"Kid!" Wo blieb dieses verfressene Frettchen nur wieder?? Ich schaute mich
suchend im Flur um, da sprang etwas auf meine Schulter. "Na, kommst du auch
schon?", begrüßte ich das schwarze Tier auf meiner Schulter. "Hast
du keine Lust, heute rauszugehen, oder was?" Ich schnappte mir den Schlüssel
vom Flurschränkchen und wollte meine Wohnungstür in L.A. abschließen,
doch da bemerkte ich das blinkende Lämpchen am AB (Anrufbeantworter). Meine
Schwester aus Germany hatte mir draufgesprochen, da ich nachts immer nur den
AB anmachte. Sie würde später noch einmal anrufen. Mir fiel auf, dass
ich nun schon sechs, fast sieben Jahre hier in L.A. wohnte. Als ich es zu Hause
nicht mehr ausgehalten hatte, war ich zu meiner Tante in die USA gezogen. Den
ganzen Stress konnte ich nicht mehr ertragen, deshalb hatte ich mir an meinen
Vater ein Beispiel genommen, der nach Australien ausgewandert war, nachdem die
Scheidung von meiner Mutter rechtskräftig geworden war. Das Foto von ihm
stand genau neben dem Telefon. Ich beachtete Kid nicht mehr und nahm das Foto
hoch. Meinen Vater hatte ich jetzt neun Jahre nicht mehr gesehen, aber war mit
ihm immer noch per Brief in Kontakt. Ich hatte damals, bevor ich nach L.A. gekommen
war, vor, zu meinem Vater nach Australien zu ziehen, da er dort neu geheiratet
hatte und es ihm gut gefiel. Doch an das Telefongespräch erinnerte ich
mich nur zu gut...
"Kat, Schätzchen, das wäre nicht gut für dich. Ruf lieber deine
Tante Ellen in Los Angeles an, sie wird dich aufnehmen."
Dass mein Vater versuchte, mich zu unterstützen, und nicht, mich davon
abzubringen, hatte mich sehr ermutigt. Und nun war ich hier, allein in L.A.,
da Ellen vor zwei Jahren gestorben war. Ihren Tod hatte ich sehr gut verkraftet,
da sie schon vorher sehr krank gewesen war, und Probleme in dieser Stadt hatte
ich eh nie gehabt.
Ich sah mich noch mal nach Kid um und schloss dann die Tür ab. Das Frettchen
sprang von meiner Schulter und lief durch den kleinen Vorgarten. Hoffentlich
würde Mrs. Colin nicht raussehen, sie mochte es gar nicht, wenn Kid zwischen
ihren Blumenbeeten entlang lief. Komisch, ich fand, dass es eher süß
aussah, wie ein schwarzes Tier zwischen den ganzen gelben und rosa bis rot blühenden
Rosen herumtapste.
"Ms. Bender, würden Sie bitte so freundlich sein und Ihr Tier aus meinen
Zuchtrosen nehmen?" Nein, sie hatte es doch bemerkt. Ich pfiff kurz und leise
und schon kam Kid und lief neben mir, als wenn nichts gewesen wäre. Wir
gingen unsere gewohnte Runde, erst durch den Park am Kinderspielplatz vorbei,
wo Kid inzwischen immer schon sehnsüchtig erwartet wurde, bis zum angesagtesten
Cafe in L.A., dem "Leila". Als wir aus dem Park kamen, wurde ich durch das Klingeln
meines Handys aus meinen Tagträumen gerissen. Kid nutzte sofort die Gelegenheit,
um vorauszurennen. Ich schnappte mir das Handy, ging ran und lief dabei Kid
hinterher.
"Ja?", meldete ich mich.
"Kat? Ich bin’s, Mike.", hörte ich eine vertraute Männerstimme.
"Mike, hi, was ist denn? Hör mal, ich muss grad Kid hinterher jagen, könnten
wir das Gespräch auf ein anderes Mal verlegen?"
"Ja, können wir. Ich ruf dich dann morgen noch mal an, okay?"
"Ist gut. Danke, Mike, du bist echt ein Schatz."
"Weiß ich doch. Dann bis morgen. See you!"
Als ich auflegte, sah ich mich nach Kid um. Nichts. Ich lief die Straße
ein paar Meter weiter herunter. Wieder nichts. Doch, da flitzte gerade ein schwarzer
Schatten um die Ecke. Jetzt versuchte ich gar nicht zu pfeifen. Kid sah das
als Spiel an und ich musste sie fangen. Pfeifen galt nur im äußersten
Notfall. Ich verschwand auch um die Ecke und sah Kid, wie sie auf die Schulter
eines fremden Mannes sprang.
"Kid! Komm sofort her!" Ich sah den Mann zusammenzucken und rannte zu ihm, um
Kid aus seinem Nacken zu nehmen. Atemlos kam ich bei dem Mann an.
"Entschuldigen Sie bitte, sie ist sonst nicht so stürmisch." Als Kid mich
sah, sprang sie sofort wieder auf meine Schulter. Versteh einer die Frettchen!!
"Ist mit Ihnen alles in Ordnung?", erkundigte ich mich nach dem jungen Mann,
der die Hand im Nacken hatte und nach unten sah. Jetzt sah er auf und ich blickte
in zwei eisblaue Augen, die mir sofort die Sprache verschlugen.
"Danke, ich bin okay. War nur der Schock. Es springt einem eben nicht jeden
Tag ein Frettchen in den Nacken.", sagte er mit einem leichten ausländischen
Akzent, den ich nicht einordnen konnte und sah mich mit seinen wunderschönen
Augen an. Dann lächelte er. Seine Art zu lächeln war so ansteckend,
dass ich mich ihr nicht entziehen konnte. Wow, der Mann konnte vielleicht lächeln.
Ich sah ihn nur verzückt an, ehe mir klar wurde, dass er einen Witz gemacht
hatte. Ich lächelte auch und einen Moment sahen wir uns nur in die Augen.
Dann bekam ich langsam wieder die Kontrolle über mich.
"Ähm...", stammelte ich, "könnte ich Sie vielleicht irgendwie entschädigen?
So zu einem Capuccino einladen oder so?" Kid regte sich auf meiner Schulter,
ich hatte ganz vergessen, dass sie auch noch da war. Einen Augenblick hatten
nur noch der junge Mann mit dem blonden Haar und den einzigartigen blauen Augen
und ich gezählt.
Er strich sich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht.
"Gerne, aber ich müsste vorher noch etwas erledigen. Sagen wir, in zwanzig
Minuten hier?"
Ich nickte begeistert, sodass Kid beleidigt auf die Schultern des Mannes sprang.
"Okay, ich werde da sein.", brachte ich noch heraus, bevor er Kid von seiner
Schulter nahm und sie in meine Arme legte. Dabei berührten sich unsere
Hände. Dann verabschiedete er sich mit einem "Bis gleich", drehte sich
um und ging die Liver Street hoch. Ich sah ihm noch einige Sekunden nach, dann
drehte ich mich ebenfalls um, da ich noch Kid nach Hause bringen wollte. Dort
angekommen, ließ ich Kid runter und rannte dann ins Bad, wo ich unschlüssig
vor dem Spiegel stand und mich in meinen Make-up-Utensilien umsah, in denen
heilloses Chaos herrschte. Ordnung war nie meine Stärke gewesen und würde
es auch nie sein. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass ich noch reichliche
zehn Minuten hatte, holte ich mein Wohl-Fühl-Parfum hervor und benutzte
etwas. Dann verließ ich die Wohnung wieder. Auf dem Weg zur Liver-Street
klingelte mein Handy nochmals.
"Ja?", meldete ich mich etwas genervt.
"Kat, wo bist du??." Meine beste Freundin Amber war dran.
"Was ist los, Amber?" "Hast du etwa unsere Verabredung vergessen?? Kat, was
ist denn mit dir plötzlich los? Seit wann vergisst du denn was?"
"Beruhig dich wieder. Nein, ich habe unsere Verabredung nicht vergessen, nur
kurzzeitig verdrängt. Ich kann jetzt wirklich nicht."
"Da steckt doch was dahinter. Kat, kenn ich ihn?" Ich musste lachen. Das sah
Amber mal wieder total ähnlich, immer wieder diese gleiche Frage.
"Nein, diesmal nicht. Ich..." Ich druckste ein wenig herum, da ich nicht wusste,
was ich jetzt sagen sollte. Wenn ich ihr sagen würde, dass ich einen der
sexiesten Männer der Welt getroffen hatte, würde sie mich nicht mehr
in Ruhe lassen, bis ich ihn ihr vorgestellt hatte. Also Notfallvariante: "...ich
habe einen alten Schulfreund wiedergetroffen. Und dabei unser Date völlig
vergessen. Zufrieden?"
"Nein.", antwortete sie. "Aber diesmal lass ich das noch durchgehen. Wenn du
mich anrufst und haarklein erzählst, was gelaufen ist." "Ja, okay, Amber.
Ciao." "Bye, see you."
Ich legte auf und bemerkte, dass ich von ganz allein zu der Ecke an der Liver-Street
gekommen war. Ich setzte mich auf eine Bank um zu warten.
Plötzlich wurden mir meine Augen zugehalten und ich roch das selbe Aftershave
wie vorhin. Jetzt war aber auch ein wenig Rosenduft dabei.
"Na, errätst du, wer ich bin?" Ich machte mich von ihm los und drehte mich
um.
"Du?", fragte ich. Er sah mich schief an. "Natürlich ich, oder mit wem
bist du noch verabredet?" Vor Freude, ihn (endlich) wiederzusehen, fiel ich
ihm um den Hals.
Er nahm mich in seine Arme auf und sofort durchfloss mich ein Gefühl, was
mich abwechselnd heiß und kalt werden ließ. Als ich ihn wieder los
ließ, hielt er mir eine weiße Rose hin. "Hier, für dich. Ich
heiße übrigens Kian und du?" Ich betrachtete die Rose liebevoll.
"Katja, aber alle nennen mich Kat.", sagte ich leise und schaute zu ihm auf.
Wieder nahmen mich diese wunderschönen blauen Augen in ihren Bann. Ruckartig
holte ich mich wieder zurück in die Wirklichkeit.
"Okay, Kian, ich hatte gedacht, dass wir ins Leila gehen könnten. Es ist
das angesagteste Cafe in ganz L.A. Kennst du es?", stammelte ich. Er brachte
mich ganz durcheinander.
"Nein, ich kenne das Cafe nicht. Aber du kannst es mir gerne zeigen." Somit
bot er mir seinen Arm an. Ich überlegte eine Zehntelsekunde, ob ich mich
bei ihm einhacken sollte, machte es dann einfach. Dann schlenderten wir in Richtung
des Leila.
"Du kommst doch nicht aus den USA, Kian. Woher kommst du sonst?" Er lächelte
leicht.
"Woher hast du das bemerkt, dass ich kein Amerikaner bin?", stellte er eine
Gegenfrage.
"Weil du das Leila nicht kanntest und wegen deinem Akzent."
"Ich komme aus Sligo, einer Stadt in Irland, zwei Autostunden von Dublin entfernt.
Und du? Bist du Amerikanerin?" Ich schüttelte den Kopf. "Ich bin vor sechs
Jahren aus Berlin hierher gezogen." Wir waren inzwischen angekommen. Kevin,
ein Kellner, begrüßte mich herzlich.
"Hi, Kat. Schön, dass du dich auch noch einmal blicken lässt." Er
führte mich und Kian zu meinem Stammtisch, wenn ich mal nicht beruflich
dort aushalf. Dann gab er uns die Karten und verschwand wieder. Kian warf einen
Blick auf die Karte, dann sah er wieder mich an. "Kat, darf ich fragen, warum
du nach L.A. gezogen bist?" Ich seufzte.
"Ich habe es zu Hause nicht mehr ausgehalten. Der ganze Stress und Zoff tagein,
tagaus. Und als mein Vater dann auch noch ausgewandert war, hielt mich da nichts
mehr zurück."
Ich sah auf und genau in Kians Augen. Mein Gott, ich könnte stundenlang
von ihnen schwärmen. Doch stattdessen stellte ich die nächste Frage.
"Wie alt bist du, Kian? Du scheinst ziemlich jung zu sein." Er sah mich überrascht
an. "Ach, ja? Na, egal, ich bin 23. Dich würde ich auf... ähm... lass
mich nachdenken... so etwa 21 schätzen." Ich lächelte ihn an.
"Fast, ich bin 20." Er war jetzt echt verblüfft. "Du bist mit 14 Jahren
ausgezogen? Ich wohne immer noch bei meinen Eltern, was aber auch eher.... ähm....
beruflich bedingt ist."
Wir bestellten zwei Cappuccino und redeten weiter. Kian war der einzige Mann,
mal abgesehen von Mike, mit dem ich mich richtig unterhalten konnte.
"Wieso bist du hier in L.A., wenn du in Irland wohnst?", fragte ich Kian. Er
lehnte sich zurück. "Ich bin beruflich hier. Deshalb bin ich dir sehr dankbar,
dass du mir meine Freizeit etwas... nun ja.... interessanter machst." Ich lächelte
und wurde ein wenig rot.
Als wir ausgetrunken hatten, hob ich die Hand zum Zahlen. Der Kellner nickte
und kam dann mit einem großen Portmonee zurück. Ich holte meinen
Geldbeutel heraus, aber Kian legte seine Hand auf meine und schüttelte
den Kopf. Ich schaute ihn verständnislos an, begriff dann aber, als Kian
die Rechnung bezahlte. Sofort wollte ich protestieren, verstummte aber auf Kians
Blick. Als der Kellner weg war, half mir Kian in meinen Mantel und ging dann
mit mir aus dem Cafe.
"Kian, wieso hast du bezahlt? Ich wollte dich doch entschädigen.", fragte
ich ihn draußen und zückte schon mein Portmonee. Er nahm nur meine
Hand und ging mit mir in ein benachbartes Waldstück.
"Dazu sind wir Iren zu stolz, um uns von irgendeiner Frau einladen zu lassen.
Außerdem finde ich es zuvorkommend, wenn man für die Dame bezahlt.
Du kannst dein Portmonee wieder einstecken, ich habe bezahlt und damit basta."
Ich steckte es wieder ein und bemerkte dabei, dass Kian noch immer meine Hand
hielt. Seine Hand war so schön warm. Überhaupt sein ganzer Körper
schien Wärme auszustrahlen. Deshalb ging ich etwas näher an ihn heran.
Kian merkte das und legte seinen Arm um mich. Sofort lief mir ein warmer Schauer
über den Rücken, ich bekam Gänsehaut bis zu den Füßen.
Eine Weile gingen wir so durch das Wäldchen, als Kian plötzlich sich
zu mir umdrehte und mich ansah.
Er strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und fing an zu sprechen.
"Kat, ich weiß nicht, wie ich das jetzt sagen soll.... aber als ich dich
gesehen hab... da wusste ich sofort, dass du etwas Besonderes bist. Ich..."
Weiter kam er nicht, denn ich hatte mich vorgebeugt und ihn geküsst. Der
Kuss dauerte mindestens drei Minuten. Als wir uns erschöpft wieder von
einander lösten, lächelte Kian. "Ja, das wollte ich sagen. Kat, ich
habe mich in dich verliebt.", flüsterte er. Meine Hände strichen über
seinen Rücken und ich lächelte ihn glücklich an. "Ich liebe dich
auch, Kian." Und wieder versanken wir in einem langen Kuss. Irgendwann kamen
wir aus diesem Wäldchen wieder heraus, eng umschlungen und uns immerzu
ansehend. Kian brachte mich noch nach Hause. Vor der Haustür küsste
er mich nochmals. "Kat, ich liebe dich. Vergiss das bitte nie." Ich nickte und
schmiegte mich an ihn. Nach zwanzig Minuten ging Kian dann. Wir hatten noch
die Handynummern ausgetauscht. Ich schloss die Haustür auf und übersah
Kid fast, die auf dem Jackenständer auf mich gewartet hatte. Als ich endlich
umgezogen und gewaschen im Bett lag, klingelte das Telefon. Shit, der AB war
noch nicht an. Also noch mal raus. Schlaftrunken nahm ich den Hörer ab
und meldete mich.
"Ja?"
"Kat? Hi, ich bin’s, Sandy." Ich fing an zu lächeln. Meine Schwester rief
nicht oft von Germany aus in L.A. an, aber wenn, dann freute ich mich riesig.
Seit ich ausgezogen war, verstanden wir uns prächtig. Doch jetzt war ich
etwas müde
"Sandy, hi. Sag mal, weißt du, wie spät es jetzt bei mir ist?" "Ähm...
nein, bei uns ist es gerade kurz nach halb vier." Ich seufzte.
"Ja, bei mir ist es halb zwölf und ich bin todmüde. Könnten wir
das Gespräch auf morgen beziehungsweise auf später verschieben?"
"Okay, können wir machen. Musst du morgen arbeiten?", fragte sie.
"Ja, muss ich. Du kannst ja halb zwölf deiner Zeit noch mal anrufen. Soweit
ich weiß, hast du Ferien."
"Na ja, Ferien. Ich würde es eher Urlaub nennen, den ich mir redlich verdient
habe. Ich ruf dann nachher noch mal an. Tschüss, Kat.", meinte Sandy.
"Ja, okay. Bye."
Ich legte den Hörer auf und schaltete den AB ein. Dann fiel ich todmüde
ins Bett. Aber sofort einschlafen konnte ich nicht. Meine Gedanken drifteten
immer wieder Richtung Kian ab. Er war aber auch zu süß. Endlich,
so etwa halb eins, schlief ich ein.
RING!! Oh nein, nicht schon wieder!!! Ich schlug auf den Wecker, der nicht ausging,
sondern vom Regal kippte. Na schön, toller Morgen. Kid räkelte sich
noch auf dem Fußende des Bettes. Ich warf ihr einen neidischen Blick zu.
Sie konnte noch schlafen, aber ich musste raus. Ich reckte mich, schaltete das
Radio ein und rappte leise zu einem Teil von Eminems
"Lose Yourself" mit. Schon fühlte ich mich besser und ich konnte mir Frühstück
machen. Als ich dann im Bad fertig war, warf ich einen Blick auf die Uhr. Typisch
für mich, es war 7:45 Uhr. Ich musste erst um neun im Cafe sein, deshalb
machte ich mir noch eine Tasse Kaffee. Als das Telefon klingelte, wunderte ich
mich zuerst. Ich hatte es doch gar nicht wieder angemacht. Wahrscheinlich hatte
ich gestern nur den AB eingeschaltet, das eigentliche Telefon aber vergessen.
"Ja?", sagte ich, nun richtig wach.
"Hi, Kat, ich bin’s wieder."
"Hi Sandy. Du, hör mal, ich muss dir was ganz Wichtiges erzählen."
"Raus damit. Mach’s nicht so spannend."
"Ich hab gestern einen kennen gelernt. Du glaubst gar nicht, wie süß
der ist. Und seine Augen erst mal..." Ich erzählte ihr die ganze Geschichte
von vorn, doch als ich an dem Namen "Kian" ankam, fing meine Schwester an zu
keuchen.
"Sandy, was ist los?? Geht’s dir gut??"
"Kat, beschreib deinen Traumtypen mal. Lass nichts aus!"
Ich war etwas verwirrt, tat es aber.
"Na, er ist 22, etwa 1,76 Meter groß, hat blonde Haare und wunderschö..."
Weiter kam ich nicht.
"... wunderschöne, eisblaue Augen, die strahlen, wenn er lächelt.",
ergänzte mich meine Schwester fassungslos. Jetzt verstand ich gar nichts
mehr.
"Ja, woher weißt du das? Sandy, was ist los??"
"Kat, er kommt aus Irland, besser gesagt aus Sligo und heißt Egan mit
Nachnamen." Sie begann Fakten über Kian aufzuzählen, von denen ich
teilweise auch nichts wusste. Aber das konnte keine Verwechslung sein. Sie hatte
ihn so treffend beschrieben.
"Jetzt sag endlich, woher du Kian kennst!!!", rief ich in den Hörer.
"Warte mal kurz, Kat. Ich hol mal was." Dann Stille. Plötzlich hörte
ich Musik im Hintergrund, aber ich kannte sie nicht. Doch eine Sekunde später
fiel mir fast die Kaffeetasse aus der Hand.
"Sandy, der Mann, der dort grad singt, das ist Kian! Eindeutig!!", schrie ich
jetzt fast. Die Musik verstummte.
"Eben. Kat, das war gerade "You make me feel". Kian ist bei einer Boyband, die
Westlife heißt. Sie sind in England, Irland, Asien und auch in Germany
sehr erfolgreich. Hier waren sie vor einem Jahr noch mit Natural auf Tour. Die
Tour war übrigens ein voller Erfolg. Warte, ich faxe und mail dir mal ein
Bild und ein paar Songs von denen rüber." Kurzes Rumgewühle, dann
sprang mein Faxgerät an. Ich lief mit dem schnurlosen Telefon dort hin
und sah fassungslos auf das Bild, was langsam durch den Farbdrucker zu erkennen
war. Auch auf meinem PC war jetzt das Signal an, dass ich eine neue eMail hatte.
"Kat? Sind sie schon da?"
"Ja.", flüsterte ich fast und starrte nur auf Kian, der unten in der rechten
Ecke war.
"Okay. Kian wirst du schon erkannt haben. Der Mann neben ihm links heißt
Mark Feehily und kommt wie Kian auch aus Sligo. Außerdem ist auch noch
Shane Filan, der Mann über Kian, aus der Stadt. Der mit dem grauen Hemd
ist Nicky Byrne, der daneben Bryan McFadden. Die beiden kommen aus Dublin. Mark
ist der jüngste der Band, aber auch 23. Bryan ist auch 23. Kian, das weißt
du ja schon. Shane ist ein Jahr älter, also 24. Nicky ist der älteste
mit 25." Sie wollte fortfahren, aber ich stoppte sie.
"Ja, ist gut. Sandy, Kian und ich haben uns geküsst. Das nur so nebenbei.
Aber was sucht denn eine Boyband, die hier in den Staaten kein Mensch kennt,
in L.A.?"
"Was?? Meinst du das ernst? Hier in Germany würde jedes Girl nur froh sein,
wenn Kian sie nur mal ansehen würde und du knutschst gleich mit ihm rum!"
"Sandy!", protestierte ich. "Konnte ich denn wissen, dass er so heißbegehrt
ist?"
Sie hatte sich wieder beruhigt. "Nein, konntest du nicht. Ich glaube, sie sind
in Los Angeles, weil sie das Video zu ihrer neuen Single "Unbreakable" drehen
wollen. Jedenfalls hab ich so was gehört."
Ich sah auf die Uhr. Oh, nun wurde es aber Zeit.
"Sorry, Sandy. Ich muss los. Danke für das Bild und die Infos. Bye."
"Ist schon gut. Tschau."
Ich legte auf und betrachtete das Bild von Westlife. Sie sahen alle nicht schlecht
aus, denn alle hatten so etwas wie eine besondere Ausstrahlung, die mich in
ihren Bann zog, aber mit Kian konnte ich keinen vergleichen. Er sah einfach
unbeschreiblich aus. Schweren Herzens, aber noch recht aufgewühlt, legte
ich das Bild aus der Hand, zog meine Jeansjacke an und verließ die Wohnung.
Im Cafe war die Hölle los. Ich hielt Kevin auf und stellte ihn zur Rede.
"Was ist denn hier los? Hab ich irgendwas verpasst?", fragte ich.
Kevin schüttelte nur den Kopf.
"Mein Gott, Kat. Deinem Gedächtnis ist auch wirklich nicht mehr zu helfen.
Heute Abend ist doch die Karibik-Party. Was denkst du, warum du heute so früh
hier sein solltest?" Er drückte mir eine ellenlange Liste in die Hand.
"Hier, das muss noch aus dem Lager geholt werden.", meinte er noch zu mir. Ich
hängte meine Jacke auf und ging in Richtung Lager, doch Kevin rief mich
zurück.
"Ach, Kat, komm lieber heute nicht mit Mr. Bangle in Kontakt. Er steht unter
Hochspannung, da würdest selbst du scheitern." Er grinste mir noch zu,
dann ging er. Ich drehte mich kopfschüttelnd um. Es war fast wie ein Spiel
zwischen uns Kellnern. Wer Mr. Bangle, unsern etwas sturen Chef, zu etwas überreden
konnte, genoss immer besonderen Status im Cafe. Wenn es um die Schichtenverteilung
ging, konnte der- oder diejenige ihren bzw. seinen Status zu seinen Gunsten
ausspielen. In letzter Zeit galt ich als die ungeschlagene Siegerin.
Im Lager sah ich auf die Liste und suchte die Dinge zusammen. Meine Gedanken
schweiften immer mehr zu Kian ab. Die Buchstaben auf einer Verpackung verschwammen
vor meinen Augen in diese vier Buchstaben K, I, A und N. Kat, nun hör aber
auf, schalt ich mich selbst. Seit wann verliebst du dich denn so sehr, dass
du dich nicht mal auf deine heißgeliebte Arbeit konzentrieren kannst?
Ich seufzte und kam mit den Sachen wieder aus dem Lager. Die Lebensmittel brachte
ich in die Küche, die anderen Dinge zur Theke, wo ich sie auch gleich einordnete.
Den übrigen Tag machte ich mir so stressig wie möglich, damit ich
diese wunderschönen blauen Augen aus dem Kopf bekam. Doch irgendwie klappte
das nicht. In meiner Mittagspause klingelte mein Handy. Ich kramte wie eine
Wilde danach, da ich hoffte, Kian könnte angerufen haben.
"Ja?", sagte ich hoffnungsvoll in mein Handy.
"Ich bin’s, Mike. Ich wollte doch noch mal anrufen."
"Mike, ach so, hi." Meine Stimme hörte sich wohl enttäuscht an, denn
Mike fragte was los sei. "Ach nichts. Ich hatte nur jemand anders erwartet.",
redete ich mich raus. Na ja, so ganz falsch war das ja nicht.
"Na, ist ja auch egal. Kat, sag mal, du musst doch nur noch zwei Stunden arbeiten,
nicht?"
Ich setzte mich jetzt auf einen Stuhl im Cafe.
"Ja. Willst du rüber kommen, oder was?", fragte ich.
"Genau. Natürlich nur, wenn du nichts dagegen hast."
Wir verabschiedeten uns, dann legte ich auf.
Nach der Arbeit ging ich nach Hause. Kid wartete schon sehnsüchtig auf
mich. Ich begrüßte sie, dann zog ich mich aus und ließ mich
auf das Sofa fallen. Den Fernseher schaltete ich zwar an, hörte aber bei
den MTV-News nicht hin, sondern hörte lieber meine Mailbox ab. Zwei Nachrichten
waren drauf. Das erste Mal hatte niemand draufgesprochen. Na toll, dachte ich,
wegen so jemandem verschwende ich hier mein Geld. Die zweite Nachricht begann
genau so:
"...... ähm... Kat, hättest du heute Zeit? Ich würde gern was
mit dir unternehmen. Na, ich ruf um drei noch mal an." Dann war die Nachricht
zu Ende. Scheiß auf das Geld, ich hörte mir Kians Stimme mindestens
dreimal an. Dann legte ich das Handy beiseite und sah im Fernseher, dass mein
Spiegelbild ganz rot war. Mein Blick fiel auf die Uhr daneben. Was, schon drei
Uhr? Kaum hatte ich das gedacht, klingelte das Handy.
"Ja?", fragte ich völlig außer Atem.
"Hi, Kat, meine Süße. Kennst du mich noch?", fragte eine Stimme,
die so warm klang, dass sie mir eine Gänsehaut verpasste.
"Wie könnte ich dich je vergessen, Kian?"
"Na, wenigstens etwas. Was ist nun? Hast du heute bzw. jetzt Zeit?", fragte
Kian.
"Heute schon, jetzt nicht. Du könntest heute Abend kommen.", überlegte
ich.
"Okay, ich komm einfach, ja? Ciao, Kat, ich liebe dich."
"Bye, Ki, ich dich auch." Dann legten wir auf.
Das war mir echt nicht leicht gefallen, so zu klingen, als ob nichts gewesen
wäre. Aber ich hatte es geschafft. Ich lud von Sandys Mail die Songs von
Westlife runter und ließ sie laufen. Also, singen konnten sie alle. Und
die übrige Musik war auch nicht schlecht. Besonders Kians Part bei "You
make me feel". Ich stand auf, ging zum Fenster und sah Mike den Weg entlang
laufen. Traurig machte ich den PC aus und ging zur Tür. Ich konnte es nicht
glauben, dass Kian mir nichts von seinem Job erzählt hatte. Okay, ich hatte
ihn auch nicht wirklich darauf angesprochen. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl
gehabt, Kian würde mich nie anlügen und in gewisser Weise hatte er
das ja auch nicht.
"Hey, Erde an Kat, leben Sie noch??", riss mich Mikes Stimme aus meinen Gedanken.
Ich hatte ihm automatisch die Tür aufgemacht, war dann aber davor stehen
geblieben.
"Ja, sorry, Mike, war grad in Gedanken." Ich ließ die Tür los und
ging ins Wohnzimmer. Mike machte die Tür zu und folgte mir.
"Na, da sieht ja jemand so aus, als ob derjenige was zu erzählen hätte.",
stellte Mike schmunzelnd fest. Ich lächelte zurück. Dass mich jemand
durchschaute, das war selten, aber bei Mike nichts ungewöhnliches mehr.
"Na, ich hab da jemanden kennen gelernt...", fing ich an zu erzählen, doch
Mike unterbrach mich.
"Untreu wirst du mir auch noch, na, der muss ja echt gut aussehen." Ich grinste
und dachte: Nein, Mike, er sieht nicht nur gut aus, er sieht einfach supersüß
aus. Ich erzählte weiter, auch die Sache mit dem Anruf meiner Schwester
ließ ich nicht aus.
"Hier, ich kann ihn dir sogar zeigen.", sagte ich und stand auf, um das Bandfoto
vom Küchentisch zu holen. Ich zeigte ihm Kian und er sah ein paar Sekunden
einfach nur darauf. Dann räusperte er sich.
"Kat, ich denke nicht, dass Kian dich angelogen hat. Jedenfalls nicht aus seiner
Sicht. Ich glaube, er wollte nur einmal jemanden kennen lernen, ohne schon vorher
beurteilt zu werden. Du weißt, wie das bei Joey war."
Als Mike Joeys Namen erwähnte, wurde ich kurz traurig. Joey war mein bester
Freund gewesen. Er hatte eine Band gegründet und war in den ganzen USA
berühmt geworden. Doch die Interviews, Auftritte, Touren und vor allem
die skrupellose Presse waren ihm eines Tages zuviel geworden. Er hatte mich
angerufen und sich bei mir ausgeweint. Dann hatte er sich mit einer Pistole
in seinem Hotelzimmer in Germany erschossen. Seine letzten Worte zu mir waren
auch, dass er nie wieder Menschen kennen lernen konnte, die kein Urteil über
ihn hatten. Das hatte ihn so fertig gemacht. Inzwischen lag das etwa drei Jahre
zurück.
Mikes Stimme holte mich zurück in die Wirklichkeit.
"Kat, er hätte es dir garantiert irgendwann gesagt. Ruf ihn einfach an
und bespreche das dann mit ihm." Ich nickte.
"Angerufen hat er schon, er kommt heute Abend vorbei.", erklärte ich ihm.
Mike und ich unterhielten uns noch eine Weile. Etwa um 18.00 Uhr ging er dann.
Ich lief in der Wohnung herum. Dass Mike Joeys Namen im Zusammenhang mit Kian
genannt hatte, wühlte mich schon auf. Ich hatte Angst, dass Kian mir auch
noch genommen werden könnte. Ich wollte es nicht denken, aber dieser Gedanke
verließ mich nicht. Irgendwann setzte ich mich vor den Fernseher und zappte
mich durch die verschiedenen Musikprogramme. Auf Viva kam gerade ein Song von
Natural. Sandy hatte doch gesagt, dass Westlife mit denen in Germany auf Tour
waren. Ich ließ den Titel laufen, aber meine Gedanken schweiften immer
wieder zu Kian ab. Kid sprang mir auf den Schoß und wollte gestreichelt
werden. Ich erfüllte ihr diesen Wunsch, bis es klingelte.
Ich schrak hoch und Kid sprang auf meine Schulter. An der Tür blieb ich
unschlüssig stehen. Ach, Kat, wirst du jetzt wohl die Tür aufmachen!
Dein Traummann steht da draußen und du lässt ihn bei dem Wind weiter
frieren!, schalt ich mich in Gedanken. Dann öffnete ich die Tür. Kian
stand draußen und sah mich mit seinem süßesten Lächeln
an. Da konnte ich nicht widerstehen, mir huschte auch ein Lächeln über
die Lippen. Kian trat an mich heran und wollte mich küssen, doch ich wich
seinem Kuss aus, sodass dieser auf meiner Wange landete. Er sah sehr überrascht
aus, trat dann aber in die Wohnung. Wortlos wies ich ihn ins Wohnzimmer. Kid
sprang Kian hinterher. Er setzte sich auf die Couch und hatte zwei Sekunden
später Kid auf dem Schoß, die sich an seine Hand schmiegte. Ich blieb
einen Moment im Türrahmen stehen. Dann folgte ich ihm und setzte mich auf
einen Sessel. Kian hob den Kopf und sah mich mit seinen eisblauen Augen an.
Ich hatte förmlich das Gefühl, als ob er in mich hereinsehen konnte.
Irgendwie beunruhigend, aber auch gut. Kian setzte jetzt Kid wieder auf den
Boden, stand auf und hockte sich vor den Sessel.
"Kat, ich merk doch, dass du was hast. Komm, sag schon.", sagte er leise. Ich
senkte den Blick, musste dann aber wieder hochgucken, da mich Kians wunderschöne
Augen einfach magisch anzogen. Dann seufzte ich.
"Kian, meine Schwester hat mich heute angerufen. Wieso hast du mir nicht gesagt,
dass du in einer Band bist?", fragte ich traurig. Kian nahm meine Hand und fing
an sie zu streicheln.
"Kat, es tut mir leid. Ich hätte es dir sagen müssen, aber konnte
ich denn wissen, dass ich mich hoffnungslos in dich verliebt habe? Ich wollte
es dir heute sagen. Aber das hat sich jetzt wohl erledigt." Dann sagte Kian
genau das, was Mike mir über ihn auch gesagt hatte. Dabei musste ich an
Joey denken. Es war zwar schon lange her, aber die Erinnerung an ihn tat immer
noch weh. Als Kian fertig war, sah er die Tränen in meinen braunen Augen.
Auf seinen fragenden Blick reagierte ich nicht.
"Wie lange existiert Westlife schon?", sagte ich mit tränenerstickter Stimme.
"Etwa fünf Jahre, wieso? Kat, was ist los?", fragte er fast hilflos. Doch
bevor er mich antworten ließ, zog er mich sanft aus dem Sessel hoch, setzte
sich mit mir auf die Couch und legte einen Arm um mich. Ich lehnte mich sofort
an ihn. Dann begann ich, von Joey zu erzählen. Kian war der erste, der
es von mir erfuhr. Nicht einmal Amber hatte ich das gesagt. Aber bei Kian hatte
ich das Gefühl, dass er mich verstehen würde, so wie Mike.
"Ich habe einfach Angst, ich könnte dich auch noch verlieren und das würde
ich nicht durchstehen.", schloss ich die ganze Geschichte. Kian zog mich näher
an sich heran und wischte mir ein paar Tränen vom Gesicht.
Eine Weile saßen wir auf der Couch und ich kuschelte mich an Kian, der
abwechselnd meinen Rücken und meine Arme streichelte. Irgendwann hob ich
meinen Kopf und sah in Kians Augen. Er beugte sich vor und küsste mich
auf die Wange. Danach konnte ich nicht anders, ich musste ihn einfach küssen.
Während des Kusses wurden meine Knie butterweich. Ich hätte nicht
aufstehen können, was ein Glück auch nicht nötig war, denn Kian
nahm mich einfach auf den Arm und trug mich ins Schlafzimmer, wo er mich auf
dem Bett ablegte. Dort küsste er mich immer wieder. Ich zog ihn langsam
mit auf das Bett. Kians Hände strichen über meinen Körper. Nicht
verlangend, nur unendlich zärtlich. Vorsichtig knöpfte ich sein Hemd
auf und strich es ihm über seine Schultern. Auch er zog mir jetzt mein
T-Shirt aus und begann, meine Hose zu öffnen. Ich strich über seine
Gürtelschnalle und begann, den Knopf seiner Jeans aufzumachen. Als wir
jetzt nur noch in Unterwäsche waren, schmusten wir auf dem Bett wild herum.
Kian erkundete meinen Körper mit heißen Küssen. Ich dagegen
spielte immer wieder mit dem Bund seiner Boxershorts. Die darauffolgenden Stunden
wurden einfach unvergesslich. Etwa um elf Uhr verabschiedete sich Kian an der
Haustür.
"Kat, du bist wunderschön, weißt du das?", fragte er, im Türrahmen
lehnend.
"Kian, weißt du, dass du supersüß bist?", flüsterte ich
ihm ins Ohr, ohne auf seine Frage einzugehen. Er lächelte.
"Sag mal, hast du Zeit und Bock, morgen zu den Dreharbeiten von unserem Video
zu kommen? Ich würde mich echt freuen. Wenigstens ein Lichtblick in den
Pausen...", meinte er.
Ich überlegte. Morgen musste ich nicht arbeiten, zweimal in der Woche hatte
ich frei.
"Also, Zeit hätte ich. Ob ich Lust habe, das brauchst du doch gar nicht
erst zu fragen. Ich würde gern kommen. Wo sind denn die Dreharbeiten?",
erwiderte ich.
Kian dachte kurz nach.
"Ähm... ich glaube Malibu Beach. Ja, da war’s. Du kannst ja so um acht
Uhr im Liberty Hotel vorbeischauen. Da hab ich unter dem Namen ´Andrew
Bowle` eingecheckt. Frag einfach nach diesem Namen, dann werden sie dir meine
Zimmernummer schon geben." Daraufhin küsste mich Kian noch mal und wollte
gehen. Doch ich ließ ihn nicht so schnell davon.
"Komm schon, Süßer, ein Kuss für so viele Stunden allein? Da
möchte ich schon mehr haben!", protestierte ich. Kian sah mich mit seinen
wunderschönen Augen an.
"Kat, wenn es danach ginge, würde ich nie mehr aufhören, dich zu küssen,
da du ganze zwanzig Jahre ohne mich leben musstest." Er legte die Arme um mich
und küsste mich. Diesmal dauerte der Kuss aber etwa fünf Minuten.
Nachdem wir uns voneinander getrennt hatten, strich mir Kian liebevoll über
die Wange und ging. Ich stand ungefähr noch zwei Minuten an der Tür
und sah ihm nach. Ihm, meiner großen Liebe.
Am nächsten Morgen war ich pünktlich um acht in der Lobby des Hotels.
Als ich zur Rezeption gehen wollte, fiel mir ein junger Mann auf, von dem eine
Ausstrahlung ausging, die ich von irgendwoher kannte. Ich muss zugeben, der
Mann sah wirklich gut aus. Als ich an der Theke lehnte und auf die ältere
Frau wartete, die grad telefonierte, fiel mir ein, woher ich dieses Gesicht
und die Ausstrahlung kannte.
Das Poster! Auf dem Bild, was mir meine Schwester gefaxt hatte, waren noch vier
andere Boys drauf gewesen. Und dem Einen sah der junge Mann in der Lobby ziemlich
ähnlich. Mein Gott, wenn ich doch nur noch wissen würde, wie ihn meine
Schwester genannt hatte! Ich kramte in meinem Gedächtnis rum. Nico? Nein,
vielleicht.... ähm.... Nick? Auch nicht! Die Frau hinter der Rezeption
hatte inzwischen aufgehört zu telefonieren und sah mich fragend an.
"Kann ich Ihnen behilflich sein, Madam?", sagte sie mit einer Stimme, die ich
zutiefst schleimig fand.
"Nein, danke, ich warte hier nur auf jemanden.", log ich.
NICKY! Na klar, so hatte Sandy ihn genannt! Nicky Byrne, der älteste der
fünf, nämlich 25. Ich schlenderte jetzt zu Nicky, der in einem Sessel
saß und in einer Jugendzeitschrift blätterte. Da ich etwas seitlich
von ihm war, konnte ich sehen, dass er lächelte. Sein Grinsen wurde immer
breiter, als er, wie ich sah, die Seite mit den Charts aufschlug. Jetzt stand
ich hinter ihm und tippte ihm auf die Schulter. Überrascht schrie er auf
und drehte sich um.
"Meine Güte, hast du mich erschreckt!", stieß er hervor.
Ich setzte mich ihm gegenüber auf einen anderen Sessel.
"Sorry, das wollte ich nicht. Ich bin Katja Bender, aber alle nennen mich Kat.",
stellte ich mich vor. Nicky lächelte und ergriff meine Hand.
"Angenehm, Kat. Ich bin Nicolas Byrne, aber alle nennen mich Nicky." Er grinste
mich an. Dieses Grinsen hatte etwas genauso Ansteckendes wie bei Kian.
"Du siehst aus, als hättest du eine Frage. Komm schon, keine falsche Schüchternheit,
frag mich einfach!", ermunterte mich Nicky. Ich dachte kurz an Kian.
"Nicky, ich suche Andrew Bowle. Für dich vielleicht besser bekannt unter
Kian Egan. Er hat mir gestern gesagt, dass ich hierher kommen soll." Ich stockte,
da Nicky jetzt anfing zu fluchen.
"Shit, jetzt bin ich um 100€ leichter." Auf meinen fragenden Blick hin fügte
er noch hinzu:
"Bry und ich haben gewettet, ob bei Ki’s superguter Laune ein Girl dran ´Schuld`
ist. Tja, ich hab dagegen gewettet. Jetzt, wo ich es mir recht überlege,
kommt mir der Name Kat auch bekannt vor. Kian hat Shay die ganze Zeit von dir
vorgeschwärmt, was ich Idiot natürlich nicht gehört habe." Ich
wurde rot.
"Weiß du, in welchem Zimmer er ist, Nicky?", fragte ich nun. Nicky stand
auf und bot mir seinen Arm mit leichtem Grinsen an. Ich nahm ihn zwar an, aber
nur, um vom Sessel aufzustehen. Dann ließ ich ihn wieder los.
"Logo weiß ich, wo Kian untergebracht ist. Komm mit, Kat, ich bring dich
zu ihm.", sagte Nicky und steuerte auf die Treppe zu. Ich folgte ihm etwas verwirrt.
Im ersten Stock wandte ich mich dann an Nicky.
"Nicky, wieso hast du eigentlich nicht den Fahrstuhl genommen? Damit wäre
es doch viel schneller gegangen." Nicky sah mich kurz an, während er den
Flur entlangging.
"Du bist kein Westlifefan, nicht?", stellte er fest. Ich lächelte kurz.
"Na ja, ich hab euch, bevor meine Schwester aus Germany mir über euch erzählt
hat, noch nicht mal gekannt. Nein, bis jetzt habe ich nur einige Songs von euch
gehört, die mir meine Schwester gemailt hat." Mir fiel jetzt seine etwas
kratzige Stimme auf. Das musste Nicky sein, der auf "You make me feel" die erste
Strophe sang. Also fügte ich noch hinzu:
"Und ich finde, dass ihr alle wirklich Talent zu Singen habt." Nicky lächelte
kurz.
"Thanx. Zu deiner Frage, ich habe schreckliche Angst vor Fahrstühlen, die
kein Fenster haben. In den Hotels ist es dann immer etwas unpraktisch, da die
meisten nicht meinen ‚Anforderungen’ entsprechen. Wenn du dein Zimmer im dritten
Stock hast und jedes Mal hoch und wieder runter laufen musst....
Hier ist Ki’s Zimmer.", sagte er. Ich sah auf die Zimmernummer: 113b. Nicky
klopfte an und wartete, bis Kian von innen rief, dass er hereinkommen sollte.
Er ging rein und zog mich am Arm mit.
Kian saß aus dem Bett und blätterte in irgendwelchen Unterlagen.
Nicky blieb so bei der Tür stehen, dass ich zwar Kian sehen konnte, er
aber nicht mich. Dann räusperte Nicky sich.
"Ach, Ki, hast du heute schon in die deutsche BRAVO gesehen?", fragte er ganz
unschuldig.
"Nein, Nix, wie auch? Du beschlagnahmst sie ja immer zuerst.", antwortete Kian,
ohne von seinen Blättern aufzusehen.
"Wir sind mit "Bop Bop Baby" von 0 auf Platz 1 gewählt worden.", meinte
Nicky und grinste mir zu.
"Schön, Nixter, aber ich muss jetzt wirklich noch arbeiten, bevor wir losfahren.",
sagte Kian, jetzt ein wenig genervt. Ich trat jetzt aus Nickys Schatten heraus
und schlang die Arme von hinten um Kian.
"Musst du wirklich noch arbeiten?", fragte ich. Kian drehte sich jetzt überrascht
um.
"Nicky, was soll da... Kat, was, du bist wirklich gekommen??" Kian schmiss die
Unterlagen von seinem Schoß und umarmte mich. Dann sah er mir in die Augen
und küsste mich. Ich hörte zwar einige Geräusche in der Nähe
der Tür, ließ mich aber dadurch nicht beirren und genoss Kians Kuss.
Als wir uns wieder voneinander gelöst hatten, sah ich, dass noch drei andere
junge Männer in der Tür standen. Den Einen erkannte ich sofort. Mark
hatte mir auf dem Poster am besten gefallen (direkt nach Kian, versteht sich
*g*). Er stand neben einem Mann, den ich als Shane erkannte. Jetzt sah ich den
letzten an, der Nicky angrinste und die Hand aufhielt.
"Tja, Nicky, da wären dann 100€ fällig!", grinste er. Nicky seufzte,
holte sein Portmonee raus und legte Bryan zwei 50€ Scheine auf die Hand. Mark
seufzte.
"Und ich hatte gedacht, dass Ki einen superguten Fast Food Laden entdeckt hat
und deshalb so glücklich ist." Kian fing an zu lachen und stand mit mir
im Arm vom Bett auf.
"Nein, Marky, da hatte Bryan schon den richtigen Riecher. Okay, darf ich euch
allen vorstellen: Das ist Kat. Wie ihr sicher schon gesehen habt, ist sie meine
Freundin. Kat, das sind Shane, Bryan und Mark. Nicky dürftest du schon
kennen." Bryan machte den Anfang mich zu begrüßen und umarmte mich.
Dann kam Shane und danach Mark. Als er mich umarmt hatte, sah er mir in die
Augen. Dann lächelte er.
"Na, da hat unser Ki ja eine richtige Schönheit an seiner Seite.", sagte
Mark. Kian legte einen Arm um mich.
"Pass bloß auf, was du sagst, Mark. Kat ist immerhin meine Freundin."
Dann lachte er. Mark grinste, aber er riskierte noch einen Blick auf mich, den
ich aber nicht mehr wahrnahm, da ich mich an Kian kuschelte.
"Bry, wann müssen wir eigentlich los?", unterbrach Shane die kleine freundschaftliche
Streiterei. Bryan zuckte mit den Achseln und wies auf Kian, der auch gleich
antwortete.
"Ich glaube, so etwa halb neun, Shay. Also können wir uns so langsam fertig
machen." Die Jungs verschwanden in ihre Zimmer. Kaum waren wir allein, nahm
Kian mich auf den Arm und legte mich aufs Bett. Dort fing er an mich zu küssen
und mir über den ganzen Körper zu streicheln. Irgendwann, als wir
nur noch in Unterwäsche auf dem Bett schmusten, sah ich auf die Uhr und
stellte fest, dass es schon halb neun war. Das flüsterte ich Kian zärtlich
ins Ohr. Er seufzte.
"Können wir das nicht ausfallen lassen? Und einfach weitermachen?", fragte
er mit einem Hundeblick.
"Ki, du kannst doch nicht deinen eigenen Videodreh absagen! Komm schon, ich
bin doch bei dir.", lachte ich.
Ich zog mich wieder an und ging dann mit Kian in die Lobby, wo die anderen auch
schon warteten. Ein Mann Mitte dreißig stand bei ihnen. Als wir bei ihnen
ankamen, stellte mir Mark den Mann als Anthony, ihren Tourmanager, vor.
"Ich werde aber immer Anto genannt.", sagte dieser. Dann wandte sich Bry auf
dem Weg zum Auto an Kian.
"Ja, ja, Ki, halb neun wollen wir los. Inzwischen ist es dreiviertel." Kian
wurde kurz rot, stieg dann in den Transporter ein. Wir fuhren etwa eine halbe
Stunde, dann erkannte ich die Gegend wieder. Im Sommer war ich oft hier mit
Mike und Amber gewesen. Oh Gott, Amber musste ich ja noch anrufen! Ich nahm
schnell mein Handy raus und wählte ihre Nummer.
"Ja?", meldete sich Amber.
"Ja, Süße, ich bin’s, Kat. Ich sollte doch noch mal anrufen.", sagte
ich.
"Ach, du meldest dich auch mal wieder! Also wirklich, Kat. Erst denkst du, dass
wir eine Verabredung hatten, wo wir keine haben und wenn du mich mal zurückrufen
sollst, dann vergisst du das. Jetzt möchte ich aber mal wirklich wissen,
wo du grad bist und wie er heißt!" "Ja, ähm, ich bin grad unterwegs
mit ein paar Kumpels, die du nicht kennst. Und du würdest ihn doch eh nicht
kennen, was nützt dir dann der Name?", konterte ich. Amber seufzte.
"Na, um dich aufzuziehen! Dann kann ich sagen: Na, du denkst mal wieder an Mike
oder weiß ich wen." Jetzt fing ich an zu lachen.
"Amber, ich und Mike, also wirklich! Er ist echt nur ein guter Freund. Okay,
wenn du unbedingt willst, er heißt Kian.", sagte ich jetzt.
"Kian, Kian... ich kenne keinen Kian!", hörte ich Amber murmeln.
"Was hab ich dir gesagt? Also, ich bin heut nicht mehr zu Hause, also auf den
AB zu quatschen, das kannst du dir gleich sparen. Werde wahrscheinlich die Nacht
bei ihm verbringen, weiß aber noch nicht."
"Ist schon gut, Kat, du kannst ruhig zu ihm, ich ruf nicht mehr an. Aber SMS
sind doch nicht verboten, oder?", fragte sie ganz scheinheilig. Ich schüttelte
nur den Kopf.
"Okay, okay, Amber. See ya."
"Ciao Kat." Dann legte ich auf und kuschelte mich wieder an Kian.
Am Drehort hatte Kian nicht mehr so viel Zeit. Ich stand eher abseits und beobachtete
die Szenen. Als Mark anfing, seinen Part zu singen, lief mir eine Gänsehaut
über den Rücken. Ich hatte diesen Part vorher kurz von Shane gehört,
aber was Mark damit machte, war einfach unglaublich. In der Mittagspause sagte
ich ihm das auch. Mark lächelte und wurde rot.
"Marky, das ist das erste Mal seit weiß ich wie vielen Jahren, dass du
rot wirst.", sagte Shane verblüfft. Daraufhin wurde Mark noch röter
und schaute nach unten. Nicky verwickelte mich dann in ein Gespräch.
"Kat, wenn du willst, können wir dir die alten Alben besorgen. Kostenlos,
versteht sich. Dann kannst du uns und besonders Kian immer wieder hören.",
schlug er vor. Bryan verschluckte sich darauf an seinem Burger, hustete und
kramte in seiner Tasche. Nicky wollte weitersprechen, doch Bry hielt ihn ab.
"Kat, hier, die hab ich schon eine Ewigkeit bei mir. Das sind unsere drei Alben,
wenn du willst, bekommst du auch Autogramme von uns drauf.", sprudelte es aus
Bryan heraus. Ich musste lächeln, als Nicky Bry den Edding aus der Hand
nahm und seinen Namen auf die drei Alben kritzelte. Dann war Shane dran. Als
er das erste Album sah, blickte er Nicky gespielt vorwurfsvoll an.
"Mr. Byrne, immer haben Sie die größte Unterschrift und wir passen
alle nicht mehr drauf." Nicky gab sich gespielt unterwürfig.
"Oh, entschuldigt bitte, Mr. Filan, es wird nie wieder vorkommen." Alle fingen
an zu lachen.
Der übrige Drehtag wurde genauso lustig. Nach der Mittagspause konnten
sich die Jungs nicht mehr einkriegen und rissen Witze oder rangelten vor der
Kamera herum. Das ganze Team war zwar genervt, aber sogar Anto konnte sich einige
Male das Lächeln nicht verkneifen.
"Come on, Guys! Das soll ein ernstes Video werden, hier können wir nicht
das machen wie beim Uptown Girl-Dreh! Also reißt euch zusammen.", rief
Anto die Jungs endlich zur Ordnung. Wie er mir dann erzählte, waren im
Clip zu Uptown Girl die Jungs die ganze Zeit herum gealbert und hatten nichts
mehr hingekriegt. Also hatte der Regisseur einfach die Faxen der fünf Iren
gefilmt und daraus dann ein Ende gemacht.
Am Abend fuhren die Jungs erschöpft, aber glücklich zum Hotel zurück.
Shane, Mark, Nicky und Bryan setzten sich noch kurz in die Lobby, um über
die Szenen zu sprechen, aber ich nahm den völlig übermüdeten
Kian an der Hand und führte ihn nach oben. Dort zog ich ihn aus und legte
ihn ins Bett.
"Kat, willst du nicht mit reinkommen? Bitte!!!!!! Sonst kann ich nicht schlafen.",
protestierte er. Ich zog mich auch aus und legte mich neben Kian. Der schlang
sofort seine Arme um mich und schlief ein. Das Gefühl, seine Arme zu spüren,
beruhigte mich und ich schloss dann auch die Augen und schlief ein.
Am nächsten Tag wachte ich als erste auf, befreite mich aus Kians Armen
und ging unter die Dusche um mir die Haare zu waschen. Als ich mit einem Handtuch
wieder ins Zimmer kam, war Kian schon wach.
"Kat, warum bist du aufgestanden? Komm bitte wieder ins Bett, es ist so kalt
ohne dich.", bat er. Ich lächelte, setzte mich auf die Bettkante und küsste
ihn. Dann zog ich ihm die Decke weg.
"Los, Aufstehen, du Faulpelz. Du musst zur Arbeit.", rief ich grinsend. Kian
knurrte irgendetwas unverständliches und holte sich die Bettdecke wieder.
"Ich weiß, dass ich arbeiten muss. Kat, wie schaffst du das eigentlich,
jetzt schon so fit zu sein?", fragte er, in die Decke gemummelt. Ich verschwand
wieder im Bad und kam mit einer Bürste zurück.
"Ki, im Gegensatz zu mir hast du gearbeitet. Für mich war der Tag gestern
einfach nur Erholung. Und außerdem ist doch nichts dabei, fit zu sein,
wenn man eine kalte Dusche hinter sich hat.", erwiderte ich. Kian sah mich halb
bewundernd und halb entsetzt an.
"Oh Gott, hör bloß auf, Süße, mir wird schon vom Zuhören
ganz kalt.", maulte er. Dann konnte ich ihn aber doch noch dazu bewegen, aufzustehen
und sich anzuziehen. Als er endlich fertig war, gingen wir runter zum Frühstück.
Am Fahrstuhl trafen wir auf Mark, der übrigens ziemlich verschlafen aussah.
"Hi Mark. Du siehst nicht grad so aus, als ob du gut geschlafen hättest.",
begrüßte ich ihn. Er sah mich träge an und schüttelte den
Kopf.
"An sich hab ich gut geschlafen, aber wenn man schon so früh raus muss...?
Aber du siehst so aus, als ob du eine super Nacht hinter dir hättest. Kian,
du übrigens nicht. Wie schaffst du es nur, morgens schon so fit zu sein,
Kat?", bemerkte Mark. Ich musste lachen, auch Kian grinste.
"Mark, das musste ich mir auch schon mal von deinem Bandkollegen anhören.",
stellte ich fest.
Im Frühstücksraum traf ich dann auf eine zwar vollzählige, aber
ziemlich verschlafene Truppe. Anto war nirgends zu sehen. Ich ließ mich
neben Nicky auf einen Stuhl fallen und grüßte sowohl ihn als auch
Shane und Bryan. Die nickten aber nur und knabberten lustlos an einem Brötchen.
Kopfschüttelnd blickte ich mich um und sah Anto auf unseren Tisch zusteuern.
Sofort sprang ich auf und lief auf ihn zu.
"Guten Morgen, Anto. Ich will gar nicht fragen, ob das hier immer so ist, ich
kann’s mir denken. Könntest du mir sagen, wo die Küche ist?" Anto
sah mich verwundert an.
"Wieso willst du denn in die Küche? Ähm... du musst hier lang und
danach den Flur runter, glaub ich. Warum...?" Weiter kam er nicht, da ich schon
losgelaufen war. Vor der Küche traf ich einen jungen Kellner, den ich aufhielt.
"Ach, entschuldigen Sie bitte. Ich glaube, Sie können mir behilflich sein.",
sagte ich mit zuckersüßer Stimme. Der Kellner drehte sich um und
sah mich überrascht an.
"Äh... ja, was möchten Sie denn, Madam?", fragte er etwas verwirrt.
Ich erklärte ihm mein Anliegen und er führte mich in die Küche,
wo ich zwei Minuten später mit einer großen Kanne wieder herauskam.
Damit ging ich zurück zum Tisch. Dort setzte ich mich hin und schenkte
jedem eine Tasse Kaffee ein. Mark sah mich verblüfft an.
"Du glaubst doch nicht im Ernst, dass uns ein wenig Kaffee wieder auf den Damm
bringen könnte?", fragte er.
"Doch, Mark, das glaube ich. Das ist kein gewöhnlicher Kaffee, wie man
ihn in den meisten Hotels findet. Trinkt ihn doch mal!", erwiderte ich. Nicky
nahm zuerst einen Schluck. Seine Augen weiteten sich, aber nach ein paar Sekunden
entspannte er sich wieder.
"Wow, Kat, wo hast du nur diesen Kaffee her? Der ist wirklich gut. Na ja, wenn
man einen Kater hat oder total verschlafen ist wie wir.", meinte Nicky. Jetzt
probierten auch die anderen von dem Kaffee und waren echt überrascht. Aber
nach ein paar Minuten (und mindestens fünf Tassen pro Kopf mehr) kamen
sie so langsam in die Gänge. Anto nickte mir bewundernd zu. Das hätte
er selbst nicht geschafft. Wie er mir später erzählte, waren die Jungs,
wenn sie verschlafen waren oder einen Kater hatten, einfach unausstehlich.
Im Auto zum Drehort wollte Shane unbedingt wissen, aus was der Kaffee nun bestanden
hätte. Sie vermuteten alles, was mich immer wieder zum Lachen brachte.
"Nein, nein, alles falsch, Jungs. Es ist wirklich nur Kaffee. Vielleicht etwas
mehr als ihr immer reinmacht, aber sonst nur Kaffee. Das ist halt ein Vorteil,
wenn die Eltern nur starken Kaffee trinken.", erklärte ich ihnen. Sie wollten
mir das alles nicht glauben, also musste ich ihnen versprechen, dass ich das
nächste Mal den Kaffee vor ihren Augen machen sollte.
Während des Drehtages stand ich die meiste Zeit neben Anto, der mir alte
Storys über die fünf Iren, die Videos und die Songs erzählte.
Damit brachte er mich ziemlich oft zum Lachen, was die Jungs vor der Kamera
verwirrte. In der Mittagspause fragten sie dann, wieso ich so oft gelacht hatte.
"Ach, Anto hat mir nur ein wenig über euch erzählt...", sagte ich
lächelnd. Shane sah Anto entsetzt an.
"Du hast was???", rief Bryan. Und Nicky fügte noch zu mir gewandt hinzu:
"Kat, ich hoffe, du hast jetzt kein falsches Bild von uns. Was Anto manchmal
erzählt, da ist meistens immer nur die Hälfte wahr." Nicky grinste
Anto an. Ich klopfte Nicky beruhigend auf die Schulter.
"Nein, schon gut, Nicky. Ich hab schon vorher gemerkt, dass ihr manchmal echt
albern seid." Alle fingen an zu lachen. Etwa fünf Minuten später meldete
sich mein Handy. Ich entschuldigte mich kurz und meldete mich ein paar Schritte
von den Jungs entfernt.
"Yeah?"
"Kat, hi, ich bin’s"
"Sandy! Das ist aber eine Überraschung. Was gibt’s?"
"Ach, ich wollte nur mal hören, wie’s mit Kian läuft." Ich fing an
zu lachen und setzte mich wieder zwischen Kian und Mark.
"Mit dem läuft’s super. Ich bin übrigens grad bei ihnen. Willst du
sie mal sprechen?" Den letzten Satz schien Bryan verstanden zu haben, denn er
nickte begeistert.
"Kat, nein, ich wüsste doch gar nicht, was ich sagen sollte. Richte ihnen
einen schönen Gruß aus Germany aus."
"Sag ihnen das selber, Sandy! Wer ist denn dein Favorit bei Westlife?"
"Nicky, aber das ist jetzt auch egal..."
"Nein, ist es nicht. Ich geb dir mal Nicky. Bryan will dann auch mal mit dir
sprechen." Ich hielt Nicky mein Handy hin.
"Hier, Nicky. Meine Schwester aus Germany ist dran. Du bist ihr Liebling bei
Westlife. Sprich mal mit ihr!" Nicky wurde kurz rot, dann nahm er das Handy.
"Hi Sandy. Wie geht’s dir?", meldete er sich auf Englisch. Nicky redete etwa
eine Minute mit meiner Schwester, wo er ihr versprach, mir ein Autogramm und
das aktuelle Album mit Widmung für sie mitzugeben. Dann nahm Kian Nicky
das Handy aus der Hand.
"Sandy? Ich wollte dir noch danken, dass du Kat das gesagt hast, du weißt
schon, dass ich bei Westlife bin. Ich hätte es ihr zwar noch gesagt, aber
ich hab nicht gewusst, wie ich Kat das sagen soll. Von mir bekommst du auch
noch ein Autogramm, die anderen werden garantiert auch eins für dich schreiben."
Er hörte ihr noch kurz zu, als sie ihm dankte und gab das Handy dann an
Bryan weiter. Der legte sofort los, Sandy zuzulabern, und das in einem sehr
schnellen Englisch, sodass, meine Schwester ihn öfters auffordern musste,
doch etwas langsamer zu sprechen. Aber auch er war dann irgendwann fertig, denn
Anto drängelte schon, dass die Aufnahmen weitergehen mussten. Ich nahm
dann Bryan das Handy aus seiner Hand.
"Kat, die sind ja echt voll locker. Sag ihnen noch mal, dass sie echt die besten
sind."
"Ja, Sandy, mach ich, Du, hör mal, ich muss jetzt Schluss machen. Außerdem
dürfte deine Telefonrechnung schon weiß ich wie hoch gestiegen sein."
"Aber hallo! Na ja, hast recht. Mach’s gut, Kat."
"Ja, ich probier’s. See ya." Ich legte auf und steckte das Handy weg. Bryan,
Shane, Kian, Nicky und Mark waren alle noch am Tisch und warteten. Als ich wieder
zum Tisch kam, standen sie auf und gingen zum Set. Kian küsste mich noch
mal, dann folgte er seinen Bandmates.
Am Abend kam für die Fünf endlich der erlösende Satz:
"Okay, Guys, wir können einpacken. Wir sind fertig. Übrigens ein super
Video geworden."
Bryan, Kian, Nicky, Shane und Mark gingen glücklich zu Anto, der sie zum
Auto schickte. Kian nahm meine Hand und verdrückte sich auf die Hinterbank.
"Wow, endlich ist das Video fertig. Wurde ja auch Zeit. Was machen wir morgen,
Jungs?", fragte Bryan. Mark stöhnte auf.
"Bry, das ist mir jetzt herzlich egal. Mich interessiert heute nur noch, wann
ich ins Bett komme. Alles weitere können wir morgen beim Frühstück
besprechen. Aber, bitte, Anto, diesmal nicht so früh, okay?", sagte Mark
geschafft.
"Marky, mit der Meinung bist du nicht allein!", stimmte Nicky ihm verschlafen
zu. Kian war auf der Rückbank schon eingeschlafen.
Als wir am Hotel ankamen, weckte ich Kian mit einem Kuss und führte ihn
in die Lobby.
"Okay, Jungs, ich geh dann mal.", wollte ich mich verabschieden.
"Wieso willst du schon gehen, Kat? Komm, blieb diese Nacht noch.", bettelte
Kian. Ich legte meine Arme um seinen Hals und küsste ihn sanft.
"Nein, Ki, ich muss los. Länger als zwei Tage kann ich Kid nicht allein
lassen." Kian war traurig. Er küsste mich wieder.
"Aber morgen kommst du doch, oder?", fragte er hoffnungsvoll. Ich lächelte.
"Klar komm ich." Dann küsste ich ihn noch mal. Mark umarmte mich zum Abschied.
"Schlaf gut, Kat.", flüsterte er mir ins Ohr. Ich nickte und umarmte Nicky,
Shane und Bryan. Dann ging ich nach Hause, wo ich Kid begrüßte, noch
schnell mit ihr raus ging und ihr dann Futter hinstellte. Danach fiel ich auch
ziemlich erschöpft ins Bett und träumte von Kian.
Am nächsten Tag musste ich ziemlich früh raus, da ich wieder arbeiten
musste, aber um elf hatte ich schon wieder Schluss.
"Ciao Kevin.", rief ich meinem Kollegen noch zu, ehe ich nach Hause gehen wollte.
"Hey, warte mal, Kat. Ich glaub, Mr. Bangle will noch mit dir sprechen. Viel
Spaß!", rief Kevin mir noch zu. Ich sah ihn verwundert an. Aber als mein
Chef in meine Richtung kam, wusste ich sofort, was Kevin gemeint hatte. Mr.
Bangle war dermaßen schlecht drauf, dass ich ihm wortlos in sein Büro
folgte und mich auf einen Stuhl setzte. Aber ich konnte mir schon fast denken,
was ihn so ärgerte.
"Mrs. Bender, ich wünschte, ich könnte es irgendwie anders legen,
aber ich fürchte Ihnen mitteilen zu müssen, dass Sie nicht nur morgen
frei haben. Die ganze restliche Woche.", sagte er seufzend. Ich war total geplättet.
Den einen freien Tag hatte ich mir gedacht, aber gleich die ganze Woche?? G
E I L ! Da hätte ich viel mehr Zeit für Kian und ich wusste von Anto,
dass sie die nächsten Tagen auch nichts vorhatten.
Aber um meinen Chef nicht zu enttäuschen, setzte ich ein leidendes Gesicht
auf.
"Das ist ja wirklich schade. Ich brauche das Geld doch und die Arbeit macht
mir auch Spaß..." Weiter kam ich nicht, da Mr. Bangle den Kopf schüttelte.
"Nein, Mrs. Bender, um das Geld brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Sie
haben sozusagen bezahlten Urlaub. Und jetzt gehen Sie nach Hause." Er stand
auf, reichte mir die Hand und hielt mir die Tür vom Büro auf. Nachdem
ich draußen war, blieb ich einen Augenblick an der Tür stehen. Ich
konnte mein Glück immer noch nicht fassen.
Kevin kam mir mit Liz und Jenny, zwei Kellnerinnen, die noch nicht lange dabei
waren, entgegen. Ich stieß einen kleinen Freudenschrei aus.
"Yeah, ich hab die restliche Woche frei!", rief ich ihnen zu. Sie beglückwünschten
mich, dann schnappte ich mir meine Sachen und verschwand nach draußen.
Zu Hause schmiss ich die Jacke auf den Ständer und ließ mich im Wohnzimmer
auf das Sofa fallen. Es war halb zwölf. Die Jungs dürften jetzt eigentlich
schon aufgestanden sein... Als ich das gedacht hatte, klingelte es an der Wohnungstür.
Ich sprang auf und öffnete.
"Mrs. Katja Bender? Ich soll Ihnen diesen Blumenstrauß überbringen.",
sagte ein junger Mann und hielt mir einen riesigen Strauß roter und weißer
Rosen hin. Ich unterschrieb auf dem Zettel, nahm den Strauß und schloss
die Tür. Die Rosen stellte ich in eine dunkelblaue Vase ins Wohnzimmer.
Eine Weile blieb ich davor stehen, wobei ich den kleinen Zettel in der mittleren
Rose entdeckte:
Kat,
Du bist mein ein und alles.
Dein dich immer liebender Kian
P.S.: I love you
Ich lächelte. Das sah ihm ähnlich. Ich fühlte mich, als ob ich
ihn schon in- und auswendig kennen würde.
Ich schnappte mir meine Jacke, stellte Kid etwas zu essen hin und verließ
meine Wohnung. Den Weg zum Hotel schaffte ich in fünf Minuten statt sonst
immer zehn Minuten.
In der Lobby verschwendete ich diesmal keinen Blick auf die Rezeption und ging
zur Treppe. Oben kam mir Mark entgegen.
"Kat, hey, hast du gut geschlafen?", begrüßte er mich und umarmte
mich.
"Ja, thanx, Mark, hab ich. Du auch, nicht?", fragte ich. Er grinste nur.
"Ach, Kat, wenn du Ki suchst, der ist in Nickys Zimmer. Komm mit, ich zeig dir,
wo das ist." Ich folgte Mark über den Flur und kam bei Zimmer 115a an.
Mark stieß die Tür auf.
"Hey, Ki, ich glaube, hier ist jemand für dich.", rief er in den Raum hinein.
Nicky hob den Kopf und grinste mir zu. Dann stand er auf und umarmte mich. Kian
saß mit Anto in einer Ecke und starrte auf irgendwelche Pläne.
"Wer denn, Marky? Komm schon, spuck es aus!", murmelte Kian. Dann sah er auf,
da Mark ihm nicht geantwortet hatte. Sofort fing Kian an zu lächeln. Ich
kam zu ihm und küsste ihn auf die Wange.
"Guten Morgen, Süßer.", flüsterte ich ihm ins Ohr.
"Das nennst du einen Guten- Morgen- Kuss? Nein, Kat, das geht so..." Kian zog
mich runter und küsste mich richtig. Dann begrüßte ich Shane
und Bryan. Neben Nicky war noch ein Stuhl frei, also ließ ich mich darauf
fallen.
"Und? Wie ist eure Besprechung am Frühstückstisch gelaufen?", wandte
ich mich an Nicky. Der zuckte nur mit den Schultern.
"Nicht so wirklich gut. Wir wollten auf dich warten und jetzt haben sich Anto
und Ki wieder in einem Berg von Arbeit vergraben. Und dagegen kann niemand was
unternehmen.", klärte er mich auf. Ich stand auf und umarmte Kian von hinten.
"Sag mal, Darling, wollten wir nicht heute mit den Jungs was unternehmen? Es
sieht nicht so aus, als ob du dazu bereit wärst.", sagte ich zu ihm. Er
drehte sich um und küsste mich.
"Natürlich hab ich das nicht vergessen. Aber ich hab gedacht, bis du kommst,
kann ich mit Anto noch ein paar Sachen durchgehen. Wir können gleich los,
wirklich, Kat.", erklärte er mir. Ich seufzte und ging zurück zu Nicky.
"Sag mal, Nix, hast du in deinem Zimmer auch einen Spiegel?", fragte ich ihn.
Er wies mir den Weg in den kleinen Flur. Dort kontrollierte ich meine Frisur
und mein Make-up.
Erst nach einigen Minuten bemerkte ich, dass Shane mir gefolgt war und jetzt
am Türrahmen lehnte. Er sah nicht so aus, als ob er mich wahrnehmen würde.
"Hey, Erde an Shane, hören Sie mich, bitte kommen!", sagte ich und wedelte
mit meiner Hand vor seinem Gesicht. Er grinste.
"Ich hab nur grad bemerkt, wie gut du nach Irland passen würdest.", sagte
er. Ich sah ihn überrascht an.
"Ja, ist wirklich so. Du würdest einfach perfekt nach Irland passen. Und
auf den Rücken eines Pferdes." Jetzt war ich vollkommen verwirrt. Was ein
Glück auch Shane merkte.
"Meine Eltern haben eine Pferdezucht. Ich glaube, Kian nimmt dich irgendwann
eh mal mit nach Sligo. Dann kannst du mich und meine Family gleich besuchen.
Glaub mir, dir würde es in Irland wirklich gefallen.", meinte er.
"Ich komm garantiert mal auf dein Angebot zurück, Shorty. Aber jetzt wollen
wir mal Ki und Anto Feuer unterm Hintern machen." Shane und ich gingen ins Zimmer
und scheuchten die anderen auf. Kian legte seufzend die Papiere weg und kam
zu mir.
"Sorry, Kat, dass ich eben so wenig Zeit für dich hatte. Glaub mir, das
wird jetzt anders.", grinste er und umarmte mich.
"Na, das will ich doch hoffen!", flüsterte ich ihm ins Ohr. Er lächelte
und zog sich eine Jacke über. Die anderen machten sich auch fertig und
zusammen gingen wir in die Hotellobby.
"Ok, ich habe gedacht, ich könnte euch ein wenig in L.A. herumführen.
Euch nicht nur die ganzen Sehenswürdigkeiten zeigen, sondern auch die angesagtesten
Clubs und Bars. Was haltet ihr davon?", fragte ich. Volle Zustimmung von allen
Seiten.
Wir gingen jetzt in den leichten Herbsttag hinaus, der noch ziemlich warm war.
Die Sehenswürdigkeiten hatten wir schnell abgehackt, also kam nun die Innenstadt
ran. Als wir gerade durch einen Park spazierten, löste ich mich aus Kians
Hand und lief neben Shane.
"Du, hör mal, Shay, wegen dem, was du vorhin in Nickys Zimmer gesagt hast,
da musst du, glaub ich, noch was wissen.", fing ich an. Shane sah mich auffordernd
an.
"Ich bin seit etwa zehn Jahren nicht mehr geritten. Früher zwar noch recht
regelmäßig, aber in meinen letzten Jahren in Germany immer weniger.
Und hier in den USA überhaupt nicht mehr."
"Ach, das macht doch nichts, Kat. Reiten verlernt man nicht so leicht, Wenn
du erst mal wieder auf einem Pferd sitzt, dann kannst du wieder alles. Glaub
mir.", ermutigte Shane mich. Ich sah ihn zwar skeptisch an, wurde dann aber
von Kians Hand abgelenkt, die sich wieder um meine schloss.
Der Tag wurde wirklich lustig. Alle Jungs brachten mich immer wieder zum Lachen.
Na ja, fast alle, denn Kian hielt meistens nur meine Hand und genoss meine Nähe.
Dann standen wir wieder vor dem Liberty.
"Wisst ihr was? Ich hätte jetzt echt Bock zu feiern. L.A. soll ja bekanntlich
bei Nacht noch schöner sein. Was ist, Kat? Kommst du mit? Wenn du nicht
mitkommst, gehen wir auch nicht. Wir brauchen ja eine Führerin.", grinste
Mark. Bry stimmte ihm begeistert zu und auch die anderen Lads waren nicht abgeneigt.
Ich lächelte und nickte.
"Okay, Mark. Ich denke, wir können ins Blue gehen. Gute Musik, super Dance-floors,
gute Location, einfach alles, was man braucht.", schlug ich vor. Kian legte
von hinten seine Arme um mich.
"Na, da seht ihr’s. So ein Insider und sie gehört nur mir.", sagte er halblaut,
sodass ich eher den Verdacht hegte, er hätte nur zu sich selbst gesprochen.
Vor dem Club blieb Bryan erst mal stehen.
"Wow, der Club hat wirklich was zu bieten, das spür ich.", sagte er bewundernd.
Mark, Kian und Shane fingen lauthals an zu lachen. Nicky grinste nur und fing
meinen Blick auf, also zuckte er gespielt entschuldigend mit den Achseln. Kian
zog mich jetzt zum Eingang.
"Hey, Kat. Schön, dich auch mal wieder hier zu sehen.", begrüßte
mich der Bodyguard vor der Tür.
"Hi, Joe. Ich hatte in den letzten Wochen einfach keine Zeit mich zu amüsieren.",
antwortete ich.
"Ist schon ok. Hauptsache, unsere beste Stammkundin kommt mal. Und zur Feier
des Tages kommen du und deine Freunde heute umsonst hier rein.", verkündete
Joe. Die Jungs jubelten und gingen mit mir in den Club.
Wir drängelten uns zwischen den ganzen Leuten zu einem Tisch durch, wo
ich mich neben Kian auf einen Stuhl fallen ließ. Doch lange konnte ich
nicht sitzen bleiben, denn Nicky und Mark forderten mich zum Tanzen auf. Fragend
sah ich Kian an.
"Ist schon ok, Kat. Amüsier dich ruhig. Aber lass dich nicht von irgendwelchen
anderen Typen anbaggern!", sagte er. Ich musste grinsen.
"Ach, von Mark und Nicky darf ich angemacht werden, oder was?", protestierte
ich gespielt. Kian schüttelte lächelnd den Kopf und küsste mich
noch mal. Dann wurde ich von Nickys Arm auf die Tanzfläche gezogen.
Mark und Nicky waren gute Tänzer, wenigstens konnten sie es auf dem Dancefloor.
Von Anto wusste ich, dass sie sonst beim Tanzen eine eher unrühmliche Figur
machten. Als ein eher langsameres Lied kam, fing Nicky an zu grinsen und legte
seine Arme um mich.
"Tja, Marky, zu spät. Für den nächsten Tanz kannst du sie dann
aber haben. Jetzt bin ich aber dran.", lächelte Nicky Mark an, der zuerst
perplex aussah, dann sich aber etwas beleidigt an einem freien Tisch in der
Nähe setzte.
Der Tanz mit Nicky war wunderbar. Er war sehr dicht an mir, aber ich spürte,
dass er es nicht auf mehr abgesehen hatte. In seinen Bewegungen lag eine Tiefe,
die zugleich etwas anmachend, aber auch beschützend wirkte.
Nach dem Titel verbeugte Nicky sich tief vor mir.
"Ich danke Ihnen für diesen Tanz. Auf dass wir ihn bald wiederholen.",
spielte er jetzt den mittelalterlichen Geliebten. Ich fing an zu lachen, spielte
aber mit.
"Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Mr. Byrne.", antwortete ich. Mark kam
jetzt zu uns.
"Dürfte ich Ihnen diese bezaubernde Frau entführen, Mr. Byrne?", fiel
er in unser Spiel mit ein. Er bot mir seinem Arm an, den ich sofort ergriff.
Der DJ spielte auch jetzt einen langsameren Song. Meine Augen leuchteten auf,
als die ersten Töne von Richard Marx’ "Right here waiting" erklangen. Mark
ging es nicht anders. Er legte mir die Arme um die Hüfte.
"Perfekt.", flüsterte er und sah mir in die Augen. Ich kannte den Titel
noch aus Germany und wurde jetzt, wo ich ihn zum ersten Mal in Amerika hörte,
von einer starke Woge des Heimwehs ergriffen. Nun war ich Mark dankbar, dass
er fast noch dichter an mir tanzte als Nicky. Mark bemerkte meine plötzliche
Traurigkeit zwar, sagte aber jetzt nichts darauf. Erst, als wir wieder am Tisch
saßen, sprach er mich darauf an. Ich erzählte ihm und den anderen,
was es mit dem Titel auf sich hatte.
"Ja, ich hab diesen Song seit mehr als sieben Jahren nicht mehr gehört.",
schloss ich meinen ‚Bericht’. Kian sah mich nachdenklich an.
"Du vermisst Germany ganz schön, nicht?", fragte er. Ich ließ meinen
Blick durch den Club wandern.
"Ja, irgendwie schon. Aber jetzt immer mehr. In den letzten sieben Jahren hab
ich keinen Gedanken daran verschwendet und jetzt... Wahrscheinlich seid ihr
schuld.", sagte ich mit einem leichten Lächeln. Shane sah mich fragend
an.
"Wieso sollten wir daran schuld sein?"
"Weil ihr alle, na ja, fast alle, noch bei euren Familien wohnt. Wenn ihr nach
Hause kommt, erwartet euch immer jemand. Ihr habt ein Zimmer, dass nur von eurer
Mum betreten wird, wenn sie es saubermachen will. Bei so was wird mir richtig
warm ums Herz. Eine solche Familie habe ich nie gehabt. Ihr könnt euch
wirklich glücklich schätzen.", erklärte ich. Kian legte einen
Arm um mich und küsste mein Haar.
"Kat, jetzt hast du so eine Familie, auch wenn sie nur aus männlichen Mitgliedern
besteht.", versicherte er mir. Auch die anderen nickten.
"Ja. Und auch wenn du dich irgendwann einmal von Ki trennen solltest, werden
wir immer noch Kontakt haben, glaub mir.", fügte Shane hinzu.
"Endlich hab ich eine kleine Schwester, um die ich mich kümmern kann.",
sagte Mark. Nicky sagte dazu gar nicht, er lächelte mich nur an.
"Kat, hör zu: Wir müssen in etwa zwei Wochen in Germany sein, Promotermine
und so. Komm doch einfach mit! Dann lernen wir deine Family kennen und du kommst
nach Germany. Danach kannst du mit nach Irland kommen und unsere Familien kennen
lernen. Was hältst du von dem Vorschlag?", schlug Mark vor. Ich seufzte.
"Mark, das geht nicht so einfach wie du dir das vorstellst. Ich hab hier einen
Job und kann nicht einfach mal so, wie ich Lust und Laune hab, ne Reise von
etwa zwei Monaten machen.", versuchte ich Mark zu erklären. Doch auch mein
Süßer war von Marks Vorschlag begeistert.
"Ach komm schon, Kat. Mit deiner Überredungskunst schaffst du das schon.
Das wird dir gut tun, einfach mal so raus aus den Staaten zu kommen.", versuchte
er mich zu überreden.
"Und was ist mit Kid?"
"Die nehmen wir mit. Ein Frettchen geht leicht als Handgepäck durch und
deine bzw. meine Familie würde sie bestimmt gerne kennen lernen.", meinte
Ki. Nicky, Shane, Bryan und Mark waren begeistert.
"Was, du hast ein Frettchen? Och, das müssen wir aber auch noch kennen
lernen.", bettelte Bry, der sein Bierglas zur Seite gestellt hatte.
"Na, ihr seht sie ja beim Abflug.", beruhigte ich ihn.
"Du kommst also mit, Kat? Super!", freute sich Nicky. Ich seufzte. Was soll
man bei fünf Leuten auch noch dazu sagen. Sie hätten mich eh mitgenommen,
ob ich nun Urlaub gehabt hätte oder nicht.
Wir amüsierten uns noch prächtig, ehe wir den Club verließen
und zum Liberty gingen. Alle gingen jetzt auf ihre Zimmer. Nicky und Mark umarmten
mich aber noch mal zum Abschied.
Als ich mit Kian allein war, nahm er mich auf den Arm und legte mich aufs Bett.
"So, meine Süße, jetzt gehörst du ganz allein mir.", flüsterte
er mir ins Ohr. Ich küsste ihn und zog ihm recht schnell das Shirt aus.
Auch seine übrigen Kleidungsstücke mussten weichen. Dann, als er endlich
nackt war, fing ich an, seinen Körper mit Küssen und meiner Zunge
zu liebkosen. Seine Brustwarzen wurden sofort hart, als ich sie auch nur berührte,
so erregt war Kian. Irgendwann konnte er es nicht mehr aushalten und schubste
mich liebevoll von sich runter, um sich dann auf mich zu setzen. Langsam und
unter Einsatz seiner Zunge zog er mir das Top und den BH aus.
An diesem Abend schliefen wir zum ersten Mal miteinander. Es war wunderschön,
denn Kian war so zärtlich und achtete darauf, nichts zu machen, was ich
nicht wollte. Aber bei ihm machte ich fast alles mit, da sich unter seinen Händen
alles gut anfühlte.
Am nächsten Morgen weckte mich Kian mit einem Kuss.
"Hey, aufwachen, schöne Frau. Frühstück ist fertig oder besser
gesagt: ist grad angekommen.", grinste er. Ich überhörte ihn und zog
den schon angezogenen Kian ins Bett, wo er nicht lange angezogen blieb. Zusammen
aßen wir dann nackt Frühstück, um anschließend noch ein
wenig zu schmusen. Ich fühlte mich wie in einem Traum, aus dem ich jeden
Augenblick aufwachen konnte, der jeden Moment zerplatzen konnte wie eine Seifenblase.
Doch der Traum ging weiter. Zwei Wochen später stand ich mit Mike und den
Jungs am Airport, bereit zum Abflug nach Germany. Mike schien das sehr mitzunehmen,
dass er mich so lange Zeit nicht sehen konnte. Ein letztes Mal umarmte er mich.
"Ich werd dir jeden Abend eine SMS schreiben, glaub mir. Ich vermiss dich jetzt
schon.", flüsterte er, denn mehr bekam er nicht raus. Ich strich ihm durch
seine kurzen, schwarzen Haare.
"Ach, komm schon, das schaffst du. Ich bin ja nicht für ewig weg.", versuchte
ich ihn zu trösten. Doch er schüttelte traurig den Kopf.
"Da bin ich mir nicht so sicher. Ich sehe das schon kommen, dass du in Irland
bleibst, bei Kian. Oder bei deiner Schwester in Germany." Darauf konnte ich
nichts mehr erwidern. Dieser Gedanke war schon häufig in meinem Kopf herumgegeistert,
seit ich vollkommen realisiert hatte, dass ich zurück in mein Geburtsland
kommen würde. Aber ich wagte nicht, ihn zuende zu denken, ich wollte meine
Freunde, meine Existenz hier in L.A. nicht aufgeben. Andererseits ahnte ich,
dass ich mich in Germany wohl fühlen würde, ich wusste es einfach.
Mit Sandy würde es nie mehr Probleme geben, wir verstanden uns blind.
Kian tippte mir vorsichtig auf die Schulter.
"Du, Kat, unser Flug wurde schon dreimal ausgerufen, ich glaube, wir sollten
uns langsam beeilen.", erklärte er. Ich nickte, umarmte Mike nochmals und
wollte dann nach meiner Tasche greifen, die aber weg war. Ich sah hoch und erblickte
meine Tasche in Nickys Händen. Kid sprang irgendwo bei Bry und Mark herum,
sie verstand sich prächtig mit den Lads.
"Bye Mike. Ich ruf dich mal an, ok? Du wirst mir auch fehlen.", verabschiedete
ich mich nun endgültig von ihm. Ich suchte nach Kians Hand, fand sie und
unsere Finger verflochten sich ineinander. Seine warme, schützende Hand
gab mir die Kraft, weiter zu gehen und nicht einfach wieder auf Mike zuzustürmen
und ihn zu umarmen.
Ich schreckte erst aus meine Gedanken auf, als Kid kurz vorm Flugzeug auf meine
Schulter sprang und sich an meinen Hals kuschelte, wie, als ob sie mich trösten
wollte. Ihr war der Abschied nicht so schwer gefallen, da sie von den Jungs
abgelenkt wurde. Jetzt versuchte sie, mich abzulenken. Auf dem Rollfeld hob
ich zum ersten mal meinen Blick. Und erstarrte. Kian drehte sich verwundert
um und wollte fragen, warum ich stehen geblieben war. Doch als er meinen verschreckten
Blick bemerkte, war er sofort an meiner Seite. Auch Nicky, Mark, Shane und Bryan
waren jetzt neben mir, doch ich nahm sie und Shanes vorsichtige Frage, ob ich
Angst vorm Fliegen hätte, gar nicht wahr.
Vor mir stand eine Boing 777, ein gigantisches Flugzeug.
Wie in Trance ratterte ich Details vom längsten Flugzeug der Welt herunter.
"....2 mal 400 bis 436 Kilo Newton, General Electrics 90, Trent 800, 990 Kilometer
pro Stunde, wird auch "Triple Seven" genannt." Nicky sah mich erstaunt an.
"Äh, ja, kann sein,...", stammelte er. Ein junger Mann mit einem Gepäckwagen
war stehen geblieben.
"Ist alles richtig, Lady. Nur die Geschwindigkeit stimmt nicht mehr ganz. Das
Baby dort wurde auf Mach 1 gepuscht. Sie ist die einzige Maschine, die die knapp
500 Kilometer mehr pro Stunde auch aushält. Einen schönen Tag noch
den Herren und der Lady.", erklärte er mit einem Grinsen und ging weiter.
Mark und Shane sahen ihm mit offenem Mund nach. Doch Kian sorgte sich eher um
mich. Als ein Mann aus dem Flugzeug stieg und uns auf dem Rollfeld stehen sah
und uns etwas herüberschrie, was sich wie "Beeilt euch!" anhörte,
sah er mich skeptisch an.
"Kat, ich glaube, du kannst da jetzt nicht rein.", stimmten auch Mark und Nicky
einstimmig Kians Blick zu. Doch ich schüttelte meinen Kopf.
"Nein, es ist schon ok. Mir geht’s gut.", sagte ich mit fester Stimme, nahm
Kians Hand, die vor Angst ganz kalt war, und ging zum Flugzeug. Nicky holte
mich ein, stieg vor mir in den Flieger und half mir dann rein. Ich lächelte
ihn dankbar an, erntete aber nur einen superbesorgten Blick.
Die Sitze waren nicht wie in einer normalen Linienmaschine angeordnet, sondern
wie in einem Bahnabteil, was mich etwas beruhigte. Kian ging neben mir.
"Kat, willst du am Fenster sitzen oder nicht? Wenn du am Fenster sitzt, dann
hast du vielleicht nach beiden Seiten einen guten Ausblick...", sagte er vorsichtig.
Ich lächelte und nickte. Kian setzte sich also außen hin, damit ich
mich am Fenster auf den Sitz fallen lassen konnte. Mir gegenüber saß
Mark, daneben Nicky. Shane und Bryan warfen mir einen besorgten, fast ängstlichen
Blick zu und entschuldigten sich dann dafür, dass sie sich nicht neben
uns setzen konnten. Sie mussten noch arbeiten, sagten sie.
Die übrige Crew war schon an Bord, also wurden die Triebwerke angelassen
und die Maschine rollte langsam an. Mein Körper streckte sich, sodass ich
jeden Moment hätte aufspringen können. Mark merkte das und zog den
Plastikvorhang vor dem kleinen Fenster nach unten. Jetzt entspannte sich mein
Körper zwar etwas, aber nicht alles.
Meine Hände verkrampften sich immer mehr in den Armlehnen des Sitzes. Kian
löste vorsichtig die eine Hand und begann, diese zu streicheln. Ich versuchte,
mich irgendwie abzulenken, etwas zu finden, was mich die nächsten zehn
Minuten beschäftigen würde, fand aber zu meinem Pech nichts.
Als ich in Marks und Nickys Augen sah, rührte mich das zutiefst. Diese
Angst und kindliche Hilflosigkeit waren so schlimm zu ertragen, dass ich sie
am liebsten durch ein paar Worte meinerseits erlöst hätte. Doch meine
Kehle war wie zugeschnürt.
Endlich gewannen wir an Höhe. Diese beklemmende Angst fiel von mir ab,
ich konnte endlich wieder sprechen, was auch die anderen merkten. Kian traute
sich zuerst, eine Frage zu stellen.
"Kat, hast du Angst vorm Fliegen? Oder vor Flugzeugen?" Ich schüttelte
den Kopf.
"Und woher wusstest du das alles über dieses Flugzeug? Du hast dich angehört,
als ob du ein Lexikon verschluckt hättest.", fügte Nicky zaghaft hinzu.
"Ich glaube, ich bin euch eine Erklärung schuldig. Also, mein Vater hat
zwei große Leidenschaften: einmal der Motorsport und dann die Fliegerei.
Er hat mir manchmal stundenlang von Flugzeugen erzählt.
Die Pilotenfluglizenz hatte er gerade gemacht, als ihm ein Freund der Familie
ein Angebot machte: Da mein Vater ihm sehr oft geholfen hatte, wollte er ihm
einen seiner größten Träume erfüllen. Er schenkte ihm zum
Geburtstag einen Flug mit dem längsten Flugzeug der Welt: der Boing 777.
Mein Vater freute sich natürlich riesig. Am Tag des Fluges war auch seine
Familie einschließlich ich auf dem Airport. Der Abflug wurde aber verzögert,
da eine Bombendrohung per Anruf eingegangen war. Der Anrufer hatte aber keinen
Tipp gegeben, in welcher Maschine die Bombe sein sollte. Um alle Risiken ausschließen
zu können, musste auch die Boing 777 durchsucht werden. Dabei fanden sie
zwar keine Bombe, aber ein Leck im Tank. Mein Vater konnte also nicht mit der
Maschine fliegen, da das Leck eine längere Reparatur brauchte. Sein Freund
bot ihm dann eine andere an, die er zum Glück auch angenommen hat. Bei
der Reparatur der Boing 777 haben die Mechaniker noch etwas festgestellt:
Jemand hatte die Bremsschläuche durchgeschnitten. Wenn die Bombendrohung
nicht eingegangen wäre, hätte die Maschine nicht nur nach einigen
Minuten wieder runterkommen müssen, sondern hätte auch nicht auf dem
Rollfeld bremsen können.
Mein Vater ist also nur knapp dem Tod entkommen. Eine Woche später hat
dieser Freund vor unserer Tür gestanden und uns gesagt, dass die Boing
777 abgestürzt ist. Ursache war eine Bombe an Bord. Niemand hat je herausgefunden,
wie die Bombe dahin gekommen ist." Meine Stimme wurde immer leiser und erstarb
letztendlich ganz. Mark sah mich mitfühlend an.
"Dann ist es ja kein Wunder, dass du solche Panik im Anblick des Fliegers bekommen
hast.", meinte er. Kid sprang auf meinen Schoß. Ich streichelte sie zärtlich.
"Ich habe seitdem keine 777 mehr gesehen. Es hat mich einfach ziemlich erschreckt.
Dieser Gedanke, so zu enden, wie es damals meinem Vater fast ergangen war, hat
mich überwältigt.", flüsterte ich.
Kian beugte sich vor und küsste mich. Seine Lippen auf meinen zu spüren
brachte meinen Kopf endgültig wieder in Form.
Den restlichen Flug entspannte ich mich immer mehr, sodass ich die Zeit mit
meinen Freunden bzw. meinem Traummann richtig genießen konnte.
"Ihr entschuldigt mich kurz...", sagte ich, fast in Germany gelandet. Nicky
und Mark grinsten, nickte aber dann. Kian küsste ich noch schnell auf die
Wange.
Als ich von der Toilette kam, kam ich an Shane und Bryan vorbei, die schon vorhin
diskutiert hatten.
"Hey, Kat, warte mal!", hielt Shane mich jetzt auf. Ich drehte mich um und wurde
sofort von Bryan sanft auf den Sitz neben Shane gezogen.
"Hör dir das mal an und sag, was du besser findest: den C-Dur-Akkord am
Ende oder den
D-Dur.", meinte Bryan, schnappte sich die Gitarre und fing an zu spielen. Shane
summte eine Melodie mit, die ziemlich einfach, aber dennoch sehr anziehend war.
Zuerst spielte Bryan den Titel mit D-Dur am Ende und setzte dann an den Song
mit C-Dur zu spielen.
"Halt, Bry. Ist gut, du brauchst ihn nicht noch mal zu spielen. Der D-Dur ist
fast perfekt.", unterbrach ich ihn. Shane sah etwas angesäuert aus.
"Was heißt denn fast?", fragte er dennoch mit etwas Hoffung in der Stimme.
Ich überlegte. 9 Jahre hatte ich früher Gitarrenunterricht gehabt,
ihn dann aber wegen L.A. abgebrochen.
"Vielleicht würde ein D7 passen. Probier mal aus, Bry." Er folgte meiner
Aufforderung. Der Titel hörte jetzt auf einem schönen, runden Schluss
auf, der aber noch so etwas wie eine Fortsetzung offen ließ. Shane war
begeistert.
"Ja, so hat man die Gelegenheit, den Song weiterzuträumen.", fand er.
Endlich waren wir am Airport. Ich war total aufgeregt, meine Schwester nach
so langer Zeit wiederzusehen. Kian und ich gingen jetzt händchenhaltend
in die große Eingangshalle. Diesmal hatte es sich Mark nicht nehmen lassen,
meine Tasche zu nehmen. Plötzlich hörte ich meinen Namen durch die
Halle hallen. Reflexartig ging mein Kopf in diese Richtung und erblickte eine
junge Frau mit kurzen blonden Haaren.
"Sandy!!", schrie ich jetzt vor Freude auf und fiel meiner großen Schwester
in den Arm.
"Kat, seit wann bist du nicht mehr in Deutschland gewesen? Es ist schon so lange
her." Ich sah meine Schwester genauer an.
"Na, aber verändert hast du dich nicht besonders. Du bist immer noch genauso
hübsch wie vor sechs Jahren. Hat sich in der Zwischenzeit irgendwas sehr
verändert?", fragte ich. Sandy holte einen großen Mann mit braunen
Haaren und grünen Augen aus dem Hintergrund hervor. Mir stockte kurz der
Atem.
"Ja, es hat sich was verändert. Diesen jungen Mann dürftest du hoffentlich
noch kennen.", sagte sie. Ich umarmte Sandys Freund.
"Sandy, wie könnte ich Maik je vergessen? Er war immerhin mein erster Freund.
Aber er bleibt auch immer der gleichen Familie treu.", witzelte ich. Kian nahm
jetzt meine Hand.
"Ach ja, ähm, Sandy, Maik, dass sind Bryan, Mark, Nicky und Shane. Und
das ist Kian, mein Freund.", stellte ich die Boys vor. Sandy bekam den Mund
nicht mehr zu.
"Wow, Nicky du siehst ja in echt noch besser aus als auf Fotos.", schwärmte
sie leise. Nicky wurde rot. Maik sah aber etwas sauer aus, sodass ich ihm meine
Hand auf den Arm legte und ihm zuflüsterte: "Ganz ruhig, Nicky ist verheiratet
und eh nur eine von Sandys Schwärmereien..." Darauf grinste er wieder.
Kid sprang jetzt auf meine Schulter, sodass ich aus meinen Gedanken gerissen
wurde. Ich nahm sie auf den Arm.
"So, Sandy, hier ist noch jemand neues: Das ist Kid, mein Frettchen.", sagte
ich. Meine Schwester quiekte vor Freude, sodass ich den Eindruck hatte, dass
ich eine 17jährige statt einer 24jährigen vor mir hatte. Kian nahm
jetzt meine Hand und ging mit mir zu einem Auto, das vor dem Flughafengebäude
stand.
"Sorry, Sandy, aber ich fahr bei Ki mit, ok?", erklärte ich meiner Schwester,
die nickte. Kian zog mich vorsichtig ins Auto und setzte Kid auf meinen Schoß.
Während der Fahrt zum Hotel fiel mir auf, dass ich noch ziemlich viel über
die Stadt wusste, die ich vor sieben Jahren verlassen hatte. Auch Bry, Nicky,
Kian, Shane und Mark waren verblüfft. "Kat, ich glaube, wir waren noch
nie beim Brandenburger Tor. Auf Bildern und so haben wir das schon mal gesehen,
aber noch nie in echt.", sagte Nicky überrascht. "Aber das kannst du doch
hoffentlich ändern, oder? Kat, würdest du uns das Brandenburger Tor
zeigen?", fragte Shane jetzt etwas schüchtern. Ich grinste. "Geht klar.
Aber macht euch nicht zu viele Hoffnungen, so außergewöhnlich ist
es gar nicht." Maik und meine Schwester fuhren in ihrem Auto hinter uns her.
Vor dem Hotel stiegen wir aus und gingen in die Lobby.
"Kat, sag mal, willst du bei deinem Kian schlafen oder bei uns? Maik und ich
würden uns sehr freuen.", schlug Sandy vor, doch ich schüttelte den
Kopf.
"Sandy, ich würde das Angebot gerne annehmen, aber ich kann einfach nicht.
Sei mir nicht böse, aber ich möchte lieber bei Ki schlafen." Sandy
nickte verständnisvoll.
"Na ok, wenn’s unbedingt sein muss. Aber wir sehen uns doch trotzdem?" "Klar.
Die Jungs müssen auch mal arbeiten, da haben wir richtig Zeit für
uns." Unser Gespräch wurde von meinem Handy unterbrochen.
"Ja?"
"Hey, Kat, ich bin’s, Mike."
"Hi, schön, dass du anrufst."
"Seid ihr gut gelandet? Wie ist das Hotel? Du schläfst doch bei Kian oder
doch bei deiner Schwester?", legte er gleich mit einem Schwall von Fragen los.
"Warte doch mal, eins nach dem anderen: Ja, wir sind gut gelandet. Vom Hotel
kann ich noch nicht so viel sagen, da ich bis jetzt nur die Lobby gesehen habe.
Und ja, ich übernachte bei Ki. Noch was?"
"Ja, noch was: Vermisst du mich?" Mikes Stimme klang ziemlich traurig.
"Oh Gott, Großer, du darfst nicht mal daran denken, dass ich dich nicht
vermissen könnte. Ich würde dich am liebsten hier her einfliegen lassen."
"Nee, nee, so schnell bekommst du mich nicht aus den Staaten. Obwohl ich sofort
an deiner Seite wäre, wenn du es willst, denke ich mal. Amber hat übrigens
einen neuen Freund."
"Wie bitte? Ich hab gedacht, sie bleibt für immer Single. Das hat sie doch
gesagt."
"Tja, so ganz entschlossen war sie da wohl nicht. Es ist Gregory."
"Du willst mich verarschen!? Amber hat doch nicht so einfach ihre Meinung geändert
und... Nein, doch nicht ihr jahrelanger Verehrer Greg!"
"Er ist es aber. Sie waren irgendwie betrunken und am nächsten Tag ist
sie in seinem Bett aufgewacht und fand es dort wohl ganz schön. Tja, da
siehst du mal, was Alkohol alles anstellen kann."
"Please, Mike, wir reden hier von meiner Freundin. Also halt dich etwas zurück."
"Ja, schon gut, aber was denkst du?"
"Das gleiche wie du, aber ich sag’s nicht." Kian berührte kurz meinen Arm
und sah mich fragend an. "Kommst du mit hoch ins Zimmer oder bleibst du noch
hier?"
"Sorry, Mike, bin gleich wieder da... Warte, Süßer, ich komm gleich.
Wirklich, versprochen... Okay, Mike, bin wieder dran, aber auch nicht mehr lange.
Ki drängelt ein bisschen." Darauf fing ich mir einen freundschaftlichen
Stoß in die Rippen ein. "Ich denk mal, wir sprechen uns noch. See ya."
"Klar, ich ruf dich dann wieder an. See ya too." Dann legte er auf. Sehnsüchtig
warf ich meinem Handy einen Blick zu und steckte es dann seufzend ein.
"Und ich hatte schon gedacht, ich muss hier in der Lobby übernachten..."
Für diesen Satz bekam Kian jetzt meinen Ellenbogen in die Rippen. "Treib
es nicht zu weit, Ki...", flüsterte ich ihm zu. "Oh, jetzt habe ich wirklich
Angst." Kian grinste, nahm mich in den Arm und küsste mich.
"Gott, weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe?", fragte er mich
zwei Stunden später. Ich lag in seinen Armen und ließ meine Finger
mit seiner Brustwarze spielen.
"Nun, genau weiß ich es nicht, aber ich hab schon eine wage Vorstellung.
Sooft, wie du das sagst, kann ich es ja nicht vergessen..." Mit diesen Worten
küsste ich ihn. Doch diese wunderschöne Stimmung wurde von einem Klopfen
an der Tür gestört.
"Egan, mach auf! Anto will, dass wir uns zum Besprechen der Termine in seinem
Zimmer treffen!" Bryan schrie so laut, dass wir beide zusammenzuckten.
"Muss ich?", fragte Kian eher an mich gerichtet, doch Bryan antwortete auch
"Ja", wobei meine Antwort eher enttäuscht und seine genervt klang.
Resigniert zogen wir uns beide an. Bevor Kian aber das Zimmer verließ,
zog er mich in seine Arme. "Ich denke mal nicht, dass du da jetzt mitkommen
willst. Da das aber wahrscheinlich etwa eine Stunde dauern wird, würde
ich dir raten, nicht im Hotelzimmer zu bleiben. Geh spazieren oder sieh dir
die Stadt an... nein, okay, ich glaube mal, das musst du nicht mehr machen."
Ich lächelte über seinen Verhaspler.
"Ist okay, ich geh ein wenig raus. Viel Spaß beim Meeting." Ich küsste
ihn zuerst sanft, doch als er mich an sich zog, wurde der Kuss leidenschaftlicher.
Dann gingen wir aus dem Zimmer und trennten uns an der Treppe.
Als ich draußen langsam durch die Straßen ging, fiel mir auf, dass
Kian mich doch ziemlich schnell abgewimmelt hatte. Zuerst so leidenschaftlich
und sobald wir draußen waren, so schnell darauf aus, mich loszuwerden.
Doch meine anfänglichen Zweifel zerstreuten sich, als ich eine dreiviertel
Stunde später wieder das Hotel betrat. Denn als ich in unser gemeinsames
Zimmer ging, sah ich nichts außer Rosen.
Der Raum war voll mit Rosenblütenblättern. Auf den kleinen Schränkchen
neben dem Bett lagen ganze Sträuße voll Rosen. Doch er hatte nicht
nur rote Rosen verwendet, obwohl diese überwogen. Zwischen dem ganzen Weinrot
stach manchmal der Kontrast eines weißen Rosenblatts hervor. Ich bekam
meinen Mund nicht mehr zu, aber auch kein Wort heraus. Auch nicht, als sich
zwei Arme um meine Taille legten und mich an sich zogen. Langsam wurden meine
Knie von einem Wackelpudding wieder zu einer Masse, die mein Körpergewicht
tragen konnten und ich drehte mich um.
Kians blaue Augen strahlten mich an und nahmen mir noch einmal für zwei
Sekunden den Atem. Dann schloss ich die Tür hinter mir.
Er war schon zum Bett gegangen und hielt mir seine Hand hin, die ich sofort
ergriff.
Die nächsten Tage und Wochen würden unvergesslich werden...