"Oh Lord, es ist soooooo schön, wieder in London zu sein!" Ich war jetzt
erst zum zweiten Mal in der britischen Hauptstadt. Das erste Mal war vor etwa
zwei Jahren im Programm eines Schüleraustausches gewesen, wo ich bei Kathryn
untergekommen war und mich sofort super mit ihr verstanden hatte. Jetzt war
ich endlich zurückgekommen.
Ich breitete meine Arme aus und ließ mich auf den Rasen im Hyde Park fallen.
Kathryn sah mich grinsend an und setzte sich neben mich. Dabei setzte sie einen
vorwurfsvollen Blick auf. "Ja, ja, natürlich freu ich mich auch, wieder
bei dir zu sein.", beschwichtigte ich meine Freundin grinsend.
Wir sahen eine ganze Weile auf den Himmel über uns, wo die paar Wolken
sich langsam verdichteten. Es würde bald wieder Regen geben. Kathryn setzte
sich kurz auf, um ihre Schuhe auszuziehen, da es ziemlich warm war, und erstarrte.
Verwundert sah ich sie an, doch nach etwa drei Sekunden entspannte sie sich
wieder und legte sich hin. Meinen fragenden Blick bemerkte sie erst später.
"Was?" Ich lächelte und sie verstand. "Ach, das war nichts, ich dachte
nur, da wäre jemanden, den ich kenne..."
Sie stockte. "Ach, komm schon, Kathryn, jetzt, wo es spannend wird, brichst
du ab!"
Seufzend erzählte sie weiter.
"Ich hab vor etwa einer Woche im Hyde Club einen Typen gesehen. Bis heute war
er noch zweimal da. Nun, und ich habe den da hinten halt mit ihm verwechselt."
Meine Miene wechselte von fragend in liebevoll spöttisch. "Ooooch, meine
Große ist verliebt....!" "Ach Quatsch, bin ich gar nicht. Er sieht zwar
ganz gut aus, aber du weißt, dass ich eher auf die blonden Typen stehe..."
Jetzt begann es für mich interessant zu werden. "Beschreib den Typen mal!",
forderte ich sie auf. "Ähm... etwas größer als ich..." Ich verzog
das Gesicht, da ich fast einen halben Kopf größer war als Kathryn.
"... braune, kurze Haare, braune Augen..." "Geht’s auch genauer?", unterbrach
ich sie. Sie überlegte lange, bis sich ihr helles Gesicht, das von dunkelroten
Haaren umrahmt war (sie war eigentlich Schottin, aber mit zehn Jahren von Aberdeen
nach London gezogen), aufhellte.
"Jana, kennst du vielleicht Shane von Westlife? So ähnlich sieht er aus!"
Meine Augen leuchteten auf. Dass Kathryn Westlife kannte, wusste ich noch nicht.
"Klar kenn ich ihn! Westlife sind auch in Germany bekannt.", erwiderte ich.
Auch Kathryn schien darüber, noch eine Gemeinsamkeit zwischen uns entdeckt
zu haben, sehr erfreut zu sein. "Also weißt du jetzt, wie er aussieht?
Seit wann bist du Fan? Oder bist du überhaupt Fan? Wen findest du am besten?"
All diese Fragen sprudelten aus meiner Freundin raus, sodass ich lächeln
musste.
"Stop, alles immer der Reihe nach: Ja, ich weiß, wie er aussieht. Ähm....
seit wann bin ich denn Fan? Keine Ahnung, auf jeden Fall schon ziemlich lange,
fast von Anfang an, glaube ich. Und ich finde alle super sympathisch, wie sie
so rüberkommen."
Sofort waren wir in ein typisches Gespräch vertieft, wie es nur zwei Westlifefans
führen können, die sich gerade erst kennen gelernt haben (was in unserem
Fall nicht ganz so der Fall war, aber egal... J).
Als wir drei Stunden später wieder auf dem Weg zu Kathryns Wohnung waren,
beschrieb sie mir immer wieder diesen geheimnisvollen Typen aus dem Hyde Club.
In ihrer Wohnung machten wir uns für unsere Clubtour fertig, die auch durch
den Hyde Club führen sollte. Deswegen war Kathryn die ganze Zeit total
aufgeregt und konnte von nichts anderem als von diesem Typen mehr reden.
"Kathryn!", unterbrach ich sie und sie hielt augenblicklich den Mund, "Du schwärmst
ja ganz schön von diesem Jungen. Was machst du, wenn es wirklich Shane
ist? Der, wie du weißt, verheiratet ist?" Sie sah mich kurz mit großen
Augen an, dann schüttelte sie ungläubig den Kopf. "Ach, komm, Jana,
das glaubst du doch selber nicht! Und wenn er eine Freundin hat... auch egal,
da ich nicht in ihn verknallt bin." Ich musste auch den Kopf schütteln.
Ich glaubte ihr zwar, da sie öfters von jemandem schwärmte und später
nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte, aber ich fand ihr sprunghaftes Verhalten
manchmal recht lustig.
Wir hatten uns fertig geschminkt und waren jetzt im Hyde Club. Sofort hatte
uns eine Traube von jungen Männern umringt und wir flirteten drauf los.
(Okay, zugegeben, wir haben’s genossen, aber nicht erwartet. Obwohl, wenn man
bedenkt, wie wir gestylt waren...)
Nach etwa einer Stunde und einigen Handynummern mehr merkte ich, wie Kathryn
neben mir plötzlich stiller wurde und auf die Fragen und Bemerkungen ihres
"Fanges" nicht mehr einging, sondern nur noch nickte oder den Kopf schüttelte.
"Sorry, Jungs, aber ihr müsst uns mal entschuldigen...", sagte ich und
zog meine Freundin von ihrem Stuhl in eine etwas stillere Ecke, wo ich sie abwartend
ansah. Doch sie starrte nur auf einen Punkt im Club. "Kathryn!" Völlig
erschrocken zuckte sie zusammen, bemerkte meinen Blick und wurde rot.
"Er ist hier.", flüsterte sie schlicht. Eine Weile blieb meine Augenbraue
noch oben, dann senkte sie sich. "Wo?", fragte ich und Kathryns Finger zeigte
an einen Tisch, wo etwa neun Leute saßen, doch so genau konnte man das
nicht erkennen, da immer wieder Leute (hauptsächlich Mädchen) kamen
und wieder gingen. Einer der Männer sah ungefähr in unsere Richtung
und um meine Lippen spielte ein Lächeln.
"Kathryn, das ist Shane."
"Meinst du echt? Ach, komm schon, du brauchst mir keine Hoffnungen zu machen..."
"Es ist wahr! Das da ist Shane Steven Filan, hundert pro!"
"Wenn du dir so sicher bist, dann geh doch zu ihm und frag ihn! Es dürfte
ja keine peinliche Verwechslung geben, oder?", forderte sie.
"Hey, wer kann hier Englisch, du oder ich?", gab ich zurück.
"Du ja wohl genauso gut wie ich! Und du musst das machen, weil ich doch keine
Männer ansprechen kann, das weißt du doch...!" Kathryn klimperte
mit den Wimpern und sah damit so unschuldig aus, dass ich lachen musste.
"Nun tu mal nicht so, du hast es faustdick hinter den Ohren! Aber okay, ich
geh schon. Bis gleich!" Mit diesen Worten drängelte ich mich durch die
Menge zu dem Tisch durch und ließ eine milde erstaunte Kathryn zurück.
Unterwegs kam ich an einem Spiegel vorbei und ertappte mich, wie ich mit geübtem
Blick meine Frisur und Make-up checkte. Doch bevor ich Shane erreichte, erschien
ein gut gebauter Oberkörper vor mir, auf dem ein Kopf saß, der mich
mit einem strahlenden Grinsen ansah. Unweigerlich hoben sich meine Mundwinkel
auch, obwohl sich meine Augenbraue schon wieder selbstständig gemacht hatte
und skeptisch hochgezogen war. Ich konnte sein Gesicht nicht richtig erkennen,
da im Club Dämmerlicht herrschte, und die Tatsache, dass er ein Basecap
aufhatte, erleichterte die ganze Sache nicht.
"Tolle Musik, meinst du nicht? Sag mal, ist das immer so? Ich komme leider nicht
so oft zum Feiern. Was ist mit dir? Bist du öfter hier?" Sein Grinsen war
einem gewinnenden Lächeln gewichen, was nicht weniger strahlte.
Obwohl mir seine Art zu lächeln, sehr gefiel, hatte ich jetzt nicht die
Zeit und die Lust, mich mit ihm eingehender zu unterhalten.
"Ob ich öfter hier bin? Jetzt nicht mehr.", konterte ich und schob mich
an seiner Schulter vorbei. Dann sah ich zurück. "Hey, Kumpel, bleib locker,
war nur'n Scherz!", rief ich dem völlig verdutzten Typen noch zu, ehe ich
meinen Weg zu dem Tisch fortsetzte.
Als ich ankam, saß nur noch er am Tisch, die anderen waren irgendwie weg.
Ich hatte mich vorher suchend umgesehen, doch keinen entdecken können.
"Hi", begrüßte ich ihn lächelnd. Er lächelte zurück
und ließ seinen Blick über meinen Körper gleiten. Es war keineswegs
unangenehm, eher so, als ob er nur das Outfit checken wollte. Was er auch tat.
"Ziemlich gewagt.", meinte er und wies leise lächelnd auf das großzügig
ausgeschnittene Top, unter dem mein doch recht ansehnlicher Busen hervorlugte.
"Damit fängst du dir nicht nur die neidischen Blicke der Frauen ein, sondern
ziehst auch Blicke auf dich, wo du sie vielleicht gar nicht haben willst..."
Ich zuckte nur mit den Schultern und setzte mich neben ihn. "Es ist so was von
egal, was für ein Shirt ich anziehe, die ersten Blicke der meisten Männer
gehen immer zu dieser einen Stelle. Außerdem sehe ich das nicht als Beleidigung,
sondern als Kompliment an. So viele Männer können sich nicht irren,
oder etwa doch?" Er hatte mir interessiert zugehört und lachte jetzt.
"Nun, um zu einem anderen Thema zu kommen..." Mein Gegenüber grinste. "Ich
hab keine Ahnung, wie ich jetzt anfangen sollte, also mach ich’s kurz: Du bist
Shane Filan?" Genau wie bei mir hob sich eine Augenbraue von ihm an, blieb aber
nur kurz oben und kam wieder runter. "Nun, ich kann es wohl kaum leugnen. Wenn
du schon meinen Namen weißt, würde ich auch gern deinen erfahren."
Er grinste mich an. "Jana. Ich heiße Jana.", antwortete ich. "Also gut,
Jana. Du scheinst darüber nicht sehr überrascht zu sein oder in Panik
oder Hysterie auszubrechen, wie die anderen Fans. Oder bist du gar kein Fan?
Wenn man das noch sagen kann..."
"Sag mal, wie soll ich das denn verstehen?", fragte ich entgeistert.
"Na hör mal, du ist doch bestimmt über zwanzig. Kann man da noch "Fan"
sagen oder nicht?"
"Ähm... na ja, kommt immer auf die Einstellung der sogenannten "Fans" an.
Nur so an Rand, nein, ich bin nicht über zwanzig." Jetzt war es an Shane,
die Augenbrauen hochzuziehen.
"Und wie alt bist du dann?", fragte er verblüfft. Lächelnd lehnte
ich mich auf dem Stuhl zurück. Genau die gleiche Frage in genau dem gleichen
Tonfall musste ich mir dauernd anhören. "Ich bin 17."
Shane riss die Augen auf. Er stand auf, ging um mich herum und antwortete erst,
als er meinen verwirrten Blick bemerkte. "Du... du siehst so... ähm, na
ja, so weiblich aus. Gar nicht so wie andere 17jährige. Und glaub mir,
ich hab schon viele in deinem Altern gesehen." Seine Augen hatten von diesem
faszinierten Glitzern nichts verloren, als er sich wieder hinsetzte.
"Das hört sich jetzt vielleicht blöd an, aber bist du wirklich nur
zu mir gekommen, weil du wissen wolltest, ob ich, na ja, ich bin?", fragte er.
Mein Blick war gerade in die Richtung, wo ich Kathryn vermutete, abgeschweift.
"Nein. Meine Freundin hat dich schon öfter hier gesehen und mir von dir
erzählt. Als ich dich gesehen habe, hab ich dich erkannt, aber Kathryn,
meine Freundin, wollte mir nicht glauben. Also bin ich zu dir, um ihr zu zeigen,
dass ich keine Abfuhr bekomme, da du es ja wirklich bist.", erklärte ich.
Gerade wollte Shane etwas darauf erwidern, als sich eine Hand auf seine Schulter
senkte und ein Kopf erschien.
"Hey, Lee, wie läuft die Baggertour?", begrüßte Shane den Typen,
der ein Basecap aufhatte und eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Boy
hatte, den ich vor etwa zehn Minuten hatte abblitzen lassen. Und diese Ähnlichkeit
bestätigte sich: Obwohl er jetzt nicht besonders fröhlich aussah,
gab es keinen Zweifel. Er war es.
"Oh, Scheiße...", murmelte ich, während Lee antwortete, doch sowohl
Shane als auch er hörten mich.
"Schade, und ich hatte gedacht, du freust dich, mich wiederzusehen." Sein Grinsen
war genau identisch mit dem, das ich schon einmal bei ihm gesehen hatte.
Mir war die ganze Sache sichtlich peinlich, was auch Shane bemerkte und eingriff.
Mit genau der falschen Taktik.
"Ihr kennt euch? Woher?" Er blickte fragend und interessiert in die Runde. Ich
begegnete Lees Blick. "Später", sagte ich schnell, denn Lee war schon im
Begriff, seinen Mund aufzumachen. Er wollte trotzdem widersprechen, doch Shane
schien (erst mal) zufrieden zu sein und wechselte das Thema.
"Nun, ich möchte deine Freundin, ähm, Kathryn, glaube ich, gern mal
kennen lernen. Dann kann ich ihr auch gleich zeigen, dass ich...äh..."
Er brach ab, da er keine Worte fand, doch ich winkte ab. Ich hatte schon verstanden.
"Bring sie her, Lee und ich holen mal die anderen. Bis gleich, Jana!" Shane
lächelte mich noch mal an, drehte sich dann um und verschwand in der Menge.
Lee ließ sich weitaus mehr Zeit und betrachtete mich eingehend, bis Shane
kurz wieder auftauchte, Lee am Arm packte und ihn mit einem entschuldigenden
Lächeln mit in die tanzende Menge zog.
Die nächsten zwei Minuten verbrachte ich damit, eine völlig aufgewühlte
Kathryn zu beruhigen.
"Hey, baby, alles ist okay! Mach dich locker, es sind doch auch nur Menschen!",
redete ich auf sie ein. Langsam schien sie wirklich wieder runterzukommen.
"Wer ist denn alles da?", fragte sie zaghaft. Ich sah sie nachdenklich an.
"Ähm... keine Ahnung. Ich denke mal, Bryan, Kian, Nicky, Mark und natürlich
Shane, dann noch Lee. Ob Simon, Duncan und Antony auch da sein werden, weiß
ich nicht, ich hab sie auf jeden Fall noch nicht gesehen." Meine Augen schweiften
suchend über die Masse im Hyde Club, doch ich konnte niemanden Bekanntes
sehen. "Na, auch egal. Du kommst jetzt mit und damit basta." Mit diesen Worten
zog ich meine Freundin zu dem Tisch, an dem ich kurz vorher noch gewesen war.
Lange brauchten wir nicht warten. Kaum waren wir angekommen, spürte ich
einen Arm um meine Hüfte. Überrascht drehte ich mich um und sah Lee
ins Gesicht. Ich verdrehte die Augen und machte mich von ihm los. "War das vorhin
nicht deutlich genug?", flüsterte ich etwas genervt, aber mit einem Lächeln
in der Stimme. "Nein", antwortete er genauso leise und grinste mich an. Kopfschüttelnd
sah ich an seiner Schulter vorbei und entdeckten außer den Jungs von Westlife
noch Duncan.
Shane lächelte mich zur Begrüßung zutraulich an, dann sah er
Kathryn an.
"Ja, Shane, das ist Kathryn, Kathryn, du dürftest ihn schon kennen.", stellte
ich sie vor. Shane lächelte auch Kathryn an, dann begann er, uns die übrigen
Leute vorzustellen. Er hatte bereits Kian und Bryan vorgestellt, ehe ich ihn
stoppen konnte.
"Ist gut, spar dir die Luft. Wir kennen sie. Na ja, jedenfalls vom sehen her."
Sofort entwickelte sich ein Gespräch zwischen uns beiden und den Jungs,
die lockerer gar nicht sein konnten.
Man denkt, dass man als Fan jetzt endlich die Gelegenheit hat, seine Fragen
beantwortet zu bekommen, doch meiner Meinung nach ist das bei Westlife völlig
falsch. Man kommt nämlich gar nicht dazu, eine "Fanfrage" zu stellen, da
die Jungs einen so ausquetschen und mit eigenen Fragen bombardieren, dass man
sich fast wünscht, sie nie getroffen zu haben (aber auch nur fast... ;-)
).
Mir wurde von den ganzen Fragen schwindlig, was vor allen Dingen daran lag,
dass ich noch keine beantwortet hatte. Die Jungs hatten sie alle auf einmal
gestellt, deshalb war ich froh, überhaupt einige Fragen verstanden zu haben.
Denn zu dem ständigen Gemurmel im Club und der Musik kamen jetzt auch noch
sechs durcheinander redende Stimmen hinzu, was es meinen sowieso von der Musik
desensibilisierten Ohren nicht gerade einfacher machte.
"Stop, stop, stop! Sorry, Guys, aber wenn ihr dauernd durcheinander redet, verstehen
wir" Ich warf einen Seitenblick auf Kathryn, die sich aber mit Shane unterhielt.
"... na ja, beziehungsweise ich verstehe kein Wort. Oder jedenfalls nur Bruchstücke."
Mark, Kian, Bryan, Nicky, Lee und Duncan sahen mich so schuldbewusst an, dass
ich lächeln musste.
"Also, setzt wieder ein normales Gesicht auf, und dann bitte von vorn.", fügte
ich noch hinzu. Duncan grinste schon wieder. "Bei Lee ist dieses Gesicht aber
normal...", warf er ein und die übrigen Jungs fingen an zu grinsen, außer
Lee, der die Augen verdrehte.
Wir unterhielten sich zuerst über die Musik, die im Club lief, dann über
die eigene. Die Jungs waren begeistert zu hören, dass ich sowohl die Musik
von Blue als auch die Musik von Westlife mochte.
Mark war die meiste Zeit still und hörte nur zu. Um ihn aus der Reserve
zu locken, sprach ich ihn direkt an und bezog ihn somit in das laufende Gespräch
mit ein. Nachdem er erst mal etwas aufgetaut war, wurde er richtig redselig
und brachte mich immer wieder zum Lachen.
Nach etwa zehn Minuten wandte ich mich an Lee. "Hey, um noch mal auf unser kleines
Gespräch zurückzukommen..." Ich merkte, dass Shane und Kathryn zu
uns gekommen waren und er jetzt die Ohren spitzte. "Lass mich raten, du bleibst
bei deinen Anmachsprüchen nicht so wirklich bei der Wahrheit, oder?", spielte
ich jetzt auf das "Ich komme nicht so oft zum Feiern" an. Lee, der bekannt war
für seine ausschweifenden Partys, wurde etwas rot.
"Hör mal, mit etwas muss ich die Mädels doch rumkriegen...", meinte
er achselzuckend. Ich musste unwillkürlich auch lächeln, als ich an
sein sympathisches Grinsen dachte.
"Nein, nix mit `hör mal´. Setz dein Lächeln noch etwas bewusster
ein und du hast zehn Girls an jedem Finger.", riet ich ihm.
Duncan, der mitgehört hatte, verdrehte die Augen. "Glaub mir, die hat er
jetzt schon.", raunte er mir zu. Lee verstand es und sah seinen Kumpel vorwurfsvoll
an. "Was denn, stimm doch! Oder etwa nicht???", verteidigte sich Dunc.
Bevor die freundschaftliche Streiterei weitergehen konnte, mischte Shane sich
ein.
"Ich hab das immer noch nicht richtig verstanden. Was war denn jetzt zwischen
euch?",
fragte er. Lee und ich sahen uns an, sodass ich seinen auffordernden Blick bemerkte.
"Nun, ähm... na ja, er hat mich angesprochen, aber ich hab ihm gesagt,
das ich keine Zeit hätte. Ich wollte ja zu dir.", stammelte ich mit einem
Blick auf Shane. Für ihn und die anderen war die Sache damit gegessen,
doch ich bemerkte den ganzen restlichen Abend Lees Blicke.
Irgendwann verabschiedeten Kathryn und ich uns. Die Jungs wollten uns aber nicht
so einfach gehen lassen und es begann ein wildes Nummern Austauschen, sodass
wir auf dem Weg nach Hause um sieben Handynummern reicher waren (die Nummern,
die wir vorher eingesackt hatten, nicht mitgezählt).
Kathryn und ich lagen noch lange wach und unterhielten uns über den Abend,
als mein Handy losging. Murrend stieg ich aus dem Bett, holte mein Handy von
Kathryns Schreibtisch und schlüpfte wieder unter die Bettdecke. Erst dann
öffnete ich die SMS. Meine Freundin versuchte mir über die Schulter
zu sehen, doch ich hielt mein Handy bewusst so, dass sie nichts sehen konnte.
Was auch gut war, denn sonst hätte ich ihr lange etwas erklären müssen.
Die SMS war von Lee.
"Ich bin dir echt dankbar, dass du den anderen nichts erzählt hast. Sollte
davor übrigens nicht beleidigend wirken, ich möchte dich immer noch
gern näher kennen lernen. Hoffe, da wird was draus. Hdl schlaf schön
Lee."
Ich merkte nicht, dass ich lächelte. Aber Kathryn schon.
"Na, wer bringt denn hier meine Freundin zum Lächeln??", fragte sie schelmisch.
Ich legte das Handy neben mich und legte mich auf den Rücken. Dann wandte
ich ihr den Kopf zu.
"Ach, niemand besonderes. Lee wünscht uns nur eine gute Nacht." Sie legte
den Kopf schief.
"Oh, wie schön für uns. Oder sollte ich lieber sagen, wie schön
für dich?"
"Nun hör aber auf! Na klar, ich und einer der größten Frauenhelden
auf diesem Planeten... Träum weiter!" Mit diesen Worten drehte ich mich
von ihr weg. Doch ich hielt es nicht lange aus, da sie irgendetwas vor sich
hin summte. Langsam verstand ich auch einen Text:
"Jana und Lee, Lee und Jana..."
"Shut up, Kathryn!", rief ich, fing dann aber an zu lachen.
"Ja, ja, okay, ich hör ja schon auf...", gab sie nach.
Vollkommen glücklich legte ich mein Handy weg. Ich konnte in diesem Moment
die ganze Welt umarmen! Kathryn kam ins Zimmer und sah mich verwundert an.
"Das geht alles klar! Ich kann ein ganzes Jahr bei dir bleiben!!!", rief ich
und umarmte meine Freundin. "Hey, super! Aber da sind garantiert noch mindestens
drei, wenn nicht sogar vier oder mehr Typen, die sich genauso freuen würden
wie ich, oder?", meinte sie schelmisch. Ich verdrehte die Augen, lächelte
aber. "Klar werden Mark, Lee, Shay und Nicky sich freuen. Und die anderen doch
hoffentlich auch!"
Wir hatten uns in den letzten Wochen immer wieder mit den Jungs getroffen und
sie richtig liebgewonnen, was natürlich auf Gegenseitigkeit beruhte. Ich
merkte, wie gut Mark und Kathryn miteinander auskamen und hatte sie schon mehrere
Male zu Dates angestiftet. Doch leider waren diese Dates wegen der extremen
Schüchternheit auf beiden Seiten mehr oder weniger ins Wasser gefallen.
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als mein Handy klingelte.
"Yeah?", meldete ich mich.
"Und?", bekam ich als Antwort. Diese kratzige Stimme konnte nur Nicky gehören.
"Alles klar. Ich bleibe." Meine Aussage wurde mit begeistertem Jubel im Hintergrund
aufgenommen und jetzt drängten sich alle an den Hörer, um mir zu versichern,
wie sehr sie sich freuen würden, dass ich blieb. Nicky bekam dann endlich
auch mal wieder den Hörer in die Hand.
"Sag mal, Jana, habt du und Kathryn Bock, mit uns ne Runde zu feiern? So ne
Art "Willkommens-Party"?", fragte er. "Lee und Duncan kommen natürlich
auch, wenn ihr wollt.", fügte er noch hinzu. Ich übermittelte die
Frage an Kathryn und bekam die Antwort, die ich auch gegeben hätte: Klar
hatten wir Bock!
"Super. Wir holen euch dann... ähm... halb acht ab.", schlug er vor.
"Nicky..." Weiter musste ich gar nicht sprechen. Nicky hatte schon verstanden.
"Ja, ja, okay, um acht. Aber pünktlich!"
"Geht klar. Bis nachher!", verabschiedete ich mich und legte auf.
Kathryn schüttelte den Kopf. "Mit was für Partylöwen sind wir
nur befreundet... Die sind ja schlimmer als wir!" Ich lachte. Ja, sie hatte
recht. Die fünf beziehungsweise meistens sieben Jungs zogen uns fast jedes
freie Wochenende, dass sie hatten, in die diversen Clubs Londons.
Meine Freundin beugte sich über mich, als ich mich auf meinem Bett ausstreckte.
"Hast du ihnen eigentlich mal gesagt, wie alt du bist?", fragte sie. Ich wurde
ein wenig rot.
"Äh... sie haben noch nie danach gefragt, mit Ausnahme von Shane.", versuchte
ich mich rauszureden.
"Was ist, wenn du in irgendeinem Club erwischt wirst? Wenn dich jemand nach
deinem Ausweis fragt und du sagen musst, dass du erst siebzehn bist?"
"Mich hat noch nie jemand erwischt, geschweige denn würde mich jemand fragen.
Das weißt du ganz genau." Kathryn seufzte und legte sich neben mich.
"Ja, ich weiß, dass du älter aussiehst, als du bist. Ach, vergiss
es einfach wieder, ich mach mir zu viele Sorgen. Aber Lee gegenüber wäre
es fair, wenn du es ihm sagen würdest..."
"Kathryn! Fängst du schon wieder mit Lee an?! Noch mal, wir sind nur gute
Freunde..."
"...die in einem Bett schlafen!", ergänzte sie lachend.
"Wie es ganz normale Freunde halt tun! Wir doch auch manchmal und daran findest
du nichts besonderes.", warf ich ein.
"Wir sind ja auch zwei Girls. Und ich glaube nicht, dass das auf Lee zutrifft
oder irre ich mich da? Du hast ihn nackt gesehen.", meinte sie.
"Hab ich gar nicht! Okay, na ja, jedenfalls nur von hinten... Es war ein Versehen,
keine Absicht! Und ja, er ist ein Mann, um auf deine Frage zurückzukommen.
Glaube ich jedenfalls..." Sie lachte laut auf und gab danach endlich Ruhe .
"Okay, lass uns mal sehen, was wir heute für Klamotten anziehen...", sagte
sie und riss ihre sämtlichen Kleiderschränke auf.
Zum Schluss hatte sich Kathryn für ein knappes, aber bequemes rotes Kleid
entschieden, womit sie neben mir wie ein Farbklecks auffiel. Denn ich trug eine
schwarze Lederhose und ein dunkelblaues Top mit silbernen Verziehrungen, dazu
noch silberne Ringe und eine Kette mit einem silbernen Kreuz dran. Zufrieden
betrachteten wir uns im Spiegel.
"Na, die Jungs können kommen!", schloss Kathryn.
Und sie kamen. In einer Partylimousine, die so groß war, dass sie sogar
noch mehr Leuten Platz geboten hätte. Die Männer standen draußen
und sahen uns entgegen.
"Wow" Lee war der erste, der sich wieder bewegen konnte. "Ihr seht ja fantastisch
aus!"
"Wie zwei Prinzessinnen", fügte Nicky noch hinzu und zwinkerte mir zu.
Lee und Kian spielten die Kavaliere und halfen uns ins Auto, wo Bryan erst einmal
eine Champagnerflasche köpfte.
"Auf diesen Abend!", rief er mit hoch erhobenem Glas.
"Auf diesen Abend!", riefen alle.
"Auf dich", flüsterte Lee mir noch zu und stieß mit mir an. Obwohl
ich es eigentlich wollte, konnte ich mich seinem Lächeln nicht entziehen
und grinste zurück.
Wir kamen in einem Club an, den sowohl ich als auch Kathryn nicht kannten. Doch
die Jungs wohl schon, denn wir wurden von den Türstehern begrüßt
und in eine VIP-Loge geführt. Der Champagner stand schon bereit.
"Wow, der Club sieht ja geil aus.", entfuhr es Kathryn. "Seid ihr öfter
hier?" Sie sah Mark an, mit dem sie auch schon in ein Gespräch verwickelt
war.
Im Laufe des Abends tanzte ich ziemlich oft. Kathryn bekam ich fast nie dazu,
mit mir zu gehen, doch einer der Jungs erbarmte sich mir immer, sodass ich nie
allein auf der Tanzfläche war. Als ich mit Lee gerade zurückkam, kam
Shane auf mich zugestürmt, packte mich am Arm und zog mich zum Tisch.
"Los, Jana, sag’s ihm!", forderte er mich auf. Ich sah zuerst ihn und dann Nicky
verwirrt an.
"Was soll ich sagen?", erkundigte ich mich vorsichtig.
"Nixxter will mir nicht glauben, dass du Deutsche bist!" Sofort drehten sich
alle Köpfe zu uns um und ich sah in neugierige und ungläubige Gesichter.
"Ähm... ja, von der Staatsbürgerschaft her schon.", meinte ich vorsichtig.
"Wieso nur von der Staatsbürgerschaft?", fragte Shane jetzt. Er hatte nun
genauso ein Gesicht aufgesetzt, wie die anderen, auch Kathryn hatte sich zu
ihnen hinzugesellt.
"Mein Opa mütterlicherseits ist der einzige, der von meinen Großeltern
deutsch ist. Seine Frau, also meine Oma, ist Schwedin. Die Mutter von meinem
Vater ist Irin, ihr Mann kommt aus Brasilien.", schloss ich. Nicky sah mich
triumphierend an.
"Ich wusste, dass du irische Einflüsse hast! Fast dein ganzes Wesen ist
irisch."
Ich sah ihn etwas irritiert an, zuckte dann aber mit den Schultern. Ich war
solche Reaktionen mehr oder weniger gewöhnt.
Um ihren Fragen ein Ende zu setzen, setzte ich mich neben Lee und wurde von
ihm in ein Gespräch verwickelt.
"So eine Mischung ist wohl ziemlich ungewöhnlich, oder?", fragte er nach
einer Weile. Ich brauchte einen Augenblick, um seinem Gedankensprung zu folgen,
lächelte dann aber.
"Ich hab noch niemanden mit diesen Einflüssen getroffen.", meinte ich.
"So oder so, die Nachkommin sieht wunderschön aus. Was meinst du, würde
ein Engländer in diese Linie reinpassen?" Ich konnte mir nur mit Mühe
ein Lachen verkneifen. Er konnte es auch einfach nicht lassen, mir Komplimente
zu machen.
"Nun, ich glaube nicht, dass der schwarze Humor der Engländer mit der brasilianischen
Lebensfreude zusammenpasst.", entgegnete ich und brachte ihn damit zum Lachen.
Mal abgesehen von seinen unzähligen liebevollen Anmachversuchen war Lee
ganz in Ordnung. Er tanzte genauso gern wie ich und wir hatten viele Gemeinsamkeiten,
was unseren Charakter betraf.
"Okay, dann lassen wir das Thema. Was hältst du davon, mich morgen ins
Kino zu begleiten? Da kommt doch der neue Jackie Chan.", fragte er.
Ich überlegte. Kathryn würde morgen wieder mit Mark verabredet sein,
da er, Bryan, Shane und Kian übermorgen wieder zurück nach Irland
flogen. Nicky blieb noch ein paar Tage in seinem Apartment in London, da Georgina
keine Zeit für ihn hatte. Ich hatte mich darüber zwar gewundert, aber
dann beschlossen, dass es mich eigentlich nichts anging.
"Okay, abgemacht..." Er fiel mir ins Wort. "Ich hol dich dann gegen siebzehn
Uhr ab.
Und keine Widerrede!", fügte er noch grinsend hinzu.
Ich ließ mich nicht gern von ihm chauffieren. Vielleicht lag es daran,
dass er seinen Führerschein erst seit zwei Monaten wiederhatte...
Kathryn und ich kamen erst um sechs ins Bett, da die Jungs uns richtig auf Trab
gehalten hatten. Ich stand etwa um zwölf auf und begann, das Frühstück
vorzubereiten. Als ich fertig war, kam eine sehr verschlafende Kathryn in die
Küche, aß schweigend zwei Toast und verschwand wieder im Bett. Ich
sah ihr lächelnd nach. Sie war nicht so ein Typ, der eine durchgefeierte
Nacht so leicht wegsteckte.
Aber um drei Uhr nachmittags quälte sie sich doch raus, um sich für
ihr Date mit Mark zurechtzumachen.
Ich traf sie im Bad an, wo sie sich kritisch im Spiegel betrachtete.
"Na, gut ausgeschlafen?", fragte ich grinsend. Kathryn warf mir einen unergründlichen
Blick zu, streckte sich noch einmal und antwortete dann.
"Nein, danke der Nachfrage, überhaupt nicht." Sie unterbrach sich, da sie
gähnen musste. "Was meinst du, soll ich lieber die schwarze oder die braune
Hose anziehen?" Ich zuckte mit den Schultern, grinste sie an und ging ins Wohnzimmer,
wo ich den Fernseher anschaltete. Eine Weile zappte ich mich durch die Programme,
bis ich bei einem Musiksender hängen blieb. Er spielte vornehmlich ältere
Songs und ich summte zu Ronan Keatings
"Life is a roller coaster” mit, während ich mir aus der Küche eine
Flasche Wasser holte. Eine bekannte Melodie ließ mich wieder hinauskommen.
"Fool again" von Westlife! Ich setzte mich auf den Boden vor dem Fernseher und
sah mir das Video an. Als ich gerade die Flasche mit einigen Problemen geöffnet
hatte, sah ich auf. Genau in diesem Moment umarmten sich Shane und Nicky auf
dem großen Platz. Ich konnte nicht anders, ich musste lächeln. Das
sah ja auch zu süß aus. Dieses Bild erinnerte mich daran, dass ich
Franzi ja noch mailen musste. Sie war eine supergute Freundin aus Germany (besser
gesagt, aus der Nähe von Berlin) und dazu noch riesiger ShNicky-Fan.
Ich schnappte mir Kathryns Laptop und loggte mich ins Internet ein. Kathryn
hatte mir schon am ersten Tag gesagt, dass ich ihren Laptop benutzen konnte,
da ich ja auch Miete bezahlte, was für mich das Mindeste war, was ich tun
konnte, um mich für die Wohnung zu revanchieren.
In meinem Postfach war tatsächlich eine Mail von Franzi. Sie hatte mir
einen neuen Fan Fic geschickt. Ich sah kurz in den Anhang rein und kam zu dem
Schluss, dass es ein ShNickyfic war. Sofort druckte ich mir den kurzen Text
aus, schrieb Franzi zurück und kuschelte mich in den Sessel, um die Geschichte
zu lesen. Sie hieß "Loneliness knows me by name” und spielte vor der Gründung
von Westlife.
Als ich fertig war, hatte ich ein Lächeln auf den Lippen. Es war ein richtig
schöner Fan Fic geworden, wo (sonst wäre es kein ShNickyfic) die beiden
Hauptdarsteller Nicky und Shane am Ende zusammengekommen waren. Ich sah beiläufig
auf die Uhr.
"Fuck!", entfuhr es mir und ich sprang auf. Es war schon zehn vor Fünf
und Lee wollte mich doch um fünf abholen! Doch ich schaffte es, mich in
den verbleibenden zehn Minuten fertig zu machen.
Fünf Minuten später klingelte es. Ich ging an die Gegensprechanlage.
"Yeah?"
"Hi, Jana, ich bin’s. Bist du fertig?", hörte ich Lees Stimme.
"Klar, was denkst du denn? Ich komm runter."
"Und bring Kathryn gleich mit. Mark kommt grad um die Ecke."
"Mach ich. Bis gleich." Ich hängte ein und rief nach meiner Freundin.
"Ja, ja, ich komm ja gleich!", schrie sie aus dem Bad zurück. Ich wartete
drei Minuten, dann war auch Kathryn fertig.
"Wow, Mark wird umfallen, wenn er dich sieht! Hast du Kondome dabei?", fragte
ich grinsend. Kathryn warf mir einen bösen Blick zu, der bei meinem Grinsen
aber verschwand.
"Ja, hab ich, aber du kennst doch Mark und mich auch! Ich würde mir an
deiner Stelle eher Sorgen machen, ob du Kondome bei hast...", stichelte sie
zurück. Ich lächelte sie zuckersüß an und schwenkte zwei
Gummis vor ihrem Gesicht, die ich dann aber auf die Kommode fallen ließ.
"Vergiss es, ich schlaf nicht mit Lee. Und jetzt komm endlich, die Jungs warten
schon."
Wir gingen runter und begrüßten Mark und Lee. Letzterer umarmte mich
stürmisch.
"Na, gut geschlafen? Hast du Muskelkater?", flüsterte er mir ins Ohr. Ich
schenkte ihm nur ein Lächeln und verabschiedete mich dann von Kathryn und
Mark, die danach gleich losgingen.
Lee hielt mir ganz Gentleman-like die Wagentür auf und setzte sich dann
auf den Fahrersitz.
"Was sollte das Lächeln vorhin denn bedeuten?" Er wandte den Blick vom
Zündschlüssel ab und sah mich an.
"Was sollte es denn schon bedeuten? Muskelkater vom Tanzen wirst du bei mir
nie erleben und das weißt du. Und gut geschlafen? Na ja, wenn man allein
einschläft, ist das immer so eine Sache. Und auch da dürftest du Erfahrung
haben, oder nicht?" Er zuckte mit den Achseln. "Ja, irgendwie schon." Er schwieg
eine Weile, dann schüttelte er kurz den Kopf und fuhr los. Er beachtete
meine fragenden Blicke nicht und deshalb lenkte ich das Gespräch in eine
andere Richtung.
Erst im Kino lockerte sich unsere Stimmung wieder und wir alberten ausgelassen
herum, sodass wir von den anderen Leute missbilligend angesehen wurden. Natürlich
setzte Lee seinen Willen durch und lud mich ein, obwohl ich echt alles unternahm,
ihn davon abzubringen, immerhin verdiente ich mein eigenes Geld.
In der Werbung unterhielten wir uns nur und kicherten hemmungslos vor uns hin.
Vom Film bekamen wir aber genug mit, sodass wir danach mit dem guten Gewissen
aus dem Kino gehen konnten, uns einen guten Film angesehen zu haben.
Ich kam noch mit Lee nach Hause und ließ mich auf seine breite Couch fallen.
"Weißt du was, ich liebe deine Couch...", seufzte ich, legte mich hin
und kuschelte mich an ein Kissen. Lee lächelte und setzte sich neben meinen
Kopf. Eine Weile unterhielten wir uns, dann tippte er an meinen Kopf. Ich sah
ihn fragend an, hob dann aber doch meinen Kopf, was er offenbar wollte. Er rutschte
zu mir und legte meinen Kopf in seinen Schoß, um ihn zu streicheln. Ich
sah etwas skeptisch zu ihm hoch, ließ es dann aber so.
Wir saßen beziehungsweise lagen etwa zehn Minuten auf der Couch und sahen
uns an. Schließlich seufzte er.
"Sag mal, Jana, hast du Lust, heute bei mir zu übernachten? Ich schlaf
nämlich genauso ungern allein ein.", schlug er vor. "Okay, aber ich muss
Kathryn noch bescheid sagen. Na ja, obwohl sie eh bei Mark übernachten
wird.", erwiderte ich. Lee nahm eine meiner Haarsträhnen und ließ
sie durch seine Finger gleiten.
"Ist das denn wirklich so ernst zwischen den beiden?", fragte er. Ich zuckte
mit den Schultern. Sooo genau wusste ich das nun auch wieder nicht.
Den restlichen Abend verbrachten wir vor dem Fernseher, wo wir uns ununterbrochen
über fast alle Sendungen lustig machten. Irgendwann klingelte mein Handy.
"Yeah?", meldete ich mich atemlos.
"Hi Jana, ich bin’s, Nicky. Was ist denn mit dir los, du hörst dich so
komisch an..."
"Hi Nixxter. Ähm, ja, ich bin bei Lee und wir haben uns grad kaputtgelacht,
also nix besonderes."
"Ach so. Also hast du heute keine Zeit mehr für mich..." Seine Stimme klang
enttäuscht.
"Klar hab ich Zeit für dich. Um was geht es denn?" Ich setzte mich und
Lee wollte etwas sagen, doch ich würgte ihn ab.
"Nein, nein, ich möchte darüber nicht am Telefon reden...", wehrte
er ab.
"Hast du was dagegen, wenn ich morgen vorbeikomme?", schlug ich vor.
"Äh, nein, hab ich nicht. Komm einfach vorbei, wenn du Zeit hast, okay?"
"Okay, mach ich. See ya tomorrow!"
"Yeah, bye!"
Ich legte auf und wurde augenblicklich von Lee überrascht, der sich auf
mich warf und mich abkitzelte. Sonst war ich ja nicht kitzlig, aber bei ihm
schon. Irgendwann schaffte ich es dann doch, mich auf ihn zu setzen und seine
Arme festzuhalten. Schweratmend sahen wir uns an.
"Wolltest du nicht Kathryn anrufen?", erinnerte Lee mich jetzt grinsend. Ich
verdrehte die Augen, ließ aber von ihm ab und setzte mich "normal" auf
die Couch. Während ich meiner Freundin eine SMS schrieb, sah mir Lee interessiert
über die Schulter.
"Ablenker...", murmelte ich leise, doch er bekam es mit und lächelte.
Am nächsten Morgen brachte mich Lee noch zu Nickys Apartment und verabschiedete
sich dort. Ich ging die Treppen hoch und wurde oben schon von Nicky erwartet.
"Willst du was trinken oder was essen?", fragte er, nachdem er mich umarmt hatte.
Ich schüttelte den Kopf und er führte mich ins Wohnzimmer und setzte
sich mit mir auf eine Couch.
"Hey, was ist denn mit dir los? Du siehst so müde aus.", merkte Nicky an.
Ich sah ihn mit einem schwachen Lächeln an.
"Ach, du weißt doch, Lee ist ein Nachtmensch. Bei ihm kann man nicht so
wirklich schlafen..." Er erwiderte mein Lächeln.
"Wenn du dich hinlegen willst...", fing er an, doch ich unterbrach ihn.
"Nein, will ich nicht. Außerdem bin ich nicht zu dir gekommen, um zu schlafen.
Was hat den mein Großer auf dem Herzen?"
Er seufzte und sah auf seine Hände. "Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen
soll...", meinte er leise. Ich nahm seine Hände in meine und sah ihn erwartungsvoll
an.
"Wir...wir verstehen uns doch gut, oder?", fragte er jetzt etwas ängstlich.
Ich sah ihn verwundert an. Mit fast allem hatte ich gerechnet, aber damit nicht.
"Klar verstehen wir uns gut. Wir können eigentlich super miteinander reden.
Was verunsichert dich so?", erwiderte ich. Wieder seufzte er.
"Es ist wegen Georgina. Ich weiß ja auch nicht, was los ist, aber... Sie
hat immer weniger Zeit für mich."
"Denkst du etwa, es könnte...es könnte ein anderer dahinterstecken?",
fragte ich nicht wenig schockiert. Er legte sich auf die Couch und sah zur Decke.
"Nein, das ist es ja gerade. Es macht mir überhaupt nichts aus."
"Komm, mach dir darüber mal keinen Kopf. Das kommt in den besten Beziehungen
und Ehen vor, dass die Partner Abstand brauchen."
Lange sagte er nichts. Schließlich schüttelte er den Kopf.
"Nein. Es...es..." Er sah zu mir auf. "Ich hab schon ernsthaft darüber
nachgedacht, mich von Gina scheiden zu lassen. Aber im nächsten Moment
hasse ich mich für solche Gedanken. Ich kann sie doch nicht einfach nach
fast zehn Jahren sitzen lassen. Oder doch?" Die letzte Frage war zwar zaghaft
gestellt, aber nicht weniger ernsthaft gemeint.
"Ist es denn wirklich so schlimm, so oft?", entgegnete ich. Total fertig zuckte
er mit den Achseln.
"Mein Gott, ich weiß es nicht! Jana, was soll ich denn nur machen?"
Ich sah ihn wirklich lange an.
"Vielleicht wäre es besser, wenn du dir wirklich Abstand nimmst. Um dir
einfach wieder über deine Gefühle für sie klar zu werden.", meinte
ich.
Er sah mich an. In seinen Augen glitzerten Tränen, die drohten, überzulaufen.
"Wahrscheinlich hast du recht. Ich mag sie wirklich noch, aber... ich weiß
nicht, ob da noch die Liebe ist, die ich früher für sie empfunden
habe." Seine Augen hatten jetzt diesen Hundeblick angenommen, der mich schon
früher so fasziniert hatte, also fuhr ich ihm tröstend durch die strubbeligen
Haare.
"Du musst dich jetzt einfach nur ablenken. Der Rest kommt schon von ganz allein."
Er seufzte. "Hoffentlich..."
Ich beschloss, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.
"Wie lange bleibst du noch?", fragte ich. Er sah zur Seite und auf einen Kalender,
der an der Wand hing.
"Wahrscheinlich noch bis morgen. Sag mal, darf ich dich was fragen?"
"Klar, was du willst."
"Wieso hat so ein süßes und nettes Girl wie du keinen Freund?"
Ich sah ich überrascht an.
"Ähm... ja, keine Ahnung. Ich bin halt wählerisch..."
Er erwiderte mein Lächeln.
"Ich...du... ach, vergiss es." Er drehte den Kopf von mir weg und sah eine Weile
zum Fenster raus.
"Darf...darf ich dich noch was fragen?", ertönte es jetzt schüchtern
unter mir. Ich sah zu ihm runter und schüttelte lächelnd den Kopf.
"Hör auf zu fragen und mach es einfach!", erwiderte ich. Er druckste jetzt
etwas herum, setzte sich auf und seufzte zum Schluss.
"Das klingt jetzt vielleicht blöd... und ich möchte nicht, dass du
ein falsches Bild von mir hast..." Seine Stimme verebbte.
"Nicky!" Er zuckte zusammen und ein schwaches Lächeln spielte um seine
Lippen.
"Ja, ja. Ich wollte nur mal wissen..." Er holte tief Luft und seine Schultern
strafften sich. "...ob du schon mal Erfahrung mit dem gleichen Geschlecht gemacht
hast." Er atmete aus und sackte in sich zusammen. Als er meinem Blick begegnete,
schlug er sofort die Augen nieder.
"Nun, wenn dich das interessiert... Ich hatte zwei One-Night-Stands mit Frauen,
vor etwa einem Jahr. Wieso fragst du?"
"Du hast also nichts gegen Homo- beziehungsweise Bisexuelle???" Nickys Frage
kam wie aus der Pistole geschossen.
"Nein. Ich könnte sie ja schließlich eh nicht ändern.", erwiderte
ich etwas verwirrt. Dieser Zustand besserte sich bei Nickys erleichtertem Seufzer
nicht gerade. Und endlich reagierte er auf meine fragenden Blicke.
"Dieses Thema hat mich einfach schon ziemlich lange beschäftigt. Äh,
ja, ich hatte mich mit Lee unterhalten und er hat von seiner Zusammenarbeit
mit Elton John erzählt, dass er gar nicht wie ein Schwuler wirkt und so."
"Schon gut, Nicky, du brauchst dich nicht zu rechtfertigen, ich hab mich halt
nur gewundert."
Wir unterhielten uns noch sehr lange über andere Themen, bis ich mich schließlich
verabschiedete.
"Ich muss noch einkaufen gehen. Und das wollte ich eigentlich machen, bevor
Kathryn von ihrem Deutschkurs wiederkommt."
"Ach, ist sie gar nicht mehr bei Mark?", fragte Nicky verwundert.
"Nein. Die Jungs sind doch schon heute früh geflogen. Ich hatte mich schon
vorher verabschiedet. Wusstest du davon gar nichts?"
"Ähm... doch, kann sein, dass Shane das mal mir gegenüber erwähnt
hat..."
Jetzt war ich aber wirklich baff. Ich hatte fest damit gerechnet, dass Nicky
auch am Airport gewesen sein würde. Und jetzt war nur Kathryn dagewesen.
So einen Abschied wünscht man sich doch! Schöne Scheiße!
"Sag mal, Nicky, was ist eigentlich mit dir los? Erst diese Frage vorhin, jetzt
das!" Nicky war immer kleiner geworden, während ich gesprochen hatte.
"Hey, wenn du jemanden zum Reden brauchst, dann sag was! Ich bin doch für
dich da.", fügte ich jetzt leiser hinzu.
Nicky hob den Kopf, sah mich verängstigt an und senkte den Kopf.
"Jana, ich glaube, ich bin schwul.", flüsterte er. Dann brach er in Tränen
aus und ich nahm ihn sofort in den Arm.
"Ist ja gut... wein dich ruhig aus, wenn’s dir dann nachher besser geht... warte
mal ´n Moment." Ich hielt ihn noch immer im Arm, löste mich aber
jetzt ein wenig und holte aus meiner Tasche eine Packung Taschentücher
raus, woraus ich eins entnahm und Nickys verheultes Gesicht ein wenig trocknete.
"Es... es tut mir leid."
"Was tut dir leid? Dass du geweint hast? Dass du mal jemanden gebraucht hast?
Komm, Nicky, sei nicht albern!"
Er nahm mir das Taschentuch aus der Hand und putzte sich die Nase.
"Okay, dann tut es mir halt nicht leid." Er machte eine kleine Pause. "Ich hab
Angst."
Ich nahm ihn wieder fester in den Arm und strich ihm durch seine kurzen blonden
Haare.
"Ich weiß.", flüsterte ich. "Hast du Geo wirklich geliebt? Damals?",
fragte ich jetzt leise.
Nicky regte sich kurz in meinen Armen, dann nickte er langsam. "Ich denke schon."
"Nun, wenn es dich beruhigt, du bist nicht schwul, sondern bi." Er warf mir
einen vorwurfsvollen Blick zu. Dann zeigte sich ein Lächeln auf seinen
Lippen.
"Du schaffst es aber auch immer wieder, mich aufzuheitern! Danke.", murmelte
er leise.
Ich nahm seine Hand.
"Hey, ist doch selbstverständlich, dass ich für dich da bin."
Lange saßen wir noch auf der Couch und redeten. Nicht nur darüber,
sondern auch über andere Dinge. Doch natürlich stand bei uns "Schwulsein"
auf der Liste ganz oben.
"Sag mal, wie viele Leute wissen eigentlich, dass du auch schon mal gleichgeschlechtliche
Erfahrungen hattest?", wollte Nicky wissen. Ich überlegte.
"Ähm... Kathryn... du... und das war’s auch schon. Ich geh damit schließlich
nicht hausieren.", antwortete ich dann.
"Und deine Family? Willst du es ihr nicht sagen?"
"Mit 16 hatte ich kein gutes Verhältnis zu ihnen und das hat sich bis heute
nicht geändert.", meinte ich achselzuckend. Er nickte kurz, doch dann hob
er den Kopf und sah mich mit großen Augen an.
"16? Du hattest deine Erfahrungen mit 16? Du bist also... erst 17?" Er klang
wirklich überrascht, doch nicht vorwurfsvoll oder anklagend.
"Ähm, ja, ich bin 17." Bevor er etwas sagen konnte, fuhr ich fort. "Ihr
hattet nie danach gefragt, wie alt ich bin! Und ich hatte keinen Grund gesehen,
es euch zu sagen. Wahrscheinlich hättet ihr mich dann nicht mehr mit in
die Clubs genommen."
"Ach, komm schon, Jana, das glaubst du doch wohl selber nicht! Wir haben dich
mitgenommen, weil man mit dir gut feiern kann, und nicht, weil du so viel älter
aussiehst, als du bist. Heißt das, ich bin der einzige, der das jetzt
weiß?", fragte er. Ich schüttelte kurz den Kopf.
"Nein, Kathryn weiß es noch. Ach warte, Shay weiß es auch. Aber
sonst..."
Jetzt sah Nicky halb vorwurfsvoll und halb belustigt aus.
"Lee..."
"Nein, Lee weiß es nicht. Würde es einen Unterschied machen?"
"Ja." Ich sah ihn verwundert an, da ich diese Antwort nicht erwartet hatte.
"Ja, es würde einen Unterschied machen. Lee heult mir und Duncan schon
die ganze Zeit die Ohren voll, dass er nicht weiß, ob er dich anmachen
soll oder nicht, da du älter als 20 aussiehst. Wie 22 oder 23. Halt einfach
so viel älter als er, aber nicht unattraktiver", erklärte er.
"Er hat mich angemacht. Zwar nicht so aggressiv, dass ich ihn klipp und klar
abservieren hätte können, aber immerhin so sehr, dass ich etwas tun
musste, zum Beispiel ihm ausweichen.", meinte ich darauf.
"Na, das macht er mit jeder Frau. Welche gleich darauf anspringt, wird wohl
ein weiterer One-Night-Stand in seiner Liste werden. So checkt er wahrscheinlich
ab, ob die Girls sexuell was von ihm wollen oder halt wegen ihm, wegen seiner
Persönlichkeit mit ihm abhängen."
Ich musste lächeln.
"So schlecht hört sich das doch nicht an. So kannst du von keinem Menschen
enttäuscht sein, mit dem du dich unterhältst. Er kann wohl alle Frauen
gebrauchen..."
Nicky lachte. "Ja, ich glaube auch." Dann sah er auf die Uhr.
"Oh, Jana, sorry, dass ich dich aufgehalten hab! Es ist schon nach fünf!"
Ich sah auch auf die Uhr und bemerkte, dass er recht hatte.
"Okay, Kathryn dürfte schon da sein. Aber einkaufen kann ich ja auf dem
Weg zurück noch machen.", meinte ich.
"Da musst du dich aber beeilen, wenn du noch vor Ladenschluss alles bekommen
willst. Heute ist doch Samstag."
"Ach, das bekomm ich schon irgendwie hin, lass mich das mal nur machen." Ich
wollte mir meine Jacke schnappen, doch Nicky war schneller. Er half mir in die
Jacke hinein und küsste anschließend meine Hand, worauf ich anfing
zu lachen.
"Mein Gott, Nicky, was soll das denn werden?? Das geht so..." Und schon hatte
ich ihn umarmt und kuschelte mich freundschaftlich an ihn. Seine Hand strich
über meine kurzen dunklen Haare.
"Danke, dass du für mich da warst. Ich weiß das wirklich zu schätzen.",
flüsterte er. Ich löste mich sanft von ihm und sah ihn an.
"Wie gesagt, ich bin immer für dich da, wenn du mich brauchst. Egal, wo
du bist, worum es geht und wann es ist."
"Ha, pass bloß auf, ich nehme dich beim Wort! Das nächste Mal wird
drei Uhr nachts sein!", drohte er.
"Nicolas Byrne, untersteh dich!"
Wir umarmten uns noch ein Mal, dann ging ich. Die Einkäufe konnte ich gerade
noch rechtzeitig erledigen, also kam ich mit vollen Tüten in der Wohnung
an, die ich mir mit Kathryn teilte. Besagte Mitbewohnerin kam mir auch gleich
entgegengestürmt.
"Ah gut, Kathryn, dass du schon mal hier bist. Du kannst mir was abnehmen."
Ich drückte der verdutzten Kathryn schnell zwei Tüten in die Hand
und machte mich auf den Weg zur Wohnungstür, sodass sie mich erst in der
Wohnung erwischte.
"Jana, oh Gott, es ist so aufregend...", fing sie an, doch ich stoppte sie.
Ich nahm mir ein Red Bull aus dem Kühlschrank und ließ mich gemächlich
in einen Sessel fallen, ehe ich sie wieder aufforderte, weiterzureden.
"Na ja, wie gesagt, ich bin ganz durcheinander..." "Das sieht man.", warf ich
leise ein, doch Kathryn überhörte das.
"Er hat gefragt, ob ich nicht für ein paar Wochen zu ihm nach Hause kommen
will!!!", sagte sie jetzt. Ich verschluckte mich, da ich mir schon denken konnte,
wer mit "er" gemeint war.
"Er? Etwa Mark?? Du willst nach Sligo?? Und mich hier in London lassen?", fragte
ich verdutzt.
"Ja, es tut mir ja auch furchtbar leid, dich hier lassen zu müssen, obwohl
ich ihn gefragt hab, ob du mitkommen kannst. Aber dann... Dir gefällt es
so gut hier in London und allein bist du ja auch nicht, Blue sind ja grad mit
ihren Studioaufnahmen und Songs beschäftigt.", meinte sie leise. Ich rappelte
mich aus dem Sessel auf und nahm meine Freundin, die jetzt sehr mit den Tränen
kämpfte, in den Arm.
"Hey, so meinte ich das nicht. Klar freu ich mich, dass du mal weg bist..."
Ich grinste sie an und erntete ein schwaches Lächeln. "Ich werd das hier
schon hinbekommen, keine Angst. Mach dir mal um mich keine Sorgen." Jetzt lächelte
Kathryn richtig.
"Ja, ja, ich weiß, ich sollte mir lieber Gedanken darüber machen,
ob ich genügend Kondome dabei habe..."
"Genau!" Ich strahlte sie an. "Du hast es kapiert! Dann kann ja im Prinzip nix
mehr schief gehen."
Die nächste Woche saßen wir abends sehr oft zusammen und redeten
endlos über alles Mögliche. Richtig stressig wurde es erst am Donnerstag,
am Tag vor Kathryns Abflug.
"Jana, hast du irgendwo mein gelbes Kleid gesehen??", schrie sie durch die ganze
Wohnung. Ich war gerade im Wohnzimmer und suchte ihre CDs zusammen.
"Ähm... Meinst du das Minikleid, das mal in der Waschmaschine gelandet
ist? Wenn ja, dann hab ich’s das letzte Mal unter deinem Bett gesehen.", rief
ich zurück. Hektisches Fußgetrappel, ein Rascheln, dann ein lauter
Aufseufzer.
"Ja, thanx, ich hab’s!"
So ging das den ganzen Tag weiter. Ich hatte frei, musste heute also nicht ins
Time-Café und dort kellnern. Kathryn hatte dort Urlaub genommen und ich
sah schon die ganzen zusätzlich anfallenden Schichten auf mich zukommen.
Am Abend ließen wir uns beide völlig geschafft im Wohnzimmer auf
die große Couch fallen.
Irgendwann lagen wir aneinander gekuschelt da und hielten uns am anderen fest.
"Ich werde dich schrecklich vermissen, weißt du das?", flüsterte
Kathryn nun. Ich strich ihr zärtlich eine rote Haarsträhne aus dem
Gesicht und nickte.
"Ja, Kathryn, das weiß ich. Gott, ich vermiss dich schon jetzt!"
Der Abschied am Airport war kaum leichter. Duncan und Lee waren als Beistand
mitgekommen.
Und mir lief doch tatsächlich eine Träne über die Wange, als
ich Kathryn umarmte.
"Hey, Kleine, du kannst doch jetzt nicht weinen! Du weißt doch, wenn du
traurig bist..." Sie brach in Tränen aus und lag einige Minuten schluchzend
in meinen Armen.
Irgendwann musste sie dann endgültig gehen.
"Ich ruf dich an, wenn ich angekommen bin, Jana! Und schreiben werde ich auch!
Versprochen!", rief Kathryn durch die ganze Halle. Ich konnte ihr nur mit einem
schwachen Lächeln antworten.
Duncan verabschiedete sich dann schnell, da er einen wichtigen Anruf erhalten
hatte und dringend wegmusste. Lees strafenden Blick für Duncan entging
mir völlig.
Sobald Duncan weg war, zog Lee mich an sich und legte seine Arme fest um mich.
Jetzt konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten und ich weinte
hemmungslos an seiner Schulter.
"Entschuldige, ich bin sonst nicht so sentimental.", sagte ich mit gebrochener
Stimme, als Lee mir ein Taschentuch reichte.
"Ja, ja, ich weiß. Es ist trotzdem gut, wenn du dich mal ausweinst." Somit
nahm er mich erneut in den Arm und ließ mich eine ganze Weile auch nicht
mehr los. Er kam auch noch zu mir.
Vollkommen geschafft ließ ich mich in einen Sessel im Wohnzimmer fallen
und sah Lee auffordernd an.
"Du kannst dich ruhig setzen, die Sessel beißen nicht.", meinte ich und
brachte ihn zum Grinsen.
"Man darf sich da nie zu sicher sein..."
"Die hier haben es auf jeden Fall noch nicht getan, also kannst du dich hinsetzen."
Er seufzte.
"Ja, ja, okay, ich riskier es mal."
Eine Weile unterhielten wir uns, dann ließ ich meinen Blick über
die Bilder an der Wand gleiten. Sie zeigten hauptsächlich Schnappschüsse
von Kathryn und mir, die in jüngerer Zeit geschossen wurden, darunter auch
eins mit Mark und Lee. Das holte ich jetzt von der Wand und betrachtete es.
Ich hatte nicht bemerkt, wie Lee aufstand und mir über die Schulter sah.
Er schnaubte jetzt und ließ mich zusammenzucken.
"Jana, wehe, du tanzt noch mal so mit mir wie an diesem Abend! Du hast mich
in arge Bedrängnis gebracht! Deine Moves waren aber auch zu sexy..."
"Ich nehme das mal als Kompliment."
"Sollte auch so sein." Ich lächelte leicht. Dann wandte ich mich zu ihm
um.
"Lee... hast du Bock, heute hier zu übernachten?", fragte ich leise. "Ich
muss mich erst mal daran gewöhnen, dass die Wohnung jetzt so leer ist."
"Hey, ist doch klar. Ich bleib gerne."
Ich hastete aus dem Bad ins Wohnzimmer, wo mein Handy lag und nun schon seit
knapp einer Minute einen Aufstand machte und klingelte.
"Yeah?", meldete ich mich völlig außer Atem.
"Jana? Ist alles in Ordnung?", klang Shanes Stimme aus dem Handy.
"Hey, Shay! Ja, ja, mir geht’s gut, du hast mich nur gerade aus der Dusche geholt."
"Oh, sorry, soll ich später noch mal anrufen?" Seine Stimme klang ein wenig
enttäuscht.
"Quatsch, für dich hab ich doch immer Zeit. Um was geht’s denn?"
Stille.
"Shay?"
Immer noch Stille.
"Shane!!!"
"Ich muss mit dir reden."
"Okay, ich hab Zeit."
"Nein, nicht jetzt, nicht am Telefon. Ich komme heute Abend nach London, so
gegen 20 Uhr.", erklärte er.
"Sorry, aber heute geht’s echt nicht mehr, wenn wir uns treffen wollen. Aber
morgen könnte ich kommen. So gegen 12?", schlug ich vor.
"Ja, wunderbar, das passt super. Aber... Kannst du mir nen Gefallen tun?"
"Klar."
"Sag Nicky nichts davon. Dass ich mit dir verabredet bin. Okay?"
"Ähm, ja, wenn du das nicht willst, dann mache ich es nicht."
"Schön. Also, dann bis morgen. Schlaf schön."
"Mach ich, aber du auch. Bye!" Ich legte auf und betrachtete nachdenklich mein
Handy.
Es war schon etwas merkwürdig gewesen, diese letzte Bitte. Eigentlich war
diese ganze Situation merkwürdig. Westlife hatten seit einer Woche frei
und waren von Asien direkt nach Irland geflogen, um ihren Urlaub dort zu verbringen.
Sogar Nicky war nicht auf einen Zwischenstop in London gelandet, sondern gleich
zu seinen Eltern geflogen.
Aber er hatte mir versprochen, heute zu kommen und hatte sich auch gleich mit
mir verabredet.
Ach, apropos Verabredung, ich musste mich ja noch fertig machen!
Dreißig Minuten später stand ich vor Nickys Apartmenttür und
wurde von ihm stürmisch umarmt.
"Jana, ich hab dich sooo vermisst!! Komm rein!" Er zog mich in das Apartment
auf die Couch und setzte sich neben mich.
"Du weißt gar nicht, wie sehr ich dich vermisst habe...", flüsterte
er wieder. Ich lächelte.
"Ich hab dich auch vermisst. Aber... du hast doch was." Nicky seufzte. Er wusste,
dass ich nie lange um den heißen Brei herumredete, sondern immer gleich
zum Punkt kam.
"Ja, du hast recht. Es... es ist was passiert." Ich sah ihn auffordernd an,
doch er wich meinem Blick aus.
"Ich sag’s dir nur, wenn du mir was versprichst...", fing er an. Ich runzelte
sekundenlang die Stirn. Das hatte ich heute doch schon mal gehört.
"... du darfst Shane nichts davon sagen, okay? Er... wir haben uns geeinigt,
dass wir das vergessen und er soll nicht denken, ich würde ihm in den Rücken
fallen oder so..."
"Hey, jetzt vergiss mal Shane und erzähl lieber, was passiert ist.", erinnerte
ich Nicky. Er nickte und holte tief Luft.
"Ich hab echt keine Ahnung, wie es dazu kommen konnte. Wir, Shane und ich, hatten
wieder mal eine ShNicky-Night, wir waren also richtig betrunken. Und irgendwie...
wir haben uns halt geküsst.", schloss er leise. Ich hatte still zugehört
und war nicht gerade überrascht.
"Na, bahnt sich da was an...??", neckte ich ihn. Er sah etwas gequält hoch.
"Ich weiß nicht... aber wir haben doch ausgemacht, dass wir es vergessen!
Da kann ich doch nicht..."
"Oh doch, Nicky, das kannst du sehr wohl!", unterbrach ich. "So, wie du in den
letzten Monaten von Shay geschwärmt hast, ist das sogar ziemlich wahrscheinlich."
"Ich hab von ihm ‚geschwärmt’???", fragte Nicky ungläubig. Ich grinste
ihn an.
"It’s obvious, Mr. Byrne. You are in love!", seufzte ich.
Nicky legte sich auf die Couch und sah hoch zur Decke. Dann kam ein ganz schüchterner
Blick zu mir.
"Meinst du jetzt echt? Oder verarschst du mich nur?", fragte er unsicher.
"Du solltest langsam wissen, dass ich darüber keine Jokes mache.", erwiderte
ich.
Er sah wieder hoch. "Verliebt... in einen Mann... es fühlt sich so anders
an. Ist das normal?"
Ich zuckte mit den Schultern.
"Ich wüsste auf jeden Fall keinen Grund, warum es nicht normal sein sollte."
Auf Nickys Gesicht erschien langsam ein Lächeln.
"Ich würde alles für ihn tun... wenn es doch nur etwas bringen würde."
Ich legte ihm leicht eine Hand auf den Arm.
"Genieß es. Aber mach dir nicht zu große Hoffnungen, wenn du dir
so sicher bist, dass Shane nicht interessiert ist.", riet ich ihm.
"Was heißt hier ‚sicher sein’? Wieso sollte ich mir nicht sicher sein?
Er ist verheiratet..." "Du auch." "... aber er liebt Gillian über alles,
was in meinem Fall mit Gina nicht mehr stimmt. Außerdem ist er mein bester
Freund."
Ich musste mir ein Lächeln verkneifen. Ich sah schon vor mir, was Shane
morgen vor sich hinstammeln würde.
Und genau das gleiche geschah auch.
"Jana, ich hab jetzt echt keine Ahnung, was ich machen soll! Einerseits fand
ich die Zeit mit Gillian superschön, andererseits... der Kuss mit Nicky
war so... so... atemberaubend! Seine Lippen waren so viel weicher und seine
Zunge so viel zärtlicher...", schwärmte Shay leise.
"Stop! Seine Zunge?? Also war es nicht nur ein harmloser Kuss, kein Ausrutscher
oder was?"
Shane sah ängstlich zu mir hoch, mied dann aber meinen Blick.
"Shane Steven Filan, ich will wissen, ob es ein Zungenkuss war!", verlangte
ich jetzt.
Das würde die ganze Sache ändern. Ich war vorher, als ich bei Nicky
gewesen war, davon überzeugt gewesen, dass Shane nichts an Nicky lag außer
Freundschaft. Aber wenn es ein Zungenkuss war... Shay hätte tausend Möglichkeiten
gehabt, diesen Kuss abzubrechen. Und wenn er es nicht getan hatte...
"Ja", kam es jetzt ganz leise von ihm. Ich war zuerst ziemlich baff, doch dann
zeichnete sich ein Lächeln auf meinen Lippen ab.
"Was ist? Wieso lächelst du?" Shanes Stimme klang etwas unsicher.
"Wieso hast du den Kuss nicht schon vorher abgebrochen?", fragte ich jetzt gerade
heraus.
Er sah mich an. Zuerst entsetzt, dann ängstlich, schließlich einsichtig.
"Du meinst... du meinst, ich könnte... vielleicht schon vorher...", stammelte
er.
"Wenn du es jetzt tust, dann ist es egal, was früher war. Wenn nicht...
nun, dann hättest du es wahrscheinlich nicht auf diesen Kuss ankommen lassen.
Und dann wärst du jetzt vielleicht nicht so aufgewühlt.", erklärte
ich. Er schüttelte den Kopf.
"Mein Gott, Jana, was wäre, wenn du nicht so ehrlich wärst...", murmelte
er, hatte aber schon sein entwaffnendes Grinsen aufgesetzt.
"Pass bloß auf, Shorty!!", drohte ich ihm spielerisch. "Nun, um wieder
zum Thema zurückzukommen: Es ist klar, Shane: du bist verliebt. Oder wenigstens
hegst du für Nicky mehr als nur freundschaftliche Gefühle.", schloss
ich. Shane ließ sich auf sein Bett sinken und starrte die Decke an.
"Und jetzt?" Seine leise Frage verklang in dem riesigen Schlafzimmer sehr schnell
und wehte raus durchs geöffnete Fenster.
Wieder waren einige Wochen vergangen. Ich hatte gerade Kathryn angerufen und
sie mit den letzten News aus London versorgt. Im Fernsehen lief gerade ein Bericht
über die Eröffnung eines neuen Gay-Clubs in Leeds. Das brachte mich
wieder auf die Geschichte mit Shane und Nicky. Sie waren inzwischen auf verschiedenen
Promoterminen gewesen und hatten ausgiebig mit mir telefoniert und gesimst.
Ich zuckte zusammen, da mein Handy, dass auf dem Couchtisch lag, klingelte und
das nicht gerade leise.
"Ja?", meldete ich mich.
"Hey, Kleine! Na, wie geht’s uns denn?", tönte Shanes Stimme aus dem Mobiltelefon.
"Danke, ganz gut, aber das ‚Kleine’ gewöhnst du dir am besten ab. Immerhin
bin ich größer als du...", meinte ich. Doch sogar dieser Wink mit
einem Zaunpfahl auf seine Größe konnte Shays gute Laune nicht trüben.
"Ja, ja, ist schon gut. Sag mal, hast du Sonntag Zeit?? Oder musst du arbeiten?",
fragte er.
"Ähm... nein, ich hab Zeit, wenn mein Boss den Schichtplan nicht völlig
durcheinanderwirbelt. Wieso? Seit ihr nächstes Wochenende etwa schon wieder
da?"
"Das hört sich ja irgendwie bedauernd an! Darf ich mich jetzt als unerwünscht
ansehen?", fragte er mit einem Grinsen in der Stimme.
"Nein, darfst du nicht."
"Okay, dann nicht. Und übrigens, ja, wir sind nächstes Wochenende
wieder da."
"Na, dann danke für die Vorwarnung. Ruf mich an, wenn du in London bist."
"Mach ich. Bis dann!", verabschiedete er sich.
"Bye!" Ich war schon etwas verwundert über seine gute Laune. Sonst erinnerte
er sich bei den Telefonaten mit mir immer an Nicky und wurde ziemlich still.
Ich wollte das Handy gerade weglegen, da klingelte es in meiner Hand nochmals.
Jetzt war eine SMS angekommen.
"Hier Nicky, wollte nur kurz bescheid sagen, dass ich nächstes Wochenende
wieder in London bin. Bitte hiermit also offiziell um eine Audienz ;-) ich ruf
dich noch mal an. Nixxter."
Ich musste unwillkürlich den Kopf schütteln. Wenn ich mal an die beiden
dachte, meldete sich immer jemand. Ich seufzte. Ich konnte mir schon vorstellen,
was ich am Wochenende würde "ertragen" müssen, doch plötzlich
fiel mir was ein und ich stürzte zum Festnetzanschluss.
"Lee, ich brauche deine Hilfe..."
Mindestens zwei Stunden telefonierte ich mit ihm, ehe wir uns einig waren, dass
er rüberkommen sollte.
"Hi Jana, wie geht’s dir denn so?", begrüßte er mich und ich verdrehte
die Augen.
"Little L, wir haben grad zwei Stunden telefoniert und da hast du auch gefragt,
wie’s mir geht...", meinte ich, doch er grinste.
"Hätte ja sein können, dass sich was in den drei Minuten getan hat,
die ich bis hier her gebraucht hab...", flüsterte er. Ich schüttelte
den Kopf und zog ihm sein Basecap ins Gesicht.
"Hilfst du mir nun oder nicht?", wechselte ich das Thema.
"Klar, sonst wäre ich nicht hier!", antwortete er prompt und nahm sein
Basecap ab.
Wir gingen an den Laptop, den Kathryn mir dagelassen hatte, und fingen an, den
Fan Fic "Loneliness knows me by name” zu übersetzen. Bei einigen Passagen
war Lee wirklich eine große Hilfe, da ich sie ihm zwar auf Englisch erklären
konnte, sie aber nicht in normales Englisch möglichst kurz übersetzen
konnte. Die 16 Seiten druckte ich dann anschließend noch aus und band
sie zusammen.
"Und du bist dir sicher, dass da was laufen könnte?", fragte Lee jetzt
nun schon zum vierten Mal.
"Hey, du musst mir einfach vertrauen! Und ja, ich bin mir 100 pro sicher, dass
das was wird." Jetzt waren seine Zweifel entgültig ausgeräumt.
"Okay. Das wird aber trotzdem schwierig, die beiden zusammen zu lotsen...",
meinte er.
"Lass mich das nur mal ausarbeiten. Ich brauch dich dann eigentlich nur für
die Verwirklichung."
"Das mit dem leeren Raum am Airport ist im Prinzip kein Problem..."
"..., wenn man Lee Ryan heißt!", fügte ich noch hinzu und er lächelte.
Bevor wir weitermachen konnten, klingelte mein Handy. Bryan war dran.
"Jana, ähm... hast du kurz Zeit?", fragte er schüchtern. Ich runzelte
die Stirn, da ich dieses Verhalten von Bry nicht gewöhnt war.
"Na ja, mach’s kurz, aber ja, ich hab für dich Zeit.", erwiderte ich. Lee
war kurz in der Küche gewesen, um sich ein Red Bull zu holen, und musste
mir jetzt nur kurz ins Gesicht sehen, um zu merken, dass etwas nicht ganz stimmte.
"Sag mal... Nicky und Shane... sie telefonieren doch ziemlich häufig mit
dir, oder?"
"Ja...und? Dürfen sie nicht?"
"Doch, doch! Aber... die beiden sind in letzter Zeit ziemlich komisch zueinander.
Sprechen kaum noch miteinander, meiden den anderen... Nun, auch Ki, Marky und
ich machen uns so unsere Gedanken..."
"Die da wären...?", hakte ich nach.
"Du... du kennst doch ShNicky, stimmt’s?" Bryans Stimme war sehr leise, aber
als ich ‚ShNicky’ hörte, musste ich lächeln. Was im Übrigen auch
Lee mitbekam.
"Ja, Bry, ich kenn diese Gerüchte."
Anscheinend erleichtert hörte er den ironischen Unterton in meiner Stimme.
"Dann glaubst du es also auch? Schön, weil Kian mir nicht so wirklich glauben
will...
Jana, ich dachte da an eine kleine Verkupplungsgeschichte..."
"Hey, daran brauchst du nicht zu denken, da ich schon dabei bin, was auszutüfteln."
"Super! Das war’s eigentlich. Viel Glück noch!", verabschiedete er sich.
"Nun, es scheinen wohl noch ein paar mehr Leute informiert zu sein außer
wir beide...", grinste Lee. Ich lächelte und nickte.
"Um so besser. Dann werden sie uns ja wohl nicht irgendwo reinpfuschen.", meinte
ich.
Die halbe Nacht besprachen wir noch einmal den Ablauf und schließlich
verbrachte er die restlichen Stunden in meinem Bett.
Als ich gegen halb neun aufstand, konnte ich mir schon lebhaft vorstellen, was
Kathryn dazu sagen würde, wenn ich ihr davon erzählen würde.
Doch das würde ich nicht, beschloss ich mit einem Blick auf den fest schlafenden
Lee. Dann ging ich in die Küche und bereitete das Frühstück vor.
Um neun kam auch Lee aus den Federn in die Küche getorkelt und streckte
sich erst mal ausgiebig.
"Deine Frühaufsteherei scheint ansteckend zu sein...", gähnte er und
warf mir dann ein unschuldiges Lächeln zu. Ich schnaubte nur als Antwort.
"Was? Hab ich irgendwas Falsches gesagt?", neckte Lee mich und hatte schon die
Arme um meine Hüften, doch ich konnte mich gerade noch herauswinden, bevor
sie mich berührten.
"Frühstück ist fertig.", antwortete ich stattdessen. "Cappuccino oder
Kaffee?"
"Cappuccino, aber bitte mit Sahne.", lächelte er mich an. Leider konnte
ich diesem Blick nicht widerstehen und konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.
"Wird gemacht, der Herr." Ich stellte die beiden heißen Cappuccinotassen
auf den Küchentisch und Lee setzte sich mir gegenüber. Eine Weile
sah er auf seine Cappuccinotasse, dann hob er den Blick. Ein Lächeln breitete
sich auf seinem Gesicht aus, als er bemerkte, dass ich ihn die ganze Zeit beobachtet
hatte.
"Na, wenn das mal gut geht...", seufzte er und nahm sich ein Brötchen aus
dem Korb.
"Das wird es, keine Angst.", beruhigte ich ihn. Bevor ich jedoch weiteressen
konnte, meldete sich mein Handy. Mark war dran.
"Na, Jana, alles klar? Wie läuft’s mit der Aktion?"
"So weit, so gut. Es ist mehr oder weniger alles in Sack und Taschen. Wieso
rufst du schon jetzt deswegen an?", fragte ich.
"Entschuldige, ich kann auch wieder auflegen! Nein, ich wollte nur bescheid
sagen, dass wir wahrscheinlich n paar Tage früher kommen. Bryan ist ne
Treppe runtergestürzt und hat sich den Fuß verstaucht. Wir mussten
alle Termine absagen. Lou hat ihn angerufen und völlig fertig gemacht,
so nach dem Motto, kannst du nicht mal aufpassen und so."
Marks Stimme hörte sich fröhlich an, was ich auch verstehen konnte.
Endlich bekam mal jemand anderes als er Louis’ Zorn ab. Sonst musste er sich
immer solche Strafpredigten anhören, wenn er zu spät war oder alles
verschlampte.
"Na, Bry ist aber auch immer für eine Überraschung gut. Aber danke,
dass du mir bescheid gesagt hast. Jetzt müssen wir uns zwar ziemlich ranhalten,
aber das dürfte nicht das Problem sein. Grüß Bryan und die anderen
von mir! Und von Lee.", fügte ich noch hinzu, als Lee mir zunickte.
Ich sah jetzt, dass Nicky in der Nacht angerufen hatte. Ich klingelte ihn an
und kaum zehn Minuten später rief er zurück.
"Hey, Jana, sorry, dass ich so spät noch angerufen hab, ich hoffe mal,
ich hab dich nicht aufgeweckt..."
"Nein, ich hatte mein Handy aus, wie du gemerkt haben wirst...", erwiderte ich.
"Ja, schon, aber du hättest ja auch einstellen können, dass die Mailbox
gleich nach dem ersten Klingeln angeht..."
"Nicky! Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du endlich mal zum Grund deines
Anrufes kommen würdest und den ganzen technischen Kram mal außen
vor lassen würdest...", unterbrach ich ihn.
"Sorry, Jana... Na ja, ich hab doch in der SMS geschrieben, dass ich noch mal
anrufen würde. Leider hab ich nicht auf die Uhr gesehen und wusste nicht,
dass es schon zu spät beziehungsweise früh war... Das ist mir erst
danach aufgefallen..."
"Ist schon okay."
"Okay, der Grund, weshalb ich anrufe, ist der, dass wir früher kommen.
Und zwar schon Dienstag." Mir verschlug es für ein paar Sekunden die Sprache.
Dienstag! Heute war Sonntag, wir hatten also nur noch etwa einen Tag Zeit, da
heute eh keiner arbeiten würde.
"Jana? Hey, bist du noch dran??" Nickys Stimme wurde lauter.
"Ja, ja, ich bin noch dran... Gut, dass du mir bescheid gesagt hast, wann genau
ihr kommt. Mark hat zwar schon angerufen, aber einen bestimmten Tag hat er nicht
genannt..."
"Tja, da siehst du mal, wofür ich so gut bin!", meinte Nicky und sein Grinsen
war in seiner Stimme nicht zu überhören.
"Ach, übrigens, hat es einen bestimmten Grund, warum du so fröhlich
bist?", lenkte ich das Gespräch jetzt in eine andere Richtung.
"Ähm... na ja, nicht wirklich...", stammelte er, doch ich unterbrach ihn.
"Lass mich raten, es hat was mit Shorty zu tun..." Ich hörte ein Seufzen.
"Okay, du hast mich erwischt. Ich... ich bin halt nur happy, weil wir in den
letzten Wochen ziemlich viel miteinander gemacht haben. Und weil alle unsere
Shnicky-Nights von ihm ausgegangen sind...", erzählte er.
Hatte Shane meinen Rat doch befolgt, dachte ich. Er hatte sich darüber
beklagt, dass er Nicky nur noch bei unausweichlichen Gelegenheiten sah und ich
hatte gemeint, er sollte doch mal aus eigener Initiative zu Nicky gehen und
was mit ihm unternehmen.
"Ist dabei wieder was ‚vorgefallen’?", wollte ich wissen.
"Nichts direktes, aber es hat mehr als einmal zwischen uns geknistert..." Seine
Stimme strahlte direkt, als er das sagte. "Ach, übrigens, Jana, wusstest
du, dass Shay mit Gill Schluss gemacht hat?", riss Nicky mich aus meinen Gedanken.
"Äh, nein, davon wusste ich nichts. Wieso hat er das gemacht?"
"Frag mich nicht, keine Ahnung. War eh ziemlich komisch... er ist an dem einen
Tag aus seinem Zimmer gekommen und hat uns total relaxt gesagt, dass zwischen
Gillian und ihm Sendepause wäre, als Bryan mal so einen Kommentar abgelassen
hatte, wegen unseren ganzen Shnicky-Nights, du weißt schon. Kian war,
wie erwartet, ziemlich geschockt und wollte gleich auf Shane losgehen, aber
Mark hat ihn noch zurückgehalten. Er hat Kian noch was zugeflüstert,
was ich aber nicht verstanden hab, nur irgendwas, was sich wie ‚Gina’ angehört
hat. Dann hat sich Ki wieder beruhigt.", schloss er.
Mein Herz machte einen Freudensprung. Das klappte ja besser, als ich gedacht
hatte.
Somit waren sowohl Nicky als auch Shane nach dieser Sache Single. Nicky hatte
sich schon seit drei Monaten von Gina getrennt, doch die Fans hatten es noch
nicht mitbekommen.
"Ist ja wirklich komisch...", steuerte ich meinen Beitrag dazu bei.
"Du, hör mal, ich muss Schluss machen, Lou drängelt schon... Wir sehen
uns dann Dienstag am Airport, okay?"
"Yeah, ist okay. Mach’s gut, Nixxter, halt die Ohren steif!"
"Mach ich. Bye!"
Ich legte auf und strahlte Lee an.
"Du solltest öfters solche News hören. Du siehst nämlich ziemlich
gut aus, wenn du so strahlst.", grinste er. Ich war aber zu aufgeregt und fröhlich,
als dass ich mich über dieses Kompliment von Lee ärgern hätte
können.
"Shay hat mit Gillian Schluss gemacht!!", rief ich und fiel Lee überglücklich
in den Arm. Vollkommen überrascht schloss er die Arme um mich und kuschelte
seinen Kopf in meine Haare.
"Na, dann scheint das ja alles besser zu laufen, als wir es erwartet hätten...",
bemerkte er, als ich mich wieder von ihm gelöst hatte.
"Yeah, das stimmt."
Den restlichen Tag verbrachten wir mit den letzten Vorbereitungen für unsere
Aktion. Auch Montag waren wir noch zum Teil damit beschäftigt.
Zum Abendessen ließ ich uns Pizza kommen. Wir saßen jetzt unten
vor dem Sofa und vertilgten die Pizzas.
"Ich nehme mal an, dass du diese Nacht auch noch hier bleiben wirst.", meinte
ich gerade, als Lee sich ein Stück Spinatpizza in den Mund schob. Selbst
jetzt bekam er sein charmantes Lächeln noch hin und meine Beine wurden
merkwürdig weich.
Komm, Jana, beruhig dich! Der Typ umgarnt dich seit Ewigkeiten und wenn endlich
mal etwas Ruhe einkehrt, fängst du an, dich für ihn zu interessieren???
"Nun, wenn’s für dich kein Problem ist, dann bleibe ich gerne noch.", riss
mich seine Stimme wieder zurück in die Gegenwart.
"Sonst hätte ich nichts gesagt und hätte erwartet, dass du irgendwann
gehst.", antwortete ich lächelnd.
Gegen elf machten wir und bettfertig. Lee wollte duschen gehen, was er mir nur
kurz im Vorbeigehen zurief und dann verschwand. Ich (mit meinem Kurzzeitgedächtnis...)
vergaß natürlich, dass er noch nicht aus der Stehdusche gekommen
war, und ging ins Bad, um mich umzuziehen. So stand ich also nackt vor dem Spiegel
und kämmte meine Haare, als die Duschkabinentür aufging und mir ein
verdutzter und vor allem nackter Lee gegenüberstand.
"Uupps...", sagten wir gleichzeitig und fingen an zu lachen. Doch dann waren
wir plötzlich still.
Lange Zeit konnte ich mich nicht bewegen, da unsere Augen wie angeklebt waren.
Wir beide sahen nur den anderen an, immer nur in das andere Augenpaar. Irgendwann
bückte ich mich langsam und hob ein Handtuch vor meinen Körper. Lees
Blick glitt von mir auf die Ablagen in der Duschkabine und seine Hand kam jetzt
mit einem Duschbad hervor und hielt es vor sein bestes Stück.
"Will ja nicht im Nachteil sein... beziehungsweise im Vorteil.", erklärte
er leise lächelnd. Ich warf ihm lachend ein zweites Handtuch zu, dass er
aber wieder zurückwarf.
"Nein, ich hab das Duschbad...", antwortete er gespielt hochnäsig. Ich
musste den Kopf schütteln. So konnte aber auch wirklich nur Lee reagieren!
"Du bist schön... sehr schön.", flüsterte er jetzt. Ich wusste
nicht, ob ich es nun hören sollte oder nicht, auf jeden Fall überhörte
ich es, schnappte mir meine Sachen und verschwand aus dem Bad.
In meinem Schlafzimmer ließ ich mich auf das Bett fallen und vergrub mein
Gesicht in meinen Händen. Peinlicher hätte es fast gar nicht kommen
können! Doch ich wischte diesen Gedanken schnell beiseite. Was wäre
gewesen, wenn ich ihn bei der Selbstbefriedigung erwischt hätte....
Ich schüttelte energisch den Kopf, um ihn wieder frei zu kriegen. Ich hatte
jetzt eh andere Probleme. Zum Beispiel morgen am Airport, wenn Westlife wiederkommen
würden.
Lee beschloss wohl genauso wie ich, das Ganze erst mal zu vergessen, denn er
ließ sich nichts anmerken, als er ins Schlafzimmer kam, sich streckte,
gähnte und schließlich auf mein Bett fiel. Langsam kroch er unter
die Decke und kuschelte sich ein.
Als ich nach ein paar Minuten ihm immer noch nicht gefolgt war, erschien ein
offenes Auge aus dem Bettdeckengewühl.
"Kommst du nun jetzt endlich? Mir wird kalt...", maulte er. Ich sah ihn durch
den Spiegel mit hochgezogenen Augenbrauen an und antwortete nicht.
"Sag mal, wieso stehst du jetzt vor dem Spiegel?? Das machst du doch sonst nicht,
auf jeden Fall nicht so lange. Und außerdem gehst du hoffentlich eh gleich
ins Bett, da nützt es auch nichts mehr, wenn du deine Haare ordnest.",
fuhr er fort.
"Beruhig dich, Lee. Ich komm ja gleich." Seufzend strich ich mir eine starrköpfige
Strähne zurück und schlüpfte zu Lee ins Bett. Ich machte die
Lampe an einem Lichtschalter neben dem Bett aus und musste mich noch einmal
aus dem Bett quälen, da ich vergessen hatte, das Fenster zu öffnen.
Schließlich schaffte ich es doch, neben Lee zur Ruhe zu kommen. Ich schloss
für zwei Sekunden die Augen, bis eine warme Hand meine nicht ganz so warme
(besser gesagt: kalte) berührte.
"Das meinst du nicht ernst! Ey, wie kann man nur so kalte Hände haben...",
schalt er mich leise und schon verschwanden meine Hände in seinen. Ich
starrte stur an die Decke und krallte meine Füße in die Matratze,
um mich davon abzuhalten, mich an Lee zu kuscheln.
Irgendwann schlief er aber ein, sodass ich diese unbequeme Lage nicht ewig durchhalten
musste. Langsam drehte ich mich auf die Seite und betrachtete ihn.
Lee hatte mir in den letzten Tagen so viel geholfen, sich so sehr für mich
eingesetzt. Ich war ihm wirklich dankbar, aber war da nur Dankbarkeit?
Nachdem ich eine Weile darüber gegrübelt hatte, gab ich es schließlich
auf und schloss die Augen. Schnell einschlafen konnte ich diese Nacht wegen
Lees gleichmäßigen Atemzügen nicht.
"Sag mal, bist du überhaupt nicht aufgeregt?", fragte Lee mich ungläubig.
Wir standen am Airport und ich hatte die Arme verschränkt, um mein Zittern
unter Kontrolle zu halten. Ich hatte Lee wohl mit meinen Vorbereitungen angesteckt,
denn er tigerte zwischen den Sitzen in der Halle herum und machte immer nur
ein paar Sekunden bei mir halt.
"Aufgeregt schon, aber im Moment nur damit beschäftigt, meine Unruhe in
den Griff zu bekommen.", antwortete ich lächelnd und erntete damit auch
ein flüchtiges Lächeln von ihm. Als er sich wieder in Bewegung setzen
wollte, schnappte ich mir seinen Arm und setzte ihn auf einen Sitz. Ich ließ
mich gleich neben ihn fallen.
"Lass uns das noch mal durchgehen... Die Mappe mit der Story hast du der Flughafenangestellten
gegeben?"
"Ja, Lee, ich hab ihr gesagt, dass sie die Mappe bitte in den vorbereiteten
Raum bringen soll und nur Mr. Byrne und Mr. Filan sie öffnen dürfen."
"Gut. Und Shane und Nicky erwarten eigentlich dich in diesem Raum?"
"Yeah. Und sie wissen nicht, dass der andere auch kommt.", bestätigte ich.
Lee nickte nervös.
Zwanzig Minuten später teilte ich das Gefühl. Auf jeden Fall Bryan,
Mark und Kian hätten schon längst da sein müssen! Doch noch immer
zeigte sich keiner der drei.
Entschlossen stand ich auf und ließ Lee erst einmal sitzen, um eine Angestellte
zu fragen, ob in dem vorbereiteten Raum schon jemand angekommen war. Ich hatte
vorher veranlasst, dass die Kamera dort ausgeschaltet werden sollte, doch per
Computer ließ sie sich für ein paar Sekunden wieder anschalten.
Doch die Angestellte sagte mir, dass in diesem Raum zur Zeit niemand wäre.
Jetzt vollkommen nervös stiefelte ich zu Lee zurück, der jetzt kapiert
hatte, warum ich weggegangen war.
"Es ist was schiefgelaufen.", meinte er. Ich nickte und sah ihn hilflos an.
"Und was nun?", flüsterte ich.
Das Geräusch von Männerlachen am Ende der Halle brachte ihn um eine
Antwort und wir fuhren herum. Fassungslos starrten wir der Gruppe von fünf
Männern entgegen, von denen zwei kleinere Händchen hielten, der eine
blond, der andere mit dunklen Haaren.
Ich sah Lee fragend an, doch er konnte auch nur mit den Schultern zucken.
War unser Plan schiefgegangen und wurde nicht mehr gebraucht, da sie schon vorher
zusammengefunden hatten? Nein, Nicky hielt eine schwarze Mappe in der Hand!
Diese Möglichkeit schied also aus. Oder zumindest war unsere Mappe angekommen.
Als die fünf bei uns angekommen waren, zog ich, bevor auch jemand etwas
sagen konnte, Mark beiseite.
"Mein Gott, Mark, was war los? Wieso seid ihr so spät?", fragte ich leise.
Lee stand neben mir und wartete auf eine Antwort.
Mark erzählte, dass sie ganz normal aus dem Flugzeug gekommen waren und
auf dem Weg in die Halle gewesen waren, als plötzlich eine Frau Nicky und
Shane aufgehalten hatte und ihnen die Mappe gab. Sie sollten in einen kleinen
Raum gehen, aber die beiden hatten das wohl nicht gehört und lasen die
Geschichte auf dem Gang. Die übrigen Westlifer hatten auf sie gewartet.
Deswegen war es so spät geworden.
Nicky uns Shane kamen jetzt zu uns und grinsten mich an. Ich erwiderte ihr Lächeln.
"Na, dann darf man doch gratulieren, oder?", meinte ich und umarmte die beiden.
"Obwohl es etwas anders gelaufen ist, als wir geplant hatten...", meinte Lee
leise, doch Shane verstand es.
"Was? Na, dass die Geschichte von Jana war, ist mir schon klar gewesen, aber
dass du da mit drin steckst..."
"Ähm, die Story ist nicht von mir. Die Idee, sie mit in diese Verkupplungsaktion
einzubringen, zwar schon, aber ich hab sie nicht geschrieben.", wehrte ich Shanes
aufkommendes Lob ab.
"Verkupplungsaktion? Dann..." Nicky stockte und sah Shane an. "...dann ging
das bei dir auch schon länger?", fragte er verwundert.
Beide sahen mich an, doch ich grinste ihnen entgegen.
"Bitte jetzt keine Vorwürfe oder Dankesreden, je nachdem, was ihr vorhattet.
Seid einfach dankbar, dass es dennoch geklappt hat.", meinte ich. Ich sah noch
Bryans und Kians hochgehaltene Daumen, dann wurde ich mir wieder bewusst, dass
Lee neben mir stand. Etwas schüchtern drehte ich mich zu ihm und sah ihn
an. Doch bevor ich den Mund auch nur aufmachen konnte, geschweige denn etwas
sagen konnte, unterbrach er mich.
"Denk dran, was du grad gesagt hast! Das gilt auch für dich." Sein Lächeln
ließ (mal wieder) meine Knie weich werden und ich fiel ihm um den Hals.
"Danke", flüsterte ich noch, ehe Bryan auf das ShNicky-Paar deutete, das
sich gerade küsste. Und es sah auch zu süß aus.
Mark machte uns dann bald auf seinen knurrenden Magen aufmerksam, sodass wir
uns in Bewegung setzten: Voran Kian, der mit Louis telefonierte, dass sie gut
angekommen waren, danach Mark und Bryan, die darüber fachsimpelten, was
sie jetzt essen wollten, hinter ihnen das glückliche Paar, dass kaum die
Augen vom anderen nehmen konnte, und schließlich Lee und ich.
Lächelnd sah ich nach vorn zu Nicky, der sich grad halb umgedreht hatte
und mir dankbar zugrinste.
Was konnte denn jetzt noch besser werden?
Als Antwort nahm Lee schüchtern meine Hand.