*~* Sequel to Not just Pretended *~*

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Prolog

„Ich höre kein einziges Wort von dir, hast du mich verstanden? Ratcliff bringt mich um, wenn er erfährt, dass du hier hinten in der Kulisse rumturnst." Carleen Lewis nickte, bevor sie sich auf die Zehenspitze stellte und Steven einen Kuss auf die Wange gab. Sie hatte ihm wochenlang damit in den Ohren gelegen, kein Wunder also, dass er endlich nachgegeben hatte.

„Keine Sorge, ich weiß was hier für dich auf dem Spiel steht. Danke, das vergesse ich dir nie." Sie lächelte ihm zu, bevor er hinter einem der Kameramänner verschwand und sich weiter um die Aufzeichnung der Sendung kümmerte. Carleen atmete einmal tief durch, bevor sie sich umdrehte und versuchte, einen möglichst guten Blick auf die Bühne erhaschen zu können. Die Plätze im Zuschauerbereich der Lateshow waren bereits fast vollständig belegt, was bedeutete, dass es nur noch wenige Minuten bis zum Start der Show sein konnten.

Carleen hatte keine Ahnung, was sie hier überhaupt machte. Nun gut, sie wusste, WAS sie machte, aber sie wusste mit Sicherheit nicht, WARUM sie es machte. Sie sollte in ihrem Büro im Herzen von Boston sitzen, anstatt sich die Füße platt zu treten und einen Moment herbeizusehnen, vor dem sie eigentlich hätte Angst haben müssen.

Sie waren hier. Carleen hatte inständig gehofft, ihr Erfolg in Amerika würde ausbleiben. Würde nicht ausreichen, um eine Tour auf die Beine zu stellen oder in die bekanntesten Fernsehsendungen des Landes eingeladen zu werden. Doch genau das war geschehen. Westlife hatten nach ihrer ersten Singleveröffentlichung, die nur in den Top 40 gelandet war, einen Top 3- Hit gelandet, was in den USA für eine europäische Band ein riesiger Erfolg war.

Carleen zuckte unmerklich zusammen, als der Regieassistent mit lauter Stimme darum bat, die Plätze einzunehmen und zu klatschen, wenn er das Zeichen dafür geben würde. Wie lange würde es jetzt noch dauern, bis Jeffrey Morton, der Host der Lateshow, sie ankündigte? Bis sie die Bühne betreten würden? Fünf junge Herzensbrecher aus Irland.

Verdammt, sie hätte nicht herkommen sollen. Sie hätte zu Hause bei Adam bleiben und sich auf ihre Arbeit konzentrieren sollen. Statt dessen hatte sie sich in ihr Auto gesetzt und war hierher gefahren, nur um einen Blick auf den Mann zu erhaschen, den sie seit drei Jahren aus ihrem Gedächtnis zu streichen versuchte. Was zur Hölle war in sie gefahren? Wollte sie sich selbst etwas beweisen? Sich selbst zeigen, dass sie über ihn hinweg war, dass Kian nicht länger ihre Gedanken bestimmte? Wenn ja, dann war sie ein Narr, das wusste sie. Es war unmöglich, ihn zu vergessen, selbst wenn sie es gewollt hätte.

Die Lichter gingen aus und die Scheinwerfer an. Ein gut gelaunter Jeffrey betrat die Bühne und versetzte das Publikum mit seinen von ihm gewohnt guten Witzen in Hysterie. Carleen liebte seine Show, fieberte jedem Dienstagabend entgegen, doch heute mühte sie sich nicht einmal ein schwaches Lächeln ab. Sie hatte Angst, Angst vor dem, was passieren würde, wenn es für sie keinen Weg zurück gab. Wenn Kian wenige Meter von ihr entfernt auf einer Couch saß. Nach all den Jahren...

Als sie damals in den Flieger nach Boston gestiegen war, hatte Carleen sich geschworen, neu anzufangen, ganz von vorne. Und das hatte sie getan. Es war nicht leicht gewesen, als Schwangere ein ganzes Leben neu zu ordnen, doch sie hatte nicht aufgegeben und sich jedem Problem gestellt, das ihr begegnet war. Schon bald nach ihrer Ankunft hatte sie dank ihrer guten Referenzen vom ‚Sentinel’ eine Stellung bei einer der großen Bostoner Zeitungen ergattert. Sie hatte sich eine eigene Wohnung leisten können, schnell neue Freunde gefunden. Alles war zu ihrer vollen Zufriedenheit gelaufen.

Bis auf die Nächte. Zuerst hatte sie sich gesagt, dass es nach einiger Zeit vorbeigehen würde, dass sie sich nicht lange in den Schlaf weinen würde, doch sie hatte sich getäuscht. Noch heute wachte sie manchmal mitten in der Nacht auf, vollkommen aufgelöst. Dann hatte sie von Kian geträumt, wie so oft. Selbst nach der Geburt von Jared war es nicht besser geworden, so wie sie gehofft hatte, sondern eigentlich nur noch schlimmer. Was sie tagsüber zu verdrängen versuchte, stahl sich nachts in ihre Träume. Dann war ihre Sehnsucht nach Kian am größten, und sie erkannte, dass sie sich die meiste Zeit nur etwas vormachte.

Aber es war nicht fair, niemandem gegenüber. Carleen war jetzt mit Adam verheiratet, einem Mann, der ihr ein Leben bot, von dem die meisten Frauen nur träumen konnten. Er war fürsorglich, liebevoll, und hatte sich dann um sie gekümmert, als sie Zuneigung und Aufmerksamkeit am Meisten gebraucht hatte. Noch dazu hatte er Geld, mehr als er jemals würde ausgeben können und ganz gleich, was Carleen wollte, sie bekam es. Er las es ihr von den Augen ab. Im Gegenzug gab sie ihm die Familie, die er nie gehabt hatte und wohl auch nie gehabt hätte, wenn er ihr nicht begegnet wäre.

Carleen war 26, Adam mittlerweile 47. Zuerst hatte sie es für eine absurde Idee gehalten, mit einem Mann auszugehen, der ihr Vater hätte sein können. Doch er hatte nicht locker gelassen, und sie solange um eine Verabredung gebeten, bis sie schließlich eingewilligt hatte. Von da an hatte alles seinen Lauf genommen. Carleen wollte eine Schulter zum Anlehnen, Adam gab sie ihr. Sie brauchte Halt und Geborgenheit, und wieder war er derjenige, der für sie da war. Oh ja, Adam war eine Seele von einem Mensch und Carleen konnte ohne schlechtes Gewissen behaupten, dass sie ihn liebte. Ja, sie liebte ihn, und doch sehnte sie sich mit jeder Faser in ihr nach dem Mann, der für sie so unerreichbar schien. Kian.

Lange nach ihrer Hochzeit hatte Carleen Adam von ihrer Vergangenheit erzählt. Von dem Mann, den sie mehr geliebt hatte als alles andere und den sie hintergangen und belogen hatte. Adam hatte ihr zugehört, Verständnis gezeigt - wie immer. Er hatte sich mit dem begnügt, was sie ihm hatte erzählen wollen und nicht weitergebohrt, wie es die meisten Menschen vielleicht getan hätten. Dafür war Carleen ihm dankbar. So hatte sie nie Kians Namen genannt, sondern immer nur von Jareds Vater gesprochen.

Adam hatte also keine Ahnung. Hatte er ihr deswegen dieses Angebot gemacht?

Westlife. Wildes Klatschen und Rufen. Carleen hob erschrocken den Kopf. Es wurde vollkommen dunkel im Saal, bevor ein paar kleine Scheinwerfer angingen und die kleine Bühne beleuchteten, die sich neben der Kulisse befand, in der Jeffrey stand und zusammen mit dem begeisterten Publikum klatschte.

Carleen drehte ihren Kopf ein wenig nach links, damit sie alles sehen konnte. Bryan war der erste, den sie erkannte. Er winkte ins Publikum, bevor er das Mikro an seinen Mund hob und zu singen begann. Carleen hatte das Lied ein paar Mal im Radio gehört, doch trotzdem konnte sie sich nicht an die Lyrics erinnern. Sie schienen wie aus ihrem Kopf gelöscht.

Mark saß neben Bryan, gefolgt von Shane. Carleen fuhr mit einer Hand zu ihrem Mund hoch, und versuchte die Tränen zu unterdrücken, die sich ihren Weg bahnten. Chippy. Mit einem Mal erschien ihr alles wie gestern. Die gleichen Gesichter, die gleichen Stimmen. Carleen hatte Angst, ihren Blick ein wenig weiter schweifen zu lassen. Sie wusste, wer neben Shane sitzen würde. Sie hatte es im Gefühl.

Gott, er hatte sich nicht verändert. Seine Haare waren ein wenig kürzer als damals, aber immer noch blond und wunderschön. Carleen erinnerte sich daran, wie sie mit ihren Fingern durch diese Haare hindurch gefahren war, Kians Nacken gestreichelt und geliebkost hatte. Wie viele Frauen hatten das nach ihr getan?

Carleen verdrängte den Gedanken aus ihrem Kopf und konzentrierte sich wieder auf Kian. Seine Augen strahlten, das konnte sie sogar von ihrem Platz aus sehen. Er war immer noch der Alte. Ein Mikrofon, eine Bühne und ein Publikum, und er war glücklich. Wieder etwas, was sich nicht geändert hatte. Carleen sah, wie er einem Mädchen im Publikum zuwinkte und musste unwillkürlich lächeln. Damit hatte er wahrscheinlich den Tag dieser Frau gerettet. Immer noch der Charmeur. Und immer noch der Mann, den sie so sehr liebte.

Daran bestand kein Zweifel mehr. Carleen hatte es gewusst, als sie die Tür des Aufnahmenstudios hinter sich geschlossen hatte und sie wusste es auch jetzt. Es war so offensichtlich wie noch nie. Allein sein Anblick versetzte ihr eine Gänsehaut - und das nach all der Zeit. Noch immer hatten seine blauen Augen dieselbe Wirkung auf sie, sein Lächeln versetzte ihr noch immer das wohlige Gefühl im Bauch. Natürlich galt sein Lächeln nicht ihr und natürlich sah er nicht sie an, doch Carleen störte sich nicht daran. Kian war für sie greifbar nah und allein das war es, was zählte.

Ob er an sie dachte? Tyra hatte ihr kurz nach ihrem Weggang nach Boston erzählt, dass Kian sich nach ihr erkundigt hatte. Er hatte wissen wollen, wo sie sich aufhielt, wie es ihr ging. Carleen hatte Tyra darum gebeten, ihm nichts zu sagen, nur dass sie sich irgendwo in den Staaten befand und dass es ihr gut ging. Was für eine Lüge. Doch sie hatte keine Last für ihn sein wollen. Niemals.

Carleen wand ihren Blick plötzlich ab und drehte sich rum. Sie musste nicht noch mehr sehen, um ihre Entscheidung zu treffen. Mit einer entschuldigenden Geste drängelte sie sich an den Mitarbeitern vorbei, die hinter ihr standen und lief Richtung Ausgang. Während sie in ihrer Handtasche nach ihrem Autoschlüssel kramte, wählte sie die Nummer von Adams Büro auf ihrem Handy.

„Hallo Amber, hier ist Cal. Sagen sie Adam bitte, dass ich in einer halben Stunde in seinem Büro sein werde. Ja, ich habe mich entschieden. Ich werde den Job machen."

Kapitel 1

„Und du bist dir ganz sicher, dass du das machen willst? Ich wollte dich wirklich nicht drängen. Wenn dir die Idee nicht gefällt, dann fliegt einer meiner Angestellten nach Irland. Ich dachte nur, dass dir der Job gefallen würde, wo du doch in England geboren bist. Das wäre ein Katzensprung bis nach Hause."

Carleen trat hinter den Ledersessel ihres Ehemannes und schlang beide Arme um ihn. Es rührte sie, wie sehr er sich um sie sorgte. Obwohl sie bereits ihr Einverständnis gegeben hatte, befürchtete er immer noch, ihr irgendetwas aufzuzwingen.

„Das weiß ich und genau deswegen finde ich diese Idee großartig. Du hast mich gefragt, und ich habe ja gesagt. Also sieh diesen Auftrag als erledigt an." Sie küsste Adam auf die Wange, bevor sie sich neben ihm auf den Schreibtisch setzte und ihre Beine übereinander schlug. Wahrscheinlich hatte sie gerade eine furchtbare Dummheit begangen, aber ihr Entschluss stand fest. Sie würde nach Irland reisen.

„Nun gut, wenn du dir ganz sicher bist, und dass deine freie Entscheidung ist, dann-"

„Adam! Hörst du mir überhaupt zu? Ich möchte diesen Job machen, ok? Ich war zu Beginn unentschlossen, einfach weil ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Also bin ich heute zur Aufzeichnung von Jeffrey Morton gefahren, und habe sie mir angesehen. Adam, sie waren großartig. Warum sollte ich also kein Buch über sie schreiben?" Carleen war glücklich darüber, dass sie noch nicht einmal gelogen hatte. Vor der Show hatte sie große Zweifel gehabt, ob es wirklich so gut war, die Vergangenheit Revue passieren zu lassen. Immerhin war das, was sie in den nächsten Wochen und Monaten tun würde, fast genau dasselbe, was sie damals getan hatte. Damals, als sie den Job, den Jason ihr angeboten hatte, angenommen hatte - und der ihr ganzes Leben verändern sollte.

Ein Buch über Westlife. Carleen hatte ihren Ohren nicht getraut, als sie das erste Mal von Adams Idee gehört hatte. Er war einer der führenden Verleger in den Staaten, mit allerlei Printmedien unter seiner Hand. Und genau wie alle anderen Verleger wollte auch er die Marktlücken füllen, die sich durch den plötzlichen Ruhm von Westlife ergeben hatten. Man wusste in den Staaten kaum etwas über sie, wenn man sich nicht ausgiebig im Internet über sie informiert hatte. Sie waren die neuen Stars am amerikanischen Pophimmel, eine Tatsache, die Adam zu nutzen wusste. Er hatte sich als erster die Exklusivrechte an einem Buch über die Band gesichert, das so schnell wie möglich auf dem Markt erscheinen sollte. Und er hatte sie, Carleen, dazu auserkoren, dieses Buch zu schreiben.

Alles in Carleen hatte sich dagegen gesträubt, dieses Angebot anzunehmen. Adam wusste nicht, welche Rolle Westlife und deren Mitglieder in ihrer Vergangenheit gespielt hatten, also war es auch nicht weiter verwunderlich gewesen, dass er ihr den Job angeboten hatte. Er wusste, wie sehr sie ihre Heimat vermisste und sich nach alten Freunden sehnte, aber er hatte keine Ahnung davon, dass er sie mit seinem Buch genau in die Arme des Mannes trieb, der wohl immer sein Kontrahent im Kampf um Carleens Herz bleiben würde. Sie hatte es also als unfair befunden, den Job anzunehmen, eben weil Adam keine Ahnung hatte, was er ihr da überhaupt angeboten hatte.

Doch das sollte sich ändern. Irgendetwas in ihr hatte sie dazu bewogen, ihre Meinung zu ändern, darüber nachzudenken. Dies war ihre Chance, sich noch einmal den Dingen zu stellen, vor denen sie vor drei Jahren weggelaufen war. Damals fehlte ihr die Stärke dazu, doch jetzt? Sie wusste, dass sie eine Familie hatte, einen Ehemann, der hinter ihr stand und ihr den Rücken stärken würde. Ein Zuhause, in das sie zurückkehren konnte, sobald sie sich überfordert sah oder sich selbst zuviel zugemutet hatte. Was sprach also dagegen? Ihre Angst? Wenn ja, dann musste sie diese Angst überwinden. Sie hatte diesen Fehler schon einmal gemacht, und sich davon zurückhalten lassen. Noch einmal würde ihr das nicht passieren.

„Fein, dann solltest du mit packen anfangen, Darling. Die Jungs haben noch ein paar Verpflichtungen in und um Boston, dann sind sie zwei weitere Tage in New York und dann geht es zurück nach Irland. Wenn es dir nichts ausmacht, dann möchte ich, dass du schon eher hinüber fliegst, um dich mit Walsh zusammenzusetzen und alle Ungereimtheiten zu beseitigen. Hinterher wird er dir aus der Hand fressen, so wie ich." Adam lehnte sich zu seiner jungen Frau hinüber und küsste ihren Mund, bevor er aufstand und zu der kleinen Minibar hinüberging, die sich neben seinem Schreibtisch befand.

Walsh. Carleen wusste, dass er Schwierigkeiten machen würde, genau wie jeder andere auch, der zu der damaligen Crew gehört hatte. Doch sie wusste auch, wie sie diese Dinge anzupacken hatte. Es war an der Zeit, ein paar Dinge wieder gutzumachen, und das erreichte sie ganz sicher nicht damit, dass sie sich von jedem noch so kleinen Problem entmutigen ließ. Louis Walsh würde eine Kleinigkeit werden.

„Du solltest aufhören, mir solche Komplimente zu machen, das ist nicht gut für mein Ego. Und wenn er nur halb so gut aussieht wie du, dann wird es mir auch größtes Vergnügen bereiten, ihn aus meiner Hand fressen zu lassen." Carleen sprang vom Schreibtisch auf und ging zu Adam hinüber. Dort legte sie ihre Arme um seine Hüften, und stellte sich auf die Zehenspitzen, um seine Nasenspitze zu küssen.

Carleen liebte ihn. Es war nicht die gleiche Liebe, die sie für Kian empfand, auch jetzt noch, aber sie war nicht minder stark. Sie konnte es nicht erklären, aber sie wusste, dass sie zwei Männer gleichzeitig liebte - und jeder von ihnen einen großen Platz in ihrem Herzen hatte. Nur über eine Sache war sie sich noch nicht im Klaren: Welcher von ihnen würde gewinnen? Würde überhaupt einer gewinnen?

Adam war für sein Alter ein überaus attraktiver Mann. Zwar zeigte sein dichtes schwarzes Haar die erste grauen Ansätze, aber das ließ ihn nicht weniger gut aussehen. Seine strahlenden grünen Augen und seine faszinierende Art waren es, die Carleen in den Bann von Adam Lewis gezogen hatten. Obwohl er der Kopf eines überaus erfolgreichen Konzerns war und im Jahr Millionen Dollar scheffelte, war er keiner der verstaubten Anzugträger, die nichts weiter außer Aktien und Geld im Kopf hatten. Nein, das war er ganz und gar nicht. Statt dessen war er ein liebevoller, aufmerksamer und fürsorglicher Ehemann und Vater. Carleen hätte es nicht besser treffen können.

„Cal, hörst du mir überhaupt zu?" Adam griff ihr unters Kinn und hob ihren Kopf sachte an. Erst jetzt merkte sie, dass sie vollkommen in Gedanken versunken war.

„Oh, was hast du gesagt?" Carleen lächelte entschuldigend.

„Ich habe dich gefragt, ob du Jared mitnehmen willst. Der Gedanke, solange auf euch beide verzichten zu müssen, gefällt mir zwar nicht unbedingt, aber ich weiß, wie ungern du ihn alleine lässt." Warum hatte Adam das einmalige Talent, Fragen zu stellen, über die Carleen noch nicht einmal nachgedacht hatte? Natürlich wollte sie ihren Sohn bei sich haben, zumal ihr Aufenthalt in Irland wohl von längerer Dauer sein würde, doch würde sie sich damit nur noch mehr Probleme schaffen.

Carleen zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Die Arbeit wird mich ziemlich in Anspruch nehmen und ich werde auf die Schnelle wohl kaum jemanden finden, der sich tagsüber um ihn kümmern kann. Auf der anderen Seite, ist es für einen zweijährigen Jungen bestimmt nicht von Vorteil, wenn seine Mutter sich mal eben für ein paar Wochen aus dem Staub macht und den überforderten Daddy allein mit ihm zurücklässt."

„Darüber solltest du dir nun wirklich keine Gedanken machen. Vielleicht ist so eine Männerwirtschaft ja gar nicht so übel. Ich meine, dann können wir beide uns mal über die wirklich wichtigen Themen des Lebens unterhalten. Frauen, Autos, Football. Das Übliche." Carleen lachte und schmiegte sich noch enger an Adam. Was würde sie nur ohne ihn machen?

„Du bist unmöglich. Wenn sie meinen Sohn zu einem dieser Machos verziehen, Mr. Lewis, dann gnade ihnen Gott. Keine Autos, kein Football und ganz sicher auch keine Frauen. Ich werde schon früh genug für irgendeine Cheerleaderin vom College Platz machen müssen, und dass auch ohne deine Mithilfe. Also sorg lieber dafür, dass er seiner alten Mommy noch eine Weile treu bleibt."

„Jared ist kein Dummkopf, Darling, und er weiß, was für eine überaus entzückende und großartige Mum er hat. Du wirst sehen, in zwanzig Jahren wirst du ihn sogar rauswerfen müssen, weil er nicht freiwillig gehen will."

Adam küsste Carleens Stirn, bevor er sich von ihr losmachte, und zum Schreibtisch zurückging. Carleen wusste, dass er noch zu arbeiten hatte, und entschloss sich darum, den Rückzug anzutreten.

„Ok, Cowboy, die Arbeit ruft mmh? Zeig es den Haifischen da draußen. Sie sind alle nur halb so gut wie du." Mit einem Lächeln lehnte sie sich über den Schreibtisch und küsste seinen Mund, bevor sie sich ihre Handtasche schnappte und zur Tür ging.

„Ich liebe dich."

Mit dem Türknauf in der Hand drehte Carleen sich noch einmal um und lächelte. „Dito. Bis später." Dann schloss sie die Tür hinter sich und verließ das Gebäude auf dem selben Weg, wie sie es betreten hatte.

Sollte sie ein schlechtes Gewissen haben? Immerhin war sie nicht vollkommen ehrlich zu Adam gewesen. Vielleicht hätte sie ihm sagen sollen, dass sie Kian Egan sehr wohl kannte, und dass etwas in der Gestalt eines zweijährigen kleinen Jungen sie noch immer verband. Dass sie sich noch immer der Tatsache bewusst war, dass sie diesen Mann liebte und ihn nie wirklich aufgegeben hatte. Auf der anderen Seite, was hatte sie bis jetzt getan? Nichts. Sie würde nach Irland reisen, dieses Buch schreiben und wieder zurückkehren. Carleen lachte, als sie erkannte, wie einfach sie es sich machte. Natürlich würde das nicht alles sein. Zum ersten Mal seit drei Jahren würde sie sich bedingungslos ihren Gefühlen stellen müssen, ganz gleich welcher Natur. Aber genauso wollte sie es. Und solange dabei alles so lief, wie sie es sich gedacht hatte, würde sie Adam nicht unnötig beunruhigen. Er war kein Mann von Eifersucht, aber genauso sah er frühmorgens in den Spiegel und sah, dass die Zeit nicht spurlos an ihm vorbei ging. Was würde er also sagen, wenn Carleen offen und ehrlich zu ihm war und Kian als Jareds Vater und ihre große Liebe vorstellte? Sie bezweifelte, dass es ihn sonderlich ermutigen würde.

Also würde sie schweigen. Sie selber wusste noch nicht, was sie erwarten würde und wie sie damit würde umgehen können. Doch sie hatte sich fest vorgenommen, diesmal keinen Rückzieher zu machen. Es war alles wie eine Reise in die Vergangenheit, die sie erfolgreich bestreiten würde. Damals war es ein Artikel gewesen, jetzt war es ein Buch. Damals hatte sie alle belogen und betrogen, jetzt würde sie offen und ehrlich sein und für die Dinge einstehen, die sie getan hatte. Es war das mindeste, was sie tun konnte. Für sich und alle anderen.

Pfeifend stieg Carleen in ihren Wagen und schaltete den Motor ein. Sie konnte nicht mehr verlieren, nur noch gewinnen. Ganz gleich, was passieren würde, sie würde nicht wieder davonlaufen. Das hatte sie lange genug gemacht.

Kapitel 2

Carleen konnte bereits das Kinderlachen hören, als sie den Hausschlüssel ins Schloss steckte und umdrehte. Jared war ein aufgewecktes, fröhliches Kind - und furchtbar laut, wenn es einen Anlass für ihn gab. In seiner Nanny Rose hatte er dafür den perfekten Spielkameraden gefunden. Sie mochte zwar weit über die 60 sein und erinnerte eher an eine Großmutter, doch bei Jared schien sie förmlich aufzublühen.

„Ich bin wieder zu Hause!" Carleen legte den Schlüssel auf die Kommode im Flur, ehe sie aus ihren Schuhen fuhr und barfuss die Treppe hinauf ins Kinderzimmer lief.

„Mommy!" Sie hatte gerade noch Zeit, in die Hocke zu gehen, bevor Jared mit unsicheren Schritten auf sie zugerannt kam und die kleinen Hände nach ihr ausstreckte. Carleen bezweifelte, dass er sie wirklich vermisst hatte, denn Rose würde ihn viel zu sehr auf Trab gehalten haben, doch wenn sie erst einmal wieder da war, schien seine Freude grenzenlos.

„Hey kleiner Mann. Na, wie war dein Tag? Oh, Mommy hat dich vermisst." Sie fuhr mit einer Hand durch seine goldbraunen Haare, bevor sie ihn auf die Wange küsste und hochhob. Es war faszinierend, mit welcher Intensität seine blauen Augen strahlten, wenn er sich über etwas freute oder gerade etwas neues entdeckt hatte. Anders war es, wenn er weinte oder müde war. Dann nahmen seine Augen ein eigenartiges Blau, fast Violett, an.

Es dauerte nicht lange, bis Rose auf dem Flur auftauchte. Sie hielt in der einen Hand etwas, was aussah wie ein dreckiges T-Shirt und in der anderen ein paar Stofftiere, die zu Jareds Lieblingen gehörten. Carleen lächelte, als sie Rose so betrachtete. Sie hätte keine bessere Nanny für ihren Sohn finden können. Rose hatte die Stelle bereits innegehabt, als sie ihren Fuß zum ersten Mal über die Türschwelle gesetzt und sich vorgestellt hatte. Sie hatte diese freundliche, ausgeglichene Art, mit der sie jeden ansteckte. Jared liebte Rose abgöttisch, und auch Adam hatte die alte Dame innerhalb kürzester Zeit lieb gewonnen. Kein Wunder also, dass sie so gut wie zur Familie gehörte. Nachdem Carleen und Adam aus ihrem Loft in der Innenstadt Bostons ein wenig außerhalb in ein Haus gezogen waren, hatten sie Rose eines der Zimmer im Haus angeboten. Rose war seit Jahren Witwe und auch ihre beiden Kinder, die längst erwachsen waren, lebten nicht länger bei ihr. Es hatte also keinen Hindernisgrund für sie gegeben, in das Haus einzuziehen, ein Fakt, über den Carleen mehr als glücklich war.

„Oh Carleen, ich wusste nicht, dass sie heute schon so zeitig zurück sein würden. Jared hat aus diesem Haus ein Chaos gemacht, und ich wollte noch aufräumen, bevor sie nach Hause kommen. Nun, dann werde ich es einfach jetzt tun."

„Das eilt doch nicht, Rose. Ich denke, sie haben für heute schon genug getan, indem sie es länger als eine Stunde mit diesem kleinen Quälgeist hier ausgehalten haben. Aber ansonsten war doch alles in Ordnung oder?" Carleen streichelte über Jareds Rücken, während sie ins Kinderzimmer ging und ein paar herumliegende Kuscheltiere zur Seite kickte.

„Natürlich. Er war ein überaus braver Junge, so wie immer. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich mich auf meine alten Tage noch verliebe, aber ihr kleiner Mann hat es mir wirklich angetan. Machen sie sich also keine Sorgen um uns beide, wir kommen schon miteinander zurecht."

Carleen lächelte. Sie hatte auch nichts anderes erwartet. „Das weiß ich Rose, und ich bin auch wirklich mehr als froh, dass ich sie habe. Oh, Jared ist das natürlich auch, nicht wahr?!" Sie blickte auf ihren Sohn hinunter, der seinen Kopf an ihre Schulter gelehnt hatte und dessen Agilität am Vormittag wohl langsam seinen Tribut forderte. Ein kleines Gähnen war die einzige Antwort, die sie erhielt.

„Nehmen sie das bloß nicht persönlich, Rose. Er vergöttert sie, nur wird es jetzt anscheinend Zeit für einen kleinen Mittagsschlaf. Gehen sie ruhig schon runter, ich bringe ihn noch schnell ins Bett."

Rose nickte, bevor sie noch einmal über Jareds Wange strich und dann hinunter ins Wohnzimmer ging. Carleen sah ihr kurz hinterher, ehe sie Jared auf der kleinen Kommode im Spielzimmer absetzte und damit begann, ihn auszuziehen.

„Müde." Jared rieb sich mit einer Hand seine Augen, während Carleen ihm sein T Shirt über den Kopf zog und ablegte. Sie beugte sich zu ihm herunter und küsste seine Stirn, dann griff sie nach seinem Nachthemdoberteil und stülpte es ihm über den Kopf.

„Ich weiß, mein Schatz. Du wirst jetzt ein wenig schlafen und hinterher fahren wir mit Rose einkaufen, ok? Dann bekommst du das größte Eis in ganz Boston. Wie hört sich das an?"

„Mmhh." Carleen lachte. Wenn Jared die Müdigkeit gepackt hatte, war ihm sogar das egal. Vorsichtig hob sie ihn von der Kommode und legte ihn in das kleine Bett, das danebenstand. Dann deckte sie ihn zu, bevor sie sich auf die Bettkante setzte und ihm eine seiner braunen Haarsträhnen aus dem Gesicht strich. Er glich seinem Vater so sehr. Das einzige, was er von Carleen hatte, war die kleine Stupsnase - und die Ohren. Carleen musste unwillkürlich grinsen, als sie daran zurückdachte, wie enttäuscht sie darüber gewesen war. Wahrscheinlich war jeder in Irland einer anderen Meinung, doch sie hatte Kians Ohren geliebt. Er hatte immer gesagt, sie würden ihn wie einen Kobold aussehen lassen, doch wenn alle irischen Kobolde so gut aussahen wie er, dann hätte Carleen damit durchaus leben können.

Sie küsste Jared noch einmal auf die Stirn, bevor sie aufstand und die Tür hinter sich schloss. Dann ging sie hinunter in die Küche, wo sie Rose beim Einräumen des Geschirrspülers antraf.

„Rose, wie oft soll ich es ihnen noch sagen? Es ist nicht ihre Aufgabe, uns die dreckigen Teller hinterher zu räumen. Solange ich noch hier bin, kann ich das auch ganz gut alleine. Sie haben für heute wirklich genug getan." Sie lächelte der älteren Frau zu, und begann gleichzeitig damit, das Geschirr, das noch in der Spüle stand, in den Spüler einzuräumen. Wenn man Rose nicht ab und zu in ihre Schranken wies, neigte sie dazu, sich selbst zu viel aufzuhalsen. Sie hatte zwar oft genug betont, wie froh sie darüber war, endlich wieder eine Beschäftigung gefunden zu haben, doch es war Carleen trotzdem unangenehm, ihre Gutmütigkeit derart auszunutzen.

Rose gab sich geschlagen und wischte sich die nassen Hände am Geschirrtuch ab. „Also gut. Aber es würde mir auch wirklich nichts ausmachen. Was haben sie überhaupt damit gemeint, so lange sie noch da sind? Haben sie das Angebot ihres Mannes angenommen?"

Carleen nickte. „Ja, das habe ich. Ich denke, ein bisschen Abwechslung hat noch niemandem geschadet."

„Oh, da haben sie recht. Und Irland ist so ein wunderschönes Land. Meine Schwester war so fasziniert davon, dass aus einem dreiwöchigen Urlaub nun ganze zwanzig Jahre geworden sind." Rose schüttelte lachend den Kopf, als sie sich daran zurückerinnerte.

„Sie haben eine Schwester in Irland? Das haben sie nie erzählt." Carleen wurde hellhörig. Irgendwie schien sie dieses Land zu verfolgen, ob sie nun wollte oder nicht. Wie groß war wohl die Wahrscheinlichkeit, dass man eine Nanny für seinen Sohn einstellte, die eine Schwester in genau dem Land hatte, mit dem man so schicksalhaft verbunden war?

„Wirklich nicht? Dann muss ich es wohl einfach vergessen haben. Tja, mit dem Alter kommt die Vergesslichkeit nicht wahr? Jedenfalls verbringt Amber jetzt schon fast zwanzig Jahre ihres Lebens bei den Elfen und Kobolden. Sie hat sich sogar in einen von ihnen verliebt."

Carleen lachte, ehe sie den Geschirrspüler zuklappte und sich zu Rose an den Tisch setzte. Sie wollte mehr wissen. „Das klingt interessant."

„Oh, das ist es aber eigentlich gar nicht. Amber hat einen Mann kennen gelernt, sich unsterblich in ihn verliebt und alle Zelte hier in Boston abgebrochen, um mit ihm zusammensein zu können. Eigentlich hatte sie es sich nie wirklich vorstellen können, woanders außer hier zu leben. Aber dann hat die grüne Insel sie einfach in ihren Bann gezogen und nicht mehr losgelassen. Sie konnte also nichts machen, außer sich zu ergeben und das Beste daraus zu machen."

Carleen seufzte, als sie ihr Kinn auf eine Hand stützte. Das kannte sie nur zu gut. „Rose, das klingt wundervoll. Wie hat sie ihren Mann kennen gelernt?"

Die ältere Frau legte einen Finger auf ihre Lippen, als sie nachdachte. „Oh, das weiß ich gar nicht mehr. Am Telefon hat sie ihn immer ihren irischen Prinzen genannt. Ja ja, sie war unsterblich verliebt. Wenn ich sie fragte, was sie so an ihm faszinierte, dann sagte sie, es wäre sein Akzent. Wie vernarrt muss man in einen Mann sein, um so etwas zu sagen?" Rose lachte.

„Glauben sie mir, das ist nicht schwer, Rose." Carleen merkte, wie sie mit ihren Gedanken davon driftete. Kian hatte einen wunderbare Akzent. Sie hätte stundenlang damit verbringen können, ihm einfach nur zuzuhören. Es hatte so wunderbar geklungen, wenn er ihr Worte ins Ohr geflüstert hatte oder gesungen hatte...Erst als Rose eine Hand auf die ihrige legte, kehrte sie in die Gegenwart zurück.

„Sie denken gerade an jemanden, nicht wahr?" Es war nicht nötig, dass Carleen diese Frage beantwortete. Rose war lange genug im Haus, und hatte in dieser Zeit eine fast mütterliche Beziehung zu Carleen entwickelt. Sie brauchte also keine Antwort.

Carleen lächelte, ehe sie ihre Hand zurückzog und aufstand. „Alte Erinnerungen, nichts weiter. Man kommt ins Träumen, wenn man solche Geschichten hört." Sie hatte plötzlich das Bedürfnis, sich unter einer großen Decke zu verstecken, nichts zu hören, nichts zu sehen. Es war eine Leichtigkeit für sie, Amber zu verstehen. Auch sie hatte ihren irischen Prinzen getroffen - und wieder verloren.

Nun, zumindest hatte diese Geschichte dann doch noch eine gute Seite. Carleen hatte eine weitere Entscheidung getroffen. Sie legte einen ihrer Arme um Rose und sah sie an. „Wann haben sie ihre Schwester eigentlich das letzte Mal besucht?"

Kapitel 3

Mit einem Seufzen schlug Carleen die Bettdecke zurück und stand auf. Es half nichts, wenn sie sich noch länger hin und her drehte. Sie würde sowieso nicht schlafen können. Barfuss und darauf bedacht, Adam nicht zu wecken, schlich sie sich hinüber zur Tür und schloss sie hinter sich, als sie hinaus in den Flur trat. Es war stockdunkel, doch trotzdem hatte Carleen keine Probleme damit, die Treppe zu finden und sich hinunter in die erste Etage zu tasten. Sie betrat das Zimmer, das gegenüber von Adams Arbeitszimmer lag und schaltete die Schreibtischlampe an. Ihr kleines Reich.

Es war ein Geschenk von Adam zu ihrer Hochzeit gewesen. Er hatte alles genau nach ihrem Geschmack einrichten lassen. Der schwarze Flügel unter dem hohen Fenster, durch das im Sommer die Sonne durchflutete, war nagelneu, den Großteil der anderen Möbel hatten sie bei einem Antiquitätenhändler erstanden. Vor dem kleinen Kamin stand eine große beigefarbene Couch mit einem passenden Sessel dazu. Perfekt.

Carleen hatte hier schon viele Nächte verbracht, wenn sie mal wieder nicht hatte schlafen können oder schlecht geträumt hatte. Und heute Nacht würde es wohl nicht anders sein. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es erst kurz nach eins war, sie also noch jede Menge Zeit hatte, bevor sie zum Flughafen aufbrechen würde.

Sie war aufgeregt. Sie war so aufgeregt, dass ihr schlecht wurde, wenn sie nur daran dachte, dass sie in wenigen Stunden in einem Flugzeug auf dem Weg nach Irland sitzen würde. Hatte sie vollkommen den Verstand verloren? Die Idee hatte sich gut angehört, solange sie beschäftigt gewesen war, sich auf ihre Reise hatte vorbereiten können. Doch jetzt saß sie hier, mit jeder Menge nicht verstreichender Zeit, und dachte das erste Mal darüber nach, was für eine wahnwitzige Idee das überhaupt war. Wenn Kian sie nicht auf der Stelle in der Luft zerreißen würde, dann würde er auf jeden Fall versuchen, ihr das Leben zur Hölle zu machen, ganz zu schweigen von all den anderen, die einen Groll auf sie hatten.

Und dann erst der glorreiche Einfall, Jared und Rose mitzunehmen. Bis vor kurzem war sie doch noch fest dazu entschlossen gewesen, Kian nie etwas über seinen Sohn zu sagen. Erwartete sie etwa wirklich, dass sie über einen Zeitraum von Wochen mit ihm zusammenarbeiten könnte, ohne auch nur ein Wort über Jared zu verlieren? Gott, sie war sogar noch kranker, als sie gedacht hatte.

Nervös zog sie die Schublade ihres Schreibtisches heraus und holte ein kleines verschlossenes Kästchen hervor. Sie bückte sich und hob den kleinen Teppichläufer an, der vor der Couch lag. Den Schlüssel, der dabei zum Vorschein gekommen war, steckte sie in das Schloss des Kästchens und drehte ihn herum.

Carleen schloss für einen kurzen Moment die Augen, als sie mit ihren Fingern über das blaue Band fuhr, das die Briefe im Kästchen zusammenhielt. Es waren alles Briefe, die sie geschrieben und nie abgeschickt hatte. Briefe an Kian, die er niemals erhalten würde. Sie hatte damit angefangen, kurz nachdem sie in die Staaten gezogen war. Wann immer etwas in ihrem Leben passierte, wann immer die Sehnsucht nach ihm zu groß wurde, würde sie sich hinsetzen und ihm ein paar Zeilen schreiben. Nicht viel, auch nichts von Bedeutung, aber es würde ihr Herz ungemein erleichtern. Immer wieder. Mit zitternden Händen öffnete sie einen der Briefe, die sie vor so langer Zeit verfasst hatte:

Jared hat heute seine ersten Schritte gemacht. Oh, du würdest ganz verrückt werden vor Freude, wenn du ihn so sehen könntest. Ich habe ihn davor gewarnt, zuviel auf einmal zu wollen und es zu überstürzen, aber er ist vollkommen taub für irgendwelche Belehrungen. Ich glaube, das hat er von dir. Nichts scheint mehr sicher vor ihm und ich verbringe die meiste Zeit damit, ihm hinterherzulaufen und darauf aufzupassen, dass er sich nicht weh tut. Kian, ich liebe unseren Sohn so sehr. So sehr, wie ich dich liebe...

Carleen wollte nicht weiterlesen. Sie legte den Brief beiseite, und holte das Foto heraus, das unter all den Briefen und Papieren verborgen lag. Die Ecken waren mittlerweile ein wenig vergilbt, doch das störte Carleen nicht. Es war auch so noch eines der wunderschönsten Bilder, die sie je in den Händen gehalten hatte. Shane hatte es damals zufällig auf der Hochzeit von Bryan und Kerry geschossen. Es zeigte sie und Kian.

Carleen hatte ihren Kopf an seine Brust gelehnt, während sie getanzt hatten. Sie konnte sich sogar noch an das Lied erinnern, so als wäre es erst gestern gewesen. Er hatte sie gehalten, ihr Dinge ins Ohr geflüstert und sich zusammen mit ihr im Takt der Musik bewegt. Damals war sie unbeschreiblich glücklich gewesen, und hatte darauf gehofft gehabt, alles würde ein gutes Ende nehmen. Für jeden von ihnen. Doch sie war zu blauäugig gewesen, um die Realität zu begreifen. Kurze Zeit später, kurz nachdem sie getanzt hatten, war alles in lauter kleine Scherben zerbrochen. Ihr Glück, ihre Liebe, ihre Träume.

Aber was sollte sie all dem nachtrauern? Sie war selbst schuld daran, dass alles so geendet hatte, und es lag jetzt an ihr, ein paar dieser Scherben wieder zu kitten. Nur ob sie das schaffen würde, dessen war sie sich ungewiss. Und wenn, würde dabei etwas anderes kaputt gehen?

Mit einem Kopfschütteln versuchte Carleen, den Gedanken zu verbannen, und verstaute alles mit großer Sorgfalt wieder in ihrem Kästchen. Sie war gerade dabei, es zu verschließen, als sie die Tür hinter sich knarren hörte. Erschrocken drehte sie sich um.

„Ich wusste, dass ich dich hier finden würde. Aufgeregt?" Adam lächelte, bevor er die Tür hinter sich schloss und auf Carleen zukam. Diese erwiderte sein Lächeln nervös und versuchte gleichzeitig, das Kästchen möglichst unauffällig wieder in der Schublade verschwinden zu lassen. All die Briefe waren mit Sicherheit nicht für seine Augen bestimmt.

„Touchè. Ich will nur wirklich alles richtig machen, und habe Angst, dass irgend etwas schief gehen könnte. Immerhin bin ich vollkommen auf mich alleine gestellt, ganz ohne den großen Meister an meiner Seite." Sie lief bereitwillig in seine Arme, als er diese aufhielt und kuschelte sich eng an ihn. Alles, was sie gesagt hatte, entsprach der Wahrheit. Ein Fehler von ihr und sie würde eine weitere Chance einfach so vertun. Diesmal würde kein Adam dabei sein, der ihr den Rücken stärkte oder auf alle Fragen von ihr eine Antwort hatte. Das hier musste sie ganz alleine durchstehen - so wie sie es gewollt hatte.

„Hey, du wirst doch nicht etwa kalte Füße bekommen? Darling, wenn es einen Menschen gibt, der alle Hindernisse meistern kann, dann bist du das. Weißt du noch, was ich dir gesagt habe bei unserer ersten Verabredung? Ich habe deinen Mut bewundert, und deine Stärke, hier in Boston ganz von vorne anzufangen. Du hast es geschafft, und dass ohne die Hilfe eines anderen. Daran musst du immer denken, Cal. Außerdem ist es nur ein Buch." Carleen lachte, als er ihren Haaransatz küsste.

„Ja, nur irgendein Buch. Nur schreibt es sich leider nicht von alleine. Versprich mir, dass du dich nicht weiter als fünf Meter von einem Telefon wegbewegst, für den Fall, dass ich deinen journalistischen Rat brauche. So etwas soll ja vorkommen." Sie grinste und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen. Mit einem Mal schien alles so viel einfacher zu sein. Adam fand immer die richtigen Worte, um sie zu beruhigen.

„Wer weiß, ob du den überhaupt brauchst, Darling. Du bist eine großartige Journalistin und wenn es ein Problem gibt, dann findest du meist selbst einen Weg, um es zu lösen. Wenn du mich allerdings anrufen willst, um zu sagen, wie sehr du mich alten Kerl vermisst, dann lässt sich durchaus noch einmal über die Sache mit dem Telefon reden."

„Aww. Du weißt, wie sehr du mir fehlen wirst. Alles hier wird mir fehlen. Mein Job, das Haus, alles. Wenn ich könnte, würde ich das alles in meine Koffer packen und mitnehmen. Allerdings würdest du den Flug in diesem muffigen Ding nicht überleben."

Adam machte einen nachdenklichen Eindruck, bevor er langsam nickte. „Ok, du hast mich überzeugt. Ich werde mich nicht in deinem Koffer verstecken." Er hob sie hoch, so dass Carleen ihre Beine um seine Hüften schlingen konnte und ihm direkt in die Augen sah. „Keine Sorge Schatz, du wirst dich schneller wieder einleben, als du mit den Fingern schnipsen kannst. Es sind nur ein paar Tage, dann hast du Rose und Jared wieder bei dir. Wenn ich mich ein paar Tage von meinem Job losmachen kann, komme ich dich besuchen, wie klingt das? Ich habe Tyra eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Sie fehlt mir langsam." Carleen kniff ihn entgeistert ins Ohr, als er zu lachen anfing. Die beiden hatten sich auf der Hochzeit von Carleen und Adam kennen gelernt und hatten, wenn man das so nennen wollte, eine Art Hassliebe zueinander entwickelt. Tyra hielt Adam für zu alt, er wiederum zog sie bei jeder Kleinigkeit so lange auf, bis sie vor Wut fast glühte. Auf der anderen Seite allerdings waren sie sich sofort einig, wenn es um Carleen und deren Wohlbefinden ging.

Tyra. Carleen konnte es kaum erwarten, sie endlich wiederzusehen. Sie war zwar ein paar Mal in den Staaten gewesen, doch das war in Anbetracht der Tatsache, dass sie früher jeden Tag miteinander verbracht hatten, viel zu wenig. Was würde sie wohl sagen, wenn Carleen einfach so vor ihrer Tür stand? Und was würde sie erst tun, wenn sie von ihrer wahnwitzigen Idee erfuhr? Carleen musste unwillkürlich kichern, als sie daran dachte, wie viele Möglichkeiten es gab. Sie würde ihre helle Freude an Tyra haben.

„Was ist so witzig?" Adam zog eine Augenbraue in die Höhe.

„Oh, nichts. Ich glaube nur, dass ich langsam zu schwer für dich armen, alten, gebrechlichen Mann werde. Also lass mich runter." Sie zappelte so lange, bis Adam ihrem Wunsch nachkam und sie freigab.

„Das hättest du lieber nicht sagen sollen. Du lebst genau in diesem Moment sehr, sehr gefährlich und -" Carleen unterbrach ihn, indem sie ihn küsste und zog ihn anschließend an seinen Händen zur Tür hinüber.

„Du redest zu viel. Geh zurück ins Bett, bevor du anfängst, dir irgendwelche Gemeinheiten für mich auszudenken. Ich komme gleich nach."

„Versprochen?"

„Versprochen!" Damit schob sie ihn aus der Tür hinaus und schloss sie wieder. Ihr Blick fiel auf die Schublade an ihrem Schreibtisch, die noch halb geöffnet war. Mit verschränkten Armen ging sie zu ihr hinüber und schob sie sorgfältig zu. Es würde eine Weile dauern, bis sie das nächste Mal die Gelegenheit dazu hatte, einen Blick hineinzuwerfen.

Sie seufzte, als sie wieder zurück zur Tür ging und sie erneut öffnete. Es gab nun keinen Weg mehr zurück. Auf nach Irland.

Kapitel 4

„Sie können mich hier rauslassen. Ich gehe den Rest zu Fuß. Danke." Carleen bezahlte den Taxifahrer, bevor sie ausstieg und die Beifahrertür sacht zuwarf. Dann lief sie die Straße hinunter auf das große Bürogebäude zu. Carleen empfand es als einschüchternd, wohl auch, weil sich in ihrer Magengegend bereits ein ungutes Gefühl breit machte. Vielleicht hätte sie bis morgen warten sollen, anstatt sich gleich in die Höhle des Löwen zu wagen. Doch dann wiederum hätte sie es um noch einen Tag verschoben und noch einen, solange bis sie auch der letzte Rest Mut verlassen und sie Irland auf dem schnellsten Weg wieder verlassen hätte.

Irland. Sie war da. Ihren Flug von Boston nach London hatte sie problemlos überstanden, genau wie den Anschlussflug nach Dublin ein paar Stunden später. Tyra war nicht zu Hause gewesen, was Carleen ein wenig von ihrer Vorfreude genommen hatte, doch sie hatte ihr einen Zettel unter der Tür durchgeschoben und hoffte, dass sie sich die nächsten Tage bei ihr melden würde. Das würde sie bestimmt, denn immerhin hatte Carleen einiges zu erklären.

Ihr Apartment im Herzen von Dublin entsprach genau ihren Vorstellungen. Adam hatte es einrichten lassen, lange bevor Carleen nach Dublin gekommen war. Von Zeit zu Zeit nutzte es einer seiner Journalisten, wenn er zu Recherchen in Irland unterwegs war, und für die Wochen, die Carleen nun in Dublin verbrachte, würde es ihr gehören. Man hatte ein paar Veränderungen vorgenommen, immerhin war sie die Frau des Verlegers und nicht irgendein mittelmäßiger Journalist, der sich mit ein paar einfachen Möbeln zufrieden gab. Carleen lachte. Natürlich hätte sie sich damit zufrieden gegeben, aber Adam sorgte stets dafür, dass sie das Beste vom Besten bekam. Immer. Also hatte er ein paar der alten Möbel rausräumen und neue liefern lassen, die wohl eher dem Geschmack von Carleen entsprachen. Auf jeder Kommode und jedem Tisch hatten Blumen gestanden, als sie an diesem Nachmittag ihr Apartment das erste Mal betreten hatte. Das Beste vom Besten. Immer.

Als Carleen die gläserne Tür zum Gebäude aufdrückte, waren alle positiven Gedanken an ihre Rückkehr nach Irland vergessen. Ein paar hektische Geschäftsmänner in Anzügen rannten an ihr vorbei, doch sie nahm sie nicht wirklich zur Kenntnis. Sie hatte ganz andere Sorgen. Mit zögernden Schritten betrat sie den Fahrstuhl und wählte die Etage aus, in der sich das Büro von Louis Walsh befand. Sie hatte vor einer Stunde mit seiner Sekretärin telefoniert und ihr Kommen angekündigt. Natürlich unter ihrem neuen Namen, nicht dem, mit dem Walsh soviel Ärger verband. Einfach nur Mrs. Lewis.

Ein Bing und die Fahrstuhltür ging auf. Carleen drängelte sich an der gewichtigen Frau vor sich vorbei und trat hinaus in den Flur. Sie nahm ihre Tasche in die eine Hand und strich sich mit der anderen eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie war doch eigentlich auf alles vorbereitet, wozu also all die Aufregung? Ihr beigefarbenes Kostüm erinnerte nicht länger an die unentschlossene Teilzeitjournalistin, die sie gewesen war, als sie Louis das erste Mal gegenüber getreten war. Sie war selbstbewusster geworden und wusste, was sie wollte. Schon auf dem Hinflug hatte sie sich genug Argumente überlegt, mit denen sie Louis würde die Stirn bieten können, doch reichte das aus? Ihr war durchaus bewusst, dass sie es hier nicht mit irgendjemandem zu tun hatte, sondern mit einem Manager, der genug gesehen und erlebt hatte, als dass er sich von ihr so einfach aus der Ruhe bringen ließ. Doch sie würde es auf einen Versuch ankommen lassen. Zu verlieren hatte sie ja nichts.

Die Sekretärin, mit der Carleen telefoniert hatte, bat sie einen kurzen Moment zu warten, bevor sie hinter der Bürotür verschwand, um sie anzukündigen. Es dauerte nicht lange, dann kam sie wieder hinaus und bat Carleen hinein. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie lächelte der Sekretärin freundlich zu, bevor sie an deren Schreibtisch vorbeiging und die Tür zu Louis’ Büro öffnete.

Er saß hinter seinem Schreibtisch und telefonierte. Sein Blick war auf den Computermonitor vor sich gerichtet, und erst als Carleen die Tür hinter sich schloss, sah er sie an. In diesem Moment wusste sie, dass er sie erkannt hatte. Zwar schien er noch nicht zu wissen, wo er sie einordnen sollte, aber seine zusammengezogenen Augenbraunen verrieten, dass er bereits scharf darüber nachdachte. Als ihm schließlich bewusst wurde, dass er es hier mit Carleen Baker zu tun hatte, knallte er den Hörer ohne Vorwarnung auf die Telefongabel und stand auf. Das fing ja wirklich gut an.

„Sagen sie mir bitte, dass ich schlecht träume. Was zur Hölle haben sie hier verloren?" Er stürmte um den Schreibtisch herum und baute sich vor ihr auf. Nun, zumindest hatte er ihr nicht gleich den Kopf abgerissen.

Carleen versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, und lächelte. Wenn sie ihm den Wind aus den Segeln nehmen konnte, würde sich die ganze Angelegenheit viel leichter gestalten. „Ich bin hier, weil sie mich zu sich gebeten haben, schon vergessen? Wir wollten noch einige Details durchgehen. Zumindest hat Adam das gesagt."

„Adam hat gesagt, dass er seine Frau schickt, keine Betrügerin."

„Nun, ich bin seine Frau, Mr. Walsh. Und ganz egal, ob es ihnen passt oder nicht, ich bin hier um meinen Job zu machen. Sie erinnern sich doch an den Vertrag, den sie unterschrieben haben, nicht wahr? Der garantiert Adam ausnahmslose Recherchen zu seinem Buch. Und ich werde diese Recherchen durchführen." Carleen lächelte immer noch, auch wenn sie sich gut vorstellen konnte, dass Walsh ihr am Liebsten an die Kehle gesprungen wäre. Er wusste, dass er aus diesem Vertrag nicht herauskommen würde, und dass es für ihn keine Chance gab, irgendwelche Forderungen zu stellen. Damit abfinden war die einzige Möglichkeit, die er hatte.

„Den Teufel werden sie tun, Carleen. Wie kommen sie dazu, hier einfach hereinzumarschieren und so zu tun, als wäre alles in bester Ordnung? Bis jetzt habe ich Adam stets für einen ehrbaren Geschäftsmann gehalten, aber anscheinend habe ich mich in ihm getäuscht, so wie sie mich vor Jahren getäuscht haben. Oder weiß er gar nicht, dass wir beide uns schon kennen?" Touchè. Dieser Mann hatte doch tatsächlich das verdammte Talent, Dinge zu sagen und zu tun, die jedem die Knie vor lauter Angst weich werden ließen. Wenn er diese Karte ausspielte, dann war Carleen verloren. Wenn sie jetzt allerdings nachgab, dann wäre sie das erst recht. Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht.

„Nein, das tut er nicht. Und von ihnen wird er auch nichts erfahren, Louis, sonst sorge ich persönlich für die schlechteste Publicity, die Westlife jemals bekommen haben. Das liegt ihnen doch bestimmt fern oder? Wir sollten versuchen, uns zu arrangieren, denn etwas anderes wird uns auf Dauer nicht übrig bleiben."

Louis lachte spöttisch. „Nun, das sehe ich anders. Ich werde sie in der Luft zerreißen, darauf können sie sich verlassen. Sie haben mich und die Jungs einmal zum Narren gehalten, das werden sie kein zweites Mal tun. Mit jemandem wie ihnen werde ich spielend fertig."

Carleen spürte, wie die Wut in ihr aufstieg. Er war ein verdammter Narr, wenn er dachte, dass sie sich das gefallen ließ. Natürlich hatte er Zweifel und Vorbehalte, die standen ihm zu, doch sie würde sich von ihm nicht drohen lassen. Dazu hatte sie zuviel vor. „Machen sie nicht den Fehler und unterschätzen sie mich. Drei Jahre sind eine lange Zeit, in der man sehr viel dazulernen kann. Und genau das habe ich getan. Ich bereue das, was passiert ist, aber ich kann es nicht rückgängig machen. Jetzt bin ich hierher gekommen, um einen Job zu erledigen, und sie kommen mir dabei besser nicht in die Quere. Ich respektiere und bewundere sie für das, was sie für die Band tun, aber ich lasse mir von ihnen nicht drohen. Es gibt mit Sicherheit eine ganze Menge wieder gutzumachen, aber das geht nur mich und die Band etwas an. Wenn sie einen persönlichen Groll gegen mich hegen, dann kann ich es nicht ändern, ich kann es ihnen noch nicht einmal verübeln, aber sie respektieren lieber die Entscheidung, die Adam getroffen hat. Er hat MICH hierher geschickt, um dafür zu sorgen, dass Westlife ein Erfolg in den Staaten werden. Das ist es, was sie interessieren sollte, nichts anderes."

Louis schien eine Weile darüber nachzudenken, bevor er wieder um seinen Schreibtisch herum ging und sich hinsetzte. „Sie machen es sich sehr einfach oder? Kommen hierher und meinen, dass alles mit ein paar Worten wieder in Ordnung ist. Nun gut, dann tun sie, was sie nicht lassen können. Aber ich werde sie im Auge behalten, Carleen, und das sehr sorgfältig. Wenn sie einen Fehler machen, kriege ich sie dafür dran. Dann wird ihnen niemand mehr helfen können, weder Adam noch sonst irgendwer. Haben sie das verstanden?"

Carleen nickte. Obwohl die Worte von Louis fast ein wenig versöhnlich klangen, konnte sie sich nicht entspannen. Sie kannte ihn zu gut, und wusste, dass das noch nicht alles war. Er würde sie nicht nur im Auge behalten, er würde sie kontrollieren. Und er würde auf einen falschen Schritt von ihr warten, um ihr die Hölle heiß zu machen. Der Wolf im Schafspelz. „Sie haben sich deutlich genug ausgedrückt. Allerdings wird es keine Fehler geben. Auch wenn sie das vielleicht denken, sie sind nicht der einzige, der weiß, was er tut. Wenn das dann alles ist, würde ich jetzt gerne gehen." Sie warf sich ihre Tasche über die Schulter und wartete. Je eher sie hier raus war, desto besser. Die Details konnte er ihr auch gut und gerne zufaxen. Für heute hatte sie seine Anwesenheit zu genüge genossen.

„Tun sie sich keinen Zwang an. Nur eins noch, Mrs. Lewis." Louis stand wieder auf und ging ein weiteres Mal auf sie zu. Er sah Carleen für einen Moment eindringlich an, bevor er sprach. „Ich weiß nicht, warum sie wirklich hier sind, aber ihr Job ist nicht der einzige Grund. Überhaupt denke ich, dass sie ihn niemals angenommen hätten, wenn dahinter nicht mehr stecken würde. Denken sie über all das, was sie in den nächsten Wochen tun, sorgfältig nach, Carleen. Es hat lange gedauert, bis wir ihre Spuren hier vollkommen verwischt hatten, und ich habe keine Lust, das ein weiteres Mal tun zu müssen. Tun sie ihren Job, und dann sehen sie zu, dass sie von hier verschwinden. Sie sind hier nicht erwünscht."

Carleen brachte ein strahlendes Lächeln zustande, auch wenn ihr das, was Louis gesagt hatte, eine Gänsehaut verpasste. Es hatte lange gedauert, sie zu vergessen? Hatte jemand sie vielleicht nie vergessen? „Ob ich erwünscht bin oder nicht, interessiert mich nicht. Wenn sie mich nicht in Schwierigkeiten bringen, habe ich auch nicht vor, ihnen welche zu machen. Aber ich kann genauso scharf schießen wie sie, Louis. Vergessen sie das nicht." Dann öffnete sie die Tür und verschwand. Sie schaffte es noch bis vor das Bürogebäude, ehe sie sich gegen eine Wand lehnte und durchatmete. Die erste große Hürde war geschafft. Von hier aus konnte es nur noch vorwärts gehen. Hoffentlich.

Kapitel 5

Mit einem Seufzen schloss Carleen die Tür zu ihrem Apartment hinter sich, bevor sie den dazugehörigen Schlüssel auf dem Couchtisch ablegte. Sie war fast zwei Stunden lang ohne ein wirkliches Ziel durch Dublin gelaufen, hatte sich hier und da ein paar Dinge angesehen, nur um ihren Kopf ein wenig freizukriegen. Im Nachhinein war ihr bewusst geworden, dass das Gespräch mit Louis erst der Anfang war. Und wenn sie wirklich gedacht hatte, dass nun alles besser werden würde, dann hatte sie sich selbst etwas vorgemacht. Es würde noch viel schlimmer werden. Louis hatte schon heftig reagiert, und dabei war er in all die Dinge, die vor drei Jahren geschehen war, in keiner Weise emotional verwickelt gewesen. Was würde also passieren, wenn Carleen plötzlich den Menschen gegenüberstand, die sie wochenlang an der Nase herumgeführt hatte? Glücklicherweise hatte man Lynchjustiz vor sehr langer Zeit abgeschafft..

Das Piepen des Faxgerätes im angrenzenden Arbeitszimmer riss Carleen aus ihren Gedanken. Ohne zu Zögern ging sie hinüber und wartete geduldig, bis auch das letzte Papier in die Ablage gefallen war. Walsh verschwendete keine Zeit. Akribisch hatte er alle wichtigen Daten für sie auflisten lassen, genauso wie Zeit und Ort, an dem die erste Sitzung mit ihr zusammen stattfinden würde. Ihr Magen krampfte sich unwillkürlich zusammen, als sie erkannte, dass sie weniger als 24 Stunden Zeit hatte, um sich auf das schicksalhafte Treffen vorzubereiten. Nun gut, es war nicht überraschend, dass Louis sie ins eiskalte Wasser warf. Aber sie würde schwimmen können.

Carleen verstaute die Daten gerade in einer ihrer Mappen, als es an der Tür klopfte. Nein, es klopfte nicht, es pochte geradezu. Wer auch immer zu ihr wollte, er musste es ziemlich eilig haben. Dabei kannte so gut wie niemand ihre Adresse, und Louis wollte sich ganz sicher nicht zu einem Kaffee einladen. Mit eiligen Schritten durchquerte sie das Wohnzimmer und blieb fluchend vor der Tür stehen. Adam hatte an alles gedacht, nur nicht an einen Türspion.

„Wer ist da?" Sie hatte die Hand schon an der Türklinge, aber wenn sich auf der anderen Seite irgendein psychopathischer Angestellter von Louis’ Company befand, dann würde sie mit Sicherheit nicht öffnen.

„Mach sofort die Tür auf, Baker. Ich habe ein ziemlich großes Hühnchen mit dir zu rupfen!" Carleen war für einen Moment so verdutzt, dass sie nicht wusste, ob sie lachen, weinen oder beides zu gleich tun sollte. Sie hatte sehr wohl damit gerechnet, dass Tyra sich schnellstmöglich bei ihr meldete, aber nicht, dass sie einfach so vor ihrer Tür stand. Allerdings kannte sie Tyra, und hätte auf alles vorbereitet sein müssen. Freudestrahlend öffnete sie die Tür.

„Ein Hühnchen? Wie wäre es, wenn du mir erst einmal Hallo sagst?" Sie lachte, als Tyra frustriert schnaubte und sich an ihr vorbei in die Wohnung drängelte. Sie hatte sich kein bisschen verändert.

„Du machst mir ja Spaß. Anstatt mir zu sagen, dass du hierher kommst, schiebst du mir einfach einen lächerlich kleinen Zettel unter der Tür durch und verschwindest. Ich dachte, irgendein Witzbold erlaubt sich einen Spaß mit mir, also habe ich meine Telefonrechnung explodieren lassen und deinen Gruftie angerufen. Tja, und der hatte dann mal die Güte, mir zu sagen, dass seine Frau doch tatsächlich irgendwo in Irland durch die Gegend rennt und ihrer besten Freundin kein Sterbenswörtchen davon erzählt hat. Was macht die beste Freundin also? Kratzt ihr letztes bisschen Geld für ein Flugticket zusammen. Tata, hier bin ich." Um ihren Standpunkt deutlich zu machen, lies Tyra ihren Koffer auf den Boden fallen und warf ihre Jacke auf die Couch. Wenn sie das vorhatte, von dem Carleen sich fast sicher war, dass sie es vorhatte, würde hier gleich eine ordentliche Diskussion losbrechen.

„Warte mal einen Augenblick, T. Ich verstehe deinen ausgeprägten Drang, mich sehen zu wollen, aber was macht dieser Koffer hier? Du wirst nicht, hast du mich verstanden, nicht hier wohnen! Versuch gar nicht erst, mich vom Gegenteil zu überzeugen, die Antwort ist nein. Ein paar Tage, ok, aber nicht länger. Und wenn ich diesen Koffer hier sehe, dann habe ich das dumme Gefühl, dass du weit länger hier bleiben willst als nur ein paar Tage."

„Nun, das hast du richtig erkannt. Ich werde so lange hier bleiben, bis du zur Vernunft gekommen bist und den Rückzug in die Staaten antrittst. Ich muss dir ja wohl nicht erst sagen, wie krank ich deine Idee finde? Und sag mir jetzt bloß nicht, dass du diese Recherchen oder was auch immer nur machst, um Adam einen Gefallen zu tun. Du katapultierst dich in die größte Katastrophe überhaupt, Muffin. Wenn mich nämlich nicht alles täuscht, dann hat Adam überhaupt keine Ahnung, warum du wirklich hier bist, und das ist wirklich, wirklich ungesund." Tyra war also voll im Bilde. Wahrscheinlich hatte sie Adam so lange genervt, bis er aufgegeben und ihr erzählt hatte, warum es bei diesem ganzen Irlandjob überhaupt ging. Und wenn irgendjemand wusste, dass Carleen den ein oder anderen Hintergedanken dabei hatte, dann war es Tyra.

Carleen seufzte, als sie sich neben Tyra auf die Couch setzte und versuchte, alles in möglichst logische Worte zu fassen. „Hör mal, ich weiß ganz genau was du jetzt denkst, aber so ist es nicht. Ich habe nicht vor, irgendwo irgendwelche Schwierigkeiten zu machen, T. Nur ist das die Chance, auf die ich drei Jahre gewartet habe. Was ist denn so verkehrt daran, ein paar Dinge einfach wieder ins richtige Licht zu rücken? Ich kann es doch zumindest versuchen oder?"

Tyra seufzte. „Cal, wirst du irgendwann eigentlich mal erwachsen? Hey, jetzt sieh mich nicht so an! Ich weiß, dass ich die letzte bin, die so was sagen kann, aber jedes Kleinkind würde bessere Entscheidungen treffen als du. Du kannst doch nicht einfach hierher kommen, ein paar Mal mit den Fingern schnipsen und schon sind drei Jahre einfach so vergessen. Wir haben alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte, daran geht kein Weg vorbei. Du weißt, wie sehr ich mich freue, dich hier zu haben, aber nicht unter solchen Umständen. Am Ende wird jeder drunter leiden, einschließlich dir."

Carleen wusste, dass Tyra recht hatte. Zumindest dann, wenn sie die Grenzen, die sie sich selber gesetzt hatte, nicht würde einhalten können. Alles, was sie in diesem Moment wollte, war, den anderen endlich wieder in die Augen sehen zu können, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Aber würde das überhaupt gehen, wenn sie ihr letztes großes Geheimnis trotzdem nie würde preisgeben können? „Würdest du nicht dasselbe tun? Ich meine, vor drei Jahren sind wir weggerannt und sind dadurch nicht unbedingt glücklicher geworden. Ich will einfach nur ein paar dieser vergangenen Fehler wiedergutmachen. Natürlich wird das nicht leicht, aber ich habe den festen Willen dazu."

„Carleen, du bist mittlerweile verheiratet! Und du hast einen Sohn, den du Kian wahrscheinlich für den Rest seines Lebens vorenthalten wirst. Versuch es gar nicht erst, mir weis zu machen, dass es hier nicht um ihn geht. Genau deswegen bist du hier. Du willst ihn wiedersehen, du willst dich selbst mit etwas konfrontieren, was du nicht einschätzen kannst. Was ist, wenn die Gefühle für Adam, derer du dir ja so sicher bist, plötzlich nicht mehr ausreichen, um all dem hier zu widerstehen? Ich weiß, dass du Adam liebst, nur bin ich mir nicht sicher ob diese Liebe genug ist. Wenn das hier deine Art ist, um genau das auszutesten, dann bist du noch verrückter als ich gedacht hatte. An wen denkst du denn, wenn du Jared ansiehst? Oder bevor du schlafen gehst? Von wem träumst du? Wem schreibst du Briefe, die du nie abschickst? Ich glaube, die Antwort darauf ist nicht Adam."

Eigentlich war es zum lachen. Sie hatten sich monatelang nicht gesehen, und waren bereits mitten in einer ihrer Grundsatzdiskussionen. Nur dass diesmal Tyra die besseren Argumente hatte. Ach, zum Teufel damit. Carleen musste sich nur an ihre eigenen Regeln halten, dann konnte überhaupt nichts passieren. Sie erwartete nichts von Kian, oder forderte irgend etwas. Alles, was sie wollte, war um Verzeihung zu bitten. War das denn zuviel verlangt?

„Was du glaubst, interessiert mich gerade herzlich wenig, Muffin. Es ist nett, dass du extra hierher gekommen bist, und ich bin überglücklich, dich zu sehen, aber ich lasse mir von dir nicht vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe. Das hier ist meine Sache und wenn du damit nicht einverstanden bist, dann nimm deinen Koffer und flieg zurück. Ich habe über diese Entscheidung lange genug nachgedacht, und ein klitzeklein wenig Verstand solltest du mir schon zusprechen." Ohne auf eine Antwort zu warten, stand Carleen auf und ging in die Küche. Sie war wütend, nur wusste sie noch nicht richtig, auf wen. Auf Tyra, weil die genau das gesagt hatte, was sie nicht hören wollte, oder auf sich, weil sie sich und ihre Entscheidung nicht besser zu verteidigen wusste. Es war frustrierend, zu sehen, mit welcher Leichtigkeit es Tyra gelang, sie ins Grübeln zu bringen. Sie hatte doch alles perfekt durchgedacht, warum konnte sie das nicht einfach akzeptieren?

„Jetzt lauf nicht gleich weg, Cal." Tyra trat hinter sie und legte den Kopf an ihre Schulter. Obwohl Carleen den festen Vorsatz hatte, weiterhin wütend zu sein, schwand ihr Widerstand zunehmend. „Ich zweifle nur dann an deinem Verstand, wenn es um Kian geht. Versteh mich nicht falsch, aber ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass es nicht so leicht sein wird, wie du es dir vorstellst. Ihr habt einen gemeinsamen Sohn, und jedes Mal, wenn du ihn ansiehst, wirst du an ihn erinnert und daran, wie wundervoll eure gemeinsame Zeit war. Das ist es, wonach du dich sehnst, nicht wahr? Und jetzt, wo du hier bist, glaubst du, diese Sehnsucht stillen zu können, indem du die Fronten klärst und ein für alle Mal mit diesem Thema abschließt. Nur was, wenn das nicht geht? Dann wird alles nur noch schlimmer. Du weißt, dass er eine Freundin hat oder?" Carleen schloss die Augen und versuchte, den plötzlich aufkommenden Schmerz zu unterdrücken. Was hatte sie denn erwartet? Dass er bis an sein Lebensende Single blieb? Nein, nicht jemand wie Kian.

„Nein. Sieht sie wenigstens gut aus?" Tyra lachte leise.

„Na ja, ich halte sie für Durchschnitt, vielleicht auch ein wenig drüber. Mein Geschmack ist sie nicht, aber Egan hat noch nie sonderlich viel davon gehabt, Anwesende natürlich ausgenommen." Sie kicherte leise, bevor sie ihre Arme um Carleen legte und sich näher an sie kuschelte. „Wann geht es eigentlich los?"

„Morgen. Louis hat mir vorhin alle Daten zugefaxt. Morgen ist das erste Meeting, an dem ich teilnehmen soll. Wahrscheinlich bin ich der Überraschungsgast."

„Daran besteht kein Zweifel. Und du willst das wirklich durchziehen, mhh?"

Carleen nickte. Wenn sie zu sehr darüber nachdachte, änderte sie ihre Meinung vielleicht noch. Und das durfte nicht sein.

„Ja. Ich muss es wenigstens versuchen, T."

Kapitel 6

„Noch kannst du es dir überlegen. Ich komme gerne mit rein, wenn du willst." Carleen hörte auf zu zählen, wie oft sie diesen Satz in den letzten Minuten von Tyra gehört hatte. Und sie hörte auch auf zu zählen, wie oft sie ihr mit denselben Worten darauf geantwortet hatte.

„Tyra, das ist wirklich nett von dir, aber ich schaffe das alleine, ok? Du solltest dein Glück nicht zu sehr strapazieren." Glück. Es war nicht Glück gewesen, das hauptsächlich dazu beigetragen hatte, Carleen umzustimmen und Tyra in Irland zu behalten, sondern deren unerschöpflichen Argumente, warum sie ihrer Freundin unbedingt zur Seite stehen musste. Ganz davon abgesehen wäre sie sowieso nicht gegangen, sondern hätte sich eher vor die Tür gesetzt und solange dagegen gehämmert, bis Carleen ihr freiwillig Asyl gewährt hätte. Tyra würde also bleiben, allerdings nur unter der Bedingung, dass sie sich aus diesem Job raushielt. Bis jetzt schien sie sich dieser Bedingung allerdings noch nicht wirklich bewusst geworden zu sein.

„Also gut, ich wollte dir nur eine Hilfe sein. Dir ist ja wohl hoffentlich klar, dass diese Männer da drin wie hungrige Raubtiere sein werden. Sie werden dich wahrscheinlich noch nicht einmal gleich zerfleischen, sondern dich vorher noch eine Weile zappeln lassen, mit dir spielen. Fühlst du dich dieser Aufgabe gewachsen?" Carleen blieb mitten auf der Straße stehen und ignorierte die Passanten, die sich mit ärgerlichem Murmeln an ihr vorbeidrängten.

„Wenn du damit aufhören würdest, solche Dinge zu sagen, würde ich dieser Aufgabe sehr wohl gewachsen sein. Ich habe es hier nicht mit Ungeheuern zu tun, sondern lediglich mit ein paar Männern, die uns nach all der Zeit nicht mehr ganz so wohlgesonnen sind."

„Nun, wenn du mich fragst-"

„Ich frage dich aber nicht." Carleen warf ihr einen wütenden Blick zu, bevor sie ihren Weg fortsetzte und auf das Bürogebäude, das sie zu ihrem Ziel auserkoren hatte, zumarschierte. Nun, insofern man das mit diesen Schuhen konnte. Sie hatte versucht, nicht allzu overdressed zu erscheinen, trotzdem wollte sie einen guten Eindruck hinterlassen und zeigen, dass sie zu einer Frau gereift und nicht länger das naive, junge Mädchen war, das alle vor drei Jahren kennen gelernt hatten. Als sie sich selbst dann im Spiegel betrachtet hatte, war sie zufrieden gewesen. Abgesehen von den mörderischen High Heels, die sie trug, hatte sie sich für eine schwarze lange Hose und einen Rollkragenpullover in derselben Farbe entschieden. Darüber trug sie einen beigefarbenen Mantel, den sie einen Tag zuvor beim Einkaufsbummel mit Tyra erstanden hatte. Ihre Haare hatte sie aus einem plötzlichen Impuls heraus offengelassen. Kian hatte sie so am meisten geliebt.

„Fein, dann halte ich meinen Mund. Ich bezweifle zwar noch immer, dass du weißt was du tust, aber da du ganz offensichtlich selbstmörderische Absichten hast, werde ich dich deinen Weg gehen lassen. Bevor sie dich niedermetzeln, sag ihnen bitte, dass du dein Apartment auf mich überschreibst. Mein Konto könnte eine Weile mietfreies Wohnen wirklich gut vertragen. Redest du noch mit mir?" Tyra versuchte, zu Carleen aufzuschließen, die sich durch die Menschenmassen drängelte und versuchte, ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Sie hatte Nervenflattern, viel mehr als erwartet, und alles, was ihre beste Freundin tat, war sich über sie lustig zu machen. Hatte eigentlich jeder den Verstand verloren?

„Nun, im Moment steht mir wirklich nicht der Sinn danach. Wirf dich in ein Taxi und mach ein paar Läden unsicher, ja? Hier hast du meine Kreditkarte. Sollte ich bis heute Abend nicht zu hause sein, rufst du die Polizei an. Dann ist mir wahrscheinlich irgendwas passiert. Bis später." Carleen küsste sie flüchtig auf die Wange, bevor sie Tyra stehen ließ und die Treppe hinauf ins Gebäude hastete. Es würde sicher nicht von Vorteil sein, wenn sie jetzt zu spät kam.

Wieder stieg Carleen in den Fahrstuhl ein und wieder stieg sie aus, als es Bing machte und sie sich in der Etage wähnte, in der sie zuvor schon einmal gewesen war. Alles war genauso wie bei ihrem ersten Besuch, nur dass die Zeit diesmal überhaupt nicht zu verstreichen schien. Weder die Zeit, die sie im Fahrstuhl verbrachte und Stock für Stock zählte, noch die Zeit, in der sie den Flur entlang auf den Schreibtisch von Walsh’ Sekretärin zulief. Noch war es nicht zu spät, noch konnte sie umdrehen...

„Oh, da sind sie ja schon Mrs. Lewis." Also doch zu spät. „Die Konferenz läuft bereits, aber sie werden sich noch einen kleinen Moment gedulden müssen. Mr. Walsh sagt ihnen Bescheid, wenn sie hinein gehen können. Wenn sie solange Platz nehmen möchten." Die Sekretärin zeigte auf einen der ledernen Sessel, die etwas weiter von ihrem Schreibtisch entfernt in einer Ecke standen. Carleen hatte viel eher das Bedürfnis, die Flucht zu ergreifen, statt sich irgendwohin zu setzen, doch anstatt das laut kund zu geben, lächelte sie der blonden Frau im mittleren Alter nur zu und kam ihrem Angebot nach. Vielleicht würden ein paar der Modezeitschriften, die auf dem Tisch lagen, sie ja auf andere Gedanken bringen. Ein lächerlicher Versuch.

Nach fast zwanzig Minuten hatte Carleen jede der Zeitungen von vorne bis hinten durchgeblättert und wippte unruhig mit ihrem Bein auf und ab. Warum dauerte das so lange? Wenn Louis sich einen Spaß daraus machte, sie zappeln zu lassen, würde ihm ihre Reaktion darauf bestimmt nicht gefallen. Immerhin hatte sie nicht vor, sich schon jetzt von ihm unterbuttern zu lassen. Nervös lächelte sie der Sekretärin zu, die hin und wieder von ihren Arbeiten aufsah und zu ihr hinüberblickte. Es kam ihr fast so vor, als wüsste sie, in welch beklemmender Situation sich Carleen befand. War es so offensichtlich?

Carleen war gedanklich gerade bei Louis, und wie sie ihn am besten würde leiden lasen können, als ein kleines braunhaariges Bündel lautstark den Flur entlang gerannt kam und hinter dem Tisch der Sekretärin verschwand. Sie hatte nur einen kurzen Blick auf das Mädchen erhaschen können, doch irgendetwas in ihr drin sagte ihre, dass es sich dabei um jemanden handelte, den sie sehr gut kannte.

„May, weißt du was passiert ist? John hatte heute seinen Hund mit in der Schule, seinen HUND! Er hat ständig mein Gesicht geleckt und mit meinem Schnürsenkel gespielt. Glaubst du, Daddy kauft mir einen Hund?" Carleen senkte den Kopf und lächelte. Lilly war vielleicht größer geworden und hatte ihren Wortschatz um einiges erweitert, aber ansonsten hatte sie sich nicht verändert. Immer noch genauso quirlig, genauso lebhaft und mindestens auch genauso hübsch. Am liebsten wäre Carleen hinüber gerannt, und hätte die Schwester ihres Sohnes in die Arme geschlossen, doch es war ziemlich unwahrscheinlich, dass Lilly sich noch an sie erinnern konnte. Und wenn, dann hatte Kian bestimmt kein gutes Haar an ihr gelassen.

Die Sekretärin, die nun endlich einen Namen hatte, lachte und streichelte über Lillys Haare hinweg. „Nun, da wirst du ihn wohl selber fragen müssen. Allerdings ist dein Daddy immer noch in einer sehr wichtigen Besprechung, also sei ein braves Mädchen und setz dich hin, ja? Wir spielen einfach wieder das Shh-Spiel. Wenn du es länger aushältst als ich, kriegst du einen Lollie. Wie klingt das?" May hatte die Kleine ganz offensichtlich gut im Griff. Lilly nickte begeistert, bevor sie sich den Finger auf die Lippen legte und langsam zu Carleen hinüberschlich. Allein ihr Anblick trieb Carleen beinahe die Tränen in die Augen. Lilly war älter geworden, größer, und doch sah Carleen nur das kleine Mädchen, das sie vor drei Jahren kennen und lieben gelernt hatte. Sie zwinkerte Lilly zu, als diese sich auf den Sessel neben ihr setzte und ihren Rucksack abschüttelte.

Carleen versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und weiter in einer der Zeitungen zu blättern, doch ganz gleich was sie auch tat, sie konnte ihren Blick einfach nicht von Lilly wenden. Mit der Zeit war sie Kian noch viel ähnlicher geworden, und wunderhübsch. Kian musste so stolz auf sie sein. Und er war ein guter Daddy, also würde er Lilly bestimmt auch den ersehnten Hund kaufen. Bei dem Gedanken daran musste Carleen plötzlich laut loslachen, was einen überraschten Blick von Lilly zur Folge hatte.

„Spielst du gar nicht mit? Du musst so leise sein wie du nur kannst, sonst verlierst du. Es ist ganz einfach, wirklich. Du legst dir deinen Finger auf die Lippen und denkst an irgend etwas. Siehst du." Lilly legte sich ihren Finger wieder über den Mund und machte einen nachdenklichen Eindruck. Carleen hatte alle Mühe, ernst zu bleiben. Verschwörerisch lehnte sie sich ein wenig zu Lilly hinüber und antwortete ihr im Flüsterton.

„Meinst du, May nimmt es uns übel, wenn wir ganz leise miteinander reden? Sie hört uns bestimmt nicht. Wie war die Schule?" Wahrscheinlich hatte Lilly überhaupt keine Ahnung, warum sie mit ihr über so etwas reden wollte, aber Carleen hatte das dringende Bedürfnis, mehr über sie zu erfahren. Über ihr Leben, ihren Alltag, einfach alles. Immerhin waren sie fast verwandt miteinander, verbunden durch einen kleinen Jungen, der seiner Schwester bei genauerem Betrachten unwahrscheinlich ähnlich sah. Wie sollte es auch anders sein.

„Es war ganz toll. Eigentlich mag ich die Schule nicht so, aber Daddy sagt, dass sie sehr wichtig ist und ich immer gut aufpassen muss, damit ich später einmal so etwas tolles wie er machen kann. Und heute durften alle ihre Haustiere mitbringen. Ich habe kein Haustier, aber das macht nichts. Jenny hat mich mit ihrem Meerschwein spielen lassen, und John hat uns seinen Hund gezeigt. Wenn ich Daddy ganz lieb frage, dann kauft er mir vielleicht auch einen. Hast du einen Hund?"

„Oh nein. Aber das sind wirklich tolle Tiere, nicht wahr? Wenn du willst, dann können wir ja mal zusammen in eine Zoohandlung gehen. Ich bin mir sicher, dass wir da einen Hund für dich finden." Vielleicht hätte Carleen das nicht sagen sollen, aber sie hatte irgendwie das Gefühl, dass die Verbindung zu Lilly, die sie vor so langer Zeit gehabt hatte, nicht abgerissen war. Und aus irgendeinem Grund wollte sie so etwas auch um jeden Preis verhindern. Lilly war teil der Vergangenheit, wegen der Carleen nach Irland zurückgekommen war, also konnte sie bei ihr doch anfangen, wieder gutzumachen. Oder?

Lillys Augen begannen zu strahlen, als sie darüber nachdachte. „Au ja, das ist eine gute Idee. Kennst du Daddy überhaupt? Er mag dich bestimmt und wenn ich ihm sage, dass du einen Hund mit mir aussuchen kommst und er sich überhaupt keine Mühe machen braucht, dann sagt er vielleicht auch ja. Wie heißt du eigentlich?" Das Spiel mit May schien vollkommen vergessen. Lilly zappelte ungeduldig hin und her, so als würde sie am liebsten sofort aufbrechen und jede sich in Dublin befindliche Zoohandlung unsicher machen. Carleen kam nicht umher, sich ein weiteres Mal einzugestehen, wie sehr sie dieses Mädchen liebte. Wenn Jared sich auch nur annähernd so entwickelte wie seine Halbschwester, würde sie einer der glücklichsten Mütter auf der Welt sein.

„Carleen. Und du heißt Lilly, richtig?"

„Ja. Woher weißt du das?"

Carleen bekam keine Gelegenheit, zu antworten. Sie hatte nicht gehört, wie die Tür ein paar Meter von ihr entfernt aufgegangen und jemand hinausgetreten war. Sie hatte nicht gehört, wie er sich der Sitzecke genähert und kurz vor ihnen stehen geblieben war. Doch jetzt verstand sie jedes einzelne Wort.

„Sie ist eine alte Bekannte von deinem Daddy, Schatz. Und sie ist zurückgekommen."

Kapitel 7

„Lilly, sei doch bitte so lieb und geh hinüber zu May. Ich bin mir sicher, sie hat einen Lollie für dich." Kian nahm die Hand seiner Tochter und half ihr beim Aufstehen, bevor er ihr Haar rüffelte und dabei zusah, wie sie auf den Schreibtisch von Louis’ Sekretärin zulief. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er sich wieder umdrehte und Carleen ansah. Carleen, die noch immer auf dem ledernen Sessel saß und seinen Blicken auswich. Das war nun also der Moment, den sie so sehr herbeigesehnt, allerdings auch so sehr gefürchtet hatte. Sie hielt es für das Beste, sitzen zu bleiben und zu warten, bis sie das Zittern ihrer Beine unter Kontrolle hatte und nicht länger Angst haben musste, ihre Fassade zu verlieren. Sie hatte sich doch so gut darauf vorbereitet gehabt, warum wollte jetzt nichts so klappen wie sie sich das vorgestellt hatte? Was hatte sie denn zu befürchten?

„Carleen, würdest du mich bitte ansehen?" Als sie seiner Aufforderung nachkam und ihren Blick hob, wusste sie die Antwort auf die Frage, die sie sich gerade eben selbst gestellt hatte. Ihn nicht wieder gehen lassen zu können. Er war so wundervoll. Seine Haare hatten ein etwas dunkleres blond als damals und waren ein wenig länger geworden. Nicht viel länger, und vielleicht auch nur so wenig, dass es anderen nicht auffiel. Sie musste nur eine Hand nach ihm ausstrecken und würde ihm durch die Haare fahren können, über seine Ohren streicheln...

Was auch immer Kian fühlte, als er ihr jetzt gegenüberstand, er zeigte es nicht. Er sah sie mit einer Gleichgültigkeit an, die ihr fast Angst machte. Carleen erinnerte sich daran, dass sie ihm damals nur hatte in die Augen blicken müssen, um zu wissen, was ihn beschäftigte, ob er traurig, wütend oder glücklich war. Doch jetzt sah sie nichts. Hatte sie ihm so weh getan, dass er sich weigerte, die Mauer um sich herum je wieder fallen zu lassen? Allein der Gedanke machte sie fast wahnsinnig.

Doch sie war nicht hier, um sich geschlagen zu geben. Noch nicht. Vor kurzem hatte sie Tyra noch großspurig erklärt, dass sie hier war, um etwas gut zu machen. Und sie hatte auch gesagt, dass sie das nicht schaffen würde, indem sie sich ständig entmutigen ließ. Und obwohl Carleen eher der Sinn danach stand, sich jetzt in eine Ecke zu verkriechen, und so lange zu weinen, bis keine Tränen mehr übrig waren, stand sie auf und trat ihm gegenüber. Kian. Sie war stolz auf sich, als sie ein Lächeln zustande brachte.

„Hallo Kian, schön dich wiederzusehen. Lilly hat sich wirklich kaum verändert. Du musst mächtig stolz auf sie sein." Sie blickte zu dem kleinen Lockenkopf hinüber, der bei May auf dem Schoß saß und mit dem Papier ihres Lollies kämpfte.

Kian nickte kurz. Es war ganz offensichtlich, dass er diese Angelegenheit so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte. Carleen konnte es ihm nicht einmal verübeln und doch hatte sie gehofft, aus irgendeinem Grunde gehofft, dass er etwas sagen oder tun würde, was ihr ihre Angst nahm. Doch wie konnte sie das von einem Mann erwarten, der bis vor ein paar Minuten noch nicht einmal wusste, dass sie ihm so nah war, und den sie so bitter enttäuscht hatte? Sie sollte aufhören, sich etwas vorzumachen.

„Warum bist du hier, Cal?"

„Nun, Louis hat euch sicher gesagt, dass-"

„Ich weiß, was Louis gesagt hat. Und ich weiß, dass das nicht alles sein kann. Du kommst nicht nach all den Jahren hierher zurück, um irgendein verdammtes Buch zu schreiben. Tut mir leid, aber das verstehe ich alles nicht. Wenn du glaubst, dass du es dir so einfach machen kannst, dann hast du dich getäuscht. Warum bist du nicht in den Staaten geblieben? Bei deinem Ehemann? Das ist Adam doch, oder?" Als Carleen stumm nickte, fuhr er fort. „Nun, dann kann man nur gratulieren. Hoffen wir, dass du zu ihm ein wenig ehrlicher warst, als du es zu mir gewesen bist."

Er war wütend, daran bestand nun kein Zweifel mehr. Und es beeindruckte ihn anscheinend nicht im Geringsten, dass Carleen einen sehr guten Grund hatte, hier zu sein, auch wenn dieser vielleicht ein wenig scheinheilig war.

Für einen kurzen Moment wusste Carleen nicht, was sie tun sollte, dann entschied sie sich, in die Offensive zu gehen. Es würde ihr nichts bringen, wenn sie ihm zeigte, welche Wirkung seine Anwesenheit auf sie hatte und wie sehr sie sich danach sehnte, ihn nur einmal berühren zu können. Sie war eine erwachsene, erfolgreiche Frau und wenn sie irgend etwas bei ihm erreichen wollte, dann musste sie ihm genau das auch zeigen. Kian Egan beeindruckte man nicht damit, indem man sich von ihm entmutigen ließ, das wusste sie. Man musste ihm die Stirn bieten.

„Ich bin hier, um zu arbeiten, Kian, das habe ich Louis schon so gesagt, und das sage ich dir auch gerne noch einmal. Ihr könnt denken, was ihr wollt, aber ich werde für meinen Job bezahlt, und dafür, dass ich ihn gut mache. Wenn das heißt, dass ich hier nach Irland fliegen und ein Buch über euch schreiben muss, dann werde ich genau das auch tun. Ich weiß, dass es eine unangenehme Situation ist, aber das ist es für jeden von uns, also machen wir einfach das beste daraus. Ich bin nicht hergekommen, um dir Schwierigkeiten zu machen." Carleen war ein wenig überrascht darüber, dass ihre Stimme so fest und überzeugend klang. In Wirklichkeit hatte sie Angst, ihre Knie würden jeden Moment nachgeben und sie verraten. Aber was sollte sie auch tun? Der Mann, von dem sie so lange geträumt hatte, nach dem sie sich nächtelang gesehnt hatte, stand vor ihr und war zum Greifen nah. Fühlte er denn gar nichts? Absolut nichts?

Kian steckte seine Hände in die Hosentaschen und nickte langsam. Dann musterte er sie mit seinen blauen Augen, fuhr ihren Körper auf und ab, so als müsste er sich wirklich vergewissern, dass sie echt war. Kein Tagtraum. „Du siehst gut aus. Boston und Adam scheinen dir zu bekommen."

Carleen brachte ein strahlendes Lächeln zustande. Sie liebte ihn, aber in diesem Moment wollte sie ihm an den Hals springen und solange zudrücken, bis er keine Luft mehr bekam. Der verächtliche Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören gewesen. „Danke, genau das tun sie auch. Ist für einen Urlaub nur zum empfehlen. Boston meine ich, der Rest gehört mir." Carleen sprach mit einer solchen Leichtigkeit, dass sie fast selbst glaubte, Kians Nähe würde ihr nichts ausmachen. Aber eben nur fast.

Wenn Kian ihre Maskerade durchschaute, dann zeigte er es zumindest nicht. Er nickte langsam, bevor er sich einmal kurz nach Lilly umdrehte und dann wieder zurück zu Carleen. „Wie auch immer, ich wäre dir sehr dankbar, wenn du dich von Lilly fernhalten würdest. Sie ist meine Tochter und ich möchte nicht, dass sie in irgendeiner Weise von dir enttäuscht wird. Sie ist anderen Menschen sehr offen gegenüber und ich befürchte, dass ihr das nicht immer zugute kommt. Also mach deinen Job und halte dich von mir und meiner Familie fern, ich wäre dir wirklich dankbar dafür." Obwohl es Carleen schwer fiel, hielt sie seinem eisernen Blick stand. Wollte er, oder konnte er nichts anderes sagen? Dass er sich freute, sie wiederzusehen, hoffte, irgendwann einmal etwas mit ihr trinken gehen zu können? Nichts. Statt dessen machte er ihr unmissverständlich klar, dass sie keinen Platz mehr in seinem Leben hatte und dass er nicht zulassen würde, dass sie wieder einen einnahm. Würde er das immer noch denken, wenn er wusste, was sie beide immer noch verband? Carleen verdrängte den Gedanken aus ihrem Kopf. Sie war nicht hierher gekommen, um Kian einen Strick aus Jared zu drehen. Nein, ganz und gar nicht. Sie würde ihn davon überzeugen, dass sie ihre Fehler eingesehen und zu genüge dafür gebüßt hatte, und das ohne fremde Hilfe. Kians Worte waren entmutigend, aber nicht entgültig.

„Wie schon gesagt, ich bin hierher gekommen, weil mein Job es von mir erwartet, nicht weil ich dir Steine in den Weg legen will. Was du daraus machst, liegt ganz bei dir. Du kannst mich ignorieren und mir die Arbeit erschweren, oder du kannst versuchen, mit mir zusammenzuarbeiten. Ich werde mich mit beiden arrangieren müssen, ganz gleich ob es mir passt oder nicht. Nur sind drei Jahre eine sehr lange Zeit, und vielleicht solltest du langsam damit anfangen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Es sind Dinge passiert, die wir beide nicht erwartet haben, aber man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Alles, was ich sagen kann, ist, dass es mir leid. Auf gute Zusammenarbeit, Kian." Sie hielt ihm ihre Hand hin, doch anstatt sie zu ergreifen, starrte er nur auf sie hinunter. Er dachte über ihre Worte nach, lange und ausgiebig, bevor er wieder aufsah und ihr in die Augen blickte.

„Tu was du nicht lassen kannst, Carleen, aber erwarte nicht zu viel von mir. Du hast das, was wir hatten, mit Füßen getreten und mich solange zum Narren gehalten, wie du nur konntest. Jetzt ist es zu spät für irgendwelche Ausflüchte oder Entschuldigungen. Versuch deinen Job so gut wie möglich zu machen, und dann verschwinde von hier. Du wirst hier nicht länger gebraucht." Kian sagte diese Worte mit einer solchen Ruhe, dass es fast so aussah, als wäre er nicht länger wütend, als würde ihn das alles vollkommen kalt lassen. Doch Carleen hatte etwas gesehen. Etwas in seinen Augen, was ihr für einen kurzen Moment lang Hoffnung gemacht hatte. Er hatte gelogen, als er gesagt hatte, sie wäre unerwünscht. Zumindest war er nicht vollkommen ehrlich gewesen. Lag er abends genauso wach, und dachte über sie nach? Hielt er manchmal ein Bild von ihr in den Händen und wünschte sich, die Zeit zurückdrehen zu können? Carleen wusste es nicht, aber sie wusste, dass es etwas gab, worauf sie aufbauen konnte. Und genau das würde sie tun.

„Also gut. Du hast deinen Standpunkt klar gemacht, jetzt bin ich an der Reihe. Ich wusste, dass ich hierher kommen und niemand mich mit offenen Armen empfangen würde. Ich wusste auch, dass ich von dir nichts anderes außer Feindseligkeit zu erwarten habe. Aber ich bin erwachsen geworden, Kian, so wie wir alle und ich verdiene zumindest eine Chance. Wenn nicht privat, dann zumindest beruflich. Ich will dass du mich akzeptierst und genauso respektierst, wie jeden anderen auch, mit dem du zusammenarbeitest. Du musst noch nicht einmal mit mir reden, du kannst von mir aus auch den Raum verlassen, wenn ich ihn betrete, aber du wirst mit mir zusammenarbeiten und du wirst dich so benehmen, wie es jeder von dir gewöhnt ist. Das ist alles, was ich von dir erwarte, und ich hoffe, dass du professionell genug bist, um meinen Forderungen nachzukommen. Wenn nicht, dann ist es nicht meine Schuld, wenn hier irgendetwas schief läuft. Entschuldige mich." Carleen nahm ihre Handtasche und lief an ihm vorbei den Flur entlang, den sie gekommen war. Es war ihr plötzlich egal, warum Louis sie zu sich bestellt hatte. Er hatte doch ein Fax. Sie musste raus aus diesem Gebäude, weg von allem, was gerade passiert war. Woher auch immer sie den Mut und die Kraft genommen hatte, so mit Kian zu reden, sie war bereits verschwunden, als sie den Fahrstuhl betrat und den Knopf fürs Erdgeschoss drückte.

Was hatte sie getan? Kian war niemand, der sich Vorschriften machen ließ, schon gar nicht von ihr. Und sie hatte es trotzdem getan. Aber was hätte sie denn tun sollen? Er hatte klar gemacht, dass er es ihr nicht leicht machen würde, und sie hatte ihm daraufhin lediglich die Stirn geboten. Was sie vorläufig brauchte, war sein Respekt, der Rest würde vielleicht irgendwann folgen. Oder auch nicht.

Mit zitternden Knien verließ Carleen das Gebäude und ging die Stufen hinunter zum Taxistand. Hoffentlich war Tyra zu Hause.

„Carleen, warte!" Sie wirbelte herum und sah, wie Shane ihr die Treppe hinunter nachgelaufen kam. Chippy. Warum konnte nicht jeder so sein? Warum konnte ihr nicht jeder so zulachen und winken, wie er es jetzt tat? „Wow, du warst ja ziemlich schnell verschwunden gerade. Ist das deine Art, einem alten Freund hallo zu sagen?" Er blieb vor ihr stehen und grinste.

Carleen zuckte mit den Schultern und lächelte entschuldigend. „Tut mir leid, aber ich hatte das Gefühl, nicht wirklich erwünscht zu sein. Außerdem wartet Tyra zu Hause auf mich." Sie hatte keine Zeit, irgendeinen Widerspruch einzulegen, als Shane sie an die Hand nahm und vom Taxistand weg in die entgegengesetzte Richtung zog.

„Das mag sein, aber ich hoffe du hast trotzdem ein wenig Zeit für mich. Ich kenne ein kleines Cafe ein bisschen außerhalb von Dublin. Du gibst mir doch recht, wenn ich sage, dass wir einiges zu klären haben, oder?"

Kapitel 8

Carleen fühlte sich augenblicklich besser, als sie in die kleine Sitzecke im hinteren Teil des Cafes hineinrutschte und ihren Mantel ablegte. Der Duft von frischem Kaffee und noch warmen Muffins wirkte beruhigend auf sie, schaffte eine gemütliche Atmosphäre. Shane, der an der Theke stand, drehte sich einmal kurz nach ihr um und lächelte, bevor er sich wieder der Bedienung zuwand und die Muffins und zwei Tassen Tee entgegennahm, die sie ihm hinhielt. Dann drängelte er sich vorsichtig an den vollen Tischen vorbei und stellte das Tablett vor Carleen ab.

„Ich hoffe, es ist alles zu ihrer Zufriedenheit, Ma’am. Der beste Tee, den sie in Irland finden werden und ein paar frischgebackene Schokomuffins. Was will man mehr?" Er setzte sich ihr gegenüber, bevor er seine Jacke auszog und hinter sich über die Lehne des Sessels hängte. Wenn ihre Nähe ihm unangenehm war oder er das, was er tat, nur als notwendiges Übel ansah, dann ließ er sich das zumindest nicht anmerken. Etwas, wofür Carleen ihm überaus dankbar war.

„Ich bin hellauf begeistert, vielen Dank. Versprichst du mir auch, dass du mich meine Muffins zu Ende essen lässt, bevor du mir die Leviten ließt? Ich habe nämlich das dumme Gefühl, dass ich genau weiß, was du sagen willst. Und ich habe es schon mehr als einmal zu hören bekommen." Carleen nahm einen Schluck aus ihrer Tasche, bevor sie diese wieder abstellte und Shane musterte. Er lächelte nervös, so als wüsste er nicht wirklich, was er darauf erwidern sollte. Anscheinend hatte sie genau ins Schwarze getroffen.

„Daran habe ich überhaupt keine Zweifel. Und ich bin auch nicht mit dir hierher gefahren, um dich für das, was du hier tust, anzuprangern oder dir zu sagen, was du zu tun und zu lassen hast. Ich will einfach nur den Grund dafür wissen, Cal. Man kommt nach all den Jahren nicht einfach wieder zurück und tut so, als wäre nichts gewesen. Ich meine, das traue ich dir einfach nicht zu. Du hast genauso gelitten wie Kian auch, und ich kann mir nicht vorstellen, dass du dich dem freiwillig noch einmal aussetzen willst." Carleen entgegnete seinem Blick und lächelte. Anstatt sie zu verurteilen für das, was sie tat, sorgte er sich um sie. Ehrlich und aufrichtig. Sie hätte sich schon viel eher bei Chippy melden sollen.

„Siehst du, ich wusste es. Du stellst dieselben Fragen wie alle anderen auch und ich werde dir wie allen anderen auch dieselben Antworten darauf geben. Es ist in erster Linie mein Job, hier mit euch zu arbeiten, auch wenn ich nicht leugnen kann, dass ich den ein oder anderen Hintergedanken bei der Sache habe. Ich will so vieles gut machen, Shane, und in den letzten Jahren hat sich einfach nie die Gelegenheit dafür geboten. Dann seid ihr in die Staaten gekommen und plötzlich hatte ich die Lösung für mein Problem. Erinnerst du dich an die Jeffrey Morton - Show? Ich bin dort gewesen und ich habe euch gesehen. Shane, selbst wenn ich es gewollt hätte, ich hatte von da an gar keine andere Wahl mehr. Es wäre nur feige gewesen, wenn ich wieder einen Rückzieher gemacht hätte. Kian kann mich verfluchen, so viel er will, ich bin immer noch der festen Überzeugung, dass ich hier das Richtige tue. Was ist daran so witzig?" Sie starrte Shane entgeistert an, als er plötzlich zu lachen anfing und immer wieder mit dem Kopf schüttelte. Nun, immerhin war er nicht über den Tisch gesprungen und hatte angefangen, sie zu würgen.

„Das ist unglaublich. Und wie ich mich an diese Show erinnere, Cal. Bryan hat mir dort hoch und heilig geschworen, dass er dich gesehen hätte. Wirklich. Wir saßen also mitten in diesem Interview und auf einmal fing er an, mir all dieses Zeug ins Ohr zu flüstern, dass er dich gesehen hätte und all das. Ich habe ihn für vollkommen verrückt gehalten. Wow, du überraschst mich immer wieder. War unser Auftritt so gut, dass er dich derart beeinflusst hat?" Carleen lachte und schüttelte mit dem Kopf, während sie weiter in ihrem Tee rührte.

„Sehr witzig, Filan, wirklich sehr witzig. Ja, ich bin da gewesen. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich mir nie wirklich sicher, ob ich den Mut dazu haben würde, mich meinen Fehlern zu stellen, aber wie du siehst - hier bin ich."

„Ja, das sehe ich. Trotzdem werde ich aus all dem nicht schlau. Es ist dein Job, ok, aber du bist dir hoffentlich im Klaren darüber, dass das hier viel weitere Kreise ziehen wird, als du dir jetzt vorstellen kannst?! Hör mal, es hat lange, sehr lange gedauert, bis ich Kian dort hatte, wo er heute wieder ist. Und wir kennen ihn beide, Carleen. Wenn er irgendwo noch Gefühle für dich hat, dann wird er sich selbst verbieten, diese offen zu zeigen. Verstehst du mich, du kannst überhaupt nicht gewinnen. Wenn er dich hasst, dann wird er kein Problem damit haben, dir genau das auch deutlich zu machen. Was aber, wenn er das, was vor einigen Jahren passiert ist, bis heute nicht vergessen hat? Wenn du ständig wieder in seiner Nähe bist, mit ihm zusammen arbeitest, was dann? Ihr könnt nicht da weitermachen wo ihr aufgehört habt, das ist unmöglich. Du bist verheiratet, und er hat Violet. Was auch immer passieren wird, es wird dir und ihm nur schaden. Und das ist etwas, was ich um jeden Preis verhindern will. Er ist mein Freund, Carleen, und er hat eine äußerst harte Schale. Nur bist du schon einmal bis zu seinem Kern durchgedrungen. Wenn du das ein zweites Mal tust, dann weiß ich nicht, wie er reagieren wird." Shane reichte über den Tisch und nahm ihre Hand. Er hatte sich das alles gründlich überlegt. Und er machte sich Sorgen. Um sie, um ihn, um alle, die in diese Geschichte involviert waren. Wie konnte Carleen ihm begreiflich machen, dass sie überhaupt nicht vorhatte, zu irgendeinem Kern vorzudringen? Sie wollte gut machen, ja, aber zurückgewinnen - nein. Es war zwar ein schwankendes nein, aber Carleen versuchte eisern, daran festzuhalten. Noch.

„Es ist wirklich rührend, dass du dir solche Sorgen machst, aber dazu besteht überhaupt kein Grund. Du hast Kians Reaktion gesehen und die war eindeutig. Er wird mit mir zusammenarbeiten, wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt, und sich auf das nötigste beschränken. Und wenn das sein Wunsch ist, dann bin ich damit einverstanden. Ich will nur, dass er begreift, dass ich gelernt habe und mir leid tut, was geschehen ist. Warum versucht jeder, mir das auszureden? Ist es denn so unmöglich?"

Shane schüttelte den Kopf. „Das nicht, aber anscheinend wissen wir alle, dass du es dabei nicht wirst belassen können, Cal. Ich habe euch die paar Monate, die ihr zusammen wart, gesehen, und wenn ihr euch unter anderen Umständen getroffen hättet, wärt ihr jetzt wahrscheinlich verheiratet und hättet Kinder. Verstehst du das, wenn ihr jetzt ständig zusammen seid, dann wird euch genau das wieder bewusst werden. Dass alles hätte so großartig, so wundervoll sein können. Ich kenne Kian. Er wird vielleicht einen Weg finden, damit umgehen zu können, aber dieser Weg wird dir nicht gefallen. Darüber solltest du dir im Klaren sein."

Carleen nickte stumm zu den letzten Worten, auch wenn sie selbige schon nicht mehr verstanden hatte. Ihre Gedanken hatte bei einem Satz von Shane halt gemacht - ’..und hättet Kinder..’. Er hatte doch überhaupt keine Ahnung. Wie auch, wenn sie ihm dieses wichtige Kapitel ihres Lebens verschwieg. Sollte sie vielleicht vollkommen ehrlich zu ihm sein? Sie brauchte jemanden, der ihr zuhörte und mit dem sie offen reden konnte, über alles. Und wer würde sich dafür besser eignen, als der Mann, der sie als einzigster mit all seiner Wärme und Herzlichkeit in Dublin willkommen geheißen hatte?

„Ich bin mir darüber sehr wohl im Klaren. Und wenn Kian mit dieser Violet oder wie auch immer sie heißen mag, glücklich ist, dann kann ich mich damit zufrieden geben." Carleen senkte den Blick und hob die Teetasse an ihren Mund. Natürlich war es schwer, sich mit dem Gedanken abzufinden, dass Kian seine ganze Aufmerksamkeit nun einer anderen Frau widmete, aber sie hatte sowieso keine andere Wahl, als dies zu akzeptieren. Immerhin wollte sie doch nur wieder gut machen, das hatte sie gerade eben selbst gesagt. Warum fiel es ihr dann so schwer, sich für Kian und Violet zu freuen?

„Shane, kann ich offen zu dir sein? Ich meine, ohne jeden Vorbehalt." Als er ohne zu Zögern nickte, griff Carleen in ihre Handtasche und zog das kleine Foto hervor, das sie ständig bei sich trug. Sie sah es einen Moment lang an, bevor sie es über den Tisch zu Shane hinüberschob.

„Das ist Jared an seinem zweiten Geburtstag. Mein Sohn." Sie wusste, dass es besser war, hier aufzuhören und Shane seine Gedanken ordnen zu lassen. Er blickte abwechselnd zu ihr und dann wieder zu dem Foto, so als ob er versuchen würde, zu begreifen, was sie ihm da gerade gesagt hatte. Seine Augen drückten etwas von Unverständnis aus, eine Art Ratlosigkeit. Trotzdem schwieg Carleen und wartete, dass Shane das Wort ergriff. Er würde es wissen, auch ohne dass sie noch irgendetwas sagte.

„Oh mein Gott, Carleen. Er ist Kian wie aus dem Gesicht geschnitten. Das, das ist, wow." Shane atmete tief ein, während er sich mit einer Hand nervös durch seine Haare fuhr. Es war so offensichtlich, dass er nicht wusste, was er sagen sollte. Und doch, Carleen war fest davon überzeugt, dass sie das richtige getan hatte. Sie war sich noch nicht im Klaren darüber, ob sie auch Kian gegenüber so offen sein würde, aber zumindest hatte sie jetzt jemanden, der ihr bei dieser Entscheidung würde behilflich sein können...

Shane schien seinen Blick nicht von dem Foto wenden zu können, und doch zwang er sich dazu, Carleen anzusehen. „Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts, wenn ich sage, dass mich das aus den Socken haut. Ein Sohn. Kian hat einen Sohn. Nimm es mir nicht übel, aber irgendwie habe ich das ungute Gefühl, dass das Schicksal sich auf grausame Weise wiederholt. Ist es das,

Carleen? Bist du deswegen zurückgekommen?" Seine Stimme war ruhig, und doch glaubte Carleen, ihn verärgert zu haben. Oder wusste er einfach nur nicht, was er jetzt noch tun sollte? Sie zuckte mit den Schultern, bevor sie sich seiner Hand entzog und sich zurücklehnte.

„Ich habe keine Ahnung, Shane. Vielleicht hätte ich von Anfang an ehrlich zu ihm sein sollen, aber jetzt?! Jared ist mein Sohn, und ich wünsche mir mehr als alles andere, dass Kian dieses Glück mit mir teilen kann, aber das ist nicht ganz so einfach. Du hast recht, das Schicksal wiederholt sich und wenn ich daran denke, wie sehr Kian die ersten Jahre fehlen, die er bei Lilly verpasst hat, dann kann ich mir nur zu gut vorstellen, wie er reagiert, wenn ich ihm Jared als seinen Sohn vorstelle. Auch auf die Gefahr hin, dass du mit mir nicht übereinstimmt, halte ich es für besser, wenn ich vorerst nichts über ihn sage. Nicht, weil ich mich seiner schäme oder ihn verleugnen will, sondern weil ich nicht möchte, dass Kian mir unterstellt, nur deswegen wieder hier zu sein. Um ihn an seine Pflichten als Vater zu erinnern oder ihn damit festzunageln. Kian hat klar gemacht, dass ich ihn nicht länger interessiere, warum sollte ich also versuchen, ihm etwas aufzuzwingen?"

Shane saß für einen kurzen Moment nur stumm da, bevor er langsam nickte und sich nach vorne lehnte. „Tu was du für richtig hältst, Cal. Aber sei dir bei Kian nicht so sicher. Gib dich nicht damit zufrieden, an seiner Oberfläche zu kratzen. Ich habe das ungute Gefühl, dass es nur einer Kleinigkeit bedarf, um den Kian zurückzuholen, der dir vor ein paar Jahren sein Leben zu Füßen gelegt hat. Und wenn das passiert, dann bist du besser darauf vorbereitet. Denn dann KANNST du nicht mehr zurück, ob du willst oder nicht." Er stand auf und warf ein paar Geldscheine auf den Tisch, bevor er sich seine Jacke anzog und Carleen ihren Mantel hinhielt, so dass sie hineinschlüpfen konnte. „Komm, ich bring dich nach Hause. Ich würde gerne noch mehr über Jared hören."

Kapitel 9

Als Carleen am nächsten Morgen aufstand, fühlte sie sich unglaublich erleichtert. So furchtbar der vorangegangene Tag begonnen hatte, umso besser hatte er geendet. Es war eine gute Idee gewesen, mit Shane zu reden. Er hatte jede Menge Fragen gestellt, über ihr Leben in Boston, Jared, Adam - über einfach alles. Und es hatte gut getan, mit jemandem zu reden, der sie nicht verurteilte, sondern ihr Handeln voll und ganz akzeptierte. Zwar hatte er immer noch Zweifel, dass alles so funktionierte, wie sie sich das vorstellte, doch er würde sich ihr nicht in den Weg stellen, ganz im Gegenteil. Shane hatte deutlich gemacht, dass er ihr helfen würde, wo auch immer sie seine Hilfe benötigte...

Carleen gähnte, bevor sie unter die Dusche sprang und dem letzten Rest ihrer Müdigkeit den Kampf ansagte. Heute war ein wichtiger Tag, viel zu wichtig, um nicht ausgeschlafen zu sein. Ihr erster Tag mit Westlife. Wenn sie Louis’ Fax richtig gedeutet hatte, dann standen ein paar Radiostationen an, einige Interviews und gegen Abend ein Meet&Great, das von irgendeinem TV - Sender verlost worden war. Genug Zeit also, um sich einen ersten Eindruck von ihrem neuen Job zu verschaffen und sich mit allen Gegebenheiten vertraut zu machen, auch wenn es eigentlich nicht nötig war. Sie wusste, wie es war, 24 Stunden am Tag mit den Jungs zusammenzusein, ihnen bei ihrer Arbeit über die Schulter zu schauen und sich am Ende des Tages zurückzuziehen, um einen Bericht zu verfassen. Sie hatte es immerhin schon einmal getan.

Nachdem Carleen in ihre Jeans und einen bequemen Pulli geschlüpft war, schnappte sie sich ihre Jacke samt ihrem Rucksack, und zog die Tür ihres Zimmers so leise wie möglich hinter sich zu. Tyra würde noch schlafen, und Carleen hatte wirklich keine, absolut keine Lust, sie zu wecken und damit eine weitere Diskussion über Gott und die Welt zu riskieren. Es hatte schon gereicht, dass sie ihr am Vorabend in aller Ausführlichkeit hatte erklären müssen, warum Shane bei ihr gewesen war und warum es nötig gewesen war, Tyra für ein paar Stunden aus der Wohnung auszuquartieren.

In aller Eile trank Carleen eine Tasse Kaffee und blätterte durch die Tageszeitung, um den ein oder anderen Artikel zu überfliegen, ehe sie eine kleine Notiz für Tyra kritzelte und anschließend ihr Apartment verließ. Sie hatte noch ein wenig Zeit, bis man sie im Studio der ersten Radiostation erwartete, doch sie wollte den Weg bis dahin zu Fuß gehen, anstatt den ihr zur Verfügung gestellten Firmenwagen zu nehmen. Das Wetter war viel zu schön, um sich durch den engen Stadtverkehr in Dublin zu drängen, und vielleicht würde die frische Luft ihr auch helfen, sich ein wenig zu entspannen. Das Gespräch am Vorabend mit Shane hatte geholfen, ja, aber es hatte sie nicht vollkommen von ihrer Angst befreien können. Zwar wusste sie jetzt, dass sie eigentlich nichts zu befürchten hatte, und immer auf jemanden zurückgreifen konnte, wenn es nötig war, doch es gab einige unbekannte Größen in diesem Spiel, und wenn sie diese nicht ausreichend kalkulierte, würde der Schuss gewaltig nach hinten losgehen.

Würde sie heute auf Violet treffen? Diese Frage beschäftigte sie, als sie die lange, belebte Straße hinablief, umgeben von anderen Passanten, die ihren eigenen Gedanken nachhingen. Es war doch immerhin gut möglich. Shane hatte ihr nicht viel über diese Violet erzählt, nur dass sie gelegentlich für ein paar Modezeitschriften arbeitete und ansonsten bei Daddy die Hand aufhielt, wenn sie Geld brauchte. Carleen schmunzelte, als sie daran zurückdachte, wie Shane das Gesicht verzogen hatte. Er mochte sie nicht, daraus hatte er auch kein Geheimnis gemacht. Seiner Meinung nach war sie ein verzogenes, kleines Biest, das sich im Ruhm von Westlife sonnte und sich ganz nebenbei noch einen der begehrtesten Singles im Showbiz geangelt hatte. Nun, das würde es zumindest einfacher machen, sie zu hassen...

„Hey, immer schön langsam!" Carleen lachte, als sie einigen Jungs auf ihren Rollerskates hinterher sah. Kinder waren etwas wundervolles - nun, wenn sie nicht gerade versuchten, dich über den Haufen zu fahren. Sie vermisste Jared. Nachdem Shane gegangen war, hatte sie eine Weile mit ihm und Adam telefoniert, aber wenn man bedachte, dass sie ihn seit seiner Geburt keinen einzigen Tag allein gelassen hatte, war das herzlich wenig. Allerdings tröstete sie der Gedanke, dass es ihm bei Adam und Rose an nichts fehlte und es nur noch zwei Wochen dauern würde, bis sie ihn endlich wiederhatte.

Carleen lief noch knapp zwanzig Minuten, bis sie das Studiogebäude erreicht hatte und dem seltsamen Kauz in der Empfangshalle ihren Presseausweis hinhielt. Außer ihr warteten noch ein paar Fernsehteams, die Westlife über den Tag begleiten würden, doch hatte man bis jetzt noch keines von ihnen nach oben gelassen. Warum auch, immerhin gehörten sie nicht zum Team. So wie sie.

Sie war noch immer damit beschäftigt, ihr Namensschildchen an ihrem Pullover zu befestigen, als der Fahrstuhl in der Etage hielt, auf der sich die Studios von CYM befanden. Gedankenverloren machte sie ein paar Schritte in den Flur - und prallte mit aller Wucht in ein nicht zu überwindendes, lebendes Hindernis. Sie versuchte, das Gleichgewicht zu halten, doch weder sie noch ihr Gegenüber hatten besonders viel Glück dabei. Mit einem erstickten Schrei gingen sie zu Boden.

„Verdammt, haben sie keine Augen im Kopf, sie Trampel? Sie sind hier doch nicht alleine!" Carleen hatte keine Zeit, sich zu entschuldigen, denn schon nach wenigen Sekunden war ihre Kontrahentin rege damit beschäftigt, über sie herzufallen. „Hören sie, das hier ist der VIP - Bereich! Was sie da haben, ist ein Presseausweis, also schieben sie ihren Hintern wohl besser wieder in diesen Fahrstuhl zurück und sehen zu, dass sie nach unten kommen. Es wäre mir äußerst unangenehm, den Sicherheitsdienst rufen zu müssen."

Oh, das fing an, Spaß zu machen. Carleen stand auf und klopfte sich ein paar Fussel von ihrer Hose, bevor sie sich ein strahlendes Lächeln ins Gesicht zauberte. „Nun, es wäre ihnen bestimmt auch äußerst unangenehm, diesem Sicherheitsdienst hinterher zu erklären, dass sie einen wirklich dummen, dummen Fehler gemacht haben. Ich gehöre zum Team, wenn sie mich also entschuldigen würden." Sie drehte ihrer neuen Bekanntschaft den Rücken zu, doch diese war schnell wieder vor ihr und versperrte ihr den Weg. Herrgott, sprach sie vielleicht irgendeine Sprache, die diese Frau nicht verstand?!

„Nein, ich entschuldige sie nicht. Versuchen sie bloß nicht, mich für dumm zu verkaufen. Ich erwarte eine Entschuldigung von ihnen, und wenn sie das getan haben, verschwinden sie von hier. Sie sind doch bestimmt wegen Westlife hier, nicht wahr? Nun, ich kann ihnen versichern, dass die Jungs mit Sicherheit kein Interesse an einem Plauderstündchen mit ihnen haben." Na herrlich. Welche Primadonna hatte Carleen denn hier erwischt? Sie nahm sich die Zeit, die Lady in aller Ruhe zu mustern. Blondes, schulterlanges Haar, eine großartige Figur, und einen Rock, den man als solches schon gar nicht mehr bezeichnen konnte. Noch dazu ein paar halsbrecherisch hohe Schuhe und ein Handtäschchen, in dem wahrscheinlich noch nicht einmal mehr Platz für ihren Lippenstift war. Reizend. „Hören sie mir überhaupt zu? Ich sagte, sie sollen-"

„Violet, lass das. Sie gehört zu uns." Na großartig. Dann hatte Shane in seiner Beschreibung ja wirklich nicht zu viel versprochen. Carleen hatte genug gesehen, um zu wissen, dass diese Frau wahrscheinlich mehr Wert auf ihre Fingernägel als auf irgendeine Art von Bildung legte. Allerdings schien Kian sie schon so gut erzogen zu haben, dass sie den Mund hielt, wenn er sie dazu aufforderte. Jetzt konnte Carleen doch eigentlich ganz unauffällig den Rückzug antreten, oder?!

„Violet, das ist Carleen Lewis. Ich habe dir von ihr erzählt." Bestimmt nur das Beste. Carleen zwängte sich ein Lächeln ab, als sie Violet die Hand hinhielt. Im Gegensatz zu ihrem Freund, der diese Hand am Tag zuvor abgelehnt hatte, ergriff Violet sie mit großen Augen.

„Sie sind Carleen Lewis, die Frau von Adam Lewis? Dem großen Verleger aus Boston? Oh mein Gott, das ist mir wirklich peinlich jetzt. Ich wusste ja nicht, dass sie es sind. Verzeihen sie mein Benehmen." Natürlich, du falsches Stück. Wieder einmal lächelte Carleen, obwohl sie viel mehr das Bedürfnis hatte, Violet zu Boden zu werfen und ihr unbeschreiblich weh zu tun. Nicht, weil sie sich gerade so anmaßend verhalten hatte, sondern weil Kian näher an sie herangetreten war und einen Arm um ihre Hüfte gelegt hatte. Noch dazu sah er sie an, als wäre SIE diejenige, die sich entschuldigen müsste, nicht Violet. Nun, er konnte ihr auch ein Loch in die Stirn starren, sie würde ganz bestimmt nicht nachgeben. Violets Bewunderung für sie und ihren Mann kam Carleen dabei nur zugute.

„Kein Problem. Sie hätten mich wahrscheinlich nur einmal zu Wort kommen lassen müssen, dann hätten wir dieses Missverständnis ganz schnell aufklären können. Aber wie auch immer, vergessen wir die ganze Sache. Das kann schließlich jedem passieren." Besonders jemandem, der so unterbelichtet war wie Violet. Carleens Lächeln wurde bei diesem Gedanken nur noch breiter. Es war lächerlich gewesen, sich wegen Violet Sorgen zu machen. Kian konnte nicht viel für sie übrig haben, dessen war Carleen sich sicher. Natürlich konnte man nicht leugnen, dass sie wunderhübsch war, doch außer der Fähigkeit, gut auszusehen, schien bei ihr alles andere verkümmert zu sein. Ein Kinderspiel.

„Freut mich, dass sie das so sehen. Wenn es ihnen nichts ausmacht, dann würde ich sie in den nächsten Tagen gerne einmal anrufen. Wir können ja einen Kaffee zusammen trinken oder ich zeige ihnen ein paar angesagte Läden hier in Dublin. Wie wäre das? Ich möchte nicht aufdringlich erscheinen, aber ich verschlinge jede Zeitung ihres Mannes geradezu." Ja, und ihn hätte sie wahrscheinlich auch gerne verschlungen.

„Oh, das höre ich wirklich gerne. Ich werde sehen, was sich machen lässt, ja?! Jetzt entschuldigen sie mich bitte, meine Arbeit macht sich leider nicht von selbst. Oh, und ziehen sie sich was über, wenn sie rausgehen. Sie könnten sich sonst ernsthaft verkühlen." Mit einem letzten vielsagenden Blick auf Kian, der Violet in ihrer Bewunderung glatt entging, entfernte Carleen sich von den beiden und machte sich auf die Suche nach dem Zimmer, in dem Anto sie erwartete.

Sie hätte sich am liebsten selbst auf die Schultern geklopft. Ihr Auftritt war perfekt gewesen, so wie er besser nicht hätte sein können. Und Violet hatte ihr vor Kian genau in die Hände gespielt. Wie sie den großen Verleger und seine Frau doch bewunderte. Lächerlich. Wahrscheinlich tat sie das nur aus dem Grund, weil Modezeitschriften das einzigste waren, was ihren geistigen Horizont nicht überstieg. Und Kian? Nun, sein Gesicht hatte sich mit jedem Wort seiner Freundin nur noch mehr verfinstert. Ganz offensichtlich war er sich genauso wie Carleen bewusst, dass Violet alles andere als einen guten Eindruck hinterlassen hatte. Und dass sie, Carleen, diesmal im Vorteil gewesen war. Sie hatte einen Mann, den sie liebte und mit dem sie aufrichtig glücklich sein konnte, Kian dagegen hatte ein Modepüppchen an seinem Arm hängen, das ganz offensichtlich nur dazu diente, seine Bedürfnisse zu befriedigen und für das ein oder andere Pressefoto nett zu lächeln. Wieso gab er sich mit so was zufrieden? Mit einer Frau, die ihm nie würde das geben können, was er verdiente? Oder wollte er es genauso? Wollte er sich damit zufrieden geben, derart oberflächliche Beziehungen zu führen, nur damit er davor sicher war, verletzt zu werden? Und wenn ja, war sie der Grund dafür? Fragen, auf die Carleen keine Antworten wusste. Noch nicht.

Kapitel 10

Carleen seufzte, bevor sie einen weiteren langen Schluck von ihrem Guinness nahm und das Glas anschließend zurück auf den Tisch stellte. Ihr hatte die Idee gefallen, nach einem anstrengenden Tag noch etwas trinken zu gehen und ihn so ausklingen zu lassen, doch je länger sie hier saß, desto mehr bereute sie ihre Entscheidung. Fein, das Pub war ganz nett, und zu einem Guinness sagte sie nie nein, aber es war die Gesellschaft, die ihr zu schaffen machte. Bryan und Nicky gaben ihr bestes, um sie bei Laune zu halten, genauso wie Shane, doch es war Violet, die Carleen zunehmend die Stimmung verdarb. Erst war sie ihr unglaublich auf die Nerven gegangen und hatte ihr über Adam und seinen Verlag Löcher in den Bauch gefragt, und jetzt saß sie neben Kian und machte überhaupt keine Anstalten, die Finger von ihm zu nehmen...

„Hey, hast du mir überhaupt zugehört?" Carleen zwang sich, ihre Aufmerksamkeit auf Bryan zu richten, der wohl bemerkt hatte, dass sie mit ihren Gedanken überall, nur nicht bei ihm gewesen war.

„Mhh? Entschuldige mich einen Augenblick, ich muss eben für kleine Prinzessinnen." Ehe Bryan etwas erwidern konnte, war sie aus der Sitzecke heraus gerutscht und zwängte sich an ein paar vollen Tischen und besetzten Stühlen vorbei. Sie musste auf dem schnellsten Weg nach Hause kommen, bevor es Kian allzu offensichtlich wurde, dass ihre Gedanken nur um ihn zu kreisen schienen. Immerhin hatte sie fast den ganzen Abend damit zugebracht, ihm und Violet dabei zuzusehen, wie sie einander betatscht hatten. Wahrscheinlich wusste Kian sogar, wie sehr sie sich über diese Szene ärgerte, und nahm das alles als gute Gelegenheit, um ihr eindeutig klar zu machen, woran sie war. Fein, sie hatte die Botschaft verstanden. Wenn er sich mit dieser Barbie zufrieden gab, dann würde sie ihm ganz sicher nicht dazwischen funken. Idiot..

Mit einem frustrierten Seufzer zerknüllte sie das Papier, mit dem sie sich gerade eben die Hände abgetrocknet hatte, und warf es in den Mülleimer vor ihr. Warum machte sie sich überhaupt die Mühe, irgendjemandem irgendetwas zu beweisen? Sie hatte sich geschworen, nicht so einfach aufzugeben, aber Kian machte es ihr alles andere als leicht. Den ganzen Tag über hatte er sie gemieden, und wenn sie dann einmal gezwungen gewesen waren, miteinander zu reden, dann hatte er sich auf das Nötigste beschränkt. Oh, nicht zu vergessen die ganzen Küsse und Zärtlichkeiten, die er mit Violet ausgetauscht hatte. Carleen schüttelte den Kopf. Es war viel einfacher, zu sagen, dass man es mit allem aufnehmen würde, als es dann tatsächlich auch zu tun. Seine abweisende Haltung ihr gegenüber setzte ihr mehr zu, als sie erwartet hatte, aber noch schlimmer war seine Ignoranz. Er hatte sie den ganzen Abend über nicht beachtet, so als wäre sie gar nicht da. Warum zum Teufel konnte er nicht einfach über seinen Schatten springen, und wenigstens versuchen, ihr eine Chance zu geben?

„Welch wunderbarer Zufall. Ich habe den ganzen Abend über versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, und jetzt rennen sie einfach so in mich hinein. Ein Wink des Schicksals, wenn sie mich fragen." Carleen wich vor dem Mann zurück, in den sie gerade hineingelaufen war und grinste schief. Wenn sie eines nicht hatte, dann waren es Nerven für einen Idioten in einer billigen Lederjacke und mit einem noch billigeren Parfüm.

„Ein Versehen, wenn sie mich fragen. Wären sie so freundlich, mich vorbei zu lassen?" Der Gang, der von den Toiletten hinein in das Pub führte, war viel zu schmal, als dass sie sich an ihm würde vorbeidrängeln können. Das schien er nur leider auch zu wissen...

„Na, wer wird denn gleich so biestig werden? Sie sind eine äußerst attraktive Frau, und ich habe nicht vor, sie zu beißen. Meine Qualitäten liegen woanders." Während er das sagte, machte er ein paar Schritte auf Carleen zu, so dass sie gezwungen war, zurückzuweichen. Ihre Panik hielt sich in Grenzen, doch sie fühlte sich trotzdem unwohl. Dieser Kerl hatte ganz offensichtlich mehr getrunken, als gut für ihn war.

„Das glaube ich ihnen gerne. Aber es ist spät und ich würde gerne nach Hause fahren jetzt. Also lassen sie mich bitte durch." Sie versuchte ein weiteres Mal, an ihm vorbeizukommen, doch anstatt sie passieren zu lassen, drängte er sie mit seinem ganzen Körpergewicht gegen die Wand. Ok, jetzt hatte sie Panik! „Hören sie, das ist nicht mehr witzig. Lassen sie mich bitte los!"

„Shh, ganz ruhig. Ich tue ihnen doch nichts, ich möchte sie einfach nur -"

„Ich glaube, sie hat klar und deutlich gesagt, dass sie kein Interesse an einem Drink mit ihnen hat. Nehmen sie ihre dreckigen Finger von ihr." Kian griff den Kragen seiner Jacke und stieß ihn zur Seite, bevor er Carleen an ihrem Arm packte und sie zu sich heranzog. Er sah kurz an ihr hinunter, um sicher zu sein, dass es ihr gut ging, bevor er sich seinem Gegenüber zuwand. „Wenn sie keinen Ärger wollen, dann verschwinden sie besser von hier." Dann nahm er Carleens Hand und ging mit ihr in die Richtung, aus der er gerade eben erst gekommen war. Keine Erklärung, kein Wort, nichts.

„Warte hier." Kian ließ sie an der Bar stehen, und verschwand im Getümmel, bevor er kurz darauf mit ihrem Rucksack und ihrer Jacke zurückkehrte. Ohne etwas zu sagen, drückte er ihr beides in die Hand und schob sie dann raus aus dem Pub in die kühle Dunkelheit.

„Was soll das?" Carleen versuchte, mit ihm Schritt zu halten, als sie den Parkplatz überquerten und auf seinen Wagen zuliefen. Sie war ihm wirklich dankbar dafür, dass er sie aus den Klauen dieses Verrückten befreit hatte, aber das würde ihm noch lange nicht das Recht geben, so mit ihr umzuspringen, wie er es gerade eben tat.

„Ich bringe dich nach Hause. Es war ein anstrengender Tag, du wirst müde sein." Es war kein Angebot, es war ein Befehl. Ohne sie anzusehen, schloss er die Fahrertür seines Porsche auf und stieg ein. Na großartig. Carleen haderte noch einen Moment mit sich, bevor sie neben Kian auf den Beifahrersitz sank und nach dem Sicherheitsgurt hinter sich griff. Wenn Kian sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, machte es nicht wirklich viel Sinn, ihm widersprechen zu wollen. In ihrer Situation erst recht nicht.

„Danke, aber das wäre nicht nötig gewesen. Du kannst mich an dem Studio absetzen, in dem wir heute früh waren. Ich gehe den Rest zu Fuß." Als sie keine Antwort erhielt, wand Carleen ihren Blick von ihm ab und sah aus dem Fenster. So hatte sie sich das alles nicht vorgestellt. Jetzt saßen sie hier, in einem Auto, nur Zentimeter voneinander weg - und hatten sich nichts zu sagen. Sie bezweifelte, dass Kian ihr jetzt half, weil er sich um sie sorgte und wollte, dass es ihr gut ging. Es war nur eine weitere Demonstration seiner Überlegenheit. Er wollte ihr zeigen, dass sie hier nicht länger hingehörte, dass sie eine falsche Entscheidung getroffen hatte...

„Kian, wir fahren in die falsche Richtung. Auf dieser Spur fahren wir aus Dublin raus, nicht rein. Kian?" Sie gab einen frustrierten Laut von sich, als sie erkannte, dass er ihren Protest ignorierte und lehnte sich wieder zurück in ihren Sitz. Es war hoffnungslos. Was auch immer sie sagte, es schien an ihm abzuprallen. Gelegentlich sah er in den Rückspiegel, dann wieder auf die Straße. Überall hin, nur nicht zu ihr.

„Sei so gut und fahr rechts ran, Kian. Ich habe keine Lust mehr auf deine Spielchen. Du willst mich loswerden? Fein, das habe ich verstanden. Du musst nicht ewig in der Gegend rumfahren, um mir das begreiflich zu machen. Das, was du getan hast, oder besser gesagt, was du nicht getan hast, war verständlich genug. Wenn du nicht willst, dass ich bei voller Fahrt die Tür deines Wagens aufreiße, dann hältst du jetzt besser an. Sofort!" Sie war so verdammt wütend. Wie naiv war sie überhaupt gewesen? Jemand wie Kian würde nicht einfach so verzeihen und sagen, dass alles wieder ok war. Er würde seinen Kopf durchsetzen, und das mit jedem Mittel, das sich finden ließ. Gott, genau in diesem Moment hasste sie ihn. Zu seinem Glück kam Kian ihrer Aufforderung tatsächlich nach, und fuhr den Wagen auf den Standstreifen. Es war bereits eine gottverlassene Gegend, in der sie sich befanden, doch das interessierte Carleen nicht. Ohne noch etwas zu sagen, stieg sie aus und ließ die Tür mit einem lauten Knall zurück ins Schloss fallen. Dann lief sie los. Irgendwohin.

„Carleen, bleib stehen." Eine weitere Tür knallte hinter ihr. Carleen drehte sich nicht um, setzte ihren Weg stattdessen fort.

„Den Teufel werde ich tun, Kian Egan. Ich hätte es wissen sollen. Wie konnte ich erwarten, dass du irgendeinen Schritt auf mich zumachen würdest? Alles, was ich wollte, war eine Geste, irgendein Zeichen, dass meine Bemühungen nicht umsonst sind und ich das Richtige tue. Aber nein, du machst dir einen Spaß daraus, mir bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu zeigen, wie unausstehlich und furchtbar abstoßend du mich findest. Bitte, wenn es das ist was du willst, dann mach ruhig weiter so! Erwarte bloß nicht von mir, dass ich mich in dein verdammtes Auto setze und so tue, als würde ich das, was du tust, für richtig halten. Ich halte es für ziemlich beschissen, ganz einfach!" Carleen war es egal, ob Kian sie überhaupt hörte oder nicht. Ob er noch immer hinter ihr war, oder schon längst zu seinem Wagen zurückgekehrt war. Sie musste ihrer Wut Luft machen, irgendwie.

„Carleen, ich habe gesagt, du sollst stehen bleiben!" Gut, er war also noch hinter ihr. Aber zum Teufel mit ihm! Sie würde nicht noch einmal so dumm sein, und das tun, was er sagte. Das mochte vielleicht bei Violet klappen und jeder anderen Frau in seinem Leben, aber ganz sicher nicht bei ihr.

„Ich habe verstanden, was du gesagt hast, du warst laut genug! Aber weißt du was, es interessiert mich nicht. Warum-" Weiter kam sie nicht. Kian hatte schneller zu ihr aufgeschlossen, als ihr lieb war, und sie an ihrem Arm herumgewirbelt. Es war stockfinster, doch trotzdem konnte sie sehen, dass seine Augen vor lauter Wut funkelten. Hatte sie etwas falsches gesagt? Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu winden, doch er hielt sie weiterhin fest.

„Verdammt, Carleen. Warum tust du das?" Carleen wusste, dass er nicht das hier meinte, ihre Flucht aus dem Auto. Seine Worte hatten eine viel tiefere Bedeutung... Mit einer Stärke, die sie selbst überraschte, hielt sie seinem Blick stand und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Er war ihr so nah, dass sie seinen Atem auf ihrer Wange spüren konnte, sein Aftershave roch. Jetzt wollte sie nicht mehr sagen, dass es ihr leid tat, zurückgekommen zu sein. Nicht jetzt.

Kian erwartete wahrscheinlich auch keine Antwort. Er zögerte kurz, doch dann legte er seine freie Hand in ihren Nacken und zog sie zu sich heran. Seine Lippen lag hart auf ihren, fordernd, doch gleichzeitig mit einer solchen Sanftheit, dass Carleen sich ein Stöhnen nicht verkneifen konnte. Sie war überrascht, geschockt, verwirrt, alles zusammen, doch um nichts in der Welt würde sie sich diesen Moment entgehen lassen. Ihre Beine gaben nach, so dass sie sich an seiner Jacke festklammern musste, um das Gleichgewicht zu halten. So ließ sie zu, dass er wieder alles von ihr in Besitz nahm, ihren Körper und ihr Herz. Mit all der Innigkeit, die sie zu geben hatte, erwiderte sie seinen Kuss, liebkoste seine Lippen. Es war so lange her.. so unbeschreiblich lange her..

Kapitel 11

..."Laß mich..." keuchte Kian hervor, ehe seine Hände hinauf zu ihrer Schulter wanderten und ihre Bluse langsam nach unten fallen ließen. Carleen zitterte unter seinen Blicken, als er die Bluse Stück für Stück nach unten zog und schließlich auf den Boden warf. Sie schloss die Augen, als Kian sie näher zu sich heranzog und die Haut kurz über ihrem Bauchnabel küsste. Weiche, kühle Lippen fuhren ihren Bauch hinauf, während Kian langsam und vorsichtig den Knopf ihrer Hose öffnete und dann langsam den Reißverschluss aufzog. Sie hielt die Luft an, als er mit beiden Händen in die Hose hineinfuhr und sie nach unten schob...

Carleen fuhr erschrocken nach oben, als ein lauter Knall sie aus ihrem Schlaf riss. Als sie erkannte, wo sie war, schloss sie die Augen und atmete tief durch. Ihr Zimmer, ihr Bett. Nur ein Traum. Das sagte sie sich immer wieder, als sie die Decke von ihren Beinen zurückschlug und die Tür zu ihrem Zimmer öffnete. Nur ein Traum. Um sie herum war alles dunkel, doch genau das schien es zu sein, was sie beruhigte. Ihr Herzschlag verlangsamte sich wieder, als sie den Kühlschrank in der Küche öffnete und ein Stück Kuchen herausholte, das vom Frühstück übrig geblieben war. Nur ein Traum.

„Wann bist du nach Hause gekommen?" Carleen wirbelte herum, als sie Tyras Stimme hinter sich vernahm und lächelte. Jetzt waren es schon zwei, die nicht mehr schlafen konnten. Tyra fuhr sich mit einer Hand durch ihr zerzaustes Haar, bevor sie sich an den Tisch vor Carleen setzte und sie ansah.

„Ist schon eine Weile her. Irgendwas hat mich geweckt, wahrscheinlich stand irgendwo im Haus eine Tür auf. Wieso kannst du nicht schlafen?" Sie ließ sich neben Tyra auf einen Stuhl fallen und begann damit, in ihrem Kuchen herumzustochern. Ihr gefiel der kritische Blick von Tyra nicht, und auch wenn sie wusste, dass sie um eine Erklärung nicht drum herum kommen würde, so wollte sie selbige doch noch einen Moment hinauszögern.

„Oh, ich konnte bis jetzt eigentlich sehr gut schlafen, dann aber hast du dich dazu entschlossen, den Kühlschrank zu plündern. Ich habe einen leichten Schlaf, ich höre alles, Muffin. Wo bist du gewesen? Shane hat ein paar Mal hier angerufen. Ich hätte beinahe das Telefon fallen lassen. Wäre nett gewesen, wenn du mich vorgewarnt hättest. Seit wann seid ihr wieder so dick miteinander befreundet, dass er hier mitten in der Nacht anruft und sich nach deinem Wohlbefinden erkundigt?" Tyra machte sich ein Stück von dem Kuchen ab, bevor sie es sich in den Mund steckte und ihre Freundin weiterhin interessiert ansah. Es würde diesmal überhaupt keine Chance geben, sich aus dieser Sache rauszuwinden, das wussten beide. Carleen zuckte mit den Schultern.

„Wir waren gestern Abend alle noch etwas trinken. Nichts besonderes, wirklich. Na ja, und dann hat Kian mich nach Hause gefahren. Ich weiß nicht, ob er Shane vorher Bescheid gesagt hat oder nicht." Carleen versuchte, das ganze möglichst banal klingen zu lassen, doch sie bezweifelte, dass es ihr vor Tyra gelang. Kian hatte sie nicht nur nach Hause gefahren, er hatte gleichzeitig all ihre Vorsätze über den Haufen geworfen und dafür gesorgt, dass Carleen immer weiter in etwas hinein schlitterte, was sie nicht mehr lange würde kontrollieren können.

Tyra machte große Augen, als sie Kians Namen hörte. „Er hat dich nach Hause gefahren, einfach so? Aber wie soll das gehen, du hast mir heute Mittag noch gesagt, dass er dich meidet und nicht mit dir redet und dir aus dem Weg geht und ständig an dieser Violet herumspielt und -"

„T, ich weiß, was ich gesagt habe, ok? Ich wollte einfach nach Hause, und er hat mir angeboten, mich zu fahren. Kein Grund zur Panik also." Carleen brach abrupt ab und sah auf ihren Kuchen hinunter. Ihr war der Appetit vergangen. Sie schob den Teller von sich weg und wollte aufstehen, doch Tyra hielt ihre Hand fest und zog sie zurück auf ihren Stuhl.

„Moment, nicht so schnell, Lewis. Wenn er dich nur nach Hause gefahren hätte, wärst du jetzt nicht so kurz angebunden. Es ist irgendwas passiert. Erzähl schon! Je eher du damit anfängst, desto eher können wir beide wieder ins Bett. Versuch gar nicht erst, mir irgendetwas vorzuenthalten, ich würde es bemerken!" Carleen seufzte. Es half nichts. Was war also passiert?...

Carleen hörte Kians leises Stöhnen, als er sich näher an sie presste und eine Hand in ihrem Haar vergrub. Nichts spielte länger eine Rolle, weder Zeit noch Raum. Es waren nur sie, nur sie und Kian, die auf einer menschenleeren Strasse standen und versuchten, drei leere Jahre ohneeinander in einen kurzen Moment zu pressen, der nur ihnen gehörte. Es tat so gut, seine Lippen unter ihren zu spüren, seine kühlenden Hände auf ihrer erhitzten Haut zu fühlen.. Doch der Moment brach abrupt ab, als Kian von ihr zurückwich und sie anstarrte.

Wurde ihm erst jetzt bewusst, was er getan hatte? Bereute er es sogar? Carleen hoffte, dass er die Worte nicht aussprechen würde, Worte, die diesen Moment kaputt machen würden. Jetzt wollte sie nur noch weg, irgendwohin, wo sie das gerade Geschehene würde Revue passieren lassen können, nur für sich. Für sich ganz allein. Mit der Kraft, die sie noch aufbringen konnte, starrte sie Kian entgegen, hielt seinem Blick stand. Das alles hier war so unerwartet über sie hereingebrochen, dass keiner von beiden die richtigen Worte zu finden schien.

„Steig zurück in den Wagen. Ich bringe dich nach Hause." Kian wand seinen Blick von ihr ab, als er das sagte und drehte sich um, um zurückzulaufen. War das alles, was ihm jetzt einfiel? Ihr zu sagen, dass sie einsteigen sollte? Wenn ja, dann war er ein Feigling. Ein Feigling, gegen den Carleen in diesem Augenblick nichts ausrichten konnte. Sie wollte so vieles sagen, ihn so vieles wissen lassen, doch jetzt fiel ihr nichts ein. Kein einziger Gedanke, der sich in Worte fassen ließ. Doch so konnten sie jetzt nicht plötzlich aufhören. Nicht so.

„Kian.."

„Nicht jetzt, Cal, bitte. Ich will nicht darüber reden, ich will nicht einmal darüber nachdenken. Vergiss, was gerade passiert ist. Steig einfach nur ein. Bitte." Er hatte es gesagt, ohne sie anzusehen. Ohne ihr in die Augen zu blicken. War ihm all das so wenig wert, dass er sie noch nicht einmal mehr ansehen wollte, wenn er mit ihr redete? Oder hatte ihn seine Kontrolle diesmal im Stich gelassen? Carleen hoffte, dass es sich um Letzteres handelte. Sie startete einen letzten Versuch.

„Aber warum? Warum kannst du mir nicht einfach sagen, was du gerade gedacht und gefühlt hast? Es muss doch einen Grund geben, warum -"

„STEIG IN DEN VERDAMMTEN WAGEN, CARLEEN!" Er würde keinen Platz für Kompromisse lassen. Mit funkelnden Augen sah er sie an, bevor er die Tür zur Fahrerseite aufriss und einstieg. Worauf war er plötzlich so wütend? Auf sie, auf sich, darauf, dass er aufgehört hatte, sie wie eine Fremde zu behandeln? Carleen wusste es nicht, aber sie hatte auch nicht den Mut, zu fragen. Schweigend stieg sie neben ihm ein und schnallte sich an. Keiner von ihnen würde jetzt noch irgend etwas sagen.

In hohem Tempo fuhr Kian die Straße zurück, die sie gekommen waren, bis zu dem Studio, in dem sie sich am Morgen getroffen hatten. Die ganze Fahrt über hatte er sie nicht ein einziges Mal angesehen, geschweige denn irgend etwas gesagt. Und auch jetzt, als Carleen ihren Gurt löste, und die Tür öffnete, weigerte er sich, irgendeine Regung zu zeigen. Fein. Wenn das seine Art und Weise war, mit solchen Dingen umzugehen, dann würde sie ihm den Gefallen tun und genau dasselbe tun. Schweigen hüllte sie ein, als sie ausstieg und die Tür hinter sich ins Schloss fallen ließ. Die Absätze ihrer Schuhe klackerten bereits über den Asphalt, als Kian den Wagen wieder beschleunigte und hinter einer Ecke in die Dunkelheit verschwand...

„Und das war alles? Ihr habt euch geküsst und dann hat er dich einfach so abserviert? Nimm es mir nicht übel, aber an deiner Stelle hätte ich mir das nicht gefallen lassen. Es wird Zeit, dass man diesen Männern mal zeigt, wo es langgeht!" Tyra kratzte die letzten Krümel auf ihrem Teller zusammen und schob sie sich in den Mund, ehe sie sich zurücklehnte und Carleen weiterhin musterte. Diese Story hatte ohne Zweifel ihre Aufmerksamkeit erregt.

Carleen zuckte mit den Schultern und zog sich die Strickjacke, die sie sich im Laufe des Gespräches übergezogen hatte, noch fester um ihren Körper. Schön, wenn wenigstens eine die ganze Angelegenheit so locker sehen konnte. Sie konnte es mit Sicherheit nicht. „Tyra, das ist nicht ganz so einfach, wie du dir das vorstellst. Er ist mit Violet zusammen und ich - ich bin verheiratet. Ich hatte doch überhaupt nicht die Absicht, irgendwelche alten Erinnerungen mit Kian aufzufrischen. Ich wollte lediglich einige Dinge klar stellen."

Tyra schüttelte den Kopf. „Das ist genau das, was ich dir gesagt habe, Cal. Aber du hast nicht auf mich gehört, und meintest, du hättest das alles prima im Griff. Das hast du jetzt davon. Herrgott, es war doch so offensichtlich, dass du immer noch Gefühle für Kian hast, genau dieselben, wie damals, als du ihn verlassen hast. Und diese Gefühle haben dich hierher geführt, nichts anderes. Wenn du nicht so blauäugig gewesen wärst und das eingesehen hättest, dann würdest du jetzt nicht in diesen Schwierigkeiten stecken. Tja, nur tust du das jetzt eben. Was hast du also vor?"

Carleen sah ihre Freundin an und verzog das Gesicht. „Hör auf, jetzt so zu tun, als hättest du das alles schon vorher gewusst. Ich bin mir über meine Gefühle für Kian durchaus im Klaren, und ich weiß auch, dass ich sie im Griff habe. Dieser Vorfall hat mich lediglich ein klein wenig von meinem Weg abgebracht, das ist alles." Sie stand auf und lief zur Spüle hinüber, um den Teller abzuwaschen. Normalerweise gab es dafür einen Geschirrspüler, aber immerhin hatte Carleen jetzt eine Beschäftigung. Irgendeine verdammte Beschäftigung.

„So, du hast sie also im Griff, ja? Und wieso ist es dir dann so wichtig, dass er irgendwas dazu sagt? Vergesst die ganze Sache und fertig. Ich meine, das kann doch nicht so schlimm sein, wenn du mit all diesen Gefühlen so wunderbar umgehen kannst." Ihr Sarkasmus war nicht zu überhören. Carleen drehte sich zu ihr um und warf mit einem Spültuch nach ihr, bevor sie sich wieder ihrem Teller widmete. Sie wollte überhaupt nicht darüber nachdenken, nicht mal ansatzweise. Egal, ob Tyra Recht hatte oder nicht, sie wollte NICHT darüber nachdenken. Es war schlimm genug, dass sie Adam gegenüber noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen gehabt hatte, als sie Kian geküsst hatte, ihm nah gewesen war. Dafür hatte es sich viel zu gut angefühlt. Viel zu gut.

„Also gut, wie ich sehe, sind meine Ratschläge nicht erwünscht. Aber denk drüber nach, Cal. Du beschwerst dich ständig darüber, dass er dir gegenüber nicht offen sein kann, dass ihr nicht über das reden könnt, was passiert ist. Aber weißt du was, im Prinzip tust du nichts anderes. Du versuchst jeden davon zu überzeugen, dass du die erwachsene Carleen Lewis bist, die über Kian hinweg ist, und hier lediglich einen Job macht. Wenn du mich fragst, dann solltest du dir diese Einstellung noch mal durch den Kopf gehen lassen. Denn sonst sind es gleich drei Leute, denen du nicht ehrlich gegenüber bist. Adam gegenüber, Kian gegenüber und am Ende dir selbst gegenüber. Gute Nacht, Pumpkin." Sie küsste Carleen auf die Wange, bevor sie in ihrem Zimmer verschwand und die Tür hinter sich schloss. Carleen wartete, bis sie wieder völlig allein war, ehe sie sich zurück auf den Stuhl fallen ließ und den Kopf in ihre Hände stützte. Nein, sie würde NICHT darüber nachdenken...

Kapitel 12

Eine Woche später hatte Carleen überhaupt keine Zeit mehr, über den Vorfall mit Kian nachzudenken, selbst wenn sie gewollt hätte. Mittlerweile plagten sie ganz andere Sorgen. Irgendwo zwischen all den Radioshows, Musiksendungen und Fernsehinterviews hatte sie sich eine handfeste Erkältung eingefangen. Ganz gleich, wie viele Tabletten sie schluckte, es half rein gar nichts. Nichts. Tyra hatte versucht, sie mit Kamillentee und selbst gebackenen Muffins wieder aufzupäppeln, doch weit gefehlt. Carleen hatte ihren Appetit schon vor Tagen verloren und nicht wirklich große Lust, noch länger Tee hinunterzuwürgen. Alles, was sie wollte, war ein großes Bett, in dem sie ihre Krankheit einfach würde ausschlafen können. Doch dazu fehlte ihr die Zeit. Westlife standen am Anfang einer mehrtägigen Tour durch Irland, und dabei durfte Carleen unter gar keinen Umständen fehlen. Sie hatte das ganze Konzept ihres Buches auf dieser einen Tour aufgebaut, und wenn sie das jetzt verpassen würde, würde sie ganz von vorne anfangen müssen. Das war das Letzte, was sie wollte...

„Cal, hier rüber!" Sie senkte ihren Kopf, während sie sich durch die Menschenmassen kämpfte, die sich vor dem Musicstore versammelt hatte, und lief auf Paul zu. Je eher sie im Van saß und ihren Kopf auf weiches Polster würde legen können, desto besser. Ihre Beine waren schwer wie Blei, genauso wie der Rest ihres Körpers. Einfach nur schlafen. Sie versuchte ein Lächeln, als Paul ihr in den Wagen half. Misslungen.

„Alles ok?" Carleen nickte mechanisch, bevor sie sich auf den hintersten Sitz am Fenster fallen ließ und die Augen schloss. Warum brannten sie so fürchterlich? Ihre Hände zitterten, doch je mehr sie versuchte, dieses Zittern zu unterdrücken, desto schlimmer wurde es. Gleich hatte sie es geschafft. Nicht mehr lange. Die Fahrt zum Hotel konnte nicht besonders lange dauern, dort würde sie dann endlich heiß duschen und anschließend schlafen können. Nicht mehr lange. Carleen bemerkte, wie sich jemand neben sie setzte, doch sie hatte nicht die Kraft dazu, die Augen zu öffnen. Der Van sollte nur endlich losfahren. Einfach nur losfahren.

„Carleen?" Oh Lordy. War ihr jetziger Zustand nicht schon miserabel genug? Was auch immer sie diesmal falsch gemacht hatte, sie hatte nicht die Nerven für eine Diskussion mit Kian. Das würde diesmal warten müssen, ganz einfach. Und dann würde er sie in Ruhe lassen...

„Carleen, hörst du mich?" Er rüttelte sanft an ihrer Schulter. Hatte sie die Augen immer noch nicht geöffnet? Sie versuchte den Kopf von der Fensterscheibe zu heben und ihn anzusehen, doch egal, wie sehr sie sich auch anstrengte, es gelang ihr einfach nicht. Ein einfaches „Mhh," war das einzigste, was sie zustande brachte. Warum war ihre Zunge plötzlich so schwer, und ihr Mund so trocken? Ihr war so kalt..

Sie fühlte, wie jemand ihr ein paar feuchte Haarsträhnen aus dem Gesicht strich und anschließend eine Hand auf ihre Stirn legte. „Shit, du glühst. Bry, gib mir deine Flasche hinter." Kurz darauf fühlte sie etwas auf ihren Lippen. Wasser.

„Cal, du musst etwas trinken. Sobald wir im Hotel sind, besorgen wir dir irgendetwas Warmes, aber für den Moment wirst du dich damit zufrieden geben müssen. Komm schon, danach wirst du dich besser fühlen, versprochen." Kian legte eine Hand unter ihren Nacken, so dass sie endlich ihren Kopf anheben konnte. Das Wasser brannte förmlich auf ihren Lippen. Sie nahm einen kleinen Schluck, dann noch einen, bevor sie sich erschöpft zurückfallen ließ. Es hatte doch den ganzen Tag über so gut funktioniert, warum ging es jetzt nicht mehr? So sehr sie sich auch anstrengte, schien jegliche Kraft aus ihrem Körper gewichen. Vielleicht hätte sie doch auf Tyra hören und in Dublin bleiben sollen. Sie konnte sich nicht vorstellen, über Nacht wieder so fit zu werden, dass sie den nächsten Tag würde überstehen können. Doch sie musste es wenigstens probieren. Irgendwie.

„Danke." Es war so leise, dass Carleen sich fast selbst kaum hörte. Sie öffnete die Augen ein Stück, gerade weit genug, damit sie sehen konnte, wie Kian seine Jacke auszog und beiseite legte. Dann drehte er sich zu ihr und lächelte. „Rutsch hier rüber, Cal. Wir fahren noch gut eine Stunde bis zum Hotel. Du solltest versuchen, in der Zeit ein wenig zu schlafen und so ein Fenster ist auf Dauer nicht wirklich bequem. Komm her." Selbst wenn Carleen hätte protestieren wollen, so hätte sie keine Chance gehabt. Kian zog sie sanft, aber bestimmt auf seinen Schoß, so dass sie ihre Beine vor sich ausstrecken und ihren Kopf an seine Schultern legen konnte. Hätte sie sich nicht so miserabel gefühlt, hätte die Tatsache, dass sie ihm auf einmal so nahe war, wahrscheinlich in Verlegenheit gebracht, doch jetzt war ihr das egal. Alles, was zählte, war die Wärme seines Körpers und seine Arme, die sich fest um sie schlossen. Kian legte seine Jacke um ihre Schultern und flüsterte etwas, doch sie verstand nichts mehr davon. Sie schlief bereits tief und fest...

Carleen merkte erst, dass sie eingeschlafen war, als Kian sie sanft wach rüttelte. Wieder einmal versuchte sie, etwas zu sagen, doch außer einem unverständlichen Gemurmel gelang ihr rein gar nichts. Statt dessen vergrub sie ihren Kopf noch tiefer an Kians Hals und versuchte, all die lauten Stimmen und Geräusche aus ihrem Kopf zu verdrängen. Nur noch ein paar Minuten schlafen, nur ein paar Minuten. Erst als Kian mit einer Hand unter ihrem Kinn ihren Kopf hob, zwang sie sich dazu, die Augen zu öffnen und ihn anzusehen. „Wir sind da, Cal. Du bist nur noch wenige Meter von einer heißen Dusche und deinem Bett entfernt. Kannst du deine Arme um meinen Hals legen? Ich weiß nicht, ob ich dich so tragen kann." Sie nickte langsam, bevor sie mit ihren Händen hoch zu seinem Hals fuhr und sie hinter seinem Nacken ineinander verschränkte. „Bry, nimm ihren Rucksack mit." Dann stieg er aus, langsam und darauf bedacht, nirgendwo anzustoßen. Carleen drängte sich noch enger an ihn, als der kalte Wind ihr ins Gesicht blies. Oder kam er ihr nur so kalt vor? Von irgendwoher kamen ein paar Stimmen, doch sie konnte nicht deuten, von wem sie kamen. Vielleicht waren es Shane und die anderen, oder ein paar Fans. Sie hatte keine Ahnung.

Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, in der Kian sie durch das Hotel und hinauf in ihr Zimmer trug. In normalem Zustand hätte sie sich standhaft geweigert, sich von ihm auch nur in die Arme nehmen zu lassen, nachdem er sie so behandelt hatte, doch jetzt war sie mehr als froh, dass sie ihn hatte. War es sein schlechtes Gewissen, das ihn plagte, oder sorgte er sich wirklich? Fragen, die durch Carleens Kopf huschten und kurz darauf wieder verschwunden waren. Sie war zu müde, um darüber nachzudenken. Kian war warm und weich, alles andere musste sie jetzt nicht interessieren. Und das tat es auch nicht.

Sie kniff die Augen noch fester zusammen, als von irgendwoher ein grelles Licht kam und sie blendete. Kurz darauf spürte sie, wie ihre Finger von Kians Nacken glitten und sie auf einer weichen Unterlage landete. Ihr Bett. „Cal, ich werde jetzt losgehen und Valerie holen. Sie wird dir beim Umziehen helfen, ok? Dann möchte ich, dass du dich zurück ins Bett legst und auf mich wartest. Ich werde losgehen und dir eine Suppe besorgen. Du musst etwas essen, so furchtbar sich das jetzt vielleicht anhören mag. Einverstanden?" Carleen nickte, sehr langsam und kaum merklich, aber sie nickte. Dann rollte sie auf ihre Seite und vergrub ihren Kopf in den Kissen. Kian hatte Recht. Es hörte sich furchtbar an, jetzt noch einmal aufstehen zu müssen - und zu essen! Aber wenn sie nichts gegen diese verdammte Erkältung tat, die immer heftiger zu werden schien, dann würde es eine halbe Ewigkeit dauern, bis sie wieder auf die Beine kam. Und dazu hatte sie wahrlich keine Zeit.

Carleen hörte eine Tür klicken und wusste, dass sie sich vorerst von den warmen und weichen Kissen würde verabschieden müssen. Valerie gehörte zum Team und war das weibliche Gegenstück zu Anto. Wann auch immer die Jungs ein Problem hatte, sie würde es lösen. Und jetzt war sie hier. Carleen wusste, dass Valerie sich die ganze Zeit mit ihr unterhielt, vielleicht sogar auf ein paar Antworten wartete, doch Carleen konzentrierte all ihre Kraft auf den Weg bis ins Bad. Dort stellte Valerie die Dusche an, bevor sie Carleen unter den Wasserstrahl half und darauf achtete, dass ihr nichts passierte. Anschließend wickelte sie Carleen in den Bademantel, der über der Badewanne gehangen hatte, und geleitete sie zurück zum Bett.

Tatsächlich fühlte sie sich jetzt ein klein wenig besser. Nicht viel, aber immerhin. Sie setzte sich aufrecht auf ihr Bett und zog sich die Decke über ihre Beine, bevor Valerie ihr zwei Tabletten zusammen mit einem Glas Wasser reichte. „Hier, das hat Anto mir für sie gegeben. Es wird helfen, damit sie sich ein wenig besser fühlen, zumindest solange bis sie gegessen haben. Kian müsste jeden Augenblick -" Valerie blickte zur Tür und lächelte, als ihr Schützling mit einem Tablett in der Hand auf sie zukam und es anschließend auf einem kleinen Tisch neben dem Bett abstellte. „Oh, das sieht gut aus. Versuchen sie, zu essen, Carleen, es wird ihnen helfen. Und dann legen sie sich hin und schlafen sich so richtig aus. Dann wird die Welt morgen schon ganz anders aussehen. Gute Nacht, mein Kind." Carleen lächelte, als Valerie ihr über die Wange strich und anschließend das Zimmer verließ. Dann wand sie ihren Blick dem Tablett zu, das neben ihr stand, und verzog das Gesicht.

„Kian, muss das wirklich sein? Ich habe keinen Hunger, ehrlich. Alles, was ich möchte, ist etwas Schlaf." Sie hatte den letzten Satz noch nicht zuende gesprochen, doch wusste bereits, dass Kian ihr das nicht durchgehen lassen würde. Er setzte sich neben sie aufs Bett, bevor er das Tablett vom Tisch auf ihren Schoß hob und sie ansah.

„Keine Widerrede. Du wirst mir hinterher dankbar dafür sein, glaub mir. Hühnersuppe hat schon immer geholfen und wird es auch diesmal tun. Das hat meine Mum zumindest immer versucht, mir einzureden. Du musst nicht alles essen, aber probier es wenigstens, mhh?" Carleen nickte langsam, bevor sie den Löffel in die Suppe tauchte und anschließend an ihren Mund hob. Es dauerte keine fünf Minuten, bis sie den Teller von sich schob und jegliche Mitarbeit verweigerte. Sie hatte ungefähr die Hälfte geschafft, mehr konnte er wirklich nicht von ihr verlangen. Zufrieden stellte Kian das Tablett wieder beiseite.

„Gut gemacht. Leg dich jetzt hin und schlaf ein wenig. Danach sehnst du dich wahrscheinlich schon den ganzen Tag. Es wundert mich sowieso, dass du in deinem Zustand noch so lange durchgehalten hast. Aber dich kriegt so leicht wohl nichts unter, mhh?" Kian fuhr mit einer Hand zu ihren vom Duschen feuchten Haar hinauf und strich es ihr langsam hinters Ohr. Wären die furchtbaren Kopfschmerzen nicht gewesen, hätte Carleen sich in diesem Moment für ihre Krankheit bedankt. Seit Tagen versuchte sie, irgendeinen Draht zu Kian zu finden, und jetzt, wo es ihr hundsmiserabel ging, schien sie diesen plötzlich gefunden zu haben. Vielleicht nur vorrübergehend, aber damit würde sie sich fürs Erste begnügen. Fürs Erste.

Kapitel 13

Carleen konnte ein schmerzvolles Stöhnen nicht unterdrücken, als sie sich auf die Seite rollte und mit zusammengekniffenen Augen auf die blinkende Anzeige des Weckers sah. Kurz nach zwölf. Dann hatte sie also nicht lange geschlafen. Wundervoll. Sie wollte sich die Decke noch weiter über ihre Schultern ziehen, als sie bemerkte, dass sich neben ihr etwas bewegte. So schnell es ihr kränkelnder Körper ihr gestattete, drehte sie sich auf den Rücken und dann wieder auf ihre andere Seite. Kian. Es war stockdunkel im Zimmer, doch trotzdem wusste sie, dass er es war, der mit dem nackten Rücken zu ihr lag und dessen Decke sich unter gleichmäßigen Atemzügen langsam anhob und dann wieder senkte.

Kian war nach dem Essen noch bei ihr geblieben und hatte sich mit ihr unterhalten. Nicht über Dinge, die vielleicht dringend zur Sprache hätten kommen sollen, sondern über alltägliche Sachen, die ihnen gerade eingefallen waren und peinliches Schweigen zwischen ihnen vermieden hatte. Es hatte gut getan, nach über einer Woche in seiner Nähe endlich die Gelegenheit dazu zu bekommen, ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu sitzen und ihn lachen zu sehen. Sie wusste nicht, warum Kian mit einmal all seine Reservation ihr gegenüber abgelegt hatte, aber sie würde den Teufel tun und sich darüber beschweren. Wenn Kian etwas tat, dann hatte er stets seine Gründe dafür und so würde es auch diesmal sein. Vielleicht würde sie irgendwann einmal den Mut aufbringen, ihn nach genau diesen Gründen zu fragen, aber das hatte Zeit. Heute Abend hatte er sich rührend um sie gekümmert und sie würde ihm das ganz sicher nicht damit danken, dass sie ihn Löcher in den Bauch fragte.

Aber wie war er jetzt in ihr Bett gekommen? Carleen suchte in ihrem fiebrigen Kopf nach einer Antwort. Oh ja, der Film. Kian und Shane hatten sich geweigert zu gehen, bevor sie nicht eingeschlafen war, also hatten sie einen Film besorgt und es sich in ihrem Bett gemütlich gemacht. IN IHREM BETT! Carleen kicherte leise. Eigentlich hatte ihr die Idee alles andere als gefallen, zumal sie nicht gewusst hatte, wie weit sie wirklich schon mit Kian gehen konnte, doch es war sinnlos, sich gegen diese zwei Dickköpfe durchsetzen zu wollen. Ganz davon abgesehen hatte sie nicht die Kraft oder die Lust dazu gehabt, zu protestieren. Alles, was sie gewollt hatte, war ein wenig Schlaf und Ruhe, also war sie wortlos zwischen die beiden gerutscht und hatte versucht, sich auf den Film zu konzentrieren. Irgendwann musste sie dann einfach eingeschlafen sein, denn sie hatte weder gehört, wie Shane gegangen war, noch dass Kian sein Hemd ausgezogen und sich neben sie gelegt hatte.

Er hatte doch nur sein Hemd ausgezogen, oder? Carleen wusste, dass es besser war, sich jetzt einfach umzudrehen, und weiterzuschlafen. Kian war hier geblieben, weil er sichergehen wollte, dass es ihr gut ging, nicht um sich von ihr betatschen zu lassen. Aber sie konnte einfach nicht anders. Langsam rutschte sie noch ein wenig näher an seinen Rücken heran und schob die Decke, die er sich unter seinen Arm geklemmt hatte, ein Stück zurück. Wie fühlte er sich wohl an? Vorsichtig streckte sie ihre Hand aus und ließ sie in seinen Haaransatz fahren. Sie seufzte leise, als sie ein paar der Haarsträhnen durch ihre Finger fahren ließ. Wie lange war es her? Ihre Fingerspitzen fuhren seinen Hals hinunter, bis zum Ansatz seiner Schulterblätter. Seine Haut war warm und weich, so wie Carleen sie in Erinnerung hatte. Sie unterdrückte den Wunsch, sich an seinen Rücken zu schmiegen und einen Arm um ihn zu legen, sondern zog mit ihren Fingern statt dessen den Lauf seiner Wirbelsäule nach. Gott, das hätte sie die ganze Nacht durch machen können und würde sich am nächsten Morgen schlichtweg großartig fühlen. Was war in sie geraten? Sie sollte hier liegen und schlafen, oder zumindest ihre Finger von Kian lassen! Carleen wusste nicht, ob das Zittern ihres Körpers von ihrem Fieber kam, oder der Tatsache, dass ihre Hand den Bund seiner Shorts erreicht hatten. Gedankenverloren spielte sie mit dem Stoff, bevor sie ihren Zeigefinger vorsichtig darunter verschwinden ließ und sanft über die warme Haut darunter streichelte. Oh Boy, sie war vollkommen verrückt geworden! Was würde Kian wohl sagen, wenn er jetzt einfach aufwachte und sie dabei erwischte, wie sie ihre Finger in seiner Shorts hatte?! Carleen vergrub ihren Kopf in der Decke und kicherte leise. Kian würde ganz sicher nicht darüber lachen können, ganz sicher nicht. Aber sie würde alles auf ihre Krankheit schieben können, ihren Fieberwahn, der sie praktisch dazu gezwungen hatte, etwas derart Schamloses zu tun.

Carleen verharrte noch eine Weile so, bevor sie mit ihrer Hand wieder hinauf zu seinem Haar fuhr. Sie ließ sich jede Menge Zeit dafür, lauschte seinen gleichmäßigen Atemzügen, während sie über seine Haut streichelte. Was fühlte Violet wohl, wenn sie ihm so über den Rücken strich oder die Haare in seinem Nacken zwirbelte? Hatte sie dasselbe Bedürfnis wie sie, sich an ihn zu kuscheln und darauf zu warten, dass er sich zu ihr herumdrehen und sie in seine Arme ziehen würde? Carleen hatte keine Antwort darauf, aber sie wusste, dass es das war, wonach sie sich in diesem Moment sehnte. Von Kian mochte es nur eine nette Geste sein, die Nacht bei ihr zu verbringen, Carleen dagegen schien es in einen weiteren tiefen Abgrund aus Emotionen und Gefühlsschwankungen zu stürzen. Und sie machte es bestimmt nicht besser, indem sie immer weiter an ihn heranrutschte und mit seinen Haaren spielte! Trotzdem war es so schwer, davon abzulassen...

Wie würde seine Haut sich auf ihren Lippen anfühlen? Immer noch so, wie sie es in Erinnerung hatte? So zart und weich, und gleichzeitig so männlich? Carleen schüttelte den Kopf. Auf gar keinen Fall! Das würde sie NICHT tun! Doch auf der anderen Seite, wem würde es schaden? Sie konnte hier liegen und die ganze Nacht darüber nachdenken, oder sie konnte es einfach herausfinden. Nur ein kurzer Kuss, vollkommen unschuldig, und alles wäre vorbei. Kian würde es noch nicht einmal mitbekommen, und sie würde einfach so tun als wäre nichts passiert. Das konnte doch nicht so schwer sein. Sie war eine erwachsene Frau, Kian ein erwachsener -schlafender- Mann, da würde dieser eine Kuss niemanden umbringen. Langsam hob sie ihren Kopf von den Kissen und lehnte sich vor. Er trug dasselbe Aftershave wie an dem Abend, als er sie geküsst hatte. Oh ja, er hatte SIE geküsst, also war es doch nur fair, wenn sie jetzt IHN küsste. Just fair. Carleen verharrte für einen Moment und sog den Duft seiner Haut ein, bevor sie sich noch weiter nach vorne lehnte und ihre Lippen auf seinen Rücken legte. Ganz vorsichtig, so als wären sie eigentlich gar nicht da. Sie hielt starr vor Angst inne, als Kian sich plötzlich bewegte. Stille. Würde er sich jetzt zu ihr umdrehen, und ihr sagen, dass sie verrückt geworden war? Oder würde er sie gleich anschreien und anschließend aus dem Zimmer stürmen? Nein halt, er würde sie wahrscheinlich übers Knie legen und DANN aus dem Zimmer stürmen. Doch nichts dergleichen geschah. Kian zog sich die Decke nur noch weiter unter seinen Arm, bevor er wieder in sein stetiges, gleichmäßiges Atmen verfiel. Gefahr gebannt. Carleen schloss erleichtert die Augen und konzentrierte sich auf ihre Lippen. Ihre Lippen, die auf seinem Rücken lagen, seine Haut berührten. Oh Gott, es war wundervoll. Nicht fähig, zu widerstehen, fuhr sie mit ihren Lippen langsam hoch zu seinem Hals. So weich...

Ihre Hand lag auf seiner Hüfte, als ihre Lippen das Stück Haut kurz hinter seinem rechten Ohr küssten. Sie wusste, wie sehr er das liebte. Zumindest war es stets so gewesen, wenn sie mit ihm zusammengewesen war. Es hatte ihn verrückt gemacht - genauso wie sie. Carleen wusste, dass sie etwas wirklich dummes machen würde, wenn sie nicht bald zur Besinnung kam. Schon allein der Gedanke, dass sie ihn ohne sein Wissen berührt und geküsst hatte, war geradezu wahnwitzig, und es war nicht ratsam, noch weiter zu gehen. Weder für sie, noch für ihn. Mit einem letzten Kuss zog sie sich zurück auf ihre Seite des Bettes und zog die Decke bis hoch zu ihrem Kinn. Sie kicherte wieder, als sie ihm den Rücken zudrehte und die Augen schloss. Das hier war verrückt, wirklich verrückt. Aber sie war sich sicher, dass sie jetzt gut schlafen würde. Und das tat sie auch.

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„Guten Morgen." Carleen streckte sich zufrieden und gähnte, bevor sie sich aufrecht in ihr Bett setzte und ihre Augen rieb. Zwar fühlte sie sich immer noch matt und ausgelaugt, doch ihre Kopfschmerzen und der Druck auf ihren Augen war verschwunden. Immerhin etwas. Kian trug ein frisches Hemd und andere Jeans, als er die Tür hinter sich schloss und das Tablett mit dem Toast und frischem Orangensaft neben ihr auf dem Tisch abstellte. Er musste irgendwann an diesem Morgen aufgestanden und in sein Zimmer gegangen sein. Carleen hatte es nicht mitbekommen, aber das wunderte sie auch nicht. Kian hatte doch auch nicht gemerkt, wie sie sich mitten in der Nacht an ihm zu schaffen gemacht hatte...

„Guten Morgen. Wie fühlst du dich? Du siehst besser aus. Anto hat mir noch ein paar Tabletten für dich mitgegeben. Er meinte, sie würden dir helfen. Dazu frischer Orangensaft und etwas Toast. Versuch wenigstens, etwas davon zu essen, sonst wirst du diesen Tag kaum überstehen." Er lächelte ihr zu, als sie zu ihm hochblickte. Sie überlegte, ob es der richtige Zeitpunkt war, ihn darauf anzusprechen, aber wahrscheinlich würde es den sowieso nie geben.

„Ich fühle mich besser, danke. Kian, warum tust du das? Versteh mich nicht falsch, ich bin wirklich überwältigt davon, aber das ist viel mehr als ich erwarten kann. Ich meine, nach letzter Woche -" Sie hielt inne, als Kian sich neben sie auf die Bettkante setzte und sie ansah. Anscheinend hatte er mit dieser Frage gerechnet. Und sich schon eine passende Antwort zurechtgelegt.

„Letzte Woche ist letzte Woche. Ich bin zwar immer noch der Meinung, dass du nicht hättest herkommen sollen, aber ganz offensichtlich lässt du dich nicht umstimmen. Und wenn ich das nicht akzeptieren kann, dann mache ich es uns beiden nur schwieriger, richtig? Das ist es zumindest, was Shane gesagt hat, und ich denke, dass das zur Abwechslung mal was sehr Sinnvolles war. Außerdem bin ich ein hervorragender Krankenpfleger." Carleen lachte, als Kian ihr zuzwinkerte.

„Der Beste. Und ich werde mich bei Chippy wohl dafür bedanken müssen, dass er das zu dir gesagt hat, mhh?"

„Chippy?"

„Shane. Oh, frag lieber nicht, das ist eine lange Geschichte. Ich erzähle sie dir, wenn du ein wenig mehr Zeit hast. Jetzt musst du zum Frühstück, denn wenn ich Anto gestern noch richtig verstanden habe, fahren wir in weniger als einer Stunde." Kian lächelte angesichts ihres bevormundenden Tons und nickte, ehe er aufstand.

„Sehr richtig. Außerdem muss ich noch telefonieren. Wir sehen uns dann unten am Van, ja?"

„Ok. Sag Violet schöne Grüße von mir." Carleen griff nach ihrem Tablett und stellte es vor sich aufs Bett, bevor sie noch einmal zu Kian aufsah und ihn anlächelte. Für einen Moment sah er sie verwundert an, so als wäre er über ihre Aussage überrascht, doch dann entspannte er sich wieder und erwiderte ihr Lächeln. Anschließend schloss er die Tür und war verschwunden.

Carleen ließ sich zufrieden zurück in ihre Kissen fallen.„Oh ja, sag ihr schöne Grüße. Wenn sie dich das nächste Mal allein lässt, werde ich mich vielleicht deinen Boxershorts in aller Ausführlichkeit widmen." Lachend kuschelte sie sich zurück unter ihre Decke, ehe sie nach ihrem Glas Orangensaft griff. Sie musste vollkommen verrückt geworden sein...

Kapitel 14

„Und es geht dir auch ganz sicher wieder gut, Muffin? Ich hasse den Gedanken, dass es dir so schlecht geht und ich hier rumsitze und nichts machen kann. Ok, außer dein Apartment verwüsten, aber das trägt nicht wirklich dazu bei, dass es dir besser geht oder?" Carleen lachte leise, während sie sich den Hörer des Telefons zwischen Ohr und Schulter klemmte und in ihrem Schrank nach einer sauberen Hose suchte.

„T, ich habe nicht wirklich erwartet, dass du dich in meiner Abwesenheit mal benimmst. Das hast du noch nie getan. Wahrscheinlich liegen überall leere Getränkepackungen herum, die Couch ist voller Krümel und der Duschabfluss mit lauter Haaren von dir verstoppt. Oh, nicht zu vergessen die vielen Männer, die bei uns ein und aus gehen. Nein, ich glaube nicht, dass ich mich dadurch besser fühle. Aber nett, dass du es versucht hast."

„Hey, die Couch sieht großartig aus, ok? Über die anderen Sachen, nun ja, reden wir einfach nicht. Wie geht es den anderen? Hat dich der Lagerkoller schon gepackt?"

Carleen setzte sich aufs Bett und streifte sich den Bademantel von ihren Schultern, bevor sie den Knopf der Hose öffnete und mit beiden Beinen hineinfuhr. „Sagen wir es so, ich werde bestimmt nicht traurig sein, wenn das hier alles in zwei Tagen vorbei ist. Jeden Tag eine andere Stadt und ein anderes Hotel ist auf die Dauer nicht wirklich witzig. Der einzige Vorteil dabei sind die ganzen Handtücher und Bademäntel zum Nulltarif. Mein Koffer platzt bald, wenn ich noch mehr davon einkassiere."

Tyra lachte. „Muffin, die vom Hotel haben ganz sicher nichts dagegen, wenn du denen ihr Zeug beim nächsten Mal einfach dalässt. Das ist nämlich so üblich. Aber genug dazu. Wie geht es Kian?" Carleen konnte ihr leises Lachen am anderen Ende der Leitung hören.

„Woher soll ich wissen, wie es ihm geht? Und erspar dir jetzt jede Antwort, ok? Ich hätte dir nie im Leben davon erzählen sollen, und ich finde es nicht fair, dass du so darauf herumreitest. Was würdest du denn tun, wenn so ein Mann neben dir im Bett liegt? Ich war krank und hatte meine Sinne nicht beieinander."

„Hey, ich habe doch gar nichts gesagt. Immerhin bist du glücklich verheiratet, nicht wahr, und wenn du auch nur für eine Sekunde nachgedacht hättest, wäre dir natürlich auch aufgefallen, dass Kian NICHT dein Mann ist und du ihm NICHT einfach an die Shorts gehen kannst. Aber mir gefällt diese Entwicklung, wirklich. Ich will ja nicht sagen, dass ich es von Anfang an gewusst habe, aber-"

„Dann sag es auch nicht! Ok, in dem Moment hatte ich vielleicht wirklich das Bedürfnis, ihm ein klitzeklein wenig nah zu sein, aber das sagt überhaupt nichts. Wir verstehen uns jetzt besser, als das zu Beginn der Fall war, aber deswegen werde ich nicht vergessen, warum ich hier bin." Carleen stand vom Bett auf und bückte sich nach ihrer Bluse, die auf dem Boden lag. Eigentlich konnte sie Tyra keinen Vorwurf machen. Ihr eigenes Verhalten war ganz sicher kein guter Beweis dafür, dass sie weiter an ihrer Ehe festhielt und bei Kian lediglich einiges wieder gutmachen wollte.

„Nein, natürlich nicht. Muffin, ich glaube dir kein Wort! Wie oft hast du denn in den letzten Tagen mit Adam gesprochen mhh? Hast du ihm davon erzählt, dass du mit Kian in einem Bett geschlafen hast UND deine Finger in seinen Shorts hattest? Nein, lass mich diese Frage für dich beantworten. Du hast es nicht getan, was mich darauf schließen lässt, dass du ein furchtbar schlechtes Gewissen hast. Aber wenn dir das ganze mit Kian überhaupt nichts ausgemacht hat und du das eigentlich nur getan hast, weil durch die Erkältung ein paar deiner Gehirnströmungen falsch geleitet gewesen waren, dann gibt es doch gar keinen Grund dafür, das Adam gegenüber zu verheimlichen oder? Denk drüber nach."

„Den Teufel werde ich tun. Herrgott, ich habe noch nicht einmal verstanden, was du da gerade überhaupt gesagt hast! T, nimm es mir nicht übel, aber ich bin furchtbar müde und muss noch ein paar Notizen durchgehen, bevor ich schlafen gehe. Wir reden ein anderes Mal weiter, ok?" Carleen hatte keine große Lust mehr, sich noch weiter mit ihr zu unterhalten. Diese Frau war doch sonst immer so schwer von Begriff, wieso erkannte sie dann ausgerechnet jetzt den Kern der Sache? Moment, eigentlich gab es gar keinen Kern der Sache. Sie hatte Adam nur nicht davon erzählt, weil sie vermeiden wollte, ihn unnötig aufzuregen. DAS war ihr Grund dafür gewesen, einen anderen gab es nicht. Gab es doch nicht, oder?

„So ziehst du jetzt also deinen Kopf aus der Schlinge, mhh? Aber von mir aus, ich bin sowieso gleich verabredet. Pass auf dich auf, und lass die Finger von Hintern, die nicht dir gehören! Bye."

„Bye." Carleen beendete das Gespräch und warf den Hörer neben sich aufs Bett. Sie war plötzlich so furchtbar wütend auf Tyra. Aber warum eigentlich? Es waren doch nur ihre Hirngespinste, die sie dazu trieben, Carleen immer und immer wieder mit demselben Thema zu nerven. Fein, es war nicht zu leugnen, dass ihre Gefühle für Kian stark mit denen für Adam konkurrierten, aber solange sie sich selbst im Griff hatte und wusste, was sie hier aufs Spiel setzte, konnte überhaupt nichts passieren. Sie war hierher gekommen und hatte gewusst, dass sie Kian noch immer liebte, und sie würde irgendwann wieder in die Staaten zurück fliegen und es dann immer noch wissen. Nur hieß das doch nicht, dass sie dazu Grenzen überschreiten musste, die sie sich selbst gesetzt hatte. Es tat gut, mit Kian zu reden, ihm nah zu sein und sein Aftershave zu riechen, wenn sie direkt neben ihm stand, aber das machte sie doch nicht gleich zur Ehebrecherin! Ok, wenn er sie berührte oder sich zu ihrem Ohr hinunterbeugte, damit sie ihn über all den Tumult um sie beide herum verstehen konnte, dann konnte Carleen nicht leugnen, dass sie dabei den Wunsch hatte, ihm noch näher zu sein - sich nach den alten Zeiten zurücksehnte. Aber so ging es einem nun mal mit einem Menschen, den man liebte, und dass sie ihn liebte, das hatte sie nie geleugnet. Zumindest nicht sich selbst gegenüber. Sie wusste, dass sie ihn liebte, aber sie wusste auch, dass das nicht ausreichte, um ihre eigenen Prinzipien über Bord zu werfen - oder seine.

Das Klopfen an ihrer Zimmertür riss Carleen aus den Gedanken. „Augenblick, ich komme!" Wer auch immer es war, sie würde ihn irgendwie abwimmeln. Sie war müde und hatte nicht wirklich Lust auf Gesellschaft, egal welcher Art. Erst recht nicht auf dich, dachte sie, als sie die Tür öffnete und sah, wer davor stand. Nicht genug damit, dass Violet sich vor zwei Tagen urplötzlich dazu entschlossen hatte, Kian auf der Tour durch Irland zu begleiten. Jetzt stand sie auch noch vor ihrer Tür. Sent from hell...

„Cal, kann ich für einen kurzen Augenblick reinkommen? Sie müssen mir einen wirklich, wirklich großen Gefallen tun." Violet wartete nicht erst darauf, bis Carleen sie hineinbat, sondern stürmte einfach an ihr vorbei ins Zimmer. Carleen schloss die Tür wieder, bevor sie sich umdrehte und sich ein Lächeln abzwang. Diese Frau war noch schlimmer, als sie befürchtet hatte. Abgesehen davon, dass ihre Hände und Lippen in jeder freien Minute an Kian zu kleben schienen, hatte sie es sich ganz offensichtlich zur Aufgabe gemacht, die neue beste Freundin von Carleen zu werden. Ganz gleich, was Carleen auf dieser Tour tat, Violet war auch da, und ganz egal, wohin Carleen sich flüchtete, Violet würde sie finden.

„Tut mir leid, sie enttäuschen zu müssen, aber ich bin wirklich müde. Was auch immer es ist, ich bin mir sicher, dass es bis morgen warten kann. Der Tag war anstrengend und wenn ich ehrlich bin, dann lege ich jetzt nicht sehr großen Wert auf eine Unterhaltung. Verstehen sie das?" Lächeln. Immer schön lächeln. Ohne zu fragen ließ Violet sich auf das Bett fallen und schlug die Beine übereinander. Anscheinend hatte sie nicht vor, sich so schnell abspeisen zu lassen.

„Ja, natürlich verstehe ich das, aber ich würde sie nicht fragen, wenn es nicht wirklich wichtig wäre. Hören sie, ein paar meiner Freundinnen sind in der Stadt, und ich würde sie wirklich nur zu gerne sehen. Das Problem dabei ist, dass ich Kian versprochen habe, auf Lilly aufzupassen. Keine Angst, sie liegt in seinem Zimmer und schläft. Nur kann ich sie doch jetzt nicht alleine lassen, ihr Daddy würde mir den Kopf abreißen und das ist das Letzte, was ich will. Ich meine, ich habe gesehen, wie gut sie sich mit ihr verstanden haben die letzten Tage, und darum waren sie die erste, die mir eingefallen ist. Bitte helfen sie mir, Carleen. Das wäre großartig!" Nun, das änderte Carleens Standpunkt ein wenig. So sehr sie sich auch geärgert hatte, dass Violet zum Team dazugestoßen war, desto mehr hatte sie sich über Lillys Anwesenheit gefreut. Die Kleine war eine echte Bereicherung gewesen, sowohl für Kian als auch für alle anderen. Ihre Energie schien unendlich zu sein, genau wie ihre gute Laune. Und dann zu sehen, wie Kian mit ihr umging.. sie ansah, über ihr Haar strich, wenn sie aufgeregt von irgendetwas erzählte oder auf dem Hotelflur Verstecken mit ihr spielte. Das waren die Momente, in denen Carleen darüber nachdachte, ob sie das Richtige tat, indem sie Jared vor ihm verschwieg. Vielleicht gab es doch noch eine Möglichkeit..

„Cal, hören sie mir überhaupt zu?" Argh, sie musste damit aufhören, ständig von einem Gedanken zum nächsten zu schweifen und ihren Gegenüber dabei vollkommen zu vergessen. Sie räusperte sich kurz, bevor sie langsam nickte. „Ja, das tue ich. Und ich bin einverstanden. Kian würde die Idee ganz sicher nicht gefallen, Lilly alleine zu lassen. Ich gehe rüber und passe solange auf sie auf. Amüsieren sie sich gut."

Violet klatschte begeistert in die Hände, ehe sie aufsprang und Carleen in einem Anfall von Nächstenliebe stürmisch umarmte. Dann zog sie den Reißverschluss ihrer Handtasche auf und holte einen Schlüssel heraus. „Oh, sie sind ein Engel, Carleen. Hier ist sein Zimmerschlüssel. Achten sie einfach nicht auf das ganze Zeug, das herumliegt. Kian hält nicht wirklich viel von Ordnung. Wir sehen uns dann später, ja?" Ohne auch nur auf eine Antwort zu warten, stürmte sie zur Tür und war verschwunden. Carleen schüttelte frustriert den Kopf, ehe sie den Schlüssel in ihre Hosentasche stopfte und in ihrem Koffer nach einem Buch kramte, das sie würde lesen können. Warum tat sie das überhaupt? Sie hätte Violet hängen lassen sollen, einfach nur um ihr dummes Gesicht zu sehen, wenn ihre gesamten Pläne für den Abend den Bach runtergingen. Aber nein, sie hatte sich breitschlagen lassen und würde die halbe Nacht damit verbringen, in einem fremden Hotelzimmer zu sitzen und auf die Rückkehr eines bis dahin vermutlich betrunkenen Daddys zu warten. Großartig.

Sie schloss die Tür hinter sich, bevor sie über den Flur zu Kians Zimmer hinüber ging. Es war dunkel, als sie eintrat und nur mit Mühe konnte sie das große Bett und eine kleine Gestalt unter der Decke erkennen. Leise durchquerte sie das Zimmer und tastete sich an den Schreibtisch heran, der unter dem großen Fenster stand. Dort legte sie ihr Buch und den Schlüssel ab und schaltete die kleine Lampe neben sich ein.

„Ist sie weg?" Carleen wirbelte überrascht herum, als sie das leise Flüstern hinter sich vernahm. Lilly schlug die Bettdecke zurück und saß plötzlich aufrecht im Bett.

„Hey Baby, ich dachte du schläfst. Ja, Violet ist weg. Sie hat mich gebeten, auf dich aufzupassen. Ich hoffe, du hast nichts dagegen." Sie lächelte, ehe sie zu Lilly hinüber lief und sich zu ihr auf die Bettkante setzte.

„Vi ist doof. Ihre Geschichten sind langweilig, sie gibt sich gar keine Mühe. Außerdem bin ich überhaupt nicht müde. Sehen wir uns einen Film an? Bitte Leen!" Carleen lachte leise und strich ihr eine der lockigen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Leen. Zwar hatte Lilly jetzt keine Probleme mehr damit, Carleens Namen richtig auszusprechen, doch es schien ihr Spaß zu machen, immer ein paar Buchstaben unter den Tisch fallen zu lassen.

„Also gut. Wartest du hier auf mich? Ich gehe ganz schnell runter und frage, ob sie ein schönes Video haben, das sie uns ausleihen können. Irgendwelche speziellen Wünsche, Missy?" Lilly schüttelte energisch den Kopf, ehe sie in die Mitte des Bettes rutschte und nach ihrem Kuscheltier griff. Carleen lachte, als sie erkannte, WELCHES Kuscheltier sie da hatte.

„Wussy guckt also mit uns mit, mhh?!"

„Er guckt immer mit! Aber woher kennst du ihn? Ich habe ihn dir doch noch gar nicht gezeigt." Lillys kleine Stirn runzelte sich in Unverständnis. Wie sollte sie auch wissen, dass Carleen Wussy schon vor sehr langer Zeit kennen gelernt hatte, genau wie sie. Carleen zuckte mit den Schultern und stand auf.

„Das war auch nicht nötig, Schatz. Leg dich hin und warte hier auf mich, ja? Ich bin gleich wieder da. Und dann amüsieren wir uns!"

Kapitel 15

Carleen schaltete den Fernseher ab und legte die Fernbedienung beiseite, ehe sie vorsichtig vom Bett aufstand und die Decke noch fester um Lilly wickelte. Der Trickfilm war ein voller Erfolg gewesen, denn schon nach wenigen Minuten hatte der kleine Lockenkopf aufgegeben und war entgegen ihrer Behauptung, nicht müde zu sein, eingeschlafen. Jetzt lag sie inmitten des Bettes, eingekuschelt in jede verfügbare Decke und mit Wussy fest in ihren Armen. Carleen vergewisserte sich noch einmal, dass alles ok war und sie beruhigt eine kleine Auszeit nehmen konnte, bevor sie die Tür des Zimmers hinter sich schloss und hinaus auf den Flur trat. Ein Blick auf ihre Uhr verriet ihr, dass es erst kurz nach Elf war, und sich unten an der Bar wohl ohne Weiteres noch irgendetwas zu Essen finden würde. Ihr Magen machte sich bemerkbar, und wenn sie schon die halbe Nacht damit verbrachte, auf Lilly aufzupassen, dann konnte sie die freie Zeit ruhig für einen kleinen Snack nutzen.

Ein paar der Hotelgäste hatten es sich in den Sesseln der Bar gemütlich gemacht oder saßen auf den Barhockern, während sie sich ihre Drinks schmecken ließen. Carleen wollte gerade in einer der freien Sitzecken Platz nehmen, als ihr Blick auf einen Mann fiel, der alleine an einem Tisch saß und gerade eben einen Schluck von seinem fast leeren Drink nahm. Sie wartete darauf, dass er sie sehen und zu sich winken würde, doch als nichts dergleichen geschah, lief sie einfach zu ihm hinüber und setzte sich. „Hey Chippy. Sag bloß, die Jungs waren keine gute Gesellschaft. Oder schmeckt der Jim Beam hier so gut?" Sie lächelte Shane zu, als er endlich von seinem Glas aufblickte und sie ansah. Ein Lächeln zuckte an seinen Mundwinkeln, doch ehe es überhaupt da gewesen war, war es schon wieder verschwunden.

„Ein bisschen von jedem, denke ich. Es klingt unglaublich, aber es gibt tatsächlich Tage, an denen ich lieber alleine bin, anstatt mit den Jungs um die Häuser zu ziehen und über jeden weiblichen Hintern zu referieren, der auf zwei langen Beinen an uns vorbeigelaufen kommt. Nur ich und das Glas. Cheers!" Er nahm einen weiteren langen Schluck, bevor er das leere Glas zurück auf den Tisch stellte und dem Kellner an der Bar mit einer Handbewegung ein Zeichen für einen weiteren Whiskey gab. Carleen wusste, dass irgendetwas nicht stimmte, vielleicht hatte ihn irgendjemand verärgert. Nur wollte er ganz offensichtlich nicht darüber reden, und sie würde mit Sicherheit nichts tun, was ihn vielleicht noch mehr ärgerte. Sie nahm die Karte, die neben ihr lag und schlug die erste Seite auf, nur damit sie überhaupt etwas zu tun hatte.

„Wieso bist du eigentlich noch wach? Soweit ich mich erinnern kann, hat dir der Arzt gesagt, dass du dich immer noch schonen sollst. Und wer weiß, wann wir das nächste Mal die Gelegenheit dazu bekommen, so zeitig ins Bett zu gehen wie heute." Carleen blickte von ihrer Karte auf. Der Unterton in seiner Stimme gab ihr das Gefühl, unerwünscht zu sein. Er würde sie allerdings erst direkt darum bitten müssen, zu gehen, denn vorher würde sie keinen Schritt machen! In aller Eile entscheid sie sich für ein Hühnchensandwich und gab ihre Bestellung beim vorbeikommenden Kellner auf, bevor sie sich nach vorne lehnte und die Arme auf dem Tisch verschränkte.

„Hör mal, wenn du willst, dass ich gehe, dann sag es ruhig! Es gibt hier genug freie Tische, und ich bin mir sicher, ich finde jemanden, der gesprächiger ist als du. Ich wollte lediglich nett sein und da du ganz offensichtlich mit irgendwas ein Problem hast, dachte ich, wir könnten darüber reden. Das ist es doch, was du mir immer sagst, nicht wahr? Ich soll mit dir reden, wann immer es mir schlecht geht. Und jetzt sitzt du hier, fühlst dich ganz offensichtlich miserabel, aber betrinkst dich lieber bis zur Besinnungslosigkeit, als mir zu sagen, was dich bedrückt. Fein!" Sie machte Anstalten, aufzustehen, doch Shane hielt sie plötzlich an ihrer Hand fest und zog sie zurück auf den Stuhl.

„Tut mir leid, Cal, wirklich. Ich wollte das nicht an dir auslassen, ehrlich nicht. Nur gibt es manchmal einfach Tage, an denen ich das Gefühl habe, niemand versteht mich, und einfach allein sein muss. Manchmal tut es ganz gut, mit den Jungs auf die Piste zu gehen und einfach an nichts anderes zu denken, als an Spaß, aber heute hat es einfach nicht funktioniert." Shane schüttelte den Kopf, ehe er sich mit einer Hand durch seine Haare fuhr und seufzte. Seit sie sich kannten, hatte Carleen ihn noch nie so erlebt, doch ein ihr eigener Instinkt sagte ihr, dass es um ein Problem ging, das sie selbst sehr gut kannte.

„Es geht also immer noch um Gillian, mhh?!" Shane hatte Carleen einmal von ihr erzählt, und dass sie sich bereits vor Monaten von ihm getrennt hatte. Damals hatte Carleen den Eindruck gehabt, Shane würde sehr gut mit der Trennung zurechtkommen und hätte eingesehen, dass es am Ende das Beste gewesen war, sowohl für Gillian als auch für ihn. Wenn sie ihn jetzt aber hier so sitzen sah, vollkommen in Gedanken versunken und fertig mit sich und der Welt, dann hatte sie das Gefühl, sich getäuscht zu haben.

Zu ihrer eigenen Überraschung jedoch schüttelte Shane den Kopf. Langsam, so als würde er es eigentlich doch nicht tun, aber Carleen konnte es sehen. „Nein, es ist nicht Gillian." Er drehte das Whiskeyglas nervös in seinen Händen hin und her, wahrscheinlich nur, um sie nicht ansehen zu müssen. Carleen griff über den Tisch nach seiner Hand und hielt sie fest, während sie darüber nachdachte, was er gesagt hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es noch etwas geben konnte, das ihn derartig runterzog. Das war nicht der Shane, den sie gewohnt war.

„Aber was ist es dann? Shane, ich weiß dass du große Lust hast, einfach ein Glas nach dem anderen zu leeren und darauf zu warten, dass all diese Gedanken und Sorgen aus deinem Kopf verschwinden. Glaub mir, ich hab es oft genug versucht und alles, was ich davon hatte, waren höllische Kopfschmerzen am nächsten Morgen. Komm schon, ich habe dir wegen Kian mehr als einmal ein Ohr abgekaut, du hast also einiges gut bei mir." Sie zwinkerte Shane zu, in der Hoffnung, ihm ein Lächeln abgewinnen zu können. Tatsächlich hellten sich seine Gesichtszüge ein wenig auf, doch das hielt nicht lange. Sofort machte sich wieder ein Ausdruck auf seinem Gesicht Platz, den Carleen nicht richtig deuten konnte. Einen kurzen Augenblick lang zögerte er, blickte wieder hinunter auf seinen Whiskey.

„Also gut. Es geht um eine Frau. Eine Frau, die mich nicht einmal wahrnimmt. Natürlich, sie sieht mich, sie redet mit mir, aber sie wird in mir nie das sehen, was sie in mir sehen soll. That’s the story." Wieder ein Schluck aus dem Glas, wieder ein Stück näher am Vergessen. Carleen sah ihm dabei zu, wie er einen Teil des Whiskey hinunterstürzte und kurz die Augen schloss, als die Flüssigkeit in seinem Hals zu brennen begann.

„Wie, das ist alles?! Erzähl mir von ihr! Wie sieht sie aus, was macht sie, wo hast du sie kennen gelernt?!" Carleen würde ihn nicht so einfach davonkommen lassen, denn das hatte mit Sicherheit ihre Neugier geweckt.

Shane zuckte mit den Schultern, so als würde er das lästige Thema von sich abschütteln wollen. Carleen wusste, dass es weh tat, zurückgestoßen und nicht beachtet zu werden, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass man einem Mann wie Shane Filan auf Dauer widerstehen konnte. Das war gänzlich unmöglich! „Was soll ich dir denn erzählen? Sie ist wunderschön, intelligent, einfach großartig! Weißt du, manchmal trifft man einen Menschen und lernt ihn richtig kennen, und plötzlich, irgendwann realisiert man, dass man nach genau diesem Menschen ein ganzes Leben lang gesucht hat. Ich sollte ein Buch drüber schreiben, mhh?!" Er hatte versucht, witzig zu sein, aber Carleen konnte nicht darüber lachen. Erst jetzt hatte sie begriffen, wie schwer Shane wirklich an dieser Sache zu knabbern hatte. Sie konnte es in seinem Gesicht lesen, seinen Augen, dem Ton seiner Stimme. Alles in ihm schien nach dieser Frau zu schreien, und er konnte rein gar nichts dagegen tun.

„Shane, es ist nicht irgend so eine dahergeredete Floskel, wenn ich jetzt sage, dass ich genau weiß, wie du dich fühlst. Man glaubt, diese eine Person gefunden zu haben, mit der man alt werden will, und dann erkennt man, dass es Dinge im Leben gibt, auf die man keinen Einfluss hat. Aber glaub mir, wenn diese Frau auch nur ein klein wenig Verstand besitzt, dann wird sie sehen, wie einzigartig du bist! Sie wird sehen, dass du das Beste bist, was ihr passieren kann. Und hey, wenn alles reden nichts hilft, dann lässt du sie einfach mal an deinem Hemd riechen! Ihr Aftershave ist tödlich, Mister!" Diesmal lachte er, genau das Lachen, das Carleen so an ihm liebte. Carleen würde alles tun, damit es Shane besser ging, ohne Zweifel. Er hatte ihr so oft geholfen, ihr zugehört, sie in den Arm genommen und war überhaupt immer da gewesen, wenn sie ihn gebraucht hatte. Wenn sie ihm jetzt ein klein wenig davon zurückgeben konnte, dann würde sie das auch tun. „Na siehst du, es geht doch! Du musst ihr Zeit geben, Chippy, damit die Dinge sich entwickeln können. Vielleicht geht es ihr genau in diesem Moment genauso wie dir und sie sitzt jetzt irgendwo mit ihrer Freundin und steigert den Umsatz von hochqualitativen Whiskey. Es ist auch gut möglich, dass sie genauso fühlt wie du und davon nur noch keine Ahnung hat. Gib nicht so schnell auf, das würde dir nicht ähnlich sehen. Wenn du sie haben willst, dann hol sie dir!"

Shane lachte und leerte in einem letzten Zug sein Glas. „Ja, genau das werde ich tun. Ich werde mein Lasso nach ihr auswerfen, und bevor sie sich wehren kann, hinauf in mein Schlafzimmer ziehen! Lang lebe der Wilde Westen!"

Carleen stimmte in sein Lachen ein. „Hey komm, so schlecht ist die Idee nicht! Manchmal muss man die Menschen zu ihrem Glück zwingen, und aus so einem Lasso kommt man verdammt schwer wieder raus - ich spreche dabei übrigens nicht aus Erfahrung. Anyway, tu einfach das, was sich deiner Meinung nach richtig anfühlt. Es kann gut gehen oder schief laufen, aber am Ende kannst du immer noch sagen, dass du es wenigstens versucht hast. Und wenn du mich fragst, dann wird diese Frau früher oder später deinem Charme erliegen, ob sie will oder nicht!"

Shane war bei ihren Worten nachdenklich geworden, und nickte langsam, als diese Worte in ihm nachhallten. „Ich hoffe, du hast Recht. Ich hoffe wirklich, dass du das hast." Carleen lächelte, bevor sie sich langsam zu ihm hinüberbeugte und seinen Mund küsste. Dann wich sie ein Stück von ihm zurück, um ihm in die Augen sehen zu können. In große braune Augen..

„Ich weiß, dass ich Recht habe."


Kapitel 16
Ok, was hältst du davon, wenn du jetzt erst mal ins Bad gehst und dir die Zähne putzt, mhh? Danach können wir runter gehen und nachsehen, ob wir irgendwo Cornflakes für dich finden. Wie hört sich das an?" Carleen fuhr Lilly durch die Haare, die noch vollkommen zerzaust waren, und lachte, als sie außer einem langen Gähnen keine Antwort erhielt. Obwohl es ganz offensichtlich war, dass Lilly sich am liebsten zurück in die Decken gekuschelt hätte, nickte sie langsam, ehe sie sich bereitwillig von Carleen aus dem Bett heben ließ und hinüber ins Bad trottete. Carleen sah Lilly hinterher und wartete, bis sie den Wasserhahn aufgedreht hatte, bevor sie die Bettdecke vor sich anhob und kräftig aufschüttelte.

Sie war wütend. So wütend, dass sie Kian ohne weiteres die Nachttischlampe, die neben ihr stand, an den Kopf geknallt hätte, wenn sie die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Doch von ihm war weit und breit nichts zu sehen, so wie es schon die ganze Nacht der Fall gewesen war. Carleen war nach ihrem Gespräch mit Shane wieder hinauf ins Zimmer zu Lilly gegangen und hatte auf Kian gewartet. Gewartet, und gewartet und gewartet..

Irgendwann war sie so müde gewesen, dass sie das Buch, das sie zum Zeitvertreib gelesen hatte, beiseite gelegt und sich zu Lilly ins Bett gelegt hatte. Und als sie an diesem Morgen kurz nach neun aufgewacht war, hatte Carleen alles genauso vorgefunden wie am Abend zuvor. Keine Spur davon, dass Kian vielleicht einmal kurz da gewesen und anschließend wieder gegangen war. Er war also ÜBERHAUPT gar nicht da gewesen, ein Gedanke, der Carleen wütend aufschnauben ließ.

Violet musste ihm doch Bescheid gesagt haben, dass Carleen hier auf Lilly aufpasste und auf seine Rückkehr wartete, dass sie bessere Dinge zu tun hatte, als sich die Nacht mit einem mittelmäßigen Buch um die Ohren zu schlagen und darauf zu warten, dass Kian seine Sauftour beendete und zu seiner Tochter zurückkehrte. Und selbst wenn Violet das nicht getan hatte, dann konnte er doch unmöglich die ganze Nacht wegbleiben und Lilly in der Obhut einer Frau lassen, die seine Tochter noch nicht einmal leiden konnte! Was dachte er sich überhaupt dabei? Carleen hoffte, ihn unten beim Frühstück anzutreffen, denn wenn nicht, dann würde sie persönlich jeden Zentimeter der Stadt auf den Kopf stellen, um ihn zu finden!

„Sauber?" Lilly sprang vor Carleen aufs Bett und weitete ihren Mund zu einem lächerlich breiten Grinsen, das strahlend weiße, kleine Zähne entblößte. Carleen nickte zufrieden. Zuerst würde sie sich um Lilly kümmern, und Kian DANN den Kopf abreißen. Sie konnte immerhin nichts dafür, dass ihr Vater ein ignoranter, egoistischer, selbstsüchtiger, verbohrter Esel war, dem Carleen nur zu gern die Meinung gesagt hätte.

„Das sieht großartig aus, Lil. Fehlt nur noch etwas, was wir gegen deinen Pyjama eintauschen können." Es dauerte fast zwanzig Minuten, bis Carleen in dem ganzen Kofferchaos eine Jeans und ein dazu passendes rotes Shirt gefunden hatte. Lilly zog sich bereitwillig um, ehe Carleen ihr die Haare bürstete und sie zu einem Pferdeschwanz zusammenband. Obwohl es nicht nötig war, ließ Carleen sich damit jede Menge Zeit. Sie beobachtete Lilly durch den großen Badspiegel, vor dem sie standen, wie sie angeregt erzählte und ihre Hände zu kleinen Gesten formte. Dieses Kind hatte schon so viel von Kian, dass es einem fast Angst machte. Sie würde zu einer Schönheit heranwachsen, daran bestand kein Zweifel, und Carleen musste unwillkürlich lächeln, als sie daran dachte, welch Kopfzerbrechen das Kian wahrscheinlich jetzt schon bereitete.

„Daddy!" Carleen war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie nicht gehört hatte, wie die Tür zum Zimmer aufgegangen und leise wieder ins Schloss gefallen war. Sie wich ein paar Schritte zurück, als Lilly an ihr vorbei in das angrenzende Schlafzimmer stürzte und Kian um den Hals fiel, der es gerade noch geschafft hatte, in die Hocke zu gehen. Er umarmte sie und küsste ihre Stirn, bevor er sie hochhob und über ihr Haar streichelte. Carleen begegnete seinem Blick und hielt ihm stand. Wenn er glaubte, sich mit irgendeiner fadenscheinigen Entschuldigung herausreden zu können, dann hatte er sich geschnitten. So wie er aussah, hatte er wahrscheinlich die ganze Nacht durchgefeiert und keine Lust auf eine Diskussion, aber das interessierte sie nicht mal ansatzweise. Er WÜRDE mit ihr diskutieren.

„Wo bist du gewesen? Du hast den ganzen Film verpasst, Daddy." Das hätte Carleen auch gerne gewusst.

Kian seufzte, bevor er Lilly zurück auf den Boden setzte und sich noch einmal hinhockte, um ihr in die Augen sehen zu können. „Tut mir leid, Prinzessin. Ich wusste nicht, dass du auf mich gewartet hast. Violet hat mich angerufen und mir gesagt, dass du schon schläfst, also dachte ich, es wäre okay für dich und Wussy, wenn ich ein wenig länger wegbleibe." Er lächelte. „Verzeihst du deinem alten Daddy? Ich verspreche, dass ich es wieder gut machen werde. Pass auf, ich nehme jetzt eine Dusche, und wenn du vom Frühstück wieder zurück bist, dann sehen wir uns einfach noch einen Film an. Jeden, den du willst."

„Wirklich, Daddy?" Lilly schien seinen Worten nicht ganz glauben zu können. Wie auch, wenn dieser Daddy ganz offensichtlich bessere Dinge zu tun hatte, als sich um seine Tochter zu kümmern. Carleen lehnte sich an den Rahmen der Badezimmertür und verschränkte die Arme. So wie sie ihn kannte, würde Kian nach so einer Nacht tot ins Bett fallen, anstatt irgendeinen Trickfilm zu gucken, den er wahrscheinlich eh schon Hundertmal gesehen hatte. Aber bitte, das war nicht ihr Problem..

„Ganz wirklich. Lass mich nur eben duschen und dann gehöre ich ganz dir, ok? Frag Bryan doch mal, wo er das ganze Popcorn gestern Abend herhatte. Wenn du willst, besorgen wir uns nachher auch was davon und machen es uns so richtig gemütlich. Klingt das gut?" Kian tippte ihr mit seinem Zeigefinger auf die Nase und lachte, als Lilly ihn ein weiteres Mal stürmisch umarmte und seine Wange mit kleinen Küssen übersäte.

„Oh ja, Popcorn! Ich geh Pooh gleich fragen." Mit einem Ruck riss sie die Zimmertür auf und rannte mitten in ihren Pooh, der sie gerade noch abfangen und festhalten konnte. „Woah Vorsicht, Missy! Ist ein gemeines Kuscheltier hinter dir her oder warum rennst du so?" Bryan hob Lilly mit Leichtigkeit hoch und wirbelte sie in der Luft herum, bevor er sie wieder absetzte und neugierig ansah.

„Bry-an, ich will Popcorn!" Sie hüpfte ungeduldig vor ihm auf und ab und zog solange an seinen Hosenbeinen, bis er sich lachend geschlagen gab.

„Okay, nichts leichter als das. Lilly will Popcorn, Lilly bekommt Popcorn! Bis später Egan, ich besorge deiner Tochter jetzt was Anständiges zu essen. See ya." Bryan zwinkerte Kian zu, bevor er Lilly an die Hand nahm und mit ihr den Flur entlang zum Fahrstuhl lief.

Als Beide außer Sichtweite waren, schloss Kian die Tür wieder und drehte sich um. Ganz offensichtlich hatte er vollkommen vergessen, dass Carleen sich noch im Raum befand, denn als er ihrem starren Blick begegnete, hielt er in seinem Tun inne und sah sie an. Dann räusperte er sich. „Wenn es dir nichts ausmacht, dann würde ich jetzt gerne allein sein. Ich muss duschen und-"

„Ob es mir was ausmacht?" Carleen hatte große Lust, ihn zu verprügeln. „Ich verbringe eine ganze Nacht damit, sinnlos herumzusitzen, die Seiten in einem noch sinnloseren Buch umzublättern und darauf zu warten, dass du wiederkommst und du fragst mich, ob es mir was ausmacht? Natürlich macht es mir was aus! Du wirst mir verdammt noch mal sagen, wo du gewesen bist, und was dich davon abgehalten hat, hier anzurufen und mir zu sagen, dass du die Nacht woanders verbringst! Es tut mir ja furchtbar leid, dass du glaubst, es würde mir Spaß machen, den Fußabtreter von Kian John Francis Egan zu spielen, aber genau das tut es eben nicht! Du hast kein Recht, mich hier mit deiner Tochter alleine zu lassen, um in der Zwischenzeit von Club zu Club zu ziehen!" Ruhe.

Kian seufzte, ehe er sich mit einer Hand durch sein Haar fuhr. Dann schüttelte er langsam den Kopf und begann damit, die oberen Knöpfe seines Hemdes zu öffnen. Ohne ein Wort ging er an Carleen vorbei ins Bad und drehte die Dusche auf. „Ich bin dir wirklich sehr dankbar dafür, dass du auf Lilly aufgepasst hast und ich werde mich bei Gelegenheit dafür revanchieren. Alles andere geht dich nichts an."

Carleen ignorierte die Tatsache, dass Kian vor ihren Augen das Hemd von seinen Schultern fallen ließ und den Gürtel seiner Hose öffnete. Dieser Kerl hatte sie ja wohl nicht mehr alle! „Und ob es mich was angeht! Während du nichts besseres zu tun hattest, als dich in irgendeiner Bar zu betrinken, habe ich auf deine Tochter aufgepasst. Auf DEINE Tochter, für die DU verantwortlich bist! Aber anstatt Sorge dafür zu tragen, dass es ihr gut geht, schiebst du sie an ein Möchtegernmodel ab, das keine Probleme damit hat, sie an den Nächstbesten mit genug freier Zeit weiterzureichen! Ist das deine Vorstellung von einem guten Vater? Fein, dann haben wir ganz offensichtlich andere Ansichten, was dieses Thema angeht. Auf jeden Fall werde ich nicht eher hier weggehen, bis du dich bei mir entschuldigt hast! Und wage es nicht, mir zu widersprechen!" Carleen bohrte ihren Finger praktisch in seine Brust, bevor sie ein Stück zurückwich und sich die Zeit nahm, ihn anzusehen. Jegliche Wut schien plötzlich wie weggeflogen...

„Kian, du bist so gut wie nackt!! Ich versuche mit dir zu streiten, und du bist nackt! Zieh dir gefälligst was an, wir sind hier noch lange nicht fertig!" Carleen drehte ihm den Rücken zu und verschränkte die Arme. Sie würde warten, bis Kian hinter dem Duschvorhang verschwunden war, ehe sie ihrer Wut noch weiter Ausdruck verlieh. Gott, wie peinlich.. ihre Wangen röteten sich noch mehr, als sie Kian hinter sich lachen hörte.

„Ich habe dich gewarnt, Cal. Im Moment will ich nichts weiter außer einer heißen Dusche und ein wenig freier Zeit mit meiner Tochter. Alles andere wird warten müssen, auch du. Was auch immer du mir zu sagen hast, heb es dir für später auf. Oder hattest du vor, mit unter die Dusche zu kommen?" Oh, sie hasste ihn wirklich. Carleen konnte sich nur zu gut vorstellen, wie er jetzt hinter ihr stand und bis über alle beide Ohren grinste. Wenn Kian glaubte, er könnte all das hier jetzt ins Lächerliche ziehen, nur damit sie Ruhe gab, dann hatte er sich geschnitten. Natürlich war es ihr peinlich, dass sie Kians Privatsphäre so ignoriert und sie beide dadurch in eine äußerst prekäre Situation gebracht hatte, aber das würde sie später bestimmt nicht davon abhalten, eine Erklärung von ihm zu verlangen.

„Halt die Klappe, Egan." Ohne sich noch einmal zu ihm umzudrehen, stürmte Carleen aus dem Bad und knallte die Tür hinter sich zu. Dann lief sie hinüber zum Bett, das sie vor ein paar Minuten noch so sorgfältig arrangiert hatte und ließ sich bauchwärts hinfallen. Dort vergrub sie ihr Gesicht in den Kissen und stöhnte. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Sie hatte ernsthaft versucht, Kian die Hölle heiß zu machen und er hatte nichts besseres zu tun, als sich vor ihren Augen auszuziehen und dann auch noch Witze über sie zu machen! Frustrierend.

Carleen wartete, bis die spürbare Röte aus ihrem Gesicht gewichen war, bevor sie sich aufrecht aufs Bett setzte und ihre Beine übereinander schlug. Sie würde hier bestimmt nicht weggehen, ehe sie nicht das gesagt hatte, was sie zu sagen hatte. Und wenn Kian meinte, er würde sich halbnackt vor sie stellen und sie somit aus dem Konzept bringen können, dann würde sie ihn eines besseres belehren. Sie hatte das alles immerhin schon einmal gesehen...




Kapitel 17

Nachdem Carleen sich vergewissert hatte, dass auch ein Bryan McFadden das `Do Not Disturb’ an der Tür würde lesen können, schloss sie diese wieder hinter sich und ließ sich zurück aufs Bett fallen. Sie war sich ziemlich sicher, dass Bryan dieses Schild falsch interpretieren würde, aber wenn es ihn davon abhielt, mit Lilly das Zimmer zu stürmen, dann würde sie damit leben können.

Nachdem Carleen realisiert hatte, dass es im Prinzip gar nichts gab, wofür sie sich hätte schämen müssen, war ihre Wut auf Kians Verhalten zurückgekehrt. Es war eine Sache, die ganze Nacht über wegzubleiben und sich nicht dafür zu interessieren, was aus ihr und Lilly wurde, aber wenn er sich dann auch noch über sie lustig machte oder sich vehement weigerte, ihr zuzuhören, dann war das Maß gestrichen voll!

Carleen setzte sich aufrecht hin, als sie hörte, wie das plätschernde Wasser im Bad versiegte. Kian war ganz offensichtlich fertig. Alles, was sie jetzt noch zu tun hatte, war, sitzen zu bleiben und darauf zu warten, dass er rauskam. Dann hatte sie alle Zeit der Welt, um ihm den Kopf abzureißen und seine Überreste an der Wand zu verteilen...

Sie hätte vielleicht bedenken sollen, dass es eine ganze Weile her war, seit sie Kian das letzte mal im Handtuch gesehen hatte.. und zwar NUR im Handtuch!

„Cal, ich weiß nicht, ob ich mich vorhin nicht klar genug ausgedrückt habe, aber soweit ich mich erinnern kann, hatte ich dich darum gebeten, zu gehen. Lilly müsste jeden Augenblick vom Frühstück zurückkommen." Kian zog die Tür zum Badzimmer hinter sich zu, ehe er zu seinem Kleiderschrank hinüberging und ihn öffnete. Carleen wusste nicht, worüber sie erstaunter sein sollte. Darüber, dass Kian hier lediglich mit einem Handtuch um die Hüften vor ihr stand und ihm das ganz offensichtlich noch nicht einmal etwas ausmachte, oder doch eher darüber, dass er sie und ihre Belange ganz offensichtlich ignorierte! Hatte er ihr denn vorhin nicht zugehört? Sie war wütend, und wollte verdammt noch mal eine Erklärung für sein Verhalten haben! Und jetzt überging er sie einfach. Carleen stand auf und stemmte die Hände in die Hüften. So nicht!

„Es ist mir egal, wer wo herkommt oder worum du mich gebeten hast und worum nicht! Ich habe dir vorhin eine Frage gestellt, und soweit ich mich erinnern kann, hast du diese Frage noch nicht beantwortet! Würde es dir was ausmachen, mich anzusehen, wenn ich mit dir rede?" Obwohl es IHR nichts ausgemacht hätte, weiter auf den Hintern im Handtuch zu starren...Carleen schüttelte den Kopf bei diesem Gedanken. Sie war hier um ihn anzuschreien, nicht um ihn anzuSTARREN! Gnädigerweise kam Kian ihrer Aufforderung nach und drehte sich langsam zu ihr um. Sein Gesichtsausdruck ließ allerdings keinen Platz für Fragen. Er hatte keine Lust, sich mit ihr zu streiten und er würde sich auch nicht mit ihr streiten. Full Stop. Trotzdem hatte Carleen die feste Absicht, es wenigstens zu versuchen. Er hatte immerhin kein Recht, erst so mit ihr umzuspringen und dann auch noch zu erwarten, dass sie das einfach so hinnahm.

„Cal, du kennst mich und du kennst mein Temper. Wenn du nicht sofort damit aufhörst, mir irgendwelche an den Haaren herbeigezogenen Vorwürfe zu machen und mir zu sagen, was für ein miserabler Vater ich bin, dann werde ich dich persönlich aus diesem Zimmer werfen. Tür oder Fenster, du kannst es dir aussuchen!" Carleen wusste, dass er keinen Witz machte. Okay, vielleicht war sie ihm mit diesem ganzen Gerede über schlechten Vater und Verantwortungslosigkeit zu nahe getreten, aber sie hatte verdammt noch mal ein Recht dazu, sich im Ton zu vergreifen! Es tat ihr zwar augenblicklich leid, als sie sah, wie er sie anfunkelte, aber sie würde jetzt nicht den Fehler machen und klein beigeben.

„Oh, ich bitte dich, ich lasse mich doch nicht von dir herumschubsen, wie es dir gerade passt! In einem Moment kann ich mich vor deiner Fürsorge und Nächstenliebe kaum retten und im nächsten tust du so, als wäre ich es nicht wert, dass man ein popeliges Telefon in die Hand nimmt und mir sagt, was eigentlich los ist. Kian, versteh das nicht falsch, ich liebe deine Tochter und würde alles für sie tun, aber du kannst nicht von mir verlangen, dass ich mir von dir alles gefallen lasse! Du kriegst doch das Handy sonst kaum von deinem Ohr, war es da so schwer, die Nummer vom Hotel zu tippen und mir eine Nachricht zu hinterlassen?" Carleen merkte, wie sie einen deutlich softeren Ton angeschlagen hatte. Verdammt, dabei war das überhaupt gar nicht ihre Absicht gewesen!

Kian fuhr sich mit einer Hand durch sein feuchtes Haar, bevor er seufzte und an Carleen vorbei zum Bett ging. Dort setzte er sich hin und sah zu ihr auf. „Nein, schwer war es wirklich nicht. Ich habe es einfach vergessen und das tut mir leid. Glaub mir, wenn ich gekonnt hätte, dann wäre ich schon viel eher zurück ins Hotel gekommen, aber wir saßen wegen Glenn ewig im Krankenhaus fest und dann waren wir so erledigt, dass wir alle mitten im Wartezimmer einfach eingeschlafen sind. Nicht wirklich manly, oder!?" Wenn Carleen vorher schon verwirrt war, dann war sie es jetzt erst recht. Irritiert blickte sie auf Kian hinunter, der ihrem Blick begegnete und ein zaghaftes Lächeln versuchte.

„Glenn? Der Glenn, den wir damals in Dublin getroffen haben? Was macht der im Krankenhaus? Oh warte, lass mich raten. Er hat versucht, an die Telefonnummern der Krankenschwestern zu kommen."

Kian lachte, doch schüttelte den Kopf. „Ich weiß, dass ihm das wirklich ähnlich sehen würde, aber es war nichts dergleichen. Er hat sich mit ein paar Typen angelegt und bevor er irgendwas tun konnte, hatten sie ihm ein paar nette Veilchen verpasst, zusammen mit einer Lippe, die der von Angelina Jolie Konkurrenz macht und einer ordentlichen Platzwunde am Kopf. Wir sind mit ihm sofort ins Krankenhaus gefahren, nur haben die dort eine halbe Ewigkeit gebraucht, um uns überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Tut mir wirklich leid, ich sollte nicht versuchen, mich damit herauszureden. Aber es war einen Versuch wert." Einen Versuch wert? Carleen wäre am liebsten im Boden versunken, hätte sie die Gelegenheit dazu gehabt. Kian war ein Held! Ein Held, der die Nacht damit verbracht hatte, einem Freund zur Seite zu stehen, und sie hatte nichts besseres zu tun, als ihn zu beschimpfen und ihm Vorwürfe zu machen. Wie krank war sie eigentlich?

Sie schlug sich mit einer Hand vor die Stirn und schüttelte ungläubig den Kopf, bevor sie sich neben Kian aufs Bett fallen ließ und ihn von der Seite ansah. „Ich bin zu dämlich, wirklich. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich doch niemals meinen vorlauten Mund aufgemacht! Du bist ein großartiger Vater und ein noch besserer Freund und ich sollte mich jetzt einfach selbst dafür erschießen, dass ich solche Sachen zu dir gesagt habe. Nimmst du ein zerknirschtes Sorry als Entschuldigung an?"

Kian begegnete ihrem Blick, legte sich den Zeigefinger auf die Lippen und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Nun, das ist eine gute Frage, die es zu erörtern gilt. Du hast mich vorschnell verurteilt, mich beleidigt, ganz davon abgesehen mein Ego verletzt und AU!" Er hielt in seinem Redefluss inne und griff sich mit einer Hand an seine rechte Schulter.

„Was ist los?", fragte Carleen verwirrt, als sie sein schmerzverzerrtes Gesicht sah. Was auch immer sein Problem war, sie war nicht dran schuld. Sie hatte ihn nicht mal angefasst!

„Nichts. Nur sind diese Plastikstühle im Krankenhaus alles andere als bequem. Shit, Lesley wird eine Ewigkeit brauchen, diese ganzen Verspannungen aus mir rauszukneten." Er kreiste langsam seinen Kopf, während er mit beiden Händen hinter seinen Nacken griff und mit seinen Fingern auf- und abknetete.

Carleen überlegte einen Moment, ehe sie aufs Bett und hinter Kian krabbelte. Sie beugte sich vor zu seinem Ohr und lächelte. „Was hältst du dann davon, wenn ich meine wirklich ernstgemeinte Entschuldigung mit einer kleinen Massage unterstreiche? Sieh mich nicht so an, du warst es immerhin, der im Bad lediglich in Boxershorts vor mir gestanden und süffisant gegrinst hat! Dagegen ist mein Angebot unschuldig wie Jungfrau Maria persönlich. Also?"

Kian erwiderte ihr Lächeln, bevor er langsam nickte. „Ok, wenn es dir nichts ausmacht. Ich denke, meine Schultern könnten ein wenig Aufmerksamkeit und Zuwendung jetzt wirklich gut vertragen. Wie willst du mich haben?"

„WAS?" Carleen sah ihn ungläubig an. DAS hatte sie ganz sicher nicht mit ihrem Angebot gemeint.

Kian lachte. „Wo soll ich mich hinlegen? Oder ist es dir lieber, wenn ich hier sitzen bleibe?"

„Oh...leg dich am Besten hin." Carleen rutschte ein Stück zur Seite, damit Kian sich bauchwärts auf das Bett legen konnte. Dann krabbelte sie auf ihn drauf und drapierte jeweils eines ihrer Beine an den Seiten von Kians Hüfte. Sie nahm sich nicht die Zeit, darüber nachzudenken, dass lediglich ein flauschiges Handtuch sie von seinem Hintern trennte. So wie es jetzt war, gefiel es ihr. Sie hatten einen Weg gefunden, ungezwungen miteinander umzugehen und sie würde ganz sicher nicht zulassen, dass ein paar dumme Gedanken ihrerseits das alles wieder kaputt machten. Vorsichtig lehnte sie sich nach vorne und platzierte ihre Hände auf seinen warmen Schultern.

Das war alles, was nötig war, damit sie realisierte, WIE falsch sie gelegen hatte! Kian hatte vielleicht kein Problem damit, sich von ihr berühren zu lassen, aber sie hatte jetzt definitiv ein Problem damit! Warum musste seine Haut so warm und weich sein, sein Hintern unter ihr so fest und seine Schultern so wunderbar kräftig und muskulös ausgebildet..? BREATH! Carleen atmete leise tief ein, als sie sah, wie Kian die Augen schloss und sich ganz ihren Berührungen hingab. Wer war überhaupt auf diese blöde Idee hier gekommen? Na klar, sie selbst! Und es würde mit Sicherheit furchtbar lächerlich aussehen, wenn sie jetzt einen Rückzieher machte.

Carleen massierte vorsichtig über seine Schultern und lächelte, als Kian ein zufriedenes Seufzen entwich. Sie spürte, wie er unter ihren Händen relaxte und ein paar der Verspannungen langsam zurückwichen. Sie spürte allerdings auch, dass die Spannungen in IHREM Körper immer weiter zunahmen, als sie mit ihren Händen seinen Nacken hinauf fuhr und die Fingerspitzen in den Ansätzen seines immer noch feuchten Haares vergrub, bevor sie die Hände wieder nach unten und über seine Schulterblätter gleiten ließ...

Plötzlich realisierte Carleen, dass sie den unglaublichen, geradezu absurden Gedanken, der in ihr aufstieg, durch nichts würde unterdrücken können. Weder durch die Grenzen, die sie sich vor ihrer Abreise nach Irland selbst gesetzt hatte, noch durch die Erinnerungen an Adam und Jared. Selbst ihre Verpflichtungen als Ehefrau und Violet gegenüber vergaß sie vollkommen, als sie sich zu Kians Rücken hinunterbeugte und die Stelle zwischen seinen Schulterblättern sanft und vorsichtig küsste... Jeglicher Gedanke an Reue war verschwunden, als ihre Lippen das erste Mal seine Haut berührten und dort regungslos verweilten. Was würde er jetzt tun? Diesmal war er
immerhin hellwach!

Kapitel 18 
Stille. Carleen hatte sich in den wenigen Sekunden, die sie auf Kians Reaktion wartete, keinen Millimeter bewegt. Ihre Lippen lagen noch immer auf seiner Haut, sanft und warm. Erst als sie spürte, wie Kian sich kaum merklich unter ihr bewegte, hob sie wieder ihren Kopf und sah ihn an. Seine Lippen waren ein wenig geöffnet, sein Atem schwerer als er es vor ein paar Momenten gewesen war. Und obwohl er die Augen geschlossen hatte, wusste Carleen, dass er nicht schlief. War seine Reglosigkeit ein Zeichen dafür, dass sie weitermachen und nicht aufhören sollte? Es gab nur einen Weg, das herauszufinden... 
Carleen senkte ihren Kopf wieder und presste ihre Lippen zurück auf die Stelle, an der sie gerade eben noch gelegen hatten. Dann fuhr sie mit sanften, warmen Küssen hoch zu seinem Hals und hielt kurz hinter seinem Ohrläppchen inne. Was tat sie hier überhaupt? Sie WOLLTE Kian nah sein, sie begehrte ihn, daran bestand kein Zweifel, aber gab es ihr das Recht, derart zügellos mit ihrem eigenen Empfinden und ihren Sehnsüchten umzugehen? Sie war verheiratet, Kian in festen Händen und sie hätte eigentlich jeden Rest ihrer noch vorhandenen Kraft dazu nutzen sollen, gegen eben diese Empfindungen und Sehnsüchte anzukämpfen! Als sie jedoch Kians leises und doch tiefes Stöhnen hörte, das ihre Berührungen ganz offensichtlich verursacht hatten, wusste Carleen, dass das, was sie hier tat, nur richtig sein konnte. Es fühlte sich auf jeden Fall so an.  
Ohne ein Wort an Carleen drehte Kian sich plötzlich um, legte einen Arm um ihre Hüfte und zog sie zurück auf seinen Bauch. Ein kurzer Moment verging, in dem er ihr in die Augen sah, nach einen Grund für ihr Handeln suchte, einem Hinweis darauf, dass all das hier nicht der Wirklichkeit entsprach, nichts weiter als ein Tagtraum war. Doch er fand keinen – wie auch?  
„Cal..“ Sie liebte die Art und Weise, wie er ihren Namen flüsterte, fast heiser. Wie seine Hände gleichzeitig von ihrer Hüfte zu ihren Oberschenkeln hinunterfuhren und dort reglos liegen blieben. Wie er sie ansah, sie näher an sich presste.. 
„Nicht Kian, bitte. Nicht jetzt.“ Aus einem Gefühl heraus wusste Carleen, was er hatte sagen wollen. Irgendetwas, was sie daran hindern würde, ihm nah zu sein, sie zurückweisen würde. Nicht, weil er sie nicht begehrte, dessen war sie sich sicher, sondern weil er wusste, dass er genau in diesem Augenblick sämtliche Verantwortung trug. Nicht nur für sich, sondern auch für sie beide, denn Carleen war nicht länger fähig, irgendeine vernünftige Entscheidung zu treffen. Das wusste sie und das wusste Kian genauso. Doch seit wann war Liebe geprägt von Vernunft? Sie beugte sich zu ihm hinunter, ihre Lippen nur wenige Augenblicke von seinen entfernt. „Ich möchte nicht schon wieder davonlaufen, Kian. Ich will hier bei dir sein, jetzt und solange es mir möglich ist.“ Ihre Hand zitterte, als sie mit ihren Fingern langsam begann, über seine Unterlippe zu fahren. Kian sah sie für einen Moment stumm an, bevor er ihre Hand mit seiner eigenen festhielt und jede ihrer Fingerspitzen küsste. Stück für Stück, vollkommen ohne Eile. Dann ließ er davon ab und sah sie wieder an. 
„Komm her.“ Seine Hände umfassten ihre Gesicht und zogen es zu ihm heran, ohne eine Zweifel daran zu lassen, was als nächstes passieren würde. Seine Lippen umschlossen ihre ohne einen Hauch von Zögern, sondern mit einer Entschlossenheit, die Carleen vollkommen überraschte. Mit seiner Zunge zog er den Lauf ihrer Unterlippe nach, bevor sie sich den Weg in ihren Mund stahl und dort auf ihre eigene traf. Ihre Hände fuhren über seinen nackten Oberkörper hinunter zum Ansatz des Handtuches, auf dem sie noch immer saß und das noch immer fest um seine Hüften verknotet war. Eine Hand ließ sie auf dem Knoten ruhen, während sie mit der anderen unter das Handtuch fuhr und langsam damit begann, über die Innenseiten seiner Oberschenkel zu streichen. Sein tiefes Stöhnen war die Antwort darauf. 
Carleen lachte leise, als Kian sie voller Ungestüm auf den Rücken drehte und sie mit seinem ganzen Körper in die Matratze zurückdrückte – er hatte noch nie besonders viel Geduld gehabt. Während seine Hände eilig zu den Knöpfen ihrer Bluse fuhren und begannen, jeden einzelnen davon hastig zu öffnen, glitten ihre eigenen wieder hinunter zu seinem Handtuch und begannen, den Knoten zu öffnen. Carleen hatte keine Lust mehr, darüber nachzudenken, was richtig und was falsch war – das hier fühlte sich sehr richtig an, also gab es für sie keinen Grund, zu zögern oder Zweifel aufkommen zu lassen. Dazu hatte sie später noch genug Zeit, jetzt wollte sie endlich das haben, wonach sie sich drei lange Jahre gesehnt hatte... 
„Gott, wir haben den Verstand verloren.“ Seine heisere Stimme drang an ihr Ohr, bevor er sie ein weiteres Mal küsste. „Wir sollten damit aufhören, solange wir noch können.“ Ein weiterer Kuss, während er ihr die Bluse ohne eine Spur von Zögern von den Schultern streifte. Er ließ seine Hände hinunter zu ihrem BH gleiten, weiter zu ihrem Bauchnabel bis hin zum Knopf ihrer Hose. Ganz gleich, was er sagte, Carleen wusste, dass er nichts davon wirklich meinte, sondern das lediglich ein letzter verzweifelter Versuch war, sie beide vor etwas zu retten, was im Grunde genommen unaufhaltsam war. Eigentlich hatte Carleen es von Anfang an gewusst, doch war viel zu überzeugt von ihrer Sache gewesen, als dass sie sich das eingestanden hätte – doch jetzt, wo ihre Hände über seine warme Haut fuhren, sich in seinem Haar festkrallten und ihre Lippen unaufhörlich die seinen suchten, da war es für sie unmöglich, die Augen vor der Realität zu verschließen. Wenn sie sich selbst jetzt wieder dazu gezwungen hätte, aufzuhören, dann wäre sie wieder einmal davongerannt – und das würde sie nie wieder tun! Sie wollte ihn lieben und geliebt werden – und genau das wäre auch passiert, wenn.. 
Wenn nicht das Klopfen an der Tür gewesen wäre. 
Beim ersten Mal versuchte sie es zu ignorieren, genau wie Kian, doch wer immer da vor der Tür stand, hatte ganz offensichtlich etwas furchtbar wichtiges zu sagen, denn das Klopfen, das immer energischer wurde, wollte und wollte nicht verstummen. Schließlich stand Kian unter Fluchen vom Bett auf und band sich das Handtuch ein zweites Mal um. „Du bewegst dich keinen Millimeter von hier weg. Wir sind noch nicht fertig miteinander, baby.“ Er küsste Carleen, die hastig versuchte, die Knöpfe ihrer Bluse wieder zuzumachen, bevor er zur Tür ging und sie gerade weit genug öffnete, damit er auf den Flur hinaussehen konnte. 
„Ist Cal bei dir?“ Shane machte sich nicht erst die Mühe, um den heißen Brei herumzureden, sondern drückte die Tür ohne Vorwarnung weiter auf und trat ein. Carleen war mit einem heftigen Satz vom Bett aufgesprungen und versuchte, ihre Haare in aller Eile irgendwie herzurichten, obwohl sie wusste, dass es für Shane kein Geheimnis sein würde, was sie beide hier drin gemacht hatten. Die Laken des Bettes waren vollkommen zerwühlt, Kian trug nichts weiter außer einem Handtuch und einem tödlichen Gesichtsaudruck und sie selber hatte Mühe, ihre Kleider zu ordnen – man musste blind sein, um das nicht richtig zu kombinieren!  
„Du hast mich gefunden. Kann ich irgendwas für dich tun?“ Carleen räusperte sich kurz, während sie versuchte, den abgefallenen Knopf an ihrer Bluse möglichst unauffällig zu kaschieren. Natürlich musste sie vor Shane nicht so tun, als hätten sie Karten gespielt, denn dazu kannte er sie beide viel zu gut, aber es war ihr trotzdem unangenehm, dass er sie in so einer Situation erwischte – auch wenn sie den Grund dafür nicht kannte. Ihr Blick fiel auf Kian, der noch immer an der Tür stand und so aussah, als würde er Shane am liebsten den Hals umdrehen. Es war wohl für jeden Beteiligten besser, wenn sie das Gespräch möglichst schnell beenden würden. 
„Nicht für mich, aber vielleicht für den, der unten in der Lobby auf dich wartet. Ich hätte euch.. nicht gestört, wenn es nicht wirklich wichtig wäre, aber glaub mir, das ist es. Tyra hat das halbe Hotel verrückt gemacht auf der Suche nach dir, und wenn du sie nicht gleich zur Vernunft bringst, dann begeht sie wahrscheinlich einen Mord.“ Carleen entging das nervöse Lachen von Shane völlig, denn was sie gehört hatte, nahm ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Tyra war hier!? Dann war irgendwas nicht in Ordnung, denn ihre Freundin setzte sich niemals freiwillig in ein Flugzeug, wenn es nicht wirklich dringend war und erst recht nicht, ohne ihr vorher Bescheid zu sagen.  
„Oh, ich komme sofort, danke. Wartest du so lange unten auf mich?“ Sie sah Shane mit diesem Blick an, der flehentlich um Verständnis bat und diesen ‚Ich erkläre dir alles später’ -Ausdruck besaß. Shane nickte mit einem Seitenblick auf Kian, bevor er die Tür wieder hinter sich schloss und sie beide allein ließ. Die anfängliche Leidenschaft und Unkontrolliertheit war verschwunden, wahrscheinlich war auch das der Grund für das peinliche Schweigen, das als nächstes den Raum erfüllte. Kian war verärgert über die plötzliche Störung, Carleen wusste ihre Gedanken nicht zu ordnen und überhaupt schien es unmöglich, jetzt etwas zu tun, was die Situation in irgendeiner Weise erträglicher machte. Sie sah ihn lange an, bevor sie auf ihn zutrat und sich auf die Zehenspitzen stellte, damit sie ihn küssen konnte. Es wäre nicht fair gewesen, jetzt einen Rückzieher zu machen – bis vor ein paar Minuten war sie allein von dem Gedanken bestimmt gewesen, endlich wieder mit Kian zusammenzusein, jetzt würde sie ihre Meinung nicht plötzlich ändern, nur weil man sie plötzlich mit der Gegenwart konfrontierte. Das war sie ihnen beiden schuldig.
„Tut mir leid. Was auch immer Tyra will, ich werde es herausfinden und dann sofort wieder hier sein. Das heißt, wenn du das willst.“ Sie sah ihn an, plötzlich ängstlich, dass er jetzt derjenige war, der bereute und froh war, sich noch einmal aus den ganzen unaufhaltsamen Verzwickungen gerettet zu haben. Doch nichts davon schien der Wahrheit zu entsprechen, denn Kian erwiderte ihren Kuss mit der gleichen Wärme und Zuneigung, wie er es gerade eben getan hatte.  
„Ok. Sag Tyra schöne Grüße von mir, wenn sie je wieder auf so eine Idee kommt, binde ich sie eigenhändig irgendwo fest. Ich warte hier auf dich. Bye.“ Er küsste sie ein weiteres Mal, bevor er ihr die Tür aufhielt und sie hinaus in den Flur treten ließ. Carleen drehte sich noch einmal zu ihm um und zwinkerte ihm zu, bevor sie mit eiligen Schritten zum Fahrstuhl lief. Aus irgendeinem Grund hatte sie ein ungutes Gefühl dabei, wenn sie daran dachte, dass Tyra hier war. Zwar hatte sie Carleen immer damit gedroht, sie würde bei ihr auf der Matte stehen, wenn sie sich nicht endlich ein wenig schonte, aber das konnte sie unmöglich ernst gemeint haben. Nein, hier ging es um irgendetwas anderes – und je mehr Carleen darüber nachdachte, desto mehr hatte sie die Befürchtung, dass es etwas sein würde, was ihr mit Sicherheit nicht gefiel. 
Carleen war noch nicht einmal aus dem Fahrstuhl getreten, als sie Tyra an der Rezeption stehen sah, in eine heftige Diskussion mit Shane vertieft. Beide verstummten, als sie Carleen auf sich zukommen sahen. „Wie schön, dass du den Weg nach hier unten endlich gefunden hast, Muffin. Du bist hoffentlich krisenerprobt, denn du hast jetzt ein wirklich riesengroßes Problem!“

Kapitel 19 
Carleen zog Tyra in die nächstmögliche stille Ecke, weit weg von Shane und anderen neugierigen Ohren. Das hier gefiel ihr überhaupt nicht! „Sag mal, wovon redest du eigentlich? Ich habe überhaupt kein Problem, außer vielleicht der Tatsache, dass du hier auftauchst, ohne mir vorher Bescheid zu sagen.“, flüsterte sie hastig. 
Tyra stellte ihren Koffer auf den Boden, und begann damit, ihren Schal abzuwickeln. „Oh, das wird bald dein geringstes Problem sein, Pumpkin. Glaubst du wirklich, ich würde den Weg von Dublin bis hierher machen, nur um dir ein wenig auf den Wecker zu gehen? Ok, die Idee gefällt mir, aber es gibt doch tatsächlich einen triftigen Grund, warum ich hier bin! Wann hast du das letzte Mal mit Adam gesprochen, mhh?“ Sie sah Carleen mit einem dieser vorwurfsvollen Blicke an, die besagten, dass Tyra die Antwort auf ihre Frage längst kannte. 
Carleen zuckte mit den Schultern. „Vor ein paar Tagen. Ich hatte hier eine Menge zu tun, und wenn ich versucht habe, ihn zu erreichen, dann war er entweder nicht in seinem Büro oder hat sich durch seine Sekretärin entschuldigen lassen. Aber ich weiß nicht, was dich das überhaupt angeht und was das alles mit deinem Auftritt hier zu tun hat. Würdest du bitte zur Sache kommen!“ Zum einen wollte sie das Gespräch möglichst schnell beenden, damit sie ihr Versprechen bei Kian einlösen konnte, zum anderen brannte sie darauf, zu erfahren, was hier eigentlich los war. Tyra hatte einen Hang zu dramatischen Auftritten, und wenn Carleen ihr nicht jede Information aus der Nase zog, dann würden sie einen ganzen Abend damit verbringen, in der Vorhalle des Hotels herumzustehen und zu diskutieren. Ihr Blick fiel auf Shane, der ein paar Schritte von ihnen entfernt stand und sich mit Nicky unterhielt, trotzdem von Zeit zu Zeit zu ihnen hinüberschaute. Anscheinend wusste er, was los war, denn irgend etwas in seinen Augen sagte, dass er beunruhigt war – Carleen fühlte sich augenblicklich noch schlechter. 
„Bleib auf dem Teppich, ich versuche dir ja gerade zu erklären, was los ist. Du hast also seit ein paar Tagen nicht mit Adam gesprochen, richtig? Pass auf, ich habe gestern einen Anruf für dich entgegengenommen, von irgendeiner Frau aus seinem Büro. Keine Ahnung, vielleicht noch eine Sekretärin, von der wir nichts wissen. Auf jeden Fall meinte diese überaus freundliche Dame, dass sie ihren Chef nicht erreichen kann und mich darum bittet, ihm etwas auszurichten, wenn er in Dublin gelandet ist. Verstehst du das? D-u-b-l-i-n, Carleen! Das ist meines Wissens nach ein ganzes Stück weg von Boston, aber nur ein kleines von diesem niedlichen, kleinen Hotel hier.“ Ihre Augen schienen ihr geradewegs aus dem Kopf zu fallen, als sie versuchte, Carleen den Ernst der Lage klar zu machen. 
„Warte mal, das ist unmöglich. Ich weiß, dass Rose und Jared in ein paar Tagen nach Irland kommen werden, aber doch nicht Adam. Er hat geschäftlich jede Menge zu tun, er hat überhaupt nicht die Zeit, hierher zu kommen! Welchen Grund sollte er überhaupt dazu haben? Ich habe ihm gesagt, dass es hier jede Menge zu tun gibt und ich kaum eine ruhige Minute haben werde, geschweige denn genug Zeit, um mich um ihn zu kümmern. Ich meine, du musst da irgendwas falsch verstanden haben – das hast du doch, oder?“ Sie hasste sich für ihren flehenden Unterton in der Stimme, konnte ihn aber trotzdem nicht verhindern. Adam war der Letzte, den sie jetzt gebrauchen konnte, so furchtbar sich das auch anhörte. Er war ihr Mann, und sie liebte ihn, aber ein paar Stockwerke über ihr saß noch ein Mann, den sie mindestens genauso sehr liebte, wenn nicht noch auf eine viel innigere Weise. Niemand wusste, wann sie ihn würde verlassen müssen, wieso konnte man ihr jetzt also nicht einfach ein paar unbeschwerte Momente mit ihm gönnen?! Sie hatte selber so lange mit sich darum gekämpft, und jetzt, wo sie endlich eingesehen hatte, dass es keinen Sinn machte, ihre Gefühle für Kian ihrer Familie und ihres Jobs zuliebe zu unterdrücken, machte ihr das Schicksal einen Strich durch die Rechnung. Oh, sie hasste es. 
Tyra seufzte und schüttelte den Kopf.  „Tut mir leid, aber ich habe dieser Frau so viele Löcher in den Bauch gefragt, dass ich mir jetzt vollkommen sicher bin, dass ich mich nicht verhört habe. Er ist vor zwei Tagen abgereist und hat unterwegs wohl noch ein paar Geschäfte zu erledigen, bevor er in Dublin landet. Hör mal, ich wäre nicht hierher gekommen, wenn ich nicht wüsste, wie sehr das wieder alles durcheinander wirft. Shane-„ Sie drehte sich kurz nach ihm um, bevor sie Carleen wieder ansah. „Shane hat mir gesagt, was zwischen dir und Kian, also.. auf jeden Fall musst du dir jetzt was einfallen lassen, denn das war noch nicht alles. Ich habe das ungute Gefühl, dass es einen ganz bestimmten Grund gibt, warum Adam hier ist. Können wir irgendwo hingehen, wo wir ungestörter sind? Seit der letzten Post, die ich gekriegt habe, finde ich, dass wir ein bisschen vorsichtiger sein sollten, wenn wir uns über deine heimlichen Liebschaften unterhalten.“ Mit einem misslungenem Grinsen zog sie Carleen an ihrem Arm zum Fahrstuhl und drückte auf einen der vielen blinkenden Knöpfe. 
Carleen schloss die Augen, als sie sich mit dem Hinterkopf an die verspiegelte Wand des Fahrstuhls lehnte. Das konnte, das DURFTE einfach nicht wahr sein. Sie wusste, dass Adam genauso wie sie immer für eine Überraschung gut war, aber sie hatte ihm doch unmissverständlich klar gemacht, dass sie nicht die Zeit für irgendwelche Besuche hatte. Und was meinte Tyra überhaupt mit ihrem ganzen Gerede über Post und vorsichtig sein? „Wir können in mein Zimmer gehen.“, sagte sie, als die Fahrstuhltür sich wieder öffnete. Tyra folgte ihr bereitwillig den Gang entlang bis zu ihrer Zimmertür. 
„So, willst du vorher noch einmal unters Bett oder in den Schrank gucken, bevor du mir nun endlich sagst, was für tolle Neuigkeiten du noch für mich parat hast? Wir können auch das Telefon auseinander schrauben, wenn du Angst hast, dass man dort irgendwas drin versteckt hat.“ Carleen wusste, dass es Tyra gegenüber unfair war, jetzt die Nerven zu verlieren, doch sie würde wahnsinnig werden, wenn sie nicht bald wusste, was das Ganze überhaupt sollte.  
„Anstatt dich über mich lustig zu machen, solltest du mir lieber dankbar sein. Ich hätte auch einfach in deinem Apartment sitzen bleiben und darauf warten können, dass du mit aller Sorgfalt von deinem Mann in der Luft zerrissen wirst. Aber nein, ich habe mich in das nächstbeste, klapprige Flugzeug gesetzt, das ich finde konnte, nur um dir zu helfen. Ich hoffe, du wirst dich irgendwann erkenntlich dafür zeigen, dass ich dir deinen kleinen Hintern gerettet habe.“ Tyra hievte ihre Tasche auf das Bett und zog den Reißverschluss auf, ehe sie einen großen, braunen Umschlag ans Tageslicht beförderte und ihn Carleen reichte. „Hier, für dich. Mit freundlichen Grüßen von einem unbekannten Absender.“ 
Carleen drehte den Umschlag vorsichtig in ihren Händen, unschlüssig darüber ob sie hineingreifen sollte oder nicht. Tyra hatte ihn bereits geöffnet, obwohl er an sie persönlich adressiert war – soviel zum Thema Postgeheimnis also. Mit einem Blick auf ihre Freundin griff sie in den Umschlag hinein, und zog die Blätter, die darin enthalten waren, hervor. Da erkannte sie, dass es sich um große Schwarzweißfotos handelte – von ihr und Kian. Und wer auch immer sie geschossen hatte, schien die richtigen Momente dafür abgepasst zu haben. Carleen wurde blass, als sie eines nach dem anderen ansah und ließ sich aufs Bett fallen, dankbar für den plötzlichen Halt. Ein paar der Bilder waren gemacht worden, als Kian sie damals aus dem Auto ins Hotel getragen hatte, allerdings war in keiner Weise zu erkennen, dass sie krank und nicht in der Lage dazu gewesen war, alleine zu gehen. Alles, was man erkannte, war der liebevolle Blick, mit dem Kian auf sie hinabsah, während er sie ins Hotel hineintrug, seine Arme fest um sie geschlungen, während Carleen ihr Gesicht tief an seinem Hals vergraben hatte. Ein paar andere zeigten sie zusammen in einem der vielen Hotels, in dem sie gewesen waren, wie sie ausgelassen miteinander herumalberten und lachten. Dann kamen die Fotos, von denen Carleen gewusst hatte, dass sie dabei sein würden. Fotos, als sie das Pub verlassen hatten, und Fotos, als sie auf einer für sie einsamen Landstraße mitten im Nirgendwo angehalten und sich mit jeder nur erdenklichen Hemmungslosigkeit geküsst hatten. Es waren genug Bilder, um deutlich zu machen, dass sie Kian viel näher gekommen war als eine gewöhnliche Freundin. Und wer auch immer diese Bilder sehen würde, würde wissen, dass eben diese Bilder nur an der Oberfläche kratzten – und nicht zeigten, was hinter geschlossenen Türen geschah.  
Carleen ließ die Fotos neben sich aufs Bett sinken und sah zu Tyra auf, die vor ihr stand und deren Gesicht voller Mitgefühl und Bedauern war. „T, das habe ich nicht gewusst. Wer – oh Gott, ich glaube das einfach nicht. Wer macht so was?“ Ihre Hände zitterten, so sehr sie auch versuchte, es zu unterdrücken. Damit hatte sie nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde gerechnet – dass es irgendwo jemanden gab, der sie so genau beobachtete, und der ganz offensichtlich irgendwelche niederen Absichten hatte, die sie selber vernichten konnten. Sie hatte Adam niemals verletzen wollen, und selbst in den Momenten, in denen sie sich wünschte, nicht verheiratet und frei für Kian zu sein, war sie sich immer im Klaren darüber gewesen, dass sie nichts tun würde, um sein Vertrauen und seine Liebe zu verlieren. Doch was für eine Närrin war sie gewesen! Sie war im Begriff gewesen, mit einem anderen Mann zu schlafen, wie sollte all das Adam also nicht verletzen? Jetzt, wo er diese Fotos vielleicht sehen würde, oder schon längst in Händen hielt – wie sollte er sie dann immer noch verstehen? 
Tyra setzte sich zu ihr aufs Bett und nahm eine ihrer plötzlich kalt gewordenen Hände, um sie zu wärmen. „Ich weiß es nicht. Du musst nachdenken, Carleen. Wer auch immer diese Fotos gemacht hat, hat ganz offensichtlich einen Grund dazu und wird nicht eher aufhören, bis er das, was er haben will, bekommen hat. Er zieht seine Vorteile aus deiner Liebe zu Kian, und will dich damit in die Enge treiben. Nur du kannst wissen, von wem all das hier kommt. Er kennt dich – also musst du ihn auch kennen. Ich bezweifle, dass die Fotos von irgendeinem Reporter kommen, der sich damit ein bisschen Geld verdienen will. Denn wenn es so wäre, dann könnte man die Fotos schon längst in irgendeiner Zeitung bewundern. Nein, das hier hat irgendeinen anderen Grund. Also, wer fällt dir ein?“ 
Carleen schüttelte den Kopf. Als erstes musste sie ihre Gedanken ordnen, dann konnte sie über alles andere nachdenken. Kian saß nur einige Schritte von ihr in seinem Zimmer und wartete, Adam war vielleicht schon auf dem Weg hierher – verdammt, WAS sollte sie tun? „T, ich weiß es nicht. Die einzigen zwei, die vielleicht einen Grund dazu hätten, wären Violet oder Louis. Aber er arbeitet mit ganz anderen Kalibern. Wenn er mich wirklich von hier weghaben will, dann würde er sich nicht erst die Mühe machen, und mich wochenlang beobachten lassen. Nein, das könnte er einfacher haben, und das weiß er genauso gut wie ich. Violet hat einfach nicht den Grips dazu. Wenn sie irgendetwas von mir und Kian wüsste, dann würde sie mir wahrscheinlich eher die Augen auskratzen, als irgendeinen Fotografen damit zu beauftragen, Bilder von mir zu machen. Ich habe ganz einfach keine Ahnung.“ Und das machte ihr Angst. Es war schlimm genug, wenn man einen Feind hatte, aber es war bei weitem verheerender, wenn man einen Feind ohne Gesicht hatte – und dann auch noch so einen, der praktisch hinter jeder Ecke auf sie warten konnte.  
Es war überhaupt nicht auszudenken, was passieren würde, wenn Adam die Fotos kannte und dann hierher kommen würde. Er liebte sie, aber er hatte seinen Stolz, und niemand wusste, was er tun würde, wenn er Kian von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Niemand wusste, was SIE selbst tun würde, wenn sie sowohl ihm als auch Kian gegenüber stand – und zu irgendeiner Entscheidung gezwungen war. Zu einer Entscheidung, die sie unmöglich jetzt schon treffen konnte. Ihre Stimme war seltsam monoton, als sie sich zu Tyra drehte und sie ansah. „Ich werde sofort abreisen.“ 


Kapitel 20 

Carleen atmete einmal tief durch, als sie die Tür zu ihrem Apartment hinter sich schloss. Sie war zuhause – oder zumindest an dem Ort, den Adam als ihr vorläufiges Zuhause auserkoren hatte. Der Wohnungsschlüssel glitt ihr aus den Händen und landete auf dem Couchtisch, begleitet von einem stumpfen Klirren. Wann würde dieser Tag endlich zuende sein? Wahrscheinlich nie, dachte Carleen, als sie hinüber in die Küche lief und den Kühlschrank öffnete. Damit hätte man es ihr viel zu einfach gemacht. Oh nein, sie sollte leiden – so lange wie möglich.

Was hatte sie sich überhaupt dabei gedacht? Ohne ein weiteres Wort hatte sie in aller Eile ihren Koffer gepackt und aus dem Hotel irgendwo im Herzen von Irland ausgecheckt. Kein Wort zu Anto, Shane oder einem der anderen Jungs – kein Wort zu Kian. Tyra hatte sich in der Zeit, die ihr geblieben war, um einen freien Flug gekümmert, und ehe sie über das hatte nachdenken können, was gerade mit ihr passierte, hatte Carleen in einem Flugzeug Richtung Dublin gesessen. Ihr Handy lag ausgeschalten in ihrer Tasche, seit Carleen das ständige Klingeln und Piepsen nicht länger hatte ertragen können. Jeder wollte Antworten von ihr, die sie nicht geben konnte. Sie hatte nicht einmal den Mut aufgebraucht, zu Kian zu gehen, und ihm die Situation zu erklären. Stattdessen war sie davon gerannt wie ein verschrecktes kleines Kind, und hatte damit genau denselben Fehler gemacht wie damals, als sie zum ersten Mal gegangen war.

Wie sollte es jetzt weitergehen? Carleen hatte einen Vertrag, den sie würde einhalten müssen, ganz gleich, wie sehr sie sich jetzt dagegen sträubte. Es war ihr Job, und wenn sie Adam nicht sagen wollte, was vor sich ging, dann musste sie diesen Job auch erledigen. Bis zum bitteren Ende. Erschöpft ließ Carleen sich auf die Couch hinter sich fallen und nahm einen Schluck aus dem Glas Orangensaft, das sie in der Hand hielt. Sie war so unglaublich dumm gewesen. Hatte sie allen Ernstes gedacht, diesmal würde es besser werden? Hatte sie wirklich geglaubt, dass es einen Weg geben würde, vergangene Fehler wieder gutzumachen? Wie sollte das denn gehen, wenn sie jetzt vor einem noch größeren Problem als damals stand? Sie war verheiratet, hatte einen Sohn, von dem Kian immer noch keine Ahnung hatte und sah sich zudem mit dem Wissen konfrontiert, dass irgendjemand genau wusste, was in ihr vorging. Wie Tara schon gesagt hatte – diese Fotos waren nicht das Werk irgendeines Reporters, der schnelles Geld verdienen und die Story an die Öffentlichkeit ziehen wollte. Wer auch immer für die Bilder verantwortlich war, wusste genau, dass er Carleen damit auf irgendeine Weise in die Enge würde treiben können. Aber WER?

Carleen sank tiefer in die Couchkissen und verschränkte die Beine vor sich auf dem Tisch. Es konnte doch nicht so schwer sein, den Schuldigen für dieses ganze Dilemma zu finden! Sie musste schleunigst herausfinden, wer ihr aus dieser Sache einen Strick drehen wollten, denn ansonsten würden ihre derzeitigen Probleme ein noch viel größeres Ausmaß annehmen. Wie sollte sie Entscheidungen für sich, Adam und Kian treffen, wenn sie wusste, dass irgendjemand jeden einzelnen Schritt von ihr beobachtete? „Ok, Carleen, jetzt streng dich an. Wer könnte dich so unglaublich verachten, dass er versucht, dein Leben zu ruinieren?“ Sie stand kurz auf und holte die Bilder aus ihrer Tasche, bevor sie sich wieder auf die Couch setzte und damit begann, ein Foto nach dem anderen aufs Genaueste zu untersuchen, so als würde sie dabei einen Hinweis finden. „Louis schließen wir aus, genauso wie unsere liebe Violet. Großartig, dann bleibt so gut wie niemand übrig, der dafür in Frage kommt. Komm schon, irgendjemand MUSS dir einfallen.“ Sie schüttelte frustriert den Kopf, als sie zu keiner Erkenntnis kam und warf die Fotos neben sich. Es war unmöglich, dass jemand ein derart großes Interesse an ihr und ihrer Beziehung zu Kian hatte und sie diesen jemand nicht kannte! Fuck!

„Das ist verdammt noch mal hoffnungslos!“ Frustriert stopfte Carleen die Bilder zurück in den braunen Umschlag, in dem sie gewesen waren und stand auf. In der Küche tauschte sie den Orangensaft gegen etwas Härteres, bevor sie zurück ins Wohnzimmer lief und damit begann, ihren Koffer auszupacken. Sie hoffte, sich dadurch ein bisschen ablenken zu können, doch als ihre Gedanken nach über einer Stunde noch immer bei Kian und den Bildern waren, gab sie entnervt auf und schaltete den Fernseher ein. Tara würde erst in ein paar Stunden nach Hause kommen, also hatte sie genug Zeit, sich über Gott und die Welt den Kopf zu zerbrechen.

Bleiben Sie dran, wir melden uns in wenigen Minuten mit den Nachrichten des Tages zurück.  Die blonde, schon etwas gealterte Nachrichtensprecherin übergab mit ihrem gewohnt breiten Grinsen in die Werbung. Carleen beneidete sie für einen kurzen Moment um ihr wohl sorgenfreies Leben, ehe sie gelangweilt damit begann, zwischen den Sendern hin- und herzuschalten. Sie blieb bei irgendeinem Musikvideo hängen, bevor sie nach einigen Minuten zurück auf das Programm mit den aktuellen Nachrichten schaltete, rechtzeitig genug, um mitzuerleben, wie die blonde, schon etwas gealterte Nachrichtensprecherin die Zuschauer mit ihrem gewohnt breiten Grinsen zurückbegrüßte. Sie hatte während der Werbepause absolut nichts dazugelernt..

London. Am vergangenen Nachmittag ist der Deal um eine der größten britischen Zeitungen, dem ‚Sentinel’, perfekt gemacht worden. Über drei Jahre nach dem Tod des ehemaligen Verlegers Jason Callum wurde der Konzern jetzt an einen noch unbekannten Geschäftsmann verkauft. Die Pressesprecherin teilte mit, dass man sich für beide Seiten zufriedenstellend geeinigt habe und sich für Mitarbeiter der Zeitung sowie deren Leser trotz der Übernahme nichts ändern werde. Der bezahlte Preis für den Konzern soll sich Angaben zufolge auf über 30 Millionen Dollar belaufen.“

„Was zur Hölle..“ Carleen setzte sich kerzengerade hin und starrte auf den Fernseher, erschrocken über das, was sie gerade gehört hatte. Drei Jahre lang hatte sie Jason mit keinem Wort erwähnt, jetzt saß sie in ihrem Dubliner Apartment und grübelte über den anonymen Absender der Fotos – und urplötzlich schien Jason wie aus dem Nichts aufzutauchen. Sie wusste, dass es ein absurder Gedanke war, der sie plötzlich ergriff, aber sie musste jede nur mögliche Idee ausschöpfen, wenn sie voran kommen wollte. Ohne den Fernseher auszuschalten, eilte sie hinüber zu ihrem Schreibtisch und begann, in ihren Unterlagen zu graben. Als sie die gesuchte Nummer nach ein paar Minuten endlich gefunden hatte, zögerte sie nicht lange und griff nach dem Hörer ihres Telefons.

„Michael? Hy, hier ist Carleen. Hör zu, du musst mir helfen. Ich brauche so schnell wie möglich alle Information, die du über Jason Callum auftreiben kannst.. nein, nicht Jeffrey Callum, JASON Callum... ja, richtig.. Mick, ich weiß, wer das ist, aber es ist immerhin dein Job, das rauszufinden, was niemand sonst weiß, richtig? Komm schon, nach diesem Missgeschick mit Amber habe ich immerhin etwas gut bei dir.. du bist ein Gott, danke!.. ja, fax es mir einfach zu, die Nummer hast du ja. Bye.“ Zufrieden hängte Carleen den Hörer wieder hin. Michael gehörte zu ihrer Presseabteilung in Boston, und war darauf spezialisiert, das zu finden, was Leute gerne zu verschweigen versuchten. Wenn es irgendwas über Jason gab, das Carleen wissen musste, dann würde Michael es für sie finden. Sie konnte sich nicht helfen, aber sie hatte das dumme Gefühl, dass sie ganz tief unten zu graben anfangen musste, wenn sie herausfinden wollte, wer hinter den Bildern steckte. Jason war seit Ewigkeiten tot, davon hatte sie sich damals selbst überzeugt, aber vielleicht stand dieser Jemand in irgendeiner Verbindung zu ihm und wusste, was damals passiert war. Es war immerhin einen Versuch wert.

Carleen war gerade auf dem Weg in ihr Schlafzimmer, als das Telefon klingelte. Sie leierte mit den Augen, ehe sie zurückging und den Hörer abnahm. Wahrscheinlich würde sie Michael den Namen buchstabieren müssen, damit er ihn nicht vergaß! „Haben sie dir in der Schule überhaupt irgend etwas beigebracht, Mick?“

„Warum bist du eigentlich zurückgekommen, Cal?“ Es war nicht Michael. Carleen schloss die Augen, als sie erkannte, wen sie am Telefon hatte. Zu spät. Was sollte sie Kian sagen, damit er sie verstand? Mit ihrer freien Hand tastete sie nach der Couch hinter sich und setzte sich langsam hin, während sich die Gedanken in ihrem Kopf zu überschlagen schienen. Seine Stimme klang so furchtbar matt und emotionslos, so als hätte er jegliches Gefühl verloren. Sie konnte nur erahnen, wie sehr sie ihn mit ihrem erneuten Verschwinden verletzt hatte, und allein der Gedanke daran, dass sie es wieder war, die ihn enttäuscht hatte, brachte sie fast um. Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie ihm alles erklärt, ihm gesagt, wie sehr sie ihn liebte und jetzt brauchte, doch sie wusste, dass sie ihn dadurch nur zusätzlich belasten würde. Sie war nicht hierher gekommen, um ihm Schwierigkeiten zu machen..

„Kian, bitte. Ich wollte das nicht, ich schwöre es dir. Bitte vertrau mir dieses eine Mal, ich werde dir alles erklären, sobald ich kann.“ Ihre Stimme war ein Flüstern, als sie versuchte, die Tränen zu unterdrücken. Das alles war einfach nicht fair! Sie hatte alles mögliche getan, um die Wirrungen der letzten Jahre endlich in Ordnung zu bringen, und jetzt funkte ihr irgendjemand dazwischen, den sie noch nicht einmal kannte! Was hatten sie und Kian getan, damit jetzt wieder alles schief lief? Es hatte sie eine halbe Ewigkeit gekostet, sich zu der Reise nach Irland zu überwinden, nur damit sie jetzt ein weiteres Mal dabei zusehen musste, wie alles den Bach hinunterging.

 „Cal, ich kann das nicht. Was auch immer du vorhast, ich habe keine Zeit und keine Nerven für diese Spielchen. Ich habe den Fehler einmal gemacht, dir zu glauben und ich werde kein zweites Mal zulassen, dass du mein gesamtes Leben durcheinander bringst. Sag mir, warum du gegangen bist. Nenn mir einfach nur den Grund.“ Kian machte eine kurze Pause. „Ansonsten möchte ich nicht, dass du zurückkommst.“ Seine Stimme war leise, trotzdem fest und bestimmt. Er ließ keinen Zweifel daran, dass er meinte, was er sagte. Wenn sie jetzt nicht ehrlich zu ihm war, würde er ihr das nie verzeihen.

„Du weißt, warum ich zurückgekommen bin, Kian. Du weißt es genauso gut wie ich, und es war dumm von mir, mir etwas anderes einreden zu wollen. Du hast einmal den Fehler gemacht, mir zu glauben, und ich habe einmal den Fehler gemacht, dich gehen zu lassen. Glaubst du wirklich, ich bin hierher gekommen, um noch einmal so dumm zu sein? Versuch mir einfach nur zu vertrauen, das ist alles, worum ich dich bitte. Bitte.“ Sie stand mit dem Rücken zu Wand und brauchte jetzt seine Hilfe. Nur dieses eine Mal musste er beweisen, dass er für ihre Zukunft kämpfen konnte, wenn es nötig war.

Für einen Moment blieb es totenstill am anderen Ende der Leitung. Carleen wusste, dass sie etwas von ihm verlangte, was geradezu unmöglich war. Trotzdem hoffte sie. „Cal, das geht zu weit. Du rennst vor mir weg, du weichst mir aus und dann erwartest du von mir, dass ich dich verstehe. Wie soll das gehen? Ich habe Geduld, aber die ist begrenzt, und wenn du dich nicht endlich entscheidest, was du wirklich willst, dann werde ich diese Entscheidung für uns beide treffen.“ Noch bevor Carleen antworten konnte, klickte die Leitung. Aufgelegt.

Kapitel 21

„Ich habe wirklich keine Ahnung, wie Joanne darauf gekommen ist, aber ich war in den letzten Tagen nicht mal in der Nähe von Dublin. Glaub mir, ich wäre nirgendwo lieber im Moment, aber es ist ein weiter Weg von Hongkong bis zu dir. Tut mir leid."

Carleen fuhr sich mit einer Hand über ihre müden Augen, als sie der Stimme von Adam folgte und versuchte, sich auf alles einen Reim zu bilden. Sie hatte fast einen ganzen Tag gebraucht, um Adam zu erreichen, nur um dann festzustellen, dass er niemals die Absicht gehabt hatte, nach Dublin zu fliegen. Weder um ihretwillen, noch um irgendwelche geschäftlichen Dinge zu regeln. Im Moment befand er sich meilenweit weg in einem Hongkonger Büro und bereitete sich auf seine Sitzung mit einigen wichtigen Geschäftspartnern vor. Carleen wollte gar nicht wissen, wer für dieses Missverständnis verantwortlich war, denn allein der Gedanke, dass sie deswegen hatte alles stehen und liegen lassen, ärgerte sie maßlos. Es war praktisch zwecklos, Kian jetzt noch erklären zu wollen, warum sie so übereilt abgereist war und ihm den Grund dafür nicht hatte sagen können. Natürlich hätte sie ihm von den Bildern erzählen können, um sich selbst aus der Affäre zu ziehen, doch das würde auf Dauer nur weitere Probleme mit sich bringen - und davon hatte Carleen im Moment wirklich mehr als genug.

„Es muss dir nicht leid tun, sorg das nächste Mal nur einfach dafür, dass dein Personal wirklich Bescheid weiß. Das ganze hier hat mich eine Menge Zeit gekostet, die ich in das Buch hätte stecken können." Sie machte eine kurze Pause, während sie an das Fenster ihres Arbeitszimmers trat und hinausblickte. NATÜRLICH musste es an einem Tag wie heute in Strömen regnen, einfach nur um ihren Gemütszustand noch weiter in den Keller rasen zu lassen. „Wie geht es dir? Ich habe eine halbe Ewigkeit damit verbracht, mich durch sämtliche Etagen zu telefonieren, nur damit ich dich sprechen kann. Warum muss ausgerechnet mein Ehemann so furchtbar beschäftigt sein mhh? Du fehlst mir." Gut, diesmal war sie nicht vollkommen ehrlich, denn die Erleichterung, dass Adam nicht da war, war fast genauso groß wie die Wut darüber, dass sie sich vollkommen umsonst in Schwierigkeiten gebracht hatte, aber es war auch keine Lüge, denn auf irgendeine Art und Weise sehnte sie sich nach seiner Unterstützung und seinem Zuspruch, den sie seit ihrer Bekanntschaft immer genossen hatte. In Boston hätte sie sich an einem Tag wie heute zu ihm vor den Kamin gesetzt und über die Dinge geredet, die sie bedrückten. Er hätte ihre Haare gestreichelt, ihre Stirn geküsst und ihr genau die Dinge gesagt, die ihr helfen würden, zu entspannen. Jetzt war sie vollkommen allein.

„Bestimmt nicht annähernd so sehr, wie du mir. Aber du wolltest dieses Buch und du wolltest nach Irland, und es würde dir überhaupt nicht ähnlich sehen, jetzt schon aufzugeben. Wie kommst du überhaupt voran?"

Carleen zuckte mit den Schultern, bevor sie realisierte, dass Adam sie überhaupt nicht sehen konnte. „Im Moment nicht wirklich gut. Ich habe ein paar Interviews mitverfolgt und einen der Fotografen gebeten, ein paar Fotos zu machen, das ist aber auch schon alles. Es ist so gut wie unmöglich, Fragen zu stellen, denn sobald die Jungs aus irgendeinem Studio raus sind, sitzen sie schon wieder im nächsten. Und im Hotel sind sie meistens zu müde oder bereits viel zu betrunken, wenn ich sie finde." Sie lachte, bevor sie sich von der Aussicht am Fenster, die aus tosenden Regentropfen bestand, losriss und ins Wohnzimmer lief. Eigentlich hatte sie keine wirkliche Lust, jetzt über das Buch zu reden, aber wenn sie Adam schon einmal an der Strippe hatte, dann konnte sie auch gleich alle wichtigen Sachen mit ihm regeln. Das würde ihr ein paar Tage Ruhe verschaffen, in denen sie hoffentlich genug Zeit haben würde, alle anderen Dinge genauso auf die Reihe zu kriegen. Für einen kurzen Moment überlegte sie, Adam von den Bildern zu erzählen und ganz einfach offen und ehrlich zu ihm zu sein - über ihre Vergangenheit mit Kian, ihre wirklichen Beweggründe nach Irland zu kommen und über all die anderen Sachen, die sie ihm bis jetzt verschwiegen hatte. Doch so schnell wie sie den Gedanken gefasst hatte, so schnell verwarf Carleen ihn auch wieder. DAS würde sie wirklich erst im äußersten Notfall tun.

„Na ja, es hat keiner behauptet, dass das eine leichte Aufgabe ist. Aber ich habe meine beste Mitarbeiterin vor Ort, also werde ich mich vollkommen beruhigt zurücklehnen und auf deine Ergebnisse warten. Ich-" Adam brach kurz ab, und murmelte irgend etwas, bevor er den Hörer, den er wahrscheinlich kurz zur Seite gelegt hatte, wieder aufnahm und weitersprach. „Tut mir leid Darling, aber ich werde hier gebraucht. Eine der Sitzungen ist vorverlegt worden und es macht sicher keinen guten Eindruck, wenn ich sie verpasse, nur weil ich mich nicht von meiner Frau trennen kann. Ich melde mich, sobald ich wieder kann. Oh, und grüß Jared und Rose von mir. Sie haben gestern eine Nachricht für mich hinterlassen, aber ich hatte keine Zeit mehr, zurückzurufen. Pass auf dich auf. Ich liebe dich."

„Dito. Zeig den anderen Haifischen, was du kannst. Bye." Als sie hörte, dass es am anderen Ende bereits geklickt hatte, legte Carleen den Hörer auf und ließ sich rücklings zurück auf die Couch fallen. Mit einem Seufzer verschränkte sie ihre Beine auf dem Tisch vor sich und schloss die Augen. Warum kam es ihr nur so vor, dass alles immer komplizierter anstatt einfacher wurde? Dafür gab es eine logische Antwort - es WURDE immer komplizierter. Bis jetzt hatte sich rein gar nichts so entwickelt, wie sie sich das vorgestellt hatte, und wenn sich die Ereignisse weiterhin so überschlugen wie in den vergangenen Tagen, dann würde sie bald komplett den Überblick verlieren. Adam war nicht in Dublin, sie war nicht bei Kian, und Tyra hatte sich vor langer Zeit schon aus dem Staub gemacht, um Carleens Zorn so weit wie möglich entgehen zu können - jeder war also irgendwo, nur nicht dort, wo er sein sollte. Chaos!

Als Carleen ihre Augen wieder öffnete, fiel ihr Blick auf das gerahmte Bild, das ein wenig weiter weg von ihr auf einem Regal stand. Jared war noch kein Jahr alt gewesen, als sie ihn aus mütterlichem Stolz heraus zum Fotografen gezerrt und Fotos hatte machen lassen. Das Ergebnis war eines der schönsten Bilder, die Carleen je von ihrem Sohn gesehen hatte, auch wenn sie lieber nicht daran zurückdenken wollte, wie viel Zeit es sie gekostet hatte, Jared davon zu überzeugen, dass der Mann mit dem großen Apparat ihm nicht weh tun würde. Und jetzt war sie meilenweit weg von ihm, nur durch ein Telefon verbunden. Planmäßig hätte er schon in ein paar Tagen bei ihr sein sollen, doch eine schwere Erkältung von Rose hatte alles weit nach hinten geschoben, so dass wohl erst in zwei Wochen mit ihrer Ankunft zu rechnen war. Es tat gut, seine Stimme zu hören, auch wenn es sich dabei nur um zusammenhangslose Wörter handelte, aber mit der Zeit wurde es schwer, ihn nur hören und nicht sehen zu können. Carleen vermisste ihn, und wenn sie nicht gewusst hätte, dass er bei Rose in den allerbesten Händen war, wäre sie wohl ohne zu Zögern in den nächsten Flieger gestiegen - noch ein Egan, von dem sie sich einfach nicht trennen konnte..

Das Klingeln an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Carleen blickte kurz auf die Uhr vor sich, bevor sie sich aufrappelte und die paar Schritte zur Tür lief. Entweder war es Tyra, die in ihrer Eile den Schlüssel vergessen hatte, oder irgendein Vertreter, der versuchte, ihr Zeug anzudrehen, das sowieso keiner brauchte. „Ok, wenn sie von irgendeiner Firma kommen, die ihren Absatz dadurch steigern will, anderen Mitmenschen auf die Nerven zu gehen, dann verschwinden sie lieber sofort wieder. Und wenn du es bist Tyra, dann wirst du jetzt so lange da draußen sitzen bleiben, bis du dir sicher bist, dass du deinen Schlüssel beim nächsten Mal nicht vergessen wirst. Oh, und wenn sie keines von beiden sind, dann sprechen sie bitte jetzt!" Anstatt einer Antwort klopfte es ein weiteres Mal. Entweder sprach sie so undeutlich oder ihr Gegenüber hatte keine Lust, sich mit ihr durch eine Tür zu unterhalten. Fein, dann öffnete Carleen sie eben.

„Schön dass du zu Hause bist. Ich hatte schon Angst, du hättest dich aus einem Impuls heraus wieder in einen Flieger auf dem Weg nach Nirgendwo gesetzt." Kian lächelte, wenn auch nicht vollkommen aufrichtig, als er ein paar Schritte auf Carleen zumachte. Sie machte den Versuch etwas zu erwidern, doch stockte, als ihr die richtigen Worte nicht einfielen. Stattdessen blickte sie hinunter auf seine Hand, die sich über ihre an der Türklinge gelegt hatte und die Tür langsam zuschob. Sie sah zu, wie sie ins Schloss fiel, bevor ihr Blick auf den von Kian traf. Irgendetwas musste sie sagen, schon allein um sich nicht vollkommen lächerlich zu machen, doch egal, was sie sich im Kopf zurechtlegte, es kam einfach nicht aus ihrem Mund heraus. Er war wirklich hier, und er hatte ganz sicher auch einen Grund dafür, doch noch wusste Carleen nicht, ob ihr das gefallen sollte oder nicht. Seinen Standpunkt hatte er am Telefon mehr als deutlich gemacht, und wenn er jetzt hier war, um ein paar eindeutige Antworten zu fordern, dann wusste sie nicht, ob sie ihm die würde geben können. Vielleicht aber dachte sie auch viel zu weit und kompliziert, und er war einfach nur hier um sie richtig übers Knie zu legen.. ein netter Gedanke..

Obwohl sie nicht hätte überraschter sein können, fasste Carleen sich im Bruchteil einer Sekunde wieder. „Na ja, denen am Flughafen sind die Tickets ausgegangen. Und Rabatt habe ich auf die ganzen Dinger auch nicht gekriegt, also bin ich lieber hier geblieben. Gibt es irgendeinen bestimmten Grund, warum du hier bist? Willst du was trinken?" Ohne auf eine Antwort von Kian zu warten, zog Carleen ihre Hand zurück und lief in die angrenzende Küche. Sie hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wie sie jetzt reagieren sollte, trotzdem wollte sie sich nicht vollkommen lächerlich machen. Ganz egal, was Kian tat, er hatte immer einen guten Grund dafür, und den würde er bestimmt auch diesmal haben - sie konnte nur hoffen, dass sie diesen Grund mögen würde...

Carleen war so damit beschäftigt, die Getränkeflaschen in ihrem Kühlschrank hin und her zu schieben, dass sie nicht bemerkte, wie Kian hinter sie trat, und zuckte erschrocken zusammen, als er ihr eine Hand auf die Schulter legte und versuchte, sie zu sich umzudrehen. Hastig kam sie seiner Aufforderung nach, und mindestens genauso hastig brach aus ihr ein Meer aus wirren Worten und wilden Gestikulationen hervor. „Ok, ich bin jetzt wirklich und ehrlich verwirrt und ich wäre dir dankbar, wenn du all das hier so schnell wie möglich aufklären könntest. Ich weiß, dass du wütend bist, weil ich einfach so abgehauen bin, aber es gibt eine Erklärung dafür, auch wenn es im Moment nicht so aussieht. Das ganze war so überhaupt nicht geplant und egal, was du als nächstes sagen wirst, ich wollte dich nur wissen lassen, dass es mir leid tut und dass meine Abreise rein gar nichts mit dir zu tun hatte oder damit, dass ich kurz davor war, dir das Handtuch vom Leib zu reißen. Ich - was habe ich da gerade gesagt?" Sie starrte Kian entsetzt an, so als hätte er den peinlichen Fehler gemacht und nicht sie. Ok, jetzt hatte sie sich vollkommen lächerlich gemacht.. nicht, dass es sie überraschen würde..

„Du hast gesagt, dass du kurz davor gewesen bist, mir das Handtuch vom Leib zu reißen." Kian lachte leise. Nichts in seinem Benehmen ließ darauf schließen dass er wütend war, weder die Art und Weise wie er sie ansah, noch der Ton seiner Stimme. Als Carleen ihren Kopf senkte, um vor lauter Scham einfach zu sterben, fuhr Kian ihr mit einem Finger unter ihr Kinn und brachte sie dazu, ihn anzusehen. Nein, wütend war er wirklich nicht. „Cal, wir haben über eine Menge zu reden. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir dein ewiges Hin und Her nichts ausmacht oder dass es leicht ist, dich zu verstehen, aber mir ist eines klar geworden. Wenn ich dir nicht die Chance dazu gebe, vor mir wegzulaufen, dann kannst du es auch nicht. Und diesmal wirst du es auch nicht."

Fortsetzung folgt....