PS: Review wäre lieb ist aber nicht Pflicht ... manja240676@aol.com
Berlin, 20.01. 2004, 11:14 Uhr
So ein Mist!
Kaum fiel mal etwas Schnee und schon stand Berlin Kopf. Die Räumungsmaschinen
kamen beim Schnee beseitigen nicht aus dem Knick und der Hausmeister, der für
ihren Wohnblock verantwortlich war, nicht aus dem Bett.
Grummelnd zog Sally ihren dunkelblauen Koffer mit Rollen hinter sich her und
hoffte noch rechtzeitig, den Bus in Richtung Airport Tegel zu erwischen.
Als sie an der Haltestelle ankam wäre sie am liebsten ausgeflippt.
Seit wann fuhr hier kein Bus mehr?!
Wo zum Henker fuhr jetzt bitte der X9 Richtung Flughafen ab?
Da wohnte sie nun schon nur 10 Minuten, mit dem Bus (!), vom Airport Tegel weg,
aber was bitte nutzte ihr das, wenn die Haltestelle ganz offensichtlich verlegt
wurde und Sally nicht wusste wohin?!
Sie schnappte sich ihren Koffer und lief, durch den S-Bahn Fußgängertunnel,
zur anderen Haltestelle. Dort kam der Bus aus Richtung Tegel an, um dann weiter
in Richtung Zoologischer Garten zu fahren. Sie wollte einfach mal den Busfahrer
fragen zu welcher Haltestelle sie musste.
Sie hastete die letzten Stufen hoch und rannte los, bekam aber nur noch die
Rücklichter des Busses zu Gesicht.
So ein Schlamassel aber auch!
„Oh nein! Verdammt!“
Schwer atmend tippte sie einem jungen Mann auf die Schulter und brachte ein
relativ entspanntes Lächeln zustande, als dieser sich zu ihr umdrehte.
„Entschuldigen Sie bitte, aber können Sie mir vielleicht sagen von welcher
Haltestelle der Bus in Richtung Flughafen abfährt?“
Der Mann nickte ihr zu und räusperte sich. Dann drehte er sich zur Seite
hob seinen Arm und zeigte geradeaus.
„Einfach die Straße hier rufloofen, dann kannste die Haltestelle schon
von weitem sehn.“
„Oh, vielen lieben Dank!“ bedankte sie sich überschwänglich.
„Keen Problem!“
Sally schnappte sich wieder ihren Koffer und lief, so schnell der vereiste Fußweg
es erlaubte, die Straße hinauf.
Ein paar Minuten später erreichte sie die Bushaltestelle und atmete erst
einmal erleichtert auf. Nachdem sie aber einen Blick auf ihre Uhr geworfen hatte,
geriet ihr Blut in Wallung und ihr Puls raste vor Aufregung.
Der nächste Bus würde in 3 Minuten kommen und ihr Flieger in Richtung London würde in 20 Minuten, auch ohne sie an Bord, abheben.
Dick in ihren Wintermantel eingemurmelt, die Hände tief in die Taschen
vergraben, stand sie fröstelnd am Straßenrand und wartete auf den
X9.
Ihre langen braungelockten Haare umrahmten ihr etwas blasses Gesicht und ihre
grünen Augen fixierten die Straße.
Da kam auch schon ihr Bus – endlich!
Nix wie rein und ab die Post!
*
Kaum hatte sie die Flughafenhalle betreten hörte sie auch schon eine nervige
Frauenstimme durch die Halle quaken.
„Letzter Aufruf für Sally Ryan! Miss Sally Ryan, bitte melden sie sich
umgehend am Flugschalter 3 für den Flug 294 056 nach London Heathrow. Ich
wiederhole …“
Während der Aufruf noch ein drittes Mal, und in grottenschlechtem englisch,
durch die Flughafenhalle drang, nahm sie die Beine in die Hand und rannte zum
Schalter 3.
Gott war ihr das peinlich. Sie war noch nie, na ja nicht wirklich, zu spät
gekommen. Und wenn Sally eins hasste, dann war es Unpünktlichkeit.
Mit einem gehetzten Ausdruck im Gesicht knallte sie ihren Koffer auf das kurze
Laufband und schob dem nett aussehenden Mann ihre Flugunterlagen entgegen.
„Ich bin Sally Ryan. Man hat mich bereits ausgerufen.“
Der Blick des Mannes war freundlich, aber sie konnte es ganz deutlich sehen.
Seine Gedanken bohrten sich regelrecht in ihren Kopf.
*Schön für sie. Ich bin Mister Cool, und mich interessiert es einen
Scheiß, ob du schon ausgerufen wurdest. Mein Gehalt ist das mickrigste
vom mickrigsten, meine Freundin nervt ohne Ende und mein Chef ist ein Ekelpaket.*
„Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Flug und eine schönen Aufenthalt
in London, Miss Ryan“, sagte er freundlich lächelnd zu ihr und schob die
Unterlagen in ihre Richtung zurück.
„Hab ich Fenster- oder Gangplatz?“
„Sie sind der letzte Fluggast. Wir hatten nur noch Gangplätze.“ Ein wenig
Sarkasmus schwang in seiner Stimme mit und Sally nickte nur bestätigend
mit dem Kopf.
„Okay, danke.“
Dann lief sie zu der zierlichen blonden Frau am Terminal und reichte ihr ihre
Unterlagen. Dann hechtete sie schnellen Schrittes die Gangway entlang und bestieg
das Flugzeug der British Airways.
*
Erschöpft ließ sie sich in den Sitz plumpsen und erntete ein tiefes
grummeln vom Sitz neben ihr. Sie entschuldigte sich und drehte ihren Kopf nach
rechts um den angerempelten Fluggast ein entschuldigendes Lächeln zu schenken.
Wenn er nicht geschlafen hätte, dann hätte er es auch gesehen.
Sally schüttelte belustigt den Kopf und musterte die Schlafmütze für
einen kurzen Moment. Er hatte ein nettes Profil und wunderschöne lange
Wimpern …
Sie schüttelte leicht grinsend ihren Kopf. Dann zog sie ein Buch aus ihrem
Rucksack und lehnte sich entspannt zurück.
„Na dann, mal schauen welchen Fall Tempe dieses Mal lösen muss“, sagte
sie mehr zu sich selbst und schlug die erste Buchseite auf, als das Flugzeug
in Richtung London abhob.
Sally Ryan, 23 Jahre und gebürtige Irin kam vor etwas mehr als 7 Jahren
mit ihren Eltern Gavin und Maeve nach Deutschland, genauer gesagt Berlin.
Ihre Eltern hatten die Nase voll von Irland, was sie nie wirklich verstanden
hatte, und beruflich sah es für die Beiden auch nicht gerade rosig aus.
Also packten sie ihr Hab und Gut in ein paar Koffer und wanderten kurzerhand
nach Berlin aus.
Sie eröffneten einen kleinen gemütlichen Pub, The Old Emerald Isle,
und Sally machte ihre Ausbildung zur technischen Assistentin in einem Fotolabor.
Als ihre Eltern dann aber vor 3 Jahren bei einem Autounfall tödlich verunglückten
verkaufte sie den Pub. Sally investierte das Geld in eine Fotoausrüstung
mit allem Drum und Dran und legte den Rest an und sparte einen Teil.
Heute nun war sie auf dem Weg in ein neues Leben.
Vor einiger Zeit hatte sie sich jeweils in London und Dublin bei angesagten
Fotoagenturen beworben und wurde bei zwei Agenturen zu einem Vorstellungsgespräch
eingeladen.
Natürlich hoffte sie auf den Job in Dublin, schließlich war es fast
ihre Heimatstadt. Aber selbst wenn sie in London anfangen konnte, wäre
das super für sie. Hauptsache weg aus Deutschland, weg aus Berlin.
Die Hektik und teilweise Unfreundlichkeit der Deutschen würde sie wohl
am wenigsten vermissen.
Sie atmete tief durch und bemerkte aus den Augenwinkeln, dass in die Schlafmütze
im Sitz neben ihr langsam wieder Leben kam.
In gut 30 Minuten würden sie in der britischen Hauptstadt landen und Aufregung
machte sich langsam aber sicher in ihrem Bauch breit.
„Entschuldigen Sie, bitte!“
Sally schreckte aus ihren Gedanken und schaute nach rechts. Die Schlafmütze
neben ihr bat sie freundlich etwas Platz zu machen, damit er zur Toilette konnte.
Sie zog ihre Beine an und er konnte ungehindert an ihr vorbei.
Als er kurze Zeit später wiederkam lächelte er sie freundlich an und
zwängte sich etwas umständlich durch die enge Sitzreihe. Sally hielt
die Luft an, als sie sein Aftershave roch. Hui – der Mann roch einfach mal zu
gut.
Ihr fielen seine blauen Augen auf die, kaum das er saß, hinter einen dunklen
Sonnenbrille verschwanden. Schade eigentlich.
*
London Heathrow, 14:35 Uhr
Pünktlich gelandet stand sie an der Gepäcklaufband des Londoner Flughafens
Heathrow und wartete auf ihren blauen Koffer.
Als sie kurz aufblickte sah sie unzählige Menschen hektisch in alle Richtungen
laufen. Typisch Flughafen eben. Aber ihr fiel auch eine Gruppe von ungefähr
15 Mädchen auf, die ziemlich aufgeregt zu sein schienen.
Sie begannen zu winken – in ihre Richtung!?!
Sally stutzte für einen Moment und blickte sich um.
Da stand sie. Die Schlafmütze vom Sitz neben ihr. Oder sollte sie Playboy
sagen?
Er lächelte den Mädels zu und winkte kurz. Die Mädels flippten
völlig aus, sprangen auf und ab und kreischten drauf los.
Sally runzelte die Stirn und wollte gerade nach ihrem Koffer greifen, als sie
unsanft zur Seite gedrückt wurde.
„Hey! Sie hätten mich auch freundlich fragen können, ob sie vorbei
können. Rüpel!“ Sie sah den Kerl mit funkelnden Augen an, wurde von
ihm aber völlig ignoriert.
„Mensch, wir dachten schon du kommst heute gar nicht mehr an“, grinste der Begleiter
des Rüpels den Playboy an.
„Irgendein Passagier hatte wohl Verspätung, oder so. War mir aber ganz
recht, so konnte ich ein paar Minütchen länger pennen.“
Sally zuckte unwillkürlich zusammen. Hatte Mister Playboy etwa sie damit
gemeint?
„Louis springt schon im Achteck du wirst schon, wie unschwer zu erkennen, sehnsüchtig
erwartet.“
„Oh man. Können wir nicht hinten raus? Bitte Toni!“
Sally musste unweigerlich schmunzeln. Da hatte der Playboy wohl Angst vor seinen
Häschen?
Ah, da war ja ihr Koffer wieder. Sie streckte den Arm aus und … wurde unsanft
zur Seite gedrückt.
Also jetzt reicht’s!
„Hey! Sind sie noch ganz bei Trost? Was zum Henker ist los mit Ihnen?“ schimpfte
sie wie ein Rohrspatz und packte den Rüpel am Oberarm.
Huch – so viele Muskeln.
Er blickte auf ihre Hand an seinem Arm und sah sie dann direkt an. Sein Blick
war alles andere als freundlich und Sally schluckte schwer.
„Nehmen sie ihre Hand da weg!“ zischte er sie an.
Ihre Augen, schreckensgeweitet, starrten auf seinen Oberarm und sie ließ
ihn schnell los.
Dann schob der Rüpel den Playboy zu einer Seitentür heraus, und zog
dessen blauen Koffer hinter sich her.
Sally schnappte sich ihren blauen Koffer, dem von den ganzen Extrarunden bestimmt
schon schwindelig war, und machte sich auf den Weg zum Taxistand.
*
Dublin, 14:45 Uhr
Erschöpft ließ sich Josephine Parker in ihren Stuhl sinken und stöhnte
genervt auf.
Gab es denn heutzutage keine fähigen Mitarbeiter mehr?
Die Bewerbungsgespräche verliefen alles andere als bestens und sie stand
kurz vor einem Nervenzusammenbruch.
Warum hatte sie nicht die Vorauswahl getroffen? Warum musste sie diese Aufgabe
ausgerechnet dem blonden Dummchen Janine Smith übertragen? Gott, warum
war sie nur so blöd?!
„Ms. Parker, hier ist schon mal der Stapel mit den Bewerbern für die Gespräche
am Montag“, piepste Janine und legte die Unterlagen auf dem Tisch ihrer Chefin
ab.
Josephine warf einen Blick auf Janines perfekt manikürten Fingernägel
und machte sich in Gedanken eine Notiz, dass sie sich unbedingt einen Termin
bei Michelle besorgen musste. Ihre Hände hatten eine ausführliche
Behandlung mehr als nötig.
„Brauchen sie noch etwas, Ms. Parker?“
„Ja! Eine große Tasse schwarzen Kaffee und meine Ruhe. Danke, Janine!“
Janine dackelte auf ihren Knochenbrechern, wie Josephine ihre hochhackigen Schuhe
immer nannte, aus dem Büro und machte sich an ihre Arbeit.
„Jetzt weiß ich auch warum du sie eingestellt hast, Hase“, lächelte
sie das Foto auf ihrem Schreibtisch an und atmete tief durch.
Während sie in den Unterlagen blätterte brachte ihr Janine eine große
Tasse Kaffee und ließ sie dann wieder in Ruhe.
Sie lächelte dankbar und nahm gleich einen großen Schluck. Also wenn
sie auch sonst nichts konnte, aber Kaffee kochen war eindeutig ihr Ding.
„Zu jung, zu jung, keine Erfahrung … man, man, man. Da hätte ja selbst
meine Mutter eine bes… Moment!“
Josephine blätterte eine Bewerbung zurück und jauchzte auf.
Ihre Entscheidung war gefallen.
„Janine!“ rief sie ins Vorzimmer und kurz darauf stand der Minirock samt Inhalt
vor ihr. Sie reichte Janine den Stapel Unterlagen und grinste zufrieden.
„Absagen. Die Reihe durch. Ich hab meine Wahl getroffen.“
„Aber …“
„Tut mir leid für ihre ganzen Freundinnen, aber der Boss bin noch immer
ich.“
Mit gesenktem Kopf nahm sie ihr die Unterlagen ab und lief vor sich hinmurmelnd
an ihren Platz zurück, um die Absagen fertig zu machen.
Josephine Parker, geborene Baker, 26 Jahre und gebürtige Irin zog vor
4 Jahren von Cork nach Dublin.
Als sie mit ihrem Mann, Frank Parker, vor 3 Jahren die Fotoagentur „SEE“ gründete,
glaubte keiner der Beiden an den riesigen Erfolg der Firma.
Heute nun war sie eine der führendsten auf dem Weltmarkt.
Leider bleib auch ihr das Glück nicht treu.
6 Monate nach Gründung der Agentur wurde Josephine zur Witwe.
Den Tod ihres Mannes hat sie bis heute noch nicht ganz verkraftet. Sie stürzte
sich von einem Tag in den anderen in ihre Arbeit und machte die Firma zu dem,
was sie heute war.
Oft dachte sie in dieser Zeit an ihre unbeschwerte Kindheit in Cork und ihre
Freundin Sal zurück.
Wie lange hatten sie sich nicht mehr gesehen? 5 Jahre dürfte das jetzt
bestimmt schon her sein.
Josephine blätterte die Bewerbung, die vor ihr auf dem Schreibtisch lag,
noch einmal durch und seufzte zufrieden auf.
*
London, 17:45 Uhr
Gähnend lief sie ins Bad und stellte das Wasser an. Ein heißes Bad
in der luxuriösen Wanne tat ihr jetzt bestimmt gut.
Als sie vor 2,5 Stunden im Hotel eingecheckt hatte, vor dem sich ein paar Mädels
postierten hatten, aus welchem Grund auch immer, machte sie sich gleich noch
mal auf den Weg, um die Stadt ein wenig zu erkunden.
Nach einer ausgiebigen Stadtrundfahrt, in einem der berühmten roten Doppeldecker
Busse, entschloss sie sich wieder ins Hotel zurück zu kehren, um sich für
das Nachtleben schick zu machen.
Schließlich war das Vorstellungsgespräch erst am Freitag, also übermorgen,
und sie konnte morgen noch den ganzen Tag faul im Bett liegen bleiben.
Ihr blauer Koffer stand noch immer unausgepackt neben dem Bett.
Das heiße Wasser hüllte das Bad in Dampf ein und Sally fügte
ihm noch etwas Badeöl hinzu.
Dann ging sie zurück in das Zimmer und warf ihren Koffer mit Schwung auf’s
Bett.
„Na dann. Zeit meine neuen Klamotten auszuführen“, sagte sie aufgeregt
und klatschte in die Hände. Sie zog den Reißverschluss auf und klappte
dann den Koffer auf, um sogleich in der Bewegung zu erstarren.
„Ach du heiliger Bim Bam!“
Shirts, Jeans und Boxershorts teilten sich, wild durcheinander geschmissen,
den Platz und inmitten des ganzen Chaos lag eine bunte Illustrierte … der Playboy.
„Nein! Bitte nicht! Kann ein Tag eigentlich noch beschissener sein? Ich dreh
gleich durch. So ein verdammter, verdammter Mist! Was mach ich denn jetzt?“
Sie lief aufgeregt, mit Daumen und Zeigefinger an der Unterlippe pulend, im
Zimmer auf und ab und suchte nach einer Lösung.
„Flughafen. Genau, das ist es! Sally Ryan, du bist manchmal gar nicht so dumm
wie du aussiehst.“
Sie rannte ins Bad, stellte das Wasser aus und landete anschließend nach
einem gekonnten Hechtsprung auf dem Bett. Sie griff nach dem Telefon und kaum
hatte sie den Hörer an ihr Ohr gepresst, meldete sich auch schon eine freundliche
Stimme von der Rezeption.
„Äh, ja. Sally Ryan .. ach ja, das wissen sie ja schon“, kicherte sie,
„würden sie mich bitte mit dem Flughafen Heathrow verbinden? Danke … Ja,
ich warte.“
*
Müde quälte er sich ins Bad. Eine Dusche wäre jetzt mit Sicherheit
das Richtige, um seine müden Knochen wieder in Schwung zu bringen und seine
Lebensgeister wieder zum Leben zu erwecken.
„Nur noch frische Unterwäsche, dann kann’s los gehen“, sagte er lustlos
und öffnete den Koffer, um ihn in Windeseile wieder zu schließen.
Das musste er geträumt haben.
Räuspernd öffnete er den Koffer einen Spalt und lugte hinein.
„Kein Traum. Na Mahlzeit. Wie prickelnd ist das denn bitte? Erst der Scheiß
mit dem Flieger, dann die Standpauke von Louis und jetzt das! Fuck!“
Wütend knallte er den Koffer wieder zu und stampfte aus dem Zimmer.
„Na warte Dave. Darum wirst du dich kümmern.“
Vor Zimmer 413 stoppte er und pochte energisch gegen die Tür.
Einen kurzen Moment später wurde sie geöffnet und Dave seufzte auf.
Was war denn jetzt schon wieder?
„Was hast du auf dem Herzen?“
„In meinem Zimmer wartet Arbeit auf dich.“
„Kannst du deine Betthäschen nicht allein wieder in den Kindergarten bringen?“
Er ignorierte Daves Kommentar und sah ihn auffordernd an.
„Würdest du bitte mal mitkommen?“ Er drehte sich auf dem Absatz um und
Dave trottete ihm augenrollend hinterher.
„Da! Ich wollte duschen und mir frische Klamotten aus MEINEM Koffer nehmen,
aber …“
„Lass mich raten. Du hast ihn nicht aufbekommen?“ feixte Dave und musste einen
leichten Schlag in die Seite hinnehmen.
„Nein, du Witzbold! Ich kann mich nur unmöglich in bauchfreien Shirts und
Spitzenunterwäsche bei dem Interview sehen lassen. Und die Hosen dürften
auch nicht ganz meine Konfektionsgröße sein. Und wehe ich höre
jetzt auch nur einen blöden Kommentar dazu von dir, Dave!“
Dave konnte sich kaum halten vor lachen und wischte sich ein paar Tränen
weg.
„Und was soll ich da jetzt machen, Mark?“
„Na mir meinen Koffer wiederbeschaffen. Was denkst du denn?“ Er steckte sich
eine Zigarette zwischen die vollen Lippen und zündete sie an. Mark nahm
einen tiefen Zug und blies den blauen Dunst dann wieder aus.
„Du tickst doch wohl nicht richtig. Ich gras doch jetzt nicht halb London ab,
nur um dir deinen Koffer wieder ranzuschaffen.“ Er tippte sich an die Stirn
und dann Mark.
„Flughafen, anrufen, nachfragen, fertig. Ist schließlich nicht das erste
Mal, dass einer unserer Koffer abhanden gekommen ist.“ Mark hielt ihm mit hochgezogener
Augenbraue den Telefonhörer vor die Nase.
„Hör zu, Goldkehlchen. Da du dich ja bestens mit dieser Materie auszukennen
scheinst schlage ich dir vor, du machst das allein. Ich bin weg!“ Er verließ
schnellen Schrittes das Zimmer 305 und hörte Mark nur noch einen irischen
Fluch ausstoßen.
*
„Ich danke Ihnen. Ja, wiederhören.“ Gefrustet legte sie auf und rieb sich
die Stirn.
Am Telefon hatte man ihr mitgeteilt, dass sie sich morgen noch einmal melden
solle. Bis jetzt hat sich jedenfalls noch niemand gemeldet der ebenfalls einen
falschen blauen Koffer, und somit ihren Koffer, hatte.
„Okay Sal, nicht verzagen. Für alles gibt es eine Lösung. Du bist
hier in London, hast etwas Kleingeld in der Tasche und das heißt? Genau!
Shopping!“ Sie nickte ihrem Spiegelbild aufmunternd zu und packte alles nötige
zusammen.
Mit Keycard und ec-Karte bewaffnet verließ sie das Hotel und schnaubte
genervt auf. Schon wieder, bzw. immer noch, tummelte sich eine Mädchentraube
vorm Hotel rum. Macht man das in London so? Ist das der neueste Trend? Ach lass
uns heute mal vorm Hilton treffen und morgen dann vorm Kempinski? Kopfschüttelnd
stieg sie die Treppe hinab, sah ihren Bus kommen und stürzte los.
Sie rannte zur Haltestelle, wild mit den Armen wedelnd, während am Hotel
die Hölle losbrach.
*
Sicher im Van verstaut, atmeten die 4 jungen Männer tief durch.
„Irgendwie hab ich das Gefühl, sagt mir wenn ich mich irren sollte, aber
es sind doch immer wieder die gleichen Mädels da. Kann das sein? Jedes
Mal prügeln sie sich fast um ein Autogramm oder Foto von uns. DAS werde
ich wohl nie verstehen.“ Nicky grinste zum Fenster hinaus und seine Zahnspange
blitzte auf und ließ die Mädels verzückt aufkreischen.
„Sie wollen eben prüfen wie gut dein Spängchen deine Beißerchen
schon ins rechte Licht gerückt hat, mein Lieber“, grinste Shane und winkte
lässig ein paar Mädels zu.
Der Wagen setzte sich langsam in Bewegung und die ersten Mädchen schnürten
ihre Laufschuhe.
Kian und Shane feuerten ihre weiblichen Verfolger tatkräftig an und rutschten
fast von den Sitzen vor lachen.
„Himmel, hat die nen Vorbau! Da bekommt man ja regelrecht Angst um das arme
Ding. Nicht das sie eines Tages noch erschlagen wird.“
„Boah Nicky, du bist blöd“, kreischte Kian auf, „aber recht haste trotzdem“,
lachte er dreckig.
Shane quietschte auf und alle brachen daraufhin in schallendes Gelächter
aus.
Nicky wandte sich an Mark.
„Hast du eigentlich schon was wegen deinem Koffer erreichen können?“
Mark schüttelte gähnend den Kopf und rieb sich müde über
seinen leichten 3 – Tage – Bart.
„Ich hatte noch keine Zeit zum anrufen. Wann denn auch? Wir sind ständig
auf’m Sprung heute. Und wieso müssen wir jetzt schon wieder bei Simon antanzen?
Ich dachte wir haben das Interview und gurken jetzt zum Fernsehstudio.“
„Erst Simon, dann Interview. War aber von Anfang an schon so geplant gewesen.
Du solltest besser zuhören.“
„Ach sei ruhig, Fifi!“
Dave schaute in den Rückspiegel und zog eine Augenbraue hoch.
„Was ist mit Dave und Toni? Kann das nicht einer von den beiden übernehmen?“
Dave schaute erneut in den Rückspiegel.
„Jaaaahhhaaaaaaaaa“, nickte Kian eifrig in seine Richtung, „du hast ganz richtig
gehört, Mr. Last. Schließlich warst du es, der Marks vermeintliches
Köfferchen vom Band gezerrt hat.“
Er schüttelte belustigt den Kopf und bog am Büro von Simon Cowell
in die Tiefgarage ein.
„Hört zu. Während ihr eure Stimmbänder kitzelt, werde ich mich
um Marks Köfferchen kümmern. Einverstanden?“
„Ach plötzlich“, schnaufte Mark. „Boah Dave, manchmal möchte ich dir
echt … aber du bist so groß und so, so, so … so groß eben“, fügte
er hinzu und machte das er aus dem Van kam.
„Aber ich schätze, ich muss mir für morgen wenigstens frische Unterwäsche
bei dir pumpen, Dave. Keine Bange! Meine Mum wird eine extra Ladung Waschmittel
und Weichspüler verwenden, damit du sie danach auch noch tragen kannst.“
Shane und Nicky tauschten einen kurzen Blick aus, zuckten mit den Schultern
und liefen zum Aufzug. Nicky bog ins Treppenhaus ab und sprintete schon mal
nach oben.
Kian grinste breit und legte einen Arm um Mark.
Dave zückte sein Handy und machte sich auf die Suche nach Marks Koffer.
„Bin ja mal gespannt, welches nette weibliche Geschöpf sich diesmal deinen
Koffer unter den Nagel gerissen hat.“
„Ich hoffe doch, sie hat Verwendung für den Playboy, den ich für dich
seit 3 Wochen mit mir rumschleppe, damit deine Jodi keinen Anfall bekommt.“
Kian knuffte Mark in die Seite.
„Als ob du deswegen böse wärst, Fee. Gib’s doch zu, das machst du
nur all zu gern für deinen alten Kumpel.“
„Siehst du mich in Begeisterungstänzen ausbrechen? Stimmt, ich mich auch
nicht. So, und los jetzt. Simon wartet schon wieder mit neuen Ideen.“ Mark klang
alles andere als begeistert.
„Wird Zeit, dass wir mal mit der Faust auf den Tisch hauen und ihm unsere Ideen
vor den Latz knallen, die dann auch genommen werden“, fügte er noch hinzu
und zündete sich eine Zigarette an.
„Ha ha, das war dein bester heute“, lachte Kian auf. „Als ob wir jemals mitsprechen
dürfen.“
„Man soll die Hoffnung nie aufgeben, denn die stirbt bekanntlich immer zuletzt,
Kiki. So, und jetzt ab. Ich hör Simon schon die Trillerpfeife aus der untersten
Schublade kramen.“
Mark schmiss seine Zigarette auf den Boden und bestieg dann zusammen mit Kian
und Shane den Fahrstuhl. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg ins Büro
von Simon Cowell.
*
Erschöpft trudelte Sally 3 Stunden später wieder im Hotel ein.
„Miss Ryan?“
Sie fuhr herum und blickte in das Gesicht eines netten jungen Mannes.
„Ja?“
„Hier ist eine Nachricht für sie vom Flughafen.“
„Oh, fantastisch“, jauchzte sie auf und entriss dem Mann von der Rezeption regelrecht
den Papierfetzen. Dann eilte sie zu den Aufzügen. Sie drückte einen
der Knöpfe und studierte die Nachricht, die auf dem Zettel stand.
Es machte *pling*, die Türen des Aufzuges öffneten sich, sie machte
ein paar Schritte, während sie noch immer den Zettel studierte, nach vorn
und landete im nächsten Augenblick unsanft auf dem Boden.
„Oh, verzeihen Sie bitte“, murmelte eine freundliche Frauenstimme und half ihr
wieder auf die Beine.
„Haben Sie sich weh getan?“
„Nein“, Sally blickte auf, „ist alles okay. Mir geht’s gut. Alles noch an Ort
und Stelle.“
Beide Frauen lachten kurz auf, dann gingen sie wieder ihres Weges.
Sally in den Fahrstuhl und die junge Frau in Richtung Hotelausgang, wo sie mit
einem Blitzlichtgewitter empfangen wurde.
Kopfschüttelnd trat sie in den Aufzug und wunderte sich einmal mehr an
diesem Tag über die Marotten der Briten.
„Ich glaub, denen bekommt der Linksverkehr nicht wirklich“, murmelte sie und
die Türen des Aufzuges waren gerade dabei sich zu schließen, als
sich ein Fuß zwischen die Türen quetschte und somit wieder aufging.
Sally schaute erschrocken auf und blickte in ein Paar blaue Augen, die von
etwas längerem mittelblondem Haar, umrandet wurden. Der Mann lächelte
sie kurz freundlich an, drückte den Knopf für die dritte Etage und
ging weiter in den Lift.
Automatisch trat sie einen Schritt zurück um dem „Eindringling“ Platz zu
lassen, und die Türen des Aufzuges schlossen sich erneut. Dann setzte er
sich mit einem Ruck in Bewegung.
Im ersten Stock hielt er an, Sally stieg aus und begab sich auf den Weg zu ihrem
Zimmer.
Der Eindringling fuhr weiter.
In ihrem Zimmer angekommen griff sie sofort zum Telefon und rief am Flughafen
an.
Ihr Koffer wurde tatsächlich aufgespürt.
Es geschehen eben doch noch Zeichen und Wunder in dieser verrückten und
viel zu hektischen Welt.
„Ja, hallo! Ryan mein Name. Ich habe eine Nachricht erhalten, dass sie meinen
Koffer gefunden haben. Ist das Richtig? Oh wunderbar! … Heute noch? Ja ich denke,
dass kann ich einrichten. Ich danke Ihnen nochmals. Ja, bis dann! Wiederhören!“
Sally knallte den Hörer vergnügt auf das Telefon und machte sich auf
den Weg.
„So habe ich mir meinen nächtlichen Ausflug durch London zwar nicht vorgestellt,
aber na ja … man kann nicht alles haben, Sally Ryan. Hauptsache dein Koffer
findet sich wieder an. Wer weiß wer den in die Finger bekommen hat“, murmelte
sie und suchte in ihrer Handtasche nach ihrer Geldbörse.
„Wenn du jetzt auch noch weg bist, krieg ich einen Anfall … argh!“
Kurzer Hand schüttete sie den Inhalt ihrer Handtasche auf dem Bett aus
und fand was sie suchte.
„Ich sollte mir doch langsam mal überlegen ein Suchsystem hier einbauen
zu lassen“, kicherte Sally als sie alles wieder in ihre Tasche räumte,
sich die Keycard schnappte und sich dann auf den Weg zum Flughafen machte.
*
Als er den Koffer im Wagen verstaut hatte, machte er sich auf dem Weg zum Flughafen
und hoffte, unerkannt an der Horde von Fans die am Hotel standen vorbei zu kommen.
Geschafft! Kurze Zeit später befand er sich auf der Stadtautobahn in Richtung
Flughafen, um den Koffer seines besten Freundes wiederzubeschaffen.
Sally bog mit einem erleichterten Lächeln an der Gepäckabfertigung
um die Ecke.
Nach vielem Hin und Her hatte sie das Gebäude endlich gefunden. Berlin
war ein Dorf gegen diesen Flughafen.
Sie meldete sich am Informationsschalter und wurde gebeten zu warten. Aber man
benötige einen Ausweis, damit man sicher wahr das sie auch wirklich sie
war.
„Fehlt nur noch ein Täschchen Tee“, murmelte sie und kramte in der Handtasche
nach ihrem Ausweis.
Als sie den Ausweis auf die Theke des Informationsschalters legte, gesellte
sich neben sie ein junger Mann … War das nicht der Eindringling aus dem Fahrstuhl?
„Hallo! Ich soll hier einen Koffer abgeben und einen anderen mitnehmen“, meinte
er freundlich zu der Dame am Infoschalter.
„Einen Moment bitte, Mr. McFadden.“
Hä? Hatte sie da jetzt verpasst? Der Mann hatte sich doch noch gar nicht
vorgestellt. Wieso kannte sie dann seinen Namen? Sally schaute verdutzt zwischen
dem Eindringling, der sich ja als Mr. McFadden entpuppte, und der Infotante
hin und her.
„Da ja die Formalitäten jetzt geklärt sind, kann ich dann endlich
meinen Koffer haben?“ Sally war etwas genervt. Den ganzen Tag war sie nun schon
unterwegs, und der Tag war bis jetzt alles andere als ein voller Erfolg. Erst
verpasst sie fast ihren Flieger, dann geht ihr Koffer verloren und vorm Hotel
tummelt sich eine Horde nerviger Teenager.
„Einen kleinen Moment bitte noch Miss …“, die junge Frau sah auf den Ausweis,
„Ryan.“
Na wenigstens lesen kann sie schneller als sie arbeitet. Innerlich zuckte Sally
zusammen. Sie verhielt sich genauso wie die Sorte von Menschen die ihr in Berlin
auf die Nerven gingen. Sie erschrak vor sich selbst. Die junge Frau macht auch
nur ihren Job und das so gut und so schnell wie es eben ging.
„Ja, kein Problem. Ich hab Zeit“, sagte Sally in einem entschuldigendem Tonfall
und lächelte sie an.
„So … ich bräuchte von Ihnen beiden jetzt nur noch eine Unterschrift, dann
wäre alles erledigt und sie können ihre Koffer wieder ihr Eigen nennen.“
Sally wollte gerade nach dem Stift greifen, als auch er zugriff. Schnell zog
sie ihre Hand zurück. Die Berührung ging ihr durch und durch. Himmel!
„Ladys first“, zwinkerte er ihr zu.
Leicht errötend griff sie nach dem Stift, setzte ihre Unterschrift unter
den abgeschlossenen Suchauftrag und schob alles zu ihm hinüber. Dann wartete
sie angespannt darauf das er unterschrieb, denn sie wollte nur noch weg hier.
Schon vor Stunden wollte sie ein heißes Bad nehmen.
„Sie sind doch auch im Hilton, oder?“
Sie schreckte aus ihren Gedanken hoch.
„Was? Ja. Wieso?“
„Wenn sie möchten dann nehme ich sie mit. Dann brauchen sie nicht durch
ganz London mit ihrem Koffer tingeln.“
„Ähm … ist schon okay. Ich komm klar.“
Er schob die Unterlagen mit einem freundlichen Lächeln der Frau entgegen
und wandte sich wieder an Sally.
„Okay Miss Ryan. Dann wünsche ich Ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt
in London. Und passen sie auf ihren Koffer auf“, zwinkerte er ihr erneut zu.
Dann schnappte er sich den Koffer der vor ihren Füßen stand, drehte
sich um und verließ das Gebäude.
Sally schob sich eine ihrer braunen Locken hinters Ohr, griff sich ihren Koffer
und folgte ihm nach draußen.
Warum hatte sie sein Angebot nicht angenommen? Jetzt würde sie wieder in
einem stickigen Taxi durch London gurken müssen. Na wie prickelnd.
Unbewusst hielt sie Ausschau nach ihm.
„Mein Wagen steht da hinten“, hörte sie eine Stimme hinter sich und es
lief ein kalter Schauer über ihren Rücken.
„Ich nehm mir ein Taxi. Danke Mister …“
„Brian. Nennen sie mich bitte Brian, Miss Ryan.“ Er trat neben sie und hielt
ihr seine rechte Hand hin.
„Danke für das Angebot, Brian. Aber ich nehm ein Taxi.“
„Wie sie meinen. Vielleicht sieht man sich ja noch mal, Miss Ryan.“ Brian lächelte
sie an und lief dann zu einem schwarzen BMW.
Sich ein Taxi heranwinkend schaute sie ihm nach. Was hatte sie eigentlich zu
verlieren? Er scheint ganz nett zu sein. Sollte sie doch mit ihm mitfahren?
Mit sich ringend nestelte sie am Verschluss ihres Mantels herum. Der BMW fuhr
an ihr vorbei und ihre Entscheidung war somit von allein getroffen worden.
„Man du bist so doof, Sally Ryan“, tadelte sie sich grummelnd und stieg in das
Taxi, dass vor ihr hielt.
Sie schloss die Augen, nachdem sie dem Fahrer gesagt hatte wo sie hin wollte,
und lehnte sich zurück.
Der Tag hatte es in sich gehabt und Sally freute sich schon wie irre auf das
heiße Bad, was sie ja eigentlich schon vor Stunden nehmen wollte.
Und sie freute sich auf Freitag. Würde da schon ihr neues Leben beginnen?
*
Gerade hatte sie ein Bein in das warme Badewasser getan, da klopfte es auch
schon an der Tür.
„Ich werd zum Iltis“, fluchte sie, zog ihr Bein zurück und warf sich den
Hoteleigenen flauschigen weißen Bademantel über. Sie machte einen
Doppelknoten in den Gürtel und lief zur Tür.
Als sie die Tür einen Spalt geöffnet hatte, hätte sie sie am
liebsten gleich wieder zugeschmissen. Da stand er und lächelte sie an.
„Oh, hab ich sie gestört? Das war nicht meine Absicht.“
Sally schaute kurz zu Boden, dann hob sie ihren Kopf und lächelte ihn ebenfalls
an.
„Ist schon okay. Ich glaub es ist mir heute nicht gegönnt, dass alles nach
Plan läuft und wie ich mir das vorstelle“, seufzte sie auf und räusperte
sich.
„Was verschlägt sie hier her? Und woher wissen sie überhaupt meine
Zimmernummer, Brian?“
„Das ist mein Geheimnis“, lächelte er freundlich. „Ich wollte mich eigentlich
nur erkundigen ob sich alles in ihrem Koffer befindet, oder etwas fehlt.“
„So lange sie ihm nichts entwendet haben“, zwinkerte Sally ihm zu, „dürfte
noch alles an Ort und Stelle sein.“ Flirtete sie etwa mit ihm?
Er räusperte sich.
„Nun, ich hab ihm ganz sicher nichts entwendet. Ich hab ihren Koffer nur zum
Flughafen gebracht ohne vorher einen Blick hinein geworfen zu haben.“ Was ich
im nachhinein bedaure, fügte er gedanklich hinzu, und seine blauen Augen
bohrten sich in ihre grünen.
Sally wich seinem Blick aus und sah angestrengt auf seinen …
*OH MEIN GOTT!* Schnell kniff sie die Augen zu. Sie hatte ihm doch tatsächlich
in den Schritt gestarrt.
„Ich hab auch noch gar nicht geschaut, ob noch alles da ist“, sagte sie hastig
und spürte wie ihr das Blut in den Kopf stieg.
„Bitte entschuldigen Sie mich, Brian. Ich prüfe das mal eben nach.“
Noch ehe er etwas erwidern konnte schloss sie die Tür und er stand allein
auf weiter Flur.
*
Müde lief er den Gang entlang und schob die Keycard in den vorgesehenen
Schlitz. Dann sprang die Tür mit einem Klick auf und er konnte sich endlich
hinlegen.
Die Aufnahmen waren mal wieder eine Tortur gewesen.
Wie oft musste er seine Parts wiederholen, ehe Simon sein OK gab? Er wusste
es nicht mehr. Es waren jedenfalls so einige Male.
Eines wusste er aber zu hundert Prozent.
Die heiße Dusche, die er schon den ganzen Tag nehmen wollte, war mehr
als fällig. Und über einen Kahlschlag seiner Gesichtsbehaarung wäre
ganz sicher auch nichts einzuwenden.
Geschafft zog Mark sich seinen Fleecepulli über den Kopf und warf ihn
achtlos auf den Boden.
War das nun eigentlich mit dem Koffer alles glatt gegangen? Dave hatte gar nichts
mehr erwähnt auf der Fahrt zum Hotel. Oder er war mit seinen Gedanken schon
wieder bei ihm in Berlin. Wenn die Presse davon Wind bekommen würde, dann
wäre es vorbei mit den ungestörten Schäferstunden, ganz zu schweigen
von einem relativ ruhigem Leben in der Öffentlichkeit. Was ja eh schon
bis in die dunkelste Ecke durchleuchtet wird. Mark war froh, dass sein Geheimnis
bis jetzt sicher war. Vor allem aber war er froh darüber, dass ihn seine
Freunde deswegen nicht wie einen Aussätzigen behandelten.
Auf dem Weg ins Bad wäre er fast über den blauen Koffer gestolpert.
„Lag der nicht auf dem Bett?“ Mark zog die Stirn in Falten. Dann war wohl doch
alles glatt gegangen.
Er hob den Koffer auf’s Bett, öffnete ihn und atmete erleichtert auf. Soweit
er alles überblicken konnte, war noch alles da. Selbst Kians Playboy lag
noch an seinem alten Platz. Wieso ausgerechnet er ihn mitschleppen musste, blieb
ihm ein Rätsel. Erstaunlich, das Frauen nicht mal einen kleinen Blick hinein
werfen. So schlimm sind die Bilder doch gar nicht, ganz im Gegenteil.
Nachdem er sich frische Klamotten herausgesucht hatte zog er sich aus und lief
nackt durchs Zimmer, als es plötzlich an seiner Tür klopfte.
„Moment“, rief er, lief ins Bad, griff sich das erstbeste Handtuch, wickelte
es sich mehr oder weniger umständlich um seine Hüften und ging dann
zur Tür.
„Na, hat sich wieder alles angefunden?“, stürmte Kian ins Zimmer und schmiss
sich auf Marks Bett.
„Äh … ja. Was willst du hier?“
„Meine Bettlektüre, was denkst du? Kuscheln ist erst morgen wieder angesagt,
mein Schatz“, säuselte er und klimperte mit seinen Wimpern.
„Schnapp dir deine Zeitschrift und zieh Leine, Egan. Ich bin grad nicht in der
Stimmung für deine blöden Scherze“, murrte er und lief ins Bad.
Als die Tür krachend ins Schloss fiel bequemte sich Kian auf, schnappte
sich den Playboy und ging in sein Zimmer, das schräg gegenüber lag.
*
Alle Sachen waren an ihrem Platz und Sally atmete erleichtert auf.
Ihre Mappe mit den Fotos, die sie zum Vorstellungsgespräch mitnehmen wollte,
lag unberührt auf dem Boden des Koffers. Sie wollte sich lieber nicht vorstellen,
was sie ohne ihre Arbeiten gemacht hätte. Völlig aufgeschmissen wäre
sie gewesen.
„Ach du Schreck“, sie eilte zur Tür. Brian hatte sie ganz vergessen.
„Entschuldigen sie bitte, Brian. Ich wollte sie nicht warten lassen. Wie unhöflich
von mir. Es ist alles da“, redete sie wie ein Wasserfall und starrte auf den
schwarzen Fleck an der Wand.
„Das freut mich“, lächelte Brian sie an. Er hatte natürlich bemerkt
das sie ihn nicht ansah, sondern schräg hinter ihm auf den schwarzen Fleck
starrte, den auch er vorhin genauer unter die Lupe genommen hatte. Da war wohl
eine Spinne nicht schnell genug gewesen und hatte einfach mal schlechte Karten
gehabt. Platsch!
„Ich wünsche ihnen noch einen schönen Aufenthalt, Brian. Machen sie
es gut.“ Sally wollte gerade die Tür schließen als sich Brian räusperte.
„Dürfte ich sie zum Essen einladen, Miss Ryan?“, fragte er fast unschuldig
und sah sie mit einem warmen Blick an.
„Seien sie mir nicht böse, aber ich …“, sie seufzte auf. Warum wehrte sie
sich so dagegen? Er war nett. Er war Ire. Und er sah, auch wenn sie nicht der
Typ Mensch ist die darauf Wert legt, verdammt gut aus.
„Warum eigentlich nicht“, änderte sie ihre Meinung, „holen sie mich in
einer halben Stunde hier ab, und dann können sie mir London mal bei Nacht
zeigen. Natürlich nur, wenn sie noch nichts anderes vorhaben.“
Brian musste schmunzeln. Ihre Art sich beim reden fast zu überschlagen
gefiel ihm – sehr sogar. Er zuckte innerlich zusammen.
„“Ich werde da sein, Miss Ryan.“
„Sally. Nennen sie mich bitte Sally, Brian.“
„Okay, Sally. Ich hole sie in einer halben Stunde wieder ab“, zwinkerte er ihr
zu und lief den Gang hinauf in Richtung Fahrstühle.
Sally ging mit einem breiten Grinsen im Gesicht ins Bad und entschied sich
nur ein kurzes Bad in der Wanne zu nehmen. Ihr blieb ja auch keine andere Wahl,
denn Brian würde in 30 Minuten wieder hier auftauchen.
„Ach du Schreck! Was zieh ich eigentlich an?“
Während sie in Gedanken den Inhalt ihres Koffers durchging wusch und trocknete
sie sich ab.
20 Minuten bleiben ihr noch.
Gott, warum war sie plötzlich so aufgeregt?
*
Hastig stürzte sie durchs Zimmer und suchte aufgebracht und nervös
nach ihren Schuhen. Sie war sich ganz sicher, dass sie die Stiefel eingepackt
hatte.
Als sich der gesamte Kofferinhalt verstreut auf dem Boden befand klopfte es
an ihrer Tür.
„Seit wann sind Iren so pünktlich“, murmelte sie. Und wieso war sie sich
eigentlich so sicher, das er Ire war?
Sally ging zur Tür und öffnete sie einen Spalt.
„Ich bin gleich fertig, einen Moment noch“, entschuldigte sie sich schnell und
machte die Tür wieder zu.
Durch die Tür hörte er sie fluchen, und schmunzelte. Wenn Frauen auf
der Suche nach ihren Schuhen waren, kannten sie kein Erbarmen. Etwas zögerlich
klopfte er an die Tür.
„Moment!“ hallte es ihm dumpf entgegen.
Sally rollte mit den Augen als sie endlich ihre Schuhe fand. Sie standen akkurat
neben der Tür.
„Manchmal bist du wirklich ein blindes Huhn, Sal“, kicherte sie, schlüpfte
in die Stiefel und schnappte sich ihren Mantel. Dann warf sie noch einen letzten
prüfenden Blick in den Spiegel, atmete ein letztes Mal tief durch und öffnete
die Tür.
Brian warf sofort ein Blick auf ihre Füße.
„Wie ich sehe, haben sie alles gefunden Sally“, schmunzelte er und trat einen
Schritt zurück, damit sie aus dem Zimmer kommen konnte.
Als sie die Tür hinter sich zugezogen hatte liefen sie gemeinsam zu den
Aufzügen.
„Wohin wollen sie mich eigentlich entführen, Brian?“ Sie sah ihn schräg
von der Seite an.
„Ich dachte wir gehen einfach nett essen. Lernen uns einfach ein wenig kennen
und schauen wohin uns der Abend noch bringt“, sagte er mit ruhiger Stimme und
sah sie an.
Flirtete er mit ihr?
„Na dann. Lassen wir uns doch einfach mal überraschen wohin uns der Abend
noch führen wird“, entgegnete sie ihm leicht schmunzelnd und trat in den
sich gerade öffnenden Aufzug. Brian folgte ihr.
*
Ein Wassertropfen schlängelte sich seinen Rücken hinab und wurde
vom Frotteestoff des Handtuches verschlungen.
Mark setzte sich auf die Bettkante und zückte sein Handy. Er hatte 3 Anrufe
in Abwesenheit. Die mussten eingegangen sein, als er unter der Dusche stand.
Ein Lächeln huschte über seine Lippen als er den Anrufer identifiziert
hatte und ließ sich nach hinten auf’s Bett fallen.
Die Kurzwahltaste betätigend strich er sich über seinen nackten Oberkörper
und hielt sich dann das Handy ans Ohr.
Als er seine Stimme hörte atmete er tief ein und seufzte auf.
„Ich vermiss dich“, raunte er in den Hörer.
*
Als sich die Türen des Aufzuges öffneten, sah Sally geradewegs auf
unzählige Autos. Sie waren in der Tiefgarage.
„Welch seltene Art das Hotel zu verlassen“, stellte sie an Brian gewandt fest,
„aber ich bin ihnen dankbar. Die Mädels da vorm Hoteleingang können
mit der Zeit lästig werden.“
Sie dachte an ihre Ankunft vom Flughafen, als sie endlich ihren Koffer zurück
hatte, und skeptisch von einigen Augenpaaren begutachtet wurde. Getuschel machte
sich breit. Einen Satz vernahm sie aber deutlich.
„Meinst du die poppt mit unserem Bärchen?“
Wer zum Teufel war Bärchen?
„Na dann hatte ich ja die richtige Nase, uns auf diesem Wege aus dem Hotel
zu schleusen“, flüsterte Brian ihr ins Ohr und legte seine Hand auf ihren
Rücken, um sie zu einem schwarzen BMW zu führen.
Sally hielt unbewusst kurz die Luft an und schlug die angewiesene Richtung ein.
„Und, wohin entführen sie mich heute Abend, Brian?“, fragte sie als sie
am Wagen ankamen.
„Mögen sie die indische Küche, Sally?“
„Yummy“, grinste sie breit und Brian musste lachen.
„Na dann“, zwinkerte er ihr zu und sie stiegen in den Wagen.
Sie fuhren die Bayswater Road entlang, rechter Hand den Hyde Park, und bogen
auf die Park Lane.
„Sie scheinen sich sehr gut hier auszukennen“, bemerkte sie fast beiläufig,
„kommen sie aus London?“
„Nein, ich stamme eigentlich aus Dublin, bin aber oft geschäftlich in London
unterwegs“, sagte er kurz und knapp.
Hatte sie ihn denn noch nicht erkannt?
Stimmt, sie schien ja auch nicht wirklich zu wissen, warum sich die ganzen Mädels
vor dem Hotel versammelt hatten.
„Und darf ich so frei sein und fragen was sie beruflich machen“, fragte sie
ihn, lehnte sich schräg an die Beifahrertür und sah ihn von der Seite
an.
Er hatte ein wunderschönes Profil. Seine wundervoll geschwungenen Wimpern
fielen ihr ganz besonders auf. Wieso hatten es Männer nur so einfach? Sie
brauchten sich nicht mit einer Wimpernzange abquälen, womöglich noch
ungeschickt Stücke des Augenlids mit einklemmten, und es dann erst feststellten,
als sie dummerweise schon fest zugedrückt hatten. Sie fasste sich unbewusst
an ihr rechtes Auge und zog die Nase kurz kraus.
„Nun“, er räusperte sich und bog an der nächsten Kreuzung rechts ab,
„ich versuche gerade Fuß im Musikbizz zu fassen“.
„Na dann wünsche ich ihnen viel Glück dabei Brian. Vielleicht werden
sie mal einer von den ganz Großen“, sagte sie in ihrer offenen und ehrlichen
Art.
Fast hätte er laut losgelacht, biss sich aber noch im letzten Moment auf
die Zunge und presste ein Danke hervor.
Sie schien ihn wirklich nicht zu kennen.
„Und was verschlägt sie nach London, Sally?“
„Ich hoffe doch, ein neuer Job“, seufzte sie auf.
„Ich hatte mich vor einiger Zeit bei einer Fotoagentur hier beworben. Sie haben
mich für Freitag zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen.“
Brian hörte ihr interessiert zu und parkte den Wagen in der Lowndes Square.
Dann stellte er den Motor ab, setzte sich etwas schräg in den Sitz und
sah sie an.
„Das klingt aber alles andere als begeistert, junge Dame. Warum haben sie sich
dann dort beworben?“ Seine Stimme war ruhig und es schwang ein Hauch von Interesse
in ihr mit.
„Haben sie sich noch nie gewünscht, noch einmal ganz von vorn anfangen
zu können?“ Sie sah ihm direkt in die Augen und Brian hielt diesem Blick
nur kurz stand, ehe er ihn senkte und auf seine Hände schaute.
„Wer hat noch nicht diesen Wunsch gehegt?“, fragte er leise.
Es machte sich eine Stille im Wagen breit und Brian entfloh ihr und verließ
den Wagen.
Sally atmete kurz durch, schnallte sich ab und stieg ebenfalls aus.
„Habe ich was falsches gesagt?“, fragte sie unsicher, als sie um den Wagen
herum ging und sich neben ihn gesellte.
„Nein Sally, das haben sie nicht. Machen sie sich keine Sorgen.“ Er lächelte
sie an, drückte die Fernbedienung und alle 6 Blinklichter leuchteten kurz
auf und die Zentralverriegelung griff.
„Okay Brian, dann lassen sie uns die kulinarischen Köstlichkeiten Indiens
verspeisen gehen“, lächelte sie und beugte sich etwas schräg zu ihm
und kicherte, „ich hab nämlich Kohldampf.“
Er lachte auf, bot ihr seinen rechten Arm an, den Sally dankend annahm und gemeinsam
machten sie sich auf den Weg ins AMAYA in der Motcomb Street.
*
Genervt posierte sie vor der Kamera. Das Shooting hätte schon vor 3 Stunden
fertig sein sollen. Arbeiten denn hier nur Amateure?
„Kannst du dich noch ein bissl weiter vorbeugen?! Ja … jaaa so ist gut!!! Fantastisch!!!
Oh ja Baby, zeig was du hast!“ rief Massimo, einer der Topfotografen Englands,
ihr zu.
Josephine hielt sich dezent im Hintergrund und beobachtete Massimo bei seiner
Arbeit.
Er war ein untersetzter Endvierziger, mit Doppelkinn, Halbglatze und Hornbrille.
Seine besten Jahre, wie man immer so schön sagte, waren vorbei.
Seine Frau hat ihn wegen einem Jüngeren verlassen und seine 3 Kinder kannten
ihn nur, wenn er ihnen Geld zum Geburtstag und zu den Feiertagen schickte.
Kurz um, er war ein kleines Häufchen Elend, das sich an seine Arbeit klammerte.
Vor seine Linse hatte er eine junge aufstrebende Nachwuchsschauspielerin, die
in einer der erfolgreichsten englischen Soap „Hollyoaks“ mitspielt. Ihr Name:
Jodi Albert. Zweitberuf: Freundin von Kian Egan, Mitglied bei einer der erfolgreichsten
Bands von Irland und England. Westlife.
Einige bösen Zungen behaupteten ja, dass sie erst durch ihre Beziehung
zu Kian Egan ihren jetzigen Bekanntheitsgrad erlangt hat, und ihn in gewisser
Weise ausnützen würde, aber Josephine gab auf solches Gerede nicht
viel. Solange die Beiden glücklich waren, sollte und konnte ihr das völlig
egal sein. Hauptsache sie machte ihre Arbeit ordentlich und war das Geld wert,
was sie ihr für die Aufnahmen zahlte.
„Dauert es denn noch lange?“ Jodi sah genervt auf die Uhr im Hintergrund.
„Schätzchen, dafür wirst du bezahlt. Und das nicht mal schlecht. Also
schlüpf in den Bikini und zick nicht rum“, grummelte Massimo sie an. Er
hatte sich unmissverständlich klar ausgedrückt.
„Wichser“, zischte sie und ging sich umziehen.
*
Wie so oft in letzter Zeit lag er allein im großen Hotelbett und starrte
gelangweilt auf den Ferneseher, in dem gerade Bruce Willis dabei war irgendeinem
Bösewicht die Nase zu brechen.
Lang war es her, dass er gemeinsam mit ihr Arm in Arm einschlief. Kian seufzte
auf.
„Wo bleibst du nur, Baby“, seufzte er auf und schaltete den Fernseher aus.
Er stand auf und zog sich, während er ins Bad lief, sein Shirt über
den Kopf und strich sich gähnend über seinen Bauch.
Jodi hatte ihm beim letzten zärtlichen Aufeinandertreffen sanft hineingekniffen
und gemeint, dass er auch schon schlankere Zeiten erlebt hätte.
Etwas entsetzt hatte Kian sie angesehen und gefragt ob sie es denn stören
würde, dass er ein zwei Pfunde zugelegt hätte. Eine wirklich richtige
Antwort hatte er bis heute noch nicht erhalten.
Ihre Figur hingegen war makellos. Allein beim Gedanken an sie, zog es gefährlich
in seinen Lenden. Wäre sie jetzt hier gewesen, er hätte sie an Ort
und Stelle vernascht.
Kian fischte nach seinem Handy in seiner Hosentasche und schrieb ihr eine SMS.
Hey mein kleiner Stern! Wo bist du denn so lange? Ich vermiss dich. Lieg hier gleich nackig im Bettchen rum und warte nur darauf von dir vernascht zu werden. Ich liebe dich! Spocky xxx
Mit einem breiten grinsen schickte er ihr die Nachricht und schlüpfte auch noch aus seiner restlichen Kleidung und gönnte sich eine lange heiße Dusche.
*
„Hat es ihnen geschmeckt?“ fragte der Kellner die Herrschaften und erntete
ein zufriedenes Danke, von beiden Seiten.
„Ich hab schon lange nicht mehr so gut indisch gegessen“, stellte Sally fest,
als der Kellner bereits mit ihren leeren Tellern in der Küche verschwand.
„Das freut mich. Ich komme gern hier her, wenn ich in London bin.“ Also, halten
sie beim nächsten Abstecher in diese Gegend die Augen auf, wollte er fast
noch hinzu fügen, beließ es aber dabei es sich zu denken.
Der Abend verlief bis jetzt sehr angenehm. Was auch hauptsächlich auf die
Tatsache zurückzuführen war, dass Sally ihn nicht zu kennen schien.
Privat war er Brian McFadden, Vater von zwei kleinen Mädchen und mehr oder minder glücklich verheiratet, aber beruflich war er Bryan McFadden, Mitglied bei Westlife.
Nachdenklich nippte er an seinem Rotwein.
„Ist alles in Ordnung, Brian?“ Sie hatte bemerkt, das er sehr ruhig geworden
war, was für diesen Abend ziemlich ungewohnt war, denn sie hatten viel
geredet und gelacht.
Er sah sie an und ihre Blicke trafen sich an diesem Abend nicht zum ersten Mal,
aber dieses Mal war es etwas anderes.
Ein Zucken huschte durch ihren Unterleib und hätte sie fast leise aufstöhnen
lassen. Sie konnte nicht länger leugnen, dass sie sich von ihm sehr angezogen
fühlte. Und was hatte sie zu verlieren? Sie war allein und so weit sie
es beurteilen konnte, war auch er nicht in festen Händen. Jedenfalls hatte
er bis jetzt noch nichts von einer Freundin oder Frau verlauten lassen. Und
einen Ring, der auf irgendetwas hinwies, hatte Sally den ganzen Abend nicht
bemerkt.
„Woran denken sie gerade?“
Sally riss die Augen auf und starrte ihn an. Das wollen sie lieber nicht wissen,
schoss es durch ihr, im Moment, völlig leeres Hirn.
„Daran, dass ich mich morgen unbedingt in aller Herrgottsfrühe in die Schlange
bei Madame Tussaud’s einreihen muss, um einen kurzen Blick auf David Beckham
erhaschen zu können“, sagte sie schnell und schaute schnell nach rechts,
wo ein Kellner damit beschäftigt war einem älteren Ehepaar das Angebot
des Tages schmackhaft zu machen.
„Was findet ihr Frauen nur alle an ihm? Fußball spielen kann er ja nicht
besonders.“ Brian zog eine Augenbraue hoch, als sich Sally wieder ihm zuwandte
um etwas zu erwidern, doch Brian kam ihr zuvor.
„Oder hat er dann doch woanders seine Qualitäten versteckt?“ Ein kurzes
Lecken über seine Lippen ließ erahnen, woran er dachte, als er seine
Vermutung laut äußerte.
„Ganz zu schweigen von seinen Fußballerwaden“, zwinkerte sie ihm zu und
nippte am Wein.
„Kann ich locker mithalten.“
„Bei was? Der Qualität oder den Waden“, hörte sie sich fragen und
hätte sich am liebsten den Wein ins Gesicht geschüttet, damit er etwas
von der Röte ablenkte, die sich in ihrem Gesicht ganz langsam auszubreiten
schien.
Brian beugte sich etwas vor und sah ihr tief in die Augen.
„Bei beidem“, raunte er.
Ihre Hand krampfte sich am Glas fest und sie hoffte, es würde dieser Kraft
standhalten. Und ehe sie sich versah entwich ihrer Kehle ein leises stöhnen
und sie wäre am liebsten vor Scham im Erdboden versunken.
„Wir sollten uns langsam auf den Weg machen. Nicht das sie morgen früh
verschlafen“, sagte er lächelnd und orderte die Rechnung.
„Sie entschuldigen mich kurz“, sagte sie hastig und schlug den Weg zu den Toiletten
ein.
Brian sah ihr lächelnd hinterher und betete im Stillen, das sich seine
Lenden schnell wieder beruhigen würden, die im Moment, Gott sei Dank, noch
vom Tischtuch verdeckt waren.
*
Gegen Mitternacht stieg sie in das Taxi und machte sich auf den Weg zum Hilton.
Mit einem Lächeln hatte sie die SMS gelesen und war noch einmal ins Studio
gerannt, um sich von ihrem kleinen Höschen zu verabschieden. Das würde
sie die nächsten Stunden nicht gebrauchen.
Mit einem kribbeln im Bauch steckte sie die Keycard in den Schlitz und schlich
sich leise ins Zimmer.
Dort lag er mit nacktem Oberkörper und schnarchte leise vor sich hin.
„Irgendwann holst du dir noch mal den Tod, Spocky“, flüsterte sie. Im Zimmer
war es kalt. Zu kalt für ihre Verhältnisse. Jodi ging zum Fenster
und machte es zu. Dann setzte sie sich aufs Bett und strich vorsichtig über
Kians Brust.
Ein wohliges schmatzen zeigte ihr, das er die Berührung wahr nahm und sie
glitt mit der Hand unters Bettdeck.
„Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr und ich muss hier erfrieren“, raunte
er leise, als er ihre Hand spürte und schlug seine Augen auf.
„Das Shooting hat etwas länger gedauert. Entschuldige bitte.“
„Ist okay. Ich weiß wie das ist“, lächelte er sie an und zog scharf
die Luft ein, als ihre Hand am Ziel angekommen war.
„Steht das Angebot noch?“
Kian grinste breit.
„Oh ja, DAS steht noch“, stöhnte er auf und zog sie in seine Arme.
Sie versanken in einem Kuss und Kians Hände machten sich ebenfalls auf
den Weg.
„Ich werd verrückt“, nuschelte er. „Du hast ja gar kein … oh das muss ich
mir genauer ansehen“, sagte er mit tiefer kehliger Stimme, in der sein Verlangen
nach ihr mitschwang, und drehte sich mit ihr.
Sich seinen Weg herabküssend schob er ihr kurzes Röckchen nach oben
und küsste sie im nächsten Moment verlangend auf ihre vollen roten
Lippen.
Gemeinsam entflohen sie in dem kalten Hotelzimmer in ihre eigene heiße
Nacht.
*
Wie sollte das nur weiter gehen? Der Mann war einfach eine Nummer zu groß
für sie.
Mit geschlossenen Augen stand sie am Waschbecken und ließ sich das kalte
Wasser über ihre Handgelenke laufen.
Was musste er jetzt von ihr denken?
„Du musst dich zusammenreißen. Vielleicht hat er das ja gar nicht gehört“,
murmelte sie und im nächsten Moment starrte sie ihr Spiegelbild an.
„Natürlich hat er das gehört, du dumme Pute. Er ist ein Mann. Bei
so etwas hören sie immer hin. Nur das was sie hören sollen, kommt
nie da oben an.“ Sie streckte sich die Zunge raus.
Sally drehte den Wasserhahn zu und trocknete sich die Hände ab.
Dann schnaufte sie ein weiteres Mal tief durch und ging zum Tisch zurück.
Brian sah auf, als sie sich wieder zu ihm gesellte. Er hatte bereits ihren
Mantel geholt.
Schüchtern lächelnd ließ sie sich ihn anziehen und biss sich
auf die Unterlippe, als sie seinen warmen Atem im Nacken spürte. Schnell
machte sie einen Schritt nach vorn, griff nach ihrer Handtasche und wartete
auf ihn.
Gemeinsam verließen sie das Restaurant und Sally atmete tief durch, als
sie an der frischen Luft stand.
Nie zuvor war sie so froh gewesen in eine kalte Winternacht hinaustreten zu
können.
„Sollen wir noch einen kleinen Spaziergang machen?“
„Das ist wirklich ein nettes Angebot“, sie sah ihn kurz an, „aber ich möchte
gern zurück. War ein anstrengender Tag für mich. Seien mir bitte nicht
böse, Brian.“
„Ich bin ihnen nicht böse, Sally. Dann kommen sie. Lassen sie uns zurückfahren.“
Er legte seine Hand auf ihren Rücken und sie gingen zum Wagen.
„Danke für den wunderschönen Abend, Brian“, bedankte sie sich höflich,
als sie in der Tiefgarage des Hiltons zum Aufzug liefen.
Schweigend standen sie vor den verschlossenen Türen und sahen sich an.
„Wie haben sie das eigentlich gemeint, dass sie noch mal von vorn anfangen möchten,
Brian?“
„Habe ich das so gesagt?“
„Es klang danach, ja.“ Sie räusperte sich. „Es tut mir leid. Eigentlich
geht es mich ja nichts an. Entschuldigen sie bitte, meine Aufdringlichkeit.“
Die Türen des Aufzuges öffneten sich und beide stiegen ein. Brian
drückte auf die 1 und die Türen schlossen sich wieder.
Beharrliches Schweigen hüllte den Fahrstuhl ein und Sally fühlte sich
unwohl. Hatte sie ihn auf dem falschen Fuß erwischt?
„Hatten sie schon mal das Gefühl als würde sich alles auf sie zu bewegen
und sie haben einfach keine Chance dem ganzen zu entrinnen? Fühlen sich
erdrückt und spüren, dass die Luft zum atmen knapp wird und sie zu
ersticken drohen?“ Brian sprach leise und sah sie dabei nicht an.
„Sie verkriechen sich. Fangen an Freunde zu meiden und ihnen bei den seltenen
Aufeinandertreffen eine heile Welt zu demonstrieren, in der sie definitiv nicht
mehr leben? Belügen sich, was am schlimmsten an der ganzen Sache ist. Wenn
sie das meinen Brian, dann kann ich ihnen nur eins sagen. Ich weiß genau
was sie meinen. Und sie sollten eine Entscheidung treffen. Eine Entscheidung
die mit Sicherheit für einige Tränen sorgen wird, aber mit der sie
sich am wohlsten fühlen. Und das ist am Ende, was wirklich zählt.
Sie leben für sich, nicht für andere.“
Die Türen öffneten sich, Sally sah ihn an und hätte ihn am liebsten
in den Arm genommen. Wie ein Häufchen Elend stand er neben ihr und suchte
nach einer passenden Antwort.
„Ich muss hier raus, Brian. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Abend.
Danke für die Einladung. Gute Nacht.“
Sie verließ den Aufzug und machte sich auf den Weg zu ihrem Zimmer als
sie hinter sich Schritte vernahm.
Sally blieb stehen und drehte sich um. Brian war ihr gefolgt.
„Ich hab sie abgeholt. Also bring ich sie natürlich auch zurück. Nicht
das ihnen noch etwas passiert.“
Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen und sie drehte sich um und lief
weiter zu ihrem Zimmer.
„Gute Nacht, Brian“, sagte sie freundlich, als die Tür aufsprang und sie
ins Zimmer ging und sich an der Tür zu ihm umdrehte.
„Gute Nacht, Sally“, erwiderte er ebenso freundlich und sah sie an.
Langsam machte sie die Tür zu und lächelte ihn noch einmal kurz an.
Mit einem Herz, das fast aus ihrer Brust zu springen schien so sehr klopfte
es, ließ sie sich an der geschlossenen Tür zu Boden gleiten und legte
ihren Kopf auf die Knie.
Langsamen Schrittes lief er zum Aufzug.
Auf halbem Weg drehte er um und schlug den Weg zum Treppenhaus ein.
Dann lief er nach unten und ging geradewegs in die Hotelbar.
Am nächsten Morgen würde er sehr früh nach Australien aufbrechen.
Seine Frau Kerry nahm an „I’m a Celebrity – get me out of here“ teil
*
„Was machst du denn noch hier? Ich dachte du bist auf dem Weg nach Down Under.“
Brian drehte sich auf dem Barhocker leicht schräg nach hinten und sah in
das leicht verwirrte Gesicht von Mark.
„Ich hab den Flug verpasst“, teilte er ihm mit.
Mark konnte hören, dass er schon einiges getrunken haben musste.
„Was ist wirklich los, mate?“ fragte er ihn und orderte beim Kellner einen Drink.
Ein kurzer Blick auf die Uhr ließ ihn innerlich aufstöhnen. Es war
mittlerweile kurz nach drei und Mark wollte lieber nicht wissen seit wie viel
Stunden sein bester Freund schon wieder an der Bar hockte.
Sicher, er selbst trank auch gern mal einen über den Durst, aber Brian
übertrieb es in letzter Zeit.
Wenn er sich die letzten Wochen noch mal durch den Kopf gingen ließ dann
konnte er auf Anhieb sagen, dass Brian ganze 4 Tage nüchtern war.
Die Story mit dem verpassten Flug hätte er ihm vor 4 Jahren noch abgekauft,
aber jetzt musste er sich schon eine bessere Ausrede einfallen lassen um ihn
hinters Licht führen zu wollen. Er mag bei Westlife nicht gerade als der
schnellste bekannt sein, aber seine stillen Beobachtungen hatten Mark noch nie
im Stich gelassen.
Brians Kehle entrann ein gequältes seufzen und ehe Mark sich versah hing
er weinend an seinen Schultern.
Ach du lieber Himmel, schoss es Mark durch den Kopf. Das würde wohl noch
eine sehr lange Nacht werden.
Er legte dem Kellner seine Zimmerkarte vor, ließ die Drinks von Brian
auf seine Zimmerrechnung schreiben und verließ dann zusammen mit ihm die
Bar in Richtung seines Hotelzimmers.
Ein Gespräch war mal wieder fällig und er konnte sich den Inhalt schon
selbst denken. Kerry.
*
Ein kurzes Summen ließ sie aufschrecken.
Vorsichtig entzog sie sich seiner Umarmung und griff nach dem Handy in ihrer
Handtasche, die vorm Bett lag.
Bist du noch bei ihm? Wann kommst du? Ich vermiss dich!
Love, Tom.
Jodi unterdrückte ein seufzen und sah zu Kian.
Ja bin ich noch. Ich melde mich die Tage noch mal bei dir. Ich vermiss dich
auch!
Jo xxx
Sie ließ ihr Handy wieder in der Handtasche verschwinden und kuschelte sich an Kian, der sie unbewusst fest in seine Arme zog und friedlich weiter schlief.
*
London, 21.01. 2004, 8:15 Uhr
Nachdenklich zog er sich sein Basecap tiefer ins Gesicht und rückte die
Sonnenbrille auf seiner Nase zurecht. Dann bestieg er das Taxi und fuhr zurück
zum Hotel.
Während der Fahrt ließ er sich die letzten 5 Stunden noch mal durch
den Kopf gehen und seine Augen füllten sich hinter seiner dunkeln Sonnenbrille
mit Tränen.
Ich kann nicht mehr, Fee. Es wird mir alles zu viel. Die Band, meine Kinder … Ich werde mit Louis reden, so bald ich aus Australien zurück bin. Es geht nicht mehr.
Schnellen Schrittes hechtete er an den Fans vorbei ins Hotel und zückte
noch im Fahrstuhl sein Handy.
„Kannst du dir ein paar Tage frei machen?“, fragte Mark sofort als Rowen sich
am anderen Ende meldete.
„Was ist passiert?“
„Kannst du? Ja oder nein?!“
„Wo seid ihr?“
Mark fuhr sich angespannt über die gerunzelte Stirn und stöhnte genervt
auf.
„Ich hab’s vergessen.“
Ein leises Kichern drang an sein Ohr und Mark steckte Rowen imaginär den
Mittelfinger entgegen.
„Ihr seid morgen in Newcastle, mein Bester.
Halt mir bitte meine Betthälfte warm, ich seh zu, dass ich den erstbesten
Flug erwische. Und dann kannst du dich bei mir auskotzen.“
Wie oft hatte er schon Anrufe dieser Art von seinem besten Freund erhalten?
Und wie oft hatte Mark dann einfach nur stillschweigend in seinen Armen gelegen?
Dennoch hatte Rowen das Gefühl, dass es dieses Mal nicht so enden wird.
Mark klang aufgelöst und fertig.
„Ich danke dir“, war alles was er sagte bevor er auflegte, in sein Zimmer ging
und sich aufs Bett schmiss.
Er stöpselte sich die Kopfhörer seines Discmans in die Ohren und drehte
voll auf und sang aus Leibeskräften mit Mr. Jackson um die Wette.
Smile though your heart is aching
Smile, even though it's breaking
When there are clouds in the sky
You'll get by...
*
10:25 Uhr
Zärtlich strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und beobachtete
sie beim schlafen.
Sie sah so wunderschön aus.
Kian kuschelte sich an Jodi und hauchte einen zärtlichen Kuss auf ihre
Stirn und küsste sich langsam seinen Weg hinab, bis er ihre Lippen kurz
streifte um sie dann mit einem sanften Kuss an diesem wundervollen Morgen zu
begrüßen.
„Guten Morgen, Sonnenschein“, raunte er in ihr Ohr, als sie ihn verschlafen
anblinzelte und dann herzhaft gähnte.
„Was stellen wir heute mit dem Rest des Tages an“, nuschelte Kian und knabberte
gefühlvoll an ihrem Ohrläppchen.
Jodi seufzte auf und schloss ihre Augen.
„Ich hab heute Nachmittag ein Shooting“, sagte sie mit vorgeschobener Unterlippe
und kniff die Augen zusammen. Sie hörte ihn tief ein und ausatmen.
„Wann schaffst du es endlich mal deine Termin so zu legen, das uns wenigstens
mal ein gemeinsamer Tag bleibt? Du weißt doch meine Termin auch schon
rechtzeitig genug, Jo.“
„Kian bitte, das hatten wir erst“, sagte sie mit einem etwas genervten Unterton,
schob sich aus seiner Umarmung, setzte sich auf und zog sich ihr Shirt über.
Dann stand sie auf und lief ins Bad.
Kian schaute ihr nach und ließ sich stöhnend zurück in die Kissen
fallen.
„Na super. So hab ich mir den Beginn des Tages nicht vorgestellt“, nuschelte
er und zog sich das Bettdeck über den Kopf.
„Ich bin dann weg“, meldete sich ein klägliches Stimmchen und Kian zog
das Bettdeck nach unten.
„Du willst jetzt einfach …“, er starrte sie mit geschocktem Blick an.
„Okay, dann musst du wohl gehen, wenn dir ein Shooting wichtiger ist als ich
scheinbar zu sein scheine.“
„Kian jetzt wirst du unfair!“
Er stand bei dieser Aussage fast im Bett und funkelte sie mit einem bösen
Blick an.
„Für wen ziehst du dich dieses Mal aus?“
„KIAN!“, rief sie entsetzt und starrte ihn schockiert an.
„Wir sind morgen in Newcastle. Meld dich, wenn du Zeit findest.“
Mit diesen Worten stand er auf und lief ins Bad.
Jodi zuckte erschrocken auf, als die Tür ins Schloss knallte.
Sie schnaubte auf, drehte sich auf dem Absatz um und verließ mit zügigen
Schritten sein Zimmer und das Hotel.
*
15:35
Energisches klopfen an der Tür ließ Kian im Nebenzimmer aufhorchen.
Wer zum Henker war gerade dabei, dass Hotel in Kleinteile zu zerlegen?
Mit in Falten gelegte Stirn trat er auf den Gang und begann zu grinsen.
„Isser mal wieder ins Koma gefallen?“
Rowen drehte sich zu ihm und feixte, während er weiter gegen die Tür
hämmerte.
„MARK! Würdest du bitte die Tür aufmachen?“
Es rührte sich nichts.
Mittlerweile war Kian neben Rowen getreten und klopfte mit ihm zusammen gegen
die Tür.
Was war denn da los? Wieso öffnete Mark die Tür nicht?
Entfernt hörte er wie jemand seinen Namen rief und blinzelte.
Er muss wohl eingeschlafen sein.
„Ich komm ja schon“, grummelte er und schob sich müde an die Tür.
Als er sie öffnete breitete sich ein fettes Strahlen auf seinem Gesicht
aus.
„ROW!“ Er zerrte seinen Freund ins Zimmer, schmiss die Tür zu und ließ
einen völlig verdatterten Kian zurück.
Was war los? Wieso war Rowen hier?
*
So schnell konnte Rowen gar nicht schauen, wie er im Zimmer von Mark stand.
„Okay, jetzt mal ganz in Ruhe. Was zum Teufel ist hier eigentlich los? Du zerrst
mich hier durchs halbe Hotel und Kian scheint völlig ahnungslos zu sein.“
„Brian ist heute nach Australien geflogen“, sagte Mark nur und setzte sich auf’s
Bett.
Rowen zog eine Augenbraue hoch und kratzte sich kurz an der Schläfe.
„Hast du mich deswegen herbeordert, um mir zu sagen das er rüber geflogen
ist um sich Känguruhs anzusehen? Wenn ja, dann bin ich wieder weg, denn
auch ich ha…“
„Ich glaub, er will Westlife verlassen“, sagte Mark leise und schob sich eine
Zigarette in den Mund. Dann ging er auf den Balkon, was auf Londons Straßen
eine reine Massenhysterie auslöste.
Rowen starrte zum Balkon und ließ sich das eben gehörte noch einmal
durch den Kopf gehen. Brian will aussteigen? Nein, das konnte nicht sein.
Er gab sich selbst ein paar Minuten Zeit um sich wieder etwas zu fassen, dann
ging er zum Balkon. Er betrat ihn nicht, lehnte sich nur seitlich an die Tür
und verschränkte seine Arme unter den Achseln.
Mark drehte seinen Kopf leicht nach links, blies den Rauch aus und sah dann
Rowen an.
„Er ist unglücklich. Unglücklich, dass er nicht mit ansehen kann
wie die beiden kleinen Mädels groß werden. Unglücklich, dass
Kerry dafür langsam kein Verständnis mehr hat. Unglücklich, dass
sie ihm das fast täglich vorwirft und er macht sich unwahrscheinlich große
Vorwürfe deswegen.“ Mark schmiss die Zigarette über die Brüstung,
schenkte den Fans vorm Hotel kurz seine Aufmerksamkeit, in dem er winkte, und
drehte sich dann um. Rowen trat einen Schritt bei Seite, damit Mark ins Zimmer
konnte.
„Wann hat er dir das alles gesagt?“, fragte Rowen ruhig und setzte sich neben
Mark aufs Bett.
„Heute am Flughafen. Er will mit Louis reden, wenn er aus Down Under zurückkommt.
Rowen, ich …“, Marks Stimme zitterte und Tränen tropften auf seine Hände.
„Ich weiß“, sagte er leise und zog ihn in seine Arme
*
Wieso zum Henker musste er mit seinen Vermutungen immer Recht behalten? Wieso
kannte er Mark nur so gut?
Er konnte sich noch gut an den Tag erinnern als Mark ihm sagte, dass er sich
zu Männern hingezogen fühlte.
Das war ein Nachmittag. Au Backe!
Marie ist fast aus ihren Pantoffeln gekippt und Oliver war still schweigend
aus dem Haus gegangen und 3 Stunden später zurückgewesen. Sternhagelvoll.
Die Augen verquollen und rot stand er in Marks Zimmer und schluchzte auf. Dann
ging er zu ihm, nahm ihn in den Arm und drückte ihn an seine väterliche
Brust.
„Ich liebe dich mein Sohn! Und ich bin stolz auf dich! Mir ist es egal ob du
auf Männlein oder Weiblein stehst. Das Einzige was zählt ist, dass
du dabei glücklich bist.“ Dann drückte er ihm einen dicken fetten
Knutscher auf und torkelte aus dem Zimmer.
Rowen musste sich den Mund zuhalten um nicht laut los zu lachen und Mark starrte
seinem Vater mit großen Augen nach.
„Na ja, wer weiß was da noch kommt“, murmelte Mark und kaum hatte er den
Satz beendet stand Oliver schon wieder vor ihm.
„Zum … na du weißt schon“, er fuchtelte mit der rechten Hand vor Marks
Gesicht herum, „geht’s du aber woanders hin. Ich möchte nicht, dass Colin
und Barry davon etwas mitbekommen.“ Ohne ein Wort von Mark abzuwarten lief er
ins Schlafzimmer und man hörte einen dumpfen Aufprall.
Sofort rannten Mark und Rowen los um zu schauen was passiert war, wussten aber
im ersten Moment nicht, ob sie lachen oder helfen sollten.
Oliver war über seine eigenen Füße gestolpert und kniete vor
dem Bett, den Kopf weich auf der Matratze gebettet und schien an Ort und Stelle
eingeschlafen zu sein.
Marie, die von unten hoch gelaufen kam, hielt sich eine Hand vor den Mund um
nicht loszulachen.
Schnell hievten die beiden Männer Oliver ins Bett und liefen grinsend in
Marks Zimmer zurück wo sie laut los lachten, als die Tür zufiel.
Diesen Tag würde Rowen nie vergessen. Und auch nicht das Gefühl was
er hatte, als Mark ihm sagte, dass er schwul ist. Sein Herz setzte für
einen Moment aus, jedenfalls kam ihm das so vor, und sein Puls raste.
„Ich hab jemanden kennen gelernt“, lächelte Mark und erzählte ihm
von diesem Kerl aus Berlin.
„Ich hoffe du wirst glücklich“, war alles was Rowen sagte, bevor er das
Zimmer und dann das Haus verließ.
Nachdenklich lief er nach Hause und bemerkte, dass er sich ebenfalls etwas eingestehen
musste.
Er war eifersüchtig. Eifersüchtig auf den Typen aus Berlin und irgendwie
hatte er kein gutes Gefühl bei der Sache. Aber warum?
Die Eifersucht war mittlerweile versiegt, aber das ungute Gefühl blieb
dennoch bestehen.
„Ich lass dir jetzt erst mal ein heißes Bad ein und du entspannst dich
ein bisschen. Und wenn du Lust hast, dann können wir heute Abend mal wieder
ins Tramp’s gehen.“ Rowen strich ihm über den Rücken und Mark hatte
sich wieder etwas beruhigt. Er nickte nur leicht, stand auf und zog sich seinen
schwarzen Pulli über den Kopf.
Rowen lief ins Bad und ließ Wasser in die Wanne. Als er noch etwas Badezusatz
hinzugefügt hatte drehte er sich um und prallte fast mit Mark zusammen,
der bereits splitterfasernackt durchs Zimmer tänzelte.
„Du kannst“, presste Rowen schnell hervor, schmiss sich vor den Fernseher und
zwang sich dazu nicht Mark nachzuschauen, wie er ins Bad lief.
„Oh Gott, bitte geb mir die Ruhe und Gelassenheit das alles durchzustehen“,
nuschelte Rowen und lehnte sich zurück. Dann fielen ihm die Augen zu.
*
Kian hatte es sich gerade vor dem Fernseher bequem gemacht, als sein Handy
piepte.
Mit einem tiefen Seufzer krabbelte er wieder aus dem Bett und fischte das Telefon
vom Tisch.
Ich muss für ein paar Tage nach Deutschland. Ich melde mich, wenn ich
zurück bin. Ich liebe dich!
Jo xxx
Er wusste, dass er am Vormittag völlig überreagiert hatte und Jodi
mit seinem Verhalten und Worten sehr verletzt hatte.
Seufzend ließ er sich auf die Bettkante nieder und überlegte ob er
ihr antworten sollte.
Ich liebe dich auch, Jo! Und bitte entschuldige mein bescheuertes Verhalten
heute. Ich war ein Idiot, wie so oft. Auch du hast einen Job den du liebst und
nachgehen musst. Ich bin stolz auf dich!
Spocky xxx
Als er ihr die Nachricht angeschickt hatte ging er aus dem Zimmer und klopfte
bei Mark an. Sicher würden er und Rowen heute noch auf die Piste gehen.
Also konnte er sie ja fragen, ob er sich ihnen anschließen durfte.
Die Tür öffnete sich und Rowen grinste, als er Kian erblickte.
„Lass mich raten. Du willst heute mit uns feiern?“
Kian grinste breit und nickte.
„Wenn ihr nichts gegen meine Anwesenheit habt, gern.“
„Kein Problem. Sei gegen neun fertig. Mark will mit Sicherheit vorher noch was
beißen gehen, und ich könnt auch noch einen Happen vertragen.“ Rowen
strich sich über seinen Bauch, während er das sagte.
„Klopft kurz an, dann können wir los“, sagte Kian und ging wieder in sein
Zimmer.
„Und Danke“, rief er noch, bevor die Tür ins Schloss fiel.
Rowen machte die Tür zu und ging grinsend zum Bett zurück.
*
Jodi betrat die Flughafenhalle und sah sich um.
„Jo!“, rief eine Stimme und im nächsten Moment lagen sich die Beiden in
den Armen.
„Lass uns bitte ganz schnell fahren“, flüsterte sie und schob ihn zum Ausgang.
Gemeinsam steigen sie in seinen Wagen und verließen den Flughafen Berlin-Schönefeld.
*
Mark fuhr gerade mit seiner Hand durchs Haar und schmierte etwas Gel hinein,
als Rowen sich zu ihm gesellte und sich ebenfalls für den Abend zurecht
machte.
„Du hast noch gar nichts von Berlin erzählt“, meldete Rowen sich zu Wort
und sah Mark im Spiegel an.
„Was willst du denn hören? Es ist eine wunderschöne saubere Stadt,
na ja jedenfalls sauberer als London, und ich kann ziemlich unbeobachtet durch
die Straßen schlendern.“
Mit zusammengekniffenen Augen erspähte er einen Pickel und seufzte auf.
Dieser ganze Stress tat seiner Haut alles andere als gut und er spürte
auch schon wieder dieses kribbeln an der Unterlippe.
„Kannst du mir mal meine Lippencreme geben? Die dürfte da irgendwo auf
deiner Seite rumschwirren.“
Rowen blickte sich suchend um, entdeckte die kleine Tube und schob sie zu Mark
herüber, der sich gleich dankbar einen Tupfen auf die Lippe machte und
verrieb.
„Und wie war Berlin sonst?“
„Was soll das denn? Muss ich dir Rechenschaft über mein Liebesleben ablegen?
Ich wüsste nicht, was dich das angeht Row. Du erzählst mir schließlich
auch nicht von deinem. Worüber ich im Nachhinein sehr dankbar bin.“ Mit
diesen Worten ließ er seinen Freund nachdenklich im Bad zurück und
gesellte sich mit einer Zigarette auf den Balkon.
Wieso konnte er eigentlich nie ein Zimmer auf einer Raucheretage bekommen? Wäre
das denn zuviel verlangt?
„Wie lange willst du dir eigentlich noch etwas vormachen, Paddy?“, hörte
er Rowen fragen, der sich wieder an der Balkontür anlehnte.
„Ich weiß ehrlich gesagt nicht worauf du hinaus willst, Rowen. Und nenn
mich nie wieder Paddy! Denn im Gegensatz zur dir, weiß ich was ich will“,
sagte er in einem scharfen Ton und drückte die Zigarette wütend aus.
Dann lief er, an Rowen vorbei, ins Zimmer, schnappte sich seine Jacke und ging
zur Tür.
„Was ist?“, fraget er und drehte sich zu ihm um, „kommst du, oder bleibst du
dort die ganze Nacht stehen?“
Rowen rührte sich nicht vom Fleck und Mark stöhnte auf. Dann schmiss
er seine Jacke auf den Stuhl, der an dem kleinen Tischchen stand und ging zu
ihm.
„Ich bin ein Idiot! Ich laber dich die ganze Zeit mit meinen Problemen zu, dabei
scheinst du auch nicht gerade mit leichtem Gepäck angereist zu sein. Was
ist los? Magst du drüber reden? Soll ich Kian sagen, dass wir uns doch
anders entschieden haben?“
Rowen tat einen tiefen Atemzug und nickte leicht.
„Ich bin gleich zurück, okay“, sagte er und machte sich auf den Weg zu
Kian.
*
Sally hatte beschlossen den Tag an der Hotelbar ausklingen zu lassen und zeitig
ins Bett zu gehen.
Morgen hatte sie das Vorstellungsgespräch und wollte nicht völlig
übermüdet dort erscheinen. Zwar war sie sich jetzt schon ziemlich
sicher kaum eine Auge zu machen zu können, aber sie würde wenigstens
im Bett liegen und sich ausruhen.
Sie zahlte ihren Drink und machte sich auf den Weg zu den Aufzügen. Irgendwie
hatte sie gehofft, Brian hier anzutreffen.
Der gestrige Abend war wirklich sehr schön gewesen und sie hatte sich,
trotz ihres teilweise peinlichen Verhaltens, köstlich amüsiert.
Würde sie ihn jemals wiedersehen? Aber bekanntlich traf man sich ja immer
zweimal im Leben wieder, oder?
*
Als Mark wieder ins Zimmer kam, lag Rowen bereits auf dem Bett und zappte durch
die Fernsehkanäle.
Er schnappte sich die Vorräte an Süßigkeiten aus der Minibar,
schmiss sie aufs Bett und legte sich dann dazu.
„Wieso müssen sie eigentlich jedes Jahr die Filme bringen, die man schon
tausend Mal gesehen hat?“, fragte Rowen kopfschüttelnd und griff sich die
Tüte Erdnüsse.
Mark machte sich über die Salzstangen her und setzte sich schräg ihm
gegenüber hin. Er wusste, dass Rowen ihm irgendwann erzählen würde
was er auf dem Herzen hatte. Oft hatte er den Fehler gemacht und Rowen regelrecht
bedrängt mit ihm zu reden, nur damit er sein schlechtes Gewissen beruhigen
konnte, dass er ihn mal wieder hat „einfliegen“ lassen, nur weil er keinen Bock
auf eine Standpauke von den anderen hatte. Rowen verstand ihn … immer.
„Dein Vater hat mir letztens die Frage gestellt, die ich dir vorhin gestellt
habe“, begann er zu erzählen und schob sich ein paar Erdnüsse in den
Mund.
„Was hat mein Vater mit der ganzen Sache zu tun?“ Mark war etwas verwirrt und
knabberte nachdenklich an einer Salzstange herum.
„Hast du es denn noch nicht geschnallt?“, fragte er mit leicht erhöhter
Stimme, um seine aufkommende Panik zu unterdrücken, und sah Mark an.
„Nein, ehrlich gesagt weiß ich grad nicht worauf du hinaus willst. Könntest
du dich bitte etwas klarer ausdrücken?“
Ohne lange darüber nachzudenken beugte er sich vor und drückte seine
Lippen auf die von Mark und küsste ihn.
*
Schwer atmend rollte er sich von ihr und zog sie glücklich in seine Arme.
„Ich liebe dich, Jo“, raunte er leise in ihr Ohr und küsste sie auf die
weiche Haut dahinter. Jodi schloss leicht lächelnd ihre Augen und schmiegte
sich an ihn.
„Wie lange müssen wir uns noch verstecken? Ich will mit dir zusammen sein
und mich auf offener Strasse mit dir sehen lassen können ohne Angst haben
zu müssen, dass irgendein schleimiger Papparazzi an der nächsten Ecke
lauert um uns abzuschießen.“
„Ich weiß, Tom. Hast du schon mit Mark gesprochen?“, fragte sie vorsichtig.
Ihr würde dieses Gespräche auch noch mit Kian bevorstehen und sie
hatte Angst davor. Wie würde er reagieren?
„Nein, ich hab noch nicht mit ihm gesprochen. Ich will das aber auch nicht am
Telefon machen.“
Sie drehte sich in seiner Umarmung und schaute ihn an.
„Er war doch erst hier? Wieso …“, sie biss sich auf ihre Unterlippe.
Sie konnte ihm keinen Vorwurf machen, denn schließlich hatte auch sie
noch nicht den Mut gefunden Kian vor vollendete Tatsachen zu stellen.
„Wir können es uns aber auch einfacher machen und einfach das Risiko eingehen,
erwischt zu werden. Und wenn ich ehrlich bin, dann macht mich dieser Gedanke
gerade voll an.“
Jodi grinste und schmiegte sich an ihn.
„Ach ja?“, flüsterte sie und knabberte an seinem Ohrläppchen. „Wie
sehr macht es dich denn an?“
„Kleines Miststück du“, raunte Tom, als er ihre Hände spürte
die ihn völlig willenlos machten und er küsste Jodi voller Verlangen.
*
Geschafft ließ er sich ins Bett fallen und dachte nochmals über Marks und seine Worte am Flughafen nach.
„Wenn du glücklich mit deiner Entscheidung bist, dann musst du auch so
handeln, Brian. Das ist dein Leben und nicht das von jemand anderem. Du hast
eine Familie die dich mehr als alles braucht.
Ich sehe doch wie fertig du dich in den letzten Monaten gemacht hast.
Versucht die Differenzen zu klären und wenn es gar nicht mehr geht, wenigstens
als Freunde auseinander zu gehen.
Aber hört endlich damit auf euch und euren Kindern etwas vorzuspielen,
was schon lange nicht mehr da ist.
Es gibt noch ein Leben hinter der Kamera Brian, daran solltest du auch mal denken.
Und jetzt steig in den Flieger, sonst fang ich auf der Stelle an zu heulen.
Ich hab dich lieb.“
„Dann solltest du dir aber auch endlich mal eingestehen, dass du im Grunde genommen
jemand ganz anderen als Tom liebst.
Und komm mir jetzt nicht mit deiner beliebten Ausrede, du wüsstest nicht
wovon ich rede. Ich hab Augen im Kopf, Fee.
Ich hab dich auch lieb.
Und jetzt zisch ab und schnapp ihn dir“, zwinkerte Brian ihm zu und verschwand
hinter der Glaswand.
Morgen würde die Entscheidung fallen, wer als nächster das Dschungelcamp
verlassen musste.
Irgendwie hoffte er, dass es nicht Kerry ist, denn dann hatte er noch ein wenig
Zeit, seine Gedanken und Gefühle zu ordnen.
Immer wieder spukte ihm Sally im Kopf herum.
Auch sie hatte ihm gesagt, dass es sein Leben ist und er es so leben soll wie
er es wollte, und nicht wie es von ihm verlangt wurde.
Eigentlich schon erschreckend das ihn eine völlig fremde Person in nur
wenigen Stunden fast besser zu kennen scheint, als seine Frau und er selbst.
Tief in Gedanken versunken döste er weg und schon bald war nur noch ein
leises schnorcheln im Zimmer zu hören.
*
Etwas überrumpelt wich Mark erschrocken zurück und starrte Rowen an.
Dieser sah betroffen in die Tüte Erdnüsse und murmelte eine leise
Entschuldigung.
„Wenn du glaubst, dass ich das als Entschuldigung durchgehen lasse, dann hast
du dich aber geschnitten Freundchen“, sagte Mark mit belegter Stimme und stand
auf.
Rowen sah ihm nach, wie er zur Tür ging und war den Tränen nahe.
Mark öffnete die Tür sah zu ihm und hängte das Bitte nicht stören
- Schild an die Tür und schloss sie wieder.
„Das hätte uns soviel Ärger ersparen können ... flüsterte
er ihm ins Ohr, als er wieder ins Bett kroch und Rowen an sich zog.
„Was …“, seine Stimme schien gleich wegzubrechen und er versank in Marks Augen
die sich mit einem Schlag verdunkelten.
„Ich hätte das schon viele eher machen sollen“, wisperte er, strich über
seine Lippen und beugte sich langsam vor und schloss die Augen als seine Lippen
die von Rowen berührten.
Zärtlich und vorsichtig ließen sie ihre Lippen miteinander spielen
und seufzten beide auf als sich ihre Zungen kurz trafen.
„Mark … das … warte. Das ist nicht richtig“, stieß Rowen hervor und drückte
ihn von sich weg.
„Wieso?“
„Tom“, sagte Rowen leise und stand auf.
Dann ging er zum Balkon und schaute auf den Hyde Park, der im dunkeln lag, so
wie auch fast der Rest von London.
Er hörte Mark seufzen.
„Das ist nichts ernstes mit Tom. Bitte glaub mir. Er ist nur eine Affaire, mehr
nicht“, teilte er ihm mit und setzte sich auf die Bettkante.
Dann stand er auf und lief ebenfalls zum Balkon.
Dicht hinter Rowen blieb Mark stehen.
In the middle of the night
I'm going down 'cause I want you
I want to touch you
I want to floor you
You are the reason, baby
“Ich bin ihr so dankbar, das sie dieses Lied singt”, flüsterte Mark und
küsste Rowen sanft in den Nacken.
„Du hast Celine schon immer gern gehört“, raunte Rowen und lehnte sich
an Mark.
„Ja, aber gegen Mariah kommt sie nicht an“, lächelte er, schlang seine
Arme um Rowens Bauch und legte seinen Kopf auf seine Schulter.
„Was passiert jetzt mit Tom?“
Mark küsste seinen Hals gefühlvoll auf und ab.
„Ich werde das beenden. Kurz und schmerzlos.
Und jetzt hör bitte auf, dir deswegen Gedanken zu machen. Mehr als Sex
war da eh nie zwischen uns. Er ist viel zu sehr in seinen Job verliebt, als
das er jemals tiefere Gefühle für mich hätte entwickeln können.“
„Was machte er gleich noch?“
„Er ist Fotograf … aber sag mal, wieso unterhalten wir uns überhaupt über
ihn, wenn wir die Zeit mit was viel schönerem vertreiben können.“
Rowen drehte sich ihm leicht entgegen.
„Das bin ich also für dich, ein Zeitvertreib“, tat er gespielt entrüstet
und stahl sich einen Kuss von Marks Lippen.
Mark musste grinsen und küsste seine Stirn.
„Ich liebe dich, Rowen. Das ist mir heute erst, dank Brian, so richtig bewusst
geworden.“
„Na dann bist du ja noch rechtzeitig aufgewacht“, schmunzelte er, „denn ich
war kurz davor wieder abzuhauen, als du heute nicht aufgemacht hattest.“
„Um spätestens morgen in Newcastle auf der Matte zu stehen. Ich kenn dich
doch“, zwinkerte er ihm zu und strich mit dem Daumen über seine Wange.
„Und jetzt will ich nichts mehr von dir hören, Rowen“, raunte er mit tiefer
Stimme und küsste ihn voller Hingabe.
Rowen versank in dem Kuss und ließ sich völlig fallen.
*
London, 22.01., 8:45 Uhr
Aufgeregt und mit verschwitzten, zittrigen Händen betrat Sally das Gebäude
von CATCH AN EYE und schaute sich ehrfürchtig in der großen, hellen
Empfangshalle um.
Durch das Glasdach drangen ein paar Sonnenstrahlen und spiegelten sich auf den
drei großen Fotografien, die an der linken Wand hingen.
Bei näherem Betrachten konnte Sally erkennen, dass es sich um Fotografien
von Massimo Lopez, Tom Klien und Frank Parker handelte.
Letzterer war vor fast 3 Jahren ums Leben gekommen, aber keiner wusste wie.
Seine Witwe schweigt weiterhin zu den Ereignissen.
In der Mitte des Gebäudes stand ein etwas ungewöhnliches Kunstobjekt.
Es ähnelte einer sich rotierenden Schraube.
Auf der rechten Seite erstreckte sich eine große Rezeption.
Mutigen Schrittes, durchgestreckten Schultern und einem Selbstvertrauen, das
im Moment nicht größer als eine Erbse war, bewegte sie sich auf die
Rezeption zu.
„Sally? Sally Ryan?“
Ihr Name hallte von den Wänden ab und sie drehte sich erschrocken um.
Oh mein Gott! Das konnte doch nicht möglich sein, oder?
Wie um sich zu vergewissern kniff sie ihre Augen etwas zusammen und blinzelte
die Person, die etwa 10 oder 15 Meter von ihr entfernt stand an.
„Oh mein Gott“, murmelte sie und legte eine Hand an ihre Kehle und rannte im
nächsten Moment los.
„Jo!“, quiekte sie auf, als sie ihr um den Hals flog und sie fest an sich drückte.
„Was machst du hier? Oh mein Gott, ist das schön dich zu sehen. Wie lange
ist das jetzt schon wieder her, dass wir uns nicht gesehen haben?
Und was machst du in London? Hast du es in Cork nicht mehr ausgehalten?“ Sally
überschüttete sie regelrecht mit Fragen und bekam sich kaum wieder
ein.
„Sal, immer der Reihe nach“, kicherte Josephine und sah sich um.
„Was hälst du davon, wenn ich dich auf einen Kaffee oder Cappuccino einlade?“
„Ich würde liebend gern annehmen, aber ich hab hier gleich ein Vorstellungsgespräch
und am Nachmittag fliege ich weiter nach Dublin.“
Josephine musste grinsen.
„Darf ich dir einen gut gemeinten Rat geben, Sal?“
„Ja klar, sicher.“
„Trink mit mir einen Cappuccino, lass uns über die gute alte Zeit reden
und vergiss das Vorstellungsgespräch hier, denn du wirst am Montag deinen
Arbeitsvertrag bei SEE unterschreiben.“
Sally machte ihren Mund auf und zu, wie ein Fisch der auf dem Trockenen liegt,
aber sie konnte nichts sagen.
„Und jetzt schau nicht wie ein Eichhörnchen, wenn’s donnert, sondern begleite
deine alte Freundin einfach.“
„Aber … Jo, ich kann nicht. Hier geht’s um einen Job. Und woher weißt
du bitte von meiner Bewerbung bei SEE?“
Josephine sah Sally mit einem fragenden Blick an. Das hatte sie ja ganz vergessen.
Sie konnte das ja gar nicht wissen.
„Ich bin Josephine Parker, Sal. Deine neue Chefin“, zwinkerte sie ihr zu und
zog sie Richtung Ausgang.
Sally blieb wie angewurzelt stehen und versuchte das eben gehörte zu ordnen.
Josephine Parker. Frank Parker. Oh Gott!
„Jo. Das … das … heißt ja dann, dass du …“, Sally traten Tränen in
die Augen. Josephine blieb stehen und drehte sich zu ihr um.
„Lass uns bitte gehen, Sal“, bat sie leise und senkte ihren Blick kurz.
Sally reagierte und handelte schnell.
Sie ging zur Rezeption, sagte ihr Vorstellungsgespräch ab und lief dann
zu ihrer Freundin. Griff nach ihrer Hand und zog sie hinter sich her.
Als sie in die frische Luft traten zog sie Josephine in ihre Arme und drückte
sie fest an sich.
„Das tut mir so leid, mit dir und Frank“, flüsterte sie in ihr Ohr und
drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
Josephine hielt sie fest umschlungen und starrte ins Leere, als sie ihr Kinn
auf Sallys Schulter abstützte.
„Ich brauch einen Kaffee. Wie sieht’s bei dir aus?“
„Drängeln konntest du schon immer gut!, schmunzelte Sally und strich ihrer
Freundin eine Strähne ihres langen schwarzen Haares hinter das rechte Ohr.
„Na dann los, Chefin. Lass uns keine Zeit verlieren.“
Josephine schlug den Weg zu ihrem Wagen ein und Sally folgte ihr.
*
Fröstelnd öffnete er seine Augen und schaute sich um. Als er seinen
Blick nach rechts wandte, machte sich ein Lächeln auf seinen Lippen breit
und er drehte sich auf die Seite um ihn besser betrachten zu können.
Langsam streckte er seine Hand aus und strich vorsichtig mit dem Zeigefinger
über seine rechte Augenbraue.
Wie in Zeitlupe rutschte er näher an ihn heran und hauchte einen Kuss auf
seine Stirn.
„Mhm“, hörte er ihn grummeln und grinste.
„Guten Morgen, du Muffel“, nuschelte er und warf einen kurzen Blick auf den
Wecker.
Noch ehe er einen Fluch ausstoßen konnte klopfte es an seiner Tür.
„Wir müssen in 20 Minuten los, Mark. Komm in die Gänge!“, hörte
er Daves dumpfe Stimme.
„Verdammt! Row, los aufstehen! Wir haben verpennt!“
Mark sprang aus dem Bett und rannte ins Bad.
„Nicht schon wieder. Louis macht mich rund wie einen Buslenker“, fluchte er
im Bad vor sich hin und bemerkte nicht wie Rowen sich köstlich über
ihn amüsierte.
„Hier wird niemand rund gemacht. Morgen“, grinste er und ging zu ihm.
„Hey“, raunte Mark und sah ihn an.
Dann hielt die beiden nichts mehr und sie verschmolzen in einem Kuss voll Leidenschaft
und Verlangen.
30 Minuten später hechteten sie aus dem Fahrstuhl und prallten fast mit
Dave zusammen, der sich gerade noch mal auf den Weg zu Mark machen wollte.
„Äh, ja“, sagte er erstaunt, als er Rowen sah.
„Hi Dave!“ grinste er ihn an und lief dann Richtung Hotelausgang.
Mark sah ihm nach und vernahm ein leises kichern von Dave.
„Habt ihr es also endlich gebacken bekommen, ja?“
„Wie meinst du das?“
„Ach komm schon Mark. Das haben doch schon die Spatzen von den Dächern
gepfiffen, dass dich mehr mit Row verbindet als eine normale Männerfreundschaft“,
zwinkerte Dave.
„So? Was haben die Spatzen denn noch so gepfiffen?“ Dave wusste genau worauf
Mark anspielte und nickte kurz.
„Du kennst die ganzen Artikel Mark, da brauch ich dir also nichts weiter zu
sagen. Und was ich so mitbekommen habe, scheinen die meisten deiner weiblichen
Anhänger nicht wirklich ein Problem damit zu haben, dass du eventuell vom
anderen Ufer bist.“
Mark riss die Augen auf. Wie er diese Betitelung doch hasste.
„Ich bin nicht vom anderen Ufer. Ich bin schwul!“ zischte er ihn an und stapfte
davon.
„Hey, wo ist dein Koffer? Ich such den nicht noch einmal!“
„Kannst ja Brian beauftragen, wenn er von der Koala-Jagd zurück ist“, grummelte
Mark als er sich auf dem Absatz umdrehte, seinen Koffer schnappte und dann zum
Hotelausgang lief.
Dave sah ihm amüsiert nach und bekam große Augen als er sah was da
draußen vor sich ging.
Er nahm die Beine in die Hand und „warf“ sich beschützend zwischen seine
Jungs und die Mädels.
*
Trotz der kalten Jahreszeit stand ihm der Schweiß auf der Stirn, als er
sich hinter das Steuer des Vans schmiss. Es wurde aber auch immer verrückter
mit den weiblichen Westlife - Anhängerinnen.
Nicht das Mark mit guter Laune zugeschüttet wurde, als er heute Morgen
aufstand, aber was jetzt hier im Van abging, war nicht mehr mit anzusehen.
Er startete den Motor und fuhr in Richtung Flughafen.
„Und, was habt ihr gestern noch so getrieben?“ fragte Kian und stupste Mark
leicht mit dem Ellenbogen an.
„Was sollen wir getrieben haben?
Wir haben geredet und einen Film geschaut. Ist das verboten?“
Rowen sah aus dem Fenster.
Marks gleichgültige Art und Weise an diesem Morgen setzte ihm zu.
Warum war er hinter verschlossenen Türen so vollkommen anders? War es richtig
gewesen zu ihm zu fliegen? In Selbstzweifeln versunken ließ er die Straßen
Londons an sich vorbeiziehen.
„Welche Laus ist dir denn bitte über die Leber gelaufen?“, fragte Nicky
mit hochgezogener Augenbraue.
Mark musste an Brian denken. Er hatte ihm versprechen müssen den anderen
nichts von seinen Ausstiegsgedanken mitzuteilen.
„Können wir noch schnell irgendwo einen Kaffee trinken bitte, Dave“, meldete
sich eine Stimme aus dem Hinterhalt und Shane rückte sein Basecap zurecht.
„Bei Mona?“ fragte Dave in den Rückspiegel schauend. Als er Shane mit dem
Kopf nicken sah bog er auf Sloane Street ab um dann anschließend auf die
King’s Road zu fahren.
„Schau mal, da vorn ist noch ein Parkplatz …“, sagte Kian.
„Gewesen“, schnaubte Dave, als vor ihm der Mercedes mit zwei weiblichen Insassen
in die Lücke fuhr.
„Steigt schon mal aus. Ich such nen Parkplatz und stoße dann zu euch.
Wir haben noch“, er sah auf seine Uhr, „3 Stunden Zeit, bevor der Flieger geht.“
Die Tür des Vans wurde aufgeschoben und die 5 Herrschaften traten auf die
Straße raus.
„Ich hätte gern einen Latte Karamell“, rief Dave Kian zu und fuhr davon.
Shane betrat als erster das Café und Nicky, Rowen und Mark folgten ihm. Kian hielt den zwei Damen, die ihnen die Parklücke weggeschnappt hatten, lächelnd die Tür auf und folgte dann ebenfalls seinen Freunden in das Café.
Als alle mit ihren Getränken einen freien Tisch belagert hatten, betrat
nun auch Dave das gemütliche Café und suchte mit geübtem Blick
nach den Jungs.
Dabei sah er sie.
„Das ist doch die Tante vom Flughafen“, murmelte er und entdeckte dann auch
die Jungs, zwei Tische weiter.
Er schlängelte sich durch die eng beieinander stehenden Tische und erntete
so manches grummeln.
Wie war das mit der entspannten Stimmung von der Mona immer wieder schwärmte?
Und was bitte machte die Tante vom Flughafen mit Josephine Parker hier?
Dave roch schon wieder Ärger.
Rowen rührte in Gedanken versunken in seinem Cappuccino rum, als sich Dave
neben ihn setzte.
Hätte er Mark doch nicht seine Gefühle offenbaren sollen? Wäre
dann noch alles wie vorher? Würde Mark dann mit besserer Laune neben ihm
sitzen? Aber Mark hatte ihm doch gesagt, dass er ihn liebte.
Wieso verhielt er sich dann jetzt wie das letzte Arschloch ihm gegenüber?
Nicky, Shane und Kian waren in ein Gespräch vertieft und Mark hing ebenfalls
seinen Gedanken nach.
Was wäre, wenn er gestern nichts mit Rowen angefangen hätte? Würde
er ihn dann jetzt mit anderen Augen betrachten? Ihn immer noch als seinen besten
Freund sehen oder doch nur als Lover?
Zum Glück hatten sie nicht miteinander geschlafen, auch wenn nicht mehr
viel dazu gefehlt hatte. Scharf waren sei Beide aufeinander gewesen.
„Aber deinen Koffer hast du jetzt wieder, oder?“ fragte Jo breit grinsend und
führte die Tasse zum Mund.
„Ja“, antworte Sally und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee, „aber frag nicht.
Ich hab dabei jemanden kennen gelernt Jo, und ich bin mir ehrlich gesagt nicht
sicher, ob ich das Richtige getan habe, nicht mit ihm zu schlafen.“
Sie seufzte auf.
„Gleich am ersten Abend? Sal, ich bin entsetzt.
Was ist denn mit dir passiert? Seit wann bist du jemand, der so schnell zur
Sache kommt?“
„Auch ich hab mich geändert, Jo. Ich bin selbstbewusster geworden. Na ja
jedenfalls in manchen Situationen und hab es satt, mich ständig an irgendwelche
Regeln zu halten. Ich war scharf auf ihn. Oh ja, und wie scharf ich auf ihn
war.
Ich hab gestöhnt, nur weil er etwas gesagt hat, Jo. Das sagt doch schon
alles, oder?
Gott war mir das peinlich.“
Sally wollte am liebsten jetzt noch vor lauter Scham im Erdboden versinken.
„Hast du dir wenigstens seine Telefonnummer geben lassen, Sal?“
„Würde ich dann wie ein begossener Pudel hier sitzen, wenn ich seine Nummer
hätte?“ fragte sie seufzend und leerte ihre Kaffeetasse.
„Aber einen Namen wirst du doch sicherlich haben, oder? Dann lässt sich
die Nummer leicht rauskriegen“, beruhigte sie ihre Freundin und sprach ihr somit
etwas Mut zu. Jedenfalls hoffte sie das.
„Er heißt Brian. Brian McFadden, wenn ich mich recht erinnere“, nuschelte
sie, die Lippen am Tassenrand klebend.
Josephine schloss für einen kurzen Moment die Augen und verfluchte diesen
Bastard.
„Und was hat er so von sich erzählt?“
„Wieso? Kennst du ihn etwa?“ platzte es aus ihr raus, und sie sah Jo mit großen
fragenden Augen an.
„Nein … ja, also … ach Sal“, stotterte sie rum und legte ihrer Freundin tröstend
eine Hand auf ihren Arm.
„Du willst mir jetzt aber nicht sagen, dass ich mir umsonst ‚ne Platte gemacht
habe, wann und ob ich ihn wiedersehe, oder? Was weißt du über ihn,
Josephine?“
„Ich weiß, das er dir nicht die Wahrheit gesagt hat. Na ja, eigentlich
hat er anscheinend kaum was über sich erzählt, wenn ich dich so reden
höre.“
„Verdammt noch mal Jo, komm zum Punkt!“ Sie hatte ihre Stimme etwas erhoben
und ein paar neugierige Blicke auf sich gezogen.
Sofort senkte sie ihren Kopf und machte sich im Stuhl zwei Nummern kleiner.
„Ich denke das erzähl ich dir lieber woanders, Sal“, murmelte sie, stand
auf und lief Richtung Ausgang.
„Jo … warte doch auf mich“, grummelte sie, brachte die Tassen weg und stieß
frontal in eine breite Männerbrust.
„Ver … SIE? Meinen sie nicht, sie haben mich in den letzten Tagen genug hin
und her geschubst?“ zischte sie den Rüpel vom Flughafen an und sauste an
5 erstaunten Gesichtern vorbei.
„Wir müssen los“, grummelte Dave und sah ihr nach, wie sie zu Josephine
Parker ins Auto stieg.
Was hatten die beiden miteinander zu schaffen?
*
Als Mark sich neben Rowen in den Van setzte und nach seiner Hand greifen wollte,
zog er sie weg und drehte sich demonstrativ von ihm weg.
„Hast du was?“ fragte er leise um keine Aufmerksamkeit zu erregen.
Rowen schluckte die aufkommenden Tränen runter und zuckte mit den Schultern
„Was soll ich schon haben? Mir geht’s blendend.
Du benimmst dich nur wie das letzte Arschloch, seid wir das Hotelzimmer verlassen
haben, Marcus“, entgegnete er etwas lauter und sah Mark kurz an.
Er war sauer. Oh ja. Sobald der Name Marcus ins Spiel kam, war Rowen wütend.
Kian hob kurz seinen Kopf und wünschte sich, nicht genau neben den Beiden
Streithähnen sitzen zu müssen.
Und noch weniger wünschte er sich erfahren zu müssen, warum sie ihm
gestern abgesagt hatten.
„Geht’s noch lauter?“ Mark war diese Auseinandersetzung sichtlich unangenehm.
„Warum zur Hölle rufst du mich an und heulst mir die Ohren voll ich soll
zu dir kommen, wenn sich dann doch herausstellt, das du doch nur jemand brauchtest
den du …“, Rowen schluckte die letzten Worte runter und alle Blicke waren auf
die Beiden gerichtet.
Dave war an den Straßenrand gefahren, schob die Tür auf und bat Mark
und Rowen auszusteigen.
„Bevor ihr das jetzt nicht klärt fahre ich nicht weiter.
Und sollte das bedeuten, dass wir den Flug verpassen und Louis vor Wut schäumt,
dann ist mir das schnurz piep egal“, sagte er in ruhigem Ton an die beiden Männer
gewandt und stieg wieder in den Van.
Sie standen sich gegenüber und sahen sich an. Keiner sagte etwas.
„Ich werde zurück nach Sligo fliegen, Mark.
Ich hab nämlich keine Lust die nächsten Tage deinen Prellbock zu spielen.“
„Aber Row … das kannst du nicht machen. Ich brauch dich doch.“
„Was du brauchst ist ein kräftiger Tritt in deinen verwöhnten Arsch,
Marcus.
Ich war viel zu oft, viel zu gutmütig und bin gesprungen sobald du nur
mit den Fingern geschnippst hast.
Ich hab da keinen Bock mehr drauf. Da drinnen hocken noch drei Freunde von dir“,
er zeigte in den Van, „die mit Sicherheit nichts dagegen hätten, wenn du
dich auch mal mit ihnen über Brian unterhalten würdest.
Sie haben wohl eher das Recht von seinen Plänen zu erfahren als ich.“
Der Hieb hatte gesessen.
„Aber …“, Mark suchte nach Worten.
„Du brauchst dich vorerst nicht mehr bei mir zu melden, Mark.
Ich bin auch nur ein Mensch und ich habe auch Gefühle, die du aber scheinbar
nur all zu gern mit Füßen trittst.
Werde dir erst mal wirklich klar darüber, was du wirklich willst. Ich scheine
es jedenfalls nicht zu sein.“
Rowen klang verletzt und gedemütigt und Mark fühlte sich öffentlich
geohrfeigt.
Langsam drehte er sich um und ging zum Van und ließ Mark stehen.
„Row, bitte“, flüsterte er und lief ihm nach. Er packte ihn sanft am Arm
und hielt ihn fest. Tränen traten in seine Augen.
„Lass mich bitte alles erklären, in Ruhe.
Bitte komm mit nach Newcastle, bitte Row. Ich brauch dich jetzt mehr denn je.“
Rowen schnaubte auf und stieß einen kurzen Lacher aus.
Dann schüttelte er mit dem Kopf und sah Mark an.
„Es tut mir leid Mark, ich kann das nicht.
Du hast mir …“, er holte tief Luft, „nicht einmal im Van konntest du zu deinen
Gefühlen stehen.
Bin ich dir peinlich? Dann sag es bitte.“
„Nein, nein um Gottes Willen“, überschlug er sich fast und trat näher
an ihn heran.
Nicky klebte an der Scheibe.
„Man jetzt küss ihn schon endlich, du Schnarchnase“, schimpfte er über
Mark.
Dave musste sich ein Lachen verkneifen, ebenso wie Kian.
„Das muss ja nun nicht wirklich in der Öffentlichkeit sein, oder?“ stellte
Shane mit einem pikierten Blick fest.
„Aber wenn du Gilly mal wieder auf offener Straße abschlabberst geht das
in Ordnung, oder wie darf ich das jetzt verstehen?“ Nicky drehte sich kurz zu
ihm, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder der Szene auf der Straße
zu.
„Das ist doch etwas völlig anderes“, verteidigte er sich sofort und ließ
sich tiefer in den Sitz gleiten.
Nicky stöhnte genervt auf und rollte mit den Augen.
„Is klar Shane. Bei dir ist immer alles völlig anders”, murmelte er.
„Ich frage dich das jetzt nur einmal Mark. Und ich möchte, dass du mir
eine offene und ehrlich Antwort gibst.“
Mark nickte und schluckte schwer. Was würde jetzt kommen?
„Hast du das gestern nur alles abgezogen, weil du eine enge Hose hattest und
flach gelegt werden wolltest?
Oder waren da wirklich echte Gefühle mit im Spiel?“ Rowen schluckte und
sah ihm in die Augen.
Mark wich seinem Blick aus und räusperte sich.
„Danke“, sagte Rowen mit zittriger Stimme, drehte sich um und ging zum Van.
Er nahm neben Dave Platz.
Kurz darauf wurde die Vantür aufgeschoben und Mark nahm neben Kian Platz.
Seufzend startete Dave den Motor und setzte seine Fahrt Richtung Heathrow fort.
*
Als sie ihren blauen Koffer in Josephines Wagen verstaut hatte, setzte sie sich
auf den Beifahrersitz und sah sie kurz an.
„Wann erzählst du mir endlich, was du über Brian weißt.
Du machst mich ganz wahnsinnig mit deiner Schweigerei. Du tust ja gerade so
als ob er ein Schwerverbr…“
„Er ist verheiratet und hat zwei Kinder“, platzte es plötzlich und ohne
groß darüber nachzudenken aus ihr heraus, und sie sah kurz zu Sally.
Es wurde augenblicklich still im Auto.
Wie ein Hund, den man gerade geprügelt hatte, kam sie sich vor. Sie spürte
wie ihr Tränen in die Augen traten.
„Es tut mir leid, Sal.“
„Ja, mir auch“, flüsterte sie und wischte sich, wütend über sich
selbst, die Tränen vom Gesicht.
Wieso heulte sie wegen ihm? Er ist ein gemeiner Lügner!
„Seine Frau…“
„Ich will davon nichts hören Jo, bitte. Lass uns einfach zum Flughafen
fahren.“
Nickend startete sie den Wagen und schlug den Weg zum Flughafen Heathrow ein.
„Ist es okay für dich, wenn wir vorher noch zu dem Shooting fliegen?
Aber ich dachte so bekommst du gleich einen kleinen Einblick darauf, was dich
alles erwartet.“
„Ja. Ja natürlich“, sagte sie und starrte aus dem Fenster.
„Ablenkung ist bei so was immer gut“, hörte sie Jo murmeln und sie musste
in diesem Moment an ihre Mutter denken.
„Ach Sal, das vergeht schon wieder. Der Kerl weiß einfach nicht, was
er an dir hat.
Sieh dich doch mal an. Du bist wunderschön, hast deine Rundungen genau
an den richtigen Stellen und wenn dein Temperament mal wieder mit dir durch
geht, dann könntest du mit dem Funkeln in deinen Augen ganz Irland beleuchten.
Der Richtige kommt schon noch. Und das genau dann, wenn du am wenigsten damit
rechnest.
Glaub deiner alten Mutter mal was.“
Sally wischte sich die Tränen weg.
Das Gespräch hatte ihre Mutter 4 Tage vor ihrem Tod mit ihr geführt.
*
Den Flug nach Sligo gebucht stand Rowen nun bei Kian und wusste nicht ob er
lachen oder weinen sollte.
„Ich wünschte, wir wären gestern weggegangen“, flüsterte er kaum
hörbar und Kian zog es das Herz zusammen.
War doch er der Erste gewesen dem Rowen damals, völlig betrunken und heulend,
mitteilte, dass er bis über beide Ohren in Mark verliebt ist.
„Willst du nicht doch mit nach Newcastle kommen? Dann…“
„Nein Kian, ich kann und will jetzt nicht in seiner Nähe sein. Das halt
ich nicht aus.
Ich will einfach nur allein sein“, schniefte er und fischte ein Taschentuch
aus seiner Hosentasche.
Geräuschevoll putzte er sich die Nase und wandte sich dann wieder an Kian.
„Wie lange seid ihr jetzt weg?“
„Die nächsten zwei Wochen werden stressig, aber das kennst du ja“, er legte
Rowen eine Hand auf die Schulter und ehe er sich versah hing Rowen wie ein Schluck
Wasser an ihm und heulte herzerweichend.
Sofort zog Kian ihn in seine Arme und ging ein paar Schritte mit ihm.
Weg vom Trubel und weg von den Jungs.
„Ich weiß nicht was bei euch gestern und heute vorgefallen ist, und ich
hab in gewissem Sinne auch kein Recht dazu es zu erfahren, denn euer Liebesleben,
so fern es denn dann eins gibt, geht mich nichts weiter an.
Aber …“, er holte Luft, „ich bin für dich da, wenn du jemanden zum reden
brauchst.
Ruf mich einfach an, egal wie spät es ist.“
Beruhigend strich er über seinen Rücken und wäre Mark am liebsten
an den Hals gegangen um ihn kräftig durch zu rütteln.
Obwohl er sich nicht mal sicher war, ob ihn das zur Vernunft gebracht hätte.
Dem Jungen gehörte kräftig der nackte Hintern versohlt.
„Wann geht euer Flug?“ fragte er leise und drückte sich, peinlich berührt,
aus Kians Umarmung.
„Ähm, ich glaub in 20 Minuten. Wieso?“
„Ich wollte nur wissen wie lange ich noch stark sein muss, um das hier zu überstehen,
bevor ich mich endlich heulend zurück ziehen kann.“
„Ach scheiße Row. Jetzt zerfließ hier nicht in Selbstmitleid.
Ja, ich weiß. Das hört sich leicht gesagt an, aber DU musst dir mit
Sicherheit nichts vorwerfen. Oder?“ Kian sah ihn fragend an und strich ihm eine
Träne weg.
Er kam sich in diesem Moment wie sein eigener Vater vor der ihn getröstet
hatte, als er mit aufgeschürftem Knie und Rotznase vom ersten Versuch Fahrrad
zu fahren ins Haus gerannt kam. Er musste kurz schmunzeln.
„Hast du schon mal jemanden so sehr geliebt, dass du Angst hattest ihm deine
Liebe zu gestehen aus Angst davor, dass du das kaputt machst, was davor war?
Hast du schon so sehr für jemanden empfunden, dass du alles stehen und
liegen gelassen hast nur um zu ihm zu können, weil er dich brauchte?“
Kian schnürte es die Kehle zu.
Er würde mit Mark reden. Heute noch! Ob er das wollte oder nicht.
Dave ging langsam auf die Beiden zu.
„Ich stör ungern“, er strich Rowen kurz über den Kopf und klopfte
ihm aufmunternd auf die Schulter, „aber du solltest dich langsam mal in den
Flieger bewegen, Ki.“
Kian nickte kurz und wandte sich wieder an Rowen.
„Ruf an, wenn du reden willst, okay“, sprach er leise, umarmte ihn noch einmal
und ging dann zum Flugsteig.
„Halt die Ohren steif, Row“, verabschiedete sich Dave bei ihm und ging Kian
nach.
Er beugte sich nach unten, griff seine kleine Reisetasche und lief in Richtung
Flughafencafeteria.
Was er jetzt brauchte war eine Extradröhnung heiße Schokolade mit
Sahne.
Oh ja, er würde sich jetzt einem Zuckerschock aussetzen und keiner konnte
ihn daran hindern.
Keiner!
*
Kian vermied es tunlichst im Flieger neben Mark zu sitzen.
Er wusste nicht, ob er ihm nicht gleich hier und jetzt eine reinhauen sollte
oder doch lieber bis Newcastle warten sollte.
So etwas feiges hatte er noch nicht erlebt.
Okay, das Mark schüchtern war, dass war allgemein bekannt. Aber das er
selbst vor seinen Freunden nicht den Arsch in der Hose hatte zu seinen Gefühlen
zu stehen, war unbegreiflich für ihn.
Mark wusste doch, dass sie zu ihm standen.
Ob nun schwul oder nicht schwul.
Wo bitte lag sein Problem?
Mit geballten Fäusten ließ er sich in seinen Sitz fallen, schnallte
sich an und vermied jeglichen Blickkontakt mit ihm.
Die dunkle Sonnenbrille auf der Nase, unter den dicke Tränen hervor kullerten,
schaute Mark aus dem kleinen runden Fenster.
London lag unter ihnen und erste weiße Schäfchenwolken wurden vom
Flugzeug durchbrochen.
„Ich bin so ein verdammtes Arschloch“, beschimpfte er sich leise und orderte
bei der Stewardess die eben vorbei kam einen doppelten Whiskey ohne Eis.
Kaum hatte sie ihm das Glas hingestellt setzte er es, an und kippte sich den
Inhalt in die Kehle.
Tränen brannten in seinen Augen und er wünschte sich nichts sehnlicher
in diesem Moment als das Flugzeug wenden zu können, und zu ihm nach Sligo
zu fliegen.
Mit ihm zu reden.
Ihm zu sagen das er immer nur ihn geliebt hat.
Nur ihn und keinen anderen.
Das Tom ein bisexueller Scheißkerl war der ihn mit schmutzigen Fotos in
der Hand hatte und sie ohne Skrupel an die Presse reichen würde, wenn er
nur einmal „Piep“ sagen würde, und er wollte ihn da nicht mit reinziehen.
Und das sein Vorwurf wegen Brian alles andere als gerecht war.
Mark bestellte sich noch einen Whiskey und Dave schaute besorgt zu ihm herüber.
„Meinst du nicht, der eine hat gereicht? Ihr habt gleich ein Photoshoot, Mark.“
Als auch der zweite Whiskey seinen Weg durch Marks Speiseröhre gefunden
hatte stöhnte er auf und rannte auf die Bordtoilette.
Er ließ sich den Whiskey und Kaffee von heute Morgen noch einmal durch
den Kopf gehen und spritzte sich anschließend mehrere Ladungen kaltes
Wasser ins Gesicht.
„Ich will zu meiner Mama“, schluchzte er wie ein kleines Kind und klammerte
sich krampfhaft am Waschbecken fest.
„Ich liebe dich Rowen. Ich liebe dich. Lass mich nicht allein, ich übersteh
das alles nicht ohne dich. Es tut mir leid.“
Das Anschnallsignal erklang und Dave schaute zur Toilettentür die in dem
Moment aufging.
Mark ließ sich in den Sitz sinken, schnallte sich wie in Trance an und
betete im stillen, dass er bald aus diesem Alptraum aufwachen würde.
*
Newcastle 3 Stunden später
Josephine baute gerade ihre Fotoausrüstung und sämtliches Zubehör
auf, als sie Stimmengewirr vernahm.
Sally konnte das nicht sein.
Erstens war sie Filme besorgen und zweitens waren das eindeutig Männerstimmen
die sie da vernahm.
„Dave?“
Er drehte sich um und sah das Häufchen Elend hinter sich mit prüfendem
Blick an.
„Ja, Mark?“
Mark seufzte auf, nahm seine Sonnenbrille ab und sah Dave an.
Diesem fuhr ein kurzer Schrecken durch sämtliche Glieder, als er Marks
verquollenen und rot unterlaufenden Augen sah.
„Komm“, er drückte ihn zu den Toiletten, schob ihn hinein und sperrte die
Tür hinter sich ab.
„Und jetzt will ich alles hören, Mark. Was ist wirklich los?“
Selbst Mark musste zu ihm aufschauen, und er war einer der Größten
bei Westlife mit seinen 180 cm.
„Kannst du bitte Louis anrufen, Dave? Jetzt.
Ich …“, er schluckte und sah zu Boden, dann wieder in sein Gesicht, „muss mit
euch reden. Mit euch allen.
Brian muss sofort aus Australien zurückkommen, es ist mir egal wie.“ Seine
Stimme wies weder Höhen noch Tiefen auf.
Sie klang in Daves Ohren fremd, und das gefiel ihm ganz und gar nicht.
Was ging hier nur vor sich?
„Ihr habt heute Abend den Auftritt, wie …“
„Ruf ihn bitte an Dave, ansonsten tu ich das. Was wohl das Beste wäre.
Ich werde da heute nicht eher auftreten, bevor das nicht endlich geklärt
ist.
Ich kann nicht mehr, Dave“, schluchzte Mark auf und rieb sich die Augen.
„Scheiße“, murmelte Dave, zückte sein Handy und wählte Louis
Nummer.
Mark hielt sich krampfhaft am Waschbecken fest.
Die Übelkeit kam zurück, ebenso die Hitzewellen und Schweißausbrüche.
„Ich … Luft …“, jappste Mark und zerrte panisch am Bund seines Shirts. Er torkelte
zum Fenster und versuchte es in seiner Panik zu öffnen.
Mark hatte das Gefühl er würde von einem tonnenschweren Laster gegen
die Wand gepresst werden.
Ihm schnürte es die Kehle zu.
Die Panik wurde stärker und schien nun auch langsam von Dave Besitz zu
ergreifen, den sonst nichts so schnell aus der Bahn zu werfen schien.
Mark riss seine Augen auf und rannte wild umher. Zerrte am Kragen seines Shirts
und rüttelte am Fenster.
„Mark! Bleib ruhig!“ Dave rannte zu ihm, öffnete alle Fenster und strich
beruhigend über seinen Rücken.
„Luft …“, krächzte Mark und zeigte immer wieder auf seinen Hals und holte
hörbar immer wieder Luft ohne wirklich auszuatmen.
Scheiße, er würde kollabieren, wenn er nicht sofort ärztliche
Hilfe bekam.
„Josie!“, quiekte Nicky auf und drückte sie kurz, „seit wann knipselst
du selbst und stehst nicht mehr fluchend im Hintergrund?“ grinste er und leckte
sich kurz über seine Lippe.
„Musst du schon wieder Frauen belästigen?“ fragte Kian breit grinsend und
umarmte Josephine ebenfalls kurz zur Begrüßung.
„Dave wird nicht erfreut sein, dich zu sehen“, sagte er leise und sah sich um.
„Mr. Last ist mir im Moment eigentlich ziemlich schnuppe“, sagte sie mit gestrafften
Schultern und dachte lieber nicht an den Horrornachmittag im Studio.
Dave zitterte, riss die Tür auf und ließ einen Brüller los.
„JUNGS! HILFE!“
Dann rannte er zu Mark, der mittlerweile am Boden kauerte und langsam blaue
Lippen bekam.
„Atme verdammt noch mal! Hol Luft, Mark!“ rief er und kniete sich hinter ihn.
„Ein und aus, ein und aus. Komm mach’s mir nach, Mark. Ein und aus, ein und
aus, ein und aus …“
Kian, Shane und Nicky kamen in die Toilette gestürzt und starrten geschockt
auf die sich ihnen bietende Szene.
Kian war der erste, der sich fing und lief zu den Beiden.
„Leg ihn hin Dave. Flach auf den Boden“, gab er ruhig Anweisungen und Dave befolgte
sie.
Kian kniete sich hin, winkelte ein Bein an, legte dort Marks Füße
ab und sprach ruhig mit ihm.
„Hey Goldkehlchen. Hast du wieder zu tief beim rauchen inhaliert? Jetzt hol
mal richtig Luft und mach deine Lungen frei.“
Während Kian mit ihm sprach strich Dave leicht über seinen Brustkorb
und bemerkte das Mark ruhiger wurde und sich seine Atmung langsam stabilisierte.
Die Tür zum Studio wurde geöffnet und Sally stolperte über die
erhöhte Stufe in das Gebäude.
„Wozu hat dir der liebe Gott eigentlich zwei Augen ge …“, sie blieb stehen und
sah sich die beiden Männer, die wie versteinert an der Klotür standen,
an.
Zögerlich ging sie zu ihnen und versuchte sich einen kurzen Überblick
darüber zu machen, was hier los war.
„Ach du lieber Himmel“, sie schob die beiden Männer energisch zur Seite
und lief zu den drei Männern am Boden zu.
„Was ist passiert?“
Sie schaute erst zu Kian dann zu Dave und zuckte innerlich zusammen.
Das war doch der Rüpel vom Flughafen.
Dann sah sie zu dem am Boden liegenden Mark und schluckte.
Der Playboy, getarnt als Schlafmütze, aus dem Flugzeug lag vor ihren Füßen
und schien einen kleines Atemproblem zu haben.
Sie fragte nochmals was passiert ist.
„Er hat keine Luft mehr bekommen“, sagte Kian leise und sah sie an.
„Ist er Asthmatiker? Oder hat er sonst irgendwelche Probleme mit der Atmung?“
„Er ist Raucher, mehr nicht“, brummelte Dave sie an und sah dann zu Mark hinab.
Ihm stand der Schweiß auf der Stirn, seine Augen waren noch immer leicht
aufgerissen und so weit es Dave sehen konnte, waren seine Pupillen erweitert.
Sein Shirt klebte an seinem Oberkörper und auf seiner Oberlippe hatten
sich ebenfalls kleine Schweißperlen gesammelt.
Sally biss sich auf die Zunge um ihm nicht eine passende Antwort entgegen zu
schleudern.
Was bildete sich dieser Fatzke eigentlich ein?
Automatisch griff Sally nach Marks Handgelenk und fühlte seinen Puls.
„Relativ gleichmäßig“, murmelte sie und fühlte dann mit ihrem
Handrücken seine Stirn.
„Fieber hat er auch nicht, okay.“
„Sind sie Ärztin?“ Kian sah ihr bei ihren Handgriffen zu und flehte innerlich,
dass sie seinem Freund helfen konnte.
„Nein, aber ich hab mal so einen Erste Hilfe Kurs besucht“, murmelte sie und
wandte sich an Mark.
„Hallo? Können sie mich hören?“
„Er ist Raucher und nicht taub“, kam es prompt von Dave und Sally atmete tief
ein und aus.
Noch so ein Spruch vom Rüpel und sie würde ihre gute Kinderstube vergessen.
„Hat jemand Traubenzucker oder so was ähnliches dabei?“
„Ich hab nur einen zuckerfreien Kaugummi“, kam es dünn aus dem Hinterhalt
und Sally drehte sich um.
Nicky grinste sie schüchtern an und hielt einen Streifen Orbit in seiner
Hand und streckte ihr den Arm entgegen.
Ein Krächzen war zu hören und Mark rappelte sich auf.
„Willkommen zurück“, grinste Kian erleichtert und wischte sich verstohlen
eine Träne aus dem Augenwinkel.
Mark versuchte Kian anzulächeln aber es wollte ihm nicht wirklich gelingen.
„Dave“, raunte er und hielt sich den Kopf.
„Ich bin hier.“
„Hast du Louis erreicht?“
Kian sah verwirrt auf. Warum wollte Mark das Louis mit Dave sprach?
„Mark … ich …“
„Gib mir das Handy.“
„Mark.“
„Gib mir das verfluchte Handy, Dave!“
Sally wich zurück und stand auf. Was hier jetzt folgen würde war mit
Sicherheit nicht für ihre Ohren bestimmt.
Sie wandte sich zum gehen und lief schnellen Schrittes aus der Toilette.
Auf dem Flur stieß sie fast mit Josephine zusammen, die eiligen Schrittes
um die Ecke gebogen kam.
„Wo sind die?!“
„Wer?“ fragte Sally verwirrt.
„Die Jungs“, sagte Josephine und sah angespannt auf ihre Uhr.
„Ich weiß ja nicht welche Jungs du meinst, aber auf der Toilette treiben
sich 5 rum.
Ich geh die Filme einlegen, Jo.“
Josephine nickte und machte sich auf den Weg zur Toilette.
*
Sligo zur selben Zeit
Marie kam gerade vom einkaufen, als Rowen mit gesenktem Blick und Zigarette
rauchend an ihr vorbeilief, und sie gar nicht wahrzunehmen schien.
Sie blieb stehen und sah ihm nach.
Hatte Oliver ihr nicht gesagt, dass Mark in Newcastle sei und Rowen bei ihm
ist? Litt sie denn schon an Halluzinationen?
Ach was, es wird schon einen Grund geben, warum er wieder zurück war.
Marie winkte gedanklich ab, drehte sich um und schleppte den Einkauf die paar
Meter zum Haus hoch.
Ohne groß auf die Geschehnisse der Umwelt einzugehen, betrat Rowen den
Supermarkt und ging geradewegs auf das Regal mit den Spirituosen zu.
„Was mach ich hier eigentlich“, murmelte er und griff automatisch zum Tullamore
und lief zur Kasse. Auf dem Weg dahin schnappte er sich noch zwei Viererpacks
Guinness und legte alles auf das Kassenband.
Er hatte kaum einen Fuß in sein trautes Heim gesetzt und seine Tasche
fallen lassen, da war er auch schon losgezogen um seinen Kummer auf seine Art
und Weise hegen und pflegen zu können.
Und nun stand er hier an der Supermarktkasse, hatte Hochprozentiges eingepackt
und wusste nicht, ob das wirklich die Lösung seiner Probleme ist.
„Kippen“, murmelte er noch, kramte 4 Schachteln Marlboro aus dem Zigarettenständer
und packte diese noch mit auf’s Band.
„Steigt bei euch schon wieder eine Party?“ fragte Damon grinsend, als er Rowens
Einkauf über den Scanner zog.
„Ich dachte die Jungs sind auf Promo?“
„Sind sie“, nickte er ihm zu und schluckte seinen Kummer runter und zahlte.
Er schnappte sich die Sachen und wollte gehen, als ihn eine unsichtbare Macht
plötzlich zu leiten schien.
„Was machst du heute noch Damon? Hast du nicht Bock heute bei mir vorbei zu
schauen?“
Rowen wusste, dass Damon schon seit einer Weile was von ihm wollte, und er hatte
ja nicht wirklich was zu verlieren.
Mark hatte ihm auch ohne große Worte klar und deutlich gesagt was Sache
war.
Damon fiel fast die Kinnlade auf’s Kassenband und er nickte schnell auf.
„Sei gegen 7 da, okay.“
Und mit diesen Worten schnappte er sich noch eine Packung Kondome, zahlte sie
und verließ den Supermarkt.
*
Newcastle
Mit einem Brummschädel und wackligen Beinen stand Mark am Fenster und
presste sich Daves Handy fest ans Ohr, so als ob es ihm den nötigen Halt
geben würde, den er jetzt brauchen würde.
Josephine kam in die Toilette gehuscht und mied jeglichen Blickkontakt mit Dave.
„Jungs? Was steht ihr hier noch rum? Ab Marsch! Zeit ist Geld und das schieb
ich euch ungern für’s Nichtstun in eure irischen Knackärsche.“
Kian sah sie an und schüttelte den Kopf.
„Gibst du uns bitte noch 20 Minuten, Josie? Wir sind dann gleich bei dir“, sagte
Nicky und lächelte sie freundlich an.
„Okay. Aber nur weil ihr es seid und ich euch echt gern hab, da ihr mit die
einzigen vernünftigen Popstars seid, die ich kenne.“
Sie wandte sich an Kian.
„Weißt du was mit Jodi ist? Sie ist gestern nicht zu ihrem Shoot erschienen.“
Er schüttelte mit dem Kopf und sah den Vorschlaghammer direkt auf sich
zu kommen. BANG!
Josephine zuckte mit den Schultern und verließ die hygienischen Räumlichkeiten
wieder.
„Entschuldigt mich kurz“, murmelte Kian und rannte raus.
Shane und Nicky sahen ihm überrascht nach.
„Louis? Ja, Mark. Hör zu … nein … doch eigentlich schon …“
Mark hielt sich das Telefon etwas vom Ohr weg um Louis kleine Kreischanlage
keine Hörschäden bei sich anrichten zu lassen.
„Kannst du nach Newcastle kommen?“
„Mark, was geht denn da schon wieder bei euch? Liegt Shane ein Pups quer? Klemmt
Nickys Oberlippe an seiner Zahnspange oder ist Kian das Haargel ausgegangen?“
Louis klang genervt und Mark seufzte auf.
Wie hatte er auch nur annehmen können, dass sie auch nur einmal im Leben
Ernst genommen werden würden.
„Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt unbeliebt bei dir mache, aber
…“, er rieb sich die pochende Schläfe und wischte sich den Schweiß
von der Stirn, „halt einfach mal deine Klappe. Hier geht es um Brian und mich
… und um …“, er rutschte die Wand nach unten und setzte sich auf den Boden.
„Und was, Mark? Ich hab jetzt keinen Nerv für deine Spielchen. Und wenn
ich mich recht erinnere habt ihr Fotos zu machen.“
„Du kannst so ein Arschloch sein Louis! Es geht hier nicht um irgendwelche beschissenen
Aufnahmen für ein dämliches Teeniemagazin!
Es geht um … „, Mark stöhnte auf.
Er spürte schon wieder eine Panikattacke auf sich zu kommen.
Louis schluckte. Was war da los? Marks Stimme gefiel ihm gar nicht.
„Ist Dave in deiner Nähe, Mark?“
„Ja“, kam es dünn von Mark und er streckte Dave das Handy hin.
„Dave was ist da los bei euch?“
„Hallo erst mal“, grinste Dave und sah zu Mark.
„Louis ich bitte dich nur einmal. Und bitte überleg dir deine Antwort gut.
Du kommst jetzt sofort nach Newcastle, oder ich steck die Jungs in den nächsten
Flieger Richtung Irland und die Promo ist beendet.“
Dave zitterte. Hatte er sich wirklich gerade gegen seinen Boss gestellt?
Am anderen Ende der Leitung herrschte Funkstille.
„Louis? Bist du noch dran?“
Die Leitung wurde unterbrochen.
Mark starrte Dave mit großen Augen an und seine Atmung beschleunigte sich.
„Was hast du getan“, flüsterte er immer wieder und Schweiß trat ihm
erneut auf die Stirn.
Nicky drehte auf dem Absatz um und rannte ins Studio.
Sally war gerade dabei den letzten Film in den Apparat zu legen, als sich eine
Hand auf ihre Schulter legte.
„Ich brauch ihre Hilfe, bitte“, bat er sie mit einem flehenden Blick und zog
sie einfach an der Hand hinter sich her.
Als sie den Weg zu den Toiletten einschlugen schrillten Sallys innere Alarmglocken.
„Er muss hier raus“, sagte sie hastig und blieb stehen. Nicky sah sie an.
„Was meinen sie?“
Sally fuhr sich über ihre Stirn und schob sich eine Haarsträhne hinter
ihr Ohr.
„Das Shooting könnt ihr knicken, so wie er drauf ist“, sie rannte in die
Toilette und sah Mark an der Wand lehnen.
„Hören sie, sie müssen ruhig ein und ausatmen“, sagte sie zu ihm,
während sie sich vor ihn kniete und ihm den Schweiß von der Stirn
wischte.
„Ich brauch eine Cola und was zu essen, schnell“, rief sie über die Schulter.
Nicky rannte los und besorgte am Automaten eine Cola und zwei Schokoriegel und
flitzte zurück.
Kian kam gerade wieder und sah Nicky in die Toilette stürzen und rannte
hinterher.
„Ich hab nur Schokoriegel“, keuchte Nicky, „aber besser als ein Zuckerfreier
Kaugummi, oder?“
Sally nickte und öffnete die Cola.
„Hier, trinken sie das“, sagte sie und hielt Mark die Dose an den Mund.
Er begann vorsichtig zu trinken.
„Jetzt langt’s mir“, zischte Kian und sah Dave an.
„Wieso ist er noch hier? Warum liegt er nicht im Hotelbett? Verdammt Dave!“
Er beobachtete Sally und kniete sich neben sie.
„Geben sie her, ich mach das schon. Sie haben bestimmt wichtigeres zu tun“,
sagte er zu ihr.
„Lassen sie gut sein.
Sehen sie lieber zu, das sie ihn hier rausbringen. Ich finde es unverantwortlich
von ihnen allen, dass sie ihn in diesem Zustand zu diesem Shooting lassen“,
teilte Sally ihm mit und warf ihm einen nicht gerade netten Blick zu.
Dann wandte sie sich wieder an Mark.
„Können sie die Dose bitte mal halten?“
Mark sah sie an und senkte seinen Blick langsam zur Dose und hob seinen Arm.
„Sie sehen doch, das er schwach ist“, machte Dave sie an und riss ihr die Dose
aus der Hand.
„Okay, das war’s! Ich bin weg!
Geben sie ihm die Schokoriegel zum essen und sehen sie zu das sie ihn ins Bett
kriegen. Heute noch!“
Sally drehte sich auf dem Absatz um und lief zügigen Schrittes davon.
Shane sah ihr nach.
„Ist das nicht die Tante aus dem Café von heute früh, Dave?“ sah
Shane ihn fragend an.
Dave winkte ab und packte einen Schokoriegel aus, kniete sich neben Mark hin
und bat ihn abzubeißen.
Kian sah Dave skeptisch an.
„Hatte sie nicht irgendwas von einem Flughafen gesagt? Und das du sie schon
genug rumgeschubst hättest?“
„Was soll das jetzt eigentlich werden? Seht zu das der Van am Studio steht,
flott.“ Er warf Nicky die Autoschlüssel entgegen und kümmerte sich
weiter um Mark.
„Was war eigentlich der Grund, das Fee schon wieder zusammengeklappt ist? Es
ging ihm doch besser, oder?“ Kian sah Dave noch immer an.
„Ich hab mit Louis telefoniert und hab wohl ein wenig überreagiert.“
„Ein wenig ist gut“, schnaubte Shane auf und schüttelte den Kopf.
„Würdet ihr mal bitte so freundlich sein und mich aufklären?“
Kian sah von Dave zu Shane und zurück.
„Ich hab ihm gesagt das er entweder nach …“
Daves Handy klingelte.
„Ja?“
„Pünktlich um 16:50 am Flughafen. Keine Minute später. Ist das klar,
Dave?“
„Klar Mr. Walsh.“
“Und lass das vornehme Getue“, sagte Louis und legte auf.
„Was wollte er?“ fragte Shane.
Dave sah Mark an und strich ihm über die Wange.
„Er kommt her.“
Nicky kam zurück und teilte mit, dass der Van direkt vorm Eingang steht,
allerdings auch mitten auf der Straße.
„Na dann“, keuchte Dave und hob Mark hoch, „lasst uns fahren.“
Sie verließen das Studio und als alle im Van saßen fuhr Dave ins
Hotel.
*
Sligo
Nervös lief Rowen im Haus auf und ab.
Sollte er ihn wirklich reinlassen, wenn er klingelt?
Was wenn er einen Fehler macht?
Oh Gott!
Was wenn Damon mit ihm schlafen will?
Nervös zündete er sich eine Zigarette an und hoffte das Nervenflattern
so ein wenig verringern zu können.
Er tat einen tiefen Zug und rannte nervös in der Küche auf und ab.
„Ich kann das nicht. Ich …“, er schluckte und fuhr sich mit der freien Hand
durchs Haar, „kann das nicht.“
Rowen zuckte zusammen als es an der Tür klingelte. Er nahm noch einen letzten
tiefen Zug und drückte die Zigarette dann im Aschenbecher aus.
Dann ging er zur Tür und öffnete.
„Marie? Was …“, er sah sie überrascht an und hätte sie am liebsten
zu Boden geknuddelt.
„Kann ich … Rowen ich muss mit dir reden. Es ist wichtig.“
Marie sah ihn an und er wich etwas erschrocken zurück. Rowen kannte diesen
Blick.
„Komm … komm rein“, stotterte er und trat einen Schritt bei Seite, damit Marie
ins Haus konnte.
Sie ging unaufgefordert ins Wohnzimmer und sah, dass Rowen wohl noch Besuch
erwartete.
Marie setzte sich auf das blaue Sofa und zupfte nervös an der Wolldecke
herum, die sie ihm letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatten.
Rowen wollte ihr gerade ins Wohnzimmer folgen, als es wieder an der Tür
klingelte.
Er öffnete und sah direkt in das Gesicht von Damon.
„Hi“, stotterte er nervös und strahlte Rowen an.
„Damon, hallo“, er trat einen Schritt aus dem Haus und sah ihn an.
„Können wir das vielleicht auf ein anderes Mal verschieben? Ich hab eine
gute Freundin bei mir und sie braucht dringend eine Schulter zum anlehnen.
Bitte sei mir nicht böse Damon.“
Damon sah Rowen an und nickte leicht.
„Kein Problem. Du weißt ja wo du mich findest“, sagte er und ging dann
mit hängenden Schultern vom Grundstück.
Rowen atmete erleichtert auf und ging zurück ins Haus.
Ob das was jetzt folgen würde aber angenehmer sein würde? Er wusste
es nicht.
Als er ins Wohnzimmer trat saß Marie schluchzend auf seinem blauen Sofa,
was er sich damals in einer Nacht und Nebel Aktion gekauft hatte.
Er hatte Mark, ohne groß zu fragen, einfach aus dem Haus gezerrt und ihn
ins Auto verfrachtet.
Mark fluchte und schimpfte wie ein Rohrspatz und Rowen hatte noch Tage danach
das Weite zu suchen, wenn er in Marks Nähe auftauchte, denn Mark war an
dem Tag von der ersten World-Tour zurückgekommen und alles andere als dazu
bereit Rowen bei seiner Lieblingsbeschäftigung – shoppen – zu begleiten.
„Was ist passiert, Marie?“
Er setzte sich neben sie auf das Sofa und griff nach ihrer Hand.
„Kian hat mich angerufen, Schätzchen“, schniefte sie auf und sah ihm in
die Augen.
Rowen schluckte. Mark! Irgendetwas musste passiert sein.
„Kannst du mich bitte nach Newcastle begleiten? Ich muss zu Mark, er ist … es
geht ihm nicht gut Rowen.
Er ist bei so einem blöden Shooting zusammengebrochen.
Was ist nur zwischen euch vorgefallen das er so fertig ist? Kian hat da ein
paar Andeutungen gemacht“, sagte sie leise und sah ihn an.
Rowen schluckte und musste wieder an die Situation in London denken.
„Hast du ihm gesagt was du für ihn empfindest, Schatz?“ fragte sie und
strich ihm über die unrasierte Wange.
Er nickte zögerlich und warf sich schluchzend in ihre Arme.
„Er hat einfach nur da gestanden Marie.
Ein paar Stunden zuvor lagen wir wild knutschend in seinem Bett und am nächsten
Morgen, kaum das wir das Zimmer verlassen hatten, war er eiskalt.
Marie, das war nicht der Mark den ich, den du kennst und den wir lieben“, sagte
er unter Tränen und klammerte sich an ihr fest.
Marie war schon immer für ihn da gewesen. Jedenfalls seit er sie kannte,
und er kannte sie praktisch schon sein ganzes Leben.
Wenn er Kummer hatte war es grundsätzlich Marie zu der er ging, um sein
Herz bei ihr aus zu schütten.
Belfast
Kaum hatte Louis das Hotelzimmer von Mark in Newcastle betreten gehabt ließ
er Dave antanzen und ihn 6 Flüge nach Belfast buchen.
Mark konnte unmöglich in diesem Zustand weiter an der Promo teilnehmen.
Keine Stunde später saßen alle im Flieger nach Belfast.
Jetzt saßen sie erschöpft in einem schwarzen Van und Dave chauffierte
sie alle auf sicherem Wege in Richtung Sligo.
Sligo
Rowen war gerade damit beschäftigt ein paar Sachen für Newcastle
einzupacken, als es an der Tür klingelte.
Er schaute auf die Uhr; 20:45.
„Also wenn Mark sonst viel von dir hat Marie, aber deine Pünktlichkeit
hast du ihm leider nicht mit in die Wiege gelegt“, schmunzelte er, während
er die Treppe nach unten stolperte und zur Haustür ging.
„Man du bist aber … KIAN!“ Rowen riss erschrocken die Augen auf.
Was zum Henker war denn hier los?!
„Was machst du hier? Warum bist du nicht in Newcastle? Kian was geht hier vor?
Erst Marie, jetzt du“, stammelte er und wich zurück.
Kian trat in den Hausflur, griff nach Rowens Jacke und sah ihn an.
„Er braucht dich wirklich Row, mehr denn je“, sagte er leise und trat wieder
auf die Treppe vorm Haus.
Rowen schlüpfte aus seinen Hauslatschen und zog sich seine Nikes an.
Dann ging er nach draußen, zog die Tür hinter sich zu und lief mit
Kian im Laufschritt zu den Feehilys.
Marie stand in der Küche und war dabei den Jungs eine warme Mahlzeit zu
kochen.
Mark brauchte unbedingt feste Nahrung nach den heutigen Anstrengungen und auch
den anderen Männern tat eine deftige Mahlzeit mit Sicherheit gut.
Shane und Kian wollten erst ablehnen und bei ihren Eltern essen gehen, aber
Marie bestand darauf sie zu beköstigen nachdem sie sich so aufopfernd um
Mark gekümmert hatten.
Dave konnte nie so schnell ausweichen wie ihm Marie immer wieder um den Hals
fiel und ihm einen fetten Knutscher auf die Wange drückte.
„Du bist mein Held Dave, weißt du das? Du hast mein Baby durch die Gegend
geschleppt. Ein Wunder das du noch keinen Gips trägst“, kicherte Marie
und räusperte sich anschließend entschuldigend.
„Ihr wisst wie ich das meine. Mark ist nun mal kein Fliegengewicht“, stammelte
sie und wurde leicht rot.
Mark lag in seinem alten Zimmer im Bett, die Beine dicht an seinen Körper
gezogen und schluchzte leise vor sich hin.
Louis saß am Bett und fuhr sich immer wieder mit einer Hand über
seine Stirn.
„Kannst du dich noch an die Nacht nach dieser Award -Verleihung in Deutschland
erinnern?“ begann Mark leise zu erzählen und Louis hörte ihm still
zu.
„Es war, glaube ich, in Köln gewesen. Brian und ich sind um die Häuser
gezogen, haben unseren ersten deutschen Award gefeiert und sind dann irgendwie
in dieser Szenekneipe gelandet.“
Mark wischte sich mit dem Ärmel seines Pullovers über seine Nase und
schaute sich nach einer Packung Taschentücher um.
Beim letzten Besuch lagen hier doch irgendwo welche rum. Aber wo?
Louis sah auf und fischte eine Packung Tempos aus seiner Gesäßtasche.
„Hier, nimm die“, sagte er ruhig und reichte ihm die Packung.
Mark nahm sie dankend an und putzte sich kurz darauf geräuschvoll die Nase,
als ein leises Klopfen an der Tür zu hören war.
Dann wurde sie geöffnet und Kian steckte seinen Kopf rein. Louis sah auf
und seufzte innerlich laut auf, als er Rowen hinter Kian stehen sah.
Mark drehte den Kopf zur Tür um zu sehen, wer gekommen war und heulte los
als er Rowen sah.
Louis strich Mark kurz über den Rücken.
„Lass uns morgen in Ruhe darüber reden, Mark. Du brauchst jetzt etwas Ruhe.“
Er stand auf und ging zur Tür.
Kian lief nach unten in Richtung Küche und Louis folgte ihm.
Rowen ging langsam ins Zimmer und schluckte.
Er hatte Mark schon oft in Tränen aufgelöst erlebt, aber das Bild
was sich ihm hier bot war einfach nur grauenvoll.
Ohne zu zögern legte er sich neben Mark und zog ihn in seine Arme.
Was war nur passiert, dass sein Bärchen so litt?
*
Langsam und gefühlvoll strich er ihm mit der flachen Hand über seinen
Rücken und merkte das er immer ruhiger wurde.
Die letzte Stunde war ein Akt der Verzweiflung für Beide gewesen.
Mark war nur am weinen und kaum zu beruhigen und Rowen konnte nichts für
ihn tun, außer neben ihm zu liegen und ihm Trost zu spenden.
Immer wieder versuchte Mark ihm etwas zu sagen, aber alles was er zustande brachte
war ein wirres Gestammel aus dem Rowen nicht schlau wurde.
Mark sprach von Bildern die gemacht wurden, dann dass er einen völligen
Absturz mit Brian hatte und dann fielen zwei Namen.
„Ich hab Angst Row. Ich hab solche Angst“, wimmerte er und drückte sich
in die Kissen.
Rowen zog Mark fester in seine Arme und holte tief Luft.
Es war doch gerade so ruhig gewesen.
„Bitte Mark, du musst dich beruhigen. Versuch zu schlafen.“
„Kannst du …“, er stockte in seinen Worten und drehte sich in Rowens Umarmung
und nun sahen sich die beiden Freunde das erste Mal an diesem Tag in die Augen.
Vorsichtig strich Rowen Mark mit seiner Hand über seine linke Wange und
nickte leicht.
„Ich bin bei dir. Die ganze Nacht, wenn du das möchtest“, flüsterte
er und seine Stimme zitterte.
Oh wie sehr er ihn doch liebte.
Was hat man nur mit ihm gemacht?
„Row. In London, das…“, Mark schluchzte auf und sah ihm in die Augen, die so
viel Wärme und Geborgenheit ausstrahlten das es Mark schon fast blendete
hinein zu schauen.
„Ssshhh, bitte sag jetzt nichts“, raunte Rowen leise und schloss seine Augen
als seine Lippen vorsichtig von Marks kosteten.
Mark klammerte sich an Rowen als würde er jeden Moment ertrinken und in
diesem Augenblick wurde ihm eines klar…
Marie tat ordentlich Portionen auf die Teller und Oliver half ihr dabei sie
ins Esszimmer zu tragen, wo Louis, Kian, Nicky, Dave und Shane am großen
mahagonifarbenen Esstisch saßen und sich mehr oder weniger anschwiegen.
„Haut rein, Jungs. Wenn ihr noch wollt, es sind noch Kartoffeln und Soße
da.
Fleisch ist leider …“
„Marie …“, Louis lächelte sie an, „setz dich doch einfach zu uns und iss
mit uns zusammen.“
Oliver schmunzelte und sah in die Runde.
Es war schön mal alle wieder hier zu haben. Wann gab es das schon, wenn
nicht irgendwelche Geburtstage oder Hochzeiten anstanden?
Das es allerdings unter diesen Umständen sein würde, hat sich niemand
gewünscht.
„Sollten wir nicht Mark und Row was zu essen raufbringen?“ fragte Nicky vorsichtig
und schob sich ein Stück Kartoffel in den Mund.
Kian verschluckte sich fast an dem Stück Roulade und sah ihn dann an.
„Ich glaub die beiden haben besseres zu tun, als jetzt ans essen zu denken.“
„Oh Kian“, sagte Shane etwas pikiert und legte sein Besteck an den Tellerrand,
griff zur seiner Bierflasche und nahm einen kräftigen Zug.
Louis und Dave sahen sich kurz an und aßen still weiter.
Auch Nicky widmete sich wieder seinem Essen.
Oliver und Marie wechselten verstohlene Blicke und lächelten sich dann
an.
Wie oft ist Rowen in den letzten Jahren in diesem Haus ein und aus gegangen?
Sie konnten es schon längst nicht mehr zählen. Er gehörte schon
fast zur Familie und er tat Mark gut. Sehr gut sogar.
In unzähligen Gesprächen hatte Oliver sich mit Marie über die
Beiden unterhalten, seine Eindrücke und Gedanken mit ihr geteilt und es
wurde ihm schnell bewusst, dass die beiden Männer mehr als nur Freundschaft
verband.
Er grinste in sich hinein, als er auf dem Stück Roulade rumkaute und an
den Abend zurück dachte als Mark ihnen mitgeteilt hatte, dass er schwul
ist.
Oliver stieß einen Lacher aus und fing plötzlich aus heiterem Himmel
an zu lachen und konnte sich nicht mehr beruhigen.
Alle sahen ihn verwundert an und Oliver winkte ab und lachte herzhaft weiter
bevor er ihnen unter größter Anstrengung von dem besagten Abend und
seinen Mobilitätsproblemen erzählte.
Kurz darauf erhellte herzhaftes Gelächter das Haus und brachte etwas von
der Wärme zurück, die heute kurz verschwunden war.
Mit zittrigen Händen schob Mark seine Hand in Rowens Nacken und zog ihn
näher an sich heran, als sich seine vollen Lippen auf die von Rowen legten
und zärtlich an ihnen saugten und knabberten.
Ein leises seufzen bestätigte ihm, dass er nichts falsch machte und ehe
Mark reagieren konnte spürte er Rowens sanftes Zungenspiel und stöhnte
leise in seinen Mund.
„Ich brauch dich Bärchen“, flüsterte Rowen und strich über Marks
Rücken und schob vorsichtig seine Hand unter das Shirt und Mark schloss
für einen Moment die Augen als er seine zärtlichen Berührungen
spürte.
Lange sahen sie sich nur in die Augen und strichen sich gegenseitig über
die Wange.
„London war“, begann Mark plötzlich leise zu erzählen und Rowen legte
ihm einen Finger auf den Mund.
„Louis hat gesagt du sollst dich ausruhen“, lächelte er sanftmütig
und strich mit seinem Daumen über seine Unterlippe und seufzte auf.
„Weißt du eigentlich, wie sehr ich die liebe“, flüsterte er und leckte
kurz darüber, dann knabberte er sanft an Marks Unterlippe und küsste
ihn verlangend.
„Nennst du das ausruhen“, krächzte Mark und räusperte sich dann.
„Ich weiß ja nicht wie dir das dabei geht, aber küssen und der ganze
schnick schnack sind gut für die Seele.“
Mark musste schmunzeln und Rowen konnte seine Augen gar nicht von seinen Grübchen
nehmen.
„Schnick schnack?“
Rowen lachte kurz auf und nickte mit dem Kopf.
„Ja, schnick schnack.“
„Und wie sieht schnick schnack bei dir aus?“
Rowens Hand glitt von Marks Rücken vor auf seine Brust und strich darüber
und suchte sich von allein ihren Weg nach unten.
Mark hielt die Luft an als er Rowens Hand spürte und biss sich auf seine
Unterlippe.
„Ich liebe schnick schnack“, raunte er und küsste ihn leidenschaftlich.
Zärtlich strich Rowen über Marks Schritt und küsste ihn voller
Hingabe und Leidenschaft die er aufzubringen vermochte.
Mark stöhnte leise auf und presste sich Rowens Hand entgegen und massierte
sanft seinen Hintern.
„Mark ich …“, jappste er nach Luft und sah ihn an und holte Luft. Sein Herz
raste und schlug wild gegen seinen Brustkorb.
„Keine Angst, ich bin ein zärtliches schnuck“, grinste er und da wussten
Beide was nun folgen würde.
„Mark ich hab noch kein schnuck gehabt.
Nur ein bissl schnick hier und ein wenig schnack da“, sah er ihn an und wurde
leicht verlegen.
Mark küsste ihn auf die Stirn und zog ihn in seine Arme.
„Ich möchte das du“, Rowen kuschelte seinen Kopf in Marks Halsbeuge und
presste seinen Mund an sein Ohr, „mein erster schnuck bist, Mark. Und ich möchte,
dass du für immer mein …“ Seine letzten Worte wurden von einem Kuss aufgesaugt
und Rowen ließ sich fallen.
Wie lange hatte er auf diesen Augenblick gewartet, sich danach gesehnt und verzehrt.
Nächtelang wach gelegen, wenn er Mark in Berlin wusste und sich in den
Schlaf geweint.
Wie oft hat er sich selbst befriedigt und dabei an Mark gedacht bevor er eigene
Erfahrungen sammelte, aber es nie bis zum äußersten kommen ließ,
da er sich immer erhofft hatte Mark würde sein erster Mann sein.
Sein Mann für immer und ewig.
Sanft umkreiste Marks Zunge Rowens und er strich ihm gefühlvoll über
seinen Rücken.
Mark sah ihn an und drückte ihn sanft in die Kissen.
Rowen konnte sehen wie sich seine Augen verdunkelten und es begann gefährlich
bei ihm zu kribbeln und ehe er sich versah begann seine Hand ein Eigenleben
zu führen und strich Mark immer wieder mit leichtem Druck über seinen
Schritt.
„Hey … langsam .. sonst hab ich gleich schnuck gemacht“, raunte Mark stöhnend
und nahm Rowens Hand aus seinem Schritt und legte sich auf ihn.
„Du bist ganz schön schwer geworden, Bärchen“, grinste er und Mark
zog eine Augenbraue nach oben.
„Das hat dich sonst auch nicht gestört“, flüsterte er und küsste
sich an Rowens Hals abwärts und schob eine Hand unter sein Shirt und ließ
seine Fingerspitzen über seinen Bauch und seine Brust gleiten.
„Oh Mark“, stöhnte er leise auf als er seine Zunge und Lippen an seinen
Brustwarzen spürte und legte den Kopf in den Nacken.
Sein Shirt landete auf dem Boden und Marks Shirt gesellte sich keine Sekunde
später dazu.
Sie erkundeten die Körper des Partners mit zärtlichen Streicheleinheiten
und heißen Küssen.
„Wieso haben wir so lange gewartet, Row?“
Mark beugte sich zu Rowens Bauch und umkreiste seinen Bauchnabel mit seiner
Zungenspitze und ließ sie darin versinken.
„Weil wir …“, er stöhnte leise auf und griff in Marks Haare, „feige waren
uns gegenseitig einzugestehen, dass wir …“, er hielt die Luft an als Marks Zunge
sich seinen Flaum in Richtung Shorts entlang schlängelte und biss sich
auf seine Unterlippe.
Mark sah kurz auf und schmunzelte.
Er genoss es ihn um sich zu haben und ihm endlich das geben zu können,
was er schon immer geben wollte.
Sein Herz und all seine Liebe gehörten von nun an Rowen und er hoffte,
dass sie die schwierige Zeit, die noch kommen sollte, überstehen würden.
„PADDY“, stöhnte Rowen auf als Mark die Wölbung in seiner Shorts küsste
und darüber strich.
Langsam zog Mark ihm die Shorts aus und hauchte ihm einen Kuss auf seine Erregung
und beugte sich dann über Rowen.
„Ich werde nichts tun, was du nicht möchtest“, er küsste ihn und sah
ihn wieder an.
„Und ich möchte dich bitten, dass du Stop sagst, wenn es dir unangenehm
wird“, Mark küsste ihn erneut und sah ihn an.
„Was soll ich tun, Bärchen?“ Rowen sah ihn mit großen Augen an und
schluckte.
„Dich einfach fallen lassen und deinen schnuck genießen“, raunte Mark,
lächelte und küsste ihn leidenschaftlich und Rowen befreite ihn von
seinen Shorts.
Während des Kusses legte sich Mark neben Rowen und drehte ihn unter sanftem
Druck auf die Seite und kuschelte sich eng an ihn.
Zärtlich liebkoste und knabberte er an seinem Nacken und seinem Ohrläppchen,
während seine Hand über Rowens Brust glitt und seine Brustwarzen malträtierte.
Lustvoll stöhnte er sein Verlangen leise in den Raum und presste sich an
Marks Becken und brachte ihn mit sanften kreisenden Bewegung in Wallung.
Seine Hand schob sich zwischen ihre beider Becken und umfassten Marks Erregung.
„Alles okay bei dir“, raunte Mark und stöhnte ihm leise ins Ohr als Rowen
ihn mit seinem Handspiel mehr und mehr in Wallung brachte.
„Oberste Schublade“, wimmerte er und lehnte sich mit Rowen nach vorn.
Als sich Mark das Kondom übergestreift hatte legte er sich dicht hinter
Rowen und küsste seine Schultern und biss sanft hinein.
Seine Hand verwöhnte Rowens Männlichkeit und ließ ihn immer
wieder aufstöhnend den Kopf in den Nacken legen.
Vorsichtig platzierte sich Mark, beugte sich über Rowen und küsste
ihn. Als er spürte wie Rowen sich entspannte schob er sich langsam in ihn.
Rowen löste sich von dem Kuss und biss ins Kopfkissen und stöhnte
laut hinein.
Sofort hielt Mark inne und fragte vorsichtig ob er aufhören solle.
„Nein … mach weiter, bitte“, flehte Rowen, drehte seinen Kopf in Marks Richtung
und sie versanken in einem Kuss während Mark langsam begann sich in ihm
zu bewegen.
Rowen ergoss sich stöhnend in Marks Hand als auch er seinen Orgasmus erlebte und in Rowens Schulter biss um nicht die halbe Nachbarschaft zu wecken.
Keuchend und nach Atem ringend sackten sie erschöpft zusammen und keiner
der Beiden konnte klar denken.
„Schnick schnack schnuck“, murmelte Rowen und schmunzelte als er spürte
wie Mark sich ein Lachen verkniff.
Mark lehnte seine Stirn gegen Rowens Schulter und bat ihn ruhig liegen zu bleiben.
Er entzog sich ihm und Rowen keuchte kurz auf.
Dann drehte er sich langsam auf die andere Seite und sah Mark an.
Auf Marks Stirn hatten sich kleine Schweißperlen gebildet und ein paar
Tropfen rannen seinen Schläfe zu seinem Hals hinunter.
Rowen beugte sich über Marks Gesicht und küsste die Tropfen weg und
versiegelte dann seine Lippen mit einem sanften Kuss.
„Ich liebe dich Bärchen. Du hast mir mein Herz gestohlen. Vom ersten Tag
an, als ich ständig an schnick und schnack gedacht habe und nur schnuck
mit dir erleben wollte.“
Mark traten Tränen in die Augen und er zog Rowen in seine Arme.
„Ich liebe dich auch, Nousey“, flüsterte er und küsste ihn auf’s Haar.
„Nousey?“
Rowen legte sein Kinn auf seine Brust und sah ihn an. Mark nickte.
„Marksnousey“, lächelte er und Rowens Augen strahlten.
Sie kuschelten sich noch einen Augenblick aneinander ehe sie sich aus dem Bett
rollten und ins Badezimmer huschten.
Oliver kam gerade aus der Küche als Rowen und Mark die Treppe hinunter
geschlendert kamen.
Er blieb stehen und schaute zu den beiden auf.
„Habt ihr noch Hunger?“
„Ähm … wieso noch“, fragte Mark und wich dem Blick seines Vaters aus.
„Na jetzt wo Colin und Barry nicht da sind ist noch etwas Essen übrig“,
zwinkerte Oliver und lief grinsend ins Wohnzimmer.
Rowen ging kichernd in die Küche zu Marie, umarmte sie spontan und sah
zu Mark der seinem Vater noch immer fragend nachschaute.
*
Am nächsten Morgen war Mark der Erste, der wach wurde.
Er dachte die halbe Nacht über das anstehende Gespräch mit Louis und
den Jungs nach. Aber vor allem dachte er über Rowen, und die Zukunft mit
ihm, nach.
Er war 17 Jahre als er seinen Eltern sagte, dass er schwul ist, ein halbes
Kind und dennoch wusste er was er wollte.
Mit 15 Jahren war er zusammen mit Rowen im Jugendcamp und da ist ihm zum ersten
Mal aufgefallen, dass er seinen besten Freund anders ansah. Gehänselt hatten
sie ihn.
Aufgezogen und vor allen anderen beschimpft und mit Ausdrücken belegt,
die er bis dato noch niemals gehört hatte.
Rowen war seit dem Tag immer für ihn da gewesen. Egal was passiert war,
Mark brauchte nur einmal anrufen und Rowen kam zu ihm.
Was wäre passiert, wenn er ihm schon damals seine Liebe gestanden hätte?
Hätte das vieles verändert?
Wären sie vielleicht gar nicht mehr miteinander befreundet?
Was wenn das alles nach hinten los geht?
„Guten Morgen, Bärchen“, kam ein nuscheln von rechts.
Mark drehte seinen Kopf und strahlte ihn an. Sein Herz raste, seine Hände
wurden feucht und in seinen Lenden zog es extrem gefährlich.
Nein, er hatte definitiv die richtige Entscheidung getroffen.
„Guten Morgen, Nousey“, flüsterte er zurück und drehte sich auf die
Seite.
Beide sahen sich einfach nur an, bevor sie in einem zärtlichen Kuss versanken.
Leise Schritte waren auf dem Flur zu hören und Marie schlich, den Morgenmantel
fest um ihren Körper geschnürt, die Treppe nach unten.
Die knarrende Stufe ließ sie mit einem großen Schritt aus, denn
sie wollte niemanden der Männer wecken.
„Morgen, Marie!“
Fast hätte sie vor Schreck einen spitzen Schrei ausgestoßen, konnte
sich aber noch rechtzeitig fangen und funkelte Dave nur kurz an. Dann drückte
sie ihn herzlich an sich.
„Guten Morgen, großer Mann“, kicherte sie und zog ihn mit in die Küche.
„Komm, ich koch dir einen Kaffee. Magst du ein Nutella-Brot haben?“ Sie sah
ihn fragend an und Dave konnte nicht anders.
Er ging zu ihr, nahm sie fest in seine Arme und begann – zu schluchzen.
Er, Dave Last, Security bei Westlife, Fels in der Brandung und Mädchen
für alles, lag hier schluchzend wie ein kleiner Junge in den Armen einer
bemerkenswerten Frau.
„Hey Schätzchen“, sie nahm sein Gesicht in beide Hände und sah Dave
an, „was ist denn los?
Komm, du setzt dich jetzt hier hin Dave und ich mach dir ein leckeres Powerfrühstück.
Und ich will keine Widerrede hören!
Du weißt gar nicht wie dankbar ich dir bin, wie dankbar ich euch allen
bin, dass ihr mein Baby heil aus Newcastle hierher gebracht habt.
Ich bin fast gestorben vor Sorge, als Kian mich angerufen hatte.“
„Josephine war da“, flüsterte Dave und Marie ließ fast die beiden
Tassen fallen.
„Parker? Josephine Parker, die Fotografin? DIE Josephine?“
Marie musste sich setzen, bevor sie vielleicht noch den Boden unter den Füßen
verlor und zusammensackte.
Dave griff sofort nach ihrer Hand und strich beruhigend darüber.
„Sie hat eine neue Assistentin. Jedenfalls nehme ich an, dass dieses komische
Frauenzimmer mit ihr zusammen arbeitet.
Große Klappe, weiches Herz, verdammt sexy und …“
„Oh Gott, Dave du bist ja verknallt“, kam plötzlich ein leises quietschen
aus der Küchentür und Nicky kam, nur in Shorts bekleidet angehoppelt
und schloss Dave in seine Arme.
„Bist du total bescheuert, Byrne? Ich glaub du bist beim schlafen ausm Bett
gefallen. Ich bin doch nicht verknallt in diese … diese …“, er fuchtelte mit
den Armen rum und seufzte dann kläglich auf.
Nicky wechselte einen kurzen Blick mit Marie und beide mussten grinsen.
Dennoch war Marie beunruhigt.
„Gibst du ihr immer noch die Schuld an dem Unfall, Dave?“ fragte Marie leise
und drückte seine Hand leicht.
„Er war mein bester Freund, Marie. VERDAMMT!“ Er schlug mit der flachen Hand
auf den Tisch.
Marie und Nicky zuckten erschrocken zusammen.
„Und ich weiß bis heute nicht wer die Frau war, die versucht hat ihm zu
helfen“, flüsterte er und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.
„Ich hätte ihn nicht fahren lassen dürfen. Nicht in seinem Zustand.
Dann würde er jetzt noch leben und ich müsste mir nicht ständig
von Josephine vorwerfen lassen müssen, was für ein Wichser ich doch
bin.“
„DAVE LAST!“ erhob Marie ihre Stimme und sah ihn mit einem strafenden Blick
an.
„Wenn du nicht so alt wärst, und ich dich nicht so lieb hätte, dann
würde ich dir jetzt am liebsten links und rechts eine scheuern, damit du
endlich zur Vernunft kommst.
Frank Parker war sehr wohl selbst in der Lage entscheiden zu können, ob
er fahren konnte.
Außerdem sind die Ursachen für den Unfall bis heute nicht geklärt,
Dave.
Hör auf dir immer wieder diese Vorwürfe zu machen, Junge.“
Dave sah sie an und seufzte auf.
„Das hört sich bei dir immer alles so einfach an, Marie. Wenn es das doch
nur wäre.“
Marie stand auf und ging zum Kühlschrank.
„Glaube mir Dave, du wirst irgendwann darüber hinweg kommen. Aber du musst
auch selbst etwas dafür tun“, sagte sie und holte Eier und Speck aus dem
Kühlschrank.
„Nicky magst du auch was essen?“
„Ich hätte erst mal nur gern einen Tee, Marie. Danke.“
Er setzte sich zu Dave, schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter und nickte
verständnisvoll.
Dave grinste und wuschelte Nicky durchs Haar.
„Morgen“, nuschelte Louis und steckte sein Handy weg.
„Dave kannst du in einer Stunde zum Flughafen fahren?“
Er sah auf und in Louis gezeichnetes Gesicht. Er hatte gehört, wie er sich
die halbe Nacht hin und her gewälzt hatte und sich seine Gedanken machte.
Louis kannte nichts, wenn es um seine Jungs ging, genauso wenig wie er selbst.
„Wer kommt denn?“ fragte Nicky und sah beide Männer abwechselnd an.
„Brian“, sagte Louis und trommelte mit den Fingern auf dem Tisch rum.
„Aber ich denke der ist in Australien bei Kerry?“
Marie horchte auf.
Louis seufzte auf und rieb sich die Schläfe.
Er musste an das Gespräch denken, das Mark mitten in der Nacht mit ihm
geführt hatte und hoffte, dass das alles nur ein böser Alptraum sei
aus dem er jeden Moment aufwachen würde.
„Nein, ich hab gestern Abend mit ihm telefoniert und versucht irgendetwas wegen
dieser Sache mit den Fotos raus zu bekommen die Mark erwähnt hatte, kurz
bevor Kian hier mit Rowen ankam.
Ich denke“, er rieb sich mit Daumen und Zeigefinger seine Augen und sah Nicky
an, „das wir uns jetzt auf einiges gefasst machen müssen.“
„Was für Fotos“, fragte Marie ängstlich und drehte sich zu Louis um.
Sie hatte den Unterton in seiner Stimme bemerkt, der nie gutes verhieß.
„Ich weiß es nicht, Marie. Wir müssen warten. Was anderes bleibt
uns nicht übrig.“
Er stand auf und ging in Richtung Gästebad, als ihm Mark die Treppe entgegen
kam.
„Brian ist in einer Stunde hier. Dave holt ihm Flughafen ab“, sagte er ruhig
und ging dann weiter.
Mark atmete erleichtert auf und schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass
er das was nun folgen würde nervlich überstehen würde.
Dann ging er in die Küche, drückte seiner Mum einen Kuss auf und setzte
sich an den Küchentisch.
*
Josephine und Sally saßen in Josephines Haus und schwiegen sich seit
10 Minuten an.
In den frühen Morgenstunden waren sie aus Newcastle gekommen und Josephine
hatte Sally eine kleine Szene gemacht, da sie ohne ihr Einverständnis den
Jungs von Westlife frei gegeben hatte und somit das Shooting platzen ließ.
„Jo es tut mir leid. Bitte entschuldige.
Aber dem jungen Mann ging es wirklich nicht gut, er wäre einfach nicht
rübergekommen auf den Bildern.“
„Darum geht es mir nicht, Sal. Du hast über meinen Kopf entschieden und
das wo du noch nicht mal meine Angestellte bist.“
Sally schluckte und sah sie an.
„Ah, daher weht also der Wind. Du musst das allein ausbaden.
Ja, das konntest du ja noch nie gut, Jo. Schiebst die Schuld immer zu gern von
dir, um dir ja nicht die Finger schmutzig machen zu müssen.
Du warst schon immer feige“, sagte sie ruhig und malte mit dem Finger kleine
Kreise auf die Tischplatte.
Ohne ein weiteres Wort zu sagen stand Josephine auf und verließ das Wohnzimmer,
um in die Küche zu gehen.
Sally seufzte auf.
„Ja, lauf nur weg. Auch das konntest du schon immer sehr gut“, murmelte sie
und musste just in diesem Moment an Brian denken.
*
Mit Kippe im Mundwinkel, Basecap auf dem Kopf und dunkler Sonnenbrille über
den müden Augen stand Brian, umringt von ein paar weiblichen Anhängern
am Dubliner Flughafen und erfüllte fleißig Autogrammwünsche
und machte Fotos.
Dave stieg aus dem BMW und lief zu ihm.
Brian schaute kurz auf und atmete erleichtert auf.
„Kommt Mädels, jetzt lasst Brian bitte in Ruhe. Er hatte einen anstrengenden
Flug und möchte jetzt einfach nur seine Ruhe. Bitte habt etwas Verständnis
für ihn.
Er ist sonst jeder Zeit bereit, aber jetzt ist Schluss“, Dave blickte die Mädels
der Reihe nach an, erntete hier und da Gemurmel, aber die Mädels zogen
sich zurück.
Brian ging zum Wagen und ließ sich erschöpft in den Beifahrersitz
fallen.
„Bitte lass das alles schnell vorbei sein“, stöhnte er auf und in dem Moment
bestieg Dave den Wagen und fuhr in Richtung Sligo.
*
Kian saß im Haus seiner Eltern und versuchte jetzt schon zum dritten
Mal Jodi zu erreichen, erwischte aber immer nur ihre Mailbox.
„Hey Jo, ich bin’s, Kian. Wo bist du?
Geht’s dir gut? Josephine hat mir gesagt das du nicht beim Shoot warst. Ich
mach mir Sorgen um dich. Bitte ruf mich an, wenn du das hier abgehört hast.
Ich liebe dich und bitte verzeih mir!“
Er seufzte auf und starrte einen Moment ins Leere.
Dann schnappte er sich seine Jacke und lief zur Haustür.
„Ich bin bei Fee, Mum“, rief er und verließ das Haus.
Unterwegs traf er auf Shane, der ebenfalls auf dem Weg zu Mark war.
„Morgen Fifi“, nuschelte er und hing seinen Gedanken nach.
„Morgen Ki. Schon eine Ahnung was da jetzt auf uns zu kommt?“
Shane sah Kian von der Seite an und wartete auf eine Antwort.
„Hallo, Erde an Egan!“, rief er etwas lauter und schnipste mit zwei Fingern.
„Was?“ Kian sah erschrocken auf.
„Ich will lieber nicht wissen welchen schmutzigen Gedanken du schon wieder nachgehangen
bist“, kicherte Shane und vergrub eine Hand in der Hosentasche.
Kian seufzte gequält lächelnd auf.
„Ich erreiche Jodi nicht, Shane.
Sie geht in ihrem Appartment nicht ans Telefon und das Handy kannste auch vergessen.“
Er kickte frustriert einen kleinen Stein mit dem Fuß weg.
„Ach Kiki“, er legte einen Arm um seine Schultern und seufzte auf, „mach dich
nicht fertig. Wer weiß was los ist. Vielleicht ist ihr ein Dreh oder was
anderes dazwischen gekommen.
Es ist doch nicht das erste Mal, dass du sie nicht erreichst. Das wird sich
schon alles klären, vertrau mir.“
Sie kamen bei Mark an und klingelten.
„Danke Shane“, er umarmte ihn kurz und klopfte ihm freundschaftlich auf den
Rücken.
Die Tür wurde geöffnet und Nicky grinste sie an.
„Ich will auch kuscheln“, quietschte er und warf sich seinen Freunden an den
Hals.
Lachend traten sie ins Haus und gingen ins Wohnzimmer.
Mark saß auf der Couch, Rowen neben ihm und beide unterhielten sich angeregt
mit Louis über das letzte Spiel von Arsenal London.
Marie hantierte noch immer in der Küche und hatte eine große Pizza
und zwei Aufläufe gekocht, damit die Meute nachher etwas zu essen hatte,
wenn sie im Meeting sind.
Sie musste schmunzeln.
Wann hat es schon mal ein Meeting aller 5 Lifer gegeben?
Marie wurde schlecht.
„Ich glaub, heute passiert was furchtbares“, murmelte sie und lief nach oben
zu Oliver.
„Nimm mich mal bitte in den Arm“, bat sie ihn mit Tränen in den Augen.
Oliver stand erschrocken auf und lief zu ihr.
„Mäuschen, was hast du denn? Ist was passiert?“
Er zog seine Frau in die Arme und strich beruhigend über ihren Rücken.
„Wann gab es jemals ein Westlife - Meeting in Sligo?“, fragte Marie ihn und
sah von seiner Brust zu ihm auf.
Oliver zuckte mit den Schultern und schluckte.
Etwas furchtbares stand ihnen hier ins Haus.
Bisher wurden alle Dinge in Dublin oder London geklärt.
„Meinst du Louis würde sonst nach Sligo kommen? Ich hab Angst.
Er hat heute früh von irgendwelchen Fotos gesprochen, Oliver. Was für
Fotos? Was sind das bitte für Fotos, wenn Brian aus Australien eingeflogen
wird, mein Baby zwei Panikattacken durchmacht und Louis alles stehen und liegen
lässt um hierher zu kommen?“
Marie zitterte und vergrub ihr Gesicht im Hemd von Oliver.
„Ich weiß es nicht“, sagte er leise und küsste sie auf’s Haar.
*
Tom saß vor seinem PC, Jodi auf seinem Schoß, und grinste breit
übers Gesicht.
Soeben hatte er den Auftrag seines Lebens angenommen.
Er würde eine Dokumentation über das Leben hinter der Bühne von
Boybands machen.
„Im Grunde genommen sind sie doch alle schwul.
Nicht wahr, Schatz?“
Jodi grinste und löschte ihre Mailbox.
*
Als Brian und Dave vorm Haus parkten kam Marie die Treppe nach unten.
Sie öffnete die Tür und versuchte ein Lächeln auf ihr Gesicht
zu zaubern, was ihr allerdings nicht wirklich gelingen wollte.
„Hey Marie“, grüßte Brian sie und nahm sie in den Arm.
„Schön dich zu sehen. Wie geht’s dir und Oliver?“
„Nichts neues, weißt du ja. Ich steh in der Küche und Oliver ist
arbeiten.
Barry und Colin sind auf Achse, damit sie nicht ständig von Fans angesprochen
werden. Du weißt ja, wie das ist Brian.
Jetzt kommt doch erst einmal rein“, lächelte sie die beiden Männer
an und trat einen Schritt zur Seite.
Brian und Dave gingen ins Haus und Marie schloss die Tür.
„Wohnzimmer“, sagte sie nur und ging in die Küche.
Irgendwie war es für sie zur Gewohnheit geworden immer in der Küche
zu sein, wenn sich irgend etwas im Wohnzimmer abspielte.
Sei es ein Fußballspiel oder irgendeine Misswahl die sich ihre drei Männer
reinzogen. Sie war nie wirklich daran interessiert und saß dann in der
Küche und las ein Buch oder sie traf sich mit Mae und Patricia auf einen
Kaffee oder Tee.
Und wenn sie ehrlich zu sich selber war, dann war sie heute das erste Mal so
richtig froh darüber, dass sie so eine gemütliche Küche hatte.
Sie seufzte auf und kochte sich einen Tee.
Tee war immer gut.
Brian und Dave betraten das Wohnzimmer und alle schauten auf.
Nach der üblichen Begrüßungszeremonie räusperte sich Louis.
„Okay, ich will gar nicht lange um den heißen Brei reden.“
Er sah zu Mark und Brian.
„Was ist in Köln passiert?“
Alle hielten gespannt den Atem an, auch Oliver der sich in den Sessel in der
Ecke verkrochen hatte.
Mark wechselte einen kurzen Blick mit Brian und schluckte.
Dann begann er leise zu erzählen.
„Es war nach einer Preisverleihung in Deutschland, als Brian und ich noch um
die Häuser gezogen sind.
Wir hatten ordentlich was getrunken und sind dann in diesem Club gelandet. Es
war ziemlich was los und wir Beide waren sehr locker drauf.
Brian machte ein paar Mädels an und ließ es ordentlich krachen.
Ich hielt mich eher im Hintergrund und beobachtete eine Gruppe von jungen Männern
und gesellte mich, ordentlich zugedröhnt, zu ihnen.“
Er strich sich mit der Hand über seine Stirn und stöhnte leise auf.
„Es war ziemlich schnell klar, dass wir die Nacht zusammen verbringen würden.
Brian meinte zwar, ich solle vorsichtig sein, aber ich …“, er griff nach Rowens
Hand und strich vorsichtig darüber.
„Mir war das egal. Ich hab sie mit auf mein Zimmer genommen und Brian hat uns
begleitet.
Unter den Männern war auch ein Fotograf … Tom.“
Oliver schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken.
Bitte lass es nicht das sein was ich denke, schoss es ihm durch den Kopf.
Mark wischte sich über seine Augen und sah zu Brian.
„Wir haben ein paar Tütchen geraucht“, erzählte Brian weiter und sah
auf seine Hände.
„Dann ging alles ziemlich schnell.
Wir hatten ziemlich wilden Sex und Tom hat fleißig Fotos gemacht.
Fotos von Mark wie er es mit den Kerlen trieb und von mir, wie ich mir dabei
einen runterholte.
Dann“, er schluckte und schloss die Augen, „haben Mark und ich … und Tom hat
alles mit seiner Kamera eingefangen.“
„Und seit dem werden wir von Tom erpresst, er würde die Fotos an die Presse
weiter reichen und uns damit fertig machen“, flüsterte Mark und senkte
seinen Blick.
Es herrschte eine gespenstische Stille.
Schweigend saßen sie alle im Wohnzimmer, den Blick starr auf den Boden
gerichtet und ließen das eben gehörte sacken.
„Wie konntest du? Wie konntet ihr so lange schweigen? Das muss die Hölle
für euch sein.“ Kian sah von Mark zu Brian und schüttelte seufzend
den Kopf.
Louis räusperte sich und stand auf.
„Okay, hört zu. Ich werde mir diesen Tom mal genauer ansehen und wenn
ich es schaffe aus dem Verkehr ziehen. Zumindest die Fotos und hunderte von
Abzügen, die er mit Sicherheit überall rumzuliegen hat. Bis dahin
verhaltet ihr euch alle ru …“
„Das war noch nicht alles“, meldete sich Brian kleinlaut zu Wort und sah mit
Tränen in den Augen auf.
Mark schluchzte auf und schüttelte den Kopf.
Die Hölle gab es wirklich.
Louis ließ sich kläglich stöhnend in den Sessel sinken und
sah Brian an.
„Und was kommt da jetzt noch?“ fragte er und lehnte sich mit dem Oberkörper
nach vorn.
„Ich … ich werde“, er schluckte und sah in die Runde, „Westlife verlassen. Noch
vor der Tour“, sagte er leise.
Kian, Nicky und Shane starrten ihn an, als ob sie einen Geist gesehen hätten.
„Bist du …“, Shane fuhr sich geschockt durch die Haare, „bist du dir sicher?
Brian das … das … oh man.“
„Das kannst du doch nicht machen. Brian das … du kannst doch jetzt wegen so
einem Wichser nicht aufgeben.
Mark wirft doch auch nicht das Handtuch“, sagte Kian und krallte sich an der
Sessellehne fest. Er hatte das Gefühl jeden Moment den Boden unter den
Füßen zu verlieren.
„Entschuldige, aber Mark hat keine Familie. Keine Frau und keine Kinder …“
„Das ist so eine schäbige Ausrede“, schnaubte Kian und stand auf.
„Du ziehst den Schwanz wegen so einem notgeilen Schmierlappen ein. Du bist genau
da wo er dich haben will, Brian!
Mensch wach auf! Wir stehen doch alle hinter euch. Du kannst doch jetzt nicht
einfach das Handtuch werfen!“
„Kian, das hat doch damit nichts zu tun. Ich denk da nicht erst seit gestern
drüber nach.“
Brian musste an Sally denken.
Wieso musste er ausgerechnet jetzt an Sally denken?
„Na dann haben wir ja Glück, das du uns noch rechtzeitig in dein Vorhaben
einweihst, oder?
Jedenfalls hast du damit nicht so lange hinterm Zaun gehalten wie mit den Fotos.
Ich bin hellauf begeistert!“ fuhr er ihn an und schüttelte den Kopf.
„Ich hätte dich nie für so feige gehalten, Brian Nicholas McFadden“,
sagte er leise, dann verließ er das Wohnzimmer und rannte zur Haustür
raus.
Shane sprang auf und rannte Kian hinterher.
Mark weinte leise vor sich hin und Nicky starrte Brian noch immer fassungslos
an.
Rowen zog Mark in seine Arme, küsste seine Stirn und strich ihm beruhigend
über den Rücken.
„Brian, ich glaube du solltest da noch mal eine Nacht drüber schlafen und
…“
„Die Entscheidung steht, Louis. Da gibt es kein Zurück mehr. Ich werde
die Band verlassen.
Bitte zwingt mich nicht dazu etwas zu tun, was ich seit einem Jahr aufgehört
habe zu lieben.“
Nicky und Mark sahen geschockt auf.
„Okay“, flüsterte Louis und ging zu ihm.
Er stellte sich vor ihn hin und sah auf ihn herab.
„Ich möchte dir nicht im Weg stehen Brian.
Aber bitte denk daran, egal was du in Zukunft tun wirst, dass es hier ein paar
Menschen gibt die dir immer helfen werden, egal was ist.
Ich schließe mich in diesen Kreis einfach mal mit ein“, versuchte er zu
scherzen, „und gebe dir mein Wort, dass egal was passieren wird, ich immer für
dich da sein werde.
Du bist mein großer Junge der nie wirklich gelernt hat erwachsen zu werden.
Aber genau das liebe ich so an dir. Pass auf dich auf Brian.“
Brian sah auf und blickte in das heulende Gesicht von Louis Walsh.
„Ich hab dich auch lieb, Louis!“
Nicky stand auf und ging an die Bar. Er sah Oliver an und räusperte sich.
„Auch einen Drink, Mister?“
Oliver nickte mit dem Kopf und wischte sich über die Augen. Dann stand
er auf und stellte sich zu Nicky, der zwei Gläser mit Whiskey füllte.
„Ich wollte schon immer mal einen dreifachen trinken“, murmelte er Oliver zu,
prostete ihm zu und schüttete sich den Alkohol in den Mund und schluckte.
„Argh … verdammig noch eins“, stöhnte er auf und schüttelte den Kopf.
Dann holte er vier weitere Gläser aus dem Schrank, füllte sie mit
Whiskey und reichte sie an Brian, Louis, Mark und Rowen weiter.
„Auf deine Zukunft Brian“, murmelte er und schüttete sich den nächsten
Whiskey die Kehle hinunter.
„Wir sehen aus wie das Rat Pack“, kicherte er und sah Louis an.
Dann fing er an zu heulen und sank auf dem Boden zusammen.
„Du kannst mich doch nicht mit den drei Sligorianern allein lassen, Macs“,
heulte er auf und sah Brian an.
„Was mach ich denn jetzt, wenn sie meine Witze nicht verstehen?
Ich kann dich schlecht jedes Mal anrufen und dich bitten, ihnen den bildlich
zu veranschaulichen“, jappste er und sah in sein leeres Glas.
Brian musste schmunzeln und hockte sich vor Nicky hin.
„Ich hoffe doch, dass du das tust“, flüsterte er und zog ihn in seine Arme.
„Ich liebe dich, Brian. Und ich wünsche“, krächzte er und stand auf,
„das du glücklich wirst. Deinen Weg gehst und endlich wieder mit vollem
Herzen dabei bist, bei was immer du auch tun wirst.
Ihr entschuldigt mich?“ Nicky sah in die Runde und ging in Richtung Küche.
„Ich glaube wir sollten …“
„Ja, genau. Wir sollten langsam aufbrechen“, sprach Louis leise und zog Mark
zu sich hoch.
„Wir schaffen das. Ich kümmer mich gleich morgen um alles, hörst du?
Diesem Tom schieb ich einen Riegel vor.
Mensch Junge, wieso habt ihr so lange gewartet?“
Ich hoffe, es ist noch nicht alles zu spät, fügte er in Gedanken hinzu.
Mark umarmte Louis dankbar und küsste ihn auf die Wange.
„Danke“, flüsterte er.
„Ich melde mich bei euch“, er sah von Mark zu Brian, „sobald ich etwas erreicht
habe. Macht euch keine Gedanken. Das bekommen wir schon hin. Wir haben schon
ganz andere Dinge geschafft.“
Mit diesen Worten verabschiedete sich Louis von Oliver und Rowen und verließ
das Haus.
Nicky stand in der Küchentür und sah schmunzelnd auf Marie, die völlig
in sich versunken am Tisch saß und in einem Buch las.
Er räusperte sich.
„Nicky, was ist? Gott, wie siehst du denn aus?“ Sie ging zu ihm und rümpfte
die Nase, als ihr der Alkoholfahne entgegen wehte.
„So schlimm?“
„Kann ich ein Nutellabrot haben, Marie? Bitte.“
Marie seufzte auf und zog Nicky zum Tisch und drückte ihn auf den Stuhl.
„Ich will alles wissen“, murmelte sie, während sie Nicky ein Brot mit Nutella
machte.
*
Gedankenverloren saß Sally im Büro von Josephine.
Sie hatten sich eine heftige Auseinandersetzung geliefert, nachdem Sally sich
etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte.
Josephine war dabei ein paar Unterlagen zu ordnen und ihre Liste an Fotografen
zu erneuern, als ihr ein Name ins Auge stach.
„Sag mal Sal, kennst du Tom Klien?“
„Wenn du den etwas durchgeknallten Fotografen meinst, dann ja. Wieso?“
„Ich möchte, dass du etwas für mich tust“, sprach sie leise und drehte
sich in ihrem Stuhl zu Sally um.
„Ähm … aber … und was?“ stotterte sie und sah Josephine an.
„Die Jungs gestern“, begann sie zu erzählen, „waren sehr gute Freunde von
Frank. Ich möchte nicht, dass sie in die gemeinen Machenschaften von Tom
mit reingezogen werden.“
„Jo, was redest du denn da? Was für geheime Machenschaften? Ich versteh
grad nur Bahnhof.
Und was bitte, hab ich mit der Sache zu tun?“
„Du wirst dich in meinem Auftrag an seine Fersen heften.“
Josephine öffnete ihre e-mails.
„Er hat einen neuen Auftrag bekommen, und zwar von CATCH AN EYE, und ich möchte
das du ihn im Auge behälst.
Werde sein Schatten. Schmeiß dich an ihn ran. Aber bitte lass nicht zu,
dass er den Jungs weh tut.“
Sally starrte Josephine an, als säße ein Geist vor ihr.
„Bist du jetzt von allen guten Geistern verlassen, Jo? Ich schmeiß mich
doch diesem … diesem … wäääh nicht an den Hals. So nötig
hab ich’s dann nun auch wieder nicht.“
„Bitte Sal. Bitte tu es für die Jungs und für Frank.
Ich werde dich nur um diesen einen Gefallen bitten, dann verschwinde ich wieder
aus deinem Leben.“
„Vergiss es!
Ich lass dich doch jetzt nicht wieder so klammheimlich davon schleichen.
Und das mit dem beschatten … Kann ich mir das noch mal eine Nacht durch den
Kopf gehen lassen?“
Josephine lächelte sie an und nickte erleichtert.
„Darf ich dich mal was fragen, Jo?“
„Sicher. Schieß los.“
„In welcher“, sie räusperte sich, „Beziehung standen denn Frank und die
Jungs? Haben sie sich gut gekannt?“
Ein seufzen war zu hören, dann legte sie ihren Aktendulli weg und sah Sally
an.
„Frank hat, wie ich, als kleiner Fotograf bei Zeitschriften und Magazinen gearbeitet.
Hier und da mal einen Auftrag gehabt und sich ein wenig Geld dazu verdient,
wenn er eine Konzerttour mitgemacht hat.
Es war 1999 als er einen Auftrag von RCA bekommen hat ein paar Promopics von
der neuesten Entdeckung von Louis Walsh zu machen.“
„Louis Walsh?“ fragte Sally neugierig.
„Plattenguru in Irland und Manager von Westlife, den Jungs von gestern.
Auf jeden Fall war Louis von den Bildern hellauf begeistert und engagierte Frank
als Hauptfotografen der Jungs.
So wie Robbie Williams Hamish Brown hat, hatten Westlife Frank Parker, meinen
Mann.“
Josephine räusperte sich.
„Ende 2000 gründeten wir dann SEE und heirateten im Januar 2001.
Wir waren glücklich. Frank hatte den Auftrag überhaupt mit Westlife.
Die Jungs sind, auch jetzt noch, begehrt wie sonst was. Jeder möchte sie
vor die Linse bekommen, aber nicht jeder durfte es.
Tom war Franks größter Konkurrent und setzte alles daran ihm Aufträge
weg zu schnappen, was ihm aber nicht gelang.
Frank hatte sich Rang und Namen erarbeitet und natürlich viele Neider auf
seine Seite gezogen.
Dave war Franks bester Freund. Bevor du fragst. Dave ist Security - Chef bei
Westlife und die Beiden hingen nur zusammen, wenn sie zusammen unterwegs waren.“
Josephine musste lächeln.
„Dann kam der grausame Anruf eines Nachts von Dave. Man habe die Leiche von
Frank gefunden.
Er sei bei einem Autounfall tötlich verunglückt“, sprach sie leise
und ihre Stimme zitterte.
„Eine junge Frau hätte ihm noch geholfen, aber es war zu spät. Bei
dem Unfall starben noch zwei weitere Menschen, aber keiner weiß ob die
Frau zu ihnen gehörte.
Ich konnte ihr bis heute nicht sagen wie dankbar ich bin, dass Frank nicht allein
gestorben ist“, erstarb ihre Stimme und Josephine weinte still und leise.
Sally hatte das Gefühl, ihr würde sich jeden Moment der Magen nach
links drehen.
„Ich soll dir sagen, dass er dich liebt. Für immer und ewig“, flüsterte
Sally mit brüchiger Stimme und strich ihr vorsichtig über den Rücken.
Josephine sah auf und zog Sally schluchzend in ihre Arme.
„Hat er lange leiden müssen, Sal? War er schwer verletzt? Wo war Dave?“
Sally strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, wischte ihr ein paar
Tränen mit dem Daumen weg und umfasste ihr Gesicht dann mit beiden Händen.
„Da waren nur Frank und meine Eltern, Jo. Es war niemand sonst da. Zumindest
nicht bis zu dem Zeitpunkt, bevor ich versorgt und ins Krankenhaus gebracht
wurde.
Ich weiß auch nichts weiter, als ich damals im Polizeiverhör angegeben
habe“, sagte sie ruhig und sah Josephine an.
„Aber … Dave hat doch versucht ihm zu helfen, jedenfalls beteuert er das immer
wieder. Sal, bitte hilf mir. Ich muss wissen wie Frank gestorben ist.“
„NEIN! Nein, vergiss Jo! Ich geh nicht noch einmal durch die Hölle.“
Josephine starrte sie an.
„Sal, bitte“, flehte sie wimmernd, „ich hab meinen Mann verloren.“
„Und ich meine Familie, Jo“, sagte sie ruhig und leise, „vergiss das bitte nicht.
Ich musste sie sterben lassen, weil ich nichts für sie tun konnte.
Ich weiß bis heute nicht, wie die Rettungswägen eingetroffen, geschweige
denn wer sie gerufen hat. Sie waren plötzlich da. Wie aus dem Nichts tauchten
sie auf“, sagte sie verwirrt und schüttelte ihren Kopf.
Josephine schnäuzte sich die Nase und griff zum Telefon.
Dave stieg gerade in den BMW, als sein Handy klingelte.
Josie ruft an
„Na klasse. Als ob der Tag nicht schon beschissen genug läuft“, murmelte
er genervt und nahm den Anruf an.
„Last?“
„Dave wo bist du? Ich muss dich dringend persönlich sprechen.“
„Ich bin noch in Sligo, fahre jetzt aber mit Brian und Nicky nach Dub. Was gibt’s
denn so wichtiges?
Kannst du mich neuerdings nicht mehr am Telefon als Wichser beschimpfen? Muss
ich dafür jetzt persönlich bei dir antanzen?“ schnaubte er ins Handy
und setzte sich hinters Lenkrad.
Brian und Nicky schüttelten nur die Köpfe.
Würde das Theater zwischen den Beiden jemals aufhören?
Dave drehte sich zu ihnen um.
„Habt ihr was dagegen, wenn wir auf dem Weg zu euch bei Josephine ranfahren?“
Beide schüttelten die Köpfe.
„Gut, ich komm kurz vorbei. Brian und Nicky sind bei mir, falls das kein Problem
für dich ist. Worum geht es eigentlich?“
„Das kann ich dir nicht am Telefon erzählen. Dave bitte, du musst kommen.
Es ist wichtig für mich … und für Frank“, sagte sie und sah Sally
an.
Dave nickte und startete den Motor.
„Bis nachher Josie. Ciao!“
Er legte auf, schmiss das Handy auf den Beifahrersitz und fuhr nach einem tiefen
Seufzer nach Dublin.
*
Nicky schaute aus dem Fenster und sah die grüne Landschaft Irlands an
sich vorbei ziehen.
Brian kaute an seinem Daumennagel herum und starrte auf Daves Hinterkopf.
Dave trommelte im Takt vom „Walk of life“ der Dire Straits mit und sang leise
vor sich hin.
Here comes Johnny singing oldies, goldies
Be-Bop-A-Lua, Baby What I Say
Here comes Johnny singing I Gotta Woman
Down in the tunnels, trying to make it pay
He got the action, he got the motion
Yeah, the boy can play
Dedication devotion
Turning all the night time into the day
He do the song about the sweet lovin' woman
He do the song about the knife
He do the walk, he do the walk of life
Warum war er plötzlich so ausgewechselt?
Es gab eigentlich, seit Franks Tod, nie ein friedliches und harmonisches Aufeinandertreffen
mit Josephine.
Wieso machte es ihm gerade jetzt, nach diesem Tag der Horrormeldungen, nichts
aus zu ihr zu fahren?
Lag es an der Tatsache das Josephine so verzweifelt am Telefon klang, oder das
er hoffte, Sally bei ihr anzutreffen?
Er wusste es nicht und konnte es sich auch nicht wirklich erklären.
„Wann hast du eigentlich den Entschluss gefasst, Westlife zu verlassen“, unterbrach
Nicky die Stille auf dem Rücksitz.
Brian sah kurz zu ihm und starrte anschließend wieder auf Daves Hinterkopf.
„Es fing kurz nach Lillie Sues Geburt an, dass ich mir gewünscht habe öfters
bei meiner Familie sein zu können.
Als Molly geboren wurde hab ich mir oft gewünscht einfach mal so heim fahren
zu können, wenn Kerry angerufen hatte, dass Molly wieder versucht hat ihre
ersten Schritte zu machen.
Oder vor lauter Bauchschmerzen nicht schlafen konnte. Sie einfach in den Arm
zu nehmen, in den Schlaf zu singen und dabei über ihren Bauch zu streicheln,
damit der Bauchwehteufel verschwindet.“
Brian sah kurz aus dem Fenster, räusperte sich und kratzte dann einen Essensrestfleck
von seinem rechten Oberschenkel.
„An dem Tag als ich nach Down Under geflogen bin“, begann er weiter zu erzählen,
„hat Lillie Sue ihre ersten Schritte gemacht.
Was soll ich denn jetzt Kerry erzählen? Sie ist an ihrem Geburtstag nicht
da und hat ihre ersten Schritte nicht mitbekommen. Sie ist ihre Mummy! Verdammt
Nico!
Wie soll ich ihr das beibringen?“
Dave stellte das Radio aus, sah in den Rückspiegel und räusperte sich.
„Damit hat sie rechnen müssen, Brian.
Tut mir wirklich leid, aber sie wusste was sie verpasst, wenn sie in den australischen
Busch geht.
Und das sie nicht gleich in den ersten Tagen rausgewählt wird, war ja wohl
mehr als klar. Meinst du, eure Fans lassen dich und deine Frau im Stich?!“
Brian zog die Stirn kraus, sah dann in seinen Schoß und schüttelte
den Kopf.
„Aber ich lasse meine Fans im Stich“, sagte er leise.
„Bullshit Brian“, meldete sich Nicky zu Wort und zog ihn in seine Arme.
„Du hast 5 Jahre deines Lebens deinen Fans gewidmet. Hast sie 5 Jahre mehr oder
weniger an deinem Leben teilhaben lassen.
Wenn sie jetzt der Meinung sind du hast sie verraten und verkauft, dann waren
es nie wahre Fans gewesen.
Schau dir Leeds an! Die vergeigen so gut wie jedes Spiel, aber ich stehe immer
noch zu ihnen und …“
„Ja, weil du Jahreskarten hast“, kam es trocken von Dave und Brian musste grinsen.
„Du sollst fahren und nicht uns belauschen“, grummelte Nicky und wandte sich
dann wieder an Brian.
„Hast du verstanden, was ich damit sagen wollte?“
„Heiße ich Mark? Ich bin schneller im denken. Na ja zumindest manchmal.“
Nicky lachte auf und schüttelte den Kopf.
Dann kuschelte er sich an ihn und seufzte auf.
„Du wirst mir fehlen, Daddy“, sagte er leise und wischte sich verstohlen eine
Träne weg.
Dave schaute starr gerade auf die Straße und versuchte diese Szene nicht
so nah an sich ran kommen zu lassen.
Es erinnerte ihn zu sehr an seinen Abschied von Frank.
*
Nervös pulte sich Sally an ihrem Nagelbett des Daumens herum und horchte
bei jedem kleinsten Geräusch auf.
Seit sie erfahren hat, dass hier gleich Brian auftauchen würde, schien
ihr Puls in einer Achterbahn zu sitzen und sie schier verrückt zu machen.
Als sie einen Wagen hörte, der auf Josephines Grundstück fuhr atmete
sie tief durch und machte sich auf die nächsten Minuten gefasst.
Nachdem es geklingelt hatte öffnete Josephine die Haustür und drei
Männer betraten das Haus.
Sally schaute über die Schulter ihrer Freundin und entdeckte Brian, dann
diesen Rüpel und den blonden Mann mit dem Kaugummi.
„Kommt rein, Jungs“, bat Josephine alle drei und sie folgten ihrer Einladung.
Brian lächelte Sally an, als er sie erblickte, aber sie nickte ihm nur
zu und wandte ihren Blick dann von ihm ab.
Da wusste Brian, dass Sally Bescheid wusste. Josephine muss mit ihr geredet
haben.
Dave und Nicky liefen ins Wohnzimmer und Brian folgte ihnen.
Als sich dann auch die beiden Frauen zu ihnen gesellt hatten, herrschte einen
Moment emsiges Schweigen.
Dave sah auf und schaute zu Josephine.
„Also? Warum sind wir hier?“
„Ähm, ja. Also … es ist so. Dave ich weiß, wir hatten die letzten
Jahre nicht wirklich ein gutes Verhältnis zueinander da ich dir …“, Josephine
holte tief Luft.
Sally seufzte auf, legte eine Hand auf den Oberschenkel ihrer Freundin und sah
zu Dave.
„Ich bin die Frau vom Unfallort, Mr. Last.“
Dave riss den Kopf rum und starrte Sally an. Tränen traten in seine Augen
und er wischte kurz darüber.
Auch Nicky und Brian staunten nicht schlecht.
„Wie … ich meine … wie kamen sie … also …“, stammelte Dave und wusste nicht
ob er Sally in den Arm nehmen und nie wieder los lassen sollte oder einfach
nur glücklich zu sein, dass er endlich die Frau getroffen hatte die seinem
Freund in den schlimmsten Stunden seines Lebens beigestanden hatte.
„In dem anderen Wagen saßen meine Eltern und ich.
Ich hab wie durch ein Wunder den Unfall überlebt. Außer ein paar
Schürfwunden und Prellungen hatte ich keine Verletzungen“, sprach sie leise
und sah Dave an.
„Meinen Eltern konnte nicht mehr geholfen werden. Sie waren zu schwer verletzt
und starben kurz nach dem Aufprall.
Ich kroch zu dem Mann im anderen Wagen und versuchte alles um wenigstens ihm
das Leben zu retten“, flüsterte sie und seufzte gequält auf.
Dave fackelte gar nicht lange, stand auf und setzte sich neben sie auf die Couch.
„Hey, jetzt machen sie sich mal keine Vorwürfe. Ich bin so froh, dass Frank
nicht allein gestorben ist“, flüsterte er und legte einen Arm um ihre Schulter.
Sally zuckte kurz zusammen. Der Mann konnte ja freundlich sein, wenn er wollte.
Josephine stand auf und bat Brian und Nicky mit ihr zu kommen.
Sie verließen das Wohnzimmer und ließen die Beiden allein zurück.
„Ich weiß bis heute nicht, wer den Rettungsdienst alarmiert hat“, sagte
Sally und sah Dave an.
„Ich war viel zu sehr damit beschäftigt aus dem Wagen zu kommen und mich
um meine Eltern und Frank zu kümmern.
Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, wer da angerufen hat.“
Dave drückte sie kurz an sich, küsste sie auf’s Haar und schluckte.
„Ich hatte Frank am Telefon, als der Unfall passiert ist. Ich habe alles mitbekommen.
Dann hab ich die Rettung und Josephine angerufen und bin zum Unfallort gefahren.
Der Krankenwagen, in dem sie lagen, fuhr gerade ab und ich konnte ihnen nie
wirklich danken, dass sie Frank auf seinem letzten Weg begleitet haben“, flüsterte
Dave und wischte sich die Tränen weg.
„Sally. Ich bin Sally, Mr. Last und bitte sagen sie du zu mir.“
Dave schmunzelte.
„Danke Sally. Auch für das was du für Mark getan hast.“
„Wie geht es ihm eigentlich?“ unterbrach sie Dave.
„Besser“, murmelte er und sah sie an.
„Sally es tut mir leid, das ich dich so angepflaumt habe. Ich konnte doch nicht
wissen, dass …“
„Wissen sie Mr. Last, das ist gerade eine ganz dumme Ausrede.
Wenn sie jeden sofort dumm anmachen der ihren Jungs zu nahe kommt, obwohl er
nur helfen oder seinen Koffer vom Band holen möchte, dann kommen sie irgendwann
in Schwulitäten.
Ein bisschen Freundlichkeit hat noch niemandem geschadet, auch Ihnen nicht junger
Mann“, lächelte Sally und sah ihn an.
Dave musste schmunzeln.
„Sally, darf ich dich um etwas bitten?“
Sie zuckte mit den Schultern und nickte.
„Klar.“
„Nennen sie mich nie wieder Mr. Last. Ich bin Dave oder“, er räusperte
sich und grinste, „der Rüpel. Und bitte sag du zu mir.“
Sally musste lachen und schüttelte den Kopf.
„Du bist unmöglich, du Rüpel. Und wenn ich noch einmal durch die Gegend
geschubst werde, dann … dann … ähm.“ Sie sah Dave an und ließ ihren
Blick über seine Oberarme gleiten.
„Dann was?“
„Hol ich einen starken Mann und der schubst dich dann mal.
Im übrigen bist du meinem Koffer noch eine Entschuldigung schuldig, da
er nach dem ganzen Hin und Her echt sauer auf mich war.
Kannst du dir vorstellen …“
Dave legte einen Finger auf ihren Mund und grinste.
„Müsste ihr Frauen immer so ein Drama aus allem machen? Es hat sich doch
alles geklärt. Du hast deinen Koffer wieder, ebenso wie Mark und gut ist.“
„Ich dachte das wäre Brians Koffer gewesen?“
Dave stutzte und schüttelte den Kopf.
„Nein, er hat ihn nur zum Flughafen gebracht und Marks Koffer abgeholt.“
Sally zog die Augenbrauen hoch und nickte.
„Ach so“, murmelte sie und ließ ihren Blick schweifen.
Dave räusperte sich und sah Sally an.
„Darf ich dich noch was fragen, Sally?“
„Mhm, mach nur“, sagte sie und nickte mit dem Kopf.
„Würdest du heute Abend mit mir essen gehen? Darf ich dich einladen?“
Sally sah ihn an und schmunzelte.
„Aber nur, wenn du jeden zur Seite schubst, der mir zu nahe kommt.“
„Versprochen“, grinste Dave und sein Herz schien vor Glück fast zu zerspringen.
„Wir sollten uns mal bei den anderen melden. Nicht das sie Angst haben müssen,
dass wir uns an die Gurgel gegangen sind“, grinste Sally.
Dave hätte beinahe was dazu gesagt, aber er schluckte seinen Wunsch schnell
herunter und nickte ihr zu.
„Na dann, lass uns zu ihnen gehen.“
Sie standen auf, verließen das Wohnzimmer und gingen in Richtung Küche,
aus der Stimmen zu hören waren.
*
Oliver und Marie gingen nach oben und ließen Mark und Rowen allein im
Wohnzimmer zurück.
Es war für alle ein anstrengender Tag gewesen, und sie wollten nicht noch
heute alles bis ins kleinste Detail wissen. Es war so schon schlimm genug gewesen.
Rowen räusperte sich und sah Mark an.
„Warum hast du nie mit mir darüber geredet, Mark? Ich dachte …“
Mark sah Rowen mit Tränen in den Augen an.
„Row bitte. Ich wollte dich schützen. Schützen vor diesem Arschloch
und davor, dass er dir womöglich noch etwas antut.
Es ist schlimm genug, dass …“
„Das du durch die Hölle gegangen bist, mich quer über den Kontinent
gejagt hast, damit ich deine Hand halten durfte, wenn du nicht schlafen konntest?
Ja Mark, das war wirklich tapfer von dir.
Hast du auch nur … Mark ich dachte du vertraust mir …“
„Das tue ich Rowen!“
„Was für ein Widerspruch Mark“, flüsterte er und sah ihn an.
„Widerspruch? Weil ich dich vor Tom schützen wollte? Weil ich die Jungs
und meine Familie schützen wollte?
Rowen versuch dich doch mal in meine Lage zu versetzen. Was hättest du
denn an meiner Stelle getan? Tom droht mir jedes Mal damit mir etwas anzutun,
wenn ich nicht das mache was er verlangt“, sprach er leise und ohne jegliche
Regungen in seiner Stimme.
„Einer meiner besten Freunde wird deswegen sogar die Band verlassen. Und ich
möchte nicht daran denken was passiert, wenn Tom davon Wind bekommt.
Er ist nicht dumm und kann eins und eins zusammen zählen.“
Rowen zog ihn in seine Arme.
„Es tut mir leid, Bärchen. Ich wollte dich nicht anpflaumen.“
Mark sah Rowen an.
„Ähm …“, er räusperte sich und wischte sich schnell eine Träne
von der rechten Wange, „würdest du … Rowen ich möchte nicht, das wir
die nächsten Tage zusammen sind. Wir müssen …“
„Vergiss es Mark. Ich lass dich jetzt nicht allein.“
„Row bitte. Tom ist gefährlich.“
„Das ist mir egal, Mark! Ich liebe dich verdammt noch mal! Und ich werde dich
nicht allein durch die Hölle gehen lassen.
Entweder gehen wir da zusammen durch oder gar nicht.
Du bist … du bist … Mark du bist mein Leben. Lass mich jetzt nicht außen
vor.
Du hast Louis gehört. Er setzt seine Bluthunde auf ihn an.
Bitte schick mich jetzt nicht weg.“
Mark schluchzte auf und lehnte sein Gesicht an Rowens Brust.
Rowen strich beruhigend über seinen Rücken und küsste ihn aufs
Haar.
„Magst du noch einen Drink?“ fragte er leise.
Mark sah auf und schluckte.
Er schüttelte den Kopf und fixierte Rowens Lippen mit seinem Blick.
Rowen musste leicht schmunzeln.
„Warum ist uns immer gerade in solchen Momenten nach körperlicher Zunei…“
Mark umschloss Rowens Lippen mit seinen und küsste ihn, als ob sein Leben
davon abhängen würde.
„Weil sie Kraft gibt“, raunte er leise als er sich wieder von ihm löste
und sah Rowen an.
„Dann brauch ich ganz viel davon, denn ich muss Kraft tanken“, schmunzelte er
und zog Mark dicht an sich.
„Bedien dich Nousey. Die Tankstelle ist frei für dich“, lächelte er.
Rowen verzog etwas das Gesicht und räusperte sich.
„Gibt’s an deiner Tanke auch etwas Schmierfett?“
Mark bekam große Augen und biss sich dann auf seine Unterlippe.
„Ja, natürlich. Entschuldige. Tut es noch sehr weh?“
„Na ja, so lange ich nicht groß hin und her rutsche geht’s.“
Mark küsste ihn.
„Tut mir leid. Tut mir furchtbar leid. Ich hätte daran denken sollen.“
Rowen nahm Marks Gesicht in seine Hände.
„Du holst jetzt das Schmierfett und ich mein Hausschlüssel und dann machen
wir es uns bei mir gemütlich“, zwinkerte er ihm zu.
Marks Augen verdunkelten sich schlagartig, ebenso wie Rowens, und er lief nach
oben.
Rowen atmete tief durch und ging in den Hausflur.
Er griff sich beide Jacken und seinen Hausschlüssel, dann wartete er auf
Mark der gerade die Treppe herunter kam.
„Scheiße siehst du schnuckelig aus“, entfuhr es Rowen und er sah schnell
zu Boden.
Mark grinste, küsste Rowen aufs Haar und verließ mit ihm zusammen
das Haus seiner Eltern um die Nacht bei Rowen zu verbringen.
Oliver stand am Schlafzimmerfenster und sah den Beiden nach.
„Marie? Kleines? Schläfst du schon?“
Marie sah von ihrem Buch auf.
„Wieso?“
Oliver drehte sich zu ihr, lief aufs Bett zu, krabbelte hinein und nahm ihr
das Buch weg.
Marie sah ihren Mann verdutzt an und noch ehe sie reagieren konnte küsste
Oliver sie.
„Wir sind allein“, flüsterte er ihr ins Ohr, „wie früher.“
Marie fing an zu kichern und sah ihren Mann dann an.
„Meinst du wir können …“
„Oh ja“, sagte Oliver schnell und küsste seine Frau wieder.
Marie zog ihn zu sich und sie gaben sich einander Kraft.
*
„Ich weiß nicht was dir vorschwebt, aber können wir das Essen auch
auf einen anderen Tag verschieben?“
Sally sah Dave an.
“Ich bin müde und es ist doch schon reichlich spät.
Außerdem müssen Mr. McFadden und der Kaugummimann heim.“
Dave musste auflachen.
„Der was? Kaugummimann? Hast du für jeden den du nicht kennst, so nette
Betitelungen?“
Sally drehte sich zu Dave um.
„Nein, eigentlich nicht. Mir stellt sich ja niemand vor.“
Nicky hatte das Gespräch mitbekommen und räusperte sich.
„Ich bin Nicky, der Kaugummimann“, grinste er sie an und seine Zahnspange blitzte
auf.
Sally lächelte ihn an und streckte ihm seine Hand entgegen.
„Sally“, sagte sie und griff nach seiner Hand.
„Die Assistentin von Josie?“ fragte er nach.
Sally nickte und Nicky sah kurz zu Dave und schmunzelte.
Jetzt war ihm auch klar, warum Dave im Wagen plötzlich so ausgewechselt
war.
Er war definitiv in diese Frau verknallt.
„Freut mich. Das hier ist …“
„Wir hatten bereits das Vergnügen, danke Nicky“, sagte sie schnell und
sah kurz zu Brian.
„Oh, na dann.“
Nicky wippte auf seinem Fußballen hin und her und sah erst zu Brian und
dann zu Dave.
Ach du heiliger Strohsack. Zwei Männer die in ein und dieselbe Frau verschossen
waren. Und was war mit Kerry?
Nicky griff nach Brians Arm und zog ihn mit sich.
„Ihr entschuldigt uns kurz“, sagte er entschuldigend und verließ mit Brian
im Schlepptau die Küche.
„Okay, ich will alles hören.
Wann? Wie? Wo? Warum? Was ist mit Kerry?“
Brian sah seinen Freund etwas verdattert an.
„Wovon redest du?“
„Davon das du Sally mit deinen Blicken fast ausziehst, obwohl du verheiratet
bist und schon genug Scheiße gebaut hast.
Man Brian du hast zwei Kinder und eine Ehefrau. Lass bloß die Finger von
ihr“, zischte er ihn an.
„Du siehst doch Gespenster Nicky“, fuhr er ihn an und wollte an ihm vorbei.
„Tu Kerry nicht noch einmal so weh, Macs. Du hattest bereits deine zweite Chance.
Vergiss das nicht.“
„Du hast doch keine Ahnung. Fahr heim zu Gina, spiele heile Welt und lass mich
mit deinen Hirngespinsten in Ruhe“, fauchte Brian ihn an und verließ wütend
das Haus.
Nicky sah ihm geschockt hinterher und lief ihm nach.
„Jetzt hör mir mal zu, Brian Nicholas McFadden!
Mit welchem Recht nimmst du dir raus so über meine Ehe mit Georgina zu
reden? Ich habe und werde sie nie betrügen, weil ich sie liebe.
Es geht mich zwar nicht an, welche Probleme ihr schon seit einiger Zeit in eurer
Ehe hin und herschiebt, aber ich kann es mir auch so denken.
Du warst noch nie ein Kostverächter gewesen und kannst deine Finger einfach
nicht still halten.
Kaum taucht Frischfleisch auf setzten deine Hirnwindungen aus und du bestehst
nur noch aus Testosteron.
Verdammt noch mal Brian! Du hast zwei Kinder und eine Frau! Setz das nicht alles
einfach aufs Spiel, nur für eine schnelle Nummer.
Kerry liebt dich über alles. Und von Molly und Lilly-Sue muss ich, denke
ich, gar nicht erst reden. Vor allem Molly.
Oder musst du dir seit der Nacht in Köln selbst etwas beweisen?“
Brian riss den Kopf rum und starrte Nicky an.
„Lass Köln aus dem Spiel!“
Nicky wusste, dass er ins schwarze getroffen hatte.
„Weiß Kerry, dass du auf beide Geschlechter stehst?“
Brian sah zu Boden.
Nicky seufzte auf und stemmte die Hände in die Hüften.
„Könntest du bitte Dave holen? Ich will heim“, sagte Brian leise, fischte
seine Zigaretten aus der Hosentasche und zündete sich dann eine an.
„Ihr solltet reden, Macs.“
„Würdest du ihn bitte holen?“
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren ging Nicky zurück zum Haus und klingelte.
*
Nachdem Dave beide Männer abgesetzt hatte, fuhr auch er nach Hause.
Lächelnd bog er in die Tiefgarage ein und parkte den Wagen in der gemieteten
Parklücke.
Leise vor sich hin summend stieg er aus und lief in Richtung Ausgang.
Als er aus dem Fahrstuhl trat und in Richtung seines Appartements lief sah er
jemanden vor seiner Tür kauern.
Dave erkannte die Person schnell und lief ein paar Schritte schneller.
„Was ist los“, rief er und zerrte seinen Schlüssel aus der Hosentasche.
Kian fiel Dave weinend um den Hals.
„Darf ich die Nacht bei dir bleiben, Dave“, flüsterte er mit weinerlicher
Stimme und Dave sperrte sein Appartement auf.
Er schob Kian hinein und atmete tief durch.
„Jetzt setzt du dich erst mal auf die Couch, atmest tief durch, beruhigst dich
und ich bin gleich bei dir, okay.“
Dave drückte Kian auf die Couch und lief kurz in die Küche um ihm
was zu trinken zu holen.
Er entschied sich für zwei Guinness und stellte den Whiskey vorsichtshalber
ganz nach hinten in den Schrank.
„Man kann nie wissen“, murmelte er und lief zurück ins Wohnzimmer.
Kian saß auf der Couch, den Kopf auf seine Hände gestützt und
heulte leise vor sich hin.
Dave holte tief Luft und gesellte sich zu ihm.
„Hier“, er reichte ihm das Bier und nahm von seinem einen tiefen Schluck.
Kian sah unentschlossen auf die Flasche in seiner Hand bevor er ebenfalls einen
großen Zug nahm. Dann ließ er die Hand zwischen seine gespreizten
Beine sinken und seufzte gequält auf.
„Bitte sag mir, dass das heute alles nur ein Alptraum war Dave. Das Brian nicht
vorhat die Band zu verlassen und das es keine widerwärtigen Fotos von Mark
und ihm gibt, die beide beim … “, er schüttelte den Kopf und nahm erneut
einen tiefen Zug aus der Flasche.
„Wie konnten sie das so lange vor uns verschweigen? Wie konnten sie?“ Kian war
wütend und enttäuscht, das hörte Dave an seiner Stimme.
Und er wusste, dass er gut daran tat Kian jetzt nicht anzufassen. Seine Reaktion
würde einer mittleren Katastrophe gleich kommen, nachdem eine Bombe hoch
gegangen war.
Kian stellte die Bierflasche auf den Tisch. Das war besser, bevor er sie vor
lauter Wut womöglich noch gegen eine der weißen Wände feuerte,
und das in einem Appartement wo er nicht wohnte.
„Wie würdest du denn reagieren, wenn dich jemand, den du mal geliebt hast,
erpresst und dir droht dir etwas anzutun, wenn du nicht die Schnauze hälst?“
Dave sah kurz zu Kian und nippte dann wieder am Bier.
„Ich würde mit meinen besten Freunden darüber reden, verdammt noch
mal Dave! Für wie bescheuert hälst du mich eigentlich?
Nur weil sie ihre Hormone nicht unter Kontrolle hatten und jeden Arsch vögeln
mussten, müssen wir jetzt auch alles aufgeben?
Wie kann man 3 Jahre lang schweigen? Verdammte scheiße!“
Kian zitterte am ganzen Körper und Dave beugte sich vor.
„Du tust ihnen Unrecht Kian. Sie mögen vielleicht zu lange damit gewartet
haben euch das zu erzählen, aber was würdest du denn tun, wenn man
dir damit droht dich umzubringen?“
„Das Maul aufmachen“, herrschte Kian ihn an und starrte Dave mit einem funkelnden
Blick an.
„Oder hast du etwa auch deinen Arsch hingehalten? Bist ja so dicke mit Mark,
da kann …“
Die letzten Worte von ihm gingen nach dem Schlag von Dave unter und Kian hielt
sich seine linke Wange.
„Ich denke du gehst jetzt besser, Kian“, sagte Dave leise.
Kian stand auf und lief in Richtung Tür.
„Es tut mir lei …“
„Spar dir deine Worte Kian. Ich will nichts hören“, murmelte er und Kian
schlich mit gesenktem Kopf aus dem Appartement.
Dave stöhnte auf und ließ sich in der Couch nach hinten fallen.
Sie waren alle angespannt, das war klar, aber das was hier gerade abgelaufen
war, war eindeutig ein Tick zu heftig.
*
Sally krabbelte unter ihr Bettdeck und seufzte auf.
„Was für ein Tag“, stöhnte sie und ließ sich in die Kissen fallen.
Immer wieder ging ihr das Gespräch mit Dave durch den Kopf und sie hatte
das Gefühl seinen Finger immer noch auf ihren Lippen zu spüren.
„Das ist doch verrückt“, murmelte sie, rollte sich ins Bettdeck und schloss
die Augen.
Kurz darauf war sie eingeschlafen.
*
Immer wieder wählte er ihre Nummer und immer wieder hatte er nur ihre Mailbox
dran.
„Verdammt noch mal“, fluchte er, „wo bist du!“
Kian schmiss sein Handy frustriert auf sein Bett und ließ sich der Länge
nach hinein fallen.
Die Auseinandersetzung mit Dave ging ihm nicht aus dem Kopf.
Sicher, er hatte vielleicht etwas übertrieben, aber hier ging es schließlich
auch um seine Zukunft.
„Verfluchte Scheiße“, grummelte er und griff erneut zu seinem Handy, als
es an seiner Haustür klingelte.
Kian sah verdutzt auf die Uhr.
„Wer will bitte um halb eins noch was von mir?“
Er rappelte sich auf und lief die Treppe nach unten.
Als er die Tür öffnete, glaubte er sein Herz würde stehen bleiben.
„Verdammt noch mal, wo warst du Jo? Ich hab … komm rein“, überschlug er
sich und zog sie ins Haus.
„Ich hab mir Sorgen um dich gemacht, Sonnenschein. Ist alles okay mit dir? Fehlt
dir was?“
Kian sah sich Jodi an und prüfte, ob sie heil war. Dann umarmte er sie
und strich ihr über den Rücken.
„Ich bin so froh, dass es dir gut geht“, flüsterte er in ihr Ohr und küsste
sie anschließend sanft auf den Mund.
Jodi zeigte keinerlei Regung.
„Magst du was trinken?“
Kian wich etwas irritiert zurück und schob sie vorsichtig ins Wohnzimmer.
„Nein Kian, ich möchte nichts trinken.
Ich will mich auch gar nicht lange hier aufhalten. In 4 Stunden geht mein Flug
und ich wollte …“, sie schluckte, „ich wollte mich von dir verabschieden.“
Er sah sie fragend an.
„Du bist gekommen um dich von mir zu verabschieden? Was ist denn los, Jo?“
Kian fühlte sich etwas unwohl in seiner Haut. Irgendwie gefiel ihm der
Verlauf des Gespräches ganz und gar nicht.
Jodi lächelte müde und schüttelte den Kopf.
„Was wir hatten war schön, aber ich will mehr Kian. Ich möchte …“
“Moment mal“, stammelte er und sah sie an.
„Du machst mit mir Schluss? Einfach so? Was ist denn plötzlich in dich
gefahren, Jo?“
„Lässt du mich bitte aussprechen“, seufzte sie genervt auf und sah ihn
an.
Kian schluckte und sah sie an.
„Ich will mehr, als ständig nur als dein Schatten betrachtet zu werden.
Ich will Karriere machen, nach Amerika gehen und groß raus kommen.
Du dagegen willst einen auf Familie machen, wozu ich einfach nicht gewillt bin.
Was will ich mit einem Kind? Es wäre ein lästiger Störfaktor
und würde meinem Weg nach oben keine Hilfe sein.
Außerdem habe ich jemanden kennen gelernt, der mich dahin bringt wo ich
hin will.
Danke für alles. Mach’s gut.“
Sie lief in Richtung Haustür und drückte die Klinke nach unten.
Kian starrte fassungslos vor sich hin und hatte das Gefühl als ob ihm
jemand sein Herz aus der Brust reißt.
Das war alles nur ein Alptraum. Gleich würde der Wecker klingeln und er
würde schweißgebadet aufwachen. Ja, genau.
Als die Tür ins Schloss fiel zuckte er kurz zusammen und schlug sich die
Hände vors Gesicht.
Das durfte doch alles nicht wahr sein.
Er rannte zur Tür und riss sie auf.
„JO!“ brüllte er in die dunkle Nacht und sah Jodie nur noch in einem Taxi
davon fahren.
Tränen strömten über seine heißen Wangen und er sank auf
die Knie.
„Ich liebe dich doch … bleib bei mir, Jo“, flehte er leise und ließ seinen
Tränen freien Lauf.
*
Atemlos kuschelten sie sich aneinander und lächelten sich an.
„Deine Tankstelle, wie lange hat die geöffnet“, nuschelte Rowen und küsste
Mark sanft.
„Durchgehend“, raunte er und knabberte an Rowens Unterlippe.
„Dann lass uns doch mal die Snacks probieren“, grinste er und strich zärtlich
über Marks Hintern.
„Ich weiß ja nicht was du unter Snacks … OH GOTT!“
Mark stöhnte laut auf als Rowen an seiner Tankstelle angelangt war.
Sie versanken in einem Kuss und Rowen rutschte dicht an Mark heran. Völlig
ineinander versunken gaben sie sich einander hin und tankten Kraft für
die nächsten Tage.
*
Müde quälte sie sich aus dem Bett und streckte sich erst einmal ausgiebig.
Heute war ihr erster Arbeitstag, und den musste sie ja nun wirklich nicht verschlafen.
Sally kramte ein paar Sachen aus dem Schrank und ging dann ins Bad.
Eine heiße und ausgiebige Dusche war jetzt genau das Richtige.
Josephine war bereits seit Stunden auf den Beinen.
Mit dem mittlerweile dritten Pott Kakao saß sie im Schneidersitz auf ihrem
Wohnzimmerteppich und studierte die neuesten Aufnahmen von Massimo, als ihr
Handy klingelte.
„Wieso rufen die immer alle an, wenn man mit niemandem sprechen will“, grummelte
sie beim aufstehen und schnappte sich ihr Handy.
„Parker?“
Es herrschte schweigen am anderen Ende der Leitung.
„Hallo?“ hakte sie noch einmal nach und wollte schon auflegen als sie ein leises
räuspern vernahm.
„Kann ich Ihnen weiterhelfen?“ fragte sie und griff nach ihrem Kakao.
„Hey Josie, ich bin’s. Kannst du mir einen Gefallen tun?“ kam es leise aus der
anderen Leitung.
Josephine räusperte sich und setzte sich dann auf die Couch.
„Was hast du auf dem Herzen?“
„Kannst du mir sagen wer …“, ein schluchzen war zu hören und dann ein leises
wimmern.
Ihre Alarmglocken schellten und sie biss sich nervös auf die Unterlippe.
„Kian, ganz ruhig. Was ist passiert?“ fragte sie ihn ruhig.
„Jodi … sie hat … und dann … und dann ist sie los … weil Amerika …“, stammelte
Kian völlig zusammenhanglos und schniefte immer wieder hoch.
Sie schloss die Augen. Sollte jetzt doch das eingetreten sein, was einige Spatzen
schon so lange von den Dächern pfiffen?
Hatte Jodi Kian wegen einem anderen verlassen, der ihrer Karriere weitaus nützlicher
war?
„Hat sie dich verlassen?“ fragte sie vorsichtig und leise.
Das klägliche wimmern Kians reichte ihr als Antwort und sie atmete tief
durch.
Langsam ließ sie ihre Blicke über die Fotos auf ihrem Wohnzimmerteppich
gleiten, auf dem unzählige Bilder von Jodi lagen.
Langsam dämmerte es ihr auch, warum Jodi ihren letzten Termin auch nicht
wahr nehmen konnte. Wahrscheinlich hatte sie sich mit jemandem getroffen, wenn
nicht sogar mit ihrem neuen Lover.
„Es tut mir leid Kian. Kann ich irgendwas für dich tun?“
„Kannst du“, kam es plötzlich etwas entschlossener, „und zwar wüsste
ich gern, wer mir meine Freundin …“
„Äh stop Kian“, beeilte sie sich zu sagen und schüttelte den Kopf.
„Ich bin Fotografin und Agenturchefin, aber kein Privatdetektiv. Außerdem
finde ich deine Idee völlig daneben.
Sicher, du bist enttäuscht und am Boden zerstört, aber was bringt
dir das? Du machst dich am Ende nur selber fertig und das ist selbst eine Jodi
Albert nicht wert.“
Kian schluckte hart und starrte auf die leere Whiskeyflasche in seiner Hand.
„Ich dachte wir wären Freunde, Jo“, murmelte er.
„Wenn ich jetzt bei dir wäre, würde ich dich erst einmal unter die
kalte Dusche stellen, damit du zur Vernunft kommst. Natürlich sind wir
Freunde, aber das was du da von mir verlangst kann ich beim besten Willen nicht
tun.“
„Wieso nicht? Du wirst doch wohl in der Lage sein in ihre Akte, oder was auch
immer ihr da bei euch rumliegen habt, zu schauen und mir sagen können wer
sie jetzt ganz nach oben bringen möchte“, rief er wütend in den Hörer.
Josephine atmete tief durch.
„Das fällt unter den Datenschutz, Kian“, sagte sie mit fester Stimme und
griff zu ihrem Kakao.
„Datenschutz? Bist du jetzt völlig … Sie ist meine Freundin verdammt! Ich
hab ein Recht darauf, es zu erfahren.“
„Nein hast du nicht Kian, so leid es mir tut. Ich kann dir da nicht helfen.“
Er schluckte gegen die Tränen an und räusperte sich.
„Seit Frank tot ist, bist du eine richtig blöde Kuh geworden.
Kümmerst dich nur noch um deine Goldesel und weißen Schäfchen,
aber was mit deinen Freunden ist, scherrt dich einen Dreck.
Und ich dachte immer, du bist anders als die Anderen aus deiner Branche. Aber
da hab ich mich wohl geirrt Josephine.
Du bist zu einem eiskalten kleinen Monster mutiert das sich hinter ihrer Arbeit
und den Paragraphen verkriecht und sich an der Vergangenheit festhält,
als gäbe es kein Morgen mehr.“
Kian stellte die leere Flasche ab, wischte sich die Tränen weg und ließ
sich auf die Couch plumpsen.
Josephine stellte mit zitternden Händen ihre Tasse auf den Tisch und hielt
sich dann eine Hand vor den Mund.
Sie hatte schon oft Kians offene Art zu spüren bekommen, aber das eben
war einfach zu viel.
„Ihr habt in 3 Tagen den Termin bei Massimo für die Albumaufnahmen“, sagte
sie monoton.
„Die werden wohl ins Wasser fallen, aber darüber wird dich mein Manager
noch aufklären, das fällt nicht in meinen Aufgabenbereich.
Schönen Tag noch, Mrs. Parker“, murmelte Kian und legte dann auf.
Josephine starrte ungläubig ihr Telefon an und räusperte sich.
Dann stand sie auf, fuhr sich mit einer Hand durch ihr langes braunes Haar und
machte sich wieder an die Arbeit ein geeignetes Titelfoto von Jodi zu suchen.
Sally lief mit einem leichten Lächeln auf den Lippen nach unten und sah
Josephine im Wohnzimmer sitzen, wie sie sich über eine Menge von Fotos
beugte und mit einer Hand ein paar Aufnahmen hin und her schob.
Langsam ging sie zu ihr und räusperte sich.
„Guten Morgen, Jo“, sagte sie leise um sie nicht zu erschrecken.
„Morgen“, nuschelte sie und kramte weiter in den Fotos.
Sally warf einen Blick darauf und musste zugeben, das die Frau auf den Bildern gut aussah. Sie wirkte zwar ziemlich arrogant und selbstsüchtig, aber sie sah gut aus. Mehr brauchte man nicht in dieser Branche. Ein schönes Gesicht und die Fotografen standen Schlange.
„Wer ist das?“ fragte sie und kniete sich neben Josephine.
„Jodi Albert“, sagte sie leise und sah flüchtig auf.
„Ach die“, murmelte Sally und grinste, „und was macht sie so?“
Josephine schmunzelte und sah ihre Freundin an.
„Sie ist Schauspielerin und bis gestern war sie wohl auch noch Kians Freundin.“
„Ähm … ja. Suchst du ein bestimmtes Foto von ihr?“
„Matador will eine Titelstory mit ihr bringen und dafür brauchen sie ein
paar heiße Bilder“, murmelte sie und kramte weiter in den Bildern rum.
Sally schob ebenfalls ein paar Aufnahmen umher und griff dann ein paar Bilder,
auf denen mehr Haut als alles andere zu sehen war und reichte sie Josephine.
„Ist doch ein Herrenmagazin, oder?“ schmunzelte sie und suchte weiter.
Josephine hielt in ihrer Bewegung inne und sah Sally an.
„Nette Bilder, aber ich glaube die sind zu freizügig.“
„Ach nun hör aber auf Jo. Das gibt eine ausverkaufte Ausgabe und dir einen
fetten Bonus. Als ob du damit nicht zufrieden wärst.“
Sally schluckte und sah sie an.
„Entschuldige … war nicht so gemeint.“
„Bin ich wirklich so ein geldgeiles Monster?“
„Na ja, Geld gegenüber warst du noch nie negativ eingestellt, aber ich
denke es gibt noch schlimmere Exemplare als dich“, feixte sie und drückte
sie an sich.
„Ja, aber …“
„Vergiss es Jo. Geld ist kein Thema über das man unnötige Diskussionen
führen sollte. Man kann zwar beruhigter schlafen mit einem gut gefüllten
Konto, aber glücklicher ist man dadurch auch nicht. Mehr sag ich zu diesem
Thema nicht.
Erzähl mir mal lieber was von Dave“, grinste sie ihre Freundin an und schob
gespielt konzentriert ein paar Fotos von einer zur anderen Seite.
„Dave? Hab ich irgendwas verpasst?“
„Was macht er gern? Hat er ein Lieblingsrestaurant in Dub? Hat er eine Freundin?“
Josephine fing an zu lachen und konnte sich nicht mehr beruhigen.
Da hat sich Sally doch glatt in Dave verknallt.
Na ja, ihm schien es ja nicht anders zu ergehen, wenn sie an den gestrigen
Vorfall in der Küche dachte, als es um ein schlichtes Glas Wasser ging
und Dave sich fast den Weg zum Waschbecken freigeprügelt hatte um Sally
das Glas zu füllen und dann zu reichen.
Und als sie dann die Blicke der Beiden sah, war ihr einiges klar. Da hatte Amor
wohl einen Pfeil zu viel abgeschossen, bei dem Funkenregen.
*
Grummelnd drückte Shane den grünen Hörer seines Handys und presste
es an sein Ohr.
„Mhm“, brummte er und suchte mit der anderen freien Hand nach seiner Frau, die
sich irgendwo unter dem Laken versteckt haben musste.
Gillian kicherte leise auf, als Shane sie an sich zog und seine Hand zärtlich
über ihren Bauch gleiten ließ.
„Kann ich mit dir reden“, schniefte Kian in den Hörer und Gillians Bauch
war vergessen.
Shane setzte sich auf, fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht und sah
Gillian an.
„Was ist passiert, Ki?“
„Ich … nicht am Telefon bitte“, sagte er leise und schnaubte sich die Nase.
Shane schwang sich aus dem Bett und lief in Richtung Schlafzimmertür.
Gillian warf ihm seine Boxers nach und grinste ihn an, als sich ihr Mann in
voller Pracht zu ihr umdrehte.
„Wann kannst du hier sein“, fragte er ruhig und ließ Gillian nicht einen
Moment aus den Augen.
„Gib mir `ne halbe Stunde.“
„Okay“, sagte er schnell, legte auf, warf das Handy in den Sessel und kroch
zu seiner Frau unter das Bettdeck.
„Was wollte Kian?“
„Er kommt in `ner halben Stunde vorbei“, nuschelte Shane und küsste den
Hals von Gillian und knabberte zärtlich an ihrem Ohrläppchen.
Sie schlang verlangend ihre Beine um seine Hüften und legte den Kopf in
den Nacken.
„Dann lass uns die Zeit nutzen, mein kleiner Wüstling“, raunte sie ihm
ins Ohr und im nächsten Augenblick versanken sie in einem leidenschaftlichen
Kuss, der keine weiteren Fragen offen ließ.
*
Trotz der Ereignisse vom gestrigen Abend konnte Dave nichts davon abhalten mit einem fetten grinsen durch sein Appartement zu schlendern, und sich in der Küche erst einmal einen schönen Kaffee zu kochen.
„Guten Morgen Küche“, strahlte er, als er sie betrat und blieb verdutzt
stehen.
„Jetzt geht’s los, Last. Du redest mit deiner Wohnung“, murmelte er mit gerunzelter
Stirn und griff zur Kaffeekanne um sie mit Wasser zu füllen.
Unweigerlich musste er an das Aufeinandertreffen mit Sally im Café denken,
wo sie ihn angepflaumt hatte.
Dave schmunzelte und setzte dann den Kaffee auf.
Dann griff er zum Telefon und wählte Josephines Nummer.
„Parker“, meldete sie sich am anderen Ende der Leitung und Dave holte Luft.
„Hi, hier ist Dave.“
„Oh hi. Warte ich geb sie dir“, grinste sie und reichte den Hörer an Sally
weiter.
Dave wollte noch NEIN rufen, aber da hörte er es auch schon knistern und
sein Herz setzte für einen Moment aus als er ihre Stimme hörte.
„Ja bitte?“
„Äh … hi … ich meine Guten Morgen. Ich bin’s, Dave.“
Am liebsten hätte er seinen Kopf gegen eine Wand geschleudert.
„Den wünsche ich dir auch, Dave. Was verschafft mir die Ehre deines Anrufes?“
„Bedarf es denn einem bestimmten Grund?“ fragte er freundlich und ließ
sich langsam auf den Stuhl am Küchentisch nieder.
„Nein, bedarf es nicht. Ich freue mich, deine Stimme zu hören“, antwortete
sie lächelnd und verließ dann das Wohnzimmer, um in Ruhe telefonieren
zu können.
Josephine schaute ihr grinsend nach. Oh ja, die Beiden waren definitiv auf dem
besten Wege sich ineinander zu verlieben, wenn es nicht schon längst passiert
war.
„Was machst du heute so den lieben langen Tag?“
Sally malte kleine Kreise auf den Küchentisch und schmunzelte bei Daves
Frage.
„Bis jetzt noch nichts. Ich hab grad Josie beim suchen ein paar Fotos geholfen.
Irgendein Herrenmagazin will Fotos von … ähm … Wie heißt Kians Freundin?“
„Jodi“, sagte er und musste an das Gespräch mit Kian einen Abend zuvor
denken. Hätte er ihn nicht rauswerfen sollen? Hatte er völlig falsch
reagiert?
„Ja genau, Jodi. Ganz schön heißer Feger. Was will so eine Frau mit
Kian?“
Dave verschluckte sich fast am Kaffee und räusperte sich.
„Wie meinst du das?“
„Na sie hat doch bestimmt andere Ziele als die bessere Hälfte von einem
Boyband-Mitglied zu sein, oder?
Ich meine, hallo, hast du dir sie mal angeschaut? Sie könnte locker Fuß
in Hollywood fassen mit ihrem Aussehen.
Ob sie was im Kopf hat ist eh nebensächlich in den Staaten.
Da zählt nur die Körbchengröße“, plauderte sie munter drauf
los und lehnte sich entspannt zurück.
Dave schüttelte belustigt den Kopf. Waren es doch auch seine Gedanken die
ihm von Anfang an, als Kian mit Jodi zusammenkam, durch den Kopf gingen. Er
hatte Angst, dass sie Kian nur als Sprungbrett benutzen würde um in ihrer
Karriere schneller voran zu kommen. Sie wäre jedenfalls nicht die Erste.
„Das hast du nur an Hand der Fotos gesehen? Erstaunlich.“
„Machst du dich über mich lustig …“, sie machte eine kurze Pause, „ du
Rüpel du“, sagte sie noch kichernd und lachte anschließend herzhaft
über Daves Versuche sich zu verteidigen.
„Ich hole dich, sagen wir, um 2 Uhr ab, dann zeige ich dir, dass auch ein Rüpel
nette Seiten haben kann, liebste Sally.“
Sally musste schmunzeln und räusperte sich.
„Aber ich komme nur mit dir mit, wenn du mir versprichst keine unschuldigen
Menschen durch die Gegend zu schupsen, Dave.“
„Ich verspreche es“, sagte er und lehnte sich entspannt zurück.
„Gut, dann sei um 2 Uhr hier. Wohin entführst du mich?“
„Überraschung.“
„Ach komm schon. Ich muss doch wissen, was ich anziehen soll.“
„Ist das deine einzige Sorge“, schmunzelte er.
„Dave Last. Ich muss doch wissen ob ich mich schick machen soll oder einfach
in Jogginghose und Schlabbershirt auf die Straße gehen kann. Also, wohin
geht’s?“
„Zieh dir was bequemes an. Nichts extravagantes. Einfach etwas, in dem du dich
wohl fühlst.
Und ich werde dir noch immer nicht sagen wohin ich dich entführe, denn
dann wäre ja die Überraschung futsch.“
„Ok, dann lass ich das kleine schwarze im Schrank und kram die Jeans ausm Schrank
die ich damals aus der Altkleidersammlung fischen konnte.“
Dave musste lachen und schüttelte den Kopf.
„Mach das, Kleines. Ich bin um 2 Uhr bei dir. Bis dann, Sally.“
„Bis dann, Großer“, kicherte sie und legte auf.
Dann sprang sie auf und rannte ins Wohnzimmer.
„Ich brauch die älteste Jeans die du hast, Jo!“
*
Kian lief die Auffahrt zu Shanes Anwesen rauf, als sein Handy klingelte.
„Ja?“
„Ich bin es“, meldete sich ein dünnes Stimmchen und Kian blieb auf der
Stelle stehen.
„Jodi, was … was willst du?“
Langsam setzte er sich wieder in Bewegung und kam vor Shanes Haustür zum
stehen.
„Können wir bitte in Ruhe reden, Kian?“
Er lachte kurz auf und schluckte.
„Darf ich dich daran erinnern, dass DU gestern zu mir gekommen bist und mir
gesagt hast, dass du dir eine Zukunft mit mir nicht vorstellen kannst.
Also waru …“
„Bitte Kian. Lass uns nicht so auseinandergehen.“
„Ich glaub du tickst nicht mehr richtig, Jodi. Lass mich in Ruhe und geh zu
deinem Typen, der dich groß rausbringen will.
Ich wüsste nicht, was wir uns noch zu sagen hätten.
Wenn ich dich daran erinnern darf, dann warst du es die gesagt hat, ich würde
deiner Karriere nur im Weg stehen. Lass mich in Ruhe Jodi.“
Ohne eine Antwort von ihr abzuwarten legte er auf und schaltete dann sein Handy
aus. Dann klingelte er bei Shane und holte noch einmal tief Luft.
*
Aufgeregt rannte Sally durch das Haus und machte Josephine völlig verrückt
damit.
„Herr Gott noch mal! Jetzt hock dich auf deine 4 Buchstaben. Du machst mich
ganz wahnsinnig.“
Sally sah ihre Freundin an und biss sich nervös auf der Unterlippe herum.
„Kann ich so gehen?“
Sie schaute an sich herunter. Sie trug eine ausgewaschene Hüftjeans und
ein weißes Top. Darüber hatte sie ein weißes Kapuzenjäckchen
mit hellblauen Kordeln an. Ihre langen braunen Haare lagen offen auf ihren Schultern
und ihre Locken glänzten. Ihre grünen Augen funkelten und ihr dezentes
Make - Up unterstrich ihre Natürlichkeit.
„Du siehst toll aus, Sal. Dave wird aus den Latschen kippen, wenn er dich so
sieht“, kicherte sie, ging zu ihr und nahm sie in den Arm.
Als es klingelte zuckte Sally zusammen.
„Er ist viel zu früh, Josie. Ist doch erst viertel vor“, stammelte sie
nervös und lief ins Bad um sich noch einmal im Spiegel zu betrachten.
Josephine ging Kopfschüttelnd zur Haustür, machte sie auf und trat
einen Schritt zurück.
„Alle Achtung“, schmunzelte sie, als sie Dave begrüßte.
„Kann ich so gehen?“ fragte er vorsichtig.
Er trug eine dunkelblaue Jeans, ein rot-blaues Polo - Shirt und darüber
seine Winterjacke mit Fellkapuze.
„Jetzt fang du nicht auch noch an. Sally geht mir seit Stunden damit auf die
Nerven“, grinste sie ihn an und bat ihn dann herein.
Sally atmete tief durch und ging dann nach unten.
Dave lächelte sie an und ging zu ihr.
„Du siehst toll aus“, flüsterte er ihr ins Ohr und umarmte sie kurz.
„Danke. Du aber auch“, sagte sie leise und räusperte sich.
„Ich störe die traute Zweisamkeit ja nur ungern, aber …“
„Wir sind schon weg“, sagte Dave schnell und zog Sally mit zur Tür.
Sally griff sich ihren Wintermantel, winkte ihrer Freundin zu und verließ
dann mit Dave das Haus.
Lachend liefen sie zu Daves Wagen und stiegen ein.
„Ich glaub sie war noch nie so froh allein zu sein“, feixte Sally und schnallte
sich an.
„Da bin ich froh, das ich allein lebe“, schmunzelte er und fuhr den Wagen vom
Grundstück.
„So, jetzt will ich aber wissen, wohin du mich entführst.“
Dave sah sie an und schüttelte den Kopf.
„Das ist und bleibt noch immer eine Überraschung“, sagte er freundlich
und lächelte sie an.
„Bin schon still und warte gespannt auf das, was noch folgen wird.“
Sie lehnte sich entspannt zurück und betrachtete die grüne Landschaft,
die an ihr vorbeiflog.
Endlich wieder zu Hause.
Dave beobachtete sie aus den Augenwinkeln und fuhr zufrieden lächelnd in
Richtung Innenstadt.
*
Völlig entspannt und losgelöst lagen die Beiden im Wohnzimmer auf
der Couch und zogen sich zum zweiten Mal „Titanic“ rein.
Rowen reichte Mark die Tempo-Box, als Leonardo DiCaprio, steif wie ein Waschbrett,
ertrinkt und Kate Winslet es schafft, auf dem riesigen Ozean, nur mit einer
kleinen Trillerpfeife bewaffnet, Hilfe ranzupfeifen.
„Wahnsinn“, murmelt Rowen, „wenn man solche Special Effects im wahren Leben
einsetzt scherrt sich niemand um einen.“
„Gott was bist du unromantisch“, schniefte Mark in ein Tempo und griff sich
ein weiteres.
„Ich bin doch nicht unromantisch. Ich finde es einfach mal übertrieben
dargestellt.
Stell dir mal bitte vor du liegst auf diesem riesigen See“, Rowen holte effektvoll
mit den Armen aus, „auf einer Tür und pustest in eine klitzekleine Trillerpfeife,
während über dir ein Orkan wütet.
Wer, denkst du, soll das bitte hören?“
Mark zog eine Augenbraue hoch, beugte sich zu Rowen und sah ihm tief in die
Augen.
„Flipper“, sagte er leise und nickte mit dem Kopf, um seiner Antwort noch den
gewissen Nachdruck zu verleihen.
„Argh! Du weißt wie ich das meine, Bärchen. Da kann selbst dein Flipper
nicht viel ausrichten.“
„Oh doch, hast du `ne Ahnung, Row. Der Flipper hört das über mehrere
Meilen hinweg und kommt gaaaanz schnell angeschwommen.
Und sei doch mal ehrlich. Du würdest doch auch lieber vom Flipper gerettet
werden wollen als vom weißen Hai verspeist zu werden.“
Rowen kratzte sich am Kopf und sah Mark verwirrt an.
„Wo taucht bei Titanic bitte ein Hai auf?“
Lachend ließ er sich zurück in die Kissen fallen und hielt sich den
Bauch vor Lachen.
„Aaaaaaahhh … du bist der Wahnsinn, Row“, sagte er lachend und schüttelte
den Kopf.
„Das war doch nur metadingens gemeint“, versuchte er zu sagen und verhaspelte
sich total, so dass nun auch Rowen anfangen musste zu grinsen.
„Machst du dich über mich lustig, Bärchen?“
„Das würde ich mir nie wagen“, säuselte er, setzte sich auf und kuschelte
sich an Rowen.
Mark küsste ihn auf den Rücken und ließ sich dann wieder nach
hinten fallen.
„Wollen wir noch mal?“
„Noch mal auf Flipper warten?“ fragte Rowen mit großen Augen.
„Bitte tu mir das nicht an, Bärchen. Ich schau mir gern alle drei Teile
vom Herrn der Ringe mit dir in Dauerschleife an, aber nicht noch einmal Titanic
bitte.“
Schmunzelnd zog er ihn zu sich herunter und kuschelte sich eng an ihn.
„Na gut. Aber nur weil du mich so lieb darum bittest“, raunte er ihm ins Ohr
und hauchte einen Kuss darauf.
„Danke“, flüsterte er und drehte seinen Kopf um, um im nächsten Moment
in einem leidenschaftlichen Kuss mit Mark zu verschmelzen.
Das nervige und unaufhörliche Klingeln von Marks Handy riss sie aus ihrer kleinen heilen Welt, in der sie sich wenigstens über das Wochenende geflüchtet hatten, und holte beide auf den Boden der Tatsachen zurück als Mark das Gespräch annahm und wie ein Pfeil nach oben schoss.
*
Als sie in die Merrion Street bogen und vorm Merrion Hotel hielten wurde Sally
nun doch etwas mulmig zumute.
Hatte sie sich wohl doch in Dave getäuscht? Wollte er sie nur …
„Warst du schon mal in diesem Restaurant hier“, fragte er sie lächelnd,
als er den Motor abstellte und den Zündschlüssel zog.
Sie schüttelte den Kopf, sah ihn an und lächelte.
„Nein, bisher noch nicht“, sagte sie ehrlich und schnallte sich ab.
„Warte“, sagte Dave schnell, stieg aus dem Wagen und lief zu ihr herum. Dann
öffnete er ihr die Tür und streckte ihr lächelnd seinen Arm hin.
Nachdem sie ausgestiegen war liefen sie ins hoteleigene Restaurant Patrick Guilbaud
und ließen sich an den Tisch führen, den Dave bestellt hatte.
„Meinst du nicht, das wir ein wenig underdressed sind“, murmelte Sally leicht
nach vorn gebeugt und sah ihn an.
„Meinst du?“ fragte er ebenso murmelnd zurück und hätte sie am liebsten
in den Arm genommen.
Sie war auf ihre eigene Art und Weise so herzlich und, ja sie war sogar süß,
man musste sie einfach lieb haben.
„Na ja. Ich hätte vielleicht nicht gerade meine Federboa ummachen müssen“,
kicherte sie, als eine etwas betagte Dame an ihrem Tisch vorbei lief und wie
ein gerupftes Huhn aussah.
„Du bist unmöglich“, grinste Dave und reichte ihr eine der Speisekarten.
Als Sally die Preise sah wurde ihr etwas schummerig und sie entschied sich,
nur eine Vorspeise zu essen und ein Glas Rotwein zu trinken. Allein für
den Preis der Vorspeise hätte sie fünf McRibs bei McDonalds bekommen.
„Such dir bitte aus was du möchtest“, hörte sie Dave sagen als ob
er ihre Gedanken lesen konnte.
Wie wäre es mit einem Kleinwagen, schoss es Sally durch den Kopf als sie
die Hauptspeisen und die Preise studierte.
Sie musste leicht lächeln, als sie kurz an den Nachmittag mit ihrer Mum
im Berliner Adlon Hotel dachte.
Dort wurden die Preise erst gar nicht auf der Karte aufgeführt was sie
aber lieber hätten tun sollen, denn als die Rechnung kam sind ihnen sämtliche
Gesichtszüge entglitten und sie starrten beide den Kellner an. Sie sollten
doch tatsächlich für zwei Cappuccinos und zwei klitzekleine Gläschen
Wasser 25 Euro bezahlen.
Das Sally sich darüber wie ein Rohrspatz aufgeregt hatte, muss hier nicht
noch extra erwähnt werden, oder.
Dave schaute von der Karte auf als er Sally kichern hörte.
„Ist alles okay mit dir?“
Sally nickte und wischte sich kurz eine Träne weg.
„Ja, danke. Es ist alles in bester Ordnung“, kicherte sie noch immer und erzählte
Dave dann einfach von dem Nachmittag.
Als sie beide kauend vor ihrem Essen saßen und ab und zu an ihrem Wein
nippten fiel eine gewisse Vertrautheit wie ein Schleier über beide und
hüllte sie ein.
„Wie schmeckt dein Huhn?“
Sally zog die Nase kraus und sah ihn an.
„Wenn dein Lamm besser schmeckt, dann will ich sofort tauschen.“
Ohne mit der Wimper zu zucken tauschte er die Teller aus und grinste sie an.
„Dann hau rein“, sagte er und machte sich an ihr Hühnchen.
„Oh“, kam es kurz darauf und Sally hielt sich eine Hand vor den Mund um nicht
laut los zu lachen.
„Ich hab doch gesagt, es schmeckt furchtbar“, sagte sie nach Luft ringend und
schaute betroffen auf die Tischplatte.
„Such dir was neues aus, Sally.“
„Was? Nein. Vergiss es Dave“, schüttelte sie energisch den Kopf und sah
ihn an.
Dave winkte einen Kellner heran.
„Sie wünschen?“
„Die Rechnung, bitte.“
„Jawohl, Sir. Die Rechnung.“
Der Kellner rauschte wieder davon und Sally starrte Dave an.
„Aber du hast doch noch gar nicht …“
Dave legte einen Finger auf ihre Lippe und lächelte sie an.
Sofort war sie ruhig und senkte ihren Blick.
Die Rechnung war gezahlt und der Kellner tippelte mit einem üppigen Trinkgeld
davon.
Dave half Sally in ihren Mantel, dann verließen sie das Restaurant und
schlenderten zum Auto.
„Ich weiß ja nicht wie es dir geht“, sagte er leicht zu ihr herunter gebeugt
und legte einen Hand auf ihren Rücken, „aber ich hab …“
„Hunger wie ein Wolf? Gut, dann bin ich wenigstens nicht allein.“
Sie sah ihn an und zwinkerte ihm zu. Dann zog sie ihn zum Auto.
„Komm, ich weiß wo wir hinfahren können. Dort schmeckt es garantiert
und die Preise sind um einiges besser.“
„Also der nächste McDonald ist um die Ecke“, feixte Dave.
„Na dann ab. Ich zahle. Und keine Widerrede, Mister.“
Seufzend ging er zu ihr und blinzelte gegen die Sonne an.
„Aber das war do …“
Sally legte Dave einen Finger auf seine Lippen und sah ihn an.
„Keine Widerrede. Und jetzt komm, ich hab Hunger.“
Ohne großen Widerstand zu leisten bot er ihr seinen linken Arm an, Sally
hakte sich bei ihm unter und dann gingen sie gemeinsam zum nächsten McDonalds.
*
Kaum hatte Mark aufgelegt kroch er von der Couch und rannte nach oben ins Bad.
Rowen schaute ihm erschrocken nach und lief ihm kurz darauf hinterher.
„Was ist denn los?“
Angst machte sich in ihm breit, als er Mark vor der Toilette kauern saß
und hörte wie er würgte.
Langsam ging er zu ihm, atmete durch den Mund und legte eine Hand auf seinen
Rücken nachdem er sich hinter ihn gehockt hatte.
Beruhigend strich er ihm den Rücken auf und ab.
Erschöpft drückte Mark die Spülung und ließ sich nach hinten
fallen.
Rowen schlang seine Arme um ihn und zog Mark an sich.
„Was ist passiert?“ fragte er leise und küsste ihn in den Nacken.
„Wovor ich mich immer gefürchtet habe“, flüsterte Mark und ließ
den Kopf hängen.
„Du hast vor so vielem Angst, Bärchen. Woher soll ich wissen was das ist?“
Seufzend hob er den Kopf und räusperte sich.
„Colin ist vor 2 Tagen mit seiner Klasse nach Berlin geflogen“, sagte er leise
und hörte noch immer seine Stimme im Ohr die ihn völlig entsetzt fragte,
ob er das wirklich auf dem Foto sei, was er in der Agentur von diesem Fotografen
gesehen habe, die sie heute besichtigt hatten.
Dann erzählte er Rowen davon und übergab sich kurz darauf ein weiteres
Mal.
*
Ängstlich steckte Colin das Handy wieder in seine Tasche und lief zu seiner
Gruppe zurück, aber nicht ohne vorher die Fotos in seinem Rucksack verschwinden
zu lassen.
Als er sich wieder unbemerkt unter seine Klassenkameraden gemischt hatte stürzte
eine junge Frau in die Agentur und schob ihre Sonnenbrille tiefer ins Gesicht.
Sie begrüßte Tom mit einem Kuss und lief dann nach oben.
Wahrscheinlich hatte er da oben seine Wohnung.
Colin hielt den Atem an und schob sich schräg hinter Janet um von der Frau
nicht erkannt zu werden.
Es handelte sich eindeutig um Jodi. Um Kians Jodi. Was hatte sie hier zu suchen?
Und wieso küsste sie diesen Dreckskerl der ekelhafte Fotos von seinem Bruder
gemacht hatte?
Er musste hier weg. Und am besten unerkannt.
Als ein leises raunen durch die Gruppe ging schloss er die Augen und wünschte
sich weit weg. Am liebsten nach Sligo, wo er sich an seine Mum kuscheln konnte
und nicht in diesem Alptraum fest saß.
„War das nicht eben Jodi?“
„Ich glaube auch. Sie sah ihr jedenfalls verdammt ähnlich.“
„Ob Kian davon weiß?“
Hatten diese Klatschtanten keine anderen Probleme?
Colin sehnte sich das Ende der Führung herbei.
Colin atmete erleichtert auf als sie in der U-Bahn Richtung Potsdamer Platz saßen. Er zückte sein Handy und schrieb Mark eine Nachricht.
Mach dir keine Sorgen. Ich hab mir die Fotos geschnappt. Ich hab dich lieb.
Entschuldige wegen vorhin. Ich war so durcheinander.
Colin
PS: Was macht Jodi hier?
Nachdem er Mark die Nachricht geschickt hatte schloss er für einen Moment
die Augen und atmete tief durch.
Wo war sein Bruder da nur reingeraten?
*
Ohne ihn nur einmal zu unterbrechen hörte Shane Kian zu und nippte immer
wieder an seinem Tee.
Dann räusperte er sich und sah Kian an, der sich erschöpft in den
Sessel zurückfallen ließ.
„Erst einmal möchte ich dir sagen das es mir leid tut mit Jodi. Ich weiß
wie sehr du sie liebst und das du gerade durch die Hölle gehst.
Aber du hast dich gegenüber Dave und Josephine, so leid es mir tut, unfair
verhalten. Vergiss bitte nicht das Dave auch in die ganze Sache involviert ist.
Warum du dich an Josephine gewandt hast weiß ich nicht. Es ist mir, ehrlich
gesagt, ein Rätsel. Okay sie ist … war die Frau einer unserer besten Freunde,
aber das war es auch schon.
Wieso bist du denn nicht gleich zu mir gekommen? Du weißt doch, das meine
Tür für dich immer und jeder Zeit offen steht.“
„Ich weiß es nicht Shane“, seufzte er auf und rieb sich mit einer Hand
über sein müdes Gesicht.
„Vielleicht weil ich dachte das gerade sie mich verstehen würde.“
„Tut mir leid, aber einen Menschen durch den Tod zu verlieren ist was wesentlich
anderes als eine Trennung, Kian. Vergiss das bitte nicht.“
Shane sah seinen Freund an und seufzte auf.
„Besteht denn bei dir und Jodi keine Hoffnung mehr?“
Verwirrt sah er auf und runzelte die Stirn.
„Hast du mir eben nicht zugehört?
Sie hat mir klar und deutlich gesagt, das ich ihr nur im Weg stehe, während
sie die Karriereleiter raufklettern möchte.
Wo bitte soll da der Funken Hoffnung noch herkommen?“
Kian wischte sich energisch eine Träne weg und trank seinen Tee aus.
Dann stellte er die Tasse auf das kleine runde Glastellerchen ab, die Gillian
ihm als Untersetzer hingelegt hatte.
„Ich muss für jeden und alles Verständnis haben, aber wie es mir dabei
am Ende geht interessiert keinen.
Ja ich weiß, das ich bei Dave und Josie ein wenig überreagiert habe,
aber mir war nicht nach Party zumute, Shane.
Mich hat meine Freundin abserviert, auf die beschissenste Art und Weise und
ruft mich einen Tag darauf wieder an und tut so, als ob sie schlecht geschlafen
hätte.
Ich hab alles für Jodi getan. Alles!
Bin ein paar Tage später zu Albenaufnahmen gefahren damit ich Zeit mit
ihr verbringen konnte, bevor sie wieder zum drehen oder zu einem Fotoshoot musste.
Ich weiß nicht was ich getan habe oder auch nicht getan habe, dass sie
mich so abschießt.
Und jetzt komm du mir nicht mit der Masche, das ich doch Verständnis haben
soll.
Ich hab die Schnauze bis hier oben hin gestrichen voll.
Gibt es denn keine Frauen mehr, die mich mögen, weil ich Kian Egan bin
und nicht ein Mitglied einer der berühmtesten Bands von Irland und England.“
Er hatte sich seinem Frust so richtig Luft gemacht und atmete tief durch.
Wieso hatte er das Gefühl das niemand ihn verstand?
Wieso bitte ergriffen alle für die gegnerische Mannschaft Partei?
Hatte er denn kein Recht darauf zu sagen was er dachte, wie er sich fühlte?
Verdammt hier war keine Kamera!
Nirgends stand ein schleimiger Reporter!
Warum also machten alle so ein Drama draus, wenn er einfach seinen Gefühlen
auf eine Art und Weise Luft machte, die für ihn selbstverständlich
war?
Er erhob sich aus dem Sessel und sah Shane an, der bis jetzt nichts dazu gesagt
hatte.
„Kann ich auf der Strichliste unter Jodis Namen einen Strich für dich setzen?
Findest du auch, sie hat sich mir gegenüber loyal und fair verhalten?“
„Kian, was soll das denn jetzt?
Das ist doch jetzt völliger Quatsch, den du hier von dir gibst.“
Shane sah auf und zog seine linke Augenbraue nach oben.
„Es tut mir von Herzen leid wie sie dich abserviert hat, denn das hast du nicht
verdient, aber was willst du denn noch hören?
Man, verdammt Kian. Brian will die Band verlassen und Mark wird von so einem
…“, er fuchtelte mit dem rechten Arm vor seinem Kopf herum, „Wichser mit irgendwelchen
ekelhaften Fotos erpresst und du heulst wegen einer in die Brüche gegangene
Beziehung.
Hier geht es um wesentlich mehr als Liebeskummer, Kian. Es geht um die Zukunft
von uns allen.“
Shane stand auf und verließ das Wohnzimmer.
Er war zu aufgewühlt um sich noch weiter mit ihm zu unterhalten.
Kian schluckte, schaute sich hilflos im Wohnzimmer um und setzte sich wieder
in den Sessel.
Dann stand er erneut auf, griff sich seine Tasse und lief damit in die Küche.
Er stellte sie in die Spüle und verließ dann, ohne sich von Gillian
und Shane zu verabschieden, das Haus.
*
„Mein Handy“, stöhnte Mark erschöpft auf und Rowen half ihm hoch.
Gemeinsam gingen sie Arm in Arm zurück ins Wohnzimmer und Mark ließ
sich auf die Couch fallen.
Er beugte sich zu seinem Handy vor das auf dem Tisch lag und öffnete die
Nachricht von Colin.
„Oh mein Gott“, flüsterte er entsetzt und reichte Rowen das Handy weiter.
„Sag mir, dass das nicht stimmt, bitte“, sagte er leise und zog seine Beine
dicht an seinen Körper.
Rowen war geschockt über die Nachricht von Colin.
„Der hat die Bilder geklaut? Und was ist das bitte mit Jodi?“
Mark sah Rowen an und schluckte.
„Wir müssen unbedingt mit Kian reden, Row.“
„Aber wir wissen doch gar nicht, ob sie nicht nur einen Auftrag dort hatte“,
sagte er vorsichtig.
„Kian muss Bescheid wissen, Rowen. Ich will nicht, dass er durch die gleiche
Hölle muss wie Brian und ich. Er MUSS es wissen.“
Mark stand auf, suchte seine Sachen zusammen und zog sich an.
„Wo willst du hin?“
„Zu Kian. Komm mit oder lass es bleiben. Ich seh nicht einfach so zu wie Tom
noch ein weiteres Leben zerstört.
Und das Jodi eventuell in der Sache mit drinnen hängt, macht das alles
nur noch komplizierter.
Ich will gar nicht wissen, welche Informationen sie Tom schon zugespielt hat.
Verlogenes Miststück.“
Mark lief in den Flur, zog sich seine Sneakers an und sah noch einmal zu Rowen.
„Ich liebe dich, Rowen.“
„Ich liebe dich auch, Bärchen. Bitte ruf an, wenn was ist.“
„Mach ich. Kann ich heute wieder hier schlafen?“
Rowen nickte ihm zu und lächelte.
Mark lief noch mal schnell zu ihm, drückte ihm einen Kuss auf und verließ
dann das Haus.
*
Völlig in sich gekehrt saß Colin im Bett der Jugendherberge und
weinte leise vor sich hin. Warum hatte man ihm immer versucht zu sagen, dass
es die Hölle nicht gibt?
Was war denn das heute dann bitte, wenn nicht die Hölle?
„Ich will heim“, jammerte er und schreckte hoch als das Handy, was er fest in
seiner Hand hielt, klingelte und vibrierte.
Etwas zögernd ging er ran.
„Ja bitte?“
„Colin … mein … Gott, ich weiß nicht was ich sagen soll“, heulte Mark
ins Handy und schniefte hoch.
„Mark“, flüsterte er, „was hast du getan? Was sind das für Bilder?“
Zitternd ließ sich Mark auf den Stein in Kians Auffahrt nieder und stützte
seinen Kopf auf seiner rechten Hand ab.
„Bilder, die du nie zu Gesicht bekommen hättest sollen. Es tut mir so leid,
Colin. Ich …“, er zündete sich eine Zigarette an und atmete den Rauch tief
ein, bevor er ihn wieder ausstieß.
„Was soll ich mit den Bildern denn jetzt machen, Mark? Ich hab ja nicht mal
nachgeschaut, ob ich auch die richtigen Negative erwischt habe. Ich hab einfach
alles eingesteckt, was da rum lag, und wo du drauf warst.“
Mark fiel fast das Telefon aus der Hand.
„Sag das noch mal, Colin“, flüsterte er schon fast in sein Handy und fasste
sich an den Hals.
„Ich hab alles eingeste …“
„Nein, das meinte ich nicht“, unterbrach er seinen kleinen Bruder.
„Du hast die Negative?“
„Ich glaube schon. Wieso?“
Mark wusste nicht ob er lachen oder weinen sollte.
„Kannst du … Colin würdest du … es tut mir leid, aber könntest du
…“
Mark schluckte um die aufkommende Übelkeit zu verdrängen und atmete
ein paar Mal tief durch.
Im Hintergrund hörte er etwas rascheln, dann wurde irgendetwas über
einen Holzboden geschleift und dann knisterte es.
„Colin? Was machst du da?“
„Na du willst doch wissen, ob das die richtigen Negative sind, oder? Meinst
du, ich lass hier jeden einen Blick auf deinen nackten Arsch werfen? Der von
Brian ist mir ja egal, aber deiner doch nicht.
Was soll denn Row davon halten, wenn ich dich …“
„Schon gut Colin. Ich hab’s ja verstanden.“ Mark schüttelte den Kopf und
fasste sich an die Stirn.
Womit hatte er nur so einen fantastischen Bruder verdient?
„Ähm, Mark?“
„Ja?“
„Was hat Jodi eigentlich mit diesem Tom Klien zu schaffen?“
Er schluckte und traute sich kaum nachzuhaken.
„Wieso?“
„Na erst taucht sie bei ihm in der Agentur auf, dann schlabbert sie ihn vor
unseren Augen ab und die Negative hier von ihr … ähm …“, Colin rümpfte
die Nase und legte den Negativstreifen weg.
„Ist sie allein auf den Bildern? Wie sieht sie da aus?
Colin das ist wichtig. Ich muss das wissen.“
„Nein, überall ist dieser Tom mit oben und die beiden … ähm … na ja,
Rowen würde sagen, das sie verbotene Sachen machen, aber Brian würde
sagen, dass der Kerl bei Jodi ein Rohr verlegt.“
Trotz der Ernsthaftigkeit musste Mark schmunzeln. Colin war einfach wunderbar.
„Sind die anderen Negative auch dabei?“
„Warte, da muss ich kucken“, sagte er eifrig und Mark hörte es in der Leitung
wieder rascheln.
„Ich hab sie“, hörte er Colin eifrig sagen und wäre am liebsten durch
die Leitung gekrochen um seinem Bruder die erdrückendste Umarmung seines
Lebens zu verabreichen.
Erleichtert atmete Mark auf und musste sich erst einmal sammeln, bevor er etwas
sagte.
„Ich … Colin, ich …“
„Ist schon okay, Mark. Wenn ich nicht vor lauter Langeweile fast eingeschlafen
wäre, dann …“
„Ich hab verstanden. Ich bin dir und deiner Langeweile so dankbar Colin. Ich
weiß nicht, wie ich das wieder gut machen kann.“
„Hab ich dir schon gesagt, dass meine Playstation voll im Eimer ist? Ach, und
dann gibt es da zwei neue Spiele die ich gern noch hätte, aber Mum will
die mir nicht kaufen.“
Mark lachte auf und Tränen bildeten sich in seinen Augen.
„Wann kommst du wieder heim?“
„Übermorgen“, beeilte Colin sich zu sagen.
„Gut, dann fahren wir beide nach Dub und gehen mal so richtig shoppen. Vielleicht
kommen ja noch Nicky und Brian mit.
Was hälst du davon?“
„Meine Jeans hat auch schon bessere Tage gesehen. Hab ich das schon erwähnt?“
„Bist du jetzt bald fertig“, lachte Mark und konnte seinen Bruder am anderen
Ende der Leitung ebenfalls lachen hören.
„Ich muss Schluss machen, Mark. Gibt gleich Abendbrot hier.“
„Kein Problem. Ich danke dir von ganzen Herzen Colin.“
„Nix zu danken. Du würdest das auch für mich tun. Würdest du
doch, oder?“
„Ja, würde ich. Was denn das für eine Frage?“
Colin schob das Bett wieder an seinen Platz und ging zum Fenster.
„Holst du mich Freitag vom Flughafen ab, Mark? … Bitte.“
„Wenn du mir sagst wann ihr landet, bin ich pünktlich da. So, und jetzt
geh essen fassen, Großer. Ich hab dich lieb.“
„Ich schick dir `ne SMS, ok. Ich hab dich auch lieb. Grüß Mum und
Dad von mir. Und Rowen natürlich auch.“
„Wird erledigt. Bis Freitag!“
Colin verabschiedete sich und legte dann auf.
Er verstaute alle Bilder und Negative an einem sicheren Ort und ging dann in
den Speisesaal der Jugendherberge, in der seine Klassenkameraden schon fast
alle versammelt waren.
Mark steckte sein Handy weg und griff zur Zigarettenschachtel, als Kian die
Auffahrt hinauf kam.
„Lieber Gott, geb mir die Kraft das durchzustehen“, murmelte Mark, erhob sich
vom Stein und ging auf Kian zu.
*
Gemütlich schlenderten sie durch den St. Stephens Green und genossen einfach
die Nähe des anderen.
„Darf ich dich mal was fragen, Sally?“
Das Gesicht tief in den Schal vergraben sah sie ihn mit großen Augen an.
„Schon wieder“, nuschelte sie kichernd in ihren Schal.
Daves Herz machte einen Aussetzer und er hätte sie am liebsten … Handeln,
nicht immer über alles nachdenken, schallte er sich in Gedanken.
Im nächsten Moment zog er sie einfach in seine Arme und drückte sie
an sich.
„Die Frage gefällt mir“, sagte sie leise und legte ihren Kopf auf seine
Brust.
„Ich hab doch noch gar nichts gesagt“, antwortete er und strich über ihren
Rücken.
Sally hob ihren Kopf und sah ihn an.
„Dann muss ich mich wohl verhört haben“, flüsterte sie und schluckte.
Beide sahen sie sich nur an und schienen alles um sich herum zu vergessen. Als
sich ihre Gesichter Zentimeter um Zentimeter näherten schien selbst der
Schnee auf den Bäumen und dem Rasen zu schmelzen.
Zaghaft legten sie ihre Lippen aufeinander und kosteten kurz voneinander, bevor
sie sich wieder trennten.
Die Augen noch immer geschlossen, durchlebte Sally den Kuss fast noch einmal
und als sich Daves Lippen erneut auf ihre legten gab sie sich ihren Gefühlen
hin.
Sanft kostete sie von seiner Unterlippe, knabberte kurz an ihr und verschmolz
in einem Kuss mit Dave der sie alles vergessen ließ.
Auch Dave schien völlig die Zeit zu vergessen und strich ihre Wangen mit
seinen Daumen entlang während er sie immer inniger küsste.
Wie lange sie sich mit der Sprache der Liebe unterhalten hatten wussten sie
nicht mehr, als sich ihre Lippen voneinander trennten, aber die leichte rosa
Gesichtsfärbung der Beiden sprach Bände.
Eine kleine Weile standen sie noch eng umschlungen auf dem mit Schnee bedeckten
Rasen des St. Stephens Green bevor sie Hand in Hand zurück zum Auto schlenderten.
Vor Josephines Haus hielt Dave an und sah Sally an.
„Darf ich dich wiedersehen?“
„Ich bitte darum“, lächelte sie ihn an und schnallte sich ab.
„Warte. Ich bring dich noch bis zur Tür“, sagte er schnell, schnallte sich
ab und stieg aus dem Wagen.
Sally sah ihm schmunzelnd dabei zu wie er um das Auto schlitterte und dann ihre
Tür öffnete.
Sie rutschte vom Sitz direkt in seine Arme und sah ihm direkt in die Augen.
„Darf ich dich noch einmal …“
Dave beugte sich lächelnd zu ihr herunter und küsste sie erneut, ohne
das Sally ihre Frage zu Ende gestellt hatte.
Sie legte eine Hand in seinen Nacken, und zog ihn weiter zu sich herunter, während
sie sich auf die Zehenspitzen stellte.
Zärtlich kraulte sie Dave im Nacken und er seufzte leise auf.
Immer leidenschaftlicher wurden ihre Küsse und bevor sie beide völlig
die Besinnung verlieren würden lösten sie sich voneinander und sahen
sich, völlig außer Atem, an.
„Magst du morgen mit mir in den Zoo gehen?“
Dave musste über ihre Frage schmunzeln und nickte dann.
„Sehr gern. Wann darf ich dich abholen?“
Sally schmiegte sich an seine Brust und Dave stützte sein Kinn auf ihrem
Kopf ab.
„So wie heute? 2 Uhr?“
„Ich werde pünktlich sein, Kleines“, flüsterte er, küsste sie
auf’s Haar und beugte sich etwas zurück.
„Bis morgen, Dave. Es war einwunderschöner Tag.“
„Das fand ich auch.“
Sie küssten sich noch einmal zum Abschied, dann ging Sally zum Haus und
wartete bis Dave an der Einfahrt um die Ecke bog und ging ins Haus.
Josephine kam sofort angesprungen und als sie Sallys Blick sah grinste sie
breit.
„Ich koch uns einen Tee und dann …“
„Ich möchte keinen Tee, danke. Ich glaub, ich nehm ein heißes Bad.“
Sally lächelte ihre Freundin an und umarmte sie kurz.
Dann schälte sie sich aus ihrem Mantel, zog ihre Schuhe aus und lief die
Treppe nach oben.
*
Kian sah etwas verdutzt auf, als er Mark auf sich zu kommen sah.
„Was machst du hier, Fee?“
Mark vergrub seine Hände tief in die Hosentaschen und seufzte leise auf.
Wie sollte er ihm das nur sagen?
„Ich musste einfach mal raus. Frische Luft tanken“, sagte er schnell und räusperte
sich.
Wie oft hatte er seinen Freund schon so unsicher gesehen?
Und wie oft war das ein Zeichen dafür, das irgendetwas im Busch war?
„Okay Mark, Schluss damit. Ich bin heute echt nicht in der Stimmung für
irgendwelche Spielchen.
Entweder reden wir jetzt Klartext, oder du kannst wieder gehen.“
Kian steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte um und betrat dann sein
Haus. Die Tür ließ er offen, damit Mark ihm folgen konnte.
Unsicher folgte er ihm ins Haus und schloss die Tür hinter sich.
Wie brachte man einem seiner besten Freunde bei, das dessen Freundin mit einem
anderen Mann rummachte, der im Gegenzug mit einem selbst ins Bett stieg?
Mit zwei Flaschen Bier in der Hand kam Kian aus der Küche und sah Mark
an.
„Willst du da Wurzeln schlagen, oder findest du den Weg in mein Wohnzimmer nicht
mehr?“
„Wir müssen reden, Kian. Wir müssen ganz dringend reden …“
*
Wutentbrannt tobte Tom durch seine kleine Agentur und wühlte in den Aufnahmen
rum, die auf seinem Tisch lagen.
„JODI!!!“ brüllte er die Treppe nach oben und krallte sich am Treppengeländer
fest.
Barfuss und nur im Schlafshirt bekleidet tapste sie die Treppe ein paar Stufen
hinab und sah Tom an.
„Gibt’s irgend einen Grund warum du hier so rumbrüllst?“
Tom schnaubte einmal kräftig, riss die Augen etwas auf und nickte schnell
mit dem Kopf.
„Oh ja. Den gibt es. Die Fotos sind weg.“
„Was für Fotos“, fragte sie müde und gähnte.
Der Flug von Berlin nach Dublin, dann die Fahrt nach Sligo und wieder zurück
nach Dublin hatten ihre Spuren hinterlassen.
Sie hatte sich von Kian getrennt. Dem Mann den sie liebte. Jedenfalls glaubte
sie, ihn zu lieben.
Mehr als Tom jedenfalls, aber der hatte ihr wesentlich mehr zu bieten und außerdem
sah er unwahrscheinlich gut aus.
Sein breites Kreuz, seine starken Arme und seine feingliedrigen Finger. Dann
diese wunderschönen dunklen, Naturgelockten Haare in denen sie so gern
mit ihren Fingern versank und darin rumwuschelte.
Hatte sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen?
„Was für Fotos?!“ zischte er sie an und riss sie somit aus ihren Gedanken.
Jodi zuckte kurz auf und sah ihn an.
„DIE Fotos, meine Liebe!“
Sie verstand erst nicht war er von ihr wollte, aber dann dämmerte es ihr
langsam welche Fotos er meinte.
„So lange es nur die Fotos sind Tom“, winkte sie ab und lief die Treppe nach
unten.
„Du hast doch noch die Negative, der Schlüssel zu allem.“
Er lachte auf und sah Jodi an.
„Wie schön naiv du doch sein kannst. Meinst du, der Scheißer der
die Fotos hat mitgehen lassen, lässt die Negative zurück? So bescheuert
ist doch niemand!“
„Aber … du hast doch alles unter Verschluss gehabt. Wie …“
„Ich hatte mit dem Artikel begonnen, als diese Gruppe von Schülern hier
eintraf. Ich hatte eine Anfrage bekommen, ob ich nicht eine Führung machen
würde. Was ist schon dabei, ein paar Kids zu zeigen, wie und was ich mache.“
Jodi hielt ihn am Arm fest.
„Was waren das für Schüler?“
Sie konnte sich dumpf daran erinnern, dass irgendwer mal erwähnt hatte,
dass Colin Feehily eine Schülerreise nach Berlin machen würde. Aber
das musste ja nicht heißen, dass ausgerechnet seine Klasse heute hier
war.
Sie hatte doch kein bekanntes Gesicht gesehen, oder?
„Warum willst du das wissen? Es waren eben Schüler. Ekelhafte, pubertierende
kleine Monster. Man war ich froh als die …“
„TOM! Was waren das für Schüler und wo zum Teufel kamen die her?“
„Aus Irland, warum?“ zuckte er mit den Schultern und riss dann urplötzlich
den Kopf zu ihr rum.
„Colin“, murmelte sie und ließ sich in das Ledersofa fallen, was direkt
hinter ihr stand.
„Colin? Wer ist denn jetzt schon wieder Colin?“
„Marks Bruder“, flüsterte sie und strich sich mit der Hand über die
Stirn. Kopfschmerzen waren jetzt das Letzte, was sie brauchte.
„Dieser kleine Scheißer!“
Tom erinnerte sich an einen Jungen der auf Toilette war und als er zurückkam
war er irgendwie durch den Wind.
„Das Gesicht kam mir gleich so bekannt vor, aber konnte ich denn ahnen …“
„Du bist Fotograf Tom, du solltest einen Blick für so etwas haben. Verdammt!
Hat er alle Negative mitgehen lassen?“
„Was weiß ich denn?“
Jodi sprang auf und baute sich vor ihm auf.
„Tom! Da sind Fotos von uns dabei! Hast du einmal daran gedacht?“
Er schlug sich die Hände vors Gesicht und stieß einen dumpfen Schrei
aus.
Das war doch jetzt nicht alles wahr.
An die Negative hatte er in seinem Wahn gar nicht mehr gedacht.
Das war’s dann wohl.
Es sei denn er würde die Fotos und Negative wieder bekommen.
Aber wie?
*
Als Mark einiges erzählt hatte sackte er erschöpft in sich zusammen
und starrte auf seine Knie.
Kian schüttelte immer wieder den Kopf.
„Das kann nicht sein. Das muss eine Verwechslung sein, Mark. So was würde
sie nicht tun.“
„Sie hat dich verlassen Kian.
Sie hat dich verlassen, weil sie jemanden kennen gelernt hat, der sie groß
rausbringen kann. Und dieser jemand ist Tom.
Begreifst du denn das nicht, dass sie dir die ganze Zeit nur etwas vorgespielt
hat?
Wo war sie denn, bevor sie mit dir was anfing? Wer kannte sie denn davor groß?
Wach auf, Kian. Sie hat dich nur benutzt.“
„Hör auf damit“, fuhr er Mark mit Tränen in den Augen an.
„Du unterstellst ihr da etwas.“
Mark seufzte auf.
Sollte er jetzt mit dem Paukenschlag kommen?
„Es existieren Fotos von ihr und Tom. Eindeutige Fotos, Kian.“
Das war zuviel. Ohne ein Wort zu erwidern stand Kian auf und lief nach oben.
Das musste und konnte er sich nicht länger mit anhören.
Reichte es denn nicht das sie sich von ihm getrennt hatte? Musste auch noch
so schmutzige Wäsche gewaschen werden?
Er traute Jodi einiges zu, aber Marks Behauptungen waren einfach mal zu viel
des Guten. Nur weil Tom seinen und Brians nackten Arsch vor die Linse bekommen
hat musste Jodi nicht hinter allem stecken.
Hatte Mark am Ende doch Recht mit seiner Aussage, dass sie ihn nur benutzt hatte?
Er konnte und wollte das nicht glauben.
Mit einem Tränenschleier in den Augen ließ er sich auf sein Bett
fallen und schluchzte auf.
Wie konnte das Leben seiner Freunde und sein eigenes in nur zwei Tagen so dermaßen
aus den Fugen geraten?
Und wo zum Teufel steckte Louis, wenn man ihn brauchte?
*
Was sollte er nun tun? Er konnte ihn jetzt nicht allein lassen.
Plötzlich setzte er sich kerzengerade auf und seine Augen weiteten sich.
Was, wenn Jodi seinen Bruder erkannt hatte, als sie bei Tom auftauchte und Colins
Klasse noch anwesend war? Oh mein Gott.
Colin musste sofort weg aus Berlin!
Mark zog sein Handy und wählte die Nummer von Louis.
„Lou? Ich brauch deine Hilfe. Dringend.“
Louis setzte sich an seinen Schreibtisch, griff nach seiner Kaffeetasse und
trank einen Schluck.
„Jetzt beruhige dich erste einmal, Mark. Ich kümmer mich schon wegen den
Fotos. Morgen werde ich Dave, zusammen mit einem …“
„Colin hat die Fotos, Lou“, rief Mark aufgeregt dazwischen.
„Wie, er hat die Fotos? Wie kann er die Fotos haben?“ fragte er völlig
irritiert, griff zu den Aspirin auf seinem Tisch, ließ eine Tablette in
das Glas Wasser plumpsen und sah dabei zu, wie sie sich im Sprudel auflöste.
Sein Kopf fing schon wieder gefährlich an zu pochen.
Mark erzählte ihm von Colin, Berlin und den Fotos.
„Ja, aber wenn er Freitag doch eh wieder zurück fliegt. Wo liegt da jetzt
das Problem, Mark?“
„Das Problem hat lange braune Haare, ist völlig scharf darauf sich die
Karriereleiter hoch zu bumsen und heißt Jodi Albert“, schnaubte er in
den Hörer.
Louis war gerade etwas überfordert mit Marks ganzem Kauderwelsch. Die letzten
Tage hatten ihren Tribut gefordert.
Seit er von Marks und Brians nächtlichem Ausflug in Köln und Brians
Plänen die Band zu verlassen erfahren hatte, hatte er kaum ein Auge zu
getan und sämtliche Leute auf Trab gehalten die auch nur beim niesen ein
Taschentuch gereicht bekommen, da sie in einer höheren Position sitzen.
Und jetzt musste er auch noch hören, dass Jodi Albert in dem ganzen Schlamassel
mit drin steckte.
Wie musste sich Kian da fühlen?
Louis wusste wie sehr er diese Frau liebte.
Oft wurde er von ihm mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt, nur damit
Kian fragen konnte, ob er vielleicht noch ein oder zwei Tage länger mit
ihr verbringen konnte.
Er würde aber pünktlich zu den Terminen erscheinen, die sie zu absolvieren
hatten.
„Bist du noch bei Kian, Mark?“
„Ja, natürlich. Ich kann ihn doch jetzt nicht allein lassen.“
Louis musste schmunzeln. Wenn es eins bei Westlife gab, dann war es ein Zusammenhalt
den er noch nie zuvor erlebt hatte.
Jeder war für jeden da.
„Louis ich … können wir Kian kurz außen vor lassen bitte? Was wird
aus Colin? Er muss da weg. Dringend. Ich hab Angst um ihn.“
„Kennt dieser Tom unseren Dave?“
„Nein.“
„Gut. Dann ruf ich ihn jetzt an und schick ihn morgen mit der ersten Maschine
nach Berlin. Du rufst bitte unseren kleinen Helden an und sagst ihm, dass es
morgen schon wieder heim geht.
Lass dir was einfallen, was du der Lehrerein erzählst. Bist doch ein helles
Köpfchen.
Und jetzt gib mir mal bitte Kian.“
Mark lief mit dem Handy nach oben, klopfte an Kians Schlafzimmertür und
ging dann leise hinein.
Kian drehte sich kurz zu ihm um und Mark seufzte auf.
„Louis ist am Telefon, Kiki. Er möchte mit dir reden.“
Mark legte das Handy vor Kian hin und strich ihm kurz über den Rücken.
„Wir schaffen das, Kian“, sagte er leise, beugte sich zu ihm runter, gab ihm
ein Bussi auf die Wange und ließ ihn dann wieder allein.
Kian schluchzte kurz auf, griff zum Telefon und hielt es sich ans Ohr.
„Louis, ich will das du die Zeit zurück drehst. Du kannst doch sonst alles
regeln. Da schaffst du das auch … Bitte.“
„Jetzt lass erst mal alles raus, dann reden wir in Ruhe über alles.“
Kaum hatte er den Satz beendet hörte er Kian auch schon schluchzen und
dann wie er weinte.
Mark griff, als er wieder in Kians Wohnzimmer saß, zum Festnetztelefon
und wählte Colins Nummer.
*
Dublin, 29.01.2004, 4:45 Uhr
Dave saß müde und völlig in sich versunken auf dem Dublin Airport
und wartete darauf, für den Flug nach Berlin einchecken zu können.
Louis hatte ihn mitten in der Nacht angerufen und ihm von Berlin, Colin und
den Fotos erzählt.
Daraufhin hatte Dave sich sofort aus dem Bett geschwungen und sich einen Schlachtplan
zurechtgelegt, wie er Colin am besten da raus holen konnte.
Er hatte zwar nicht die geringste Ahnung ob alles nach Plan lief, aber man konnte
doch wenigstens einen Funken Hoffnung haben, oder?
Das Einchecken begann und Dave erhob sich von seinem Sitz und lief zum Schalter
von Aer Lingus.
Eine Stunde später saß er angeschnallt in seinem Sitz der halbvollen
Maschine und ging gedanklich ein weiteres Mal alles durch.
„Bitte lass alles gut gehen“, murmelte er und schloss die Augen, als das Flugzeug
auf der Rollbahn beschleunigte und er rüttelnd in den Sitz gedrückt
wurde.
*
Berlin, 7:25 Uhr
Colin saß aufgeregt und mit gepackten Taschen im Speisesaal der Jugendherberge
und biss lustlos von seinem Brötchen ab.
Misses O’Reilly, seine Lehrerin, leistete ihm Gesellschaft und sah ihn mitleidig
an.
Sie hatte am späten Abend einen Anruf von Colins Bruder Mark erhalten,
der ihr mitteilte, dass Colin aus privaten Gründen unbedingt zurück
nach Irland kommen müsse. Auch nach mehrmaligem Nachhaken ihrerseits bekam
sie nicht heraus, warum.
Was war nur schon wieder bei den Feehilys los? Kaum hatte Mark mal wieder Mist
gebaut, musste sein Bruder untertauchen.
Es war eben doch nicht alles Gold was glänzt, wenn man in der Öffentlichkeit
stand. Was nützte einem da das ganze Geld, wenn man kein ruhiges Leben
führen konnte und ständig auf der Flucht vor der Presse war?
„Ich bin fertig“, murmelte er, brachte seinen Teller weg und sah zu der sich
öffnenden Tür.
Tränen schossen in seine Augen und er rannte los.
Dave breitete seine Arme aus und fing Colin auf.
Was musste der Kleine nur durchgemacht haben, dass er sich so darüber freute
sein Gesicht zu sehen? Sich so an ihn zu schmiegen und herzerweichend zu schluchzen.
Es war wirklich allerhöchste Eisenbahn gewesen, Colin hier raus zu holen.
„Hey, ganz ruhig Kleiner“, sprach er leise und ruhig auf ihn ein, während
er ihm über den Rücken strich.
„Ich bin so froh, dass du da bist Davey“, wimmerte Colin und löste sich
von ihm.
„Bitte lass uns hier verschwinden. Ich will hier keine Minute länger bleiben.“
Colins Lehrerin ging zu ihnen herüber und räusperte sich.
„Ich nehme an, sie sind Colins Patenonkel Phil.“
Dave lächelte sie freundlich an.
„Ja, der bin ich. Tut uns leid, dass wir ihnen hier Umstände bereitet haben.
Ich danke ihnen, dass Colin früher zurück kann. Sie wissen ja wie
das ist, wenn sein Bruder mal wieder seinen Hintern in die Kamera halten musste.“
Colin kniff Dave unbeobachtet in die Seite.
Er zuckte kurz zusammen und reichte der Frau seine Hand.
„Wir müssen dann auch schon los. Der Flieger geht in einer knappen Stunde.
Danke noch mal.“
Dave schob Colin zur Tür heraus, lächelte Misses O’Reilly noch einmal
an und lief ihm dann hinterher.
Als sie sicher im Taxi saßen seufzten beide einmal laut auf, dann mussten
sie grinsen.
„Kommt mich Mark abholen?“ fragte Colin leise und sah dann Dave von der Seite
an.
Er nickte und zog ihn in seine Arme.
„Klar, was denkst du denn? Er kann seinen persönlichen Superhelden doch
nicht einfach allein von Dub nach Sligo ziehen lassen.“
Colin winkte schnaufend ab.
„Ach was. Der soll sich mal nicht so haben sondern das nächste Mal mehr
darauf achten, dass er seinen Arsch das nächste Mal nicht in irgendwelche
Kameras hält.“
Dave musste leise kichern und dann wurde es ruhig im Taxi. Beide hingen ihren
Gedanken nach.
*
Dublin, 3 Stunden später
Mit Cappy, Sonnenbrille und einem Supermannshirt in der Hand stand Mark am
Ankunftsschalter und rannte los, als er Colin aus der Tür kommen sah.
Colin schmiss seine Tasche weg, rannte los und schmiss sich Mark um den Hals.
„Wenn du noch mal das Bedürfnis hast nackig vor irgendwelchen Kameras zu
posieren, dann halt mich das nächste Mal bitte da raus“, sagte er unter
Tränen und drückte seinem Bruder einen fetten Knutscher auf und sich
dann wieder fest an ihn.
Mark zog ihm das Shirt über und sah ihn an.
„Ich werde mich daran halten, Supermann. Und jetzt komm. Mum und Dad warten
im Wagen auf ihren kleinen Superhelden.“
Mark sah zu Dave und ging dann zu ihm.
„Ich dank dir für alles, Davey. Ich werd dir das nie vergessen, was du
für mich und meinen Bruder getan hast.“
Er zog ein extra großes Shirt aus seiner Jacke und hielt es Dave vor den
Körper.
Als Dave den Schriftzug las fing er laut an zu lachen, drückte Mark kräftig
und ging dann mit den Feehily - Brüdern in Richtung Parkhaus.
Auf dem blauen Shirt stand mit gelbem Schriftzug:
Mädchen für alles
*
Marie sprang fast aus dem Wagen, als sie Mark und Dave mit ihrem Jüngsten
im Schlepptau kommen sah.
„Colin! Mein kleiner Schatz!“ rief sie und stürzte auf ihn zu. Colin warf
sich in die Arme seine Mutter und ließ ihre Liebkosungen freiwillig über
sich ergehen.
Noch nie zuvor hatte er sich so über ihre feuchten Küsse auf seinem
Gesicht gefreut wie in diesem Moment.
Wie oft hatte er mit Barry in seinem Zimmer gehockt und spekuliert wessen Küsse
feuchter waren. Die von ihrer Mutter oder doch die von Snoopy.
Dave bat Oliver den Kofferraum zu öffnen um Colins Gepäck darin zu
verstauen und warf es auch sofort hinein, als die Kofferraumklappe auf ging.
Mark grinste Dave an, der doch tatsächlich das Shirt übergezogen hatte.
Oliver feixte drauf los und umarmte ihn dankbar.
„Was hätten wir nur ohne dich gemacht, Dave. Und jetzt schwingt eure Hintern
ins Auto.
Marie hat die halbe Nacht nicht schlafen können und den halben Kühlschrank
geleert und die köstlichsten Leckereien gezaubert.“
Mark sah seine Mutter an und seufzte auf.
In all dem Trubel hatte er wohl völlig vergessen, dass auch seine Eltern,
besonders Marie, unheimlich darunter litten was in den letzten Tagen vor sich
gegangen ist.
Colin krabbelte auf den Rücksitz und sah zu seinem Bruder, der völlig
in Gedanken versunken auf den Boden starrte.
„Mark! Deckung! Fotoknipser im Anschlag!“ brüllte Colin plötzlich.
Mark zuckte zusammen und sprang ins Auto.
Dave und Colin beutelte es vor Lachen und auch Oliver und Marie konnten nicht
an sich halten, und fingen lauthals an zu lachen.
„Wenn ich den Jungs erzähle wie schnell du im Auto sein kannst, dann bist
du fällig, Fee“, feixte Dave und war dabei die hintere Tür zu schließen.
„Kommst du denn nicht mit zu uns?“
Marie lehnte sich aus dem halboffenen Fenster und sah Dave mit großen
blauen Kulleraugen an.
„Nein, ich … ich hab schon was vor“, kam es kleinlaut von ihm und er grinste
Marie verlegen an.
Sie kicherte leise vor sich hin und wünschte Dave dann viel Spaß
bei seiner Verabredung. Dann startete Oliver den Motor des Wagens und fuhr langsam
aus dem Parkhaus. Dave wartete bis der Wagen um die Ecke bog, dann zerrte er
sich das Shirt über den Kopf, sprintete zu seinem Wagen und machte sich
auf den Weg in seine Wohnung.
Er hatte noch genau 3 Stunden, bis er Sally wiedersehen würde, und die
wollten ausgiebig genutzt werden.
Kaum hatte er die Tür zu seinem Appartement aufgesperrt und sie wieder
krachend ins Schloss fallen lassen, da stieg er auch schon aus seinen Klamotten
und rannte ins Bad.
Eine ausgiebige Dusche und Haarentfernung am Kopf und im Gesicht waren fällig.
Es würde seine zweite Verabredung mit ihr werden, und da zählte einfach
alles.
Mit einem Knopfdruck wurde das Bad mit den Klängen von Limp Bizkit unter
Beschallung gesetzt und Dave sang kräftig mit, während er sich, mit
ein paar unterbrechenden Tanzeinlagen, wusch.
Now move in, now move out
Hands up now hands down
Back up, back up
Tell me what ya gonna do now
Breathe in, now breathe out
Hands up now hands down
Back up, back up
Tell me what ya gonna do now
*
Berlin, zur selben Zeit
Jodi packte ihren Koffer und schaute noch einmal zu Tom, der im Bett lag und
friedlich schlief.
Sie ging noch einmal zu ihm, beugte sich über ihn und hauchte einen Kuss
auf seine Wange.
Als auch das letzte Kleidungsstück verstaut war zog sie den Koffer zu und
versuchte ihn so leise wie möglich die Treppe nach unten zu bugsieren.
„Wo willst du hin?“
Erschrocken drehte sie sich um und hielt sich am Treppengeländer fest,
um nicht den Halt zu verlieren. Ihr Koffer polterte die letzten Stufen nach
unten.
Tom ging langsam die Treppe nach unten und blieb eine Stufe vor Jodi stehen
und sah sie an.
„Tom … ich … also …“, stotterte sie herum und wich seinem Blick aus. Sie wusste
wie er sein konnte, wenn er wütend war und er war mehr als wütend.
Mit einem festen Griff packte er sie am Oberarm und zog sie dicht an sich heran.
„Wolltest du dich aus dem Staub machen? Dir die Fotos schnappen und deinen Arsch
retten, ohne dich bei mir zu verabschieden?
So nicht, Schätzchen. Entweder ziehen wir das Ding zusammen durch, oder
ich regle das auf meine Art und Weise.
Ich lass mir nicht von so einem dahergelaufenem kleinen Scheißer mein
Leben und meine Karriere kaputt machen. Vergiss es!“ zischte er und Jodi zuckte
kurz zusammen.
„Tom bitte. Er ist doch noch ein Kind. Du weißt nicht was du tust.
Du hast keine Ahnung wer hinter dem Projekt Westlife alles steckt.
Allein Louis Walsh kann dich so fertig machen, das du dich nie wieder davon
erholst. Dein guter Ruf als Fotograf ist dahin, ganz zu schweigen von deinen
ganzen Klienten, die sich an deine ärgsten Konkurrenten wenden werden.
Versteh das doch, Tom. Lass mich das regeln, bitte. Ich komm schon irgendwie
an die Bilder und Negative und du an deine Storie.“
Er lächelte sie an und weiche Gesichtszüge breiteten sich aus und
ließen die harten verschwinden.
„Lass uns nach Irland fliegen“, flüsterte er, küsste Jodi sanft und
zog sie mit einem Ruck zu sich auf die Treppenstufe.
Sie musste mehrmals schlucken um die aufkommende Panik zu unterdrücken.
Was hatte sie nur angerichtet?
Warum konnte sie nicht einmal ihre Klappe halten?
War ihre Karriere wirklich wichtiger als ein unschuldiges Menschenleben?
Angewidert drückte sie sich von ihm und rannte die Treppe nach unten zu
ihrem Koffer.
„Was hast du vor?“
„Ich werde allein fliegen, Tom. Und ich werde nicht zulassen, dass du ein Kind
mit in diese Sache ziehst.“
Tom lief ihr nach und griff nach ihrer Hand die sich um den Griff des Koffers
legen wollte.
„Du liebst ihn noch immer, oder?“
Jodi sah zu ihm auf und schluckte. Dann seufzte sie auf und schlug sich die
Hände vors Gesicht.
Tom räusperte sich, küsste sie aufs Haar und strich zärtlich
über ihren Rücken.
„Ich will meine Bilder zurück. Was du mit deinen machst ist mir egal. Sieh
zu, dass du sie bekommst und sie mir wieder bringst.
Und dann verschwinde aus meinem Leben, Jodi. Es war eine schöne Zeit die
wir hatten, aber ich hab besseres zu tun, als eine zweitklassige Schauspielerin
groß raus zu bringen. Vielleicht hat Mister Heffner noch einen Platz in
seiner Playboyvilla für dich frei …“
Alle fünf Finger von Jodi zeichneten sich knallrot auf seiner linken Wange
ab.
„Du Scheißkerl!“
Ohne nur einmal zurück zu blicken verließ sie die kleine Agentur
und Tom.
Tom schien allerdings eins vergessen zu haben. Jodi wusste von seinem schrecklichen
Geheimnis. Und sie würde es gegen ihn verwenden.
Tom sollte bluten für das was er Frank Parker angetan hatte.
*
Dublin, 13:25 Uhr
Louis ließ sämtliche Anwälte antanzen und hielt mit ihnen eine
Sitzung ab, wie man Tom Klien am besten das Handwerk legen konnte.
Sie brauchten Beweise. Die Fotos allein waren nicht mal einen Penny wert, ohne
eine ausreichende und passende Beweisvorlage.
*
Dave schmiss sich gut gelaunt hinter das Steuer seines Wagens und wollte gerade
den Motor starten, als sein Handy losging.
„Oh nein … an jedem verdammten Tag gern, aber nicht heute. Nicht jetzt! Verdammt
noch mal!“
Er nahm ab und seufzte kläglich auf, als er Louis Stimme hörte.
„Ich brauch dich in 10 Minuten in meinem Büro, Dave.“
„Louis. Kann ich nicht morgen vorbei kommen? Es ist mein freier Tag seit langem.
Bitte.“
Louis legte eine Hand in seinen Nacken und atmete ruhig ein und aus. Wann hatte
er seinen letzten freien Tag? Er konnte sich schon gar nicht mehr daran erinnern.
Dave schlug nervös mit dem Daumen auf das Lenkrad und wartete auf eine
Reaktion von seinem Boss.
„Louis? Bist du noch dran?“
„Ich brauch dich hier, Dave“, kam es leise aus der Leitung und Dave legte seinen
Kopf aufs Lenkrad und schloss die Augen.
„Gib mir bitte ein paar Minuten länger. Ich muss noch was erledigen.“
Ohne Louis Antwort abzuwarten legte er auf und schlug mit der flachen Hand wütend
auf das Lenkrad.
„Verdammt noch mal! Wieso gönnt mir niemand mal einen Tag Pause?“
Er stieg aus dem Wagen, sperrte ab und machte sich noch einmal auf den Weg in
sein Appartement.
Als er knapp 20 Minuten später bei Louis im Büro auftauchte wurde
er von vier schmunzelnden Anwälten und einem peinlich berührten Louis
Walsh empfangen.
Dave setzte sich und strich sich über den Schriftzug auf seinem Shirt.
Mark hatte Recht. Er schien wirklich das Mädchen für alles zu sein.
*
Sally las sich immer wieder seine SMS durch und lächelte vor sich hin.
Hallo Sal!
Tut mir leid, aber mein Boss hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Ich hätte mir liebend gern mit dir zusammen die gegenseitige Entlausung
der Paviane angeschaut, aber wir müssen das auf ein anderes Mal verschieben.
Ich würde mich freuen, wenn ich dir heute Abend aber noch einmal meinen
Arm bei einem Spaziergang durch den Park anbieten darf. Gruß und Kuss
vom Rüpel.
Hätte ihr jemand noch vor ein paar Tagen erzählt, das dieser Mann
auch eine sanfte Seite hatte, so hätte sie jedem einen Vogel gezeigt.
Es schien aber tatsächlich so zu sein. Harte Schale, weicher Kern.
Sie räusperte sich und tippte eine Antwort ein und drückte dann auf
Senden.
*
Dave zog sein Handy aus seiner Hosentasche und las unauffällig die eingegangene Nachricht.
Hallo Rüpel!
Ich würde mich über deinen Arm freuen, aber wenn ich ehrlich bin,
dann hätte ich gern auch noch den Rest der dazu gehört. Meld dich
einfach, wenn dich dein Boss entlässt. Dann eile ich in den Park und suche
deine einzelnen Körperteile, um sie in einem Puzzle zusammen zu setzen.
Gruß und Kuss, Sal. PS: Darf ich mit deinen Lippen beginnen?
Ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel und sein Herz schlug ein
paar Takte schneller.
Jetzt war ihm alles egal. Er würde allem zustimmen, so lange er schleunigst
hier rauskam.
„Hörst du mir zu, Dave?“
Louis warf ihm einen Blick zu und zog eine Augenbraue nach oben.
Dave räusperte sich und sah ihn entschuldigend an.
„Du wirst dich an Toms Spuren heften. Er kennt dich nicht. Morgen geht dein
Flieger nach Berlin.
Finde alles über diesen Mann heraus. Und wenn ich alles sage, dann meine
ich auch alles.“
Dave starrte Louis an. Das war doch jetzt ein Scherz, oder?
Er zog seine Gedanken zurück und verfluchte Louis. Im Gegensatz zu ihm
hatte er ein Privatleben, auf das er seit ein paar Tagen größten
Wert legte.
„Wieso kann das nicht Toni machen?“
„Weil ich dir einfach mehr vertraue, Dave.“
„Aber …“
Louis räusperte sich und schob sich ein Vanillekipferl in den Mund.
Dave nickte und nahm seine Reiseunterlagen entgegen. Dann erhob er sich, verabschiedete
sich per Handschlag von den Anwälten und Louis und verließ dann dessen
Büro.
Als er im Auto saß zückte er sein Handy und wählte die Nummer
von Sally.
*
Sie waren noch nicht einmal richtig zur Tür rein, als Rowen die Auffahrt
hinaufgerannt kam und völlig außer Atem fragte, ob alles gut gegangen
ist.
Immer wieder umarmte er Colin und küsste ihn auf’s Haar.
„Mein kleiner Held. Gott was bin ich froh, dass du da heil rausgekommen bist.“
Colin wand sich aus Rowens Umarmung und grinste ihn breit an.
„Das du mir noch Tickets für das nächste Spiel von MaNu schuldig bist,
ist dir hoffentlich klar“, zwinkerte er dem Freund seines Bruders zu und ging
feixend ins Haus.
Rowen schaute Colin verdutzt nach, holte Luft, sah zu Mark und machte den Mund
auf um etwas sagen, aber mehr als ein „Ähm“ kam leider nicht heraus.
Mark zog Rowen lachend in seine Arme, küsste ihn zärtlich auf die
Schläfe und ging dann mit ihm zusammen ins Haus.
Er musste unbedingt Brian anrufen.
*
Kaum war er am Haus vorgefahren, kam sie auch schon zur Tür raus und lief
zum Wagen.
Sie stieg ein, schnallte sich an und er fuhr auch sofort los.
Schweigend saßen sie einige Minuten nebeneinander und keiner wusste so
wirklich, was er sagen sollte.
Dave fuhr ins Parkhaus des St. Stephen’s Green Shopping Centers, schaltete den
Motor aus und sah kurz zu Sally herüber.
„Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht beunruhigen mit meinem Anruf. Ich wusste
nur nicht wen ich anrufen sollte“, kam es leise von ihm.
Sally schnallte sich ab, stieg aus und lief um den Wagen herum. Sie öffnete
die Tür zu seiner Seite und streckte ihm ihre Hand hin.
Er schnallte sich ab, griff nach ihrer Hand und stieg aus dem Auto.
„Ich glaub du brauchst ganz dringend eine riesige Portion Nervennahrung“, lächelte
sie ihn an und zog ihn vom Auto weg.
Gemeinsam gingen sie zum Treppenhaus und liefen dann ein paar Stufen nach oben
in die Einkaufspassage.
Am erstbesten Café machte Sally Halt und zog Dave mit sich zu einem freien
Tisch. Sie setzten sich und begannen die Karte zu studieren, als Sally ihre
plötzlich hinlegte und sich räusperte. Dave sah von seiner Karte auf
und sie an.
„Ich weiß nicht was bei dir auf Arbeit vorgefallen ist und ich hab auch
nicht wirklich das Recht dazu es zu erfahren.
Aber ich hab das Recht dazu dir das Lächeln auf dein Lippen zu zaubern,
das ich sehr mag, ganz zu schweigen vom Strahlen in deinen Augen, wenn du, mit
vor Stolz geschwellter Brust, von deinen Jungs erzählst.
Also werde ich dir jetzt eine extra große Portion Strahlewunder bestellen
und mich dann voller Hoffnung zurück lehnen und die Wirkung beobachten.
Sollte das nicht helfen, dann muss ich mir noch etwas anderes überlegen.
Mir wird schon was einfallen.“
Sally winkte den Kellner heran und Dave hatte zu tun, vor Rührung nicht
in Tränen auszubrechen.
„Vielleicht gehen wir ja nachher aber noch puzzeln, wenn das Strahlewunder seine
Wirkung verfehlt“, zwinkerte sie ihm zu und noch ehe Dave antworten konnte stand
der Kellner an ihrem Tisch und nahm die Bestellung auf.
*
Brian war gerade dabei seine Tasche neu zu packen, als sein Handy in den lautesten
Tönen zu „Smells like Teen Spirit“ auf dem Tisch vor sich hin klingelte
und vibrierte.
Er schnappte sich das Handy und seine Zigaretten, lief in den Wintergarten und
nahm ab, als er den Anrufer identifiziert hatte.
„Hi Fee! Was hast du auf dem Herzen“, versuchte er optimistisch zu klingen und
zündete sich eine Zigarette an.
Mark hörte wie Brian den Rauch inhalierte.
„Sitzt du?“
„Was soll die Frage Fee? Ich steh hier in meinem Wintergarten, lass mir ne Kippe
schmecken und warte auf die nächste Horrormeldung.“
„Will noch jemand die Band verlassen?“
Brian atmete tief durch und nahm den nächsten Zug von der Zigarette. Er
stieß den Rauch durch die Nase aus und kratzte sich an der Stirn.
„Hör zu Mark. Ich bin dabei meine Sachen für Down Under neu zu packen
und hab kei …“
„Wir haben die Bilder, Macs“, fiel Mark ihm ins Wort und starrte auf den großen
Umschlag, der bei ihm auf dem Tisch lag.
Er hörte einen dumpfen Schlag im Hintergrund, dann ein Ächzen und
schließlich einen fluchenden Brian.
„Was ist passiert, Macs?“
„Ich hab den Sessel verpasst“, kam es kleinlaut von Brian und Mark musste sich
zusammennehmen, um nicht los zu prusten.
„Wie seid ihr an die Bilder kommen? Hat Louis das echt geschafft?“
Mark erzählte ihm die ganze Storie und als er fertig war, heulte er mit
Brian vor Freude und Erleichterung um die Wette.
„Wann machst du wieder rüber?“ fragte Mark nach einer Weile und sie sich
beide etwas beruhigt hatten.
Brian zog an seiner, mittlerweile, vierten Zigarette und seufzte auf.
„Morgen Mittag geht’s wieder los. Kerry hat wirklich gute Chancen den Scheiß
zu gewinnen. Hätte ich nie für möglich gehalten.“
„Ach komm. Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, dass du am lautesten
gebrüllt hast, das Kerry Königin des Dschungels wird“, grinste Mark
und sah aus dem geschlossenen Fenster.
Er beobachtete eine Gruppe von 6 Mädchen die sich wohl nicht entscheiden
konnten zu welchem Haus sie zu erst gehen sollten. Kian, Shane oder doch seins?
Noch ehe sie ihn entdecken konnten trat er vom Fenster zurück und ließ
sich auf sein Bett fallen.
„Ja, du hast Recht. Aber ich hab dennoch nicht daran geglaubt.“ Er seufzte auf
und zupfte ein welkes Blatt von der kleinen Palme, die auf dem Fenstersims stand.
„Was bedrückt dich, Macs? Ich hör doch, das dich noch irgend etwas
belastet. Es ist weder Kerry noch dein Plan Westlife zu verlassen. Hab ich Recht
oder hab ich Recht?“
Er schob sein Shirt etwas hoch und kratzte sich am Bauch.
Brian ließ sich seufzend auf das kleine Rattansofa nieder und griff erneut
zu seinen Zigaretten.
„Ich hab jemanden kennengelernt, Fee“, kam es leise und Mark hörte das
Feuerzeug und dann Brians tiefen Atemzug.
Er schloss die Augen und seufzte leise auf.
„Wer ist sie?“
Brian lehnte sich zurück und begann von Sally zu erzählen.
*
Hand in Hand liefen sie in den Park und Dave strich immer wieder sanft mit
seinem Daumen über Sallys Handrücken.
„Ich muss für längere Zeit verreisen, Sal. Ich weiß nicht wie
lange ich weg bin und was alles auf mich danach zukommen wird.
Aber ich weiß“, er blieb stehen, sah sie an und räusperte sich, „das
ich dich vermissen werde. Mir wird deine offene Art und Weise fehlen, genauso
wie deine Gabe einem völlig am Boden zerstörten Menschen das Lächeln
und Strahlen in seinen Augen zurück zu bringen.
Du bist eine bemerkenswerte junge Frau und ich hab dich in der kurzen Zeit die
wir uns kennen unheimlich lieb gewonnen.“
Dave atmete tief durch. Wenn ihn jetzt einer der Jungs hier sehen würde,
dann würde er die nächsten Tage mehr als aufgezogen werden. Er hatte
das Gefühl das Sally in ihm etwas zum Leben erweckte was zwar die ganze
Zeit vorhanden war, aber in den letzten Jahren irgendwie völlig in den
Hintergrund gedrängt wurde.
Sally hob langsam ihre rechte Hand, legte einen Finger auf seinen Mund und schüttelte
leicht mit dem Kopf.
Dave hauchte einen Kuss auf ihren Finger, griff sich ihre Hand, nahm sie vorsichtig
von seinem Mund und zog sie näher an sich.
Als sich ihre Lippen zu einem Kuss trafen war es endgültig um sie geschehen.
Immer leidenschaftlicher wurden ihre Küsse und sie konnten kaum die Hände
voneinander lassen.
Dave schob seine Hände unter ihren Mantel und legte sie auf ihren Hintern
und strichen sanft darüber.
Sally presste sich seufzend an ihn und kraulte seinen Nacken.
Beide Körper reagierten auf natürliche Art und Weise auf die Liebkosungen
des Partners und Sally stöhnte leise auf, als sie einen leichten Druck
an ihrem Becken spürte. Dave zog sie näher an sich und stöhnte
ebenfalls leise auf.
„Du bringst mich völlig um den Verstand, Sal. Ich hab grad nur Pudding
im Kopf“, raunte er in ihr Ohr und küsste sie auf die weiche Haut dahinter.
Sie klammerte sich an ihm fest und seufzte auf als sie seine Lippen an einer
ihrer empfindlichsten Körperstelle spürte.
Sie wollte ihn, er wollte sie, sie wollten es Beide.
Heftig atmend löste sie sich von ihm und sah ihn mit leicht geröteten
Wangen an. Auch Dave hatte eine sehr gesunde Gesichtsfarbe angenommen und schluckte
schwer.
Ohne etwas zu sagen liefen sie zum Wagen und Dave fuhr los.
„Sal, was wenn jetzt jemand …“, Dave legte den Kopf leise stöhnend in
den Nacken und Sally küsste, knabberte und leckte seinen Hals entlang während
sie der Aufzug in den vierten Stock beförderte, „kommt.“
Der Aufzug hielt mit einem Ruck, die Türen öffneten sich und Sally
ließ von ihm ab. Sie lächelten dem älteren Ehepaar zu das vor
dem Aufzug wartete.
Dave schob sie sanft hinaus und dann in Richtung seines Appartements.
„Das waren die Finnegans. Das schlimmste tratschende Ehepaar in ganz Irland“,
murmelte er, schob ihre Haare etwas zur Seite und küsste sie sanft in den
Nacken.
Als sie vor seiner Tür ankamen drehte Sally sich zu ihm um und sah ihn
an.
„Überleg es dir gut, ob du mich jetzt über deine Türschwelle
lässt, du Rüpel.“
„Wieso? Wirst du etwa handgreiflich?“
Er beugte sich zu ihr, küsste sie leidenschaftlich und Sally ließ
sich gegen die Tür fallen.
„Nein“, nuschelte sie unter seinen Küssen, „aber ich hab die dumme Angewohnheit
dann nicht mehr so schnell zu verschwinden.“
„Na da hab ich aber richtig Glück“, er löste sich von ihr, zog sie
etwas zurück und sperrte die Tür auf, „denn so schnell werde ich dich
nämlich nicht mehr gehen lassen.“
Küssend stolperten sie in das Appartement.
Dave stieß die Tür mit dem Fuß zu und Sally begann seinen Mantel
zu öffnen und schob ihn dann von seinen Schultern.
Als auch Dave sie von ihrem Mantel befreit hatte hielt sie nichts mehr.
Er hob sie hoch und Sally schlang ihre Beine um seine Hüften. Blindlings
steuerte Dave das Schlafzimmer an und ließ sich mit ihr zusammen auf das
Bett fallen.
Ihre Lippen kosteten gierig voneinander und Daves Hände suchten sich ihren
Weg unter Sallys Oberteil.
Sie zog ihm das Hemd aus der Hose und knöpfte es mit flinken Fingern auf.
Als darunter noch ein weißes Shirt zum Vorschein kam und sie gerade etwas
sagen wollte spürte sie seine Zunge wie sie mit ihren Nippeln spielte und
stöhnte auf.
Das Shirt war vergessen und landete ohne ein Kommentar, zusammen mit dem Hemd,
auf dem Boden des Schlafzimmers.
„Hast du dich eigentlich schon bei meinem Koffer entschuldigt“, fragte sie mit
geschlossenen Augen und genoss Daves Liebkosungen.
Er sah auf und beugte sich über sie.
„Ich entschuldige mich lieber bei der Besitzerin“, grinste er und Sally schlug
die Augen auf.
„Na ob sich mein Koffer damit zufrieden gibt? Ich glaub da musst du dich mit
der Besitzerin ziemlich gut stellen.“
Sally strich über seinen Hintern und begann ihn sanft zu kneten. Dave schloss
die Augen und stöhnte leise auf.
„Meinst du … ich hab gute Chancen … bei ihr?“
Er umfasste ihre rechte Brust und ließ seinen Daumen immer wieder über
ihre Brustwarze gleiten was Sally fast verrückt zu machen schien. Sie biss
sich auf die Unterlippe und nickte wimmernd.
„Ich glaub … du hast … ziemlich gute Chancen … bei ihr“, flüsterte sie
und schob ihre Hände nach vorn um seine Jeans zu öffnen.
Mit jedem Knopf den sie öffnete strich sie sanft über Daves mehr als
erregte und pochende Männlichkeit was ihn jedes Mal leise aufstöhnen
ließ.
Als sie ihm die Hose von der Hüfte schob und sanft über seinen Schritt
strich biss er mit leichtem Druck in ihre Schulter und begann sich seinen Weg
hinab zu küssen.
„Nur ziemlich … gute Chancen“, nuschelte er und umkreiste ihren Bauchnabel mit
seiner Zunge und ließ sie anschließend darin versinken.
Sally fuhr ihm mit beiden Händen über den Kopf und Dave strich mit
einer Hand zärtlich an ihrem Hosenbund entlang.
„Deine Chancen … werden … immer … besser“, presste sie hervor und gingen im
stöhnen unter als seine Hand in ihrer Hose verschwand und gefühlvoll
über ihr Intimstes strich. Als seiner Hand dann plötzlich eine zweite
folgte und ihr die Hose samt Slip vom Körper zog sah Sally ihn an und im
nächsten Augenblick war auch Dave nackt.
„Gleichberechtigung muss schon sein“, kicherte sie und zog ihn zu sich herunter.
Dave schob sich auf sie und zwischen ihre Beine. Sally schlang ein Bein um seine
Hüften und er umfasste ihren Po.
Sanft knetete er ihre Pobacke und Sally quittierte das mit einem lustvollen
stöhnen. Beide gaben sich einander hin und als Dave plötzlich völlig
unerwartet in sie eindrang krallte sie sich in seinem Rücken fest und bäumte
sich ihm entgegen.
Mit gleichmäßigen und festen Stößen beförderte er
sie beide an den Rand ihres Gipfels.
Als er laut stöhnend und völlig außer Atem auf ihr zusammensackte
und Sally ihre Arme noch fester um ihn schlang war für beide klar das sie
zusammen gehörten.
Sie würden, was immer noch auf sie zukommen würde, gemeinsam durch-
und überstehen.
*
Mark rieb sich über seine Augen und seufzte auf.
„Brian, du bist dabei dich in etwas zu verrennen. Ich glaube nicht, das diese
Sally scharf darauf ist deine Ehe mit Kerry zu zerstören nur damit du wieder
mit beruhigten Lenden in Richtung Australien düsen kannst. Schlag dir das
aus dem Kopf.
Du kennst diese Frau doch gar nicht und eigentlich solltest du seit Köln
geheilt sein deinen Schwanz in irgendetwas reinzustecken was dir gefährlich
werden könnte.“
„Bist du bald fertig?“
„Was willst du eigentlich von mir, Macs? Du klagst mir dein Leid, das deine
dich liebende Ehefrau im Dschungel hockt, deine Jüngste ihre ersten Schritte
gemacht hat ohne von ihrer Mummy danach in den Arm genommen und geknuddelt worden
zu sein und im nächsten Moment knallst du mir an den Kopf das du Sally
flach legen willst.
Tickst du noch ganz richtig?
Ich hab wahrlich Verständnis für dich, das weißt du Brian, aber
hier hört auch für mich der Spaß auf. Von uns existieren widerliche
Fotos und du scheinst noch nichts daraus gelernt zu haben. Was muss eigentlich
noch passieren, das du endlich begreifst, dass das kein dämlicher Hollywood
– Streifen sondern die brutale Realität ist?
Sieh zu das du deine Koffer packst, rüber zu Kerry fliegst und mit ihr
endlich über alles redest. Du kannst nicht ewig vor deiner Vergangenheit
davon laufen. Kerry ist nicht dumm.
Außerdem hängt sie ständig mit Gina und Rowen zusammen, wenn
wir unterwegs sind, da wird das Gespräch früher oder später eh
auf Köln und deine Ausstiegspläne fallen.“
Mark seufzte auf und Brian schluckte schwer.
„Ich melde mich bei dir, wenn ich im Busch gelandet bin. Ich hab dich lieb.
Mach’s gut.“
Sie verabschiedeten sich voneinander dann hing jeder seinen Gedanken nach ehe
sie sich aufrappelten und ihren Aufgaben nachgingen.
*
Müde rührte er in seinem Tee rum und knabberte an dem Butterbrötchen.
Seufzend dachte er über Louis beruhigenden Worte am Telefon nach und Tränen
bildeten sich erneut in seinen Augen.
Wieso war ausgerechnet sein Manager derjenige, der ihn hier als einziger zu
verstehen schien?
Kian stützte sich am Tisch ab und stand auf, um sich etwas Marmelade für
sein Brötchen zu holen, als es an seiner Tür klingelte.
Mit hängenden Schultern lief er zur Tür, öffnete sie und ohne
ein Wort lief Mark an ihm vorbei ins Haus, in der rechten Hand einen großen
Umschlag.
Als er die 6 Mädchen entdeckte, die Mark scheinbar gefolgt sind und nun
einen Spurt auf sein Haus zu legten, schloss er schnell die Tür, drehte
den Schlüssel um und folgte Mark, der sich mittlerweile in der Küche
bediente.
„Ich wünsche dir auch einen wunderschönen Guten Morgen, Mr. Feehily“,
murmelte er und ließ sich wieder auf seinen Stuhl plumpsen.
Verdammt. Jetzt hatte er doch glatt das Brötchen vergessen.
Er stand also wieder auf, gesellte sich zu Mark und bestrich sein angebissenes
Brötchen mit Heidelbeermarmelade und biss ab.
Als beide wieder am Tisch saßen und in Ruhe frühstückten schielte
Kian immer wieder auf den Umschlag.
„Okay. Genug damit. Was ist in dem Umschlag?“
Er verschränkte seine Arme unter den Achseln und sah Mark mit hochgezogener
Augenbraue und gerunzelter Stirn an.
„Was denkst du, was in dem Umschlag ist?“ fragte er und schob sich den letzten
Rest des Nutellabrötchens in den Mund.
Kian streckte einen Arm aus und wollte nach den Umschlag greifen, aber Mark
legte in einem schnellen Reflex seine Hand darauf und hielt ihn fest.
„Bin ich hier im Kindergarten? Was soll das Fee? Gib mir den verdammten Umschlag
oder ich spring im Achteck. Mir reicht’s langsam.“
Ohne zu zögern schob der den Umschlag über den Tisch zu seinem Freund
rüber und räusperte sich.
„Du weißt, dass ich nichts von der Schlaghammermethode halte, aber ich
weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich es dir sonst verdeutlichen soll.“
Kian sah ihn etwas ungläubig an. Er ahnte böses.
Mit einem dicken Kloß im Hals nahm er den Umschlag an sich und öffnete
ihn.
Mark hatte gestern noch in einer Nacht- und Nebel- Aktion zusammen mit Rowen
und Shane die Negative im Hooby - Fotolabor von Rowens Vater entwickelt.
Als Kian die Fotos aus dem Umschlag zog weiteten sich seine Augen schon beim
ersten Bild.
Mark schloss kurz die Augen, stand auf und stellte sich hinter ihn. Er legte
seine Hände auf seine Schultern und signalisierte ihm somit, dass er für
ihn da war.
Bild für Bild sah er sich an und mit jedem wurde ihm übler und die
Tränen brannten in seinen Augen.
„Ich war so blind“, presste er wütend hervor und starrte auf die Frau die
anscheinend sehr viel Spaß zu haben schien. Jedenfalls sprachen die Bilder
bände.
Mit einem Ruck erhob er sich, Mark wich erschrocken zurück und sah Kian
nach, wie er wütend aus der Küche rannte.
„Kian! Warte!“
Als er die Haustür ins Schloss fallen hörte lief er ihm sofort nach.
Kian stürmte an den Mädels vorbei die ihm sofort nachrannten.
„Verpisst euch!“ brüllte er sie an.
Erschrocken wichen die Mädels zurück und Mark packte Kian am Hemdkragen
und zog ihn zurück zum Haus.
Mit solch einer Wut im Bauch die er selten zuvor gespürt hatte, presste
er Kian an die geschlossene Haustür und sah direkt ihn seine Augen.
„Wenn du jemanden zur Schnecke machen willst, dann Jodi, aber nicht 6 unschuldige
Mädchen die nichts weiter von dir wollten als deine Unterschrift auf einem
Foto.
Ich weiß das du wütend bist. Das bin ich auch, aber es ist noch lange
nicht die Berechtigung dafür hier jemanden anzugehen der nichts, aber auch
rein gar nichts, mit der Sache zu tun hat!“
Kian holte Luft um etwas zu sagen.
„Du hast jetzt Sendepause Kian und wirst mir verdammt noch mal endlich zuhören!
Jodi Albert ist ein Flittchen der übelsten Sorte.
Weder du noch Tom sind die ersten Männer mit denen sie probiert hat ganz
nach oben zu kommen, aber ihr wart mit Sicherheit die mit Abstand einflussreichsten.
Wie oft haben wir in einem Hotelzimmer gehockt und du hast dich bei mir ausgeheult,
weil sie wieder ein Treffen platzen ließ?
Wo war sie da, als du sie dringend gebraucht hast?
Als du ihr heulend auf die Mailbox gesprochen hast, dass du sie vermisst und
die Tour die Hölle ist. Wo war sie da?
Hat sie dich danach einmal zurückgerufen?
Verdammt Kian! Colin war in Berlin! Sie hat ihn mit Sicherheit gesehen, als
er mit seiner Klasse bei Tom war und dann die Fotos geklaut hat.
Verstehst du denn nicht was hier los ist?“
Kian schluchzte kläglich auf und drehte seinen Kopf zur Seite. Mark ließ
von ihm ab.
Nach eine Weile des Schweigens räusperte er sich und drehte seinen Kopf
zurück.
„Meinst du die Mädels sind noch draußen?“
Mark zuckte die Schultern.
„Sollen wir mal kucken gehen? Vielleicht hast du sie ja noch nicht ganz vergrault.“
Ein leichtes lächeln huschte über sein Gesicht und er stieß
sich von der Tür ab.
Sie griffen nach ihren Jacken und Mark hatte schon seine Hand auf der Klinke,
als Kian ihn zurück hielt.
Ohne große Worte umarmten sie sich und hielten sich für einen Moment
einfach nur fest.
„Wieso bist du dir bei ihr so sicher?“
„Ich bin schwul, Kian. Zu viele weibliche Hormone. Da weiß man so was“,
grinste er, „außerdem zicken wir Mädchen gern mal rum.“
Kichernd drückte Mark die Klinke nach unten, öffnete die Tür
und schob seinen Kopf durch den Türspalt hinaus.
„Hi“, grüßte er die verschüchterten Mädels und verließ
das Haus.
Kian folgte ihm einen Moment später und widmete sich dann ausgiebig ihnen.
Er war froh, das Mark bei ihm war.
*
Mit leicht gerötetem Kopf entsorgte Dave die auf dem Boden verstreuten
Kondome und Sally ließ sich kichernd zurück in die Kissen fallen.
„Wir waren aber auch gierig“, kicherte sie und beobachtete ihn, wie er zurück
ins Schlafzimmer kam.
„Ausgehungert“, trifft es wohl eher raunte er ihr ins Ohr und küsste sie
dann zärtlich.
Sie schlang ihre Arme um ihn und zog ihn zurück ins Bett.
„So gern ich auch noch mit dir kuscheln möchte, aber ich muss in knapp
1 Stunde am Flughafen sein.“
Beide seufzten auf und sahen sich an.
„Weißt du schon, wie lange du bleiben musst?“
Dave schüttelte den Kopf und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn
und küsste sie dann dort zärtlich.
„Darf ich dich dann wenigstens zum Flughafen bringen?“
„Dann fährst du aber mit meinem Wagen zurück. Ich möchte nicht
das du die ganze Strecke mit den Öffentlichen zurück musst.
Und außerdem erspare ich meinem Chef damit einige Kosten, wofür er
mir hoffentlich danach ein paar freie Tage einräumt.“
„Du lässt mich echt dein Auto fahren? Wow“, kicherte sie und strich Dave
über seine Glatze.
„Ich liebe es, wenn man die ersten Haare wieder spürt. Das fässt sich
so schön kuschelig weich an.“
Sally nahm seinen Kopf in beide Hände, zog ihn zu sich herunter und küsste
ihn erst auf den Kopf, dann auf die Stirn und als sie sich den restlichen Gesichtszügen
gewidmet hatte verschloss sie seine mit ihren Lippen.
„Ich vermiss dich schon jetzt“, nuschelte sie dicht an ihn gedrängt und
strich ihm über den Rücken.
„Ich melde mich regelmäßig bei dir, ok“, flüsterte er und küsste
sie aufs Haar.
Dave hielt sie fest im Arm und beide nahmen die an ihnen vorbeiströmenden
Menschenmengen gar nicht wahr, so sehr waren sie in ihre eigene Welt eingetaucht.
Als sein Flug zum wiederholten Male aufgerufen wurde küssten sie sich ein
letztes Mal zum Abschied und Dave verschwand kurz darauf hinter einer Glastür.
Er drehte sich ein letztes Mal um, winkte und schickte ihr ein Luftkuss, dann
verschwand er aus ihrem Sichtfeld.
Sally machte sich auf den Weg zum Parkhaus als sie eine junge Frau entdeckte,
die sie von irgendwoher kannte.
Es ratterte regelrecht in ihrem Kopf, dann machte es klick und sie hatte das
Gesicht zugeordnet.
Es handelte sich um Jodi Albert, der Freundin von Kian Westlife.
Sollte die nicht bei einem Fotoshooting sein?
Sally zuckte mit den Schultern, sperrte Daves Wagen auf und stieg ein.
„Soll nicht mein Problem sein“, nuschelte sie und fuhr los.
*
Sie schob ihre dicke Sonnenbrille auf die Nase und als der Wagen an ihr vorbeifuhr
setzte ihr Herz für ein paar Takte aus.
Scheinbar hatte sie sich aber geirrt und sie atmete erleichtert auf, als der
Wagen an ihr vorbeifuhr.
Den Koffer hinter sich herziehend begab sie sich zum Taxistand und stieg in
das erstbeste ein.
Als sie dem Fahrer die Adresse genannt hatte ließ sie sich in den Rücksitz
fallen, zog die Sonnenbrille von der Nase und steckte sie in ihre Tasche.
Vor der Polizeistation angekommen zahlte sie das Fahrgeld, verzichtete darauf
dem Fahrer ein Trinkgeld zu zahlen und stieg aus.
Als er ihr Gepäck aus dem Kofferraum gehievt hatte tippelte sie in ihren
viel zu hohen Absätzen die Stufen hinauf und verschwand hinter den sich
automatisch öffnenden und schließenden Türen.
*
Als Sally in der Firma vorfuhr wurde sie bereits sehnsüchtig erwartet.
Janine Smith, Josephines Sekretärin, stürzte in ihren Knochenbrechern
auf sie zu und wedelte aufgeregt mit ihren dünnen Ärmchen.
„Misses Parker wartet schon ungeduldig auf ihre Ankunft, Miss Ryan.“
Was war denn jetzt los?
Eiligen Schrittes folgte sie ihr in den Aufzug und fuhr mit ihr in den dritten
Stock.
Sally hatte noch nicht einmal den Aufzug richtig verlassen, umhüllte sie
schon ein Hauch von Hektik und Angespanntheit. Tief durchatmend trat sie aus
dem Aufzug auf den Flur und Josephine steckte ihren Kopf aus ihrer Bürotür
und wies sie an unverzüglich zu ihr zu kommen.
Hatte sie etwas falsch gemacht? Sie war doch pünktlich. Überaus pünktlich
sogar.
Sie trat in ihr Büro und wurde, kaum das sie die Tür hinter sich geschlossen
hatte, mit dem Mann vertraut gemacht, der auf einem der beiden schwarzen Ledersessel
saß.
„Sally, darf ich dir Louis Walsh vorstellen?“
Sally nickte ihm freundlich zu, schüttelte seine Hand und stellte sich
ihm als Sally Ryan vor.
Josephine bat sie sich zu setzen und sie kam ihrer Bitte nach.
Räuspernd setzte sie sich an den Schreibtisch und strich sich ein paar
Haare hinter ihr Ohr.
„Sally, du erinnerst dich noch an die Frage die ich dir vor ein paar Tagen gestellt
hatte?“
Sie schluckte.
Mussten sie das hier besprechen? Vor den Augen dieses ihr völlig unbekannten
Mannes?
Halt! Louis Walsh … so heißt der doch, oder? In ihrem Hirn arbeitete es
und sie schloss kurz die Augen.
Plattenguru in Irland und Manager von Westlife schoss es ihr wieder in den Sinn.
Aber was wollte er hier?
Oh mein Gott! Mit Dave war etwas passiert. Das ist doch Daves Boss, oder? Aber
woher wusste er von ihr und Dave?
„Sally?“
Erschrocken schaute sie auf und fuhr sich nervös durch ihre langen Locken.
Dann nickte sie leicht und sah Josephine an.
„Ja. Ja ich erinnere mich“, kam es etwas stockend und sie hielt sich krampfhaft
an der Sessellehne fest.
Nun räusperte sich auch Louis und beugte sich in dem Sessel etwas nach
vorn.
„Ich weiß nicht wie weit sie in alles involviert sind, Miss Ryan, aber
Misses Parker hat mir unterbreitet, das sie Tom Klien kennen.“
„Kommt darauf an. Kennen und kennen sind zwei verschiedene Paar Schuhe, Mr.
Walsh. Ich kenne zwar Westlife, aber dann kenne ich sie auch wieder nicht. Sie
verstehen, was ich sagen will?“
Josephine seufzte auf.
„Sally bitte. Du weißt um was es geht. Wir haben uns darüber unterhalten
und ich …“
„Jo, ich bin weder Privatdetektivin noch weiß ich wie man jemand beschattet.
Ich kann das nicht.“
„Wenn ich mich noch einmal kurz einbringen dürfte“, meldete er sich zu
Wort und legte Sally kurz eine Hand auf ihren Arm und zog sie dann wieder zurück,
als er ihre volle Aufmerksamkeit hatte.
„Ich habe einen meiner besten Männer schon auf diesen Klien angesetzt,
aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob er das allein schafft. Und ich
bin mir auch nicht mehr wirklich sicher, ob ich das Richtige getan habe Mr.
Last auf diesen Tom anzusetzen.
Dave, also Mr. Last, war der beste Freund von Frank Parker und Klien war Franks
ärgster Konkurrent.
Verstehen sie nun, das auch ich mich in einer etwas prekären Lage befinde?“
Sie sah ihn einfach nur an und hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige verpasst.
Wie konnte er Dave nur so etwas aussetzen, wenn er doch wusste, in welcher Beziehung
er zu Frank gestanden hatte?
„Wissen sie was ich an Geschäftsleuten wie ihr beide es seid nie wirklich
verstehen werde?
Wenn ihr ein beschissenes Gefühl bei einer Sache habt und sie geklärt
haben möchtet bevor noch etwas furchtbares passiert, warum zum Henker hebt
ihr dann nicht eure Hintern und erledigt die Sache allein?
Wieso schickt ihr andere in diesen „Krieg“ und lasst sie an ihre Grenzen gehen?
Wenn Mr. Last“, sie sah Louis direkt in die Augen, „der beste Freund von Frank
Parker war müssten sie eigentlich wissen, mit welchem Gefühl er jetzt
im Flieger nach Berlin sitzt. Wieso zum Geier lasst ihr die Drecksarbeit immer
andere machen?“
Sally hatte eine verkrampfte Haltung eingenommen und sich in Rage geredet.
„Sally es geht hier nicht um Dave“, meldete sich Josephine leise zu Wort.
„Und ob es hier um Dave geht“, zischte sie und riss ihren Kopf rum.
„Du solltest dich zur Abwechslung vielleicht auch mal mit den Gefühlen
und Belangen deiner Bekannten und Freunde um dich herum beschäftigen, als
weiterhin Frank nach zu trauern. Er macht sich furchtbare Vorwürfe nicht
rechtzeitig bei ihm gewesen zu sein. Die letzten 3 Jahre waren auch für
ihn die Hölle, aber er hat sie überstanden.
Ja, es ist schlimm was dir passiert ist und es tut mir in der Seele leid, aber
ich hab bei dem Unfall meine Eltern verloren, das scheinst du immer wieder zu
vergessen. Aber ich hab mit meiner Trauer abgeschlossen und ich hoffe, dass
du das auch endlich kannst.
Mach endlich eine Therapie oder geh aus um wieder unter Menschen zu kommen und
vielleicht sogar jemanden kennen zu lernen. Das Leben geht weiter Josephine,
auch ohne Frank! Wann begreifst du das endlich?“
Louis fühlte sich gerade etwas unwohl in seiner Haut.
Und woher kannte diese Sally bitte Dave?
„Ladies, bitte. Jetzt beruhigen sie sich erst einmal wieder und dann gehen wir
alles noch einmal in Ruhe durch.“
„Ich werde mich weder beruhigen noch einmal alles in Ruhe mit ihnen durchgehen.
Ich will mein Flugticket und dann hole ich Dave zurück aus Berlin. Und
ich will nichts mehr davon hören.
Kümmern sie sich allein um ihr schlechtes Gewissen oder schalten sie ihre
Anwälte ein. Davon werden sie ja wohl genug haben, um ihren Hals regelmäßig
aus der Schlinge ziehen zu lassen.“
Louis stand der Mund offen und Josephine stöhnte auf, dann ließ sie
ihren Kopf auf ihren Schreibtisch fallen und wünschte sich ganz weit weg.
Wieso war Sally nur immer so direkt?
Ohne eine Antwort abzuwarten stand sie auf, verließ das Büro und
wandte sich an Janine um sich zu erkundigen wie das mit den Flugtickets hier
von statten ging.
Louis räusperte sich und begann zu schmunzeln, dann fing er lauthals an
zu lachen.
Josephine sah ihn skeptisch an und fragte sich was jetzt daran so lustig war.
„Falls sie ihr kündigen sollten, dann lass ich ihnen gleich mal einen Vertrag
hier, denn so etwas brauch ich bei mir in der Firma.“
„Sie meinen doch nicht, das ich ihnen meine Sally überlasse, Louis“, kicherte
sie und zeigte ihm einen Vogel.
„Und ich werde nicht aufgeben“, zwinkerte er ihr zu, „sie immer wieder daran
zu erinnern. Und jetzt verraten sie mir doch bitte, was Miss Ryan mit Dave zu
schaffen hat.“
Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück, verschränkte die Arme vor
der Brust und sah ihn an.
„Finden Sie es doch selbst heraus, Louis.
Sie sind doch sonst so ein pfiffiges Kerlchen und stecken ihre Nase immer und
überall hinein.“
„Wenn die Lage nicht ernst genug wäre, dann würde ich dieses Gespräch
hier gern etwas vertiefen, aber ich habe leider noch zu tun, Josephine.
Bestellen sie ihrer Mutter doch einen lieben Gruß von mir, wenn sie sie
das nächste Mal sehen. Ich würde mich freuen, Therese mal wieder zu
sehen.“
Louis stand auf und schickte sich an das Büro zu verlassen.
„Ach kommen sie Louis. Sie wollen mir doch nicht sagen, das sie nicht ohne Grund
hier sind. Um was geht es hier wirklich? Das Mark schwul ist sieht doch jeder,
der auch nur ein bisschen Menschenkenntnis besitzt.“
„Wissen sie“, er drehte sich zu ihr herum, „es geht um wesentlich mehr als um
das Liebesleben von Mister Feehily, aber ich denke, dass das ein anderes Paar
Schuhe ist. Kümmern sie sich einfach um ihre Angelegenheiten und ich mich
um meine. Alles weitere wird sich klären.
Und was Miss Ryan anbelangt, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.“
Er verließ das Büro, zwinkerte Janine zu und verschwand im Aufzug,
noch ehe Josephine überhaupt etwas erwidern konnte.
*
Nachdem sie ihre Aussage gemacht hatte verließ sie das Polizeirevier
wieder, schob ihre dicke Sonnenbrille auf die Nase, die sie kurz zuvor aus ihrer
Tasche gefischt hatte, und stolperte mit ihrem Koffer die Stufen hinunter und
rannte direkt in die Arme von …
„Gina. Hallo … was … was machst du denn hier?“
Es hatte sich mittlerweile auch bis zu ihr herumgesprochen, das sich Jodi und
Kian getrennt hatten. Na ja oder besser gesagt Jodi von Kian.
„Hallo Jodi. Ich bin überrascht dich hier zu sehen. Hast du ein Shooting
hier?“
Georgina zeigte auf das Polizeigebäude und sah dann Jodi skeptisch an.
Sie hat sie noch besonders gemocht, aber sich immer im Hintergrund gehalten
mit ihrer Meinung. Hätte sie man lieber ihren Mund aufgemacht.
Nicky hatte sie immer als paranoid geschimpft, wenn sie mal wieder einer ihrer
Thesen aufstellte, dass Jodi Kian nur etwas vorspielte und mit Sicherheit in
fremden Betten herumspringt.
Aber nun fühlte sie sich mehr als bestätigt in ihrer Vermutung und
Nicky ging ihr jedes Mal gekonnt aus dem Weg, wenn das Thema Kian und Jodi aufkam.
„Nein, ich …“, sie nahm ihre Sonnenbrille ab und sah Georgina an.
„Kann ich mit dir reden? Unter vier Augen?“
„Ich kann dir auch so sagen wie es Kian geht, dazu muss ich mich nicht mit dir
unter vier Augen unterhalten, Jodi.“
„Ja, natürlich. Du hast Recht. Vergiss es einfach“, sagte sie ruhig und
leise, schob ihre Sonnenbrille wieder auf die Nase und warf ihre langen braunen
Haare hinter die Schultern. Dann schnappte sie sich ihren Koffer und machte
sich auf den Weg zum Taxistand.
Georgina trat einen Schritt zur Seite und sah ihr nach wie sie in ein Taxi stieg
und dann im Dubliner Verkehr verschwand.
*
5 Stunden später
Mit einem tiefen Seufzer schnallte sie sich ab und hoffte, das er ihre Nachricht
bekommen hatte und sie abholen würde.
Gedanklich prügelte sie sich immer wieder, das sie nicht mit offenen Karten
gespielt und Louis Walsh als auch Josephine die Wahrheit über Tom erzählt
hatte.
Als sie 15 Minuten später mit ihrem blauen Koffer die Flugzeughalle betrat
und kein ihr bekanntes Gesicht entdecken konnte, lief sie in Richtung Ausgang.
Zum Glück hatte sie ihre Wohnung noch nicht gekündigt. Würde
sie das jemals müssen?
Vielleicht war die Idee mit einem Neuanfang doch nicht so gut gewesen.
In Gedanken versunken kam sie an der Bushaltestelle an, als sich plötzlich
zwei Arme um sie legten.
„Entschuldige bitte meine Verspätung, aber der Verkehr hier ist Haare sträubend“,
flüsterte er ihr ins Ohr und küsste sie sanft in den Nacken.
Sally schloss die Augen, löste sich aus der Umarmung, drehte sich um und
lehnte sich seufzend gegen seine Brust.
„Und jetzt fahren wir beide erst mal ins Hotel. Du gönnst dir ein heißes
Bad, ich bestell uns eine Kleinigkeit zum Essen …“
Sie hob ihren Kopf, sah ihn an und legte dann ihren Finger auf seinen Mund.
„Bevor wir jetzt losdüsen, möchte ich …“
In diesem Moment lagen Daves Lippen auf ihren und Sally zog ihn an sich.
Weitere 20 Minuten später riss Sally alle Fenster in ihrer Wohnung auf
und Dave schaute sich, zurückhaltend aber dennoch neugierig, um.
„Okay. Ich kann dir leider nur einen Tee zum trinken anbieten, aber …“
„Sal, jetzt komm mal her.“
Er streckte seine Hand aus, griff nach ihrer und zog sie an sich. Dann legte
er seine Arme um sie und schaute sie an.
Sally sah zu ihm auf und wich kurz danach seinem Blick aus.
„Du sagst mir jetzt erst einmal was denn passiert ist, dass du mir so verwirrende
Nachrichten schickst und keine 5 Stunden später in der Stadt auftauchst,
der du eigentlich den Rücken kehren wolltest.“
Sanft strich er mit seinem Daumen über ihre rechte Wange und sie lehnte
ihren Kopf gegen seine Brust.
„Ich glaub, ich hab noch nie so schnell einen Job verloren“, jaulte sie auf
und erzählte ihm dann von dem Vorfall in Josephines Büro.
Dave atmete tief durch, schob sie zum Sessel, der vor einem kleinen Couchtisch
stand und drückte sie mit einem sanften Druck hinein.
Dann setzte er sich vor ihr auf den Boden, griff nach ihren zartgliedrigen Händen
und strich mit seinen Daumen über ihre Handrücken.
„Okay, und jetzt hätte ich gern die volle Version und bitte die Einzelheiten
nicht vergessen, die du, da bin ich mir sicher, Louis und Josephine unterschlagen
hast. Warum bist du hier und hälst so stur daran fest mich hier wegholen
zu wollen? Was weißt du, was ich nicht weiß, was die anderen Beiden
nicht wissen?“
Sie entzog ihm ihre rechte Hand, wischte mit dem Handrücken ihre Tränen
weg und holte tief Luft.
„Ich glaub, ich bin schuld an Franks Tod“, sagte sie leise und sah Dave mit
einem Blick an der ihn bis ins Mark erschütterten ließ.
„Was? Moment. Langsam, Sal.
Du bist verwirrt und redest grad ein bisschen quer daher.“
Noch ehe Dave seine Ausführungen beenden konnte, spürte er wieder
ihren Finger auf seinen Lippen und verstummte augenblicklich. Auch wenn er sich
wehemend dagegen sträubte so schossen ihm am Ende doch Tränen in die
Augen und er wich ihrem Blick aus.
„Es hat alles damit begonnen“, begann sie leise zu erzählen, „das ich einen
Praktikumspatz benötigte und mich bei mehreren Fotografen darum bewarb
und vorsprach.
Tom war dann der Einzige der mich für 3 Monate in sein kleines Reich ließ,
wie er immer zu sagen pflegte, und ich hab viel von ihm lernen können.
Allerdings habe ich schnell festgestellt, das er nicht mit fairen Mitteln spielte
und auf eigene Faust Nachforschungen angestellt.
Ich bekam schnell mit das er und Frank sich nicht ganz grün waren, um nicht
sogar zu sagen, die ärgsten Konkurrenten. Oft hab ich ihn fluchend durch
seine kleine Agentur rennen sehen und nur mit dem Kopf schütteln können,
das er wegen einem popeligen Auftrag so einen Aufriss machte.“
Sie schob sich ein paar lange Locken hinter ihr rechtes Ohr, zog die Beine eng
an ihren Körper und räusperte sich. Dann fuhr sie fort und Dave hörte
ihr, auf den Boden blickend, zu.
„Dann kam er den einen Vormittag breit grinsend zu mir und meinte, er hätte
den Coup seines Lebens gelandet.
Ich wusste erst nicht wovon er redete, aber dann zeigte er mir was er meinte.
Ein paar Tage zuvor war er bei der Echo-Verleihung in Köln gewesen und
hatte widerwärtige Fotos von zwei jungen Männern gemacht, die, so
wie er sagte, ihm einen großen Batzen Kohle bringen würden.
Ich hab noch nie etwas ekelhafteres gesehen, als diese Bilder. Ich hab keine
Ahnung welche Qualen die Abgelichteten über sich ergehen lassen mussten
und ich will es auch gar nicht erst wissen.
Als dann der Name Westlife fiel habe ich mir nicht viel dabei gedacht. Zu diesem
Zeitpunkt schossen diese Boybands wie Pilze aus dem Boden und keiner wusste
so recht welches Gesicht zu welcher Band gehörte.
Irgendwann, ein paar Tage später, entdeckte ich einen Artikel über
Frank in einem Fotomagazin und da wurde darüber berichtet, dass er der
neue Fotograf an der Seite von Westlife wäre.
Ich zählte eins und eins zusammen, schnappte mir die Fotos und kontaktierte
Frank, der sich, wie ich herausfand, zu diesem Zeitpunkt in Berlin aufhielt.
Da ich keinen Führerschein besitze bat ich meine Eltern mich zum Treffpunkt
zu fahren, sie wollten eh noch zu einem Geburtstag eines Freundes.
Dann ging alles sehr schnell.“
Mit bebender Stimme erzählte sie ihm von dem Unfall und machte eine, für
sie entscheidende, Entdeckung. Das schien sie ganz vergessen zu haben.
„Ich weiß jetzt auch, warum so schnell die Rettungsleute eintrafen. Mein
Vater war Herzkrank und trug so eine Kordel um den Hals wo so eine Art Notruf
befestigt war. Der muss bei dem Aufprall ausgelöst worden sein und da wurde
automatisch ein Signal an die Notrufzentrale geschickt, mit genauen Angaben
wo er sich befand, damit ihm schnell geholfen werden konnte.
Was dann geschah weißt du bereits.“
Stille machte sich breit und Sally weinte still vor sich hin. Hatte sie sich
nicht geschworen nie wieder durch die Hölle gehen zu müssen?
Warum musste das alles passieren?
Warum musste sie auf Josephine treffen?
Warum musste sie die Witwe von Frank sein?
Warum trat Dave wie aus dem Nichts in ihr Leben und stellte sich als der beste
Freund von Frank vor?
Warum mussten die Jungs von Westlife, so wie es aussah, auch gute Freunde von
Josephine sein?
Sie zuckte kurz zusammen als Dave plötzlich ihre Hände nahm und liebevoll
darüber strich.
„Gehe ich recht in der Annahme, dass du damals im Eifer des Gefechts die Negative
vergessen hast mitzunehmen?“ fragte er leise und Sally sah kurz zu ihm.
Ein zaghaftes Kopfnicken ließ ihn leise aufstöhnen und sie schlug
sich die Hände vors Gesicht.
„Es tut mir leid. Ich … ich war völlig durcheinander. Die Zeit war knapp
und ich hab mir einfach die Fotos geschnappt und bin los …“
„Hey … ssshhh … beruhige dich, Sal.“
Er zog sie vorsichtig zu sich auf den Schoß und strich beruhigend über
ihren Rücken.
„Dir macht niemand hier einen Vorwurf, hörst du. Und bitte hör auf,
dir selbst welche zu machen. Ich kenne die Fotos nicht, aber mir reichen, um
ehrlich zu sein, die Reaktionen derer die sie gesehen haben. Ganz zu schweigen
von den Betroffenen selbst, die unfreiwillig dafür posieren mussten.
Und, ob du es mir glaubst oder nicht, aber ich bin immer noch unheimlich froh
zu wissen, das Frank in deinen Armen seinen Weg nach oben eingeschlagen hat.
Ja es klingt makaber, da brauchen wir gar nicht groß drüber zu diskutieren,
aber ich denke du weißt wie ich das meine.
Was ich allerdings nicht begreife ist, warum hat dieser Tom so lange gewartet
die Fotos an die Presse zu verscherbeln?“
Den Kopf auf seine Schulter gelegt seufzte sie auf.
„Jodi“, sagten beide wie aus einem Mund und starrten sich dann an.
„Oh mein Gott“, entfuhr es Sally plötzlich.
„Was?“
„Ich hab sie heute früh am Flughafen in Dublin gesehen und mich gefragt
was sie dort machte, wo sie doch eigentlich, laut Josephines Unterlagen, bei
einem Fotoshooting auf den Balearen sein sollte.“
Dave schob Sally von sich herunter, schoss wie ein Pfeil nach oben, stieß
sich an ihrer Deckenbeleuchtung und lief, sich den Kopf reibend, aufgeregt im
Zimmer auf und ab, das Handy fest an sein Ohr gepresst.
„Sieht so aus, als ob wir unseren Aufenthalt tatsächlich abbrechen“, murmelte
er, schaute kurz zu ihr und holte Luft als sich am anderen der Leitung jemand
meldete.
„Ich bin’s. Hör zu. Die Lage hat sich ein wenig geändert … Nein ich
kann dir das nicht … Nein. Verdammt noch mal Louis, jetzt lass mich endlich
mal ausreden“, fauchte er ihn an und Sally musste plötzlich schmunzelnd
an ihr erstes Aufeinandertreffen mit Dave denken.
„Der Mann macht mich verrückt“, sagte er energisch, als er sein Handy zurück
in seine Hosentasche schob.
„Du weißt schon, dass das impotent machen kann“, kam es trocken über
ihre Lippen und sie riss Augen und Mund auf, dann wurde sie rot wie eine Tomate.
Ihr verdammt locker sitzendes Mundwerk würde ihr irgendwann noch mal zum
Verhängnis werden.
Dave fing an zu grinsen und trat dicht vor sie.
„Also bis gestern war noch alles in Ordnung“, flüsterte er und küsste
sie sanft auf die Nasenspitze.
„Aber wir können das gern noch mal …“
„DAVE! Bist du verrückt? Ich hab jetzt wichtigere Dinge im Kopf als mich
näher mit dem Pro …“
Zärtlich knabberte er an ihrer Unterlippe und Sally seufzte leise auf.
Da war auch schon das Verhängnis, was ihr das zu locker sitzende Mundwerk
einbrachte.
Aber wieso dachten die meisten in solchen Situationen immer an die schönste
Nebensache der Welt?
Sally nahm sich vor dieser Frage mal näher nachzugehen und schickte ihre
Hände auf Wanderschaft.
*
Dublin
Als sie den Wagen geparkt und den kleinen Plausch mit Yvonne Keating beendet
hatte lief sie ins Haus.
„Nicky? Bist du hier irgendwo?“
Zwei Hände schoben sich von hinten um sie.
„Hallo schöne Frau“, murmelte er und küsste sie sanft in den Nacken
und arbeitete sich weiter bis zu ihrem Ohr vor.
Schnell löste sie sich aus seiner Umarmung so gern sie jetzt auch weiter
diesen süßen Qualen ausgesetzt gewesen wäre.
Nicky seufzte ein wenig genervt auf und sah seine Frau an.
„Okay. Schieß los. Welche Theorie plagt dich dieses Mal?“
Georgina sah ihren Mann mit einer hochgezogenen Augenbraue an und holte tief
Luft.
„Erstens plagen mich keine neuen Theorien und zweitens“, sie holte ein kleines
Päckchen aus ihrem Rucksack und ging damit ins Wohnzimmer, „hab ich dir
was mitgebracht.“
„Ein Geschenk? Für mich?“
Nicky stürzte ihr nach und streckte die Arme aus.
„Gib her … bitte. Ich verspreche auch nie wieder an deinen Gedankengängen
zu zweifeln, auch wenn sie manchmal etwas verworren sind.“
Er schob seine Unterlippe etwas vor und klimperte mit seinen Augen.
Georgina ließ sich schmunzelnd auf das Sofa sinken und schlug mit der
Hand links neben sich.
„Komm mal her zu mir.“
Er saß keine zwei Sekunden später neben ihr und sah sie an und blickte
dann zu dem kleinen Päckchen, was auf dem Glastisch stand.
„Also. Erst einmal soll ich dir einen lieben Gruß von Yvonne bestellen
…“
Stöhnend ließ sich Nicky nach hinten fallen und rollte theatralisch
mit den Augen. Warum war ihm nur so klar gewesen, dass jetzt erst noch ein Vortrag
folgen würde, bevor er sein Geschenk aufmachen durfte?
Frauen waren doch manchmal sehr eigenartige Wesen, und seine Frau zählte
definitiv unter die ersten 10 der Weltrangliste.
Besonders seit sie den Nachmittag vor 2 Tagen ins Haus gestürmt kam und
ihm wild mit den Armen fuchtelnd klar machte, dass Jodi eine falsche Schlange
ist und Kian ihr nicht länger nachzuweinen brauchte.
„Und wenn du weiter so mit den Augen rollst, dann bekommst du gleich gar nichts
und wirst einfach so vor vollendete Tatsachen gestellt, Freundchen“, ermahnte
sie ihn und tippte mit einem Finger auf seine Brust.
„So, und jetzt …“
„Darf ich mein Geschenk auspacken“, klatschte er in die Hände, nahm es
breit grinsend an sich und seufzte auf als Georgina eine Hand auf seinen Arm
legte.
„Okay Süße. Was ist los? Hat dich jemand geärgert?
Du bist schon seit Tagen völlig durch den Wind, nicht erst seit du Jodi
über den Weg gelaufen bist“, sagte er leise, stellte das kleine Päckchen
zurück auf den Tisch und drehte sich zu Georgina.
„Nein. Mir geht’s gut. Wirklich. Mach dir keine Sorgen um mich. Mir fehlt nichts“,
lächelte sie ihn an.
„Pass auf. Du packst jetzt in Ruhe dein Geschenk aus und ich werde uns derweil
eine Kleinigkeit zu essen machen.
Hast du noch was von dem Kuchen übrig gelassen, den deine Mum uns mitgegeben
hat?“
Er nickte und sah sie an.
„Ist wirklich alles okay bei dir, Schatz?“
„Ja“, kicherte sie, stand auf und ging in die Küche. Nicky sah ihr kurz
nach und begann dann damit sein kleines Geschenk auszupacken.
Sie fand es immer wieder rührend wie er sich um sie sorgte. Vor den Kameras
mimte er den coolen kleinen Draufgänger der sich nur einmal über die
Lippen zu lecken brauchte und schon stöhnten Millionen von Mädchen
und Frauen verzückt auf und würden ihn am liebsten von der Bühne
und die Klamotten von seinem Leib reißen, aber so bald er die Haustür
hinter sich schloss und zu Hause war legte er dieses Image ab.
Okay, das Lippenlecken wandte er auch hier an und sie reagierte nicht anders
als Millionen von anderen Frauen, aber sie zeigte ihm dann auch gleich was er
damit immer wieder anrichtete und Nicky ließ diese süße Qual
nur all zu gern über sich ergehen.
„GINA!“ hörte sie ihn quietschen und begann zu kichern. Dieses Mal hatte
er den Treffer seines Lebens gelandet.
Nicky fuhr in die Höhe und rannte in die Küche, das Geschenk fest
an seine Brust gedrückt und blieb im Türrahmen stehen.
„Bist du … hat das … aber wie?“
Georgina drehte sich um, stützte sich an der Arbeitsplatte ab und schmunzelte
über den völlig verdatterten Gesichtsausdruck ihres Mannes. Sie drückte
sich ab und ging zu ihm.
„Ja bin ich und das wie muss ich dir nicht erklären, oder.“
Er starrte sie noch immer an, dann schluckte er und kam langsam wieder zu sich.
„Wann hast du …“
„Vor 2 Tagen.“
Tränen schossen in seine Augen und er schaute auf das Paar Babyschuhe in
seiner Hand.
„Ich werde Daddy?“ fragte er leise und sah sie an.
Georgina nickte und strich liebevoll über sein Gesicht. Nicky schmiegte
es in ihre Hand, legte seine Hand über ihre und strahlte sie an.
„Und du wirst Mummy“, hauchte er und küsste ihr eine Träne weg, die
sich ihren Weg über ihre Wange suchte.
Im nächsten Augenblick lagen sie sich heulend in den Armen und tauschten
immer wieder kleine Küsse aus, bevor sie zu einem innigen Kuss verschmolzen.
*
Berlin
Müde und in sich versunken saßen sie eng umschlungen auf dem Flughafen
und warteten auf den Aufruf für den letzten Flug nach London.
Von dort würden sie dann am nächsten Tag weiter nach Dublin fliegen
und alles weitere mit Louis besprechen.
Sally saß auf Daves Schoß und hatte ihren Kopf auf seine Schulter
gelehnt. An ihren gleichmäßigen Atemzügen konnte er spüren
das sie schlief.
„Sal“, nuschelte er in ihr Ohr und hauchte einen Kuss darauf, „wir müssen
los.“
„Mhm“, kam ein murmeln und sie drückte sich noch enger an ihn.
In diesem Augenblick wurde der Flug nach London aufgerufen und in Sally kroch
langsam wieder Leben und sie hob langsam ihren Kopf.
Als sie mit ihren kleinen Augen und dem verknautschten Gesicht direkt in Daves
Blickfeld geriet seufzte er leise auf.
„Gott was bist du schön, wenn du fix und fertig bist“, murmelte er und
küsste ihre Nasenspitze.
„Pass bloß auf was du sagst“, grummelte sie und schob sich von ihm. Dann
streckte sie sich und lief langsam zum Flugschalter. Dave folgte ihr.
10 Minuten später saßen beide im Flugzeug und Sally schlief, kaum das sie sich angeschnallt hatte, auch schon wieder.
*
Sligo
Wimmernd lag er in seinem Bett und zog sich das Kissen fester um den Kopf,
damit er niemanden weckte.
Mark war gerade auf seinem Weg ins Zimmer als er es vernahm und lief, ohne anzuklopfen
in das Zimmer seines kleinen Bruders und setzte sich zu ihm auf’s Bett.
Er zog am Kissen und strich vorsichtig über seinen Rücken.
„Hey Supermann“, flüsterte Mark und Colin zog seinen Kopf unter dem Kissen
hervor.
„Superhelden weinen nicht“, entgegnete er ihm trotzig und Mark schüttelte
grinsend den Kopf.
„Oh doch, das tun sie. Und das ist ihr gutes Recht. Und jetzt rutsch mal ein
Stück.“
Colin schob sich an die Wand und Mark zwängte sich neben ihn.
Sofort kuschelte Colin sich an ihn und Mark legte seinen Arm um ihn.
Wie lange hatten sie das nicht mehr gemacht?
Es muss kurz nach Colins 10. Geburtstag gewesen sein.
Westlife hatten ihre erste Tour im Vorprogramm von Boyzone absolviert und Colin
war überglücklich seinen großen Bruder endlich wieder um sich
zu haben.
Ohne ein Wort der Widerrede krabbelten sie in ein Bett und Mark stellte sich
den Fragen von ihm.
Bis spät in die Nacht hatten sie wach gelegen und Mark hatte jede seiner
Fragen beantwortet. Irgendwann schliefen sie dann ein. Colin lag halb auf Mark
und der hatte wiederum seine Arme fest um ihn geschlungen.
Marie hatte mit Tränen in den Augen am nächsten Morgen in der Tür
gestanden und ihre beiden Söhne betrachtet. Mark und Colin hatte schon
immer ein besonderes Band verbunden.
Als sie damals mit dem kleinen Bündel auf dem Arm nach Hause kam, wich
Mark nicht einmal von ihrer Seite und kümmerte sich rührend um ihn.
„Erzähl bloß nichts meinen Freunden davon“, murmelte er schläfrig
und dann fielen ihm auch schon die Augen zu.
Schmunzelnd strich Mark über seinen Rücken, hauchte einen Kuss auf
sein Haar und schluckte die aufkommenden Tränen hinunter.
„Ich schwöre auf unsere Holzkiste im Garten“, flüsterte er und die
ersten Tränen bahnten sich nun doch ihren Weg nach draußen.
Als er von seinen ersten Auftritten aus Asien zurückkam, hatte er jedem
in seiner Familie ein kleines Souvenir mitgebracht. Colin bekam von ihm eine
kleine Holzkiste aus Japan.
Sofort rannte er damit auf sein Zimmer, holte Marks ersten Brief hervor und
legte ihn, sorgfältig zusammengefaltet, hinein. Dann rannte er wieder herunter,
schnappte sich eine kleine Schaufel und seinen großen Bruder und lief
mit ihm nach draußen in den Garten.
Dort vergruben sie die Schachtel unter dem Rosenbusch ihrer Mutter und schworen
sich immer für den jeweils anderen da zu sein.
Barry war damals total eifersüchtig auf die Beiden und setzte alles daran
einen Keil zwischen die Beiden zu treiben, scheiterte aber gewaltig. Sie hielten
zusammen wie Pech und Schwefel.
Mark wischte sich die Tränen weg, zog die Decke über sie beide und
schlief kurz darauf ein, als er sich noch einmal vergewissert hatte, dass sein
kleiner Bruder auch wirklich friedlich schlief.
*
London, 01.02.2004, 3:45 Uhr
Sie konnte kaum noch ihre Augen offen halten, als sie in die kleine Pension
eincheckten und Dave den Zimmerschlüssel entgegennahm.
„Komm Kleines, das schaffen wir noch.
Nur noch die Treppe rauf, dann kannst du schlafen“, murmelte er in ihr Ohr,
legte einen Arm um sie und schob sie in Richtung Treppe.
Sally ließ sich müde leiten und als Dave das Zimmer aufgesperrt und
sie das Bett sah, schleppte sie sich mit letzter Kraft in dessen Richtung und
ließ sich wie ein nasser Sack darauf fallen. Sie zog sich am Bettüberwurf
so gut es ging hinauf und blieb dann regungslos, und alle viere von sich gestreckt,
liegen.
Dave musste bei dem Anblick ein wenig schmunzeln. Dann ging er zum Bett.
„Ich muss noch mal nerven“, flüsterte er und stupste mit seiner Nase gegen
ihre Wange.
„Mhm“, grummelte sie und öffnete schwerfällig ein Auge.
„Ich würd mich schon gern zudecken. Könnte bisschen kalt werden die
Nacht so ganz ohne Decke. Aber dazu müsstest du leider …“
„Ich hab schon verstanden“, nuschelte sie leise, schob sich vom Bett und lief
in Richtung Bad um sich gänzlich für’s Bett fertig zu machen.
Dave bereitete ihre Schlafmöglichkeit vor, zog sich bis auf Shirt und Shorts
aus und ging ebenfalls zum Bad.
Er klopfte vorsichtig an die Tür und wartete.
Keine Antwort.
„Sal?“ fragte er vorsichtig, schob die Tür auf und holte tief Luft um nicht
los zu lachen.
Sally saß auf dem Toilettendeckel, den Kopf an die verglaste Dusche gelehnt
und schlief. Die Hose hing ihr in den Kniekehlen, denn die war sie wohl am ausziehen
gewesen, als sich der Schleier der Nacht um sie legte.
Leise ging er zu ihr, kniete sich vor sie hin und zog ihr die Hose von den Beinen.
Anschließend zog er ihr Pullover und Shirt aus, öffnete den Verschluss
ihres BH’s, streifte ihn ihr ab und zog ihr das Shirt wieder an.
Er schob einen Arm unter ihre Kniekehlen, den anderen legte er auf ihren Rücken
und umfasste sie mit einem festen, aber dennoch zarten Griff, hob sie hoch und
trug sie zum Bett.
Als er sie zugedeckt hatte ging er erneut ins Bad, machte sich endgültig
bettfertig und schlüpfte anschließend unter das andere Bettdeck.
Seine Hand wanderte unter ihr Deckbett, zog den schlafenden Körper an sich
und als sie eng aneinander gekuschelt ins Land der Träume entglitten, machten
sich die ersten Londoner schon wieder auf den Weg zur Arbeit.
*
Sydney, Australien, 12:45 Uhr (WST)
Brian saß in einem kleinen gemütlichen Restaurant und überflog die Speisekarte. Gedanklich rechnete er in welcher Zeitzone wohl jetzt seine Freunde hingen und zog sein Handy aus der Jacke.
Hey Fee!
Hab dir doch versprochen, dass ich mich bei dir melde. Hier ist es ruhig und
friedlich. Üblichen Schmierlappen, aber sonst keine Gefahr in Sicht. Könnte
mir vorstellen, hier zu leben.
Macs *Knutsch*
Er verschickte die Nachricht und ließ sich dann was zu essen und trinken kommen.
*
Dublin, 9:25 Uhr
Summend fischte er die Brötchen aus dem Ofen.
„Autsch! Ah! Oh! Heisssssssss!“ presste er hastig hervor und warf sie im hohen
Bogen in den Brotkorb und presste dann seine Finger an seine Ohrläppchen.
„Frag mich, warum das immer wieder funktioniert“, nuschelte Nicky als seine
Finger langsam wieder auskühlten und bestückte dann das Tablett noch
mit Marmelade, Honig, Butter und Frischkäse.
Als krönenden Abschluss stellte er noch die schmale Vase mit der roten
Rose in die Mitte des Tabletts und lief damit dann die Treppe nach oben in Richtung
Schlafzimmer.
Georgina lag noch immer schlafend im Bett als Nicky das Tablett vorsichtig auf
dem kleinen Nachtschränkchen abstellte und sich anschließend über
sie beugte.
Zärtlich küsste er ihr Gesicht und atmete den Duft ihrer Haut und
Haare ein. Als sie sich langsam unter ihm räkelte sah er sie an und seufzte
leise auf.
„Ich liebe dich“, flüsterte Nicky und Georgina schlug lächelnd ihre
Augen auf. Langsam drehte sie sich auf den Rücken und lächelte ihn
mit ihren großen blauen Kulleraugen an.
„Wir lieben dich auch“, säuselte sie und zog ihren Mann zu sich herunter.
„Ich hab Frühstück gema … oh ja …“, seufzte Nicky auf als Georgina
ihre Hände auf Entdeckungsreise schickten.
*
„Kannst du mir mal bitte die Erdbeermarmelade reichen?“
Sally griff zu dem kleinen Schälchen, reichte es Dave und hielt sich danach
weiter an ihrer Tasse Kaffee fest.
„Danke“, nuschelte er, schmierte sich sein Brötchen und sah dann zu ihr.
„Magst du nichts essen?“ fragte er vorsichtig und hielt ihr das Brötchen
hin.
Sie lehnte kopfschüttelnd ab und nippte am Kaffee. Seufzend biss er ab
und kaute andächtig vor sich hin.
Das versprach ein ganz toller Tag zu werden.
Sie waren vor gut 1 Stunde in Dublin gelandet und sich in das nächstbeste
Restaurant gesetzt um zu frühstücken.
Sally schwieg, seit sie sich gestern leidenschaftlich in Berlin geliebt hatten,
und Dave kam damit nicht wirklich klar.
Er hatte alles versucht ihr die Vorwürfe, die sie sich wegen Franks Tod
machte, auszureden, aber er biss nach wie vor auf Granit bei ihr. Vielleicht
sollte er nichts überstürzen und alles auf sich zukommen lassen.
20 Minuten später saßen sie schweigend im Taxi. Dave vorn auf dem
Beifahrersitz, Sally hinten auf der Rückbank und ließen die verregneten
Straßen Dublins an sich vorüber ziehen.
Als der Wagen vor seinem Zielort stand, zahlte Dave den Fahrpreis, während
Sally auf die Straße trat und im Regen stand, den sie nicht wirklich unangenehm
fand, wenn die eisige Kälte nicht gewesen wäre, die sie ummantelte.
Dave verabschiedete sich vom Fahrer, ging zu ihr und schob sie ins Gebäude,
wo sie auch sofort freundlich in Empfang genommen wurden.
„Guten Morgen, Mr. Last. Mr. Walsh erwartet sie bereits”, lächelte ihnen
Seamus freundlich entgegen.
Dave nickte ihm kurz zu und ging dann, zusammen mit Sally, zu den Aufzügen,
während Seamus in der Chefetage die Ankunft der Beiden telefonisch bekannt
gab.
„Ziehst du es vor deine Schweigeminuten beim Chef weiter einzuhalten, oder darf
ich wenigstens hier auf ein Lebenszeichen von dir hoffen?“
Er drückte den schwarzen Knopf, die Türen schlossen sich und der Aufzug
setzte sich in Bewegung.
Sally sah kurz zu ihm auf, schluckte und wandte ihren Blick dann wieder ab.
„Okay. Dann eben das Spiel. Soll mir auch Recht sein. Ich bin in der Hinsicht
einiges gewöhnt, nur zu deiner Information. Nicky kann das auch sehr gut,
was du hier gerade so schön demonstrierst. In Selbstmitleid versinken ist
wirklich etwas ganz tolles.“
Kaum das sich die Türen öffneten war Dave auch schon dem Aufzug entschwunden
und begab sich in Richtung Chefbüro, während Sally sich verstohlen
eine Träne wegwischte und ihm dann folgte.
Das Tor zur Hölle wurde noch einen Spalt mehr geöffnet und der Teufel
rieb sich schon mit feuerspeienden Augen die Hände nach ihr.
*
Sligo
Mit steifen Gliedern und einem Rücken der jeden Moment durchzubrechen
drohte quälte Mark sich nach oben und streckte sich mit grimmigen Blick,
der nur vermuten ließ welche Schmerzen in diesem Moment durch seine müden
Glieder jagten.
Dann lief er gähnend nach unten und wurde von seiner Mum mit einem freundlichen
Lächeln und einem Kuss begrüßt.
„Colin lässt ausrichten, dass er auf Supermann wartet, was immer das bedeuten
mag.
Er hockt, dick eingepackt, im Garten unter dem Rosenbusch“, sagte sie ruhig,
aber Mark konnte die Sorge in ihrer Stimme heraus hören.
„Ich kümmer mich um ihn, Mum. Mach dir keine Sorgen, obwohl ich weiß“,
er zog sie in seine Arme und Marie schmiegte sich an ihren Sohn, „das du vor
lauter Sorge und Kummer die letzten Nächte kaum ein Auge zugemacht hast.“
Liebevoll strich er mit der flachen Hand über ihren Rücken und spürte
wie sie sich immer mehr entspannte. Er hauchte ein Kuss auf ihr Haar und sah
sie dann an.
„Komm“, er schob sie in die Küche und drückte sie auf den Stuhl, „du
brauchst jetzt eindeutig ein markantes Frühstück.“
„Aber ich hab doch schon …“
„Sssshhh“, er legte einen Finger auf seine vollen Lippen und sah seine Mum an.
Marie verstummte und sah zu ihrem Ältesten auf, der sich geschäftig
in der Küche umblickte und dann zur Tat schritt.
Wann hatte sie das letzte Mal erlebt, dass einer ihrer Söhne Frühstück
gemacht hatte, außer am Muttertag?
Das muss Jahre her sein.
Als Mark ihr dann einen Teller reichte fing sie schallend an zu lachen.
„Ist das dein markantes Frühstück?“
„Ja“, grinste er und für einen Moment kehrte der Glanz in seine Augen zurück,
den sie so an ihm vermisst hatte.
Kichernd schnappte sie sich einen Nutellatoast und begann zu essen, während
Mark sich eine Tasse Kaffee einschenkte und sich dann zwinkernd, ihr gegenüber,
an den Tisch setzte.
Colin hockte bibbernd im Garten und starrte auf die Erde unterm Rosenbusch.
„Wo warst du, als ich dich wirklich gebraucht habe, Marcus? Wo warst du?“ wimmerte
er und verfiel in eine stereotypische Bewegung und wippte vor und zurück,
während Tränen über sein Gesicht strömten.
„Du hast mir versprochen immer für mich da zu sein. Du hast es mir versprochen“,
flüsterte er und zuckte zusammen, als sich eine Hand auf seine Schulter
legte.
*
Sorgfältig legte sie ihre Klamotten in den Schrank und beförderte
die Schmutzwäsche im hohen Bogen in den Kleidersack.
Dann griff sie zu ihrem Telefon und wählte die Nummer von ihrem Friseur.
„Hey James, Jodi hier. Kann ich heute noch bei dir vorbei kommen? Ich brauch
unbedingt mal etwas Farbe und einen neuen Schnitt“, seufzte sie auf und ließ
sich in ihren großen Sessel fallen.
Sie begann ein wenig mit ihm zu plaudern, dann machten sie einen Termin aus
und Jodi legte ihr Telefon zurück auf die Ladestation.
Dann holte sie tief Luft, strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr und
stütze sich mit beiden Armen an den Lehnen ab, stand auf, schnappte sich
den Kleidersack und machte sich daran eine Maschine Wäsche anzusetzen,
als sich ihr Handy in ihrer Handtasche laut vibrierend bemerkbar machte.
„Ich bin nicht da“, murmelte sie, fischte das Handy aus ihrer, am Boden liegenden,
Tasche und stöhnte auf.
„Albert.“
„Hallo Jodi, gut das ich sie erwische. Sie haben sich die letzten Tage ziemlich
rar gemacht und einige Aufträge scheinbar völlig vergessen, oder?“
Augenrollend warf sie ihre Schmutzwäsche in die Maschine, tat etwas Waschmittel
und Weichspüler dazu, wählte das Programm und drückte START.
Dann ging sie in ihr Wohnzimmer, ließ sich auf das pinke Sofa fallen und
seufzte auf.
„Ja das ist richtig, Mrs. Parker, aber ich hatte auch meine Gründe dazu.
Wollen sie mir jetzt kündigen?“
„Kündigen? Ich ihnen? Ach, wo denken sie hin“, schmunzelte Josephine ins
Telefon und malte mit ihrem Kugelschreiber kleine Blümchen auf ihre Schreibtischunterlage.
„Ich plane ein größeres Projekt, und da bräuchte ich unter anderem
auch sie dafür. Können sie morgen pünktlich um 10 Uhr bei mir
im Büro sein?“
Gedanklich ging sie ihre Termine durch und nickte.
„Ja, ich werde da sein“, sagte sie und sah auf das Bild von Kian, was auf ihrer
Flachstrecke stand.
„Haben sie sonst noch etwas, Mrs. Parker?“
„Nein, das war alles. Bis morgen, Jodi. Auf Wiedersehen.“
„Bye“, antwortete sie, aber Josephine hatte längst aufgelegt.
Das Handy in der Hand stand sie auf und ging hinüber zum Bilderrahmen,
griff sich das Foto und seufzte auf.
„Ich war so blind. Es tut mir so leid, Schatz“, flüsterte sie, küsste
das Foto von Kian und stellte es wieder zurück. Anschließend schnappte
sie sich ihren Mantel und ihre Handtasche und machte sich auf den Weg zu James.
*
Louis sah von Dave zu Sally und dann wieder zurück zu Dave.
„Na dann bin ich ja mal gespannt, was ihr mir so zu berichten habt. Ich kann
mir nicht vorstellen, das man in so kurzer Zeit zu sämtlichen Informationen
kommt die wir benötigen, um Mr. Klien das Handwerk zu legen.“
Sally wäre am liebsten aufgesprungen und hätte vorher aber noch das
Glas Wasser in Louis Gesicht geschüttet, was seine Sekretärin vor
ihr auf den Tisch gestellt hatte.
Sie räusperte sich und Dave drehte seinen Kopf in ihre Richtung.
„Hören sie, Mr. Walsh. Was ich von ihren Methoden halte an irgendwelche
Informationen zu kommen habe ich ihnen bereits laut und deutlich zu verstehen
gegeben, aber mit welcher Gleichgültigkeit sie hier in den Tag leben, finde
ich einfach nur Haare sträubend und zum kotzen.
Sie meinen wohl, nur wenn der Kerl ihren Namen auch nur hört, wird er sich
vor Angst in die Hosen machen.
In welcher Welt leben sie eigentlich? Setzen hier unschuldige Menschenleben
auf’s Spiel nur um an Informationen zu kommen, die …“, sie holte Luft und sah
Louis direkt in die Augen, „… ich kann ihnen sämtliche Informationen liefern
die sie benötigen, wenn sie Mr. Last endlich aus der Sache raus lassen.
Sie sollten wissen, dass er …“
Dave räusperte sich, legte eine Hand auf ihren Unterarm und sah sie an.
„Zerbrich dir bitte nicht deinen Kopf wegen mir. Es geht mir gut und du weißt
warum“, lächelte er sie an.
Louis sah zwischen den beiden hin und her und hatte keinen Plan, was da gerade
vor seiner Nase abging.
„Würdet ihr mich bitte mal aufklären?“
Dave und Sally sahen Louis an und seufzten auf.
Dann begann Sally ihm alles zu erzählen, während Dave immer wieder
sanft ihre Hand drückte und mit seinem Daumen über ihren Handrücken
strich.
Louis beobachtete diese Szene ganz genau, während er ihren Ausführungen
folgte, und langsam ergaben die heftigen Reaktionen von Sally einen Sinn. Sie
und Dave kannten sich wohl doch etwas näher …
Nachdem Sally alles erzählt hatte und sich erschöpft in den Sessel
sinken ließ holte Louis tief Luft und legte eine Hand an seinen Mund.
Es war doch ziemlich heftig, was er die letzte halbe Stunde erfahren hatte und
langsam setzte sich auch in seinem Hirn das Puzzle zusammen.
„Sie entschuldigen mich, bitte“, sagte Sally leise, stand auf und verließ
das Büro von Louis und steuerte auf die Toiletten zu.
Ein weiteres Mal würde sie das nicht durchstehen, so viel war klar.
Warum musste sie nur den Job bei Josephine annehmen? Wieso? Es lief doch alles
super bis hierhin und jetzt fühlte sie sich völlig ausgebombt und
am Ende.
Dave sah ihr nach und wandte sich dann wieder an seinen Chef.
„Louis … also ich wollte fragen … kann ich …“
„Bevor ich dich in deinen wohl verdienten 2 Tage Urlaub schicke, möchte
ich dir nur sagen, dass ich mich ab jetzt um alles weitere kümmern werde.
Ich hab genug Informationen um diesem Kerl gehörig an den Karren zu pissen.
Du wirst ab sofort nur noch für die persönliche Sicherheit der Jungs
zuständig sein. Ich danke dir für deine Arbeit, Dave. Und jetzt schwirr
ab und lass dich erst am Montag wieder hier blicken.“
Dave stand lächelnd auf.
„Ich sollte wohl jetzt besser ganz schnell verschwinden eh du deinen kleinen
Fehler bemerkst und mir ganze 4 Tage frei gibst.“
„Du bist ja immer noch hier. Ich glaub da draußen wartet jemand auf dich“,
zwinkerte Louis ihm zu und Dave verließ daraufhin sein Büro.
Sally kam gerade aus den Toiletten, lehnte sich kurz an die Tür und holte
tief Luft.
„Schlimmer kann’s eh nicht mehr werden“, murmelte sie und machte sich auf den
Weg nach vorn.
Als er sie sah ging er zu ihr und lächelte sie an.
„Lass uns ganz schnell verschwinden“, flüsterte er in ihr Ohr und küsste
sie dann sanft darauf, „ich hab nämlich ab jetzt frei, und das bis Montag.
Irre, oder?“
Sally sah ihn an und nickte.
„Das ist toll und mehr als nötig.“ Sie strich ihm mit einer Hand über
seine unrasierte Wange.
„Dann lass uns ganz schnell verschwinden, bevor Louis noch etwas einfällt
und wir heute nicht mehr hier weg kommen.“
Er küsste sie auf die Stirn, griff nach ihrer Hand und gemeinsam gingen
sie zum Aufzug.
„Ach … Miss Ryan“, hörten sie Louis Stimme hinter sich und drehten sich
um.
„Ja, Mr. Walsh?“
„Können sie morgen noch einmal bei mir vorbei kommen? Und bringen sie bitte
ihre Kamera mit“, zwinkerte er ihr zu und verschwand wieder hinter seiner, sich
schließenden, Bürotür.
„Ähm …“, war alles was sie dazu sagen konnte, dann zog Dave sie in den
sich gerade öffnenden Aufzug und kaum hatten sich die Türen geschlossen
zog er sie in seine Arme.
„Wenn ich meinen Chef richtig kenne und einschätze dann würde ich
sagen, dass du morgen deinen ersten eigenen Auftrag bekommst.“
„Ach ja? Und der wäre?“
„Das wird nicht verraten. Nachher stimmt das nicht, und du machst dir umsonst
Hoffnung, mich ein paar Monate jeden Tag um dich zu haben“, lächelte er
sie an und küsste sie zärtlich.
„Mhm … da muss ich mir aber gut überlegen, ob ich den Auftrag annehme,
denn die Vorstellung dich so lange täglich um mich haben zu müssen
… na ja …“, kicherte sie.
„Hey, was soll das denn heißen?“
„Gar nichts“, schmunzelte sie und verließ Hand in Hand mit ihm den Aufzug.
Dave ging mit ihr zur Rezeption, ließ ihnen ein Taxi rufen und wartete
dann mit ihr zusammen vorm Gebäude darauf.
„Das diskutieren wir später noch aus“, raunte er in ihr Ohr und strich
unter ihrem Mantel sanft über ihren Hintern.
„Würdest du bitte deine Hand da weg nehmen“, nuschelte sie und sah ihn
kurz an.
„Wieso? Ich mag deinen Hintern und außerdem ist er“, er küsste sie
in den Nacken, „heiß.“
Sally schluckte und griff nach seiner Hand, schob sie von ihrem Hinterteil und
hielt sie fest.
„Sei mir nicht böse, aber ich … Dave ich würd ganz gern allein sein
heute“, sagte sie leise, sah ihn an und dann auf den Boden.
Das Taxi hielt vor ihnen und Dave räusperte sich.
„Dann kann ich davon ausgehen, dass du auch keine Lust hast mit mir zu Mittag
zu essen?“
Sie sahen sich an und Dave nickte.
„Meldest du dich bei mir, wenn Louis mit dir geredet hat?“
„Mach ich“, sie küsste ihn auf die Wange und trat einen Schritt zurück
um ihm zu signalisieren, dass sie auf keinen Fall mit in das Taxi steigen würde.
Dave sah sie noch einmal kurz an, stieg in das Taxi, zog die Tür zu und
der rote Wagen setzte sich in Bewegung.
Tief durchatmend drehte sie sich um und machte sich auf den Weg zu Josephines
Haus.
Es würde ein Fußmarsch von über 2 Stunden werden, aber dann
hatte sie genug Zeit um über einiges nachzudenken und ein paar Entscheidungen
zu treffen.
*
Nach 3 Stunden und um €120 leichter, verließ sie den Friseur und machte
sich auf den Weg zu den Byrnes.
Sie musste mit jemandem reden, ob das Georgina nun passte oder nicht.
*
„Warte … hey nicht doch … wirst du wohl … oh jaaa …“, jauchzte Georgina auf
und ließ ihren Göttergatten auf Erkundungsreise gehen.
„Bist ganz schön verspannt“, nuschelte Nicky und massierte sie sanft und
knete ihre Schultern zärtlich.
Georgina schloss seufzend die Augen und gab sich ganz den Fingerfertigkeiten
ihres Mannes hin, als es an der Tür läutete.
„Wir sind nicht da“, murmelte sie in das Kissen.
„Ach nein? Wo sind wir denn gerade?“ Nicky beugte sich schmunzelnd über
sie und küsste sie sanft in den Nacken.
„Genau da … ganz weit weg, weil mein Mann mich verrückt macht“, murmelte
sie, drehte sich auf den Rücken und sah ihn an.
Es klingelte erneut an der Tür.
„Och nö … das darf ja wohl nicht wahr sein.
Würdest du bitte runter gehen, den Eindringling wegschicken und dann ganz
schnell wieder zu mir kommen, damit ich mit dir einen wundervollen Tag im Bett
verbringen kann?“ fragte sie und klimperte mit vorgeschobener Unterlippe mit
ihren Augen.
„Bin schon weg“, sagte er schnell, schlüpfte in seine Shorts und stülpte
sich ein Shirt über den Kopf, dann polterte er die Treppe nach unten und
öffnete die Haustür.
Als er die Klinke nach unten drückte und die Tür öffnete wünschte
er sich weit weg …
„Jodi … hallo“, räusperte er sich, „was verschlägt dich zu uns?“
„Ich muss mit jemandem reden, Nicky. Bitte.“
Nicky kratzte sich am Hinterkopf und überlegte wie er seiner liebreizenden
Frau am besten klar machte, wer jeden Moment im heimischen Wohnzimmer auf der
Couch Platz nehmen würde um sich, so wie es aussah, etwas von der Seele
zu reden.
„Komm rein“, sagte er leise, trat einen Schritt bei Seite und Jodi ging leicht
lächelnd ins Haus.
„Du weißt ja wo das Wohnzimmer ist. Ich geh mir eben was anderes anziehen
und Gina Bescheid sagen.“
Jodi nickte und steuerte auf das Wohnzimmer zu, während Nicky die Treppe
hoch lief und sich schon jetzt auf eine kleine Standpauke seiner Frau gefasst
machte, weil Jodi im Wohnzimmer saß.
„Wer war an der Tür?“ fragte sie und hob ihr Bettdeck leicht an, schaute
aber etwas verdutzt als Nicky zum Kleiderschrank ging und nicht mit zu ihr unters
Bettdeck krabbelte.
„Wir haben Besuch, G. Du solltest wohl auch besser“, er sah kurz zu ihr, „aufstehen.
Sie will reden.“
„Sie? Wer ist sie?“ Georgina stand fast im Bett und sah ihren Mann mit großen
Augen an.
„Jodi“, kam es kleinlaut von ihm.
„BITTE? Wie kannst du … argh Nicholas!“
Wütend schlug sie das Bettdeck zurück, stand auf und schnappte sich
ihre Klamotten die über der Stuhllehne hingen und stampfte ins Bad.
Nicky sah ihr seufzend nach, zog sich seine Jeans und ein hellblaues Polo-Shirt
an, dann lief er nach unten ins Wohnzimmer.
„Gina kommt gleich“, teilte er ihr mit und setzte sich ihr gegenüber in
den Sessel.
„Magst du was trinken?“
Jodi nickte. „Ein Tee wäre nett, danke.“
Nicky erhob sich und ging in die Küche, als Georgina ins Wohnzimmer gestolpert
kam.
„Hallo“, grüßte sie Jodi kühl und sah sie an.
„Was willst du hier?“
Jodi hob ihren Kopf und sah sie an. Wie hätte sie auch denken können,
dass ihr sämtliche Sympathien entgegen schlagen werden?
„Hör zu. Ja, ich hab mich von Kian getrennt, und das nicht gerade auf die
feine englische Art und Weise, aber ich hab gemerkt das ich …“
„Immer noch in ihn bzw. seinen Promistatus verliebt bist?“ schnaubte sie verächtlich
und ihre Augen wurden etwas schmal.
„Was hab ich dir eigentlich getan, dass du mich so angehst, Gina?“
„Das fragst du noch? Du hast einen meiner besten Freunde auf übelste Art
und Weise …“
Jodi hob eine Hand, stand auf und ging auf sie zu.
„Genau … einen deiner besten Freunde, und nicht dich, Georgina.
Du meinst du kennst mich, dabei weißt du nichts über mich. Rein gar
nichts.
Ja, ich habe Kian am Anfang vielleicht benutzt um an gute Aufträge zu kommen,
aber ich hab mich geändert.“
„Du meinst damit, dass du jetzt schon dem nächsten den Hof machst, wenn
du denjenigen nicht schon während deiner Beziehung mit Kian über dich
rüberrutschen lassen hast“, zischte sie wütend und sie ballte ihre
Hände zu Fäusten, um nicht völlig die Beherrschung zu verlieren.
Jodi musste schlucken, was Georgina als Antwort genügte.
„Da wir das jetzt geklärt hätten … würdest du dann bitte mein
Haus verlassen.“
„Gina … bitte … schick mich nicht weg. Ich muss mit jemandem reden …“, schluchzte
sie auf und sah sie mit Tränen in den Augen an.
„Dann komm“, meldete sich Nicky aus dem Hinterhalt und sah zu Jodi.
Georgina wirbelte zu ihm herum und starrte ihn an.
„Wir alle machen Fehler, Schatz. Deiner ist es, zu schnell ein Urteil über
jemanden zu fällen und dich dann daran fest zu beißen, ohne weiter
hinter die Fassade zu blicken“, sagte er und räusperte sich.
Jodi ging auf Nicky zu und er schob sie in Richtung Küche. Georgina sah
Nicky an und schluckte.
„Und zu einer Trennung gehören immer zwei“, teilte er seiner Frau noch
mit und folgte Jodi dann in die Küche.
Georgina wusste nicht auf wen sie wütender war.
Auf Jodi, weil sie einfach hier auftaucht, obwohl sie ihr doch eindeutig zu
verstehen gegeben hat, was sie von der ganzen Trennungsgeschichte hielt?
Auf Nicky, weil er ihr in den Rücken fällt und einfach in allem und
jedem das Gute sieht und sucht?
Auf sich selbst, weil sie gerade dabei war Jodi als auch Nicky Recht zu geben
und ihren Standpunkt, an dem sie sich versuchte krampfhaft fest zu halten, zu
verlieren schien?
Unschlüssig kaute sie auf ihrer Unterlippe herum und schob sich eine Haarsträhne
hinter ihr Ohr, dann folgte sie den Beiden langsam und seufzend in die Küche.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren setzte sie sich an den Tisch und griff
nach der Tasse, die Nicky ihr lächelnd über den Tisch schob.
Jodi räusperte sich, sah kurz zu Georgina und dann zu Nicky.
„Ich führe seit knapp einem Jahr ein Doppelleben“, begann sie zu erzählen
und holte tief Luft.
Nicky sah kurz zu seiner Frau und widmete seine gesamte Aufmerksamkeit dann
wieder Jodi zu.
„Es hat alles mit einem Fotoshooting für ein ziemlich bekanntes Männermagazin
begonnen. Kian war auf Tour und ich hatte mit Dreharbeiten zu tun, als der Auftrag
mich erreichte.
Ich legte meine Drehtermine anders und flog nach Berlin, denn das war die Chance
für mich in Europa Fuß fassen zu können, zumindest einen Schritt
nach vorn zu machen. Kian hat mich darin immer bestärkt, das wisst ihr,
aber ich hatte mich bisher immer gegen solche Fotos gesträubt.“
„Du hast dich ausgezogen?“ fragte Georgina schockiert und sah Jodi mit großen
Augen an.
„Nein“, schüttelte sie den Kopf und nippte an ihrem Tee.
„Aber was …“
„Jetzt lass sie doch erst einmal ausreden“, fuhr ihr Nicky ins Wort.
Georgina sah ihn kurz an und schaute dann in ihren Tee.
„Ich bin ja schon ruhig“, nuschelte sie.
„Gegen was für Fotos hast du dich gesträubt?“ nahm Nicky den Faden
wieder auf und sah Jodi neugierig an.
„Tom Klien, der Fotograf für den Auftrag, wollte mich in eindeutigen Posen
haben, aber ich hab mich gesträubt. Wir konnten uns dann auf ganz normale
Aufnahmen einigen, bei denen die Stoffe allerdings etwas knapper ausfielen als
auf meinen bisherigen Aufnahmen …“
„Mo … moment Mal. Sagtest du gerade Tom Klien?“
Nicky glaubte sich verhört zu haben.
Jodi nickte zögerlich und biss sich auf die Unterlippe.
„Der Tom Klien der diese ekelhaften …“
„Ja“, kam es leise von ihr und sie schlug die Hände vorm Gesicht zusammen.
„Ich habe ihm sämtliche Informationen über euch geliefert, damit er
mich groß raus bringt, wie er es mir immer versprochen hat.“
Georgina stöhnte auf und ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken.
„Das ist jetzt nicht wahr, oder?“ nuschelte sie.
Nicky starrte Jodi fassungslos an und wusste nicht was er sagen sollte.
„Aber das ist noch nicht alles“, murmelte sie schluchzend und holte Luft.
„Und welchen Hammer hast du noch?“ fragte er sie und griff nach Jodis Hand.
„Meine Aufnahmen die Tom ohne mein Wissen gemacht hatte und die Aufnahmen von
Mark und Brian aus Köln sind verschwunden …“
„VERSCHWUNDEN?!“ Nicky sprang auf und raufte sich die Haare.
Georgina verstand nur Bahnhof. Was denn für Fotos von Brian und Mark?
„Colin hatte einen Schulausflug in Berlin und muss mit seiner Klasse bei Tom
gewesen sein. Und ich bin mir fast sicher, dass er sich die Fotos geschnappt
und sie mit nach Hause genommen hat.
Tom ist natürlich außer sich vor Wut, aber das schlimme daran ist,
dass ich Tom gesagt habe …“
„Das Colin die Bilder genommen haben könnte?“ beendete Georgina den Satz
und sah sie an.
„Ja. Er wusste nicht, dass Mark einen Bruder hat. Zumindest bis jetzt.“
Nicky ließ sich langsam auf den Stuhl sinken und schüttelte ungläubig
den Kopf.
„Und nun?“
„Ich war auf der Polizei und hab ihn angezeigt, da ich noch Beweise dafür
habe, dass er Schuld am Tod von Frank Parker hat.“
„Ähm … wie jetzt? Frank ist vor 3 Jahren ums Leben gekommen. Woher kannst
du da Beweise haben?
Und warum kommst du erst jetzt damit zu uns? Erst schweigen Mark und Brian über
Jahre und gehen daran fast zu Grunde und jetzt du.
Dieser Tom Klien muss ja ein Bastard der übelsten Sorte sein.“
„Das ist er auch, Nicky. Er geht über Leichen, wenn es sein muss“, flüsterte
sie und wischte sich die Tränen vom Gesicht.
„Oh mein Gott … meinst du er will … oh mein Gott“, stammelte Georgina, sprang
auf und lief in der Küche hin und her.
„Es tut mir leid, dass ich nicht eher darüber mit euch …“
Georgina winkte ab.
„Lass gut sein. Jetzt wissen wir ja Bescheid. Wir müssen aber“, sie griff
zum Telefon und wählte eine Nummer, „unbedingt in Sligo ein paar Leute
informieren.“
Nicky stimmte seiner Frau zu, ging hinüber zu Jodi und zog sie in seine
Arme.
*
Colin zuckte zusammen und drehte seinen Kopf, um zu sehen wer dort hinter ihm
stand.
„Oh mein Gott …“, stammelte er …
*
Die Hände tief in die Taschen ihres schwarzen Mantels versteckt und das
Gesicht bis zur Nase in ihren grünen Wollschal vergraben, lief sie die
kaum befahrene Straße entlang und hing ihren Gedanken nach.
Sally ließ sich die letzten Tage noch einmal durch den Kopf gehen und
war sich nicht mehr wirklich sicher, ob sie weiterhin mit Dave zusammen sein
konnte oder wollte.
Ihre gemeinsame Nacht war wunderschön, keine Frage und sie hatte sich lange
nicht mehr so sicher und geborgen bei jemandem gefühlt seit ihre Eltern
tot sind, dennoch beschlichen sie Zweifel.
Mochte sie ihn seinetwegen oder weil er der beste Freund von Frank Parker war?
Dem Mann dem sie Beweise liefern konnte, dass Tom Klien an nichts anderem interessiert
war als Frank von seiner roten Liste der meistgehassten Menschen zu verbannen,
koste es was es wolle und unschuldige Menschen in den Ruin zu treiben und ihnen
das Leben zur Hölle zu machen.
„Ich hab ihn umgebracht. Ich bin schuld an Franks Tod“, schluchzte sie vor sich
hin und wischte sich mit dem Handrücken ein paar Tränen von den Wangen.
In Gedanken stellte sie sich immer wieder ein und dieselbe Frage.
Bin ich nur aus Mitleid mit Dave zusammen?
Schnell schüttelte sie ihren Kopf um den Gedanken aus ihrem Hirn zu verbannen,
aber er drängte sich immer wieder in den Vordergrund.
Als sie Josephines Haus erblickte, rannte sie so schnell wie ihre Beine sie
tragen konnten die Auffahrt hinauf. Sie stieß die Tür auf und rannte,
an einer etwas irritiert aus der Wäsche schauenden Josephine vorbei, die
Treppe nach oben und schmiss sich in ihrem Zimmer aufs Bett.
Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen zurück nach Irland zu
gehen, um ein neues Leben zu beginnen.
Ihr ging es doch gut und irgendwann hätte sie sich auch an die Marotten
der Deutschen gewöhnt. Bestimmt.
Der Mensch ist ein Gewöhnungstier und lernfähig. Zumindest die Meisten.
Die Wohnung hatte sie ja noch, also stand einer Rückkehr nach Berlin kaum
was im Weg. Geld war auch noch vorhanden und einen Job würde sie auch noch
finden, da war Sally überzeugt von.
Sie setzte sich im Bett auf und atmete tief durch.
„Sally Ryan, du schaffst das! Augen zu und durch, wie Mum immer zu sagen pflegte.
Mal abwarten was der Walsh morgen von dir will, dann kannst du immer noch eine
Entscheidung treffen“, sprach sie sich selber Mut zu und beugte sich zu ihrem
Rucksack hinunter, der auf dem Boden lag. Sie fischte den quietschgrünen
Haargummi heraus und band ihre Haare damit zu einem Zopf. Zumindest ähnelte
das Endprodukt nahezu einem.
Ein leises und zaghaftes Klopfen an der Zimmertür ließ sie aufblicken.
„Komm rein, Josie.“
Josephine steckte ihren Kopf zur Tür herein und lächelte Sally an.
„Woher wusstest du das ich es bin?“
„Wohnt sonst noch jemand hier?“ fragte Sally und sah Josephine erwartungsvoll
an.
„Du hast Besuch, Sal“, war ihre Antwort auf die Frage ihrer Freundin.
„Besuch? Wer ist es denn?“ Kaum hatte sie die Frage ausgesprochen, hätte
sie sie am liebsten wieder zurück genommen, denn im Grunde genommen konnte
Sally sich die Antwort auch allein geben. Es gab, neben Josephine, nur eine
Person die wusste so sie wohnte.
„Komm doch runter, dann wirst du schon sehen wer da ist“, zwinkerte Josephine
und machte auf dem Absatz kehrt. Dann begab sie sich wieder auf den Weg nach
unten und verschwand dann in ihrem Arbeitszimmer.
Seufzend erhob sich Sally vom Bett, zog ihren Mantel aus, hängte ihn über
die Stuhllinie und verließ dann das Zimmer. Als sie die Treppe hinunter
ging, blieb sie auf halber Strecke stehen und schloß für einen Moment
die Augen, nachdem sie ihn am Ende der Treppe stehen sah.
„Was machst du hier, Dave?“
Sally hielt sich am Treppengeländer fest, so dass ihre Finger fast verkrampften
und die Knöchel weiß hervortraten.
Dave trat einen Schritt auf die Treppe zu und ließ sie dabei nicht aus
den Augen. Er holte Luft und begann zu sprechen.
„Was ist los mit dir Sally? Seit Berlin bist du wie ausgewechselt. Im Büro
bei Louis hab ich dich kaum wieder erkannt und dann … Hab ich was falsch gemacht?
Sal, hab ich mich in irgendeiner Weise dir gegenüber falsch verhalten?“
Sie schüttelte langsam den Kopf und sah zu Boden.
„Aber warum bist du plötzlich so anders, Sally? Warum? Ich versteh das
nicht. Warum verschließt du dich plötzlich so vor mir?“ fragte er
sanft und ging langsam ein paar Stufen nach oben.
„Sal was hast du?“ Er legte vorsichtig eine Hand über ihre und strich zärtlich
mit dem Daumen über ihren Handrücken. Sally zog ihre Hand hastig zurück
und schluckte schwer.
„Ich … Dave, bitte geh“, flüsterte sie, hob ihren Kopf und ihr Blick ging
an Dave vorbei und fand sein Ziel an der Haustür. Er schluckte und schüttelte
den Kopf.
„Nein, ich werde nicht gehen. Nicht bevor wir geredet haben und du endlich damit
aufhörst dir irgendwelche Vorwürfe zu machen, die völlig absurd
und aus der Luft gegriffen sind.“
„Sag mir nicht was ich zu tun hab, Dave“, sagte sie schnell, riss ihren Kopf
herum und starrte ihn an. Dave ließ es eiskalt den Rücken hinunter.
Ohne ein Wort zu verlieren trat er direkt vor sie und streckte eine Hand nach
ihrem Gesicht aus, aber Sally wich nach hinten zurück.
Tränen traten in seine Augen und am liebsten hätte er sie an den Schultern
gepackt und mal kräftig geschüttelt.
Hätte ihn jetzt einer der Jungs gesehen, so wären die doch glatt der
Meinung gewesen, sich einen Hollywoodstreifen im Kino anzuschauen.
Dave Last rang nach Fassung und zeigte zum ersten Mal in seinem Leben offen
und ehrlich seine Gefühle.
Als Frank starb stand er so stark unter Schock, dass er nicht fähig war
seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Er schluckte sie hinunter und verbarg
sie hinter einer Fassade, die bisher niemand zum Einsturz bringen konnte – bis
jetzt.
„Sal … ich … ich liebe dich. Warum zum …“, er biss sich auf die Unterlippe.
„Warum weist du mich so zurück? Ich war immer der Auffassung, du empfindest
ebenso für mich, wie ich für dich“, sagte er leise und mit zittriger
Stimme.
„Liebe?“ fragte sie und sah ihn an.
„Ja, Liebe“, antwortete er und klang dabei wie ein trotziges kleines Kind, das
seinen Lolli an der Supermarktkasse nicht bekommen hatte und schmollte.
Sally seufzte auf und senkte ihren Blick wieder.
„Du liebst nicht mich Dave“, begann sie leise, „Sondern die Frau in deren Armen
dein bester Freund gestorben ist.“
Dave glaubte sich verhört zu haben. Also jetzt reichte es langsam.
„Spinnst du?!“ Er packte sie an den Schultern und Sally sah erschrocken zu ihm
auf.
„Für wie oberflächlich hälst du mich eigentlich? Wenn ich danach
gegangen wäre, dann hätte ich auch eine Annonce in die Zeitung setzen
können.
Welche Frau hat zufällig meinen besten Freund, Frank Parker, in den Armen
gehalten als er starb? Bitte melden unter:
Das ist doch völlig bescheuert und absurd, Sally.“
„Allerdings“, entgegnete sie leise und versuchte sich aus seinem Griff zu befreien.
Dave verstärkte ihn noch ein wenig und Sally stöhnte leise auf.
„Du tust mir weh. Hör auf damit!“ wehrte sie sich und wand sich unter seinem
Griff.
„Dann verhalt sich ruhig und hör mir zu. Es wird Zeit, das du erfährst,
was an dem Abend wirklich passiert ist.“
„Lass mich los, verdammt noch mal!“ giftete sie ihn an und er lockerte seinen
Griff etwas, hielt sie dennoch weiterhin im Arm.
Sallys Blick wurde plötzlich anders und Dave hatte ihre volle Aufmerksamkeit.
„Was wirklich passiert ist? Wie meinst du das?“ wollte sie mit fragendem Blick
von ihm wissen.
Er ließ sie los und setzte sich auf die Treppe. Sally wartete einen Moment,
dann setzte sie sich neben ihn.
„Man hat an Franks Wagen Spuren gefunden, das sich jemand an den Bremsschläuchen
zu schaffen gemacht hat. Und du weißt selbst, in welch abschüssiger
Lage der Unfall passiert ist. Es war, so makaber es klingen mag, purer Zufall,
dass euer Wagen um die Kurve kam und Frank frontal in euch prallte. Normalerweise
…“, Dave fuhr sich mit der flachen Hand über die Stirn, „wäre Frank
mit voller Wucht in die Felswand … ge …“
„Sssshh“, sagte sie schnell und zog ihn in ihre Arme.
Dave lehnte sich an sie und Sally streich zärtlich über seinen Oberarm.
„Das wusste ich alles nicht“, sagte sie kleinlaut und leise.
„Hab ich mir gedacht. Und Sal“, er löste sich von ihr und sah sie an. Sally
nickte und legte einen Finger auf seine Lippen.
„Ich weiß, was du sagen willst“; murmelte sie und schluckte.
„Was will ich denn sagen?“
„Das ich endlich aufhören soll mir Vorwürfe zu machen, denn ich bin
nicht schuld an … na du weißt schon“, schluckte sie und zog langsam ihre
Hand zurück. Dave hielt sie fest, beugte sich vor und küsste ihre
Fingerspitzen zärtlich.
„Ich liebe dich, Sally“, nuschelte er und beschäftigte sich weiterhin ausgiebig
mit ihrer Hand. Sally beobachtete ihn mit leicht geöffnetem Mund dabei.
Also sie Josephines Zimmertür hörten, stoben sie auseinander und Sally
zog sich hastig am Treppengeländer nach oben. Das war definitiv zuviel
prickelnde Erotik für sie, vor allem wenn ihre Freundin und gleichzeitige
Chefin in der Nähe war. Das mochte vielleicht etwas kindisch sein, aber
Sally fühlte sich etwas unwohl. Besonders nach der Auseinandersetzung mit
Dave.
Dave räusperte sich, stand ebenfalls auf und hob kurz seine Hand zum Gruß.
Josephine lächelte beide an und blieb an der Treppe stehen.
„Ich wollte mir einen Kaffee kochen, wollt ihr auch einen trinken?“
„Also ich nicht, danke“ lehnte Dave freundlich ab und ging die Treppe nach unten.
Auf der letzten Stufe blieb er stehen und räusperte sich. „Außerdem
muss ich noch was für meinen Chef erledigen“, fügte er noch hinzu
und lief zur Haustür.
Josephine sah ihm kurz nach und wandte sich dann wieder zu Sally.
„Ähm … nee du. Also ich will auch keinen Kaffee. Danke Josie“, sagte sie
und steckte ihre Hände in die Gesäßtaschen ihrer Jeans.
Dave öffnete die Haustür, drehte sich noch einmal zu Sally um, lächelte
sie an und verließ dann das Haus.
Josephine sah kurz zwischen den beiden hin und her, grinste und begab sich dann
in Richtung Küche.
Sally atmete durch, drehte sich um und ging die Treppe nach oben. Dann hielt
sie in ihrer Bewegung inne , wechselte die Richtung und lief die Treppe nach
unten und verließ das Haus.
Dave stand am Wagen und ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als
er sie sah.
„Was“ räusperte sie sich, „machst du heute noch, wenn du alles für
deinen Chef erledigt hast?“
Er sah sie einfach nur an und beobachtete sie, wie sie versuchte in der Kälte
etwas cool zu wirken.
„Wenn du magst, dann würde ich dich gern heute Abend zum Essen einladen.
Keine Angst“, winkte er schmunzelnd ab, „dieses Mal schmeckt es auch.“
Sally fing an zu kichern und schlang ihre Arme um ihren Körper.
„Dann würd ich mich gern von dir einladen lassen“; sagte sie und ihre Unterlippe
zitterte, so kalt war ihr in ihrem kurzen Shirt.
Dave ging auf sie zu, zog sie in seine Arme und noch ehe beide nur die Chance
hatten zu überlegen, küssten sie sich. Erst etwas zaghaft, dann leidenschaftlich
und verlangend.
Etwas außer Atem lösten sie sich voneinander und Sally ging zurück
in Richtung Haus.
„Warte“, hörte sie ihn und wirbelte herum.
Im nächsten Moment spürte sie seine warmen Lippen auf ihren und verlor
sich in dem Kuss.
Wie konnte sie nur an ihren Gefühlen für ihn zweifeln?
Er war definitiv der Mann, mit dem sie zusammen sein wollte. Er und kein anderer.
Sie drückte sich etwas von ihm weg und blickte zu ihm auf. Sally strich
mit einer Hand über seine Wange, küsste ihn kurz und schmiegte ihren
Kopf an seine Brust.
„Ich liebe dich, Dave“, sagte sie glücklich und er schlang seine Arme um
ihren Körper und atmete tief durch.
„Ich liebe dich auch, Sal“; raunte er, küsste sie auf ihr Haar und schloss
für einen Moment die Augen.
Josephine schob leicht grinsend die Küchengardine zur Seite und sah mit
einem zufriedenen Blick nach draußen. Das Bild was sich ihr bot erinnerte
sie an ihre gemeinsame Zeit mit Frank.
„Ich vermisse dich, Hase“, flüsterte sie und strich über das kleine
Kreuz an ihrer Halskette. Dann stellte sie die Kaffeemaschine an und ging zurück
in ihr Büro.
Als sich Sally und Dave voneinander verabschiedet und sich für den Abend
verabredet hatten, gingen sie getrennte Wege.
Sally lief zurück ins Haus und mit einem breiten Lächeln in ihr Zimmer
und Dave fuhr grinsend vom Grundstück.
*
Mark starrte seine Mutter an, als er plötzlich lautes Gelächter aus
Richtung Garten vernahm. Beide sprangen sie auf und rannten aus der Küche.
Als sie am Ort des Geschehens ankamen, stimmten beide in das herzhafte Gelächter
von Colin mit ein und konnten nicht glauben, welcher Anblick sich ihnen da bot.
Oliver hatte sich in ein etwas zu enges Supermankostüm gezwängt und
wollte seinen Jüngsten damit offensichtlich überraschen.
„Er hat doch auf Superman gewartet“, versuchte er sich zu rechtfertigen, scheiterte
dabei aber kläglich. Seine Familie fand seinen Anblick augenscheinlich
zum brüllen komisch. Okay zugegeben, das Kostüm hätte gut eine
Nummer größer sein können und in den Strumpfhosen sah er schon
etwas aus wie ein Storch im Salatbeet, aber was zählt ist der gute Gedanke,
oder?
„Dad … was … ist das?“ wollte Mark mit fuchtelnden Armen und laut lächelnd
wissen. Sein Bauch schmerzte schon und Colin bog sich nur so vor Lachen.
Marie wischte sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln und war einfach
nicht zu beruhigen, denn sie stimmte immer wieder von neuem mit ihren Söhnen
in das Gelächter mit ein.
„Ich glaube, es ist besser wenn wie reingehen. Nicht das wird die Aufmerksamkeit
der Nachbarschaft noch auf uns ziehen. Und ihr wisst, wie gern hier getratscht
wird“, ergriff Mark das Wort, als er sich beruhigt hatte.
„Außerdem muss es ja nicht so weit kommen“, fuhr er fort, „das Lex Luther
hier noch aufkreuzt und unnütz Ärger macht. Ganz zu schweigen von
Lois Lane, die mit ihren Reizen alles daran setzen wird, dir Mum abspenstig
zu machen.“
Oliver sah Mark an und fing an zu lachen.
„Lois Lane? Wer ist das? Also das musst du mir mal genauer erklären“, meldete
sich Marie zu Wort und schob ihren Mann zur Terrassentür ins Haus.
„Na hallo, was für ein knackiger Hintern“, flüsterte sie und verschwand
mit ihm aus dem Blickfeld der Söhne.
Mark strich beruhigend über den Oberarm seines Bruders, beugte sich leicht
zu ihm herunter, hauchte einen Kuss auf sein Haar und sah ihn dann an.
„Du machst den Kakao, ich besorg uns die Kekse und dann treffen wir uns im Stützpunkt.
Ich glaub wir sollten dringend miteinander reden, kleiner Superheld.“
Colins Augen fingen an zu leuchten und noch ehe Mark etwas sagen konnte, rannte
sein kleiner Bruder ins Haus und machte sich an die ihm aufgetragene Aufgabe,
Mark sah ihm schmunzelnd nach, zog sein Handy aus der Hosentasche und machte
sich daran, Rowen eine Nachricht zu schreiben
Hey Nousey, wart nicht auf mich. Colin braucht mich und es besteht großer Redebedarf bei ihm. Ich liebe Dich! Dein Bärchen
Als er ihm die Nachricht geschickt hatte, ging er ins Haus und direkt ins Wohnzimmer.
Er schaute sich aufmerksam um, lief zum rechten Wandschrank und öffnete
ihn.
Mark nahm zwei Packungen Schokokekse hinaus, versteckte sie unter seinem Pulli
und machte, dass er weg kam. Schließlich handelte es sich hier um die
Lieblingskekse seines Vaters und der mochte es ganz und gar nicht, wenn sich
jemand ohne seine Erlaubnis an ihnen vergriff.
Schnellen Schrittes lief er nach oben und nahm die Treppe, die auf den Speicher
führte.
Colin wartete bereits mit einer Kanne Kakao und zwei Tassen vor der kleinen
Tür und lächelte, als er seinen großen Bruder sah.
Er konnte sich noch genau daran erinnern, wie er zum ersten Mal mit Mark hier
oben gesessen hatte.
Damals war Mark kurz davor zur zweiten großen Promotour durch die Weltgeschichte
zu düsen und Colin wollte soviel Zeit wie möglich mit ihm zusammen
verbringen ohne gestört zu werden.
Sie verkrochen sich dann immer mit Kakao und Schokokeksen auf den Dachboden
und ließen den lieben Gott einen guten Mann sein.
Als Oliver davon Wind bekam, machte er sich eines Nachmittages an die Arbeit
und werkelte zusammen mit Colin auf dem Speicher herum und am Ende entstand
eine kleine Welt in die sich die Beiden immer gern zurückzogen, wenn die
Zeit es erlaubte.
Mark und Colin krochen durch die Tür in ihren Stützpunkt und sperrten
sie hinter sich ab. Sie schmissen sich in die Kissen und nippten jeder an ihrem
Kakao.
„Warum hast du nie was gesagt?“, wollte Colin wissen und sah seinen Bruder neugierig
an.
Mark räusperte sich und setzte sich so aufrecht wie möglich hin.
„Weil ich euch über alles liebe und nicht unnötigen Gefahren aussetzen
wollte, die ihr auf jeden Fall gehabt hättet. Und ich will lieber nicht
daran denken was passiert, wenn Jodi dich …“, Tränen schimmerten in Marks
Augen und das reden fiel ihm schwer. Colin stellte seine Tasse auf den Boden
ab und kroch zu ihm herüber. Er schlang seine Arme um Marks Oberkörper,
kuschelte sich an ihn und schluchzte auf.
„Wir lassen uns doch von so einem Möchtegern Fotoknipsenden Idioten nicht
das Leben schwer machen“, murmelte er und sah zu Mark auf.
„Außerdem würde Jodi nie etwas tun was ihrer Karriere schaden würde,
oder hälst du sie für so dumm?“
„Für dumm nicht, aber sie hat mit Sicherheit so ihre Methoden ihren Kopf
aus der Schlinge zu ziehen, um am Ende gut da zu stehen.“
Colin löste sich von Mark und sah ihn einfach an.
„Was?“
„Du hast wohl vergessen, dass wir etwas gegen sie in der Hand haben, Brüderchen.
Ich glaube nicht, dass sie so bescheuert sein wird und sich gegen uns stellt.
Wir Feehilys lassen und nämlich nicht so schnell das Nutella hehe ... Mani
wollte da Butter schreiben, fand ich unpassend und sie hats geändert ...
sind doch alle Feehilys vom Brot nehmen“, sagte er mit fester Stimme und in
seinen Augen blitzte der Kampfgeist, den er schon als kleiner Junge hatte, wenn
ihn die Großen mal wieder ärgerten und niemand da war, um ihm den
Rücken zu stärken.
„Scheiße klingst du erwachsen“, schmunzelte Mark und wuschelte durch Colins
Haar.
„Was heißt hier ich klinge erwachsen. Ich bin erwachsen“, teilte er mit
Stolz geschwellter Brust mit und beide brachen in schallendes Gelächter
aus.
„Mark?“
„Ja, Colin?“
„Singst du mir mein Lieblingslied? Bitte“, kam es leise und schmatzend von links
und auch Mark schob sich einen der leckeren Kekse in den Mund und spülte
ihn mit einem Schluck Kakao herunter.
„Welches der Fünfzig?“ schmunzelte er und musste einen leichten Hieb in
sie Seite hinnehmen.
„Du weißt ganz genau welches ich meine. Sing mir das, was du immer gesungen
hast und dabei heimlich an Rowen gedacht hast“, kicherte er und Mark sah ihn
erstaunt an.
„Ja meinst du ich bin von gestern? Ich mag zwar dein kleiner Bruder sein, aber
ich bin nicht blind wie andere. Schon vor deiner Zeit bei Westlife hab ich mitbekommen,
wie sehr du in ihn verknallt bist. Ein Bruder spürt so was“; zwinkerte
er frech und Mark sah ihn noch immer planlos an.
Colin machte es sich bequem, schob sich noch einen Keks in den Mund und kaute
andächtig.
„Nun los. Ich warte!“, sagte er mit vollem Mund und schlug die Füße
übereinander. Mark warf ein Kissen nach ihm und brachte sich anschließend
ebenfalls in eine angenehme Position, um den Wunsch seines Bruders erfüllen
zu können.
„Dann lehn dich zurück und lausche“, zwinkerte Mark und Colin schloss seine
Augen, als er die sanfte Stimme seines Bruders vernahm. Ihm wurde wieder einmal
bewusst, warum er damit so viel Erfolg hatte. Seine Stimme war einzigartig und
aus purem Gold.
Mark lächelte zufrieden, als er den entspannten Gesichtsausdruck seines
Bruders sah und legte all seine Liebe und sein ganzes Herz in diesen einen Song
und dachte dabei nicht nur an Colin. Nein, vor allem dachte er an den Mann,
den er über alles liebte und der nur ein paar Häuser weiter mit Sicherheit
noch im Bett lag und friedlich schlief – Rowen.
I figured it out
I was high and low and everything in
Between
I was wicked and wild, baby, you know
What I mean
Till there was you, yeah, you
Something went wrong
I made a deal with the devil for an
Empty i.o.u.
Been to hell and back, but an angel was
Looking through
It was you, yeah, you
It’s all because of you
You are the reason
You are the reason I wake up every day
And sleep through the night
You are the reason, the reason
In the middle of the night
I’m going down ’cause I adore you
I want to floor you
I’m giving it up
No more running around spinning my
Wheel
You came out of my dream and made it
Real
I know what I feel
It’s you
It’s all because of you
You are the reason
You are the reason I wake up every day
And sleep through the night
You are the reason, the reason
In the middle of the night
I’m going down ’cause I want you
I want to touch you
I want to floor you
You are the reason, baby
You are the reason
You are the reason I wake up every day
And sleep through the night
You are the reason, the reason
Mark ließ den letzten Ton aus seiner Kehle und seine Augen schimmerten
andächtig, als er Colin in den Kissen liegen sah und ihn beim schlafen
beobachtete.
„Ich liebe dich“, flüsterte er, kuschelte sich an ihn und schlang einen
Arm um ihn.
„Und ich werde dich mit meinem Leben beschützen und verteidigen.“
Rowen wischte sich gähnen die Augen und streckte sich ausgiebig. Dann
schlug er das Bettdeck zurück, stand auf und ging ins Bad.
Als er knapp 15 Minuten später angezogen in seine Küche kam, griff
er sich sein Handy und las Marks Nachricht.
Ich geb dir alle Zeit, die du brauchst. Ich liebe dich auch, Bärchen. Dicker Kuss, Marksnousey *lach*
Rowen schickte die SMS und machte sich dann erstmal ein ausgiebiges Frühstück.
Er machte es sich gerade mit einer Tasse Kaffee und einem Marmeladenbrötchen
am Tisch bequem, als es an seiner Haustür klingelte.
Rowen stand auf und ging um sie zu öffnen …
*
Es musste bereits später Nachmittag sein, denn draußen wurde es
langsam dunkel als Mark aufwachte. Er lag noch immer auf dem Dachboden, über
seinem müden Körper eine Deck, die Colin dort platziert haben musste.
Müde fuhr er sich mit der flachen Hand über sein Gesicht und gähnte.
Dann schleppte er sich durch die Tür und die Treppe, die vom Speicher ab
führte, nach unten.
Als er eine, ihm vertraute, Stimme aus dem Wohnzimmer vernahm, begab er sich
in diese Richtung und blieb lächelnd in der Tür stehen.
Mark verschränkte die Arme vor seiner Brust und schaute auf die sich ihm
bietende Idylle.
Oliver und Marie hatten es sich auf der Couch bequem gemacht und sahen sich,
end aneinander gekuschelt, „Die Asche meiner Mutter“ an.
Colin saß zusammen mit Barry und Rowen auf dem Wohnzimmerteppich und die
drei spielten Karten.
Er wollte sich gerade räuspern und somit erkenntlich geben, als Rowen aufblickte
und Mark entdeckte.
Lange sahen sich die beiden Männer einfach nur an und jeder hier im Zimmer,
der auch nur im Entferntesten von der Beziehung der Beiden zueinander wusste,
konnte die knisternde Spannung förmlich spüren, die in der Luft lag.
Ohne etwas zu sagen stand er auf, ging auf Mark zu, nahm ihn in seine Arme und
Mark schmiegte sich mit geschlossenen Augen an ihn.
Marie und Oliver sahen lächelnd zu, küssten sich kurz und verfolgten
den Film weiter. Colin und Barry tauschten ebenfalls einen kurzen Blick aus
und widmeten sich dann wieder dem Kartenspiel, begannen aber noch einmal, denn
sie waren sich schon fast sicher, dass weder Rowen noch ihr Bruder mit ihnen
spielen würde. Sie hatten mit Sicherheit noch etwas anderes vor.
„Wie geht’s dir?“, fragte Rowen leise und strich liebevoll über Marks Rücken.
„Ich hab dich vermisst und bin froh, dass du hier bist“, bekam er als Antwort
genuschelt und spürte für einen kurzen Augenblick Marks Lippen an
seinem Hals.
Mark löste sich langsam aus der Umarmung, nahm Rowens Gesicht in seine
Hände und hauchte einen zarten Kuss auf dessen Lippen.
Barry und Colin untermalten die Szene mit Schmatzgeräuschen und ernteten
dafür von ihren Eltern, als auch von Mark, böse Blicke.
Rowen dagegen fand das irgendwie amüsant und einladend. Fast wie zum Trotz
zog er Mark dicht an seinen Körper und küsste ihn innig.
Energisches Klopfen an der Haustür ließ sie sich voneinander trennen
und Mark lief in den Flur, um die Tür zu öffnen. Er wusste eigentlich
auch schon so, wer da vor der Tür stand, dazu musste er sie gar nicht erst
öffnen.
Es gab nur eine Person, die das Klopfen als Erkennungszeichen benutzte.
„Hallo Kian“, grinste Mark, als er die Haustür noch nicht einmal richtig
geöffnet hatte und Kian stürzte an ihm vorbei ins Haus.
„Du glaubst ja nicht … So eine bodenlose Frechheit! Du glaubst ja nicht, wer
mich grad angerufen hat“, regte er sich maßlos auf und Mark sah ihn völlig
irritiert an.
„Ähm … ja. Komm doch rein“, murmelte er und ließ die Tür ins
Schloss fallen.
Rowen beobachtete die Szene und zog sich ins Wohnzimmer zurück. Er wusste,
dass er hier jetzt nichts verloren hatte. Es war eine Sache, die nur die Beiden
etwas anging.
„Jetzt“, er packte ihn an den Schultern, schob ihn zur Treppe und ging mit ihm
nach oben, „komm erstmal mit, dann reden wir in Ruhe über alles.“
Kian schmiss sich aufs Bett, kaum das er Marks Zimmer betreten hatte.
„So und jetzt noch mal von vorn und verständlich, so dass auch ich dir
folgen kann, Kian“, meinte Mark und setzte sich auf den Stuhl, der am Schreibtisch
stand.
„Wer hat dich angerufen?“
„Nicky.“
„Ah. Und weiter?“
„Was weiter?“
„Na wo bleibt da die bodenlose Frechheit, Blondie?“
„Bei Jodi.“
Mark kratzte sich am Hinterkopf und kniff ein Auge nachdenklich zusammen.
„Und was hat Nicky mit Jodi zu schaffen?“
„Na die ist bei denen zu Hause“; regte er sich erneut auf und die kleine Ader
an seiner rechten Schläfe pochte gefährlich.
„Okay, jetzt noch mal von vorn. Nicky hat dich angerufen um dir zu sagen, dass
Jodi bei ihnen ist. Und warum ist die bei den beiden zu Hause?“
Kian holte Luft und erzählte alles, was er wusste.
Nachdem nun Mark in alles eingeweiht war, ließ Kian sich in die Kissen
fallen und seufzte auf.
„Das kannst du laut sagen“, murmelte Mark.
„Wie kann die so bescheuert sein und Tom hier bzw. in England anzuzeigen? Hallo?
Der Kerl ist Deutscher, da kann die britische Polizei herzlich wenig ausrichten!“
Kian stützte sich auf den Ellbogen ab und sah Mark an.
„Stimmt, daran hab ich noch gar nicht gedacht.“
Kopfschüttelnd ging Mark zum Fenster und schaute in die Dämmerung
hinaus.
„Weiß Louis, dass sie hier ist, Kian?“
Er zuckte mit den Schultern, „keine Ahnung.“
„Man Kian! Erst führst du dich auf, wie sonst wer und dann tust du so,
als ob die das alles am Arsch vorbei geht. Die hat hier nix verloren“, ging
er Kian an und zückte sein Handy um Louis anzurufen.
„Jetzt hör mir mal zu, Fee“, begann Kian und erhob sich vom Bett.
„Ich hätte hier nicht auftauchen müssen, um dir davon zu erzählen.
Du tust gerade so, als ob sie eine Schwerverbrecherin ist. Wir sollten sie nicht
unschuldig verurteilen …“
Mark schmiss sein Handy aufs Bett und starrte Kian ungläubig an.
„Bist du bescheuert? Hörst du dich eigentlich selbst reden? Die Tusse weiß
ganz genau, warum sie ihn hier angezeigt hat, Kian. Sag mal, begreifst du nicht,
dass sie einzig allein ihren Arsch retten will?! Wir haben belastende Fotos
gegen sie in der Hand, das ist es doch klar, dass sie angekrochen kommt. Schließlich
muss sie doch ihre Karriere ankurbeln und nicht in den Ruin abdriften lassen.
Menschenskinder Kian! Wach auf! Die ist schon wieder dabei alle einzulullen,
aber keiner bekommt davon was mit. Sie ist Schauspielerin!“
Kian sprang vom Bett auf und baute sich vor Mark auf.
„Sie hat einen Fehler gemacht, ja … aber dennoch verdient die eine zweite Chance“,
zischte er ihn an.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst oder? Ich glaub das ja jetzt alles nicht! Aber
bitte, wenn du der Meinung bist, dann lass dich nicht aufhalten. Fahr nach Dub,
hol sie dir zurück und vögel ihr noch das letzte bisschen Hirn raus.“
So schnell konnte Mark gar nicht reagieren, wie er Kians Faust im Gesicht hatte.
Ohne sich zu wehren ging Mark zur Tür, machte sie auf und sah Kian an.
Der wusste, dass er hier nicht länger erwünscht war und ging ohne
ein Wort der Entschuldigung aus dem Zimmer und verließ dann das Haus.
Mark fischte sein Handy vom Bett und wählte die Nummer von Louis. Als er
sich am anderen Ende der Leitung meldete, erzählte Mark ihm alles und Louis
versprach sofort alles in die Wege zu leiten.
Dann ging Mark nach unten ins Wohnzimmer, wo seine Mutter ihn fassungslos anstarrte.
„Was ist denn mit dir passiert?“
„Schon okay, hab mich nur …“
Rowen erhob sich und ging zu Mark.
„Du hast dich gestoßen. Lass mich raten. An Kians Faust? Und lass mich
nochmal raten- Der Grund für den Zusammenstoß war Jodi?“
Mark schluckte und nickte zaghaft. Sein Blick ging zu Boden und Oliver schickte
Barry und Colin aus dem Wohnzimmer.
„Ich will jetzt alles wissen. Es ist mir scheiß egal, ob ihr darüber
reden dürft oder nicht. Ich bin dein Vater, Marcus und damit basta. Colin
heult sich fast jede Nacht in den Schlaf, deine Mutter redet wirres Zeug und
ich weiß nicht, wen ich zuerst beruhigen soll. Und fang jetzt nicht an,
dass das alles gar nicht so schlimm ist, wie es aussieht. Das ist kein verpatzter
Tanzschritt oder ein falscher Ton, das ist deine Familie, die langsam aber sicher
einem Nervenzusammenbruch nahe ist. Und lass es dir nicht mal im Traum einfallen
dich einfach wieder bei Rowen zu verkrümeln“ Oliver war sichtlich erregt
und wütend, aber man konnte und durfte es ihm nicht verübeln. Er fand
als erster in der Familie den Mut das auszusprechen, was sich alle anderen dachten.
Marie griff nach Olivers Hand und drückte sie sanft. Rowen trat einen Schritt
zurück und wollte gehen, aber Oliver hielt ihn zurück.
„Nein, bitte bleib hier“, bat er ihn in einem freundlichen Ton und Rowen ging
zusammen mit Marie zur Couch. Oliver und Mark folgten den beiden und nahmen
in den beiden Sesseln Platz.
Lange herrschte eisige Stille, doch dann räusperte sich Mark und blickte
in die Runde. Er begann ihnen alles zu erzählen. Von den Fotos, von Berlin
und Colin, von Jodi und seiner Auseinandersetzung mit Kian. Sie hörte ihm
alle aufmerksam zu, nur das Schluchzen von Marie war ab und an zu hören.
Ihr war anzumerken, dass sie jetzt am liebsten ihren Jüngsten in den Arm
genommen hätte.
„Und was sagt Louis dazu?“ wollte Oliver wissen.
„Er meinte, dass er sich um alles kümmert. Keine Ahnung, was er vorhat,
Dad. Aber ich vertrau ihm. Louis kann da außerdem mehr ausrichten als
ich.“
Marks Vater nickte zustimmend mit dem Kopf.
„Warum bist du nicht schon früher gekommen, Junge?“ fragte Marie zaghaft
und putzte sich die Nase.
„Aus Angst, dass er euch etwas antut, Mum. Ich wollte euch doch schützen
vor diesem Kerl“, sagte Mark leise und einzelne Tränen rannen über
seine Wangen.
„Darf ich dazu auch mal was sagen?“ kam es kleinlaut aus dem Hintergrund und
alle sahen zu Rowen. Marie griff nach seiner Hand und lächelte ihn so gut
es ging an und auch Oliver warf ihm einen freundlichen Blick zu.
„Ihr wisst alle, was ich für Mark empfinde und das ich alles dafür
geben würde, damit er glücklich ist“, begann er leise und schluckte.
„Aber ich weiß nicht, ob ihr euch im Klaren seid, welch seelischer Belastung
er ausgesetzt. Er hat seine Familie, seine Freunde, die seine zweite Familie
sind und mich auf die er Rücksicht nehmen will, vielleicht auch muss Ihr
solltet ihm das nicht ankreiden. Ihr kennt ihn und wisst, dass er sich zurückzieht,
wenn es ihm nicht gut geht. Ich musste auch erst lernen damit umzugehen, aber
ich denke, dass ich das mittlerweile ganz gut kann. Er setzt alles daran, dass
es Colin gut geht. Ihr hättet ihn …“, er schluchzte auf, „erleben sollen,
als Colin ihn von Berlin aus angerufen hat. Ich hab ihn noch nie so fertig erlebt.
Bitte lasst ihm freie Hand. Mark weiß, was er tut. Habt Vertrauen ihm
gegenüber und seinem Handeln auch.“
Mark starrte Rowen an und schluchzte auf. Das war die schönste Liebeserklärung,
die er jemals gehört hatte. Marie wischte sich die Tränen von ihren
Wangen und auch Oliver sah ergriffen aus. Lange Zeit herrschte emsiges Schweigen,
bevor sie sich erhoben und umarmten. Keiner wusste so recht, was er sagen sollte,
also ging jeder seine Wege. Marie und Oliver nach oben zu ihren beiden Söhnen
und Mark in die Arme von Rowen.
„Ich weiß, das ist keine Lösung, aber ich glaube, wir können
jetzt einen Besuch im Pub ganz gut vertragen, oder?“
Mark sah Rowen an und lächelte. Gemeinsam verließen sie das Haus
und machten sich auf den Weg.
*
Dublin, 09.02.2004, 7:45
Louis Walsh saß in seinem Büro und studierte die unzähligen
Aufzeichnungen und
Unterlagen zum wiederholten Mal, die vor ihm auf dem Tisch lagen.
Seit dem Anruf von Mark letzte Woche hatte er alles in die Wege geleitet und
sämtliche Anwälte antanzen lassen die für die Firma arbeiteten,
um Klien endgültig
das Handwerk legen, und ihn hinter Schloss und Riegel zu bringen.
Er hatte sich auch mit der britischen und deutschen Polizei in Verbindung gesetzt.
Am Wochenende ist er nach Sligo gefahren um sich von Mark die Bilder aushändigen
zu lassen und mit Kian zu reden.
Louis hatte sich letzte Woche nochmals mit Josephine getroffen und sie um einen
Gefallen gebeten. Beide sind sie so verblieben, dass Josephine mit Jodi nach
Deutschland fliegt. Ihr wurde vorgegaukelt dort würde ein Fotoshooting
stattfinden, aber in Wahrheit sollte sie auf dem Berliner Polizeipräsidium
ihre Aussage machen.
Als dann die Frage auf Klien kam, stritt sie wehemend ab, jemals mit ihm eine
Beziehung oder Verhältnis geführt zu haben. Louis ist fast die Wände
hochgegangen, als er davon erfuhr. Daraufhin hatte er dann beschlossen nach
Sligo zu fahren, und alles weitere würde sich dann vor Ort klären.
Er holte bei Mark die Bilder ab und traf sich dann mit Kian. Der bestätigte
ihm nochmals, dass Jodi sehr wohl ein Verhältnis mit Klien hinter seinem
Rücken hatte. Zum Beweis dazu, bat er Mark Louis die Fotos auszuhändigen,
die Jodi in eindeutiger Pose mit Tom zeigten.
Am Sonntag brachen Westlife dann nach London auf, um ihre neue Single zu promoten.
Allerdings ohne Brian, denn der hielt sich nach wie vor im australischen Busch
auf. Er hatte sich seit Tagen nicht mehr bei Louis oder einem der Jungs gemeldet.
Man konnte aber aus dem TV schließen das es ihm gut geht, denn er würde
vergnügt beim Golfen und Jet-Ski fahren gezeigt.
Louis slebst verbrachte die letzte Nacht in seinem Büro. Er war, gleich
als er aus Sligo kam, in die Firma gefahren und hatte sich hier eingenistet.
Er blickte auf, als seine Sekretärin Uma sein Büro betrat.
"Mr. Walsh", sagte sie in einem überraschten Tonfall.
"Morgen, Uma. Können sie mir bitte einen Kaffee und ...", lächelnd
blickte er auf die Tasse in ihrer Hand.
"Was würde ich nur ohne sie tun", seufzte er auf, als Uma die
Tasse Kaffee vor ihm abstellte.
"Ich will micht ja nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber was sie seit
Tagen veranstalten ist unmöglich, Mr. Walsh.
Sie waren schon mindestens seit 3 Tagen nicht mehr zu Hause, so wie ich sie
kenne. Und wenn ich mir sie so anschaue, dann bestätigt sich mein Verdacht."
Uma hob das achtlos auf den Boden geworfene Jacket auf, und sah ihren Chef eindringlich
an.
"Uma, bitte. Ich hab im Moment einfach viel um die Ohren."
"Ach, paperlapap, Chefchen. Sie fahren jetzt nach Hause, statten ihrer
Dusche mal wieder einen Besuch ab und lassen sich erst wieder hier blicken,
wenn sie ausreichend gegessen und frische Kleidung angezogen haben.
Und ich dulde keine Widerworte."
Uma Green bewarb sich vor mehr als 4 Jahren bei Louis und war sich eigentlich
schon im vornherein sicher, dass sie den Job nicht bekommen würde, denn
schließlich gehörte sie nicht mehr zu den Jüngsten.
Sie war nun auch schon 51 Jahre, aber die Arbeit als Bürokraft traute sie
sich allemal zu. Als sie dann aber den Posten als Chefsekretärin angeboten
bekam, zögerte sie erst. Am liebsten hätte sie sich eine Meinung eingeholt,
aber bei wem?
Sie war nie verheiratet und Kinder gab es auch nicht in ihrem Leben.
Natürlich bemerkte Louis ihre Unsicherheit und bat sie zu einem Gespräch
in sein Büro. Seit diesem Tag verbindet die Beiden ein unsichtbares Band
und Uma nahm die Stelle an.
"Aber das geht nicht", meldete er sich zu Wort und nippte am Kaffee.
"Und ob das geht, Mr. Walsh. Wenn sie nicht im Büro verweilen, sondern
mit ihren jungen Hüpfern auf Tour sind, geht es auch. So, und jetzt ab.
Hopp hopp, raus hier", zwinkerte sie ihm zu und verließ grinsend
sein Büro.
Louis sah ihr schmunzelnd nach und trank seinen Kaffee aus.
"Uma, Uma, wenn ich sie nicht hätte", murmelte er, seufzte erneut
auf und lächelte still vor sich hin.
Als sein Telefon klingelte nahm er grinsend ab.
"Ich bin gleich weg, Uma. Sie können aber auch ..."
"Schön zu hören, Chef. Aber hier ist der neue Fotograf für
die jungen Hüpfer. Sie meint, sie erwarten sie."
"Oh ja, na klar. Hätte ich fast vergessen. Bitte schicken sie sie
mir rein."
"Kann ich ihr nicht einen neuen Ter ..."
"Nein, schicken sie mir die junge Frau bitte in mein Büro, Uma",
sagte er etwas streng, und legte den Hörer dann auf.
Kurz darauf betrat Uma in Begleitung der neuen Fotografin sein Büro und
ließ die Beiden dann in Ruhe.
"Setzen sie sich doch bitte, Miss Ryan. Nett, sie wiederzusehen."
Sally lächelte ihn an und kam seiner Aufforderung, sich zu setzen, nach.
"Hallo, Mr. Walsh", kam es dünn über ihre Lippen und sie
pulte an ihrem Daumennagel herum.
"Sie haben sich mein Angebot noch einmal überlegt, was ich ihnen letzte
Woche gemacht habe?"
Sie nickte und lächelte ihn kurz an.
"Ich hätte da aber noch ein paar Fragen, Mr. Walsh", sagte sie
etwas forscher und strich sich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr, die sich
aus ihrem Pferdeschwanz gelöst haben musste.
"Nur zu", lächelte er sie an.
"Kann ich ihnen was zu trinken anbieten? Einen Kaffee oder Tee vielleicht?"
Dankend schüttelte sie den Kopf und lehnte sein Angebot ab.
"Eigentlich wollte ich nur noch einmal wissen, wann genau ich meinen ersten
Einsatz habe, denn ich muss noch einiges erledigen. Wohnung kündigen und
was noch alles dazu gehört."
"Die Jungs", begann Louis, "sind ja im Moment auf Promo-Tour
und vor dem 4. März
auch nicht zurück. Ich würde also sagen, dass sie sich ab dem",
er sah in seinen Terminkalender, "3. März bereithalten sollten. Bis
dahin haben sie freie Hand."
"Wann regeln wir das mit dem Vertrag?"
Sally wurde sicherer. Dave hatte ihr gesagt, dass sie keine Angst vor Louis
zu haben brauche, auch wenn er manchmal etwas bissig wirke. Aber in Wirklichkeit
war er ein ganz netter Mann.
"Passen sie auf Sally. Schaffen sie es, bis zum 1. März alles erledigt
zu haben? Dann machen wir gleich am Montag den Vertrag. Ist ja auch der Monatsanfang.
Und die Jungs haben am Monatsanfang eh einen Termin bei Josephine, wenn ich
mich recht erinner, um sich ablichten zu lassen. Bis dahin ist auch Brian wieder
da und das Rudel komplett."
Louis wollte und konnte sich noch nicht an Brians Worte gewöhnen, die er
in Sligo von sich gegeben hatte. Noch war ein wichtiger Bestandteil der gruppe
und damit basta.
"Ja, ich denke das läßt sich einrichten, Mr. Walsh. Und der
Termin bei Josephine bzw. mir ist am 3. März", zwinkerte sie ihm zu
und stand auf.
"Ich weiß", zwinkerte er zurück und erhob sich ebenfalls.
"Ich begleite sie nach draußen, muss eh noch was erledigen."
Gemeinsam verließen sie sein Büro und Sally verabschiedete sich von
ihrem zukünftigen Auftraggeber und der netten Sekretärin.
Als sie im Aufzug verschwand grinste sie vor sich hin.
Ob die Beiden was miteinander hatten?
Louis meldete sich bei Uma ab und amchte sich auf den Weg zu sich nach Hause.
Sally fuhr zu Josephine, packte sich ein paar Sachen zusammen und fuhr dann
mit einem Taxi zum Flughafen.
In knapp 2 Stunden würde sie sich auf dem Weg nach Berlin befinden, um
ihr dortiges Leben endgültig abzubrechen.
Letzte Woche hatte sie sich lange mit Dave über alles unterhalten und beide
sind zu dem Schluss gekommen, dass es wohl das Beste sei, wenn sie ihre Zelte
in Berlin endgültig abbrechen würde. Nur wann, hatten sie nicht geklärt.
Josephine räumte ihr ein, bis sie etwas eigenes gefunden hatte, bei ihr
wohnen zu können.
So bald sie alles erledigt hatte, würde sich Sally nach einer eigenen kleinen
Wohnung in Dublin umschauen.
Seufzend ließ sie sich auf dem Flughafen in einen der Stühle sinken
und schloss die Augen. Sofort erschien ihr das Gesicht von Dave vor ihrem inneren
Auge und sie musste leicht schmunzeln.
"3 ganze Wochen ohne dich. Oh man, wie soll ich das nur überstehen",
murmelte sie leise vor sich hin und schreckte hoch, als ihr Flug aufgerufen
wurde.
Sie begab sich zum Gate, und keine 20 Minuten später befand sich ihr Flieger
in Richtung Berlin in der Luft.
*
London, 12.02.2004
Dave saß bereits in der Hotellobby und wartete auf die Jungs, damit sie
weiter nach Amsterdam fliegen konnten. In Gedanken war er bei Sally und überlegte,
was sie jetzt wohl machte.
Nicky, der sich neben ihn setzte, bemerkte er gar nicht.
"Na Davey, alles klar bei dir?", fragte Nicky gähnend und zückte
sein Handy, um seiner Frau eine Nachricht zu schreiben.
"Ein Penny, ach nee Cent, für deine Gedanken", schmunzelte er
ihn an und schickte die Nachricht an Georgina ab. Noch wusste niemand der Jungs,
dass er Vater wurde. Sie wollten ihnen erst von der Schwangerschaft erzählen,
wenn Brian aus Australien zurück war.
Dave strich sich seufzend über seinen Kopf und lachte leise auf, als er
an den Abschied von Sally denken musste. Sie hatte ihm einen Kuss auf den Kopf
gedrückt und "Baldy" genuschelt. Als sie sich dann lachend in
seine Sofakissen fallen ließen, fielen kurz darauf auch ihre Kleidungsstücke
nach und nach zu Boden.
Jetzt standen ihm 3 ganze Wochen ohne seinen Schatz bevor, und er wusste ehrlich
gesagt nicht, wie er diese Zeit überstehen sollte. Vor allem, wenn Westlife
nächste Woche für 2 Tage in Berlin sind. Dort würde ihn mit Sicherheit
alles an Sally erinnern.
Nicky stupste Dave an und räusperte sich.
"Wer geistert dir im Hirn rum? Magst du mit ..."
Shane und Kian gesellten sich zu den Beiden und schmissen sich in die andere
freie Couch. Somit war das Gespräch zwischen Nicky und Dave zu Ende, bevor
es überhaupt begonnen hatte.
"Wo ist Mark?", fragte Dave und tat, als ob nichts geschehen wäre.
Nicky beobachtete Dave und ihm war klar, dass da etwas nicht stimmte. So hatte
er ihn noch nie erlebt. Jedenfalls nicht, bevor diese Sally hier aufgetaucht
ist. Er grinste vor sich hin. Sag bloß, die Beiden hatten was miteinander.
Kaum hatte Dave seine Frage gestellt, tapste Mark müde und mit Sonnenbrille
auf der Nase aus dem Fahrstuhl und winkte ab, als er Daves Fragerei auf sich
zukommen sah.
"Lasst uns endlich fahren, Amsterdam wartet." Dave erhob sich und
begab sich in Richtung Hotelausgang.
"Was denn mit unserem Sonnenschein los?", wollte Kian wissen.
"Keine Ahnung", zuckte Shane mit den Schultern und setzte sich in
Bewegung. Die Anderen folgten ihm und kurz darauf saßen sie im Van, den
Dave in Richtung Flughafen Heathrow steuerte.
Berlin
Sally hechtete von einem Amt zum anderen und war bis zum Hals damit beschäftigt,
ihre Wohnung aufzulösen.
"Sie haben wohl vergessen, dass sie 3 Monate Kündigungsfrist haben",
äffte sie die Tante von ihrer Wohnungsgesellschaft nach und setzte sich
etwas deprimiert in die nächste Bushaltestelle und wartete darauf, dass
das nächste gelbe Gefährt der BVG hielt.
An solchen Tagen verfluchte sie es immer wieder auf's neue, sich nie ein Auto
angeschafft zu haben.
Nun musste sie nur noch sehen wie sie ihre Möbel los wurde. Am besten noch
in den nächsten 2 Wochen, damit sie am Ende nur noch die Schlüssel
übergeben brauchte. Dafür müsste sie zwar noch einmal nach Berlin
kommen, aber vielleicht konnte sie doch noch mit ihrer Wohnungsverwaltung einen
Termin ausmachen, dass sie eher aus ihrem Mietvertrag kam.
Als der Bus kam zückte sie ihr Ticket, hielt es dem Fahrer beim einsteigen
unter die Nase und machte sich nun auf den Weg, ihr Telefon zu kündigen.
In Gedanken fragte sie sich, wo Dave jetzt wohl rumgeisterte.
Amsterdam
Nachdem sie sich durch die Fanmassen, ganze 4 Fans, gewühlt hatten und
im Van Richtung Hotel saßen, seufzten alle erleichtert auf.
30 Minuten später begaben sich die Westlifer und Dave auf ihre Zimmer und
ruhten sich bis zur Show am Abend noch etwas aus.
Dave verkroch sich auf den Balkon und genoss die, für Anfang Februar ungewöhnlich,
milde Luft. Das es an seiner Zimmertür klopfte nahm er nur entfernt wahr.
Aufstönend und leicht genervt ging er zur Tür und fragte sich in Gedanken,
was denn nun schon wieder war. Er war überrascht, Nicky vor der Tür
anzutreffen.
"Was gibt's? Hat unser Goldkehlchen schon wieder einen falschen Koffer?"
Nicky grinste und lief an Dave vorbei ins Zimmer.
"Ich kann mich zwar nicht daran erinnern dich eingebeten zu haben, aber
bitte mach's dir bequem, und fühl dich wie zu Hause", grummelte er
und schloss die Tür. Dann gesellte er sich neben Nicky, der es sich auf
dem Bett bequem gemacht hatte.
"Wie geht's dir, Dave?"
"Was soll die blöde Frage? Wir haben grad zusammen im Flieger gesessen
und uns mal eben nicht 10 Minuten gesehen. Wie soll es mir da schon gehen? Ich
wäre froh, auch mal etwas Zeit für mich zu haben, ohne ständig
von euch regelrecht genervt zu werden. Ist das zu viel verlangt?" Dave
sah Nicky mit seinem typischen Last-Blick an und sein Gegenüber wich etwas
zurück.
"Okay ... ähm ... also", suchte Nicky nach Worten.
"Tut mir leid, Nico. Ich wollte dich nicht so anmachen", entschuldigte
er sich bei ihm, stand auf und ging wieder in Richtung Balkon. Genau in diesem
Moment piepte sein handy und zeigte den Eingang einer neuen Nachricht an.
Er griff danach, las die SMS und ein Lächeln machte sich auf seinem Gesicht
breit.
Nicky ließ ihn nicht aus den Augen und es war ihm an der Nasenspitze anzusehen,
dass er am liebsten sofort gewusst hätte, wer dave so schnell aufmuntern
konnte.
"Kenn ich sie?"
"Wen?"
"Na die Person, die das geschafft hat, was wir seit Tagen versuchen. Dein
Lächeln und Strahlen zurück zu geben", sagte Nicky und lehnte
sich entspannt zurück.
Dave zuckte gleichgültig mit den Schultern und blickte nach draußen.
"Ich weiß nicht wovon du sprichst, Nicky."
"So hat das bei mir und Gina auch angefangen", zwitscherte er munter
drauf los und grinste schelmisch, "und ich kann mir nicht vorstellen, dass
ein Dave Last vor der Liebe gefeit ist. Und wenn ich mich recht erinner, dann
gibt es da eine junge Frau, die dir mehr als nur den Kopf verdreht hat."
"Lass Sal da raus", kam es wie aus der Pistole geschossen von Dave.
"Sal, aha. So weit seid ihr also schon", kicherte er und musste im
nächsten Moment einen strengen Blick von Dave hinnehmen.
"Ich wüsste nicht, was dich das ang ..."
"Ach komm schon, Davey", erhob sich Nicky und ging zu ihm. "Das
hab ich doch schon damals in Sligo gemerkt, dass dir diese Sally ganz schön
den Kopf verdreht hat. Und jetzt erzähl mir bloß nicht, dass du noch
deinen Charme hast spielen lassen und sie zum Essen eingeladen hast."
Dave fuhr sich mit der Hand über den Kopf und legte sie seufzend in den
Nacken. Dann ließ er den Kopf hängen und sah zu Boden.
Für Nicky war klar, das er mal wieder ins Schwarze getroffen hatte.
"Ich liebe sie. Ich liebe Sally", kam es leise und Dave sah kurz zu
Nicky.
Der hörte ihm leicht lächelnd zu.
"Du hättest sie mal erleben sollen, wie sie sich bei Louis für
euch, für mich, eingesetzt hat. Sally ist", er warf die Arme hilflos
in die Luft, "ein Traum. Ich war zwar mal hier oder da verknallt, aber
das war nix ernstes. Sally schafft es in nur kürzester Zeit ein Lächeln
auf meine lippen zu zaubern, mag der Tag auch beschissen gelaufen sein ohne
Ende.
Und dann ihre Art und Weise wie sie redet. Wie sie sich nur eine einzelne",
er machte die Bewegung nach, "Haarsträhne hinters Ohr streicht, der
pure Wahnsinn", seufzte er und ging zum Bett und schmiss sich in die Kissen.
Nicky beobachtete ihn dabei. Nie zuvor hatte er Dave so offenherzig erlebt und
irgendwie stimmte es ihn traurig.
Er selbst wusste, wie wichtig gerade die ersten Wochen in einer Beziehung sind,
um den Partner richtig kennenzulernen.
Und wo war Dave?
Der trieb sich, aus beruflichen Gründen, in der Weltgeschichte rum, während
Sally wahrscheinlich in Dub saß und langweiligen Fotoshootings beiwohnte,
während Josephine fleißig auf den Auslöser drückte.
Gleichzeitig musste er an seine Frau denken, die schwanger zu Hause saß,
täglich mit der morgendlichen Übelkeit kämpfte und sich irgendwelche
Hirngespinste in den Kopf setzte, dass sie in den nächsten Wochen nicht
mehr durch die Tür passen würde, weil sie so fett wird.
"Wie lange geht das schon mit euch? Und wieso wissen wir noch nix davon?"
Dave hob seinen Kopf und sah in Nickys Richtug.
"Die Fragen zählen eindeutig zu meinem Privatleben und ich hoffe du
bist mir nicht böse, aber ich werde sie dir nicht beantworten. Ich bin
glücklich, und das sollte als Antwort reichen."
Zwar gab sich Nicky mit dieser Antwort nicht wirklich zufrieden, aber was blieb
ihm anderes übrig? Er musste es akzeptieren, und damit hat sich's.
"Und jetzt raus hier. Ich will wenigstens noch 10 Minuten meine Ruhe haben",
kam es murmelnd vom Bett und Nicky verließ kurz darauf das Zimmer.
*
14.02.2004
Australien
Nun war es endlich geschafft.
Kerry verließ als Letzte, und somit als Siegerin, das Dschungel-Camp.
Brian freute sich wie sonst was und war stolz wie Oskar auf seine Frau.
Nach dem arrangierten Telefongespräch mit Kerry konnte er sie kurz darauf
vor laufender Kamera in die Arme nehmen und küssen.
Gerührt, und teileweise mit Tränen in den Augen, sahen ihnen die anderen
Teilnehmer bei der Begrüßungszeremonie zu, und spendeten Applaus.
Nachdem die Pressemeute ihre Fotos und Brian seine Frau zurück hatte, wurden
sie auch schon wieder getrennt.
Es standen noch Aufnahmen mit allen Prominenten, die an
I'M A CELEBRITY - GET ME OUT OF HERE
teilgenommen hatten, an.
Danach war endlich alles vorbei und beide konnten ins Hotel fahren.
Nach einer ausgiebigen Dusche, sowieso einer längeren Willkommenszeremonie,
schmissen sie sich in ihre Partyklamotten und gingen einen drauf machen.
Das er seinen Ehering, angeblich, verloren hatte, verschwieg er ihr lieber vorerst,
schließlich war heute Valentinstag.
Außerdem gab es jetzt wichtigere Dinge, die besprochen werden mussten,
so bald sie wieder zurück in Irland sein würden.
Natürlich graute Brian davor, mehr als alles andere, aber es gehörte
nun mal zu einem wichtigen, wenn nicht sogar zum wichtigsten Schritt in seinem
leben.
Er würde Westlife definitiv verlassen.
Dublin
Erschöpft trug sie ihren Wochenendeinkauf die Treppe nach oben, fischte
ihren Wohnungsschlüssel aus ihrer Handtasche, sperrte auf und brachte dann
alles in die Küche.
Sie stellte die Tüten auf dem Küchentisch ab und begann sie dann nach
und nach auszupacken, als ihr Telefon klingelte.
Hastig stürzte sie ins Wohnzimmer, stieß sich dabei ihren rechten
Fuß am Tischbein und humpelte fluchend in Richtung telefon, um das Gespräch
anzunehmen.
"Ja, hallo?", knirschte sie zwischen zusammengebissen Zähnen
hervor und rieb sich den rechten Fuss an ihrer linken Wade.
Ein klacken war in der Leitung zu hören. Aufgelegt.
"Blödmann!", nuschelte sie und machte sich wieder auf den Weg
in ihre Küche. Als sie auf halbem Weg war, klingelte ihr Telefon erneut,
und sie überlegte kurz ob sie rangehen sollte.
Kurz entschlossen drehte sie sich um, machte einen großen Bogen um ihren
Tisch und nahm den Hörer von der Ladestation.
"Ja, hallo?"
"Uma?", kam es zögerlich am anderen Ende der Leitung und ihre
Augen wurden groß.
"Chefchen?"
Er musste sich ein Lachen verkneifen. Louis liebte es, wenn sie ihn so nannte.
"Yep, der bin ich."
Ach du lieber Himmel!
"Gibt es Probleme in der Firma? Hab ich einen Termin verschwitzt? Warum
rufen sie mich am Wochenende an?", fragte sie ihn mit sich überschlagender
Stimme und rasendem Puls. Er hatte noch nie bei ihr privat angerufen.
Bitte lass alles gut gegangen sein, hämmerte es in ihrem Schädel.
"Nein, keine Sorge Uma. Es ist alles in bester Ordnung", beruhigte
er sie.
Uma setzte sich auf ihre kleine gemütliche Couch und räusperte sich.
"Und welchem grund verdanke ich dann ihren Anruf?"
"Darf ich ihnen eine Frage stellen?"
"Sicher", kam es achselzuckend von ihr.
Louis holte tief Luft.
"Welcher Tag ist heute?"
"Bitte? Haben sie mich gerade gefragt, welcher Tag heute ist? Also ich
möchte ja nicht unverschämt klingen, aber dafür hat man Kalender
erfunden, Mr. Walsh. Es ist Samstag und ich hab mein wohl verdientes freies
Wochenende", gab sie ihm zur Antwort und rieb sich den kleinen Zeh am rechten
Fuß.
"Sie haben die Frage nicht richtig verstanden.", konterte er und lehnte
sich mit einem sanften Lächeln auf den Lippen in seinem Sessel zurück.
"Oh doch, ich glaube schon.
Es ist samstag, der 14. Februar. Schönen Abend noch, Chefchen. Ich hab
zu tun und möchte mein wohlverdientes f r e i e s W o c h e n e n d e genießen."
Die letzten Worte betonte sie extrem deutlich.
Als Uma auflegen wollte, stellte er ihr noch eine weitere Frage.
"Haben sie schon nach ihrer Post geschaut?"
"Ja, aber noch nicht geö ... Was geht sie das eigentlich an?!"
Sie wusste doch schon immer, dass er defintiv zu viel arbeitete. Jetzt hatte
sie den Beweis. Ihr Chef, Louis Walsh, ist völlig übergeschnappt.
"Uma, jetzt beruhigen sie sich doch bitte."
"ich bin ruhig. Und jetzt entschul ..."
"Würden sie mir einen Gefallen tun, und ihre Post durchsehen? Bitte.
Ich würd ihn nämlich da gern noch eine Frage stellen wollen."
Seufzend erhob sie sich von der Couch und lief in Richtung Küche. Warum
machte sie das?
"Ich wüsste zwar nicht, was meine Post mit ihrer Frage zu tun hat",
sie schnappte sich die 3 Briefe und riss sie nacheinander auf, "aber ich
denke, ich werde es gleich ... ach du lieber Himmel", kam es leise und
Louis setzte sich augenblicklich kerzengerade auf und horchte aufmerksam in
den Hörer.
"Uma? Hallo? Sind sie noch da?"
es blieb still am anderen Ende der leitung und ihm wurde etwas mulmig zu mute.
"Uma?", versuchte er es erneut und schluckte schwer.
"Mr. Walsh ... Haben sie ... Also ist die ... Ach du lieber Himmel."
Er nahm all seinen Mut zusammen und stellte ihr die alles entscheidene Frage.
"Möchten sie mein Valentine Mädchen sein, Uma?´"
Völlig baff und mit offenem Mund starrte sie auf die Karte in ihrer Hand
und wusste nicht, was sie sagen sollte.
"Ähm ... also normalerweise ..."
"Sssshh ... Seien sie doch mal still! Wie soll eine gestandene Frau denn
da einen klaren Gedanken fassen können, wenn sie ständig dazwischen
plappern?", fuhr sie ihn nervös an und strich sich über ihr locker
sitzendes Haar.
Noch nie zuvor hatte sie eine Valentinskarte bekommen, ihr ganzes Leben lang
nicht. Und dann musste ausgerechnet der Mann ihr eine dieser wunderschönen
Karten schicken, mit dem sie sich nie ...
Sie schüttelte den Kopf und strich sich eine graue Haarsträhne aus
dem Gesicht.
"Mr. Walsh, ich würd wirklich gern annehmen, aber ..." Sie biss
sich auf ihre Unterlippe.
Das geht doch nicht. Sie kann doch nicht mit ihrem Chef ausgehen. Und dann auch
noch am Valentinstag.
Aber warum eigentlich nicht?
"Aber was? Sie haben Zweifel mit mir auszugehen, weil ich ihr Chef, ihr
Brötchengeber, bin?
Lassen sie das einfach außen vor. Ich bin nur Louis. Ein ganz normaler
mann wie jeder andere auch, der einfach eine bezaubernde Frau fragt, mit ihm
den Abend zu verbringen. Und welcher tag ist da nicht besser geeignet als der
Valentinstag? Sie als alte Romantikerin wissen das genauso gut wie ich.
Und jetzt frag ich sie noch einmal. Möchten sie mein Valentine Mädchen
sein, Uma?"
Mit Tränen in den Augen umklammerte sie den telefonhörer und hielt
sich eine Hand vor den Mund, damit er das leise Schluchzen nicht hörte.
"Weinen sie etwa?", fragte er erschrocken.
"Nein!", kam es dünn und sie wischte sich die erste Träne
weg, die über ihre Wange kullerte.
"Ja, ich wäre gern ihr Valentine Mädchen, Chefchen.", kam
es leise und Uma entkorkte eine bereits angefangene Weinflasche mit den Zähnen
und goss sich einen ordentlichen Schluck in ein Glas, was gerade in der Nähe
stand.
Louis fuhr sich erleichtert durch sein graues Haar und räusperte sich.
"Gut. Ich hole sie um 19 Uhr ab, okay."
"Ja, is okay. ich werde dann unten auf ..."
"Nein, nein nix da. Ich hole sie ganz traditionell an ihrer Wohnungstür
ab, und dann machen wir uns einen ..."
"Dann bis 19 Uhr", würgte sie ihn regelrecht ab.
"Ja, bis dann, Uma."
"Bis später ...", sie holte tief Luft, "Louis", und
legte schnell auf.
Louis ließ sich wieder in seinen Sessel sinken und seufzte auf. Uma hatte
ihn heute zum ersten Mal beim Vornamen genannt.
Sie schnappte sich das Glas, leerte es in einem Zug und stützte sich anschließend
schnaufend am Küchentisch ab.
Sie und ihr Chef am Valentinstag ... Ach du lieber Himmel.
Was hatte sie sich nur dabei gedacht, ihm zu zu sagen? Was, wenn das alles völlig
nach hinten los geht? Sie braucht diesen verdammten Job.
Wer nimmt denn heutzutage noch so eine alte Schachtel in seinem Betrieb auf?
Und warum zum Henker, machte sie eigentlich so einen Aufstand um einen ganz
gewöhnlichen Wochentag?
"Scheiß Medien!", murmelte sie und widmete sich wieder ihren
Einkäufen.
*
Alle viere von sich gestreckt lag er auf seinem Bett und zog sich zum millionsten
Male "Titanic" rein.
"Wieso ist der Film bitte so schön schnulzig romantisch", schniefte
er in sein Tempo und schnäuzte sich anschließend die Nase.
Gerade als Leo und Kate sich zum ersten Mal küssen wollten, klingelte sein
Handy und er schnappte sich die Fernbedienung seines DVD-Players, drückte
Pause und nahm das Gespräch an.
"Hier ich, kurz vorm ersaufen", meldete er sich.
"Hey Süßer", meldete sich eine Stimme und Rowen strahlte
förmlich.
"Bärchen! Wo bist du? Was machst du? Wann kommst du wieder? Ich vermisse
dich!"
Mark grinste und machte es sich in den Kissen seines Hotelbettes bequem.
"Alles Gute zum Valentinstag!", kam es von beiden gleichzeitig und
sie mussten lachen.
"Danke für deine Karte, Mark", säuselte Rowen und atmete
tief durch. Es tat gut seinen Liebsten wieder mal zu hören.
"Lass mich raten. Du hast dir danach sofort Titanic in den Player geschmissen
und ich hab genau da durchgeklingelt, wo sich Leo und Kate gerade abschlabbern
wollen."
"Die schlabbern sich doch nicht ab", kam es etwas empört von
ihm, "sondern geben sich einen der schönsten Filmküsse ever."
"Also ich find ja unsere Küsse viiiiiiel schöner", schmollte
Mark und sehnte sich noch mehr nach seiner besseren Hälfte.
"Hör bloß auf. Noch mehr als 2 Wochen ohne dich", seufzte
Rowen auf.
"Schrecklich, ich weiß. Aber die gehen ganz schnell vorbei, wirste
sehen. Und jetzt mal Themenwechsel."
Mark erzählte seinem Freund von den neuesten Ergebnissen im Fall Klien
und er klang sehr zuversichtlich und wesentlich befreiter als in den letzten
Wochen. Es tat Rowen mehr als gut ihn so am Telefon zu hören, ohne das
er sich Sorgen machen musste, da er so weit entfernt von ihm war. Er konnte
nicht einfach mal in den nächsten Flieger steigen, da die Jungs kaum länger
als ein paar Stunden in einer Stadt weilten.
"Das hört sich gut an. Übrigens", er setzte sich auf und
griff nach der Flasche Wasser auf dem Boden, "hat Colin den ersten Preis
beim Fußball mit seiner Schulmannschaft geholt.
Du hättest ihn mal sehen sollen. Er hat gegrinst wie ein Honigkuchenpferd
und konnte sich danach vor weiblichen Anhängseln kaum retten. Er kommt
da ganz nach dir, Bärchen", feixte Rowen und trank dann einen Schluck
aus der Wasserflasche, während Mark lachen musste.
"Ich hätte zu gern Colins Gesicht gesehen", seufzte er auf, als
er sich wieder etwas beruhigt hatte. Seit den Ereignissen der letzten Wochen
ist das Verhältnis zwischen den beiden Brüdern noch inniger geworden.
"Ich weiß. Und deswegen hab ich auch alles gefilmt", kam es
stolz von Rowen.
"Echt?! Aaaw ich könnt dich ... Was hast du eigentlich an?"
"Bitte? Ferkel du."
"Wieso Ferkel? Das ist eine ganz normal Frage. Das du immer gleich so versaute
Hintergedanken haben musst, ist dein Problem, mein Schatz."
"Versaute Hintergedanken? Ich? NIE!"
Beide fingen herzhaft an zu lachen und plauderten dann noch über die letzten
Tage.
"Wann kommst du nun eigentlich wieder?", wollte Rowen nach einer ganzen
Weile wissen.
"Keine Ahnung, ehrlich. Ich werde bei Gelegenheit mal Dave fragen, so bald
man den Kerl wieder ansprechen kann, ohne gleich angepflaumt zu werden."
"Was hat er denn?"
"Ach was weiß ich. Man traut sich kaum ihn anzusprechen, ohne das
er ausflippt."
"Mensch Mark, jetzt sei mal nicht so sensibel. Außerdem solltest
du nicht vergessen, dass er auch für dich da war, als es dir schlecht ging.
Und kannst du dich noch an seine Aktion in London damals auf der Straße
erinnern?"
"Ja, das kann ich. Ich glaub, diesen Tag werd ich nie vergessen. Aber du
hast ihn die letzten Tage nicht erlebt, Row. So kenn ich ihn gar nicht."
"Na dann rede mit ihm. Meine Güte, auch er hat mal einen schlechten
Tag. Das ist doch ganz normal und menschlich. Gerade du solltest das wissen
in deinem Job.
Wie würdest du dich denn fühlen, wenn du ständig mit 5 Kerlen
durch die Weltgeschichte düsen musst, und im Grunde 24/7 für sie da
zu sein hast? Schon mal daran gedacht, dass selbst ein Dave Last Gefühle
hat? Und vielleicht sogar ein Liebesleben?"
Rowen holte tief Luft und schüttelte ungläubig den Kopf. Wie konnte
Mark nur so egoistisch denken. So kannte er ihn gar nicht.
"Is ja gut, ich hab verstanden. Ich werde mit ihm reden. Zufrieden?"
"Du sollst das nicht für mich machen, Mark.
Wer hat denn hier rumgeheult, dass Dave momentan unausstehlich ist? Du musst
mit ihm klar kommen, nicht ich."
"Was denn plötzlich los mit dir?"
"Nix is los. Was soll denn sein?"
"Rowen, bitte. Ich zieh mir die Hosen nicht mit der Kneifzange an. Ich
höre doch, dass dich was bedrückt. Magst du drüber reden?"
"Was willst du denn hören?", holte er tief Luft. "Ich vermisse
dich. es ist total langweilig hier. Ständig klingeln irgendwelche weiblichen
Anhänger von dir an meiner Tür auf und wollen mich unbedingt vor die
Kamera zerren.
Ich sehne mich nach dir, deinen Berührungen, deinen Küssen und ...
ach Bärchen. Du fehlst mir. Am liebsten würd ich alle Zelte hier abbrechen
und zu dir kommen. Und dann machen wir uns einen gemütlichen Abend und
lassen den Valentinstag an der Tankstelle ausklingen mit einem bisschen schnick
und schnack."
"Und was ist mit dem ..."
"Sprich das Wort bloß nicht aus oder ich vergesse, dass ich dich
nur am Telefon habe!", knirschte Rowen und stöhnte leise auf.
"Man kann doch auch am Telefon ne Menge Spaß haben. Oder?" Mark
schmunzelte, denn er hörte wie Rowen nach Luft schnappte.
"Hast du Probleme, Nousey?"
"Kannst du nicht einmal versuchen, nicht an Sex zu denken? Mein Güte
Mark."
"Was denn? Jetzt hab dich mal nicht so Mädchenhaft. Wer hat denn damit
angefangen?"
"Ach lass mich doch in Ruhe. Schönen Abend noch." Ohne abzuwarten
legte er auf und schmiss sich in die kissen. Er shcnappte sich die Fernbedienung
und kurz darauf verschmolzen Leo und Kate in einem Kuss.
Mark starrte den Hörer an und konnte nicht glauben, was hier grad abging.
"Der spinnt doch", grummelte er und warf sein Handy beleidigt ins
Kissen. Dann griff er in die Tüte Chips die neben ihm lag und stopfte sich
eine handvoll Chips in den Mund.
"Warum machen eigentlich alle so einen Wirbel um den 14. Februar? Ist doch
auch nur ein Tag wie jeder andere auch", stellte Mark gelangweilt fest
und zog die Bettdecke über sich und kuschelte sich hinein.
"Verdammt!" Er griff zum Handy und drückte Wahlwiederholung.
Nach dem zweiten Klingeln war Rowen dran und Mark holte Luft.
"Hast du überhaupt eine Ahnung ..."
"Und ob ich die habe, denkst du mir geht's grad anders", kam es etwas
heiser von Rowen.
Mark schluckte schwer und schloss für einen Moment die Augen. Er konzentrierte
sich auf die gleichmäßige Atmung seines Freundes und spürte
ein starkes kribbeln.
"Bist du noch dran, Mark?"
"Mhm ... bin noch da", raunte er in den Hörer und stand auf.
Er ging zur Zimmertür, sperrte ab und machte es sich wieder auf seinem
Bett bequem.
"Rowen ... was hast du ... also ..."
"Boxers", kam es leise und tief von ihm und Mark schob eine Hand in
seine Shorts ...
*
Tage wie diese hasste sie am meisten.
Alle waren glücklich und verbrachten den Tag gemeinsam und ließen
ihn womöglich mit einem Abendessen bei Kerzenschein und Zärtlichkeiten
ausklingen.
Josephine hatte es sich am späten Nachmittag auf ihrem Sofa bequem gemacht
und sich ein Video eingelegt. Eine Flasche Rotwein stand auf dem Tisch und die
Tempos lagen griffbereit daneben.
"Weißt du noch, wie wir uns kennengelernt haben?", fragte Frank
seine Frau und strich ihr liebevoll über die Wange und hauchte einen Kuss
auf ihre Nasenspitze.
"Oh ja", kicherte Josephine. "Es war auf dieser Benefizgala für
krebskranke Kinder. Du hast mich ständig beim tanzen angerempelt und ich
fand dich einfach
schrecklich in deinem quietschgelben Anzug und dem grasgrünen Hemd.
Aber als dann alles nach und nach für einen guten Zweck versteigert wurde
und du mich mit einem flehenden Blick angesehen hast, weil so eine alte Schachtel
drauf und dran war einen netten Abend mit dir zu ersteigern, habe ich einfach
alles auf eine Karte gesetzt und mein ganzes Erspartes in dich investiert.
Und siehe da. Es hat doch glatt funktioniert und du hast dich als ganz netter
Mann entpuppt."
"Nur nett?"
"Nein. Sehr nett natürlich", lachte sie auf und es kamen die
kleinen gekräuselten
Falten um ihren Mundwinkel zum Vorschein, die Frank über alles an seiner
Frau liebte.
Als sie beide in einem leidenschaftlichen Kuss versanken drückte Josephine
die
STOP-Taste, und trank einen großen Schluck Wein aus ihrem Glas.
Sie liebte dieses Video.
Es ist ihr Hochzeitsvideo. Ein Geschenk ihrer gemeinsamen Freunde, von denen
ihr nur noch Kian, Nicky, Mark, Brian, Shane und Dave geblieben sind. Alle anderen
Freunde hatten sich nach Franks Tod von ihr abgewandt.
"DAS muss aufhören", schimpfte sie sich selbst und wischte sich
energisch ein paar Tränen aus dem Gesicht und starrte auf das Schneegestöber
im Fernseher.
"Und nun?" Sie sah sich fragend um und suchte krampfhaft nach Ablenkung.
Lächelnd schaute sie auf ihr Hochzeitsfoto und brach urplötzlich in
Tränen aus.
"Scheiße", schluchzte sie und schlug, wütend über
sich selbst, mit der flachen
Hand auf das Sofa.
Sie schreckte hoch, als ihr Handy klingelte.
Josephine wischte sich schnell die Tränen weg, holte Luft und nahm das
Gespräch an.
"Parker."
"Hey Josie, Kian hier."
Kian? Warum rief der bei ihr an? Sie räusperte sich und warf ihr langes
Haar mit einer leichten Bewegung nach hinten.
"Kian, hallo. Was gibt's?", fragte sie so kühl wie möglich.
Nur nix anmerken lassen.
Seit Franks Tod hatte sie automatisch damit begonnen, eine Mauer um sich aufzubauen.
Sie versuchte zu vermeiden, jemals wieder starke Gefühle zu investieren,
um nie wieder so verletzt zu werden und in ein noch tieferes Loch zu fallen.
Aber ob das so richtig war?
"Nichts. Ich wollte einfach nur ein bisschen plaudern und mir die Langeweile
dadurch vertreiben. Wie geht's dir Josie?"
"Gut, gut. Ich kann nicht klagen. Bin voll im Stress. Entwickel grad einen
Film", log sie, um ihn abzuwimmeln.
"Du bist so eine schlechte Lügnerin, Josephine Parker", grinste
Kian breit in den Hörer und sah aus dem Fenster des Stockholmer Hotels.
"Ich weiß, was du jedes Jahr an diesem Tag veranstaltest. Schon vergessen?
Wo hast du dieses Mal gestoppt? Bist du über den Kuss hinaus gekommen?"
"Hör auf damit! Außerdem wüsste ich nicht, was dich das
angeht!", fuhr sie ihn an und griff nach ihrem Weinglas.
"Ich hab also den Nagel auf den Kopf getroffen", schlussfolgerte er
aus ihrer Reaktion und zappte durch die Sender des schwedischen Fernsehens.
Als er aber nichts interessantes fand, machte er den Fernseher aus und setzte
sich auf das kleine gemütliche weiße Ledersofa.
"Was willst du damit bezwecken, Kian? Komm einfach zum Punkt, damit ich
wieder an mei ..."
"Damit du dich wieder in Selbstmitleid suhlen und völlig allein heulend
vor dem Fernseher deine Zeit verbringen kannst? Vergiss es Josie!
Du machst dich kaputt. Merkst du das nicht? Irgendwann stehst du ganz allein
da. Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass du das möchtest.
Mensch Josie, du musst aufhören dich ständig zu verkriechen.
Ich kann mich noch an eine lebensfrohe und witzige junge Frau erinnern die du
mal warst.
Wo ist die hin? Und komm mir jetzt nicht damit, dass sie mit Frank gestorben
ist, denn das ist völliger Schwachsinn!"
Josephine presste ihre Lippen fest aufeinander und ließ ihren Tränen
freien Lauf.
Kian atmete tief durch.
Er wusste, dass sie weinte, auch wenn sie alles versuchte, dass er es nicht
mitbekam.
"Du magst mich jetzt für das größte Arschloch halten, was
dir jemals über den Weg gelaufen ist, Jo. Aber damit kann ich leben. Ich
kann mich an manchen Tagen selbst nicht leiden.
Aber du solltest eins wissen, Josephine. Ich BIN und werde IMMER ein Freund
von dir sein und bleiben, ob du das willst oder nicht.
Und ich werde dich, wenn es sein muss, auch jedes Jahr um die gleiche Zeit anrufen,
damit du endlich merkst, dass es noch ein Leben da draußen gibt, auch
OHNE Frank."
"HALT DEN MUND!", schrie sie ihn durch den Hörer an und zitterte
dabei am ganzen Körper. "Wage es dir nie wieder so mit mir zu reden,
Kian. NIE wieder!"
Sie legte auf und schmiss ihr Handy quer durch das Wohnzimmer. Es zerschellte
an der Wand in seine Einzelteile.
Kian fuhr sich müde mit einer Hand über sein Gesicht und seufzte auf.
"Du machst dich kaputt, Kleines", murmelte er und wählte erneut
ihre Nummer. Als er nur die Mailbox erreichte überlegte er nicht lange
und wählte ihre Festnetznummer.
Josephine riss den Kopf rum, als ihr Fetsanschluss klingelte.
"Vergiss es, Egan", zischte sie, nahm den Hörer ab und knallte
ihn wieder auf die Ladestation.
Kian wiederholte diese Prozedur immer und immer wieder. Er war für seine
Hartnäckigkeit, wenn es um seine Familie und Freunde ging, bekannt.
Nach einer halben Stunde hatte er endlich sein Ziel erreicht.
"WAS?!"
"Ich freue mich auch, dich zu hören Josie", erwiderte er schmunzelnd
und wusste, dass sie kurz vorm ausflippen war.
"Wieso tust du das? Wieso?"
"Hab ich das nicht schon erwähnt? Ich bin dein Freund und es liegt
mir sehr viel daran, dich auch mal wieder unbeschwert und frei lachen zu sehen
und zu hören.
Ich kann mich nämlich nicht daran erinnern, wann ich das, das letzte Mal
erlebt habe.
Ich weiß, wie es ist jemanden zu verlieren, den man sehr geliebt hat.
Sicher, Jodi ist nicht gestorben, aber irgendwie ist sie es doch für mich.
Verstehst du, was ich damit sagen will?
Das Leben geht weiter, Josie. Vergiss das bitte nicht."
"Kian ich ... ich kann das nicht", kam es kleinlaut von ihr, und sie
schniefte hoch.
"Was kannst du nicht?"
"Jeder sagt mir, das Leben geht weiter. Ihr habt doch keine Ahnung wie
das ist", schluchzte sie in den Hörer.
"Jeden Tag bin ich in dieser gottverdammten Firma und werde tagtäglich
an Frank
erinnert. Ich hab das Gefühl, erdrückt zu werden. Alles stürzt
auf mich ein und ich hab Angst den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Irgendetwas in mir sagt, dass er auch da ist und über mich und meine Aktivitäten
wacht.
Ich spüre seine Blicke, seinen Geist um mich herum und glaube den Verstand
zu verlieren", erzählte sie unter Tränen weiter und Kian hörte
ihr schweigend zu. Er hätte sie gern einfach nur in den Arm genommen, aber
er war in Stockholm nicht in Dublin. Dennoch war er froh, dass sie endlich redete.
"Er fehlt mir so, Kian.
Ich hab noch nie jemanden so geliebt wie ihn. Jeden verdammten Tag quäle
ich mich aus dem Bett, schaue neben mich, in der Hoffnung er lächelt mich
an, aber seine Hälfte des Bettes ist und bleibt leer.
Manchmal ertappe ich mich dabei wie ich darüber streiche um zu fühlen,
wie lange er schon wach ist. Dabei hat er gar nicht darin gelegen", heulte
sie weiter und Kian zog es das Herz zusammen. Tränen traten in seine Augen,
die er verstohlen weg wischte.
"Ich kann mich kaum noch an seinen Geruch erinnern", kam es leise.
"Alle seine Sachen haben mit der Zeit meinen Geruch angenommen. Das ist
einfach ... ich verliere ihn von Tag zu Tag mehr.
Ich will ihn bei mir haben. Ihn spüren, berühren, von seinen Lippen
kosten und ihn schmecken können. Man hat ihn mir einfach so genommen. Von
einem Tag auf den anderen.
Und du willst mir sagen, dass das Leben weiter geht. Welches Leben?
"ICH", sie tippte mit einem Finger auf ihren Brustkorb, "ich
habe nie wirklich die Chance gehabt, mich von Frank zu verabschieden. Ich wollte
ihm doch noch ...", ihre Stimme versagte und sie begann hemmungslos zu
weinen.
Kian fuhr sich völlig überfordert durch seine Haare und gab Josephine
etwas Zeit, sich wieder zu fassen.
"Wo bitte war dieser beschissene Gott", begann sie überraschend
weiter zu erzählen, "an den er so fest geglaubt hat? WO WAR ER?
Frank hatte doch noch so viel vor. Wir hatten noch so viel vor.
Und wenn ich der Meinung bin, mir jedes Jahr auf's neue unser Video reinzuziehen,
dann mach ich das auch.
Und du", ging sie Kian etwas forscher an, "hast kein Recht dazu, mich
deswegen zu verurteilen oder dir eine Meinung über mich zu bilden. Du kennst
mich nicht, Kian.
Ich hab meinen Mann verloren und mein ...", sie stockte und schluchzte
immer wieder auf.
Kian kam sich jetzt wirklich wie das letzte Arschloch vor, aber er wusste wie
wichtig es für sie war darüber zu reden und alles raus zu lassen.
Aber irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass das noch nicht alles
war.
"Und was?", fragte er vorsichtig und schloss die Augen. Er glaubte
die Antwort, bevor er sie überhaupt hörte, bereits zu kennen.
Josephine holte immer wieder Luft. aber sie konnte nichts sagen.
"Hey, ganz ruhig", sprach er mit sanfter Stimme und stieß einen
leisen Seufzer aus.
"Ich ... ich ... war schwanger", wisperte sie und Kian wünschte
sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als dieses Gespräch nie geführt
zu haben.
"Das ... ich ... Jo ich weiß nicht was ... oh man. Das tut mir furchtbar
leid." Langsam aber sicher konnte er ihr Verhalten über die letzten
Jahre hinweg verstehen und irgendwie auch nachvollziehen.
"Es ist alles über mich eingestürzt. Der Tod von Frank, die ganzen
furchtbaren Anschuldigungen durch die Presse und ...", sie wischte sich
die Tränen weg, die wie Sturzbäche über ihr Gesicht liefen und
auf ihre Oberschenkel tropften. Dann wischte sie mit dem Ärmel ihres Pullovers
über ihre Nase und sprach weiter.
"Jeder hat sich von mir abgewandt. Ihr seid die Einzigen, die mir noch
geblieben sind, aber ich weiß nicht wie lange ihr das noch durchsteht.
Das war alles einfach zu viel für mich. Ich hab unser Kind verloren. 3
Wochen nach Franks Tod", beendete sie ihre Ausführungen und sackte
innerlich erschöpft zusammen.
"Hast du die nächsten Tage anstehende und wichtige Termine?",
fragte er nach einem Moment der Ruhe und ging in Gedanken die nächsten
anstehenden Promotermine von Westlife durch.
"Was? Wieso?", kam es verwirrt von ihr und sie schüttelte leicht
ihren Kopf.
"Beantworte bitte einfach meine Frage", sagte Kian mit ruhiger und
sanfter tiefer Stimme. "Um den Rest kümmer ich mich, Jo."
"Nein ... ich hab ... also bis Mittwoch steht bei mir nix an. Aber wieso
willst du das wissen?"
"Lass mich einfach machen, okay. Und mach dir keine Gedanken, Kleines.
Du solltest dir jetzt ein heißes Bad gönnen. Es wird dir zwar nicht
deine Probleme erleichtern, aber danach fühlst du dich ...", er hielt
inne, denn er fürchtete die falschen Worte gewählt zu haben.
"Danke", war alles was leise von Josephine kam bevor sie auflegte
und ins Bad ging, um sich heißes Wasser in ihre Eckbadewanne zu lassen.
Kian legte seufzend auf und machte sich daran, Tickets für den nächsten
Flug nach Dublin zu bekommen.
Sie würden noch bis Montag in Stockholm verweilen, ohne irgendwelche Promotion
zu haben.
Kian gab Dave noch Bescheid, dass er dringend nach Hause müsse.
Er würde am Dienstag Vormittag nach Köln fliegen, um dort weiter an
der Promo teilzunehmen.
Er hatte also zwei Tage Zeit, um sich ein wenig um Josephine zu kümmern.
*
Nervös stand sie vor dem Spiegel ihres Kleiderschrankes und prüfte
zum x-ten Mal ihr Outfit.
„Kann ich wirklich so gehen? Nicht, dass das am Schluss zu aufdringlich ist“,
murmelte sie vor sich hin und strich über ihr streng nach hinten gebundenes
Haar, was in einem Dutt zusammenlief.
Ihr dunkelblaues Kostüm betonte ihre weiblichen Rundungen optimal, übertünchte
aber auch gleichzeitig die eine oder andere kleine Speckfalte. Mit ihrer Aufmachung
sah sie im Endeffekt auch nicht anders aus, als jeden Tag, den sie ins Büro
ging um dort ihrer Arbeit nachzugehen.
„Klar kannste so gehen“, knirschte sie. „Bist schließlich keine 20 mehr,
wo die Röcke locker als Gürtel hätten durchgehen können.“
Ein kurzer Blick auf ihren Radiowecker verriet ihr, dass sie noch ...
Es klingelte an ihrer Tür.
„Pünktlich wie immer“, schmunzelte sie, warf einen letzten Blick in den Spiegel und atmete nochmals tief durch. Dann ging sie zu ihrer Wohnungstür und öffnete sie mit etwas Schwung.
Na hoppala ... Uma hielt sich an der Türklinke fest und ohne das sie es
wollte, glitt ihr Blick an Louis auf und ab. Nett, sehr nett.
Er trug eine dunkle Jeans, ein hellblaues Poloshirt und eine Lederjacke. An
den Füßen trug er blaue Turnschuhe und auf seinem Gesicht ein freundliches
Lächeln, womit er Uma entgegen trat.
„Ähm ... Guten Abend“, stotterte sie, räusperte sich und schaute verlegen
an ihm vorbei.
Was sollte das denn jetzt?
Du siehst ihn doch heute nicht zum ersten Mal, mahnte sie sich gedanklich und
zauberte ebenfalls ein Lächeln auf ihre Lippen.
„Hallo, Uma“, grüßte er sie und holte eine lachsfarbene Rose hinter
seinem Rücken hervor und reichte ihr sie.
„Ach, Mr. Walsh“, winkte sie mit rosigen Wangen ab, „das hätten sie aber
nicht tun müssen.“
Als sie ihm die Rose abnahm bat sie ihn herein und ging dann in die Küche,
um der Rose ein nettes zu Hause in einer Vase zu geben.
„Möchten sie was trinken?“, rief sie in Richtung Wohnzimmer und versorgte
die Blume.
„Nein, danke.“, vernahm sie eine tiefe Stimme knapp hinter sich und zuckte erschrocken
zusammen.
„’Tschuldigung. Ich wollt sie nicht erschrecken.“
„Schon gut.“, meinte sie und drehte sich, mit der Vase in der Hand, in seine
Richtung.
„Also Mr. Walsh. Was haben sie denn nun vor?” Sie stellte die Vase auf dem
Tisch ab und sah ihren Chef fragend an.
„Warum so ungeduldig?“, fragte er sie grinsend und zwinkerte ihr zu. „Lassen
sie sich doch einfach überraschen, dann werden sie schon bald ...“
„Hören sie, Chefchen. Es hat mich eine Menge Überwindung gekostet
mich mit ihnen zu verabreden. Und ich glaube, ich bin aus dem Alter raus mit
meinem Chef zu flirten, um mir davon irgendwas zu erhoffen.“ Sie atmete tief
durch und strich sich ihren Rock glatt, so wie sie es immer tat, wenn sie nervös
war.
Louis sah sie die ganze Zeit an, räusperte sich dann und machte einen Schritt
auf sie zu. Uma wich etwas zurück und ihre Augen wurden groß.
„Gut, dann sage ich ihnen mal, was ich mir von diesem Abend erhofft habe.“ Er
sah weiterhin seine Chefsekretärin an und schluckte.
„Drehen sie sich bitte mal um.“
„Was? Wieso? Also wirklich. Jetzt wird’s mir aber langsam etwas zu bunt. Erst
fragen sie mich ...“
Er legte beide Hände auf ihre Schultern und drehte sie einfach mit dem
Rücken zu sich. Und noch ehe Uma protestieren konnte entfernte er ihr den
Dutt und ihre Haare fielen locker auf ihre Schultern.
„Haben sie auch“, er überlegte kurz, „lockere Kleidung?“
„Lockere Kleidung?“
„Ja. Jeans, Shirt und bequemes Schuhwerk. So was wird sich doch in ihrem Kleiderschrank
finden lassen, oder? Denn wenn ich ehrlich bin“, er drehte sie wieder zu sich
herum und ihm blieb im ersten Moment bei ihrem Anblick fast die Luft weg. Er
fing sich aber schnell wieder und vollendete seinen Gedanken. „Denn wenn ich
ehrlich bin, kann ich sie in diesem Outfit nicht mehr sehen.“, sagte er entschuldigend
und betrachtete sie noch einmal.
Sie sah einfach bezaubernd mit offenem Haar aus. Warum trug sie nur immer diesen
grauenvollen Dutt? Der machte sie nur unnötig älter.
Außerdem war ihr Haar voll genug und trotz der grauen Farbe immer noch
sehr schön anzusehen. Es passte einfach wunderbar zu ihren blauen Augen.
Sie nickte kurz, unfähig etwas auf seine Worte zu erwidern, und lief schnellen
Schrittes in ihr Schlafzimmer.
Warum tat sie das hier? Warum konnte er nicht einfach so mit ihr gehen, wie
sie war?
Und was zum Teufel fiel ihm ein, einfach so ihren Dutt zu entfernen?
Uma schlüpfte aus ihrem Kostüm und in eine helle Jeans. Dann zog sie
ein olivgrünes Shirt aus ihrem Schrank, zog es sich über und betrachtete
sich noch einmal im Spiegel.
„So geh ich einkaufen“, sie sah an sich herunter. „Aber bitte, wenn der Herr
meint so mit mir weg zu gehen, dann soll er es haben.“
Sie verließ das Schlafzimmer und ging wieder zu Louis.
Kurz darauf verließen sie gemeinsam Umas Wohnung und stiegen in Louis
Jaguar.
„Sie sehen übrigens toll aus, Uma.“
„Danke. Sie auch“, kam es leise vom Beifahrersitz und Louis musste leicht schmunzeln.
*
3 Stunden später
Erschöpft stieg er aus dem Taxi, nachdem er dem Fahrer den Fahrpreis samt
züchtigem Trinkgeld gezahlt hatte, und ging zum Haus.
Kian hatte die letzte Maschine von Stockholm nach Dublin bekommen und war froh,
dass niemand von seiner Ankunft wusste, und er somit unbeobachtet zu Josephine
fahren konnte.
Er drückte auf den Klingelknopf und musste gähnen. Es war mittlerweile
kurz nach 22 Uhr und er selbst seit 4 Uhr in der Früh auf den Beinen.
Es dauerte ein paar Minuten, dann wurde ihm geöffnet.
Josephine starrte entgeistert ihren gegenüber an, zog ihren Morgenmantel
enger zusammen und schluckte.
„Was ... erm ... was ... „, sie lehnte sich etwas zur Tür heraus, schaute
sich um und sah dann wieder zu Kian.
„Was machst du hier, Kian?“
„Ich hab doch gesagt, ich kümmer mich um alles“, lächelte er sie müde
an und schob seine Brille mit einem Finger tiefer ins Gesicht.
„Darf ich reinkommen, oder soll ich mir hier draußen den Arsch abfrieren?“
„Oh, entschuldige“, sagte sie hastig und zog ihn ins Haus.
Kian stellte seine Tasche ab und nahm seine Brille von der Nase. Mit zwei Fingern
rieb er sich den Nasenrücken und sah dann Josephine an.
Ihre Augen waren geschwollen und rot unterlaufen vom vielen weinen. Es machte
auch fast den Eindruck, dass sie seit ihrem letzten Aufeinandertreffen abgenommen
hatte. Allerdings konnte er sich auch täuschen.
„Was machst du hier?“, unterbrach sie ihn in seinen Gedanken. „Ihr ... du müsstest
doch auf Promo sein.“
Er stutzte kurz. Woher wusste sie das? Na ja, egal.
„Ich hab bis Montag frei und werde am Dienstag von Dub aus nach Köln fliegen.
Alle Fragen beantwortet?“
„Ja. Nein“, sagte sie völlig verwirrt. Sie konnte noch immer nicht glauben,
dass Kian leibhaftig vor ihr stand, wo sie doch erst vor ein paar Stunden miteinander
telefoniert hatten.
„That’s what friends are for“, lächelte er sie aufmunternd an und zog sie
im nächsten Moment einfach in seine Arme.
Josephine klammerte sich an ihm fest, während Tränen wie Sturzbäche
über ihre Wangen liefen.
„Hey Kleines, ganz ruhig“, nuschelte er in ihr Haar und strich liebevoll über
ihren Rücken.
Nach 20 Minuten hatte sie sich etwas beruhigt und sie gingen ins Wohnzimmer.
Dort setzten sie sich auf das Sofa und Kian zog Josephine ganz selbstverständlich
in seine Arme.
Immer wieder ging ihm das Telefonat mit ihr durch den Kopf. Was musste sie nur
die letzten Jahre alles über sich ergehen lassen.
Wie oft hatte sie sich anhören müssen, dass das Leben weiter geht.
Hätte er früher geahnt, was wirklich alles los war dann ...
Sicher. Auf der anderen Seite hätten er oder die Anderen sie eher darauf
ansprechen können, aber sie waren zu sehr mit sich und ihrem Liebesleben
beschäftigt, das sie gar nicht wahrnahmen, was um sie herum geschah.
„Es tut mir alles so leid.“, sagte er leise und strich mit dem Daumen über
ihren Oberarm.
Josephine hatte sich an ihn gelehnt und atmete in gleichmäßigen Abständen.
Als Kian sich etwas nach vorn beugte sah er, dass sie eingeschlafen war.
Vorsichtig stand er auf und hob sie hoch.
„Ab ins Bett mit dir“, raunte er und begab sich nach oben.
„Wenn ich nur wüsste“, ächzte er, „wo dein Schlafzimmer ist, Josie.“
Kian ging einfach ins erstbeste Zimmer und legte sie auf dem Bett ab.
„Schlaf gut“, flüstert er, strich ihr kurz übers Gesicht, deckte sie
zu und verließ dann wieder das Zimmer. Er lehnte die Tür an und lief
die Treppe nach unten.
Er zog sich im Wohnzimmer, bis auf die Shorts aus, packte sich aufs Sofa und
zog die Decke über sich.
Keine 10 Minuten später war nur noch ein leises schnorcheln zu hören
und er war eingeschlafen.
*
„Ach du scheiße“, krächzte Kian und erhob sich schwerfällig
und mit schmerzendem Rücken von Josephines Sofa.
Müde fuhr er sich mit beiden Händen übers Gesicht, bevor er sie
durch seine zerstrubbelten Haare schickte. Dann streckte er sich, so gut wie
möglich, gähnte und kratzte sich seine nackte Brust.
Er tapste barfuss durchs Haus, immer darauf bedacht leise zu sein, damit er
Josephine nicht weckte, und landete in der Küche.
„Ah ja ...“, er sah sich um, „falsch abgebogen“, grummelte er, gähnte erneut
und ging dann in Richtung Bad.
Als er seine Morgentoilette hinter sich hatte stieg er aus seinen Shorts und
unter die Dusche.
Leise sang er einen seiner derzeitigen Lieblingssongs und verteilte das Duschbad
auf seinem Körper.
You left me with goodbye and open arms
A cut so deep I don't deserve
You were always invincible in my eyes
The only thing against us now is time
Could it be any harder to say goodbye and without you,
Could it be any harder to watch you go, to face what's true
If I only had one more day
Als er seinen Körper vom Schaum befreit hatte stieg er aus der Dusche,
wickelte sich ein Handtuch um seine Hüften und lief dann so in die Küche.
Ein einzelner Wassertropfen schlängelte sich über seine Brust und
noch ehe er die feinen Härchen unterhalb des Bauchnabels erreichte wischte
Kian ihn weg und griff, leise singend, zur Kaffeekanne.
I lie down and blind myself with laughter
A quick fix of hope is what I'm needing
Er füllte Wasser hinein, goss es in die Maschine und machte sich auf die
Suche nach Filtertüten.
„Hallo? Wo seid ihr?“, sah er sich um und fuhr durch sein nasses Harr.
„Ah ... hallöchen“, kicherte er als er sie entdeckt hatte und griff zur
Kaffeedose die gleich daneben stand. Dann setzte er das schwarze Getränk
auf, und begann den Tisch zu decken.
Er holte zwei Teller aus dem dunkelgrünen Küchenschrank und musste
schmunzeln, als er an den Tag dachte, wo Frank mehr als glücklich war,
dass Dave und Kian beim Aufbau halfen. Das war ein Akt der Verzweiflung. Vor
allem, als 3 tage später einer der Küchenschränke beschlossen
hatte, samt Inhalt, sich von der Wand zu verabschieden und krachend zu Boden
zu gehen.
And how I wish that I could turn back the hours
But I know I just don't have the power
Als er noch den ganzen Süßkram auf den Tisch gestellt hatte ging er zurück ins Wohnzimmer, schnappte sich seine Klamotten und ging, vor sich hin summend, ins Bad.
Die Haare gefönt, frisch rasiert und fertig angezogen schlich er sich wenig später aus dem Haus, setzte sich seine Mütze auf und machte sich auf den Weg zum Bäcker an der Ecke.
Josephine streckte sich und rieb sich die Augen, bevor sie sich nochmals auf
die Seite drehte. Die Nacht war wie immer. Sie ist ständig aufgewacht und
konnte schon seit Monaten nicht eine Nacht mehr durchschlafen. Ständig
plagten sie irgendwelche Albträume.
Sie streckte ihren Arm aus und schreckte hoch.
Was war das? Wo war plötzlich Franks Bett hin?
Heftig atmend fuhr sie in die Höhe und sah sich um.
„Das ... wie ... oh man“, stöhnte sie auf und ließ sich zurück
in die Kissen fallen. Sie lag im Bett von Sally. Aber wie war sie hierher gekommen?
Da fiel ihr der gestrige Abend ein und sie erinnerte sich, dass Kian plötzlich
vor ihrer Tür stand. Er musste sie hier hoch gebracht haben.
Sie gähnte und stieg müde aus dem Bett.
Vorsichtig und auf Zehenspitzen schlich sie durchs Haus und öffnete langsam
die Tür zu ihrem Schlafzimmer, dem ehemaligen Gästezimmer.
„Jetzt schleich ich hier durch meine eigenen vier Wände“, flüsterte
sie und steckte ganz vorsichtig den Kopf durch den offenen Türspalt.
Kian kam vom Bäcker zurück und schlich nach oben.
Ob sie schon wach war?
„Guten Morgen“, meldete sich eine tiefe Stimme hinter ihr und Josephine machte
einen Satz nach vorn, schrie erschrocken auf und stieß sich ihren Kopf
am Türrahmen.
„Oh Schreck“, grinste Kian und hielt sich eine Hand vor den Mund.
„Dolle weh getan?“, fragte er hinter vorgehaltener Hand und seine blauen Augen
blitzten schelmisch.
„Kian! ... Du ... du ...“, stammelte sie und rieb sich die Stirn.
„Ich hab frische Brötchen mitgebracht“, brachte er als Entschuldigung hervor
und hielt ihr eine weiße Papiertüte direkt vor die Nase. Josephine
konnte regelrecht riechen, dass die Brötchen noch warm waren.
„Kaffee dürfte mittlerweile auch längst fertig sein“, zwinkerte er
ihr zu und begab sich langsam in Richtung Treppe.
„Brauchst du ein Kühlpad für dein Horn?“, kam es spitz und frech von
ihm und Josephine hörte abrupt auf, über ihre Stirn zu streichen.
„Och ... du!“, sie griff zum Stoffhasen der am Boden lag und Kian rannte die
Treppe nach unten, noch ehe ihn das Kuscheltier traf.
„Daneben!“, hörte sie ihn triumphierend jubeln und ging kopfschüttelnd
ins Schlafzimmer.
„Der hat nen Knall“, kicherte sie und schlüpfte in ihre Wohlfühl-Sonntags-Klamotten.
Dann ging sie nach unten, um mit Kian zusammen zu frühstücken.
*
Nach dem Frühstück hatten sie beschlossen einen kleinen Ausflug in
Richtung Malahide zu machen.
„Was hälst du davon, wenn wir einfach Gina einen kurzen Überraschungsbesuch
abstatten?“
„Ich weiß nicht“, zweifelte sie und stellte das Frühstücksgeschirr
in die Spülmaschine und drehte sich zu Kian um.
„Müssen wir denn raus? Können wir nicht einfach hier bleiben? Ich
muss eh noch was für einen anstehenden Auftrag erledigen.“
Er verschränkte die Arme vor seiner Brust und sah sie einen Moment lang
einfach nur an.
„Hast du dir schon mal die Modeleisenbahn im Malahide Castle angeschaut? Die
würd ich ja gern mal sehen.“, lenkte er das Gespräch in die andere
Richtung und ging nicht weiter auf ihre Äußerung ein.
„Soll ja die längste auf der ganzen Welt sein. Und danach können wir
ja einen Kakao oder Tee trinken gehen. Oder ich lad dich heute Abend zum Essen
ein.“
Josephine rollte leicht mit den Augen und fühlte die kleine Beule an ihrer
Stirn.
„Was soll das, Kian?“
„Was soll was?“, tat er unschuldig und holte ein Kühlpad aus dem Kühlschrank.
Dann ging er zu ihr und legte es sanft auf ihre Stirn.
„Hör auf damit“, sagte sie leicht genervt und schob Kians Hand mit leichtem
Druck weg, so dass das Pad zu Boden fiel. Er bückte sich, hob es auf und
legte es ihr erneut auf die Stirn.
„Sag mal bist du taub? Du sollst das lassen!“, fuhr sie ihn schroff an und rannte
aus der Küche.
Ohne lange zu zögern rannte er ihr nach, bekam sie am Arm zu fassen und
wirbelte sie herum.
„Wie lange willst du noch trauern? Nochmal 3 Jahre?
Ich hätte nicht die halbe Nacht durch die Weltgeschichte düsen müssen,
Jo, aber ich will dir helfen.“ Kian sah sie mit ernstem Blick an und zerquetschte
fast das Pad in seiner Hand.
„Ich kann mich nicht daran erinnern, dich darum gebeten zu haben. Und hör
auf, mich ständig Jo zu nennen.
Ich bin nicht dein billiges Flittchen von Freundin, die für jeden die Beine
breit macht, nur um ...“
Ehe sie sich versah schleuderte Kian ihr das Kühlpad entgegen und stürmte
ins Wohnzimmer. Er griff nach seiner Tasche, warf seine Klamotten hinein und
ging anschließend in den Flur. Das Handy am Ohr und die Jacke in der Hand
rief er sich ein Taxi.
Dann stürmte er aus dem haus und schmiss die Tür hinter sich zu.
Unschlüssig stand sie im Esszimmer und starrte ins Leere.
Sie hatte einen fehler gemacht, definitiv, aber was hätte sie denn tun
sollen?
Anders schien er ja nicht zu begreifen, dass sie einfach nur ihre Ruhe haben
wollte. Sie braucht niemanden der sich um sie kümmert.
Gott was war sie froh, dass Sally für ein paar Wochen nicht da war. Ständig
diese Fragerei nach ihrem Wohlbefinden nervten sie allmählich.
Warum war jeder der Auffassung alles besser zu wissen und ihr Vorschriften machen
zu müssen, wie sie ihr Leben zu leben hatte?
Sie hatte nicht nur ihren geliebten Ehemann, sondern auch ihr ungeborenes Kind
verloren.
Aber das schlimmste war für sie, dass sie Frank nie etwas von der Schwangerschaft
hatte erzählen können.
Als sie ein Auto vom Grundstück fahren hörte, rannte sie nach oben
in ihr Versteck und verbarrikadierte sich darin.
„Du fehlst mir so, Hase“, schluchzte sie auf und zog ihre Beine dicht an ihren
Körper.
Dann schnappte sie sich das kleine weiße Kissen mit Franks Bild auf dem
Bezug und schloss die Augen.
*
Das Taxi war noch nicht einmal richtig um die Ecke des Grundstückes gebogen,
da bat er auch schon den Fahrer anzuhalten.
Er drückte ihm einen 10 Euro Schein in die Hand, stieg aus und schnappte
sich seine Tasche.
Dann lief er langsam den Weg zum haus zurück und atmete tief durch, bevor
er auf die Klingel drückte.
20 Minuten später stand er noch immer vor verschlossenen Türen und
beschloss es mal von hinten zu versuchen.
Kian schaute sich um und ging dann ums Haus herum.
„Frauen“, murmelte er resigniert. „Diese Spezies werde ich wohl nie verstehen.
Ich sollte wohl doch besser die Fronten wechseln. Vielleicht kennt Mark ja noch
den einen oder anderen netten Mann.“ Allein der Gedanke einen Mann auch nur
ansatzweise intensiver zu küssen, ließ ihn leicht erschaudern und
er schüttelte sich kurz. Schnell schob er diesen absurden Gedanken bei
Seite und drückte sich die Nase lieber an der Terrassentür von Josephines
Haus platt. Er suchte nach einem Hinweis ins Haus zu gelangen.
Plötzlich fiel ihm ein kurzes Gespräch ein, was er mal mit Frank geführt
hatte.
Grinsend schaute er nach rechts auf den Boden und bückte sich. Er hob den
kleinen Terracottahasen hoch und schnappte sich den Schlüssel der darunter
lag.
„Bingo!“, jubelte er leise und lief schnellen Schrittes nach vorn.
Leise schlich er sich ins innere des Hauses, stellte seine Tasche ab und machte
sich auf die Suche nach Josephine.
„Du wirst jetzt nicht einfach so aufgeben Kleines und den für dich einfachsten
Weg wählen“, sprach er mit sich selbst und sah sich sorgfältig im
unteren Teil des Hauses um. Als er sie nirgends entdeckte lief er die Treppe
nach oben und lunschte in jedes Zimmer, bis er ein leises schluchzen vernahm.
Er hatte sie gefunden.
Langsam ging er weiter in dieses Zimmer. Es war ihm nie aufgefallen.
Okay, er war selten hier, aber dennoch kannte er diesen Raum nicht.
Auf dem Boden lagen überall Kissen und an der Decke war ein hellblauer
Himmel aufgemalt mit einer großen gelben Sonne und weißen Schäfchenwolken.
An der rechten Wand prangte ein Ausschnitt von Michelangelos berühmtesten
Bild, Creation of Adam , wo sich zwei Hände trafen.
In dem ganzen Kissenwirrwarr entdeckte er ihren zusammengerollten Körper.
Der Anblick trieb ihm die Tränen in die Augen und er setzte sich, ohne
weiter darüber nachzudenken, neben sie und streckte langsam eine Hand nach
ihr aus.
Als er sie vorsichtig auf ihren Rücken legte zuckte Josephine kurz zusammen,
rührte sich aber nicht weiter.
„Komm her, Kleines“, flüsterte er und zog sie ohne großen Kraftaufwand
auf seinen Schoss.
Josephine umklammerte heulend seinen hals und ihre Tränen benetzten seine
warme, weiche Haut und tropften nach und nach auf sein Shirt.
Kian hielt sie einfach nur im Arm und war für sie da.
Er musste nicht sagen, denn er wusste das sie irgendwann von ganz allein reden
würde.
Eine knappe Stunde später verharrten sie noch immer in der gleichen Position.
Josephine hing an Kian wie ein nasser Sack und er strich sanft über ihren
Rücken.
„Ich ... es ...“, kam es leise schluchzend von ihr und Kian zog seinen Kopf
etwas zurück, um sie besser ansehen zu können.
„Es tut mir ...“, sie stützte sich leicht an seiner Brust ab und sah zu
ihm auf und direkt in sein Gesicht, „leid. Ich ... wollte nicht ... also ...
oh man.
Kian es tut mir leid. Ich wollte dich nicht so anfahren.
Aber das mit Jodi hab ich so gemeint, wie ich es gesagt habe. Da steh ich dazu.“
Um ihren Standpunkt noch zu unterstreichen nickte sie mit dem Kopf und wischte
sich mit dem Handrücken über die Nase. Kian musste leicht schmunzeln
und räusperte sich mit hochgezogener Augenbraue.
„Hör mal zu, du kleine Kratzbürste“, begann er und lächelte sie
kurz an.
„Vergiss Jodi. Ich tu es auch. Na ja, so gut wie es eben geht.
Aber jetzt noch mal zu deinen Vorwürfen.“
„Kian bitte“, unterbrach sie ihn hastig.
„Na wirst du wohl. Wenn der Keks redet hat der Krümel pause. Also halt
dein vorlautes Mundwerk und hör mir einfach zu.“
Josephine musste sich ein grinsen verkneifen, aber es gelang ihr nicht wirklich.
Kian verfolgte ihre Mimik und Gestik genau und sprach dann weiter.
„Weißt du wozu man Freunde hat?
Man muss sie nicht immer fragen ob sie vorbei kommen können oder zeit für
einen haben.
Gute, nein ich verbesser mich. Sehr gute, nein das geht noch besser. Die besten.
Genau! Die besten Freunde spüren, wenn sie gebraucht werden.
Ich hätte entweder gelangweilt in Stockholm hocken, oder meiner Freundin
zur Hilfe eilen können. Ich hab mich für das Letztere entschieden,
weil ich es für so was wie meine Pflicht betrachte, als einer deiner besten
Freunde, bei dir zu sein, wenn es dir mehr als schlecht geht.
Wir hätten dir schon viel eher helfen können, aber dazu ...“, er suchte
nach den richtigen Worten.
„Wir waren einfach viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt, um den Tod
von Frank verarbeiten und akzeptieren zu können, das wir unser unmittelbares
Umfeld, dich, kaum wahrgenommen haben.
Deine stetigen Streitereien mit Dave gingen bald jedem auf den Senkel und wir
haben uns immer weiter von dir entfernt, ohne das wirklich mitzubekommen. Bei
den Aufeinadertreffen wegen irgendwelchen Shoots haben wir uns dann gegenseitig
eine heile Welt vorgespielt, die gar nicht oder kaum existierte.
Weißt du Josie“, er strich ihr gedankenverloren eine Haarsträhne
aus der Stirn und sah sie an.
„Frank hat, wenn er mit uns unterwegs war, ständig von dir gesprochen.
Er hat dich geliebt, über alles geliebt, aber ich denke sagen zu können,
dass er mit Sicherheit niemals gewollt hätte, dass du dich so ... ähm
... das du so“, er räusperte sich. „Er hätte mit Sicherheit nicht
gewollt, dass du dein Leben so lebst wie du es momentan tust.“
Josephine holte hörbar Luft.
„Bevor du gleich wieder die decke hochgehst ... Kann ich noch kurz“, er kratzte
sich die Schläfe, „zu Ende sprechen? Dann kann der Krümel dem Keks
gehörig die Meinung geigen. Versprochen.“
Sie senkte kurz ihren Blick und nickte kaum merklich.
„Was ich damit sagen will. Ihr habt euch bei eurer Hochzeit etwas geschworen.
Nämlich ... Bis das der Tod euch scheidet. Mag jetzt für dich makaber
klingen, aber ...“ Josephine legte ihm eine Hand auf den Mund und schüttelte
mit Tränen in den Augen ihren Kopf.
Augenblicklich verstummte er und schluckte. Dann nahm er ihre hand von seinem
Mund und strich mit dem Daumen liebevoll über ihren Handrücken.
„Bitte nicht, Kian“, flehte sie leise, doch Kian sprach weiter.
Sie musste das jetzt hören, ob sie wollte oder nicht. Und ihm tat es auch
gut, denn so konnte auch er versuchen mit dem Kapitel Jodi abzuschließen.
„Du hast deinen geliebten Mann und dein, euer, Baby verloren. Aber DU Josie,
DU bist NICHT tot, auch wenn du dir jeden Tag nix sehnlicher wünscht das
du es wärst.
Es gibt noch so viele schöne Dinge dort draußen, die von dir entdeckt
werden möchten.
Und irgendwann wirst du dich auch wieder verlieben können, auch wenn du
dir das im Moment nicht im geringsten vorstellen kannst.
Du bist noch so jung und hast dein leben noch vor dir. Wirf es nicht einfach
so weg. Du bist eine so starke Frau, Josie. Und du bist einer der wenigen Menschen
die voller Stolz sagen können, dass sie einen Schutzengel haben der über
sie wacht. Eigentlich hast du ja zwei; Frank und euer Baby.
Wirf nicht einfach dein Leben weg, bevor du es bis in jede Ecke ausgekostet
hast.“ Er hauchte ihr einen Kuss auf die leichte Beule auf ihrer Stirn und sah
sie dann an.
Stumm liefen ihr die Tränen über das Gesicht, dann begann sie immer
wieder unkontrolliert aufzuschluchzen.
Womit hatte sie nur so fantastische Freunde verdient?
Sie war in den letzten Jahren doch so unausstehlich gewesen.
Warum waren sie noch da?
Wieso haten sie sich nicht abgewandt, so wie die anderen auch?
„Und jetzt hör auf dir darüber dein hübsches Köpfchen zu
zerbrechen warum du so tolle Freunde hast. Bringt nur unschöne falten mit
sich.
Und außerdem wirst du uns eh nicht mehr los, also brauchst du dich nicht
weiter mit solch dummen Gedanken quälen.
Und jetzt hoch mit dir, wir haben noch eine Menge vor heute.“, zwinkerte er
ihr zu.
Josephine drückte sich an ihn und legte ihre Arme um seinen Hals.
„Kannst du mich bitte einfach nur mal festhalten?“, fragte sie leise und Unsicherheit
flog in ihrer Stimme mit.
„Klar. Komm her.“ Kian zog sie enger an sich und hielt sie einfach nur im Arm.
Immer wieder strich er beruhigend über ihren Rücken und küsste
sie anschließend aufs Haar.
Nach einer Weile löste sie sich von ihm und rutschte von seinem Schoss.
„Meinst du, wir können einfach so zu Gina fahren?“
„Klar. Warum nicht?
Pass auf. Während du dich fertig machen gehst werde ich bei ihr anrufen
und uns ankündigen. Nicht das sie aus allen Wolken fällt, weil ihr
Göttergatte nicht dabei ist.“
Josephine nickte, umarmte Kian noch einmal und verließ dann das Zimmer.
„Oh man“, stöhnte Kian leise auf und vergrub das Gesicht in seinen Händen.
„Das wird ein harter Weg, aber den muss sie gehen.“ Er drehte sich um, verließ
ebenfalls das Zimmer und wählte auf dem Weg nach unten Georginas Nummer.
„Hey Gina, hier ist Kian. Was machst du heute noch so? ...“
*
Josephine genoss die grüne Landschaft, die an ihnen vorbeizog, als Kian
in Richtung Malahide fuhr.
„Der kleine Flitzer hat ganz schön Speed unter der Haube.“, stellte er
begeistert fest und beschleunigte gleich noch um ein paar km/h mehr.
„Ist ja auch meiner“, entgegnete sie kichernd und Kian lachte auf.
„Und du meinst, das reicht jetzt als Erklärung? Was willst du eigentlich
mit so einem Wägelchen?“
„Wie meinst du das?“
„Na du bist so selten unterwegs und in der City lässt der sich schlecht
ausfahren. Rentiert sich also nicht wirklich, dass du dir den zugelegt hast.“
Kian schaute weiter gerade aus und achtete auf den Straßenverkehr.
Josephine sah kurz zu ihm und wandte ihren Blick dann wieder ab.
„Dafür hab ich ja jetzt dich ... Freund. Du brauchst dir also nicht deinen
hübschen Kopf darüber zu zerbrechen, bringt nur unschöne Falten
mit sich.“
Kian bog kichernd in das Viertel wo Nicky und Georgina wohnten, dann parkte
er den Wagen und drehte den Schlüssel um.
Um jeder weiteren Diskussion aus dem Weg zu gehen, stieg sie aus dem silbernen
Audi TT und sah sich um.
Die Wohnhäuser hatten alle den gleichen Baustil und denselben Anstrich.
„Spießig“, murmelte sie und drehte sich zu Kian, der geradewegs auf sie
zu kam.
„Na dann wollen wir mal“, durchbrach er die angenehme Stille und gemeinsam gingen
sie zum Haus der Byrnes.
*
„Habt ihr den weißen Rauch gesehen, der bei der Dampflok aus dem klitzekleinen
Schornstein quoll?
Und dann diese vielen kleinen Autos und der Feuerwehreinsatz!“ Kian sprang wie
ein kleiner Junge vor den Füßen der beiden Frauen umher und war kaum
mehr zu beruhigen.
Georgina lachte auf, während Josephine nur ungläubig mit dem Kopf
schütteln konnte.
Sie hatten am Nachmittag Kians Quengelei nachgegeben und einen Ausflug ins
Malahide Castle gemacht. Dort ließen sie Kian mit seiner Modelleisenbahn
allein und gingen im Botanischen Garten, der unweit in der Nähe lag, spazieren.
Sie plauderten über alles mögliche und Josephine entgingen die eindeutigen
Gesten von Georgina nicht, wie sich immer wieder unbewusst über ihren leicht
gewölbten Bauch strich.
Sie erwartet ein Kind, da war sie sich sicher.
Nach ihrem Rundgang gingen sie wieder zurück und hefteten sich unbeobachtet
an Kians Fersen und taten ganz interessiert, als er sich unerwartet zu ihnen
umdrehte.
„Ihr braucht gar nicht so scheinheilig tun. Meint ihr, ich hab nicht gemerkt,
wie ihr euch klammheimlich aus dem Staub gemacht habt?
Ich mag zwar blond sein, aber ich bin nicht blöd.“
Beide Frauen tauschten einen Blick und brachen dann in schallendes Gelächter
aus.
„Weiber!“, grummelte er und stiefelte in Richtung Parkplatz, während er
die Zwei noch immer hinter seinem Rücken herzhaft lachen hörte.
Insgeheim freute er sich aber wie ein kleines Kind das vom Weihnachtsmann den
größten Wunsch erfüllt bekommen hatte. Es tat so gut, Josephine
endlich mal wieder so unbeschwert und frei zu erleben.
„Habt ihr euch wieder beruhigt?“, begrüßte er beide als sie am Auto
ankamen, und sah lächelnd zu Josephine.
Ihre Augen strahlten und ihre Wangen hatten eine leicht rosige Färbung
angenommen.
Georgina strich erneut unbewusst über ihren Bauch und nickte. Josephine
entging diese Geste nicht und ihre Gesichtszüge verhärteten sich von
einen auf den anderen Moment.
Sie freute sich auf der einen Seite für sie und Nicky, aber auf der anderen
Seite war sie stinkig auf Kian.
Sicher, sie konnte und durfte ihm deswegen keinen Vorwurf machen, aber warum
tat er so etwas?
Wieso besuchten sie Georgina wo er doch wusste das sie schwanger ist, und sie
selbst eine Fehlgeburt hinter sich hatte?
„Lasst uns fahren“, sagte sie kühl und schnell und stieg ins Auto.
Kian und Georgina wechselten einander einen kurzen Blick und zuckten mit den
Schultern
„Alles klar bei dir?“, fragte Kian als er sich hinters Steuer setzte, und sich
dann nach hinten zu ihr umdrehte.
„Ja. Ja, alles klar.“, kam es rasch und sie schaute wider aus dem Fenster.
„Wirklich?“
„Ja! Fahr einfach los, okay!“
Seufzend drehte er sich um und startete den Wagen.
Georgina hielt sich raus.
In Gedanken fragte er sich, was nun schon wieder vorgefallen war, dass sie plötzlich
wieder so übellaunig reagierte und Trübsal blies.
Der Tag war doch bis jetzt wunderschön.
Abgesehen vom Vorfall am Morgen.
Und er hatte das Gefühl, dass Josephine die Gesellschaft von Georgina mehr
als gut tat. Sollte er sich so getäuscht haben?
Er fuhr vom Parkplatz und in Richtung Byrnsches Anwesen.
*
Nachdem sie Georgina bei ihr abgesetzt und alle Überredungskünste
angewandt hatten, aber sie es immer wieder dankend abgelehnt hatte in den Pub
mitzukommen, machten sie sich eben ohne sie auf den Rückweg nach Dublin.
„Was ist wirklich mit dir los, Josie?“, durchbrach seine Frage die Stille und
Kian bog an der Ampel nach links ab.
Josephine seufzte leise auf und sah, sich auf der Unterlippe herumkauend, aus
dem Fenster.
„Nix. Ich hab nur Kopfweh, mehr nicht.“, log sie und hoffte er würde es
ihr abkaufen.
„Und das soll ich dir glauben?“, fragte er fast beiläufig und fuhr auf
ihr Grundstück.
Er stellte den Motor aus und drehte sich zu ihr.
Sie hatte die Hand schon an der Tür und war kurz davor auszusteigen, als
sie Kians Hand auf ihrem Arm spürte.
Sofort schossen ihr Tränen in die Augen und sie verfluchte sich innerlich
dafür, ständig so gefühlsduselig zu reagieren.
Langsam drehte sie ihm ihr Gesicht zu und sah ihn mit leerem Blick an.
„Lass mich bitte los“, flüsterte sie und schaute erst auf seine Hand und
dann wieder in sein Gesicht.
„Josie, bitte. Was war denn los? Du...“, er seufzte kläglich auf, „du warst
doch so glücklich heute Nachmittag und es tat so gut, dich mal wieder unbeschwert
lachen zu sehen und vor allem zu hören.
Und plötzlich bist du wie ausgewechselt und versuchst mir weis zu machen,
das du Kopfweh hast? Das glaubst du ja wohl selbst nicht!“
„Hast du was dagegen? Und jetzt lass mich los!“ Sie löste sich aus seinem
Griff, stieg aus dem Wagen und rannte zum Haus.
Auf dem Weg dorthin fischte sie ihren Schlüssel aus der kleinen Handtasche,
sperrte auf und rannte, kaum das sie im Haus war, hinauf ins Bad und übergab
sich.
„JOSIE!“
Kian rannte ihr nach und blieb im Türrahmen des Badezimmers stehen, um
die Situation halbwegs überblicken zu können.
Also doch Kopfweh? Oder warum übergab sie sich?
Er ging langsamen Schrittes zu ihr, kniete sich hinter sie und streichelte zaghaft
über ihren Rücken.
„Reicht dir denn nicht, dass ich die letzten Tage...“, sie lehnte sich erschöpft
mit dem Rücken gegen die Wand und wischte mit dem Handrücken über
ihren Mund, „über alles geredet habe? Wieso bitte schickst du mich dann
heute erneut durch die Hölle, Kian? Wieso?“
Kian war völlig ahnungslos. Wovon redete sie da bitte?
„Was? Wieso Hölle? Ich versteh grad nur Bahnhof. Klär mich bitte mal
auf.“
„Du weißt ganz genau das Gina schwanger ist und schleifst mich da trotzdem
heute mit! Du bist ... Weißt du wie ich mich gefühlt habe? Macht
es dir eigentlich Spaß, mich so zu behandeln?“ Sie lehnte den Kopf an
die kühlen Fliesen und schloss die Augen.
Kian schüttelte ungläubig den Kopf und sah dann verwirrt zu ihr herüber.
„Schwanger? Gina? Wie kommst du denn darauf? Nicky hätte doch was gesagt,
wenn er wüsste, dass er Daddy wird.“
„War ja klar.“, stöhnte sie auf. „Jetzt bin ich wieder die Dumme, weil
ich mir irgendwelche Hirngespinste in meinen Kopf setze.
Für dumm kann ich mich auch allein verkaufen, Kian. Und jetzt“, sie stand
auf und ging zum Waschbecken hinüber um ihren Mund auszuspülen und
sich die Zähne zu putzen, „entschuldige mich bitte, aber ich wär jetzt
gern allein.
Vielleicht fällt mir ja noch eine spannende Geschichte ein, die ich dir
dann morgen zum Frühstück erzählen kann.“
Kian zog sich ebenfalls nach oben und funkelte sie an.
Was war nur in sie gefahren? Am liebsten hätte er sie gepackt und mal kräftig
durchgeschüttelt.
„Ich weiß wirklich von keiner Schwangerschaft, Josephine. Das musst du
mir glauben.“
„Ich muss gar nix! Und jetzt lass mich allein. Den Besuch im Pub kannste auch
vergessen.“
„Oh nein!“ Kian kochte innerlich und wirbelte sie herum. Josephine hatte Mühe
nicht den Halt zu verlieren, und hielt sich erschrocken an Kians Oberarmen fest.
„Spinnst du?!“
„Nein, aber du!
Du wirst dir jetzt deine Zähne putzen und dann will ich dich in 30 Minuten
locker gekleidet unten im Wohnzimmer antreffen. Der Besuch im Pub findet statt,
verlass dich drauf.
Und noch was, Josie. Du kannst nicht ewig deiner Vergangenheit nachtrauern und
auf das Mitleid deiner Mitmenschen hoffen.
Und hör verdammt noch mal auf damit, mir ständig irgendwelche Vorhaltungen
zu machen!
Ich warte unten auf dich!“ Mit diesen Worten ließ er sie allein im Bad
zurück und dachte über ihre Worte bezüglich der Schwangerschaft
nach.
Nachdenklich ließ er sich auf dem Sofa nieder und grübelte vor sich
hin.
Wütend über seine Worte schmiss sie die Badtür zu und stieß
einen Schrei aus.
*
„So Mister“, sprang sie ins Wohnzimmer und hielt sich eine Hand vor den Mund,
als sie Kian schlafend auf dem Sofa liegen sah.
Langsam ging sie auf den schlafenden Körper zu und beugte sich vorsichtig
über ihn.
„Hey, du Schlafmütze!“, rief sie etwas lauter und Kian fiel vor Schreck
vom Sofa und landete unsanft auf dem Boden.
Josephine bog sich vor Lachen und bekam sich kaum mehr ein.
„Das ist meine Rache für die Hornattacke“, kicherte sie und half ihm wieder
auf die Beine.
„Hast du dich wieder“, er rieb sich seinen Hintern, „beruhigt, oder ist da oben
jetzt ein Schlachtfeld?“
Josephine steckte ihm grinsend die Zunge raus.
„Können wir den Vorfall nicht einfach vergessen? Danke.“ Sie griff nach
seiner Hand und zog ihn mit sich auf den Flur hinaus.
„Was hältst du davon vorher ein Taxi zu rufen, bevor du hier fluchtartig
das Haus verlässt, junge Dame.“ Kian zog sich seine Schuhe an und warf
seine Jacke über.
„Ich dachte, dass hättest du bereits erledigt. Mensch, muss ich denn alles
allein machen?“ Sie ging zurück ins Wohnzimmer, bestellte ein Taxi und
dann verließen sie zusammen das Haus.
Die Hände auf ihren Hüften, schob er sie durch die Menschenmenge
in dem geselligen Pub.
Zur eigenen Sicherheit hielt sie seine Hände noch fest und hielt nebenher
Ausschau nach einem freien Plätzchen.
„Schau mal“, er beugte sich zu ihrem Ohr herunter damit er nicht so schreien
musste, und sie ihn besser verstand, „da hinten ist ein freier Tisch.“
Josephine folgte seinem ausgestreckten Arm und nickte. Der Duft seines Eau de
Toilettes stieg in ihre Nase und sie schloss für einen Moment die Augen.
Josephine liebte diesen Männerduft abgöttisch, Le Male von Jean Paul
Gaultier. Und er passte hervorragend zu ihm.
Schnell kehrte sie in die Realität zurück und zog ihn mit sich zum
Tisch.
Als sie auf den erhöhnten Stühlen saßen dauerte es nicht lange,
und sofort tauchte eine junge Frau am Tisch auf.
Kian seufzte leise auf.
„Was wollt ihr trinken?“
Josephine hörte wie Kian erleichtert Luft holte und schmunzelte.
„Zwei Guinness“, bestellte sie und die Bedienung rauschte davon.
„Keine Angst, ich beschütz dich vor aufdringlichen Frauenzimmern“, zwinkerte
sie ihm zu und wuschelte kurz durch seine Haare.
„Das beruhigt mich jetzt aber ungemein“, grinste er breit und sah sich im Pub
um.
Es sah ganz danach aus, als würde hier heute ein kleiner Discoabend stattfinden.
Kaum hatte er sich einen ersten Überblick verschafft, dröhnte auch
schon die erste musikalische Trommelfellattacke aus den Boxen, begleitet von
total flachen Sprüchen des DJ’s.
Josephine wippte mit dem Fuß im Takt der Musik und die erste Runde Guinness
wurde an ihren Tisch gebracht.
„Cheers“, prostete sie ihm zu und Kian erwiderte ihren Trinkspruch.
„Wie geht’s eigentlich den Jungs?
Wir sind noch gar nicht dazu gekommen über sie zu tratschen“, meinte sie
und leckte sich den weißen Schaum von der Oberlippe.
„Du kannst Fragen stellen.
Nicky und Shane hängen ständig am Telefon und säuseln ihren Frauen
ständig irgendwelche Liebesbekundungen ins Ohr, während Mark auf Wolke
376 rumturnt, seit er mit Rowen Klartext geredet hat und die beiden reihen sich
in die Reihe bei Nicky und Shane ein und tauschen nun ebenfalls Liebesschwüre
aus.
Tja, und Dave.“, er seufzte auf. „Keiner weiß was den geritten hat, aber
der schiebt momentan eine Laune zum wegrennen. Entweder liegt dem ein Furz quer
oder er brauch mal wieder ... na du weißt schon.“
Josephine spuckte fast ihr Bier quer über den ganzen Tisch und sah Kian
mit großen Augen an.
„Also ich glaub den Austausch von Körperflüssigkeiten hat er in letzter
Zeit mit Sicherheit vollzogen. Dafür leg ich sogar meine Hand ins Feuer.“
Kian wurde hellhörig. „Ach, sag bloß. Los raus mit der Sprache. Was
weißt du, was wir nicht wissen?“
Sie zuckte unschuldig mit den Achseln und bestellte die nächste Runde.
„Ach komm schon Kian.
Du willst mir doch jetzt nicht erzählen, dass ihr noch nicht mitbekommen
habt, das zwischen ihm und Sally was läuft.
Die Beiden sind total vernarrt ineinander und vermissen sich.“
„Nein!“
„Doch!“
„Du kriegst die Tür nicht zu. Die Beiden haben was miteinander? Du veräppelst
mich doch.“
Josephine beugte sich leicht nach vorn und sah ihm in die Augen.
„DAS würd ich mir nie wagen.“, lachte sie und zahlte Runde Zwei.
Sie lehnte sich entspannt zurück und gab Kian etwas Zeit das eben gehörte
zu verarbeiten.
„Das erklärt natürlich so einiges.
Wo ist diese Sally eigentlich? Und vor allem, wer ist sie? Kenn ich sie?“
„Also“, holte sie Luft, nippte am Bier und beantwortete seine fragen. „Sie ist
im Moment in Berlin, ihre Zelte abbrechen. Und ja, du kennst sie. Sie war damals
mit mir zusammen im Studio, als ihr alles stehen und liegen gelassen habt.“
Kian trank nachdenklich vom schwarzen Gebräu und nickte dann.
Ihm fiel die Szene auf der Toilette ein und erinnerte sich an die junge Frau
die Mark so sehr geholfen hatte und im direkten Gegenzug von Dave nur angepflaumt
wurde. Er musste kurz auflachen.
„Es stimmt also doch“, feixte er.
„Was stimmt?“
„Na was sich neckt, das liebt sich“, zwinkerte er und grinste breit.
Josephine nickte zustimmend und lauschte der Musik.
*
„Während du meinen Platz verteidigst, geh ich mal eben für kleine
Mädchen.“ Josephine rutschte vom Stuhl und stolperte halb zu den Toiletten.
Mittlerweile waren sie bei der fünften Runde angekommen und so gut war
sie noch nie dabei. Kian war so einiges mehr gewohnt, wenn es ans feiern ging,
und war drauf und dran sie, im wahrsten Sinne des Wortes, unter den Tisch zu
saufen.
Sie torkelte in Richtung Hygieneabteilung und kicherte leise vor sich hin.
Wann war sie das letzte Mal so betrunken? Sie wusste es nicht mehr.
Kian sah ihr nach und schmunzelte.
So hatte er sie schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr erlebt, aber irgendwie
genoss er es.
Als Josephine nach einer Weile zum Tisch zurück stolperte ertönten
die ersten Takte von „Smooth“ und sie schlug einen Haken und stürzte auf
die kleine Tanzfläche. Was liebte sie doch diesen Titel. Es war eines der
Lieblingsstücke von ihr und Frank gewesen. Sie wiegte sich im Takt der
Musik und sang lauthals und etwas schief mit.
Kian beobachtete sie vom Tisch aus und summte lächelnd mit. Immer wenn
sie einen schiefen Ton traf musste er kichern und schüttelte mit zusammengekniffenen
Augen den Kopf.
Jeder Mensch hatte seine Qualitäten eben woanders.
Als sich ein ziemlich angetrunkener Riese auf sie zu bewegte und sich an sie
ranschmiss stellten sich sämtliche Sensoren bei Kian auf und er rutschte
vom Stuhl.
Josephine drückte den Typen freundlich von sich und tanzte weiter. Kian
ließ die Beiden nicht einen Moment aus den Augen.
Der Typ versuchte es erneut und Kian zwängte sich schnell zwischen sie.
„Hey Schatz!“, küsste er sie auf die Schläfe. „Da bin ich wieder.“
Er zog sie in seine Arme und der Kerl zog schnaubend von dannen.
„Heyyyyyyyyyyyy...“, kicherte sie und schlang ihre Arme um seinen Hals. „Lass
uns tanzen ... biiiiiiiiiiiiiitte“, bat sie ihn mit schwerer Zunge und schob
ihre Unterlippe nach vorn.
Wie sollte er bitte bei dem Anblick Nein sagen?
„Aber nur einen Song, okay.“, lächelte er sie an und Josephine jauchzte
auf.
„Prima! Na dann lass mal deine Hüften kreisen“, forderte sie ihn auf, als
die ersten Takte von „Jailhouse Rock“ aus den Boxen dröhnten.
Während Josephine wild und völlig ungezwungen, was nur der Wirkung
des Alkohols zuzuschreiben war, über die Tanzfläche wirbelte, bewegte
Kian sich eher im Hintergrund und sah sich immer wieder um.
Bloß nicht auffallen und erkannt werden, war seine Devise.
„Boah Egan, nimm die Stange ausm Arsch und mach mit! Da hat ja ein Besenstiel
mehr zu bieten!“, machte sie ihn feixend an und zerrte ihn weiter auf die Tanzfläche.
„Josie ... nicht.“
„Was denn? Du hüpfst doch sonst auch mit einem Beckenkreisen, das verboten
gehört, über die Bühne, und bringst junge Mädchen in regelmäßigen
Abständen dazu völlig den Verstand zu verlieren.
Also dann los! Zeig was du hast und kannst!“, kniff sie ihn zur Untermalung
ihrer Worte sanft in seinen Hintern und schwankte gefährlich vor und zurück.
Kian machte einen Satz zur Seite und zog sie energisch mit sich von der Tanzfläche.
„Also ich freu mir echt nen Ast, dass es dir gut zu gehen scheint, aber das
geht dann jetzt doch ein bisschen zu weit. Findest du nicht?“
Sie konnte nichts sagen, sondern sah ihn einfach nur an.
Ihr Gesicht war weiß wie eine Kalkwand, und dann ging’s auch schon los
...
*
Kian reagierte, ohne groß darüber nachzudenken.
Er schnappte sich ihre Jacken und Josephines Täschchen, dann drehte er
sich wieder zu ihr.
Josephine hing über dem großen Pflanzenkübel, der als eine Art
Abgrenzung zwischen Tanzfläche und den Tischen stand, und verteilte ihren
gesamten Mageninhalt als Dünger darin.
„Ach du scheiße!“, stöhnte er verzweifelt auf und lief zu ihr.
Sie umklammerte den Kübel und würgte ein letztes Mal. Dann fiel sie
auf die Knie und sank zur Seite.
Schnell hob er sie hoch und strich ihr ein paar nasse Haarsträhnen aus
der Stirn.
„Geht’s wieder?“
Vorsichtiges Kopfnicken ihrerseits deuteten ein „Ja“ und Josephine umklammerte
seine Oberarme, damit sie nicht den Halt verlor.
„Lass uns fahren. Ich glaub, du hast genug für heute, Kleines.“ Er trat
hinter sie und legte seine Hände schützend um ihre Taille.
Dann gingen sie in Richtung Ausgang und verließen den Pub.
Sie saßen kaum im Taxi, da lag Josephine auch schon quer über ihm
und schnarchte leise vor sich hin.
Lächelnd sah er auf sie herunter und ließ den Tag noch einmal Revue
passieren. Niemals hätte er mit so einem Ausgang gerechnet.
„Oh man. Noch so ein Tag und ich bin reif für die Klapse“, nuschelte er
und strich Josephine immer wieder liebevoll über den Kopf.
*
Kian schob die Haustür mit dem Fuß zu und hievte Josephine mit einem
Ruck fester in seine Arme.
„Wehe das wird hier zur Gewohnheit, dass ich dich durch dein Haus schleppen
muss“, nuschelte er feixend und stieg die Treppe nach oben.
Er legte sie auf ihrem Bett im Schlafzimmer ab und sah auf sie herunter.
Josephine lag friedlich schlafend da und Kian überlegte, wie er sie aus
den Klamotten bekommen würde.
„Kannst ja schlecht so pennen. Wenigsten Hose und Pulli müssen weg.“
Kian stützte seine Arme neben ihren Körper ab und beugte sich zu ihrem
Ohr herunter.
„Hey ... Schlafmütze“, flüsterte er in ihr Ohr und rüttelte sie
etwas an der Schulter.
„Mhm“, kam es grummelig und sie drehte sich auf die Seite und rollte sich zusammen.
„Nein ... nicht. Hey, hier geblieben. Du musst doch aus den Klamotten raus,
Kleines“, nuschelte er kläglich und kroch neben sie ins Bett und drehte
sie mit sanftem Druck herum.
Josephine öffnete kurz ihre Augen, lächelte, schlang ihre Arme um
seinen Hals und ...
„Ich liebe dich, Hase“, säuselte sie und im nächsten Moment spürte
Kian ihre warmen Lippen auf seinen.
Geschockt verharrte er in seiner Position und Josephine begann zärtlich
an seiner Unterlippe zu knabbern.
Das ging jetzt aber entschieden zu weit!
Schnell löste er sich von ihr und sprang regelrecht aus dem Bett.
Erschrocken starrte er sie an und fand kurz darauf wieder zu sich.
„Du solltest dich fertig machen und schlafen. War doch alles etwas zu viel für
dich, heute.“ Er ging zur Tür und sah noch einmal kurz zu ihr.
„Schlaf gut, Josie.“
Hastig rappelte sie sich auf und lief zu ihm. Sie schien völlig nüchtern.
„Warte! Bitte! Das ...“, verzweifelt fuhr sie mit beiden Händen durch ihr
Haar.
„Das war ein Fehler, ja. Aber bitte Kian“, ihre Stimme wurde leiser. „Bitte
lass mich heute Nacht nicht allein. Bitte“, flehte sie mit bebender Stimme und
streckte ihre Hand nach seinem Arm aus, zog ihn aber schnell wieder zurück.
„Ich bin im Nebenzimmer“, war alles was er darauf erwiderte und ließ sie
allein.
Josephine starrte vor sich hin.
Kian ließ sich auf das Bett sinken und stützte seinen Kopf auf den
Händen ab.
„Jetzt mach da kein Drama draus, Egan. Reflexhandlung.
Sie ist betrunken, vermisst Frank und außerdem sieht morgen alles wieder
anders aus. Da ist das vergessen und das Leben geht normal weiter.
Scheiß Alkohol!“
Seufzend stand er auf und zog sich, bis auf die Boxers, aus.
Dann kroch er unter das Bettdeck und versuchte zu schlafen.
Ein zögerliches Klopfen drang zu ihm und er hob den Kopf.
„Ja!“
Vorsichtig drückte sie die Klinke nach unten, machte die Tür auf und
steckte ihren Kopf ins Zimmer.
„Darf ich reinkommen?“, fragte sie zögerlich.
Einen Moment zögerte er, dann setzte er sich auf und winkte sie zu sich.
Josephine huschte ins Zimmer und spielte nervös an ihrem Hosenbund.
„Kian ... ich ... bitte vergiss den Kuss. Es ... ich dachte ... du bist, also
...“, stammelte sie und traute sich nicht ihn dabei anzusehen.
„Lass gut sein. Die Aktion ist vergeben und vergessen. Und jetzt“, er stand
einfach auf und trat vor sie hin, „gehst du besser schlafen. Träum was
schönes.“ Er lächelte sie an und wusste nicht, ob er sie noch kurz
drücken sollte.
Er ließ es lieber und räusperte sich stattdessen.
Nickend verließ sie das Zimmer und schloss die Tür hinter sich und
ging zurück ins Schlafzimmer.
„Ich wollte doch nur eine Nacht mal wieder durchschlafen, mehr nicht.
Und du gibst mir einfach ein Gefühl von Geborgenheit und Nähe wie
... wie ...“, sie stoppte im Satz und schmiss sich heulend in die Kissen ihres
Ehebettes.
„Mehr will ich doch gar nicht“, schluchzte sie immer wieder auf und sehnte sich
mehr denn je nach körperlicher Nähe.
Einfach im Arm von jemandem einzuschlafen den sie mochte und zu wissen gut aufgehoben
zu sein.
*
Eine knappe Stunde später schreckte Kian aus seinem Schlaf und versuchte
sich im Dunkel der Nacht zu orientieren.
Leise Schluchzgeräusche drangen aus dem Zimmer nebenan zu ihm herüber
und er fuhr sich seufzend über sein Gesicht.
Kian stand auf und schlich sich leise zu Josephine ins Zimmer.
Seine nackten Füße hinterließen ein leises Tapsgeräusch
und Josephine drehte sich erschrocken zur Tür um.
Schnell wischte sie sich übers Gesicht.
Er setzte sich einfach zu ihr aufs Bett und knipste dann das kleine Nachtlicht
an.
Beide kniffen sie die Augen zusammen, und versuchten was in der plötzlichen
Helligkeit zu erkennen.
„Ich glaub, ich bin blind“, murmelte sie und legte die Stirn in Falten.
Kian lachte leise auf. „Dann rutsch mal rüber, du blindes Huhn du.“ Er
zuppelte an der Decke und sah sie müde an.
„Wieso?“
„Man Josephine! Musst du immer ne Frage in den Raum schmeißen, bevor du
etwas tust? Sei mutig und rutsch rüber.“
„Bevor ich was tue?“ Sie riss erschrocken die Augen auf und starrte ihn an.
„Vergiss es, Kian! Ich werd nicht mit dir in die Kiste steigen, nur weil sich
meine Lippen auf deine verirrt haben.
Das hatte nichts, rein GAR NICHTS zu bedeuten!“
Kian rollte mit den Augen, schubste sie ein Stück zur Seite und krabbelte
neben sie unter die Decke.
„Wovon träumst du eigentlich Nachts? Ich werde ganz sicher NICHT mit dir
in die Kiste steigen“, murmelte er und knipste das Licht wieder aus.
„Gute Nacht!“, kam es leise von ihm und er drehte sich auf die Seite.
Josephine atmete hörbar durch und drehte sich hin und her, um eine angenehme
Schlafposition zu finden.
Kian machte die Augen auf und stöhnte leise.
„Hast dus bald? Bei dem Rumgehampel kriegt man ja nen Knall. Und jetzt“, er
drehte sich zu ihr, „komm her. Solange du die Hausordnung befolgst, kann nix
passieren.“
„Hausordnung?“
„Keine unerlaubten Knutschattacken“, nuschelte er, gähnte und legte den
Arm etwas fester um sie. Dann schloss er seine Augen und schlief ein.
Lächelnd kuschelte sie sich an ihn und strich kurz über seine Wange.
„Danke“, war alles was sie sagte, dann schlief auch sie ein.
*
Gähnend stieg er aus dem Fahrstuhl und trottete in Richtung Büro,
als Uma auf ihn zukam.
„Guten Morgen ... Louis“, kam es leise und schüchtern und Louis Herz machte
einen kurzen Aussetzer.
Sie war so wundervoll, wenn sie sich etwas zierte.
Das hatte ihm am Samstag schon imponiert, als sie nach dem gemeinsamen Essen
noch im Kino gelandet sind und er sich mehr auf sie, als auf den Film konzentriert
hatte.
Als die Frage kam, was er von dem Film hielt, konnte er die Frage geschickt
umleiten, und sich dann ihrer Auffassung anschließen.
Louis konnte gar nicht mehr genau sagen, wie oft er in ihren Augen versunken
ist, als sie ihm beim Essen gegenüber saß.
Immer wieder blitzten und funkelten sie, wenn sie eine witzige Anekdote aus
ihrem Leben zum Besten gab.
Am meisten mochte er die Geschichte von dem kleinen Mädchen, das diesen
Traum von einer Karriere als Malerin hatte, aber auf Grund nichtvorhandener
Fertigkeiten und Kenntnisse umsatteln musste, und dann doch nur Chefsekretärin
bei einem einflussreichen Dubliner wurde.
Und wenn er ehrlich ist, dann war er mehr als froh darüber, dass Uma, aus
seiner Sicht, kein Talent zum malen hatte.
„Guten Morgen, Uma“, grüßte er lächelnd zurück und drückte
ihr einen sanften Kuss auf die Wange.
Eine leicht rosige Wangenfärbung ließ sie sich nervös lächelnd
durchs Haar streichen und Louis merkte erst jetzt, dass sie ihr Haar offen trug.
„Uma! Sie ...“, er sah an ihr auf und ab und traute seinen Augen nicht.
Jeans und ein locker sitzendes Shirt hatten den Platz mit einem biederen Kostüm
getauscht.
„Wow, sie sehen toll aus!“, rief er begeistert und Uma wurde rot wie eine Tomate.
„Louis bitte“, kam es etwas verstört und sie reichte ihm schnell die Gerichtsunterlagen,
die mit dem Kurier gekommen waren.
„Ich sage nur die Wahrheit, schöne Frau.“ Mit diesen Worten ließ
er sie stehen und ging in sein Büro.
Die ersten Mitarbeiter schauten schon, und Uma war das mehr als unangenehm.
Ohne zu zögern ging sie ihm nach und stürmte, ohne vorher anzuklopfen
sein Büro und machte die Tür hinter sich zu.
Louis schaute erstaunt auf und schmunzelte in sich hinein.
„Ja?“
„Mr. Walsh, Louis, ich meine Chef ... argh verdammt!
Sie bringen mich noch mal um den Verstand! Was sollte das eben?
Ihnen ist schon bewusst, dass wir bereits jetzt schon Gesprächsthema Nummer
1 sind? Was ... verdammt noch mal! Ich ...“, wand sie sich und suchte nach den
richtigen Worten, aber irgendwie streikte ihr Hirn und sie stammelte nur wirres
Zeug.
Louis legte die Unterlagen auf den Tisch, ging auf sie zu und tat etwas, was
er früher nie gewagt hätte.
Er küsste sie einfach und sah sie dann lächelnd an.
„Und jetzt noch mal. Was wolltest du mir sagen?“
„Ich ... äh, ich ... kann grad nicht denken“, drang es dünn an sein
Ohr und er küsste sie erneut sanft.
Uma wich zurück, sah ihn an und ...
Im nächsten Moment lagen sie sich in den Armen und küssten sich, als
ob ihr Leben davon abhängen würde.
Heftig atmend lösten sie sich wieder voneinander und sahen den jeweils anderen einfach nur an.
Wenn jetzt ein Fremder ins Büro gekommen wäre, der hätte auf
Anhieb sagen können, was hier vor sich ging.
Uma und Louis verliebten sich gerade ineinander.
*
Es war später Nachmittag und Louis kurz davor an die Decke zu gehen.
„Wie lange wollen die Idioten noch mit der Anklage warten? Nein Joseph!“, brüllte
er in den Hörer.
„Es ist doch wohl zweifelsohne bewiesen, dass dieser Scheißkerl schuldig
ist. Dazu muss man nichtmal Jura studieren, um das zu wissen!“ Wütend knallte
er den Hörer auf den Tisch und raufte sich seine Haare.
Tom Klien saß jetzt mehr als 2 Wochen in Untersuchungshaft und die Beweise waren alle mehr als eindeutig, aber anscheinend hatte er einen zu gerissenen Anwalt oder er hatte jemanden bestochen, um die Anklage weiter hinaus zu zögern. Aber wen?
Uma brachte ihm einen Tee und fragte, ob sie Feierabend machen konnte, oder
ob er sie noch brauchte.
„Nein, du kannst ... oh man.“ Er ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken
und stöhnte entnervt auf.
„Was ist denn los?“, trat sie fragend hinter seinen Sessel und begann seinen
Nacken zu massieren.
Wie vertraut sie plötzlich miteinander umgingen, ließ sie zaghaft
lächeln.
„Die Beweise sind doch völlig eindeutig. Dieser Klien gehört eingesperrt
und zwar für mindestens 10 Jahre“, regte er sich erneut auf und zuckte
zusammen, als Uma kurz zu fest massierte.
„Aber wenn ich das richtig mitbekommen habe, dann sitzt der Kerl doch in U-Haft
und kann im Moment eh nix machen. Wovor hast du dann Angst?“
„Ich habe keine Angst!“, erhob er sich und ging zu einem der drei großen
Bürofenster.
Er begann langsam seine pochenden Schläfen zu massieren und war mit seinen
Gedanken schon wieder ganz woanders.
„Die Jungs sind wie Söhne für mich. Verstehst du das nicht?
Hätte Mark schon eher den Mund aufgemacht, dann hätte das alles vielleicht
gar nicht so weit kommen müssen.
Und Brian. Der soll sich ja nicht einfallen lassen, die Band zu verlassen.“
Uma seufzte leise auf und trat neben ihn.
„Erstens. Nein, ich kann das nicht verstehen, ich hatte nie Kinder. Zweitens.
Sie sind erwachsen und ich denke, sie wissen was sie tun und brauchen nicht
für alles dein Okay. Drittens. Wenn Brian einen anderen Weg einschlagen
möchte als dir vorschwebt, dann solltest du ihn ziehen lassen. Zwinge ihn
nicht dazu etwas zu tun, was ihm womöglich keinen Spaß bereitet.
Er hat schließlich eine Familie an die er zu denken hat, und die hat immer
und überall Vorrang. Viertens. Wir sehen uns morgen. Schönen Feierabend
Louis und Gute Nacht.“ Sie legte ihm eine Hand auf den Rücken, strich kurz
darüber und machte sich auf den Weg sein Büro zu verlassen.
„Du hast fünftens vergessen.“
„Nein, hab ich nicht“, lächelte sie und drückte die Klinke herunter.
Louis drehte sich zu ihr um.
„Gute Nacht, Uma. Schlaf gut und träum was schönes.“
Sie nickte lächelnd und verließ das Büro.
Louis sah die sich schließende Tür an und legte seufzend den Kopf
in seinen Nacken.
„Magst du mich zum Italiener begleiten?“
Er hatte gar nicht gehört wie sie ins Büro zurückgekommen war
und zuckte leicht erschrocken zusammen.
„Himmel, hast du mich erschreckt“, fasste er sich theatralisch an die Brust
und sah zu ihr herüber.
„War nicht meine Absicht.
Was ist nun? Magst du mitkommen, oder darf ich dir morgen zum Frühstück
meinen Rest Pizza mitbringen?“ Sie konnte sich diese spitze Bemerkung nicht
verkneifen, aber sie wusste, dass er in solchen Situationen zu gern die Nacht
über im Büro verbrachte.
Auch wenn sie es nicht ganz nachvollziehen konnte.
Selbst seine Anwälte müssen mal schlafen, begreift er das denn nicht?
„Pizza zum Frühstück? Klingt gut“, zwinkerte er.
„Aber wenn, dann würd ich sie gern ...“, er biss sich kurz auf die Unterlippe,
„bei dir essen wollen.“
Uma musste schmunzeln und schüttelte lächelnd den Kopf.
„Lass uns erst mal essen gehen, bevor du dir weiter Hoffnung machst, die sich
vielleicht gar nicht erfüllen wird.“
Frech drehte sie ihm den Rücken zu und musste sich eingestehen, dass ihr
dieses Spiel Spaß machte. Sehr viel Spaß sogar, und sie fühlte
eine Welle der Erregung in sich aufsteigen.
„Na dann los“, raunte er, ging zu ihr, küsste sie sanft auf die Schläfe
und kurz darauf verließen sie gemeinsam und als Letzte das Bürogebäude.
*
Dienstag, 17.02.
Dublin, 8:25 Uhr
Sie umarmten sich ein letztes Mal, dann stieg Kian aus Josephines Auto und
verschwand in der Passagierhalle des Flughafens.
Lächelnd sah sie ihm nach und seufzte auf.
Die letzten beiden Tage waren nicht gerade einfach, schon gar nicht für
Kian, aber er hatte ihr sehr geholfen.
Besonders in den letzten beiden Nächten, wo sie sich ein Bett geteilt hatten
und Josephine seit langem mal wieder durchschlafen konnte.
Es war ihr noch immer ein Rätsel, wie er es so lange bei ihr ausgehalten
hat, wo sie doch alles andere als freundlich zu ihm war. Und ihre ständigen
Stimmungsschwankungen hätten sie schon viel eher zum aufgeben gezwungen,
aber Kian ließ sich davon nicht abschrecken.
„Danke für alles“, murmelte sie und war drauf und dran den Wagen zu starten,
als sie wie von der Tarantel gestochen aus dem Wagen sprang und Kian nachrannte.
Er zückte gerade seine Boardingcard, als ihn jemand an der Schulter packte
und herumdrehte. Im nächsten Moment lagen zwei Arme um seinen Hals und
Kian wollte schon in die Luft gehen, als eine vertraute Stimme ihm ein paar
Worte ins Ohr flüsterte.
Lächelnd trat er mit Josephine im Arm aus der Schlange und schob sie sanft
von sich.
„Danke. Danke für alles, Kian. Du ... also ... danke.“ Zu mehr war sie
nicht fähig.
„Verrücktes Huhn du“, grinste er, küsste sie auf den kleinen blauen
Fleck auf der Stirn und drückte sie herzlich.
„Ich habs gern getan und steh auch wieder vor deiner Tür, wenn du der Meinung
bist das alles auf dich einstürzt.
That’s what friends are for, hab ich dir schon mal gesagt.“
Josephine küsste ihn auf die Wange und nickte dankbar.
„Du solltest jetzt aber los. Nicht das ich noch schuld bin, wenn deine weiblichen
Anhänger in Deutschland auf ihren Helden verzichten müssen.“
„Held? Klingt super. Aber ich denke, ich überlass das dann doch lieber
den Menschen, die wirklich harte Arbeit leisten und wahre Helden sind.“
„Du bist größer als du aussiehst, Kian. Vergiss das nicht. Geh nicht
immer geduckt. Und jetzt ab. Die Maschine startet auch ohne einen gutaussehenden
irischen Popstar.“
Entschuldigend hob er seine Hände und lächelte entwaffnend.
„Bin schon weg.
Ruf an, wenn du reden willst. Egal wie spät es ist. Meine Seelsorge Hotline
hat für dich rund um die Uhr Bereitschaft.“
„Ich werd bestimmt mal drauf zurückkommen und jetzt ab mit dir.“ Kichernd
drückte sie ihm noch einen letzten Kuss auf die Wange und trat einen Schritt
von ihm weg.
Kian gesellte sich wieder in die Schlange, winkte ihr ein letztes Mal und war
kurz darauf verschwunden.
Josephine atmete tief durch und ging mit einem befreiten Lächeln zu ihrem
Auto zurück und fuhr nach Hause.
*
Köln, 4 Stunden später
Gelangweilt lag Kian auf dem Hotelbett und wartete darauf, dass endlich die
anderen hier eintrudeln würden.
Als es an seiner Tür klopfte sprang er grinsend auf und riss kurz darauf
mit Schwung die Tür auf.
„Na endlich! Ich dach ...“, er hielt staunend inne.
„Kann ich mich bei dir verstecken?“
Die Stirn kraus gezogen und schwach nickend ließ Kian den Überraschungsbesuch
hinein.
„Danke“, klopfte Rowen ihm auf die Schulter und warf sich mit ausgebreiteten
Armen aufs Bett.
„Woher weißt du eigentlich, dass ich hier bin?“ Die Tür fiel ins
Schloss und Kian machte es sich in dem Sessel bequem.
„Von Dave. Ich hab ihn angerufen und gefragt in welchem Hotel ihr seid, und
da hab ich dann erfahren, dass du schon hier bist.“ Er stützte sich auf
den Ellenbogen ab und sah ihn an.
„Will ich wissen, wo du warst?“ Rowen zog eine Augenbraue nach oben und grinste
frech.
„Nein, willst du nicht. Und selbst wenn, ich würd es dir eh nicht sagen.“
„Sag bloß zwischen dir und Jodi läuft wieder was“, kam es verblüfft
und Kian sah Rowen streng an.
Automatisch musste er an sie denken und seufzte leise in sich hinein.
Allein die Erwähnung ihres Namens ließen ihn in Erinnerungen schwelgen.
Verwunderlich war es nicht, schließlich hatten sie eine wundervolle Beziehung
geführt, und Kian war nie zuvor so glücklich mit jemandem gewesen
wie mit ihr.
„Was machst du hier?“ lenkte er räuspernd ab und kratzte sich an der Schläfe.
„Auftanken“, kam es trocken von Rowen und er ließ sich zurück in
die Kissen fallen.
Gerade als Kian etwas erwidern wollte klopfte es erneut an seiner Tür und
Rowen sprintete, wie von der Tarantel gestochen, ins angrenzende Bad.
Kian ging breit grinsend zur Tür.
Dave stand vor der Tür und warf Kian einen fragenden Blick zu.
„Yep. Er ist heil hier eingetrudelt. Hättest mich ja mal vorwarnen können,
Davey.“
„Ja ja. Wie geht’s dir und deiner Familie?“
„Gut.“ Kian dachte ungewollt an Josephines Worte im Pub und musterte Dave unauffällig.
Irgendwie schien er völlig unverändert.
Sah man wirklich so grummelig aus, wenn man verliebt ist?
„Und wie geht’s dir? Magst einen Moment rein kommen?“
„Nee lass gut sein. Ich muss noch einen wichtigen Anruf tätigen. Ruh du
dich noch ein bisschen aus.“ Dave machte auf dem Absatz kehrt und begab sich
in Richtung seines Zimmers.
Kian holte Luft. Das war doch die Gelegenheit ihn aus der Reserve zu locken.
Was hatte er schon groß zu verlieren?
„Morgen sind wir ja in Berlin, ne. Vielleicht meint es das Schicksal ja gut
mit dir.“
Sofort stand Dave dicht vor ihm und schob ihn etwas unsanft ins Zimmer.
„Woher ...“, zischte er und ihm ging langsam ein Licht auf, als er in das grinsende
Gesicht von Kian schaute.
„Geheim“, feixte er und schlug ihm freundschaftlich auf den Oberarm.
„Du warst gar nicht in Sligo, du Hund du! Du warst bei Josie und die konnte
natürlich ihre Klappe nicht halten. Typisch!“
Kian schüttelte lachend den Kopf. Treffer und versenkt.
„Wieso warst du bei Josie? Geht’s ihr so schlecht?“
„Ach Dave“, seufzte er auf und nahm sich eine Cola aus der Minibar, „wenn du
wüsstest. Sie ist völlig am Ende.
Das Wochenende war für uns beide die Hölle, aber so lange es ihr dabei
hilft die Vergangenheit so gut es geht hinter sich zu lassen, werde ich auch
wieder durch die halbe Weltgeschichte düsen, um ihr als Freund mit Rat
und Tat zur Seite zu stehen.“ Er nippte an der Cola, rülpste leise und
sah Dave an.
Sollte er die Schwangerschaft erwähnen?
Nein, dazu hatte er kein Recht.
Das sollte sie allein machen, wenn sie dazu bereit war.
„Außerdem muss ich doch auf dem Laufenden bleiben, was Sally und dich
anbelangt“, führte er seine Gedanken zu Ende und boxte ihm leicht in den
Bauch.
Doch was war das?
Kian traute seinen Augen nicht.
Dave Last wurde doch tatsächlich vor Verlegenheit rot.
Ist das zu glauben?
Schnell lief er zur Badtür, klopfte und Rowen steckte den Kopf durch die
Tür.
„Luft ist rein.“
„Gut. Hi Dave! Ist Mark im Zimmer?“
„Yep. 506. Aber ich glaub der ist grad mit dem Hotelpagen im Zimmer verschwunden“,
grinste er zwinkernd und Rowen stürzte aus dem Zimmer.
Kian und Dave feixten um die Wette.
„So ...“, meldete Kian sich zu Wort, als sie sich wieder beruhigt hatten. „Du
erzählst dem Onkel Kian jetzt mal alles über dich und Sally.“
Dave sträubte sich.
„Schon mal was von Privatsphäre gehört? Gut, dann bin ich jetzt weg!“
Er drehte sich um und rannte ebenfalls aus Kians Zimmer.
„Lasst mich nur alle allein“, heulte er theatralisch und warf sich vor den Fernseher.
Was Josie jetzt wohl macht?
Erschrocken über seinen Gedanken zuckte Kian zusammen und zappte durch
die Programme.
Er brauchte dringend Ablenkung.
„Wird Zeit das wir uns dämliche Fragen um die Ohren ballern lassen“, seufzte
er und sehnte sich zum ersten Mal nach dem Interview bei Viva.
*
Nervös strich sich Rowen durchs Haar und streckte die Hand aus, um an
Marks Tür zu klopfen, als diese plötzlich aufgerissen wurde.
Beide Männer standen sich für einen Moment schweigend und gelähmt
gegenüber.
„Bärchen“, flüsterte Rowen und lag Mark von einer Sekunde auf die
nächste in den Armen und seine Lippen auf seinen.
„Gott, ich hab dich so vermisst“, nuschelte Mark und zerrte Rowen ins Zimmer
und stieß die Tür mit dem Fuß zu.
„Was machst du hier?“
„Dich besuchen und auftanken. Ich musste raus. Mir fällt die Decke auf
den Kopf, besonders seit unserem Telefonat.“
Mark musste leicht lächeln und strich Rowen mit dem Daumen über die
Unterlippe.
„Oh ja, das Telefonat. Das war schön“, raunte er und spürte eine wohlige
Wärme in sich aufsteigen.
„Wie lange bleibst du?“
„Den Rest der Tour. Wenn das für dich okay ist.“
Mark löste sich von ihm und strahlte förmlich.
Dann ging er zur Minibar und holte sich und ihm ein Wasser aus dem kleinen Kühlschrank.
„Klar ist das okay für mich. Ich freu mich das du hier bist.“
Mark verband mit dieser Stadt keine guten Erinnerungen und er war wirklich
froh darüber, das Rowen urplötzlich vor seiner Tür stand und
bei ihm war.
Er hätte nicht gewusst, wie er die paar Stunden sonst hätte durchstehen
können.
„Woran denkst du?“, unterbrach Rowen seine Gedanken und umarmte ihn von hinten.
Mark schüttelte kurz den Kopf. „An nichts bestimmtes.“
„Lügner“, raunte er in sein Ohr und knabberte am Ohrläppchen.
Seufzend lehnte er sich bei Rowen an und schloss die Augen.
„Es ist die Stadt. Ich bin ungern hier, aber da muss ich durch. Gehört
zum Job, da fragt keiner nach.“
Rowen überlegte was er darauf antworten sollte und wählte seine Worte
mit Bedacht.
„Weißt du Bärchen“, begann er leise und strich dabei immer wieder
über Marks Brust, „so grausam dir diese Stadt auch erscheint, aber sie
besteht nicht nur aus diesem Hotel und dieser einen gewissen Nacht.
Das ist Vergangenheit, auch wenn keine schöne, aber das solltest du nicht
vergessen.
Du hast wundervolle Freunde, eine wundervolle Familie und eine wundervolle Zukunft
vor dir, die ich im übrigen gern bereit bin mit dir zu verbringen.“
Mark schmunzelte und legte seine Hände über die von Rowen.
„Und soll ich dir noch was verraten, Bärchen?“
„Mhm ... ich bin ganz Ohr.“
Rowen kuschelte sich noch enger an Mark und schob seine Hände langsam nach
unten.
Marks Atem wurde etwas schneller.
Allein diese Geste erregte ihn und er biss sich auf die Unterlippe.
„Row ... ich muss in ...“
„20 Minuten unten sein. Ich weiß“, säuselte er und liebkoste die
weiche Haut hinter Marks Ohr.
Seine Hände wanderten unterdessen weiter in Richtung Süden und entlockten
Mark ein leises kehliges stöhnen.
DC 3 (Anfang)
Mit sanftem Druck strich er über seinen Schritt und Rowen spürte die
wachsende Erregung in Marks Hose.
„Was ... wird das?“
„Mein Tank ist leer? Deiner auch?“, fragte er heiser und kniff sanft in Marks
Schritt.
Mark stöhnte auf und rieb sich an ihm.
Rowen spürte wie er immer härter wurde und ihn mehr als alles wollte.
Hier und jetzt.
Mark wand sich und drehte sich zu ihm um.
Unter leidenschaftlichen Küssen rissen sie sich förmlich die Kleider
vom Leib und landeten auf dem großen Bett.
Gierig wanderten ihre Hände über die Körper des anderen und sie
versanken im Strudel der Leidenschaft.
„Ich hatte ihn gar nicht so groß in Erinnerung“, raunte Rowen, als er
Marks pochende Männlichkeit liebkoste und ihn damit mehr als wild machte.
„Du bist wahnsinnig“, keuchte er und vergrub die Hände in den Kissen, als
Rowen ihn mit dem Mund verwöhnte.
Wie sehr liebte er doch diesen Mann.
Er erinnerte sich zu gern an ihr erstes Mal im Haus seiner Eltern, und wie oft
hatte er sich dabei einen runtergeholt.
Rowen hatte sich die nächsten Male immer etwas gesträubt Mark mit
dem Mund zu verwöhnen und plötzlich schien es ihm nichts mehr auszumachen.
Mark wand sich winselnd unter Rowen, und spürte wie er kurz davor war zu
kommen.
„Stop!“, rief er und Rowen ließ augenblicklich von ihm ab.
„Was? Hab ich was falsch gemacht?“
Mark schüttelte den Kopf und sein Atem entwich nur stoßweise.
Zärtlich umfasste Rowen mit einer Hand Marks Erregung und rieb ihn, während
Mark keuchte und die Sterne sah.
Er legte sich neben sein Bärchen, leckte sich seine Finger und schob eine
Hand zu seinem Hintern.
Langsam strich er über seinen Anus und Mark drückte sich an ihn.
„Warte“, raunte er, stülpte sich ein Kondom über und presste sich
an ihn.
Als er langsam in ihn eindrang bäumte Mark sich auf und atmete tief durch.
Rowen stoppte sein Handspiel und begann sich in ihm zu bewegen.
Heftiges Klopfen kam von der Tür und Dave teilte Mark mit, das er in 5 Minuten in der Lobby sein sollte.
„Ich komme!“, stöhnte Mark auf und biss ins Kissen.
Stürmischer als jemals zuvor liebten sie sich und verloren sich in ihrer
Ekstase, als sie stöhnend den Gipfel der Lust stürmten und erschöpft
zusammensackten.
(DC Ende)
Schweigend sah Rowen ihm dabei zu wie er ins Bad ging und ein paar Minuten
später angezogen vor ihm stand.
Zärtlich küsste Mark ihn zum Abschied und lächelte.
„Ich hoffe, es dauert nicht lange.“
„Ich bin jedenfalls hier, wenn du zurückkommst. Ich glaub mein Ölfilter
muss durchgecheckt werden.“
Mark schüttelte lachend den Kopf.
„Verrückter Kerl du.“
Ein letzter Kuss und dann war Mark auch schon aus dem Zimmer verschwunden und
Rowen kuschelte sich unter die Decke.
Er schnappte sich Marks Shirt, roch daran und zog es sich seufzend über.
„Ich liebe dich, Bärchen.“
Dann griff er zur Fernbedienung und suchte den Sender wo in Kürze Westlife
ihren Auftritt hatten.
*
Kian trottete durch die Hotellobby und traf auf Nicky, der schon wieder am Handy
klebte und aus dem Strahlen gar nicht mehr rauskam.
Sollte Josie etwa Recht haben?
Kian beschloss der Sache mal auf den Grund zu gehen und steuerte Nicky an, während
dutzende Fans vorm Hotel fast zu hyperventilieren begannen, kaum das sich eines
ihrer Idole auch nur ansatzweise in ihre Richtung bewegte.
„Was hat der Arzt gesagt? Was? Gina! Wieso konntest du nicht gehen? Was war
los? Geht’s dir nicht gut? Soll ich ... ach verdammt ich kann hier nicht weg,
aber wir haben nur noch Berlin, dann kommen wir nach Dub zurück.
Zwar ist da noch Promo angesagt, aber ich komm so oft heim, wie es geht. Großes
Ehrenwort“, sprach er leise und sah sich um.
Georgina legte sich auf das heimische Sofa und strich gedankenverloren über
ihren Bauch.
Ein Wunder das Kian nichts gesehen hatte. Aber das lag wahrscheinlich daran,
dass sie einen weiteren Pulli und eine Jacke trug, die das alles etwas kaschierte.
Als sie Nicky noch am selben Abends anrief ist der fast aus dem Bett gefallen
und war nur am rumstottern, ob Kian denn was gesagt hätte.
Sie liebte es, wenn er so trottelig süß war und sehnte sich nach
ihm.
„Versprichst du mir was, hun?“
„Alles“, säuselte Nicky und winkte kurz ein paar wartenden Fans zu die
ihm das sogleich Kreischenderweise dankten.
„Überstürze nix. Ich brauch dich nämlich noch“, seufzte sie ihm
ins Ohr und Nicky schloss für einen Moment die Augen. Er kannte diese Seufzen
nur all zu gut.
Warum tat sie das?
Sie wusste doch ganz genau, dass er viel zu weit weg war und nicht mal eben
zu ihr fahren konnte um ihr das zu geben, was sie beide so sehr wollten.
Als er die Augen wieder öffnete wich er erschrocken zurück und sah
in das grinsende Gesicht von Kian.
„Äh ... Gina, ich meld mich wieder. Ich muss los. Ich liebe dich. Bye!“
Er legte schnell auf, verstaute das Handy in der Hosentasche und lächelte
dann Kian an.
„Hey Kiki. Schön dich zu sehen“, kam es etwas überschwänglich
und er legte seine Arme um seinen Freund und drückte ihn kurz an sich.
„Wie geht’s dir und deiner Familie?“
Kian schüttelte grinsend den Kopf und klopfte Nicky dann auf die Schulter.
„Als ob dir deine Frau nicht noch am Sonntag gesteckt hat, dass ich in Dub war,
du Nase.“
„Ach ja. Wo hab ich nur meinen Kopf?“
Es setzte kurzes Schweigen an, dann holte Kian Luft.
Nicky schwante nichts Gutes. Er wusste was!
„Hat Gina zugenommen? Oder trägt sie neuerdings extra weite Klamotten?“
„Zugenommen? G? Lass sie das bloß nicht hören, oder du bist einen
Kopf kürzer.
Hör zu, Kian. Du darfst das aber keinem, versprich es mir, keinem sagen.“
Nicky sah sich um, als ob er ein Staatsgeheimnis lüften würde und
beugte sich dann ganz dicht Kian entgegen.
„Sie meint, sie ist ein bissi dick geworden. Kennst sie doch. Sie achtet so
auf ihre Figur und da meint sie eben, ein paar weitere Klamotten würden
das ganze etwas retuschieren.“ Er klang todernst als er das sagte und lehnte
sich dann wieder zurück. Nun musste er nur noch hoffen, dass Kian das schlucken
würde.
„Ach so“, winkte er ab. „Ich dachte schon sie ist vielleicht schwanger“, zwinkerte
er und sah wie die Farbe aus Nickys Gesicht wich.
Kichernd klopfte er ihm auf die Schulter und räusperte sich.
„Euer kleines Geheimnis ist bei mir sicher. Wann wollt ihr es den anderen erzählen?
Wenn der kleine Racker da ist und die halbe Nachbarschaft zusammenbrüllt?“
Nicky riss die Augen auf und wedelte mit den Händen.
„Ssssssshhh bist du wohl still! Sonst kann ich es ja gleich an die Sun faxen:
Es gibt Nachwuchs bei den Byrnes.
Und woher bitte weißt du das? Von Gina nicht, das wüsste ich.“
„Na ich war doch mit Josie bei ihr und sie hat mich dann gefragt ... also sie
hat mich drauf aufmerksam gemacht, dass Gina schwanger ist. Weißt doch
wie Frauen sind. Die haben ihre Augen überall.“
„Oh ja, besonders wenn es um irgendwelche Schlussverkäufe geht.“
„Jetzt lenk mal nicht ab, Kleiner und lass dich feste drücken. Glückwunsch
Alter!
Mensch, da haste der Gina echt nen Braten in die Röhre gesetzt“, feixte
er und drückte ihn an sich.
„Hey du Wicht. Pass auf wie du über die Mutter meines Kindes spricht“,
knuffte er Kian in die Seite und lachte auf.
„Und jetzt sei ruhig. Die anderen kommen. Wir wollten es euch nämlich erst
sagen, wenn wir zurück sind von der Promo und Brian mit dabei ist.“
Kaum hatte Nicky die Worte ausgesprochen, trotteten auch schon Mark, Shane und
Dave auf sie zu.
„So, ab jetzt“, meldete Dave sich zu Wort und schob die vier Männer in Richtung Hotelausgang.
*
Berlin
Müde stieg Sally in das warme Badewasser und musste sich fast zwingen,
nicht auf der Stelle einzuschlafen.
Die letzten Tage hatten ihren Tribut gefordert.
Mit einem bisschen Glück hatte sie ihre Wohnungsverwaltung doch dazu überreden
können, ihre Wohnung doch bis zum Ende des Monats verlassen und komplett
renoviert übergeben zu können.
Ihre Möbel hatte sie fast komplett durch etwas Glück an ein junges
Pärchen vermacht. In einer Hau-Ruck-Aktion haben sie die Möbel dann
durch halb Berlin geschleppt und Sally hatte eine leere Wohnung. So schnell
kann’s gehen.
Das Einzige was ihr noch geblieben war ist ihr Bett.
Nun lag sie hier in ihrem warmen Badewasser und ging in Gedanken durch, wie
lange sie wohl noch mit allem brauchen würde.
„Wohnzimmer ist komplett fertig“, sie fuhr sich mit einer Hand über ihr
Gesicht. „Küche schaff ich morgen. Ist ja nicht so groß.“ Sie griff
zum Duschbad und drückte sich etwas in ihre Handinnenfläche.
„Flur. Mhm, den mach ich übermorgen. Bleibt also nur noch das Schlafzimmer
und Bad“, murmelte sie in Gedanken, stand auf und verteilte das angenehm duftende
Duschbad auf ihrem Körper.
Dann ließ sie sich wieder ins Wasser gleiten und spülte alles ab.
„Und danach bin ich tot, aber ich hab wenigstens alles hinter mir und kann ganz
schnell zurück zu meinem Davey“, seufzte sie auf und schloss die Augen.
Wo er jetzt wohl war?
In ihrem ganzen Umzugsstress hatte sie völlig vergessen ihr Ladegerät
vom Handy einzupacken und nun saß sie hier völlig auf dem Trockenen.
Telefon gekündigt, Akku vom Handy völlig platt und somit war sie komplett
abge-schnitten von der Außenwelt.
Gestern hatte sie versucht Dave von einer Telefonzelle anzurufen, aber er hatte
sein Handy aus.
„Ich vermiss dich so. Dich und dein süßes Doppelkinn. Deinen immer
vorhandenen 3 Tage Bart.
Und deine wundervollen Lippen von denen ich so gern mal wieder kosten möchte.
Ich vermisse es deine Stimme zu hören und mich an dich zu kuscheln.
Ach Baldy, ich wär jetzt so gern bei dir“, schniefte sie und wischte sich
mit dem Handrücken ein paar Tränen weg.
„Ich lieb dich so“, wisperte sie und tauchte unter.
*
Köln
Dave saß im Aufenthaltsraum, während Westlife im Studio des Musiksenders
saßen und Rede und Antwort standen.
Er zog sein Handy hervor und wählte Sallys Nummer.
Als er wieder niemanden erreichte begann er sich langsam Sorgen zu machen.
Seit 2 Tagen ging sie jetzt schon nicht ran und war für niemanden erreichbar.
„Was ist da los? Bitte lass ihr nichts passiert sein.“
Seit er gestern erfahren hatte, dass sie die Zeit nutzte um in Berlin ihre Wohnung
aufzulösen, versuchte er sie zu erreichen.
Sie hätten sich endlich wiedersehen und vielleicht sogar zusammen weggehen
können.
Auf jeden Fall würde er sich mal loseisen und zu ihrer Wohnung fahren.
„Wo war die doch gleich? Verdammt! Halt! Josie.
Genau! Die weiß bestimmt ihre Adresse. Davey du bist ein schlaues Kerlchen“,
feixte er und wählte Josephines Nummer.
*
Berlin
8:30 Uhr
Auf allen vieren kroch sie über die Dielen und schrubbte die Holzleisten
ab. Ein paar nasse Strähnen ihrer langen Locken fielen ihr immer wieder
ins Gesicht und sie fegte sie mit einer ruppigen Handbewegung wieder nach hinten.
„AUTSCH! VERDAMMTER SCH...!“ zischte sie und die ersten Tropfen Blut sprenkelten
den Boden.
Sally hatte sich an einem Nagel den Finger aufgerissen und rannte fluchend ins
Bad, um sich den Finger notdürftig mit etwas Toilettenpapier zu umwickeln.
Dann ging sie zurück in ihr leeres Wohnzimmer und ließ sich frustriert
zu Boden sinken.
Die halbe Nacht hatte sie wieder durchgeackert, weil sie, mal wieder, nicht
schlafen konnte.
Nun waren die Wände neu geweißt und die Fenster geputzt.
Wenn sie jemand aus dem Nachbarhaus beobachtet hätte, wie sie nachts um
5 Uhr die Fenster putzte, hätte er sie für komplett verrückt
erklärt.
Je eher sie fertig wurde, um so eher konnte sie hier weg und zurück nach
Dublin fliegen und endlich wieder mit Dave zusammen auf seiner Couch vor dem
Fernseher liegen, den Kopf auf seinem Bauch, die Arme um ihn geschlungen und
den Ton seines Herzschlages an ihrem Ohr.
Daves Hände auf ihren Hüften und seine Daumen halb unter ihrem Shirt
vergraben. Und wie er dann ganz in sich gekehrt und zärtlich über
ihre Haut strich und beide loskicherten, wenn etwas zu lustig im Fernsehen war.
Seufzend ließ sie ihren Blick durch den leeren Raum schweifen und rappelte
sich wieder auf.
Zeit fürs Frühstück.
9:45
Abgekämpft und müde ließ sie sich im Dunkin’ Donuts am Ostbahnhof
auf einen Stuhl sinken, und schlürfte vorsichtig ihren heißen Kaffee.
Sie hatte extra den weiten Weg von einem zum anderen Ende der Stadt auf sich
genommen, um sich danach noch von ihrer Lieblingsbrücke zu verabschieden.
Es handelte sich dabei um die Oberbaumbrücke, der schönsten Brücke
in ganz Berlin, wenn nicht sogar in ganz Deutschland.
Schmunzelnd dachte sie an die erste Begegnung mit diesem Wahrzeichen zurück.
Vor ein paar Jahren war dort noch ein Grenzübergang, bevor die Mauer fiel,
und Sally wurde von ihren Eltern mitgeschleift, sich diese Brücke anzuschauen.
Grummelnd fügte sie sich ihnen und war im nachhinein froh darüber.
Ihr Vater war völlig aufgedreht und bat seine beiden Frauen, sich in sämtlich
erdenklichen Posen unter die Rundbögen zu stellen, damit er sie fotografieren
konnte.
Sally und ihre Mutter posierten wie Supermodels und gackerten dabei wie die
Hühner um die Wette.
Aber als dann eine ganz gemeine Taube ihrem Vater mitten auf seiner Glatze ein
kleines Andenken hinterließ, war es bei ihnen vorbei.
Sie kreischten auf und hielten sich vor lachen ihre Bäuche und zeigten
immer wieder mit den Fingern auf ihn.
Lachtränen strömten über ihre Gesichter, während Sallys
Vater fluchend eine ganze Ladung Tempos auf seinem Kopf verteilte und ihn wieder
blank polierte, ganz zu schweigen von den ganzen irischen Flüchen die er
aussprach und dem heimtückischen Federvieh alles mögliche an den Hals
wünschte.
Seit diesem Tag war sie mindestens einmal wöchentlich dort.
Nachdem sie den letzten Rest ihres Boston Creme Donuts mit Kaffee hinuntergespült
hatte, verließ sie den Bahnhof und lief gemütlichen Schrittes an
der East Side Gallery (Original Mauerverlauf über 2 km lang) entlang, und
hatte bald einen fantastischen Blick auf ihre Brücke.
Hinter der Brücke hat vor ein paar Jahren Universal eine Filiale errichtet
und MTV hatte auch ganz in der Nähe seine Studios.
Sie bog am Speicher, einer fünfstöckigen Diskothek, ab und machte
es sich am Spreeufer bequem.
Trotz der Kälte ließ sie sich in den Sand fallen und schloss die
Augen.
*
Aufgeregt bog er an der kleinen Kreuzung ab und fuhr in den kleinen Innenhof.
Nachdem er die Jungs am Radiosender abgesetzt und Jake die volle Verantwortung
übertragen hatte, war Dave in den Van gesprungen und hat sich auf den Weg
zu Sally gemacht.
Die Jungs waren vor 2 Stunden in Berlin-Tegel gelandet und danach sofort ins
Hotel gefahren.
Nun saßen sie bei 104.6 RTL im Studio und standen Schwester Claudi Rede
und Antwort.
Danach würden sie zu NRJ fahren und am Nachmittag würden sie dann
bei MTV auf der Couch sitzen.
Mit Herzklopfen stand er vor der Haustür und klingelte bei ihr.
Nichts.
Auch nach weiteren Klingelversuchen tat sich nichts und er ging mit gesenktem
Haupt zum Van zurück, stieg ein und wartete einen Moment.
Vielleicht war sie ja einkaufen, oder so.
40 Minuten später
Noch immer keine Spur von ihr und Dave drehte frustriert, traurig und seufzend den Zündschlüssel um, und fuhr wieder.
*
Jake kurvte die Jungs zum nächsten Radiosender, als Dave bereits davor
wartete und gedankenverloren an einer Zigarette zog.
Kian und Nicky warfen sich einen Blick zu und seufzten, jeder für sich,
leise auf.
Mark und Rowen saßen aneinandergekuschelt im hinteren Teil des Vans, direkt
neben Shane, der bei jedem kleinen Schmatzgeräusch angewidert das Gesicht
verzog und sich in die Arme seiner Frau wünschte.
„Hat alles geklappt?“ begrüßte Dave die Meute und drückte die
Kippe mit dem Fuß aus.
„Ja, die Kinder waren ruhig, Schatz“, scherzte Jake und knuffte Dave freundschaftlich
in die Seite.
„Prima. Dann können sie ja gleich nach oben sprinten, ihr Interview geben,
bissi was trällern und dann ab zu MTV.
Und wehe die haben da auch so ein grottenschlechtes Catering wie der Sender
gestern in Köln.
Da schmeckt ja Pappe besser als das, was die uns als Sandwich andrehen wollten“
„Ach Davey. Ich glaub ich werd nie den Tag erleben, wenn mal alles nach deinen
Wünschen läuft und der Tag in deinen Augen perfekt ist.
Andere Menschen auf dieser großen weiten Welt hätten dir den blanken
Hintern geknutscht, wenn sie auch nur an dem Sandwich hätten riechen können,
das du, nachdem du einmal abgebissen hast, achtlos in den Müll geworfen
hast.“
„Bist du zu Amnestie International gewechselt oder warum laberst du mich hier
von der Seite voll?“ Dave sah Jake mit gerunzelter Stirn an.
„Ab ins Studio, Jungs“, wandte sich Jake in den Van und verzog sich aus der
Schusslinie.
*
13:30
Fröstelnd nippte Sally am Becher Kaffee und betrachtete ein letztes Mal ihre wunderschöne Brücke aus Backstein und schlug dann, vor sich hin lächelnd, den Weg zurück zum Bahnhof ein.
„Genug Kraft gesammelt. Auf in die letzte Runde.“ Mit Schwung pfefferte sie
den Pappbecher in den orangefarbenen Mülleimer der an einem Laternenpfahl
angebracht war, und lief an der East Side Gallery zurück in Richtung Ostbahnhof.
Sie drehte sich immer mal wieder um und sah ein letztes Mal zu ihrer Brücke,
bis sie aus ihrem Sichtfeld verschwand.
„Wir sehen uns bestimmt mal wieder. Versprochen.“
Sally vergrub ihr Gesicht im Schal und steckte die Hände tief in die Taschen
ihres Mantels.
Gedankenverloren lief sie den Fußweg entlang, während neben ihr der
Autoverkehr vorbeizog.
*
Dave trommelte im Takt der Musik mit dem Daumen auf dem Lenkrad rum und bog
am Ostbahnhof ab und befand sich nun auf dem Weg zu MTV.
Hinten im Van saßen Kian, Nicky und Shane.
Mark und Rowen wurden kurzerhand bei Jake einquartiert, nachdem Shane einen
halben Zwergenaufstand gemacht hatte.
„Ich fahr keinen Meter, wenn die zwei wieder knutschend neben mir sitzen. Nichts
gegen euch oder eure Liebe und Zuneigung füreinander, aber ein bisschen
Rücksichtsnahme wird ja wohl mal drin sein, oder?“, hatte er sich über
Mark und Rowen aufgeregt und Dave hatte beschlossen sich das Gezeter nicht länger
mitanzuhören, und Shane einfach einen Van weiter geschoben und die Tür
hinter ihm zugemacht, ohne große Diskussionen zu führen, wer mit
wem, wann und wo wild knutschend seine Zeit verbringt.
Eigentlich wollte er ihn noch freundlich auf sich und Gillian aufmerksam machen,
aber er beschloss es lieber bleiben zu lassen.
Sein Tag hatte eh schon beschissen angefangen, also schwieg er und konzentrierte
sich einfach auf den Straßenverkehr.
Kian und Nicky diskutierten gerade über die neuesten Fußballergebnisse als Dave plötzlich auf die Eisen stieg und aus dem Van sprang – mitten auf der Straße.
„Was ist denn jetzt ... ach herje“, kicherte Nicky und zeigte auf Dave, der
wie ein Irrer den halben Weg zurück rannte.
„Was denn mit dem los?“
Shane drehte sich nun auch um und schaute sich das Schauspiel an, was sich vor
seiner Nase abspielte.
Kian schnallte sich ab, kletterte aus dem Van und schmiss sich hinters Steuer.
Dann fuhr er das Auto kurzerhand auf den Bürgersteig und stieg aus.
„Schicksal“, flüsterte er als er Dave sah, wie er am Ziel ankam.
*
„SALLY! SAL!“
Erschrocken drehte sie sich um und traute ihren Augen nicht.
„Dave“, flüsterte sie.
Ohne zu zögern setzte sie sich in Bewegung, wurde schneller und rannte
auf ihn zu.
Tränen schossen in ihre Augen und ihr Herz schien ihr fast aus der Brust
zu springen.
Überglücklich fielen sie sich um den Hals und konnten noch gar nicht
glauben, sich endlich wieder zu haben.
*
Jake, der vorn an der Kreuzung gewendet hatte und nun auf der gegenüberliegenden
Fahrbahn stand, stieg aus und lief zu Kian rüber.
„Was denn bei euch los? Ist was passiert?“
„Die Liebe ist passiert, Jake. Nur die Liebe“, seufzte Kian und lehnte sich
mit dem Kopf an seiner Schulter an.
„Wer ist das?“, fragte Shane, der sich zusammen mit Nicky zu den beiden gesellte.
„Sally“, kam es von Kian und Nicky gleichzeitig.
„Die Tusse vom Flughafen?“
„Nein“, kam es von Kian. „Daves Freundin.“
*
„Oh Gott ... ich kann noch gar nicht glauben, dass du leibhaftig vor mir stehst“,
schluchzte Sally auf und strich Dave immer wieder über die Wange.
„Ich auch nicht“, schniefte Dave und küsste sie immer wieder zärtlich
und zog sie in seine Arme.
„Was machst du hier?“
„Arbeiten. Die Jungs haben einen Termin bei MTV.“
„Ja, was stehst du denn noch hier rum? Husch, los. Nicht das ihr zu spät
kommt.“
„Komm mit, bitte. Danach haben die Jungs frei und müssen morgen nur noch
zu einer TV-Show. Wir sind bis Freitag hier.
Bitte komm mit Sal. Bitte, bitte, bitte, bitte.“
Kichernd schüttelte sie den Kopf und küsste ihn dann liebevoll.
„Aber nur, wenn sie nichts dagegen haben.“
„Werden sie nicht. Und wenn, dann haben sie Pech.“ Er hob sie hoch und Sally
stützte sich auf seinen Schultern ab.
„Mein Baldy“, kicherte sie, beugte sich herunter und drückte ihm einen
fetten Knutscher auf seinen kahlen Kopf und dann versanken sie in einem scheinbar
endlosen Kuss.
*
Hysterisches Kreischen und wildes durcheinander ließ beide auseinander
stoben und Dave drehte sich in die Richtung, aus der der Lärm kam.
Sally konnte gar nicht so schnell reagieren, als Dave plötzlich, wie von
der Tarantel gestochen, in Richtung des Vans rannte, der von einer Mädchentraube
umringt wurde.
„Würdet ihr bitte? Nein kannst du nicht. Ja red ich denn spanisch?!“ Jake
hatte alle Hände voll zu tun, den Jungs die Mädchen vom Hals zu halten
und war sichtlich erleichtert, als Dave sich einen Weg durch die Menge bahnte
und einen Brüller los ließ.
„AUSEINANDER! ODER ICH ZERR GLEICH MAL AN EUCH RUM!“
Für einen Moment war es still.
Und wenn der Verkehrslärm nicht gewesen wär, dann hätte man eine
Stecknadel fallen hören können.
Dann schoben die beiden Männer die Jungs in den Van, und selbst Shane fand
sich damit ab, dass er wieder mit Mark und Rowen, die zwischenzeitlich auch
den Weg über die Straße gefunden hatten, zusammen sitzen musste.
Hauptsache die Fleischbeschauung und das Gegrapsche hatten ein Ende.
Als die Jungs sicher verstaut waren lief Jake wieder zum anderen Van über
die Straße und machte sich auf den Weg, um wenden zu können.
Sally stand etwas, von der ganzen Situation eingeschüchtert, abseits und
verfolgte das Geschehen.
Dave ging zu ihr, legte eine Hand auf ihren Rücken und schob sie mit sanftem
Druck in Richtung Van.
„Los, spring vorn rein. Wir müssen weiter.“
Sie wollte ihm gerade sagen, was sie noch alles in ihrer Wohnung zu tun hätte,
aber den Gedanken schob sie schnell wieder beiseite.
Beide setzten sich in das Auto und Dave fuhr los, in Richtung MTV-Studios.
„Hi Sally“, meldete sich eine Stimme dicht hinter ihr und sie rutschte im Sitz
herum.
„Hi ...“, man konnte es rattern sehen. Wie hieß er doch gleich? „Kaugummimann“,
lächelte sie.
„Ich hab leider deinen Namen vergessen“, fügte sie schüchtern hinzu
und ihre Wangen färbten sich leicht rosa.
„Nicky“, grinste er und klopfte ihr freundschaftlich auf die Schulter.
Kian und Shane grinsten um die Wette, während Mark sich quer zwischen die
beiden schob, und ihr seine Hand entgegen streckte.
„Hi!“ grinste er breit und Sally schüttelte seine Hand.
Der schlafende Playboy ausm Flugzeug.
„Mark“, sagte er schnell.
Wer weiß, welche Bezeichnung sie für ihn hatte.
Dann lehnte er sich wieder zurück und Kian und Shane stöhnten erleichtert
auf und reckten ihre Hälse.
Sally nickte lächelnd und sah zu den anderen beiden Männern.
Dave schmunzelte vor sich hin und sah kurz zu ihr herüber.
„Und du bist bestimmt ...“
„Shane. Einfach nur Shane. Ohne Kaugummi“, grinste er und Sally kicherte leise.
„Hallo Shane.“
Dann drehte sie ihren Kopf leicht nach links und lächelte.
Das war der nette Mann, der ihr so geholfen hatte, als der Vorfall auf der Toilette
war.
„Dann bist du Kian, oder?“
Kurzes Schweigen, dann brach ne halbe Party im Van los.
Sally lachte auf, und stimmte in das Jubelgeschrei der Jungs mit ein.
„Äh ... Moment.“ Nicky hielt in der Bewegung inne und sah sie an.
„Wieso kennste denn bitte den Kurzen beim Namen und uns nicht?“
„Weil ... weil ... äh.
Also du und Shane, ihr habt Eheringe auf den Fingern, aber ich weiß dass
Kian nicht verheiratet ist.
Mark schmust mit dem Herren da neben sich.
Also kann das ja nur Kian sein, nicht.“ Der Freund, oder auch Ex-Freund, von
Jodi Albert, fügte sie gedanklich hinzu.
„Klingt logisch.“
Kian zwinkerte ihr zu und grinste breit.
„Tja Jungs, ich bin eben ein gefragter Mann.“
„Diskussion beendet?“ Dave sah in den Rückspiegel. „Wenn ja, dann rüstet
euch zum aussteigen. Aber erst, wenn ich euch das Okay dazu gebe. Bis dahin,
rührt ihr euch nicht vom Fleck.“
„JA, PAPI!“, kam es mehrstimmig und Sally biss sich auf die Unterlippe um nicht
loszuprusten.
„Vorsicht“, schmunzelte Dave, beugte sich zu Sally, drückte ihr einen Kuss
auf die Schläfe und stieg dann aus dem Van.
Jake und er schaufelten eine Weg zum Studioeingang frei, dann ging Dave zum
Van zurück und schob die Tür auf.
Sofort stürmten die Mädels in diese Richtung und Dave drehte sich
zu ihnen um.
„Noch einen Schritt weiter, und ich vergess mich! Zurück!“
Sie liebten ihre deutschen Fans.
Ja, das taten sie wirklich.
Aber mussten die denn immer gleich so einen Aufstand machen?
Dave winkte Jake zu sich, dann ging es los.
Die Jungs stiegen aus dem Van und sofort streckten sich ihnen Hände, bewaffnet
mit Eddings in den verschiedensten Farben entgegen.
Fotoapparate wurden gezückt und sie in die Gesichter der Jungs gedrückt,
um ja ein gutes Foto zu bekommen.
Es wurde an ihren Klamotten rumgezerrt und ihre Namen wild durcheinander gebrüllt.
Dave und Jake hatten alle Hände voll zu tun und schoben die Jungs in Richtung
Studioeingang, wo bereits ein paar Mitarbeiter von MTV warteten, die die Jungs
in Empfang nehmen sollten.
Sally beobachtete alles, ungläubig mit dem Kopf schüttelnd, von ihrem
Sitz aus.
Nicky verschwand als erster in der Tür, gefolgt von Shane und Kian.
Zum Schluss verschwanden Mark, Dave und Jake in der Tür, die daraufhin
geschlossen wurde.
„Äh, ja. Lasst mich ruhig allein hier. Ist ja nicht so, dass ich hier
ganz spontan mit den Mädels, die mich nicht gerade mit den freundlichsten
Blicken bewerfen, eine Party steigen lasse.“ Schnell drückte sie die Zentralverriegelung
und lehnte sich in den Sitz zurück und betete das alles schnell vorbei
sein würde.
„Vielleicht sollte ich doch nach hinten verschwinden“, murmelte sie und schob
sich von ihrem Sitz um nach hinten zu krabbeln, als sich plötzlich jemand
räusperte.
„Wir können ja hier drinnen ne Party feiern, ohne die Mädels da draußen.“
Das Anhängsel von Mark.
Den hatte sie ja schon wieder völlig vergessen.
„Äh ...“, sie plumpste auf die Rückbank und drehte sich zu ihm um.
„Bevor wir hier ganz spontan die Luftschlangen und das Konfetti durch die Gegend
werfen, sollte ich dann nicht erst deinen Namen wissen?“
„Ja klar. Entschuldige. Ich bin Rowen, hallo.“
Er beugte sich vor, streckte seine Hand aus und Sally schlug lächelnd ein.
„Sally. Nett dich kennen zulernen, Rowen.“
Rowens Blick wurde plötzlich irgendwie anders.
„Sally? DIE Sally?“
Sie wusste gar nicht, warum er plötzlich reagierte, als sei sie die Queen
persönlich.
„Oh mein Gott!“, quietschte er und krabbelte über den Sitz neben sie und
zog sie ohne Vorwarnung in seine Arme.
„Du bist die Frau, die meinem Bärchen so geholfen hat. Ich bin dir so dankbar
dafür.“
Etwas überrumpelt hing sie hier in seinen Armen und wurde von ihm wie ein
Kleinkind hin und her geschüttelt.
*
„Ich glaub jetzt bin ich durchgeschüttelt“, keuchte Sally und drückte
sich etwas energischer von Rowen weg.
Dieser hätte sie am liebsten wieder sofort in seine Arme gezerrt, aber
der etwas strenge Blick von ihr, ließ ihn in seiner Bewegung inne halten.
Räuspernd legte er die Hände in den Schoß und sah Sally einfach
nur an.
„Ich bin so froh, dass sie damals in Newcastle für ihn da waren, Sally.“
Sie winkte ab und band sich ihre Lockenpracht zu einem Zopf.
„Ich hab nur das getan, was jeder getan hätte, wenn er in diese oder eine
ähnliche Situation geraten wäre. Ich hab nur geholfen.“
Sally ließ ihre Arme wieder sinken und sah durch die getönte Scheibe
nach draußen, wo sich die Mädels wieder beruhigt hatten und nun in
der Kälte darauf warteten, dass ihre Idole irgendwann wieder den Weg nach
draußen antraten.
„Sagen sie, Sally. Was machen sie hier in Berlin? Ich dachte, sie kommen auch
aus Irland.“
„Das tue ich auch“, lächelte sie ihn an und zuckte erschrocken zusammen,
als jemand an die Scheibe klopfte.
Beide sahen sie sich an.
„Meinst du wir sollten ... aufmachen?“ kam es leise von Sally.
„Ja bist du denn des Wahnsinns? Ich dachte, du willst noch ein paar Tage deines
Lebens zusammen mit Dave genießen“, zwinkerte Rowen lächelnd.
„Du meinst ... oh“, kam es von ihr und sie räusperte sich. „Okay, dann
bleibt die Tür verriegelt, und hier kommt erst wieder jemand rein, wenn
er die richtige Losung kennt.“
Beide fingen sie an zu lachen und plauderten anschließend noch eine Weile.
Das schien der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zu werden.
*
Im Inneren der MTV-Katakombden herrschte ein eiliges durcheinander und Westlife
wurden in die Maske gebeten.
Zeit für Dave und Jake, eine kurze Pause einlegen zu können.
„Davey, Davey, Davey“, grinste Jake und biss kopfschüttelnd vom Käsesandwich
ab.
„Gibt’s ein Problem?“ nuschelte er mit vollem Mund und nippte an der Cola.
„Ist schon Wahnsinn, wie einen doch die Liebe verändern kann.“
„Hä?“
Jake prustete los und verschluckte sich fast an dem letzten Bissen.
„Na du und das Mädel. Ich wusste gar nicht, dass du auch ...“
„Pass bloß auf was du sagst, Jake“, zischte er ihn an, denn er wusste
auf welcher Ebene das Gespräch weiterlaufen sollte.
Jake, wie auch Toni, waren keine Kostverächter, was das weibliche Geschlecht
anging und konnten keinem noch so kurzen Rock schnell genug hinterher sprinten.
„Sie ist keine Frau für nur eine Nacht. Und eins sag ich dir. Wenn du oder
Toni es auch nur wagt, ihr einen Schritt zu nahe zu kommen, dann vergess ich
meine gute Kinderstube und das du ein Freund von mir bist.“ Mit diesen Worten
stand Dave auf, schob sich den letzten Bissen seines Salamisandwichs in den
Mund, schnappte sich blind zwei weitere und zwei Dosen Cola und machte sich
auf den Weg.
Jake sah ihm nach und schluckte.
Dave Last schien tatsächlich mehr für diese Frau zu empfinden, als
er angenommen hatte.
*
Herzliches Gelächter drang an sein Ohr, als er kurz davor war die Tür
des Vans zu öffnen und in seinem Herzen machte sich eine angenehme Wärme
breit.
Oh ja, er liebte diese Frau, die sich hinter dieser Tür im Inneren des
Wagens befand und er würde sie um keinen Preis der Welt wieder hergeben
wollen.
Das wurde ihm von Tag zu Tag mehr bewusst.
Vor allem die letzten Tage der Promo zerrten an seinen Nerven.
Diese Ungewissheit nicht zu wissen ob es ihr gut ging, da er ja, bis zu seinem
Anruf bei Josie, nicht wusste was mit ihr war, da plötzlich der Kontakt
zu ihr abbrach.
Als er dann von ihr erfuhr, dass Sally sich momentan in Berlin aufhielt und
ihr Ladegerät vergessen hatte, ließ ihn erleichtert aufatmen und
ein wenig beruhigter schlafen.
Vorsichtig klopfte er an die Tür und seine Hand umfasste schon den Türgriff
als...
„Wie ist die Losung?“, hallte es ihm zweistimmig und dumpf entgegen und dann
hörte er die beiden Insassen wie zwei Hühner gackern.
Oh ja, er liebte sie.
„Ich liebe dich?“
Sally hielt kurz in ihrer Bewegung inne, drehte sich zur Tür und schob
sie auf.
„Wow! Sag bloß das war die richtige Losung?“ kicherte Dave und Rowen musste
sich zusammenreißen nicht aufzuquietschen, denn SO hatte er Dave NOCH
NIE erlebt.
Sie streckte ihre Arme aus, legte sie um seinen Hals und rutschte dann von ihrem
Sitz und in seine Arme, die sie sofort fest aber dennoch zärtlich umschlangen
und eng an seinen Körper zogen.
„Yep, das war sie“, grinste sie, stellte sich auf Zehenspitzen, zog sein Gesicht
näher an sich und hauchte einen Kuss auf seine vollen Lippen.
„Dann bin ich beruhigt“, raunte er leise, als sie sich voneinander lösten
und räusperte sich.
„Ich dachte ihr habt Hunger und Durst, und darum hab ich euch ein Sandwich und
ne Cola besorgt.“
„Da hast du ganz richtig gedacht, Baldy“, zwinkerte sie und löste sich
wieder ganz von ihm.
Dave gab ihr und Rowen jeweils ein Sandwich und eine Cola, dann kletterte er,
nach Sally, in den Van und schob die Tür zu.
*
„Geschafft!“ Nicky riss die Arme in die Höhe und ließ sich rücklings
auf sein Bett fallen und atmete tief durch. Nun war auch der zweite Tag rum,
und morgen würde es endlich wieder zurück nach Dublin gehen, zurück
zu seiner schwangeren Frau.
Promotermine in Deutschland waren mit die schlimmsten.
Entweder hatten sie die dämlichste Moderatorin extra für diesen Tag
aus ihrem freien Tag zurück an ihren Arbeitsplatz beordert, ihr den kürzesten
Rock an den Hintern geklebt der sich finden ließ um von ihrem hohlen Hirn
abzulenken, oder waren einfach nur zu faul sich mal ein paar neue Fragen einfallen
zu lassen, und hatten einfach die Karteikarten vom letzten Mal hervorkramt und
die Fragen einfach ein wenig anders formuliert, aber am Ende kam eben doch der
gleiche Müll bei raus.
Bis auf eine Frage.
„Es halten sich Gerüchte, dass Brian die Band verlassen will.
Was ist da dran?“
Mit Grauen hatten sie alle diese Frage vernommen und Mark war derjenige, der
sie schließlich beantwortete.
„Es ist nur ein Gerücht.“ Dann lächelte er tapfer in die Kamera und
zeigte den erhobenen Daumen.
Wie es aber dabei in seinem Inneren aussah, das wussten lediglich seine drei
Bandkumpels, die in seiner direkter Nähe saßen.
Nicky seufzte auf und fuhr sich müde über sein Gesicht.
Sein Magen meldete sich auch schon seit geschlagenen zwei Stunden zu Wort und
er beschloss, das riesige Loch mit ein paar kulinarischen Köstlichkeiten
zu füllen.
Er machte sich auf den Weg in Richtung Treppenhaus, als ihm Kian entgegen kam.
„Hallo Daddy“, feixte Kian und ging in Richtung seines Zimmers.
„Bist du wohl still!“ grinste Nicky und stieß die Tür zum Treppenhaus
auf.
„Warte mal, Nix.“ Kian drehte und ging zu ihm.
„Was hältst du davon, wenn wir heute Abend alle die Sau rauslassen, du
dem Rest erzählst, dass du nen kleinen Stinker auf Reisen geschickt hast
und Brian später in alles einweihst?“
Kian lehnte sich an die Wand und vergrub die Hände unter seinen Achseln.
Nicky kratzte sich am Hinterkopf, zog die Stirn kraus und sah ihn an. Dann breitete
sich ein grinsen auf seinem Gesicht aus und er schlug Kian auf die Schulter.
„Klingt gut, zumindest was die Feierei anbelangt.
Und wohin? Irgendeine Ahnung, wo man hier so richtig abfeiern kann?“
„Wohn ich hier?“ Er hob die Arme und grinste breit.
„Dann schwing deinen Hintern und mach dich schlau, war schließlich dein
Vorschlag.
Ich bin mir jetzt jedenfalls was hinter die Kiemen schleudern. Man sieht sich.“
Ohne Kians Antwort abzuwarten lief er ins Treppenhaus und dann in Richtung Hotelrestaurant.
Kian lachte leise auf und ging dann wieder in Richtung seines Zimmers und verschwand
kurz darauf darin.
*
„Geschafft!“ Sally riss die Arme in die Höhe und führte einen Freudentanz
auf. Sie rannte jauchzend und kichernd durch ihre leere Wohnung und sprang dann
auf ihrem Bett rum, als ob es eine Hüpfburg wäre.
Nachdem Dave gestern die Jungs am Hotel abgesetzt hatte, brachte er sie heim,
obwohl er sie am liebsten gar nicht mehr hätte gehen lassen wollen.
Nachdem sie ihm aber ausführlich erklärt hatte, dass sie noch einiges
in ihrer Wohnung zu tun hatte, damit sie bis zur Übergabe komplett fertig
war, hatte er klein bei gegeben.
Als sie einen flüchtigen Blick auf ihre Armbanduhr warf riss sie die Augen
auf und rannte fluchend in ihr Bad.
Dave würde sie in 10 Minuten abholen und sie sah immer noch so aus, als
ob sie gerade in einen Farbtopf gefallen war.
Wie sollte sie das nur in der kurzen Zeit schaffen?
Sie riss sich buchstäblich die Kleider vom Leib und war gerade dabei unter
die Dusche zu springen, als es an ihrer Tür Sturm klingelte.
„Argh! Nein, nein, nein! Müsst ihr immer dann pünktlich sein, wenn
man es sich am wenigsten erhofft!“ Fluchend riss sie das große Badetuch
vom Wäschehalter an der Wand, wickelte es sich um und lief zur Tür.
„Ja?“ Sie drückte die Gegensprechanlage und lauschte.
„Ich bin’s.“
Sally lächelte.
„Wer ist ich?“
Dave grinste.
„Na ich.“
„Tut mir leid. Ich kenne keinen ‚Na ich’. Sie müssen sich in der Hausnummer
geirrt haben.“
Sally trampelte auf der Stelle und feixte vor sich hin.
„Sal, bitte mach auf. Hier draußen ist es arschkalt und dein Baldy friert
sich hier noch die restlichen Haare ab.“
Das war zu viel.
Sally brach in schallendes Gelächter aus und sie drückte den Türöffner
und machte ihre Wohnungstür einen Spalt auf.
Dave schlüpfte in ihre Wohnung und rieb sich die Hände.
„Himmel ist das kalt da draußen“, grummelte er, schloss die Tür und
sah sich um.
„SAL! Bei dir wurde eingebrochen! WO sind deine Möbel?“
Am liebsten hätte sie sich auf den Boden geschmissen, laut geschrieen und
mit den Beinen gestrampelt.
Allein das Gesicht von Dave war göttlich.
Große Augen, den Mund aufgerissen und ein schelmisches Flackern in den
Augen.
„Ach du Schreck. Du hast Recht. Schnell ruf die Polizei! Das SEK!
Nein, ruf am besten gleich den CIA.
Is ja gemeingefährlich wo ich hier wohne. Da werden dir doch glatt die
Möbel buchstäblich unterm Hintern weggeklaut.“
Dave sah sie an und stemmte die Arme in die Hüften.
„Sally Ryan. Machst du dich über mich lustig?“
Kichernd zwinkerte sie ihm zu und rannte in ihr Badezimmer, Dave hinterher.
„Na wirst du wohl. Tsäs, ich will duschen, also raus hier.“
Sie legte ihm ihre Hände auf die Brust und schob ihn mit leichtem Druck
in Richtung Tür.
Doch so schnell konnte sie gar nicht kucken wie er ihre Handgelenke packte,
sie an sich riss und sich mit ihr drehte und sie plötzlich mit dem Rücken
an der Tür stand.
Langsam schob er ihre Arme nach oben und strich mit seine Händen ihre Arme
hinab bis zu ihrem Hals.
Sally starrte ihm regungslos an und ein Kloß machte sich in ihrem Hals
breit.
Dave nahm ihr Gesicht in seine Hände, beugte sich langsam zu ihr herunter
und als sie seinen warmen Atem, vermischt mit seinem herben Aftershave entwich
ihrer Kehle ein tiefer Seufzer und sie presste ihre Lippen auf seine, die sich
sofort gegenseitig auf ihre Art und Weise willkommen hießen.
Atemlos lösten sie sich nach einer halben Ewigkeit wieder voneinander und
sahen sich einfach nur an.
Ließen ihre Blicke über das Gesicht des anderen schweifen und blieben
immer wieder an den Augen und Lippen hängen.
„Magst du mir den Rücken einseifen“, kam es heiser und Dave huschte ein
lächeln über seine Lippen.
*
Pünktlich trafen sie am Hotel ein und Sally lief Hand in Hand mit Dave
in die Lobby.
„Ich sollte mich wohl besser an die Blicke der Mädels gewöhnen, oder?“
„Wieso?“
Dave kam mit ihr an der Rezeption an und ließ sich telefonisch mit dem
Zimmer von Jake verbinden.
Sally wollte sich gerade zu der hellen Ledersitzecke begeben, als sie ihren
Namen hörte.
Sie drehte sich um und sah Nicky auf sich zu kommen.
„Hallo, schöne Frau“, begrüßte er sie herzlich und Sally musste
schmunzeln. Kein Wunder das ihm die halbe Frauenwelt zu Füßen lag,
wenn er nur so mit Komplimenten um sich schmiss und seine Zahnspange blitzen
ließ.
„Hallo, Mr. Schneekette“, grinste sie und amüsierte sich köstlich
über seinen etwas dummen Gesichtsausdruck.
„Wie auch immer. Ich wollte mir grad was hinter die Kiemen schaufeln.
Magst du mitkommen?“
„Jetzt wo du es sagst. Ja, ich könnt auch ne Kleinigkeit vertragen. Ich
sag nur eben Dave Bescheid, okay.“
„Was ist mit mir?“
„Die Schneekette und ich wollten was essen gehen. Kommst du mit?“
Nicky sah zu Dave und zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung wen sie meint, Davey“, kicherte er und machte sich langsam auf
den Weg zum Hotelrestaurant.
„Erst will ich wissen, was du vorhin gemeint hast als du sagtest, du solltest
dich jetzt wohl besser an die Blicke der Mädels gewöhnen.“
„Das, mein Schatz, bekommst du schon noch früh genug mit“, grinste sie,
drückte ihm einen Kuss auf und folgte Nicky anschließend.
„Wieso bitte, erfahr ich immer als letztes“, murmelte er und schloss sich den
Beiden an.
*
4 Stunden später
Bereits etwas angeheitert gröhlten sie mit den anderen Gästen im
Beer-Salon am Ku’damm um die Wette, und hatten sichtlichen Spaß am wöchentlich
stattfindenden Karaoke Abend.
Nicky und Shane lagen sich bei jeder Schnulze in den Armen, während Rowen
und Mark aneinander zu kleben schienen.
Dave und Sally warfen sich immer wieder verliebte Blicke zu und küssten
sich ab und an, während Kian sich an seinem Bierglas festhielt und mit
seinen Gedanken völlig woanders zu sein schien.
Er stand auf und kämpfte sich einen Weg zu den Toiletten frei.
Nicky sah ihm nach und seufzte leise auf. Er konnte sich denken, warum sein
Kumpel so abhing.
„Bin gleich zurück. Muss nur mal die Boa würgen.“
Shane und Dave brüllten los und fielen fast von den Stühlen.
„SO“, er zwinkerte Sally zu, „sehen neidische Männer aus.“
„Ach, ich glaub nicht, dass Dave auf dich neidisch sein muss“, pfefferte sie
ihm trocken entgegen und leckte sich unbewusst über die Lippen.
Nicky drehte sich völlig sprachlos um und verschwand in der Menge.
Kian stützte sich mit den Armen grad am Waschbecken ab, als Nicky die
Toilette betrat.
„Du vermisst sie, oder?“
„Mhm.“
„Du würdest jetzt gern mit ihr um die Häuser ziehen, oder?“
„Mhm.“
„Du hast dich in sie verliebt, oder?“
„Mhm ... hä? In wen?“
„Die Queen“, rollte Nicky mit den Augen und ging zu den Pissoirs hinüber.
Gerade als Kian ansetzen wollte sprach Nicky weiter.
„Wo warst du letztes Wochenende?“
„Dublin.“
„Bei wem?“
„Josie.“
„Da ist sie, die Antwort“, jubelte er und gesellte sich kurz darauf zu ihm und
wusch sich die Hände.
„Ach du siehst doch Gespenster, Nicky. Ich und in Josie verknallt.“ Er schnaubte
auf und zeigte ihm einen Vogel.
„Du willst mir jetzt also erzählen“, er zog 3 Papierhandtücher aus
dem Spender, trocknete sich die Hände ab, zerknüllte es und warf es
in den Papierkorb, „das du nicht an Josie denkst?“
„Selbst wenn ich an sie denke heißt das noch lange nicht, dass ich sie
vermisse, an sie denke oder mich, laut deiner Hirngespinste, in sie verknallt
hab. Sie ist nur ne Freundin, ich bin nur ein Freund und Schluss.“
Er ließ Nicky stehen und verließ die hygienischen Örtlichkeiten
wieder.
„Und ob du das bist. Du weißt es nur noch nicht, Goldlöckchen“, seufzte
er auf und folgte ihm kurz darauf.
*
„Du ... ihr ... jetzt? Bitte nicht“, flehten Mark und Dave im Chor und taten
alles, damit Rowen und Sally nicht die kleine Bühne stürmten, um ihr
musikalisches Talent der Menge zu präsentieren.
„Nicht nur du kannst singen“, grinste Rowen und schob Sally in Richtung Bühnenaufgang.
„Oh Gott“, jaulte Mark auf und vergrub sein Gesicht in den Händen.
„Nu übertreib mal nicht“, klopfte Dave ihm beruhigend auf den Rücken.
„So schlimm wird’s schon nicht werden.“
„Hast du ne Ahnung“, nuschelte er und sah zu ihm. „Du hast Row noch nie singen
hören, oder?“
„Nee, wieso?“
„Also gegen ihn ist ne Ziege die aufs Blech pinkelt Gold in meinen Ohren.“
„Oh je.“
Shane rutschte, als sich Kian und Nicky wieder zu ihnen gesellten.
„Was ist los?“ Kian nippte am Bier und sah zu Shane.
„Rowen will singen.“
„Oh je.“
Pfiffe und Gegröhle erklang, als Sally und Rowen vom Moderator angekündigt
wurden und vor den Bildschirm traten.
Sie fassten sich an den Händen als die ersten Takte erklangen und drehten
sich in die Richtung des Tisches an dem ihre Freunde saßen, und wenig
begeistert aussahen.
Sally schluckte, drückte kurz Rowens Hand und begann zu singen.
You know I can't smile without you
I can't smile without you
I can't laugh and I can't sing
I'm finding it hard to do anything
You see I feel sad when you're sad
I feel glad when you're glad
If you only knew what I'm going through
I just can't smile without you
You came along just like a song
And brighten my day
Who would of believed that you where part of a dream
Now it all seems light years away
Dave starrte auf die Bühne und schluckte die aufkommenden Tränen
herunter. Die Frau war einfach der pure Wahnsinn.
Rowen lächelte Sally an und setzte dann ein, während er Mark ansah.
And now you know I can't smile without you
I can't smile without you
I can't laugh and I can't sing
I'm finding it hard to do anything
You see I feel sad when your sad
I feel glad when you're glad
If you only knew what I'm going through
I just can't smile
Mark schluchzte auf und warf sich Dave an den Hals, den nun auch die Gefühle
übermannten.
Sally schossen die Tränen in die Augen und Rowen sang weiter.
Now some people say happiness takes so very long to find
Well, I'm finding it hard leaving your love behind me
And you see I can't smile without you
I can't smile without you
I can't laugh and I can't sing
I'm finding it hard to do anything
You see I feel glad when you're glad
I feel sad when you're sad
If you only knew what I'm going through
I just can't smile without you
Als der Song endete sahen sie sich an, umarmten sich und verließen unter
tosendem Applaus die Bühne.
Kian, Nicky und Shane sprangen auf und jubelten ihnen lautstark zu, als sie
an den Tisch zurückkamen.
Kichernd winkten beide ab und ließen sich mit zittrigen Knien auf ihre
Stühle sinken.
Dave fand als erster die Fassung wieder, wischte sich die Tränen weg und
zog Sally auf seinen Schoß.
„Ich ... also ... du ...“, schluchzte er auf und Sally legte einen Finger auf
seinen Mund.
Kian, Nicky und Shane sahen sich an und schüttelten ungläubig die
Köpfe. Dave Last war tief in seinem inneren ein total romantisches Weichei
und passte nun um so besser in den Kreis der Westlifer.
„Ich liebe dich, Dave“, flüsterte sie und küsste ihn sanft.
Als dann auch noch Rowen und Mark ihre Liebe mit einem Kuss besiegelten seufzten
alle auf und feierten dann noch bis zum Morgengrauen.
*
Während die Jungs und Sally noch friedlich in den Hotelbetten lagen und
tief und fest schlummerten, ging Josephine in Dublin grad durch die Hölle.
Was war passiert?
Als sie am Dienstag vom Flughafen zurückkam, fand sie einen Brief in ihrem
Briefkasten, der vom Kurier gebracht wurde.
Nichts ahnend riss sie ihn auf und taumelte im nächsten Moment auch schon
in ihr Wohnzimmer und ließ sich geschockt auf ihr Sofa nieder.
Der Brief kam von Louis Anwälten und hatte im Anhang ein Schreiben der
Dubliner Staatsanwaltschaft.
Immer wieder las sie ihn sich durch und spürte wie sich ihr Magen nach
links drehte.
Wie vom Blitz getroffen rannte sie los und schaffte es gerade noch rechtzeitig
auf ihr Gästeklo im Erdgeschoss, als sie sich ihr Frühstück auch
schon durch den Kopf gehen ließ.
Nun saß sie hier im Zeugenstand des Gerichts und musste der Staatsanwaltschaft
Rede und Antwort stehen, in welcher Beziehung sie und ihr Mann, Frank Parker,
zu Tom Klien stehen bzw. standen.
„Ich habe und werde nie, hören sie mich, NIE in irgendeiner Beziehung zu
diesem Widerling stehen, der für den Tod meines Mannes verantwortlich ist.“
Ihr Puls raste und ihre Stimme, wie auch ihr Körper, zitterten vor Wut
und Zorn.
„Misses Parker, ich darf sie doch freundlich darauf hinweisen, dass sie meinen
Mandanten nicht so abwertend betiteln“, meldete sich der Verteidiger von Tom
Klien zu Wort und Josephine wäre ihm am liebsten an die Gurgel gesprungen.
Was bildete sich dieser Fatzke eigentlich ein?
„Dieses widerwärtige Stück Abschaum verdient noch ganz andere Betitelungen“,
giftete sie ihn an und wurde vom Richter verwarnt.
Tom saß gelangweilt auf seinem Stuhl und schnaubte verächtlich.
Am liebsten wäre Josephine aufgesprungen und hätte alles möglich
mit ihm angestellt.
Wie sehr sehnte sie sich danach diesem widerwärtigen Stück Dreck seine
Überheblichkeit aus dem Gesicht zu prügeln.
Sie holte tief Luft und stand dann der Staatsanwaltschaft noch Rede und Antwort,
bevor sie nach knapp einer Stunde den Zeugenstand verlassen konnte.
Ihr Magen gehorchte ihr schon seit Tagen nicht mehr und egal was sie aß
oder trank, wollte nach knapp einer Stunde wieder an die frische Luft.
Geschafft und kraftlos saß sie in der Cafeteria des Gerichts und wartete
darauf endlich gesagt zu bekommen, dass ihre Anwesenheit nicht länger benötigt
wird.
Unschlüssig starrte sie auf ihr Handy und kämpfte mit ihrem inneren
Schweinehund, ob sie Kian anrufen sollte oder nicht.
Ja, er hatte ihr gesagt sie könne anrufen, wann immer sie ihn brauchte,
aber konnte sie ihn schon wieder die Ohren deswegen volljammern?
Seufzend entschloss sie sich dazu ihr Handy wieder wegzustecken und dann lieber
noch mal der Toilette einen Besuch abzustatten.
*
Grummelnd fischte er sein Handy vom Nachttisch und nahm das Gespräch an.
„Mhm.“
„Schwing dich in den nächsten Flieger nach Dub!
Der Prozess wurde vorgezogen und du musst morgen um 8:00 im Zeugenstand sitzen
und davor würd ich mit dir gern noch ein paar Fakten durchgehen.“
Mark schoss in die Höhe und auch Rowen war schlagartig wach.
Das bedeutete gar nichts gutes, wenn Mark auf einen Schlag hellwach war.
Sofort machte sich Unbehagen in ihm breit und er griff nach seinen Klamotten.
„Wie, der wurde vorgezogen?
Ich wusste ja nicht mal, dass da überhaupt schon ein Termin feststand,
Louis! Hattest du irgendwann in nächster Zeit auch mal vorgehabt, mir davon
zu erzählen?“ Grummelnd schob er seine Beine aus dem Bett, erhob sich und
Rowen hatte einen fantastischen Blick auf seine blanke Kehrseite.
Hastig schlüpfte er in seine Shorts und sah sich nach etwas zum schreiben
um.
Als er den kleinen Block auf dem mahagonifarbenen runden Tisch entdeckte, und
den Stift der daneben lag, schnappte er sich alles und notierte sich die Flugdaten,
die Louis im durchgab.
Dann legte er auf, schmiss sein Handy im hohen Bogen aufs Bett und schmiss seine
Klamotten in seinen blauen Koffer.
„Was ist den passiert?“
„Der Prozess ... Dublin ... ich muss mit dem nächsten Flieger zurück“,
stammelte er und schaute sich um, ob er auch alles eingepackt hatte.
„Ich komm mit!“ Rowen sprang aus dem Bett, zog sich in windeseile an und packte
seine Sachen zusammen.
„Nein ... Row du kannst nicht mit. Ich muss gleich zu Louis und wir gehen alles
noch mal in Ruhe durch.“
„Ja, aber ...“
„Nix aber. Ich bin dir wirklich für alles dankbar“, er ging zu ihm und
zog ihn in seine Arme, „aber da muss ich erst mal allein durch.
Flieg bitte mit den anderen am Nachmittag zurück.“ Zärtlich presste
er seine Lippen auf Rowens Stirn und löste sich dann wieder von ihm.
„Ich meld mich, wenn was ist, okay?“
Rowen nickte und beobachtete Mark wie er sich seinen Koffer schnappte und sich
auf den Weg machte.
Ein letzter Kuss an der Tür, dann lief er schnellen Schrittes den Gang
entlang und verschwand im Lift.
*
Er reagierte blitzschnell.
Schnell rannte er zum schräg gegenüberliegenden Zimmer und klopfte
gegen die Tür.
Aus dem Klopfen wurde ein Hämmern, als sich eine Weile niemand rührte.
Dann wurde die Tür geöffnet und Rowen schaute in das völlig zerknautschte
Gesicht von Dave.
„Was?“ Grummelnd blinzelte er ihn an und lehnte sich müde gegen die Tür.
„Wir müssen nach Dub. Jetzt! Sofort! Los!
Louis hat Mark angerufen und er ist auf dem Weg zum Flughafen. Wir müssen
hinterher, Dave.“
„Moment. Langsam.“ Dave fuhr sich übers Gesicht, rieb sich die Augen und
warf einen kurzen Blick zum Bett, in dem Sally lag und schlief.
„Ich bin gleich bei dir, okay. Dann erzählst du mir alles noch mal von
vorn.“
Die Tür wurde geschlossen und Rowen schnaubte auf.
Er ging zu seinem Zimmer zurück und wartete auf Dave.
Hastig schlüpfte er in seine Shorts, zog sich ein Shirt über und
hauchte Sally einen Kuss auf den Rücken, hob die Decke an, hauchte noch
einen auf ihren nackten Hintern und schmunzelte, als sie sich grummelnd regte
und sich auf die Seite drehte.
„Ich liebe dich“, flüsterte er und machte sich auf den Weg zu Rowen.
„Wo willst du hin?“ drang ein murmeln durch die Stille und Dave setzte sich
seufzend auf die Bettkante.
Sofort rutschte Sally zu ihm und kuschelte sich an ihn.
„Zu Rowen.“
„Wieso? Ist was mit Mark?“
„Ja. Er ist wohl grad nach Dub zurück.“
Sie blinzelte und sah zu ihm auf.
„Dub? Allein? Wieso?“ Sie setzte sich auf, wickelte die Decke um ihren Oberkörper
und lehnte ihren Kopf gegen seine Brust.
„Der Prozess wurde wohl vorgezogen, keine Ahnung. Das wollt ich ja grad rausfinden,
Kleines.“
Sally war mit einem Mal hellwach und starrte ihn mit großen Augen an.
„Oh Gott! Ich muss nach Dub, Dave!
Josie brauch jetzt jemanden an ihrer Seite. Kannst du die Flüge umbuchen?“
Sie sprang aus dem Bett, suchte ihre Sachen zusammen und schlüpfte hinein.
Dann rannte sie ins Bad, machte Katzenwäsche und rannte wieder aufgeregt
durchs Zimmer und warf sämtliche Klamotten die noch rumlagen in Daves Koffer.
„Sal, Süße, mach langsam. Die anderen liegen noch ...“
„Nicht mehr lange“, fiel sie ihm ins Wort, lief aus dem Zimmer und hämmerte
gegen die Türen der anderen.
„Aufstehen! Notfall! Sachen packen und ab! Flott!“ brüllte sie quer über
den Gang und Rowen riss erschrocken seine Tür auf.
Sally lief sofort zu ihm und umarmte ihn.
„Und wenn wir beide allein nach Dub fliegen, aber wir fliegen.
Keine Angst, du wirst an seiner Seite sein, wenn er dich am meisten braucht.
Dave kümmert sich um die Flüge.“
„Danke, Sal. Danke, danke, danke.“
„Keine Ursache. Wozu hat man Freunde, Süße.“ Kichernd drückte
sie ihm einen Kuss auf und drehte sich um, als hinter ihr eine Tür aufgerissen
wurde.
Mit Sack und Pack stand Nicky in der Tür und schaute erst zu Sally und
dann zu Rowen.
„Wasn los?“
Himmel, was war er doch goldig.
Sally musste schmunzeln, erklärte ihm kurz die Situation und Nicky schluckte.
„Wann geht der Flug?“
„In eineinhalb Stunden“, kam es von Dave.
„Dann lasst uns ...“
Kian stolperte völlig verpennt und mit seinen Sachen unterm Arm auf den
Hotelflur, und sah sie alle an.
„Fehlt nur noch Shane.“
„Kann mir mal bitte jemand verraten, warum ich hier mitten in der Nacht brüllenderweise
aus meinem Bett geschmissen werde?
Und wehe ihr habt keinen triftigen Grund, dann gnade euch Gott.“ Grummelnd ließ
Kian seine Tasche fallen und lehtne seinen Kopf gegen die Wand.
„Kann mal bitte jemand den Kerl mit dem Hammer aus meinem Schädel holen.“
„Verdammt noch mal!
Während ihr hier über solche kleinen Wehwehchen klagt sitzt Mark ALLEIN
im Flieger nach Dub!
Er muss morgen im Zeugenstand aussagen, und Louis will heute noch mal alles
mit ihm durchgehen. Der blöde Prozess wurde vorgezogen.“ Rowen drehte sich
auf der Stelle um, holte seine Tasche aus dem Zimmer und machte sich anschließend
auf den Weg zu den Aufzügen.
„Ich bin unten“, grummelte er und trat in den sich gerade öffnenden Fahrstuhl.
Sämtliche Farbe wich aus Kians Gesicht, er fischte sein Handy aus seiner
Jacke und suchte in seinem Adressbuch sofort nach Josephines Nummer.
*
Josephine lag zusammengerollt auf ihrem heimischen Sofa und versuchte etwas
zur Ruhe zu kommen.
Kaum hatte sie wieder etwas Fuß gefasst und ein paar Schritte nach vorn
getan, und das nur mit Hilfe von Kian, wurden sie um Meilen zurückgeschleudert.
Der heutige Tag zeigte ihr wieder einmal, dass sie noch immer nicht loslassen
konnte oder wollte.
Dicke Krokodilstränen liefen ihre Wangen hinunter und sie schluchzte immer
wieder herzerweichend auf, als ihr Handy auf dem kleinen Couchtisch vibrierend
umher schlingerte.
„Lasst mich doch alle in Ruhe“, brüllte sie es an und ließ es weiterklingeln.
Vor dem Gericht war die Hölle losgewesen.
Die Pressemeute hatte ihr gefundenes Fressen in diesem Prozess gefunden, und
zerrissen sich ihre Mäuler darüber.
Stellten Thesen auf und belagerten halbe Straßenzüge, um die besten
Fotos zu schießen.
Josephine versuchte ihnen zu entkommen, schaffte es aber nicht wirklich. Ständig
wurde sie wegen ihrem Mann befragt und wie sie sich jetzt fühle, wo doch
endlich der vermutliche Mörder ihres Mannes auf der Anklagebank saß
und ihm der Prozess gemacht wurde.
Alles was sie dazu sagte war immer „Kein Kommentar“.
Als zum wiederholten Male ihr Handy losging und fast vom Tisch fiel, schnappte
sie sich es, nahm das Gespräch an und wollte schon loswettern, als sie
seine vertraute Stimme vernahm.
„Josie, wie ... wie geht’s dir?
Gott, wieso hast du mich denn nicht angerufen? Ich hab doch gesagt, dass du
immer durchrufen kannst.“
Er entfernte sich ein wenig von den anderen, und ließ sich mit dem Rücken
an der Wand nach unten gleiten
„Kian ... ich ... sie ... wieso können mich diese ... diese ...“
„Flachwichser?“
„Genau! Wieso können die mich nicht endlich in Ruhe lassen? Die sollen
verschwinden“, heulte sie ununterbrochen ins Handy und Kian zog es das Herz
zusammen.
„Ich konnte dich nicht anrufen“, schluchzte sie und setzte sich auf.
„Du hast schon genug für mich getan. Und außerdem hast du genug mit
der Promo um die Ohren, da kannst du meine Probleme nicht auch noch gebrauchen.“
„Ach Kleines“, seufzte er auf. „Was redest du denn da für einen Unsinn?
Du wirst mir jetzt ganz genau zuhören, ja?“
„Mhm.“
„Du wirst dir jetzt ein heißes Bad einlassen, während ich mich in
den nächsten Flieger nach Dub setzte und mit Dave und Sally zu dir komme.
Dann wirst du dir die größte Pizza bestellen die es in ganz Dub gibt,
sie dir liefern lassen und ordentlich zuschlagen. Was du nicht schaffst, verschlingen
dann wir drei.
Und zu guter Letzt wirst du jetzt, während ich dich am Handy habe, vor
die Tür gehen ...“
„NEIN!“
„Hör mir doch mal zu, und stell dich nicht gleich stur, olle Kratzbürste
du“, schmunzelte er.
„Du wirst da jetzt raus gehen und den Flachwichsern zeigen, was du von ihnen
hältst.
Du hast so einen tollen Mittelfinger“, feixte er und auch Josephine musste schmunzeln.
Sie erhob sich, lief zur Haustür und atmete tief durch.
„Du schaffst das“, sprach Kian ihr Mut zu und hörte wie sie die Tür
öffnete.
Er hörte gedämpft ein paar Stimmen und wäre zu gern dabei gewesen,
als Josephine ihre Hand hob und ihren wunderschönen Mittelfinger der Meute
entgegenstreckte und wieder so schnell im Haus verschwand wie sie gekommen war.
„Du kannst so stolz auf dich sein, Josie“, flüsterte Kian lächelnd
und hätte sie jetzt zu gern in den Arm genommen.
„So, und jetzt gönnst du dir das Bad und ich mach mich auf den Weg zu dir.“
„Wieso tust du das alles, Kian?“
„Weil ich dein Freund bin, Josie.“
Er erhob sich wieder und ging zu den anderen, zu denen sich mittlerweile auch
Shane gesellt hatte.
„Bis später, Kleines.“
„Ja, bis dann.“ Sie legte auf, atmete tief durch und ging in ihr Bad.
*
Auf dem Weg zum Flughafen, und während des Fluges, hing jeder seinen Gedanken
nach.
Rowen hoffte, er würde Mark endlich davon überzeugen können,
dass er nicht alles, auch wenn er es noch so sehr wollte, vor allem um die anderen
zu schützen, im Alleingang erledigen konnte.
Nicky war gedanklich schon längst mit seinem Ohr an Georginas Bauch festgeklebt,
um auch ja nix zu verpassen, und sei es nur das Leiseste Gurgeln oder Glucksen.
Shane hatte sich seine Sonnenbrille tief ins Gesicht geschoben und saß
wie ein Schluck Wasser in der Kurve im Sitz und schlief.
Kian sah aus dem Fenster und beobachtete die Landschaft, die unter ihnen lag
und schmunzelte doch immer wieder über die Erkenntnis, wie klein die Welt
doch von hier oben war, aber was man doch alles für große Probleme
an/auf ihr austrug.
Dave nutzte den Flug und tat es Shane gleich.
Er hatte seinen Kopf auf Sallys Schulter gelegt und schlief.
Sally bereitete sich seelisch und moralisch schon mal auf das vor, was sie in
Dub, speziell bei Josephine, erwarten würde.
Sie hatte sich kurz mit Kian unterhalten und erfahren was mit Josephine los
war. Gedanklich malte sie sich die schlimmsten Sachen aus, um dann weniger schockiert
zu sein, wenn sie an Ort und Stelle des Geschehens ankam.
Als sich ihre Blase meldete seufzte sie leise auf und schaute zu dem Kopf, und
der Person dem er gehörte.
„Tut mir leid, Baldy“, nuschelte sie, hauchte einen zärtlichen Kuss darauf
und rutschte im Sitz nach vorn.
Vorsichtig löste sie sich von Dave und machte sich auf den Weg zu den Toiletten.
*
„Hallo, du.“ Eine Stimme neben ihm ließ ihn kurz zusammenzucken, und
dann drehte er ihr sein Gesicht zu.
„Hey. Alles klar, bei dir?“
Sally nickte und schluckte.
„Dave hat mir vorhin erzählt, dass du letztes Wochenende zu ihr geflogen
bist.“
Kian nickte und schluckte.
Sally nahm auf dem freien Sitz neben ihm Platz und Kian holte tief Luft, bevor
er zu erzählen begann.
„Ihr geht es furchtbar, Sally.
Sie fällt von einem Extrem ins andere.
Josie ist von Himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt, und das in nur weniger
als 2 Sekunden.
Auch wenn das jetzt vielleicht nicht hierher gehört, aber ich vermisse
die Shootings mit der ‚alten’ Josie, wenn du verstehst was ich meine.
Sie knippselt jetzt einfach drauf los, pfeffert ihre Anweisungen mit rasantem
Tempo durch den Raum und ist froh, wenn sie ihre Filme voll bekommt.
Früher haben wir vor jedem Shoot geplaudert. Haben ihr von neuen Projekten
oder anstehenden Tourneen erzählt.
Dann hat sie uns ihre, wir ihr unsere Vorstellungen mitgeteilt, und dann haben
wir uns in der Mitte getroffen und ein erstklassiges Shooting hingelegt.
Witze und kleine Flachsereien waren an der Tagesordnung.
Heute sind wir froh, wenn wir sie auf dem richtigen Fuß erwischen und
alles schnell hinter uns gebracht haben.“
Kian hielt einen Moment inne, um das eben gesagte sacken zu lassen, und schaute
kurz aus dem Fenster, als der Kapitän ankündigte, das sie in den nächsten
Minuten landen würden.
Beide schnallten sie sich an und schwiegen.
„Ist es egoistisch von mir“, durchbrach Kian die Stille, „wenn ich mir wünsche,
dass es wieder so wird wie früher?
Ich will die alte Josephine Parker zurück, Sally. Ich hab den Drachen so
satt, der sich wie ein Schleier über sie gelegt, und fast völlig Besitz
von ihr ergriffen hat.
Kannst du mir nicht helfen, diese Josie wiederzufinden?“ Er drehte seinen Kopf
und sah direkt in ihre Augen.
Sally zog es das Herz zusammen.
Sie kannte Kian im Grunde gar nicht.
Aber sie konnte mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass er im Begriff war sich
in ihre Freundin zu verlieben, wenn er es denn nicht schon war und es nur noch
nicht wusste oder wahrhaben wollte.
„Ich kann dir nix versprechen Kian, aber ich kann dir bei der Suche helfen.
Allerdings kann ich dir nicht versprechen sie wiederzufinden, denn den entscheidenden
Schritt muss sie machen und auf euch, auf dich, zu gehen.
Dabei kann ihr niemand helfen außer sie sich selbst.“
Er nickte und lehnte sich wieder in seinen Sitz zurück.
„Danke“, kam es leise und er griff nach ihrer Hand, drückte sie sanft und
drehte sein Gesicht in Richtung Fenster.
Sally schossen Tränen in die Augen und sie drückte Kians Hand ebenso
sanft.
„Du bist ein toller Mann und Freund, Kian.
Josie kann sich glücklich schätzen, jemanden wie dich zu haben, der
trotz ihres ziemlich heftigen Temperaments zu ihr steht und mit ihr zusammen
den Weg geht, um sie dort heraus zu holen.
Eigentlich sollte ich mich schämen, dass ich nicht diejenige bin, die ihr
da durch hilft ...“
„Was? Nein, um Gottes Willen, Sally.
Jetzt mach dir bloß keine Vorwürfe deswegen. Ihr habt euch so lange
nicht gesehen und euch auf eine gewisse Art und Weise auch auseinander gelebt,
aber du solltest dich ganz sicher nicht deswegen schämen und dir schon
gar keine Vorwürfe deswegen machen.
Das Leben hält für jeden von uns einen anderen Weg bereit, den er
entweder allein gehen muss oder sich zur Bewältigung Hilfe an seine Seite
holt.“
Kian hielt kurz inne, schmunzelte und sah sie dann wieder an.
„Du hast dir Dave geholt, und wenn ich ehrlich bin, bin ich dir dafür mehr
als dankbar. Das Grummeln hat endlich ein Ende.“
Beide kicherten sie los und wurden kräftig durchgeschüttelt, als der
Flieger landete.
*
Mark nippte am Tee und sah gespannt zu Louis, der ihm noch einmal mehr ans
Herz legte, dass es von absoluter Wichtigkeit ist über die Vorfälle
damals in Köln nicht zu schweigen.
„Aber was, wenn ... Louis das ist das gefundene Fressen für die Presse!“
„Allerdings, aber da müssen wir durch, Mark. Hättest du, hättet
ihr beide schon eher was gesagt, dann hätte das alles gar nicht so weit
kommen müssen.“
„Ach, jetzt sind wir also wieder an diesem Punkt, ja?“
„Du weißt genau wie ich das meine, Mark!“ Louis funkelte Mark an und seufzte
im nächsten Moment kläglich auf.
„Das führt doch zu nichts, wenn wir uns jetzt hier deswegen die Augen auskratzen.
Die Lage ist angespitzt und jeder ist kurz davor hochzugehen, so bald auch nur
der kleinste Funken sprüht.“
Mark stellte die nun mittlerweile leere Tasse auf Louis Schreibtisch ab und
fischte seine Packung Zigaretten aus der Jackentasche.
„Würdest du bitte ...“
„Ja, entschuldige.“ Mark zündete sich eine Kippe an, zog daran, blies den
Rauch aus und verließ dann grinsend Louis Büro und sah Uma an.
„Drei ... Zwei ...“
„SAUSACK!“ hallte es dumpf und Mark zwinkerte Uma zu.
„Eins.“
Wenn Louis nichts mehr hasste, dann war es Zigarettenrauch, vor allem in seinem
Büro.
Brian und Mark waren die einzigen die sich deswegen ihren Spaß erlaubten.
„Haste den bösen ...“
„Halt die Backen und setz dich!“ Louis verriegelte das Fenster wieder und kramte
die Prozessunterlagen wieder hervor.
Mark nahm schmunzelnd Platz, als sich das zarte Stimmchen von Uma in der Gegensprechanlage
meldete und Besuch für Mark Feehily ankündigte.
Beide Männer sahen sich etwas irritiert an und Louis drückte den Knopf.
„Wer ist es?“
„Geben sie mir das mal ...“ Ein Knacken war zu hören und Mark riss die
Augen auf. Das war doch ... nein.
„Bärchen? Ich komm da jetzt rein, und wehe du schmeißt mich wieder
raus.“
Rowen lächelte Uma leicht verunsichert an, stellte den Kasten wieder an
seinen alten Platz zurück und machte sich auf den Weg in das Büro
von Louis Walsh.
Louis sah auf als die Tür regelrecht aufgerissen wurde und Rowen schnurstracks
auf Mark zusteuerte.
„Row ... ich hab dir doch ...“
„Spar dir das jetzt, Mark. Es ist mir egal.“
Rowen hielt sich am Sessel fest. Er hätte den Whiskey im Flieger weglassen
sollen.
„Du kannst nicht immer und überall allein durchgehen wollen. Du machst
dich nur noch mehr kaputt, ganz zu schweigen von den Menschen um dich herum,
die dich über alles lieben und an deiner Seite sein wollen, wenn es dir
schlecht geht.
Dir wird’s die nächsten Tage, wenn nicht sogar Wochen, so was von dreckig
gehen, dass du nicht mehr wissen wirst wo oben oder unten ist.
Ich lass dich da nicht allein durchgehen, und dein Familie auch nicht.
Sei mir bitte nicht böse, aber ich hab sie angerufen und sie sind auf dem
Weg nach Dub.“
Mark sprang auf und Rowen wich erschrocken zurück.
Auch Louis zuckte kurz zusammen.
„Versteh das doch endlich Mark. Du kannst das NICHT ALLEIN durchstehen und du
MUSST das auch NICHT ALLEIN durchstehen.
Wieso sträubst du dich so gegen unsere, gegen meine Hilfe?
Wegen dem Arschloch aus Berlin?
Der Wichser kann mir doch gestohlen bleiben.
Der interessiert mich nicht im geringsten.
Ich hoffe nur, dass dieser Bastard seine gerechte Strafe erhält und für
das, was er dir und Brian angetan hat, büßen muss.“
Rowen trat dichter an Mark heran und nahm sein Gesicht in seine Hände.
Zärtlich strich er mit den Daumen die Tränen weg, die Mark jetzt über
die Wangen liefen.
Louis zog sich zurück, und ließ die beiden Männer das erst einmal
allein regeln.
„Ich lieb dich so, Bärchen. Mich wirste nicht mehr los, auch wenn es manchmal
den Anschein hat, als ob du das möchtest.“
Mark legte seine Hände um Rowens Handgelenke und schluckte.
„Ich will dich doch nicht loswerden, Row. Bist du verrückt? Ich lieb dich
doch über alles.“
„Und warum tust du dann immer so, als ob du hier den starken Kerl raushängen
und alles allein klären musst?
Es ist doch keine Schande um die Hilfe von deinen Freunden zu bitten. Ganz im
Gegenteil.
Du verletzt sie nur immer mehr, wenn du alles selbst in die Hand nimmst und
ihnen den Rücken kehrst, um allein durch die Hölle zu gehen.
Damit gewinnst du nicht den Hauptpreis, Mark, und gehst als Sieger hervor.“
Rowen hauchte einen Kuss auf die gefährlich zitternde Unterlippe von Mark
und sah ihn wieder an.
„Und jetzt wirst du dich wohl damit abfinden müssen, das ich dir während
der nächsten Zeit nur dann von der Seite weichen werde, wenn du aufs Klo
musst.“
Das war zuviel für Mark und er ließ seinen Tränen endgültig
freien Lauf und fiel ihm schluchzend um den Hals.
„Ich lieb dich so sehr, Rowen“, schluchzte er immer wieder auf und besiegelte
dies mit einem sanften und innigen Kuss.
*
Josephine saß in einem riesigen Haufen von Schokolade, Dickmanns, Eiscreme
und einer Familienpizza auf dem Boden ihres Wohnzimmers und nahm grad einen
großen Schluck aus der Weinflasche, als ein Schlüssel in ihrer Haustür
herumgedreht wurde.
Kurz darauf standen Sally, Dave und Kian im Zimmer.
„Ach du ...“ Kian ging sofort zu ihr und hockte sich neben sie.
„Du kannst doch die Fressorgie nicht ohne uns durchziehen. Also wirklich.“
Er schnappte sich ein Stück Pizza, ließ sich neben sie fallen, und
biss herzhaft ab.
Josephine beobachtete ihn kichernd dabei und schob sich einen Löffel Eis
in den Mund.
Dave schob Sally ein Stück vor und schnappte sich ebenfalls ein Stück
Pizza.
„Schieß mal den Ketchup rüber, Egan“, nuschelte er mit vollem Mund.
Kian reichte ihm die Flasche und winkte Sally zu sich.
„Komm, greif zu. Wir machen jetzt hier ne kleine Wiedersehensparty und lassen
mal so richtig die Sau raus.“
Sally schüttelte kichernd den Kopf, schmiss sich zwischen Kian und Dave
und schnappte sich ebenfalls ein Stück Pizza.
*
Erschöpft ließen sie sich nach hinten fallen und hielten sich stöhnend
ihre Bäuche.
„Ich bin so satt“, stöhnte Sally auf und winkelte die Beine an.
Dave schmunzelte und drehte seinen Kopf in ihre Richtung.
„Kein Wunder. Bei dem was du alles gefuttert hast.
Zwei Stück Pizza, drei Dickmanns und eine riesige Portion Eis. Man könnte
meinen, du hast Tage nix mehr zu essen bekommen.“
„Na du musst dich regen, mein Schatz“, kicherte sie drauf los und steckte ihm
die Zunge raus.
„Du hast die halbe Pizza allein gefuttert, ganz zu schweigen von dem Kuchen
und dem Kilo Popcorn.“
„Ich bin ja auch ein großer Junge ...“
„Ja ich weiß. Und du musst noch groß und stark werden. Armer verhungerter
Kerl du.“
Dave schnappte sich Sally und zog sie, während sie sich kichernd zu wehren
versuchte, an sich und begann sie durchzukitzeln.
Kian beobachtete die Beiden kurz und lächelte zufrieden.
Dave schien wie ausgewechselt, seit er mit Sally zusammen war.
Die Liebe scheint die Menschen eben doch zu ändern.
Josephine begann die Nahrungsmittel zusammen zu räumen und brachte alles
in die Küche.
Kian schnappte sich den Rest und folgte ihr.
„Fühlst du dich besser?“
Josephine hielt kurz inne und sah zu ihm. Dann schmiss sie alle Essensreste
zusammen und ging zum Mülleimer.
„Wenn das hier endlich alles vorbei wär, dann schon. Aber ich bin froh,
dass ihr, dass du da bist Kian.“ Schnell wischte sie sich eine Träne weg
und schmiss alles in den Müll.
„Hey ...“, er hielt sie kurz am Arm fest und trat hinter sie. „Komm mal her,
Kleines.“
Er zog sie in seine Arme und Josephine legte ihren Kopf auf seine Schulter,
während Kian sanft über ihren Rücken strich.
„Wann musst du wieder bei Gericht antanzen?“
„Keine Ahnung. Morgen muss wohl Mark hin und mich rufen sie an, wenn sie mich
brauchen.
Ich halt das nicht aus, Kian.
Noch einmal alles zu erzählen, IHM ins Gesicht schauen zu müssen und
dabei ständig den Ekel zu unterdrücken der in mir aufsteigt.
Ständig sehe ich ihn widerlich grinsend vor mir, kann kaum schlafen seit
Dienstag und bin kurz vorm durchdrehen.
Aber das schlimmste ist, dass sämtliche Klienten einen Rückzieher
machen und ich bald ohne Job dastehe.
Selbst Louis hat verlauten lassen, dass er einen neuen Fotografen für euch
engagiert hat.“
Kians Shirt war an der Schulter schon völlig durchnässt von ihren
Tränen, und auch er musste mit seinen Tränen kämpfen.
„Josie, jetzt mach dich deswegen nicht so fertig. So schnell stehst du nicht
ohne Job da.
Und wenn uns die neue Fotografin nicht zusagt, stellen wir uns quer und da muss
Louis wieder dich engagieren, denn du bist und bleibst unsere Knipserin.
Da beißt die Maus keinen Faden ab.
Und was die Schlaferei anbelangt.
Ich glaub, du wirst dir die nächsten Tage dein Bett mit mir teilen müssen,
damit du ausgeschlafen den Jungs und Mädels da draußen zeigen kannst
was du alles so mit deinem Mittelfinger anstellen kannst und was für eine
tolle und starke Frau du bist, die sich durch nichts und niemanden unterkriegen
lässt.“
„Hörst du endlich auf?“
„Womit?“
„Mich ständig zum heulen zu bringen.
Jedes Mal, wenn wir beide aufeinandertreffen flenn ich wie blöd, und du
bist schuld daran.“
„Ich?“
„Ja du! Und streite das ja nicht ab.“
Sie seufzte auf, hob ihren Kopf und sah Kian an.
„Verzeih mir“, flüsterte er und schluckte.
Josephine löste sich von ihm und strich sich räuspernd eine Haarsträhne
hinters Ohr. Die Situation war ihr eindeutig ein Tick zu gefährlich und
auch Kian schien aufzuatmen.
Bloß nicht an die Nacht denken.
Vielleicht sollte er doch lieber im Gästezimmer schlafen.
„Ähm ... ich“, sie räusperte sich, „bin dein Bett beziehen.“ Ihre
Stimme versagte fast am Schluss und Josephine verließ schnellen Schrittes
die Küche und lief die Treppe nach oben ins Gästezimmer.
Kian atmete tief durch und stützte sich an der Arbeitsplatte ab.
„Alles klar bei dir?“
Er schaute über seine Schulter als er Daves Stimme vernahm, und seufzte
auf.
„Ehrlich?“
Dave trat neben ihn und schmunzelte.
„Ich will alles hören, Mr. Egan. Wer hat dich so durcheinander gebracht?
Den möchte ich gern kennenlernen und einen Award überreichen.“
„Ich find das nicht witzig, Dave.“
„Nicht? Ich schon, denn es braucht doch schon `ne ganze Menge um dich aus der
Bahn zu werfen.“
Kian sah zu Dave auf und stieß einen kläglichen Seufzer aus.
„Ich glaub ich ... verdammt!
Dave das ist doch absurd. Sie ist seit Jahren ... nein das geht nicht. Vergiss
es!
Ich kann dir das nicht erzählen.“
Kian machte auf der Stelle kehrt und lief aus der Küche, wo er fast noch
Sally über den Haufen rannte.
„Was denn mit ihm los?“
Sie ging auf Dave zu, schlang ihre Arme um seinen Körper, legte den Kopf
auf seine Brust und kuschelte sich an ihn.
„Unser Goldlöckchen ist dabei sich zu verlieben“, schmunzelte er und küsste
sie aufs Haar, während er zärtlich über ihren Rücken strich.
„Und Josie ist es schon längst“, nuschelte sie in sein Shirt.
„Was?“ Dave schob sie etwas von sich und sah zu ihr herab.
„Sag bloß das hast du noch nicht mitbekommen? Es ist wie bei uns, nur
das wir uns zu Beginn nicht riechen konnten.“ Sie kicherte los und strich Dave
liebevoll über die Wange.
„Und schau uns heute an. Du rennst mir durch halb Berlin nach und ich verlier
alle Skrupel und Hemmungen, und foltere die Menschheit mit meinen furchtbaren
Gesängen.“
„Oh ja, das war wirklich Folter, aber zuckersüße Folter.
Ich hätte dich von der Bühne zerren und an Ort und Stelle vernaschen
können. Du hast so grottenschlecht gesungen.“
„Jetzt werd mal nicht frech. So schlecht war ich gar nicht. Zumindest nicht
im Gegensatz zu Rowen.“
Beide lachten los und schüttelten ihre Köpfe.
„Boah was sind wir gemein“, kicherte Sally und ging zum Kühlschrank, um
sich noch was zu trinken zu nehmen.
Dave trat hinter sie, schob ihre langen Haare weg und küsste sie in den
Nacken.
„Ich liebe dich“, murmelte er unter den kleinen Küssen und Sally legte
seufzend den Kopf auf die Brust.
Solche Küsse waren ihr Untergang, und das wusste Dave nur all zu genau.
Kian betrat das Gästezimmer, als sich Josephine mit dem Bettbezug rumärgerte
und half ihr beim beziehen.
„Ich hätte das auch allein machen können, Josie. Aber danke.“ Er lächelte
sie an und sie winkte kurz ab.
„Ist ja keine körperlich schwere Arbeit, wo ich die starke Hand eines Mannes
gebraucht hätte.“
Josephine legte alles aufs Bett und sah Kian an.
Eine Weile standen sie sich schweigend gegenüber. Keiner traute sich, auch
nur einen Ton von sich zu geben.
„Hältst du dich an die Hausordnung?“ Seine Frage riss ein richtiges Loch
in die angenehme Stille und Josephine musste kurz schmunzeln.
„Hab ja nix getrunken. Ich werd also meine Lippen bei mir behalten und sie nicht
... äh ja ... du weißt schon.“
Kian biss sich kurz auf die Unterlippe und lächelte.
„Deine nächtlichen Übergriffe auf unschuldige Männer bleiben
unser Geheimnis. Keine Angst, Josie.“
„Gut.“ Sie lächelte ihn noch einmal an, dann verschwand sie in Richtung
Bad und Kian sah ihr nach.
Als sie hinter der Tür verschwunden war ließ er sich aufs Bett fallen,
vergrub sein Gesicht tief im Kissen und stieß einen dumpfen Schrei aus.
„Mist, verdammter!“
Schwerfällig erhob er sich vom Bett und fuhr sich mit beiden Händen
durchs Haar.
Als er die Badtür hörte schnappte er sich seine Tasche und holte seine
Klamotten für die Nacht heraus.
„Du kannst“, kam es dünn von der Tür und er drehte sich kurz in die
Richtung, widmete sich wieder der Klamottensuche und sah wieder zur Tür.
Sie sah so unschuldig in ihrem weißen Nachthemd aus und Kian hatte Mühe
einen klaren Gedanken zu fassen.
Vielleicht wäre es besser, wenn er doch im Gästezimmer schlafen würde.
„Gute Nacht ihr Zwei!“ Sally und Dave verschwanden in Sallys Zimmer und Kian
ging ins Bad.
Josephine machte ihm Platz, schloss die Augen als sie seinen Duft wahrnahm und
schüttelte schnell den Kopf.
Dann ging sie ins Schlafzimmer und schmiss sich in ihr Bett.
*
Unschlüssig, und die Hände im Schoß liegend, saß er auf
dem Bett und starrte vor sich hin.
Sollte er wirklich mit ihr das Bett teilen?
Es bedeutet ja nicht, dass was passieren wird oder muss.
Und warum machte er sich jetzt da so `ne Platte drum?
Sie würden doch nicht das erste Mal nebeneinander einschlafen und wieder
aufwachen.
Kian stand auf, raffte das Bettzeug zusammen und tapste leise in das Nebenzimmer.
„Schläfst du schon?“ Vorsichtig legte er sein Bettzeug ab und krabbelte
darunter.
„Nein.“ Josephine lag auf dem Rücken, das Bettdeck bis über die Nase
gezogen und die Augen groß wie Untertassen.
Kian schmiss sich hin und her und fand einfach keine geeignete Schlafposition.
Irgendwann gab er es seufzend auf und lehnte sich an das Kopfteil des Bettes
an.
Langsam setzte auch sie sich auf, knipste das kleine Nachtlicht an und drehte
ihren Kopf in seine Richtung.
Kian räusperte sich und schluckte.
„Was ist?“
Langsam drehte er seinen Kopf in ihre Richtung und sah sie an.
„Meine Mum hat mir früher, wenn ich nicht schlafen konnte, heiße
Milch mit Honig gekocht und dann noch eine Geschichte vorgelesen.“
Josephine musste leicht schmunzeln und schlug das Bettdeck zurück.
„Wo willst du hin?“
„Milch mit Honig kochen.“ Lächelnd erhob sie sich vom Bett, zog ihren Morgenmantel
über und verließ ihr Schlafzimmer in Richtung Küche.
„Was? Nein, das war doch nur ...“ Er folgte ihr schnellen Schrittes und hielt
sie am Arm fest.
„Das ... Du sollst mir doch jetzt keine Milch kochen, Josie.
Komm wieder ins Bett, du musst schlafen, denn du brauchst Kraft für die
nächsten Tage.“
„Ich mach das gern, Kian. Wirklich.“
„Das glaub ich dir, aber ...“
Seufzend ließ er ihren Arm los und sah sie an.
„Was ist denn plötzlich los, Kian?“
Vorsichtig strich sie über seine Wange und fuhr mit dem Daumen über
seine Narbe unterhalb des rechten Auges.
„Darf ich dir dann wenigstens eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen, wenn ich
dir schon keine Milch kochen darf?“
„Aber keine gruselige, bitte.“
Kian griff nach ihrer Hand, legte sie in seine und zog sie wieder in Richtung
Schlafzimmer.
Josephine folgte ihm und bevor sie sich zu ihm ins Bett legte griff sie nach
einem ihrer alten Kinderbücher und kroch dann neben Kian.
„Komm her, Kleiner.“
Sie rutschte an Kian heran, der seinen Kopf auf ihre Schulter legte und darauf
wartete, dass es losgehen würde.
Josephine schlug das Buch auf und las Kian die Geschichte von einem Jungen vor,
der auf Grund eines blauen Bands um seine Taille übermäßig viel
Kraft erlangte und sich aufmachte die Welt zu retten, bis ihm dann das Band
abgenommen wurde und er fast gestorben ist.
Aber der Junge wurde von einem schönen Mädchen gerettet und beide
lebten sie noch glücklich bis an ihr seeliges Ende.
Als Josephine das Buch zuklappte rutschte Kians Kopf von ihrer Schulter und
kam auf ihrem Busen zum halten.
Sie hielt automatisch die Luft an, strich ihm übers Haar, hauchte einen
Kuss darauf und rutschte vorsichtig zur Seite.
Sie bettete Kian neben sich, deckte ihn zu und kuschelte sich dann ebenfalls
ins Bett.
Kurz darauf schlief auch sie ein.
*
Nächster Morgen
Mark und Rowen saßen schweigend am Tisch und bissen jeder von seinem
Nutellabrötchen ab.
Sie hatten die halbe Nacht noch bei Louis im Büro gesessen und mit dem
Anwalt über den nächsten Prozesstag diskutiert.
Letzten Endes sind sie zu dem Schluss gekommen, dass Mark alles erzählen
muss, wenn sie Klien endgültig hinter Schloss und Riegel bringen möchten.
Seufzend schob er sich den letzten Rest des Brötchens in den Mund, trank
einen Schluck Kakao dazu und griff dann nach den Kippen, die neben ihm auf dem
Tisch lagen.
Er lief auf den Balkon, zündete sich eine an, nahm einen tiefen Zug und
blies den blauen Dunst aus.
Nervös knabberte er an seinem Daumennagel rum und zog immer wieder an der
Kippe.
Rowen räumte alles zusammen, stellte die Teller ins Spülbecken, das
Glas Nutella in den Schrank und folgte Mark dann auf den Balkon.
Sanft schob er dessen Hand vom Mund und sah ihn mit hochgezogener Augenbraue
an.
„Ja, ich weiß“, nuschelte Mark und vergrub die linke Hand tief in der
Hosentasche seiner Jeans.
Rowen zündete sich lächelnd eine Kippe an, küsste Mark sanft
auf die Wange und ließ seinen Blick dann über Dublin schweifen.
„Ich hab Angst.“
Mark schnippte die Kippe über die Brüstung und vergrub dann auch noch
die rechte Hand in seiner Hosentasche und sprach leise weiter.
„Angst vor der Zukunft.
Was wird aus der Band, wenn alles an die Öffentlichkeit kommt? Was werden
unsere Fans von uns denken, unsere Familien?
Was, wenn das Urteil ...“
Rowen sah ihn von der Seite an und schluckte.
„Sie werden, wenn es wahre Fans sind, hinter euch stehen. Und eure Familien
stärken euch eh den Rücken, Mark.
Das einzige was euch ein paar Probleme bescheren wird, wird die Presse sein,
aber das war abzusehen.
Bitte, Bärchen. Mach dich nicht jetzt schon fix und fertig, bevor das alles
überhaupt richtig angefangen hat.“
„Ich mach mich seit 3 Jahren fertig, Row. Da kommt es auf die paar Tage mehr
oder weniger auch nicht mehr an.“
Nervös fischte er seine Zigarettenschachtel aus seiner Hose, steckte sich
eine Kippe zwischen seine vollen Lippen, zündete sie sich an und nahm einen
so tiefen Zug, dass ihm die Lungen fast schmerzten.
„Ja, natürlich.“ Rowen schmiss die Kippe über die Brüstung und
ließ Mark allein auf dem Balkon zurück.
Langsam ging ihm die Kraft aus.
Er liebte ihn über alles und würde auch alles für ihn tun, aber
er ist auch nur ein Mensch.
Sicher. Momentan ist es alles andere als einfach, aber konnte er nicht auf ein
bisschen Entgegenkommen von Mark bauen? Oder dachte er da zu egoistisch? Er
griff nach seiner Jacke, zog sie sich an und schnappte sich die Autoschlüssel.
„Ich warte im Wagen auf dich“, rief er in Richtung Balkon und verließ
kurz darauf Marks Appartement.
*
„Hast du was?“
Mark schnallte sich an und schaute dann zu Rowen.
„Nein, was soll ich haben? Alles schick, alles fein.“
Er startete den Wagen und fuhr los in Richtung Gericht.
Leise aufstöhnend drehte Mark sein Gesicht weg, und schaute aus dem Fenster.
Rowen musste sich auf die Zunge beißen, um nicht sofort etwas zu entgegnen,
was er später vielleicht bereuen würde.
Außerdem konnte er das jetzt nicht gebrauchen. Mark war auch schon so
fertig genug mit den Nerven.
Die Fahrt war die wohl schweigsamste, die sie beide jemals miteinander verbracht
hatten, als sie ihr Ziel, das Gerichtsgebäude, erreicht hatten.
Als Mark seine Familie entdeckte sprang er regelrecht aus dem Wagen und rannte
auf sie zu, dicht gefolgt von der Pressemeute.
Rowen blieb im Auto sitzen und sah sie im Gerichtsgebäude verschwinden.
Tränen schossen in seine Augen und er schluchzte leise auf.
„Du kannst manchmal so ein egoistischer Arsch sein.“ Murmelnd ließ er
den Wagen wieder an und fuhr ins nahe gelegene Parkhaus.
Marie sah sich um und hielt ihren Großen am Arm fest.
„Wo ist denn Rowen?“
Mark blickte sich um.
„Keine Ahnung. Wahrscheinlich bringt er den Wagen weg.“ Er lief weiter in Richtung
Gerichtssaal und atmete tief durch, als er Louis auf sich zukommen sah.
Marie wusste, dass sie sich jetzt besser zurückzog und die beiden allein
reden ließ. Dennoch konnte sie es nicht lassen sich nach Rowen umzuschauen.
Wo war er nur?
„Schatz?“ Sie tippte Oliver auf den Oberarm und der drehte sich zu ihr um.
„Kannst du ... also ...“, sie räusperte sich und Oliver schmunzelte.
„Wo drückt der Schuh, Liebling?“
„Hast du Rowen gesehen?“
Oliver sah sich nun ebenfalls um und lächelte, als er ihn durch die Eingangstür
kommen sah. Marie folgte seinem Blick und atmete erleichtert auf.
Rowen lief mit hängenden Schultern den Gang entlang und wischte sich ein
letztes Mal über die Augen.
Es musste keiner, und schon gar nicht Mark, sehen, dass er geweint hatte. Aber
er hatte da seine Rechnung ohne Marie gemacht.
Einer Mutter entging es nicht, wenn es einem ihrer Kinder schlecht ging. Und
Rowen zählte seit Jahren irgendwie dazu.
„Ich ... ich komm gleich nach.“
Noch ehe Oliver etwas erwidern konnte ging sie auf Rowen zu und blieb vor ihm
stehen.
„Ich hab leider das Brot und Nutella vergessen, aber magst du auch ohne den
ultimativen Schokoflash mit mir reden? Oder willst du jetzt lieber all...“
Rowen fiel ihr heulend in die Arme und Marie stoppte geschockt in ihrer Rede.
Um Himmels Willen, was war denn nur passiert?
Schnell zog sie ihn auf die Bank die an der Seite des Ganges stand und strich
ihm beruhigend über den Rücken.
„Ich kann nicht mehr“, schluchzte er in ihren Mantel und wischte kurz darüber.
„Tut mir leid, jetzt mach ich deinen Mantel auch noch nass.“
„Ach Schätzchen.“ Seufzend nahm sie sein Gesicht in ihre Hände, strich
mit den Daumen über seine Wange und küsste ihn zärtlich auf die
Stirn.
„Es ist nur ein Mantel, den man mal ganz schnell reinigen lassen kann. Aber
ich glaube bei dir hier drinnen“, sie tippte auf seine linke Brust, „liegt einiges
im argen.“
Wieder rollten die Tränen und tropfte die Nase. Er wischte mit dem Arm
seiner Jacke über die Nase, dann nahm er das Taschentuch an, was ihm Marie
reichte.
„Ich muss jetzt da rein, Marie.“ Er putzte sich geräuschvoll die Nase und
wollte aufstehen, als Marie ihn am Arm zurückhielt.
„Du kannst vielleicht der Presse was vormachen.
Du magst von mir aus auch Mark etwas vormachen können, denn er hat mit
Sicherheit im Moment auch genug um die Ohren.
Aber du kannst keine Marie Feehily in dem Glauben lassen das alles bestens läuft.
Ich kenn dich lang genug um sagen zu können, wann es dir richtig beschissen
geht, Rowen. Und der Moment ist jetzt da.
Ich kenn da ein kleines gemütliches Café, gar nicht weit weg von
hier, die machen die beste heiße Schokolade die ich je getrunken habe.“
Rowen sah sie an und schluchzte erneut auf.
„Aber ich muss ...“
Sie legte einen Finger auf ihren Mund, sah ihn mit großen Augen an und
schüttelte den Kopf.
Dann stand sie auf und lief in Richtung Ausgang.
*
Er nippte an der Schokolade und lächelte sie an.
„Die ist wirklich richtig gut.“
„Hab ich dir doch gesagt. Kannst deiner alten Freundin ruhig mal was glauben.“
Zwinkernd winkte sie den Kellner heran und bestellte eine weitere Runde.
„Wieso bist du so?“ Rowen lehnte sich zurück und machte sich eine Zigarette
an.
„Wie bin ich denn?“ Marie beobachtete ihn dabei wie er tief inhalierte und den
blauen Dunst dann wieder langsam durch die Nase ausblies.
„Ich weiß nicht.“ Er zuckte mit den Schultern, tat einen weiteren Zug
und leckte sich über die Lippen. Dann sah er sie an und räusperte
sich.
„Ich weiß nicht ob ich ihm der Freund, der Partner sein kann, den er jetzt
am meisten braucht.
Meine Nerven liegen ebenso blank, Marie.
Mark blockt immer ab wenn es darum geht die Hilfe der anderen anzunehmen. Er
lässt sogar mich außen vor und das tut verdammt weh.
Bin ich denn nur dazu da seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen, wenn’s
ihn mal wieder juckt?“
Marie riss kurz die Augen auf, spürte wie ihre Wangen heiß wurden
und hörte ihm weiterhin zu.
„Er wusste bis gestern nicht das ihr kommt.
Als der Anruf aus Dub kam waren wir in Berlin. Er ist aufgesprungen, hat seine
Sachen gepackt und ist dann allein, ALLEIN, nach Dub zurück.
Ich dachte immer, dass man in einer Beziehung gemeinsam durch dick und dünn
geht.
Sicher, ich weiß nicht wirklich was für ein Schwein dieser Klien
ist und zu was er alles fähig wäre, aber ist das ein Grund mich ständig
wegzustoßen und nur dann meine Nähe zu suchen, wenn er ...“
Schnell griff sie nach seiner Hand und drückte sanft zu.
„Du weißt doch wie er ist, Schätzchen. Mark verkriecht sich immer
gleich, so bald ein großes Problem auftaucht.“
Der Kellner brachte die Bestellung und verzog sich wieder.
„Wieso haben wir nicht schon früher geschalten? Das fing doch alles von
heute auf morgen an, dass er sich zurückzog, Marie.“
„Ach Rowen. Hast du mal versucht mit Mark zu reden, wenn er absolut nicht reden
und einfach nur seine Ruhe haben will?“
Natürlich wusste er das. Die Frage hätte sie sich sparen können.
„Ich liebe ihn ... ich liebe ihn über alles, aber ich ... Marie ich kann
das nicht länger.
Ich weiß nicht, ob ich stark genug für uns beide sein kann.
Die letzten Wochen waren einfach die Hölle. Ich ...“
Marie setzte sich neben ihn, zog ihn in ihre Arme und Rowen legte seinen Kopf
auf ihre Schulter.
Beide ließen ihren Tränen freien Lauf, während die heiße
Schokolade langsam abkühlte.
*
Oliver schaute sich immer wieder um.
Wohin war nur schon wieder seine Frau entschwunden?
Rowen war auch nicht da.
Seufzend stützte er seinen Kopf an der Hand ab und folgte der Befragung
seines Sohnes durch die Verteidigung.
Mark zitterte wie Espenlaub als er die besagte Nacht in Köln ausführlich
schildern musste.
Und ausgerechnet jetzt, waren weder Marie noch Rowen da.
Klasse!
Schnell stürmten sie ins Gebäude und wollten gerade den Gerichtssaal
stürmen, als sie von einem uniformierten Mann zurück gehalten wurden.
„Die Verhandlung hat bereits begonnen. Tut mir leid.“
„Aber ... nein ... wir müssen da rein.“ Rowen stammelte umher und Marie
lächelte den Wachmann freundlich an.
„Hören sie, mein Sohn sitz da drinnen und braucht mich.“
„Dann hätten sie besser pünktlich sein sollen. Ich darf sie leider
nicht nach Verhandlungsbeginn hinein lassen.“
„Sagen sie mal“, regte sie sich auf.
„Was bilden sie sich eigentlich ein? Hat ihnen ihre Mutter keinen Anstand beigebracht?“
„M´am bitte. Würden sie sich bitte setzten?“
„Ja, und zwar auf einen Stuhl neben meinen Mann hinter dieser Tür. Und
jetzt lassen sie mich gefälligst zu meinem Sohn!“
Rowen schmunzelte und räusperte sich.
„An ihrer Stelle würd ich ihr aus dem Weg gehen.
Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann gibt sie nicht auf, bis sie
es erreicht hat.
Das ist so ein Gen, das Mütter wohl schon während der Schwangerschaft
in die Wiege gelegt bekommen.“
Marie knuffte Rowen in die Seite und dieser rieb sie sich schmunzelnd.
„Junger Mann. Würden sie jetzt bitte zur Seite gehen und uns in den Saal
lassen? Ich wäre ihnen bis zu meinem Lebensende dankbar.“ Marie lächelte
ihn an und er seufzte auf.
„Tut mir leid, aber ich kann sie da nicht reinlassen.“
Langsam reichte es ihr aber wirklich.
Sie packte ihn am Hemdkragen und Rowen wie auch der Uniformierte rissen erstaunt
die Augen auf.
„Sie lassen mich jetzt sofort in diesen Gerichtssaal oder ich flipp aus. Da
drinnen sitzt mein Baby, geht durch die Hölle und sie haben nix besseres
zu tun als ihren Arsch hinter irgendwelchen Regeln zu verstecken.
Und jetzt lassen sie mich da rein!“
Sie ließ ihn wieder los, strich ihm die Uniformjacke glatt und lächelte
ihn freundlich an.
Rowen räusperte sich und sah sich um. Hoffentlich hatte sie niemand gesehen.
Als der Wachmann seine Hand auf die Türklinke legte und Marie innerlich
aufjauchzte, wurde die Tür aufgerissen und Oliver stürmte hinaus.
„Ein Arzt! Wir brauchen einen Arzt!“
Marie rutschte das Herz in die Hose und Rowen stand die Panik ins Gesicht geschrieben.
Oliver fiel seiner Frau um den Hals und zog sie mit sich.
Der Wachmann rief per Handy einen Arzt, während Rowen in den Gerichtssaal
stürmte und sich umsah.
„Oh nein!“
Er lief los, schupste ein paar Leute zur Seite und kniete sich neben den auf
dem Boden liegenden Mark hinunter, griff seine Hand und strich beruhigend darüber.
Was war hier nur passiert?
„Was ist passiert?“ Marie klammerte sich an Oliver fest, als Mark in den Krankenwagen
geschoben wurde.
„Das Kreuzverhör war furchtbar. Er musste alles erzählen, was damals
in Köln vorgefallen war.
Gott, ich mag gar nicht dran denken, was er alles mitmachen musste. Allein das
zu hören, treibt die Übelkeit nach oben, wie muss er sich nur gefühlt
haben.
Es wurde immer schlimmer.“ Oliver klammerte sich an seiner Frau fest und schluchzte
immer wieder leise auf.
„Dann ging alles so schnell. Er verließ den Zeugenstand, kreidebleich,
verdrehte die Augen und brach bewusstlos zusammen.“
Marie heulte leise auf und vergrub ihr Gesicht an der Brust ihres Mannes. Er
strich ihr beruhigend über den Rücken und küsste sie immer wieder
aufs Haar.
Rowen stand etwas abseits und zog nervös an seiner Zigarette, sah immer
wieder zum Krankenwagen und wischte sich ein paar Tränen weg.
Er begann sich erneut Vorwürfe zu machen.
Wie hatte er nur Marie etwas vorjammern können, während Mark weiter
durch die Hölle ging und ihn mehr als alles gebraucht hätte?
Er hatte ihm doch versprochen für ihn da zu sein, ihm nicht von der Seite
zu weichen, außer er müsse mal aufs Klo.
Wo war er denn, als Mark ihn brauchte?
Er hatte auf ganzer Linie versagt.
Erschrocken zuckte er zusammen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte
und sanft zudrückte.
Rowen drehte sich um und fiel Louis um den Hals.
„Hey, ganz ruhig Kleiner. Es wird alles wieder gut.“ Louis strich beruhigend
über Rowens Rücken und sah dem Krankenwagen nach, der sich in Richtung
Dublin Hospital in Bewegung setzte.
*
Nervös lief er den Gang auf und ab und hielt sämtliches Krankenhauspersonal
auf Trab.
Marie und Oliver saßen eng aneinander gekuschelt auf den orangenen Stühlen
und Rowen stand vorm Hospital und rauchte eine Kippe nach der anderen.
Louis hielt gerade eine junge Schwester an, als ein Arzt um die Ecke kam.
Sofort war die Schwester vergessen und Louis lief auf den Weißkittel zu.
„Wie geht’s ihm?“
Oliver und Marie sprangen ebenfalls nach oben und Marie schob Louis zur Seite
und baute sich vorm Arzt auf.
„Wie geht’s meinem Baby? Ist er wach? Kann ich zu ihm?“
„Jetzt beruhigen sie sich erst einmal.
Ihrem Sohn geht es wesentlich besser und ja, er ist auch wieder bei Bewusstsein.
Allerdings sollte er sich noch etwas schonen.
Ich wäre ihnen daher sehr dankbar, wenn sie nicht gleich alle das Zimmer
stürmen, als gäbe es kein Morgen mehr.
Und jetzt entschuldigen sie mich bitte. Sollten sie noch Fragen haben, dann
melden sie sich bitte bei der Stationsschwester, sie wird mich dann sofort informieren.“
Lächelnd verabschiedete er sich von ihnen und lief, mit wehendem Kittel,
den Gang entlang und verschwand hinter der milchigen Glastür.
Marie stürzte sofort zum Schwesternzimmer, erfragte sich die Zimmernummer
ihres Sohnes und lief schnellen Schrittes los, als sie ihre Information hatte.
Louis zückte sein Handy und machte sich auf den Weg nach draußen,
um ein paar Anrufe zu tätigen.
Oliver sah ihm nach und entdeckte Rowen, der mit hängenden Schultern den
Gang entlang kam.
Langsamen Schrittes näherte er sich ihm und zog ihn in seine Arme, kaum
das er bei ihm angekommen war.
Rowen drückte sich an seine Brust und schniefte hoch. Tränen hatte
er kaum noch welche, zu viele hatte er die letzten Tage vergossen.
„Wie geht’s ihm?“
„Er ist wieder wach. Marie ist bei ihm.“
Rowen löste sich von Oliver und sah ihn an.
„Es tut mir so leid, Oliver. Ich war nicht da ... es tut mir so leid.“ Er senkte
den Blick und schniefte hoch.
Um Himmels Willen.
Oliver bekam große Augen und packte Rowens Gesicht mit beiden Händen
und zwang ihn somit ihn anzusehen.
„Ich will so einen Unsinn nie wieder hören. DU hast ALLES für ihn
getan, Rowen. Es wäre auch passiert, wenn du dabei gewesen wärst.“
„Aber ich wäre dann wenigstens bei ihm gewesen“, heulte er los und Oliver
zog es das Herz zusammen.
Ihm war nie wirklich bewusst gewesen, wie sehr er seinen Sohn liebte.
*
Nicky war sofort los als er den Anruf von Louis bekam, dass Mark in der Klinik
war.
Kaum hatte er den Klinikparkplatz erreicht und stieg aus seinem Ferrari, da
hupte es auch schon hinter ihm.
Brian parkte mit quietschenden Reifen, sprang buchstäblich aus dem Wagen
und rannte auf ihn zu.
„Ich bring dieses Schwein um. Hat er nicht schon genug angerichtet“, fluchte
er auf halbem Wege und umarmte kurz darauf Nicky.
„Reg dich nicht auf, Macs. Das ist es der Kerl nicht wert.“
Gemeinsam liefen sie zum Eingang und betraten das Gebäude, als sie Rowen
völlig allein und in sich versunken auf einen der Stühle sitzen saßen.
„Ach herje“, flüsterte Nicky und ging schnellen Schrittes zu ihm. Brian
folgte ihm und kurz darauf saßen beide neben ihm und schluckten.
„Wie geht’s ihm?“
Rowen reagierte nicht, sondern starrte auf den Boden.
„Hey, Row. Jetzt lass den Kopf nicht hängen. Er wird wieder. Kennst doch
Mark. Er hängt gern mal ein bissi ab, wenn ihm alles zuviel wird.“ Brian
versuchte die bedrückende Stille etwas aufzulockern.
„Ich hab Kakao getrunken und Marie die Ohren vollgeheult wie ausgeschlossen
und am Boden ich mich doch fühle.
Ich hab ihm doch versprochen, ihn nicht allein zu lassen, immer für ihn
da zu sein. Und was ist jetzt?
Jetzt liegt er hier im Krankenhaus, ist zusammengeklappt, weil ich nicht da
war. Nein, ich musste ja ...“
Brian griff nach seiner Hand und drückte sanft zu.
„Hör auf damit Rowen.
Du weißt ganz genau, wie sehr du Mark hilfst, auch wenn du nicht bei ihm
bist.
Er liebt dich so sehr, Kleiner.“
„Brian hat Recht, Row. Und ich glaube, das weißt du. Ich hab es doch die
letzten Wochen selbst gesehen.
Ihr seid kaum auseinander zu bringen, klebt ständig aneinander fest.
Da werde selbst ich neidisch, vor allem wenn du mit unterwegs bist und Gina
nicht.“
Rowen lachte leise auf.
„Ist es wirklich so schlimm mit uns?“
Brian sah von Rowen zu Nicky und verstand grad gar nichts.
„Ach Quatsch. So ist es nun mal, wenn man frisch verliebt bist. Oder in eurem
Fall schon über Jahre hinweg, aber ihr habt es euch erst jetzt eingestehen
und zeigen können. Ich find’s süß.“
„Ähm ...“
Rowen und Nicky sahen Brian an, der etwas verwirrt aus der Wäsche schaute.
„Oh ja, Macs. Sie haben es endlich gebacken bekommen“, feixte Nicky und Brian
legte einen Arm um Rowen.
„Na endlich. Man, das hat ja keiner mehr ausgehalten mit euch beiden.“
„Wieso bitte hat es jeder Außenstehende gemerkt, nur wir nicht?“, wollte
Rowen wissen.
„Weil die Liebe blind macht“, kam es zweistimmig und dann lachten alle drei
Männer los.
Marie und Oliver saßen im Zimmer und unterhielten sich leise.
„Hey, wenn ihr über mich lästert, dann könnt ihr gleich wieder
gehen“, krächzte Mark aus dem Bett und sah seine Eltern an.
„Hör dir den an. Kaum wieder unter uns, schon wieder `ne große Klappe“,
kichert Oliver und drückte liebevoll die Hand seiner Frau.
Marie stand auf und ging zu ihrem Sohn herüber, der sie mit ausgestreckten
Armen erwartete.
„Mein Baby“, hauchte sie und kuschelte sich in seine Umarmung.
Mark küsste seine Mutter aufs Haar und strich beruhigend über ihren
Rücken.
„Ich liebe dich, Mum.“
Marie wischte sich ein paar kleine Tränen weg und sah ihn dann an.
„Es tut mir leid, dass ich nicht ...“
Mark legte einen Finger auf ihre Lippen und schüttelte den Kopf.
„Ich möchte so was nie wieder hören, Mum. Weder von dir noch von Dad
oder Rowen.
Ihr habt so viel für mich in den letzten Jahren getan. Wenn sich hier jemand
einen Vorwurf machen sollte, dann bin ich es.
Ich hab euch ständig weggestoßen, weil ich alles allein machen wollte,
euch nicht weiter mit reinziehen wollte.
Rowen hat mir immer wieder versucht zu sagen, dass das völliger Blödsinn
ist, aber ich hab es nicht hören wollen.
Das ich jetzt hier liege ist allein meine Schuld, Mum. Und vielleicht musste
es auch soweit kommen, damit ich endlich aufwache und sehe, dass ich mich völlig
falsch verhalten habe.“
Immer wieder strich sie ihm über die Wange und küsste ihn.
„Mum?“
„Ja?“
„Kannst du Rowen was sagen?“
„Du kannst es ihm auch selber sagen.“
Oliver meldete sich zu Wort.
„Du solltest unbedingt mit ihm reden, Mark. Er macht sich enorme Vorwürfe
und ist am Boden zerstört.“
Mark schluckte und blinzelte die aufkommenden Tränen weg.
Marie erhob sich vom Bett und ging zu ihrem Mann.
„Sollen wir ihn ...“
Mark nickte und setzte sich im Bett auf.
Oliver ging zu seinem Sohn und griff nach seiner Hand.
„Der Arzt meint, du sollst noch eine Nacht hier bleiben. Morgen kannst du heim.
Louis hat sich um alles gekümmert und hockt wieder bei Gericht. So viel
ich weiß ist Jodi gerade dort und macht ihre Aussage.
Brian ist morgen Vormittag dran und dann wird wohl das Urteil erwartet.“
Das Brian mit Louis gesprochen und um eine Pressekonferenz gebeten hat, davon
erzählte er ihm vorerst nichts. Die anderen wussten darüber ja auch
noch nichts und es war eindeutig eine Sache von Louis und Brian ihnen das mitzuteilen.
„Brauchst du noch was?“ Marie trat neben Oliver und lächelte ihn an.
„Nein, danke. Ich hab alles, was ich brauche um glücklich zu sein. Eine
wundervolle Familie und Rowen.“
Alle drei lächelten, dann verließen die beiden das Zimmer und machten
sich auf den Weg zu Rowen.
Er sprang sofort auf, als er die Zwei auf sich zukommen sah.
“Wie geht’s ihm? Kann ich ... also ... kann ich zu ihm?“
Nicky und Brian sahen sich an und schmunzelten.
Oh ja, Rowen war über alles in Mark verliebt und keiner würde jemals
daran etwas ändern können.
„Er sitzt wie ein kleiner aufgeregter Junge vor seinem ersten Schultag im Bett
und wartet auf dich“, lächelte Oliver.
Rowen schob sich zwischen Brian und Nicky hindurch und lief schnellen Schrittes
zum Zimmer von Mark.
Die Vier sahen ihm grinsend nach, dann folgte eine stürmische Begrüßungszeremonie.
*
6. März 2004, später Nachmittag
Bis spät in die Nacht hatten sie im Haus von Josephine gefeiert.
Hatten Mark, Brian und auch Josephine immer wieder hochleben lassen, da sie
mit ihren Aussagen dafür sorgten, dass Tom Klien seine gerechte Strafe
bekommen hatte.
Tom Klien, angesehener und erfolgreicher Fotograf wurde wegen sexueller Nötigung
und Erpressung an Mark und Brian, sowie wegen Mordes an Frank Parker zu einer
Freiheitsstrafe von 20 Jahren, die ohne Bewährung ausgesetzt wurde, verurteilt.
Seine Komplizin, Jodi Albert, wurde zu einer Haftstrafe von 2 Jahren auf Bewährung
verurteilt.
Das ihre Karriere damit gelaufen war, muss hier nicht weiter erwähnt werden.
Heute nun, hingen sie alle etwas in den Seilen. Jedes noch so kleine Geräusch war ihnen zuviel.
Müde quälte sich Josephine aus dem Bett, schnappte sich ihren Morgenmantel,
zog ihn über und lief schlaftrunken in die Küche, um Kaffee zu kochen.
Erstaunt blieb sie in der Tür stehen und sah auf das Häufchen Elend
was am Tisch saß und sich an einer Tasse Kaffee festhielt.
Sie trat hinter ihn, legte beide Hände vorsichtig auf seine Schultern und
spürte das er leicht zusammenzuckte.
„Morgen“, kam es leise und Josephine machte es sich auf dem Stuhl neben ihm
bequem.
„Morgen“, flüsterte sie und schluckte.
Kian sah in seine Tasse und schluckte immer wieder.
Nein, er würde nicht weinen.
Nicht wegen ihr. Nicht wegen Jodi.
Die Tränen war sie nicht wert.
Er sah zu Josephine und ehe sie sich versah hing er an ihrem Hals und schluchzte
Herzerweichend auf.
Josephine wusste im ersten Moment gar nicht wie ihr geschah.
Als sie sich gefangen hatte, schlang sie ihre Arme um seinen Oberkörper,
strich immer wieder beruhigend über Kians Rücken und ließ ihm
alle Zeit der Welt, auf seine Weise zu trauern.
Eine halbe Stunde später hatte Kian sich wieder etwas gefangen, wischte
mit dem Handrücken seine Tränen weg und fuhr sich über seine
Nase und sah Josephine an.
Seine blauen Augen, die einst soviel Lebensfreude ausstrahlten waren mit einem
mal leer und wirkten fast grau und kalt.
Es zog ihr das Herz zusammen und sie spürte Wut in ihr aufsteigen.
Ja, sie war wütend.
Wütend auf Jodi, dass sie so mit ihm und seinen Gefühlen gespielt
hatte.
Kian hat sie geliebt, über alles geliebt, und sie hatte diese Liebe mit
Füßen getreten.
Sie war wütend auf sich, weil sie die Anzeichen gesehen, aber nie etwas
gesagt hatte.
„Es ... es tut mir so leid, Kian“, flüsterte sie und strich ihm über
die Wange.
Er schüttelte den Kopf und nahm ihre Hand in seine, strich mit dem Daumen
über ihren Handrücken und sah sie an.
„Danke“, er schluckte, „danke das du einfach nur da bist, Josie.“
Erneut rannen Tränen über seine Wangen und noch ehe er sich ein weiteres
Mal die Blöße gab stand er auf und ging ins Bad.
Josephine sah ihm nach und seufzte auf.
Sie würde ihn jetzt nicht allein lassen. Nicht jetzt wo er jemanden brauchte.
Als sie sich eine Tasse Kaffee genommen hatte und gedankenverloren daran nippte
und aus dem Küchenfenster sah, betraten nun auch Sally und Dave, mit völlig
zerknautschten Gesichtern die Küche und stürzten sich dankbar auf
das schwarze Gebräu.
*
Am Abend tauchte völlig unerwartet Louis auf.
Und er war nicht allein.
Nein. Er betrat Hand in Hand mit Uma Josephines trautes Heim und erntete nicht
nur von ihr erstaunte Blicke.
Den Jungs fiel fast alles aus dem Gesicht, nur Sally sah schmunzelnd zwischen
den Beiden hin und her.
„Wie ich sehe“, Louis sah grinsend zu seinen Jungs, „habt ihr es ordentlich
krachen lassen.“
„Man tut was man kann“, kam es trocken von Brian.
Nachdem alle Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht wurden und zu guter Letzt
auch Nicky und Georgina wieder zu ihnen stießen, machten es sich alle
im Wohnzimmer bequem.
Allerdings blieb Nicky stehen und sah strahlend in die Runde.
Kian sah zu ihm, lächelte kurz und lehnte sich zurück.
Er wusste was jetzt kommen würde.
„Hast du Probleme `nen Platz zu finden?“ Shane sah zu ihm und zog Gillian in
sein Arme.
„Nein ... ich ... also wir“, er sah nervös zu Georgina, die nach seiner
Hand griff und sie sanft drückte.
Nicky holte tief Luft und ließ seinen Blick ein letztes Mal über
die Runde schweifen.
„Wir bekommen ein Baby“, platzte es stolz aus ihm heraus und er blickte voller
Liebe zu seiner Frau hinab.
Als keine Reaktion kam sah er wieder in die Runde und räusperte sich.
„Georgina ist schwanger, wir bekommen ein Baby. Hallo?!“
Rowen war der erste der sich räusperte und den beiden dann lächelnd
gratulierte. Sie umarmte und sich dann wieder neben Mark setzte.
Die anderen schließen sich ihm an und fielen nun nacheinander Nicky und
Georgina um den Hals, wünschten ihnen alles Gute und Josephine holte, zum
besonderen Erstaunen von Kian, eine Flasche Champagner aus der Küche.
„Nur zum anstoßen“, lächelte sie verlegen und hielt Georgina eine
kleine Flasche Multivitaminsaft hin.
„Du wirst dich aber weiterhin daran festhalten müssen“, zwinkerte sie ihr
zu und hielt ihr die Flasche hin.
Georgina grinste und nahm ihr die Flasche ab.
Der Saft schmeckte köstlich, das hatte sie gestern Abend schon bemerkt,
und anscheinend war Josephine die einzige die das mitbekommen hatte.
Als sie auf die Byrnsche Schwangerschaft angestoßen hatten räusperte sich Brian und sah zu Louis.
Mark zog es sofort den Magen zusammen. Er kannte diesen Blick von Brian nur
allzu gut, und er verhieß nichts gutes.
Was würde jetzt nur folgen?
„Ich muss euch was sagen“, sagte Brian leise und es wurde schlagartig still
im Raum.
Jeder schien zu spüren das etwas unerfreuliches in der Luft lag.
„Es wird eine Pressekonferenz geben“, begann Brian leise und sah kurz auf.
„Ich werde am 9. März meinen Ausstieg bekannt geben.“
Er leerte sein Sektglas in einem Zug und wäre vor dieser erdrückenden
Stille im Raum am liebsten weggerannt.
*
Ohne etwas zu erwidern stellte Kian sein Glas ab, stand auf und verließ
das Wohnzimmer.
Er atmete tief durch, griff in seine Hosentasche und holte seinen Autoschlüssel
hervor.
„Viel Glück, bei was auch immer, Macs“, flüsterte er und trat aus
dem Haus.
*
Shane schloss die Augen, fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht
und stöhnte leise auf.
„Das ist nicht dein Ernst, Brian.“
„Ich hab noch nie etwas so Ernst gemeint, Shane“, kam es leise von ihm.
„Aber was wird ... Brian was wird aus ... aus dem Traum den wir hatten? Wir
wollten die ganze Welt erobern.“
Er schnaubte auf und sah ihn an.
„Ihr wolltet das. Ich wollte nur Musik machen, nix weiter.“
„Und was haben wir deiner Meinung nach bis jetzt getan?“ fuhr er ihn an und
Gillian legte beruhigend eine Hand auf seine Schulter.
„Ach, lass mich in Ruhe!“ Er schüttelte die Hand ab, stand auf und ging
hinaus in den Garten.
Gillian sah ihm mit verletztem Blick nach und ließ sich zurück ins
Sofa fallen, verschränkte die Arme vor der Brust und bedachte Brian mit
einem unfreundlichen Blick.
Mark liefen Tränen über seine Wangen und er sah immer wieder zu Brian.
„Bitte, Macs“, schluchzte er auf. „Bitte geh nicht.“
„Tut mir leid, Fee. Aber du weißt, warum ich so handle.“
Nicky schnaubte auf und sah zu Brian.
„Seit wann ziehst du so den Schwanz ein?“
„Nicky!“ Georgina wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken.
„Was?!“ Wütend sprang er auf und ging zu Brian hinüber.
„Kannst du dich noch an den Tag erinnern als du uns verkündet hast, dass
du Daddy wirst?
Sicher kannst du das, denn diesen Tag vergisst man nie.
Und diesen Moment, genau diesen kleinen Moment des noch perfekteren Glücks
hast du mir, hast du meiner Frau, genommen!
Ich danke dir und wünsche dir für dein weiteres Leben alles Gute.“
Mit diesen Worten ging er zu seiner Frau, griff nach ihrer Hand und gemeinsam
verließen sie das Haus.
*
Josephine, die sich gleich nach Brians Geständnis in die Küche verzogen
hatte, blickte aus dem Fenster und beobachtete Nicky und Georgina dabei, wie
sie sich von Kian verabschiedeten, der unschlüssig vor seinem Wagen stand.
Ohne weiter darüber nachzudenken ging sie zu ihnen nach draußen.
Sie unterhielten sich noch eine kleine Weile, dann fuhren Nicky und Georgina
heim.
„Magst du nicht wieder mit rein kommen?“
„Nein, ich glaub ich fahr lieber heim“, erwiderte er kopfschüttelnd und
sperrte seinen Wagen auf.
„Aber ... ich mein ... ich kann uns“, sie zeigte aufs Haus und sah Kian mit
großen Augen an.
„Schon gut, Josie“, er lächelte sie an, beugte sich vor, drückte einen
Kuss auf ihre Stirn und öffnete die Autotür.
„Fahr nicht Kian, bitte“, flüsterte sie und hielt ihn sanft am Arm fest.
*
Brian legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und räusperte sich.
„Hast du nicht auch schon mal davon geträumt noch einmal ganz von vorn
anfangen zu können, Fee?“
Mark sah verwirrt auf.
„Mir hat mal jemand gesagt, dass ich für mich nicht für andere lebe,
und diese Person hatte Recht.
Ich hab meine Entscheidung getroffen, auch wenn sie für euch völlig
unerwartet und verletzend kam, aber damit müssen wir leben.
Ich fühl mich nicht wohl, Fee. Hab das Gefühl alles stürzt auf
mich ein und nimmt mir die Luft zum atmen.“
„Aber wieso jetzt? Wieso jetzt, Brian?“
Er lachte kurz auf und sah zu Mark, der sich nach vorn gebeugt und auf seinen
Knien abgestützt hat.
„Man soll doch aufhören, wenn’s am schönsten ist, oder? Sagt man das
nicht immer?“
Sally sah zwischen den beiden Freunden hin und her und schluckte.
Sie löste sich aus Daves Umarmung, stand auf und lief nach oben in ihr
Zimmer.
Dave sah ihr verwirrt nach, stand auf und folgte ihr.
Das Brian den beiden nachschaute bemerkte er nicht.
„Wie lange geht das schon zwischen den Beiden?“
„Was? Wen meinst du?“
„Na Dave und sie.“
„Sie?“
„Na Sally!“
Langsam fiel der Groschen bei Mark und er schüttelte den Kopf.
„Ich dachte mit dem Thema sind wir durch, Macs. Und lass die Finger von ihr.
Sie und Dave sind überglücklich.
Es reicht, wenn du unsren Traum zerstört hast.“ Er stand auf, zog die Schachtel
Zigaretten aus seiner Tasche und gesellte sich zu Shane nach draußen in
den Garten.
Gillian, Rowen und Uma verzogen sich in die Küche und ließen Louis
und Brian allein im Wohnzimmer zurück.
„Meint ihr, er zieht das wirklich durch?“ Uma sah fragend von einem Gesicht
ins andere und schluckte.
„Brian? Oh ja“, kam es im Chor und alle drei seufzten auf.
*
Lächelnd zog er Josephine in sein Arme, drückte sie liebevoll an
sich, löste sich wieder von ihr und stieg dann in seinen Porsche.
„Nein ... Kian. Nicht.“
Schnell lief sie um den Wagen herum, riss die Beifahrertür auf und setzte
sich neben ihn in den Sitz.
„Was wird das?“
„Du meinst doch nicht, dass ich dich jetzt allein fahren lasse.
Vergiss es Kian.
Ich hab einmal einen geliebten Menschen verloren, dass mach ich nicht noch einmal
mit.
Entweder kommst du wieder mit rein, oder du musst mich mit nach Sligo nehmen.“
Kian lachte auf und schüttelte den Kopf.
„Spinnst du jetzt?“
Josephine schluckte und sah ihn einfach nur an.
„Ich dachte wir sind Freunde Kian.
Und Freunde sind nun mal füreinander da, das hast du mir selber gesagt,
und das nicht nur einmal in letzter Zeit.
Du hast mich fast durchs Telfon gezogen, weil ich dich nicht angerufen habe
als es mir wieder dreckig ging, ich am Boden lag und nicht wusste, wie ich den
Prozess jemals überstehen sollte.
Und jetzt? Jetzt brauchst du mal meine Hilfe und kneifst.
Ich hätte nie gedacht, dass du so feige bist, Kian.“
Sie stieg wieder aus dem Wagen und lief in Richtung Haus zurück.
Kian sah ihr nach, seufzte auf, legte seinen Kopf aufs Lenkrad und holte tief
Luft.
„Nenn mich nie wieder feige“, raunte er ihr ins Ohr und Josephine zuckte unwillkürlich
zusammen.
„Und wehe du gehst da jetzt rein“, setzte Kian erneut an und legte eine Hand
auf ihre Schulter.
Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn mit großen, fragenden Augen an.
„Wieso nicht?“
„Weil ... die Hausordnung“, flüsterte Kian, nahm ihr Gesicht in seine Hände
und strich mit den Daumen über ihre Wangen.
„Aber ...“
„Wir sind nicht im Haus, also sei ruhig jetzt, damit ich endlich das tun kann,
was ich schon seit dem Abend machen wollte, als du dir einfach einen Kuss von
mir gestohlen hast“, meinte er leise lächelnd und küsste ihre Nasenspitze.
„Aber ich war ...“
„Völlig unschuldig, ich weiß“, raunte Kian und kam ihrem Gesicht
immer näher.
Josephine schloss die Augen und seufzte leise auf, als Kian seine Lippen vorsichtig
auf ihre legte und sanft von ihr kostete.
Leichtes knabbern an der Unterlippe wurde von einem intensiven Kuss und einem
sanften Spiel ihrer Zungen abgelöst, und das im ständigen Wechsel.
*
Sally saß auf der Fensterbank und wischte sich die Tränen von den
Wangen.
Das konnte nicht sein Ernst sein.
Er konnte doch nicht sie für seine Entscheidung beschuldigen.
Sie wusste damals doch gar nicht, mit wem sie es überhaupt zu tun hatte,
als sie ihm diesen völlig bescheuerten Rat gab.
Dave klopfte leise an die Tür und steckte seinen Kopf ins Zimmer.
Als er sie weinend auf der Fensterbank sitzen sah ging er ohne Umschweife zu
ihr, und setzte sich ihr gegenüber hin.
„Was ist los?“
„Du wirst mich jetzt für völlig bescheuert erklären“, schluchzte
sie auf und sah aus dem Fenster.
Ehe Dave nachhaken konnte begann sie ihm leise von ihrem ersten Aufeinandertreffen
mit Brian, und ihrem gemeinsamen Abend, zu erzählen an.
„Ich bin die Person von der er gesprochen hat, Dave. Ich hab ihm das gesagt,
dass er nicht für andere sondern für sich lebt und so handeln und
entscheiden soll, wie er sich am Schluss am wohlsten fühlt“, beendete sie
ihre Ausführung und pulte an ihrem Daumen herum.
„Das glaubst du jetzt nicht wirklich, oder?“ Kopfschüttelnd erhob er sich
und lief im Zimmer auf und ab.
„Das ist wahrlich das bescheuertste was ich jemals gehört habe, und glaube
mir, ich hab schon viel gehört, Sal.
Wieso solltest ausgerechnet du der Auslöser für seine Entscheidung
sein?
Brian hat schon viel eher mit sich gerungen die Band zu verlassen, nicht erst
seit du ihm den Kopf verdreht hast.
Es dreht sich im Leben nicht immer alles um dich, Sally Ryan.“
Ohne weiter über seine Worte nachzudenken verließ er ihr Zimmer wieder,
lief die Treppe nach unten und ging ins Wohnzimmer.
„Kann ich mal mit dir reden?“ Dave stand vor Brian der auf dem Sofa saß
und zu ihm aufblickte.
Schluckend erhob er sich und folgte Dave nach draußen.
Kian und Josephine stoben erschrocken auseinander und liefen, gesenkten Hauptes,
an den beiden Männern vorbei ins Haus, die ihnen etwas irritiert nachschauten.
*
Beide Männer standen sich gegenüber und schwiegen sich im ersten
Moment einfach nur an.
Dave wusste nicht wie er beginnen sollte, Brian konnte sich allerdings denken
um wen es in diesem Gespräch gehen würde.
„Dave, hör zu. Zwischen Sally und mir, da ist nie was gelaufen“, begann
er.
„Wir waren was essen, haben uns sehr gut unterhalten, ein bissi geflirtet, aber
das war’s dann auch schon.
Wir sind jeder in unser eigenes Bett gestiegen. Ich bin verheiratet.“
„Das hat dich vor ein paar Monaten auch noch nicht interessiert oder von irgendetwas
abgehalten, Brian“, zischte Dave ihn an und sein Blick verfinsterte sich.
„Willst du auf etwas Bestimmtes hinaus?“
„Sally sitzt da oben und redet sich ein, dass SIE der Auslöser für
deine Entscheidung, die Band zu verlassen, ist.
Herrgott noch mal Brian!
Seit Frank gestorben ist macht sie sich diese Vorwürfe für alles verantwortlich
zu sein. Musstest du mit ihr darüber reden?“
„Stop! Jetzt mach mal nen Punkt Dave! Ich kannte sie zu diesem Zeitpunkt doch
noch gar nicht.
Sie kommt da mit Marks Köfferchen am Flughafen an und ...“ Brian schluckte
und fischte seine Zigaretten aus der Hosentasche, steckte sich eine an und inhalierte
tief um den blauen Dunst im nächsten Moment wieder auszuatmen.
„Und was? Du bist hart geworden und wollest sie nur noch rammeln, oder was?!“
Dave hatte zu tun ruhig zu bleiben, und nicht die Beherrschung zu verlieren.
„Was willst du eigentlich von mir?
So weit ich mich erinnern kann, lief zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal was
zwischen euch.
Und nach dem zu urteilen was ich so erfahren habe, wart ihr euch am Anfang alles
andere als grün.
Ihr seid euch doch bei jeder euch nur bietenden Möglichkeit an die Gurgel
gegangen.
Erst als Josephine wollte, dass du zu ihr kommst, damit sie dir die Frau vorstellen
konnte, die Frank in der Stunde seines Todes am nächsten war, hast DU dein
Hirn ausgeschaltet und nur noch mit deinem Schwanz gedacht.
Du vögelst sie doch nur, weil sie deinen besten Freund in den Tod begleitet
hat, in der Zeit wo du bei Josephine im Bett lagst und ihr wie die Karnickel
gerammelt habt! Also halt die Backen und lass mich in Ruhe!“ Brian ließ
Dave stehen, ging ins Haus, schnappte sich seine Sachen und fuhr dann zu sich
heim.
Dave stand noch eine Weile draußen und musste sich sammeln.
Brians Worte hatten ihn fast aus den Latschen geworfen und er rannte ins Haus,
griff nach den erstbesten Autoschlüsseln die ihm in die Finger kamen und
schmiss sich kurz darauf hinters Steuer von Marks Landrover und raste zu Brians
Anwesen.
*
Als er die Tür hinter sich ins Schloss schmiss und seine Autoschlüssel
im hohen Bogen auf die kleine weiße Anrichte befördert hatte, ging
Brian in die Küche und holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank.
Er wollte gerade zum trinken ansetzen, als es Sturm klingelte.
Natürlich wusste er auch so, ohne die Tür zu öffnen, wer davor
stand.
Kaum hatte er die Tür geöffnet stürmte Dave ins Haus und sah
Brian an.
„Woher weißt du das von mir und Josie?“
Brian lachte kurz auf, nippte am Bier und sah ihn kopfschüttelnd an.
„Man muss schon sehr blind gewesen sein, um euer Geturtel nicht mitzubekommen,
während Frank seiner Arbeit nachging.“ Brian ging ins Wohnzimmer und ließ
sich auf sein Sofa nieder.
Dave folgte ihm unsicher und nahm ihm gegenüber im Sessel Platz.
„Und ich hab mich tagelang gefragt, warum sie ihren Mann immer öfter begleitete“,
murmelte er und nippte erneut am Bier.
„Als sie dir dann nach dem Tod ihres Mannes immer mehr aus dem Weg ging, dich
nur noch dann kontaktierte, wenn es nur noch dringend nötig war, hab ich
mir so meine Gedanken gemacht.
Ihr habt euch nur noch angegiftet und seit euch zu jeder euch bietenden Möglichkeit
an die Gurgel gegangen.
Als dann plötzlich noch Sally auftauchte und sich als die verschollene
beste Freundin von Josephine entpuppte, bist du völlig ausgetickt.
Hast sie in euren Zwist mit reingezogen, aber kaum hast du erfahren das sie
Frank die Hand hielt als er starb, ist dein Herz zu ihr übergelaufen.“
Brian schnaubte auf und sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an.
„Wer’s glaubt wird selig, Dave.
Du fühlst dich schuldig und allein, suchst die Nähe zu jemandem und
da kam dir Sally mehr als Recht.“
Dave fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht und ließ sich
stöhnend nach hinten in den Sessel fallen.
Brian beobachtete ihn dabei, stellte seine Flasche Bier auf dem Tisch ab, stand
auf, ging zur Bar und goss Dave einen doppelten Whiskey ein.
„Hier“, murmelte er und hielt ihm das Glas hin.
Dankbar griff Dave danach, leerte es zügig und holte tief Luft.
„Ich hab mich wirklich in sie verliebt Brian und das ist nicht erst passiert,
nachdem ich das mit Frank erfahren habe“, kam es leise und Brian setzte sich
wieder und hörte ihm schweigend zu, während er sich eine Zigarette
nahm und sie anzündete.
„Kann ich vielleicht auch eine?“
Schmunzelnd reichte er ihm die gerade angesteckte und nahm sich eine weitere
aus der Schachtel.
„Und wieso Josephine?“
Dave sah Brian an und schluckte.
*
Shane und Gil verabschiedeten sich gerade von Louis und wollten sich auf den
Weg zu Nicky und Georgina machen, bei denen sie schon die letzte Nacht verbrachten,
kam Mark völlig aufgeregt ins Wohnzimmer gerannt.
„Mein Wagen! Mein Baby is weg!“
Rowen kam hinzu und sah Mark an.
„Wieso? Ich bin doch da“, kicherte er und drückte dem etwas verdutzten
Mark einen Kuss auf.
„Dich mein ich doch nicht“, winkte er ab und zwinkerte ihm zu.
„Mit dem ist Mr. Last vorhin weg gefahren“, meldete sich ein dünnes Stimmchen
im Hintergrund und Mark sah zu Uma.
„Woher ...“
„Er ist Mr. McFadden gefolgt“, sagte sie schnell und schluckte. „Ich wusste
nicht, ob ich Ihnen Bescheid geben soll, Mr. Feehily.“ Ihre zarte Stimme wurde
zum Ende hin immer dünner und sie suchte krampfhaft Halt bei Louis.
Louis strich ihr liebevoll über den Rücken und küsste sie auf
die Schläfe.
Bei Mark schrillten sämtliche Alarmglocken.
Er musste zu Brian.
Umgehend!
„Kann ... kann mich jemand ... Shane! Du! Du kannst mich doch mit zu Macs nehmen.
Klar kannste das. Los ab, jetzt!
Ich hab keine Zeit.“ Er schob einen ziemlich verdutzt aussehenden Shane in Richtung
Haustür und Rowen folgte den beiden mit Gillian an der Hand.
„Jetzt wartet doch mal. Was ist denn hier los?“ Kian hatte die Aufruhr im Wohnzimmer
mitbekommen und sich dazu gesellt.
„Dave is, wie von der Tarantel gestochen, Macs hinterher“, murmelte Shane. „Frag
mich bloß nicht, was der schon wieder hat. Ich bin hier nur der Fahrer.“
„Es reicht, Shane!“ Gillian war stehen geblieben und bedachte ihn eines mürrischen
Blickes.
„Uns alle trifft es mehr als schwer, dass Brian aussteigt, aber wir müssen
nun mal seine Entscheidung annehmen und akzeptieren. Ob dir das nun in den Kram
passt oder nicht.
Deine Mum hat wirklich recht. Bevor man es dir Recht machen kann, hört
die Erde auf sich zu drehen“, schnaubte sie auf und ließ einen völlig
verdutzten Shane zurück und trat aus dem Haus, Kian ihr hinterher.
„Och nee Kinder, jetzt fangt nicht auch noch zu streiten an, ich dreh sonst
durch.
Lasst uns einfach fahren und gut is.
Du sprichst dich mit deiner Süßen zu Hause aus, vertragt euch wieder
und fallt übereinander her, wie auch immer, aber bitte, BITTE lasst uns
fahren.“
Mark zog Shane und Rowen mit sich nach draußen, wo er sich noch Kian und
Gillian schnappte.
„Ähm, Moment. Ich komm nicht mit“, murmelte Kian und machte sich wieder
auf in Richtung Haus.
„Ja, wie auch immer“, winkte Mark ab, schob die anderen in den Wagen und kurz
darauf fuhren sie von Josephines Grundstück.
*
Ihm gefiel der Blick von Dave nicht im geringsten und Brian seufzte auf.
„Also? Warum Josie?“
Dave nahm einen tiefen Zug von der Zigarette und blies den Rauch wieder aus.
„Ich kenne Josephine seit ihrem 15. Lebensjahr“, begann er leise. „Sie war meine
erste große Liebe und ich bin fast wahnsinnig geworden vor Sehnsucht nach
ihr, als meine Eltern auf die Idee kamen nach Amerika zu gehen.
Ich war damals 16 und für mich brach eine Welt zusammen, Brian.
Meine Eltern meinten ich wäre verrückt, denn mit 16 wusste man schließlich
noch nicht was wahre Liebe ist, aber ich war anderer Meinung.
Vor 5 Jahren bin ich wieder zurück nach Irland gegangen und hab mich auf
die Suche nach ihr gemacht.“
Er drückte seine Kippe im Aschenbecher aus und goss sich einen Whiskey nach. Dave nahm das Glas in die Hand, schwenkte es etwas und trank dann einen Schluck.
„Und weiter?“ Brian lehnte sich entspannt zurück und nippte an seinem
Bier.
„Ich war in einem Café in Dublin. Es war irgendwann im Mai 99 und ich
trank gerade einen Irish Coffee als ich sie sah.
Sie stand vor einem Schaufenster einer Boutique und ich konnte meine Blicke
nicht mehr von ihr wenden.
Ich hab gezahlt und bin über die Straße gerannt ohne weiter auf den
Verkehr zu achten.
Die ganze Huperei hat mich nicht gerade unauffällig gemacht.“ Er lachte
kurz auf und trank erneut einen Schluck seines Whiskeys.
„Ich konnte nix sagen, als ich dann direkt vor ihr stand und stammelte unsinniges
Zeug.
Josie lachte auf und genau dieses Lachen hat mein Herz erneut entfacht und ich
verliebte mich praktisch neu in sie.
Dann kam Frank und alles wurde anders.
Wir sahen uns kaum noch und sie hatte nur noch Augen für ihn. Ich war praktisch
von heute auf morgen Luft für sie.“
„Mo ... Moment, Dave“, stoppte Brian ihn und lehnte sich vor. „Ihr habt euch
... wie lange? ... 5 Jahre nicht gesehen und du wirfst ihr vor, dich von heute
auf morgen wie Luft zu behandeln?“
„Wir sind noch am selben Tag im Bett gelandet, Macs!“
„Und? Ihr habt euer Wiedersehen gefeiert und gut ist. Nur weil sie für
dich die Beine breit gemacht hat heißt das noch lange nicht, dass sie
dich wieder in ihr Leben ...“
„Sie hatte mir damals den Job bei euch besorgt“, kam es leise und Dave leerte
das Glas endgültig.
„Wieso? Ich mein, nicht das ich mich nicht freue ... Wieso?“
„Wegen Frank.“
„Wegen Frank? Wieso?“ Stirnrunzelnd zündete er sich erneut eine Kippe an
und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.
„Sag mir jetzt nicht, dass Frank ...“
„Doch ... er wusste davon.“
Brian sprang auf und rannte im Wohnzimmer auf und ab.
„Du willst mir also sagen, dass Frank Parker, unser langjähriger Fotograf,
und vor allem, sehr guter Freund, von den Vorfällen in Köln wusste?“
Dave nickte kurz und Brian war kurz davor auszuflippen.
„Sie hatte Angst, das ihm etwas zustößt. Josephine hat ihn über
alles geliebt. Ich glaube, Frank war das für sie, was sie für mich
war.
Ihre große Liebe.
Wir waren nur noch ein einziges weiteres Mal zusammen im Bett.“
„In der Nacht als Frank starb?“
Dave schüttelte den Kopf und Brian atmete erleichtert auf.
„Es passierte, als ihr Köln wart.
Ich kannte euch da noch nicht, denn normalerweise höre ich andere Musik.
Paul und Anto waren, so weit ich informiert bin, für euch zuständig.
Ich bin ja erst ein Jahr später zu euch gestoßen.“
„Aber was hat das mit Frank und den Aufnahmen zu tun?“
„Josephine bekam immer häufiger diese Drohanrufe und hat sich mit mir in
Verbindung gesetzt.
Sie konnte Frank davon nicht erzählen, denn der hätte womöglich
die Polizei eingeschaltet.
Frank war der ärgste Konkurrent von Tom und stand auf seiner Abschussliste
ganz oben. Dieser Klien setzte alle Mittel ein, um ihn dranzukriegen und ihm
seine Aufträge abzuluchsen und Josie bat mich einfach auf ihn aufzupassen.
Deswegen bekam ich die Stelle bei euch und war ständig in Franks und ihrer
Nähe.
Und es blieb nicht aus, dass Frank und ich die besten Freunde wurden.“
Dave fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht und seufzte tief auf.
„Er fehlt mir, Brian. Er fehlt mir so sehr.
Und nein, ich hab mich nicht in Sally verliebt, nur weil sie ihn in der schlimmsten
Nacht seines Lebens nicht allein ließ.
Nein, ich hab mich in sie verliebt, weil sie die wunderbarste Frau ist, die
mir jemals begegnet ist.“
„Ich dachte das war Josephine“, schmiss Brian ein und wurde vom ungestümen
pochen an seiner Haustier unterbrochen.
*
Während Brian zur Tür ging um sie zu öffnen, goss sich Dave einen
weiteren Drink ein, obwohl er wusste, dass er damit seinen Kummer nicht wegspülen
konnte, sondern nur betäuben.
Kaum hatte Brian die Tür geöffnet stand auch schon Mark in seinem
Flur und sah sich mit großen Augen um.
„Okay, raus mit der Sprache. Wo liegt er?“
„Wer?“
„Davey!“
„Er sitzt im Wohnzimmer, aber was...“
Mark stürzte los und blieb erleichtert in der Wohnzimmertür stehen,
dann ging er langsam zu ihm.
Brian sah im kopfschüttelnd nach und bat dann Rowen herein.
Shane und Gillian winkten ihm kurz und machten sich auf den Weg zu Nicky und
Georgina.
„Kannst du mir mal bitte sagen, warum Fee so austickt?“
Rowen blieb stehen und sah Brian durchdringend an.
„Das kannst du dir wohl selbst beantworten, oder muss ich dich daran erinnern,
dass du spitz wie Nachbars Lumpi auf seine Freundin bist?“
Der Hieb hatte gesessen und er brauchte dazu nix mehr sagen, denn sein Blick
verriet ihn mehr als tausend Worte.
Seufzend fuhr sich Rowen durchs Haar und sah zu ihm auf.
„Ich sag das nur einmal und ich möchte das du darüber nachdenkst,
Macs.
Ich denke kenn dich jetzt lang genug, um dir diesen kleinen Tipp geben zu dürfen.
Du kannst nicht immer alles haben was du willst.“
Kaum hatte er den Satz ausgesprochen begab er sich ins Wohnzimmer und traf dort
auf Dave der in Marks Armen lag und wie ein kleiner Junge aufschluchzte.
Was war hier nur passiert?
Unschlüssig, ja auch ein wenig ängstlich, setzte er sich auf den
zweiten Sessel und sah ungläubig auf das Häufchen Elend in den Armen
seines Liebsten.
Noch nie zuvor hatte er Dave so aufgelöst erlebt.
„Entschuldigt“, schluchzte er auf, wand sich aus Marks Umarmung und setzte
sich wieder aufrecht hin.
„Es ist keine Schande zu weinen, Dave. Auch nicht für einen so starken
Mann wie dich, der glaubt für alle und jeden da sein zu müssen, obwohl
er tief im Inneren auch nur ein kleiner Junge ist, der hoffnungslos verliebt
ist und Angst hat, diese Liebe, auf Grund seiner Vergangenheit zu verlieren.“
Brians Worte ließen Mark herumfahren und er wusste, dass Dave ihm etwas
anvertraut haben musste, was niemand von ihnen wusste.
Als Dave aufsah und Brian ansah, zuckte dieser etwas erschrocken zusammen. Seine
Blicke durchbohrten ihn fasst.
„Aber ich werde sie nicht an dich verlieren, Brian.
Ich hab Augen im Kopf oder meinst du ich bin blind und sehe nicht, mit welchen
Blicken du sie fixierst? Ja, sie schon fast ausziehst?
Lass deine Finger von Sally, oder du lernst mich mal so richtig kennen und glaube
mir, du wirst ewig an mich denken, wenn ich mit dir fertig bin.
Ich hab einmal die Liebe meines Lebens verloren, da geh ich nicht ein weiteres
Mal durch.
Such dir ein anderes Spielzeug und lass sie in Ruhe!“
Er schüttete sich den Whiskey in den Mund und ließ ihn seine Kehle
hinunter rinnen.
„Könnt ihr mich wieder zu ihr fahren? Bitte.“
„Ja. Ja natürlich“, sagte Mark schnell und sah zwischen ihm und Brian hin
und her.
Was hatte Dave bitte damit gemeint, dass er schon einmal die Liebe seines Lebens
verloren hatte?
Was?
Aber vor allem, wen?
Mark und Rowen erhoben sich, verabschiedeten sich von Brian und gingen schon einmal nach draußen.
Dave erhob sich ebenfalls und sah lange zu Brian, dann ging er langsam auf
ihn zu.
„Es gehören immer zwei zu einer Trennung, Macs.
Schieb Kerry nicht die alleinige Schuld in die Schuhe. Auch du hast dich nicht
immer fair ihr gegenüber verhalten, und das weißt du.
Und sich jetzt dafür eine Art Befriedungsersatz zu suchen ist der falsche
Weg.
Vor allem, weil du es erstens nicht nötig hast und zweitens, weil dir das
einfach nicht mehr steht.
Du bist ein toller Kerl, Brian Nicholas McFadden, lass dir das gesagt sein.
Und ich wünsche dir alles Gute für deine Zukunft, wie auch immer die
aussehen wird.
Ich war gern mit dir unterwegs und du wirst mir ganz schön fehlen auf Tour,
aber so ist das Leben nun mal.
Man kann nicht immer nur an dem Jetzt festhalten nur weil es einem im Moment
am besten und bequemsten erscheint, denn die wirkliche Stärke eines Menschen
liegt darin nach vorn zu blicken und den Berg hinauf zu klettern, anstatt sich
den Abhang hinunterrollen zu lassen.
Und jetzt wäre ich dir sehr dankbar, wenn du mich rausschmeißen würdest,
denn sonst fang ich noch an zu heulen wie ein Mädchen.“
Brian lachte kurz auf und im nächsten Moment lagen sich die beiden Männer
laut schluchzend in den Armen.
*
Josephine und Kian standen gerade eng aneinander gekuschelt in der Küche
und tauschten flüsternd liebevolle Worte aus, als Mark am Haus vorfuhr
und Dave leicht betrunken aus dem Wagen rutschte.
Mark wollte ihn beim gehen etwas stützen, aber Dave wehrte seine Hilfe
ab und schwankte allein zum Haus.
Er hatte bei Brian wohl doch etwas zu viel getrunken.
Als er das Haus betrat kamen ihm sofort Kian und Josephine entgegen.
„Was ist denn...“
Dave winkte ab und stieg sofort die Treppe nach oben, klopfte an Sallys Tür
und ging hinein.
Noch ehe Sally was sagen konnte spürte sie seine Lippen auf ihren.
„Dave... hör... auf“, schob sie ihn mit Druck von sich und wischte sich
mit der Handoberfläche über ihren Mund.
„Du bist betrunken“, murmelte sie und ging zum Fenster.
Er folgte ihr, trat dicht hinter sie und legte seine Arme um ihren Körper
und seine Hände auf ihren Bauch.
„Ich muss dir was sagen, Sal“, murmelte er in ihren Nacken und hauchte kleine
Küsse darauf.
Sally blieb still und wartete darauf, was nun folgen würde.
Langsam und leise begann Dave ihr von sich und Josephine zu erzählen,
legte alle Karten praktisch offen auf den Tisch.
Sie hörte ihm zu und schloss ab und an die Augen, nahm das eben gehörte
in sich auf.
Als er geendet hatte löste er sich von ihr, ging zum Bett und setzte sich.
Eine Weile stand sie noch am Fenster und sah hinaus, ließ das eben gehörte sacken und ordnete ihre Gedanken.
„Und seit dem Tod von Frank seit ihr getrennte Wege gegangen, da sie dir insgeheim
vorgeworfen hat nicht für ihn dagewesen zu sein, als er dich am meisten
brauchte“, fasste sie alles kurz zusammen und drehte sich dann zu ihm um.
Dave nickte und ließ den Kopf hängen.
„Ich würd alles dafür tun um ihn noch einmal in den Arm nehmen zu
können, ihm sagen, dass ich ihn liebe und immer auf ihn aufpassen werde.“
Sally hörte ihm schweigend zu, dann räusperte sie sich und fuhr sich
mit einer Hand durch ihr Haar.
„Kann... darf ich dich mal was fragen?“
Leichtes Kopfnicken gab ihr grünes Licht und sie holte tief Luft.
„Wo warst du, als Frank gestorben ist? Was hast du an dem Abend getan?“
Er schluckte und sah sie an.
Unbehagen machte sich in ihr breit und sie wusste nicht, ob sie die Antwort
wirklich hören wollte.
„Ich lag im Bett eines Berliner Hotels und schaute mir gerade einen Film im
Pay-TV an, als es regelrecht an die Tür hämmerte.
Ich ging um zu öffnen und im nächsten Moment stand Josie völlig
aufgelöst in dem Raum und heulte wie ein Schlosshund.
Nach etlichen Anläufen hab ich dann herausfinden können was Frank
vorhatte und sofort zum Handy gegriffen.
Josie hab ich nen doppelten Whiskey in die Hand gedrückt und versucht,
Frank von diesem Irrsinn abzubringen.
Ich hab wirklich alles versucht, Sal.“ Er sah kurz auf und wischte sich einmal
über die Augen.
Sally stieß sich vom Fensterbrett ab, ging zu ihm und ließ sich
neben ihn auf dem Bett nieder. Legte einen Arm um ihn und Dave schmiegte sich
sofort an sie.
„Was ist dann passiert?“ Ihre Stimme war nur noch ein leises flüstern und
sie drückte sanft ihre Lippen auf seine Schläfe, ließ ihre Hand
beruhigend seinen Rücken auf und ab gleiten und spürte wie er sich
etwas entspannte.
„Plötzlich schrie er das seine Bremsen nicht funktionieren“, schluchzte
Dave laut auf und klammerte sich an Sally fest.
„Dann gab es einen furchtbaren Knall und es wurde still.“
Sally kannte den Rest, er musste nicht weiter ins Detail gehen.
„Du solltest dich etwas hinlegen“, murmelte sie nach einer Weile und drückte
Dave leicht nach hinten in die Kissen.
Er legte sich hin, rollte sich auf die Seite und zog die Beine an.
„Ich geh dir einen Tee...“
„Nein... nein bitte geh nicht weg, Sal“, flüsterte er und hielt sie am
Arm fest.
Sein Blick war leer als sie ihn ansah und sie nickte.
Sally legte sich neben ihn und Dave kuschelte sich sofort an sie.
„Ich bin hier, Baldy“, flüsterte sie und drehte sich auf die Seite, sah
ihn an und strich vorsichtig über sein Gesicht.
„Ich lieb dich so, Dave“, sagte sie mit leiser und zitternder Stimme.
Vorsichtig suchten ihre Lippen seine und als sie sich fanden begrüßten
sie sich zärtlich.
Vergessen war der Alkohol.
Er brauchte sie jetzt mehr denn je und sie wollte für ihn da sein.
*
In der Küche herrschte Stille und Kian nippte ab und zu am Tee, den er
sich gekochte hatte.
Normalerweise dudelte das Radio vor sich hin, aber heute blieb alles aus.
Josephine hatte ihm von Dave und ihrer gemeinsamen Vergangenheit erzählt.
Sie hatte endlich mit offenen Karten gespielt und er wusste nicht, ob er erleichtert
oder wütend sein sollte.
Die ganze Zeit hatte sie das Unschuldslamm gespielt und nicht im geringsten
mit dem Gedanken gespielt ihn in ihre gemeinsame Vergangenheit mit Dave einzuweihen.
Er kam sich so bescheuert vor.
„Was bin ich eigentlich für dich?“ hatte er sie gefragt und einen verwirrten
Blick ihrerseits geerntet.
„Bin ich ein Ersatz für Frank?“
„Du weißt genau, dass das nicht stimmt.“
„Ach ja? Weiß ich das?
Weißt du Josie, im Moment weiß ich nicht wirklich was ich von all
dem hier halten soll.
Du solltest dir erst einmal selbst darüber klar werden was du eigentlich
möchtest.
Und du solltest dich endlich bei Dave entschuldigen, denn er kann am wenigsten
etwas für den Tod von Frank. Du schiebst ihn nur als Sündenbock vor
dir her, aber er ist an dem Ganzen völlig unschuldig.
Es war einzig allein die Entscheidung von Frank gewesen in dieser Nacht unterwegs
zu sein, obwohl er sich der Gefahr mehr als bewusst war in der er sich befand.
Hör endlich auf ständig andere für deine Probleme verantwortlich
zu machen, und fang verdammt noch mal an nach vorn zu blicken, als ständig
in der Vergangenheit rumzukrauchen und für jedes verpasste Stück Glück
einen anderen dummen Jungen zu suchen, den du dafür verantwortlich machen
kannst.
Für sein Leben ist jeder selbst verantwortlich.
Man kann sich zwar Hilfe mit an Bord des Schiffes holen, aber steuern muss man
es allein. Und das kann man lernen, auch du Josephine.“
Mit diesen Worten hatte er sie allein gelassen und war in sein Appartement gefahren, was er sich damals mit Jodi zusammen gekauft hatte. Eigentlich hatte er es gekauft und sie hatte sich nur ins gemachte Nest gesetzt. War ja auch der einfachste Weg gewesen.
*
Josephine saß auf der Hollywoodschaukel im Garten, hatte sich zwei Decken
um ihren Körper geschlungen und hing ihren Gedanken nach.
Sie schaute erst auf, als sich jemand neben sie setzte.
Es war Sally.
Dave schlief tief und fest und sie hatte, während sie ihn beruhigt hatte, über einiges nachdenken können und einen Entschluss gefasst.
„Jo, ich... ich werde, wenn die Pressekonferenz über die Bühne gegangen
ist, ausziehen.
Und ich werde den Job bei dir nicht anfangen.
Mr. Walsh hat mir den Posten der persönlichen Fotografin der Jungs angeboten
und ich hab angenommen.
Ich bin seit Anfang März bei ihm unter Vertrag.“
Kommentarlos nahm sie das eben gehörte auf und nickte bestätigend.
„Ich wünsch dir viel Glück für die Zukunft, Sal“, war alles was
sie sagte, dann stand sie auf und ging ins Haus zurück.
War das der Anfang vom Ende einer wiedergefunden Freundschaft?
*
09. März
Die Nacht verlief unruhig, für jeden von ihnen und an Schlaf war kaum
zu denken gewesen.
Heute nun war es so weit.
Westlife hatten eine Pressekonferenz einberufen und die Medien hatten das schon
im Vorfeld als eine Welle für Spekulationen genutzt.
Die wildeste war, dass Westlife heute ihre Trennung bekannt geben würden.
Nach all den Vorfällen in den letzten Wochen in der Presse, stand es für
sie alle schon fest, aber sie sollten alle eines besseren belehrt werden.
Josephine saß vor ihrem Fernseher und haderte einen Moment mit sich.
Dann griff sie zur Fernbedienung, schaltete den Apparat aus und verließ
kurz darauf ihr Haus.
Vor dem Hotel, in dem die Pressekonferenz stattfinden sollte, hatten sich schon
dutzende von, hauptsächlich weiblichen, Anhängerinnen versammelt und
warteten gespannt und teilweise mit Tränen in den Augen dem was nun folgen
würde.
Ein Aufschrei ging durch die Menge, als die Jungs vorfuhren und ihnen kurz zuwinkten,
bevor sie das Hotel betraten.
Brian wurde von Kerry begleitet, Nicky von Georgina und Shane von Gillian. Kian
und Mark kamen ohne Partner und die Aufruhr vorm Hotel ebbte etwas ab.
In einem der Konferenzräume hatte sich die gesamte Presse angesammelt,
die von diesem Ereignis berichteten.
Louis überschattete alles, gab den Journalisten Instruktionen und bat sie,
noch bevor die Jungs den Raum betraten, erst ihre Fragen an Brian zu stellen.
Unterdessen standen die Jungs im Garten der Hotelanlage, zogen still schweigend
an den Zigaretten und genossen irgendwie die Nähe des anderen.
Für Außenstehende war mehr als zu sehen, dass es sich hier nicht
um eine wahllos zusammengewürfelte Boyband handelte, sondern um richtig
wahre Freunde, eine kleine Familie.
Eine kleine Familie mit einem mehr als nur gut funktionierendem Vermarktungsapparat
im Hintergrund.
Dave ging gemächlichen Schrittes auf die fünf Männer zu, zog
lässig an seiner Zigarette und schmiss sie dann auf den Boden.
„Es geht los“, kam es dünn von ihm und er räusperte sich.
Alle atmeten noch einmal durch, dann machten sie sich auf den Weg.
Kaum hatte der Erste den Raum betreten brach ein Blitzlichtgewitter los und
die Männer lächelten tapfer in die Kameras.
Dann nahmen sie am Tisch Platz.
Brian, Mark, Nicky, Shane und Kian.
Neben Brian nahm Louis Platz, und gab allen noch einen Moment um sich zu sammeln.
Dann übernahm er als erstes das Wort und die Pressekonferenz begann.
Die erste Frage strömte auf Brian ein und er räusperte sich, bevor
er sie beantwortete.
„Nein, meine Entscheidung die Band zu verlassen hat nichts mit den Jungs zu
tun. Ich möchte einfach mehr für meine Familie, meine Frau Kerry und
meine beiden Kinder Molly und Lilly-Sue da sein.
Es hat nichts mit Westlife zu tun.“
Eine Journalisten begann Vergleiche zu den Spice Girls und Robbie Williams zu
führen.
Brian schüttelte abwinkend den Kopf.
„Wir sind Westlife nicht die Spice Girls oder Take That. Wir sind Freunde, eine
kleine Familie, die anderen Bands waren eine reine Maschinerie ohne Herz dahinter.
Ich beabsichtige nicht in die Fußstapfen von Robbie Williams zu treten“,
lächelte er tapfer und kratzte sich am Hinterkopf.
Louis bat um die letzte Frage für Brian, dann konnten sie ihre Fragen an den Rest der Band stellen.
„Werden sie weiter Musik machen, Brian?“ wollte ein Journalist wissen und hielt
seinen Stenoblock bereit um einige Notizen zu machen.
"Ich habe nichts vor, nichts was mit Musik zu tun hat und auch nichts anderes.
Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich einfach nur Hausmann sein, auch wenn
ich nicht gut bin in Hausarbeit.
Es sind nicht die Jungs. Wir sind immer noch die besten Freunde und während
der letzten sechs Jahre sind wir zu einer Familie geworden.
Im Grunde musste ich zwischen 2 Leben jonglieren - das Leben in der Band und
in der Familie.
In einer Band zu sein ist eine große Verpflichtung. Aber seit Lilly's
Geburt konnte ich einfach nicht mehr 100% geben."
Er nickte kurz und sah zu Louis der ihm zulächelte.
Brian verabschiedete und erhob sich, ebenso wie der Rest von Westlife, und
wollte gerade den Saal verlassen, als Kian ihn bat noch zu warten.
Er wandte sich kurz an die Presse und nahm ein Blatt Papier in die Hand. Dann
sah er wieder zu Brian.
Kian holte tief Luft und begann mit dünner und zittriger Stimme, die letzten
Worte an Brian zu richten.
„Wir möchten dir danken Brian. Danken für die Wärme und Hingabe
die du uns, Westlife, in den letzten 6 Jahren gewidmet hast.
Wir verbrachten so manch unglaubliche Momente zusammen und werden sie und dich
nie vergessen und in unserem Herzen behalten.
Die letzten Tage waren eine große Belastung für alle von uns und
nur wir und Louis werden das jemals verstehen können.“
Kian schluchzte auf und entschuldigte sich kurz. Er sammelte sich wieder und
sprach dann weiter.
„Wir haben viele Zeit mit dir auf Tour verbracht, haben Freude, Tränen,
Erfolg, Hochzeiten und Babies geteilt.“
Kleine Lacher gingen durch den Raum und Kian blickte kurz auf, wischte sich
eine Träne weg und schniefte kurz hoch.
„Aber vor allem haben wir unsre Träume miteinander geteilt.
Natürlich wünschen wir uns nichts sehnlicher das die Dinge anders
verlaufen wären, aber wir respektieren und verstehen deine Entscheidung.
Wir wünschen dir, Kerry, Molly und Lilly das Beste für eure gemeinsame
Zukunft.
Und noch einmal zum Schluss, Brian. Wir lieben dich von ganzem Herzen.“
Kaum hatte Kian das Blatt Papier weggelegt, hing Brian an ihm und beide umarmten
sich unter Tränen.
Mark, Nicky und Shane sahen zu den beiden und schluckten ihre Emotionen so gut
es ging herunter.
Auch die Augen der Westlifefrauen blieben nicht trocken und sie schluchzten
leise auf.
Brian wandte sich von Kian ab und umarmte die anderen, während sich Kian
mit dem Rücken zur Presse drehte und sich die Tränen wegwischte.
Dann verließ Brian den Saal durch eine kleine Tür und somit auch Westlife, während die nächsten Fragen auf die Jungs hereinprasselten.
*
Nach einer knappen Stunde war der ganze Spuk vorbei und im Hotelgarten wurden
die ersten offiziellen Fotos von Westlife in neuer Konstellation geschossen.
Immer wieder drückte Sally ab und versuchte ihre eignen Emotionen zu unterdrücken.
Kians Rede hatte sie mehr mitgenommen als sie angenommen hatte.
Die nächsten Wochen würden über das Fortbestehen von Westlife entscheiden und das machte die Belastung, die nun auf den Schultern der Vier lastete, nicht unbedingt leichter.
Dave stand im Hintergrund unterhielt sich mit Louis und Simon, während
die Jungs vor den unzähligen Kameras posierten.
Ein Blick ging immer wieder zu Sally und er sah, dass sie sehr mitgenommen war.
Ihr erster offizieller Auftritt als die neue Fotografin der Jungs und dann gleich
so eine Aktion, aber da musste sie jetzt durch.
Man konnte sich das Leben nun mal nicht aussuchen.
Als die Bilder dann im Kasten waren und die Pressefotografen ihren Rückzug
antraten, gingen Georgina und Gillian zu ihren Männern und spendeten ihnen
den nun benötigten Halt und Trost.
Mark zückte sein Handy und rief bei Rowen an während sich Kian auf
eine Bank setzte und immer wieder aufschluchzte.
Sally packte ihre Utensilien weg und ging zu ihm herüber.
Sie setzte sich neben ihn, legte einen Arm um seine Schultern und er legte seinen
Kopf auf ihre Schulter.
Schweigend saßen sie so zusammen, nur das Schluchzen von Kian unterbrach
die Stille ab und an.
*
Gemeinsam brachten sie ihn nach oben und deckten ihn zu, als er sich in sein
Bett gelegt hatte.
Kian war einem Zusammenbruch nahe gewesen, zu sehr haben ihn die letzten Wochen
mitgenommen.
Gerade als sie im Aufbruch waren bog Josephine um die Ecke und ging auf alle
zu, da sackte Kian in den Armen von Sally zusammen und Dave stürzte sofort
auf die Beiden zu, ebenso wie die anderen.
Nicky lief sofort los und besorgte was zu trinken und zu essen, zu gut war ihm
noch die Panikattacke von Mark im Gedächtnis und wie Sally ihn damals durch
die Katakomben des Studios jagte.
Louis ließ einen Arzt kommen, der sich vorm Hotel befand, um sich um eventuelle
zusammengebrochene Mädchen zu kümmern, und der sah auch sofort nach
Kian, der mittlerweile flach auf dem Rasen lag, die Beine wurden leicht nach
oben gehalten und Sally strich immer wieder beruhigend über die Stirn,
sprach leise zu ihm.
Als Nicky dann mit zwei Flaschen Cola und einem Sandwich in der Hand zurück
kam, saß Kian schon wieder aufrecht und sprach mit dem Arzt.
Jetzt lag Kian in seinem Bett und versuchte etwas zur Ruhe zu kommen.
Dave und Sally ließen Josephine mit ihm allein und gingen nach unten.
*
Vorsichtig setzte sie sich auf die Bettkante und legte eine Hand auf seinen
Rücken, strich zaghaft darüber.
Kian lag einfach nur da und starrte die Wand an.
„Kann ich was für dich tun“, flüsterte sie und sah zu ihm herunter.
Er schüttelte leicht den Kopf und zog die Beine noch näher an seinen
Körper.
„Magst du allein sein?“
Kian drehte seinen Kopf leicht nach hinten, sah sie über die Schulter aus
an und schüttelte den Kopf.
„Bitte geh nicht“, kam es leise und er holte erneut Luft.
„Kannst du mich... mich mal in den Arm nehmen, bitte?“
Ohne lange zu überlegen machte sie es sich neben ihn bequem, rutschte in
der Löffelchenstellung an ihn heran und legte einen Arm um seinen Oberkörper.
„Tut mir leid, dass ich zu spät war“, begann sie leise zu erzählen
und atmete den Duft von seinen Haaren ein.
Kian schloss die Augen und genoss ihre Nähe.
„Ich wusste nicht wo Back- und wo Steuerbord war“, murmelte sie in seinen Nacken,
„ich hab bisher noch kein Schiff gesteuert Kian, sonst wär ich bestimmt
eher dagewesen.
Tut mir leid.“
Langsam öffnete er seine Augen wieder und drehte sich in ihrer Umarmung
um und sah sie an.
„Das weiß ich leider auch nicht“, sprach er leise, tastete ihr Gesicht
mit Blicken ab und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Aber vielleicht können wir das ja... na ja... Weißt du ob es hier
in Dub Kurse dafür gibt?“
Josephine musste leise kichern und strich ihm über seine Wange und mit
einem Finger über seine kleine Narbe.
„Keine Ahnung, Kian. Aber ich kann mich ja mal beim Schifffahrtsamt, oder wie
auch immer man das schimpft, erkundigen.
Dann mach ich meinen Bootsschein und komm immer rechtzeitig angeschippert, wenn
du meine Hilfe brauchst.
Na, is das ein Angebot?“
Beide fingen leise an zu lachen und Kian zog Josephine noch enger in seine Arme.
„Darf ich dir auch ein Angebot machen?“
„Sicher.“
„Gut, dann sei ruhig und hör zu.“ Er leckte sich kurz über die Lippen,
beugte sich etwas vor und küsste sie im nächsten Moment hauchzart.
Hoffentlich hatte er das Richtige getan.
Man sagt doch immer, dass erst der zweite Kuss der entscheidende ist.
Der zweite Kuss würde darüber entscheiden, ob man...
Josephine erwiderte Kians Kuss voller Zärtlichkeit und seine Gedanken lösten
sich buchstäblich in Luft auf.
Oh ja, er hatte definitiv das Richtige getan.
*
„Meinst du wir können die beiden allein lassen?“
Sally saß im Wohnzimmer von Kian auf dem Sofa und sah zu Dave der am Fenster
des Apartments stand und auf die Dächer Dublins schaute.
„Warum nicht? Sie sind erwachsen; Sal und wissen was sie tun.“
Er drehte sich zu ihr um und lächelte.
„Und wenn bis jetzt noch keiner der Beiden fluchend das Zimmer verlassen hat,
brauchst du dir keine Gedanken machen.
Die werden sich wahrscheinlich eng aneinander kuscheln und rumknutschen. Kurz
um, sie machen genau das Richtige.“
„Willst du mir damit etwas sagen?“ Sie grinste ihn frech an und Dave legte seinen
Kopf schief.
„Keine Ahnung was du meinst.“
Er ging langsam auf sie zu, stützte sich mit beiden Armen auf der Lehne,
neben ihrem Kopf ab, und kam ihrem Gesicht mit seinem immer näher.
Genau in dem Moment wo sie sich küssen wollten klingelte Sallys Handy und
sie seufzte auf.
„Wieso immer dann...“
Weiter kam sie nicht, denn Dave küsste sie einfach und sah sie dann wieder
an.
„Du lässt dich schnell ausm Konzept bringen, oder?
Gar nicht gut als Fotografin. Stell dir mal vor, du musst die Jungs mal...“
„Nein, ich will’s nicht hören. Nackig kommt mir niemand vor die Linse“,
winkte sie ab und nahm das Gespräch an.
*
Hektisch stand sie auf als sie das Gespräch beendet hatte und rannte in
den Flur, um sich ihre gesamte Fotoausrüstung zu schnappen.
Dave setzte ihr sofort nach und packte sie am Arm.
„Was ist passiert? Dein Verhalten gefällt mir ganz und gar nicht.“
„Ich hab meinen ersten Anschiss von Louis weg, dass ist passiert. Ich blöde
Kuh hätte erst die Bilder entwickeln sollen.“
„Aber Kian ging es...“
„Das weiß ich, Dave. Aber Louis interessiert das nicht, wenn es ums Geschäft
geht, zumal ja noch Josie und du waren um sich um ihn zu kümmern.
Und er hat irgendwie Recht.
Ich hab einen Auftrag zu erledigen und hätte mich erst darum kümmern
müssen. Ich fahr ins Studio, entwickel die Bilder und..“
„Holst jetzt ersteinmal Luft“, schmunzelte Dave, zog sie in seine Arme und küsste
sie auf die Stirn.
Ganz automatisch schmiegte sie sich in seine Umarmung, kuschelte sich an ihn
und atmete den Duft seines Aftershaves ein.
„Glaubst du das Josie sauer auf mich ist, weil ich nun doch nicht bei ihr anfange?
Wir haben seit 2 Tagen nicht mehr miteinander gesprochen.“
Sally sah zu ihm auf und wischte ihm eine Wimper von der Wange.
Hielt sie ihm hin und schmunzelte.
„Wünsch dir was.“
Dave schürzte die Lippen und blies die Wimper von ihrem Finger, wünschte
sich etwas und lächelte sie dann an.
„Vielleicht solltet ihr beiden einfach noch mal miteinander reden. Sprecht euch
in aller Ruhe aus und klärt ein für allemal alles.“
Sie nickte und löste sich aus seiner Umarmung.
„Ich werd dann jetzt mal losmachen. Sehen wir uns heute noch, oder fährst
du dann später zu dir.“
„Keine Ahnung. Aber ich denke, ich werd mit den anderen Jungs noch ein wenig
abhängen. Mal schauen was die heute noch so vorhaben.“
Sally zog sich ihren Mantel an und schlüpfte in ihre Schuhe.
„Grüß alle von mir. Ich mach los.“
„Pass auf dich auf.“
Sie lächelte ihn an, küsste ihn noch einmal und verließ das
Haus.
Dave sah ihr nach und verkrümelte sich dann ins Wohnzimmer.
*
Vorsichtig lösen sich ihre Lippen voneinander und Kian atmete hörbar
erleichtert auf.
Doch er konnte nicht lange von ihr lassen.
Erneut trafen ihre Lippen aufeinander und kosteten vom anderen.
Leidenschaftlicher als zuvor gaben sie sich einander hin und beide seufzten
immer wieder auf.
Kian schickte seine Hände auf Wanderschaft und schob sie langsam unter
ihr Shirt.
Unsicherheit machte sich plötzlich bei ihr breit und sie wusste nicht,
ob sie seinem Verlangen nachgeben sollte.
Josephine hielt kurz die Luft an, als sie seine Finger auf ihrem Bauch spürte.
Sie legte eine Hand auf seine und schob Kians Hand vorsichtig aber bestimmt
weg.
„Tut mir leid. Ich... ich kann das...“
„Schon okay, Josie“, lächelte er sanft und küsste sie auf die Stirn.
Als sie sich aufgesetzt und ihre Haare wieder gerichtet hatte stand sie auf
und sah zu ihm.
„Ich bin unheimlich gern mit dir zusammen Kian und ich mag dich sehr, aber ich...
ich bin dafür noch nicht wirklich bereit. Ich brauch noch etwas Zeit.
Es tut mir leid, Kian.“ Sie ging zur Tür und legte ihre Hand auf die Klinke.
„Warte.“ Er sprang aus dem Bett und ging zu ihr, trat dich hinter sie.
Als sie seinen Atem im Nacken spürte schloss sie die Augen, atmete tief
ein und erneut stieg ihr der Duft seines Aftershaves in die Nase.
„Bitte geh nicht“, flüsterte er, strich ihre Haare zur Seite und hauchte
kleine Küsse auf ihren Hals.
„Kian... bitte...“ Ihre Stimme zitterte und sie hielt sich krampfhaft an der
Klinke fest.
„Bitte geh nicht“, wiederholte er seine Worte und strich sanft über ihren
Bauch. Selbst durch den Stoff konnte er ihre Gänsehaut spüren.
„Ich kann das nicht“, sagte sie bestimmt, löste sich von ihm und verließ
das Zimmer.
Kian stand in der Tür, sah ihr nach und fuhr sich mit einer Hand übers
Gesicht.
Dave schaute erschrocken auf, als Josephine ins Wohnzimmer gestürzt kam.
„Können wir... lass uns bitte fahren.“
„Ist was passiert?“
„Lass uns bitte fahren, Dave.“ Sie schnappte sich ihre Tasche und den Mantel,
den sie achtlos über den Sessel geworfen hatte, zog ihn an und drehte sich
zum gehen, als Kian plötzlich vor ihr stand.
Um nicht zwischen die Fronten zu geraten verzog sich Dave lieber, und wartete
draußen auf sie.
„Was kannst du nicht?“ Seine Frage durchbrach die Stille und ließ sie
kurz zusammenzucken.
„Dir das geben was du willst“, murmelte sie und sah zu Boden.
Wo war nur die selbstbewusste Frau hin, die sie noch vor kurzem war?
Kian verstand das nicht.
Was hatte er denn falsch gemacht?
„Was meinst du? Was will ich denn?“
Sie atmete tief durch, legte eine Hand auf die Sessellehne und sah ihn an.
„Ich bin einfach noch nicht bereit dir alles von mir zu geben, Kian. Geb mir
bitte noch etwas Zeit.“
Sie ging langsam auf ihn zu, küsste ihn zärtlich und verließ
dann sein Haus.
Noch bevor Kian reagieren konnte saß sie neben Dave im Wagen und sie fuhren
vom Parkplatz.
*
3 Wochen später
Die Tourproben waren überstanden und die Tour selbst würde in 2 Tagen
starten.
Der immense Druck der auf Kian, Mark, Nicky und Shane lastete hinterließ
seine Spuren.
Noch immer kursierten Trennungsgerüchte und die Presse verriss die anstehende
Welttournee schon im vornherein.
Mark und Rowen verbrachten die letzten Tage zusammen und waren nur zum essen
aus dem Bett zu bekommen.
Nicky hegte und pflegte den immer weiter wachsenden Bauch seiner Frau und platzte
fast vor Stolz. Keiner der Beiden wusste was es werden würde, aber das
war ihnen im Grunde genommen auch egal, hauptsache das Kind würde gesund
auf die Welt kommen.
Shane und Gillian verbrachten die letzten Tage zusammen bei Nicky und Georgina.
Dave und Sally genossen die gemeinsame Zeit miteinander und beiden wurde ein
für allemal klar, dass sie zusammengehörten.
Kian und Josephine hatten die letzten Wochen dazu genutzt sich noch besser kennenzulernen
und verbrachten die letzten 5 Tage getrennt voneinander.
Er hatte beschlossen noch ein paar Tage in Sligo zu entspannen, Ruhe zu finden
und ein wenig zu surfen.
Josephine hatte einen Auftrag in London und hatte voraussichtlich noch mehrere
Tage dort zu tun – nahm sie zumindest an.
*
Massimo stürzte auf sie zu und klatschte in die Hände.
„Schätzchen, wir sind fertig! Die Aufnahmen sind im Kasten und ich verschwinde.
Meine Frau hat sich vor ein paar Tagen bei mir gemeldet, und ich möchte
sie überraschen.“
Er strahlte übers ganze Gesicht und drückte Josephine stürmisch.
„Wünsch mir Glück“, rief er aufgeregt als er das Studio verließ.
„Viel Glück!“ rief sie ihm hinterher und ließ sich kichernd auf den
Boden nieder.
Jetzt war ihr auch so einiges klar, warum das Shooting ohne große Vorfälle
verlief und er völlig ausgewechselt wirkte.
Kein grummeln oder motzen seinerseits. Nein, er schwebte fast über den
Boden und die Fotos sprachen Bände.
Das würden definitiv die besten Aufnahmen werden, die er jemals gemacht
hatte. Wahrscheinlich würden sie ihn noch eine Stufe höher steigen
lassen in der Liste der besten Fotografen die Irland und England und das restliche
Europa zu bieten hatte.
Plötzlich erstrahlte ihr Gesicht und sie fasste einen Entschluss. Schnell
packte sie alles zusammen und verabschiedete sich von ihrer Crew.
Noch während sie auf dem Weg aus dem Studio zu ihrem Mietwagen war, rief
sie am Flughafen an und ließ ihr Ticket umbuchen.
*
30. März 2004
Josephine kontrollierte ein letztes Mal ihr Aussehen und dezentes Make Up im
Rückspiegel ihres kleinen silbernen Audi TT.
Dann stieg sie aus, lief die kleine Straße hinauf und dann in die Auffahrt
zu seinem Haus.
Langsam ging sie auf die Tür zu und schluckte ihre Aufregung hinunter.
Sicher, sie war schon oft bei ihm gewesen, aber heute sollte ein ganz besonderer
Tag werden – für beide.
Josie wollte ihn überraschen.
„Na dann“, machte sie sich noch einmal Mut und drückte auf den kleinen
weißen Klingelknopf, dann wartete sie ab.
Es tat sich nichts.
Er schien also nicht da zu sein.
„Kann ich ihnen helfen?“ Eine tiefe Männerstimme hinter ihr riss sie aus
den Gedanken und sie drehte sich erschrocken um.
Kian musste zweimal hinschauen, bevor er sie erkannte.
„Josie? Was ...“, er lief schnellen Schrittes zu ihr und zog sie in seine Arme.
„Was machst du hier? Wolltet ihr nicht erst morgen alle hier aufschlagen? Also
nicht, das ich mich nicht freuen würde, aber ich hab ...“ Josie drückte
ihre Lippen auf seine und brachte ihn somit zum schweigen.
„Hallo, Mr. Blue eyes“, lächelte sie ihn an als sich ihre Lippen wieder
voneinander lösten.
„Hallo Kratzbürste“, flüsterte er und konnte noch gar nicht glauben,
das er sie endlich wieder im Arm halten konnte.
„Ich hab dich vermisst, Josie. Und jetzt sag schon. Was machst du schon hier?“
Sie küsste seine Nasenspitze und kuschelte sich an ihn.
Ganze 6 Tage hatten sie sich jetzt nicht gesehen und die Sehnsucht nach dem
Partner stieg von Tag zu Tag mehr.
„So gern ich mit dir auch noch Stunden hier stehen könnte, aber wir sollten
reingehen.
Ein Wunder, dass noch keiner deiner weiblichen Anhänger hier die Zelte
aufgeschlagen hat.“
„Sag das nicht so laut. Das kann sich innerhalb von Minuten ändern.
Aber du hast Recht, wir sollten uns vor neugierigen Blicken ins Haus verdrücken.“
Er zückte den Schlüssel, sperrte auf und dann verschwanden sie beide
hinter der sich schließenden Tür.
*
Als sie die ausführliche Führung von Kian hinter sich gebracht hatte
und mit einem kühlen Bier in der Hand im Garten stand, holte sie tief Luft
und beobachtete Kian dabei wie er den kleinen Grill mit Holzkohle bestückte.
Immer wenn er sich bückte blieb ihr Blick auf seinem Hintern hängen
und sie leckte sich unbewusst über ihre Lippen.
Schnell drehte sie sich von diesem wundervollen Ausblick weg und steuerte die
Schaukel an, die in einer geschützten Ecke von Kians Garten stand.
Dieser Bereich seines Grundstücks war ummauert und ließ keine fremden
Blicke zu.
Sie stellte ihre Bierflasche im Gras ab und setzte sich.
Josephine holte leicht Schwung und der dünne Stoff ihres Rockes wehte luftig
im Wind.
Sie genoss es sich ein wenig schwerelos zu fühlen und schloss die Augen.
Das Kribbeln, was sich in ihrer Magengegend ausbreitete wenn sie vor und zurück
schwang war unbeschreiblich.
Langsam zog der Duft von frisch Gegrilltem zu ihr hinüber und sie öffnete
ihre Augen wieder.
Sie musste schon fast eine halbe Stunde auf der Schaukel sitzen.
Kian saß auf dem kleinen Hocker vorm Grill und wendete die Würstchen
und das Fleisch.
Josephine sprang von der Schaukel, schnappte sich ihr Bier und ging zu ihm herüber.
„Na du Grillmeister“, raunte sie ihm ins Ohr und küsste die zarte weiche
Haut dahinter. Der wunderbar angenehme Duft seines Aftershaves stieg ihr in
die Nase und sie schloss die Augen.
Wie sie doch diesen Duft liebte. Irgendwann würde er definitiv eine Gefahr
für sie werden und sie würde sich nicht mehr beherrschen können.
Oft hatte sie sich schon in ihren Tagträumen ausgemalt wie es wohl sein
würde, wenn sie mit Kian ...
„Essen ist gleich fertig“, holte er sie in die Realität zurück und
Josephine seufzte leise und erleichtert auf.
„Dann geh ich mal den Salat aus der Küche holen“, sagte sie schnell und
lief ins Haus.
Kian sah ihr verträumt nach und schloss die Augen.
Noch immer spürte er ihre Lippen an seinem Ohr und hatte sich schon oft
gewünscht einen Schritt weiter gehen zu . Aber immer wieder kamen ihm diese
Zweifel und er wischte seine Sehnsüchte schnell zur Seite.
„Magst du auch noch ein Bier? Oder wollen wir eine Flasche Wein aufmachen?“
Kian schreckte aus seinen Gedanken und sah sie an.
„Was?“
„Bier oder Wein?“, kicherte sie und hockte sich vor ihn hin. Sie wippte auf
ihren Fußballen auf und ab und ließ ihn dabei nicht aus den Augen.
„Mir egal“, räusperte er sich und zwang sich nicht auf ihr wunderschönes
Dekolteé zu schauen.
Sie spielte ein ziemlich gefährliches Spiel mit ihm, das war ihr hoffentlich
bewusst.
„Dein Fleisch wird schwarz“, säuselte sie und stand auf.
Dann ging sie mit leichtem Schritt und Schwung in den Hüften zum Tisch
und goss etwas Wein in zwei Gläser.
Kian sah ihr nach und schluckte schwer. Sie konnte so ein Biest sein, wenn sie
wollte.
„Ach du ... verdammt!“ Er holte schnell das Fleisch vom Grill und brachte den
Teller zum Tisch.
„Na dann, hau rein.“ Er legte ihr ein Stück Fleisch auf den Teller und
sich dann ebenfalls.
Schweigend aßen sie und lächelten sich nur ab und zu mal an.
Kurz um. Sie benahmen sich wie zwei verliebte Teenager bei ihrem ersten gemeinsamen
Date.
„Boah, das war lecker“, streckte sich Kian und strich über seinen Bauch.
Dabei rutschte sein Shirt etwas nach oben und Josephine hatte einen fantastischen
Ausblick auf seinen Bauch samt Haaransatz.
„Die Aussicht aber auch“, murmelte sie und riss im nächsten Moment die
Augen auf, als sie Kians verschmitztes Grinsen sah.
„Welchen Ausblick meinst du?“, hakte er nach und fixierte sie mit seinem Blick.
„Ähm ... wir sollten abräumen, bevor das ganze ekelhafte Kriechzeugs
kommt. Muss ja nicht sein, oder?“, sagte sie hastig und stand auf.
Als sich Kians Hand um ihr Handgelenk legte hielt sie in ihrer Bewegung inne
und sah ihn an.
Diese Augen waren irgendwann noch mal ihr Untergang. Der Mann machte sie wahnsinnig
und bescherte ihr die letzten Nächte mehr als angenehme Träume.
Sanft zog er sie auf seinen Schoß und Josephine ließ sich bereitwillig
darauf nieder.
„Ich konnte dir noch gar nicht sagen, wie wunderschön du heute aussiehst.
Die neue Frisur steht dir ausgezeichnet“, sagte er und spielte mit einer ihrer
Haarsträhnen. Er wickelte sie um den Finger und sah ihr dabei die ganze
Zeit in die Augen.
Gänsehaut machte sich langsam auf ihrem Körper breit und sie spürte
erneut dieses Kribbeln unterhalb ihres Bauchnabels.
„Da-da-danke“, stotterte sie und biss sich auf die Unterlippe.
Langsam schob sie eine Hand in seinen Nacken und begann ihn zärtlich zu
kraulen.
Kian schloss die Augen und genoss ihre Berührung.
Als er ihre Lippen leicht auf seinen spürte zog er sie an sich, und im
nächsten Moment verschmolzen sie in einem leidenschaftlichen Kuss.
Zärtlich und stürmisch zugleich spielten ihre Zungen miteinander und
beide seufzten sie auf.
Langsam wanderte seine Hand ihren Rücken auf und ab und ruhte am Ende auf
ihrem Hintern und massierten ihn sanft.
Mit geübtem Handgriff zog er den Stoff ihres Rockes nach oben ...
Schnell rutschte sie von seinem Schoß, strich über ihren Rock und
begann hastig und mit zittrigen Händen das Geschirr zusammen zu räumen.
Dann brachte sie die Teller ins Haus und atmete tief durch, als sie in seiner
Küche stand.
Kian brachte den Rest rein und räusperte sich.
„Hab ich was falsch gemacht?“, fragte er vorsichtig und sah in ihre Richtung.
Sie räumte den letzten Teller in die Spülmaschine und drehte sich
zu ihm um.
„Nein ... Wie kommst du darauf? Du ... nein du hast nix ... also ... nein Kian“,
stammelte sie und traute sich kaum ihn anzusehen.
Kian entschied, dass es besser war vorerst nicht auf das Thema einzugehen und
nickte nur.
Er räumte das Fleisch und den Salat in den Kühlschrank, griff sich
ein Bier und ging nach draußen in den Garten.
Josephine goss sich noch ein Glas Wein ein und sah ihm nach.
*
Langsam erhob sich Josephine von der Hollywoodschaukel und begab sich in Richtung
Haus.
„Magst du noch was trinken?“, fragte sie Kian der auf der Schaukel saß
und in den Himmel starrte.
„Nein, danke“, antwortete er freundlich und sah sie dann an.
Josephine nickte und verschwand dann im Haus.
Eine knappe Viertelstunde später kam sie zurück in den garten und
steuerte die Schaukel an, auf der noch immer Kian saß und sich ab und
an leicht mit den Füßen abstieß.
„Darf ich mich zu dir setzten?“, fragte sie leise und sah ihn herausfordernd
an.
„Wo willst du ...“, er sah sie etwas irritiert an und hielt die Luft an als
sie ihren Rock etwas nach oben schob und sich rücklings auf seinen Schoß
setzte.
Schnell schlang Kian seine Arme um ihren zarten Körper, damit sie nicht
nach hinten überfiel.
Josephine strich mit ihrem Daumen über Kians Unterlippe und sah ihm immer
wieder direkt in die Augen.
Langsam begann Kian an ihrem Daumen zu lecken und Josephine sah ihm dabei zu.
Dann beugte sie sich langsam zu ihm herunter, entzog ihm ihren Daumen und begann
sanft an seiner Unterlippe zu knabbern und leckte ab und zu mit ihrer Zunge
darüber.
„Du hattest so Recht“, wisperte sie und küsste ihn immer wieder sanft.
Kian schloss die Augen und seufzte leise auf.
„Womit hatte ich Recht?“, fragte er mit belegter tiefer Stimme und öffnete
seine Augen wieder.
Als Josephine seinem Blick begegnete schoss ein Blitz in ihren Unterleib und
ließ sie zusammenzucken.
Das dunkle blau seiner Augen ließ keine Frage mehr offen. Er wollte sie,
genauso sehr wie sie ihn wollte.
„Du hattest mir mal gesagt“, sie begann langsam ihr Becken zu kreisen und seufzte
immer wieder leise auf, „dass ich mich wieder verlieben würde, Kian.“
„Hab ich das?“ Er legte seine Hände auf ihren Hintern und übte leichten
Druck auf ihre Backen aus.
Josephine biss sich leise stöhnend auf ihre Unterlippe und konnte im ersten
Moment nur mit dem Kopf nicken.
„Mhm ... hast du“, keuchte sie und ihr Atem schlug schnell und warm gegen seine
Wange. Sie schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken.
„Kannst du mal sehen“, raunte er, „was für einen schlauen Freund du hast.“
Langsam küsste und leckte er ihren Hals entlang und sie ihren Unterleib
enger an seinen.
„Küss mich Kian, bitte“, flehte sie mit verlangender Stimme und er kam
ihrer Bitte sofort nach.
Während sie sich voller Leidenschaft küssten und sich ihre Zungen
ein leidenschaftliches Stakato lieferten schob sie ihre Hände unter sein
Shirt und strich mit ihren Fingernägeln über seine Rücken.
Kurz darauf lag sein Shirt im Gras und sie betrachtete mit einem begehrenden
Blick seine nackte Brust und rieb zärtlich über seine erregten Brustwarzen.
Dann schaute sie auf und schluckte.
„Ich ... Kian ich ...“, sie schloss die Augen und holte tief Luft. Dann sah
ihn erneut an und riss sich zusammen.
„Ich liebe dich, Kian“, flüsterte sie und beugte sich zu seiner Brust herunter.
Zärtlich umkreiste sie seine Brustwarzen und vernahm ein leises Stöhnen
von ihm.
Als sie begann kaum merklich an ihnen zu knabbern hielt er es kaum noch aus
und zog sie sanft an den Haaren nach oben.
„Ich lieb dich so sehr, Josie“, raunte er und küsste sie gierig.
Seine Hände wanderten unter ihr Top und ohne lange zu zögern zog er
es ihr aus und schmiss es zu seinem Shirt ins Gras.
Er betrachtete ihre wohlgeformten Brüste die von feiner weißer Spitze
umschlossen wurden.
Als er mit den Daumen über ihre steifen Nippel strich, streckte sie sich
seinen Händen entgegen.
Kian liebkoste ihre Brüste durch den Stoff und seine Hände glitten
an ihrem Rücken entlang, öffneten den Verschluss und im nächsten
Moment fand sich auch ihr BH im Gras wieder.
„Himmel, was seid ihr schön“, raunte er und ließ seine Zunge und
seine Lippen über die zarte Haut ihrer Brüste gleiten.
Er saugte, leckte, küsste und knabberte an ihnen, was Josephine noch mehr
in Wallung brachte.
Immer wilder und leidenschaftlicher wurden ihre gegenseitigen Liebkosungen und
nach und nach fielen auch die letzten Kleidungsstücke.
Als Kian bereits in voller Pracht vor ihr stand und sie nur noch ihr Höschen
trug, zog sie ein Kondom aus ihrem Slip und riss es auf.
Dann trat sie dicht an ihn heran, küsste ihn sanft und umfasste seine pochenden
erigierte Männlichkeit.
Als sie ihm das Kondom überrollte durchbrach sein kehliges Stöhnen
die Stille der Nacht.
„Setz dich“, flüsterte sie und drückte ihn zurück in die Schaukel.
Sie stellte sich dicht vor ihn als er saß und stöhnte auf als sie
plötzliche seine Hand zwischen ihren Schenkeln spürte.
Seine Finger schoben den Stoff ihres Höschen beiseite und glitten sanft
über und durch ihre Spalte.
Keuchend hielt sie sich an seinen Schultern fest und warf den Kopf in den Nacken,
als Kian noch begann ihre Brüste zu liebkosen.
„Ist das schön“, wimmerte sie und ließ sich völlig fallen.
Er zog ihr den Slip aus, sie mit einem Ruck näher an sich und verwöhnte
ihre Liebeshöhle weiter, während seine Zunge und Lippen auf ihrem
Bauch einen heißen Tanz hinlegten.
Josephine stöhnte immer wieder auf und spürte wie ihre Beine langsam
nachgaben.
Sie verlagerte ihr Gewicht immer mehr auf seinen Schultern und rang nach Atem.
„Bitte ... ich ... kann ...“, stöhnte sie auf und die erste Welle der Lust
brach über sie hinein.
Als ihre Spasmen nachließen zog Kian sie auf seinen Schoß und füllte
sie im nächsten Moment komplett aus.
Beide stöhnten auf und versanken in einem Kuss, als sich Josephine langsam
begann auf ihm zu bewegen.
Die leichte vor und zurück Bewegung der Schaukel verstärkte das intensive
Gefühl noch und ließ beide in höhere Sphären abdriften.
„Josie ... ich ... oh Gott is das schön“, wimmerte er leise und biss sanft
in ihre Schulter, während sie ihr Becken stärker kreisen ließ
und Kian immer mehr an den Rand der Lust katapultierte.
Schweiß rann ihrer beider Rücken herunter und der Atem überschlug
sich fast.
Beim nächsten Schwung der Schaukel umklammerte er sie stöhnend und
Josephine spürte wie er sich warm in ihr ausbreitete, als sie ihm kurz
darauf folgte.
Sich immer wieder küssend entspannten sich ihre überhitzten Leiber
allmählich wieder und sie hielten den jeweils anderen einfach nur im Arm.
„Ich liebe dich, Josie“, raunte er und küsste sie zärtlich.
Sie kuschelten sich aneinander und genossen die bloße Anwesenheit des
jeweils anderen.
Josephine wusste, dass sie in Kian genau den Mann gefunden hatte, nach dem sie
die ganze Zeit fast verzweifelt gesucht hatte.
Er hatte ihr nicht nur gezeigt, dass es noch ein Leben nach dem Tod von Frank
gab, nein er hatte ihr auch gezeigt, das man sich durchaus ein weiteres Mal
über alles in einen Menschen verlieben konnte.
Und genau das war bei ihr passiert.
Sie liebte Kian über alles.
*
Epilog
Wie lange sie zusammengesessen haben, konnte keine von ihnen mehr sagen, aber
es musste einige Stunden gewesen sein.
Josephine und Sally hatten ihre Unstimmigkeiten geklärt, aber dennoch beschlossen
beruflich getrennte Wege zu gehen.
Das ihre Freundschaft nie wieder so werden würde wie noch vor ein paar
Jahren war beiden bewusst, und sie wollten es nicht mit biegen und brechen darauf
anlegen, sie jemals wieder in diese Bahnen zu lenken.
Es würde eine neue Freundschaft entstehen, die vielleicht sogar noch besser
werden würde als die vorhergehende, denn beide Frauen waren keine 16 mehr,
wo man noch Träume hatte.
Das wirkliche Leben sah wesentlich anders aus, als sie es sich als ahnungslose
Teenager ausgemalt hatten.
Josephine begann ihre Firma völlig umzukrempeln.
Um weiterhin ganz vorn mitreden zu können, schaltete sie eine neue Anzeige,
in der sie nach zwei neuen Fotografen und einer Chefsekretärin suchte.
Janine war zwar als Vorzimmerdame nett anzuschauen gewesen, aber mehr hatte
sie nicht wirklich zu bieten. Mittlerweile gab es auch wunderbare Kaffeeautomaten
die sie sich in ihr Büro stellen konnte, denn Kaffee kochen sollte nun
wirklich nicht der Hauptbestandteil des Arbeitsablaufes einer Chefsekretärin
sein.
Sally jettete mit Westlife um die Welt und lief Frank schon bald den Rang ab.
Die Jungs, wie auch Louis, waren von ihrer Arbeit mehr als begeistert.
Die Bilder von der Pressekonferenz wurden an sämtliche Agenturen verkauft
und bescherten ihr nach nur kurzer Zeit ein höheres Ansehen in dieser,
hauptsächlich von Männern besetzte, Branche.
Mit Dave war sie von Tag zu Tag glücklicher und auf der Welttournee der
Jungs lernten sie sich noch besser kennen und lieben.
Das sie Frank in gewisser Weise diese Liebe zu verdanken hatten, war ihnen bewusst,
aber sie drängten es gern in den Hintergrund.
Louis und Uma waren nach wie vor glücklich und schon bald war auch Louis
auf der Suche nach einer neuen Chefsekretärin.
Nachdem der Prozess und der Ausstieg von Brian halbwegs verkraftet waren und
Uma ihm in dieser Zeit, wie auch all die Jahre zuvor, beigestanden und den Rücken
gestärkt hatte, hatte er ihr bei einem romantischen Abendessen einen Heiratsantrag
gemacht.
Mit Tränen in den Augen hatte sie angenommen und beide hatten sich vor
2 Tagen klammheimlich das Ja-Wort gegeben.
Shane und Gillian hatten ebenfalls beschlossen sich zu vermählen (ich weiß sie haben im Dezember 03 geheiratet) und hatten auch schon einen Termin für dieses Ereignis festgesetzt.
Nicky lief noch immer mit vor Stolz geschwellter Brust herum, während
Georgina bereits die letzten Tage ihren dicken Bauch vor sich hinschleppte und
ihren Mann bei jeder sich bietenden Möglichkeit anpflaumte. Sie schob ihm
liebend gern für alles die Schuld in die Schuhe.
Er nahm es relativ gelassen auf, denn er hatte in mehreren Büchern schon
einiges darüber gelesen.
Kian sprühte nur so vor Elan und Tatendrang.
Seit er mit Josephine zusammen war, schien er wie ausgewechselt.
Auf der Bühne kam er noch mehr aus sich raus und auch den Fans gegenüber
verhielt er sich nicht mehr ganz so grummelig wie noch ein paar Monate zuvor.
Mark war nach wie vor glücklich mit Rowen und sie hatten sich mittlerweile
auch öffentlich zu ihrer Liebe zueinander bekannt.
Die Fans reagierten unerwartet gelassen auf diese Neuigkeit und beide waren
darüber mehr als erleichtert.
Dave war nach wie vor als Mädchen für alles im Einsatz, aber er genoss
es mehr denn je, schließlich begleitete ihn sein größter Schatz
auf dieser Tour, auch wenn sie dazu vertraglich verpflichtet war.
Nie zuvor hatte ihm eine Tour solche Spaß gemacht.
Die Turn Around Tour von Westlife wurde ein voller Erfolg.
Brians Ausstieg hatte zwar in den Herzen der Jungs und ihrer Fans eine kleine
Lücke hinterlassen, aber sie konnten allen beweisen, dass sie auch als
Fab Four mehr als in der Lage waren die Hallen zu rocken und ihren Fans eine
Show zu liefern, die sie nicht vergessen würden.
http://hometown.aol.de/Manja240676/forumsstorie/9.JPG
*
2 Tage nach Tourende wollte unbedingt Byrne Junior ans Licht der Welt.
Nicky hielt sich mehr als tapfer im Kreissaal, auch wenn er teilweise lauter
war als seine Frau, die ihm mit sämtlichen Schimpfwörtern betitelte
und seine Hand wie in einem Schraubstock quetschte.
„Hört ihr ihn schon wieder jaulen?“ Kian feixte vor sich hin und auch
Mark kicherte drauf los, als Nicky erneut das halbe Krankenhaus zusammen quietschte.
Shane und Gillian grinsten ebenfalls bei jedem Quietscher von Nicky.
„Ihr seid alle ganz schön gemein, wisst ihr das?“ Josephine reichte das
Tablett mit frischem Kaffee in der Runde herum und jeder bediente sich.
Als auch der letzte Becher Kaffee verteilt war zog Kian sie auf seinen Schoss
und küsste sie zärtlich in den Nacken.
„Ja, wissen wir“, nuschelte er und atmete den Duft ihrer Haare tief ein.
Dave saß, die Beine von sich gestreckt und das Basecap tief ins Gesicht
gezogen neben Rowen und hielt ein Nickerchen.
Plötzlich wurden die Türen zum Kreissaal aufgerissen und ein völlig
fertiger Nicky trat mit verheultem Gesicht und einem breiten grinsen vor die
Jungs.
„Ein Junge! Es ist ein Junge!“ Er riss die Arme in die Höhe, führte
einen Freudentanz auf und ließ sein Becken kreisen, dann verschwand er
wieder hinter der sich schließenden Glastür.
Keiner der Jungs konnte überhaupt so schnell reagieren und brachen erst
Sekunden später in Jubelschreie aus und beförderten Dave fast auf
den Boden damit, der wie ein verschrecktes Huhn in die Höhe fuhr.
„Was is passiert?“
„Unsre kleine Diva is stolzer Vater eines Jungen“, kam es von den anderen Jungs
im Chor und Dave fuhr sich müde übers Gesicht.
„Cool“, murmelte er, streckte sich und sah sich anschließend um.
„Hat jemand von euch Sal gesehen?“
„Die is schon vor 10 Minuten aufs Klo verschwunden“, sagte Rowen und kuschelte
sich an Mark.
„Vor 10 Minuten?“ Dave stand auf und wollte gerade zu den Toiletten gehen, als
Sally den Flur entlang kam und sich kommentarlos zu den anderen setzte.
„Hey Sal“, rief Josephine, „Nicky und Georgina sind seit ein paar Minuten stolze
Eltern eines Jungen.“
„Das ist wunderbar“, lächelte sie und rieb sich den Bauch.
„Alles okay bei dir?“ Dave beugte sich zu ihr und küsste sie sanft auf
die Schläfe.
„Ja, ich hab nur was schlechtes gegessen. Geht gleich wieder.“
Dave gab sich mit der Antwort zwar nicht unbedingt zufrieden, aber er war zu
müde um jetzt noch ewig darüber zu diskutieren, dass sie dann schon
seit 4 Tagen was schlechtes gegessen haben müsse.
40 Minuten später kam eine Schwester, und bat sie alle ihr zu folgen.
Als sich ihr alle angeschlossen hatten wurden sie in ein Krankenzimmer geleitet
und Nicky und Georgina präsentierten ihnen, erschöpft lächelnd,
ihren Sohn Joshua Nicholas Byrne.
Nachdem ihnen alle ausführlich gratuliert hatten ließen sie die kleine
Familie allein und machten sich auf den Weg nach Hause.
Einige Tage später stellte sich Sallys Magenverstimmung als Fehldiagnose
heraus.
Sie war schwanger und Dave im Begriff Vater zu werden.
*
Im Oktober 2004 erschien das neue und mittlerweile sechste Album von Westlife.
Es war ein reines Swing-Album und trug den Titel „Allow us to be Frank“.
Um jeglichen Spekulationen aus dem Weg zu gehen ließen sie die Presse
als auch ihre Fans in dem Glauben, sie hatten dieses Album aufgenommen, weil
ihnen die Musik gefiel.
Der wahre Grund aber war ihr langjähriger Freund und Fotograf Frank Parker
gewesen.
Frank liebte die Musik über alles und in einer ziemlich feucht fröhlichen
Nacht hatte er mal eine Andeutung gemacht, dass er es sich sehr gut vorstellen
könnte, wenn die Jungs ein Swing Album aufnehmen würden.
Sie kamen seinem heimlichen Wunsch jetzt nach, auch wenn er nicht mehr die Möglichkeit
haben würde, jemals dieses Album zu hören.
*
Ende