschwand.
Nur im Handtuch bekleidet, lief Katie mit nackten Füßen in ihr Zimmer,
wo sie augenblicklich in die Hocke ging und einen Schubkasten aufzog, aus dem
sie frische Unterwäsche sowie Socken nahm, die sie sich eilig überzog,
bevor sie in einen bequemen Trainingsanzug schlüpfte, den sie über
alles liebte, auch wenn er nicht besonders hübsch war, doch dafür,
dass sie ihn nur zuhause trug, reichte er allemal. Gähnend brachte sie
das nasse Handtuch weg und ging ins Wohnzimmer, wo sie sich erschöpft auf
die Couch fallen ließ und geistesabwesend an die Zimmerdecke stierte.
Obwohl Katie mittlerweile seit fast drei Stunden aus der Stadt zurückgekehrt
war, schaffte sie es nicht, Kian aus ihrem Kopf zu bekommen.
Diese Augen, dieses lachen...Kian Egan war ohne Zweifel ein Mann von der Sorte,
dem jede Frau verfallen würde, ob sie wollte oder nicht, und wie Katie
zugeben musste, hatte er auch auf sie eine gewisse Wirkung, die zwar durch den
heutigen Tag ein wenig getrübt wurde, dem allerdings keinen Abrieb tat.
Sie mochte Kian, auch wenn sie ihn kaum kannte, doch sie mochte ihn nicht auf
die Art, wie man jemanden mögen würde, wenn man verliebt war, sondern
auf eine rein freundschaftliche Art und sie war sich sicher, dass das auch auf
Gegenseitigkeit beruhte, auch wenn Kian jetzt vielleicht dachte, Katie wäre
hypersensibel und neugierig, was zwar nicht ganz gelogen war, aber auch nicht
vollends der Wahrheit entsprach. Für Katie war Kian ein Mann, der unendlich
viele Rätsel aufbot, die sie unbedingt lösen wollte, weshalb sie inständig
hoffte, ihm irgendwann noch mal über den Weg zu laufen.
Seufzend griff sie nach der Fernbedienung und schaltete diesen ein, doch aus
irgendeinem Grund schien nichts ordentliches oder halbwegs interessantes zu
laufen, was in den USA überhaupt nicht vorkommen würde, denn in Amerika
hatte Katie über hundert Kanäle und auf einem von diesen lief unter
Garantie etwas sehenswertes. Fast ein wenig wehmütig blickte sie auf ihre
Vergangenheit zurück. Auch wenn sie versprochen hatte, sich bei Lillian
zu melden, hatte sie es bis jetzt noch nicht übers Herz gebracht und auch
ihre Eltern rief sie nicht wie geplant alle zwei Tage an, da das ihren Geldbeutel
zu sehr strapazieren würde, weshalb sie sich auf ein mal in der Woche beschränkte.
Gerade als Katie sich erheben wollte, um in die Küche zu gehen, kam ihr
Violet in den Sinn. Gott, sie wusste ja gar nicht, dass sie wieder zuhause war.
Hoffentlich war Violet nicht jemand, der alles unnötig dramatisierte und
wenn doch, würde wahrscheinlich halb Irland hinter Kian her sein, da sie
sicher vermuteten, er würde Katie verschleppt haben. Jetzt wäre ein
Telefonat mit Violet mehr als angebracht, doch als Katie den Telefonhörer
gegriffen hatte, fiel ihr ein, dass sie weder Violets Festnetz- als auch ihre
Handynummer hatte. Frustriert ließ sie den Hörer sinken und lehnte
sich in den weichen Polstern des Sofas zurück. Sie konnte nur noch darauf
vertrauen, dass Violet irgendwann vor ihrer Türe stehen würde, um
sich zu vergewissern, dass es ihr gut ging und so wie sie Violet kennen gelernt
hatte, würde das ganz sicher eintreten. Katie musste bei dem Gedanken daran
ein wenig schmunzeln und schüttelte den Kopf. Nun hieß es also, abwarten
und Tee trinken. Tee, dass war eine hervorragende Idee...
Kapitel 6
Katie öffnete ihre Augen und sah sich benommen um. Im Zimmer herrschte
ein leichte Dunkelheit, weshalb sie einen Moment lang rege Orientierungsschwierigkeiten
hatte, doch nach mehrmaligem Hinsehen stellte sie fest, dass sie sich im Wohnzimmer
befand. Sie wagte einen Blick auf die Uhr und stutzte. Es war kurz nach sechs
Uhr morgens; was machte sie bitte schön um diese Zeit im Wohnzimmer? Sollte
sie nicht eigentlich friedlich schlummernd in ihrem weichen und warmen Federbett
liegen und von einsamen und romantischen Inseln träumen?
Katie rieb sich mit Daumen und Zeigefinger ihre müden Augen und richtete
sich auf. Erst jetzt fiel ihr auf, dass der Fernseher noch lief und mit eben
diesem laufenden Fernseher kam die Erkenntnis. Sie hatte sich am gestrigen Abend
einen ihrer Lieblingsfilme angesehen und musste wohl nebenbei eingeschlafen
sein. Bei dem Gedanken daran musste Katie unwillkürlich schmunzeln, denn
das letzte mal, als ihr das passiert war, musste sie sich notgedrungen mit Lillian
„Vom Winde verweht“ ansehen und während ihre beste Freundin mit einem tränenüberströmten
Gesicht auf den Bildschirm starrte, aß Katie genüsslich Chips und
schlief irgendwann ein, was zur Folge hatte, dass Lillian ganze zwei Tage auf
sie sauer war.
Kopfschüttelnd streckte sie sich und stand auf, um zum Fernseher zu gehen
und diesen auszuschalten. Obwohl es noch so früh am Morgen war, war für
Katie nicht mehr an Schlaf zu denken, da sie bereits hellwach war. So ein Sofa
war auf Dauer nicht wirklich bequem, was sie deutlich an ihrer Rückenmuskulatur
bemerkte, denn sobald sie vorhatte, sich zu bücken oder in die Hocke zu
gehen, durchfuhr ein stechender Schmerz ihr Rückrad. Stöhnend beschloss
Katie, eine ausgiebige Dusche zu nehmen. Sie fuhr sich durch ihr Haar und schlurfte
mit schweren Füßen ins Badezimmer, wo sie das Licht anschaltete und
sich prüfend im Spiegel ansah. Ihre Augen waren leicht gerötet und
auch ein wenig geschwollen und das sonst so glänzende blonde Haar hing
ihr strähnig über den Schultern. „Einen wunderschönen guten morgen,
Katie“, sagte sie zu sich selber und befreite sich aus ihrer Trainingshose,
sowie ihrem Pullover, eh sie in die Duschkabine stieg und den Wasserhahn aufdrehte.
Nur Sekunden später rieselte herrlich warmes Wasser auf ihren Körper
nieder, das ihr augenblicklich mehr als wohl tat. Katie duschte länger
als eigentlich notwendig gewesen wäre, seifte ihre Haut gründlich
ein und wusch sich ihr Haar, bevor sie nach draußen stieg und ihren etwas
fröstelnden Körper in ein dickes und weiches Froteehandtuch wickelte.
Mit einer Bürste zähmte sie ihr wildes Haar und band es sich unordentlich
zu einem Knoten zusammen. Anschließend suchte sie nach ein paar passenden
Kleidungsstücken und ließ sich danach auf einem Stuhl in der Küche
nieder. Nach ein paar Sekunden, die Katie auf diesem Stuhl zugebracht hatte,
fiel ihr plötzlich Violet ein. Sie hatte Violet jetzt ganze vier Tage lang
nicht mehr gesehen, seit dem Vorfall mit Kian. Anstatt sie sich bei Katie mal
gemeldet hätte, tauchte sie erst gar nicht mehr auf. Vielleicht hatte sie
irgendetwas verschreckt oder Kians Freund, Shane, hatte sie entführt.
Katie schüttelte bei dem Gedanken daran energisch den Kopf. Auch wenn Shane
ihr noch völlig fremd war, machte er keinesfalls den Eindruck, ein gesuchter
Verbrecher zu sein. Lächerlich. Einfach lächerlich. Violet hatte mit
Sicherheit ihre Gründe, weshalb sie sich nicht meldete. Nichts desto trotz
war Katie schon ein wenig sauer, denn momentan fühlte sie sich genauso
alleine und einsam, wie bei ihrer Ankunft hier in Dublin. Sie hatte gedacht,
in Violet jemanden gefunden zu haben, der ständig für sie da war,
doch scheinbar war das nicht der Fall. Selbst Kian hätte wenigstens mal
vorbeisehen können, doch auch von ihm gab es kein Lebenszeichen. Katie,
die sich gerade erhoben hatte und zur Kaffeemaschine gegangen war, hielt in
ihrem Tun inne und legte ihre Stirn in Falten. Warum um Himmels Willen dachte
sie JETZT an Kian? Gut, in den vergangenen Tagen wollte er ihr nicht mehr so
richtig aus dem Kopf gehen, doch das sie deshalb am frühsten Morgen an
ihn dachte, war schon etwas seltsam, zumal sie ihn eigentlich nicht vermissen
dürfte. Was hatte er schon für eine Stellung in ihrem Leben, die diese
Denkweise rechtfertigte? Prinzipiell gar keine, doch Katie mochte Kian, auch
wenn er ihr durch sein merkwürdiges Verhalten viele Rätsel aufgab.
Vielleicht war auch genau das der Grund, weshalb sie so viel Sympathie für
ihn empfand. Sie wollte die Person Kian Egan besser kennen lernen und hinter
seine Fassade sehen, die er ganz offensichtlich aufgebaut hatte, doch das er
sich jemals noch mal bei ihr melden würde, bezweifelte sie ernsthaft.
Gerade hatte Katie das dreckige Geschirr vom Mittag in die Spüle gestellt,
als das penetrante Klingeln der Tür durch die Wohnung schallte. Im ersten
Moment schreckte sie auf, doch dann unterbrach sie ihre Handlung und lief zur
Tür, nicht ohne sich noch mal im Spiegel anzusehen, schließlich konnte
man nie wissen, wem man in den kommenden Minuten begegnen würde. Hastig
ordnete sie ihr Haar und zog ihr Shirt zurecht, ehe sie die Türklinke in
die Hand nahm und diese runter drückte. Katie trat einen Schritt zurück,
als sie in das strahlende Gesicht von Violet sah, deren schwarzes Haar vom vorherrschenden
Wind völlig zerzaust war.
„Vi, was machst du denn hier?“ Katie war mehr als überrascht und musterte
Violet eingängig.
„Was ich hier mache? Na du stellst mir aber tolle Fragen. Ich bin hier, weil
ich den Papst besuchen möchte. Was meinst du, ob er mir eine Audienz gestatten
würde?“ Sie grinste breit, als Katie mit dem Kopf schüttelte, die
Tür weiter öffnete und sich mit verschränkten Armen vor Violet
stellte, die sich sofort ihren roten Mantel auszog und ihn an einen Kleiderhaken
hing. Auch wenn Katie Violet noch nicht lange kannte, war ihr schon aufgefallen,
dass ihre Lieblingsfarbe zu hundertprozentiger Sicherheit rot war, denn Violet
besaß alles in Rot. Von den Klamotten über die Schuhe bis hin zu
den Ohrringen. Irre.
„Bist du heute morgen mit dem falschen Fuß aufgestanden oder weshalb siehst
du mich die ganze Zeit an, als wäre ich ein Alien? Kennst du mich etwa
nicht mehr? Nur mal so zur Erinnerung; ich bin es, Violet Andrews. Na, hat’s
Klick gemacht?“ Violet griff in ihre Handtasche und beförderte einen winzigen
Kamm ans Tageslicht, mit dem sie sich ihr Haar kämmte und den sie anschließend
wieder verschwinden ließ. Katie nahm einen tiefen Atemzug und lehnte sich
an die Wand neben der Haustür. „Ich kenne dich noch, Vi, aber ich frage
mich im Moment ernsthaft, weshalb du dich erst jetzt bei mir meldest. Wir haben
uns vier Tage nicht gesehen und vielleicht habe ich mir ja Sorgen um dich gemacht,
nicht wahr?“ „Hast du?“ Katie gab Violet einen sanften Stoß vor die Stirn
und schüttelte demonstrativ den Kopf. „Nein, hab ich nicht. Trotzdem hättest
du dich ruhig melden können. Hast du dich denn nicht gewundert, wo ich
bleibe, als Kian mich mit sich gezogen hat? Er hätte mich vergewaltigen,
entführen oder sogar ermorden können.“ Katie übertrieb mit Absicht
ein wenig, um Violet klar zu machen, wie verärgert sie war und um ihr eventuell
ein schlechtes Gewissen einzureden. „Sorry, Kat, aber ich wusste, dass er dir
nichts tut.“ „Wie bitte? Wie kann man denn so etwas wissen? Du kennst ihn doch
noch nicht mal.“ Violet zuckte mit den Schultern und lächelte. „Kat, ich
kenne den Grund, warum er dich so plötzlich entführt hat und glaub
mir, er hatte dabei ganz sicher keine Hintergedanken. Kian wollte lediglich
mit dir reden, mehr nicht.“ Katie nickte langsam, denn genau das gleiche hatte
ihr Kian auch erzählt und wenn die selben Worte nun auch von Violet kamen,
musste ja etwas wahres an der Sache dran sein, auch wenn Katie spürte,
dass Violet ihr auch noch etwas verheimlichte. „Also schön, aber du hättest
dich nichts desto trotz nach meinem Wohlbefinden erkundigen müssen. Wieso
bist du nicht noch mal vorbeigekommen?“ Violet grinste bis über beide Ohren.
„Das ist eine lange Geschichte.“
Sie nahm Katies Hand und zog sie mit ins Wohnzimmer, wo sie sich beide auf der
Couch niederließen, nachdem Katie für beide etwas zu trinken besorgt
hatte. „Und nun los, Vi. Hatte es vielleicht was mit Shane zu tun, dass du nicht
mehr die Zeit aufbringen konntest, hier her zu kommen?“ Katie leierte mit den
Augen, als Violet im Zeitlupentempo nickte. „Und ob es was mit Shane zu tun
hatte. Nachdem Kian und du verschwunden wart, habe ich mich natürlich auch
gewundert, doch Shane hat gesagt, ich solle mir keine Sorgen machen und hat
mich anschließend zu einem Kaffee eingeladen. Bei einem Mann wie er es
ist konnte ich dieses Angebot selbstverständlich nicht ausschlagen und
so haben wir den ganzen lieben langen Nachmittag in einem kleinen Café
in der Innenstadt zugebracht und haben uns unterhalten, bis er wegen einem Termin
zurück in sein Hotel musste.“ Violet holte tief Luft und nippte an ihrem
Saftglas. „Ah ja. Kommt Shane nicht von hier oder warum wohnt er in einem Hotel?“
Violet schien mit dieser Frage nicht gerechnet zu haben und tat sich schwer,
Katie eine Antwort zu geben. „Ähm...na ja...nein, er ist nicht aus Dublin,
sondern aus...aus Sligo, einem kleinen Nest an der Westküste Irlands. Kian
kommt übrigens aus dem gleichen Ort.“ Katie wusste nicht warum, doch aus
irgendeinem Grund freute sie sich darüber, etwas neues über Kian erfahren
zu haben. „Interessant, interessant, meine Liebe. Dir gefällt Shane, nicht
wahr?“ „Und wie.“ „Dann kannst du nur hoffen, dass er noch nicht vergeben ist,
denn ich kann mir kaum vorstellen, das ein Mann wie Shane noch Single ist“,
sagte Katie. „Bei Kian kann ich mir das übrigens auch nicht vorstellen“,
fügte sie beiläufig hinzu und nahm einen Schluck aus ihrem Glas. „Nur
zu schade, dass du damit nicht ganz falsch liegst. Shane ist seit letzten Dezember
verheiratet mit einer gewissen Gillian, die nebenbei bemerkt rein zufällig
Kians Cousine ist.“ Katie zog einen Augenbraue nach oben und sah Violet an,
die nachdrücklich ein „wirklich“ hinzu fügte. „Woher weißt du
das denn alles, Vi? Ich kann mir kaum vorstellen, dass dir Shane sein ganzes
Privatleben nieder gelegt hat.“ „Ach weißt du, ich hab meine Quellen,
die ich jetzt aber ganz sicher nicht näher erläutern werde. Trotzdem
werde ich nicht aufgeben, auch wenn er vergeben ist, denn meiner Meinung nach
ist es eine Frechheit, dass ein Mann, wie er, mit vorenthalten wird. Eine wirklich
Sahneschnitte.“ „Vi, du hast doch nicht im ernst vor, Shane rumzukriegen, oder?
Wie du eben selbst gesagt hast, ist er verheiratet und wird sich wohl kaum ausgerechnet
mit dir einlassen, wenn er seine Frau über alles liebt, was ich mal ganz
stark annehme, weil ich sonst keinen Grund für die Hochzeit sehe, außer,
sie ist reich und er hat es auf ihr Geld abgesehen.“ „Eher andersrum.“ Als Violet
Katies fragendem Blick begegnete, merkte sie, dass sie etwas falsches von sich
gegeben hatte und hielt sich eilig eine Hand vor den Mund. „Ob DEIN Kian in
festen Händen ist, weiß ich übrigens nicht.“ Katie sah Violet
entrüstet an, die daraufhin nur noch breiter grinste und sich zurücklehnte.
„Das ist nicht MEIN Kian, verstanden. Er gehört keinem, und schon gar nicht
mir. Bist du eigentlich nur aus dem Grund zu mir gekommen, um dich über
Shane zu unterhalten? Wenn ja, dann kannst du gleich wieder gehen, da ich absolut
kein Interesse mehr daran habe, eine Konversation mit dir zu führen, die
auf dieses Thema aufgebaut ist.“
Violet richtete sich wieder auf und straffte ihre Schultern, ehe sie Katie ansah,
die ungeduldig auf eine Antwort wartete. „Nein, natürlich bin ich nicht
nur deswegen zu dir gekommen. Du bist doch immer noch auf der Suche nach einem
Job, richtig?“ „Ja, und wenn ich nicht bald einen finde, kann ich mitsamt meinen
Sachen unter eine Brücke ziehen.“ Violet musste unwillkürlich lachen
und zog sich direkt einen bösen Blick von Katie ein, die, was dieses Thema
betraf, keinesfalls zu Scherzen aufgelegt war. „Ich hätte da was für
dich, Kat. Gestern Abend musste ich arbeiten und mir ist eingefallen, dass ich
bei meinem Chef doch mal ein gutes Wort einlegen soll, was die liebe Violet
natürlich auch getan hat. Nachdem ich ihm dein Aussehen beschrieben habe,
war er einverstanden und meinte, du könntest bei uns anfangen.“ Katie öffnete
ihren Mund, doch sie konnte nichts sagen. Hatte sie da eben richtig gehört?
Hatte sie wirklich einen Job? „Vi, ist das dein Ernst?“ „Mein voller. Irwin
würde dich heute Abend gerne mal begutachten und austesten, was du alles
kannst. Sieh den heutigen Abend also als deinen ersten Arbeitstag, den wir auch
sofort mit einer ausgelassenen Party verbinden können. Na, hab ich das
nicht toll hingekriegt?“
Katie nickte heftig und fiel Violet freudig um den Hals. Sie hatte einen Job
und sie würde Geld verdienen, mit dem sie sich sicher über Wasser
halten konnte. Eine schönere Nachricht gab es doch gar nicht mehr, auch
wenn Katie nicht wirklich heiß darauf war, in einem Nachtclub zu arbeiten,
doch immerhin war es besser als nichts und solange sie Geld verdiente, würde
sie sich bestimmt nicht beschweren. Der Abend schien doch recht vielversprechend
zu werden.
Kapitel 7
Mit verschränkten Armen hatte sich Violet auf Katies Bett fallen lassen
und richtete ihren prüfenden Blick auf ihre Freundin. Seit mindestens dreißig
Minuten standen die beiden Mädchen mittlerweile vor dem Kleiderschrank,
auf der Suche nach einem passenden Outfit für Katie. Während diese
lieber hochgeschlossen und in einer bequemen Jeans in den Nachtclub gegangen
wäre, war Violet der Meinung, ein wenig Haut zu zeigen, könnte sich
nur positiv auswirken. Beide hatten sich eine ganze Zeit damit in den Ohren
gelegen und gemeinsam Vor- und Nachteile abgewogen, mit dem einfachen Kompromiss,
dass sich Katie für ein Oberteil und Violet für eine Hose entscheiden
konnte.
„Was meinst du, Vi? Dieses Top hat doch einen viel zu großen Ausschnitt
oder nicht?“ „Quatsch. Es ist perfekt, Kat. Deine Reize werden hervorragend
zur Geltung gebracht.“ „Ich weiß nicht. Sollte ich mir nicht lieber einen
Schal um den Hals binden?“ Unsicher zupfte Katie an ihrem pinkfarbenen Top herum,
unschlüssig darüber, ob sie es auch wirklich anlassen sollte, da es
mehr zeigte, als verdeckte. „Du kannst dir doch keinen Schal um den Hals binden.
Dann zieh dir lieber etwas anderes an und beeil dich bitte ein bisschen, denn
in genau vierzig Minuten fängt meine Schicht an und sollte ich auch noch
ein einziges Mal zu spät kommen, schmeißt Irwin mich raus. Also komm
aus der Hüfte.“ Katie sah Violet an und nickte, ehe sie mit einer Hand
in den Schrank griff und unwillkürlich ein Shirt mit dreiviertel Ärmeln
herauszog, dass sich dem prüfenden Blick von Katie unterziehen musste,
die mit ihrer Auswahl allerdings ganz zufrieden schien. Eilig zog sie sich das
weiße Oberteil über, unter dem der schwarze Spitzen – BH noch ein
wenig durchschimmerte, was für Katie aber kein Problem darstellte. Anschließend
bedeckte sie ihre Beine mit einem knielangen Jeansrock, den Violet unter großem
Aufwand aus dem Kleiderschrank gezogen hatte. „Dreh dich mal.“ Violet deutete
Katie mit einer Handbewegung, sich im Kreis zu drehen, was sie augenblicklich
tat. „Kann ich so gehen?“, fragte sie zweifelnd und sah an sich herunter. „Und
ob du so gehen kannst. Kat, du siehst klasse aus, ganz umwerfend. Die Männer
werden nur so auf dich fliegen. Allerdings müssen wir mit deinen Haaren
noch was machen, denn so können die auf gar keinen Fall bleiben.“ Violet,
die sich vom Bett erhoben hatte, fasste demonstrativ in Katies Haar und schüttelte
den Kopf, bevor sie Katie mit sich ins Bad zog.
Es dauerte keine zehn Minuten, bis Violet aus Katies mattem Haar eine elegante
Hochsteckfrisur gezaubert hatte, die zwar edel, aber keinesfalls zu brav wirkte.
Noch ein bisschen Make – Up und fertig war sie. Katie betrachtete sich im Spiegel
und musste mehrmals hinsehen, um sich wirklich zu vergewissern, dass sie die
Person war, die im Spiegel zu sehen war. „Super. Können wir jetzt?“ Violet
sah auf ihre Uhr und tippte mit einem Fuß immer wieder drängelnd
auf den Boden. „Jep, meinetwegen kann’s los gehen.“
Ohne auf eine Reaktion von Violet zu warten, hatte sich Katie an dieser vorbeigeschoben
und war in die Diele gelaufen, um in ihre weißen Stiefel zu schlüpfen,
die sie nur bei besonderen Anlässen trug und der heutige Abend war ganz
sicher ein besonderer Anlass. Katie hoffte inständig, in dem Club Fuß
fassen zu können, da sie nicht unbedingt ein Mensch war, der sonderlich
gerne in die Offensive ging. Während sie sich ihre Jacke überzog,
versuchte Violet mühevoll in ihren Mantel zu kommen. „Was trödelst
du denn hier so rum, Vi, hm? Warst du nicht diejenige, die mich die ganze Zeit
terrorisiert hat, mich zu beeilen?“ Katie grinste, als Violet genervt ihre Augen
verdrehte. Die beiden verstanden sich mit jeder Minute, die sie zusammen verbachten,
besser und man würde nicht lügen, würde man sagen, es wäre
sogar schon eine richtig feste Freundschaft entstanden. „Hast du alles?“ Violet
nickte, nachdem sie in ihre Handtasche gesehen hatte und bereits in den Hausflur
getreten war. „Wunderbar. Ich auch. Los geht’s.“ Mit einem lauten Knall ließ
Katie die Tür hinter sich zufallen, hakte sich bei Violet unter und rannte
mit ihr die Treppenstufen nach unten.
„Vi, wenn wir noch lange laufen müssen, fallen mir die Füße
ab und du wirst mich notgedrungen in eine Klinik bringen müssen. Konntest
du mir nicht sagen, dass wir einen kilometerlangen Fußmarsch vor uns haben?“
Katie blieb stehen und ging in die Hocke, um ihre Füße durch die
Stiefel hindurch zu massieren.
„Hab dich nicht so lullig. Wir sind so gut wie da. Siehst du da vorne die Aufschrift?“
Violet deutete mit ihrem Zeigefinger auf eine blinkende Aufschrift, etwa Hundert
Meter entfernt. Katie sah auf und nickte. „Das ist das ‚Swing’, mein werter
Arbeitsplatz. Nichts wie rein, sonst werde ich in ein paar Minuten in der Luft
zerrissen, was kein sonderlich sehenswerter Anblick sein dürfte.“ Ohne
Vorwarnung fasste Violet Katies Hand, zog sie nach oben und mit sich den Gehweg
entlang bis vor den Club, wo Violet eine kurze Unterredung mit ein paar Gorillaähnlichen
Bodyguards führte und anschließend gemeinsam mit Katie den Club betrat.
Sie waren noch nicht ganz im inneren angekommen, als ihnen ein Schwall stickiger
und warmer Luft entgegen kam. Katie hielt für einen kurzen Moment den Atem
an, eh sie zu Violet sah und einen mehr als zweifelnden Gesichtsausdruck auflegte.
Wo war sie hier nur hingelangt? „Vi, sind wir hier richtig?“, schrie sie, um
aufgrund der vorherrschenden sehr lauten Musik verstanden zu werden. „Ja, ganz
sicher. Komm mit, ich stell dir Irwin vor“, antwortete Violet nicht weniger
laut und zog Katie erneut mit sich durch den ganzen Club, vorbei an tanzenden,
schwitzenden und alkoholisierten Menschen, die nur darauf bedacht waren, ihren
Spaß zu haben.
Und hier sollte sie in Zukunft ihr Geld verdienen? Unverständlich! „Warte
hier!“ Violet hatte sich von Katie gelöst und war hinter den Tresen geeilt,
wo sie einige ihrer Kolleginnen begrüßte und einem älteren Mann
flüchtig einen Kuss auf die Wange hauchte. Das musste Irwin sein. Katie
musterte ihn aus den Augenwinkeln heraus und stellte fest, dass er alles andere
als ein Frauenschwarm war. Sein übermäßiger Bauch hing leicht
über seine viel zu enge Jeans und sein Kopf, mit spärlichem Haupthaar
war viel zu groß für seine Schultern. Katie schüttelte sich
bei dem Gedanken daran und hatte eine Entscheidung getroffen, obwohl sie noch
nicht ein Wort mit diesem Mann gewechselt hatte. Sie winkte Violet zu sich herüber,
die kurz zögerte, bevor sie zu Katie geeilt kam und sie zur Rede stellte.
„Vi, ich kann das nicht. Ich kann hier nicht arbeiten.“ Violet, die sich mit
ihrem Rücken gegen den Tresen gelehnt hatte, sah Katie verwundert an. „Wieso
das denn nicht? Woher kommt dieser plötzliche Sinneswandel? Ich dachte,
du brauchst Geld.“ „Tue ich doch auch, aber ich will es nicht hier verdienen.
Das ist einfach nichts für mich, Vi, weil ich kein Mensch bin, der aus
sich rausgehen kann, so wie du. Bitte versteh mich doch.“ Violet hatte Katie
aufmerksam zugehört und nickte langsam. Sie hatte verstanden. „Schon okay,
Kat. Vor mir musst du dich nicht rechtfertigen. Ich werde jetzt zu Irwin gehen,
ihm die Situation erklären und mich anschließend in die Arbeit stürzen.
Aber hier bleiben tust du schon noch, oder?“ Katie nickte und umarmte Violet
aus einem plötzlichen Reflex heraus. Sie war erleichtert, unendlich erleichtert,
denn diese Sache lang ihr schon seit dem Vormittag auf dem Herzen, doch dank
ihrer Feigheit hatte sie es jetzt erst geschafft, Violet ihre Sorgen mitzuteilen.
Seufzend ließ sie sich auf einen Hocker fallen und atmete tief durch,
eh sie sich ein Glas Cola bestellte und Violet dabei beobachtete, wie sie hektisch
hin und her rannte, Gläser mit Getränken auffüllte oder sich
einfach nur mit jemandem unterhielt. Es war ein seltsames Bild, Violet so gestresst
zu sehen, denn für gewöhnlich war sie die Ruhe in Person und ließ
sich von nichts und niemandem aus dem Konzept bringen. Katie nippte gerade an
ihrem Colaglas, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte und erschrocken
herum wirbelte.
Kian.
Katie blickte direkt in Kians Gesicht, dass weder von einer Mütze noch
von einer dunklen Sonnenbrille verdeckt war. Im ersten Moment war sie so überrascht,
dass sie es nicht schaffte, irgendetwas über ihre Lippen zu bringen, doch
glücklicherweise ergriff Kian die Initiative.
„Hey“, sagte er und lächelte. „Hallo“, erwiderte Katie verlegen und drehte
sich instinktiv nach Violet um, die aber nirgends zu sehen war. „Was machst
du hier so alleine, Katie?“ „Eigentlich sollte ich hier heute meinen ersten
Arbeitstag haben, aber als ich dieses Szenario gesehen habe, wusste ich, dass
das nicht das Richtige ist. Also sitze ich nun hier und sehe Violet beim Schuften
zu.“ „Violet? Sag bloß, sie arbeitet hier?“ „Ja, aber das ist doch eigentlich
unwichtig, nicht wahr?“ Kian nickte und drängte sich ein wenig an ihr vorbei,
um fünf leere Gläser auf dem Tresen abzustellen und fünf neue
zu bestellen. Katie versuchte Kian unauffällig zu mustern und bemerkte,
wie gut er mal wieder aussah. Dieser Mann konnte einfach alles tragen, denn
es gab vermutlich nichts, was ihm nicht stehen würde. Mit einem Mal musste
Katie lachen und fing sich einen fragenden Blick von Kian ein.
„Was ist? Bin ich eine solche Witzfigur, dass du dich unbedingt über mich
lustig machen musst?“ Katie grinste schief und verneinte mit einem Kopfschütteln
seine Frage. „Ach was, du und eine Witzfigur. Ich musste lachen, weil ich daran
denken musste, dass wir uns heute zum ersten Mal begegnet sind, ohne dass wir
uns über den Haufen rennen oder dass ich dir Kaffe über die Klamotten
kippe.“ Wieder lachte Katie, doch dieses Mal stimmte Kian in ihr Lachen mit
ein. „Du hast recht. Ein Glück aber auch, schließlich habe ich heute
eine noch teurere Hose an.“ „Gut zu wissen, Egan. Was treibt dich eigentlich
hier her?“ Kian zuckte mit den Schultern und griff nach den mit Bier gefüllten
Gläsern. „Ich bin mit ein paar Freunden hier. Möchtest du sie vielleicht
kennen lernen? Wenn ja, dann könntest du mir nebenbei nämlich auch
mal beim Tragen helfen.“ Er deutete mit seinem Kopf auf die restlichen zwei
Gläser, die nur darauf warteten, zu ihren Besitzern zu kommen. Zwar war
sich Katie nicht sicher, ob es eine gute Idee war, mit ihm zu gehen, aber schaden
konnte es auch unmöglich was, weshalb sie beschloss, Kian zu folgen. Sie
nahm sich die beiden Trinkgefäße und lief hinter Kian her, bis in
die hinterste Ecke des Clubs. Kian war bereits an den Tisch seiner Freunde getreten
und hatte die wertvolle Ladung abgestellt, als er sich umdrehte und Katie zu
sich winkte.
Zögernd ging sie auf ihn zu, stellte die Gläser ebenfalls ab und sah
dann verlegen in die Runde, denn man konnte es nicht unbedingt als angenehm
bezeichnen, von vier Männern von oben bis unten gemustert zu werden, auch
wenn sie einen von den Männern schon etwas kannte, Shane. „Hi, Katie“,
sagte er und stand kurz auf, um ihr die Hand zu reichen, die sie freudig ergriff.
„Woher kennt ihr euch denn, Egan?“, rief ein blonder Mann herein, der vermutlich
der Größte von allen war. „Sei ruhig, McFadden. Ich wüsste nicht,
was dich das angeht und außerdem könntest du ruhig mal die Güte
erweisen und dich vorstellen oder weißt du etwa nicht, was sich gehört,
he?“ Der Mann seufzte und erhob sich ebenfalls, um in eine tiefe Verbeugung
zu gehen. „Mein Name ist Bryan McFadden, Miss Katie. Ich bin vierundzwanzig
Jahre alt, verheiratet und habe zwei Töchter. Freut mich sehr, Sie kennen
zu lernen.“ Er küsste umständlich ihre Hand und richtete sich dann
wieder auf. Kians Gesichtausdruck nach zu urteilen, fand er Bryans Auftritt
für übertrieben, doch Katie fand es durchaus charmant, schließlich
konnte sie sich nicht daran erinnern, das letzte Mal einen Handkuss bekommen
zu haben.
„Bry muss mal wieder voll aus der Reihe tanzen, was?“ „Sei ruhig, Byrne. Nur
weil du nicht die Manieren eines Gentlemans hast, musst du nicht auf mir rumhacken.
Das ist gemein.“ Bryan, der sich zurück auf seinen Platz gesetzt hatte,
schob seine Vorderlippe nach vorne und sah den anderen blonden Mann, ihm gegenüber,
beleidigt an. Kian schien dieses Theater mehr als nur auf die Nerven zu gehen,
denn er beschloss, die Begrüßung und die somit verbundene Vorstellung
seiner Freunde selbst zu übernehmen. Der Mann, den Bryan so liebevoll mit
Byrne angesprochen hatte, trug den Vornamen Nicky und der andere Mann, der neben
Shane saß, hieß Mark. Gut, dann war diese Hürde also schon
mal genommen. Kian bat Katie, neben ihm Platz zu nehmen und dieses Angebot nahm
sie nur zu gerne an, nicht nur wegen ihm, sondern hauptsächlich wegen den
anderen Jungs, die einen überaus netten, lustigen und sympathischen Eindruck
machten. Mit ihnen konnte man gewiss mehr als genug Spaß haben.
Da Katie den jungen Männern leider noch gänzlich unbekannt war, musste
sie ihnen im Schnelldurchlauf ihre Lebensgeschichte erzählen, samt Hobbies,
Lieblingsessen und allem was dazu gehörte. Anderen wäre es sicher
unangenehm gewesen, ihr Privatleben vor eigentlich völlig fremden Menschen
preiszugeben, doch da Katie sich wohl fühlte, sah sie keinen Grund, weshalb
sie ein Geheimnis aus ihrem Leben machen sollte. Natürlich erzählte
sie ihnen nicht alles, wie beispielsweise ihren Beruf als Songschreiberin, den
sie gänzlich unter den Tisch fallen ließ. Und auch ihre Leidenschaft,
dass Gitarre spielen, erwähnte sie in keinem Zug, aus welchem Grund auch
immer. Dennoch tat es keinen Abbruch an dem wunderschönen und herrlich
erholsamen Abend, der noch bis weit nach Mitternacht ausgedehnt wurde.
Kapitel 8
„Mum, bitte, ich verlange doch nur ein bisschen Geld, um monatlich wenigstens
meine Miete zahlen zu können. Ich glaube nämlich kaum, dass es euch
sonderlich gefallen würde, wenn ich irgendwann auf der Straße lande
und um Geld betteln muss. Ihr wisst gar nicht, wie schwer es ist, hier in Irland
einen Aushilfsjob zu bekommen. Die haben Anforderungen, die ein normales menschliches
Wesen, wie ich es bin, niemals erfüllen kann.“ Sie seufzte tief und ließ
sich in den weich gepolsterten Sessel fallen. Das Telefonat mir ihrer Mutter
dauerte mittlerweile schon länger als eine viertel Stunde an und bis zu
dem jetzigen Zeitpunkt hatten sie über kein anderes Thema, als Geld, gesprochen.
Es war zum Verzweifeln, denn ihre Mutter wollte einfach nicht einsehen, dass
ihre Tochter dringend Geld brauchte und auf die Unterstützung ihrer Eltern
angewiesen war, die sie ihr versprochen hatten, als sie vor fast drei Wochen
nach Irland gekommen war. „Mutschie, ich verstehe dein Problem, aber hattest
du nicht gesagt, auf eigenen Beinen stehen zu wollen?“ „Ja, und das tue ich
doch auch, aber ich verlange lediglich ein wenig Geld, nur für ein, zwei
Monate, so lange, bis ich einen Job gefunden habe. Außerdem möchte
ich mich wieder mehr auf das Song schreiben konzentrieren und damit endlich
Fuß fassen, doch so leicht, wie du dir das vielleicht vorstellst, ist
das allemal nicht. Ob du es glaubst oder nicht, hier in Dublin ist mir noch
nicht ein Gedanke für einen neuen Song gekommen. Unglaublich, oder? Als
ich noch zuhause war, hab ich tagtäglich einen Song geschrieben, manchmal
sogar zwei.“
Es entsprach tatsächlich der Wahrheit, dass die Muse Katie hier in Irland
gänzlich im Stich gelassen hatte. Sie schaffte es einfach nicht, aus ihren
durchaus brauchbaren Ideen, etwas zusammenhängendes zu kreieren. Woran
es lag, wusste sie selber nicht, doch sie vermutete, dass die Umgebung nicht
sonderlich inspirierend war. Wie gerne würde sie mal durch Irland fahren,
zu den wunderschönen Buchten mit ihren tollen Sandstränden, wo sie
einfach nur ihre Seele baumeln lassen konnte. Allerdings gab es keine Fahrgelegenheiten,
die ihr diesen Wunsch ermöglichen konnten, denn erstens fehlten ihr die
finanziellen Mittel und zweitens wusste sie nicht, wie sie hin und zurück
kommen sollte.
„Na schön, Katie. Dein Vater und ich strecken dir etwas vor und überweisen
es auf den Konto, einverstanden? Immerhin bist du unser Baby und wir wollen
dich nicht im Stich lassen. Wärst du mir böse, wenn ich jetzt Schluss
mache? In zehn Minuten kommt eine Frau von der Versicherung zu uns.“ „Nein,
Mum, ist schon in Ordnung. Wir sehen uns spätestens in zwei Monaten zu
Lillians Hochzeit. Mach es gut und grüß Dad schön von mir. Bye.“
Katie legte den Hörer auf den Tisch und atmete erleichtert aus. Um Geld
musste sie sich erst mal keine Sorgen mehr machen, doch immer ihre Eltern anzupumpen
war auch keine Lösung. Sie musste es endlich schaffen, sich selber einen
Job zu suchen, bei dem ein geregeltes Einkommen gewährleistet war, denn
sonst würde sie diese Wohnung hier auf Dauer nicht halten können.
Sie musste an Kian denken, den sie zwar seit ihrem Abend in dem Club vor fast
zwei Wochen nicht mehr gesehen, aber dafür kurz mit ihm telefoniert hatte,
denn die beiden hatten beschlossen, Nummern untereinander zu tauschen, da ein
erneutes Treffen nicht ausgeschlossen war. Katie hatte ihm ihre finanziellen
Probleme ausführlich geschildert und er hatte ihr gesagt, den Kopf nicht
hängen zu lassen und immer nach vorne zu sehen, egal was passierte, denn
irgendwann würden ganz sicher bessere Zeiten kommen. Sie war ihm unglaublich
dankbar für seine beruhigenden und tröstenden Worte und wollte ihn
sogar schon zu sich einlanden, doch er konnte ihre Einladung aus beruflichen
Terminen nicht wahr nehmen. Katie fragte sich manchmal wirklich, was er für
einen Job hatte, denn was dieses Thema anging, war er mehr als schweigsam, genau
wie die anderen Jungs, namentlich Shane, Nicky, Mark und Bryan, die sie mittlerweile
richtig lieb gewonnen hatte, denn auch mit ihnen hatte sie schon des Öfteren
ausführliche Telefonate geführt. Vielleicht war er ein Geheimagent
oder ein Spion und durfte seine wahre Identität nicht Preis geben, was
mehr als lächerlich war, wie Katie fand. Sicher hielt er seinen Job nur
für belanglos, genau wie Katie ihren Job für unwichtig hielt, schließlich
hatte sie ihm auch nichts von ihrem Talent und der dazugehörigen Leidenschaft
zur Musik erzählt. Achselzuckend stand sie auf und lief in die Küche,
um sich etwas zu trinken zu holen. Aus irgendeinem Grund war sie erschöpft,
auch wenn es gerade der frühe Nachmittag war. Mit einem Glas Wasser in
der einen und ihrer Gitarre, die sie fix aus ihrem Zimmer geholt hatte, in der
anderen Hand, ging sie zurück ins Wohnzimmer und ließ sich auf dem
Boden nieder. Nachdem sie die richtige Position gefunden hatte, begann sie einige
Melodien durchzuspielen, die ihr vom Radio oder vom Fernsehen in Erinnerung
geblieben waren. Es war schon seltsam, dass Katie allein durchs Hören gewisse
Melodien wieder geben konnte, denn so etwas war selbst für erfahrene und
erfolgreiche Musiker sehr schwierig. Sie spielte eine ganze Zeit lang, bis sie
aus einem Reflex heraus die Anschlagsart sowie die Akkordfolge änderte,
sodass eine völlig neue Melodie entstand, die ihr nicht mehr aus dem Kopf
gehen wollte. Katie spielte sie immer und immer wieder und veränderte hier
und da ein paar Kleinigkeiten, doch im Großen und Ganzen war das eine
hervorragende Grundlage für einen neuen Song, zu dem nur noch der Text
fehlte, doch so gut, wie Katie am heutigen Tag drauf war, würde ihr sicherlich
auch dazu wenigstens ein ganz klein wenig einfallen. Sie wollte sich gerade
von ihrem Platz erheben, als das Telefon klingelte. Katie lief nicht wie geplant
in ihr Zimmer, sondern zum Telefon, bedacht darauf, nicht ganz so verärgert
zu klingen, denn die Angst, die gerade komponierte Melodie wieder zu vergessen,
war schon groß.
„Katie Brookwell“, sagte sie lauter als gewollt in den Hörer und ging unruhig
im Zimmer herum. Es dauerte einen Moment, bis sich eine andere Stimme am anderen
Ende der Leitung meldete.
„Ich bin es, Kian. Hab ich dich bei irgendetwas gestört?“, fragte er vorsichtig,
da ihm ihr bissiger Unteron scheinbar nicht entgangen war. Katie musste unwillkürlich
lächeln und setzte sich auf die Lehne der Couch, da sie das Gefühl
hatte, das Gespräch mit Kian könnte etwas länger dauern. „Oh,
Kian, schön das du dich meldest. Keine Sorge, du hast mich nicht gestört,
na ja, vielleicht ein bisschen, aber ist ja auch egal. Wie geht’s dir?“ „Gut,
danke. Und selber?“ „Ich kann nicht klagen. Außer ein paar winzigen Kopfschmerzen
macht mir nichts zu schaffen. Was machst du gerade? Musst du nicht arbeiten?“
Ein wenig verwundert war Katie schon über Kians Anruf, denn wenn er sie
anrief, dann meist erst abends. „Nein, heute habe ich frei, weswegen ich auch
anrufe. Hast du Zeit?“ „Zeit? Wieso?“ „Beantworte einfach meine Frage.“ Katie
legte ihre Stirn in Falten, bejahte seine Frage aber. „Sehr schön. Hättest
du Lust, was mit mir zu unternehmen?“ „Mit dir?“ „Ja, mit mir. Klingt das so
abschreckend?“ Katie lachte. Wie schnell Kian doch manchmal aus der Fassung
zu bringen war. „Nein, tut es nicht. Ich bin nur ein bisschen überrascht,
mehr nicht. Sicher würde ich gerne was mit dir unternehmen, aber nur wenn
ich einen Vorschlag zur gemeinsamen Verherrlichung des Abends machen darf.“
Einen kurzen Moment lang herrschte Stille am anderen Ende der Leitung, was darauf
deutete, dass Kian ernsthaft über Katies Vorschlag nachdachte, denn scheinbar
hatte er sich schon etwas anderes zurechtgelegt. „Na schön, du darfst dir
aussuchen, was wir machen. Aber ich sage dir eins, Kat, wenn du mich in irgendeinen
Zoo oder durch irgendeinen Park schleppen willst, erkläre ich unsere Freundschaft
hiermit für beendet.“ Katie musste sich das Lachen verkneifen, da sie vorhatte,
ordentlich zu kontern. „Freundschaft? Ich wusste nie, dass wir eine aufgebaut
haben.“ „WAS???“, sagte er entrüstet, weshalb Katie lauthals in Gelächter
ausbrach und sich nach ein paar Sekunden sogar schon den Bauch hielt. „Egan,
sag bloß, du hast das eben geglaubt?“, keuchte sie hervor und nahm hastig
einen Schluck Wasser. „Sicher hab ich das, schließlich kann ich mir nie
sicher sein, wie ihr Frauen so tickt. Es kam nicht selten vor, dass mich meine
Freundinnen auch mal ordentlich auf den Arm genommen haben, also sollte ich
bei dir lieber vorsichtig sein.“
Augenblicklich versteinerte sich Katies Gesicht. Das war es, das Thema Freundinnen.
Obwohl Katie zu gerne gewusst hätte, ob Kian in festen Händen war,
hatte sie sich nie getraut, in selbst danach zu fragen, doch bei Gelegenheit
würde sie das ganz sicher tun. „Ist doch egal, oder Kian? Willst du nicht
lieber wissen, was ich heute Abend mit dir vorhabe?“ Sie konnte sein emsiges
Nicken durch den Telefonhörer förmlich sehen und wartete deshalb erst
gar nicht auf eine Antwort seinerseits. „Du wirst heute Abend bei mir vorbeikommen,
mit mir essen und zusammen mit mir einen Film ansehen. Ich habe nämlich
keine große Lust darauf, noch auszugehen, also ist mein Vorschlag wohl
der beste. Und keine Widerrede, Egan, sonst rede ich nie wieder auch nur ein
Wort mit dir.“ Sie hörte ihn lachen und grinste ebenfalls. Scheinbar schien
ihm ihr Vorschlag zu gefallen, immerhin war er ihr sowieso noch einen Besuch
schuldig. „Einverstanden, Kat. Wann soll ich da sein?“ Katie erschauderte, als
Kian ihren Namen aussprach. Niemand sagte ihn mit so viel Wärme in der
Stimme, wie Kian Egan. Momentan wusste sie nicht, weshalb seine Stimme eine
derartige Wirkung auf sie hatte, doch es reichte, dass ihre gesamte Haut mit
einer Gänsehaut überzogen war. „Ähm...um sieben wäre gut“,
stotterte sie, verwirrt von den plötzlichen Gefühlen, die sie nicht
deuten konnte. „Sieben Uhr ist perfekt, Kat. Wir sehen uns also dann?“ „Ja,
bis dann.“ „Alles klar. Bye.“
Katie hielt den Hörer noch eine ganze Zeit nachdem Kian aufgelegt hatte,
in der Hand. Was war denn nur in sie gefahren? Kopfschüttelnd erwachte
sie aus ihrem Tagtraum und fuhr sich durch ihr Haar. Ein Blick auf die Uhr sagte
ihr, dass sie noch genau fünf Stunden Zeit hatte, um die Wohnung einigermaßen
auf Vordermann zu bringen, was ein regelrechter Kampf zu werden schien, den
Katie unbedingt aufnehmen musste.
Katie rutschte auf den Knien herum, während sie die hellen Fliesen des
Badezimmers wischte. Mit Küche und Wohnzimmer war sie glücklicherweise
schon fertig und einzig das Bad und ihr Zimmer mussten sich noch einer gründlichen
Reinigung unterziehen, wenn sie nicht riskieren wollte, dass Kian sich auf dem
Absatz rumdrehte, wenn er ihre Wohnung sah. Wäre doch zu schade gewesen.
Eindeutig zu schade. Stöhnend richtete sie sich auf und hielt sich den
Rücken, der eindeutig überstrapaziert war und eine entspannende Massage
bitter nötig hatte. Katie ging zum Waschbecken und wusch sich ihre Hände,
ehe sie sich etwas kaltes Wasser in das blasse Gesicht warf und ihr wüstes
Haar zu einem festen Pferdeschwanz zusammenband. In diesem Moment sah Katie
wahrlich wie eine gestresste junge Mutter aus, die Probleme hatte, Kind und
Haushalt unter einen Hut zu bekommen. Würde Kian sie so sehen, würde
er vermutlich Reißaus nehmen. Mit ihren Fingern rieb sich Katie ihre müden
Augen und setzte dann ihre Putztour in ihrem Zimmer fort. Sie saugte den Boden,
machte ihr Bett, putzte im Schnelldurchlauf die Fenster und fiel anschließend
hundemüde auf das Sofa im Wohnzimmer. So viel und so ausgiebig hatte sie
schon lange nicht mehr geputzt, kein Wunder also, dass die Wohnung nicht unbedingt
in ‚Topform’ war. Hastig trank sie einen Schluck Wasser und verschluckte sich
prompt. Hustend bahnte sie sich ihren Weg zum Wohnzimmerfenster, öffnete
es und sah hinunter auf die belebten Straßen. Das Wetter war ausnahmsweise
mal richtig gut. Neben der scheinenden Sonne, waren die Temperaturen auf fast
zwanzig Grad gestiegen, nicht schlecht für Ende April, wie Katie fand.
Konnte es so nicht immer sein? Nein, natürlich nicht, denn Irland war für
seine ständigen Wetterwechsel bekannte. Selbst bei strahlendem Sonnenschein
konnte man sich nicht sicher sein, ob man sich nicht in der nächsten Sekunde
von strömendem Regen heimgesucht wurde. An diese Wetterkapriolen würde
sich Katie wohl nie gewöhnen können, denn in Amerika gab es so etwas
nicht, jedenfalls nicht in diesem Ausmaß. Wenn die Sonne schien, dann
schien die Sonne und wenn es warm war, dann war es halt warm, und wurde nicht
innerhalb weniger Minuten bitterkalt, wie das in Dublin nicht selten der Fall
war. Grinsend ging sie zurück zur Couch und ließ sich auf die selbige
fallen. Noch anderthalb Stunden, dann würde Kian hier auftauchen, höchste
Zeit, um das Essen vorzubereiteten, obwohl es aufgrund Katies mangelhafter Kochkünste
nur eine Lasagne samt Salat gab, doch auch dieses Gericht musste sorgfältig
vorbereitet sein.
Kapitel 9
Nervös blickte Katie an die große Wanduhr neben dem Küchenfenster
und stellte fest, dass Kian, wenn er pünktlich war, in ganz genau sechs
Minuten hier auftauchen würde. Eigentlich hatte es Katie normalerweise
nicht so mit Pünktlichkeit, doch wenn es um einen Besuch von Kian ging,
konnte sich diese Sache schon zu etwas wichtigem entwickeln. Unruhig lief sie
im Zimmer auf und ab, warf einen Blick auf den fertig gedeckten Tisch und sah
in den Backofen, wo die Lasagne nur darauf wartete, herausgenommen und verspeist
zu werden. Eilig lief sie in die Diele, um sich in dem großen Kommodenspiegel
noch einmal ausführlich zu betrachten. Die Kleiderauswahl war ihr an diesem
Abend nicht sonderlich schwer gefallen. Sie hatte sich für eine dunkle
Jeans und eine rote Bluse entschieden, die sie sich von Violet geborgt hatte,
da Katie fand, rot würde am besten zu ihrer Hose passen. Ihr Haar hatte
sie offen gelassen und einzig ein Haarband hielt ihr lästige Strähnen
aus dem Gesicht. Prinzipiell war Katie mit ihrem Spiegelbild sehr zufrieden,
weshalb sie bekräftigend nickte und zurück in die Küche ging,
um den Ofen auszustellen, damit die Lasagne sich nicht in Holzkohle verwandeln
würde. Noch eine Minute, dann würde Kian da sein. Unruhig spielte
Katie am Saum ihrer Bluse und rückte die Blumenvase, die in der Mitte des
Tisches positioniert war, noch einmal zurecht, bis es endlich klingelte.
Er war da und Katie konnte sich selbst nicht erklären, warum sie mit einem
mal so aufgeregt war, dass selbst ihr Magen protestierte. Hektisch ordnete sie
ihr Haar, zupfte sich die Klamotten zurecht und atmete noch einmal tief durch,
eh sie zur Tür ging, diese öffnete und in das strahlende Gesicht von
Kian sah. In diesem Moment konnte Katie gar nichts anderes tun, als zu lächeln
und ihn mit einer Handbewegung herein zu bitten. Sie wartete, bis er eingetreten
war und schloss anschließend die Tür hinter sich.
„Schön, dass du gekommen bist“, sagte sie leise und sah verlegen auf den
Boden, nicht sicher, was sie als nächstes tun sollte.
„Und ich freue mich, dass du mich eingeladen hast. Was meinst du, kannst du
damit was anfangen?“ Kian grinste breit, als er einen überdimensionalen
Blumenstrauß hinter seinem Rücken entblößte und ihn Katie
entgegen hielt. Er musste gesehen haben, wie sich ihre Augen vor Überraschung
geweitet hatten, denn er trat noch einen Schritt näher an sie heran und
strich ihr übers Haar. Eine ungewohnt vertraute Geste von ihm, wie Katie
fand. Trotzdem nahm sie den Strauß dankend entgegen und lächelte.
„Vielen Dank, Kian.“ „Gern geschehen.“ Dann standen sie eine ganze Weile einfach
nur da und sahen sich gegenseitig an, sodass nicht wirklich eine unangenehme
Stille entstand. „Ähm...zieh du dir doch am besten deine Jacke aus und
geh ins Wohnzimmer. Ich stelle die Blumen schnell ins Wasser.“ Kian nickte,
was Katie dazu veranlasste, förmlich ins Badezimmer zu rennen, um eine
Vase aus einem der Schränke zu holen und diese mit Wasser zu füllen.
Es war ungewöhnlich, seine Vasen im Badezimmerschrank zu verstauen, doch
im Wohnzimmer war nicht mal mehr ein Millimeter Platz dafür. Sie nahm einen
tiefen Atemzug und platzierte den Blumenstrauß sorgfältig in der
Vase, eh sie noch einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel warf und
anschließend zu Kian ging, der sich mittlerweile auf die Couch gesetzt
hatte und mit seinen Gedanken scheinbar ganz woanders war, weil er erschrak,
als Katie das Zimmer betrat. „Die sind wirklich schön, Ki. Noch mal danke.“
„Das habe ich doch gerne gemacht, denn einer so schönen Frau wie dir, Kat,
gebühren auch nur schöne Blumen.“ Er strich sich einige Strähnen
aus der Stirn und sah Katie eindringlich an, die spürte, wie ihr das Blut
in den Kopf stieg. Vermutlich hatte sie ganz rote Wangen, was ihr sehr unangenehm
war, weshalb sie hastig in die Küche lief und die Kunstblumen gegen den
Strauß von Kian eintauschte, der nun den liebevoll gedeckten Tisch zierte.
Natürlich hatte Katie gemerkt, dass Kian ihr gefolgt war, doch sie ließ
sich ihre immer größer werdende Nervosität nicht anmerken, auch
dann nicht, als sie mit zwei Topflappen die heiße Auflaufform mit der
Lasagne aus dem Ofen holte und sie auf den Tisch beförderte. Katie hatte
befürchtet, alles fallen zu lassen, doch Gott seit dank ging alles gut,
sonst hätten sie wohl notgedrungen auf Tiefkühlpizza umsteigen müssen.
„Wenn ich bitten darf“, sagte sie und deutete mit ihrer Hand auf den gegenüberstehenden
Stuhl.
„Es gehört sich nicht, wenn sich der Mann zuerst setzt, also bitte ich
dich, vor mir Platz zu nehmen.“ Ein Gentleman durch und durch, dachte Katie,
als Kian zu ihr hinüber kam und den Stuhl so zurecht rückte, dass
sie mühelos darauf Platz nehmen konnte. „Danke“, flüsterte sie und
wartete, bis Kian sich ebenfalls gesetzt hatte, bevor sie sowohl ihm als auch
ihr ein Glas Rotwein einschenkte. „Rotwein?!“ Er nahm sein Glas in die Hand
und schwenkte es wie ein Weinkenner hin und her. „Ja, ich wusste nicht was besser
zu Lasagne passen würde. Man sagt ja immer, helles Fleisch, dunkler Wein
und dunkles Fleisch, heller Wein. Da in der Lasagne aber gar kein Fleisch drin
ist, habe ich ganz nach meinem Instinkt gehandelt.“ Sie nippte an ihrem Glas
und lächelte, als Kian ihr zuprostete. „Eigentlich ist es doch egal, welchen
Wein man trinkt, so lange man in charmanter Gesellschaft ist, nicht wahr?“
Warum musste er nur unaufhörlich mit ihr flirten? Merkte er nicht, dass
sie das völlig aus dem Konzept brachte? Sie nickte zurückhaltend und
schnitt die Lasagne an, bevor sie zuerst Kian und dann sich etwas drauf machte.
Schon jetzt genoss sie den Abend in vollen Zügen, auch wenn er noch gar
nicht richtig angefangen hatte, denn das letzte mal, als sie so vertraut mir
einem Mann umgegangen war, war schon ein Weilchen her. „Sehr gut“, sagte Kian,
nachdem er sich eine Gabel in den Mund geschoben hatte und genüsslich kaute.
Katie richtete ihren Kopf nach oben und sah zu ihm. Selbst wenn er den Mund
voller Lebensmittel hatte, hatte er noch irgendetwas an sich, dass ihn unwahrscheinlich
attraktiv machte.
„Danke, aber bei so einer Lasagne kann man nicht wirklich viel falsch machen.“
„Nicht so bescheiden, Kat. Ich habe in meinem Leben wirklich schon viel Lasagne
gegessen, doch kaum eine war besser, als deine. Wenn ich mich recht erinnere,
kann nur Kerry mit dir mithalten.“ Plötzlich wurde Katie hellhörig.
Wer bitte schön war Kerry? Er hatte sie noch nie zuvor erwähnt. War
sie etwa seine Freundin? Fragen über Fragen. „Kerry? Wer ist das?“ Sie
versuchte nicht allzu neugierig zu klingen, was ihr relativ gut gelang. „Kerry
ist Bryans Ehefrau und die Mutter seiner beiden wundervollen Kinder. Sie ist
zauberhaft und kocht fantastisch.“ Katie musste unwillkürlich grinsen.
Kerry war Bryans Frau; das hätte sie eigentlich wissen müssen, schließlich
sprach Bryan so oft von seiner Familie. „Darf ich dich mal was fragen, Kat?“
„Sicher, nur zu.“ Sie schluckte ihre Lasagne herunter und lehnte sich anschließend
zurück, um Kians Worten lauschen zu können. „Du bist nicht von hier,
richtig?“ In seiner Stimme lag etwas zweifelndes, weshalb Katie ihre Stirn in
Falten legte und ihn eindringlich musterte. War es so offensichtlich? Stellte
es vielleicht sogar ein Problem für ihn da, dass sie Amerikanerin war?
Unsicher antwortete sie. „Nein, ich bin nicht von hier. Warum fragst du?“ „Weil
ich das sofort gemerkt habe. Du hast nicht diesen typischen irischen Akzent,
sondern einen anderen, etwas amerikanischen. Natürlich kann es sein, dass
ich weit daneben gehauen habe, doch kannst du meine Vermutung bestätigen?“
Er neigte seinen Kopf ein wenig und rutschte näher an den Tisch heran.
„Du hast vollkommen recht, Kian. Ich bin eine waschechte Amerikanerin. Das stört
dich doch nicht, oder?“ „Mich? Quatsch. Wieso sollte es auch. Egal ob du aus
Amerika, Irland oder sonst woher kommst; ich mag dich trotzdem.“ Katie lächelte
und warf ihm aus einem dringenden Bedürfnis heraus eine Kusshand zu, die
er lachend entgegen nahm. Der Abend schien wirklich lustig zu werden.
Nachdem das dreckige Geschirr aufgewaschen und im Schrank verstaut war, gingen
Kian und Katie ins Wohnzimmer und ließen sich fast gleichzeitig auf das
weiße Sofa fallen, dass unter ihrem Gewicht ein wenig nachgab und sie
zurück federte. Beide lachten, als sie ihre Köpfe an die Lehne lehnten
und wortlos die Wand gegenüber anstarrten.
„Was nun?“, fragte Kian und fuhr sich durch sein Haar, dass ihm an diesem Abend
besonders stark in die Stirn fiel, was Katie, wie sie zugeben musste, sehr zusagte.
„Hm, wie wäre es mit einem gemütlichen Fernsehabend? Wir können
DVD schauen oder auch einfach nur fernsehen, aber ich weiß nicht, was
das gute irische TV an diesem Abend bietet.“ „Dann müssen wir das doch
schleunigst ändern.“ Kian streckte seinen Arm aus und griff nach der Fernsehzeitung,
die auf dem Tisch lag. Gelangweilt blätterte er darin herum, eh er sie
frustriert zurück auf ihren Platz legte und zu Katie sah, die ihn fragend
anblickte. „Es kommt nichts, absolut nichts, was heißt, dass wir auf die
Alternative DVD zurückgreifen müssen, was ich nebenbei bemerkt nicht
sonderlich dramatisch finde.“ „Ok. Such dir eine aus.“
Katie war aufgestanden und zu einem hellen Regal gelaufen, auf dem alle DVD’s
platziert waren, die sie besaß. Kian trat neben sie und wühlte interessiert
in dem Regal herum. „Wie wäre es mit ‚Titanic’? Das ist einer meiner Lieblingsfilme.“
„Nö, Ki, alles, nur nicht ‚Titanic’. Diesen Film habe ich schon mindestens
zwanzig mal gesehen und jedes mal heule ich an der gleichen Stelle. Das möchte
ich dir ersparen.“ Er lächelte kurz, bevor er einen weiteren Film herauszog.
„Hier, ‚Bodyguard’ mit Whitney Houston und Kevin Costner. Wenn du mich fragst
ist dieser Film ein Meisterwerk.“ Kian hielt Katie die Hülle vor die Augen
und sah sie mit seinen wunderschönen blauen Augen an, in denen etwas fragendes
lag. Er wusste ja nicht, dass er mit diesem Film genau Katies Herz getroffen
hatte. „Willst du den Film wirklich sehen?“, fragte sie ungläubig, denn
Katie kannte keine einzige männliche Person, die sich diesen Film freiwillig
ansehen würde. „Sicher will ich den sehen, oder magst du den etwa auch
nicht?“ „Nein, ganz im Gegenteil. Ich liebe ‚Bodyguard’, also nichts wie los.“
Eilig schob sie die DVD in den DVD – Player, nahm sich die Fernbedienung und
setzte sich auf den Sessel, während Kian auf der Couch Platz nahm und sich
breit machte. Kopfschüttelnd grinste Katie, bevor sie den Film startete.
Fast wortlos saßen die beiden etwa eine Stunde des Filmes da und auch
wenn Katie versuchte, sich auf den Bildschirm zu konzentrieren, musste sie immer
wieder zu Kian sehen. Mit einem mal stand sie auf und ging in die Küche,
um sich und Kian etwas zu trinken zu holen und sich anschließend wieder
auf ihrem Platz nieder zu lassen. Nicht mal dreißig Minuten später,
kam Katies Lieblingsstelle, an der es sich nicht vermeiden ließ, zu weinen.
Schlagartig füllten sich ihre Augen mit den Tränen, die sie zwar mühevoll
zurückhielt, aber doch nicht stoppen konnte. Kian bemerkte Katies Gefühlszustand
und sah sie besorgt an, was sie mit einem zarten lächeln quittierte, ehe
sie mit ihrem Handrücken über ihre Wangen fuhr.
„Lach mich bitte nicht aus“, sagte sie im Hinblick auf Kian, dessen Blick nach
wie vor auf ihr ruhte. „Tue ich nicht. Ganz bestimmt nicht. Komm her.“ Er streckte
seine Hand nach Katie aus, die nicht sicher war, wie sie handeln sollte. Eigentlich
hatte sie sich vorgenommen, nicht allzu viel Nähe zu Kian zuzulassen, denn
die beiden waren gute Freunde, nur gute Freunde, aber andererseits sehnte sie
sich auch nach einem starken Arm, der sich schützend um sie legte. Zögerte
umfasste sie seine Hand, erhob sich von ihrem Platz und ließ sich mit
etwas Abstand neben ihn fallen, wo sie allerdings nicht lange sitzen blieb,
denn Kian hatte sie nach nur wenigen Sekunden in seine Arme gezogen, sodass
sie gar nicht anders konnte, als sich an ihn zu kuscheln und sein Aftershave
einzuatmen. Plötzlich bekam sie ein mehr als flaues Gefühl im Magen
und hätte sich am liebsten sofort wieder losgerissen, doch dazu genoss
sie Kians Wärme und die Geborgenheit, die er ihr gab, viel zu sehr.
Bis zum Ende des Filmes behielten die beiden ihre Position bei, sie in seinen
Armen, und auch danach schienen sie gar nicht daran zu denken, sich wieder voneinander
zu lösen. Katie griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher
aus, ehe sie einen tiefen Atemzug nahm.
„Warum muss ich nur immer wieder heulen, wenn ich diesen Film sehe?“, fragte
sie mehr sich als Kian, bekam aber trotzdem eine Antwort von ihm. „Du musst
dich für deinen Gefühlsausbruch nicht schämen, Kat. Selbst ich
als Mann muss manchmal meine Tränen herunterschlucken.“ Er legte ihr einen
seiner Finger unters Kinn, sodass sie ihn ansehen musste. Es erschreckte sie
ein wenig, sehen zu müssen, wie er sie voller Fürsorge ansah. Kian
strich ihr eine Strähne hinters Ohr und bedeckte ihre Stirn mit einem zarten
Kuss. Auch wenn Katie es nicht wollte, begann ihr Körper unwillkürlich
zu zittern, als er sie berührte. Sie wollte etwas sagen, doch Kian ließ
sie nicht reden, da er in diesem Moment selber das Wort ergriff.
„Gibt es irgendetwas, was du gerne mal hier in Irland machen würdest.“
Katie war überrascht über diese Frage, dachte aber nach und antwortete
schließlich. „Ja, ich würde gerne mehr von dem Land, besonders von
der wunderschönen Landschaft sehen. Und am allerliebsten würde ich
zu einer Bucht fahren und dem Meer dabei zusehen, wie es sich an den Felsen
bricht. Das ist mein Wunsch.“
Kapitel 10
Zwei Tage waren nun seit Katies gemeinsamen Abendessen mit Kian vergangen. Grinsend
dachte sie daran zurück, wie sie sich noch bis in die späten Abendstunden
über Gott und die Welt unterhalten hatten. Es war schön, sich in solch
netter und überaus attraktiver Gesellschaft zu wissen, auch wenn Katie
keinerlei Hintergedanken hatte. Kian war für sie ein Freund geworden, ein
guter Freund, und auch wenn sie sich noch nicht wirklich lange kannten, konnte
sie ihm all ihre Sorgen anvertrauen, mit der Gewissheit, er würde sie für
sich behalten. Natürlich war es Katie nicht entgangen, dass er manchmal
schon eine sehr seltsame Wirkung auf sie hatte, was sich darin äußerte,
dass sie unsicher und nervös wirkte, nicht sicher, wie sie mit ihm umgehen
sollte.
Kopfschüttelnd fuhr sich Katie durch ihr langes Haar, lockerte es etwas
und streckte sich anschließend, um ihren müden und leicht schmerzenden
Muskeln und Gelenken wieder etwas Bewegung zu verschaffen. Schon den halben
Vormittag hatte Katie damit zugebracht, auf dem Wohnzimmerboden zu sitzen und
an neuen Songs zu tüfteln, denn wie aus Teufels Hand kamen die Ideen wie
Wasserfälle auf sie nieder und überwältigten sie schier. Während
der letzten Tage hatte sie sich dazu durchgerungen, ihre Songschreiberkarriere
neu zu starten und endlich etwas Feedback aus den europäischen Ländern
zu bekommen, auch wenn sie damit rechnete, dass das ganz sicher nicht immer
gut ausfallen würde, doch irgendwo musste sie schließlich anfangen,
wenn sie nicht auf Ewigkeiten auf die Geldspritzen ihrer Eltern angewiesen sein
wollte. Außerdem war das Song schreiben ja auch einer der Gründe,
weshalb Katie ihr Leben in den Staaten aufgeben und hier in Irland neu begonnen
hatte. Es wäre sinnlos, wenn sie ihrer Leidenschaft, der Musik, nicht weiter
nachgehen würde und nicht nur sie, sondern hauptsächlich ihre Eltern
und ihre besten Freunde in den USA, wären enttäuscht, denn nur ihnen
war es zu verdanken, dass Katie anfangen konnte, ihren Traum zu leben. Hätte
sie nicht die Unterstützung ihrer Familie gehabt, wäre sie niemals
so weit gekommen.
Seufzend erhob sie sich und lief eilig in die Küche, wo sie einen alten
Kassettenrecorder holte und ihn mit ins Wohnzimmer nahm. Obwohl der Recorder
nicht unbedingt auf dem neuesten Stand war, so hatte er doch etwas, was unbedingt
von Nöten war – eine Aufnahmetaste. Katie wollte ihre neuen Songs endlich
auf Band aufnehmen, auch wenn sie sich im Klaren darüber war, dass die
Qualität des Bandes, was entstehen würde, nicht übertrieben gut
war. Sie kramte in ihrem Ordner und beförderte eine Kassette zu Tage, die
sie aus einer Folie geholt hatte. Nachdem diese Kassette in dem dafür vorgesehenen
Recorder verstaut war, betätigte Katie die Play – Taste und begann damit,
an den Saiten ihrer Gitarre zu zupfen. Der Song, den sie ‚Promise’ genannt hatte,
war in der letzten Nacht entstanden, während Katie mit ihren Gedanken bei
ihren Eltern war, denen sie versprochen hatte, sich nicht unterkriegen zu lassen
und an ihrem Traum zu arbeiten. Das Lied begann sehr langsam und war anfänglich
in C – Dur gehalten, zum Ende hin jedoch wurde er ein wenig dunkler und Katie
spielte fast durchgehend Mollakkorde, was der Stimmung des Songs aber keinen
Abbruch tat. Er hatte etwas sehr melancholisches an sich und Katie war sich
sicher, dass er zumindest ein kleines bisschen auf Zustimmung treffen würde.
Es vergingen weitere anderthalb Stunden, bis Katie alles sorgfältig eingespielt
und die Taps in großen Briefumschlägen verstaut hatte. Mit ihrer
wunderbar sauberen und präzisen Handschrift adressierte sie die Umschläge,
verstaute sie alle zusammen in einen Beutel und hing diesen an die Türklinke
der Haustür, damit sie ihn keinesfalls vergas, wenn sie sich am Nachmittag
mit Violet treffen würde. Zufrieden mit sich und ihrer Leistung, räumte
Katie sämtliche Zettel, auf denen sie Notizen hinterlassen hatte, weg und
ging ins Badezimmer, um sich ein wenig kaltes Wasser ins Gesicht zu werfen,
was ihren Kreislauf wieder auf Schwung bringen sollte, denn den halben Tag in
einer stickigen Wohnung ohne sonderlich viel Sauerstoff und Bewegung zu verbringen,
war nicht unbedingt förderlich für das allgemeine Wohlbefinden. Ihre
eisigen Hände platzierte Katie auf ihren Wangen, wo sie einen Augenblick
lang ruhten, ehe sie zu ihrem Nacken fuhren und ihn sanft massierten. Verspannter
hätte sie wirklich nicht sein können, weshalb Katie beschloss, eine
wärmende Dusche zu nehmen, die ihre Muskeln sicher lockern würde.
Mit schnellen Griffen entledigte sie sich ihrer Kleidung, stieg in die Duschkabine
und stellte das Wasser an. Gedankenverloren seifte sie ihren gesamten Körper
ein, während sie mit geschlossenen Augen dem plätschern der Wasserstrahlen
zuhörte. Es war unglaublich entspannend, was dazu führte, dass sich
Katie mit einem mal um einiges wohler und vor allem freier fühlte.
Schier in diesem Moment musste sie an Kian denken. An Kian. Katie stand unter
der Dusche und hatte nichts besseres zu tun, als an Kian zu denken?
Als diese Einsicht kam, riss Katie ihre Augen auf und schüttelte benommen
den Kopf, bevor sie das Wasser ausstellte, nach draußen stieg und sich
mit einem Handtuch sorgfältig abtrocknete. Anschließend bedeckte
sie ihren Körper mit einer gutriechenden Lotion und lief in ihr Zimmer,
wo sie den Temperaturen angemessen, in ein enges, grünes T- Shirt schlüpfte,
was sie mit einer dreiviertel Jeans kombinierte. Ihr Haar ließ sie offen,
einzig ein paar Strähnen steckte sie am Hinterkopf mit ein paar kleinen
Spangen zusammen, sodass ihr das Haar nicht störend in die Stirn fiel.
Prüfend sah sie in den Spiegel und stellte fröhlich fest, dass sie
seit langem nicht mehr so gut aussah. Noch vor wenigen Tagen wirkte Katie krank
und zerbrechlich, doch jetzt war davon nichts mehr zu sehen. Ihre Haut war nicht
mehr blass, sondern leicht gebräunt und ihre Augen hatten ihren Glanz wieder
zurückgewonnen. Sie nahm einen tiefen Atemzug, eh sie ihr Zimmer verließ,
dass Radio im Wohnzimmer ausschaltete und zur Diele lief, wo sie umständlich
nach ihren Schuhen angelte und hastig in sie hinein stieg.
Katie war in einer Viertelstunde mit Violet verabredet und sie wusste ganz genau,
wie sehr Violet Unpünktlichkeit verabscheute. Katies Hand wanderte zu ihrer
Handtasche, die sie sich über ihre Schultern warf, um zur Haustür
zu gehen, den Beutel zu nehmen und die Wohnung zu verlassen.
Mit schnellen Schritten lief Katie die Straße entlang, auf der Suche nach
einem Postkasten, wo sie ihre gesamten Taps hineinwerfen konnte. Tatsächlich
befand sich nur ein paar Meter weiter eines dieser Exemplare, weshalb Katie
beinahe rennend darauf zulief, den Beutel öffnete und nach und nach alle
Umschläge nach außen beförderte, um sie anschließend im
Innern des Postkastens verschwinden zu lassen. Obwohl Katie das dringende Bedürfnis
verspürte, die Briefumschläge wieder heraus zu holen, wusste sie,
dass es nun zu spät war und es kein zurück mehr gab. Sie musste sich
dem, was kommen würde, stellen und mit den Kritiken leben, die sich sicher
nicht vermeiden ließen. Nach einem letzten Blick, den sie auf den Postkasten
geworfen hatte, setzte Katie ihren Weg fort und traf nur zehn Minuten später
auf Violet, die es sich bereits in dem Café, das als Treffpunkt gedient
hatte, gemütlich gemacht hatte und genüsslich einen Eisbecher verspeiste.
Violet winkte wild, als sie Katie erblickte und erhob sich von ihrem Platz,
um ihre Freundin mit einer herzlichen Umarmung zu begrüßen.
„Hey, Kat“, sagte sie und drückte Katie einen Kuss auf die Wange, ehe sie
sich wieder setzte und Katie mit einer Handbewegung deutete, dass sie es ihr
gleich tun sollte. Lächelnd ließ sich Katie auf den Stuhl fallen
und lehnte sich zurück. „Lange nicht gesehen, was, Vi?“ „Das kannst du
aber laut sagen. Nach deinem ominösen Treffen mit Kian hast du es ja scheinbar
nicht mehr für nötig gehalten, dich bei mir zu melden.“ Katie entging
Violets zorniger Unterton nicht, was sie aber nicht in Reue versetzte, sondern
eher belustigte. „Mein Gott, seit wann bist du denn so ein Sensibelchen, Vi?
Ich dachte, du müsstest arbeiten und wärst beschäftigt. Nur deshalb
habe ich mich nicht gemeldet. Ich wollte halt lediglich deine sowieso schon
spärliche Freizeit nicht auch noch in Anspruch nehmen.“ Katie und Violet
sahen sich kurz an, bevor sie in Gelächter ausbrachen, dass das ganze Café
unterhielt. Schon seltsam, wie sich die beiden manchmal benahmen.
„Du, Kat, was weißt du alles über Kian?“ Erstaunt sah Katie zu Violet,
die ihren leeren Eisbecher ein Stück von sich wegschob und sie eingängig
musterte. Was war das denn bitte schön für eine Frage und seit wann
interessierte sich Violet so brennend für Kian, wo sie ihn doch kaum kannte?
War es einfach nur pure Neugier, die sie dazu veranlasste oder steckte etwas
anderes dahinter?
„Weshalb fragst du, Vi?“ „Nur so“, antwortete Violet achselzuckend und mied
Katies Blick, der nach wie vor auf ihr haftete. „Es interessiert mich halt,
wie viel Kian von sich preisgegeben hat. Auf mich wirkt er nämlich immer
sehr rätselhaft, fast unnahbar.“ „Das ist er ganz und gar nicht, Vi. Kian
ist ein sehr höflicher, charmanter und aufgeschlossener Mensch. Er ist
lieb und fürsorglich und man kann wunderbar interessante Gespräche
mit ihm führen.“ Violet zog eine Augenbraue nach oben und verzog ihr Gesicht
zu einer Grimasse. „Willst du damit sagen, ihr habt nur geredet, als er bei
dir war?“ „Nicht nur. Zuerst haben wir gegessen, dann haben wir uns einen Film
angesehen und danach haben wir geredet. Zufrieden?“ „Noch nicht ganz. Was hast
du alles über ihn erfahren?“ „Na hör mal. Bist du jetzt eine Geheimagentin
und von irgendjemandem auf mich angesetzt worden? Wenn ja, dann weiche von mir,
böser Geist.“ Katie lachte, doch Violet saß unverändert auf
ihrem Platz, mit fast versteinerter Miene. Ihr konnte es doch unmöglich
so ernst sein, dermaßen viel über Kian wissen zu wollen.
Kopfschüttelnd ergab sich Katie letztendlich und war bereit dazu, Violet
einige Information zu überbringen, wenn auch ganz gewiss nicht alle. „Schön,
wenn du unbedingt mehr über Kian erfahren willst, dann erzähle ich
dir halt mehr. Ich habe erfahren, dass er sehr viele Geschwister hat, sein Lieblingsfilm
‚Titanic’ ist, er besonders die Farbe weiß mag und Sushi, genau wie ich,
verabscheut. Praktisch weiß ich alles über ihn, denn du kannst mir
glauben, ein so ehrlicher Mensch wie Kian Egan ist mir noch nie begegnet.“ „Wenn
du dich da mal nicht täuschst“, nuschelte Violet kaum hörbar in ihre
Serviette. „Bist du nun zufrieden?“ Katie hatte ihre Arme vor der Brust verschränkt
und blickte zu Violet, die zaghaft nickte. „Ja, ja, das bin ich. Aber ich warne
dich, Kat. Lass dich nicht mit diesem Mann ein, denn du könntest bitterlich
enttäuscht werden.“ Nun war Katie ganz und gar verwirrt. Von was redete
Violet nur und was sollten diese ganzen merkwürdigen Andeutungen hinsichtlich
auf Kian? Gönnte sie Katie etwa nicht, dass sie so gut mit ihm auskam und
sich wunderbar mit ihm verstand? War sie etwa eifersüchtig?
„Nun hör aber auf, Vi. Langsam reicht mir dein dummes Gerede echt. Ich
bin alt genug und kann selbst entscheiden, mit wem ich befreundet sein will
und mit wem nicht. Wenn ich Kian zu einem meiner Freunde zähle, dann ist
das meine Sache und du hast dich da verdammt noch mal nicht einzumischen. Überhaupt
frage ich mich langsam ernsthaft, weshalb du plötzlich ein so großes
Interesse an Kian zeigst. Seltsam, findest du nicht auch?“ Katies Augen bohrten
sich förmlich in die von Violet, doch diese hielt Katies Blick stand. „Ich
wollte dich ganz sicher nicht kritisieren oder bevormunden, aber du kennst Kian
doch eigentlich noch gar nicht richtig und ich will einfach vermeiden, dass
du auf ihn reinfällst und hinterher verletzt bist. Du kennst Dublin noch
nicht gut genug, um zu wissen, wie die Leute hier drauf sind.“ Katie führte
ihre Hand hinauf zu ihrer Schläfe und massierte diese leicht. Sie hatte
plötzlich fürchterliche Kopfschmerzen und war müde. Müde
darüber, weiter über dieses Thema zu sprechen. Katie war nicht sauer
auf Violet, schließlich versuchte sie nur, nett und behilflich zu sein,
doch immerhin war es immer noch Katies Sache, mit wem sie befreundet sein wollte
und mit wem nicht. „Hör mal, Vi. Ich fühle mich nicht besonders gut.
Es wäre wohl besser, wenn ich nach Hause gehe.“ Katie erhob sich von ihrem
Stuhl und nahm ihre Handtasche. „Kat, du bist doch hoffentlich nicht sauer auf
mich, oder?“ Katie drehte sich um und schüttelte mit dem Kopf. „Nein, bin
ich nicht. Ich melde mich bei dir, Vi.“
Ein zartes lächeln umspielte Katies blassgewordene Lippen, ehe sie sich
wieder umdrehte und das Café verließ. Sie wollte nur noch eins;
nach Hause in ihr Bett, wo sie sich in Ruhe hinlegen und die Strapazen des Tages
vergessen konnte.
Kapitel 11
Mittlerweile war es Anfang Mai und der sogenannte Wonnemonat zeigte seine schönste
Pracht. Die Bäume in der Stadt grünten, genau wie die zahlreichen
Wiesen Irlands. Es war angenehm mild, beinahe warm, draußen und die Sonne
schien nun schon seit einigen Tagen unaufhörlich vom dem klaren, blauen
Himmel. Katies Stimmung wurde kurzzeitig getrübt, als sie Antworten auf
zwei ihrer abgeschickten Taps bekam, beides mal Absagen, mit der Begründung,
dass ihre Songs zwar gut und sie äußerst talentiert sei, es jedoch
momentan keine Verwendung für ihre Songs gab. Glücklicherweise hatte
Katie eine Freundin wie Violet, die sie aufgebaut und getröstet hatte,
nachdem ihre Differenzen bezüglich Kian geklärt waren und Violet hoch
und heilig versprach, sich zukünftig nicht mehr in Katies Angelegenheiten
einzumischen. Katie stand vor dem großen Badezimmerspiegel und kämmte
ihr Haar. Es war früh am Morgen, doch die strahlende Sonne erleuchtete
bereits die gesamte Wohnung. So aufzuwachen war einfach herrlich und beflügelte
einen gar ein wenig.
Nachdem sich Katie ihren Pyjama ausgezogen hatte, stieg sie in die Dusche und
genoss das heiße Wasser, dass auf ihren Körper niederprasselte. Sie
ging in die Hocke und rasierte sich eilig die Beine, ehe sie ihr Haar einshampoonierte
und es wusch. Katie liebte die Haarwäsche, die nach Himbeerkaugummi duftete
und die sie in den USA nie gefunden hatte und erst hier in Irland darauf gestoßen
war. Sie fuhr erschrocken zusammen, als die Türklingel durch die Wohnung
schellte. Warum gab es nur jemanden, der das dringende Bedürfnis hatte,
sie während ihres allmorgendlichen Pflegeprogramms zu stören? „Mist,
verdammter“, fluchte Katie aufgebraucht, brauste sich schnell die Seife vom
Körper und wickelte diesen anschließend in ein Handtuch, bevor sie
mit noch nassen Füßen den kalten Boden entlang lief und vor der Haustür
halt machte. Ihre Hand umfasste die Türklinke und nur Sekunden später
sah Katie in das Gesicht von Kian, der sie überrascht ansah. Was um Himmels
Willen wollte Kian um diese Uhrzeit bei ihr, wo sie doch von ihm selbst erfahren
hatte, dass er ein schrecklicher Morgenmuffel war?
„Ki...Kian“, stotterte sie und trat einen Schritt zur Seite, um ihm Eintritt
zu gewähren.
„Ich wollte dich nicht stören“, sagte er entschuldigend und musterte Katie
mit großen Augen, die urplötzlich bemerkte, dass sie außer
einem viel zu kurzem Handtuch rein gar nichts trug. Peinlich berührt sah
sie an sich herunter und spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Ausgerechnet
so musste sie Kian gegenüber stehen, wo sie doch mit allen Mitteln versuchen
wollte, immer einen guten Eindruck bei ihm zu hinterlassen. „Sorry für
meinen Aufzug, aber dein Timing ist wirklich schlecht“, versuchte sie lächelnd
zu sagen, doch die Sache mit dem lächeln war schwerer als angenommen, wenn
man halbnackt vor einem Mann stand, den man zwar sehr mochte, das aber nur auf
rein freundschaftliche Weise tat. „Schon okay. Ich kann auch wieder gehen, wenn
du das möchtest und später noch mal vorbei kommen.“ Kian schien die
Situation nicht weniger peinlich als Katie zu sein und dennoch hatte sie keinesfalls
den Wunsch, ihn wieder weg zu schicken, denn scheinbar hatte er einen Grund
für seine morgendliche Störung und den wollte Katie zu gerne erfahren.
„Nein...nein, du musst nicht gehen. Mach es dir hier einfach irgendwo bequem.
In der Zwischenzeit trockne ich mich ab und zieh mir was vernünftiges an,
ja?“ Sie sah zu Kian, der einen Schritt an sie heran getreten war und langsam
nickte. Warum ließen sie seine Blick nur so fürchterlich unsicher
werden? „Ist gut, Kat, obwohl du mir nur im Handtuch auch ganz gut gefällst.“
Er war einen weiteren Schritt an sie heran gekommen und sein Gesicht verweilte
nun bedrohlich nahe vor ihrem, was sie dazu veranlasste, schnellstens die Flucht
zu ergreifen, um nicht zu riskieren, dass sie irgendetwas tat, was sie später
eventuell bereuen könnte.
Mit einer gekonnten Drehung entfernte sie sich ein Stück von ihm und grinste
entschuldigend, als sie seinem fragenden Blick begegnete. „Mir wird kalt“, sagte
sie und war innerhalb weniger Sekunden im Badezimmer verschwunden, wo sie sich
unendlich viel Zeit mit dem abtrocknen ließ, um nicht allzu schnell zu
Kian zurück zu kehren müssen. Katie spürte, dass sie beide etwas
besonderes verband, doch was genau war das nur? Seufzend ließ sie sich
auf dem Klodeckel nieder und stützte ihren Kopf auf ihren Händen ab.
Unendlich viele Gedanken und Fragen hatten sich in ihrem Kopf gesammelt, die
sie einfach nicht beantworten konnte. Was war nur los? Wieso war sie mit einem
mal so verwirrt? Lag das an Kians Gegenwart oder an etwas anderem? Stöhnend
rieb sie sich die Augen und begann damit, sich anzuziehen. Ihren Oberkörper
bedeckte sie mit einem roten Top und um ihre Beine schmiegte sich eine lockere
Jeans. Katie schüttelte ihr Haar ein wenig und band es sich danach zu einem
lockeren Knoten zusammen, sodass es ihr nicht störend im Gesicht hing.
Nachdem sie einen tiefen Zug Luft genommen hatte, strafte sie ihre Schultern
und ging in die Richtung des Wohnzimmers. Schon von dem Türrahmen aus,
konnte sie Kian am Fenster stehen sehen. Sein Blick war abwesend, als wenn er
über etwas nachdachte. Hoffentlich war sie nicht der Grund dafür.
Er wirbelte herum, als sie das Zimmer betrat. Katie konnte ein lächeln
seinerseits erkennen, was sie unwillkürlich erwiderte, ehe sie sich auf
die Couch fallen ließ. „Gibt es irgendeinen Grund für deinen Besuch
bei mir?“, fragte sie beiläufig, um nicht zu interessiert zu klingen. Kian
nickte, schob die Gardine zurück vor das Fenster und nahm dann neben Katie
Platz. „Ja, den gibt es. Ich wollte dich mal wieder sehen.“ „Und das ist alles?“
Katie legte ihre Stirn in Falten und sah Kian amüsiert an, der sich verlegen
am Kopf kratzte und schüttelte. „Nein, das ist nicht alles. Ich wollte
dich nämlich auch noch was fragen.“ „Ah ja. Und was?“ Katie grinste und
rückte ein Stück näher an Kian heran, sodass sie seine Knie berührte,
was ihr aus einem unerklärlichen Grund einen wohligen Schauer über
den Rücken laufen ließ. Kian strich Katie eine Strähne aus der
Stirn und suchte nach ihren Händen, die er ergriff. Katie wusste nicht,
was sie tun, geschweige denn, wie sie darauf reagieren sollte, doch sie ließ
ihn gewähren, denn sie musste zugeben, dass sie seine Berührungen
genoss, sogar sehr.
„Erinnerst du dich noch an unseren gemeinsamen Abend, als du mir gesagt hast,
dass es dein Wunsch wäre, einmal die Landschaft Irlands kennen zu lernen?
Du wolltest die vielen grünen Wiesen sehen und zu einer Bucht fahren, wo
sich das Meer mit einem lauten rauschen bricht.“ Katie war überrascht,
dass sich Kian noch so genau an ihre Worte erinnerte und es freute sie unwahrscheinlich.
„Ki, du hast jedes einzelne Wort so wiederholt, wie ich es gesagt habe. Unglaublich,
dass du dich noch so genau daran erinnerst.“
Sie strahlte über das ganze Gesicht und drückte Kians Hände,
um danach damit zu beginnen, mit einem Daumen langsam über seine Handoberfläche
zu streicheln. Ihre Gesten verunsicherten sie selbst ein bisschen, doch das,
was sie tat, kam von Herzen und sie wollte Kian einfach spüren lassen,
wie viel er ihr bedeutete. Er lächelte und nickte.
„Ich höre dir nun mal genau zu. Kat, ich würde dir deinen Wunsch gerne
erfüllen. Ich möchte dir die schönsten Seiten von Irland zeigen,
mit dir am Strand spazieren gehen und das Meer beobachten. Würdest du mich
nach Sligo begleiten? Ich werde für ein paar Tage nach Hause fahren und
hätte dich gerne dabei.“ Katie konnte die Unsicherheit in Kians Stimme
vernehmen und lachte augenblicklich. Sie war gerührt von seinem Angebot,
so sehr, dass sie Mühe hatte, ihre Emotionen im Zaum zu halten. Es ging
ihr wahnsinnig nah, dass er an sie dachte und sie sogar mit zu sich nehmen wollte,
wo sie sich doch erst so kurze Zeit kannten. „Kian...ich weiß...ich weiß
gar nicht, was ich sagen soll. Meinst du das ernst?“ „Und wie. Ich würde
mich wirklich sehr freuen, wenn du mit mir kommen würdest. Shane und Mark
werden zur gleichen Zeit auch in Sligo sein und wir würden sicher sehr
viel Spaß miteinander haben.“ „Gerne, Kian, aber wo soll ich unterkommen?
Ein Hotel kann ich mir unmöglich leisten.“ Kian lachte herzhaft und entblößte
dabei seine makellosen weißen Zähne. „Hey, warum lachst du? Kian,
was war denn bitte jetzt so lustig? Kian!“ Katie entzog sich Kians Händen
und rüttelte ihn leicht, was ihn dazu veranlasste, mit dem lachen aufzuhören
und Katie anzusehen. Sie sahen sich lange an und Katie hatte das Gefühl,
durch Kians Augen direkt in seine Seele sehen zu können. Immer mehr zog
er sie in seinen Bann und Katie konnte sich nicht dagegen wehren, selbst wenn
sie gewollt hätte. „Sag mir endlich, was los ist. Hab ich etwas im Gesicht
oder so?“ „Nein, du siehst wunderschön aus. Es ist nur, weil ich die Frage
nach einer Unterkunft sehr belustigend fand. Glaubst du ernsthaft, ich schiebe
dich in irgendein drittklassiges Hotel ab?“ Katie zuckte mit den Schultern und
lehnte sich mit ihrer linken Schulter gegen das Sofa. „So ein Quatsch. Du wirst
selbstverständlich bei mir wohnen, während du in Sligo bist. Genügend
Platz habe ich alle male, also mach dir darum keine Sorgen, ja?“ Katie nickte.
Sie würde tatsächlich mehrere Tage mit Kian verbringen, mit ihm ganz
alleine, in völliger Zweisamkeit und in nächster Nähe.
Katie konnte nur erahnen, wie sich das Verhältnis ihm gegenüber verändern
würde, wäre sie erst mal eine Weile bei ihm. Die Gefühle, die
sie schon jetzt in manchen Situationen schier überwältigten, würden
stärker werden und vielleicht, vielleicht würde sie diese auch endlich
deuten können. Ja, vielleicht. Kian verbrachte noch ein paar Minuten bei
Katie, ehe er sich von ihr verabschiedete. Schon am kommenden Morgen würde
sie mit Kian nach Sligo fahren, höchste Zeit zum packen.
„Nein, Vi, er will mich ganz bestimmt nicht verführen. Kian ist lediglich
nett zu mir, also sehe ich keinen Grund seine Einladung nicht anzunehmen.“ Katie
saß auf ihrem Bett und spielte am Knopf ihrer Hose, während sie an
die Wand gegenüber starrte und aufmerksam Violets Worten lauschte. „Meinst
du wirklich? Männern kann man nie trauen. Ich war gestern mit Nicky und
Bryan aus und obwohl die beiden verheiratet sind, haben sie unaufhörlich
mit mir geflirtet. Die denken doch wirklich nur an eine Sache und glaub mir,
auch dein Kian hat mit Sicherheit irgendwelche Hintergedanken.“ Katie schüttelte
belustigt den Kopf. Sie wusste, dass Violet sich gut mit Nicky, Bryan, Shane
und Mark verstand, da sie die Jungs des öfteren getroffen hatte, während
sie im ‚Swing’ arbeitete, doch gegen Kian pflegte sie eine gewisse Abneigung,
was Katie einfach nicht nachvollziehen konnte. „Krieg dich mal wieder ein, Vi.
Nur weil Nicky und Bry Freude am Flirten haben, muss Kian nicht genauso denken.
Und außerdem ist er im Gegensatz zu den beiden nicht verheiratet. Er ist
ja noch nicht mal vergeben.“ „Das denkst du. Vielleicht hat er eine geheime
Freundin, die er dir bis jetzt noch vorenthalten hat. Wäre doch möglich.“
Obwohl Katie zugeben musste, dass ihr diese Tatsache schon ein wenig Angst einflößte,
würde sie dies Violet gegenüber natürlich niemals zugeben. „Erzähl
nicht so einen Mist, Violet. Und selbst wenn Kian wirklich vergeben wäre,
wäre mir das auch egal. Wir sind gute Freunde – nur gute Freunde. Punkt“,
sagte Katie, auch wenn sie sich ihren Worten gar nicht mehr so sicher war. Stöhnend
rollte sie sich auf den Bauch und vergrub ihre freie Hand im Stoff ihrer Bettdecke.
Sie verstand Violet einfach nicht. Kian verhielt sich in ihrer Gegenwart nicht
anders, als die anderen Jungs und trotzdem schien sie ihn nicht zu mögen.
Crazy. „Na schön, Kat, wenn du mir nicht glauben willst, dann ist mir das
auch egal. Ignoriere meine Ratschläge nur. Du wirst schon sehen was du
davon hast. Bevor du dich versiehst, findest du dich nackt in seinem Schlafzimmer
wieder.“ Katie musste aufgrund Violets Tonfall lachen. Unverbesserlich, diese
Person. „Du musst dir wirklich keine Sorgen um mich machen, Vi. Ich bin alt
genug und weiß, wie ich mich zu verhalten habe. Falls Kian mich wirklich
ins Bett kriegen will, werde ich mich schon dagegen wehren, ok? Du wirst also
ganz bestimmt nicht für die Kosten meiner Bestattung aufkommen müssen.“
„Ha, ha, Kat, sehr witzig, aber ich an deiner Stelle würde das nicht so
auf die leichte Schulter nehmen.“ „Ich weiß, dass du das nicht machen
würdest, denn wärst du an meiner Stelle, hättest du Kian freiwillig
abgeschleppt und dich nach allen Regeln der Kunst mit ihm in den Laken gewälzt.“
„Du bist gemein, Kat. Ich kann auch nichts dafür, dass ich eine Vorliebe
für das männliche Geschlecht habe. Ich habe dir doch erzählt...“
Was folgte waren noch fast dreißig Minuten, in denen sich Violet über
Frauen ausließ, die allein durch ihr äußeres die Männer
beeindrucken wollten, die zickig waren und in keinstem Falle mit ihr und ihrer
Persönlichkeit mithalten konnten.
Katie hatte sich alles geduldig angehört und an den angebrachten Stellen,
zustimmend bejaht oder verneint. Zum Schluss hatte Violet ihr noch den Rat mitgegeben,
gut auf sich aufzupassen und sich nicht auf Kian einzulassen, da er ganz sicher
Geheimnisse hatte, von denen sie noch nicht mal erahnte, dass er sie besaß...
Kapitel 12
Mühevoll schleppte Katie ihren Koffer aus ihrem Zimmer und stellte ihn
mitten im Flur ab, ehe sie eilig ins Badezimmer lief, sich ihre Haare zu einem
Pferdeschwanz zusammenband und ihr Spiegelbild noch einmal ausgiebig musterte.
Zufrieden nickte Katie und verließ das Zimmer. Gerade wollte sie auf die
Uhr blicken, als sich die Türklingel auch schon bemerkbar machte. Kian
war da. Pünktlich wie immer. Grinsend ging Katie zur Tür und öffnete
diese.
„Hallo“, sagte er und trat herein, nachdem sie ihn gestisch darum bat. „Hey.
Ich bin gleich soweit. Hättest du noch fünf Minuten Zeit?“ „Sicher.
Wir haben alle Zeit der Welt.“ „Danke.“
Katie trat an ihn heran und küsste ihn flüchtig auf die Wange, bevor
sie im Wohnzimmer verschwand und noch einmal prüfte, ob alle elektrischen
Geräte ausgeschaltet waren, denn das letzte, was sie wollte, war in eine
völlig ausgebrannte Wohnung zurückzukommen, ausgelöst durch einen
Kabelbrand. Es dauerte nicht lange, bis Katie alles durchgesehen hatte und wieder
zu Kian ging.
„Wir können“, meinte sie, während sie sich ihre Jacke über den
Unterarm legte und in ihre Turnschuhe schlüpfte. Kian hatte ihr dabei zugesehen
und grinste bis über beide Ohren. „Was ist denn so lustig, Egan? Du scheinst
es dir zur Aufgabe gemacht zu haben, mich auszulachen, was?“ „Quatsch. Es sah
nur niedlich aus, wie du nach deinen Schuhen geangelt hast.“ Katie drehte sich
um und verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse. „Du bist heute aber wieder witzig,
Ki. Wie soll ich das nur aushalten, vierundzwanzig Stunden mit dir zusammen
zu sein?“ Sie schüttelte theatralisch mit dem Kopf und versetzte ihm einen
sanften Stoß in die Rippen, was er mit einem lachen quittierte. „Brutal
bist du also auch noch, was Kat?“ „Spinner. Du bist doch ein Gentleman, nicht
wahr, Kian? Also hast du sicherlich nichts dagegen, wenn du meinen Koffer bis
zu deinem Wagen trägst, richtig?“ Sie schenkte ihm ihr schönstes lächeln,
als er mit den Augen leierte, zum Koffer ging und diesen hochhob. „Kat, was
hast du denn da drin? Pflastersteine?“ Katie machte sich gar nicht erst die
Mühe, Kian zu antworten, denn stattdessen öffnete sie ihm großherzig
die Tür, ließ ihn nach draußen treten und folgte ihm, nachdem
sie ihren Haustürschlüssel in ihrer Handtasche verstaut hatte. Gemeinsam
liefen sie die Treppenstufen nach unten, bis nach draußen vor Kians Wagen.
Katie machte einen kurzen Moment lang mehr als große Augen, denn vor ihren
Augen stand ein Porsche, ein echter Porsche, der mit Sicherheit ein Vermögen
gekostet hatte. Wie konnte sich Kian nur ein solches Auto leisten?
„Ist das dein Wagen?“, fragte sie etwas irritiert und sah ihm dabei zu, wie
er ihr Gepäck in den Kofferraum, der dieser Bezeichnung eigentlich nicht
mehr würdig war, packte. „Natürlich ist das mein Auto, dass Wertvollste,
was ich besitze, neben meinem Leben selbstverständlich. Weshalb fragst
du? Denkst du etwa, ich hätte ihn geklaut?“ „Nein, aber ich hätte
für diesen Wagen sicher einen Kredit aufnehmen müssen. Wo hast du
denn das Geld her? Ist dein Job so gut bezahlt?“ Er wandte sich vom Kofferraum
ab und lief zur Tür der Fahrerseite, vor der er sich platzierte. „Warum
fragst du mich das plötzlich? Vorher hat es dich doch auch nicht interessiert,
was ich für einen Job habe und ob der gut bezahlt ist, also bitte ich dich,
mich in Zukunft nicht weiter darauf anzusprechen.“
Ohne auf eine Reaktion von Katie zu warten, stieg er in den Wagen. Scheinbar
hatte sie ihn verärgert, was ihr ganz und gar nicht gefiel, da sie nicht
wusste, was der Grund dafür war. Sie hatte doch gar nichts getan, außer
ihn nach seinem Job gefragt. Woher sollte sie denn wissen, dass er so dermaßen
empfindlich bei diesem Thema reagierte? Das konnten ja wunderbare Tage werden,
wenn seine schlechte Laune anhalten würde. Seufzend öffnete sie die
Beifahrertür und ließ sich auf den Sitz fallen, bevor sie sich anschnallte
und zu Kian sah, dessen Blick starr nach vorne gerichtet war. „Du kannst losfahren“,
flüsterte sie, aus Angst, wieder etwas falsch zu machen. Doch anstatt den
Motor zu starten, griff er nach Katies Hand. „Tut mir leid, wie ich eben reagiert
habe. Ich bin ein Idiot.“ „Ja, das bist du, Kian Egan, ein verdammter, sturer
Idiot, aber ich mag dich trotzdem.“ Sie lächelte, obwohl ihr gerade nicht
zum lachen zumute war, denn Kians Verhalten gab ihr immer mehr Rätsel auf.
Noch vor wenigen Sekunden war er die Bosheit in Person und nun war er wieder
der fürsorgliche Mann, den Katie kennen und schätzen gelernt hatte.
Sie lehnte sich in ihrem Sitz zurück und wartete, bis Kian den Motor startete.
Katie spürte, wie ihre Augenlider immer schwerer wurden, was ganz verständlich
nach der letzten Nacht war, in der sie kaum ein Auge zugemacht hatte, weil sie
die ganze Zeit an Kian denken musste und fürchterlich aufgeregt wegen heute
war. Ein bisschen Schlaf kam ihr nur recht. Sie hatten Dublin noch nicht ganz
verlassen, als Katie die Augen zufielen und sie in einen tiefen, aber traumlosen
Schlaf fiel.
Erst als Regen an die Autoscheiben klopfte, wachte sie wieder auf. Benommen
sah sich Katie um und bemerkte, dass sie sich in Kians Wagen befand. Wie lange
hatte sie geschlafen, denn noch vor kurzem hatte doch die Sonne geschienen und
nun peitschte heftiger Platzregen über das Land. Sie rutschte in ihrem
Sitz ein Stückchen nach oben und sah zu Kian, der völlig konzentriert
auf die Straße sah. „Wo sind wir jetzt?“, fragte sie und rieb sich den
Schlaf aus den Augen. Kian wirbelte herum und lächelte, als er zu Katie
sah. „Bald in Sligo. Noch etwa fünfzehn Minuten, dann dürften wir
mein trautes Heim erreicht haben.“ „Was? Dann sind wir ja schon fast da. Und
ich blöde Kuh habe die ganze Fahrt verschlafen, wo ich doch so gerne Irlands
Landschaft bewundert hätte. Ganz toll, Katie Brookwell, wirklich ganz toll.“
Frustriert ordnete sie ihr wüstes Haar und warf einen Blick aus dem Fenster.
Sie war so froh, endlich mal raus zu kommen, weg aus Dublin, wo sie nun schon
seit einem ganzen Moment lebte, ohne mal etwas anderes gesehen zu haben, und
vor allem auf die Fahrt hatte sie sich gefreut, doch so, wie Katie nun einmal
war, verschlief sie diese natürlich. Großartig. „Mach dir nichts
draus, Kat. Wir haben fast volle vier Tage Zeit, in denen ich dir die gesamte
Westküste Irlands zeigen kann. Das klingt doch auch nicht schlecht, oder?“
Katie schüttelte den Kopf und grinste. Nein, das klang wahrlich nicht schlecht,
sondern sehr, sehr gut.
„Willkommen im Egan – Reich.“ Kian stellte den Motor ab und stieg aus seinem
Wagen, den er vor einem Einfamilienhaus abgestellt hatte. Katie musste mehrmals
auf das gigantische Haus blicken, um sich zu vergewissern, dass Kian damit wirklich
sein Zuhause meinte. Es war unglaublich, dass ein einzelner Mensch, wie er es
war, ein derart großes Anwesen besaß. Erst das Auto und jetzt das
Haus. Katie war mehr als verwirrt, doch wer wäre das nicht?! Nach einem
tiefen Atemzug öffnete sie die Autotür und stieg ebenfalls nach draußen.
Auch wenn Kians Haus eine beachtliche Größe hatte, wirkte es keinesfalls
protzig, sondern eher schlicht, wenn man das noch so bezeichnen konnte, denn
für gewöhnlich verstand Katie unter schlicht etwas anderes. Es lag
ein wenig außerhalb von Sligo, so dass Kian seine Ruhe hatte und vor dem
Verkehr, der in der Stadt herrschte, verschont blieb. Dennoch war es nicht von
der Außenwelt abgeschlossen. Kian hatte Katies sowie sein eigenes Gepäck
bereits aus dem Kofferraum geholt und trug es mit sich, den mit Rosensträuchern
gesäumten schmalen Weg entlang, der zum Haus führte. Katie sah ihm
einen Moment lang nach, ehe sie ihm folgte und zu ihm aufschloss.
„Wohnst du hier alleine, Kian?“ Er nickte und holte einen kleinen Schlüsselbund
aus seiner Hosentasche, aus dem er einen Schlüssel gezielt auswählte
und mit diesem die Tür öffnete. Er schien nicht sonderlich gesprächig
zu sein und wenn Katie ihn nicht verärgern wollte, sollte sie lieber ein
wenig auf Abstand gehen.
„Toll“, sagte sie, nachdem sie das überdimensionale Wohnzimmer betreten
hatte, dessen Wände allerdings fast vollkommen kahl waren, was Katie ein
wenig wunderte. Scheinbar hatte Kian, den kaum erkennbaren Schatten nach zu
urteilen, einige Bilder an der Wand platziert gehabt und diese wieder abgenommen,
aus welchem Grund auch immer. Natürlich hätte Katie liebend gerne
nachgefragt, doch sie konnte sich denken, wie er wohl reagieren würde und
hielt es für besser, sich aus seiner Privatsphäre herauszuhalten.
„Kommst du mit nach oben?“ Kian hatte seine Jacke auf die weinrote Ledercouch
geworfen und war nun zum Treppenansatz gegangen, wo er auf Katie wartete. „Sicher“,
antwortete sie und folgte ihm nach oben, den Gang entlang bis zu einer Tür,
vor der er Halt machte. „Das hier ist dein Zimmer. Du hast ein eigenes Bad.“
Er musste Katies Begeisterung gesehen haben, als sie ihr Zimmer betrat, denn
augenblicklich lachte er und umfasste ihre Hüfte von hinten mit seinen
Armen. Wäre Katie nicht viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, sich
auf das Zimmer zu konzentrieren, hätte sie sich sicher über Kians
Verhalten gewundert, doch momentan störte es sie keinesfalls, ganz im Gegenteil.
In einem Schwung drehte sie sich um und sah direkt in Kians Gesicht. Katie suchte
seine Augen und trat noch einen Schritt näher an ihn heran, bevor sie sich
zu seinem Ohr lehnte und ihren Mund öffnete. „Vielen Dank“, flüsterte
sie und streifte wie zufällig seine Wange mit ihren Lippen. So nah waren
sie sich noch nie gekommen und Katie war gespannt darauf, wie sich ihre Beziehung
in den kommenden Tagen noch verändern würde, denn das sie das tun
würde stand außer Frage. „Für was bedankst du dich?“, sagte
Kian fast genauso leise und zog Katie unwillkürlich noch näher zu
sich. „Dafür, dass ich dich kennen gelernt habe“, erwiderte sie und löste
sich endlich aus Kians Umarmung.
Sie drehte sich um und begutachtete ihr Badezimmer, dass ihr sehr zusagte, auch
wenn es keine Badewanne hatte, doch die benutzte Katie in ihrer Wohnung ja auch
eher selten. „Es ist toll hier, einfach toll, Ki.“ Katie steckte ihre Hände
in die Hosentaschen und sah Kian an, der an der Zimmertür lehnte und lächelte.
„Freut mich, dass es dir gefällt. Pack in Ruhe deine Sachen aus und entspann
dich ein bisschen. Ich werde mich um das Essen kümmern. Bis dann.“ Katie
nickte und ließ sich mit ausgebreiteten Armen auf das breite Futonbett
fallen, dass inmitten des Zimmers stand. Sie fühlte sich so unbeschreiblich
wohl in diesem Haus, was nicht zuletzt an der Gegenwart Kians lag. Es verging
kaum eine Sekunde, in der er nicht Bestandteil ihrer Gedanken war und als sie
sich eben so nahe gekommen waren, spürte sie ein deutliches kribbeln in
der Magengegend, was sie nicht recht deuteten konnte. Doch darüber konnte
sie später auch noch nachdenken, denn wie Kian sagte, sollte sie lieber
ihre Sachen auspacken und sich etwas frisch machen. Fast hektisch warf Katie
ihre Kleidungsstücke in den Kleiderschrank, bevor sie ins Badezimmer ging
und ihre glühenden Wangen mit Wasser abkühlte. Anschließend
tauschte sie ihren Pullover gegen ein lockeres Shirt und ging nach unten. Langsam
schritt sie die Treppenstufen nach unten und lief zuerst ins Wohnzimmer und
dann in die Küche, in der sie Kian vor dem Herd vorfand.
„Du kochst?“ Er drehte sich um und grinste verlegen, da ihm der überraschte
Unterton in Katies Stimme nicht entgangen war. „Jep, zumindest versuche ich
es.“ „Was gibt es denn gutes?“ Katie war zu ihm gegangen und hatte sich hinter
ihn gestellt, von wo aus sie einen hervorragenden Blick über seine Schultern
hatte. „Nudeln.“ „Nudeln? Na da gibt es doch nun wirklich nicht viel falsch
zu machen. Pass auf.“ Katie drängte sich an ihm vorbei, sodass er nun hinter
ihr stand und ihr beim kochen zusah. „Zuerst muss das Wasser kochen, was es
auch schon tut, wie ich sehe. Jetzt kannst du die Nudeln hineingeben.“ Sie verdrehte
ihren Oberkörper etwas, um nach den Nudeln greifen zu können, die
nur Sekunden später im Topf gelandet waren. „Sehr gut machst du das, Katie.
Wirklich.“ Kian hatte sich mit seinen Händen auf der Küchenablage
abgestützt, was bedeutete, dass Katie keinerlei Chancen hatte, sich aus
ihrer Situation zu befreien, doch umdrehen wollte sie sich auch nicht, aus Angst
davor, was eventuell geschehen könnte, wenn sie ihm noch einmal so nahe
kommen würde, doch sie hatte gar keine andere Gelegenheit, wenn sie vermeiden
wollte, dass ihr der heiße Wasserdampf ins Gesicht stieg. Aus einem Reflex
heraus machte sie eine Drehung und sah Kian an, der sie eingängig musterte
und mit seinen Händen, die nach wie vor auf der Ablage verweilten, nach
den ihrigen griff. Als er sie zu fassen bekam, lächelte er zufrieden und
beugte sich näher zu Katie herunter, die wie versteinert in ihrer Position
verharrte. „Ich bin wirklich froh, ein paar Tage lang nicht mehr so alleine
in diesem Haus zu sein und ich bin dir wirklich dankbar dafür, dass du
mich begleitet hast.“ „Hab ich doch gerne getan, zumal mir dein Angebot nicht
unbedingt ungelegen kam. Außerdem muss ich mich ja wohl bei dir bedanken,
schließlich bist du so gütig, es freiwillig vier Tage mit mir auszuhalten.
Dafür hast du dir sogar eine Belohung verdient. Was hättest du denn
gerne?“ Kian legte seine Stirn in Falten und überlegte angestrengt, bis
er wieder zu Katie sah und sich auf die Wange tippte.
Katie verstand den Wink sofort und war bereit, Kian den gewünschten Kuss
zu geben, zumal es ja nicht das erste mal war, dass sie seine Wange küsste.
Schier in dem Moment, als sie ihre Lippen auf seine Haut legen wollte, drehte
er seinen Kopf so, dass sein Mund nur wenige Millimeter vor ihren Lippen verweilte.
Was sollte sie nun tun? Es war eindeutig, was er wollte und dennoch hatte Katie
Hemmungen, ihn zu küssen, obwohl sie dem Gedanken daran nicht abgeneigt
gegenüber stand, doch in diesem Moment holte sie sich Violets Worte in
Erinnerung. Sie sollte ihn nicht küssen, noch nicht, denn sie wusste weder,
was für Gefühle sie ihm gegenüber hatte, noch, was er für
sie empfand. Sanft, aber bestimmt drückte sie mit ihren Händen gegen
seine Brust und stieß ihn von sich weg, ehe sie ebenfalls ein paar Schritte
machte, um einige Meter Entfernung zwischen ihnen zu haben. Fragend blickte
er sie an und im gleichen Moment konnte sie erkennen, dass er das, was er eben
getan hatte, bereute. „Katie, es tut mir leid. Ich wollte dich nicht bedrängen
oder unter Druck setzen. Es war nicht geplant gewesen.“ Sie mied seinen Augenkontakt,
nicht sicher, was sie dem entgegnen sollte, ohne ihn dabei vor den Kopf zu stoßen.
Letztendlich fand sie aber doch die passenden Worte.
„Die Nudeln sind gleich fertig."
Kapitel 13
Der Abend war herein gebrochen und draußen begann es langsam zu dämmern.
Katie saß auf ihrem Bett und sah mit leerem Blick aus dem Fenster. Sie
hatte den Tag unglaublich genossen, was nicht zuletzt an der Gegenwart Kians
lag. Trotz der etwas zu vertrauten Situation, die er kurz vor dem Mittagessen,
ob willkürlich oder unwillkürlich, geschaffen hatte, schafften sie
es weiterhin, völlig unbeschwert miteinander umzugehen, ganz ohne einen
Gedanken an das Geschehene zu verschwenden. Natürlich war Katie ein wenig
verunsichert, denn für sie war Kian einfach nur ein sehr guter Freund und
sie mochte ihn ohne Frage, doch das er sie plötzlich küssen wollte,
einfach so, erschien ihr schon ein kleines bisschen beängstigend, auch
wenn sie zugeben musste, dass auch sie für ihn einen Moment lang zärtliche
Gefühle gehegt hatte, denn es war unbeschreiblich schön gewesen, ihn
so nah bei sich spüren und sein Aftershave riechen zu können. Von
Kian ging immer eine bestimmte Wärme aus, egal ob er gut oder schlecht
gelaunt war. Bis jetzt hatte er Katie noch nicht ein einziges mal spüren
lassen, unerwünscht oder nicht geduldet zu sein. Ganz im Gegenteil, in
seiner Gegenwart fühlte sie sich geborgen, gut aufgehoben und gebraucht.
Sie fühlte sich tatsächlich gebraucht, seit langem mal wieder gebraucht.
Ein tiefes seufzen erschütterte ihr Zimmer. Katie führte ihre rechte
Hand zu ihrem Nacken, um zu versuchen, die entstandenen Verspannungen durch
eine provisorische Massage wieder zu beheben, denn fast eine ganze Stunde unverändert
an einem Platz zu sitzen, ohne sich zu bewegen, war nicht unbedingt von Vorteil.
Mit geschlossenen Augen versuchte sie sich zu entspannen, was ihr aber nicht
gelingen wollte, weshalb sie beschloss, nach draußen in den Garten zu
gehen. Kian würde sicher nichts dagegen haben, dass sie sich dermaßen
frei in seinem Haus bewegte, vermutlich würde er es noch nicht einmal mitbekommen,
denn nach dem Abendessen hatte Katie ihn allein gelassen, da er irgendetwas
von einer wichtigen Arbeit erzählt hatte, die er dringend noch verrichten
musste. Katie wollte ihm nicht im Weg stehen und verzog sich bereitwillig auf
ihr Zimmer. Sie rechnete nicht mehr damit, ihn an diesem Tag noch einmal zu
sehen, doch etwas in ihr schrie ganz laut nach seiner Gegenwart. Benommen schüttelte
Katie den Kopf, erhob sich vom Bett, ging hinüber zum Kleiderschrank und
öffnete diesen. Mit verschränkten Armen platzierte sie sich davor
und betrachtete ihre Kleidung ausführlich. Draußen war es in den
Abendstunden immer recht frisch, auch wenn es tagsüber angenehm warm war.
Wenn sie nicht riskieren wollte, sich eine Erkältung zuzuziehen, sollte
sie sich besser noch was über ihr dünnes T-Shirt ziehen. Katie streckte
ihre Hand aus und griff nach einer beigefarbenen Strickjacke, die eher einem
Mantel glich, da sie Katie fast bis zu den Knien reichte. Eilig zog sie sich
diese über und knöpfte sie zu, damit sich die Jacke eng um Katies
schlanken Körper schmiegen konnte.
Zufrieden lächelte sie, nachdem sie einen Blick in den Spiegel geworfen
hatte. So konnte sie bleiben, auch wenn ihr Outfit nicht unbedingt zum ausgehen
geeignet war, doch das hatte sie schließlich auch nicht vor. Katie wollte
lediglich nach draußen, etwas an die frische Luft und die herrliche Umgebung
genießen, die Sligo eindeutig bot. Kians Haus und der dazugehörige
Garten waren einfach ein Traum und glichen schier einem Paradies für naturliebende
Menschen, wie es Katie war. Sie konnte stundenlang an ein und dem selben Platz
sitzen und auf das Meer oder in den Wald hinaus blicken ohne sich zu langweilen.
Früher, als sie noch jünger war, verbrachte sie Stunden im Garten
ihrer Großeltern, wo sie den Erdbeerpflanzen munter beim wachsen zugesehen
hatte und sich unendlich freute, wenn ein kleiner Marinenkäfer über
ihre nackten Beine kroch. Seit sie in Dublin war, hatte sie kaum noch eine Gelegenheit,
die Herrlichkeiten der Natur zu genießen, denn in einer Großstadt
gab es nicht wirklich viel davon. Katie streckte sich und öffnete ihre
Zimmertür, um auf den Flur zu treten.
Es war still im Haus, sehr still. Ob Kian wohl schon im Bett war? Wohl kaum,
immerhin war es erst kurz nach halb zehn und noch nicht mal richtig dunkel draußen.
Wahrscheinlich arbeitete er noch in seinem Arbeitszimmer, dass direkt neben
seinem Schlafzimmer lag, welches sich am Ende des Flures befand. Mit leisen
Schritten ging Katie zur Treppe und schlich diese auf Zehenspitzen hinunter.
Sie klammerte sich am Treppengeländer fest, um nicht hinzufallen oder auszurutschen,
da es im Haus sehr düster war und sie keine Lust hatte, den Lichtschalter
zu betätigen.
Als sie unten ankam, warf sie noch schnell einen Blick in die Küche sowie
in das Wohnzimmer, eh sie in ihre Turnschuhe schlüpfte und zur Terrassentür
lief, durch die sie hinaus ging.
Fast eine ganze Stunde verbrachte sie nun schon auf Kians Hollywoodschaukel,
die auf der Terrasse vor seinem Haus platziert war und ihr einen freien Blick
in den Sternenhimmel gewährte. Es war stockduster draußen und der
Himmel war wolkenlos. Lauter helle kleine Punkte flimmerten auf dem tiefblauen
Hintergrund und strahlten förmlich um die Wette. Es tat gut, sich einmal
seit langem wieder entspannen zu können und an nichts zu denken. Katie
schaffte es kurzzeitig, ihre ganzen Probleme basierend auf ihrer Geldnot und
einem mangelnden Job zu vergessen, denn schließlich war sie nicht in Sligo,
um sich darüber Gedanken zu machen. Sie war hier, um sich zu erholen, sich
auszuruhen und um Zeit mit Kian zu verbringen. Katie hatte den Gedanken noch
nicht vollständig zuende gedacht, als sie eine Hand auf ihrer Schulter
spürte. Mit einem gedämpften Schrei schreckte sie auf und wirbelte
herum, wo sie direkt in das lächelnde Gesicht von Kian sah, der auf sie
herunter sah.
„Ich wollte dich nicht erschrecken“, sagte er, bevor er um die Hollywoodschaukel
herum ging und sich neben Katie fallen ließ. Unwillkürlich rückte
Katie ein Stück näher an heran, sodass sich ihre Körper fast
berührten.
„Schon okay. Du hast mich nicht erschreckt, lediglich überrascht.“ Die
beiden sahen sich eine Weile lang schweigend an und begannen dann zu lachen.
„Dann bin ich ja beruhigt, schließlich will ich nicht Schuld daran sein,
dass du einen Schock fürs Leben zurück behältst. Es sind doch
keine bleibenden Schäden entstanden, oder?“ Katie schüttelte den Kopf
und boxte ihn leicht in die Seite. Seltsam, wie vertraut sie zeitweise miteinander
umgingen, fast so, als würden sie sich ewig kennen. Man konnte meinen,
die beiden verband etwas sehr tiefes, was bis jetzt nur noch nicht zum Vorschein
gekommen war.
„Würdest du dir morgen mit mir die Gegend ansehen?“, fragte Kian und legte
einen Arm um Katies Schulter, was sie kurzzeitig ein wenig zurückweichen
ließ. „Sehr gerne, Kian. Ich habe nur auf diese Frage gewartet. Gibt es
hier viel zu sehen?“ „Nun ja, für mich vielleicht nicht, aber für
dich, immerhin warst du noch nie hier und für jemand, der zum ersten mal
Sligo und Umgebung besucht, wirkt die ganze Umgebung magisch und faszinierend,
glaub mir.“ „Tue ich, ganz ehrlich.“ Sie richtete ihren Blick wieder zum Himmel
versank schier in den funkelnden Sternen. Wäre Katie nicht so unglaublich
romantisch, würde sie ihr Tun und Handeln mit Sicherheit als kitschig abstempeln,
so wie Kian es vielleicht gerade tat, denn er schien nicht sonderlich erpicht
darauf, die restlichen Abendstunden draußen im Freien zu verbringen. „Bist
du eigentlich romantisch, Ki?“ Katie sah ihn eindringlich an, nicht im Klaren
darüber, was für eine Tragweite ihre Frage eventuell haben könnte.
Überrascht neigte er seinen Kopf und suchte ihre Augen, die durch den ungünstigen
Einfallwinkel des Mondlichts hinter einem dunklen Schatten versteckt waren.
„Weshalb fragst du, Kat?“ „Nur so. Ich will nicht, dass du dich langweilst,
während ich in diesem wunderschönen Sternenhimmel versinke.“ „Du bist
auf jeden Fall hoffnungslos romantisch, richtig?“
Katie kicherte und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Sie wusste nicht, warum
oder weshalb, aber plötzlich verspürte sie das dringende Bedürfnis,
ihn und seine Wärme zu spüren, die von seinem Körper ausging.
Die ganze Zeit lang hatte sie über sich und ihr Empfinden gehadert, doch
jetzt fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Ihre Zuneigung, die sie für
Kian empfand, war mittlerweile so gereift, dass sie über eine normale Freundschaft
hinaus ging. Katie wollte mehr, viel mehr, doch sie schaffte es erst jetzt,
sich genau das auch einzugestehen. Sie begehrte ihn, fand ihn unglaublich attraktiv
und anziehend, und vielleicht, vielleicht hatte sie sich sogar in ihn verliebt.
Doch was fühlte Kian? Genau das gleiche wie sie? Wie sonst waren seine
zärtlichen Gesten oder der Annäherungsversuch vom Mittag zu verstehen?
Katie war sich fast sicher, dass er ihre Gefühle erwiderte, sie aber nicht
zuließ, aus welchem Grund auch immer. Warum machte sie sich mit einem
mal überhaupt so viele Gedanken über dieses Thema? Sollte sie nicht
lieber die Zeit mit Kian genießen und alles andere zurückstellen?
Sollte sie nicht lieber abwarten, wie sich alles entwickeln würde? Immerhin
war es möglich, dass ihr ihre Gefühle nur einen Streich spielten und
es nur räumlich bedingt war, dass sie Kian so sehr mochte. Vielleicht war
es gar keine Verliebtheit, die ihren Körper förmlich überfahren
hatte, sondern lediglich eine harmlose Schwärmerei, die demnächst
wieder vorübergehen würde. Fragen über Fragen, die sich in Katies
Kopf sammelten und ihn schier überfüllten. Hoffentlich würde
sie Antworten bekommen, bald.
„Ist irgendwas nicht in Ordnung?“ Kian hatte sie plötzlich losgelassen
und sich aufrecht hingesetzt, sodass er einen freien Blick auf ihren Körper
hatte. Katie erkannte, dass etwas besorgtes in seinem Blick lag und er nur zu
gerne gewusst hätte, was in ihr vorging, doch sie war keinesfalls bereit,
sich vor ihm zu offenbaren, all ihre Gefühle preiszugeben, um hinterher
eventuell bitterlich enttäuscht zu werden. Niemals.
„Mach dir keine Sorgen, Kian, alles ist bestens. Mit geht es so gut, wie schon
lange nicht mehr.“ Sie lächelte aufrichtig und sah ihn lange an. Selbst
wenn sie gewollt hätte, schaffte sie es nicht, ihren Blick von ihm zu wenden.
Seine Gesichtszüge waren so sanft und warm und das blau seiner Augen war
so unwahrscheinlich schön. Noch nie in ihrem Leben hatte Katie solche Augen
gesehen, die sie verzauberten. „Frierst du?“ Kian musste bemerkt haben, wie
Katie ihre Arme eng um ihren Körper gelegt hatte und tatsächlich war
ihr etwas kalt geworden, was auch die Strickjacke, die sie trug, nicht ändern
konnte. „Ja, ein bisschen, aber deine Jacke musst du mir jetzt trotzdem nicht
geben, sonst erfrierst du mir am Ende noch.“ „Das hatte ich auch gar nicht vor,
Kat. Meine Jacke gebe ich nämlich niemanden und wenn ich ehrlich bin, will
sie auch zu niemanden, weil sie nur mich liebt und einzig und allein von mir
getragen werden will. Tut mir leid. Aber wir können reingehen, wenn es
dir hier draußen zu kühl ist.“ Er wollte sich gerade erheben, doch
Katie war schneller und hielt ihn zurück, sodass er sich wie ein nasser
Sack zurück auf seinen Platz fallen ließ. „Nein, ich möchte
noch nicht rein gehen. Ich möchte die Natur genießen und die frische
Luft einatmen, von der es in Dublin leider Gottes nicht sehr viel gibt. Bitte
lass uns noch etwas hier draußen bleiben. Wenn du allerdings reingehen
möchtest, dann werde ich dich auch nicht zurückhalten.“ Sie sah zu
ihm hinüber und erspähte das zarte lächeln, dass seine Lippen
umspielte. „Ich möchte auch noch nicht reingehen, weil ich mir nichts schöneres
vorstellen kann, als hier draußen mit dir zu sitzen und die Sterne zu
beobachten.“ Sie grinste schief und legte ihre Stirn in Falten. „Schleimer.
Pass bloß auf, dass du auf deiner Schleimspur nicht mal ausrutschst und
dir alle Knochen brichst. Das stelle ich mir nämlich nicht sonderlich angenehm
vor.“ „Ich mir auch nicht, aber ich habe jedes Wort ernst gemeint, wirklich.“
Wieder sah er sie mit diesem durchdringenden Blick an, so als wüsste er
ganz genau, was sie gerade dachte und fühlte. Kaum merklich rückte
er näher an sie heran und zog Katie in seine Arme. Anfänglich wollte
sie protestieren, nicht sicher, in was diese Situation ausarten könnte,
doch sie ließ ihn gewähren, da ihr Körper gegen ihren Verstand
gewann. Katie entspannte sich vollkommen in seinen Armen und schloss die Augen.
Am liebsten wäre sie nie wieder aufgestanden und wenn es jemanden gab,
der die Fähigkeit besaß, die Zeit anzuhalten, hätte Katie ihn
in diesem Moment unglaublich gerne persönlich gekannt.
In einem für sie sehr unerwarteten Moment spürte sie einen Hauch von
einem Kuss auf ihrer Stirn und öffnete urplötzlich ihre Augen. Sie
lächelte, als sie Kians schüchternem Blick begegnete und raffte sich
auf. „Ich werde jetzt ins Bett gehen, Kian, wenn ich nicht riskieren will, dass
sich meine Knochen gegen mich verschwören und ich mich nur noch wie eine
alte Frau bewegen kann.“ Grinsend nahm sie einen tiefen Atemzug und stand auf.
Dann drehte sie sich um und sah auf Kian herab, der unverändert auf seinem
Platz saß. Was nun? Sollte sie ihm einfach nur gute Nacht sagen, nach
all dem, was an dem heutigen vorgefallen war und ihr klar gemacht hatte, dass
sie sich in ihn verliebt hatte? Nein, unmöglich. Zögernd beugte sie
sich nach vorne und schlang ihre Arme um seinen Hals, um ihm ein Dankeschön
ins Ohr zu flüstern, bevor sie seine Wange küsste und ihn noch mal
anlächelte.
„Gute Nacht, Kian.“ „Gute Nacht, Kat.“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und
lief ins Haus, ohne zu wissen, dass Kian noch die halbe Nacht draußen
verbrachte und über sie beide nachgedacht hatte.
Kapitel 14
Verschlafen ging Katie zum Fenster und öffnete es, um danach einen Blick
nach draußen zu werfen und die wunderbar angenehme Morgenluft einzuatmen.
Es war kurz nach halb neun morgens, genau die richtige Zeit, um aufzustehen,
wie Katie fand. Letzte Nacht hatte sie kaum Schlaf gefunden, da ihr einfach
viel zu viele Fragen im Kopf herumgegeistert waren, auf die sie selbst nach
mehrmaligen Überlegen keine Antworten fand. Immer wieder sah sie Kians
Gesicht vor sich, wie er lächelte und sie ansah. Schon seltsam, wie sehr
sich ihre Prioritäten vom einen auf den anderen Tag geändert hatten.
Eigentlich wollte sie nur mit ihm befreundet sein und zeigte keinerlei Interesse
an ihm, doch nun begehrte sie ihn mit jeder Minute, die sie ihn kannte mehr.
Katie wünschte sich nichts sehnlicher, als ihn zu küssen, ihn zu berühren,
ihn zu lieben. Gerne wäre sie zu ihm gegangen, hätte mit ihm gekuschelt
oder einfach nur neben ihm gelegen, denn allein seine Gegenwart stimmte sie
zufrieden. Doch was nur fühlte er? Seufzend lief Katie ins Badezimmer,
sprang fix unter die Dusche und zog sich an. Kian hatte ihr aufgetragen, an
diesem Morgen nicht allzu spät aufzustehen, da sie noch sehr viel vorhatten
und leider auch noch einkaufen gehen mussten, was Katie schier verabscheute,
da sie es kaum ertragen konnte, Minuten, die zu einer Ewigkeit wurden, in stickigen
und schlecht belüfteten Supermärkten zu verbringen, in denen die Verkäuferrinnen
auch noch unfreundlich und sehr schlecht gelaunt waren. Aber was tat sie nicht
alles für Kian.
Nachdem sie in ihre Jeans geschlüpft war, zog sich eilig ihre Bluse an
und band ihr Haar zu einem lockeren Knoten zusammen, der zwar nicht unbedingt
elegant aussah, seinen Dienst aber nichts desto trotz erfüllte. Katie schlug
die Bettdecke zurück und ordnete ihre Laken, ehe sie zur Tür ging,
diese öffnete und ihr Zimmer verließ. Sie war noch nicht ganz auf
dem Flur, als ihr der Geruch von frischem Kaffee in die Nase stieg. Lächelnd
ging sie die Treppe hinunter auf direktem Wege in die Küche, wo sie dachte,
auf Kian zu treffen, der allerdings nicht anwesend war. Sie sah sich um. Der
Küchentisch war bereits gedeckt und auch der Kaffee war fertig durchgelaufen.
Nur Kian fehlte. Vielleicht war er ja im Wohnzimmer und sah fern oder hörte
Radio.
Mit schnellen Schritten durchquerte Katie die Diele und lehnte sich an den Türrahmen,
der zum Wohnzimmer führte. Weder auf der Couch noch in sonst einer Ecke
des Zimmers war er zu finden, doch wo sollte Kian sonst sein, wenn nicht hier?
Im Badezimmer war er nicht, denn das hätte Katie gehört, da sie daran
vorbeigehen musste, wenn sie nach unten wollte. Sie trat ins Wohnzimmer und
bemerkte erst jetzt die offene Terrassentür. Natürlich. Kian war draußen.
Warum war sie da nicht früher drauf gekommen? Lachend schlug sie sich mit
der flachen Hand vor die Stirn und lief durch das Zimmer. Leise stieß
sie die Terrassentür an und trat mit ihren mit Hausschuhen besohlten Füßen
auf die kalten Steine. Eigentlich wollte sie nach ihm rufen, doch vielleicht
unterhielt er sich gerade mit einem Nachbarn und wollte nicht gestört werden.
Da Katie wusste, was für ein schrecklicher Morgenmuffel er war, wollte
sie keinesfalls Gefahr laufen, ihn zu reizen. Fast auf Zehenspitzen lief sie
über das vom Tau befeuchtete Gras und sah Kian nur wenige Meter entfernt
stehen. Er hatte sich an einen Baum gelehnt und starrte offensichtlich auf einen
unsichtbaren Punkt. In letzter Zeit hatte Katie ihn öfters dabei erwischt,
wie er in Gedanken versunken war und nichts mehr um sich herum mitbekam.
„Guten Morgen“, sagte sie, als sie unmittelbar hinter ihm stand. Erschrocken
drehte er sich um und starrte sie an. Katie hatte erwartet, er würde ihren
Gruß erwidern, doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen sah er sie
einfach nur an, so, wie er sie noch nie angesehen hatte.
Instinktiv trat Katie einen Schritt zurück, aus Angst, etwas falsch gemacht
zu haben. Sie suchte seine Augen, hoffte dort eine Antwort für sein Verhalten
zu finden, doch das, was sie fand, konnte sie unmöglich deuten. Es war
verschwommen und undeutlich. „Kian...geht es...geht es dir nicht gut oder warum
siehst du mich so seltsam an? Ist heute Vollmond und du verwandelst dich in
einen wilden Werwolf? Wenn ja, dann müsste ich das schon wissen, um mich
rechtzeitig aufs Dach zu retten.“ Katie versuchte die Situation ein wenig aufzuheitern
und lustig zu sein, doch Kian schien nicht zu Scherzen aufgelegt zu sein. Er
sah sie immer noch unverändert an und so langsam wurde Katie wirklich wütend.
Hatte er über Nacht das sprechen verlernt oder was war plötzlich mit
ihm los? So kannte sie ihn gar nicht, diese Seite war ihr völlig fremd.
„Nach schön. Wenn du dich nicht mit mir unterhalten willst, kann ich es
auch nicht ändern. Ich jedenfalls gehe jetzt rein und nehme ein leckeres
Frühstück zu mir, ob es dir passt oder nicht.“ Katie wollte sich schon
umdrehen und ins Haus zurück gehen, doch Kian packte ihre Hand und zog
sie zu sich heran.
Einen Moment lang wagte es Katie kaum zu atmen, so nah war sie ihm plötzlich,
und doch war er ihr auch irgendwie fern, zu fern. „Ich werde mit reinkommen.
Kaffee habe ich schon gekocht und der Toast ist auch schon fertig. Ich hätte
dir gerne ein luxuriöseres Frühstück angeboten, aber in meinem
Kühlschrank herrscht Ebbe, weshalb wir uns wohl oder übel mit dem
vorhandenen zufrieden geben müssen. Außerdem müssen wir uns
beeilen, wenn wir noch etwas vom Tag haben wollen und ich will dir noch unbedingt
meinen Lieblingsplatz hier in Sligo zeigen. Also komm.“ Kian ging schon ein
paar Schritte voraus, doch Katie blieb stehen. Sie wollte noch etwas erwidern,
Erklärungen auf sein mehr als merkwürdiges Verhalten haben, beließ
es aber fürs erste dabei und folgte ihm. Sie würde ihre Erklärungen
noch bekommen, ob er das wollte oder nicht.
„Es ist wunderschön hier, Kian.“ Begeistert stieß Katie die Autotür
auf und stieg nach draußen. Gleich nach dem Frühstück waren
sie und Kian zu einer kleiner Bucht gefahren, die namentlich auf keinem Atlas
genannt wurde, aber durchaus sehr viel Reiz und unendlich viel Schönheit
besaß. Das Meer, dass am heutigen Tag besonders stark wütete, brach
sich an den Felsen und etliche Seemöwen stiegen unter einem lauten krächzen
in den Himmel, als der Strand, auf dem sie verweilten, vom Wasser schier überrollt
wurde. „Komm mit.“
Kian war um den Wagen herum gegangen und hatte sich hinter Katie positioniert,
sodass er einen ebenso guten Blick auf das Meer hatte, wie sie selber. Bevor
sich Katie versehen hatte, hatte Kian ihre Hand gegriffen und zog sie mit sich
einen schmalen steilen Pfand entlang, der direkt zum Strand führte. Kian
lief schneller, als es Katie lieb war und sie hatte ihre Mühe und Not,
nicht über ihre eigenen Füße zu stolpern.
„Kian, mach doch mal langsam Du bist viel zu schnell. Wenn du so weitermachst,
werden wir noch hinfallen und uns das Gesicht aufschlagen. Kian!“ Trotzig blieb
sie auf halben Weg stehen und ließ Kians Hand los, der sich daraufhin
irritiert zu ihr herum drehte und sie ansah. „Was ist?“, fragte er mit einem
leicht genervten Unterton, der Katie sofort missfiel. Dieser Mann hatte wirklich
ein unwahrscheinliches Talent dafür, sich innerhalb weniger Sekunden in
ein richtiges Ekel zu verwandeln, dem nichts recht war. „Ki, ich will, dass
wir langsamer gehen. Es bringt mir überhaupt nichts, diesen Weg wie eine
Irre herunter zu rennen, weil ich nämlich absolut nichts von dieser atemberaubenden
Umgebung mitbekomme. Ich weiß, dass du schon sehr oft hier gewesen sein
musst, aber für mich ist es das erste mal und ich will es genießen.“
Sie sahen sich lange an und Katie hatte ihre Zweifel, dass Kian sie wirklich
verstanden hatte, doch als er einsichtig nickte, schloss sie zu ihm auf und
lief in aller Seelenruhe neben ihm her, bis sie am Strand angekommen waren.
Auch wenn es an diesem Tag nicht so warm wie am vorhergehenden war, hinderte
das Katie nicht daran, sich ihre Schuhe auszuziehen und mit nackten Füßen
durch den kühlen Sand zu laufen. Kian strafte sie dafür mit einem
genervten Augenrollen, tat es ihr aber nach kurzer Zeit gleich.
Für Außenstehende sahen sie sicher aus wie ein verliebtes Pärchen,
so dicht wie sie nebeneinander gingen, und Katie hatte ja keine Ahnung, dass
es prinzipiell auch ganz genau so war. „Ich bin als kleines Kind immer hier
gewesen, wenn ich Probleme hatte und mit niemandem darüber reden wollte.
Nur Shane und Mark wussten immer ganz genau, wo ich mich aufhielt, wenn ich
nicht zuhause anzutreffen war und sie schafften es einfach immer, mich wieder
aufzuheitern. Noch heute verkrieche ich mich oft hierher, wenn es mir nicht
gut geht und ich Abstand von meinem Job brauche.“
Bedächtig sah Kian auf die Weiten des Meeres, bevor er in die Hocke ging
und mit dem Sand in seinen Händen spielte. Katie hörte ihm aufmerksam
zu und konnte ihn verstehen, denn ein Platz wie dieser es war, wäre ganz
sicher auch zu ihrem Zufluchtsort geworden. Sie hockte sich neben Kian und sah
ebenfalls auf das Meer. Bei Gelegenheit würde sie ganz sicher noch einmal
hier her zurückkehren, denn bis zu Kians Haus lief man höchstens zehn
Minuten, wenn man die Abkürzung über die grünen Wiesen nahm.
„Mir gefällt es hier wirklich sehr gut, Kian. Ich kann verstehen, dass
du diesen Platz liebst, denn mir würde es genauso gehen.“ Sie lächelte
als Kian sie ansah und er erwiderte dieses lächeln, wenn auch ziemlich
matt. Katie kannte ihn mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass ihn etwas
bedrückte, doch wenn er es ihr nicht selbst sagen wollte, würde sie
ihn auch in Ruhe lassen und nicht weiter nachhaken. „Dort hinten“, sagte er
und zeigte auf einen übergroßen Stein inmitten des Strandes, „habe
ich immer mit meinem Bruder Tom und meinen Freunden verstecken gespielt. Mark
war so unglaublich schlecht in diesem Spiel, dass er fast immer mit suchen dran
war, da er es so gut wie nie geschafft hat, uns in der vorgegebenen Zeit zu
finden.“
Kian lachte, wurde aber kurz darauf wieder still. Scheinbar bedeutete es ihm
viel, einen derart klaren Blick auf die Vergangenheit zu haben. Shane und Mark
waren schon damals allgegenwärtig und seine besten Freunde, genau wie jetzt.
Schon bewundernswert, dass eine Freundschaft, wie die von den Jungs, selbst
so viele Jahre später nach wie vor bestand und vielleicht sogar stärker
war, als noch damals. „Warst du auch schon mit einem Mädchen an diesem
Ort? Ich meine, es ist wahnsinnig romantisch hier und jedes weibliche Geschöpf
wäre dir in solch einer Umgebung jämmerlich verfallen.“ Kian entspannte
sich etwas und grinste.
„Ja, ich war mit meiner ersten Freundin hier. Sie hieß Susan und war meine
erste große Liebe. Als ich mit ihr an diesem Platz war, waren wir gerade
erst fünfzehn geworden und noch so unerfahren, was Liebe angeht. Dort auf
dem Stein haben wir uns zum ersten mal geküsst und das Gefühl, was
mich in diesem Moment durchflutete, war einfach unbeschreiblich. Ich dachte,
ich würde fliegen.“ Nachdenklich fuhr er sich durch sein Haar, dass vom
Wind ganz zersaust war, ihn aber unwahrscheinlich sexy machte, denn Katie liebte
es, wenn es ihm wild ins Gesicht fiel. „Wie lange wart ihr zusammen?“ „Fast
zwei Jahre. Niemand hätte gedacht, dass es so lange hält und es hätte
vermutlich auch noch länger gehalten, wenn sie nicht mit ihren Eltern nach
Stockholm gezogen wäre.“ „Stockholm?“ „Ja. Ihr Vater wurde dorthin versetzt
und Sue musste mit, auch wenn sie das eigentlich gar nicht wollte. Wir standen
noch etwa zwei Monate nach ihrem Umzug in ständigem Briefkontakt und wollten
uns nicht eingestehen, dass unsere Beziehung eigentlich keine Chance mehr hatte.
Irgendwann hat sie mir geschrieben, dass sie jemand anderen kennen gelernt hat,
einen gutaussehenden Schweden, und mit ihm zusammen ist, auch wenn sie mich
noch liebt, doch für sie war es wichtig, jemanden in ihrer unmittelbaren
Umgebung zu haben, an den sie sich wenden konnte und der sie liebte. Ich habe
ihre Entscheidung akzeptiert, mich aber immer mehr vor meinen Freunden zurückgezogen.
Tagelang habe ich in meinem Zimmer gehockt und selbst mit meinen Eltern und
Geschwistern habe ich nicht gesprochen. Wäre Shane damals nicht gewesen,
säße ich vermutlich noch heute auf meinem Bett und würde ihr
nachtrauern. Er war es, der mir begreiflich gemacht hat, dass es keinen Sinn
hatte, nicht mehr am realen Leben teil zu nehmen, nur wegen einer Frau. Irgendwann,
so sagte er, würde auch ich die richtige treffen, mit der ich mein gesamtes
Leben verbringen will, doch bis jetzt hat das noch nicht wirklich geklappt,
denn alle Frauen, an denen ich interessiert war, haben mich ausgenutzt und mit
mir gespielt, als wäre ich ein Ball. Das hat mich sehr verletzt und seitdem
bin ich vorsichtig geworden, was Frauen betrifft.“
Katie nickte zustimmend, war mit ihren Gedanken aber ganz woanders. Kian hatte
ihr solch private Dinge anvertraut und sie hatte ihm ja noch nicht mal gesagt,
dass sie Songschreiberin war und eigentlich nur deshalb nach Europa gekommen
war. Sie spürte, dass Kian heute noch dieser Susan nachtrauerte und aus
irgendeinem Grund störte das Katie, denn ihre Chancen, den Platz an seiner
Seite einzunehmen, schwanden. Sie führte ihre Hand zu ihrer Schläfe
und massierte diese leicht, während sie sprach. „Mach dir keine Sorgen,
Kian. Du bist sehr gutaussehend, überaus charmant und liebst ‚Titanic’,
jede Frau wäre verrückt nach dir.“
„Du auch?“ Überrascht schnellte Katies Kopf nach oben. Hatte sie sich verhört?
Sie wusste nicht, was sie ihm antworten sollte und auch wenn sie ehrlich zu
ihm sein wollte, schaffte sie es nicht, ihm von ihren Gefühlen zu erzählen.
Katie zuckte mit den Schultern und mied seinen Blick.
„Vielleicht“, war das einzigste, was ihr über die Lippen kam...
Kapitel 15
Wieder zurück in Kians Haus, brachte Katie eine überfüllte Einkaufstüte
in die Küche, gefolgt von Kian. Nach ihrem Strandausflug waren sie noch
einkaufen gewesen und Katie musste feststellen, dass Kian bezüglich dieses
Themas schlimmer war als eine Frau. Ewigkeiten hatte er damit zugebracht, den
richtigen Joghurt auszuwählen und danach eine Käsesorte zu finden,
die nicht übermäßig viel Fettgehalt besaß. Zwar zeigte
sich Katie äußerst geduldig und stand ihm mit Rat und tat zur Seite,
doch nach einer gewissen Zeit ging er ihr wirklich auf die Nerven, weshalb sie
umso glücklicher war, als sie an der Kasse standen und bezahlten.
„Kian, soll ich die Sachen auspacken oder willst du das übernehmen?“, fragte
sie, nachdem sie die Tüten auf dem Tisch abgestellt hatte. „Ich mach das
schon. Du kannst dich also beruhigt anderweitig beschäftigen.“ Katie lächelte
und winkte ihm noch einmal zu, bevor sie die Treppe ansteuerte in die Stufen
hinauf lief. Hastig drehte sie den Türknauf und ließ sich erschöpft
auf ihr Bett fallen, nachdem sie ihr Zimmer betreten hatte. Die Anstrengungen
zollten nun ihr Tribut, obwohl es gerade mal früher Nachmittag war und
der halbe Tag noch vor ihr lag.
Bei dem Gedanken daran stöhnte Katie und bedeckte ihre Augen mit ihrer
Hand. Ihrer Meinung nach war es viel zu hell in diesem Raum, doch sie hatte
absolut keine Lust, die Rollladen herunter zu lassen. Außerdem lag es
gar nicht in ihrem Interesse, jetzt zu schlafen, denn das würde sie am
Abend immer noch tun können. Sie wollte sich lediglich etwas frisch machen
und ihre Hose gegen einen bequemen Rock tauschen. Und genau das setzte sie nun
auch in die Tat um. Schwungvoll richtete sie sich auf und kramte in ihrem Kleiderschank
nach einem passenden Rock. Katie wählte einen knielangen Mikrofaserrock,
der sich hervorragend mit ihrer rosafarbenen Bluse ergänzte. Zufrieden
öffnete sie ihr Haar und kämmte es sich durch, um es danach offen
über ihre Schultern fallen zu lassen. Es war noch lockiger, als sonst,
doch das störte Katie nicht, auch wenn es manchmal Zeiten gab, wo sie alles
für glattes Haar tun würde. Kopfschüttelnd, dass sie ausgerechnet
jetzt über ihr Haar nachdachte, lief sie zu ihrem Fenster und schloss es,
da es den ganzen Vormittag über geöffnet war und es ihr an Sauerstoff
nicht mangelte. Anschließend setzte sie sich auf die Bettkante und versuchte
den Vormittag gedanklich noch einmal zusammen zu fassen. Kian hatte ihr von
seiner großen Liebe und seinem Pech mit Frauen erzählt. Und dann
hatte er eine Bemerkung gemacht, die sie nicht unerwarteter hätte treffen
können. Natürlich war sie verrückt nach Kian, genau wie andere
Frauen es sein würden, doch sie traute sich nicht, dies auch zuzugeben,
aus Angst vor Kians Reaktion, die negativ hätte ausfallen können,
was Katie nicht verkraftet hätte, da sie nicht wusste, was sie dann tun
würde. Weitere Tage hier in Sligo mit ihm verbringen oder sofort zurück
nach Dublin fahren? Warum mussten Männer auch immer so kompliziert sein?
Katie beschloss, Kian doch beim Auspacken der Lebensmittel zu helfen, falls
er damit noch nicht fertig war. Sie ging zur Tür, öffnete diese und
ließ sie hinter sich zurück in die Angeln fallen. Gerade wollte sie
zur Treppe gehen, als ihr die offene Tür am Ende des Ganges ins Auge fiel.
Sie führte zu Kians Schlafzimmer und eigentlich hatte Katie kein Recht
dazu, sich dieses Zimmer anzusehen, doch die Neugier ließ all ihre Zweifel
vergessen. Leise schlich sie den Flur entlang und blieb im Türrahmen stehen.
Anfangs hatte sie gedacht, dass Kian sich in diesem Zimmer aufhielt, doch es
war leer. Zu ihrer Überraschung war es sehr schlicht eingerichtet. Einzig
ein großes Bett, sowie ein Schrank und ein Fernseher verzierten es.
Zögernd trat sie ein und sah sich näher um. In einer kleinen Ecke,
hinter dem Schränkchen, auf dem der Fernseher positioniert war, lugte etwas
Braunes hervor, dass in seiner Form sehr an eine Gitarre erinnerte. Katie ging
näher und heran und lächelte, als sich ihre Vermutung bestätigte.
Es war eine Gitarre, doch was machte Kian mit einer Gitarre. Beherrschte er
dieses Instrument etwa? Wenn ja, warum hatte er ihr dann nie davon erzählt?
Ohne großartig nachzudenken, nahm Katie die Gitarre in die Hand und ließ
sich mit ihr auf den Fußboden fallen. Endlich würde sie wieder spielen
können, an den Saiten zupfen und klimpern, was das Zeug hielt. Als sie
mit Kian nach Sligo gefahren war, wollte sie ihre eigene Gitarre auch erst mitnehmen,
entschied sich dann aber anders, da es einfach zu viel Gepäck gewesen wäre,
was sie Kian nicht zumuten wollte. Sie vergaß, dass sie sich in einem
völlig fremden Zimmer befand und vermutlich Ärger bekam, würde
Kian sie erwischen, doch Katie war viel zu sehr auf das wunderschöne Musikinstrument
konzentriert, als sie sich hätte daran stören können. Einen Moment
lang überlegte sie, bevor sie eines ihrer Lieblingslieder sanft und gefühlvoll
anstimmte.
Die leise Musik drang in Katies Ohren, wie das singen der Engel und leise sang
sie den Text. Sie gab sich vollkommen der Melodie hin, fühlte sich mit
einem mal so wohl und vollkommen frei - bis sie Kian vor sich stehen sah, der
nicht begeistert darüber schien, dass sie sich dermaßen an seinem
Privateigentum vergriff.
Erschrocken blickte sie ihn an und wollte eilig die Gitarre an die Seite legen,
doch Kian deutete ihr mit einer Handbewegung, weiter zu spielen, während
er sich neben ihr auf den Boden setzte und den Klängen lauschte. Obwohl
Katie alles andere als behaglich zumute war, spielte sie das Lied fertig. Sie
legte die Gitarre beiseite und sah Kian entschuldigend an, denn jetzt musste
sie sich rechtfertigen.
„Ähm...tut mir leid, dass ich einfach so in dein Schlafzimmer gegangen
bin, aber...aber ich habe gesehen wie die Tür offen stand und wollte sie
wieder schließen. Nur habe ich dann die Gitarre gesehen und mich sofort
in sie verliebt.“ Katie hatte das Gefühl, gegen eine Wand zu reden, doch
als Kian langsam nickte, wusste sie, dass er sie verstanden hatte. Gott sei
Dank. „Ich wusste gar nicht, dass du Gitarre spielen kannst.“ „Ich hab dir bis
jetzt auch nichts davon erzählt, aber es gehört zu meiner größten
Leidenschaft. Bei meinem Beruf wäre es schließlich auch eine Schande,
kein Instrument zu beherrschen. Spielst du auch Gitarre oder weshalb besitzt
du so ein Ding?“ Kian setzte sich aufrecht und straffte seine Schultern. „Ja,
ich spiele auch, aber dieses Ding ist kein Ding, sondern eine Gitarre namens
Lilly.“ „Lilly? Du hast dem Ding einen Namen gegeben?“ „Jep, das habe ich. Ich
habe sie nach Bryans jüngster Tochter, Lilly, benannt, denn als die Kleine
geboren wurde, habe ich mir diese Gitarre zugelegt. Aber das ist jetzt nebensächlich.
Wie hast du das gemeint, als du gesagt hast, dass es bei deinem Beruf eine Schande
wäre, kein Instrument zu beherrschen?“
Katie sah zu Kian und konnte erkennen, dass sie ihm wohl oder übel antworten
musste. Gut, was war auch schon dabei, eine Songschreiberin zu sein? Nichts,
und trotzdem hatte Katie ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend,
dass sie nicht wieder loslassen wollte. „Nun ja, ich...ich bin Songschreiberin
und komponiere ab und zu auch. Ich habe meine Taps schon quer durch die USA
geschickt, doch keiner der großen Künstler war an meinen Songs interessiert,
also habe ich beschlossen, mein Glück in Europa zu versuchen und bin nach
Irland gegangen. Aber irgendwie will auch hier niemand meine Songs haben, was
ich nicht verstehen kann. Ohne arrogant oder überheblich zu klingen, bin
ich der Meinung, dass meine Songs gut sind und man mir ruhig mal eine Chance
geben könnte. Meinst du nicht auch?“ Erwartungsvoll blickte sie zu Kian,
dessen Blick sich innerhalb weniger Minuten komplett geändert hatte. Es
lang etwas ausdrucksloses in seinen Augen, ein Ausdruck, den Katie nicht deuteten
konnte. Kian zuckte mit den Schultern und stand auf. „Songschreiberin bist du
also. Schön, dass ich das auch mal erfahre. Wieso hast du mir das nicht
früher gesagt, verdammt noch mal? Wieso?“ Er wurde laut und schrie Katie
förmlich an, was sie nicht verstand, sie aber dennoch sehr einschüchterte.
Was war nur in ihn gefahren? Hatte er ein so großes Problem mit ihrem
Beruf? „Kian, ich...“ „Sei ruhig, ich will nichts mehr hören. Du hast mich
angelogen und bist nicht ehrlich zu mir gewesen. Ich dachte du wärst nicht
wie alle anderen Frauen, aber ich habe mich getäuscht. Du willst mich auch
nur benutzen, nur benutzen.“ Kian tobte und hatte Mühe, seine Wut, die
sich aus irgendeinem Grund angestaut hatte, unter Kontrolle zu halten.
Katie erhob sich nun ebenfalls, nicht gewollt, sich dermaßen von Kian
beleidigen zu lassen. „Ich habe dich nie angelogen und das weißt du. Du
hast mich nie nach meinem Job gefragt, also war ich der Meinung, dass es nicht
so wichtig war. Überhaupt verstehe ich nicht, was du für ein Problem
mit meinem Job hast? Bin ich plötzlich ein anderer Mensch oder was? Nein,
das bin ich nicht, aber wenn du das so siehst, ist dir wirklich nicht mehr zu
helfen. Ich habe dich für vernünftiger gehalten, aber du bist nichts
weiter, als ein selbstherrlicher, sturer Esel, der es nicht ertragen kann, wenn
ihm etwas verschwiegen wird, was noch nicht mal von Bedeutung ist. Ob du es
glaubst oder nicht, aber in diesem Moment verachte ich dich, Kian Egan.“ Ohne
eine Reaktion von Kian abzuwarten, war Katie in ihr Zimmer gerannt und ließ
nur noch das laute knallen der Tür hören. Unglaublich!
Katie konnte die aufsteigenden Tränen nicht mehr zurückhalten, nachdem
sie ihr Zimmer betreten hatte. Schluchzend lehnte sie sich gegen die Tür
und schloss die Augen. Kian, was war nur los mit ihm? Warum hatte er so unkontrolliert
reagiert, obwohl es dafür überhaupt keinen Grund gab? Eh sie weiter
darüber nachdenken konnte, klingelte ihr Handy und erfüllte den Raum
mit einem sehr penetranten Piepsen, was nach einiger Zeit lästig wurde.
Katie fuhr sich über die nassen Wangen und lief zu ihrer Handtasche, in
der sie ihr Handy verstaut hatte. Eilig nahm sie es heraus uns sah auf dem Display
Violets Namen in großen Buchstaben aufleuchten. Auch wenn sie überhaupt
keine Lust hatte, sich jetzt mit Violet zu unterhalten, wäre ein Gespräch
mit ihr doch eine willkommene Abwechslung.
„Hallo Vi“, sagte Katie, nachdem sie abgenommen hatte und sich aufs Bett fallen
ließ. „Hi Kat. Woher weißt du, dass ich es bin? Hast du neuerdings
irgendwelche hellseherischen Fähigkeiten, von denen ich nichts weiß?“
„Nein, hab ich nicht, aber dein Name hat auf meinem Display geblinkt und ich
müsste schon ziemlich blind sein, wenn ich das übersehen hätte.“
Sie versuchte sich ihren momentanen Gemütszustand nicht anmerken zu lassen
und machte gute Miene zum bösen Spiel.
„Ist ja auch egal. Wie ist es denn so, vierundzwanzig Stunden mit dem guten
Mister Egan zu verbringen, mh?“ „Erträglich“, antwortete Katie, was auch
nicht gelogen war, obwohl es gerade jetzt ziemlich unerträglich war. „Erträglich
also. Seit ihr euch schon näher gekommen oder zieht ihr weiter die gute
- Freunde - Nummer ab?“ Katie leierte mit den Augen und griff auf ihrem Nachttischschänkchen
nach dem Päckchen Taschentücher, dass sie kurz zuvor darauf gelegt
hatte. „Vi, Kian und ich sind wirklich nur gute Freunde, auch wenn ich mittlerweile
zugeben muss, dass er schon sehr attraktiv ist. Und nun Themawechsel. Ich bezweifle
ernsthaft, dass du nur hier anrufst, um mich über Kian auszufragen, richtig?“
Katie schnäuzte in ihr Taschentuch, während Violet ihre Frage energisch
bejahte. „Ganz genau, Kat. Hast du nicht doch irgendwelche Fähigkeiten?
Na ja, ist ja auch egal. Bist du erkältet oder warum putzt du dir die Nase,
wenn ich mit dir telefoniere? Bin ich dir so wenig wert?“ „Vi, ich habe halt
einen Schnupfen und will mein Handy nicht beschmutzen, weshalb ich mir die Nase
putze. Und nun komm zum Punkt. Ich will wissen, warum du anrufst.“
Einen Moment lang herrschte Stille am anderen Ende der Leitung und Katie konnte
ganz deutlich hören, wie Violet tief Luft holte. Nun war sie aber gespannt.
„Kat, ich habe mit Shane geschlafen!“ Beinahe wäre Katie der Hörer
aus der Hand gefallen, so schockiert war sie. „Du hast was??? Vi, sag, dass
das nicht dein Ernst ist. Du kannst unmöglich mit ihm geschlafen haben.
Kian hat gesagt, er wäre in Sligo.“ „Ja, er wollte nach Sligo, aber Dank
meiner tatkräftigen Unterstützung hat er es sich anders überlegt
und sich lieber mit mir in den Laken gewälzt. Ich sage dir, Kat, dieser
Mann ist eine Granate und viel zu schade, um ihn nur einer Frau zu überlassen.“
Violet lachte, doch Katie war überhaupt nicht zum Lachen zumute. Sie kannte
Shane und konnte ihn soweit einschätzen, dass sie sich fast sicher war,
dass er einer der Wenigen war, der seine Frau niemals betrügen würde,
doch hatte sie sich scheinbar getäuscht, mehr als getäuscht. „Vi,
ihr habt aber nur einmal miteinander geschlafen, oder? Ich meine, es war nur
ein Ausrutscher von ihm, nicht wahr?“ Katie hoffte inständig, Violet würde
ja sagen, doch das genaue Gegenteil traf ein. „Nein. Wenn mich nicht alles täuscht
haben wir schon ganze fünf Mal zusammen die Nacht verbracht und uns manchmal
bis in die frühen Morgenstunden geliebt. Shane hat eine Kondition, die
man ihm wahrlich nicht ansieht. Und einen Hintern hat der...lecker.“ „Oh man,
Vi, du kommst in Teufels Küche, wenn seine Frau was davon erfährt.
Sie wird die Scheidung einreichen, da bin ich mir sicher. Wie gedenkst du nun
fortzufahren?“ „Mal sehen. Aber von Shane fern halten tue ich mich auf keinen
Fall. Vielleicht...“
Violet ließ sich noch eine halbe Stunde über ihre Zukunftspläne
aus, was Katie aber nicht wirklich störte, wäre nicht Shane eine ihrer
Hauptpersonen gewesen
Kapitel 16
Katie sah gelangweilt auf ihren Wecker, der mittlerweile acht Uhr abends schlug.
Seit ihrem Streit mit Kian hatte sie ihr Zimmer noch nicht wieder verlassen,
selbst nicht zum Abendessen, obwohl ihr Magen bereits Entzugserscheinungen zeigte
und schrecklich knurrte. Sie wollte verhindern, ihn an diesem Abend noch einmal
zu sehen, denn vermutlich würde er sie wieder anschreien und beleidigen,
völlig grundlos. Noch immer hatte sie sich keinen Reim daraus machen können,
weshalb er so ausgerastet war. Hat sie irgendetwas getan, was ihn gereizt hat?
Frustriert spielte Katie an dem Saum ihrer Bluse, während sie weiter krampfhaft
überlegte. Sollte sie sich der Konfrontation mit ihm stellen oder es bei
dem Geschehenen belassen, ohne sich noch einmal vor ihm zu erklären? Außerdem
war da ja auch noch die Sache mit Violet und Shane, die vollkommen außer
Kontrolle geraten war. Die beiden hatten ein Verhältnis, verbrachten die
Nächte miteinander, ohne zu wissen, was für Konsequenzen ihre Bettspielchen
haben könnten. Katie wollte gerade ins Badezimmer gehen, als die Tür
geöffnet wurde und Kian in das Zimmer spähte.
Er lächelte, als sich ihre Blicke begegneten, doch Katie erwiderte dieses
Lächeln nicht. Noch immer war sie viel zu sauer auf ihn, als das sie ihm
so schnell verzeihen würde. Wenn er dachte, einfach wieder so angekrochen
zu kommen, hatte er sich getäuscht.
„Was willst du?“, fragte sie garstig und drehte sich, sodass sie den Blick aus
dem Fenster richten konnte. Sie wollte jetzt alles andere, als ihn ansehen,
denn allein seine Augen hätten sie schwach gemacht. „Mit dir reden“, antwortete
er leise und schloss die Tür hinter sich. „Was ist, wenn ich aber gar nicht
reden will?“ „Bitte, Kat, es tut mir leid, wie ich reagiert habe. Ich bin ein
Idiot, ein Dummkopf, das größte Arschloch dieser Welt, aber ich ertrage
es nicht, wenn du sauer auf mich bist.“ Fast hätte Katie grinsen müssen,
doch sie war nicht der Typ, der sich von einer solchen läppischen Entschuldigung
weich klopfen ließ, auch wenn Kian sich selbst eingestanden hatte, wie
dämlich er sich verhalten hatte.
„Oh ja, du bist ein Idiot, und zwar ein riesengroßer.“ Endlich drehte
sie sich um und sah ihn an. Wieder lächelte er und dieses mal erwiderte
Katie sein Lächeln, wenn auch noch sehr zaghaft. Er kam zu ihr und ließ
sich neben ihr auf dem Bett nieder, bevor er ihre Hand suchte und sie in seine
nahm. „Ich weiß, dass du allen Grund hast sauer auf mich zu sein, aber
ich war einfach so enttäuscht von dir. Du hättest mir doch sagen können,
was du beruflich machst. Ich hätte dich ganz sicher nicht dafür gehasst.“
„Bist du dir da sicher? Nach deiner Reaktion traue ich dir alles zu.“ „Glaub
mir, Kat.“ „Tue ich ja, aber nur wenn du mir auch glaubst. Ich wollte dir von
meinem Job erzählen, doch es erschien mir unwichtig, zumal du mich nicht
ein einziges Mal danach gefragt hast. Für mich war es ohne Bedeutung, einfach
ohne Bedeutung, verstehst du? Dass du mir dann solche Beleidigungen an den Kopf
wirfst, hat mich echt getroffen.“ „Das weiß ich und es tut mir wirklich
sehr, sehr leid. Bitte verzeih mir.“ Katie sah auf den Boden, nur um nicht in
Kians Augen sehen zu müssen. Zu gerne würde sie ihm verzeihen, doch
konnte sie wissen, dass er nicht wieder so reagieren würde? Nein. Trotzdem
war es ein Versuch wert, schließlich wollte sie nicht auf Ewigkeit sauer
auf ihn sein. „Na schön, du bekommst eine zweite Chance von mir, Egan.
Also nutze sie.“ Er nickte und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht,
nachdem er sie zu sich gedreht hatte. „Das werde ich, Kat, das werde ich. Würdest
du mich heute Abend noch mal zum Strand begleiten, sozusagen als Versöhnungsausflug?“
Katie musste unwillkürlich lachen, als sie in Kians flehendes Gesicht sah.
Diesem Mann konnte man nicht lange böse sein. „Einverstanden, aber ich
möchte, dass wir zum Strand laufen, ja?“ „Alles was du willst. Ich erwarte
dich in zehn Minuten unten.“ Er umarmte sie kurz, bevor er in Windeseile aus
dem Zimmer verschwunden war.
Katie sah ihm noch einen Augenblick lang nach, ehe sie den Kopf schüttelte
und sich rücklings aufs Bett fallen ließ. Wieso wurde man aus Kian
Egan nicht schlau? Es war unglaublich, wie schnell er sich verändern konnte
und wenn Katie ehrlich war, dann ängstigte sie sein Verhalten zeitweise
sogar. Nichts desto trotz freute sie sich ungemein darauf, den Abend mit ihm
am Strand zu verbringen, denn vielleicht würden sie sich so endlich etwas
näher kommen, was sich Katie so sehr wünschte. In aller Ruhe zog sie
sich einen weiten Pullover über und prüfte ihr Spiegelbild noch einmal
im Spiegel, bevor sie nach unten zu Kian ging, der bereits in der Diele auf
sie wartete, mit dir Gitarre in der Hand.
„Was meinst du, ob wir uns hier niederlassen können?“ Kian und Katie waren
am Strand angekommen und hatten sich einen Platz ausgesucht, der nur wenige
Meter von der Brandung entfernt war. „Ich denke schon, Ki, immerhin ist es sehr
unwahrscheinlich, dass wir von dieser Position aus ins Meer gerissen werden.“
„Na hoffentlich hast du recht, Kat.“ Beide sahen sich einen Moment lang an,
bevor sie in lautes Gelächter ausbrachen. Nichts, absolut nichts erinnerte
mehr an den Streit vom Nachmittag. Sie konnten wieder ungezwungen miteinander
umgehen und sich gegenseitig necken, so wie sie es sonst auch taten. Kian setzte
sich in den kühlen Sand und auch Katie ließ sich nieder, um den rauschenden
Wellen zu lauschen. Trotz des dadurch hohen Lautstärkepegels hatte diese
ganze Umgebung etwas sehr ruhiges und entspannendes, fast so als wäre man
mit einem mal an einem ganz anderen Ort auf einer ganz anderen Welt.
„Kian, warum schleppst du eigentlich die Gitarre mit hier her? Willst du mir
dein musikalisches Können beweisen oder möchtest du deine Lilly im
Wasser begraben?“ Kian zuckte mit den Schultern und winkelte seine Beine an,
sodass es ihm möglich war seine Arme darauf abzulegen. Er wirkte müde
und erschöpft und Katie fragte sich augenblicklich, warum er noch mit ihr
hier hergekommen war, obwohl es unverkennbar war, dass er dazu normalerweise
nicht mehr in der Lage war. „Möchtest du nicht mit mir reden, Kian?“ „Doch,
natürlich, aber jetzt gerade fände ich es schöner, wenn wir einfach
nur beieinander sitzen und dem Klang der Natur lauschen.“ Katie sah ihn kurz
an, gab sich aber mit seinem Gesagten zufrieden und legte sich in den Sand,
was sie dazu veranlasste geradewegs in den Himmel zu sehen, der auch am heutigen
Abend von keinem Wölkchen getrübt wurde. Der übergroße
Vollmond leuchtete genau über ihnen und warf ein sanftes Licht auf die
Beiden. Katie stellte fest, dass Kians Körperformen sehr weich waren, was
nicht zuletzt an dem Licht lag. Sein Haar wehte in der leichten Brise und seine
Jeans flatterte etwas um seinen Beinen. Ewig hätte sie so daliegen und
ihn beobachten können, doch gerade in diesem Moment schoss ihr wieder Shane
in den Kopf. Seit ihrem Telefonat mit Violet ließ er sich einfach nicht
mehr aus ihren Gedanken verbannen, was sie Zugegebenerweise irgendwie störte.
Sie wollte nicht an Shane denken, wo sie doch gedanklich viel lieber bei Kian
war, doch es ließ sich nicht vermeiden. Es war ihr unerklärlich,
wie sich ein Mann, wie Shane es war, auf ein außereheliches Abenteuer
einlassen konnte, wo er doch eigentlich überglücklich mit seiner Ehefrau
war. Lag es einzig und allein an Violet oder wäre er auch mit jeder anderen
beliebigen Frau ins Bett gestiegen? Vermutlich war es wirklich nur Violet, die
ihn reizte. Immerhin war sie sehr feminin und überaus hübsch. Katie
war aufgefallen, dass er schon etwas interessiert an Violet war, als sie sich
das erste Mal begegnet waren, doch immer noch nicht konnte sie begreifen, dass
Gillian noch nichts von Shanes Seitensprüngen mitbekommen hatte. Soweit
sie informiert war, lebten die beiden in Sligo und Shane wollte während
seines Urlaubs nach Sligo kommen. Dass er aber jetzt so plötzlich absagte,
würde sie doch sicherlich schon ein wenig stutzig machen oder etwa nicht?
Gott, es war nicht ihr Problem, sich darüber Gedanken zu machen und dennoch
tat sie es. Sie sollte lieber die Zeit mit Kian genießen, denn schon übermorgen
würden sie wieder zurück nach Dublin fahren und sie würde nicht
mehr oft die Gelegenheit dazu finden, solch vertraute Momente mit ihm zu genießen.
Aus einem Reflex heraus stand sie auf und lief weiter zum Meer. Katie hörte,
wie Kian ihr folgte, was sie freute. „Was ist?“, fragte er, als er zu ihr aufgeschlossen
hatte. „Nichts, was soll schon sein? Das Wasser ist schön kühl, nicht
wahr?“ Sie grinste, als Kian unbeholfen nickte, da er es für sehr seltsam
hielt, sich ausgerechnet über das Wasser zu unterhalten, wo es doch so
viele Dinge gab, über die sie dringender sprechen mussten. „Würdest
du mir was vorspielen?“ Katie drehte sich um und sah Kian an. Er wollte wirklich,
dass ausgerechnet sie ihm auf der Gitarre ein Ständchen spielte, wo er
noch vor wenigen Stunden so dagegen war? „Sicher, wenn du nicht wieder ausflippst.“
Peinlich berührt sah er zu Boden und nahm dann Katies Hand, um mit ihr
gemeinsam zu dem Platz zurück zu gehen, wo sie gesessen hatten.
Er packte seine Gitarre aus der dafür vorgesehenen Tasche und drückte
sie Katie in die Hände, die sich daraufhin eine bequeme Sitzposition suchte
und überlegte. Was sollte sie spielen? Etwas schnelleres oder eher ein
langsames Stück? Langsam würde wohl besser zu der Atmosphäre
passen, die dadurch vielleicht sogar noch intimer werden würde. „Ich werde
‚Angel’ spielen, falls du nichts dagegen hast.“ Katie sah, wie Kians Augen sich
weiteten und er sie ungläubig anstarrte. Was um Himmels Willen hatte sie
denn nun schon wieder falsch gemacht? „Kian, ist alles in Ordnung? Geht es dir
nicht gut? Soll ich vielleicht etwas anderes spielen? Antworte mir doch mal.“
Benommen führte Kian seine Hand zu seinen Augen und rieb sie sich mit Daumen
und Zeigefinger. „Woher kennst du diesen Song, Kat?“, fragte er leise und mit
einem leichten zittern in der Stimme, wie Katie fand. „Aus ‚Stadt der Engel’,
den ich nebenbei bemerkt zu meinen Lieblingsfilmen zähle. Sarah McLachlan
hat diesen Song zu etwas ganz besonderen gemacht und ich liebe es, wie sie ihn
mit ihrer eigentlich kräftigen Stimme so sanft singt. Der Song passt zu
dem Film wie die Faust aufs Auge und ich musste sogar einige Tränen vergießen,
als Meg Ryan allein in ihrem Bett lag und nur Nicholas Cage als Engel um sich
herum hatte, während der Song einsetzte, mit einer wunderschönen Klavierbegleitung.
Ein Traum, wenn du mich fragst.“ „Ja, natürlich, ‚Stadt der Engel’. Daran
habe ich gar nicht gedacht. Würde es dir was ausmachen, wenn ich singe?“
Katie sah ihn überrascht an. Es machte ihr nichts aus, dass er singen wollte,
ganz im Gegenteil. „Nein, du kannst gerne singen. Warte.“ Katie begann zu spielen
und erschauderte, als Kian mit seiner warmen Stimme einsetzte.
In the arms of the angel
fly away from here.
In this dark cold hotel room
and the endlessness that you fear.
You are pulled from the wreckage
of your silent reverie.
You’re in the arms of the angel
May you find some comfort here.
Katies gesamter Körper war mit einer Gänsehaut überzogen, als
Kian endete. Er sang unwahrscheinlich schön, fast so, als würde er
das schon sein ganzes Leben lang tun. Seine Stimme passte hervorragend zu dem
Song und trieb Katie Tränen in die Augen. Wieder einmal merkte sie, wie
viel ihr Kian mittlerweile bedeutete. Sie legte die Gitarre beiseite und rutschte
näher an ihn heran, sodass sie ihren Kopf an seine Schulter lehnen konnte.
Es war ihr egal, was Kian dachte, denn sie war sich sicher, dass ihre Zuneigung
auf Gegenseitigkeit beruhte, doch niemand sich traute, den ersten Schritt zu
wagen.
„Das war wunderschön, Kian“, sagte sie kaum hörbar, aber verständlich
für Kian. „Danke, Kat, aber ohne deine Begleitung wäre ich aufgeschmissen
gewesen.“ Sie lächelten sich zu und legten sich in den Sand, dicht aneinander
gekuschelt. Katie hatte ihren Kopf auf seine Brust gelegt und lauschte den Geräuschen
seines Herzens. Es schlug schnell, aber gleichmäßig.
Sie spürte, wie er ihr unaufhörlich über den Arm streichelte
und sie noch enger zu sich heranzog. Wie sehr genoss Katie diese Berührungen
doch. Sie hätte noch stundenlang in Kians Armen liegen können, ohne
das sie sich unterhielten, denn auch ohne Worte verstanden sie sich. Kian hob
seinen Oberkörper etwas an, um Katie ansehen zu können. Sie lächelte
und Kian lächelte ebenfalls, bevor er sich ein wenig zu ihr hinunter beugte
und nur wenige Millimeter vor ihren Lippen in seinem Tun inne hielt. Die Situation,
in der sie sich gerade befanden, glich der Situation von gestern sehr, doch
im Gegensatz zum gestrigen Tag, hatte Katie am heutigen Abend nichts mehr dagegen
einzuwenden, dass Kian sie küsste. Nein, dieses Mal wollte sie es, mehr
als alles andere. Es dauerte schier eine Unendlichkeit, bis Kian seine Lippen
auf die ihrigen legte und sanft liebkoste. Die Kuss war so zärtlich, unschuldig
und fast ein wenig schüchtern, nahm Katie aber dennoch den Atem.
Nachdem sich Kian wieder von ihr gelöst hatte, sah sie ihn kurz an, ehe
sie sich erhob, den Sand von ihrer Kleidung klopfte und ohne ein weiteres Wort
in der Dunkelheit verschwand, mit der Gewissheit, dass Kian ihr folgen würde...
Kapitel 17
Mit zitternden Händen ließ Katie den Haustürschlüssel auf
die Kommode fallen, begleitet von einem lauten Klimpern. Sie wusste nicht, wie
Kian ihren plötzlichen Weggang gedeutet hatte, doch sie war sich fast sicher,
dass es ihn verunsicherte und nicht in dem bestätigte, was er fühlte.
So sehr Katie diesen Kuss auch genossen hatte, war sie nicht in der Lage gewesen,
weiterhin bei ihm zu bleiben und in seinen Armen zu liegen, denn seine Nähe
machte sie verrückt, trieb sie förmlich in den Wahnsinn. Sie wusste,
auf was das hinaus laufen würde und wollte es vermeiden, auch wenn der
Strand ein äußerst romantischer Ort gewesen wäre, um das erste
Mal mit Kian zu schlafen. Doch wollte sie das überhaupt? Wollte sie mit
ihm schlafen und eine Beziehung mit ihm eingehen und dafür ihre so gute
Freundschaft riskieren? Eigentlich nicht, doch alles in ihr schrie nach Kian
und sie würde es vermutlich schrecklich bereuen, wenn sie es nicht wenigstens
versucht hätte.
Seufzend ging sie ins Wohnzimmer und nahm auf der Couch Platz. Nervös sah
sie immer wieder auf die Uhr und anschließend zur Tür, in der Hoffnung,
Kian würde jeden Moment auftauchen, doch er ließ sie nun schon fast
eine halbe Stunde warten und so langsam machte sie sich Sorgen, auch wenn es
dafür eigentlich keinen Grund gab. Sie nippte an ihrem Glas Orangensaft,
dass sie sich aus der Küche geholt hatte und blätterte uninteressiert
in einer Zeitung, als sie plötzlich einen Schlüssel vernahm, der in
dem Schloss gedreht wurde. Aufgeregt stellte sie ihr Glas auf den Tisch und
versuchte möglichst unbeeindruckt zu wirken. Es dauerte lange, bis Kian
zu ihr ins Wohnzimmer kam, mit fast versteinerte Miene. Er zog sich seine Jacke
aus und warf sie unachtsam über den Sessel, bevor er sich zu Katie setzte
und sie ansah. Ihre Blicke trafen sich und entfachten in Katie einen wahren
Gefühlssturm. Sie war hungrig, hungrig auf Liebe.
„Wenn ich etwas getan habe, was dir unangenehm war, dann tut es mir leid. Ich
wollte dich nicht zu irgendetwas drängen, was du gar nicht wolltest.“
Kians Stimme wirkte emotionslos und matt und dennoch hörte sie auch etwas
Hoffnung heraus, wenn sie sich das nicht einbildete. Es tat ihr weh, ihn so
zu sehen, denn er hatte rein gar nichts getan, was sie auch nur in geringster
Weise verschrecken könnte. Ganz im Gegenteil. Kian hatte Gefühle in
ihr geweckt, von denen sie noch nicht einmal wusste, dass sie sie besaß.
Katie fuhr sich durch ihr langes Haar und glättete ihren Rock, ehe sie
Kian aufmunternd zulächelte und einen Arm um seine Schultern legte.
„Du hast rein gar nichts falsches getan, Kian, rein gar nichts. Dieser Kuss
hat mich zwar ziemlich überrumpelt, aber ich bin dir sehr dankbar dafür,
denn es war einfach bezaubernd und ich möchte es auf keinen Fall missen.“
Katie rutschte noch näher an ihn heran und zwang ihn, sie anzusehen. Bevor
Kian ihr eine Antwort geben konnte, hatte sie ihren Zeigefinger auf seinen Lippen
platziert, während ihre andere Hand auf seiner Wange ruhte. Nun war sie
an der Reihe. Langsam, beinahe Zeitlupenähnlich, näherte sie sich
seinem Gesicht und küsste ihn mit all der Liebe, die sie aufbringen konnte.
Er erwiderte ihren Kuss erst vorsichtig, dann allerdings leidenschaftlicher
und bat um Einlass in ihren Mund, den sie augenblicklich gewährte. Gegenseitig
erforschten gierige Zungen die Mundhöhle des Gegenüber und Katie war
es unmöglich, ein leises Stöhnen zu unterdrücken. Sie schlang
ihre Arme um Kians Hals und drückte ihren Körper gegen seinen. Nie
wieder wollte sie ihn loslassen. Nie wieder. Kian hatte sich nun so weit über
sie gebeugt, dass er sie mit seinem Körpergewicht zurückdrückte,
sodass sie mit dem Rücken auf dem Sofa lag und er halbschief über
ihr positioniert war. Die Couch war nicht sonderlich groß, dafür
aber sehr komfortabel. Katie hatte das Gefühl, Kian und sie würden
sich schon die ganze Nacht über küssen, dabei verweilten sie erst
wenige Minuten in dieser Position. Sie öffnete ihre Augen, als Kian seine
Lippen abgesetzt hatte und sah in sein Gesicht, dass nur wenige Zentimeter von
dem ihrigen entfernt war. Er sollte nicht aufhören, sondern weiter machen,
aber sollte sie ihm das auch sagen? Vielleicht war er nicht bereit für
mehr. Katie versuchte in einen seinen Augen nach einer Antwort zu suchen, die
sie prompt fand, denn noch nie in ihrer Gegenwart strahlten seine Augen so viel
Liebe und Verlangen aus, wie in diesem Moment. Er wollte sie, genau wie sie
ihn wollte.
„Kian, ich...“ Er schüttelte den Kopf und küsste ihre Stirn. „Du musst
nichts sagen“, hauchte er und streichelte ihre Wange. Katie zitterte unwillkürlich,
was sie tunlichst vermeiden wollte, doch es ging nicht anders. Ungeduldig suchte
sie seinen Mund und küsste ihn verlangend, um auch keinen Zweifel mehr
daran zu lassen, was sie wollte. Sie wollte eine Hand unter sein T-Shirt wandern
lassen, doch Kian griff ihr Handgelenk und hielt sie zurück.
Fragend blickte sie ihn an, doch anstatt einer Antwort bekam sie ein Lächeln.
Dann drückte er sich leicht von ihr weg und verließ die Couch. Katie
war verunsichert. Hatte er es sich doch anders überlegt. Schon wieder wollte
sie etwas sagen und erneut kam sie nicht dazu. Kian hatte sie mit sich nach
oben gezogen und seine Hände um ihre Hüften gelegt. Er warf sie ohne
Vorwarnung über seine Schulter und lief aus dem Wohnzimmer, nachdem er
das Licht ausgeschaltet hatte. „Kian, was machst du mit mir?“ Katie wehrte sich
nicht, da sie Gefallen an diesem Spiel gefunden hatte und auch wenn sie wusste,
was er vorhatte, tat sie unwissend. Kian antwortete ihr nicht, mal wieder. Vorsichtig
lief er die Treppe nach oben, auf direktem Wege zu seinem Schlafzimmer, in dem
es stockduster war und Katie herbe Orientierungsschwierigkeiten hatte. Erst
nach ein paar Sekunden hatten sich ihre Augen an die Atmosphäre gewöhnt,
was Kian dazu veranlasste, sie auf sein Bett fallen zu lassen. Katie musste
lachen und zog Kian sofort mit sich, aus der Angst heraus, er würde sie
alleine lassen.
„Na fein“, sagte er und begann damit jede einzelne Stelle ihres Gesichtes mit
einem Kuss zu bedecken, eh er die Konturen ihrer Lippen mit seinem Zeigefinger
nachfuhr und sie anschließend küsste. Er hatte vollkommen die Kontrolle
über sie erlangt. Katie drehte ihren Kopf leicht und gab damit ihren Hals
frei, was Kian augenblicklich begrüßte, indem er mit seiner Zunge
über ihren Hals fuhr und sie schier in den Wahnsinn trieb. Auch wenn sie
ihm nicht so verfallen wollte, war es unmöglich, es nicht zu tun. Selbst
ihr Verstand hatte sich ausgeschaltet und ließ nur noch ihren Körper
handeln. Katie spürte, wie Kian mit einer Hand unter ihre Bluse fuhr, weshalb
sie sofort erschauderte und sich noch enger an ihn presste. Fast als wäre
sie gar nicht da, glitt seine Hand über ihren Bauch bis hin zu dem Ansatz
ihres BHs. Sie ließ ihn gewähren, als er langsam darunter fuhr und
die nackte Haut, auf die er stieß, liebkoste. Katie nahm einen tiefen
Atemzug und klammerte sich an Kians Rücken fest. Sie wollte sich ihm nicht
völlig überlassen, doch was sollte sie tun? In einem für ihn
unerwarteten Moment, rutschte sie ein wenig höher, setzte sich aufrecht
hin und verschnaufte erst einmal, denn schon jetzt hatte er ihr unheimlich viel
abverlangt, wie noch kein Mann zuvor. Kian sah sie irritiert an und rutschte
automatisch näher zu ihr. Er legte seine Hände auf ihre Schultern
und küsste sie voller Gier auf den Mund. Nein, sie konnte sich nicht wehren
und würde das Feld ihm überlassen. Bereitwillig ließ sich wieder
zurückfallen und wartete, bis Kian sich auf sie legte. Bedächtig öffnete
er den ersten Knopf ihrer Bluse, dann den zweiten und anschließend auch
die restlichen, um das Oberteil danach auseinander schieben zu können.
Katie schloss die Augen und spürte seine kühlen, weiche Lippen wenig
später schon auf ihrem Bauch. Seine Zunge spielte mit ihrem Bauchnabel,
was sie zum Lachen brachte, denn er hatte ihre kitzeligste Stelle gefunden.
Kian lachte ebenfalls und streifte ihr die Bluse von den Schultern, um sie danach
unachtsam auf den Boden fallen zu lassen. Anschließend schob er ihren
Rock ein Stück nach oben und streichelte über ihre Beine. Katie seufzte
tief und ließ ihre beiden Hände unter sein Shirt wandern, denn nicht
nur er sollte sie verwöhnen, sondern auch sie ihn. Mit aller Kraft, die
sie aufbringen konnte, drehte sie sich, sodass er nun unter ihr lag. Grinsend
küsste sie ihn flüchtig auf den Mund, eh sie ihm ungehalten sein Oberteil
vom Leib riss und es durch das Zimmer warf. Provozierend langsam fuhr sie mit
ihren Lippen seinen gut gebauten Oberkörper entlang und stellte lächelnd
fest, dass ihre Berührungen wohl auf Gefallen stießen. Gerade als
sie in seine Hose gleiten wollte, übernahm er wieder die Kontrolle und
drehte sie zurück in die Anfangsposition. Kian öffnete den Knopf ihres
Rockes und fasste unter ihren Po, sodass er sich leichter von ihren Hüften
streifen ließ. Er warf ihn zu den anderen Kleidungsstücken, bevor
er sich selbst die Hose auszog und ebenfalls auf den Boden warf. Dann legte
er sich zurück zu Katie und streichelte zärtlich ihre Arme.
„Weißt du eigentlich, wie gern ich dich hab?“, fragte er und sah zu Katie,
die daraufhin lächelte und den Kopf schüttelte. „Nein, keine Ahnung.
Sag es mir doch.“ „No way! Lieber beweise ich es dir.“
Katie lachte und küsste Kians Nasenspitze. Er grinste ebenfalls, ging aber
wieder zu den wichtigen Dingen über und öffnete Katies BH mit viel
Mühe. Sofort danach presste er sein Gesicht in die weiche Haut, die zum
Vorschein gekommen war und brachte Katie zum Stöhnen. Sie wollte ihn mehr
als jemals zuvor und allein seine Berührungen ließen sie erschaudern
und ihr Verlangen ins Unermessliche steigen. Er drückte sie mit seinem
Körpergewicht weiter in die Matratze hinein und zog ihr mit schnellen Griffen
den Slip von den Hüften, bevor er selbst tätig wurde und seine Boxershorts
auszog. Katie wagte gar nicht hinzusehen, denn nur der bloße Gedanke daran,
Kian vollkommen nackt zu sehen, ließ sie erröten, aber so war es
nun mal, wenn zwei Liebende zueinander fanden. Während Kian ihren gesamten
Körper weiterhin liebkoste, kam Katie zu dem Entschluss, nicht mehr länger
warten zu wollen. Sie wollte ihn endlich spüren, eins mit ihm werden. Ungeduldig
streckte sie ihm ihr Becken entgegen und glücklicherweise kam Kian ihrer
Aufforderung mit sofortiger Wirkung nach. Eh sie sich versehen konnte, spürte
sie ihn in sich und war mit ihm verschmolzen.
Ein lautes Stöhnen entwich ihren Lippen, doch das war nebensächlich,
denn was jetzt zählte waren nur Kian und sie. Katie klammerte sich an Kians
Rücken fest, während er sich in ihr bewegte und langsam seinen Rhythmus
fand. Noch nie im Leben hatte sie etwas so genossen, wie die völlige Zweisamkeit
zwischen Kian und ihr. Wenn sie ehrlich war, wurde sie im Bett auch noch nie
so sehr von einem Mann verwöhnt, wie von ihm. Grinsend bei dem Gedanken
daran, passte sie sich seinem Rhythmus an und schaukelte sich gemeinsam mit
ihm zum Höhepunkt. Kian kollabierte gegen sie und blieb erschöpft
und heftig atmend auf ihr liegen. Katie rang ebenfalls nach Luft, fand aber
noch die Zeit dazu, Kian ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht zu streichen,
als er seinen Kopf ein wenig anhob. Er lächelte und küsste Katies
mit Schweißperlen bedeckte Stirn, bevor er sich von ihr runter rollte
und sich neben sie legte. Beide blieben einen Augenblick lang regungslos liegen,
darauf bedacht, wieder zur Ruhe zu kommen. Mittlerweile war es schon ein paar
Minuten nach Mitternacht, was bedeutete, dass sich Kian und sie fast zwei Stunden
lang geliebt hatten. Er konnte also durchaus mit Shanes Kondition mithalten,
um das Ganze mal in den Worten von Violet auszudrücken.
Katie streckte sich und hob ihren Körper etwas an, um nach der Decke unter
ihr zu greifen, die sie über sich und Kian legte, nachdem sie sich in seine
Arme begeben hatte, als er dies gewünscht hatte. „Kian, so etwas schönes
habe ich noch nie erlebt. Ich danke dir dafür.“ Er lächelte und nahm
ihre Hand, die er mit seinem Daumen sanft streichelte. „Ich muss dir danken,
Kat, denn das, was eben zwischen uns beiden geschehen ist, war schon längst
überfällig und hat mir die Augen geöffnet.“ „Wie meinst du das?“
„Ich habe schon lange mehr als Freundschaft für dich empfunden, konnte
es aber bis jetzt immer gut verstecken, jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an
dem wir am Strand saßen und du Gitarre gespielt hast. Ich war hingerissen,
dass ich dich einfach küssen musste. Als du dann plötzlich weggelaufen
bist, dachte ich, dich verletzt zu haben, doch ganz offensichtlich war das nicht
der Fall.“
Kian grinste breit und küsste Katie, nachdem sie seine Aussage mit einem
Nicken bestätigt hatte. Sie wollte nichts mehr sagen, denn es war alles
gesagt und alles geschehen, um zu wissen, was sich zwischen ihnen entwickelt
hatte.
Kapitel 18
Die hellen Sonnenstrahlen fielen in das Schlafzimmer und ließen es sofort
freundlicher und wohnlicher aussehen. Von fern her konnte man Vogelgezwitscher
vernehmen und auch das Zirpen einiger Grillen, die sich schon munter unterhielten,
war zu hören. Katie schlug die Augen auf und wollte sich strecken, als
sie bemerkte, dass sie nicht alleine war. Sie sah auf die Seite und entdeckte
Kian, dessen Kopf tief in ein weiches Kissen gepresst war. Augenblicklich rief
sie sich die Geschehnisse der vergangenen Nacht wieder ins Bewusstsein und errötete
leicht, als sie daran zurückdachte, an die Minuten von unbändiger
und hemmungsloser Liebe. Katie rutschte ein Stückchen näher an Kian
heran und strich ihm zärtlich über die Wange, ehe sie seine Stirn
küsste und ihn ansah. Er sah unheimlich friedlich aus, wenn er schlief,
fast, als könnte er niemandem etwas zuleide tun. Aus seinem leicht geöffneten
Mund drang der warme, gleichmäßige Atem und ließ Katie einen
Moment lang erschaudern. Ihr wurde immer mehr bewusst, wie stark ihre Gefühle
doch waren, die sie und Kian miteinander verbanden. Seufzend sah sie auf die
Uhr, die bereits kurz vor um zehn anzeigte. Schon Ewigkeiten hatte Katie nicht
mehr so lange und so gut geschlafen, aber das war ja auch nicht sonderlich verwunderlich,
immerhin hatte Kian letzte Nacht ziemlich viel von ihr abverlangt, sodass an
Schlaf kaum zu denken war. Mühevoll richtete sie sich etwas auf und stützte
sich auf den Ellenbogen ab, um danach Kian sanft an der Schulter zu packen und
ihn zu rütteln. Es war Zeit zum Aufstehen, wenn sie noch etwas von dem
Tag haben wollten.
„Kian“, flüsterte Katie und grinste, als er sich unter ihren Berührungen
hin und her wand, jedoch nicht ein einziges Mal die Augen öffnete. Nun
gut, dann musste sie eben zu härteren Mitteln greifen. Sie beugte sich
zu ihm herunter und küsste seine Ohren, da sie ganz genau wusste, wie sehr
er an dieser Stelle kitzelig war. „Kian, aufstehen“, sagte sie erneut und schreckte
etwas zurück, als er wild um sich schlug und laut fluchte.
„Fuck! Was soll das?“, fragte er und blinzelte angestrengt, um ein halbwegs
klares Bild von Katie zu bekommen, die ihn lächelnd ansah. „Was das soll?
Ganz einfach, es ist Zeit zum aufstehen, Mister Langschläfer.“ Ohne auf
eine Antwort von ihm zu warten, schlug sie die Decke zurück und entblätterte
Kians Oberkörper. „Kat, verdammt, lass mich schlafen. Ich kann auch später
aufstehen.“ Er griff nach der eben weggenommenen Decke und legte sie wieder
über sich, doch Katie gab sich keinesfalls geschlagen. „Komm schon, Ki.
Ich weiß, für dich ist zehn Uhr morgens noch sehr früh, aber
du willst doch noch etwas vom Tag haben, oder nicht?“ „Nein, will ich nicht.
Alles, was ich will, ist schlafen, und nun lass mich endlich in Ruhe und verschwinde.“
Autsch. Volltreffer. Katie sah Kian an, der sich unbeeindruckt von den Ereignissen
auf die andere Seite drehte und seinen Kopf unter einem Kissen vergrub. Sie
wusste, was für ein schrecklicher Morgenmuffel er war, doch das er so unausstehlich
werden würde, hätte sie nicht erwartet. Er hatte sie verletzt, sehr
verletzt. Mit Tränen der Wut in den Augen, kroch sie aus dem Bett und trat
mit ihren Füßen auf den Boden, bevor sie ihre Kleidung vom Boden
aufsammelte und zur Tür lief. „Ich verstehe dein Problem nicht, Kian Egan,
aber was auch immer es ist, ich hasse es“, sagte sie mit einer solchen Schärfe,
öffnete die Tür und ließ sie lauter als beabsichtigt zurück
in die Angeln fallen. Was zu viel war, war zu viel. Katie lief ins Badezimmer
und warf sich ein wenig kaltes Wasser ins Gesicht, um ihre heißen Wangen
abzukühlen, ehe sie ihr Abbild im Spiegel überprüfte, dass sie
wie einen Geist durch das Glas hindurch sah. Sie musste zugeben, dass sie fürchterlich
aussah. Ihr Haar war zerwühlt und ihre Augen waren klein. Man konnte meinen,
sie hätte die ganze Nacht durchgefeiert und Alkohol in Übermaßen
zu sich genommen, doch dem war nicht so. Katie atmete tief durch und begann
damit, sich die Zähne zu putzen, zu waschen und anzuziehen. Obwohl die
Sonne schien, zog sie sich lieber dickere Sachen an, denn der Schein konnte
durchaus trüben. Das lange Haar, dass sie durch sorgfältiges Kämmen
wieder in Form gebracht hatte, band sie zu einem strengen Pferdeschwanz nach
hinten. Danach ging sie die Treppe nach unten. Kian hatte nichts mehr von sich
hören lassen, was darauf schließen ließ, dass er weiterhin
schlief. Würde er etwas für sie empfinden, hätte er doch nicht
derartig reagiert. Oder doch?
Katie wusste es nicht und ob sie es jemals erfahren würde, stand in den
Sternen. In der Küche angekommen, riss Katie die Fenster förmlich
auf, aus dem dringenden Grund, plötzlich das Gefühl zu haben, ersticken
zu müssen, was prinzipiell völlig lächerlich war, doch Katie
stellte mit Unbehagen fest, dass sie sich ihrer Gefühle zu Kian mit einem
Mal nicht mehr so sicher war, obwohl es nach der letzten Nacht eigentlich keine
Zweifel mehr gab. Sie legte ihre Hand auf ihre Brust und versuchte, einen klaren
Kopf zu bewahren, denn Hysterie konnte sie nun wahrlich nicht gebrauchen. Sicherlich
hatten Kians Gefühle sich nicht über Nacht verändert und doch
bereitete ihr sein Verhalten Angst, mal wieder. Fast abwesend öffnete sie
den Kühlschrank und holte eine Flasche Milch heraus. Anschließend
suchte sie in einem der vielen Schränke nach einem Glas und wurde auch
fündig. Auf ein großes Frühstück hatte sie keine Lust und
ein Glas Milch musste für diesen Morgen wohl reichen. Hastig trank Katie
ihr Glas aus, bevor sie sich eine Banane aus dem Obstkorb nahm und diese genüsslich
aß. Gerade wollte sie die Schale wegwerfen, als sie Schritte auf der Treppe
hörte. Es waren schwere Schritte, die nicht wirklich verlockend klangen.
Vermutlich hatte sich Kian immer noch nicht wieder abgeregt, doch er würde
bestimmt einen Schritt auf sie zu machen, da war sie sich sicher. Katie setzte
ihr strahlenstes Lächeln auf, als Kian die Küche betrat, doch er erwiderte
es nicht, noch nicht mal ansatzweise, was Katie verunsicherte. Sie erhob sich
von ihrem Stuhl und ging einen Schritt auf ihn zu, doch Kian zeigte keinerlei
Regung. Er behandelte sie wie Luft, als wäre sie nicht da. Katie wäre
es alle Male lieber gewesen, wenn er sie angeschrieen oder ihr Vorwürfe
gemacht hätte, doch nichts dergleichen geschah. Einfach nur Stille. Sie
wollte nicht weinen, wollte kein Zeichen von Schwäche zeigen und doch fiel
es ihr unglaublich schwer, ihre Emotionen zurück zu halten, die unaufhaltsam
über sie hinweg brachen.
Katie musste weg, einfach weg. Kians Gegenwart wurde mit einem mal unerträglich,
obwohl sie sich sonst immer so wohl in seiner Nähe fühlte. Sie sagte
kein Wort, als sie das Zimmer verließ und in die Diele lief. Einen kurzen
Moment lang hatte sie noch gehofft, er würde ihr folgen, sich bei ihr entschuldigen
und fragen, was sie vorhatte, doch nichts geschah. Gar nichts. Er verharrte
unverändert in seiner Position, die Hände auf einer Stuhllehne abgestützt,
und den Blick ins Leere gerichtet. Katie ging in die Hocke, um sich ihre Schuhe
zuzubinden, ehe sie sich ihre Jeansjacke über den Pullover warf und durch
die Haustür nach draußen trat.
Ein herber Wind wehte um Katies Gesicht herum und ließ sie frösteln.
Das so sorgsam zusammengebundene Haar, löste sich immer mehr aus dem Zopf
und wirbelte ihr wild im Gesicht herum. Doch es störte sie nicht, denn
solche Lappalien hatten sie nicht mehr zu stören. Es gab weitaus wichtigere
Dinge, über die sie nachdenken und sich den Kopf zerbrechen musste, auch
wenn sie lieber andere Sachen bevorzugt hätte. Stöhnend ließ
sie sich auf den eisigen Klippen nieder, von wo aus sie einen herrlichen Blick
auf das brausende Meer hatte, den sie sicher genossen hätte, wäre
sie in einer anderen Verfassung gewesen. Nun saß sie an dem Ort, zu dem
Kian sie am gestrigen Tage mitgenommen hatte und den er als seinen Lieblingsort
bezeichnete. Doch jetzt war sie ohne ihn hier und sie bezweifelte ernsthaft,
jemals wieder gemeinsam mit ihm hier an diesen Ort zu kommen. Auch wenn sie
die letzte Nacht so sehr genossen hatte, plagten sie arge Zweifel, ob es nicht
doch ein Fehler war, den sie begangenen hatten. Vielleicht hätten sie Freunde
bleiben sollen, einfach nur Freunde, denn wohlmöglich waren sie für
eine gemeinsame Beziehung nicht geschaffen. Allerdings kam diese Einsicht etwas
zu spät, denn unter den gegebenen Umständen konnten sie weder ein
Paar noch Freunde sein, sehr zum Bedauern von Katie, die gedacht hatte, in Kian
endlich einen Mann gefunden zu haben, der sie mag und alles für sie tun
würde, mit dem sie sogar alt werden konnte.
Bei dem Gedanken daran drangen ihr salzige Tränen in die Augen, die unangenehm
brannten und sie kurzzeitig laut aufschluchzen ließen. Wieso nur hatte
sie immer so viel Pech? War ihr denn nicht auch nur ein einziges Mal wenigstens
etwas Glück vergönnt? Scheinbar nicht. Katie fuhr sich mit ihren Händen
über die tränennassen Wangen, ehe sie wieder aufs Meer herab sah,
über dem einige Vögel fröhlich flogen. Ach, wäre sie doch
auch ein Vogel, dann könnte sie jetzt einfach fort fliegen, irgendwohin
an einen Ort, wo es ihr besser erging.
„Katie.“
Erschrocken wirbelte sie herum und sah Kian etwa fünf Meter von ihr entfernt
stehen. Was zum Teufel machte er hier? Wollte er ihr sagen, dass er die vergangene
Nacht bereute und keine Zukunft für sie beide sah oder wollte er ihr einfach
nur mitteilen, dass sie mit sofortiger Wirkung sein Haus verlassen sollte? Eigentlich
war es Katie egal, denn für einen kurzen Augenblick war sie nur froh darüber,
dass er mit ihr sprach oder zumindest ihren Namen in den Mund nahm, was ihm
am frühen Morgen noch sichtbar schwergefallen war. Katie erwiderte nichts,
auch dann nicht, als er sich neben sie auf die kalten Steine setzte und gedankenverloren
durch sein Haar fuhr. Musste er so unverschämt gut aussehen? Es war fast
unmöglich, anhaltend auf ihn sauer zu sein und dennoch würde Katie
ihm so schnell nicht verzeihen, denn er hatte sie verletzt und enttäuscht,
fürchterlich enttäuscht, ob bewusst oder unbewusst. Kian suchte ihre
Hand und sah sie besorgt an, als er spürte, dass diese eiskalt war. Natürlich
wusste er, dass Katie schon eine ganze Zeit auf diesem Platz verweilte und die
Kälte selbstverständlich auch ihr Tribut gezollt hatte. Sanft und
zärtlich, wie er es immer tat, streichelte er mit seinem Daumen über
ihre Handoberfläche und lächelte entschuldigend, als Katie zu ihm
hinauf blickte. Einen Moment lang hatte sie überlegt, ihm ihre Hand zu
entziehen, doch sie genoss viel zu sehr seine vertrauten Berührungen, als
das sie in der Lage dazu war.
„Es tut mir leid, Kat“, sagte er leise, aber dennoch sehr gut verständlich
für Katie, die daraufhin ihre Stirn in Falten legte und verachtend schnaubte.
„Dir tut es also leid, ja? Und das soll ich dir glauben? Kian, für wie
blöd hältst du mich eigentlich? Erst schläfst du mit mir und
gibst mir das Gefühl, der wichtigste Mensch auf Erden zu sein und nur wenige
Stunden später behandelst du mich wie Luft, schaffst es ja noch nicht mal,
mir guten Morgen zu sagen. Entschuldige, aber das war eindeutig zu viel.“ Endlich
hatte Katie ihrer aufgestauten Wut, die sie innerlich beinahe zerfressen hätte,
Luft gemacht. Sie würde sich von Kian nichts vorschreiben lassen und ganz
bestimmt auch nicht springen, wenn er das wünschte. Katie war stur, genau
wie Kian, und sie wusste, dass keiner von ihnen freiwillig nachgeben würde,
es sei denn, derjenige hatte Unrecht. „Ich weiß, dass ich mich unmöglich
verhalten habe, aber ich war einfach so verdammt schlecht drauf heute Morgen.
Natürlich habe ich überreagiert, aber ich wollte dich ganz sicher
nicht verletzen. Mit geht momentan so vieles durch den Kopf und ich werde vor
Probleme gestellt, die ich unmöglich lösen kann. Kat, du weißt,
wie viel du mir bedeutest und dass du einer der wundervollsten Menschen bist,
der mir jemals begegnet ist. Ich würde es nicht ertragen, dich zu verlieren,
nicht nachdem, was zwischen uns passiert ist.“
Sein Händedruck wurde stärker und allein die Tonlage, in der er sprach,
zeigte Katie, dass er es ernst meinte. Sie sollte ihm verzeihen, unbedingt,
sonst würde sie sich ihr Leben lang dafür verfluchen. Sie rutschte
ein Stück näher an ihn heran und lehnte ihren Kopf an seine Schulter.
„Also gut, Kian, ich verzeihe dir noch ein letztes Mal. Wenn du das nächste
Mal schlecht drauf bist und jemanden benötigst, an dem du dich abreagieren
kannst, sag mir vorher Bescheid, damit ich mich rechtzeitig verdrücken
kann.“ Kian nickte und beugte sich zu Katie, um sie zu küssen. Es tat gut,
seine Lippen zu spüren, ihn zu spüren. Strahlend sah sie ihm in die
Augen.
„Kat, du wirst heute Nachmittag meine Eltern kennen lernen.“
Kapitel 19
Hektisch rannte Katie in ihrem Zimmer hin und her, auf der Suche nach einem
passenden Oberteil zu ihrer hellen Jeanshose. Nachdem Kian ihr vor wenigen Stunden
offenbart hatte, dass er vorhatte, am Nachmittag seine Eltern zu besuchen und
Katie mitkommen sollte, hatte sie keine ruhige Minute mehr gehabt. Die beiden
waren erst so kurze Zeit ein Paar und schon wollte er sie seinen Eltern vorstellen.
Crazy. Aus reiner Höflichkeit hatte Katie zugesagt, um ihn nicht zu enttäuschen,
was sie wohl getan hätte, würde sie ihn nicht begleiten. Mit klopfendem
Herzen ließ sie sich rücklings auf das weiche Bett fallen und seufzte
tief. Seit nun genau einer Viertelstunde durchsuchte sie ihren Kleiderschrank,
doch bis jetzt war nichts brauchbares zu finden. Sie hatte unendlich viele T-Shirts
und Pullover mit, doch sie wollte vor Kians Eltern ein gutes Erscheinungsbild
abgeben und nicht in einem abgetragenen Pullover ins Haus hineinspaziert kommen.
Das laute Klopfen an der Tür riss Katie aus ihren Gedanken. Sie sagte herein
und drehte ihren Kopf, sodass sie Kian im Türrahmen erkennen konnte.
„Können wir los?“, fragte er und lehnte sich an die Wand, bevor er Katie
ausgiebig musterte und mit den Augen leierte. „Willst du etwa so meinen Eltern
vor die Augen treten. Nur im BH und einer Jeans?“ Er musste über seinen
eigenen Witz lachen und bekam als Strafe einen wütenden Blick von Katie.
„Sind wir heute aber witzig, Egan. Ich find einfach nichts ordentliches zum
anziehen. Soll ich nicht besser hier bleiben und mich um den Haushalt kümmern?
Ich möchte nicht, dass deine Eltern mich nicht mögen, was sie unweigerlich
tun werden, wenn ich total schäbig bei ihnen aufkreuze.“ In Katies Stimme
lag etwas zweifelndes und auch wenn sie nicht vorgehabt hatte, zu jammern, war
das nun unvermeidbar.
Kian leierte mit den Augen, durchquerte das Zimmer und ließ sich wie ein
nasser Sack neben Katie nieder, die ihn mit gerunzelter Stirn ansah und gespannt
auf seine Antwort wartete. „Kat, meinen Eltern ist es egal, wie du gekleidet
bist, ehrlich. Sie werden dich mögen, da bin ich mir vollkommen sicher.“
„Ach ja? Und warum bist du so sicher?“ „Darum. Ich bin glücklich mit dir
und das wird Mum und Dad auch glücklich machen. Noch nie fanden sie eine
meiner Freundinnen so unerträglich, dass sie vor einer Beziehung abgeraten
haben. Und außerdem kannst du Gitarre spielen, was sich schon mal als
Pluspunkt erweist. Du musst nämlich wissen, mein Dad ist ein begeisterter
Musiker und mein Bruder ist sogar Musiklehrer. Wenn du nicht in unsere Familie
passt, dann weiß ich auch nicht.“ Kian lächelte, zog Katie zu sich
heran und bedeckte ihre Stirn mit einem Kuss. Sie wusste, dass er ihr Ängste
und Zweifel nehmen wollte, wofür sie ihm unendlich dankbar war, doch wirklich
geglückt war es ihm nicht. Ein gequältes Lächeln umspielte ihre
blassen Lippen, ehe sie aufstand und sich ein schwarzes, enges Shirt vor den
Oberkörper hielt. „Was meinst du, kann ich das anziehen?“ Kian betrachtete
sie einen Moment, dann nickte er energisch und zeigte mit seinem Daumen nach
oben. Katie zog sich das Oberteil eilig über und sah sich prüfend
im Spiegel an. Sie zupfte nervös an sich herum und wollte das Shirt schon
wieder ausziehen, als Kian sie von hinten umarmte und sie durch den Spiegel
hindurch ansah. „Kat, du siehst wunderschön aus. Ich würde es nicht
ertragen, wenn du dich noch mal umziehst, weil ich befürchte, dass wir
dann nie bei meinen Eltern ankommen werden. Bleib so wie du bist, denn so bist
du bezaubernd.“ Er drückte ihr einen Kuss auf die Wange und lächelte.
Katie erwiderte sein Lächeln und drehte sich um, um ihn flüchtig auf
den Mund zu küssen, ins Badezimmer zu rennen und etwas Puder aufzulegen.
Sie wollte keinesfalls wie eine Barbiepuppe aussehen, weshalb sie es nur bei
dem Puder und einem durchsichtigen Lipgloss beließ. Ihr Haar band sie
sich im Nacken zu einem lässigen Pferdeschwanz zusammen, eh sie wieder
in ihr Zimmer trat und sich demonstrativ vor Kian drehte.
„Perfekt“, sagte er, nahm ihre Hand und zog sie mit sich nach unten.
„Aussteigen oder willst du hier drin Wurzeln schlagen?“ Kian hatte die Beifahrertür
seines Wagens geöffnet und sah auf Katie herab, die abwesend auf ihrem
Sitz saß und ins Leere starrte. Erst als Kian sie sanft rüttelte,
hob sie ihren Kopf und sah ihn an. „Tut mir leid“, sagte sie, bevor sie sich
träge aus dem komfortablen Sitz erhob und nach draußen in die angenehm
warme Frühlingsluft trat. Unbehagen stieg in ihr auf. Sie fühlte sich
so unwohl, dass sie am liebsten auf der Stelle weggelaufen wäre, doch da
musste sie nun durch. Kians Eltern würden sie schon nicht fressen und wenn
sie so waren wie Kian, dann wären sie doch ganz erträglich.
Erst zwei Mal hatte Katie das Vergnügen gehabt, die Eltern ihrer Auserwählten
kennen zu lernen und beide Male endete das Treffen in einem Desaster. Hoffentlich
würde sich das bei Familie Egan nicht wiederholen. „Bist du bereit?“, fragte
Kian und schloss den Wagen ab. „Ich denke schon“, antwortete Katie und griff
instinktiv Kians Hand. Aus irgendeinem Grund fühlte sie sich so sicherer,
auch wenn sie nicht den Eindruck erwecken wollte, zu sehr an ihm zu klammern.
Gemeinsam liefen sie die mit Hecken gesäumte Einfahrt entlang, bis sie
vor der großen weißen Tür zum stehen kamen. Kian betätigte
den Klingelknopf und drückte Katies Hand noch einmal aufmunternd, eh sich
die Tür öffnete und ein kleiner Junge, um die sieben Jahre alt, vor
ihnen stand.
„Kian!“, schrie er sofort und fiel seinem großen Bruder um den Hals. Das
musste Colm sein, dachte sich Katie und lächelte darüber, wie liebevoll
Kian mit dem Kleinen umging. Ein Herz und eine Seele. „Wer ist das?“ Colm hatte
sich von Kian gelöst und sah zu Katie. „Das ist Katie. Können wir
reinkommen?“
Colm nickte und ließ die beiden eintreten. Sie waren noch nicht ganz im
Hausinnern, als eine Frau mittleren Alters die Treppe herunter gerannt kam.
Das musste Kians Mum sein.
„Kian mein Junge“, rief sie und begrüßte ihren Sohn mit einer herzlichen
Umarmung. „Hallo, Mum. Ich freue mich so, dich wieder zu sehen. Darf ich vorstellen,
dass ist Katie Brookwell. Katie, dass ist meine Mum, Patricia Egan.“ Katie reichte
Patricia höflich die Hand und lächelte verlegen. Ihre Nervosität
war kaum noch zu übersehen und sie hoffte inständig, das seltsame
Gefühl in der Magengegend bald wieder loszuwerden, da es auf Dauer sehr
belastend sein würde. „Freut mich sehr, Sie kennen zu lernen, Misses Egan.“
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite, aber nennen Sie mich doch bitte Patricia.“
„Gerne, aber nur wenn Sie mich duzen, schließlich könnte ich Ihre
Tochter sein.“ Katie war sich nicht sicher, ob sie das richtige getan hatte,
doch als Patricia erfreut nickte, fühlte sie sich bestätigt. „Ist
Dad nicht da?“, wollte nun Kian wissen und sah sich um. „Doch, er ist auf der
Terrasse. Wollen wir nicht zu ihm gehen? Der Kaffeetisch ist bereits gedeckt.
Ich habe extra noch einen Apfelkuchen gebacken, als du gesagt hast, dass du
deine Freundin mitbringen würdest.“ Katie wagte einen Seitenblick auf Kian.
Er hatte sie also schon offiziell als seine Freundin vorgestellt, zumindest
bei seinen Eltern. „Kommt mit.“ Patricia war durch eine Tür verschwunden,
die ganz offensichtlich auf die Terrasse führte. Kian wartete, bis sie
außer Sichtweite war, ehe er sich zu Katie hinunter beugte und sie sanft
küsste.
„Du brauchst keine Berührungsängste haben, Kat. Die Egans sind nämlich
sehr gesellige Leute.“ Er lachte, fasste ihre Hand und zog sie mit sich durchs
Wohnzimmer und anschließend durch die Terrassentür nach draußen.
„Dad.“ Kian klopfte seinem Vater, der es sich auf einem grünen Gartenstuhl
bequem gemacht hatte, auf die Schulter. „Na, mein Junge. Freut mich, dass du
wieder da bist. Und wie ich sehe, hast du eine überaus hübsche Begleitung
bei dir. Würdest du uns bekannt machen?“ „Sicher. Katie, dass ist Kevin
Egan, mein alter Herr. Dad, dass ist Katie Brookwell.“ Auch ihm reichte Katie
die Hand und auch ihn sollte sie mit dem Vornamen ansprechen, was ihr sofort
ein wohleres Gefühl verschaffte. Auch wenn sie im Prinzip noch vollkommen
fremd war, fühlte sie sich schon ein wenig dazugehörig. Sie mochte
die Egans auf Anhieb. Den ganzen Nachmittag brachte sie damit zu, Kians Eltern
von ihrer Herkunft und ihrem Beruf zu erzählen, was diese als äußerst
spannend und faszinierend empfanden. Kevin wollte alle Einzelheiten über
ihr Leben in den USA wissen und bereitwillig schilderte sie es ihm. Auch mit
Patricia führte sie einige sehr interessante Gespräche. Unter anderem
erfuhr Katie, wie es war, sechs Kinder großzuziehen und wie ihr Bezug
zu Kian war. Obwohl sie versucht hatte, so wenig wie möglich zu zeigen,
dass Kian und sie ein Paar waren, ließ er es nicht zu und hielt ihre Hand
oder küsste ihre Wange, was Katie erröten ließ. Es war ihr zwar
nicht peinlich, aber doch irgendwie unangenehm, was sie aber nicht zur Sprache
brachte, da sie es für unwichtig empfand und nicht weiter diskutieren wollte.
Gegen achtzehn Uhr beschlossen Kian und Katie wieder den Heimweg anzutreten.
Sie verabschiedeten sich von einander und besonders Kians Verabschiedung mit
seinen Eltern fiel sehr ausgedehnt aus, so als würden sie sich für
eine lange Zeit nicht mehr sehen. Nun gut, Kian arbeitete, wie er ihr erzählt
hatte, als Geschäftsmann in Dublin und verbachte die Wochentage in einem
Hotel, doch das er so gar nicht nach Hause kam, war schon etwas merkwürdig.
Hatte man als Geschäftsmann so viel zu tun oder war er vielleicht gar kein
Geschäftsmann, denn immer, wenn Katie ihn darauf ansprechen wollte, blockte
er ab und kam auf ein anderes Thema zu sprechen. Sie beschloss, nicht weiter
nachzuhaken und gab sich mit dem zufrieden, was er ihr erzählte.
Kian steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn und öffnete die
Haustür. Zuerst trat er ein, dann folgte Katie, die es fast ein wenig bereute,
nicht länger bei den Egans geblieben zu sein, doch sie hatten ihr unmissverständlich
klar gemacht, sich über einen erneuten Besuch von ihr, sehr freuen würden,
was sie unglaublich glücklich machte. Sie fühlte sich akzeptiert und
sah nun keinen Grund mehr, um Kian und sich keine Zukunft geben zu können.
Gähnend hängte sie ihre Jacke an den Haken der Kommode und umarmte
Kian spontan. Der ganze Druck, der den halben Tag auf ihr gelastet hatte, war
plötzlich abgefallen und endlich hatte sie wieder das Gefühl, frei
atmen zu können.
„Das war ein sehr schöner Nachmittag“, flüsterte sie und sah Kian
in die Augen, der daraufhin zufrieden lächelte und ihr durch das Haar fuhr.
„Ich freue mich, dass es dir gefallen hat, denn obwohl ich es dir nicht gesagt
habe, war ich genauso nervös wie du wegen dem Treffen, wenn nicht noch
ein bisschen mehr. Ich wollte unbedingt, dass sie dich mögen und das tun
sie. Meine Mum hat mich kurz zur Seite genommen und mir gesagt, dass ich mit
dir einen Glückstreffer gelandet habe. Und sie hat recht.“ Wie zur Bestätigung
seiner soeben ausgesprochenen Worte, legte er seine kühlen Lippen auf die
ihrigen und küsste sie lange und intensiv. Katie hatte das dringende Bedürfnis,
ihn in das nächstbeste Zimmer zu ziehen und ihn zu lieben, was sie ihm
auch unweigerlich klar machte, indem sie mit ihrer Zunge um Einlass in seinen
Mund bat, den er ihr augenblicklich gewährte. Mit einer Hand wollte sie
schon unter sein T-Shirt fahren, doch Kian hielt sie zurück und löste
sich von ihr. Für gewöhnlich konnte er doch zu so einem Angebot nicht
nein sagen. Warum also reagierte er dann mit einem Mal so abweisend? Katies
fragender Blick bohrte sich förmlich in ihn hinein, doch anstatt ihr zu
antworten, ging er ins Wohnzimmer, dicht gefolgt von Katie.
„Was ist?“, fragte sie und blieb ein paar Meter hinter ihm stehen. Er drehte
sich um und zuckte mit den Schultern. „Nichts. Ich muss nur noch ein wichtiges
Telefonat erledigen, dass keinen Aufschub mehr duldet, auch wenn ich jetzt liebend
gerne andere Dinge mit dir machen würde. Aber das heben wir uns für
später auf, ja?“, sagte er augenzwinkernd und verließ das Wohnzimmer
wieder. „Meinetwegen. Gehst du in dein Arbeitszimmer?“ „Ja. Es dauert nicht
lange. Versprochen. Und danach gehöre ich ganz dir.“ Kian warf eine Kusshand
nach ihr und stampfte dann die schwere Holztreppe nach oben.
Katie blieb im Wohnzimmer zurück und ließ sich auf die Couch fallen.
Auch wenn sie es nicht zugeben wollte, so störte sie Kians Verhalten schon
etwas. Es war der letzte Tag, den sie gemeinsam hier in Sligo verbringen würden,
bevor sie nach Dublin zurück fuhren, und Kian hatte nichts besseres vor,
als zu telefonieren, anstatt den Abend mit ihr zu verbringen. Zwar hatte er
versprochen, sich nicht allzu lange mit dem ihr unbekannten Telefonpartner zu
unterhalten und doch beschlich sie der leise Verdacht, sein Telefonat könnte
sich hinziehen, denn wie sie bemerkt hatte, war Kian in dieser Situation fast
schlimmer als manche Frauen. Stöhnend streckte sie sich und beschloss,
kurz nach oben zu gehen und sich frisch zu machen. Sie wollte aus ihren engen
Klamotten und lieber in bequemere schlüpfen. Sie erhob sich und rannte
fast die Treppe hoch.
Gerade wollte sie in ihr Zimmer gehen, als sie Kians laute Stimme durch den
Flur hallen hörte. Er schrie beinahe und schien über irgendetwas maßlos
verärgert zu sein. Katie wusste, dass sich Lauschen nicht gehörte,
aber ihre Neugier war in diesem Moment so groß, dass sie einfach nicht
anders konnte und sich mit ihrem Ohr an die Tür seines Arbeitszimmers lehnte...
„Mein Gott, Louis, nun mach bitte nicht so ein Theater. Ich weiß, was
ich tue und bin alt genug, um selbst entscheiden zu können, was richtig
und was falsch ist. Dazu brauche ich weder dich, noch die anderen Jungs, die
Moralapostel spielen. Ich bin mit Katie zusammen und habe vor, eine langanhaltende
Beziehung mit ihr zu führen. Basta. ...Mit ist egal, was du davon hältst...ja,
sie ist hier in meinem Haus, aber was hat dich das bitte schön zu interessieren?
Es ist ganz allein meine Sache mit wem ich zusammen sein will, verstanden. Ich
kann es auf den Tod nicht ausstehen, dass du dich ständig in das Privatleben
anderer Leute einmischen musst....doch, dass tust du. Erinnerst du dich noch
an die Sache mit Bryan, als er sich in Kerry verliebt hat? Du wolltest ihre
Beziehung auch nicht dulden und hast sie sogar geheim gehalten. Nur gut, dass
man die beiden beim küssen gesichtet hat, sonst müssten sie sich noch
heute verstecken. Nicky hat es richtig gemacht, er hat von Anfang an zu Georgina
gestanden und alle haben es akzeptiert, sogar du. Also verstehe ich nicht, weshalb
meine Beziehung mit Katie ein so großes Problem für dich ist...nein,
sie weiß es nicht und ich habe auch nicht vor, es ihr zu erzählen,
jedenfalls jetzt noch nicht. Irgendwann wird sie es erfahren, aber eben noch
nicht jetzt. Natürlich weiß ich, dass ich die Sache nicht auf ewig
geheim halten kann...bitte, lass mich einfach in Ruhe. Mir reicht es schon,
mich ab morgen wieder bevormunden zu lassen, also würde ich jetzt schon
gerne noch selbst für mich verantwortlich sein und den Abend mit meiner
Freundin verbringen. Bye.“
Katie hatte zwar nicht das ganze, aber die hälfte des Gesprächs mitbekommen,
was reichte, um sie misstrauisch zu stimmen. Mit wem hatte Kian gesprochen.
Sie wusste nur, dass ein gewisser Louis am anderen Ende der Leitung war, doch
weshalb hatte er ihn so angeschrieen? Und warum fiel ihr Name in dem Telefonat
so häufig? Gab es etwa eine Person, die gegen ihre Beziehung war? Und was
hatte es mit diesem ominösen Geheimnis auf sich? Anscheinend gab es etwas,
dass Kian vor ihr geheim hielt, doch was war das?
Unendlich viele Fragen hatten sich in Katies Kopf gesammelt und brachten ihn
förmlich zum überlaufen. Noch vor wenigen Minuten hatte sie das Gefühl,
frei und unbeschwert zu sein, doch nun gab es wieder etwas, dass sie belastete
und am schlimmsten war, dass sie nicht wusste, was es war. Um nicht von Kian
entdeckt zu werden, schlich sie in ihr Zimmer, ließ die Tür aber
einen Spalt weit offen, in der Hoffnung, Kian würde einen Blick herein
werfen. Vielleicht könnte sie so näheres über das Telefongespräch
erfahren. Sie tauschte gerade ihre Jeans gegen eine lässige Trainingshose,
als Kian durch die Zimmertür lugte und lächelte. Katie wollte sich
nichts anmerken lassen und erwiderte sein lächeln, wenn auch anders, als
sonst. Kian allerdings schien das nicht bemerkt zu haben, kam in ihr Zimmer
und schloss die Tür hinter sich.
„Fertig?“, fragte Katie beiläufig, um nicht allzu interessiert zu klingen,
auch wenn alles in ihr danach schrie, zu erfahren, um was es in dem Gespräch
ging. „Ja.“
Er ließ sich benommen auf ihr Bett fallen und stützte sich mit einem
Arm ab, um Katie beim umziehen zusehen zu können. „Ist alles nach deinen
Vorstellungen verlaufen?“ „Bei dem Telefonat? Ja, natürlich, alles geklärt.“
Katie nickte nur stumm. Sie wusste, dass er log, doch aus welchem Grund? Was
verschwieg er vor ihr? Hatte sie nicht ein recht darauf, es zu erfahren? Katie
drehte sich zu Kian herum und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Mit wem hast du eigentlich telefoniert?“ Kian schien mit dieser Frage nicht
gerechnet zu haben und verlor für einen kurzen Moment den roten Faden.
Genau das wollte Katie bezwecken. Unsicherheit. „Hast du keine Lust, es mir
zu erzählen?“, hakte sie nach und machte ein paar Schritte auf ihn zu.
Er setzte sich aufrecht hin und sah sie ungläubig an, ehe er den Kopf schüttelte
und sich vom Bett erhob. „Nein, habe ich nicht.“ „Und weshalb nicht?“ „Weil
es dich nichts angeht, deshalb.“ Kian wusste, dass sich Katie damit nicht zufrieden
geben würde und fuhr sich seufzend durch das blonde Haar. „Kat, es ist
doch vollkommen egal, mit wem ich was besprochen habe. Lass uns lieber etwas
anderes machen, anstatt hier so dummes Zeug zu reden.“
Er wollte sich ihr nähern, doch Katie machte einen Schritt zurück
und sah ihn herausfordernd an. Ihr war klar, dass sie ihn mit ihrem Verhalten
bis aufs Blut reizen würde, doch das war ihr egal. Sie wollte verdammt
noch mal wissen, mit wem er ausgerechnet über sie gesprochen hatte. „Und
ob es mich was angeht, Kian Egan. Ich habe gehört, wie mein Name gefallen
ist und das nicht nur ein mal.“ Er sah sie erschrocken an und schnappte kräftig
nach Luft. Sie hatte ihn ertappt, doch wobei? „Hast du etwa gelauscht?“, fragte
er, nun nicht mehr zurückhaltend, sondern mit einem Anflug von Wut in der
Stimme. Eigentlich hatte Katie alles andere als Lust darauf, sich mit ihm zu
streiten, doch die Situation ließ es nun mal nicht anders zu. „Nein, ich
habe nicht gelauscht“, log sie und brachte es dabei sogar fertig, ihm ins Gesicht
zu sehen. „Ach ja? Und warum weißt du dann so genau über das Telefonat
bescheid, wenn du angeblich nicht gelauscht hast?“ „Ganz einfach. Du hast förmlich
ins Telefon geschrieen und als ich nach oben gekommen bin, um mich kurz frisch
zu machen, habe ich meinen Namen gehört im Zusammenhang mit Dingen, die
ich nicht verstehe.“
Katie wurde lauter als gewollt, doch es war ihr egal, ob sie schrie oder nicht.
Hauptsache Kian würde begreifen, dass es ihr ernst war, mit dem, was sie
sagte. Er sah sie unentwegt an, kam aber nun beträchtlich näher und
umschloss ihr Handgelenk mit seiner Hand. Sein Griff war fest und dennoch hatte
Katie nicht die Absicht, sich einschüchtern zu lassen. „Antworte mir endlich,
Kian!“ „Es gibt nichts zu antworten. Ich bin dir keinerlei Rechenschaft schuldig,
vor allem dann nicht, wenn du dich in Dinge einmischst, die dich nicht im geringsten
was angehen. Rede verdammt noch mal nicht mehr über dieses Thema oder...“
Kian verstärkte seinen Griff, sodass es für Katie langsam schmerzhaft
wurde, doch sie wollte nicht zurückstecken, auf keinen Fall. „Was oder?“
„Oder du bist für mich gestorben.“
Er sah sie noch nicht einmal mehr an, als er sie los ließ und wutentbrannt
aus dem Zimmer stürmte. Katie sah ihm hinterher, bevor sie sich emotionslos
auf den Boden fallen ließ und an die geschlossene Zimmertür starrte.
Katie war leise in Kians Schlafzimmer gegangen, um sich seine Gitarre zu holen,
denn irgendeine Beschäftigung musste sie sich suchen, jetzt, wo Kian keinerlei
Interesse mehr daran zeigte, sich mit ihr zu unterhalten. Erst hatte sie daran
gedacht, sich wieder bei Violet zu melden, doch als sie diese anrufen wollte,
ging nur die Mailbox ran und auch unter ihrer Festnetznummer war sie nicht zu
erreichen. Also blieb nur noch Kians Gitarre, auch wenn sie damit eventuell
einen erneuten Tobsuchtsanfall seinerseits riskierte, da sie sich einfach etwas
genommen hatte, was ihm gehörte. Und wenn es etwas war, was er nicht ausstehen
konnte, dann war es das. Katie allerdings war das ziemlich egal, denn wütender
konnte er kaum noch werden und selbst wenn... Gedankenverloren zupfte sie an
den Saiten und spielte ‚Angel’, wie gestern, als Kian sie am Strand zum ersten
mal geküsst hatte. Diesen Moment würde sie auf ewig in Erinnerung
behalten, denn er war so unglaublich schön, dass man ihn einfach nicht
vergessen konnte. Unweigerlich stiegen ihr Tränen in die Augen, die sie
eigentlich nicht zulassen wollte, den Kampf gegen sie aber letztendlich doch
verlor. Schluchzend versuchte sie, den Text des Songs über ihre Lippen
zu bringen, doch da ihre Stimme genau wie ihr Körper zitterte, war das
ein Ding der Unmöglichkeit. Katie legte die Gitarre beiseite und ging zum
Fenster, um hinaus zu sehen. Der Himmel war klar und ging von einem strahlenden
blau langsam in ein dunkles Rot über. Die Sonne verschwand langsam hinter
dem Horizont und machte Platz für die Dunkelheit, die nicht nur draußen,
sondern auch in Katies Herzen herrschen würde. Sie hatte Angst davor, Kian
verloren zu haben, denn noch niemals zuvor hatte er sie so dermaßen grob
behandelt, dass es sogar schmerzte. Noch jetzt war eine rote Stelle an ihrem
Handgelenkt zu sehen, dort, wo Kian sie festgehalten hatte. Vorsichtig strich
sie darüber und wandte ihren Blick anschließend wieder nach draußen.
Katie bemerkte nicht, dass die Tür hinter ihr aufging und Kian ins Zimmer
kam. Sie zeigte auch keinerlei Regung, als er eine Hand auf ihre Schulter legte
und sie zu sich umdrehte. Er legte ihren einen Finger unter ihr Kinn, damit
sie ihn ansehen musste, doch Katie weigerte sich und wich seinem Blick aus.
Kian konnte doch nicht einfach so herkommen, als wäre nichts geschehen.
Es war nicht alles in Ordnung und das wusste er genauso gut wie sie.
„Kat...“, sagte er leise, brach den Satz aber abrupt ab, als Katie sich von
ihm wegdrehte und das Fenster, durch das mittlerweile recht kühle Luft
in den Raum gelangte, schloss. Sicher hätte sie sich liebend gerne wieder
mit ihm versöhnt, doch es fiel ihr viel zu schwer, als das es realisierbar
gewesen wäre. Kian hatte sie verletzt, nicht nur innerlich, sondern auch
äußerlich, obwohl sie der Meinung war, er würde niemals handgreiflich
werden. Vielleicht sollte sie seine Reaktion von vorhin nicht überbewerten,
doch vergessen würde sie sie ganz bestimmt auch nicht. „Katie, ich wollte...ich
wollte mich bei dir entschuldigen. Tut mir leid, wie ich mich vorhin benommen
habe und ich weiß, dass du mir schon einmal eine zweite Chance gegeben
hast, die ich anscheinend nicht gerade bravourös gemeistert habe, stimmt’s?“
Mal wieder zeigte er sich einsichtig, doch dieses mal würde es Katie ihm
nicht so leicht machen. Sie hat ihm schon so oft verziehen und wurde immer wieder
enttäuscht. Nun war das Maß voll, ob endgültig wusste sie noch
nicht, schließlich bedeutete ihr Kian mehr, als sie dachte. Trotzdem drehte
sie sich zu ihm und sah in sein Gesicht. Es erschrak sie. Seine Augen wirkten
unendlich traurig und nicht mehr so strahlend, sondern so, als wären sie
von einem dunklen Schleier überzogen.
Kian litt, dass war unverkennbar.
„Kian, ich dachte wir würden ehrlich zueinander sein und uns alles sagen.
Ich weiß nicht warum du ein Geheimnis vor mir hast, doch du hast eins
und das kannst du nicht mehr leugnen. Ich habe keine Ahnung, warum du dich mir
nicht anvertraust, aber ich bin für dich da, egal was dich bedrückt,
nur kann ich dir nicht helfen, wenn du mir nichts erzählst.“ „Das weiß
ich, Kat. Ich weiß, dass du es nur gut meinst und mich nicht zu irgendetwas
drängen willst, aber ich kann es dir einfach noch nicht sagen, weil ich
Angst habe, dass du mich danach hassen wirst.“ Kian sprach leise und monoton,
was Katie dazu veranlasste, ihm eine Hand auf seine fahle Wange zu legen. „Kian,
ich könnte dich niemals hassen, weil ich dich dafür einfach viel zu
lieb habe.“ Sie lächelte und umarmte ihn. Egal was Kian vor ihr verbarg,
es konnte warten. Nichts war so wichtig, wie er und auch sein Geheimnis konnte
unmöglich so wichtig sein, dass es ihre Beziehung von Grund auf ändern
würde. Katie wusste alles über Kian, was sie wissen musste, und das
reichte ihr. Behutsam küsste sie ihn, bevor sie ihren Kopf an seine Schulter
legte und die Augen schloss, als er seine Arme fest um sie legte. Katie war
froh sich wieder mit ihm versöhnt zu haben, denn die Nacht alleine zu verbringen,
wäre schrecklich einsam geworden. „Bist du mir nicht mehr böse?“ „Nein,
Ki, dir kann man schließlich nicht lange böse sein. Aber warte kurz,
vielleicht hast du gleich einen Grund, um auf mich böse zu sein. Ich habe
mir ungefragt deine Gitarre genommen und auf ihr gespielt. Bitte sieh mich nicht
so an, es ist nichts kaputt gegangen.“ Sie löste sich aus Kians Umarmung
und versuchte zu lächeln, was ihr aufgrund von Kians Gesichtsausdruck mehr
als schwer fiel. Katie befürchtete einen erneuten Wutausbruch, doch anstatt
wie ein wilder herum zu schreien, packte er Katie, warf sie über seine
Schulter und trug sie die paar Meter bis zu ihrem Bett, wo er sie drauf fallen
ließ und sich anschließend über sie beugte.
„Aha, so ist das also. Du nimmst einfach meine Sachen, ohne mich zu fragen. Was soll ich nur mit dir machen? Das gehört sich nicht. Ob du willst oder nicht, aber dafür hast du eine Bestrafung verdient.“ „Und wie wird die aussehen?“ „Ich werde dir den Schlaf rauben, indem ich dich die ganze Nacht leidenschaftlich und bis zur Erschöpfung liebe.“ Katie kicherte leise, als Kian sich zu ihr hinunter beugte und damit begann ihren Hals zu küssen. Gegen Bestrafungen dieser Art hatte sie nun wahrlich nichts einzuwenden.
„Hast du alles?“, fragte Kian und sah zu Katie, die mit schweren Schritten
die Einfahrt entlang gelaufen kam. „Ja, ich denke schon. Und wenn nicht, dann
ist es auch nicht so schlimm, schließlich kannst du es mir vorbei bringen“,
antwortete sie, als sie neben Kian zum stehen kam, der gerade damit beschäftigt
war, seinen Kofferraum zu öffnen. „Stimmt.“ Er lächelte und packte
zuerst sein Gepäck und dann Katies hinein, ehe er die Klappe zuschmiss
und sich seufzend durch sein Haar fuhr. „Was ist?“ Katie war einen Schritt an
ihn heran getreten und sah ihn an. „Nichts besonderes. Ich finde es nur schade,
dass die Tage von vollkommender Zweisamkeit vorbei sind.“ „Ja, das finde ich
auch.“
Betreten sah Katie auf den Boden und vergrub ihre Hände in den Hosentaschen
ihrer Jeans. Schon den ganzen Morgen hatte ihr die Tatsache schwer im Magen
gelegen, Sligo zu verlassen, um sich wieder in ihrer kleinen Wohnung häuslich
zu machen. Sie würde es vermissen, Kian vierundzwanzig Stunden lang um
sich herum zu haben, denn trotz der kurzen Zeit, die sie zusammen in seinem
Haus verbracht hatten, hatte sie sich schon so sehr an seine Anwesenheit gewöhnt,
dass es ihr nun schwer fiel, wieder in ihren Alltag einzusteigen. Aber weshalb
zog sie das eigentlich so sehr runter? Katie hatte allen Grund zur Freude, schließlich
war sie endlich mit Kian zusammen und da er den Hauptteil der Woche ebenfalls
in Dublin verweilte, sollte es eigentlich nicht allzu schwierig werden, sich
jeden Tag zu sehen.
„Komm her.“ Kian hatte Katies veränderten Gemütszustand sofort gemerkt
und zog sie in seine Arme. Sie genoss es wahnsinnig, wie er seine starken Arme
um ihren zerbrechlichen Körper legte und ihr dabei kaum merklich über
den Rücken strich. Diese Gesten verursachten immer wieder aufs neue eine
Gänsehaut bei ihr. Ein paar Minuten standen sie einfach so da, ohne ein
Wort zu sagen. Sie hielten sich fest, nur fest und hatten auch nicht vor, sich
in der nächsten Zeit wieder loszulassen... „Lass uns fahren“, sagte Kian
und streichelte sanft Katies Wange. Sie nickte und küsste ihn zärtlich,
bevor sie um das Auto herum ging, die Beifahrertür öffnete und einstieg.
Kian tat es ihr gleich und startete den Motor, als er sah, dass sie sich angeschnallt
hatte und für die Abfahrt bereit war. Obwohl es Katie nicht vorgehabt hatte,
so fielen ihr schon wenige Kilometer, nachdem sie Sligo verlassen hatten, die
Augen zu. Letzte Nacht fand sie kaum Schlaf, da Kian seine Bestrafung in die
Tat umsetzte und ihr keine ruhige Minute ließ.
Nun gut, sie konnte nicht leugnen, dass sie diese Bestrafung nicht gemocht hatte,
doch wenn man sich stundenlang liebte, ging das schon an die Kondition und zollte
seinen Tribut. Vielleicht war es besser, dass sie schlief, denn so hätte
sie wenigstens nicht immer dieses seltsame Gefühl, irgendetwas vergessen
zu haben. Doch was war es nur? Soweit sie sich erinnern konnte, war ihr Kleiderschrank
leer gewesen, als sie ihr Zimmer verlassen hatte und auch im Rest des Hauses
war kein privater Gegenstand mehr von ihr zu finden. Was um Himmels willen hatte
sie dann nur vergessen? Ihr Herz. Genau, sie hatte ihr Herz vergessen, eventuell
sogar absichtlich in Sligo gelassen, denn sie liebte diese kleine Städtchen
und seine Bewohner über alles, auch wenn sie außer den Egans nicht
wirklich viele kannte. Trotzdem hatte sie sich unsterblich in Sligo verliebt
und hoffte auf eine baldige Rückkehr, die schneller als erwartet und auch
als gewollt kommen würde, was Katie aber in diesem Moment noch nicht im
geringsten ahnte. Sie schlug ihre Augen erst wieder auf, als sie Dublin vor
sich sah. Erschrocken rutschte sie in ihrem Sitz ein Stück höher,
um aus dem Fenster sehen zu können. Tatsächlich, sie waren schon in
Dublin und passierten in diesem Augenblick das Ortsschild. Verschlafen gähnte
Katie, ehe sie sich über ihre Augen fuhr und zu Kian hinüber sah,
dessen Blick konzentriert auf die Straße gerichtet war. Er hatte seine
Brille aufgesetzt, die er für gewöhnlich nur zum lesen brauchte, doch
scheinbar strapazierte das fahren seine Augen nicht weniger, weshalb er wohl
zu ihr gegriffen hatte. Katie musste zugeben, dass er selbst mit Brille noch
unglaublich sexy aussah und es seiner Attraktivität keinen Abbruch tat.
Ganz im Gegenteil. Er gefiel ihr damit richtig gut. „Sag bloß, ich habe
die ganze Fahrt lang geschlafen.“ Kian schien nicht bemerkt zu haben, dass sie
wach war und zuckte kurz zusammen, bevor er kurz zu ihr hinüber sah und
nickte. „Jep, du hast die ganze Zeit friedlich geschlafen, wie ein kleines Baby.“
„Mist.“ Frustriert lehnte sie sich in ihrem Sitz zurück, schloss kurz die
Augen, um sie kurz darauf wieder zu öffnen. Ehe sie sich versah, parkte
Kian seinen Wagen vor dem Mehrfamilienhaus in der Dubliner City und stieg aus.
Am liebsten wäre Katie einfach sitzen geblieben und sie machte sich eine
gedankliche Notiz, sich demnächst fest zu ketten, wenn sie das nächste
mal mit Kian unterwegs war. Lustlos stieg sie aus dem Wagen und wollte nach
ihrem Koffer greifen, doch Kian, ganz Gentlemen, kam ihr zuvor und erklärte
sich bereit dazu, ihr Gepäck sicher in ihre Wohnung zu transportieren.
Katie bedankte sich großherzig mit einem Kuss bei ihm, eh sie voraus ging,
während Kian hinter ihr durch das Treppenhaus gestampft kam. Eilig wühlte
sie in ihrer Handtasche nach ihrem Schlüssel, steckte ihn ins Schloss und
trat die Wohnungstür auf. Obwohl es draußen sehr mild war, war es
in der Wohnung seltsamerweise unangenehm kühl. „Komm rein“, sagte sie beiläufig
zu Kian, der ihren Koffer in die Diele zog und sich nebenbei seine schwarze
Lederjacke auszog. „Soll ich den hier stehen lassen?“ Mit einem Seitenblick
sah er zu dem Koffer, der förmlich darauf wartete, ausgepackt zu werden.
„Ja, lass nur, ich stell ihn später weg. Bleibst du noch einen Moment?“
Kian nickte und folgte Katie ins Wohnzimmer, wo sich beide, Arm in Arm, schwerfällig
auf die Couch fallen ließen. Katie musste kichern, als sie unbeabsichtigt
etwas zu grob auf ihn fiel, doch er nahm es mit Humor und küsste ihre Nasenspitze.
„So schön wie dein Haus, ist meine Wohnung auf keinen Fall, stimmt’s, Ki?“
„Na ja, stimmt. Aber es lässt sich doch ertragen. Ähm, Katie, ich
wollte dich mal was fragen.“ „Was denn?“ Sie richtete sich auf und setzte sich
auf seinen Schoss. Sanft streichelte sie seinen Nacken, mit der Gewissheit,
dass er das sehr mochte, was er ihr mehr als ein mal bewiesen hatte. „Würdest
du mir deine Taps mal ausleihen?“ Katie legte ihre Stirn in Falten, nicht sicher,
auf was Kian hinaus wollte. „Meine Taps? Was für Taps?“ „Na die mit deinen
eigenen Songs.“ „Wozu brauchst du die denn?“ „Ich möchte sie...ich möchte
sie mir lediglich mal anhören, um mich selbst davon zu überzeugen,
wie talentiert du bist.“ Er grinste breit, was von Katie mit einem ungläubigen
Kopfschütteln quittiert wurde. „Ist das dein ernst? Du möchtest dir
wirklich die Bänder anhören?“ Kian nickte energisch. Zwar wusste Katie
nicht, was sie davon halten sollte, aber warum sollte sie ihm die Taps denn
nicht geben? Sie sah keinen Grund, sie ihm vorzuenthalten. „Na schön. Warte,
ich hole sie.“
Sie erhob sich und lief mit schnellen Schritten in ihr Zimmer, wo sie einen
kurzen Moment überlegen musste, wo sie ihre Taps verstaut hatte, sie aber
letztendlich in ihrem Nachtischschränkchen fand. Katie hatte die Taps in
der Hand, die sie von den Plattenfirmen zurück geschickt bekommen hatte.
Sicher war Kian nicht mehr begeistert, aber er hatte ja auch nicht so viel Erfahrung
mit Musik, dachte sie. Bevor sie wieder zurück ins Wohnzimmer ging, schnappte
sie sich ein Haargummi, dass auf dem Boden lag und band sich ihr Haar zu einem
lockeren Knoten zusammen.
„Hier.“ Katie warf Kian die Taps in den Schoss und beobachtete ihn. Er sah sich
die Kassetten ganz genau an und schien dabei angestrengt zu überlegen,
was seinem Gesichtausdruck nach zu urteilen war. Sicher hätte Katie gerne
gewusst, über was er nachdachte, doch sie hatte bis jetzt sehr schlechte
Erfahrungen damit gemacht, Kian zu nahe zu kommen, was seine Gedanken betraf,
als beließ sie es dabei. Gerade wollte sie sich neben ihm niederlassen,
als ihr sein Handy einen Strich durch die Rechung machte. Wer störte sie
denn jetzt schon wieder?
Genervt rollte Katie mit den Augen, setzte sich aber trotzdem neben ihn und
legte eine Hand auf sein rechtes Bein. „Musst du ran gehen?“ Sie legte ihren
wehleidigsten Hundeblick auf, doch Kian lehnte ab. „Tut mir leid, Kat, aber
vielleicht ist es wichtig.“ Mit den Worten zog er sein Handy aus seiner Hosentasche
und nahm ab.
„Ja, hallo...Oh, Nicky...was? Jetzt schon? Wer ist denn auf diese dämliche
Idee gekommen. Wir haben noch bis heute Abend um siebzehn Uhr frei...Louis,
wer auch sonst. Der hat in letzter Zeit wirklich die dämlichsten Ideen.
Erinnere mich daran, ihm bei Gelegenheit dafür mal den Hals umzudrehen...was,
ja, ich komme, schließlich will ich nicht riskieren, dass Anto einen Herzinfarkt
bekommt, wenn ich nicht bei ihm auftauche...nein, ich bin bei Kat... Gut, bis
gleich. Bin in zehn Minuten bei euch. Bye, Nix...ja, mach ich.“
Stöhnend legte er auf und beförderte sein Handy wieder zurück
an den Ausgangsort. Katie sah ihn an, traute sich aber nicht, etwas zu sagen.
Wieder ist der Name Louis gefallen, doch dieses mal scheinbar in einem ganz
anderen Zusammenhang. „Musst du los?“, wollte Katie wissen und strich langsam
über sein Knie, was von ihm mit einem lächeln begrüßt wurde.
„Ja, leider. Die Arbeit ruft und das früher als geplant. Aber ich kann
mich schlecht wiedersetzen. Sorry, Kat.“ „Kein Problem.“ Sie zuckte mit den
Schultern.
„Sobald ich Zeit habe, komme ich wieder vorbei. Ach ja, ich soll dir schöne
Grüße von Nicky bestellen.“
Sorgsam verstaute Katie ihre unbenutzten Kleidungsstücke in ihrem Kleiderschrank, damit sie danach den Koffer zurück unter ihr Bett schieben konnte. Kian war vor etwa zwei Stunden gegangen, in denen Katie lange Zeit nur sinnlos herum gesessen und Löcher in die Luft gestarrt hatte. Es war gar nicht so einfach, sich eine Beschäftigung zu suchen, die nichts mit ihm zu tun hatte. Gerade wollte sie ihr Fenster öffnen, als die Türklingel durch die Wohnung schellte. Vielleicht kam Kian schon wieder. Freudestrahlend lief sie zur Tür, öffnete diese und blickte in das grinsende Gesicht von Violet, die sich ganz offensichtlich eine neue Frisur zugelegt hatte. Ihr Haar war nun kinnlang und mit roten Strähnen durchzogen. Natürlich – rot.
„Na wen haben wir denn da? Miss ich – hab – mit – Shane – Filan – geschlafen.“ Ohne auf eine Reaktion von Violet zu warten, hatte ihr Katie den Rücken zugekehrt und war ins Wohnzimmer gegangen. Die Enttäuschung darüber, dass es nicht Kian war, der vor ihrer Tür gestanden hatte, war ziemlich groß. „Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?“, fragte Violet als sie auf der Couch Platz nahm. „Nichts“, war ihre knappe Antwort. „Natürlich, Kat. Das sehe ich. Stress mit Kian? Wie ist er denn so?“
Katie zog eine Augenbraue nach oben. Was wollte Violet denn jetzt von ihr?
„Wie meinst du das?“ „Stehst du auf der Leitung oder was. Wie ist er denn so
im Bett? Gut, schlecht, Mittelmaß?“ Ein spitzer Schrei voller Empörung
entwich Katies Lippen. Woher wusste Violet davon, wenn außer Kian und
ihr doch sonst kaum jemand eingeweiht war? „Vi, woher weißt du, dass ich
mit ihm zusammen bin?“ Grinsend zuckte sie mit den Schultern und lehnte sich
zurück. „Tja, ich hab da meine Quellen. War ja klar, dass ihr zusammen
kommen würdet, so wie ihr ineinander verschossen seit. Da hatte dein Ausflug
nach Sligo ja doch was gutes.“ „Ja, schon, aber irgendwie auch nicht.“
Sie sah Violet eindringlich an, die ganz genau wusste, was als nächstes
geschehen würde. „Kat, sag nichts. Sag bitte nichts. Ich hatte mit Shane
Filan eine Affäre und kann es nicht wieder rückgängig machen,
selbst wenn ich es gewollt hätte. Du bist wirklich die letzte, die mir
jetzt eine Predigt halten sollte. Sei einfach ruhig und sag nichts, ja? Unsere
Affäre ist momentan nämlich gerade auf Eis gelegt, weil Gillian etwas
vermutet.“ Theatralisch rollte Violet mit ihren Augen und stieß einen
bedrückten Seufzer aus. Wenn sie dachte, Katie würde sie jetzt bedauern,
dann hatte sie sich geschnitten. „Wundert dich das etwa, Vi? Irgendwann musste
sie ja mal was mitbekommen oder dachtet ihr ernsthaft, es auf Dauer verstecken
zu können? Überhaupt verstehe ich nicht, wie Shane es tatsächlich
fertig gebracht hat, seine Frau zu betrügen. Ich habe ihn immer für
sehr vernünftig gehalten.“ „Na, was ein kurzes Röckchen doch ausmachen
kann.“ Violet konnte sich ein grinsen nicht verkneifen, als sie in Katies entsetztes
Gesicht sah.
Dann sagte sie: „Du hast mit immer noch nichts von den Bettkünsten deines
Liebhabers erzählt.“ Nun war Katie diejenige, die grinste. „Tja, meine
liebe Vi. Dieses Geheimnis behalte ich für mich.“
Kleine Regentropfen trommelten leicht gegen die Fensterscheiben und der Himmel,
der vor kurzem noch blau war, hatte sich nun bedrohlich in einen dunklen Grauton
verfärbt. Katie seufzte und wickelte sich ein Handtuch um den Kopf, um
ihre Haare, die sie soeben gewaschen hatte, abzutrocknen. Anschließend
ging sie zum Badezimmerfenster und schloss dieses, um den aufkommenden Wind
keinen Einlass in den Raum zu bieten. Violet war vor wenigen Minuten gegangen,
was Katie spontan zu einer kurzen Haarwäsche genutzt hatte. Sie hoffte
inständig, Kian würde am Abend noch mal bei ihr vorbei schauen und
wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte, wäre sie auch zu ihm gegangen,
doch scheinbar hielt er es nicht für notwendig, ihr die Adresse des Hotels
zu geben, wo er momentan residierte. Manchmal war er schon seltsam und doch
liebte Katie ihn. Sie erschrak. Was hatte sie eben gedacht? Sie liebte ihn?
Gott, das tat sie, sie liebte ihn und das mehr als einen anderen Mann je zuvor.
Diese Erkenntnis schockierte sie ein wenig, weshalb sie verwirrt den Kopf schüttelte
und ihr noch feuchtes Haar zu einem wüsten Knoten zusammen band. Katie
ging in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen, als sich das Telefon
bemerkbar machte. Stöhnend kehrte sie um, ging in den Flur und nahm den
Hörer in die Hand.
„Katie Brookwell“, meldete sie sich und lehnte sich gegen die Wand, die ihr
glücklicherweise genügend Halt gab, den sie bitter nötig gehabt
hatte, nachdem sie gehört hatte, wer sich am anderen Ende der Leitung gemeldet
hatte. „Guten Tag, Miss Brookwell. Mein Name ist Louis Walsh.“ Louis Walsh.
Der Louis Walsh. Einer der einflussreichsten Männer des europäischen
Musikmarktes rief sie an, ausgerechnet sie, ein ganz normales Mädchen.
Was wollte er? Sie konnte sich nicht erinnern, ihm eines ihrer Demotaps zukommen
lassen zu haben. Katie nahm einen tiefen Atemzug und ermahnte sich selber, die
Ruhe zu bewahren, denn ihr Herz schien ihr förmlich aus der Brust springen
zu wollen und auch in ihrem Kopf herrschte völliges Chaos, sodass es fast
unmöglich war, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.
„Ähm...guten Tag, Mr. Walsh. Was...was kann ich für Sie tun?“ Katie
hatte Angst, dass sich die Frage dämlich anhören würde, doch
da sie keine Ahnung hatte, was gerade mit ihr geschah, musste sie diese Frage
einfach stellen. Gespannt wartete sie auf seine Antwort, die nur wenige Sekunden
darauf folgte. „Man hat mir ein Demotape von Ihnen zukommen lassen, von welchem
ich vernehmen kann, dass Sie eine sehr talentierte Songschreiberin und zugleich
auch Komponistin sind.“ Jetzt war es ganz vorbei. Das konnte er doch unmöglich
ernst meinen. Gut, Katie war nicht allzu geschockt davon, dass er aus irgendeinem
Grund eines ihrer Taps besaß, schließlich war das nicht verwunderlich,
zumal er etliche Kontakte zu Plattenfirmen pflegte. Nein, Katie war viel schockierter
darüber, dass er ihr Talent erkannt hatte und sie sogar lobte. Unglaublich.
Louis Wals war eine echte Größe im irischen Musikbusiness. Soweit
Katie wusste, managte er die zurzeit erfolgreichste Boyband Europas und das
musste ihm erst mal einer nachmachen. „Finden Sie, Mr. Walsh?“ „Ja, das tue
ich. Ich war wirklich begeistert von ihren Stücken und deshalb würde
ich Sie bitten, in einer Stunde im Hotel ‚Radison’ vorbei zu kommen, damit ich
ein Gespräch mit Ihnen führen kann.“ „In Ordnung. Ich soll in einer
Stunde bei Ihnen sein? Wo werde ich Sie denn finden?“ „Fragen Sie einfach an
der Rezeption nach und wenn sie sich ausweisen können, wird man Sie zu
mir bringen. Darf ich mit Ihrer Anwesenheit rechnen?“ Katie zögerte keinen
Moment, als sie zusagte. „Ja, das können Sie. Ich danke Ihnen für
Ihren Anruf, Mr. Walsh. Auf wiederhören.“
Katie legte den Hörer auf und ließ sich fassungslos die Wand herunter
gleiten. Noch immer hatte sie nicht realisiert, was sich gerade eben ereignet
hatte. Mit klopfendem Herz und zitternden Händen beschloss sie, auf den
Kaffee zu verzichten und sich stattdessen auf das Treffen mit Louis vorzubereiten.
Langsam erhob sie sich wieder und lief eilig in der Schlafzimmer, wo sie ohne
Rücksicht auf Verluste die Türen ihres Kleiderschrankes aufriss und
in den einzelnen Fächern herum wühlte. Sie wollte ein angemessenes
Erscheinungsbild machen und war deshalb besonders darauf bedacht, nicht allzu
abgetragene Klamotten heraus zu suchen. Nach gut zehn Minuten fiel ihre Auswahl
schließlich auf eine schwarze Stoffhose, die sie mit einem gelben engen
Shirt kombinierte. Prüfend betrachtete sie sich im Spiegel und nickte zufrieden.
So müsste es eigentlich gehen, schließlich war das kein Vorstellungsgespräch
zu dem sie erscheinen musste. Oder etwa doch? Katie löste ihr Haar aus
dem Zopf und stellte lächelnd fest, dass es noch gelockter als sonst war,
was sich als förderlich heraus stellte, da sie nicht noch lange an ihrer
Haarpracht herum werkeln musste. Sie nahm eine Bürste und bändigte
ihr blondes Haar damit, aber so, dass es nicht zu brav, aber auch nicht zu verwegen
aussah. Dann noch etwas Lipgloss und fertig war das Outfit für die Begegnung
der dritten Art oder anders ausgedrückt, einem Treffen mit Louis Walsh.
Katie musste fast ein bisschen lachen, als sie bemerkte, wie nervös und
aufgeregt sie doch war, was eigentlich vollkommen fehl am Platz war. Sie hatte
nichts zu verlieren, sondern konnte nur gewinnen und daran würde sie alles
setzen. Katie Brookwell würde als Siegerin aus diesem Kampf hervorgehen
und ihren langgehegten Traum endlich erfüllen, dessen war sie sicher.
Entschlossen ging sie in die Diele, angelte nach ihrer dunklen Jeansjacke und schlüpfte in die schwarzen Stiefel, die sie zuvor umständlich unter dem Schuhschrank hervor gekramt hatte. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sie alles hatte, warf sie sich ihre Handtasche über die Schulter, griff nach dem Haustürschlüssel und trat aus der Wohnung. Auf den in den Hexenkessel, heiß es jetzt.
Aufgeregt blickte sich Katie um. Vor nicht ganz fünf Minuten hatte sie
das ‚Radison’ betreten und schon jetzt fühlte sie sich äußerst
unwohl. Sie wurde von allen Seiten gemustert, als sie das Hotel betrat und während
sie sich an der Rezeption ausweisen musste, wurde ihr ein schwarz gekleideter,
gorillaähnlicher Mann an die Seite gestellt, den sie eindeutig als Bodyguard
identifizierte. Er hatte ihr gesagt, dass er sie zu Louis bringen würde,
worüber sie im ersten Moment sehr froh war, da sie keinerlei Orientierung
hatte und sich einzig hatte merken können, wo die Aufzüge waren. Im
nachhinein erwies sich dieser Bodyguard aber auch als sehr lästig, denn
obwohl man seine Anwesenheit durch sein anhaltendes Schweigen kaum bemerkte,
spürte man sie dennoch. Nervös spielte Katie am Saum ihrer Jacke,
während sie mit dem Aufzug in die sechste Etage fuhren. Glücklicherweise
ging das recht schnell. Erleichtert trat Katie auf den Hotelflur, nicht binnen
weniger Sekunden von drei Bodyguards umstellt zu sein.
„Lasst sie, Jungs. Walsh will sie sprechen.“ Der Bodyguard war ebenfalls aus
dem Aufzug getreten und hatte sich neben Katie gestellt. Die anderen Männer
nickten und ließen sie gewähren. Schweigend gingen sie den Gang entlang
und einen kurzen Moment lang war es, als hätte Katie Bryans und Marks Stimmen
gehört, doch da täuschte sie sich sicher, da sie sich nicht vorstellen
konnte, dass die Jungs ausgerechnet in einem solch teueren Hotel sein würden.
„Da wären wir.“ Katie sah den Bodyguard an und nickte. Nach einem Moment
des Zögerns klopfte sie an die Tür und öffnete sie, als ein herein
nach draußen drang.
„Guten Tag“, sagte sie und schloss die Tür hinter sich. Der Bodyguard
blieb draußen – Gott sei dank. „Oh, schön Sie zu sehen, Miss Brookwell.“
Louis, der hinter einem Schreibtisch gesessen hatte, erhob sich, ging um den
Tisch herum und reichte Katie seine Hand. Sein Händedruck war fest, was
seine Stellung noch einmal untermauerte. „Setzen Sie sich.“
Er deute mit seiner linken Hand auf einen lederbezogenen Stuhl, auf dem Katie
dankend Platz nahm. Endlich musste sie nicht mehr stehen, denn sie war sich
nicht sicher, wie lange das ihre Beine noch mitgemacht hätten. Sie zitterten
wie Pudding und hätten sicherlich jede Sekunde nachgegeben. Nachdem auch
Louis sich wieder gesetzt hatte, lehnte er sich entspannt zurück und musterte
Katie einen Augenblick lang. In ihr stieg Unbehagen auf, denn wenn sie eines
nicht leiden konnte, dann war es so etwas. „Nun, Miss Brookwell, ich habe schon
vieles von Ihnen gehört“, sprach er ruhig, ohne sie dabei aus den Augen
zu lassen. „Wirklich? Darf ich auch fragen, von wem?“ „Sicher dürfen Sie
das. Ein gewisser Kian Egan hat mir von ihrem Talent als Gitarristin und Songschreiberin
erzählt, woraufhin ich natürlich neugierig geworden bin.“ Katie legte
ihre Stirn in Falten. Sie glaubte sich verhört zu haben, doch Louis schien
wirklich Kians Namen in den Mund genommen zu haben. Ausgerechnet Kian. Was hatte
der denn mit einem Mann wie Louis Walsh zu tun, wo er doch mit Musik nichts
zu schaffen hatte? „Kian Egan?!“, hakte sie verwundert nach und bekam als Antwort
ein nicken. „Ja, er ist zu mir gekommen und hat mich von Ihrem Talent unterrichtet.
Zuerst war ich sehr skeptisch, da es zur Zeit sehr viele Songschreiber auf dem
Musikmarkt gibt, doch er ließ nicht locker und drückte mir ein Tap
von Ihnen in die Hand. Ich hörte es mir an und kam wirklich ins staunen.
Es war großartig, einfach großartig, und dafür, dass Sie noch
so jung sind, haben Sie echt viel auf dem Kasten.“
Er lächelte und kramte beiläufig in einer der vielen Schubladen seines
Schreibtisches. Katie erwiderte sein lächeln, wenn auch nicht sehr kraftvoll,
denn die Tatsache, dass Kian etwas mit Louis Walsh zu tun hatte verursachte
ein mulmiges Gefühl in ihrer Magengegend. Am liebsten hätte sie ihn
angerufen, um ihn auf dieses Thema anzusprechen, doch das war momentan leider
unmöglich. Allerdings sollte Katie die Gelegenheit, sich mit ihm unterhalten
zu können, schneller als gedacht erhalten...
Katie sah Louis dabei zu, wie er eine schwarze Mappe zu Tage beförderte,
die mit einer goldenen Klammer verschlossen worden war. Neugierig beobachtete
sie das Geschehen um sich herum, nicht sicher, was als nächstes geschehen
würde. „So, Miss Brookwell. Ich bin mir fast sicher, dass ich Sie damit
ein wenig überfalle, aber ich bin so begeistert von ihren Songs gewesen,
dass ich unbedingt mehr von Ihnen hören möchte und das eventuell aus
den Hälsen meiner Jungs. Deshalb würde ich Ihnen gerne einen Vertrag
über ein halbes Jahr anbieten, erst einmal zu Probe. Sie könnten Songs
für Westlife schreiben, die die Jungs dann singen. Sie werden sicher begeistert
sein, da es schon eine ganze Zeit her ist, dass sie mal eine weibliche Songschreiberin
hatten. Was halten Sie davon?“ Er schob die Mappe über den Tisch und wartete,
bis Katie sie in die Hand genommen hatte, ehe er sich bedrohlich nach vorne
lehnte. „Überlegen Sie es sich gut, schließlich wissen Sie nicht,
ob Sie jemals noch mal ein solches Angebot bekommen.“ Er hatte recht. Es war
mehr als fraglich, ob Katie jemals wieder eine Chance wie diese bekommen würde.
Eilig überflog sie den Vertrag und kam zu dem Entschluss, unbedingt zusagen
zu müssen. Die Türen, die ihr nun offen standen, waren so groß,
dass sie alle mal hindurch passte. „Einverstanden. Ich werde den Job übernehmen.“
Erfreut klatschte Louis in die Hände und holte einen Stift aus seiner Brustasche
seines Jacketts, den er Katie reichte. Sie atmete noch einmal tief durch, bevor
sie ihre Unterschrift unter das Dokument setzte. Anschließend schob sie
die Mappe wieder zurück und sah Louis abwartend an.
Sie hatte einen Job. Einen Job als Songschreiberin. Crazy, denn wenn Katie
ehrlich war, hatte sie schon gedacht, ihre Karriere würde auf Eis liegen.
Gerade in dem Moment, als Louis den Mund öffnen wollte, um etwas zu sagen,
sprang die Tür auf. Katie drehte sich nicht um, da es nicht ihre Art war,
irgendwelche Neugier zu zeigen. Lieber hielt sie ich dezent im Hintergrund,
doch als sie eine ihr bekannte Stimme vernahm und kurz darauf auch noch eine
zweite, war es mit der Beherrschung vorbei. In einem Schwung drehte sie ihren
Kopf so, dass sie einen freien Blick auf die beiden Personen hatte, die soeben
das Zimmer betreten hatte. Katie schluckte, als sie sah, wer vor ihnen stand.
„Bryan, Kian, was macht ihr hier? Seht ihr nicht, dass ich gerade in einer Besprechung
bin? Und außerdem frage ich mich ernsthaft, was ihr um diese Zeit hier
macht. Wenn mich nicht alles täuscht, hättet ihr doch gerade Tanztraining,
nicht wahr? Sagt bloß, Priscilla hat euch früher gehen gelassen?
Mein Gott, Jungs, in zwei Wochen beginnt eure Tour und ihr seit noch nicht ansatzweise
so fit, wie ihr es eigentlich sein müsstet. Richtet das besonders Shane
und Mark aus und wenn ihr gerade dabei seid, teilt Nicky bitte mit, dass er
morgen ein Interviewtermin mit der ‚OK’ hat.“
Louis redete ununterbrochen und mit jedem Wort, dass er sagte, wuchs Katies
Unwohlsein immer mehr. Sie verstand kein Wort, konnte nicht deuten, was sich
vor ihr ereignete und doch wusste sie ganz genau, was los war.
Erschrocken sah sie von Kian zu Bryan, dann zu Louis und wieder zurück zu den Jungs. Ihr war Kians schockierter Gesichtausdruck nicht entgangen, als er sah, dass sie sich im Zimmer aufhielt. Plötzlich fiel Katie ein, dass Kian in seinen Telefonaten ja auch immer wieder den Namen Louis in den Mund genommen hatte und jetzt wusste sie auch warum. Katie wagte es kaum auszusprechen und doch hatte sie Gewissheit: Kian war ein Mitglied von Westlife und kein einfacher Geschäftsmann, wie er immer vorgeben hatte. Jetzt verstand sie auch, warum er sich so intensiv von seiner Familie verabschiedet hatte. Er würde demnächst mit den Jungs auf Tour gehen und seine Familie eine Zeit lang nicht mehr sehen. Herrgott, warum bemerkte sie das erst jetzt? Alles war glasklar und Katie hatte die ganze Zeit nichts mitgekriegt. Schlimmer noch, sie hatte noch nicht mal etwas geahnt. Sie war sauer, fürchterlich sauer auf Kian, denn er hatte sie belogen, seit sie sich kannten. Und noch vor wenigen Tagen hatten sie sich geschworen, ehrlich zu einander zu sein, doch von dieser Ehrlichkeit war nichts zu erkennen, rein gar nichts. Katie erhob sich von ihrem Stuhl und sah Kian an.
„Kat, ich kann dir alles erklären“, flüsterte er und machte einen
Schritt auf sie zu, doch Katie wich aus und funkelte ihn wütend an.
„Ich brauche deine Erklärungen nicht“, entgegnete Katie nicht weniger leise
als zuvor. Dann verließ sie das Zimmer. Noch nie in ihrem Leben hatte
sie jemand so sehr enttäuscht. Noch nie und gerade jetzt, wo sie erkannt
hatte, dass sie Kian liebte. Unfassbar.
Verschlafen öffnete Katie ihre Augen. Das gleißende Sonnenlicht durchflutete den Raum und hätte normalerweise dazu beigetragen, dass Katie freudestrahlend aus dem Bett gesprungen wäre, doch dem war nicht so. Schon seit ganzen zwei Tagen schaffte sie es nicht mehr, sich über einen neu angebrochenen Tag zu freuen. Noch immer lag ihr die Tatsache, dass Kian ein Mitglied einer erfolgreichen Boygroup war, schwer im Magen. Seit seinem mehr oder weniger gewollten Geständnis hatte sie den Kontakt zu ihm vollkommen vermieden. Katie hatte ihm die Tür nicht aufgemacht, wenn er geklingelt hatte und auch ans Telefon ging sie nicht mehr. Vermutlich störte es sie weniger, dass er Sänger war, sondern viel mehr, dass er sie von Anfang an angelogen hatte. Seitdem sie sich kannten war er nicht ehrlich zu ihr gewesen und hatte mit ihr ein Spiel gespielt, von dem keiner ahnen konnte, dass es so ausgehen würde. Sie war enttäuscht, so fürchterlich enttäuscht von dem Mann, den sie zu lieben glaubte. Unfassbar, dass sie ihm noch sagen wollte, was sie für ihn empfand. Einfach unfassbar. Katie spürte, wie sich die ersten Tränen wieder in ihren Augen sammelten. Es verging kaum eine Stunde, in der sie nicht weinte und der Zeit, die sie mit Kian hatte und so sehr genoss, nachtrauerte. Er fehlte ihr so sehr, doch sie konnte nicht zu ihm zurück, konnte ihm nicht einfach verzeihen.
Sie streckte sich und drehte ihren Kopf so, dass sie einen Blick auf ihren Wecker werfen konnte. Kurz vor acht Uhr morgens, eigentlich viel zu früh um aufzustehen, doch Katie würde sowieso keinen Schlaf mehr finden, da ihr Kopf schon wieder voller Fragen war, die ihr keine Ruhe ließen. Warum? Warum nur war er nicht ehrlich zu ihr gewesen? Warum? Müde rieb sie sich mit Daumen und Zeigefinger ihre leicht geschwollenen Augen, bevor sie die Decke zurück schob und mit ihren nackten Füßen auf den Boden trat. Er war kalt und unangenehm und normalerweise wäre Katie sofort in warme Socken geschlüpft, doch im Moment spürte sie nichts von der Kälte des Bodes, sonder nur von der Kälte, die in ihrem Herzen herrschte.
Mit trägen Schritten und eingezogenen Schultern öffnete sie die Tür
ihres Schlafzimmers und ging in das gegenüberliegende Badezimmer. Fast
im Zeitlupentempo betätigte sie den Wasserhahn und warf sich eine Ladung
kaltes Wasser ins Gesicht, in der Hoffnung, endlich wach zu werden. Katie sah
in den Spiegel und musterte ihr Spiegelbild. Sie sah schrecklich aus, richtig
beängstigend. Ihr Gesicht war so weiß, dass es Schnee hätte
Konkurrenz machen können und ihre Wangen wirkten eingefallen und knochig.
Katie war nur noch ein Schatten ihrer selbst und das wusste sie. Doch warum
unternahm sie nichts dagegen? Ein ausgewogenes Frühstück und eine
warme Tasse Tee hätten sicherlich Wunder bewirkt. Sie sollte sich nicht
so gehen lassen, schließlich hatte das überhaupt keinen Sinn. Es
verschaffte ihr weder Genugtuung, noch in irgendeiner Weise profitierte sie
davon. Katie litt einfach nur darunter. Damit musste jetzt Schluss sein. Ein
energisches Kopfnicken bestätigte ihren Gedankengang.
Eilig fischte sie nach einem schwarzen Haargummi, dass auf der Ablage lag, wo
sich ihre Cremes und die Zahnbürste befanden, und band sich damit ihr Haar
zusammen, um anschließend in ein paar lockere Klamotten zu schlüpfen
und in die Küche zu gehen. Katie griff gähnend in einen der zahlreichen
Küchenschränken und suchte nach einem Teebeutel, den sie Sekunden
später auch schon in der Hand hatte. Danach setzte sie Teewasser auf und
öffnete den Kühlschrank. Sie stemmte die Hände in die Hüften
und begutachtete das, was sich ihr bot. Der Kühlschrank war nicht wirklich
voll, doch für eine Scheibe Toast mit Marmelade genügte es noch. Katie
nahm sich das, was sie benötigte und verteilte es auf dem Tisch, genau
wie Besteck und einen Teller. Gerade wollte sie sich auf einen Stuhl fallen
lassen, als sich der Wasserkocher meldete und ihr deutlich machte, dass das
Wasser nun kochte und aufgegossen werden konnte. Katie nahm die Tasse in die
Hand, in der sich das heiße Wasser befand und stellte es auf den Tisch,
um danach schnell die Zeitung reinzuholen, wie sie das jeden Morgen tat, um
über die aktuellen Geschehnisse in der Welt genauestens informiert zu sein.
Sie lief in die Diele, schlüpfte schnell in ein paar Latschen, nahm sich
den Haustürschlüssel und lief eiligen Schrittes den Treppenflur herunter,
um zu den Briefkästen zu gelangen, die sich am Hauseingang befanden. Im
ersten Moment dachte sie, keine Zeitung im Briefkasten zu haben, doch nach näherem
hinsehen entdeckte sie das graue Papier und holte es aus dem Schlitz heraus,
in dem es steckte, darauf bedacht, sie nicht kaputt zu machen. Anschließend
lief sie wieder nach oben, um sich ihrem Frühstück zu widmen.
Am heutigen morgen sah sie noch nicht auf die Titelseite, wie sie es sonst immer tat, sondern wartete erst, bis sie in ihrer Wohnung ankam, wo sie die Zeitung auf den Tisch warf, schnell zur Toilette ging und sich anschließend an den Küchentisch setzte. Eigentlich hatte sie vor gehabt, an diesem Tag keinen einzigen Gedanken mehr an Kian zu verschwenden, doch nachdem sie die Zeitung in die Hand genommen hatte, wusste sie, dass das ein Ding der Unmöglichkeit war. Katie wollte gerade in ihren Toast beißen, ließ es aber bleiben, da ihr der sicherlich im Halse stecken geblieben wäre und so zu einem schrecklichen Erstickungstod geführt hätte.
Auf der Titelseite der ‚Irish Post’ prangte ihr Gesicht, dass Gesicht der Katie Brookwell in Zusammenhang mit dem Namen Kian Egan. Katie hätte sich eigentlich sofort durchgelesen, was über sie geschrieben wurde, hätte es da nicht noch etwas anderes gegeben, dass ihre Aufmerksamkeit geweckt hätte. Shane. Neben seinem Bild war in großen schwarzen Lettern zu lesen:
„Shane Filan – geheime Affäre mit einer Nachtclubbedienung!"
Katie schluckte. Die Affäre mit Violet wurde aufgedeckt. Oh Gott, das durfte
doch alles nicht wahr sein. Warum musste ausgerechnet jetzt alles auf einmal
kommen und das Schicksal so unerbittert zuschlagen? Katie nahm einen tiefen
Atemzug und las weiter.
„Es wurde lange spekuliert, doch jetzt ist es offiziell. Das Saubermannimage von dem Leadsänger der Boyband Westlife ,Shane Filan, ist zerstört worden. Wie uns jetzt bekannt wurde, soll der Sänger schon mehrere Wochen lang ein Verhältnis mit Violet Andrews (22) haben, einer Bedienung eines Nachtclubs im Herzen von Dublin. Dort sollen sich die beiden kennen gelernt und wohl auch näher gekommen sein. Prinzipiell ist gegen eine Affäre nichts einzuwenden, doch Filan ist seit gut einem halben Jahr mit seiner Jungendliebe Gillian Walsh verheiratet. Immer wieder hat er beteuert, seine Frau niemals betrügen zu können, doch dieser Fall ist nun eingetroffen. Filan war noch zu keinem Statement bereit und auch seiner Bettgefährtin konnten wir noch kein Kommentar abgewinnen. Sicher ist aber, dass es im Hause Filan viel zu klären geben wird, nach dieser brisanten Enthüllung. Im übrigen ist er nicht der einzigste, der sich in anderen Betten rumgetrieben hat. Auch Bandkollege Bryan McFadden betrog seine Kerry kurz vor der Hochzeit, als sie auf die gemeinsame neugeborene Tochter Molly aufgepasst hatte."
Katie hatte genug. Sie musste nicht weiter lesen, um zu wissen, wie die Presse Shane in ihrem Artikel in der Luft zeriss. Er war ein so freundlicher und zuvorkommender Mann und hatte wahrlich anderes verdient, als so durch den Schmutz gezogen zu werden, doch er trägt ganz allein die Verantwortung dafür, schließlich hatte ihn keiner dazu gezwungen, seine Frau zu betrügen. Und wie würde sich Violet nun fühlen? Sie hatte Katie erzählt, dass sie von Anfang an von der Identität der Jungs, also auch von Kian, wusste und sich im klaren darüber war, auf was sie sich einließ. Zwar beendeten Shane und sie ihre Affäre, doch trotzdem wurde diese nun öffentlich gemacht. Katie schüttelte mit dem Kopf und strich sich eine Strähne hinters Ohr, die ihr in die Stirn gefallen war. Dann wendete sie sich dem Artikel zu, der eindeutig von ihr und Kian handelte.
„Kian Egan – vom Himmel in die Hölle. Momentan scheinen sich die Ereignisse rund um die Band Westlife zu überschlagen. Erst die außereheliche Bettbekanntschaft von Shane Filan und nun die Beziehung von Kian Egan, mit einer jungen amerikanischen Songschreiberin namens Katie Brookwell(21). Erst am gestrigen Abend erreichte uns die Nachricht von Kians neuer Liebe, die scheinbar aber schon wieder zuende sein soll. Nach Berichten von Louis Walsh schien Kian tatsächlich mit Katie liiert zu sein, doch seit nunmehr 48 Stunden soll diese Beziehung schon wieder beendet worden sein – von ihr. Grund: Kian hatte ihr nichts von seinem Leben als Boygroupsänger gesagt und sie stattdessen angelogen, seitdem sie sich kannten. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Sache den guten Kian nicht zu sehr runter zieht, da er in wenigen Tagen mit seinen Jungs auf Tour gehen wird und zukünftig auch mit Katie zusammenarbeiten muss, denn wie uns Louis Walsh bestätigte, hat er sie als Songschreiberin für die Band unter Vertrag genommen.“
Katie klappte die Zeitung zu und warf sie in eine Ecke des Zimmers. Unfassbar,
was sich diese Pressefutzis herausnahmen. Sie schrieben allen ernstes, dass
sie sich von Kian getrennt hatte, was nicht im geringsten der Wahrheit entsprach.
Oder vielleicht doch? Nein, auf gar keinen Fall.
Katie liebte Kian über alles und hatte nicht vor, sich von ihm zu trennen.
Niemals. Sie erschrak, als diese Einsicht kam. Gott, sie wollte ihn nicht verlieren,
auf gar keinen Fall. Vielleicht würde sie ihn noch sehen, denn sie musste
am heutigen Tage noch mal zu Louis, um letzte Details wegen dem Vertrag mit
ihm zu besprechen.
In Jeans und einer hellblauen Strickjacke betrat sie das ‚Radison’. Katie war
noch nicht ganz im Foyer angekommen, als sie von allen Seiten schon argwöhnisch
gemustert wurde. Scheinbar wusste jeder verdammte Mensch davon, was zwischen
Kian und ihr vorging. Ganz toll. Glücklicherweise musste sie sich an diesem
Tag nicht ausweisen und auch Bodyguards kamen ihr nicht zu nah, was sich als
ziemlich erleichternd heraus stellte, denn diese Muskelpakete flößten
ihr unwillkürlich Angst ein, besonders jetzt, wo ihre Beziehung mit Kian
in allen Mündern war. Katie hatte noch genau zwanzig Minuten Zeit, bis
zu dem Termin mit Louis, also genug Zeit, um nach Kian oder einem der anderen
Jungs zu suchen.
Sie wusste nicht, auf welcher Etage sie sich befanden, weshalb sie sich dazu
entschloss, den Aufzug zu meiden und stattdessen lieber das Treppenhaus zu nehmen,
wo sie jede einzelne Etage abklappern konnte. Hoffentlich hatten die Jungs ihre
Zimmer nicht ganz oben, denn dieses Hotel verfügte über dreißig
Etagen, eindeutig zu viel, um sie nach oben und auch wieder nach unten zu laufen.
Katie krempelte ihre Ärmel hoch und machte sich auf den Weg. Sie lief schneller
als beabsichtigt, sodass sie bereits in der fünften Etage außer Atem
war. Seitenstechen durchfluteten ihren Körper und kleine Schweißperlchen
hatten sich auf ihrer Stirn gebildet. Bis jetzt wurde sie noch nicht fündig,
doch genau in dem Moment kam Shane die Treppe nach unten gelaufen. Im ersten
Moment schien er sie nicht bemerkt zu haben, doch als sie ihren Kopf hob und
ihn ansah, versuchte er zu lächeln. Er sah krank aus, kein Wunder, bei
dem Theater, was rund um seine Person veranstaltet wurde. Er zögerte, doch
dann öffnete er seinen Mund, um sie zu grüßen.
„Hallo“, sagte er leise, nicht sicher, wie Katie reagieren würde.
„Hi“, erwiderte sie und machte ein paar Schritte auf ihn zu. „Wie geht’s?“ Katie
hätte sich augenblicklich für diese Frage ohrfeigen können, denn
es war offensichtlich, wie ihm zumute war. Shane zuckte mit den Schultern. „Den
Umständen entsprechend. Du wirst sicher mitbekommen haben, dass ich ziemliche
scheiße gebaut habe. Violet hat es dir doch bestimmt erzählt.“ „Ja,
das hat sie. Ganz schön dumm gelaufen, was.“ Shane nickte und seufzte.
„Ich hätte mich halt nie auf eine Affäre mit ihr einlassen sollen.
Jetzt, wo auch noch die Presse davon Wind bekommen hat, bin ich sowieso das
Aschloch der Nation.“
Katie hatte Mitleid mit ihm. Er machte einen so elenden Eindruck, dass sie
nicht anders konnte, als ihn in den Arm zu nehmen. „Hey, das wird schon wieder,
schließlich liebst du Gillian über alles und das weiß sie auch,
oder?“ „Ja, und sie hat mir auch schon gesagt, dass sie sich nicht von mir scheiden
lassen will, doch allein der Gedanke, dass ich sie so verletzt habe, bringt
mich um.“ „Ja, das kann ich verstehen.“ Zum ersten mal sprach Katie mit Shane,
nachdem sie erfahren hatte, das er berühmt war, und doch hatte sich nichts
verändert. Er war noch genauso wie immer, nicht im geringsten anders. „Bei
dir läufts ja auch nicht so rosig, was Kat? Ich meine, die Sache mit Kian...Ich
wusste, dass es nicht gut gehen würde. Von Anfang an hab ich ihm gesagt,
er soll ehrlich zu dir sein und dir seinen Job nicht vorenthalten, doch Kian
wollte nicht auf mich hören. Er ist halt ein unverbesserlicher Sturkopf.“
Katie nickte andächtig. Ja, Kian war wirklich stur. „Mach dir keine Gedanken,
Shane. Du hast momentan viel größere Sorgen, also konzentriere dich
nur auf dich selbst, okay? Ich möchte nämlich nicht, dass du deine
Unbeschwertheit verlierst.“
Katie zwinkerte ihm zu und nahm ihn noch einmal in den Arm. Die Zeit war rasch
vergangen, sodass sie nun erst mal keine Gelegenheit mehr dazu haben würde,
Kian aufzusuchen, um mit ihm zu reden, doch aufgeschoben war nicht aufgehoben...
„Nun, Miss Brookwell, Sie haben sicher die aktuellen Ereignisse in der heutigen
Ausgabe der ‚Irish Post’ verfolgen können, nicht wahr?“
Louis hatte sich in seinem Stuhl zurück gelehnt und sah Katie unentwegt
an, während er seine Arme vor seiner Brust verschränkte und tief,
aber gleichmäßig, atmete. Seit Katie sich in diesem Raum befand,
fühlte sie sich unwohl, was hauptsächlich auf die Anwesenheit von
Louis Walsh zurück zu führen war. Er bohrte seine Augen förmlich
in die ihrigen und versuchte Antworten über ihre Beziehung mit Kian aus
ihr heraus zu locken. Katie allerdings war so schlau, dass sie nichts verriet,
was in irgendeiner Weise privat oder zu intim war.
„Ja, ich habe die Ereignisse verfolgt, zu meinem bedauern.“ Katie hatte beschlossen,
sich nicht unterkriegen zu lassen, sondern Louis die Stirn zu zeigen, immerhin
war er nach dem unterschriebenen Vertrag ihr Boss und sie war auf ihren Job
mehr als angewiesen. „Ich kann verstehen, wie Sie sich fühlen, aber ich
habe Kian gewarnt. Er hat mir von ihrer Beziehung erzählt und mir auch
nicht vorenthalten, dass er nicht kompromisslos ehrlich zu Ihnen war. Vielleicht
ist wirklich besser, dass Sie die Beziehung beendet haben, schließlich
ist er ein Star und reist ständig um die Welt, während Sie hier in
Dublin sind und nicht die Kontrolle über ihn haben können.“ Louis
wirkte selbstzufrieden und lächelte fast ein wenig, als er die eben genannten
Worte aussprach. Katie fand ihn anfangs sehr nett und zuvorkommend, doch momentan
fand sie ihn einfach nur abscheulich und korrupt. Ihm schien es egal zu sein,
wie es seinen Jungs ging, Hauptsache ER verdiente daran, egal ob er den Jungs
damit schadete oder nicht. Scheinbar würde dieser Mann auch über Leichen
gehen, dachte Katie, während sie ihn dabei beobachtete, wie er auf seinem
Handy herum tippte. Seltsam war er schon, aber er war nun mal ihr Chef und könnte
sie innerhalb weniger Minuten schon wieder entlassen, was Katie keinesfalls
riskieren wollte.
„Nun ja, Mister Walsh, ich habe meine Beziehung zu Kian noch gar nicht beendet,
müssen Sie wissen und ich habe auch nicht vor, dies zu tun.“ Louis legte
sein Handy beiseite und starrte Katie an, als hätte er sich eben verhört.
Mit Genugtuung sah sie, dass es ihn zu stören schien, dass Kian und sie
nach wie vor ein Paar waren. „Im ernst? Sie wollen wirklich mit ihm zusammen
bleiben, obwohl er Sie von Anfang an belogen hat? Meinen Sie nicht, dass sich
das wiederholen wird? Und wie stellen Sie sich überhaupt vor, eine langanhaltende
Beziehung mit ihm zu führen, wo er doch kaum zu Hause ist und fast täglich
neue Menschen kennen lernt, darunter natürlich auch sehr viele weibliche
Personen? Glauben Sie, dass Kian ein Mann ist, der Ihnen die Treue hält?“
„Ich weiß es nicht, Mister Walsh, doch wenn ich es nicht versuche, werde
ich es nie erfahren. Ist das eigentlich alles, warum Sie mich sprechen wollen?
Wegen der Sache mit Kian?“ Das Gespräch wurde Katie langsam lästig
und sie wollte einfach nur noch raus aus diesem Zimmer. Hoffentlich würde
er anbeißen und sie gehen lassen. „Ähm, ich wollte Ihnen eigentlich
den Auftrag geben, einen neuen Song zu schreiben, den wir auf das neue Album
der Jungs packen können. Er soll qualitativ sehr hochwertig sein und wenn
es geht eher in die Richtung Ballade gehen. Ich gebe Ihnen ein paar Tage Zeit,
bis sie mir den Textentwurf vorlegen müssen. Einverstanden?“
Katie nickte. Sie hatte genügend Songs in Petto, um die Jungs mehrere Jahre
lang zu versorgen, doch ob einer davon wirklich so gut war, dass er schließlich
mit auf das Album kam, bezweifelte sie noch. Vielleicht sollte sie noch etwas
neues schreiben, denn schon seit mehreren Tagen geisterte ihr eine Melodie im
Kopf herum, zu der nur noch der passende Text fehlte.
„Dann dürfen Sie nun gehen, Miss Brookwell. Ich freue mich auf eine gute
Zusammenarbeit.“ Er erhob sich von seinem schwarzen Lederstuhl und reichte Katie
seine Hand. Anschließend öffnete er die Tür seines Zimmers und
geleitete sie nach draußen.
Katie war mehr als froh, endlich aus diesem Raum heraus zu sein und atmete
tief durch, als Louis die Tür wieder geschlossen hatte und hinter seinen
Schreibtisch zurückgekehrt war. Sie fuhr sich durch ihr Haar, dass sie
an diesem Tag offen trug und lehnte sich gegen die kalte Wand des Hotelflures.
Um sie herum war alles ruhig und keine Menschenseele war zu sehen, noch nicht
einmal ein Bodyguard ließ sich blicken, sehr zur Freude von Katie, denn
gegen diese immer schlecht gelaunten Menschen hegte sie eine gewisse Abneigung.
Sie erschrak leicht, als sie eine Tür aufgehen hörte.
Unsicher sah sie sich um und erblickte Nicky, der sie einen Moment lang entgeistert
anstarrte, aber dann zu ihr lief. Katie sah nicht weniger verwundert drein,
freute sich aber, Nicky mal wieder zu sehen. Wie alte Freunde umarmten sie sich
und musterten sich danach gegenseitig. „Hallo, Kat. Gut siehst du aus. Ich habe
gehört, du arbeitest nun für uns?“ Er grinste und setzte eine Wasserflasche
an den Mund. „Ja, so könnte man das auch nennen. Du siehst ziemlich erschöpft
aus. Was hast du gemacht?“ „Tanzen“, stöhnte Nicky und nahm erneut einen
Schluck aus seiner Flasche. Scheinbar gehörte das nicht unbedingt zu seinen
Lieblingsbeschäftigungen. „War wohl anstrengend, was?“ Katie konnte sich
ein grinsen nicht verkeifen und auch der amüsierte Unterton in ihrer Stimme
war nicht zu überhören. „Anstrengend? Das ist die Untertreibung des
Jahrhunderts, Kat. Priscilla ist die reinste Sklaventreiberin und freut sich
immer ein zweites Loch in den Hintern, wenn sie uns völlig fertig auf dem
Boden sitzen sieht. Am liebsten würde sie uns dann noch weiter quälen,
doch dank dem wehleidigen Geseufze von Mark, bleibt uns das erspart.“ Katie
lachte und schüttelte den Kopf. „Seid doch nicht solche Weicheier, immerhin
seid ihr Männer. Oder etwa nicht?“ Sie musterte Nicky demonstrativ von
oben bis unten und grinste breit, als er mit den Augen leierte und eine Grimasse
schnitt. „Doch, wir sind Männer, Kat und das müsstest du eigentlich
auch wissen, stimmts?“ Sie wusste ganz genau, auf was Nicky anspielte und kniff
ihm spielend in die Seite. „Ja, da muss ich dir zustimmen. Ich weiß, dass
Kian ein Mann ist, aber bei dir bin ich mir da nicht so sicher.“ „Na warte.“
Nicky wollte sich gerade auf Katie stürzen, als diese plötzlich einen
nachdenklichen Eindruck machte. Kian. Sie wollte doch zu Kian und mit ihm reden.
Doch wo war er. Vielleicht würde Nicky das wissen. „Nix, kann ich dich
mal was fragen?“ „Sicher.“ „Würdest du mich zu Kians Zimmer bringen? Ich
muss unbedingt mit ihm reden und wie du dir sicherlich denken kannst, haben
wir noch einiges zu klären. Wärst du so nett?“
Nicky sah Katie einen Moment lang hilflos an, als wäre das, was sie von ihm verlangte ein Ding der Unmöglichkeit, lächelte aber, als er sah, wie ernst es Katie war und nickte schließlich.
Die beiden befanden sich im Gang des vierzehnten Stocks und dank Nickys panischer Angst vor Aufzügen, mussten sie das Treppengebäude benutzen und sich bis nach oben schleppen. Völlig erschöpft betraten sie den Gang und wurden prompt von zwei Bodyguards umstellt. „Hey Paul“, sagte Nicky und begrüßte einen der beiden mit einem kräftigen Händeschlag, ehe er dem anderen freundschaftlich auf die Schulter schlug. „Nicky, du mit einer Begleitung? Und die auch noch weiblich? Lass das ja nicht Georgina sehen.“ „Kein Sorge, Lennox. Katie ist für Egan reserviert.“ „Na wenn das so ist.“ Die beiden Männer traten zur Seite und ließen Nicky und sie gewähren. Beide sagten kein Wort, während sie den Gang entlang liefen, aus welchem Grund auch immer. Bei Katie spielte mit Sicherheit die Nervosität eine große Rolle und Nicky könnte es eventuell unangenehm gewesen sein, den Verkuppler zu spielen. Sie waren noch nicht mal in der Hälfte des Flures, als eine Tür aufging und Kian und Mark vor ihnen standen. Instinktiv wich Katie einen Schritt zurück, als sie Kians Blick begegnete. Er wirkte traurig, unendlich traurig und seine Augen waren nicht mehr so strahlend blau, sondern beängstigend dunkel, was Katie überhaupt nicht zusagte. Das war nicht der Kian, den sie so sehr liebte, nein, der Kian, der vor ihr stand, war ganz anders. Sie verzog keine Miene, um sich nicht anmerken zu lassen, wie emotional aufgewühlt sie war, doch Kian ging es da scheinbar anders. „Kat, ich bin so froh, dich zu sehen. Ich dachte schon...“
Er endete, als er sah, dass Katie ihm so wenig Beachtung wie möglich schenkte.
Zwar tat es ihr weh, doch sie wollte es ihm nicht so einfach machen, konnte
nicht so leicht verzeihen. „Kian, lass uns reden, aber nicht hier“, sagte sie
und lächelte Mark entschuldigend an, der ihr Lächeln erwiderte und
zusammen mit Nicky von dannen zog. Kian und sie standen sich noch einen Augenblick
lang wortlos gegenüber, ehe er Katies Hand ergriff und sie mit sich in
sein Zimmer zog.
Anfänglich wollte sich Katie dagegen wehren, ließ ihn aber gewähren,
da es zu gut tat, ihn endlich wieder so nah bei sich zu spüren. Im Zimmer
angekommen, ließ sich Katie auf seinem Bett nieder und sah ihn erwartungsvoll
an, gespannt darauf, was er ihr zu sagen hatte. Er lächelte sanft, als
er zu ihr herunter sah und setzte sich zögernd neben sie. Katie konnte
fast hören, wie ihm ein tonnenschwerer Stein vom Herz gefallen war, als
sie nichts dagegen einzuwenden hatte, dass er sich zu ihr setzte.
„Es tut mir leid“, wisperte er, ohne sie dabei anzusehen. Katie hatte diese
drei Worte schon so oft von ihm gehört und sie wusste nicht, ob sie diesen
Glauben schenken sollte. Er hatte sie so sehr verletzt, mit seinen Lügen,
doch sie wollte nicht auf ihn verzichten, keinesfalls. „Kian, das sagst du mit
jedes mal, aber ob du es ernst meinst, weiß ich nicht. Du hast mir wehgetan,
mich schrecklich enttäuscht mit deiner Handlung, vor mir die Wahrheit zu
verbergen, obwohl ich verdammt noch mal ein Recht darauf hatte, sie zu erfahren.“
Katie sprach zu ihrer Überraschung sehr ruhig und gefasst, spielte aber
nervös an ihrer Jacke herum, während sie mit Kian redete. „Ich weiß,
Kat, ich weiß, dass du schrecklich enttäuscht vor mir bist und ich
kann das vollkommen verstehen, denn vermutlich hätte ich genauso gehandelt
und reagiert. Nur musst du wissen, dass es mir wirklich leid tut.“ „Kian, verdammt,
hör auf damit! Warum? Ich will einfach nur wissen, warum du das getan hast?“
Nun wurde sie lauter als gewollt und als sie das bemerkte, sah sie beschämt
zu Boden. „Es gibt einen ganz einfach Grund dafür, Katie. Ich habe das
getan, weil du einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben bist und ich dich
von Anfang an gemocht habe. Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich kaum einen
Gedanken darüber verschwendet, was ich eigentlich tue, doch als ich gemerkt
habe, dass sich etwas zwischen uns entwickelt, habe ich mehr als einmal darüber
nachgedacht, dir die Wahrheit zu sagen, entschied mich dann aber dagegen, weil
ich mich heillos in ein Gestrüpp von Lügen verstrickt habe. Und warum?
Weil ich nicht wollte, dass du Kian Westlife, den Menschen, der viel Geld hat
und immer in der Öffentlichkeit steht magst, sondern mich, Kian Egan. Glaub
mir, ich habe so viele Frauen gehabt, die nicht an mir, sondern an meinem Ruhm
interessiert waren. Sie wollten sich in meinem Licht suhlen und sich durch mich
profilieren. Diese Frauen haben mich nur benutzt und sehr verletzt. Ich hatte
einfach Angst, dass du es genauso tun würdest, und nur deshalb habe ich
dir nichts gesagt, weil ich dich....weil ich dich liebe.“
Endlich sah Kian Katie an und griff unwillkürlich nach ihren Händen,
die er in die seinigen nahm und sanft drücke. Katie brauchte einen Moment,
um das eben Gehörte zu verdauen, doch auch nachdem sie seine Worte mehrmals
im stillen wiederholt hatte, kam immer wieder das gleiche raus. Er liebte sie.
Kian Egan liebte sie, genau, wie sie ihn liebte. „Kian“, flüsterte sie,
während sich die ersten Tränen in ihren Augen sammelten. Sie konnte
ihn verstehen, all seine Handlungen nachvollziehen. Er hatte niemals vorgehabt,
sie zu verletzen oder gegen den Kopf zu stoßen, denn das, was er getan
hatte, hatte er einzig aus Liebe gemacht. Aus Liebe. Und Katie hatte ihn beschimpft
und mit Ignoranz gestraft, obwohl sie ganz genau wusste, wie weh ihm das tun
musste. Doch jetzt, wo er ihr gesagt hatte, dass er sie liebte, war all das
vergessen, die ganzen Enttäuschungen, einfach alles. Katie spürte,
wie eine einzelne Träne ihre Wange hinunter lief und wollte sie eilig wegwischen,
doch Kian ließ sie nicht, sondern zwang sie, ihn anzusehen.
„Katie, ich liebe dich und ich kann es nicht ertragen, dich weinen zu sehen.“
Er strich ihr mit seinem Daumen die Träne weg und lächelte voller
Wärme, so, wie er es immer tat. „Kian?“ „Hm?“ „Ich liebe dich auch.“ Lange
sahen sie sich schweigend an und nahmen die Worte des jeweils anderen in sich
auf, bevor sie sich umarmten und in einen tiefen Kuss versanken. Katie genoss
es unglaublich, wie seine Lippen ihre liebkosten und war sich im Klaren darüber,
dass sie in der kommenden Nacht all das nachholen würden, was sie in den
vergangenen Tagen verpasst hatten. Gott, sie liebte ihn über alles und
wollte ihn nie wieder los lassen. Katie wollte mit ihm alt werden, vielleicht
zusammen ziehen und irgendwann auch Kinder bekommen, die dann sicher die gleichen
Augen haben würden, wie sie Kian hatte.
Hätte Katie gewusst, dass dies die letzte Nacht war, die sie miteinander verbrachten, hätte sie sie viel ausgiebiger genutzt und Gott dafür gedankt, dass ein Mann wie Kian sie liebte.
Nachdem sie am vergangenen Abend noch ausgiebig mit Kian gekuschelt und sämtliche Meinungsverschiedenheiten aus dem Weg geräumt hatte, machte sich Katie auf den Heimweg, um an einem Song für Westlife zu schreiben, so wie es Louis ihr aufgegeben hatte. Fast die gesamte Nacht hindurch tüftelte sie an verschiedenen Melodien, auch wenn ihr schon eine gewisse Richtung vorschwante. Erst gegen vier Uhr in der Nacht fand sie den Weg ins Bett, musste dieses aber um kurz nach neun schon wieder verlassen. Mit geschwollenen Augen trottete sie ins Badezimmer und stieg unter die Dusche, um wenigstens dadurch etwas wach zu werden. Genau aus diesem Grund ließ sie auch eiskaltes Wasser auf sich nieder rieseln, was sie im ersten Moment ziemlich bereute. Anschließend zog sie sich an und lief ins Wohnzimmer, wo nach wie vor noch ihre Gitarre und etliche Blätter auf dem Boden herum lagen. Katie konnte ihre kreative Phase noch nicht ganz beenden, aufgrund der immer stärker werdenden Müdigkeit in der vergangenen Nacht, weshalb sie beschloss, am nächsten Morgen weiter zu schreiben, um Louis schnellst möglich ein akzeptantes und hochwertiges Ergebnis vorweisen zu können.
Mit schweren Füßen lief Katie in die Küche, um Kaffee aufzusetzen, denn Koffein könnte sie jetzt dringend gebrauchen, damit sie nicht auf der Stelle einschlief. Sie wusste, dass Violet in wenigen Stunden noch vorbei kommen würde und bis dahin wollte Katie ihre Arbeit unbedingt erledigt haben. Mit einer heißen Tasse Kaffee in der einen und einem Butterkeks in der anderen Hand gestaltete sich das Gehen recht schwierig, da der Kaffe wirklich kochend heiß und langsam damit begann, Katie durch das Porzellan der Tasse hindurch die Finger zu verbrennen. Katie atmete erleichtert auf, als sie die Tasse auf den Boden stellen und sich ihrer Arbeit widmen konnte. Sie angelte nach ihrer Gitarre, die am Couchende lag und stimmte sie erst einmal, bevor sie die neukomponierte Melodie anspielte.
Es klang bezaubernd, fand Katie, und der Text, den sie dazu geschrieben hatte, passte wie die Faust aufs Auge. Lächelnd betrachtete sie das Stück Papier, auf dem ihre saubere, präzise Handschrift zu sehen war. Katie hatte diesen Song für jemand ganz besonderes geschrieben – für Kian, ihren Kian. Seit sie ihn kannte, hatte sie diese Melodie im Ohr, die sie nun endlich auch umsetzen konnte. Leise setzte sie mit ihre Stimme ein, die erste Strophe des Songs zu singen.
One day I meet you
You’re so far away
Don’t think a love so true
It’s just what I say
Only could stay
In Katies Augen bildeten sich unwillkürlich kleine Tränen, die sich langsam ihren Weg über ihre Wangen bahnten und auf dem Parkettboden aufschlugen. Dieser Song bedeutete Katie so viel, sprach ihr vollständig aus der Seele und sie würde alles dafür geben, ihn aus dem Mund von Westlife hören zu können, aus dem Munde von Kian. Er würde nicht lange darüber nachdenken müssen, von wem das Lied handelte, denn allein der Titel sagte alles. Angel Eyes. Engels Augen. Kians Augen, Noch nie zuvor hatte Katie in solche Augen gesehen, wie Kian sie besaß. Sie waren so tief blau, dass man förmlich das Gefühl hatte, in ihnen zu versinken. Manchmal war ihr sogar so, als würde sie bis in seine Seele hineinschauen können. Katie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als die Türklingel durch die Wohnung schellte. Hoffentlich war es noch nicht Violet, die ihre Überpünktlichkeit mal wieder zum Vorschein brachte. Seufzend erhob sich Katie, legte die Zettel beiseite und lief zur Tür. Vorsichtig öffnete sie diese einen Spalt, um ihren Kopf hindurch stecken zu können, damit sie sehen konnte, wer das dringende Bedürfnis hatte, sie zu besuchen. Und tatsächlich, es war Violet, die gut gelaunt mit ihrer Handtasche spielte, während sie Katie breit angrinste. Stöhnend öffnete Katie die Tür weiter, damit Violet eintreten konnte. An diese Überpünktlichkeit würde sie sich wohl nie gewöhnen. Wenn man Violet sagte, sie solle doch bitte um elf Uhr vorbei kommen, stand sie immer schon eine Stunde früher vor der Tür, weshalb sich Katie eigentlich angewöhnt hatte, genau das mit einzuberechnen. Sie setzte ihre Uhrzeiten immer um eine Stunde nach hinten, damit Violet pünktlich da war und nicht auch nur eine Minute zu früh vorbei kam. Natürlich war das eine gefährliche Angelegenheit, doch es war Katie alle mal lieber.
„Vi, hatte ich nicht gesagt, wir treffen uns um elf?“, fragte Katie genervt
und ging zurück ins Wohnzimmer, wo sie sich träge in den Sessel fallen
ließ und ihren Kopf in den weichen Polstern bettete.
„Schon, aber ich dachte, du könntest ein bisschen Gesellschaft gebrauchen“,
rief Violet vom Flur und kam kurz darauf ebenfalls ins Wohnzimmer, wo die herumliegende
Gitarre, sowie die ganzen Zettel sofort ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.
„Was tust du hier? Planst du, irgendwelche Flyer zu verteilen, oder weshalb
es der gesamte Boden mit weißen Blättern bedeckt?“
Violet war mittlerweile in die Knie gegangen und begutachtete alles, was ihr zwischen die Finger kam. Katie hatte sich aus Angst um ihren Song dazu gesetzt, um sicher zu gehen, dass Violet nicht irgendetwas kaputt machte oder wegbrachte. „Vi, würde es dir was ausmachen, wenn du deine Finger davon nehmen könntest? Das ist mein Song, den ich für Westlife geschrieben habe und den muss ich heute Nachmittag Louis vorlegen. Ich will auf keinen Fall, dass irgendwelche Fingerabdrücke darauf zu erkennen sind.“ Hektisch sammelte Katie ihr Zettelwerk ein und verstaute es in einer durchsichtigen Mappe. Violet konnte sich ein lachen nicht verkneifen und sah Katie kopfschüttelnd an. „Kat, du bist unmöglich. Ich habe keine dreckigen Hände, nur keine Sorge. Und außerdem habe ich schon einen Blick auf deinen Entwurf geworfen, weshalb ich keinen Grund mehr dafür sehe, dass du mir den Text vorenthältst. Angel Eyes, sag mal, hat dieser Titel was mit Mister Egan zu tun?“ Katie sah überrascht zu Violet. War es denn etwa so offensichtlich, dass sie den Song für Kian geschriebenen hatte? Und wenn schon, dass war egal. Hauptsache Louis gefiel er und wenn nicht, dann würde Katie höchstpersönlich dafür sorgen, dass er gefallen daran finden würde. „Ja, es hat was mit Kian zu tun, aber das ist jetzt nebensächlich. Ich muss den Text noch fertig stellen, den Song anschließend noch mal komplett durchspielen und danach muss ich ins Radison, um ihn Louis vorzulegen. Bei diesem Termin wirst du mich übrigens begleiten.“ Katie musste lachen, als sie in das entsetzte Gesicht von Violet sah. „Kat, dass meinst du nicht ernst, oder? Was ist, wenn ich Shane dann über den Weg laufe oder irgendwelchen Pressefutzis, die notgeil auf Bilder von mir sind, damit sie genug neue Nahrung für eine Story haben?“
Violets Stimme hatte etwas wehleidiges, fast flehendes und Katie zeigte durchaus Verständnis für ihre Reaktion, doch Angriff war schon immer die beste Verteidigung. „Keine Widerrede, Vi. Du wirst das schon schaffen und soweit ich weiß, sind die Jungs heute Nachmittag gar nicht im Hotel. Also sehe ich keinen Grund, weshalb du mich nicht begleiten solltest. Und nun bitte ich dich um etwas Ruhe, sonst kann ich meine kreative Phase nicht ausleben.“
Katie hatte noch bis weit nach zwölf Uhr gebraucht, um den Song zu vollenden
und einzelne Kleinigkeiten zu verbessern, doch die Zeit hatte sich auf jeden
Fall gelohnt. Violet war ganz begeistert, als ihr Katie den Song vorgespielt
hatte. Ihrer Meinung nach hatte er wirkliches Hitpotenzial. Katie war froh darüber,
solch positive Kritiken gekriegt zu haben, nur war sie sich nicht sicher, ob
Louis das genauso sehen würde. Abwarten. Die beiden Mädchen aßen
noch gemeinsam Mittag und vertrieben sich die frühen Nachmittagsstunden
mit sinnlosem Fernsehen und Gesprächen über Gott und die Welt. Gegend
drei Uhr am Nachmittag, beschlossen sie langsam aufzubrechen. Mittlerweile hatte
es zu regnen begonnen und ein peitschender Wind hatte eingesetzt. Violet betete
inständig, bei diesem Wetter nicht auf die Straße gehen zu müssen,
doch Katie blieb unerweichlich. Was sie sich einmal in den Kopf gesetzt hatte,
würde sie auch zuende bringen. Nachdem sich Katie umgezogen hatte, schlüpfte
sie in ihre Jacke und befahl Violet, in einem der Garderobenschränke nach
zwei Schirmen zu suchen, wenn sie nicht riskieren wollten, pitschnass zu werden,
was sich Violets Meinung nach sowieso nicht verhindern lassen würde.
„Kat, du bist lebensmüde. Wir werden uns eine dicke Erkältung einfangen
und wochenlang im Bett liegen. Willst du das wirklich?“ Violet hatte sich die
Kapuze ihrer Jacke über den Kopf gezogen und sah zu Katie, die bestimmend
nickte und sich ihr Haar schnell zusammenband.
Keine fünf Minuten später hatten die beiden die Wohnung verlassen.
Tatsächlich regnete es stärker, als anfangs angenommen, was Katie
jedoch nicht als Hinderungsgrund sah. Sie liefen die nassen Gehwege entlang
und wichen hier und da einigen monströsen Pfützen aus, die sich unerbittlich
gebildet hatten. Gerade als sie an einer Kreuzung ankamen, die nur wenige hundert
Meter vom ‚Radison’ Hotel entfernt war, sahen sie helles Blaulicht und hörten
das Geräusch von Sirenen. Irgendwo musste mal wieder ein Unfall passiert
sein und als Katie und Violet genauer hinsahen, erkannten sie, dass er in einer
der Hauptstraßen, die zur Kreuzung führte stattgefunden hatte. Zwei
Krankenwagen, sowie ein Notarztwagen und ein Polizeiauto nahmen die Straße
komplett ein und sperrten sie für andere Autos und Schaulustige.
Katie bekam unwillkürlich eine Gänsehaut, als sie zur Unfallstelle
sah. Das Bild, was sich ihr bot, konnte keiner anderen Bezeichnung als grausam
gerecht werden. Es machte einen schockierenden Eindruck und Katie konnte sich
nicht vorstellen, dass jemand lebend aus diesen Autowracks geborgen werden konnte.
Auch wenn sie das Ausmaß des Unfalls von ihrer Position aus nicht sonderlich
gut erkennen konnte, so war sie sich schon im klaren darüber, was er für
Ausmaße hatte. Sie sah hinüber zu Violet, deren Gesicht sich aus
irgendeinem Grund fürchterlich weiß verfärbt hatte.
„Vi, alles in Ordnung? Wollen wir lieber weitergehen?“ „Ich...ich weiß
nicht, Kat, aber kommt...kommt dir dieser Mann, der dort neben dem Krankenwagen
steht, nicht irgendwie bekannt vor?“, fragte Violet weinerlich, ohne den Blick
von dem Unfall abzuwenden. Katie starrte ihre Freundin einen Moment lang an,
ehe sie ihren Blick abwand und nach dem eben genannten Mann suchte. Tatsächlich
stand ein Mann neben dem Krankenwagen. Er war in eine braune Decke gewickelt
und schien sich gar nicht daran zu stören, dass es wie aus Eimern schüttete.
Violet hatte recht, sie kannte diesen Mann und nach näherem hinsehen wusste
sie auch, wer es war. Ihr Herz sank ihr förmlich in die Hose, ihr Pulsschlag
beschleunigte sich und ihr wurde mit einem mal so schlecht, dass sie das dringende
Bedürfnis hatte, sich augenblicklich zu übergeben. Sie wollte schlucken,
konnte es aber nicht, da sich ein Klos in ihrem Hals bebildet hatte, der nicht
hinunter geschluckt werden konnte.
„Nicky“, flüsterte Katie mit zitternder Stimme und sah zu Violet, die bestätigend
nickte.
Beide sahen sich kurz an, ehe Katie ihren Schirm auf den Boden fallen ließ
und durch den Regen hindurch zum Unfallort rannte, gefolgt von Violet, die ebenfalls
binnen weniger Sekunden völlig durchgeweicht war. Sofort kamen ihnen Polizisten
entgegen, die sie zurückhalten wollten und zu den anderen Menschen drangen,
die das Geschehen beobachteten, doch Katie wehrte sich mit allen Kräften
und schrie schließlich so laut sie konnte Nickys Namen, der sich daraufhin
umdrehte und sie erkannte.
„Kat“, rief er und deutete den Polizisten, sie und Violet durchzulassen. Ungehalten
stürmte Katie an den Männern vorbei und blieb erst stehen, als sie
unmittelbar vor Nicky stand. Er war blass und hatte eine große Platzwunde
über dem linken Auge, die notdürftig versorgt worden war. Seine Haare
lagen ihm strähnig in der Stirn und seine rechte Hand, mit der er die Decke
über seinen Schultern festhielt, was angeschwollen.
Besorgt sah Katie zu ihm, mit einem mehr als mulmigen Gefühl im Bauch.
„Nicky, was ist passiert?“, wisperte sie und sah ihn eindringlich an. Nickys
Augen glänzten feucht, so als hätten sich ein paar Tränen in
ihnen gebildet. „Kat“, antwortete er nur, bevor er auf den Boden sah und die
Tränen laufen ließ. Violet hielt sich dezent im Hintergrund, konnte
aber nicht anders, als ebenfalls zu weinen, obwohl sie noch nicht einmal wusste,
was eigentlich genau geschehen war. „Nicky, bitte sag doch was los ist. Geht’s
dir gut? Warst du alleine im Wagen?“
Bei dieser Frage sah Nicky auf und schüttelte den Kopf.
„Nein, war ich nicht. Kian war bei mir.“ Diese Worte hallten in Katies Kopf
wie schwere Explosionen wieder und ihr war so, als wäre ihr gerade der
Boden unter den Füßen weggezogen worden.
Stunden später saßen Katie und Violet zusammen mit Nicky und Kians
Mutter, Patricia, im Flur des städtischen Krankenhauses. Patricia war sofort
nach Dublin gekommen, als sie vom Unfall ihres Sohnes gehört hatte. Rein
äußerlich wirkte sie gefasst und ruhig, doch Katie wusste, was innerlich
in ihr vorging. Zu wissen, dass das Leben des eigenen Kindes am seidenen Faden
hing, stellte sie sich fürchterlich grausam vor. Bei dem Gedanken daran
füllten sich Katies Augen erneut mit Tränen, die sie aber nicht zulassen
wollte, um kein Zeichen von Schwäche zu zeigen, sondern vollständig
für Patricia dazu sein. Eilig wischte sie sich über die Augen, spürte
aber im selben Moment, wie jemand ihre Hand nahm und sie sanft drückte.
Nicky. Nachdem seine Wunde an der Stirn genäht wurde, hatte er den anderen
Jungs und Louis von dem Unfall bescheid gegeben, sie aber darum gebeten, nicht
auch noch ins Krankenhaus zu kommen, da Kian sowieso nichts davon gehabt hätte.
Sie waren einverstanden und wirkten tief schockiert und betroffen. Verständlich.
Katie lächelte Nicky sanft zu und sah dann wieder gebannt auf die geschlossene
Tür, die zum OP – Saal führte. Kian lag nun schon mehr als drei Stunden
unter dem Messer und während dieser ganzen Zeit, konnte sich weder ein
Arzt noch eine Krankenschwester dazu durchringen, sie über Kians Zustand
aufzuklären. Natürlich wussten sie, dass er sehr schwere Verletzungen
hatte, doch wie schwer diese genau waren, wurde ihnen noch nicht mitgeteilt,
obwohl sie ja wohl ein sehr gutes recht darauf hatten. Violet hatte sich nach
einiger Zeit dazu bereit erklärt, alle mit Kaffee zu versorgen und war
mit etwas Kleingeld zu einem Kaffeeautomaten gegangen, der einen Flur weiter
stand.
„Wie ist das passiert?“ Patricia hatte mit einem mal die unheimliche Stille
durchbrochen und sah zu Nicky, der müde mit den Augen blinzelte, den Blick
aber nicht mied. „So genau weiß ich das nicht. Kian saß am Steuer...und
der Regen wurde immer stärker. Irgendwann hat er kaum noch was gesehen
und von irgendwoher kam dieser verdammte zweite Wagen. Er ist direkt in uns
reingefahren. Mehr weiß ich nicht. Das einzigste, woran ich mich noch
erinnern kann, waren diese hysterischen Schreie und das viele Blut auf Kians
weißem Shirt.“ Als Nicky geendet hatte, führte er eine Hand zu seinem
Kopf und stützte ihn darauf. Niemand wollte, dass er weiter sprach, da
niemand weitere Details erfahren wollte. Es war viel zu schrecklich, als das
alles noch mal aufgewühlt werden sollte. Noch eine weitere Stunde stich
ins Land, ehe sich die OP – Tür öffnete und ein Arzt nach draußen
in den Flur trat. Patricia zögerte keinen Moment. Sie erhob sich von ihrem
Plastikstuhl und sprach ihn an. „Entschuldigen Sie bitte. Mein Name ist Patricia
Egan, ich bin die Mutter von Mister Egan. Sie haben ihn doch gerade operiert.
Wie ist sein Zustand.“ Der Arzt nahm einen tiefen Atemzug und entfernte seinen
Mundschutz. „Nun, Misses Egan, eigentlich hab ich nicht die Berechtigung dazu,
vor derart vielen Menschen über den Gesundheitszustand eines Patienten
Auskunft zu geben.“
Er sah zu Katie, Nicky und Violet, die alle samt empört guckten. Wie konnte
er nur von derart vielen Personen reden, wo Patricia doch lediglich noch drei
andere Menschen um sich herum hatte.
„Hören Sie, Doktor. Diese drei jungen Leute da drüben stehen meinem
Sohn sehr nahe und ich sehe keinen, wirklich keinen Grund, warum sie mir jetzt
nicht sagen können, wie es meinem Sohn geht. Ich bin doch nur eine besorgte
Mutter, die wissen will, wie es ihrem Baby geht.“ Katie konnte die Aufregung
in Patricias Stimme vernehmen und auch das Zittern verriet, wie emotional aufgewühlt
sie war. „Also gut. Wir haben Ihren Sohn nun fast ganze fünf Stunden lang
operiert und konnten die inneren Blutungen stoppen und seinen Zustand einigermaßen
stabilisieren. Ich will Ihnen nicht vorenthalten, dass der Herzschlag Ihres
Sohnes während der Operation kurz ausgesetzt hatte und wir ihn nur durch
eine schnelle Wiederbelebung am Leben halten konnten. Mister Egan hat äußerst
schwere Verletzungen. Sein Schlüsselbein, sowie der rechte Arm und das
rechte Bein sind gebrochen. Über seinem rechten Auge zieht sich eine tiefe
Platzwunde bis hin zu dem Ansatz seines Haares. Außerdem hat er Quetschungen
der Leber erlitten und die Milz ist gerissen, sodass wir ihm diese entfernen
mussten. Sein Kreislauf ist sehr instabil und wenn ich ehrlich zu Ihnen sein
soll, können wir momentan noch nicht sagen, ob er überleben wird.
Die nächsten Stunden sind entscheidend.“
Katie hatte jedes einzelne Wort mitbekommen und es fühlte sich so an,
als würde jemand mit dem Hammer immer wieder auf sie einschlagen. Ihr Kopf
dröhnte. Kian. Es konnte ihm doch unmöglich so schlecht gehen. Gestern
noch war er so glücklich und unbeschwert und heute führte einen erbitterten
Kampf mit dem Tod. Unfassbar. Sie beobachtete noch kurz das Gespräch zwischen
dem Arzt und Patricia, wand aber dann ihren Blick ab. Katie wollte einfach zu
Kian, ihn sehen, seine Hand halten und ihm Mut zusprechen. Er durfte jetzt auf
gar keinen Fall aufgeben, denn wenn er es tat, würde Katie ihn nie wieder
lachen und sprechen hören. Es zerriss ihr schier das Herz, daran zu denken
und doch musste sie sich mit diesem Thema auseinander setzen, ob sie wollte
oder nicht. Patricia und auch die anderen hatten ihren labilen Zustand bemerkt
und lächelten ihr aufmunternd zu, obwohl das ihnen wahrscheinlich fürchterlich
schwer fallen musste.
„Mach dir nicht zu viele Sorgen, Kleines. Unser Kian ist ein Kämpfer. Er
wird das schaffen“, sagte Patricia und drückte Katies Hand. „Ja, Kian wird
seinen sturen Kopf schon durchsetzen“, stimmte ihr Nicky zu, schaffte es aber
nicht, wirklich ernstzunehmend zu klingen. Katie nickte nur stumm, nicht in
der Lage dazu, etwas zu sagen. „Kat, was hältst du davon, wenn wir dich
ins Hotel bringen?“, fragte Nicky und sah sie an. Sie wusste, dass er es nur
gut meinte, doch konnte sie wirklich gehen? Schließlich musste sie doch
auf Kian aufpassen. „Ich würde lieber hier bleiben, für den Fall,
dass Kian aufwacht.“ „Nein, Katie, geh lieber ins Hotel, iss was und ruhig dich
ein wenig aus. Ich bleibe hier und Kevin wird in einer halben Stunde auch hier
sein.“ „Aber Patricia, was ist, wenn er aufwacht?“ „Dann werde ich dir auf der
Stelle bescheid geben, verlass dich drauf. Nur bringt es rein gar nichts, wenn
du jetzt bis zum bitteren Ende hier sitzt. Damit machst du dich kaputt und das
würde Kian ganz sicher nicht wollen.“ Sie hatte recht. Katie brauchte eine
Pause, etwas Ruhe und vielleicht auch ein bisschen zu essen, denn ihr Magen
rebellierte schon.
„Okay.“ Katie erhob sich von ihrem Stuhl und umarmte Patricia kurz, ehe sie sich bei Violet und Nicky unterhakte und zusammen mit ihnen die Klinik Richtung Hotel verließ.
„Nicky!“ Shane kam heran gestürmt, als Nicky, Katie und Violet das Hotel
betraten. „Shane.“ Nicky fiel Shane um den Hals und drückte ihn fest an
sich. Katie hatte schwören können, dass beide kurz davor standen,
in Tränen auszubrechen. Sie umarmten sich einige Sekunden lang, bis Bryan
und Kerry dazu kamen. Die beiden hatten ihre Töchter bei sich und sahen
sehr betreten drein. Obwohl Katie Kerry kaum kannte und noch nicht wirklich
viel mit ihr zu tun hatte, fielen sich die beiden Frauen wortlos in die Arme.
Es tat unglaublich gut, zu wissen, dass man einen Rückhalt hatte und nicht
allein gelassen wurde.
„Oh Kat, es tut mir so leid“, flüsterte Kerry und strich Katie eine Haarsträhne
aus der Stirn. Katie sagte nichts. Sie versuchte zu lächeln, als Lilly,
die jüngste Tochter von Bryan und Kerry, an ihrer Hose zog und somit ihre
Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. „Na Mäuschen.“ Katie hatte sich zu ihr
herunter gebeugt und streichelte zärtlich die zarte Haut ihrer Wange. Lilly
quietschte vergnügt und rannte dann zu Molly, ihrer Schwester, die ein
paar Meter weiter entfernt stand und gerade mit ihrem Daddy redete. „Wie geht
es Kian?“, wollte Kerry wissen und auch Shane gesellte sich in ihre Runde. Ihm
schien es egal zu sein, dass Violet auch anwesend war, denn jetzt gab es wahrlich
wichtigeres. „Nicht gut“, antwortete Katie leise und sah zu Boden. „Er wurde
fünf Stunden lang operiert, aber sein Zustand ist sehr instabil. Die Ärzte
haben gesagt, dass sie noch nicht wissen, ob er durchkommt.“ Auch Mark gesellte
sich nun zu ihnen, ebenfalls wie Louis, der mit einem Handy an dem linken Ohr
neben Katie trat und sie mitleidig ansah.
Auf sein Mitleid konnte sie nun wirklich verzichten. Sie erwiderte seinen Blick
und plötzlich fiel ihr ein, dass sie ihm ja noch etwas zu geben hatte.
„Mr. Walsh“, sagte sie und kramte in ihrer Tasche nach den Unterlagen. „Ja?“
Er hatte sein Handy in die Brusttasche seiner Jacke getan und musterte sie.
„Sie wollten doch Songtexte haben, richtig? Hier ist ein Text, samt Noten und
Akkorden.“ Sie drückte ihm die Mappe in die Hand und beobachtete seine
Gesichtszüge. Scheinbar hatte er nicht damit gerechnet, dass sie ihm derart
schnell etwas vorzuweisen hatte. „Haben Sie den etwa innerhalb eines Tages geschrieben
und komponiert?“ „Ja, der Song liegt mir sehr am Herzen und deshalb ist er auch
recht schnell zu Stande gekommen.“ Katie kam sich schäbig vor. Kian lag
im Sterben und sie redete mit seinem Manager über die Vermarktung eines
Songs. Lächerlich. Louis sagte nichts mehr, sondern nahm alles stillschweigend
in Kenntnis.
Katie war froh darüber und widmete sich wieder Shane und den anderen. Sie
alle machten einen sehr besorgten Eindruck und schienen mit den Gedanken bei
Kian zu sein. Er konnte wirklich stolz auf solche Freunde sein. Katie nahm einen
tiefen Atemzug und fuhr sich über die Wangen, bevor sie von Shane in den
Arm genommen und getröstet wurde. Langsam aber sicher ging ihr die Kraft
aus. Ihre Beine zitterten und ihr Kopf schmerzte so, als würde er jeden
Moment in alle Einzelteile zerplatzen. Müde rieb sie sich ihre Schläfen
und sah dann zu Violet, die lächelte und ihren Rücken streichelte.
„Ich würde mich jetzt gerne ein bisschen ausruhen.“ „Ist gut, Kat. Soll
ich dich nach Hause bringen?“ „Nein, das tust du nicht, Violet“, sagte Kerry.
„Wir werden Katie in Kians Zimmer unterbringen, damit sie immer jemanden um
sich herum hat und nicht allein zu Hause in ihrer Wohnung sitzt. Davon wird
sie noch ganz krank.“ Violet nickte zustimmend. Gemeinsam mit Kerry führte
sie Katie zu Kians Zimmer. Ihnen entgingen die Blicke der Bodyguards nicht,
die nun überhaupt keine Ahnung davon hatten wie es Kian ging, da sie noch
nicht davon unterrichtet wurden, doch Katie war sich sicher, dass Louis ihnen
bald bescheid geben würde. Vor Kians Zimmertür angekommen, bat Katie
darum, dass die beiden sie bitte alleine lassen würden, was sie bereitwillig
taten, aber nicht ohne zu sagen, dass sie sich nur zu melden brauchte, wenn
sie etwas hatte, schließlich waren Kerry und Bryan nur zwei Zimmer weiter
und auch die anderen residierten in den Zimmern dieser Etage. Katie dankte höflich,
trat in das Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
Mit ihrem Körper lehnte sie sich dagegen und ließ ihren Tränen
freien Lauf. Den ganzen Nachmittag über hatten sich ihre Emotionen, die
sie nicht rauslassen wollte, angestaut und brachen nun aus ihr heraus. Erschöpft
ließ sie sich an der Tür herunter gleiten und vergrub ihr Gesicht
in ihren Armen. Sie weinte hemmungslos, doch es war ihr egal. Es war ihr einfach
nur egal. Der Gedanke daran, dass Kian sterben könnte, trieb sie in den
Wahnsinn. Sie liebte ihn doch so sehr, hatte ein Lied für ihn geschrieben,
was sie von ihm hören wollte. Er durfte nicht sterben und sie alleine lassen.
Katie wollte doch mit ihm alt und glücklich werden, mit ihm zusammen ziehen,
von ihm Kinder bekommen. Sollte sie etwa nicht mehr die Möglichkeit dazu
haben? Katie weinte mehrere Minuten lang, bevor sie sich aufrappelte und ins
Badezimmer lief, wo sie sich eiskaltes Wasser ins Gesicht war und einen tiefen
Atemzug nahm.
Sie war in Kians Zimmer, in dem Zimmer, in dem sie am vergangenen Abend noch
wunderschöne Stunden zu zweit verbacht hatten und sich gegenseitig gestanden,
dass sie sich liebten. Katie hatte noch nie einem Mann gesagt, dass sie ihn
liebte, doch Kian war es wert, diese drei Worte zu sagen. Der Tag, der noch
so erfreulich und vielversprechend begonnen hatte, endete in einer Tragödie.
Es war erst kurz vor sieben Uhr in der Früh, als Katie sich aus dem Bett
quälte. Der Schlaf nahm für sie ein jähes Ende, als sie Kians
Gesicht im Traum vor sich sah, dass sich immer weiter von ihr entfernte und
schließlich in der Dunkelheit verschwand. Daraufhin wachte sie schweißgebadet
und mit starkem Herzklopfen auf und konnte auch nach mehreren Versuchen nicht
mehr einschlafen. Katie lief mit geschwollenen und vom vielen weinen geröteten
Augen ins Badezimmer, um eine ausgiebige Dusche zu nehmen. Zwar war sie hellwach,
doch ihre gesamten Muskeln waren verspannt und schmerzten unangenehm. Vielleicht
würde ein wenig heißes Wasser dem Abhilfe schaffen. Katie entkleidete
sich und stieg in die Duschkabine, wo sie das Wasser anstellte, dass nur wenig
später auf ihren strapazierten Körper rieselte.
Mit geschlossenen Augen lauschte sie den plätschernden Geräuschen
und dachte unwillkürlich an Kian. Sie wusste, dass er es schier hasste,
wenn man so heiß duschte, wie Katie es gerade tat. Nicht nur einmal hatte
sie das zu spüren bekommen. Katie wurde nachdenklich. Auch wenn Kian oftmals
seine schlechte Laune an ihr ausgelassen und sie für Dinge kritisiert hatte,
an denen es nichts zu kritisieren gab, war ihr das noch zehn tausend mal lieber,
als ein vollkommen stiller Kian, wie er es momentan war. Katie konnte am gestrigen
Abend nicht noch einmal ein Blick auf ihn werfen, obwohl sie vorgehabt hatte,
in die Klinik zu fahren, doch Patricia hatte sich nicht gemeldet, also hoffte
sie, dass nichts schlimmeres vorgefallen war. Dafür würde sie ihn
heute besuchen und wenn sie ehrlich war, dann graute es ihr davor. Sie hatte
Angst, Kian zu sehen, da sie nicht wusste, was sie erwartete. Würde er
wach sein oder schlafen? Würde er auf sie reagieren oder einfach nur emotionslos
in seinem Bett liegen? Wie schwer würde er überhaupt verletzt sein?
Erst, wenn sie ihn sehen würde, würde sie auch das Ausmaß dieses
schrecklichen Unfalls erkennen. Benommen von diesem Gedanken, verließ
sie die Dusche und trocknete sich mit einem hoteleigenen Handtuch sorgfältig
ab. Sie rubbelte so fest, dass ihre Haut leicht errötete, doch Katie spürte
nichts davon, da sie gedanklich meilenweit entfernt war. Nachdem sie sich ein
T-Shirt und eine Jeans übergezogen hatte, griff sie zu einer Bürste
und bürstete damit ihr Haar gründlich durch, um es sich danach zu
einem festen Pferdeschwanz zusammen zu binden. Katie verzichtete an diesem Tag
vollständig auf Make – Up, da sie fand, dass es keinesfalls angebracht
war. Mit hängenden Schultern ging Katie in das benachbarte Schlafzimmer
und zog die Vorhänge vor den Fensterscheiben zurück. Mittlerweile
war es schon hell geworden und kurz nach sieben Uhr.
Es war mal wieder ein trüber Tag, doch wenigstens regnete es nicht, obwohl
das immer noch kommen konnte, denn der wolkenverhangene Himmel deutete auf nichts
gutes. Doch es war egal, vollkommen egal. Wen interessierte schon dieses blöde
Wetter? Man konnte sowieso nichts daran ändern. Seufzend ließ sich
Katie auf ihr Bett fallen und starrte an die Decke. Was sollte sie denn die
ganze Zeit noch machen? Sie hatte sich mit den Jungs für um acht Uhr zum
Frühstück verabredet und sie konnte ja wohl kaum erwarten, dass einer
der Jungs schon wach sein würde, denn so gut kannte sie sie mittlerweile
schon. Gerade hatte sie den Gedanken zuende gedacht, als es an der Tür
klopfte. Erschrocken wirbelte Katie herum und sah zu der geschlossenen Tür.
Sie wünschte sich so sehr, dass Kian jetzt davor stehen würde, doch
dem war nicht so. Am liebsten hätte sie nicht geöffnet, doch vielleicht
war es Patricia, die sie sprechen wollte. Katie stand auf und lief langsam zur
Tür. Anschließend drückte sie die Klinke nach unten und öffnete
sie einen Spalt weit, damit sie den Kopf durchstecken konnte. Shane. Was wollte
Shane denn schon so früh von ihr?
„Guten morgen“, sagte er und versuchte zu lächeln, doch aufgrund der momentanen
Situation stellte sich das als sehr schwierig heraus. „Morgen.“ Katie wollte
ihn herein bitten, doch Shane schüttelte den Kopf. „Ich wollte dich eigentlich
nur fragen, ob du schon mit zum Frühstück kommst. Die anderen sind
schon unten.“ „Jetzt schon?“ Katie war ehrlich überrascht und machte auch
keinen Hehl daraus. „Ja, irgendwie konnten wir alle nicht mehr schlafen und
haben uns dazu entschlossen, den Tag schon ein bisschen früher zu beginnen.“
Katie nickte und schnappte sich ihren Zimmerschlüssel, den sie sich in
ihre Hosentasche steckte, bevor sie die Tür hinter sich ins Schloss fallen
ließ und zu Shane in den Flur trat. „Ich bin wirklich froh, dass ihr auch
schon wach seit“, sagte Katie und hakte sich bereitwillig bei Shane unter, als
er ihr seinen Arm anbot. Gemeinsam gingen sie den Flur entlang, bis hin zum
Fahrstuhl, der die beiden ins Erdgeschoss beförderte, von wo aus sie in
den Speisesaal gingen. Schon von weitem konnte Katie Bryan samt Kerry und Kindern
und die anderen an einem großen Tisch sitzen sehen, doch scheinbar hatte
keiner wirklich Hunger, denn außer einer Kanne Kaffee und zwei Cornflakesschalen
für Molly und Lilly, befand sich nichts verspeisbares auf dem Tisch. Shane
sah Katie noch einmal aufmunternd an, ehe sie auf den Tisch zugingen.
„Guten morgen, Katie“, begrüßte Kerry Katie sofort und bot ihr den
freien Platz neben sich an, auf den sie sich dankbar fallen ließ. „Morgen
alle miteinander.“ Alle nickten ihr zu, nur Nicky schien ihre Anwesenheit kaum
wahrzunehmen. Er saß neben Georgina und blickte teilnahmslos in die Runde.
Man konnte fast den Eindruck bekommen, er würde sich Vorwürfe wegen
dem Unfall machen, dabei waren weder er noch Kian daran Schuld. „Hier, falls
du mal lesen möchtest.“ Mark hatte eine Zeitung über den Tisch geschoben,
während er Katie unsicher ansah. Sie wusste ganz genau, was in der Zeitung
stand, weshalb sie ihren Arm und ausstreckte und sie ergriff. Die Titelseite
wurde von einem großen Bild von Kian geziert, sowie einem Bild von Nicky,
mehren Bildern von den Unglücksautos und auch ein Bild von Katie war dabei,
wie sie neben Nicky stand und weinte. Augenblicklich wurde ihr Körper mit
einer Gänsehaut überzogen. Katie hatte versucht, diese ganzen Bilder
zu verdrängen, sie aus ihrer Erinnerung zu streichen, doch jetzt wurde
sie bereits schon wieder damit konfrontiert. Ihre Augen klebten auf der dramatischen
Überschrift.
„Westlife- Star Kian Egan – Horrorunfall. Der beliebte Sänger kämpft um sein Leben.“
Katie schluckte. Sollte sie weiter lesen und dadurch vielleicht Dinge erfahren, die ihr bis jetzt noch verborgen geblieben waren? Sie hatte Angst und doch war die Neugier stärker.
„Dublin – Am gestrigen Tag hat sich in der Dubliner Innenstadt ein schwerer Verkehrsunfall zugetragen, aus denen zwei leichtverletzte Personen und ein schwerverletzter hervorgingen. Was viele Fans schockieren wird, zwei Westlife- Sänger saßen in einem der beiden Unglücksautos. Wie sich diese Tragödie genau zugetragen hat, steht noch nicht genau fest, doch die Polizei ermittelt. Vermutlich wurden Kian Egan und Nicky Byrne die Vorfahrt genommen, woraufhin sie frontal mit dem anderen Wagen zusammengestoßen sind. Während Nicky Byrne fast unverletzt aus dem Wagen kam, musste Kian Egan mit lebensgefährlichen Verletzungen geborgen werden. Er wurde sofort in die nächste Klinik gebracht, wo er noch am selben Tag ganze fünf Stunden lang operiert wurde, sein Zustand aber weiterhin kritisch ist. Noch ist nicht sicher, ob Kian überleben geschweige denn jeweils wieder auf der Bühne stehen wird, doch seine Bandkollegen und das Westlife – Management reagierten prompt und sagten für die kommende Woche alle Termine und Auftritte ab.“
Katie versuchte das zittern ihres Körpers unter Kontrolle zu bringen, doch mit jedem Wort, was sie aus der Zeitung vernahm, wurde es stärker. Sie fühlte sich so hilflos, so schrecklich hilflos. Es gab nichts, was sie für Kian tun konnte, außer zu hoffen und zu beten, dass alles wieder gut werden würde.
Katie betrat die Klinik, in die Kian am gestrigen Tage eingeliefert worden
war. Um sie herum war alles dunkel und auf den Fluren war keine Menschenseele
zu sehen, als wäre alles ausgestorben. Und genauso fühlte sie sich
auch – ausgestorben. Schon allein der Geruch, der in den Krankenhäusern
immer vorherrschte, verursachte in Katies Magen ein Gefühl der Übelkeit.
Doch da musste sie durch, schließlich war dieses Gefühl lächerlich,
im Vergleich dazu, was Kian gerade durchmachen musste. Da Katie wusste, in welchem
Stock sich Kian befand, suchte sie sofort einen freien Aufzug, stieg hinein
und drückte den entsprechenden Knopf. Zwar dauerte es nicht lange, bis
Katie in der fünften Etage angekommen war, doch ihr kam es vor wie eine
halbe Ewigkeit. Zögernd trat sie hinaus und ließ ihren Blick durch
den Flur weichen. Schon von ihrer Position aus konnte sie Kians Dad, Kevin,
sehen, wie er an einer Wand lehnte und einen Plastikbecher in der Hand hielt.
Langsam, aber dennoch entschlossen trat sie auf ihn zu und nickte, als er seinen
Kopf hob und sie ansah.
„Hallo“, sagte sie und begrüßte ihn mit einem Händedruck. „Hallo,
Katie. Wie geht es dir?“ Sie seufzte und zuckte mit den Schultern. „Wie soll
es mir schon gehen? Ich muss andauernd an Kian denken. Wie geht es ihm?“ Kevin
mied ihren Blick und senkte seinen Kopf. Augenblicklich wurde Katies gesamter
Körper mit einem Gefühl der grenzenlosen Angst durchflutet. Es würde
ihm doch nicht etwa schlechter gehen? Oder doch? „Die letzte Nacht war sehr
schwierig. Obwohl mir Patricia gesagt hat, ich solle dir nichts erzählen,
halte ich es für besser, wenn du es erfährst, immerhin bist du Kians
Freundin.“ Er lächelte sanft, doch dieses Lächeln war in den Bruchteilen
einer Sekunde schon verschwunden. „Was ist mit Kian?“, drängelte Katie.
„Gegen drei Uhr setzte sein Herzschlag aus. Alle möglichen Ärzte und
Krankenschwestern kamen in sein Zimmer gestürmt, um ihn zu reanimieren,
doch es funktionierte nicht. Katie, glaub mir, so eine Angst wie in diesem Moment
hatte ich noch nie in meinem Leben. Ich dachte, ich würde meinen Jungen
verlieren. Doch Gott sei Dank schafften es die Ärzte, ihn mit einer Herzmassage
am Leben zu halten.“
Katies Augen füllten sich aufgrund dieser präzisen Schilderungen von
Kevin mit Tränen. Hätte sie letzte Nacht am Krankenbett gesessen,
wäre sie vermutlich zusammen gebrochen. Katie hätte es nicht ertragen
können, Kian so dermaßen leiden, gar schon klinisch tot zu sehen.
Sie schüttelte sich bei dem Gedanken daran und sah wieder zu Kevin, der
sich seine Brille von der Nase genommen hatte und müde seine roten Augen
rieb. Er musste lange geweint haben, das war ganz offensichtlich. „Kevin, wie
geht es ihm jetzt?“ „Sein Zustand ist unverändert. Er sieht schrecklich
aus, Katie, einfach schrecklich. Sein ganzer Körper ist verkabelt und man
könnte meinen, dass er nur durch die vielen Geräte am Leben gehalten
wird. Kian ist furchtbar blass und seine Wangen sind eingefallen. Ich erkenne
meinen Sohn kaum wieder. Obwohl er nicht im Koma liegt, hat er nach der Narkose
noch nicht ein mal wieder die Augen geöffnet. Ich wünschte mir so,
dass er das tun würde, denn dann wüssten wir, dass alles in Ordnung
ist, weil allein der Glanz seiner Augen...“
Kevin unterbrach. Er begann zu schluchzen und zu weinen, was Katie deutlich
machte, wie ernst die Situation war, wenn selbst ein Mann wie Kevin weinte wie
ein hilfloses Baby. „Wo ist Patricia?“, fragte Katie leise, während sie
versuchte, ihre Tränen herunter zu schlucken. „Bei Kian. Wenn du möchtest,
kannst du auch zu ihm.“ Katie nickte. Sie wollte ihn sehen, mit ihm reden und
ihn berühren, doch sie hatte auch Angst davor, weil sie sich sicher war,
den Kian, den sie kannte und liebte, nicht mehr so vorzufinden, wie er einmal
war. Dennoch musste sie zu ihm. Katie ging an Kevin vorbei und drückte
die Klinke der nächsten Tür nach unten. Vorsichtig warf sie einen
Blick in das Zimmer und erhaschte Patricias Blick. Sie sah müde aus, genau
wie Kevin. Die beiden mussten die ganze Nacht neben Kians Bett gewacht haben.
„Katie“, flüsterte Patricia, erhob sich von ihrem Stuhl und kam auf sie
zu. Katie traute sich nicht, die Tür weiter zu öffnen, aus Angst vor
dem Bild, dass sich ihr bieten würde.
„Geh zu Kian und rede mit ihm. Er muss deine Stimme hören. Das wird ihm
gut tun.“ Bevor Katie antworten konnte, hatte Patricia sie fest umarmt und war
aus dem Zimmer getreten. Nun gab es kein Zurück mehr. Mit zusammen gekniffenen
Augen trat Katie ein. Ihr Blick fiel nicht sofort auf Kian, sondern auf die
Umgebung. Das Zimmer war groß und hell, wirkte an diesem Tag aber sehr
dunkel. Zitternd wandte sich Katie Kian zu. Sie war kurz davor laut loszuschreien,
als sie ihn in seinem Bett liegen sah. Unzählige Geräte umgaben ihn
und machten merkwürdige Geräusche, die Kian allerdings nicht wahrnahm.
Das war nicht ihr Kian, der da im Bett lag, sondern ein Mann, dessen Leben zwischen
Leben und Tod schwebte und am seidenen Faden hing...
Katie war froh, als sie sich auf dem Stuhl neben Kians Bett nieder lassen konnte,
denn ihre Beine waren mit einem mal so weich und zittrig, als würden sie
jeden Moment nachgeben. Sie wagte es kaum, Kian genauer zu betrachten, denn
schon aus ein paar Metern Entfernung sah er fürchterlich aus und hatte
nichts mehr mit dem Kian gemein, den die Jungs, seine Fans, seine Familie und
sie selbst so sehr liebten. Ein lautes schluchzen ihrerseits durchbrach die
Stille.
„Kian“, flüsterte sie und versuchte die Tränen, die sich in ihren
Augen gesammelt hatten, herunter zu schlucken. Vorsichtig suchte sie Kians Hand,
die auf seiner Decke ruhte, und ergriff sie. Sie war eiskalt und Kian erwiderte
ihren Griff nicht wie sonst. „Kian, du musst unbedingt wieder gesund werden,
hörst du?“, sagte sie und streichelte mit ihrem Daumen seine Handoberfläche.
Katie wusste, wie sehr er das liebte und hoffte inständig, dass er ihre
Berührungen spüren würde. „Ich möchte so gerne deine Stimme
hören und die anderen auch. Die Jungs und deine Freunde vermissen dein
Lachen, deinen Gesang und deinen unwahrscheinlichen Sturkopf. Ich habe den heutigen
Vormittag mit Shane verbracht und er hat mir viel über eure Kindheit erzählt.
Ihr wart ganz schön durchgeknallt, muss ich sagen. Er will genauso wie
ich, dass du wieder fit wirst und mit deinen Jungs zusammen auf der Bühne
stehst. Obwohl die Fans erst heute Morgen von deinem Unfall erfahren haben,
sind schon Hunderte von Genesungswünschen eingetroffen. Louis und Anto
wissen gar nicht, wo sie den ganzen Kram hin tun sollen. Vorhin haben sie einfach
alles in Wäschekörbe getan, damit du alles sehen kannst, wenn es dir
wieder besser geht und ich bin mir sicher, dass es dir wieder besser gehen wird,
weil du nämlich stark bist und dich nicht unterkriegen lässt. Außerdem
musst du für mich wieder gesund werden. Wir lieben uns doch und ich will
eine gemeinsame Zukunft mit dir haben und auch wenn ich es dir bis jetzt noch
nicht gesagt habe, bist du der Mann, mit dem ich eine Familie gründen will.
Eine einzelne Träne rann über Katies Wange und tropfte auf ihren Pullover.
Sie saß nun schon eine halbe Stunde an Kians Bett und er hatte sich nicht
einmal geregt. Die ganze Zeit lag er teilnahmslos da, was Katie das Herz brach,
denn ihn so zu sehen, verkraftete sie kaum. Langsam erhob sie sich von ihrem
Platz. Er brauchte jetzt Ruhe, genau wie sie, denn ihre Nerven lagen jetzt schon
blank und es wäre nicht unbedingt noch förderlich, länger an
seinem Bett zu sitzen, wo er sich doch sowieso nicht regte. Katie nahm einen
tiefen Atemzug und beugte sich zu ihm herunter, um seine Stirn mit einem sanften
Kuss zu bedecken. „Ich liebe dich“, sagte sie kaum hörbar und streichelte
kurz über seine eiskalte Wange. Anschließend drehte sie sich um,
öffnete die Tür und ging nach draußen. Kevin und Patricia saßen
beide auf dem Flur und wirkten sehr müde. Patricia hatte ihren Kopf an
Kevins Schulter gelegt und ihre Augen geschlossen. Verständlich, nachdem
sie die ganze Nacht über wach gewesen war.
„Und?“, fragte Kevin, als er Katie erblickte. „Unverändert. Ich habe mich
zwar die ganze Zeit mit ihm unterhalten und ihm von den ganzen Geschehnissen
erzählt, aber Kian hat keinerlei Reaktion gezeigt. Es tut so weh, ihn zu
sehen, und deshalb konnte ich auch nicht länger im Zimmer bleiben. Tut
mir leid.“ „Das muss dir nicht leid tun, Katie. Wir wissen es wirklich zu schätzen,
dass du deine Freizeit dafür opferst, um bei Kian zu sein. Es hat ihm sicher
gut getan, deine Stimme zu hören und mit Sicherheit hat er ganz genau gespürt,
dass du an seiner Seite bist.“ Katie nickte. Die Worte klangen einleuchtend,
doch Katie konnte sich aus irgendeinem Grund nicht vorstellen, dass Kian sie
wirklich gehört hatte. „Ich werde zurück ins Hotel gehen, um mir ein
bisschen Abwechslung zu verschaffen. Shane hat gesagt, er würde eventuell
zusammen mit Mark noch mal bei Kian vorbeisehen.“ „Ist gut, Katie, und mach
dich nicht so fertig. Alles wird gut.“ Katie lächelte matt, zog sich ihren
Pullover zurecht und warf sich ihre Tasche über die Schultern, ehe sie
zum Fahrstuhl ging, hinein stieg und nach unten ins Erdgeschoss fuhr. Nach etwa
fünf Minuten war Katie wieder draußen an der frischen Luft, doch
irgendwie schaffte sie es nicht, zu gehen, weg zu gehen von Kian, der sie so
sehr brauchte und dem sie doch eigentlich bei seinem Kampf beistehen musste.
Aber was brachte es denn, ewig an seiner Seite zu sitzen? Schulterzuckend und
mit einem vorwurfsvollen Gefühl entfernte sie sich vom Eingang des Krankenhauses,
als plötzlich eine ihr sehr bekannte Stimme hinter ihr aufhallte. Sie klang
verzweifelt, was Katie sofort dazu veranlasste, sich umzudrehen. Kevin stand
nur wenige Meter von ihr entfernt und machte einen sehr aufgewühlten Eindruck.
Es musste etwas geschehen sein, denn Kevin wäre ihr niemals grundlos gefolgt.
Ein schreckliches Gefühl der Angst überkam Katie plötzlich, gemischt
mit der Ungewissheit. War etwas mit Kian geschehen? Sie musste es wissen. Ohne
auf die umstehenden Passanten zu achten, rannte sie zu Kevin, der augenblicklich
ihre Hand nahm und sie mit sich nach drinnen zog. Er sagte kein Wort, während
sie mit dem Aufzug wieder in die Etage fuhren, wo Kian untergebracht war, doch
Katie wusste in ihrem Inneren schon, was geschehen war, wagte es aber nicht,
es auszusprechen. Erst als sie auf den Flur traten und vor Kians Zimmer mehrere
Ärzte, Schwestern und schließlich auch Patricia, die sich ihre Hände
vor das Gesicht hielt, erblickten, drehte Kevin Katie zu sich und sah sie ernst
an.
„Kian ist gestorben.“
Er sagte es gefasst, doch das Zittern in seiner Stimme und die mit Tränen
gefüllten Augen verrieten ihn. Katie glaubte einen Moment lang, sich verhört
zu haben, gar eine Halluzination zu haben, doch als auch Patricia zu ihr kam
und ihr Kians Tod bestätigte, konnte sie nicht mehr an sich halten und
wurde von einem regelrechten Heulkrampf geschüttelt. „Nein, nein, das kann
doch nicht wahr sein. Das darf nicht wahr sein. Kian kann unmöglich tot
sein. Ich war doch eben noch bei ihm, habe mit ihm geredet und seine Hand gehalten.
Auch wenn er nichts gesagt hat, habe ich gespürt, dass er mir innerlich
versprochen hat, zu kämpfen und wieder gesund zu werden, damit wir eine
gemeinsame Zukunft haben. Er ist nicht tot, nicht wahr? Kian lebt...er lebt.
Er muss einfach leben! KIAN!!!“ Kraftlos ließ sich Katie auf ihre Knie
fallen und stützte sich mit ihren Händen auf dem kalten Krankenhausboden
ab.
Unendlich viele Tränen liefen über ihre Wangen und brannten heiß
in ihren Augen. Kian durfte nicht tot sein, er konnte doch unmöglich gestorben
sein. Sie liebten sich doch und gerade als Katie endlich einen Menschen gefunden
hatte, dem sie förmlich verfallen war, musste genau dieser Mensch ihr auf
eine so grausame Weise genommen werden. Ihr Kian war tot. Niemals würde
sie ihn wieder reden, lachen und singen hören. Niemals würde er wieder
mit SEINEN Jungs auf der Bühne stehen und den ganzen Fans unvergessliche
Momente schenken. Niemals wieder würde er zurück kommen. Die Welt
hatte einen Engel verloren – für immer.
Katies Augen waren vom vielen Weinen rot und geschwollen, als sie das ‚Radison’
betrat. Nachdem sie das Krankenhaus verlassen hatte, nahm sie alles um sich
herum nur noch verschwommen war und allein Kevin war es zu verdanken, dass sie
heil im Hotel ankam. Die Jungs wussten noch nicht, dass Kian gestorben war und
es lag an ihr, es ihnen mitzuteilen, denn sie wollte Kians Eltern dieses schwere
Hürde nehmen, weil sie ganz genau wusste, wie schwer es für Eltern
sein musste, ein Kind verloren zu haben, sein eigen Fleisch und Blut. Müde
fuhr sie durch ihr Haar, während sie durch die Lobby ging, auf dem Weg
zum Aufzug. Glücklicherweise lief ihr genau in diesem Moment, Paul, ein
Bodyguard der Jungs, über den Weg.
„Paul“, rief sie mit der Kraft, die sie noch aufbringen konnte. Er drehte sich
um und kam zu Katie. „Katie, wie geht es dir? Du siehst gar nicht gut aus. Warst
du bei Kian?“ Sie gab ihm keine Antwort auf seine Frage. „Paul, trommle bitte
die Jungs, Louis und Anto zusammen. Ich muss mit ihnen reden.“ Sie konnte förmlich
die Neugier in Pauls Augen erkennen, doch er hielt sich dezent zurück und
nickte nur. „Danke.“ Mit diesem Wort trat Katie in den Aufzug. Sie wollte einfach
nur in ihr Zimmer, in Kians Zimmer, in das er nie wieder zurückkehren würde.
Erneut stiegen ihr Tränen in die Augen, doch sie war stark genug, sie zurück
zu halten, vorerst. Ihre Finger zitterten, als sie den Schlüssel in das
Schloss steckte und die Tür aufschloss. Sie ging hinein, legte den Schlüssel
auf einem Tisch ab und ließ sich bäuchlings auf das Bett fallen.
Katie vergrub ihr Gesicht in den Kissen und weinte bitterlich in diese hinein.
Sie hatte Kian verloren. Ihn verloren, wie unrealistisch das doch klang. Nach
einigen Minuten schreckte Katie vom klingeln des Telefons auf. Eigentlich wollte
sie nicht dran gehen, da sie mit niemandem reden wollte, doch sicherlich war
einer der Jungs am anderen Ende der Leitung. Mühsam quälte sie sich
nach oben und ging zum Schreibtisch, der an einer Wand positioniert war, um
den Hörer abzunehmen. „Ja“, sagte sie tonlos. „Ich wollte dir nur sagen,
dass ich den Jungs Bescheid gegeben habe. Sie haben sich in Shanes Zimmer versammelt
und erwarten dich.“ „Ist gut, Paul. Danke, dass du mir Bescheid gesagt hast.“
Katie legte wieder auf und lief ins Badezimmer, denn so konnte sie den Jungs
unmöglich unter die Augen treten. Sie sah schrecklich aus und noch kaum
etwas erinnerte an ihre Schönheit. Eilig frischte sie ihre heißen
Wangen mit kaltem Wasser auf, bevor sie sich ihr langes Haar mit einem Haargummi
zusammenband.
Am heutigen Tage legte sie keinen großen Wert darauf, hübsch oder
elegant auszusehen, denn für wen sollte sie sich jetzt noch die Mühe
machen? Es gab niemandem mehr, für den es sich lohnte, schön auszusehen.
Katies Beine waren schwer, als sie den Gang entlang lief, um zu Shanes Zimmer
zu gelangen, das fast am Ende des Flures lag. Sie klopfte an, als sie vor der
Tür ankam und wurde hereingebeten. Zu ihrer Überraschung war auch
Gillian anwesend, die sich trotz der vielen negativen Schlagzeilen von Shane
in keinstem Falle von ihm abgewandt hatte, was Katie sehr beneidete. Selbst
solche Krisen überstanden die beiden und sicher hätten es Kian und
sie auch geschafft, zusammen glücklich zu werden, wenn man ihnen nur die
Chance gegeben hätte. Sie machte sich gar nicht erst die Mühe zu lächeln,
als sie eintrat und sich neben Nicky auf der Couch niederließ.
Von allen wurde sie erwartungsvoll angesehen, in der Hoffnung, dass sie eine
gute Nachricht überbringen würde, doch ganz genau das Gegenteil würde
eintreffen. „Ist etwas mit Kian, Kat? Du warst doch bei ihm. Geht es ihm besser?“
Shane hatte das Wort ergriffen und sah zu Katie, während er Gillians Hand
hielt und sie beruhigend streichelte. Katie traute sich nicht, die Wahrheit
auszusprechen, doch sie musste es tun, da die Jungs ein recht darauf hatten,
zu erfahren, dass Kian nicht mehr am Leben war. Sie atmete einmal tief durch,
ehe sie ihren Kopf aufrichtete und versuchte, alle gleichzeitig anzusehen. Noch
nie in ihrem Leben fiel ihr etwas so schwer, als in die gespannten Gesichter
von Menschen zu sehen, die innerhalb kürzester Zeit zu ihren engsten Freunden
geworden sind.
„Kian..., er ist vorhin gestorben.“ Eine unheimliche Stille durchflutete den
Raum nach Katies gesagten Wörtern. Keiner sagte ein Wort, vielleicht weil
sie annahmen, Katie würde scherzen, doch spätestens als sich die ersten
Tränen ihren Weg aus Katies Augen bahnten, wussten sie, dass es bittere
Realität war. Es dauerte einige Minuten, bis sich Gillian dazu durchringen
konnte, als erste etwas zu sagen. „Kian ist tot?“, fragte sie leise und mit
einer ungläubigen Piepsstimme. Katie nickte und sah, wie sie Shane um den
Hals fiel und sich an seiner Schulter ausweinte. Sicher wollte er ihr Trost
spenden, immerhin war Kian Gillians Cousin, doch weil auch Shane in Tränen
aufgelöst war, war ihm das kaum möglich. „Es tut mir so leid, Katie,
so leid.“ Mark, selbst mit Tränen in den Augen, war zu ihr gegangen und
hatte sie fest in den Arm genommen. Genau das brauchte Katie jetzt, starken
Rückhalt, denn alleine würde sie mit dieser Situation niemals fertig
werden. „Warum ausgerechnet Kian? Er war ein herzensguter Mensch und hat es
am allerwenigsten verdient, so früh aus dem Leben gerissen zu werden“ murmelte
Nicky und schüttelte immer wieder den Kopf. „Ja, jetzt, wo er endlich glücklich
war, spielt ihm das Schicksal so übel mit“, entgegnete Bryan und wischte
sich über seine tränennassen Wangen.
„Jungs, ich habe noch gar nicht realisiert, dass wir nie wieder zusammen mit
Kian auf der Bühne stehen können. Wir können nicht mehr mit ihm
scherzen, uns mit ihm streiten und es gibt keinen mehr, der uns sagt, was wir
zu tun haben und uns immer wieder aufrüttelt, wenn es uns nicht so gut
geht“, flüsterte Shane und fügte hinzu: „Wisst ihr noch, als wir kurz
vor unserer Trennung standen, weil wir nicht mehr wussten wie es weiter gehen
soll und uns die Kraft fehlte? Allein Kian ist es zu verdanken, dass wir heute
noch als Band zusammen sind, denn er war derjenige, der mit Louis ein paar Wochen
Urlaub für alle ausgehandelt hat und uns gesagt hat, dass es der größte
Fehler wäre, aufzuhören, da wir alle an der Musik hängen und
unsere Fans nicht enttäuschen dürfen. Kian dachte immer nur an die
Fans und er wollte, dass wir sie mit unserer Musik erreichen und sie glücklich
mit unseren Konzerten machen. Die Fans werden ihn vermissen, genau wie ich“,
endete er.
Kapitel 29
Seit Kians Tod waren nun drei Tage vergangen, drei Tage, in denen Katies Leben
zu einem reinen dahin vegetieren wurde. Sie konnte nachts nicht mehr schlafen,
schaffte es nicht mehr zu lachen. Noch nicht mal weinen konnte sie mehr, da
ihr die Tränen scheinbar ausgegangen waren. Katie knöpfte ihre schwarze
Bluse zu und band ihr blondes Haar mit einem schwarzen Haargummi zu einem strengen
Knoten nach hinten, ehe sie sich ihre ebenfalls schwarze Strichjacke überzog
und ihre Erscheinung im Spiegel studierte. Katie war blass, unsagbar blass,
und wirkte kraftlos, als würde sie es noch nicht mal mehr schaffen, eine
Einkaufstüte zu tragen.
Schon seit gestern Nachmittag verweilte Katie in Sligo und wohnte in Kians Haus,
in dem sie alles an ihren geliebten Kian erinnerte. Seine Eltern hatten ihr
angeboten, bis zur Beerdigung bei ihnen zu wohnen, doch Katie wollte ihnen nicht
zur Last fallen, da sie höchstwahrscheinlich am meisten an dem Tod ihres
Sohnes zu knabbern hatten. Kians ganze Geschwister hatten sich im Haus versammelt,
um ihren Eltern beizustehen und sich gemeinsam über den Verlust eines wertvollen
Mensches hinweg zu trösten. Sie würden bis zur Beerdigung bleiben,
die am heutigen Tage stattfinden sollte, und genau dieser heutige Tag würde
einer der schwersten in Katies Leben werden. Sie wusste nicht, wie sie ihn überstehen
sollte, denn zu sehen, wie Kians Sarg langsam in die Erde hinunter gelassen
wird, würde sie mit Sicherheit kurz vor einen Zusammenbruch stellen. Dennoch
wollte sie stark bleiben, glättete ihren Rock und schlüpfte in ihre
Absatzschuhe, bevor sie ihre Handtasche nahm und nach draußen trat. Es
war ein kalter und windiger Frühsommertag, mit einem gewissen Regenrisiko.
Vorsichtshalber hatte Katie einen Schirm eingesteckt, während sie sich
auf den Weg zu dem Haus der Egans machte. Sie lief nicht lange und traf unterwegs
auf Shane und Gillian, die sich schon auf den Weg in die Kirche machten. Nach
einem kurzen Gruß, lief sie die Einfahrt hinauf und betätigte die
Türklingel. Patricia, in einem schwarzen Kostüm gekleidet, öffnete
ihr die Tür.
„Hallo, Katie“, sagte sie und begrüßte Katie mit einer herzlichen
Umarmung, die Katie erwiderte. „Warte einen Moment. Wir sind sofort fertig.
Fenella und die anderen sind schon in der Kirche. Wir müssen nur noch Colm
und Marielle mitnehmen.“ Katie nickte und wartete etwa drei Minuten, bis Kevin,
Patricia und ihre beiden jüngsten Kinder aus der Tür heraus kamen.
Marielle hatte gerötete Augen, als hätte sie den ganzen Morgen über
geweint, und Katie hatte das dringende Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen.
Colm dagegen schien nicht richtig zu wissen, um was es ging, doch er wirkte
leicht eingeschüchtert und klammerte sich an seinem Vater fest.
„Wir können“, meinte Kevin, nachdem er einen prüfenden Blick in den
Himmel geworfen hatte. Katie nickte und gemeinsam machten sie sich auf den Weg
zur Kirche. Unterwegs redeten sie kaum ein Wort miteinander, denn jeder wollte
mit seiner Trauer alleine sein. Noch immer war es unfassbar, dass Kian so plötzlich
nicht mehr da war, wo er doch vor wenigen Tagen noch mit allen gelacht und gescherzt
und sich über ein neues Outfit von Bryan lustig gemacht hatte. Gott, er
würde ihnen allen so fehlen. Mit gesenkten Köpfen betraten Katie und
die anderen die Kirche, vor der einige Fans mit Rosen und Plakaten standen,
auf denen drauf stand, dass sie Kian niemals mehr vergessen würden. Die
Egans hatten darauf bestanden, dass auch einige Fans die Trauerfeier mit verfolgen
konnten, da sie für Kian zu den wichtigsten Menschen auf dieser Welt gehörten
und er hätte es gewollt, dass sie ihm die letzte Ehre erwiesen. Katies
Augen füllten sich augenblicklich mit Tränen, als sie den langen Gang
der Kirche entlang gingen und vorne am Altar den schlichten Eichensarg, in dem
Kian lag, aufgebahrt sahen. Um ihn herum wurden weiße und gelbe Rosen
im Halbkreis aufgestellt, die Kian zu seinen Lieblingsblumen zählte, und
der große Altar wurde von einem Bild mit Kian geschmückt. Ein zartes
Lächeln umspielte seine Lippen auf diesem Bild und seine Augen strahlten
mehr denn je. Es konnte noch nicht lange her sein, als es aufgenommen wurde,
denn so glücklich hatte ihn Katie nur gesehen, als er sie kennen gelernt
hatte. Für immer müsste sie auf dieses Lachen verzichten. Es war erloschen.
Unwillkürlich klammerte sich Katie bei Patricia fest, die besorgt zu ihr
herüber sah. „Geht’s?“, fragte sie leise und bekam als Antwort ein Nicken
von Katie. Sie fühlte sich mit einem mal so schwach, weshalb sie umso erleichterter
war, als sie endlich auf einer Bank Platz nehmen konnte. Hinter ihr saßen
die vier verbliebenen Westlife – Jungs mit ihren Frauen und während Katie
durch die Kirche gegangen war, hatte sie auch Violet erblickt, die etwas abseits
saß. Wenige Minuten später begann der Gottesdienst. Der Pfarrer redete
viel über Kian. Er kannte ihn schon seit seiner Taufe und es schien ihm
sichtlich schwer zu fallen, nun seine Beerdigung durchzuführen.
„Tage der Hoffnung und des Betens haben wir hinter uns gebracht, nachdem wir
alle von dem schrecklichen Verkehrsunfall erfahren hatten. Bis zuletzt haben
wir daran geglaubt, dass Kian zurückkehren würde und unsere Sorgen
mit einem amüsierten Lächeln abtat, doch nichts dergleichen geschah.
Nein, Gott hat diesen jungen Mann zu sich ins Himmelreich geholt und die quälende
Frage die bleibt, ist das warum. Warum ausgerechnet Kian Egan? Warum ausgerechnet
ein so junger Mann? Warum gerade jetzt, wo er sowohl beruflich als auch privat
sein großes Glück gefunden hatte? Warum?“ Der Pfarrer stockte. Es
war ungewöhnlich, dass der Leiter eines solchen Gottesdienstes derart emotional
war, doch niemand verübelte ihm das. „Unsere Gedanken sind bei Kian, bei
seinen Eltern, seinen Geschwistern, bei seinen Freunden, bei seinen Bekannten
und bei seiner Freundin, die die Hoffnung bis zuletzt nicht aufgegeben hatten.
Glaubt mir alle, Kian wird euch beobachten und genau darauf achten, was ihr
macht. Er hätte nicht gewollt, dass wir alle aus einem solch fürchterlichen
Grund zusammen kommen und um ihn weinen, wo er doch von Natur aus ein so fröhlicher
Mensch war.“
Katie saugte diese Worte wie ein Schwamm auf und schaffte es einfach nicht,
ihre Tränen zurückzuhalten, die noch schlimmer flossen, als Bryan
nach vorne an den schwarzen Flügel ging und Shane dabei begleitete, wie
er „Angel“ sang. Ausgerechnet dieser Song, bei dem Kian und sie endlich zueinander
gefunden hatten. Shanes Stimme war nicht so kraftvoll wie sonst und von ihrer
Position aus konnte Katie erkennen, wie Bryan mit zitternden Fingern die Tasten
des Klaviers betätigte. Dieses Bild war ein Bild, dass sich in ihrer Seele
einbrannte und alles in ihr auffraß. Katie fühlte sich so leer, als
wäre ein Teil von ihr gestorben.
Als die Trauergemeinde sich auf den Weg zum Friedhof begab, hatte es angefangen
zu regnen, als würde der Himmel weinen. Katie lief zusammen mit Shane,
Mark und Gillian etwas abseits. Die drei kannten Kian seit ihrer Kindheit und
hatten sich zusammen mit ihm ihren größten Traum erfüllt. Sie
haben sich ein gemeinsames Leben aufgebaut und sich ihren größten
Wunsch erfüllt, der plötzlich so nichtig erschien, wenn man bedachte,
dass Kian, ein Gründungsmitglied von Westlife, nicht mehr am Leben war.
Verkrampft hielt Katie eine rote Rose in ihrer linken Hand, die sie nachher
in Kians Grab werfen würde. Der Regen wurde immer stärker, doch Katie
dachte gar nicht daran ihren Regenschirm aufzuspannen. Geistesabwesend lauschte
sie den letzten Worten des Pfarrers, bevor Kians Sarg langsam und vorsichtig
in das dafür vorgesehene Loch niedergelassen wurde. Mit einem mal schien
alles so endgültig, sie würden ihn nie wieder sehen. Sie konnten Kian
doch nicht in der kalten Erde zurücklassen. Dort war er doch vollkommen
alleine. Er würde sich einsam fühlen und er würde frieren. Nein,
das durfte nicht sein. Katie spürte, wie ihr schwarz vor Augen wurde und
aus einem plötzlichen Reflex heraus klammerte sie sich an Mark fest, der
besorgt zu ihr herab sah und sie wortlos in seine Arme schloss. Sie weinte die
wahrscheinlich bittersten Tränen, seit Kians Tod, und ihr war es so, als
würde ihr Herz in alle Einzelteile zerspringen. Langsam ging sie mit den
Jungs zu seinem Grab, wo ihm jeder noch einmal eine persönliche Botschaft
hinterließ. Shane machte den Anfang und zog sich seine schwarze Jacke
enger um den Körper, ehe er ein Kuscheltier zu Tage beförderte und
es ansah.
„Kian, dass hast du mir damals gegeben, als ich mich in Gillian verliebt habe.
Du wolltest, dass ich es ihr schenke und ihr somit zeige, wie sehr ich sie mag.
Es hat funktioniert, Kian, und ich bin der sehr dankbar dafür. Du hast
so viel für mich getan...ich werde dich niemals vergessen.“
Mit diesen Worten landete das Kuscheltier auf dem Sarg und Shane und Gillian
traten ein paar Schritte zurück, um Mark den Vortritt zu lassen, der völlig
aufgewühlt war. „Kian, ich werde dich fürchterlich vermissen. Du warst
immer da, wenn ich jemanden zum Reden brauchte und selbst mitten in der Nacht
hattest du noch ein offenes Ohr für mich. Danke.“ Mark ließ ebenfalls
etwas persönliches auf den Sarg fallen, ehe Bryan und Nicky gemeinsam nach
vorne traten und sich von Kian verabschiedeten.
„Kian, du altes Dreckauge“, sagte Bryan, während sich einige Tränen
aus seinen Augen bahnten. „Mensch, wen soll ich denn jetzt immer ärgern,
wenn du nicht mehr da bist? Ich möchte dir dafür danken, dass du immer
zu mir gestanden hast, egal was für einen Mist ich gebaut habe. Du hast
noch was gut bei mir.“ Er fuhr sich mit seiner Hand über die Wange und
ging zu Kerry, die ihn tröstend in die Arme nahm. Dann war Nicky an der
Reihe. „Ki...wäre ich nicht gewesen, wärst du jetzt noch am Leben.
Ich habe dich darum gebeten, mich zu Georgina zu fahren und herzensgut, wie
du warst, hast du das für mich getan und dabei dein Leben gelassen. Ich
wollte das nicht, Kian, bitte verzeih mir. Jetzt gibt es keinen mehr, der wie
ein Wilder herumspringt, wenn ich mich mal dazu durchgerungen habe, in einen
Aufzug zu steigen. Du hast es wirklich immer geschafft, mir gewaltig Angst einzujagen,
doch dafür habe ich dich geliebt. Die Jahre, die wir gemeinsam verbringen
durften, waren die besten in meinem ganzen Leben und nie, hörst du, niemals
werde ich sie missen wollen.“ Katie konnte nicht mehr.
Diese Worte bewegten sie so sehr, dass sie nervlich kurz vor dem Zusammenbruch
stand. Dennoch ging auch sie zu seinem Grab, um sich von ihm zu verabschieden,
von ihrem geliebten Kian. Die Dornen der Rosen hatten sich bereits in ihre Haut
gebohrt, doch Katie spürte den Schmerz nicht, denn dieser Schmerz war nur
äußerlich, im Gegensatz zu dem Schmerz, den Kian hinterlassen hatte.
„Kian“, flüsterte sie und ging in die Hocke. „Warum hast du mich ausgerechnet
jetzt verlassen? Wir waren endlich glücklich miteinander, haben uns gesagt,
dass wir uns lieben und wollten uns eine gemeinsame Zukunft aufbauen. Du fehlst
mir so sehr, mein Kian, so sehr. Ich liebe dich und ich werde dich immer lieben,
verlass dich da drauf, denn in meinem Herzen ist immer ein Platz für dich
reserviert. Wo auch immer du jetzt bist, ich weiß dass du mich und all
die anderen sehen kannst und ich sage dir eins, du kannst stolz auf deine Familie
und deine Freunde sein, denn egal was passiert, sie werden dich niemals aus
ihrem Gedächtnis streichen. I miss you.“ Mit einem lauten schluchzen warf
Katie die Rose in die Erde und brach weinend zusammen. Sofort kamen alle herbei
gelaufen, um ihr zu helfen, doch Katie wollte sich nicht helfen lassen. Sie
wollte alleine sein und in Ruhe trauern. Noch nicht einmal Violet ließ
sie an sich heran.
Allerdings wurde ihre Aufmerksamkeit noch mal kurz in Anspruch genommen, als
plötzlich ein Saxophonist damit begann, „Unbreakable“ zu spielen. Dieses
Solo war eigentlich für die kommende Tour der Jungs geplant und Katie hatte
mitbekommen, wie sehr Kian davon geschwärmt hatte. Immer wieder hatte er
darauf bestanden, dass Stück während der Proben zu hören und
stur, wie er nun mal war, hat er es auch immer geschafft, seinen Kopf durchzusetzen.
Nicht nur die Jungs, sondern auch der Rest der Westlife – Crew trauerte um ein
verlorenes Mitglied und genau mit diesem Song wollten sich alle von ihm verabschieden
und ihm mitteilen, dass ihre Liebe zu ihm unzerbrechlich war.
Unbreakable.
Kapitel 30
„Meint ihr, ihr schafft das?“, fragte Katie zweifelnd und sah zu Shane und
Nicky, die auf einem weißen Ledersofa saßen und bedächtig ins
Leere starrten. „Keine Ahnung. Hoffen wir es doch mal“, antwortete Nicky. „Ich
denke schon, dass wir es schaffen, schließlich sind wir stark. Und außerdem
sind wir es Kian schuldig. Seit seinem Tod ist nun gut ein Monat vergangen und
er hätte gewollt, dass wir wieder auf der Bühne stehen und die Fans
glücklich machen“, fügte Shane hinzu und rieb nervös die Handinnenflächen
aneinander. Katie nickte wortlos.
Kian war tatsächlich schon vier Wochen tot, einen ganzen Monat, doch Katie
kam es vor, als wären erst ein paar Tage vergangen, seit sie an seinem
Krankenbett saß und fest davon überzeugt war, ihn bald wieder in
die Arme schließen zu können. Wie hatte sie es nur geschafft, die
letzten Wochen hinter sich zu bringen? Allein Violet und den Jungs war es zu
verdanken, dass sie sie überhaupt hinter sich gebracht hatte, denn nach
Kians Beerdigung hatte sie einen Nervenzusammenbruch erlitten und musste drei
Tage lang das Bett hüten. Während der ganzen Zeit wurde sie aber nie
alleine gelassen. Violet war rund um die Uhr bei ihr und auch Shane, Nicky,
Mark und Bryan waren schon Dauergäste bei Katie. Natürlich unterstützten
auch Kians Eltern sie, doch da diese selber mit dem Verlust ihres Sohnes zu
kämpfen hatten, wollte Katie sie nicht auch noch mit ihren Problemen belasten.
Und nun? Nach einem Monat der Abstinenz, standen Westlife zum ersten mal wieder
auf der Bühne – ohne Kian. Für alle würde es schwer werden, dass
wussten sie, und doch wollten sie auf alle Fälle weitermachen und das,
was sie mit Kian zusammen aufgebaut hatten, weiterführen. Es sollte nicht
alles umsonst gewesen sein. Tage und nächtelang haben sie unendlich lange
Unterhaltungen über die Band geführt, wie es nun weitergehen sollte,
ohne Kian, und ob es überhaupt weitergehen sollte. Natürlich nahm
Katie nicht an diesen Besprechungen und Diskussionen teil und doch hatte sie
das Gefühl, unmittelbar betroffen zu sein. Auch wenn sie wusste, wie sehr
die Jungs Kian vermissten, war sie sich auch im klaren darüber, dass niemand
so fühlte wie sie. Sie durfte gerade mal ein viertel Jahr ihres Lebens
mit ihm verbringen, dem Mann, den sie liebte.
Katie spürte, wie ihr heiße Tränen in die Augen stiegen, die
fürchterlich brannten und das sehen fast unmöglich machten. Eilig
rieb sich Katie die Augen, denn sie wollte nicht weinen, nicht jetzt. Westlife
standen kurz vor einem Auftritt bei einer Preisverleihung und sie würden
ihren Song singen, den Song, den sie für Kian geschrieben hatte, als er
noch lebte. Als die Jungs das erfuhren, bestanden sie darauf, den Song als nächste
Single herauszubringen und Louis hatte nichts dagegen. Katie allerdings wusste,
dass sie den Text noch einmal ändern musste, da sich auch die Situation
geändert hatte. Also hatte sie das halbe Lied noch mal umgeschrieben, bevor
die Jungs es aufnahmen und ein Video dazu drehten. Eigentlich war es kein richtiger
Videodreh, denn die Jungs haben für das Video hauptsächlich alte Aufnahmen
von der Band genommen, als Kian noch dabei war. So sollten die Fans immer an
ihn erinnert werden und besonders die Jungs sagten immer wieder, dass sie Kian
mit diesem Video danken wollen, für die schöne Zeit, die sie zusammen
hatten.
„Kat, kommst du?“ Katies Gedankengang wurde unterbrochen, als Mark seine Finger
vor ihren Augen schnippen ließ und sie somit in die Gegenwart zurück
holte. „Ähm, ja, sicher...“, stammelte sie und nahm einen tiefen Atemzug.
„Und du willst das wirklich durchziehen, Kat?“, fragte Shane besorgt, als er
bemerkte, in welchem Zustand sich Katie befand. Sie war nicht stabil und ihre
Trauer um Kian schien sie innerlich zu zerfressen, doch nach außen hin
wollte sie stark wirken, sich keine Blöße geben und allen zeigen,
dass das Leben trotz solcher Verluste weiterging, auch wenn Katie nicht immer
daran glaubte. „Ich schaff das schon, macht euch keine Sorgen.“
Katie war sich aber gar nicht so sicher, ob sie die Hürde, die jeden Moment
vor ihr liegen würde, wirklich bewältigen konnte. Sie würde mit
den Jungs auf die Bühne gehen und sie mit der Gitarre begleiten, während
Steve, der Klavierspieler in der Band, am Flügel saß und „Angel Eyes“
begleitete. Auf diese Idee war Katie selber gekommen und niemand hatte etwas
dagegen einzuwenden. Es war ihr wichtig, die Jungs auf der Gitarre zu begleiten
und ihren Song zu spielen, um Kian zu zeigen, dass sie ihn nie vergessen würde.
Ein letztes mal umarmten sich alle, ehe sie von Anto zur Bühne gebracht
wurden. Schon von weitem konnte man das johlende Publikum hören, dass lautstark
nach Westlife rief. Obwohl Katie allen Grund hätte, nervös zu sein,
war sie die Ruhe selber, da sie wusste, dass sie den anderen und auch sich selber
nichts beweisen musste. Es zählte Kian, einzig und allein Kian.
„Gut Jungs, es wird ernst. Gebt alles und...“ Anto stockte.
Offensichtlich hatte er Mühe, seine Emotionen im Zaum zu halten, denn wie
den anderen auch, ist vor allem ihm Kians Tod sehr nahe gegangen, auch wenn
er des öffteren eine handfeste Meinungsverschiedenheit mit ihm ausdiskutieren
musste. Schon jetzt wusste Katie, dass dieser Auftritt sehr emotional werden
würde, denn auch die Jungs zeigten bereits rege Gefühlsäußerungen.
Shane und Nicky wirkten die ganze Zeit abwesend, als würden sie alten Erinnerungen
nachhängen. Mark hatte feucht glänzende Augen, ein Zeichen, dass ihm
Tränen in den Augen standen und Bryan hatte es scheinbar verlernt, die
Band zu unterhalten, denn er war nicht mehr fähig, auch nur einen Witz
zu reißen.
„Tut mir leid, dass ich meine Emotionen nicht im Zaum habe, aber ich möchte,
dass ihr allen zeigt, dass ihr Kian nicht vergessen habt, hört ihr?“ Anto
sah alle eindringlich an und als sie nickten, klopfte er jedem aufmunternd auf
den Rücken und entließ sie auf die Bühne. Es wurde totenstill
in der Halle, als sich Westlife auf ihre bereitgestellten Hocker setzten und
die Mikrofone in die Hand nahmen, während sich Katie ein Stück hinter
ihnen und Steve an den Flügel, der neben ihnen stand, setzten. Dann setzte
die Musik ein.
Hearts only break in two
When I’m alone
Missing you babe I do
It’s only you
My love is true
I see your angel eyes
Look in your face
I cry more tears at night
Don’t want to fight
I see your angel eyes
Lauter Beifall setzte ein, als die Jungs endeten und keinen Hehl daraus machten,
wie nah ihnen der Song ging. Shane und Mark waren in Tränen aufgelöst
und auch Nicky und Bryan standen kurz davor. Tief bewegt sahen sie in die Menge,
die Irlandfahnen schwenkte, Feuerzeuge anmachte und Kian Plakate in die Luft
hielt. Er war am heutigen Tag allgegenwärtig, nicht nur bei den Jungs und
deren Umfeld, sondern hauptsächlich bei den Fans, von denen viele weinten
und sich gegenseitig Trost spendeten, indem sie sich in die Arme nahmen. Katie
konnte bei diesem Anblick gar nicht anders, als in die Tränen der vielen
Menschen einzustimmen, die alle aus dem gleichen Grund weinten: weil sie Kian
vermissten. Sie erhob sich von ihrem Platz, als die Jungs aufstanden und ging
zu ihnen nach vorne. Shane nahm sie wortlos in die Arme und gemeinsamen trauerten
sie um einen wertvollen Menschen, den es nicht mehr gab. Von überall her
kam Blitzlichtgewitter und Katie konnte förmlich spüren, wie die Blicke
der Journalisten und Fernsehteams auf ihnen ruhten, doch es war ihr egal. Einfach
nur egal.
„Ihr könnt euch sicher denken, dass dieser Auftritt am heutigen Abend,
der schwerste Auftritt unserer Karriere war, denn es war der erste ohne Kian,
ohne unseren Kian“, sagte Bryan und schluckte. „Den Song, den wir heute präsentiert
haben, widmen wir Kian, da er speziell für ihn geschrieben wurde. Niemals
werden wir ihn vergessen können und ich glaube ich spreche im Namen von
allen, wenn ich jetzt sage, dass wir ihn aus tiefstem Herzen lieben und vermissen,
denn er hat eine Lücke hinterlassen, die nie gefüllt werden kann.“
Alle applaudierten, als Nicky endete und sich neben Mark stellte, der tröstend
einen Arm um seine Schulter legte.
„Kian, wir wissen, dass du uns beobachtest und es ist uns wichtig, dass du stolz
auf uns bist. Wir machen weiter, weil du es so gewollt hättest und weil
wir uns alle etwas zusammen mit dir aufgebaut haben, was wir nicht einfach vernichten
können. Wir haben die schönste Zeit unseres Lebens zusammen geteilt
und unsere Träume gelebt. Danke für alles, Kian. Du warst der beste
Freund, den ich je hatte. Danke.“ Shane hielt sich die Hände vor sein Gesicht
und drehte sich weg. Vielleicht war es doch noch zu früh, einen Auftritt
zu absolvieren, denn die Reaktionen der Jungs zeigten, dass sie noch Zeit brauchen
würden.
Langsam lief Katie den schmalen Pfad entlang, der zum Friedhof führte.
Sofort nach dem Auftritt hatte sie sich auf den Weg nach Sligo gemacht, um Kians
Grab zu besuchen, um ihn zu besuchen. Es regnete, wie in den vergangenen Tagen
so oft, und doch machte sich Katie gar nicht erst die Mühe, einen Regenschirm
zu öffnen. In ihren Händen hielt sie ein kleines Kuscheltier, dass
ein Fan bei dem Auftritt auf die Bühne geworfen hatte. Es war für
Kian und er sollte es bekommen. Mit versteinerter Miene blieb sie stehen, als
sie vor dem Grab ihres Kian ankam. Es hatte noch kein Grabstein, doch allein
das, was auf dem hölzernen Kreuz stand, trieb ihr die Tränen in die
Augen.
In loving memory of Kian Egan
Geb. 29.04.1980
Ges. 20.05.2004
Das Grab war bedeckt mit unzähligen Blumen, Kuscheltieren und Kränzen
mit persönlichen Widmungen. Katie erblickte sofort den Kranz von Shane.
Your best friend Shane.
Dann sah sie den von Mark, Nicky und Bryan.
Thanks for the great time. We miss you. Bryan, Nicky und Mark.
Und dann erblickte sie den Kranz, den sie für Kian niedergelegt hatte.
I love you forever, Kian. Katie. Schluchzend kniete sie sich nieder und ließ
ihren Blick gedankenverloren über das Meer von Blumen schweifen. Der Kranz,
den seine Eltern für ihn niedergelegt hatten ,war besonders schön.
Lauter Rosen und ein Kuscheltier, dass er bekommen hatte, als er zur Welt kam.
Nun begleitete es ihn bei seinem Tod. Verrückt, wie der Lauf der Zeit war.
„Kian“, wimmerte Katie und holte ein Taschentuch aus ihrer Tasche, um sich die
Nase zu putzen. „Du fehlst mir so sehr, mein Schatz. Ich habe keinen mehr, dem
ich all meine Liebe schenken kann und ich habe keinen mehr, der sie erwidert.
Seit du nicht mehr da bist, ist alles in mir so leer, als wäre es ausgestorben.
Colm fragt die ganze Zeit, wann du wiederkommst. Er hat noch gar nicht verstanden,
dass er dich nie mehr sehen wird, aber niemand will es ihm sagen, weil es ihm
das Herz zerreißen würde. Der Kleine liebt dich abgöttisch und
könnte mit der Realität nicht umgehen. Vorhin hatten deine Jungs einen
Auftritt und sie haben einen Song gesungen, den ich nur für dich geschrieben
habe. So gerne hätte ich ihn aus deinem Mund gehört, doch das war
leider nicht mehr möglich. Shane hat so sehr geweint und die ganzen Fans
auch...sie vermissen dich so und glaub mir eins. Sie werden dich niemals vergessen.
Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll, ohne dich und ich weiß
auch nicht, ob ich die Kraft dazu habe. Ich liebe dich so sehr Kian...so sehr...“
Weinend brach sie vor seinem Grab zusammen und stützte sie Hände auf
den Kiesboden auf, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Schon lange nicht
mehr ging es Katie so schlecht, wie in diesem Moment, denn die Sehnsucht nach
Kian stieg ins unermessliche. Bis jetzt hatte sie immer versucht, zu verdrängen,
dass sie Kian nie wieder sehen würde, doch mittlerweile drang diese Tatsache
immer mehr in ihr Unterbewusstsein und machte sie innerlich kaputt.
Mit gebrochenem Herzen sah sie auf die Vergangenheit zurück. Noch einmal
holte sie sich in Gedanken, wie sie Kian begegnet war, wie sie ihm Kaffee auf
die Hose geschüttet hatte, wie sie ihn erst nicht leiden konnte, ihn dann
aber doch sehr mochte. Katie erinnerte sich daran, wie er sie zum ersten mal
in den Arm genommen hatte, wie sie zusammen in seinem Haus waren, wie sie sich
am Strand zum ersten mal geküsst hatten und wie sich ihre Liebe entwickelt
hatte. All das waren Erinnerungen, bleibende Erinnerungen, die ihr niemand nehmen
konnte...
*~~Ende~~*