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Kapitel 1

"I could never say I love you, never make you understand, could only dream we’re together silently pretend, I could never show my feelings, never hold you in my arms how I just wish I’d never fallen in love..."

Carleen legte ihre Bücher beiseite und ging hinüber zum Radio, um es auszuschalten, ehe sie in die Küche lief und sich den letzten Rest Kaffee, der vom Morgen übrig geblieben war, eingoß. Ein Blick aus dem Fenster steigerte ihre Laune nicht unbedingt, denn strömender Regen und absolutistische Weltanschauungen waren ganz und gar nicht das, was sie sich für einen Samstag Nachmittag vorgestellt hatte. Sie seufzte und zog sich ihre übergroße Strickjacke noch fester um die Hüften, ehe sie zusammen mit einem großen Pott Kaffee zurück ins Wohnzimmer schlurfte. Kaum hatte sie sich wieder gesetzt, drehte sich ein Schlüssel im Schloß und Tyra kam, eingepackt in einen dicken Mantel und mit überdimensionaler Häkelmütze, zur Tür hereingeschneit. "Dieses Wetter ist ja nicht zum Aushalten. Ich würde wirklich gerne wissen, welchen kleinen Rotzlöffeln, die ihre Teller nicht aufgegessen haben, wir das zu verdanken haben." schnaufte sie und trat mit einem Bein gegen die Tür, während sie schwer darum bemüht war, die Einkaufstüten in ihren Händen nicht fallen zu lassen. Carleen schenkte ihr nicht allzuviel Aufmerksamkeit, sondern blätterte eine weitere Seite ihres Gesichtsbuches um. "Du brauchst mir übrigens nicht helfen." sagte Tyra genervt und kämpfte sich zur Küche hindurch, wo sie sich sämtlicher Last entledigte. "Das hatte ich auch nicht vor." entgegnete Carleen geistesabwesend und starrte gelangweilt vor sich hin. Sie hatte keine Lust, sich auf lange Diskussionen einzulassen. Tyra war ohne Zweifel ihre beste Freundin, aber sie liebte es, Dinge schlimmer darzustellen, als sie eigentlich waren und ihre theatralischen Interpretationen von Belanglosigkeiten führten oft dazu, daß sie und Carleen dank ihrer Sturköpfe tagelang kein Wort miteinander wechselten. "Unser großer Gönner hat das übrigens bei uns eingeworfen." Tyra warf ihren nassen Mantel über die Heizung und reichte Carleen ein kleines Kuvert, von dessen Schrift jedoch nicht mehr viel zu erkennen war. "Hast du den Brief gebadet, bevor du ihn mir gegeben hast?" fragte Carleen ungläubig und fing an, ihn mit spitzen Fingern zu öffnen. "Das war gar nicht nötig, du Nuß. Hättest du deine Nase vielleicht mal aus diesen Büchern heraus genommen, hättest du festgestellt, daß es draußen in Strömen regnet. Tut mir wahnsinnig leid, daß dieser Brief winzige Tropfen abbekommen hat, während ich ja nur fast aussehe wie ein Meerschwein nach der Sintflut." Sie stemmte ihre Hände in die Hüften und sah Carleen entnervt an. Diese gab Tyra ihr strahlendstes Lächeln, während sie einen Zettel aus dem Briefumschlag nahm und ihn kurz überflog. "Was schreibt er denn?" fragte Tyra und trat ein wenig näher an Carleen heran, damit sie ihr über die Schulter sehen konnte. "T, du bist klitschnaß. Sei so nett und schüttele deine Haare über jemand anderem aus." Sie stand auf, während sie weiterlas und versuchte, den Inhalt des Briefes zu verstehen. Jason Callum hatte eine seltsame Art, Texte zu verfassen. Es erinnerte Carleen an jene Geschichtsbücher, die ihr so sehr verhaßt waren und die sie genauso wenig kapierte wie die Zeilen, die sich jetzt vor ihr auf blütenweißem Papier ergossen. "Was schreibt er?" Tyra war kurz im Bad verschwunden und hatte sich ein Handtuch geholt, mit dem sie nun versuchte, ihre Haare zu trocknen. "Das versuche ich gerade herauszufinden. Sei also so lieb und halt für einen kurzen Moment einfach mal den Mund." murmelte Carleen. "Wie du willst. Ich verstehe sowieso nicht, warum dieser Mann nicht wie jeder andere auch das Telefon benutzen kann?!" "Dazu müßten wir vielleicht erst einmal unsere Telefonrechnung bezahlen." Carleen reichte Tyra den Brief und wartete, bis sie ihn gelesen hatte. Tatsächlich herrschte in der Haushaltskasse schon wieder gähnende Leere und nur den monatlichen Geldspritzen der Eltern war es zu verdanken, daß Tyra und Carleen sich das Appartement im zweiten Stock eines Londoner Wohnhauses leisten konnten. Carleen steckte ihr gesamtes Geld in das Studium, das sie in zwei Jahren beenden würde, und Tyra verbrachte ihre Zeit damit, bei sämtlichen Boutiquen den Umsatz zu steigern. Ein oder zweimal hatte sie versucht, als Bedienung zu arbeiten, aber es hatte immer damit geendet, daß sie die Schürze hinwarf und ihren Chef als dummen Idioten bezeichnete. Dann waren sie Jason begegnet, und hatten einen recht angenehmen Weg aus ihrer Misere gefunden. Sie waren nicht die geboren Journalisten, denn beide hatten vor ihrem Treffen mit Jason nicht im Traum daran gedacht, in die Branche der "schreibenden Arschlöcher", wie Tyra sie liebevoll nannte, einzusteigen. Aber da hatte Jason auch noch nicht mit dem Scheck gewunken, den sie nach getaner Arbeit erhielten. Ein bißchen umhören hier, ein bißchen bespitzeln da und schon hatten sie eine Story, die am nächsten Tag in einer Spalte des "Sentinel" ihren Platz fand. Tyra legte den Brief auf den Couchtisch und sah zu Carleen auf, die neben ihr stand und einige Bücher im Schubfach des Schreibtisches verstaute. "Warum kann er nicht gleich auf den Punkt kommen? Statt dessen ruft er uns zu sich wie dressierte Hunde und erwartet natürlich, daß wir sofort springen. Herrgott, manchmal hasse ich ihn wirklich." Carleen band ihre langen braunen Haare zu einen lässigen Knoten am Hinterkopf zusammen, bevor sie sich zu Tyra herum drehte und ihr zulächelte. Sie wußte, daß Jason und Tyra alles andere als beste Freunde waren, aber immerhin hatte Tyra den Zweck dieser Gemeinschaft erkannt und hielt sich dezent zurück, was das Arbeiten mit beiden unheimlich erleichterte. "Du kennst ihn doch. Er behält halt gerne die Oberhand und unser abgeklemmtes Telefon ist ihm da sicher zugute gekommen. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich krieche, was meine Finanzen angeht, seit Tagen auf dem Zahnfleisch. Ganz gleich, was Jason diesmal von uns will, er wird es bekommen." sagte Carleen und lief hinüber ins Bad, um sich ein wenig herzurichten. "Das solltest du ihm unbedingt sagen. Fraglich, ob er dann noch daran denkt, dich auf die berühmte Bevölkerung Englands loszulassen. Dann ist es sicherlich wahrscheinlicher, daß er dich im Kofferraum seines Autos verstaut und mit nach Hause nimmt." Carleen konnte Tyra über ihren eigenen Witz lachen hören und schüttelte belustigt den Kopf, als sie wieder ins Wohnzimmer lief. "Du brauchst Hilfe, Tyra. Elektroschocks oder eine Familienpackung Valium, irgend etwas." "Jetzt komm schon. Dieser Kerl ist scharf auf dich, seit wir ihm das erste Mal begegnet sind. Ich glaube nicht, daß es ihm viel ausmachen würde, dir die Kleider vom Leib zu reißen und Dinge zu tun, die ich nicht einmal in den Mund nehmen möchte." Tyra gab sich betont anständig und griff nach ihrer Jacke, während Carleen ihre Strickjacke gegen einen schwarzen Rollkragenpullover eintauschte, der über dem Stuhl hing. "Er ist fast doppelt so alt wie ich, T." "Sieht aber umwerfend aus. Groß, gut gebaut, wunderschöne Augen und ein bezauberndes Lächeln. Wenn er nicht so ein Spatzenhirn wäre, hätte ich ihn mir selber längst gekrallt. Die Gelegenheit ist günstig, Cal." Carleen wußte, daß Tyra sie nur ärgern wollte und ging deswegen nicht weiter darauf ein, sondern suchte völlig unbeeindruckt nach ihren Schuhen. Natürlich war ihr nicht verborgen geblieben, daß Jason sich ziemlich interessiert zeigte und jede sich ihm bietende Gelegenheit nutzte, um Eindruck zu schinden, doch Carleen hatte ihn stets höflich, aber bestimmt wissen lassen, daß sie seine Zuneigung nicht teilte. Überhaupt war eine Beziehung das letzte, was sie gebrauchen konnte. Sie hatte die ein oder andere Enttäuschung, was Männer betraf, hinnehmen müssen und zeigte sich deswegen nicht unbedingt gewillt, ihr Herz erneut für jemanden zu öffnen. Tyra dagegen liebte es, ihre Bekanntschaften zu wechseln wie Unterhosen und konnte nicht allzu lange auf männliche Begleitung verzichten. "Ich glaube, Jason sagte in seinem Brief, daß er uns sofort sehen will. Wenn du allerdings noch länger auf dem Boden herum robbst, dürfte dies so gut wie nicht möglich sein." bemerkte Tyra und öffnete die Tür zum Appartement. "Wenn du die Dinge, die du dir von mir leihst, dorthin zurücklegen würdest, wo du sie her hast, hätten wir dieses Problem auch gar nicht." gab Carleen zurück und angelte nach einem ihrer Schuhe, den sie unter der Couch entdeckt hatte. Nachdem sich auch der zweite gefunden hatte, schnappte sie sich ihre Tasche und die Autoschlüssel und folgte Tyra nach draußen.

"Cal, wenn wir noch schneller fahren, reisen wir in der Zeit zurück." Tyra sah ihre Freundin bestürzt an und schüttelte den Kopf. Diese quittierte das jedoch nur mit einem Abwinken und versuchte weiterhin, durch den Regen hindurch die Straße zu erkennen. Tatsächlich hatte sie es wirklich ziemlich eilig, denn sie brannte darauf, zu erfahren, was Jason diesmal in petto hatte. Sie gab es Tyra und Jason gegenüber nicht offen zu, aber ihr machte der Job ziemlich viel Spaß. Früher hatte sie zusammen mit ihrem großen Bruder all diese Detektivserien gesehen und war hinterher in den Garten gerannt, um sich hinter einem großen Baum zu verstecken und darauf zu warten, daß der Verdächtige das Haus verließ und sie ihm unauffällig folgen konnte. Noch heute mußte sie lachen, wenn sie daran dachte, mit welcher Professionalität sie Connor bis auf den Dachboden gefolgt war, nur um dann festzustellen, daß er heimlich Süßigkeiten lagerte. Gutmütig wie sie war, hatte sie versprochen, ihn nicht zu verraten und er hatte daraufhin brüderlich mit ihr geteilt. Tyra dagegen hielt das Ganze lediglich für eine gute Gelegenheit, ohne große Umstände ein wenig Geld zu verdienen und sah viel mehr den Vorteil, den ihr Presseausweis mit sich brachte. Mehr als einmal hatte sie ihn dazu benutzt, um in die beliebtesten Clubs der Stadt hineinzukommen, oder mit gutaussehenden jungen Fotographen anzubändeln. Auch jetzt, als Carleen in die Tiefgarage des Bürogebäudes fuhr, hatte Tyra nichts anderes im Kopf. "Ich reiße Jason den Kopf ab, wenn er uns auf irgendwelche langweiligen Schauspieler ansetzt, die vielleicht mal in den Siebziger Jahren berühmt und gutaussehend waren." Carleen stellte den Motor ab und stieg aus, ehe sie die Tür zuschlug und sich vergewisserte, daß sie auch wirklich abgeschlossen hatte. "Jason kennt deine Vorliebe für knackige, junge Männer, also glaube ich kaum, daß er dich solch einer Belastung aussetzt." antwortete sie, während sie um das Auto herum ging und sich bei Tyra einhakte. "Das hoffe ich für ihn. Wenn er glaubt, mich wieder mit so einem dämlichen Job abspeisen zu können, bei dem ich in Mülltonnen wühlen muß, hat er sich geirrt." Carleen lachte, als die Erinnerung daran zurückkam. Sie und Tyra hatten Stunden damit zugebracht, den Müll einer bekannten Moderatorin durchzuwühlen, nur um dann festzustellen, daß sie für ihr Leben gerne Marlboro rauchte. "Wenigstens wußte hinterher jeder, woher sie diese gelben Finger hat." Tyra schüttelte sich bei dem Gedanken daran, ehe sie Carleen in den Fahrstuhl folgte und mit ihr nach oben fuhr. Es dauerte nicht lange, bis sie die Chefetage des "Sentinel" erreicht hatten. Sie plauderten mit einigen bekannten Mitarbeitern und brachten sich auf den neusten Stand, was Klatsch und Tratsch betraf, ehe sie weiter zu Jason’s Büro gingen. Es lag am Ende der Etage und wies mit goldenen Lettern darauf hin, daß hinter der Tür der Chefredakteur saß. Carleen klopfte zweimal kurz an und wartete auf das bekannte "Herein!", bevor sie die Tür öffnete und zusammen mit Tyra eintrat. Jason saß wie immer hinter seinem riesengroßen Eichenschreibtisch und telefonierte. Er deutete Carleen und Tyra, hereinzukommen, ehe er sich in seinem Sessel zurücklehnte und das Telefonat fortführte. Wie gewohnt ließ er sich durch die Anwesenheit der Beiden nicht aus der Ruhe bringen und brachte weitere zwanzig Minuten damit zu, in den Hörer zu schreien, was Carleen und Tyra nicht unbedingt überraschte. Jason wußte, was er wollte, und das ließ er seine Mitarbeiter nur zu gerne spüren. Als er endlich fertig war, erhob er sich und ging um den Schreibtisch herum, wo er sich dann anlehnte und die Arme vor der Brust verschränkte. "Die Damen haben meine Nachricht also erhalten." Er musterte die jungen Frauen vor ihm eindringlich, bevor er lächelte und dabei seine strahlend weißen Zähne entblößte. Keiner der beiden erwiderte sein Lächeln. "Du sagst uns jetzt besser, warum du uns bei solch einem Wetter aus dem Haus holst und uns dann eine halbe Ewigkeit warten läßt, anstatt dich mit einer langen Vorrede aufzuhalten." entgegnete Tyra bissig. Jason sah sie einen kurzen Moment eindringlich an, ehe er langsam nickte. "Fein. Ich hoffe, ihr habt in den nächsten Tagen nichts vor, denn was euch erwartet, wird euch voll und ganz in Anspruch nehmen. Ein Privatleben wird es für euch in den nächsten Monaten nicht geben, geschweige denn Freizeit. Ich erwarte Professionalität, Diskretion und harte Arbeit von euch. Traut ihr euch das zu?"

Kapitel 2

Carleen und Tyra sahen sich kurz an, bevor Jason die Aufmerksamkeit wieder auf sich zog. Erneut ging er um den Schreibtisch herum und griff nach zwei prallen Mappen, die neben der Tastatur seines Computers lagen. "Wollt ihr mir die Frage beantworten oder hat es euch vollkommen die Sprache verschlagen?" Er kam wieder zu ihnen hinüber, die Mappen in der Hand, und sah sie abwartend an. Carleen war die erste, die sich äußerte. "Ich glaube, daß es ganz hilfreich wäre, wenn du uns erst einmal sagen würdest, worum es überhaupt geht oder hast du vor, uns darüber im Unklaren zu lassen? Sollte das der Fall sein, danke ich dir für dein Angebot und lehne ab." Sie schlug die Beine übereinander und erwiderte seinen starren Blick. Jason wollte sie testen und das war etwas, was sie überhaupt nicht mochte. Entweder würde er sie als ebenbürtig betrachten, oder er konnte sie mal kreuzweise. Tatsächlich war er derjenige, der den Blick als erster abwendete und Tyra ansah. "Was ist mit dir? Kannst du ein paar Wochen harte Arbeit verkraften oder muß ich befürchten, daß sich das schwerwiegend auf deine Gesundheit auswirkt?" Der beleidigende Ton in seiner Stimme war nicht zu überhören. "Weißt du, ich hätte wirklich große Lust, das Kriegsbeil zu begraben- mitten zwischen deinen Augen." Es war klar, daß Tyra auf solch eine provokative Frage keine Antwort gab, sondern genauso gut zurück schoß, wie sie einstecken mußte. Glücklicherweise ersparte Jason sich ein weiteres Kommentar, sondern händigte Carleen und Tyra die Mappen aus, bevor er ihnen deutete, sie zu öffnen. "Was ihr dort drin findet, dürfte euch ein wenig deutlicher machen, worum es geht." "Du solltest aufhören, so zu tun, als hättest du zu viele James Bond Filme gesehen. Die Rolle des geheimnisvollen Auftraggebers steht dir nicht besonders gut." Carleen zwinkerte Jason zu, ehe sie seiner Aufforderung nachkam und das Deckblatt der Mappe öffnete. Sie war überrascht, als ihr eigenes Paßfoto zum Vorschein kam. Es war ungefähr ein Jahr alt und zeigte sie mit etwas kürzeren Haaren, als sie jetzt hatte. "Woher hast du dieses Foto?" fragte sie Jason, doch dieser brachte nur ein müdes Lächeln zustande. "Du weißt, daß mir Mittel und Wege offenstehen, die ich nur zu gerne nutze. Davon abgesehen steht dieses Bild normalerweise auf meinem Nachttisch." Er hatte versucht, lustig zu sein, doch Carleen empfand die dadurch geschaffene Situation als ziemlich peinlich und starrte auf die Mappe in ihrem Schoß. "Sag mal, Jason. Wenn Gott wollte, daß wir mit dem Unterleib denken, warum hat er uns dann ein Gehirn gegeben?" Tyra machte sich gar nicht erst die Mühe, aufzublicken, denn sie erwartete nicht wirklich eine Antwort. Zufrieden, daß dieser Punkt an sie ging, studierte sie weiterhin die Blätter vor sich. Auch Carleen ließ die Sache damit auf sich beruhen und versuchte, sich aus allem, was sie jetzt las, einen Reim zu machen. "Jason, wieso steht neben meinem Foto Jessica Parker?" fragte sie verwirrt. Jason lachte und Carleen wußte nicht so recht, warum er das tat, aber es hatte etwas von Zufriedenheit und Stolz. "Nun, das ist Teil eurer Arbeit. Ihr werdet in den nächsten zwei Tagen damit beschäftigt sein, Jessica Parker und Scarlett Johnson zum Leben zu erwecken. Alles, was ihr in diesen Mappen findet, sind Informationen über die beiden. Eure Aufgabe besteht darin, all das so zu verinnerlichen, daß man meinen könnte, ihren würden diese Beiden schon euer ganzes Leben lang verkörpern." Tyra lehnte sich ein wenig in ihrem Sessel nach vorne und blickte ziemlich verwirrt drein. "Ich spreche wohl für alle, wenn ich sage: Häh?! Was soll dieser ganze Mist mit Jessica und Scarlett und was haben wir beide damit zu tun?" Carleen war erleichtert, daß sie nicht die Einzige war, die den Durchblick in der ganzen Sache verloren hatte. Sie wußte, daß Jason ausgefallene Ideen hatte, aber wenn er wirklich das meinte, was Carleen gerade in den Sinn kam, dann war er einfach nur verrückt. "Ihr seid Jessica und Scarlett, zumindest dann, wenn ihr eure Arbeit erledigt. Keine Carleen, keine Tyra. Es hat mich und meine Mitarbeiter Monate gekostet, euch diese Identitäten zu verschaffen." Tyra wurde es zu bunt. Sie stand auf und knallte die Mappe auf den Schreibtisch, ehe sie sich vor Jason aufbaute und ihn mit funkelnden Augen musterte. "Ich lasse mich von dir nicht länger wie einen Idioten behandeln. Sag uns jetzt verdammt noch mal, was dieser ganze Schwachsinn soll, denn ansonsten bin in innerhalb von fünf Sekunden aus diesem Büro verschwunden. Wofür brauchen wir falsche Identitäten?" Sie stand wild gestikulierend vor ihm und wartete ungeduldig auf eine Antwort. Jason war viel zu sehr Profi, als daß er sich davon aus der Ruhe bringen ließ. Fast gelangweilt griff er nach der Fernbedienung, die auf seinem Tisch lag und schaltete den Fernseher an, der sich schräg gegenüber vom Schreibtisch befand. Carleen mußte sich ein wenig drehen, damit sie das Bild sehen konnte, und auch Tyra drehte sich herum und wartete gespannt, was passieren würde. Was als nächstes folgte, waren Ausschnitte diverser Musiksendungen und Interviews, Kauf- und Musikvideos. Carleen und Tyra warfen sich während des kurzen Filmes immer wieder Blicke zu, die keinen Zweifel darüber ließen, was sie dachten. Sie kannten die Band, sie kannte Jason und wußten somit genau, welche Rolle sie bei der ganzen Sache spielten. Nach etwa fünf Minuten endete der Film und ein sichtlich zufriedener Jason sah die zwei jungen Damen mit erwartungsvoller Mimik an. "Nun, was haltet ihr davon?" "Nur fürs Protokoll, Aasgeier: Das ist eine total bescheuerte Idee! Wenn du das vorhast, von dem ich denke, daß du es vorhast, dann bist du noch dämlicher, als ich gedacht habe." Carleen hatte das dumme Gefühl, daß Tyra sich nun so ganz und gar nicht mehr unter Kontrolle hatte. Trotzdem blieb ihr nichts anders übrig, als ihrer Freundin zuzustimmen. "Jason, so ungern wie ich das auch sage, aber damit hat sie Recht. Du willst also wirklich, daß wir einen derartigen Zirkus veranstalten, nur damit wir eine Möglichkeit finden, Westlife zu interviewen? Sei mir nicht böse, aber das halte ich für wirklich übertrieben." Jason schien ein wenig verärgert, als er hinter seinem Schreibtisch Platz nahm. "Es geht nicht einfach nur um ein Interview, Carleen. Davon hat die Welt genug und es ist jedesmal dasselbe. Was ich will, ist ein Blick hinter die blütenweiße Fassade der Jungs. Ganz Europa kennt sie und alle lieben sie, aber nicht einer weiß, wie es wirklich aussieht. Ich will eine Story, mit der ich alle anderen Klatschblätter in den Schatten stelle und beweise, daß das Showbiz etwas ist, was viel mehr versteckt als preisgibt. Für euch bedeutet das eine sechsstellige Summe, wenn ihr es macht." Jason wußte, wie er Carleen und Tyra in die Enge trieb. Beide hatten die Idee bis zu diesem Zeitpunkt für lächerlich empfunden, doch Geld war schon immer ein überzeugendes Argument gewesen. "Wie stellst du dir das vor? Sollen wir verrückte Groupies spielen, ihnen hinterher fahren oder einfach nur darauf hoffen, daß sie wildfremden Menschen wie uns ihre Lebensgeschichte erzählen?" fragte Tyra sarkastisch und verschränkte ihre Arme. "Viel besser. In drei Tagen gehört ihr zur Crew. Carleen konnte ich die Rolle der Tänzerin zuschieben, während du die glanzvolle Aufgabe der Maskenbildnerin übernimmst. Ihr werdet euch schweigsam und vollkommen unauffällig in die Gruppe einfügen und zusehen, daß ihr so viele Infos wie möglich abfassen könnt. Natürlich müßt ihr hundertprozentig hinter diesem Projekt stehen und euch im Klaren darüber sein, daß ein winziger Fehler zum Scheitern führen kann. Louis ist seit einiger Zeit ziemlich vorsichtig, was seine Mitarbeiter betrifft. Er durchleuchtet alles, nur um sicher zu gehen, daß sich kein schwarzes Schaf einnistet. Wie gesagt, wir haben einiges in Bewegung gesetzt, damit es an euch auch wirklich gar nichts auszusetzen gibt. Heute morgen haben wir die Zusage bekommen, daß die Jobs euch gehören. Das einzige, was uns jetzt noch fehlt, seid ihr Beiden."

Carleen war überrascht, mich welcher Präzision alles vorbereitet worden war. Tatsächlich schien es, als ob diese Idee alles andere als einfach nur aus der Luft gegriffen war. Jason hatte sich wirklich Gedanken darüber gemacht und alles in intensiver Kleinarbeit vorbereitet. "Wie kommst du ausgerechnet darauf, daß wir für diesen Job geeignet sind?" fragte sie und hoffte, Tyra würde den Mund beizeiten wieder zumachen. "Ihr seid jung, dynamisch, gutaussehend. Niemand würde auf die Idee kommen, daß ihr für eine der größten Zeitschriften Englands arbeitet. Es wird für euch ein leichtes sein, das Vertrauen aller Umstehenden zu gewinnen. Was eure schriftstellerischen Fähigkeiten betrifft, brauch ihr euch genauso wenig Sorgen zu machen. Von euch bekommen wir die Informationen, umsetzen tun es dann die anderen. Was sagt ihr?" Carleen klappte ihre Mappe zu und legte sie sorgsam auf den Tisch vor sich. Der Job reizte sie, auch wenn es sich um einen äußerst ungewöhnlichen handelte. Und was hatte sie schon zu verlieren? Sie kannte Westlife aus der Presse, hatte ein paar Videos von ihnen gesehen und sogar eine ihrer CDs zu Hause, doch ansonsten stand sie in keinerlei Beziehung zu ihnen. Ganz im Gegenteil. Leute wie Westlife hatten Geld wie Heu, fuhren die teuersten Autos und sonnten sich im Blitzlichtgewitter. Ein wenig mehr Publicity würde ihnen also nicht schaden. Es gab keinen Grund, diesen Job nicht anzunehmen. "Also gut, ich bin dabei." Jason quittierte ihre Zusage mit einem erfreuten Lächeln und wandte sich an Tyra. "Zwing mich nicht, ‚bitte‘ zu sagen. Du weißt, wie sehr ich dieses Wort hasse." Tyra schaute zu Jason, dann zu Carleen und noch einmal zu Jason. "Zu verlieren haben wir ja nichts und ein wenig Kleingeld kann schließlich jeder gebrauchen." Sie zuckte unbeeindruckt mit den Schultern und versuchte, ein gelangweiltes Gesicht zu machen. Carleen kannte sie jedoch lange genug, um zu wissen, daß sie am Liebsten vor Freude aus dem Fenster gesprungen wäre, doch ihr Antipathie gegenüber Jason hielt sie davon ab. "Dann wäre das ja alles geklärt. Einzelheiten findet ihr in euren Mappen. Ich möchte euch darum bitten, sie eingängig zu studieren und euch mit allem vertraut zu machen. Noch habt ihr die Gelegenheit, mir Fragen zu stellen. Wenn es dann los geht, seid ihr auf euch alleine gestellt. Wir werden versuchen, Kontakt so gut es geht zu vermeiden. Ihr werdet nicht anrufen, nicht vorbeikommen und auch sonst mit niemandem aus der Redaktion ein Wort wechseln. Zu eurem Team gehört Brandon Dexter. Er arbeitet seit einigen Wochen als Security für Westlife und wird Informationen, die ihr ihm zukommen laßt, an uns weiterleiten." "Woran erkennen wir ihn?" fragte Carleen und verstaute ihre Mappe und die von Tyra in ihrer Tasche. "Er wird euch erkennen, also macht euch darüber keine Gedanken. Auch wenn ihr diese ganze Geheimniskrämerei für übertrieben haltet, so ist sie notwendig. Westlife haben genug Erfahrung mit der Presse gemacht und wissen, daß sie auf der Hut sein müssen. Es würde mich nicht überraschen, wenn Louis euch persönlich zu sich zitiert und darauf wartet, daß ihr euren Lebenslauf herunter betet. Genauso ist es mit den Jungs und allen Umstehenden, die zum Team gehören. Man wird euch mit Argusaugen beobachten, als versucht, so unauffällig wie möglich zu agieren. Nutzt jede sich euch bietende Gelegenheit, um Informationen zu sammeln. Ich bin mir sicher, daß Westlife ein paar Leichen im Keller haben und es liegt an euch, diese auszugraben. Es ist mir egal, wie ihr das macht, aber am Ende will ich Ergebnisse." Tyra pfiff anerkennend durch die Zähne und grinste. "Du hast also gegen ein wenig Körpereinsatz nichts einzuwenden?" Carleen war noch nicht einmal überrascht über diese Frage. Es war offensichtlich, daß Tyra restlos jede Chance nutzen würde, um mit den Jungs auf Tuchfühlung zu gehen. Sie war perfekt geeignet für diesen Job. "Ob du dich mit ihnen in den Laken räkelst oder nicht, interessiert mich wie die Reisernte in China. Es ist ja allgemein bekannt, daß du das Angenehme gerne mit dem Nützlichen verbindest." Ein schmieriges Lächeln unterstrich seine Aussage noch, doch anstatt zu kontern , stand Tyra auf und ging zur Tür. "Cal, ich warte unten auf dich. Eine Minute länger mit Mr. Ekelhaft in einem Raum und ich kotze auf seinen Teppich." Sie öffnete die Tür und schlug sie mit einem großen Knall wieder zu. Carleen stand auf und lächelte Jason entschuldigend zu. Sie haßte es, zwischen den Fronten zu stehen, besonders zwischen denen ihrer besten Freundin und ihres Auftraggebers. "Ihr solltet aufhören, euch derart an die Gurgel zu springen. Probiert es mal mit Yoga, das soll Wunder wirken." Sie stand auf und warf sich ihre Tasche über die Schulter. Jason kam hinter seinem Schreibtisch vor und geleitete sie zur Tür. "Wenn du irgendein Problem hast, ruf mich an. Dich zu einem Essen einzuladen, wäre jetzt sicher recht unvorsichtig, aber nach getaner Arbeit würde ich mich gerne bei dir bedanken." Carleen erkannte die versteckte Frage zu einem Date und schüttelte amüsiert den Kopf. "Gib es endlich auf, Jason. Ich arbeite gerne für dich, aber du solltest damit aufhören, mich deinen anderen Mitarbeitern vorzuziehen." Er seufzte und steckte sich die Hände in die Hosentaschen. "Wie du meinst, aber so schnell wirst du mich nicht los. Ich bin gewohnt, zu bekommen, was ich will und du solltest dich an diesen Gedanken gewöhnen." "Arroganter Affe!" Sie küßte ihm zum Abschied auf die Wange und schickte sich an, das Büro zu verlassen. "Carleen?" Sie drehte sich noch einmal herum und sah ihn an. "Was ist?" "Überlaß den Körpereinsatz bitte Tyra."

Kapitel 3

"Wie kommt er überhaupt auf die dämliche Idee, mich nach der Hauptfigur aus einer der größten Schnulzen aller Zeiten zu benennen? Ihm ist ja wohl hoffentlich klar, daß ich schon allein deswegen die Attraktion schlechthin sein werde. Ich schwöre dir, das hat er nur gemacht, um mir eins auszuwischen." Tyra blätterte eine weitere Seite um und schüttelte verärgert den Kopf. Mittlerweile war es fast zwei Uhr nachts und sie saß mit Carleen auf dem Teppich des Wohnzimmers und studierte bei Kaffee und Bananen die riesigen Mappen. Nachdem sie das Büro von Jason verlassen hatten, waren sie in die Innenstadt gefahren und hatten sogleich damit begonnen, ihr noch nicht verdientes Geld zu verjubeln. Die ganze Zeit über hatten sie diskutiert, Vor- und Nachteile abgewogen und waren schließlich zu dem Entschluß gekommen, daß der Auftrag das Beste war, was ihnen hatte passieren können. Dann waren sie an einem Musikgeschäft vorbeigekommen und hatten Stunden damit zugebracht, CDs und Videos zu kaufen, die ihnen für ihre Arbeit als nützlich erschienen. Je mehr sie über die Jungs im Voraus wußten, desto leichter würde es ihnen fallen, jeden einzelnen von ihnen einzuschätzen und individuelle Vorgehensweisen zu entwickeln. Carleen streckte sich müde und gähnte laut. "Scarlett ist noch gar nichts. Hier steht schwarz auf weiß, daß Jessica vier Geschwister hat. Was waren meine Eltern? Karnickel?" Tyra lachte herzhaft und schob sich ein Stück ihrer Banane in den Mund. Es hatte ihnen äußerst viel Spaß bereitet, beide Lebensläufe zu studieren und sich über die ein oder andere Sache lustig zu machen. Jason hatte wirklich an alles gedacht. Von der Lieblingsfarbe bis hin zum ersten Kuß war alles aufgelistet. Er hatte für jede der beiden eine perfekte Lebensgeschichte geschaffen, und es lag nun an Carleen und Tyra, diese lebhaft umzusetzen. Sie mußten zwei junge Frauen zum Leben erwecken, und zwei andere dafür vorübergehend sterben lassen. Ein seltsamer Gedanke. "Weißt du eigentlich schon, was du anziehen wirst? Ich will, daß den Kerlen die Augen heraus fallen, wenn sie mich sehen." Carleen rappelte sich grinsend auf und trottete in die Küche hinüber, um eine neue Kanne mit Kaffee aufzusetzen. "Ich mach mir im Moment ganz andere Gedanken. Hast du eine Ahnung, wie ich ihnen die erfolgreiche Tänzerin vorspielen soll? Ich stolpere ja schon, wenn ich nur die Treppe hinaufgehe. Tanzen wird eine Katastrophe." rief sie und kam genau in dem Moment zurück ins Wohnzimmer, als Tyra eine Kassette, die sie Stunden zuvor erstanden hatten, in den Videorecorder schob. "Was machst du da?" fragte sie und ließ sich auf die Couch vor dem Fernseher fallen. "Ich liebe es, wie sie ihre kleinen, knackigen Hintern durchs Bild schwingen. Und außerdem ist gegen ein wenig Praxis ja wohl nichts einzuwenden, oder?! Diese verkorksten Lebensläufe können wir später immer noch auswendig lernen." Tyra leistete Carleen Gesellschaft und startete das Video. Beide Frauen kicherten und machten ihre Späße, als sie zwei Stunden später den Fernseher ausmachten und das dreckige Geschirr in die Spüle stellten. "Dieser Mark ist das mit Abstand leckerste, was mir je unter die Augen gekommen ist. Und ich dachte immer, Jason kann mich nicht leiden." Carleen war viel zu müde, um jetzt noch mit Tyra zu diskutieren. Es war wie immer dasselbe. Zuerst vergötterte sie einen Mann, aber wenn sie ihn dann hatte, interessierte er Tyra nicht mehr die Bohne und es lag an Carleen, ihre Freundin am Telefon zu verleugnen, Blumen entgegen zu nehmen und wütende Exfreunde zu besänftigen. Sie hoffte nur, Tyra würde sich mehr auf ihre Arbeit als auf die Unterhosen der Jungs konzentrieren. Natürlich war auch ihr nicht entgangen, daß sie es mit äußerst attraktiven Männern zu tun haben würde, doch sie ging ebenfalls davon aus, dass es sich dabei um welche von der arroganten Sorte handelte. Sie hatten Geld und Erfolg, zwei fast erdrückende Gründe, um den Erdboden zu verlassen und sich für die Mannsbilder schlechthin zu halten. Carleen’s Stimmung sank bei dem Gedanken daran, daß es sie wahrscheinlich Wochen kosten würde, um sich ein wenig Respekt zu verschaffen. "Hörst du mir überhaupt zu?" Tyra schnippte mit den Finger vor ihrem Gesicht herum und holte Carleen somit in die Gegenwart zurück. "Was?" "Ich habe dich gefragt, welche Farbe mir besser steht? Blau oder rot? Ich weiß ja nicht, was Mark..." "Oh Tyra... Wir sollen arbeiten!" Carleen ging an ihr vorbei und hinüber zur kleinen Wendeltreppe, die hinauf in ihr Schlafzimmer führte. "Das tue ich doch! Was ist, wenn ihm blau nicht gefällt? Dann werden wir nie die Vertrauensbasis schaffen, die Jason so gerne hätte. Eine Farbe kann sich ungemein auf das Gemüt einer Person ausschlagen." "Dein dämliches Gerede kann einem aufs Gemüt schlagen und nichts anderes. Wenn du nicht aufhörst, so einen Unsinn zu erzählen, werden sie dir den Mund zutackern und dich zum Stummfilm schicken. Gute Nacht." Carleen sammelte einige Kleidungsstücke, die auf der Treppe lagen, ein und nahm sie mit nach oben. "Mein dummes Gerede? Redest Du mit mir? Du laberst mich an? Du laberst MICH an?? Kann es sein, daß Du mich meinst, Du redest mit mir? Ich bin die einzige, die hier ist... Carleen, antworte gefälligst!"

Sie schliefen bis in den nächsten Nachmittag hinein und verbrachten auch den Rest des Tages damit, auf der Couch zu liegen, in der Wanne zu sitzen oder die Reste aus dem Kühlschrank zu essen. Tyra hatte gemeint, daß es eine Sünde wäre, das alles wegzuschmeißen, also hatten sie eine gute Entschuldigung gefunden, ständig zu kauen. Carleen hatte mit ihrem Professor an der Universität telefoniert und ihm umständlich erklärt, daß sie vorübergehend an keiner Vorlesung teilnehmen konnte. Anschließend hatte sie eine Freundin angerufen, die sich bereit erklärte, für den Zeitraum, in dem Tyra und Carleen nicht da waren, auf die Wohnung acht zu geben. Sie würden wohl kaum selber dazu in der Lage sein, denn Jason hatte keinen Zweifel daran gelassen, daß sie ihr altes Leben vorübergehend vergessen mußten. Gegen Abend hatten die Beiden in ihrem Lieblingsrestaurant um die Ecke zu Abend gegessen und ihre Entscheidung bei einem Glas Rotwein gefeiert. Auf dem Rückweg waren sie dann noch bei ein paar Freunden vorbeigegangen und hatten ihnen mitgeteilt, daß sie vorübergehend die Stadt verlassen würden. Sie hielten sich mit Einzelheiten zurück, sondern sagten statt dessen nur, daß sie beide eine Pause brauchten und Urlaub dringend nötig hatten. Glücklicherweise stellte keiner aufdringliche Fragen, und alle begnügten sich damit, ihnen eine gute Reise und viel Spaß zu wünschen. Immer noch total übermüdet betraten sie spät in der Nacht ihre Wohnung und zogen sich auf ihre Zimmer zurück, um noch ein wenig zu ‚lernen‘ und sich anschließend schlafen zu legen. Jason hatte für den nächsten Tag ein abschließendes Meeting einberufen, in dem letzte Ungereimtheiten geklärt und offene Fragen beantwortet werden konnten. Anschließend würden Carleen und Tyra mit einem Mietwagen zum Flughafen fahren und von dort aus 15.20 Uhr mit einem Flieger Richtung Dublin starten. Aus den Unterlagen der Plattenfirma, die Jason an eine Adresse in London hatte schicken lassen, ging hervor, daß Carleen und Tyra in Dublin von einem Mitglied der Crew erwartet würden, und sofort ins Hotel fahren würden, in dem Westlife zur Zeit residierten. Da sowohl Scarlett als auch Jessica London als ihren Geburtsort hatten, war es nicht weiter verwunderlich, daß sie zusammen ankommen würden. Und immerhin hatte man auf einem Flug genug Zeit, um sich ein wenig näher kennenzulernen. Keiner würde also Fragen stellen oder auf falsche Gedanken kommen. Bevor Carleen zu Bett ging, studierte sie noch einmal sorgfältig den Terminplan, der sie in den nächsten Monaten erwarten würde. Die ersten fünf Wochen würden sie in dem besagten Hotel in Dublin verbringen, um für die bevorstehende Tour proben zu können. Anschließend würde man die Jungs zwei Wochen ins Studio schicken, wo sie vier Songs für das kommende Album aufnahmen und über die nächste Single sprechen würden. Die Tour würde wohl von allen das Härteste werden, hatte Jason gemeint. Carleen mußte sich als professionelle Tänzerin beweisen und nebenbei für genug Gesprächsstoff in der Redaktion sorgen. Tyra dagegen hatte eine relativ einfache Aufgabe, wie Carleen fand. Ein bißchen pudern und frisieren hatte schon jeder geschafft und da diese Männer sowieso von Natur aus gut aussahen, würde sie wohl kaum ein Problem mit ihrer Arbeit haben. Insgeheim verfluchte sie Jason dafür, daß er ihr das Tanzen aufgehalst hatte, aber sie wußte, daß er vollstes Vertrauen in sie hatte und davon überzeugt war, daß sie es schaffen würde. Carleen war als kleines Kind mal zum Ballett gegangen, doch mit der Zeit hatte sie Schule und Training nicht mehr unter einen Hut bringen können und war deswegen gezwungen gewesen, aufzuhören. Ihr Rhythmusgefühl und die Liebe zur Musik hatte sie jedoch nie verloren und so vertraute sie auf ihr von Gott gegebenes Talent und hoffte, daß alles gutgehen würde. Sie war sehr zufrieden mit sich, als sie das Licht löschte und sich in die Kissen kuschelte.

Der nächste Morgen begann überaus hektisch. Zuerst stritten Carleen und Tyra darum, wer als erstes ins Bad durfte, dann kämpften sie um den letzten Joghurt und zu guter Letzt suchten sie verzweifelt nach den Autoschlüsseln. Zwischendurch saßen sie auf Koffern, die nicht zugehen wollten, gingen ein letztes Mal ihre Lebensläufe durch und vergewisserten sich, daß sie auch wirklich sämtliche elektrischen Geräte ausgeschaltet hatten. Tyra bestand darauf, alle Stecker zu ziehen, denn immerhin wußte man ja nicht, wohin ein durchgeschmortes Kabel führen konnte. Gegen zehn Uhr brachen sie zum ‚Sentinel‘ auf und wären sogar pünktlich gewesen, wenn eine Reifenpanne sie nicht dazu gezwungen hätte, rechts heranzufahren und um Hilfe zu bitten. "Ich schwöre dir, das hat etwas zu bedeuten! Ich hätte doch die rote statt der blauen Bluse einpacken sollen." hatte Tyra gesagt und war vollkommen durchgedreht, als Carleen sie dazu gezwungen hatte, den restlichen Weg mit dem Taxi zu fahren. Die Konferenz war ebenfalls nicht ohne kleine Komplikationen abgelaufen. Jason hatte ihnen sämtliche Pässe und Dokumente abgenommen, die auf die wirklichen Namen der beiden ausgestellt waren und sie gegen die eingetauscht, die er Monate zuvor hatte anfertigen lassen. Erneut war es Tyra gewesen, die sich mit Jason angelegt hatte, denn sie konnte nicht verstehen, warum es so wichtig war, sogar so intime Dinge wie ihren Regelkalender auf den Tisch zu legen. Es hatte eine endlose Diskussion um die Emanzipation der Frau, den widerlichen Charakter von Jason und die Hysterie von Tyra gegeben, bis sich alles wieder beruhigt hatte und man schließlich getrennte Wege gegangen war. Auf dem Weg zum Flughafen hatten sie noch ein wenig versucht, zu schlafen, doch überraschender Weise waren beide viel zu nervös und erzählten sich daher gegenseitig die bis ins kleinste Detail ausgetüftelten Geschichten der Jessica Parker und Scarlett Johnson. Sie wollten kein Risiko eingehen und je mehr sie übereinander wußten, desto geringer war die Gefahr, daß sie sich gegenseitig verrieten. Tyra ging so in ihrer Rolle als Scarlett auf, daß sie keinerlei Probleme beim Einchecken hatte und bereits der Stewardeß ihre halbe Lebensgeschichte erzählte. Carleen dagegen tat sich noch ein wenig schwer. Ihr Koffer war ihr abhanden gekommen und sie war bei ihrer Suche zweimal unachtsam an ihm vorbei gerannt, weil auf dem Schild am Henkel Jessica Parker und nicht Carleen Baker gestanden hatte und Tyra hatte ihr entnervt eine Tüte Kartoffelchips entrissen. Jessica haßte Kartoffelchips. Tyra war geradezu in Feierlaune, als sie den Flieger betraten und sich auf ihre Plätze fallen ließen. "Das ist mit Abstand das Aufregendste, was ich je gemacht habe." Ungeduldig zappelte sie auf ihrem Sitz herum und sah alle zwei Minuten aus dem Fenster, in der Hoffnung, daß es endlich losgehen würde. "Wenn du nicht damit aufhörst, dich derart unnormal zu verhalten, wird es das Letzte sein, was du je gemacht hast. Gefälschte Pässe und das vorsätzliche Verletzten der Privatsphäre anderer Menschen sind zwei einzigartig gute Gründe, um uns für einige Zeit hinter schwedische Gardinen wandern zu lassen." "Schon gut, ich habe verstanden. Auf Wiedersehen, Tyra und Carleen. Willkommen, Scarlett und Jessica."

Kapitel 4

Wenigstens hatte der Flug dazu beigetragen, daß Carleen und Tyra ein wenig Schlaf fanden. So aufgeregt sie vielleicht auch waren, der Tumult der letzten Tage hatte schließlich trotzdem seinen Tribut gefordert und beide schliefen Kopf an Kopf, bis eine Stewardeß sie weckte und bat, die Gurte anzulegen. Nach der Landung kümmerten sie sich um ihr Gepäck, ehe sie auf der Damentoilette verschwanden und ein letztes Mal durchgingen, was sie sooft besprochen hatten. Sie hatten eine halbe Ewigkeit damit zugebracht, sich ihre von Aufregung geröteten Wangen zu kühlen und das Zittern ihrer Hände unter Kontrolle zu bringen. Anscheinend waren sie doch nicht so abgebrüht, wie sie immer gedacht hatten. Nun standen sie am Ausgang des Flughafens und warteten auf ihren Chauffeur. "Noch können wir weglaufen. Es gibt sicherlich irgendeine nette Omi in Irland, die uns aufnimmt und vor Jason’s Rache beschützt." "Vergiß es, T. Wenn wir ihn jetzt hängen lassen, würde er noch nicht einmal vor der halt machen. Außerdem ist alles perfekt. Uns kann gar nichts passieren." Carleen, die auf ihrem Koffer saß, blickte sich nervös um. Der Wagen hätte seit zehn Minuten da sein sollen, doch bis jetzt fehlte von ihm jede Spur. "So langsam könnte hier aber wirklich mal einer antanzen." bemerkte sie murmelnd und stützte ihr Gesicht mit einer Hand ab. "Das ist die perfekte Gelegenheit, Cal. Wir verziehen uns einfach und sagen Jason, daß niemand gekommen ist. Damit kann er unmöglich uns die Schuld in die Schuhe schieben." Carleen lachte und blickte zu ihrer Freundin auf. "Du bekommst doch nicht etwa kalte Füße? Was ist mit Mark?" "Dem wünsche ich ein schönes Leben. Cal, ich bin jetzt wirklich aufgeregt. Wir brauchen nur einen minimal winzigen Fehler machen und werden in Einzelteilen nach Hause zurückgeschickt." "Darüber hättest du dir eher Gedanken machen sollen, denn etwas großes, breites mit Sonnenbrille bewegt sich gerade genau auf uns zu." Carleen stand von ihrem Koffer auf und musterte den Mann, der über den Parkplatz hin auf sie zugelaufen kam. Er lächelte nicht und machte sich noch nicht einmal die Mühe, nett auszusehen. Wenigstens nahm er die Sonnenbrille ab, als er sich vor ihnen aufbaute und sie ansah. "Jessica Parker und Scarlett Johnson?" fragte er mit tiefer und ziemlich monotoner Stimme. "Ja, das sind wir. Hy." antwortete Carleen und streckte ihm ihre Hand entgegen. "Mitkommen." Unbeeindruckt von der Geste drehte er sich herum und lief zu seinem Wagen zurück. Carleen und Tyra sahen sich für einen kurzen Moment bestürzt an, ehe sie ihre Gepäckwagen ergriffen und ihm folgten. "Ich wünsche dir auch einen wunderschönen Tag, Idiot." murmelte Tyra und durchbohrte seinen Rücken geradezu mit glühenden Blicken. Wortlos verstauten sie ihr Gepäck im Hinterteil des schwarzen Geländewagens und stiegen ein. Entweder war der Kerl einfach nur schlecht gelaunt oder von Grund auf böse, dachte Carleen, als sie ihn von der Seite beobachtete. Er hielt es nicht für nötig, sich mit ihnen zu unterhalten, geschweige denn sie nach ihrem Befinden zu fragen. Carleen versuchte einige Male, mit ihm ins Gespräch zu kommen, während Tyra sich damit begnügte, sein Auto nach allen Regeln der Kunst voll zu krümeln. Waren die Kekse der Fluggesellschaft also doch noch zu etwas gut. Es war frustrierend, wie herablassend sie allein von den Handlangern behandelt wurden. Was würde dann erst passieren, wenn sie den fünf Wunderkindern persönlich gegenüber standen? Carleen starrte aus dem Fenster und schwor sich insgeheim, diesen Monsteraffen in einem ihrer Berichte zu erwähnen. Als sie in die Tiefgarage des Hotel fuhren, waren sofort einige Männer der Security zur Stelle und fragten nach den Ausweisen von Carleen und Tyra. "Schon gut, Hank. Sie gehören zum Team." Das war die einzige Aussage, zu der sich Mr. Unnahbar hinreißen ließ, ehe er ihr Gepäck auslud und ihnen deutete, ihm zu folgen. Tyra war gerade drauf und dran, zu protestieren, als zwei Pagen herbeigeeilt kamen und sich um die Koffer kümmerten. An der Rezeption wurden ihnen ihre Zimmerschlüssel ausgehändigt, verbunden mit der Bitte, sich beim Verlassen des Hotels abzumelden. Desweiteren war es strikt untersagt, sich ohne Security in der Hotellounge aufzuhalten, über teaminterne Dinge mit Außenstehenden zu sprechen und bei Proben oder wichtigen Events zu fehlen. "Dürfen wir wenigstens alleine Pipi machen oder müssen wir ihnen vorher sagen, welches Klopapier wir benutzen?" flüsterte Tyra genervt, während sie mit dem Fahrstuhl nach oben fuhren. Carleen kicherte leise, verstummte aber sofort wieder, als sie den abschätzenden Blick der Security bemerkte. Anscheinend war von denen keiner zu Scherzen aufgelegt, und sich jetzt schon ihren Zorn zuzuziehen, wäre ziemlich unüberlegt gewesen. Sie hakte sich bei Tyra unter, als sie den 16. Stock erreichten und aus dem Fahrstuhl ausstiegen. Niemand schien ihnen groß Beachtung zu schenken, als sie zu ihren Zimmern gingen und sich neugierig umschauten. Vor den Zimmertüren standen einige Männer, die gelangweilt in einer Zeitung blätterten, Kaugummi kauten oder einfach nur vor sich hin starrten. In einer kleinen Nische saßen zwei junge Frauen und unterhielten sich, während ein paar wenige Leute mit Knöpfen in den Ohren und Zeitplanern in den Händen gehetzt durch die Gegend liefen und Tyra und Carleen fast umrannten. Von den großen Stars fehlte jede Spur. "Hier sind eure Zimmer. 628 für Parker, 630 für Johnson. Verstauen sie ihr Gepäck, machen sie sich ein wenig frisch und sehen sie zu, daß sie in etwa zwanzig Minuten unten in der Lobby sind. Walsh will sie sehen. Er wartet nicht gerne." Damit verabschiedete sich Hank, oder wie auch immer er heißen mochte, und war verschwunden. Carleen lächelte Tyra aufmunternd zu, ehe sie den Schlüssel ins Schloß steckte und ihr Zimmer betrat. Mit geschlossenen Augen lehnte sie sich an die Tür und rutschte an ihr hinunter. Das war doch ein wirklich perfekter Start. Noch keine zwei Stunden hier, und sie hatten den innigen Wunsch, sofort wieder nach Hause zu fliegen. Wenn die Hinfahrt ein Vorgeschmack auf das war, was sie noch erwartete, würde sie innerhalb weniger Monate ein nervliches Frack sein. Natürlich hatte sie nicht erwarten können, daß das hier zu einem Vergnügen wurde, aber eine solche Begrüßung wäre sie liebend gerne umgangen. Carleen öffnete die Augen und sah sich in ihrem Zimmer um. Es war simpel eingerichtet, zeugte aber trotzdem von Eleganz und einem gewissen Grade an Stil. Das Doppelbett nahm den Großteil des Raumes ein. Am Fenster befand sich ein Schreibtisch mit einem schnurlosen Telefon, ihm gegenüber stand ein Kleiderschrank. Wenn man um ihn herum ging, kam eine kleine Ecke zum Vorschein, in der sich eine Couch und ein dazu passender Sessel befand, daneben war eine Minibar in die Wand eingebaut und mit einer Glastür verziert worden. Am Zimmer dran befand sich ein Bad mit WC, Dusche, einer ziemlich großen Wanne und dem schönsten Marmorwaschbecken, daß Carleen je gesehen hatte. Sie bestaunte gerade die flauschigen Hotelhandtücher, als ihr Telefon klingelte. "Hallo?" Sie nahm den Hörer und ließ sich auf ihr Bett fallen. "Hey Muffin! Noch am Leben oder sind die Wächter der Finsternis schon über dich hergefallen?" Sie grinste, als sie Tyra’s genervte Stimme am anderen Ende der Leitung vernahm. "Nein, mir geht es gut. Was ist mit dir? Du klingst so bedrückt." "Ach, ich glaube nur, daß jetzt vielleicht der richtige Zeitpunkt wäre, um drogenabhängig zu werden." krächzte Tyra in den Hörer. Carleen lachte leise, während sie eines ihrer Knie anwinkelte und an die Decke starrte. "Das ist doch alles halb so schlimm. Jason hat selbst gesagt, daß wir mit ein wenig Widerstand rechnen müssen, also sollte uns das nicht aus der Ruhe bringen." "Das mag ja sein, aber wenn diese Pygmäe mit wachsendem Schrumpfkopf mich noch einmal so unverschämt behandelt, werde ich allein über ihn einen zweiseitigen Sonderbericht verfassen." Carleen rollte sich zur Seite und spielte mit dem Wecker auf dem Nachttisch, während sie Tyra zu besänftigen versuchte. "Das war wahrscheinlich gar nichts im Gegensatz zu dem, was uns noch erwartet. Tu mir einen Gefallen, und laß die Inneneinrichtung ganz." sagte sie, als sie Tyra am anderen Ende der Leitung auf irgend etwas hauen hörte. "Ich bin vollkommen friedlich. Hör zu, ich wollte noch schnell unter die Dusche springen, bevor der King persönlich zur Audienz bittet. Wir sehen uns unten, okay?" Sie wartete gar nicht erst auf eine Antwort, sondern hängte den Hörer hin. Carleen schüttelte belustigt den Kopf, und warf den Hörer neben sich aufs Bett. Eine Dusche war genau das, was sie jetzt auch gebrauchen konnte. Sie war gerade auf dem Weg ins Bad, als das Telefon erneut klingelte. Ganz gleich, was Tyra jetzt wollte, Carleen würde einfach wieder auflegen. "Was willst du nun schon wieder, einsames, verlassenes Waisenkind?" raunte sie in den Hörer und ging hinüber ins Bad. Sie schloß die Tür hinter sich und zog die Duschkabine auf, bevor sie sich zum Waschbecken drehte und sich im Spiegel betrachtete.. "Willst du nun mit mir reden oder einfach nur meine Stimme hören?" fragte Carleen, nachdem sie nicht sofort eine Antwort erhielt. Sie fuhr erschrocken zusammen, als eine männliche Stimme sich räusperte. "Ich nehme jetzt mal an, daß sie nicht Bryan McFadden sind und das nicht sein Zimmer ist, oder?" "Äh...das kommt darauf an, welche Zimmernummer dieser Bryan hat." Natürlich war ihr klar, daß es sich um DEN Bryan handelte, aber sie wußte nicht, wer da in der Leitung war. "Nummer 618." "Tja, da haben sie sich klassisch verwählt. Hier ist Zimmer 628." Den Hörer zwischen Schulter und Ohr geklemmt, begann sie damit ihre Haare zu öffnen. "Und wer wohnt dann in Zimmer 628?" fragte er neugierig und Carleen konnte schwören, daß er in den Hörer grinste. "Auf jeden Fall nicht Bryan McFadden, Mister." Sie legte ihre Ringe und die Halskette ab, ehe sie aus ihren Schuhen stieg und den Hosenknopf öffnete. "Sie lassen mich gerade fürchterlich auflaufen, oder?" Für einen kurzen Moment hielt Carleen in ihrem Tun inne und legte sich den Hörer auf die andere Seite, ehe sie aus ihrer Hose schlüpfte. "Hört sich das so an? Ich wollte nur sichergehen, daß sie sich von ein wenig Gegenwehr nicht entmutigen lassen." Sie ging hinüber zur Dusche und stellte sie an, ehe sie sich noch einmal herum drehte und ihr Spiegelbild betrachtete, während sie auf eine Antwort wartete. "Keineswegs. Verraten sie mir jetzt ihren Namen?" "Wenn sie mir ihren nennen." Carleen hörte den Mann kapitulierend seufzen. Sie wollte ihn nicht ärgern oder provozieren, aber einem Wildfremden würde sie ihren Namen ganz bestimmt nicht so ohne weiteres sagen, zumal es sich dabei noch nicht einmal um ihren eigenen handelte. "Ich würde wirklich gerne noch länger mit ihnen plaudern, aber eine warme, entspannende Dusche wartet auf mich. Sollte Bryan sich bei mir melden, werde ich ihnen sofort Bescheid geben. Bye." Bevor er antworten konnte, hatte Carleen aufgelegt und den Hörer auf den Rand des Waschbeckens gelegt, ehe sie sich vollständig entkleidete und unter den Wasserstrahl hüpfte. Sie duschte länger als unbedingt notwendig, seifte sich von oben bis unten ein und wusch ihre Haare, ehe sie nach einem Handtuch griff, es sich umwickelte und zurück ins Zimmer ging, um in ihrem Koffer nach einem passenden Outfit für das bevorstehende Treffen mit Louis zu suchen. Ihre Zeit war knapp bemessen, also entschied sie sich kurzerhand für eine Hüftjeans, ein schwarzes Top und eine hellblaue Strickjacke. Die immer noch feuchten Haare band sie fix zu einem Pferdeschwanz zusammen, ehe sie in ihre Turnschuhe schlüpfte und aus dem Zimmer ging. Sofort war einer der schwarz gekleideten, überaus einschüchternd aussehenden Männer an ihrer Seite und begleitete sie zum Fahrstuhl. Sie war ein wenig nervös und hatte gehofft, Tyra würde ihr Gesellschaft leisten, doch die war entweder schon unten oder würde wie immer zu spät kommen. Schweigend betrat sie den Fahrstuhl und versuchte, sich so gelassen wie möglich zu geben. Als dieser sich in Bewegung setzte, erlebte sie eine kleine Überraschung. Der Mann, der bis zu diesem Zeitpunkt stumm und ziemlich finster dreinschauend neben ihr gestanden hatte, sah zu ihr hinunter und lächelte. "Jason sagte zwar, daß sie ihre Rolle gut spielen würden, aber ihr unauffälliges Verhalten ließ mich fast zweifeln, ob sie wirklich Carleen Baker sind." Er streckte seine Hand aus und ergriff ohne Vorwarnung die ihrige, um sie zu schütteln. "Ich bin Brandon Dexter, aber hier nennst du mich wohl besser einfach nur Kevin. Jason hat dir doch hoffentlich schon gesagt, wer ich bin?" Carleen fing sich wieder und lächelte ihm schüchtern zu. Sie verstand, warum gerade Brandon den Job bekommen hatte, denn mit diesem Mann würde sie sich ganz bestimmt nicht anlegen wollen. Obwohl er einen wirklich netten Eindruck machte, konnte er einem Leichtgewicht wie ihr wahrscheinlich ohne mit der Wimper zu zucken sämtliche Knochen brechen. "Ja, Jason erwähnte sie. Ich hätte nur nicht gedacht, daß sie sich so schnell zu erkennen geben. Und bitte nennen sie mich Carleen, nein, Jessica." Beide lachten, als sie Stockwerk für Stockwerk passierten, und bald darauf die Lobby erreichten. Brandon gab ihr kurze Instruktionen und teilte ihr mit, daß er sie und Tyra noch am selben Abend aufsuchen und Einzelheiten mit ihnen besprechen würde. Für den Moment sollten sie einfach nur dafür sorgen, daß Louis einen guten Eindruck von ihnen bekam und keinen Grund zur Beschwerde hatte. Carleen wußte, daß sie ihr Bestes geben mußte.

Kapitel 5

Normalerweise betete Carleen nicht und sie liebte es, Tyra wegen ihrem Aberglauben aufzuziehen, doch diesmal schickte sie ein kleines Stoßgebet nach oben und betrat dann den Speisesaal des Hotels, in dem Louis sie erwartete. Er schüttelte ihr lächelnd die Hand, und bat sie, Platz zu nehmen. Eine Angestellte säuberte gerade die letzten Tische, ehe sie in der Küche verschwand, und Carleen mit Louis alleine ließ. "Entschuldigen sie bitte diese Räumlichkeiten hier, aber ich habe heute noch nichts gegessen und werde nach unserem Gespräch gleich weiterfahren. Es stört sie doch nicht, oder?" fragte er, während er sich mit einer Serviette den Mund säuberte und den leeren Teller beiseite stellte. Carleen schüttelte kaum merklich den Kopf. Sie war viel zu sehr darauf konzentriert, was sie als nächstes sagen würde, als daß sie sich Gedanken um den Ort, an dem sie sich gerade befand, machte. "Also gut, kommen wir gleich zur Sache. Eigentlich ist es nicht meine Aufgabe, neue Mitarbeiter unseres Teams zu begrüßen, aber sie werden bei der Tour eine recht große Rolle spielen und da ich sowieso gerade in der Nähe war, hielt ich es für eine gute Idee, sie persönlich kennen zu lernen. Ich darf sie doch Jessica nennen, oder?" Wieder nickte Carleen und rieb sich aufgeregt die Hände. Wenn sie jetzt schon klein beigab, konnte sie eigentlich gleich nach Hause fahren. Sie entschied sich, in die Offensive zu gehen und lehnte sich mit einem Ellenbogen auf den Tisch. "Es freut mich, sie kennenzulernen, Mr. Walsh. Ich habe schon viel über sie gehört, und soweit ich das sagen kann, schmeichelt ihnen das ungemein." Manchmal mußte man in einen Arsch kriechen, bevor man ihm einen Tritt verpassen konnte. Louis lachte kurz auf, bevor er den Aktenkoffer neben sich schwungvoll öffnete, und ein paar Unterlagen herausholte. Er blätterte sie noch einmal kurz durch, ehe er sie vor Carleen auf den Tisch legte und einen Stift aus der Brusttasche seines Hemdes zog. "Hier sind noch einige wichtige Papiere, von denen ich möchte, daß sie ihre Unterschrift daruntersetzen. Es ist im Groben und Ganzen das, was sie schon einmal unterzeichnet haben." Carleen erinnerte sich an den Vertrag, den Jason ihr und Tyra vorgelegt hatte. Es war ein typischer Arbeitsvertrag, der ihre Rechten und Pflichten enthielt und ihnen für die nächsten 14 Monate ein festes Arbeitsverhältnis zusicherte. In Jason’s Büro hatte sie sich einen Spaß daraus gemacht, eine ihr noch unbekannte Unterschrift solange zu üben, bis sie halbwegs perfekt aussah, jetzt mußte sie sitzen. Mit einigem Zögern nahm Carleen den Stift, und signierte die Papiere, bevor sie diese wieder Louis zuschob und sich zurücklehnte. Sie war zufrieden. Das Schlimmste hatte sie hinter sich und selbst der forschende Blick von Louis hatte sie nicht aus der Ruhe bringen können. "Vielen Dank, Jessica. Sie erhalten in den nächsten Tagen eine Kopie davon. Hat man sie eigentlich schon mit den Sicherheitsvorkehrungen vertraut gemacht?" fragte er, während er die Akten verstaute und seinen Koffer wieder schloß. "Nun, um ehrlich zu sein, das hat man und ich bin ein wenig überrascht. Wenn man uns schon so unter die Lupe nimmt, was machen sie dann mit ihren Gesangknaben?" "Keine Angst. Wenn sie auf die Security anspielen, kann ich sie beruhigen. Es ist üblich, daß wir auf neue Mitglieder unser Truppe am Anfang ein wenig aufpassen. Sobald sie sich eingelebt haben und wissen, wem sie vertrauen können und wem nicht, können sie tun und lassen, was sie wollen. Ich bitte sie um ein wenig Nachsicht dafür, denn wir müssen, was unsere Mitarbeiter angeht, ein wenig vorsichtig sein. Bei dem Erfolg der Jungs sind Neider und Leute, die sich gern ein Stück von der Torte abschneiden würden, nicht weit." Wie wahr. Carleen ließ sich nichts anmerken, sondern lächelte ihm verständnisvoll zu. Sie wollte gerade etwas erwidern, doch einer der Security kam herein und flüsterte Louis ins Ohr. Dieser sah daraufhin auf seine Uhr und nickte, ehe er sich wieder Carleen zuwendete. "Wissen sie vielleicht, wo Scarlett bleibt? Ich würde sie auch noch gerne kennenlernen, bevor ich weiterfahre. Mein Terminplan ist randvoll und -" Er hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, als Tyra völlig atemlos herein gerannt kam und nach Luft schnappte. "Entschuldigen sie bitte meine Verspätung, Mr. Walsh, aber ich habe mich doch tatsächlich verlaufen." Sie lächelte entschuldigend und setzte sich neben Carleen. Louis räusperte sich kurz, bevor er seinen Aktenkoffer erneut öffnete. "Seien sie so gut, und versuchen sie demnächst pünktlich zu sein, Miss Johnson. Meine Zeit ist nur knapp bemessen und die der Jungs nicht weniger freizügig." Er reichte Tyra den Vertrag, und erzählte ihr in Kurzform so ziemlich dasselbe, was Carleen kurz vorher schon gehört hatte. "Sie können jetzt gehen, Jessica. Ich werde mit Scarlett noch ein paar Dinge besprechen. Hat Anto ihnen schon ihren Terminplan ausgehändigt? Soweit ich weiß, werden in einer halben Stunde die ersten Proben beginnen." "Anto?" Natürlich wußte sie, wer Anto war. Jason hatte auch über ihn ein paar Informationen einholen lassen. Soweit sie das beurteilen konnte, hatte er so eine Art Vaterfunktion in der Truppe und war nebenbei für alle Termine verantwortlich, die für die Band von Bedeutung waren. "Ja, der Tourmanager. Melden sie sich bei ihm, wenn sie irgendwelche Fragen haben." Carleen schüttelte seine Hand und bedankte sich kurz, bevor sie hinaus und auf ihr Zimmer ging. Unterwegs war sie Anto begegnet, der sie sofort erkannt hatte und ihr behilflich gewesen war. In der Tat blieb ihr noch ungefähr eine Stunde, bis die ersten Proben beginnen würden. Drei Stunden tanzen, schwitzen und Disziplin. Anschließend sollte sie sich bei Kenneth, dem Stylisten melden, der mit ihr ihre Bühnenoutfits besprechen und erste Maße nehmen würde. Wenn sie auch das bewältigt hätte, blieb ihr bis zum Abendessen Freizeit, die sie nach eigenen Wünschen gestalten konnte. Anto hatte ihr geraten, zeitig ins Bett zu gehen, da der nächste Tag anstrengend und hektisch zu werden versprach. Sie wußte nichts so richtig mit ihrer Zeit anzufangen, und sie wollte nicht schon jetzt die Aufmerksamkeit der anderen auf sich ziehen, indem sie im Hotel herumschnüffelte. Dazu blieb später immer noch genug Zeit. Carleen kramte in ihrer Tasche und holte zwei Zeitungen hervor, die sie sich am Flughafen in London gekauft, allerdings noch nicht gelesen hatte. Zusammen mit ein paar Keksen machte sie es sich auf dem Bett bequem, ließ sich auf ihren Bauch fallen, und blätterte mehr gelangweilt als wirklich interessiert in den Zeitungen. Das einzige, was sie kurz beschäftigte, war ein kleines Interview über Westlife. Wer auch immer das Gespräch geführt hatte, zeigte sich ziemlich beeindruckt von der Band. Wie sollte es auch anders sein... wer alles nur aus Liebe zur Musik tat, seine Fans über alles stellte und am Liebsten bei Mama aß, den konnte man einfach nur gern haben. So langsam verstand Carleen, was Jason gemeint hatte. Die Westen der Jungs waren vielleicht nicht mehr vollkommen weiß und unbefleckt, aber sie taten alles, um das Image der vorbildlichen Boyband aufrecht zu erhalten. Jeder, der sich ein wenig im Leben der Stars und Sternchen auskannte, wußte, daß es hinter der Fassade meist ganz anders aussah und es lediglich guter PR zu verdanken war, daß davon nichts nach außen gelangte. Carleen klappte die Zeitung zu und stand auf. Ihr blieben noch knappe 15 Minuten, um sich vorzubereiten und sie wollte sichergehen, einen so guten Eindruck wie möglich zu hinterlassen. Mit einem kleinen Seufzen griff sie nach ihren Sachen, die noch immer im Koffer lagen und begann damit, sich umzuziehen. Ihre Jeans tauschte sie gegen eine lässige schwarze Trainingshose, die ihr bis kurz über die Knie ging, und kombinierte sie mit einem roten Top. Während sie ihre Erscheinung noch einmal im Spiegel überprüfte, öffnete sie ihre Haare einmal kurz und band sie dann zu einem strengen Knoten am Hinterkopf zusammen. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, daß sie sich beeilen mußte, also schnappte sie sich schnell eines der Hotelhandtücher und verließ ihr Zimmer. Auf dem Weg nach unten begegnete sie vier jungen Frauen, die sich schnell als ihre Mittänzerinnen zu erkennen gaben. Sie waren freundlich und Carleen gerne dabei behilflich, im neuen Team Fuß zu fassen. Der Proberaum befand sich in einer der untersten Etagen der Hotels. Er war rundherum mit Spiegeln ausstaffiert und hatte an der Seite lange Stangen, so wie man sie vom Ballett kannte. Die Mädchen hatten Carleen erzählt, daß die Crew nicht nur die 16. Etage vollkommen eingenommen hatte, sondern auch noch den Proberaum und die sich an ihn anschließenden Räumlichkeiten zur Verfügung hatte. Dort befanden sich dann Stylisten, Maskenbildner, sowie Elektriker und Tontechniker, die für den Aufbau der Bühne während der Tour zuständig waren. "Tanzt du schon lange?" fragte Rachel, als sie den Fahrstuhl betraten. Carleen lächelte ein wenig schief. "Nun ja, ich.. ich tanze, seit ich ein kleines Mädchen bin, aber ich habe es nie wirklich zum Beruf gemacht. Dies hier ist mein erster richtiger Job in der Sache." Sie grinste fast ein wenig, als ihr einfiel, daß das noch nicht einmal gelogen war. "Auf jeden Fall mußt du sehr gut sein, sonst hätte Louis dich nicht eingestellt. Er hat einen sagenhaften Verschleiß, was Tänzerinnen angeht." bemerkte Kim, die Tänzerin von Nicky. Carleen hatte in Erfahrung gebracht, daß jeder Sänger auch eine eigene Tänzerin hatte und nur bei einigen ausgewählten Liedern die Positionen und somit auch die Partner getauscht wurden. "Dir werden wir wohl besonders viel Glück wünschen müssen." Sie verließen den Fahrstuhl und machten einen kurzen Abstecher über den Speisesaal, wo jede zwei Wasserflaschen erhielt und gingen dann weiter Richtung Proberaum. "Wie meinst du das?" Carleen blickte Amanda entsetzt an, ehe sie sich beruhigte und für ihre übertriebene Reaktion tadelte. Keine von ihnen konnte wissen, warum sie wirklich da war und daß sie vom Tanzen eigentlich so gut wie überhaupt keine Ahnung hatte. "Weil du mit Kian tanzen wirst und das würde ich noch nicht einmal meiner schlimmsten Feindin antun wollen." Audrey, die kleinste von allen und Tänzerin von Shane, warf ihr einen mitleidigen Blick zu und begann, zu kichern. Carleen stimmte in das Lachen der anderen ein, obwohl sie noch nicht einmal wußte, warum eigentlich gelacht wurde. Sie wußte, daß Kian Egan für seine schlechte Laune und seine Ausraster bekannt war, doch so schlimm konnte er nun wirklich nicht sein. Und selbst wenn, sie würde sich von ein wenig Arroganz und Ungestüm nicht einschüchtern lassen. "Jetzt kommt schon, so furchtbar wird er schon nicht sein." versuchte sie zu beschwichtigen, doch der fragende Blick der anderen Vier belehrte sie eines besseren. "Ok, er kann überaus charmant und liebenswürdig sein, doch wenn du ihn auf dem falschen Fuß erwischst, verwandelt er sich in das größte Arschloch, das dir je begegnet ist. Du würdest gut daran tun, sich von seiner Kritik und seinen Beleidigungen nicht beeinflussen zu lassen. Und widerspreche ihm auf keinen Fall, dann kannst du dir einen neuen Job suchen." "So schlimm?" "Schlimmer." kam die einstimmige Antwort, als sie den Tanzsaal betraten. Carleen hoffte inständig, daß dies nur ein schlechter Witz war, denn sonst würde sie Jason irgendwann umbringen. Die anderen Mädchen begannen sofort damit, sich aufzuwärmen, doch Carleen stand ziemlich ratlos herum, bis ein athletisch aussehender Mann auf sie zukam und ihre Hand schüttelte. "Du mußt Jessica sein. Ich bin Taylor, der Choreograph." Sie lächelte ihm freundlich zu, bevor er sie bat, sich fertig zu machen und zusammen mit den anderen Mädchen ein paar erste Schritte einzustudieren. Die Jungs würden erst später kommen, da die letzte Pressekonferenz länger als erwartet ging, und Taylor wollte die Chance nutzen, um den Tänzerinnen erste Elemente des neuen Songs zu vermitteln und Carleen die Möglichkeit zu geben, ein Gefühl für den Tanz zu entwickeln. Tatsächlich kam Carleen erstaunlich gut mit und genoß das Tanzen nach einiger Zeit sogar. Sie mußte sich zwar eingestehen, daß sie wahrscheinlich mehr Luft verbrauchte als die anderen Mädchen, aber zumindest fiel es nicht weiter auf, daß sie neu war. Sie waren mitten in einer Performance, als sich die Tür öffnete, und fünf junge Männer eintraten. Taylor stoppte die Musik und gewährte den Mädchen eine kurze Verschnaufpause, bevor er zu den Jungs hinüber ging und kurz mit ihnen sprach. Carleen wischte sich den Schweiß von der Stirn und zog an ihrem T-Shirt, das mittlerweile eng an ihrem Körper lag. Während sie einen riesigen Schluck aus ihrer Wasserflasche nahm, schaute sie zu Taylor und den Jungs hinüber, um sie eingängig zu mustern. Carleen konnte nicht abstreiten, daß sie in natura noch besser aussahen, als Poster und Fernsehen verrieten. Ihr Blick fiel auf Kian, einen Mann mit unglaublich blauen Augen und einen zauberhaften Lächeln. Sein Lächeln verstummte, als er zu ihr hinüber schaute. Er wußte, daß sie ihn beobachtete, und das schien im gar nicht zu gefallen. Carleen setzte ihre Wasserflasche ab und erwiderte seinen Blick. Sie bezweifelte, daß das der Beginn einer wundervollen Freundschaft war.

Kapitel 6

"Ok, Mädels, die Herren der Schöpfung sind eingeflogen. Alles auf Position und das ganze von vorne. Jessica, kommst du mal bitte eine Minute?" Taylor winkte Carleen zu sich herüber. Sie stellte ihre Flasche auf den Boden und lief zu ihm hin, während ihr Inneres viel lieber das Gegenteil getan hätte. "Jess, du wirst mit Kian tanzen. Ich gehe mal davon aus, daß die anderen dir das schon gesagt haben." "Ja, das haben sie. Hy." Sie streckte ihre Hand aus, die Kian kurz ergriff, kombiniert mit einem gequälten Lächeln. Carleen versuchte letzeres so gutes ging zu ignorieren und konzentrierte sich auf Taylor. "Ki, von dir möchte ich, daß du ihr ein wenig unter die Arme greifst, wenn sie ins Straucheln kommt. Ich habe keine Zeit, ihr alles noch einmal zu zeigen, also sei so nett und hilf ihr, wenn sie es nötig hat, alles klar?" Carleen konnte klar und deutlich sehen, daß es Kian ganz und gar nicht in den Kragen paßte, ihr auch nur annähernd Hilfestellung zu geben, doch Taylor ließ keinen Widerspruch zu. Kian nickte, ehe er sich sein Handtuch über die Schulter warf und auf einer Bank neben den anderen Platz nahm. Carleen sah ihm hinterher und schüttelte frustriert den Kopf. Kian Egan schien eines dieser Exemplare zu sein, die sich für etwas Besonderes hielten, nur weil Gott ihnen einige gute Gene und außergewöhnliche Chancen gewährt hatte. "Ladies, Aufstellung bitte. Wir zeigen den Meistertänzern jetzt einmal, wie das aussehen muß. Jungs, ihr seht zu, denn hinterher erwarte ich von euch genau dasselbe." Taylor wartete, bis alle ihre Plätze eingenommen hatten, ehe er den Kassettenrecorder betätigte und die ersten Takte zu "When you’re looking like that" erklangen. Carleen fühlte sich zu Beginn ziemlich unwohl, denn sie war es nicht gewohnt, unter derartiger Beobachtung zu stehen und schon gar nicht von Menschen, die sie nicht kannte, doch schon bald darauf verlor sie sich in der Musik und war viel zu sehr konzentriert, als daß sie sich um die Blicke der anderen hätte kümmern können. Tatsächlich gelang es ihr, jeden Tanzschritt, den Taylor ihnen beigebracht hatte, genauso zu wiederholen, wie sie es gelernt hatte und Carleen war mächtig stolz, als die Musik endete und sie am Ende ihrer Performance angelangt waren. Sie ließ sich genau wie die anderen Tänzerinnen rücklings auf den Boden fallen, während sie nach Luft schnappte und sich einige gelöste Haarsträhnen aus dem Gesicht schob. Ihr Atem hatte sich gerade wieder normalisiert, als Taylor damit begann, Anweisungen quer durch den Raum zu schießen. "Jetzt sterbt nicht gleich alle weg. Aufstellung und dann geht es weiter. Damit seid ihr übrigens auch gemeint." meinte er an Bryan und Nicky gewandt, die versucht hatten, unauffällig Richtung Tür zu flüchten. Es war offensichtlich, daß sie nicht besonders scharf aufs Tanzen waren und Carleen konnte ihnen das nicht verübeln. Schon jetzt spürte sie jeden ihrer Knochen einzeln, und sie wollte nicht mal daran denken, was sie am nächsten Morgen alles erwarten würde. "Elender Sklaventreiber. Wer bezahlt dich eigentlich dafür?" fragte Bryan kopfschüttelnd und ging auf Angela zu. "Ihr, und das aus gutem Grund. Ich möchte nicht wissen, wie eure Performance aussehen würde, wenn man euch nicht ab und zu mal auf Trab bringen würde. Eure Eleganz ist nicht selten mit der von Elefanten zu vergleichen." "Glaub bloß nicht, daß ich jetzt auch nur noch ein Wort mit dir rede." entgegnete Mark und begann damit, sich aufzuwärmen. "Oh, das war hart. Feehily redet nicht mehr mit mir. Ein Schicksalsschlag, den ich nur schwer überwinden werde." antwortete Taylor unbeeindruckt. Carleen grinste angesichts ihrer kleinen Auseinandersetzung und bereitete sich mit einer kurzen Dehnung auf den nächsten Tanz vor. Kian legte seine Sachen auf den Boden, ehe er sich neben ihr aufstellte und auf die Anweisungen von Taylor wartete. Anscheinend war er nicht besonders gesprächig, also beließ Carleen es dabei und konzentrierte sich auf ihre eigenen Schritte. "So, ich will jetzt zehn Körper mit ein und denselben Bewegungen sehen. Sollte einem von euch Genies wieder einfallen, das linke statt dem rechten Bein vorzusetzen oder mir zwischendurch zuzuwinken, dann werdet ihr den heutigen Tag nicht überleben." Er stellte erneut die Musik an und beobachtete mit kritischen Blick das, was sich vor ihm abspielte. Carleen war erleichtert, daß sie fürs erste nur nebeneinander tanzten, das miteinander würde später folgen. Taylor schien ein wenig genervt, als er das Tape stoppte und ihnen befahl, aufzuhören. "Wollt ihr mir wirklich erzählen, daß das gerade synchron war? Bryan, du wirst nicht besser, wenn du Angela die ganze Zeit in den Ausschnitt starrst, und ich habe sicher auch nicht gesagt, daß ihr den Gang eines Affen imitieren sollt, oder Nicky?" Kurzes Gelächter brach aus, doch Taylor machte mit seiner Mimik verständlich, daß er das ganz und gar nicht witzig fand. "Diese Tour soll ein Erfolg werden und nicht dafür sorgen, daß ihr euch zum Gespött der Leute macht. Mark, wie oft hast du in den vergangenen Tagen geprobt, so wie ich es dir gesagt habe?" Alle Blicke richteten sich auf Mark, doch der senkte bedrückt den Kopf und gab damit die Antwort. "Ihr seid meinetwegen Superstars, aber ich bin immer noch eurer Choreograph und wenn euch das nicht paßt, bin ich innerhalb von zwei Minuten hier verschwunden. Ihr braucht es nur zu sagen." Carleen schluckte. Anscheinend hielt Taylor von entspannter Arbeitsatmosphäre nicht besonders viel und machte sich auch nichts aus dem engen Terminplan der Jungs. Er forderte Leistung, und im Moment schien keiner so richtig fähig dazu, sie zu erbringen. Shane war der erste, der sich zu den Vorwürfen äußerte, oder es zumindest wollte. "Taylor, wir haben nen chaotischen Morgen hinter uns und –" "Das kannst du dir für deinen Therapeuten aufsparen. Ich bin es leid, daß ihr für alles eine Ausrede zu finden versucht. Vielleicht wäre es auch einfach mal angebracht, die Nacht alleine zu verbringen als irgendeinen Matratzensport zu betreiben. Dann dürfte der nächste Tag um einiges besser zu meistern sein." Seine offenen Worte schockierten Carleen, doch sie schien die einzige zu sein. Shane und all die anderen verzogen nicht eine Miene, sondern gingen wortlos wieder auf ihre Plätze zurück. Die nächsten zwei Stunden war Taylor gnadenlos und ließ sie Schritt für Schritt wiederholen, immer und immer wieder. Zuerst hatte Carleen keine Schwierigkeiten gehabt, ihm zu folgen, doch mittlerweile kämpfte sie wie der Rest gegen schwere Beine, Atemnot und unaufhörliche Schweißausbrüche. Taylor interessierte das in keinster Weise und wann immer er einen Fehler oder eine Unstimmigkeit bemerkte, forderte er sie bis zur totalen Erschöpfung. Er hatte mittlerweile damit begonnen, in Paaren tanzen zu lassen und zu ihrer Erleichterung war Kian nicht annähernd so fürchterlich, wie sie gedacht hatte. Sie sprachen zwar immer noch kaum ein Wort miteinander und wirklich nur dann, wenn es sich um die Tanzroutine handelte, doch er half ihr, wann immer er merkte, daß sie ein Problem hatte und hatte einmal sogar ein aufmunterndes Lächeln für sie übrig gehabt. Trotzdem bezweifelte Carleen, daß sie wirklich je auf einer Wellenlänge landen würden. Er hatte etwas Unnahbares und zeigte sich fast ein wenig verkrampft, wenn sie ihn berührte oder ihn ansprach. Wie auch immer, Carleen nahm sich fest vor, ihre Beziehung auf das Allernötigste zu beschränken und ihre Informationen bei den anderen der Band zu sammeln. "Das war’s. Schnappt eure Sachen und dann raus hier. Morgen will ich Konzentration von Anfang an, habt ihr mich verstanden?" Es war eine rhetorische Frage, also machte sich auch keiner die Mühe, zu antworten, sondern ging zu seinen Sachen und verließ den Raum. Carleen warf sich ihr Handtuch in den Nacken, nahm einen kräftigen Schluck aus ihrer Wasserflasche und folgte den anderen nach draußen. "Hey, du warst gut." Sie drehte sich herum und lächelte Nicky dankend, aber erschöpft zu. Er war hinter ihr gegangen und lief jetzt neben ihr her. "Danke. Ist Taylor immer so? Ich dachte, mir würden jeden Moment die Beine abfallen." entgegnete sie ehrlich und grinste, als sie Nicky auflachen hörte. "Er versucht es zumindest. Eigentlich ist er ziemlich umgänglich, aber er haßt es, wenn man seine Autorität zu untergraben versucht oder ihn nicht vollkommen ernst nimmt. Du machst am Besten genau das, was er sagt und dann bist du seine beste Freundin." "Genau das habe ich vor." "Ich hätte auch nichts anderes erwartet. Deine Performance war beeindruckend, und wenn es stimmt, was Kim gesagt hat, dann zieh ich meinen Hut vor dir. Dein erster Job und dann sowas, noch dazu mit Moody himself." Carleen lachte, denn es war ganz offensichtlich, daß Nicky über Kian sprach. Vielleicht hatte sie jetzt die Möglichkeit, seinem seltsamen Verhalten auf den Grund zu gehen. Die anderen liefen schon weiter vorne und so wie es aussah, war Nicky sehr gesprächig. "Ich habe schlimmeres erlebt. Aber warum verhält er sich eigentlich so eigenartig? Paßt ihm mein Outfit nicht, oder bin ich ihm zu groß, zu klein, zu braunhaarig?" Nicky schien ein wenig zu zögern, bevor er antwortete. "Nein, das hat nichts mit dir zutun. Ihm machen ein paar private Dinge im Moment zu schaffen und er ist niemand, der das für sich behält. Er liebt es, seine schlechte Laune an anderen auszulassen." Carleen bemerkte, daß Nicky nicht ins Detail gehen würde und da sie wiederum nicht zu aufdringlich erscheinen wollte, gab sie sich mit seiner Antwort zufrieden. Sie machte sich eine gedankliche Notiz, diesen privaten Dingen später auf den Grund zu gehen und verabschiedete sich von der Gruppe, um auf ihr Zimmer zu gehen. Ihr Handtuch und die leeren Wasserflaschen warf sie achtlos aufs Bett, ehe sie ihre verschwitzten Sachen auszog und unter die Dusche ging. Sie war noch nie so dankbar für ein wenig kaltes Wasser und etwas Ruhe gewesen, so wie sie es jetzt war. Minutenlang ließ sie die Tropfen auf ihr Haar rieseln, und lauschte den Geräuschen, die sie machten, als sie auf den Fließen unter Carleen’s Füßen auftrafen. Sie wußte, daß sie heute gute Arbeit geleistet und einen guten Eindruck hinterlassen hatte, doch sie fragte sich ernsthaft, wie sie den morgigen Tag überstehen sollte, ohne vollkommen einzubrechen. Taylor würde sein Training genauso hart gestalten wie gerade eben und Carleen würde genauso schwitzen und leiden wie gerade eben. Noch dazu verlangte man von ihr anstrengende Arbeit auf geistiger Ebene. Es mußten Freundschaften geknüpft und Informationen eingeholt werden und das alles in einem Zeitraum, der keinen Platz für Fehler ließ. Carleen drehte den Wasserhahn zu, trocknete sich in Windeseile ab und fiel erschöpft und müde auf ihr Bett. Die Freizeit, von der Anto gesprochen hatte, verlief für sie von da an ziemlich eintönig. Sie brauchte keine fünf Minuten, um in einen tiefen, festen und traumlosen Schlaf zu fallen, aus dem sie erst zwei Stunden später wieder unsanft erwachte. Sofort sprang sie schreiend auf und versuchte, den Krampf in ihrer Wade zu lockern. Es dauerte ganze zwei Minuten, bis sich ihre Muskeln wieder vollkommen beruhigt hatten und sie erleichtert aufatmete. Schon jetzt waren erste Anzeichen dafür zu sehen, daß sie den nächsten Tag nur unter größten Schmerzen verleben würde und sie hatte den augenblicklichen Wunsch, Jason dafür zu strangulieren. Fluchend und plötzlich schlecht gelaunt stieg sie in ihre Jeans, zog den Reißverschluß ihrer Strickjacke zu und ging nach unten. Sie würde rechtzeitig zum Abendessen kommen und dem Knurren ihres Magens nach zu urteilen war das auch bitter nötig. Essen und schlafen, das war das Einzige, wonach sie sich jetzt sehnte. Auch gegen ein wenig Ruhe hätte sie nichts gehabt, doch Tyra machte ihr in diesem Punkt einen gehörigen Strich durch die Rechnung. "Wie ist es gelaufen?" fragte sie neugierig, als sie sich zusammen dem Buffet näherten. Sie waren nicht die ersten, aber auch nicht die letzten und hatten so noch reichlich Auswahl. "Hauptsächlich furchtbar, mit ein paar kurzen Augenblicken unerträglicher Qual. Aber dafür ging es schön lange. Noch Fragen?"

Kapitel 7

Carleen suchte sich zusammen mit Tyra zwei freie Stühle an einem der endlos langen Tische und ließ sich mit einem gequälten Stöhnen nieder. Sie hatten darauf geachtet, ein wenig abseits von den anderen zu sitzen, denn es war wichtig, daß sie zumindest für einen kurzen Moment die Chance hatten, ungestört miteinander zu reden. Das schien sowieso niemanden zu interessieren, denn der Großteil aller Anwesenden war mehr mit der Auswahl seiner einzigen Mahlzeit an diesem Tag beschäftigt. "Jason wird dafür büßen. Ich hätte genauso gut die Wäschefrau oder jemanden aus der Kantine mimen können. Statt dessen setzt er mich einem Wahnsinnigen aus, dem es Spaß macht, seine Schüler zu tyrannisieren und sie bis zur totalen Invalidität tanzen zu lassen." Tyra hörte Carleen aufmerksam zu, während sie sich einen großen Löffel Joghurt genehmigte und ihn mit ein wenig Tee hinunter spülte. "Noch dazu habe ich von allen Übeln, die mir hätten passieren können, das größte abgefaßt." beschwerte sich Carleen."Redest du von Egan? Der hat es sich heute wahrscheinlich zur Aufgabe gemacht, anderen Leuten den Tag zu verderben. Ich mußte erst mit der Puderdose schmeißen, ehe er sich zusammengerissen hat." Carleen hörte kurz auf, auf ihrem Apfel herum zu kauen und sah Tyra mit großen Augen an. "Das hast du gemacht?" "Natürlich. Ich kann solche Menschen nicht ausstehen, sie machen mich krank. Außerdem bin ich nicht hier, um mich tagelang mit schlechtgelaunten Superstars herumzuschlagen. Da ist mir das zärtliche Miteinander doch viel lieber." Sie kicherte kurz, und gab sich unheimlich geheimnisvoll, als sie bemerkte, daß Carleen nicht wirklich wußte, worauf sie hinauf wollte. "Marky." Carleen kannte Tyra, seit sie in die Windeln gemacht hatten, also wunderte es sie nicht allzu sehr, daß Tyra ein derartiges Tempo vorlegte. Allerdings hätte sie nicht mal dann protestieren können, wenn sie es gewollt hätte, denn ihre strapazierten Gesichtsmuskeln waren schon allein vom Kauen vollkommen überfordert. Sie war so erschöpft, daß sie sich mittlerweile sogar schon Schmerzen einbildete, die gar nicht da waren. Lustlos ließ sie den Apfel auf ihren Teller fallen und stützte den Kopf auf ihrer rechten Hand auf. "Was hast du mit ihm gemacht? Gib mir bitte die Kurzfassung, denn ansonsten werde ich bewußtlos unter diesen Tisch fallen, bevor du den ersten Satz beendet hast." "Och, es ist nichts Besonderes. Ich durfte ihn heute frisieren. Jess, er hat das wundervollste Haar, das du je gesehen hast. Und ich durfte es berühren." Carleen warf ihrer Freundin einen spöttischen Blick zu, bevor sie den Kopf auf ihre andere Handfläche rollte und gähnte. "Bist du nun eigentlich scharf auf Mark oder nur auf seine Haare? Ich meine, es würde doch sicherlich ziemlich peinlich werden, wenn du mitten in seiner Haarwäsche die Schlüsselszene aus ‚Harry und Sally‘ imitieren würdest. Ohhh jaaaaaa." Tyra prustete lauthals los und hörte auch dann nicht auf, als man sich neugierig zu ihr umdrehte. "Jess, du bist unmöglich. Aber eine Überlegung wäre es schon mal wert. Mark würde vielleicht –" "Du hast es schon wieder getan." unterbrach Carleen sie. "Was getan?" "Du hast mich Jess genannt." Tyra machte einen nachdenklichen Eindruck, ehe sie mit den Schultern zuckte und erneut in ihrem Joghurt rührte. "Ich lerne schnell. Und bevor ich ewig überlege, ob ich dich nun Cal oder Jess nennen soll, bleibe ich doch lieber gleich bei einem Namen." Carleen nickte müde und ließ ihren Blick ein wenig wandern. Einige Tische waren schon wieder leer, andere füllten sich gerade erst. Es war ein reges Treiben und Carleen wunderte sich erneut, wie riesig das Team eigentlich sein mochte. Sie konnte froh sein, wenn sie in der Zeit, in der sie da war, die Hälfte von ihnen kennen würde. Von Westlife selbst jedoch war nichts zu sehen. Nüchtern stellte sie fest, daß diese es wohl vorzogen, alleine und in Ruhe essen zu können. Beiläufig sah sie auf ihre Uhr und sprang plötzlich mit einer solchen Eile vom Stuhl, daß sie fast nach hinten gefallen wäre. "Was? Was? Hat dich irgend etwas gebissen?" Tyra war automatisch mit aufgesprungen und sah verwirrt an Carleen auf und ab. "Nein, viel schlimmer. Ich sollte mich vor dem Essen bei Kenneth melden. Anto bringt mich um, wenn er erfährt, daß ich schon am ersten Tag sämtliche Termine einfach verschlafe." Sie wischte sich mit einer Serviette den Mund ab und schob ihren Stuhl ran, ehe sie Richtung Ausgang lief. Das war genau das, was ihr jetzt noch gefehlt hatte. Jason hatte ihr eingetrichtert, so professionell wie möglich zu agieren und jetzt schaffte sie es noch nicht einmal, pünktlich bei ihrem Stylisten zu erscheinen. Frustriert haute sie auf die Knöpfe des Fahrstuhls und sprang ungeduldig von einem Bein auf das andere. "Jetzt krieg dich wieder ein, Jess. Was auch immer es ist, es wird sich sicher wieder einrenken." versuchte Tyra, die hinter ihr her gerannt war, sie zu beruhigen. "Du warst wohl das Sonnenscheinkind bei dir in der Klasse, was ?!? Ich komme zu spät und habe noch nicht einmal eine plausible Entschuldigung dafür. Kenneth wird mir also kaum die Hand reichen und mich zu meinem Fauxpas beglückwünschen. Warum beeilt sich dieses verdammte Ding nicht?" Sie drückte noch einmal auf den Fahrstuhlknöpfen herum, ehe sie mit einem lauten Fluchen aufgab und zum Treppenhaus rannte. "Was hast du jetzt schon wieder vor?" Tyra klang ziemlich genervt, doch Carleen quittierte ihre Frage nur mit einem kurzen Winken, ehe sie die Glastür zum Treppenhaus aufstieß und nach oben rannte. Eigentlich waren weder sie noch ihre Beine dazu in der Verfassung, wie wahnsinnig die Stufen hinauf zu hasten, doch wenn sie noch mehr Ärger vermeiden wollte, blieb ihr kaum eine andere Wahl. Außer Atem erreichte sie den Flur der 5. Etage und wäre beinahe mit Nicky zusammengestoßen, der im Gegensatz zu ihr die Treppe hinunter kam. "Hey, langsam. Auch Angst vor Fahrstühlen?" "Nein, nur keine Zeit." Sie stemmte ihre Hände in die Hüften und schnappte nach Luft, während sie zusammen mit Nicky den Flur entlang ging. Er hielt Carleen eine Flasche Wasser hin, die sie dankend annahm und augenblicklich öffnete. Lächerliche fünf Stockwerke und sie war vollkommen aus der Puste. Ungläubig schüttelte sie den Kopf, bevor sie die Flasche wieder absetzte und zuschraubte. Das Zimmer von Kenneth lag am Ende des Flures, und anscheinend herrschte dort reger Betrieb, denn schon von weitem konnte Carleen Lachen und das Quietschen von rollenden Kleiderständern vernehmen. Nicky schüttelte amüsiert den Kopf. "Wir kommen genau richtig. Wenn ich eines an diesem Job liebe, dann sind es die allabendliche Anproben bei Kenneth." Carleen sah ihn verwundert an, als er an die Tür von Zimmer 178 klopfte und ohne auf Antwort zu warten eintrat. "Du mußt auch zu Kenneth?" "Jep. Sowas machen wir immer erst abends, denn es ist nicht halb so anstrengend wie die ganzen Interviews, Aufnahmen und das alles. Warum bist du eigentlich noch hier? Soweit ich weiß, finden die Anproben der Tänzerinnen doch immer schon vor dem Essen statt." "Tun sie auch, nur hat meine Wenigkeit das einfach verpennt." "Halb so schlimm. Ken ist der letzte, der sich über so eine Kleinigkeit aufregt. Und wir sind gerne in weiblicher Gesellschaft." Er grinste ihr mit einem Augenzwinkern zu, während sie an den Unmassen an Kleiderständern vorbei gingen und schließlich eine weitere Tür erreichten, die in einen Nebenraum führte. Sie stand offen und gewährte Einblick in ein riesengroßes Chaos aus Klamotten, Schuhen, Preisschildern sowie auf Bryan, der vor einem Spiegel posierte und sich über sein eigenes Spiegelbild lustig machte. Er hielt für einen kurzen Moment inne, als er Carleen und Nicky den Raum betreten sah. "Oh oh, Byrne, zu spät! Die Flauschpullover bleiben wohl diesmal an dir hängen." Bryan winkte mit einem roten Baumwollpulli, den er gerade vom Boden aufgehoben hatte, und grinste schadenfroh. "Einen schönen Mann entstellt nichts, McFad. Hoffen wir, daß du nie einen dieser Teile tragen mußt, denn sonst könnte man unsere Show mit der von Schweinchen Babe verwechseln." Carleen verschränkte ihre Arme vor der Brust, und beobachte die Beiden amüsiert, ehe Kenneth, der soeben hinter einem der riesigen Kleiderberge zum Vorschein gekommen war, sie zu sich heran winkte. Er war vielleicht etwas größer als sie und trug ein leuchtend gelbes, ärmelloses Shirt kombiniert mit einer schwarzen, lässigen Jeans. Seine Haare waren so sehr gelackt, daß Carleen fürchtete, sie würden abbrechen, wenn jemand sie auch nur ansah. "Täubchen, wann war deine Anprobe?" fragte er sie vorwurfsvoll und klimperte mit seinen Wimpern, ehe er sich nach einer Lederjacke, die neben seinen Füßen lag, bückte und sie sich über den Arm legte. "Ich weiß, daß ich sie verpaßt habe und das tut mir wirklich leid. Wenn sie jetzt gerade keine Zeit haben, komme ich gerne noch einmal später wieder und –" "Nun werde mal nicht gleich hysterisch, sweetheart. Dieser Haufen hier kann sich noch nicht einmal über die Farbe von Scheiße einig werden, und trotzdem habe ich alles im Griff. Da wird so ein kleines, zartes Geschöpf wie du sicher nicht stören. Warte einfach dort hinten auf mich, ich bin dann in einer Minute bei dir." Er zeigte auf ein paar Vorhänge, die sich hinter Carleen befanden und wie Garderoben aussahen. Sie nickte und setzte sich auf einen kleinen Hocker, von dem aus sie das bunte Treiben vor sich ausgiebig beobachten konnte. Bis zu diesem Zeitpunkt waren nur Bryan und Nicky zu sehen, die sich gegenseitig auslachten und Witze rissen, doch die gedämpften Stimmen hinter einem der Kleiderständer verrieten ihr, daß wahrscheinlich auch der Rest der Jungs anwesend war. Carleen bückte sich und sah sechs Füße, die nebeneinander standen und von Zeit zu Zeit die Position wechselten. "Shane, meine Sonne, jetzt komm dort vor und hör auf, dich wie ein kleines Kind zu benehmen. Wenn dir die Sachen nicht gefallen, dann kannst du ja das nächste Mal auch nackt auf die Bühne gehen. Ich bezweifle, daß das deiner Mutter gefallen würde." rief Kenneth, während er ein paar Nadeln an den Hosenenden von Bryan befestigte. Nicky stand neben ihnen und probierte gerade eine schwarze Lederhose an, während Mark, der aus irgendeiner Ecke zum Vorschein gekommen war, an einem dunkelgrünen Rollkragenpullover hantierte. "Also gut, aber wenn du wirklich von mir verlangst, daß ich das anziehe, werde ich persönlich dafür sorgen, daß du gefeuert wirst." Mit einigem Zögern kam Shane aus seinem Versteck und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, als alle um ihn herum in ihren Bewegungen innehielten und statt dessen in schallendes Gelächter ausbrachen. Sogar Carleen, die sich bis jetzt dezent zurückgehalten hatte, konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, und applaudierte begeistert. "Nun gut, dieses Outfit verwerfen wir dann wohl doch lieber." bemerkte Kenneth und schüttelte den Kopf. Seine Hose aus gelbem Brokat war um einiges kürzer, als wahrscheinlich beabsichtigt war, während die erdfarbene Jacke Shane zu verschlucken drohte. Das weiße Hemd, das er darunter trug, verbesserte sein Erscheinungsbild nicht unbedingt und auch die beigefarbenen Schuhe ließen ihn recht eigenartig aussehen. Kurzum, es war einfach lächerlich. "Macht euch ruhig lustig! Im Gegensatz zu dem, was Egan anhat, sehe ich aus wie ein Model von Calvin Klein. Blondie, schieb deinen Hintern hier raus." Er sah erwartungsvoll in die Richtung, aus der er gekommen war und machte einen recht zufriedenen Gesichtsausdruck, als Kian tatsächlich hervorkam. Für einen Moment verstummte alles, und Carleen versuchte inständig, sich zu beherrschen, denn immerhin waren sie nicht unbedingt die allerbesten Freunde, doch gelingen wollte es ihr überhaupt nicht. Sie prustete los, bevor sie darüber nachgedacht hatte und konnte selbst dann nicht aufhören, als Kian sie verständnislos ansah. "Blondie, das lobe ich mir aber. Hast du heute abend vielleicht schon etwas vor?" Kenneth klopfte ihm frech auf den Hintern, wodurch er die belustigten Blicke der anderen und einen entsetzten von Kian auf sich zog. Eine braune Samthose mochte ab und zu vielleicht ganz modisch aussehen, aber nicht, wenn sie zu kurz war und eher an eine Leggins als an irgend etwas anderes erinnerte. "Sehr witzig. Sei mir nicht böse, Ken, aber du wärst der letzte, mit dem ich irgendwohin gehen würde." Er schien anscheinend beleidigt zu sein, was ihn nicht minder wütend werden ließ und Carleen dazu veranlaßte, mit dem Lachen aufzuhören. Auch wenn sie sein Verhalten ziemlich affig fand, so wollte sie sich nicht schon wieder seinen Zorn zuziehen. Bryan dagegen schien die schlechte Laune von Kian überhaupt nicht zu stören. "Nimm unseren Freund hier nicht zu ernst, Ken. Er trägt zu enge Shorts und sowas schadet der Durchblutung im Gehirn." Allgemeines Gelächter waren die Folge dieses Kommentars, doch Kian schien es überhaupt nicht witzig zu finden. "Wenn ich so aussehen würde wie du, Bryan, würde ich ebenfalls jede Möglichkeit nutzen, um von mir abzulenken. Von daher werde ich mich also hüten, dir erklären zu wollen, wie dämlich du dich gerade verhältst." Normalerweise hätte Carleen gelacht, doch die Art und Weise, wie Kian es sagte, ließ keinen Zweifel daran, daß er es tatsächlich ernst meinte. Er kochte vor Wut, und jeder im Raum schien das zu bemerken. Wieder war es jedoch Bryan, der das nicht auf sich sitzen ließ. "Weißt du was, Kian? Wegen Typen wie dir habe ich Zuckungen im Arsch." Die Antwort darauf waren ein Mittelfinger und das laute Knallen einer Tür, bevor wieder betretene Stille eintrat. Shane steckte sich ratlos die Hände in die Taschen und blickte zu Boden, während Mark nur immer wieder den Kopf schüttelte und weiter mit seinem Pullover kämpfte. Selbst Ken fehlten für einen Moment die Worte, ganz zu schweigen von Carleen, die überhaupt keine Ahnung hatte, was die Stimmung so plötzlich gekippt hatte. Eben noch hatten alle gelacht und gescherzt, jetzt waren zwei von ihnen stinksauer und der Rest ziemlich ratlos. "Du hättest ihn nicht provozieren sollen, Bry." sagte Nicky schließlich und versuchte damit eine Erklärung für das zu finden, was sich gerade eben abgespielt hatte. "Es ist mir ziemlich egal, was ich nicht hätte tun sollen. Ich habe Verständnis für das, was ihn zur Zeit beschäftigt und ich habe genauso viel Verständnis dafür, daß ihn das nicht kalt läßt. Allerdings kotzt es mich an, daß wir ständig die Buhmänner sind. Wenn er nicht bald damit aufhört, laufe ich Gefahr, ihm ordentlich die Fresse zu polieren." Wieder knallte eine Tür und wieder wußten die noch Verbliebenen nichts zu sagen. Carleen war klar, daß das auf jeden Fall etwas war, was sie in ihrem Bericht an Jason erwähnen mußte. Sie räusperte sich kurz. "Ken? Ich würde jetzt gerne meine Bühnenoutfits sehen."

Kapitel 8

"Mein linkes Bein ist taub und der Rest meines Körpers unerträglichen Schmerzen ausgesetzt, was sich auch durch eine dritte Dusche an diesem Horrortag nicht gebessert hat. Noch dazu habe ich gerade zwei Stunden mit einem schwulen Stylisten verbracht, der gelb für die Trendfarbe des Jahres hält und mich in Hosen zwängt, die sogar Kate Moss zu klein wären. Tyra, ich hasse mein Leben." Carleen hielt in der einen Hand den Hörer ihres Telefons und in der anderen ein Handtuch, mit dem sie sich durch die Haare fuhr. Nach unzähligen Anproben und der ein oder anderen nervenaufreibenden Diskussion mit Kenneth saß sie nun an ihrem Schreibtisch und redete sich ihren Frust von der Seele. Ein furchtbarer Tag, der ein noch furchtbareres Ende zu nehmen schien. Sie warf einen Blick auf die Sachen, die auf ihrem Bett lagen und wendete sich bestürzt wieder ab. "Jetzt sieh das ganze doch mal von der positiven Seite. Schlimmer als heute kann es gar nicht mehr werden. Ab morgen wird uns das alles hier wie ein Kinderspiel vorkommen." "Ja, aber dazu müßte ich erstmal den heutigen Tag überleben. Was mache ich, wenn Kian nun vollkommen die Fassung verliert und mir in einem Tobsuchtsanfall die Kehle durchschneidet?" "Das gibt Flecken, und ich glaube kaum, daß er die abends um zehn noch wegmachen will. Wie monströs er auch sein mag, daß nimmt noch nicht einmal er auf sich." Carleen seufzte. Nachdem sie all ihre Outfits zusammen mit Ken durchgegangen war, hatte er sie gebeten, die Sachen von Kian mit nach oben zu nehmen und bei ihm abzuliefern. Er hatte sich damit herausgeredet, daß er noch etwas dringendes zu erledigen hatte, die Kleidung jedoch noch unbedingt von Kian anprobiert werden mußte. Natürlich hatte sich keiner der anderen Jungs darum gerissen, um diese Uhrzeit noch einmal bei Kian vorbeizuschauen, und so dämlich wie sie gewesen war, hatte sie sich zu dem Job überreden lassen. Desweiteren hatte sie wirklich gedacht, damit einen Weg gefunden zu haben, ihren mißglückten Start mit ihm wettmachen zu können, doch mittlerweile zweifelte sie daran, ob es wirklich eine so gute Idee war, mitten in der Nacht bei einem für sie wildfremden Menschen vorbeizusehen und ihn mit derartigem Kram zu belästigen. Wie auch immer, ihre Aufgabe bestand darin, Westlife auszuspionieren und möglichst viel über sie in Erfahrung zu bringen- und Kian gehörte dazu, ob ihr das paßte oder nicht. "Brandon alias Kevin alias Superbodyguard war übrigens gerade bei mir." sagte Tyra, als sie bemerkte, daß Carleen nicht länger über die ihr noch bevorstehende Aufgabe reden wollte. "Und, was hat er gesagt?" Carleen stand auf und lief zu ihrem Bett hinüber, auf dem sie den Großteil ihrer Koffer mittlerweile ausgekippt hatte, und wühlte nach einem Paar Socken. "Jason hat sich bei ihm gemeldet und nach uns gefragt. Anscheinend stehen die beiden nach wie vor in sehr engem Kontakt miteinander. Wenn wir also was von Jason wollen, sollen wir uns bei Brandon melden, er wird sich dann darum kümmern. Auf jeden Fall sollen wir keine Notizen machen und uns alles für die Überraschungstelefonate mit Jason aufheben." "Und wann werden die stattfinden?" fragte Carleen beiläufig, während sie die gefundenen Socken überzog und nach ihren Schuhen angelte. "Wenn ich das wüßte, wären es ja keine Überraschungen, mein Herz. Jason hielt es für sicherer, uns über Zeit und Ort der Telefonate im Unklaren zu lassen. Die Logik dieses Mannes möge einer verstehen." Carleen lachte in den Hörer, während sie hinter sich griff und die Sachen heranzog, die sie Kian gleich bringen würde. Es waren zwei Lederjacken, zwei Hemden, drei Pullover und eine Jeans, die Kenneth in liebevoller Kleinarbeit für ihn zusammengestellt hatte. Carleen schüttelte angesichts der Unmassen von Kleidung den Kopf. Und sie dachte immer, Frauen hätten einen Modetick. "Laß uns morgen weiterreden, T. Ich habe keine Lust, meine Exekution noch weiter hinauszuschieben." "Alles klar, Pumpkin. Melde dich, sobald du etwas neues weißt." Carleen beendete das Gespräch und warf sich den Stapel an Klamotten über den Arm, ehe sie aufstand und sich auf den Weg zu Zimmer 640 machte. Vereinzelt standen noch ein paar Security herum, die in einer Zeitung lasen, Karten spielten und sich von Zeit zu Zeit ein wenig umsahen. Carleen grüßte sie mit einem knappen Kopfnicken, während sie weiter den Gang entlang lief. Es war ihr egal, wie lächerlich sie aussehen mußte, sie wollte die ganze Angelegenheit nur so schnell wie möglich hinter sich bringen. Kian Egan hatte keinen besonders guten Eindruck bei ihr hinterlassen, und das gleich zweimal. Sollte Tyra sich doch um ihn kümmern. Mit einiger Mühe verlagerte sie alle Sachen auf ihren linken Arm und klopfte mit der freien Hand an seine Tür. Sie betete inständig, ihn bei nichts wichtigem gestört zu haben, denn sonst würde sie weitere Minuspunkte sammeln und das war das letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Tatsächlich mußte sie ein zweites und drittes Mal klopfen, bis sie von innen Schritte vernahm, die sich langsam der Tür näherten. Sie hörte, wie eine Tür im Zimmer geschlossen wurde, bevor Kian die Tür, vor der sie stand, öffnete. Carleen hatte das dumme Gefühl, in Schwierigkeiten zu stecken, als sie ihn ansah. Anscheinend hatte er schon geschlafen oder es zumindest versucht, denn außer einem Bademantel trug er rein gar nichts. "Hast du einen blassen Schimmer, wie spät es ist?" Kian öffnete die Tür gerade weit genug, um seinen Kopf und ein Stück seines Oberkörpers zum Vorschein kommen zu lassen. "Ja, habe ich und ich kann wirklich nichts dafür." Von plötzlichem Tatendrang gepackt, drückte sie die Tür ein wenig weiter auf und marschierte geradewegs in sein Zimmer. Sie ignorierte seinen Protest und entlud all ihre Last auf seinem Bett. "Könntest du mir bitte verraten, was das soll?" Er knallte die Tür zu und baute sich vor ihr auf. Sogar so unwiderstehlich sexy war er immer noch ein Arsch. Carleen versuchte, sich nicht einschüchtern zu lassen und ihm die Situation so sachlich wie möglich zu erklären. "Nach deinem ungeahnten Gefühlsausbruch heute abend hatte Ken keine Zeit mehr, dich einzukleiden, also hat er mich gebeten, dir das hier zu bringen." Sie zeigte auf den Stapel neben sich. "Er will, daß du das sofort anziehst und ihm sagst, welche Änderungen er vornehmen soll. Kannst du mir soweit folgen?" Sie lächelte entwaffnend, doch bei Kian schien es nicht mal annähernd eine Wirkung zu zeigen. "Fuck!" Er ging an ihr vorbei, sammelte die Kleidungsstücke eilig zusammen und warf sie auf einen Stuhl, der an der Wand stand. "Sagen sie Ken, daß ich dazu im Moment gar keine Zeit und Lust habe. Wenn er etwas will, braucht er mir keine Tänzerin schicken, die mitten in der Nacht an meine Tür klopft und mir auf die Nerven geht." Carleen sah ihn genervt an und quittierte seine Aussage mit einen kalten Lächeln. Was bildete sich dieser Lackaffe überhaupt ein? Sie wollte gerade etwas erwidern, als sich ihre Aufmerksamkeit auf die Tür neben Kian richtete, die wahrscheinlich ins Badezimmer führte. Zuerst war nur ein kleines Klicken zu hören, dann öffnete sich die Tür vollständig und eine junge Frau im Handtuch trat in den Raum. Carleen hörte Kian leise fluchen, doch sie war viel zu sehr damit beschäftigt, einen halbwegs gefaßten Eindruck zu machen. Ihr entgleisten jedoch sämtliche Gesichtszüge, als sie erkannte, um wen es sich handelte. "Rachel? Was machst du in Kian’s Badezimmer?" Ihr wurde augenblicklich klar, daß das eine ziemlich blöde Frage gewesen war, denn jedes Kleinkind konnte ein zerwühltes Bett, Kian im Bademantel und eine halbnackte Frau kombinieren und kam ohne Umschweife auf das Ergebnis. Rachel lächelte entschuldigend, während sie die Tür hinter sich zuzog und zu Kian sah. "Nun, das ist eine etwas längere Geschichte und- " "Und wir haben jetzt gar keine Zeit, sie dir zu erklären. Es wäre nett, wenn du dich aus unserem Privatleben raushältst und jetzt gehst. Sag Ken, daß ich mich morgen um die Sachen kümmere." Kian drückte Carleen die Sachen in die Hand und schob sie ungeduldig Richtung Ausgang. Sie war jedoch noch lange nicht fertig, sondern drehte sich ruckartig um, und schmiß ihm den Berg an Kleidung vor die Füße. "Das werde ich ganz sicher nicht tun. Es sei denn, du möchtest, daß ich ihm auch sage, warum du keine Zeit hattest. Ich glaube kaum, daß er deine Fortpflanzung zu später Stunde gutheißen würde." "Ken würde alles gutheißen, was mit Fortpflanzung zu tun hat. Und jetzt raus hier." Er schob sich an ihr vorbei zur Tür und öffnete sie. "Wenn ich bitte dürfte!" "Du kannst mich gar nicht herauswerfen, denn ich gehe freiwillig. Dieser Bademantel sieht an dir übrigens beschissen aus." Carleen stürmte hinaus und würdigte die überraschten Gesichter, die ihr entgegen starrten, keines Blickes. Jetzt war sie nicht nur frustriert und ausgelaugt, sondern auch noch stinksauer. Wie hatte sie nur auf die dämliche Idee kommen können, daß alles hier könnte ihr auch nur minimal Spaß bereiten? Ihr Arbeitstag war mörderisch, der Stylist schwul und inkompetent und Taylor eiskalt, ganz zu schweigen von Mr. Ekel, der ein paar Türen weiter von ihr hauste. Als ob es nicht gereicht hatte, daß sie sich von Anfang an unsympathisch waren, oh nein. Jetzt hatte sie ihn auch noch in flagranti mit einer tanzenden Schickse erwischt und seinen Bademantel beleidigt. Carleen schmiß die Tür zu ihrem Zimmer zu, ging zu einem der Fenster, öffnete es und schrie ihren ganzen Frust hinaus. Bevor sich irgend jemand beschweren konnte, hatte sie es wieder geschlossen und begann damit, in ihrem Zimmer ein wenig Ordnung zu schaffen. Sie tat sowas immer, wenn sie besonders verzweifelt und wütend war und dringend Abwechslung suchte. Tatsächlich wurde sie ein wenig ruhiger, und begann damit, das positive an der ganzen Sache zu sehen, insofern das überhaupt möglich war. Sie hatte jetzt endlich die erste heiße Story, die sie Jason abliefern konnte. Kian und eine Tänzerin, das war zumindest ein Anfang. Wenn sie das ganze noch ein wenig ausschmückte, war die kleine Enthüllung perfekt. Und dann würde sich ja zeigen, wer am längeren Hebel saß. Pfeifend schloß sie ihren Schrank und sah sich zufrieden um. Innerhalb einer halben Stunde hatte sie aus ihrem Zimmer eine recht ansehnliche Behausung gemacht. Es würde sicherlich keinen Preis in Schöner Wohnen gewinnen, aber es war ein Anfang. Sie wollte gerade ins Bad gehen, als ihr Telefon klingelte. Ein wenig verärgert, daß sie um diese Zeit noch angerufen wurde, ging sie zum Schreibtisch und hob den Hörer ab. Tyra hatte ein seltsames Timing. "Hallo?" "Selber Hallo. Störe ich sie?" Carleen mußte unwillkürlich grinsen, als sie die Stimme wiedererkannte. Es war ihr kleiner Telefonflirt und nicht Tyra. "Nein, das tun sie nicht. Kann ich ihnen irgendwie weiterhelfen?" fragte sie beiläufig, während sie nach ihrem Nachthemd unter dem Kissen griff und es sich bereit legte. "Ich hatte gehofft, Bryan hätte sich mittlerweile bei ihnen gemeldet. Das ist doch eine gute Entschuldigung, sie anzurufen, oder?" "Sie rufen nur wegen Bryan hier an?" fragte sie mit gespielter Enttäuschung und zog die Gardinen ihres Fensters zu. Ihr Gegenüber lachte. "Natürlich freue ich mich auch wahnsinnig, ihre wundervolle Stimme zu hören. Ist das akzeptiert?" "Akzeptiert." sagte sie schmunzelnd und gähnte. "Anstrengender Tag?" "Nicht der Rede wert. Aber ich bin froh, wenn ich morgen noch ein Körperteil an mir bewegen kann." Sie setzte sich auf ihr Bett und spielte mit den Trägern ihres Nachthemdes, während sie zuhörte. "Ich kann ja mal auf eine Massage vorbeikommen." entgegnete er frech und lachte. "Nette Idee, nur dann werden sie bis Weihnachten hier sitzen. Ich habe Schmerzen in Muskeln, von denen ich noch nicht einmal wußte, daß sie existieren." "Das kommt mir bekannt vor. Was haben sie denn gemacht?" "Mich bewegt." entgegnete sie mit einem Hauch von Reue und erntete dafür erneut heiteres Gelächter von dem jungen Mann am anderen Ende der Leitung. Sie vergaß vollkommen, daß er eigentlich ein völlig Fremder war und war fast ein wenig erschrocken, als sie das erste Mal auf die Uhr sah und feststellte, daß sie fast eine halbe Stunde miteinander geredet hatten. Beim Diskutieren über ihren Tag waren sie schließlich bei seiner Vorliebe für Weihnachten, der Teppichfarbe ihres Zimmers und den Vor- und Nachteilen schnurloser Telefone gelandet und alberten eigentlich mehr herum, als daß sie wirklich tiefgründige Gespräche führten. Wie auch, sie kannten sich ja so gut wie gar nicht. "Also gut, ich werde meinen lädierten Körper dann mal ins Bett schieben und versuchen, ein wenig zu schlafen." sagte Carleen endlich und gähnte noch einmal herzhaft. "Gute Idee, aber du mußt mir vorher noch deinen Namen verraten." Sie stutzte einen Moment. Auch wenn sie eine sehr nette Unterhaltung geführt hatten, sträubte sie sich doch, ihre Identität vollkommen preiszugeben. "Nenn mich einfach Pumpkin." "Pumpkin?!? Bist du sicher, daß deine Eltern dich lieben?" "Sehr witzig. Du weißt, daß das nur ein Spitzname ist. Jetzt will ich deinen hören." Sie schlug die Decke ihres Bettes zurück und ließ sich müde hinein fallen. "Also gut. Wenn du Pumpkin bist, dann mußt du mich Chippy nennen." "Und da beschwerst du dich über mich? Das klingt wie ein Name für Hundefutter." "Hey, der wurde mit viel Liebe ausgesucht. Ich finde ihn gut." sagte er beleidigt, was Carleen zum Lachen brachte. "Ok, er klingt wundervoll... Chippy! Dann Gute Nacht." "Gute Nacht, Pumpkin."

Kapitel 9

Wie erwartet hatte Carleen am nächsten Morgen einige Mühe, aus dem Bett zu kommen. Zum einen machte ihr Muskelkater ihr ziemlich zu schaffen, zum anderen gehörte sie nicht unbedingt zu den Frühaufstehern- und acht Uhr war in ihren Augen verdammt zeitig. Sie quälte sich mühsam unter ihrer Decke hervor und tapste hinüber ins Bad, erneut dankbar für eine warme Dusche. Punkt neun Uhr stand sie dann im Proberaum und wärmte sich auf, zumindest versuchte sie das. Zwar hatte das heiße Wasser ihre Muskeln ein wenig gelockert, doch sie kam sich immer noch vor, als hätte sie gerade ein Bus überrollt. Glücklicherweise schenkte ihr Taylor nicht ganz so viel Aufmerksamkeit, sondern war mehr damit beschäftigt, sich neue Gemeinheiten für seine Schützlinge zu notieren. Carleen saß gerade auf dem Boden und streckte eines ihrer Beine, als Rachel auf sie zukam und sich zögerlich neben sie setzte. "Hy." sagte sie ein wenig unsicher und begann ebenfalls mit einigen Dehnübungen. Carleen lächelte ihr zu und beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Rachel war vielleicht nicht übertrieben hübsch, aber sie war auf jeden Fall eine Schönheit. Ihre rabenschwarzen Haare ergänzten sich perfekt mit ihren smaragdgrünen Augen und verliehen ihr etwas geheimnisvolles. Soweit Carleen das beurteilen konnte, war sie zudem freundlich und liebenswert und besaß einen Körper, für den jede andere Frau gemordet hätte. Kein Wunder also, daß Kian sie zu sich ins Bett geholt hatte. "Tut mir leid, wenn dich das gestern ein wenig überrumpelt hat." sagte sie leise, während sie sich einen Arm über ihren Kopf legte und mit der anderen Hand an ihm zog. Carleen gab sich gelangweilt. "Nicht der Rede wert. Ich tue einfach so, als hättet ihr eine Runde Mikado gespielt und wir vergessen die ganze Sache." "Danke. Es wäre nicht unbedingt von Vorteil, wenn das mit mir und Kian die Runde macht." "Aha. Geht das eigentlich schon lange zwischen euch beiden?" fragte Carleen beiläufig, während sie sich nach vorne beugte. Je mehr Details sie wußte, desto besser würde sie Jason davon unterrichten können. Rachel sah sich vorsichtig um, bevor sie den Kopf schüttelte. "Nicht unbedingt. Wir haben uns zwar schon immer gut verstanden, aber näher kennen tun wir uns eigentlich erst seit einem Monat." Näher kennen. So nannte man das jetzt. "Dann ist es also ernst zwischen euch beiden?" Gott sei Dank war Rachel viel zu sehr damit beschäftigt, nach großen Ohren Ausschau zu halten, als daß sie sich an der Neugier von Carleen störte. Überraschender Weise verneinte sie diese Frage. "Oh nein, ganz sicher nicht. Es ist schön, wenn man jemanden hat, mit dem man zusammensein kann, aber eine Beziehung wäre zwischen uns beiden denkbar unmöglich. Wir ergänzen uns auf der einen Ebene ganz gut, nur reicht das nicht unbedingt aus, um da mehr entstehen zu lassen." Carleen nickte bejahend und machte sich gedanklich ein paar Notizen über das, was sie Jason später erzählen würde. Eine heiße Affäre auf dem Titelblatt war zwar nicht unbedingt was neues und bestimmt weniger spannend als die große Liebe, doch ein Anfang war es allemal. Carleen rappelte sich auf und ging zusammen mit Rachel hinüber zu den Bänken, um einen Schluck zu trinken. "Von mir erfährt niemand ein Sterbenswörtchen, versprochen." log sie und lächelte. Rachel dankte ihr, ehe sie hinüber zu Taylor lief und ihn etwas wegen der Choreographie fragte. Es dauerte nicht lange, bis sich zu den Tänzerinnen auch die Hauptakteure gesellten. Bryan und Nicky strangulierten sich gegenseitig mit ihren Handtüchern, während Mark irgendein Lied vor sich her sang und alle überschwenglich begrüßte. Shane und Kian waren die letzten, die den Raum betraten, und schienen in einer tiefe Diskussion zu stecken, die auch dann nicht abklang, als Taylor sie bat, ihre Plätze einzunehmen. "Laßt euch von mir nicht stören. Nur beschwert euch dann nicht, wenn euch zwischendurch die Beine abfallen, denn genau das wird passieren, wenn ihr eure Hintern nicht augenblicklich dorthin bewegt, wo sie hingehören." rief Taylor und klatschte auffordernd in die Hände. Das reichte aus, um Bryan in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen. "Ok, ihr Waschweiber, das reicht. Ich breche euch jeden Knochen einzeln, wenn wir wegen euch länger machen müssen." "Seit wann bist du eigentlich so unglaublich gewalttätig?" Shane ging kopfschüttelnd hinüber zu Audrey und küßte sie zur Begrüßung auf die Wange. "Seit ich mich gestern zum Pinkeln hinsetzen mußte. Ich hatte Schmerzen, die würden sogar Superman in den Wahnsinn treiben." Ein zustimmendes Gemurmel erfüllte den Raum und ließ keinen Zweifel daran, daß davon jeder ein Lied singen konnte. Carleen hörte auf mit Lachen, als Kian auf sie zukam. "Morgen. Du siehst müde aus." Sie hatte nur versucht, aufmerksam zu sein, doch irgendwie hatte sie damit genau auf den Punkt angespielt, den sie tunlichst hatte vermeiden wollen. Kian lächelte gequält, ehe er sich seinen Pullover über den Kopf zog und ihn in eine Ecke schmiß. Dann stellte er sich hinter sie und legte einen Arm um ihre Hüfte, so wie die Choreographie es verlangte. "Das ist nun mal so, wenn man stundenlang wilden, hemmungslosen Sex hatte und kaum ein Auge zugemacht hat." flüsterte er über ihre Schulter. Carleen drehte sich ruckartig zu ihm herum und starrte ihn ungläubig an. Sie grinste schief, als sie sah, daß er sich anscheinend über sie lustig machte. "Fragt sich nur, ob Rachel da auch wirklich dran beteiligt war. Wer weiß, zu welchen Dingen du dich hinreißen läßt, wenn du so ganz alleine bist- nur du und deine Bettdecke." "Der pure Neid, der da aus dir spricht, Jess." "Na, du träumst auch noch von der Zahnfee, oder?" "Das war jetzt wirklich gemein. Nimm das auf der Stelle zurück." sagte er betont beleidigt und zog einen Schmollmund. Carleen war überrascht. Er konnte ja richtig liebenswert sein. "Aber nur, damit du mir hier nicht anfängst, zu weinen. Ich nehme es zurück." Kian grinste kurz, bevor er seine Hand ausstreckte und sich verlegen am Kopf kratzte. "Frieden?" Carleen lächelte ebenfalls und ergriff seine Hand. "Frieden." "Ok, meine Herzchen. Bedankt euch bei Jessica und Kian für drei weitere Stunden voller Schweiß, Arbeit und Monotonie. Ihr habt doch nichts dagegen, wenn wir jetzt anfangen, oder?" Taylor sah beide abwartend an, ehe er hinüber zu seinem Kassettenrecorder lief. "Tschuldigung." quetschte Carleen hervor, und drehte sich erneut herum, damit Kian seine Hand um sie legen konnte. Seltsamerweise fiel ihr das Tanzen mit ihm jetzt viel leichter und machte wie am Vortag nach einiger Zeit sogar Spaß. Glücklicherweise machte Taylor seine Drohung nicht wahr, sondern legte genügend Pausen ein, in denen Carleen Zeit hatte, nach Luft zu schnappen. Obwohl sie zunehmend besser mitkam, war sie überaus glücklich, als Taylor fünf Stühle hervorholte und sie auf dem Parkett verteilte. Sie begannen mit der Choreographie für "Somebody needs you", ehe sie noch einmal zu "Dreams come true" tanzten und dann endlich entlassen wurden. "Morgen gleiche Zeit, gleicher Ort. Und seid pünktlich, sonst verpfeif ich euch bei Anto." Mark leierte mit den Augen, bevor er sich einen Teil seiner Wasserflasche ins Gesicht schüttete. Carleen ging hinüber zu ihrer Tasche und griff nach einem Handtuch, das sie sich um den Hals legte und damit den Schweiß aus ihrem Gesicht wischte. Spontan schnappte sie sich auch das Handtuch, das neben ihren Sachen lag und lief damit hinüber zu Kian, der auf dem Boden saß und nach Luft schnappte. "Hier." Sie warf es ihm um den Hals und grinste, als er ihr zulächelte. "Danke. Das ist genau das, was ich jetzt brauche. Das und eine heiße Dusche. Bis später." Er rappelte sich auf und verließ geradezu fluchtartig den Raum, was Carleen ein wenig in Staunen versetzte. Sie kümmerte sich jedoch nicht weiter darum, sondern ging ebenfalls auf ihr Zimmer, um sich umzuziehen. 40 Minuten und eine weitere Dusche später war Carleen neu eingekleidet, und machte sich auf den Weg zu Tyra. Es war kurz vor 13 Uhr und soweit sie wußte, war Tyra noch bis vier Uhr in der Maske. Sie machte einen Abstecher in den Speisesaal und verdrückte ein kleines Käsebrot, ehe sie an die Tür zu Tyra’s Arbeitsraum klopfte. "Es ist offen!!" tönte es von drinnen, also drückte Carleen die Klinge und trat ein. "Hey, Süße, du- WAS IST DAS?" Carleen sah entgeistert auf den Stuhl vor sich, auf dem ein nun ziemlich kahler Nicky saß und in den Spiegel strahlte. Tyra, die den Rasierer noch in der Hand hatte, sah zufrieden aus. "Das ist der Hit schlechthin. Nicky werden die Frauenherzen nur so zufliegen." Tyra klopfte Nicky ein paar Haare vor der Schulter, bevor sie ihm den Umhang abnahm und dieser daraufhin aufstand. Carleen lächelte gequält. "Na, wenn ihr meint. Ich möchte dir auf jeden Fall nicht mehr nachts begegnen." Nicky verzog das Gesicht zu einer Fratze, bevor er Tyra auf die Wange küßte und ihr herzlich dankte. "Macht es gut, ihr Beiden. Ich seh ich euch dann später. Boah, die Jungs werden umfallen, wenn sie das sehen." Vollkommen euphorisch rannte er aus der Maske und machte sich auf die Suche nach den anderen. Carleen schloß kopfschüttelnd die Tür. "Das werden sie, aber nicht unbedingt vor Freude. Louis wird dich feuern, wenn er sieht, was du mit seinen Schützlingen machst." Sie lehnte sich mit ihrem Rücken an einen der Frisiertische und verschränkte die Arme vor der Brust. "Ach komm, so schlimm sieht es nun wirklich nicht aus. Es hat etwas richtig männliches." verteidigte sich Tyra und begann damit, Kämme und andere Utensilien in den Schubladen zu verstauen. "Nun, Haare wachsen ja Gott sei Dank wieder nach." Carleen hob die Beine, damit Tyra den Boden fegen konnte und setzte ihr schönstes Lächeln auf, als sie sah, daß sie drauf und dran war, Tyra in den Wahnsinn zu treiben. "Bist du jetzt hier, um dich über meine Arbeit lustig zu machen oder hast du etwas wirklich wichtiges zu erzählen?" Tyra stellte den Besen in die Ecke und setzte sich Carleen gegenüber in einen Stuhl. "Das wollte ich gerade dich fragen. Wie kommst du voran?" Tyra zuckte mit den Schultern. "Ziemlich gut. Gib mir noch eine Woche, und die Jungs fressen mir aus der Hand. Außerdem habe ich das hier in der Jackentasche von Mark gefunden." Tyra griff in ihre Hosentasche und holte eine kleine Visitenkarte hervor, die sie Carleen reichte. Carleen drehte sie einmal kurz in ihrer Hand, bevor sie die Adresse las, die auf der Karte zu finden war. "Ein Brautmodengeschäft. Meinst du, er trägt heimlich Kleider?" Carleen lachte über ihren eigenen Witz und grinste, als Tyra ein ziemlich genervtes Gesicht machte. "Sehr witzig, du Nase. Wozu geht man wohl in ein Brautmodengeschäft? Um eine Braut einzukleiden. Und wann kleidet man eine Braut ein? Wenn man heiratet." "Also, ich bitte dich. Nur weil er eine Karte von so einen Geschäft in seiner Tasche hat, muß er doch nicht gleich heiraten. Und Mark schon gar nicht. Weißt du noch, was wir in den ganzen Interviews über ihn gelesen haben? Er wäre der letzte, der sich jetzt an irgend jemanden bindet." "Es ist aber genauso gut auch möglich. Auf jeden Fall ist das etwas, wo wir dran bleiben müssen. Ich würde vorschlagen, wir statten diesem Geschäft an unserem nächsten freien Tag mal einen Besuch ab." Carleen seufzte. "Also gut. Ich glaube aber trotzdem, daß das überhaupt nichts zu sagen hat." "Abwarten. Und jetzt erzähl mir, was du gefunden hast." Tyra verstaute die Karte wieder in ihrer Tasche und sah Carleen neugierig an. "Ich habe nichts gefunden, denn ich schnüffele nicht in den Sachen anderer Leute. Allerdings ist Kian unbedingt jemand, den wir uns genauer ansehen sollten. Da ist etwas im Busch und wir sollten schleunigst heraus finden, was das ist. Nicky hat von irgendwelchen privaten Umständen geredet und sich ziemlich schwer getan, mir zu sagen, worum es sich dabei handelt. Außerdem hat Kian es auf eine von unseren Tänzerinnen abgesehen." "Wie darf ich das denn verstehen?" Carleen stand auf und hakte sich bei Tyra unter. "Das erzähle ich dir beim Mittagessen. Du fällst um, wenn du das hörst."

Kapitel 10

Drei Tage später setzten Carleen und Tyra ihren Plan in die Tat um. Es war ihr erster freier Tag seit sie in Dublin waren, und sie wollten ihn nutzen, um die Recherche um Mark und das geheimnisvolle Brautgeschäft ein wenig zu vertiefen. Jason hatte sich immer noch nicht gemeldet, und es war nur eine Frage der Zeit, bis er erste Ergebnisse sehen wollte. "Da vorne müssen wir nach links." Tyra rieb ihre Hände aneinander und zog sich die Wollmütze noch tiefer in die Stirn. Es war einer dieser regnerischen und ungemütlichen Tage, bei denen man am liebsten im Bett blieb und Fingernägel lackierte. Sie überquerten gemeinsam die Straße, und bogen in die von Tyra anvisierte linke Seitenstraße ein. Links und rechts fanden sich diverse Geschäfte, alle mit riesengroßen und liebevoll ausgestatteten Schaufenstern. Carleen warf noch einmal einen Blick auf die Visitenkarte des Brautgeschäftes. "Da vorne ist es." sagte sie schließlich und zeigte auf ein Geschäft an der Ecke, das über seiner Eingangstür ein Schild mit der Aufschrift "Solyle Brautmoden" besaß. "Und du bist sicher, daß wir da rein gehen sollen?" fragte Tyra, als sie davor standen und sich die Modepuppen im Schaufenster ansahen. "Hast du eine bessere Idee? Wenn wir herausfinden wollen, warum Marky lieber hier als in sündhaft teuren Designerläden einkauft, dann wird uns gar nichts anderes übrigbleiben." "Fein, aber was erzählen wir der Tante, die gerade durchs Fenster späht und davon ausgeht, daß ich sie nicht sehe?" Carleen sah genauer hin und entdeckte die ältere Frau, die hinter einer der Puppen stand und beide neugierig betrachtete. Diese fühlte sich plötzlich ertappt und verschwand im Innern des Geschäftes. "Uns wird schon was einfallen. Jetzt komm endlich." Carleen nahm Tyra an die Hand und ging mit ihr zusammen die kleine Treppe zur Eingangstür hinauf. Tatsächlich handelte es sich bei dem Geschäft um ein Paradies für angehende Bräute. Es war bis obenhin voll mit Brautkleidern jeglicher Größe und Farbe sowie mit Utensilien, die für eine Hochzeit unabdingbar waren. Carleen blätterte gerade in einer Zeitschrift, als die Besitzerin des Geschäftes, welche vorhin so neugierig gewesen war, auf sie zukam. "Kann ich ihnen behilflich sein?" fragte sie mit zuckersüßer -* Was – willst – du – überhaupt - hier?* Stimme und musterte Carleen eingängig. Diese legte die Zeitschrift aus der Hand und lächelte ebenfalls. "Ja, das können sie. Meine Freundin hier wird bald heiraten und wir suchen das passende Kleid für sie." Tyra, die neben Carleen stand, wirbelte den Kopf herum und sah sie entsetzt an. "Wir tun was?" Carleen räusperte sich. "Du weißt schon, deine Hochzeit." Tyra verstand den Wink und nickte heftig, was ihre Wollmütze kräftig wippen ließ. "Oh ja, die Hochzeit. Das hätte ich doch bald vergessen. Wir sind auf der Suche nach einem passenden Kleid für mich." "Nun, dann sind sie hier genau richtig. Wollen wir vielleicht nach hinten gehen? Da werden wir sicher etwas passendes für sie finden." Sie folgten ihr in einen Hinterraum und standen zehn Minuten später mit einer riesigen Auswahl an Kleidern in der Umkleidekabine. Glücklicherweise hatte die alte Schrulle Carleen und Tyra allein gelassen und kümmerte sich nun um eine andere Kundin, die kurz nach ihnen das Geschäft betreten hatte. "Das darf doch wohl nicht wahr sein. Ich sehe aus wie eine Sahnetorte. Warum muß ich das überhaupt anziehen?" beschwerte sich Tyra und musterte ihr Spiegelbild. Sie war in ein cremefarbenes Kleid mit Korsett geschlüpft und sah nach Carleen’s Meinung gar nicht mal so schlecht aus. "Weil das der beste Weg ist, um nicht aufzufallen. Du kannst dich natürlich auch in eine Ecke setzen oder dem Ungeheuer hinter der Kasse indiskrete Fragen über Mark stellen. Ich bin mir sicher, daß wir dann schneller hier raus sind, als uns wirklich lieb ist. Und jetzt mecker nicht rum, sondern amüsier dich ein wenig. Immerhin bist du doch so gut wie verheiratet." Tyra steckte Carleen die Zunge raus und zupfte an ihren weißen Handschuhen herum, ehe sie entnervt aufgab und sie auszog. "Sehr witzig, Pumpkin. Ich werde irgendwann einmal zurückschlagen und meine Rache wird dich treffen, hart und unerwartet." Carleen schüttelte amüsiert den Kopf und verließ die Umkleidekabine, um sich ein wenig umzusehen. Sie machte jedoch wieder auf dem Absatz kehrt, als sie sah, wer noch im Geschäft war. Hastig zog sie den Vorhang zu. "Oh oh, wir haben ein Problem." "Ja, das haben wir. Dieses Kleid sieht furchtbar aus." "Nein, das meine ich nicht. Ich meine die zwei jungen Herren dort draußen, die gerade mit der Frau von Frankenstein plaudern und die wir sehr gut kennen." Tyra drehte sich zu Carleen herum und sah sie verwirrt an. "Wovon redest du überhaupt?" Sie zwängte sich an Carleen vorbei und riß den Vorhang auf, nur um ihn dann wie Carleen ruckartig wieder zu schließen. "Das sind Mark und Shane. Wie kommen die denn hierher?" fragte sie panisch. "Woher soll ich das denn wissen? Auf jeden Fall sind sie hier und das ist gar nicht gut." Carleen schob den Vorhang ein kleines Stück beiseite, so daß sie die Möglichkeit hatte, Mark und Shane zu beobachten. Sie standen, die Hände in die Hosentaschen gesteckt, an der Kasse und unterhielten sich angeregt. Anscheinend schienen sie auf irgend etwas oder irgend jemanden zu warten, denn Mark sah immer wieder ungeduldig auf die Uhr. "Was machen sie?" fragte Tyra neugierig und versuchte ebenfalls, einen Blick zu erhaschen. "Mark hat sich gerade in eine traumhafte Robe geschmissen und gleich wirft er den Brautstrauß." Carleen lachte, als Tyra sie in den Rücken boxte und etwas unverständliches murmelte. "Dann laß mich wenigstens raus und ihn auffangen. Das passende Kleid hab ich ja schon an." "Ja, natürlich und dann...oh mein Gott, sie kommen auf uns zu." Carleen fummelte hektisch am Vorhang herum und hielt ihn krampfhaft zu, als die Stimmen von Mark und Shane immer näher kamen. "Ich frage mich, wie sie da hinein passen will. Hört sie auf, zu atmen?" Shane lachte. "Ich finde es wunderschön. Was ist mit den Blumen?" "Die besorgt Kian. Wir treffen ihn später. Hast du dich um den Anzug gekümmert?" "Ist schon auf dem Weg. Wir sollten nachher noch mal mit Nicky..." Mehr verstand Carleen nicht, denn Mark und Shane gingen langsam wieder nach vorne. Sie wagte einen weiteren Blick durch den Vorhang hindurch, und sah die beiden das Geschäft zusammen mit einem riesigen Kleidersack verlassen. "Ok, Muffin, die Luft ist rein." Sie riß den Vorhang wieder auf und trat aus der Umkleidekabine hervor. "Ich habe doch gesagt, daß die Karte etwas zu bedeuten hat. Wenn Mark nicht heiratet, warum sollte er dann hier einkaufen?" Tyra stemmte die Hände in die Hüften und blickte Carleen zufrieden an. Diese war für einen kurzen Moment lang überfragt. Wenn Mark tatsächlich das vorhatte, wovon Tyra die ganze Zeit überzeugt war, dann hatten sie den Volltreffer schlechthin gelandet. "Ok, dann hattest du eben Recht. Jetzt sollten wir aber erstmal zusehen, daß wir hier raus kommen, also zieh dieses Ding aus." Tyra kam der Aufforderung nach und stand fünf Minuten später in normaler Tageskleidung neben Carleen auf der Straße. Die ältere Dame hatte ein wenig säuerlich geguckt, als Tyra sich für nichts hatte entscheiden können und das Geschäft geradezu fluchtartig verlassen hatte. Der Regen war stärker geworden und zwang die beiden dazu, die Regenschirme aufzuspannen und Slalom um Dreckpfützen zu laufen. Sie wollten auf dem schnellsten Weg ins Hotel, um sich umzuziehen und sich dann endlich einmal mit Brandon alias Kevin in Verbindung zu setzen. "Was ist jetzt schon wieder?" fragte Tyra genervt, als Carleen stehen blieb und in das Schaufenster neben sich blickte. "Da ist Nicky." Tyra schob sich ihre Mütze aus dem Gesicht und sah ein wenig genauer hin. Tatsächlich stand Nicky inmitten eines Spielzeuggeschäfts und observierte verschiedene Puppen. Carleen hätte ihn aufgrund seiner neuen Haarfrisur beinahe nicht erkannt, doch bei genauerem Hinsehen war sie sich sicher, daß es sich um Nicky handelte. "Was macht er da?" "Das werde ich herausfinden. Geh du zum Hotel zurück und suche nach Brandon. Erzähl ihm, was wir gesehen haben und sage, daß ich später nachkommen werde." Carleen drückte Tyra den Schirm in die Hand, während sie noch einmal durch das Fenster sah. Erst Mark und Shane in einem Brautmodengeschäft, dann Nicky im Spielwarenladen. Es hätte sie nicht überrascht, wenn sie Kian zwei Straßen weiter in der Zoohandlung und Bryan im Lottoladen erwischt hätte. Die Jungs hatten eine komische Art, ihren freien Tag zu verbringen. "Wieso hast du immer den ganzen Spaß?" fragte Tyra beleidigt, gab jedoch klein bei, als Carleen sie entnervt ansah. "Wollen wir jetzt vielleicht noch Lose ziehen? Ich sehe dich dann später." Ohne ein weiteres Wort öffnete sie die Tür zu *Dublin Toys* und sah sich sofort mit quietschenden Kinderwägen, nervenden Kleinkindern und gestreßten Müttern konfrontiert. Von irgendwoher kam ein Teddy geflogen, gefolgt von einem kleinen Jungen, der ihn jauchzend aufhob und davon rannte. Carleen schob sich ihre Kapuze vom Kopf und verschwand hinter einem der Regale, von wo aus sie einen besseren Blick auf Nicky hatte. Soweit sie erkennen konnte, wühlte er zwischen Puppen und Plüschtieren und machte ein ziemlich nachdenkliches Gesicht. Als ob das Kaufen von Spielzeug solch eine anstrengende Sache gewesen wäre. Sie mußte fast ein wenig schmunzeln, als sie ihn den Teddy und die Puppe frustriert wegstellen und in eines der anderen Gänge gehen sah. Während er eine Verkäuferin zu Rate zog, nutzte Carleen die günstige Gelegenheit, schnappte sich achtlos einen kleinen Fußball und steuerte auf ihn zu. Sie wartete, bis die Verkäuferin sich wieder entfernt hatte, ehe sie ihn ansprach. "Und ich dachte, du wärst aus dem Alter raus, in dem man mit Puppen spielt." Nicky fuhr erschrocken herum und sah sie entgeistert an. "Jessica? Was machst du denn hier?" Es war ganz offensichtlich, daß er sich bei irgend etwas ertappt fühlte. "Das Gleiche könnte ich ja wohl dich fragen. Ist das für Molly?" Carleen zeigte auf den Plüschelefanten, den Nicky in der Hand hielt. Bryan und Kerry waren, noch bevor Carleen und Tyra von ihrer Arbeit in Kenntnis gesetzt worden waren, Eltern einer kleinen Tochter geworden, und es schien ihr am Logischsten, daß Nicky nach einem Geschenk für sie suchte. "Molly? Nein, also...doch... ich meine.... es ist ein Geschenk für ein kleines Mädchen, aber nicht für Molly. Glaubst du, Ladies können was damit anfangen?" "Ich würde es eher damit versuchen." Sie angelte nach einer blonden Barbie und drückte sie Nicky in die Hand. "Damit kann man eigentlich nichts falsch machen. Aber wieso läßt du so etwas nicht Georgina erledigen? Frauen haben da doch ein weitaus glücklicheres Händchen als Männer." "Das merke ich mir fürs nächste Mal. Aber was verschlägt dich eigentlich hierher?" Er stellte den Plüschelefanten wieder ins Regal und lief mit Carleen vor zur Kasse. "Nenn mich verrückt, aber ich stöbere gerne mal in solchen Läden. Man kann ja nie wissen." Damit hatte sie sich geschickt aus der Affäre gezogen und noch nicht einmal gelogen. Auch Nicky gab sich damit zufrieden und angelte nach seinem Portemonnaie. Er bezahlte und verließ anschließend zusammen mit Carleen das Geschäft. "Hast du heute abend eigentlich schon was vor?" fragte er, während er sich eine Basketballkappe aufsetzte und seine Augen hinter einer Sonnenbrille versteckte. "Nicht unbedingt. Warum fragst du?" "Wir wollten heute abend in ein Pub gleich hier in der Nähe, die Jungs und ich. Eigentlich sollte es nur eine *lad’s night out* werden, aber Geo und Kerry sind ebenfalls mit von der Partie. Scarlett und Rachel haben auch schon zugesagt. Hast du Lust, mitzukommen?" "Klar. Wann geht es los?" fragte Carleen eher beiläufig, da sie sich darauf konzentrierte, die Pfützen unter ihren Füßen zu umgehen. Zwar hatte der Regen aufgehört, aber die Straßen waren noch immer geradezu überflutet. " Mark und Shane müssen noch etwas erledigen und Kian wird auch erst später zurück sein, also werden wir erst gegen sieben aufbrechen. Ist dir das Recht?" Carleen nickte.

Kapitel 11

"Also, es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder hat Mark eine sehr ausgeprägte weibliche Seite, oder dieses Kleid war gar nicht für ihn, sondern seine Zukünftige bestimmt. Dreimal darfst du raten, was am Wahrscheinlichsten ist." Tyra setzte sich auf den Bettrand, sorgsam darauf bedacht, ihren Rock nicht zu knittern. Es war kurz nach halb sieben, und sie saß zusammen mit Carleen in deren Zimmer und warf verschiedene Interpretationen der geschehenen Dinge in den Raum. Carleen für ihren Teil wühlte verzweifelt in ihrem Kleiderschrank und suchte nach dem passenden Outfit für den bevorstehenden Abend. Noch dazu mußte sie sich auf Tyra’s nervtötendes Geplapper und die Uhr konzentrieren, damit sie nicht zu spät kamen. Es war zum Verzweifeln. "Sag einfach, was du von der ganzen Sache hältst, und hör auf, solche Ratespiele zu veranstalten. Ich habe da gerade überhaupt keine Lust und überhaupt keine Zeit zu." Tyra schlug die Beine übereinander und wippte mit einem Fuß auf und ab. "Was ich denke? Ich denke, daß es eine Schande ist, Mark nur einer einzigen Frau zu überlassen. Dieser Mann ist ein Gott, ein Phänomen. Wahrscheinlich haben sie ihn unter Drogen gesetzt, als er ja gesagt hat. So ein Mann gibt sich nie und nimmer mit nur einem Exemplar der weiblichen Spezies zufrieden." Wenn Carleen nicht so in Eile gewesen wäre, hätte sie lauthals losgelacht und sich über Tyra’s kindisches Benehmen lustig gemacht. Es war ganz offensichtlich, daß Tyra sich ihrem Recht, Mark zu vernaschen, beraubt fühlte. "Wie auch immer. Sollen wir Brandon nun erzählen, was wir gesehen haben, oder warten wir lieber, bis wir handfeste Beweise für unsere Vermutung haben?" fragte Carleen und setzte ihre Suche nach einem passenden Oberteil zu ihrer schwarzen Hüfthose fort. "Erstens haben wir handfeste Beweise und zweitens habe ich es ihm schon gesagt." sagte Tyra fast ein wenig kleinlaut. Carleen hielt in ihrem Tun inne und drehte sich zu ihr herum. "Du hast es ihm gesagt? Wir wissen doch noch nicht einmal, was wirklich an der Story dran ist." "Ach komm, was wir gesehen haben, spricht ja wohl für sich." "Natürlich. Dann hat Nicky wahrscheinlich auch eine uneheliche Tochter, nur weil er Puppen kauft. Das ist verdammt noch mal weit hergeholt, Tyra." "Oh nein, das wäre sogar sehr gut möglich. Warum hat er sich sonst so komisch verhalten, als du ihn getroffen hast? Er hat sich in Ausflüchte gerettet, und du warst dämlich genug, um ihn damit durchkommen zu lassen." Carleen stemmte ihre Hände in die Hüfte und schnaubte ungläubig. "Das ist ja wohl nicht dein Ernst. Ich wollte lediglich nicht aufdringlich erscheinen und im Gegensatz zu dir vermute ich hinter einem Spielzeug noch nicht gleich die große Verschwörung." Genervt griff sie nach ihrer Hose und verschwand im Bad, um sich umzuziehen. Tyra konnte einem manchmal wirklich auf den Keks gehen. Natürlich war es sicherlich interessant, herauszufinden, warum Nicky so kurz angebunden gewesen war, aber Nicky gleich eine halbe Familie anzudichten, war ziemlich übertrieben. "Fein, aber beschwer dich hinterher bloß nicht, wenn sich meine Vermutung doch als wahr herausstellt." tönte Tyra aus dem Nebenzimmer. Carleen seufzte, während sie den Knopf ihrer Hose schloß und sich im Spiegel betrachtete. Womit hatte sie das verdient? Sie trug einige Spritzer ihres Parfüms auf und kämmte sich die Haare, bevor sie wieder hinüber zu Tyra ging und ein weiteres Mal nach einer passenden Bluse suchte. Nur im BH zu gehen, würde sich als ein wenig frisch gestalten. Nachdem sie den Kleiderschrank von oben bis unten durchgewühlt hatte, mußte sie sich schließlich zwischen einer roten Bluse und einem beigefarbenen Top entscheiden. Sie nahm beide Oberteile und drehte sich zu Tyra um. "Was meinst du? Die oder die?" fragte sie und hielt sie abwechselnd hoch. Tyra sah sie gelangweilt an, ehe sie mit den Schultern zuckte und zu Boden sah. Carleen kannte diese Masche. "Jetzt sei doch nicht beleidigt. Ich finde es ja wirklich toll, daß du dir bei diesem Job so eine Mühe gibst, aber ich bezweifle einfach, daß die Jungs wirklich derartige Geheimnisse haben." Sie setzte sich neben Tyra und sah sie von der Seite an. "Tut mir leid, wenn ich mich lustig über dich gemacht habe. Das wollte ich wirklich nicht." Tyra überlegte einen Moment, bevor sie grinste und Carleen einen kleinen Seitenhieb verpaßte. "Wir sind schon ein tolles Team, oder? Hocken hier rum und haben keine Ahnung, was wirklich los ist. Am Ende stimmt das mit der weiblichen Seite doch noch." Beide schüttelten sich bei dem Gedanken daran und Carleen lachte, als sie aufstand, und Tyra erneut ihre Auswahl hinhielt. "Rot oder Beige?" "Rot. Und nun komm aus der Tüte, sonst gehen die Jungs ohne uns." Carleen kam der Aufforderung nach und zog sich die Bluse über, bevor sie ihre Haare noch einmal schnell durchkämmte und Tyra samt Handtasche nach draußen folgte. In der Tiefgarage waren extra zwei schwarze Kleinbusse bereitgestellt worden, die Westlife und Gefolge in den Club fuhren. "Was beschweren die sich eigentlich? Wollen nicht auffallen, aber tun so, als würden sie zur Regierung gehören." Tyra stieg mit geducktem Kopf in den Wagen und nahm neben Carleen Platz, die wiederum neben Shane saß. Carleen selber war ebenfalls ein wenig überrascht über die Art und Weise, mit der die Jungs einen Clubbesuch gestalteten. Zwar war keine Security dabei, dafür aber zwei riesengroße schwarze Autos, mit denen sie auch kaum auf sich aufmerksam machen würden. Mark erklärte sich bereit, den Chauffeur zu mimen, wollte den Wagen dann aber am Club stehen lassen und mit einem Taxi ins Hotel zurückfahren. Zu viert machten sie sich auf den Weg und warteten auf dem Parkplatz auf den zweiten Wagen, der auch nicht lange auf sich warten ließ. "Und Byrne hat schon wieder keine Scheinwerfer an! Fährt der nach Gefühl, oder hält der erst dann an, wenn er die erste Omi breit gefahren hat?" Shane schüttelte den Kopf und hielt Carleen die Tür auf, als sie das "Glitters" betraten. Sofort ertönte ohrenbetäubend laute Musik, gemischt mit wild tanzenden Partygästen und gestreßten Kellnern, die gute Miene zum bösen Spiel machten. Carleen sang leise mit, als Kylie Minogue’s "Can’t get you out of my head" aus den Boxen dröhnte und jeden Anwesenden in Feierlaune versetzte. Zielstrebig steuerte Shane auf einen Tisch am Rande der Tanzfläche zu und rutschte in die Mitte der Bank, auf der nach und nach auch Mark, Tyra und Carleen Platz nahmen. Sie waren gerade dabei, Getränke zu bestellen, als auch der Rest dazu stieß. "Was auch immer passieren mag, laßt Nix nie wieder an ein Steuer. Er würde sogar wehrlose kleine Hunde überfahren, wenn es sein müßte." beschwerte sich Bryan ängstlich und fing dafür einen Kneifer von einer blonden und sehr hübschen jungen Frau, die Carleen als Kerry erkannte. "Hör auf, ihn zu ärgern, Bry. Er wollte nur nicht zu spät kommen, sonst hätte er die rote Ampel nie überfahren." sagte sie und setzte sich neben ihn. "Hätte er doch. Wenn er uns während der Fahrt fragt, wo an diesem dämlichen Ding die Bremsen sind, dann wäre er über alles drüber gefahren." fügte Kian lachend hinzu. Er hatte einen Arm um Rachel gelegt und wartete, bis sie hinter den Tisch gerutscht war, ehe er sich dann selber setzte. Sie gaben ein schönes Paar ab, doch aus irgendeinem Grund war Carleen froh, daß sie nicht neben ihr saßen. Die letzten Tage hatten zwar entschieden dazu beigetragen, daß sie sich immer besser mit Kian verstand, doch sie wahrten trotzdem einen respektvollen Abstand zueinander. Bryan und Nicky waren diejenigen, mit denen sie gerne alberte und Blödsinn machte, Shane fragte sie um Rat, wenn sie während der Proben nicht weiterwußte und Mark war einfach nur jemand, den man gern haben mußte. Von Kian allerdings hielt sie sich, so gut es ging, fern. Zwar war sie davon überzeugt, daß er zum Teil nett und liebenswert sein konnte, doch sie fühlte sich bei einer Unterhaltung mit ihm unsicher und unwohl. Sie hatten Frieden geschlossen und das reichte ihr. "Jess, darf ich dir die Frau meiner Träume, Grund meiner schlaflosen Nächte und Mutter meines Kindes vorstellen?" fragte Bryan und lächelte ihr zu. "Muß ich sie jetzt immer so nennen oder hast du auch eine Abkürzung dafür?" fragte Carleen lachend. "Kerry wäre wundervoll. Hy, Jessica. Es freut mich, dich kennenzulernen. Ich hoffe, er spricht nicht immer so über mich, denn das wäre wirklich peinlich." Carleen schüttelte ihre Hand und grinste. "Und ob er das tut. Den ganzen Tag eigentlich. Wenn er nicht so anstrengend wäre, würde ich dich glatt beneiden." Kerry strich Bryan verliebt über den Kopf und küßte ihn anschließend. Carleen hatte selten zwei Menschen gesehen, die sich so sehr ergänzten. Bryan war ein ziemlicher Quatschkopf und katapultierte sich von einer Schwierigkeit in die andere, doch für seine Kerry hätte er schlichtweg alles getan. Wenig später machte Nicky sie auch mit Georgina bekannt, die nicht weniger nett war, dafür aber ein wenig reserviert schien. Wie auch immer, Carleen führte eine äußert amüsante Unterhaltung mit ihr über die Fahrweise von Nicky, bevor sie von Shane zum Tanzen aufgefordert wurde. Nach zwei Drinks fiel es ihr nicht schwer, ja zu sagen und so beschwerte sie sich auch nicht, als sie danach noch mit Nicky, Bryan, Mark und dann wieder Shane über die Tanzfläche schwebte. Sie genoß den Abend in vollen Zügen und vergaß zum ersten Mal, warum sie wirklich mit den Jungs zusammen war, auch wenn sie weiterhin jedes Gespräch mit besonders großem Interesse verfolgte und jede Möglichkeit wahr nahm, um mehr über die Jungs in Erfahrung zu bringen. Selbst als sie kurz auf Toilette verschwand, war sie mehr auf die Unterhaltung von Georgina und Rachel als auf ihr eigentliches Anliegen konzentriert. "Ich weiß gar nicht, was du willst. Kian ist aufmerksam, tanzt mit dir, und bezahlt deine Drinks. Mir ist nicht aufgefallen, daß er sich anders verhält." Carleen versuchte, so leise wie möglich an ihrem Klopapier zu ziehen. "Das mag ja sein, aber er verhält sich trotzdem anders. Ich glaube einfach nicht, daß er das nur wegen Lilly macht. Warum sagt er mir nicht, was ihn beschäftigt?" Ein Wasserhahn wurde aufgedreht. "Du hast selber gesagt, daß du nichts festes willst, also solltest du dir darüber nun wirklich nicht den Kopf zerbrechen." "Ja schon, aber wenn wir miteinander schlafen, kann er mir doch wenigstens auch sagen, was los ist." Einer der beiden drehte den Wasserhahn zu, bevor eine Tür aufging und sich dann wieder schloß. Stille. Carleen beendete ihre Notdurft, und trat erneut hinaus ins bunte Geschehen. Sie observierte den Raum und entdeckte Mark und Tyra auf der Tanzfläche, sowie Georgina und Rachel, die wieder zum Tisch zurückgekehrt waren. Rachel saß auf Kian’s Schoß und streichelte ihm den Nacken, was dieser anscheinend nur noch zur Hälfte wahrnahm. Er hatte, genau wie sie alle, eine ganze Menge getrunken und verlor ein wenig die Kontrolle über die ganze Angelegenheit. Während Carleen zum Tisch zurückging, versuchte sie, sich aus dem eben Gehörten einen Reim zu bilden. Sie war sich nun vollkommen sicher, daß das zwischen Kian und Rachel nicht viel zu bedeuten hatte, doch wer zur Hölle war Lilly? Sie traute Kian einiges zu, aber zwei Frauen gleichzeitig waren sogar für ihn undenkbar. Langsam aber sicher verlor sie den Überblick, doch sie kümmerte sich nicht weiter darum. Sie wollte Spaß und den bekam sie. Bis zwei Uhr nachts wurde gefeiert, getanzt und gesungen, ehe sich zuerst Bryan und Kerry und anschließend auch Nicky und Georgina verabschiedeten. Die einen wollten nach ihrer Tochter sehen, die anderen ein wenig allein sein. Carleen verabschiedete sich mit einer innigen Umarmung von Kerry, mit der sie den ganzen Abend über erzählt und gefeiert hatte, um anschließend auch Shane und Mark auf Wiedersehen zu sagen. Erst als auch diese beiden verschwunden waren, bemerkte sie, daß Tyra und Rachel aus irgendeinem Grund unauffindbar waren und sie alleine am Tisch saß- zusammen mit Kian. Er hatte sich mit einem Ellenbogen auf dem Tisch aufgestützt und starrte in sein fast leeres Glas, eines von vielen an diesem Abend. Sein Kopf wippte zu den Takten von "It’s my life" und ließ ihm seine Haare noch ein wenig weiter in die Stirn fallen. Carleen wollte aufstehen und ins Hotel zurück gehen, doch sie sah, daß Kian ohne Zweifel betrunken war. Würde sie jetzt so einfach so gehen, hätte sie an diesem Abend keine ruhige Minute mehr gehabt. Sie lehnte sich ein wenig über den Tisch, damit Kian sie auch wirklich hören konnte. "Laß uns zum Hotel fahren." Er hob seinen Kopf ein wenig und sah sie an. "Warum? Ist die Party schon zu Ende?" "Für dich schon." Carleen stand auf und lief um den Tisch herum, damit sie ihm beim gehen helfen konnte. Hoffentlich würde er freiwillig mit ihr gehen, denn auf eine Diskussion mit ihm hatte sie wirklich keine Lust. Tatsächlich trank er sein restliches Bier in einem Zug und stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch, um aufzustehen. "Oh, Vorsicht. Glasscherben bringen sieben Jahre Pech und das kann ich gerade überhaupt nicht gebrauchen." Carleen griff nach seinem Arm und wartete, bis er den anderen um ihre Schulter gelegt hatte, ehe sie mit ihm nach draußen ging. Er machte sich überhaupt keine Mühe, selber ein Stück zu gehen, sondern hing an Carleen, die krampfhaft versuchte, mit ihren freien Hand nach einem Taxi zu winken und ihn mit der anderen festzuhalten. "Fahre ich jetzt Auto?" fragte Kian und sah sie mit seinen blauen Augen an. Carleen konnte sich nicht helfen und schmunzelte. "Du kannst nicht fahren, du bist betrunken." erklärte sie ihm. "Und ich kann nicht fahren, weil ich nicht fahren kann!" Carleen lachte wieder, während sie ein Taxi von der gegenüberliegenden Straße heran winkte. Tatsächlich wendete dieses und hielt kurz darauf vor Carleen und Kian. "So, Mister, einsteigen. Vorsicht, dein Kopf." Sie wartete, bis Kian eingestiegen war, ehe sie ihm folgte und dem Fahrer die Adresse des Hotels nannte. Carleen hatte sich gerade angeschnallt, als Kian ein wenig an sie heran rutschte und seinen Kopf in ihren Schoß legte. Ungeduldig tippte sie dem Taxifahrer auf die Schulter. "Sie fahren lieber ein wenig schneller, wenn sie nicht wollen, daß man ihnen gleich den Wagen voll kotzt."

Kapitel 12

Carleen hatte einige Mühe, Kian aus dem Taxi zu bekommen, ohne ihm oder ihr selbst weh zutun. Auch der brummige Taxifahrer war ihr dabei keine große Hilfe, sondern drängte sie dazu, sich zu beeilen. Sie drückte ihm einen Geldschein in die Hand, mit der Bitte, er möge sich doch am Arsch lecken, ehe sie wieder an Kian’s Seite eilte und ihn ins Hotel beförderte. "Oh, hier ist aber hell." beschwerte er sich lallend, als sie hinüber zum Fahrstuhl gingen. Glücklicher Weise war es in der Lobby menschenleer und nur die Frau an der Rezeption bat Carleen um ihren Ausweis, den sie bereitwillig vorzeigte. Kian hatte es da etwas leichter, denn er mußte sich nicht extra ausweisen, um zu beweisen, wer er war. Im Fahrstuhl lehnte Carleen ihn gegen eine der verspiegelten Wände und drückte auf den Knopf für die 16. Etage. Sie war geschafft und wirklich müde, aber zuerst mußte sie dafür sorgen, daß Kian unbeschadet ins Bett kam. Für gewöhnlich war sie nicht annähernd so fürsorglich, doch das hier war schließlich etwas anderes, dachte sie zumindest. Kian war vielleicht nicht ihr Freund und ganz sicher auch kein Vertrauter, aber eine Woche intensives Tanztraining und das ein oder andere nette Wort hatten dazu beigetragen, daß sie ihn auf ihre Weise irgendwie mochte. Und wer konnte solchen Augen widerstehen? Sie mußte lauthals loslachen, als er ihr selbst in seinem erbärmlichen Zustand noch zuzwinkerte. "Gib es auf, Egan. Du bist gerade alles andere als sexy." Ok, sie flunkerte ein wenig. Selbst sturzbetrunken hatte er noch etwas an sich, was ihn äußerst attraktiv erscheinen ließ, doch Carleen hatte im Moment ganz andere Dinge im Kopf und wirklich keine Zeit, mit ihm zu flirten. Als der Fahrstuhl zum Stehen kam, warf sie sich wieder seinen Arm um die Schulter und ging hinaus in den Flur mit ihm. Sie hatte sich innerlich schon auf eine endlose Diskussion mit der Security und möglicherweise auch Anto eingestellt, doch von denen war weit und breit nichts zu sehen. Auf dem kleinen Tisch neben dem Fahrstuhl lagen zwei Donuts zusammen mit einer Tasse Kaffee, was auf die baldige Rückkehr irgendeines Bodyguards schließen ließ. Carleen beeilte sich darum zusätzlich, denn sie konnte sich nicht vorstellen, daß man Kian’s Zustand sonderlich begrüßen würde. Sie ermahnte ihn mehrmals dazu, ruhig zu sein und mit dem Singen aufzuhören, und eilte den Flur entlang. "So, wo ist dein Schlüssel, Kian?" fragte Carleen schließlich, als sie vor seiner Zimmertür standen. Er sah sie an, als würde er nicht verstehen, wovon sie überhaupt redete, bevor er in seine Tasche griff und dabei ein wenig das Gleichgewicht verlor. "Mein Schlüssel?" Carleen seufzte. "Ja, deinen Schlüssel. Du weißt schon, daß metallene kleine Ding, mit dem man Türen öffnet. Du hast ihn doch heute abend bei dir gehabt, oder?" Sie stieß ihn ein wenig an, als er nicht antwortete. "Hey, ich rede mit dir. Erde an Kian. Wo ist dein Schlüssel?" Langsam aber sicher wurde sie ein wenig ungeduldig. Kian zuckte nur mit den Schulter, bevor er sich an sie lehnte und die Augen schloß. "Ich weiß nicht. Nicht da." Carleen wollte sich selber vergewissern, und steckte eine Hand in seine Hosentasche. Tatsächlich war dort außer einem Handy nichts zu finden, und die andere war komplett leer. Carleen seufzte. Da stand sie nun mit einem Betrunkenen mitten auf dem Flur eines ihr fremden Hotels und hatte keinen Schlüssel. Sie wußte, daß es jetzt nur noch eine Möglichkeit gab, aber sie sträubte sich ein wenig, diese auch wirklich zu ergreifen. "Also gut. Du wirst dich nicht beschweren, keine dummen Kommentare von dir geben und nicht in mein Bett kotzen, hast du mich verstanden? Solltest du das trotz meiner Warnung doch tun, werde ich dich sofort in den Flur setzen, wo du dann die ganze Nacht verbringen kannst. Oh Mann, ich glaub‘ es ja nicht." Ihr blieb gar nichts anderes übrig. Sie konnte ihn entweder hier sitzen lassen, oder mit zu sich nehmen und dafür sorgen, daß er seinen Rausch nach allen Regeln der Kunst ausschlief. Es war klar, daß sie sich für letzeres entscheiden würde, zumal sie dabei auch ein wenig Hintergedanken hatte. Ein Blick in sein Handy oder seine Hosentaschen würde ihr vielleicht bei ihrer Arbeit weiterhelfen. Sie angelte mit ihrer freien Hand nach dem Zimmerschlüssel in der Handtasche und steckte ihn ins Schloß. Kian hatte in keinster Weise protestiert, was wohl auch daran lag, daß er keine Ahnung davon hatte, was vor sich ging. "Setz dich da drüben hin, Kian. Hast du mich gehört? Auf das Bett." Carleen ließ Kian vorsichtig los und vergewisserte sich, daß er auch wirklich alleine gehen konnte, bevor sie sich umdrehte, und die Tür schloß. Dann warf sie ihre Handtasche in eine Ecke und sammelte ein paar Sachen zusammen, die quer über den Boden verstreut waren. Kian machte keine Regung, sondern saß ganz ruhig auf dem Bett und sah ihr zu. Dieses eine Mal hatte Carleen das Gefühl, die Oberhand zu haben. Kein Kian, der alles im Griff hatte, kein Kian, der ihr überlegen war, kein Kian, der Entscheidungen traf. Nur ein Kian, der sturzbetrunken auf ihrem Bett saß und sie anlächelte. Sie mußte selber lachen, als sie daran dachte, was Tyra wohl mit einem vollkommen hilflosen Kian auf ihrem Bett machen würde. Ein netter Gedanke, den Carleen sofort wieder verwarf. Sie sollte sich nicht ständig von Äußerlichkeiten leiten lassen, doch wer tat das nicht? Carleen warf die letzten Sachen in den Kleiderschrank und schloß ihn sorgfältig, bevor sie zu Kian hinüber ging. "Du legst dich jetzt dorthin und versuchst, ein wenig zu schlafen, ok?" "Okayyyyy." Er nahm augenblicklich die Beine hoch und legte sich auf den Rücken. Carleen hatte nicht damit gerechnet, daß er ihrer Aufforderung sofort nachkam. "Hey, nicht so schnell. Was ist mit deinen Sachen? Willst du dich nicht umziehen? Du kannst unmöglich in diesen Dingern schlafen." sagte sie und zeigte dabei auf seine Schuhe. Kian machte sich gar nicht erst die Mühe, nachzusehen, was Carleen meinte, sondern schüttelte nur mit dem Kopf. "Dann zieh sie aus!" Wieder schüttelte er den Kopf. Carleen kämpfte einen Moment mit sich, bevor sie sich selber an das Bettende stellte und damit begann, seine Schuhe zu öffnen. "So, und jetzt deine Hose, Kian. Na los." Wieder zeigte er keine Regung, sondern grinste nur breit. "Fein, du hast es ja nicht anders gewollt. Bild dir bloß nichts drauf ein." Herrgott, sie kannten sich kaum und jetzt ging sie ihm an die Wäsche. Ein wenig unsicher schob sie sein Hemd nach oben und öffnete seinen Hosenknopf, bevor sie den Reißverschluß nach unten zog und schwarze Boxershorts zum Vorschein kamen. "Ich tu es wirklich, ich tu es wirklich. Mum, verzeih mir." murmelte sie, bevor sie ans Bettende zurückkehrte und an seinen Hosenenden zog. Wenigstens war er so freundlich und hob seinen Hintern ein wenig, so daß sie die Hose problemlos ausziehen und auf den Boden werfen konnte. "Ich nehme mal an, daß das Öffnen des Hemdes jetzt auch an mir hängen bleibt, oder?" Sie grinste schief, als Kian nur mit den Schultern zuckte und versuchte, sich auf die Seite zu rollen. "Moment, Egan, nicht so schnell." Bevor er ihr seinen Rücken zudrehen konnte, hatte sie ihn an der Schulter festgehalten und damit begonnen, sein Hemd zu öffnen. Mittlerweile war ihr doch ein wenig unwohl bei der Sache, zumal Kian sie dabei auch noch eindringlich ansah. Knopf für Knopf arbeitete sie sich vor, bis das Hemd vollständig offen war. "Setz dich hin!" befahl sie und half ihm dabei, bevor sie das Hemd über seine Schultern schob und ebenfalls auf den Boden fallen ließ. Sie getraute sich gar nicht erst, ihn anzusehen, sondern wartete, bis er sich wieder hingelegt hatte und sie ihn zudecken konnte. "Nacht." murmelte er und schlief, bevor sein Kopf das Kissen berührt hatte. Carleen legte ihm vorsichtig die Bettdecke bis unters Kinn und strich ihm einige Strähnen aus dem Gesicht. "Gute Nacht." flüsterte sie ebenfalls, bevor sie die Nachttischlampe ausmachte und ins Bad ging. Dort knipste sie das Licht an, putzte sich die Zähne und kämmte ihre Haare, ehe sie in ihr Nachthemd schlüpfte und ins Schlafzimmer zurückkehrte. Durch die Dunkelheit hindurch konnte sie Kian’s gleichmäßigen Atem hören, der sich auch dann nicht änderte, als sie leise neben ihm ins Bett kletterte. Für einen Moment lag sie reglos da und überlegte, was sie da eigentlich tat. Nicht nur, daß sie ihn bei sich hatte im Bett schlafen lassen, nein, sie hatte ihn auch noch ausgezogen. Es wäre lächerlich gewesen, daraus eine besonders große Sache zu machen, aber wieso hatte sie so ein seltsames Gefühl in der Magengegend gehabt, als sie ihm eine gute Nacht gewünscht hatte? Warum war sie so verkrampft gewesen, als sie ihn bis auf die Unterhose hatte ausziehen müssen? Seltsam. Carleen rollte sich auf ihre linke Seite und schlief innerhalb weniger Minuten. Es war ein sehr fester Schlaf ohne Träumerei, aus dem sie kurze Zeit später fröstelnd erwachte und feststellte, daß sie ohne Decke dalag. Sie hatte die Angewohnheit, sich innerhalb einer Nacht aus überflüssigem Stoff zu strampeln und ihn auf den Boden zu werfen. Dort war ihre Decke aber nicht. Verschlafen drehte Carleen sich auf ihre andere Seite und sah augenblicklich in das Gesicht von Kian, der unter einem Berg an Decken und Kopfkissen ein- und ausatmete. "Kian, Kian!" Sie rüttelte verschlafen an seiner Schulter. "Mmh?" Sie wußte, daß er sie kaum wahr nahm, aber wenn sie nicht gleich etwas zum Zudecken bekam, würde sie erfrieren. "Gib mir meine Decke wieder. Du hast selber eine." "Mir ist kalt." murmelte er, immer noch im Halbschlaf. "Dir kann nicht kalt sein, du hast deine Decke und meine. Also gib mir eine wieder." Sie zog frustriert an ihrer Decke, kam aber nicht besonders weit, da Kian ihr den gewonnen Zipfel sofort wieder entzog. "Kian, das ist nicht mehr witzig." beschwerte sie sich weinerlich. Kian murmelte etwas unverständliches, bevor er beide Decken hob. "Komm her!" Sie bezweifelte, daß er wirklich wußte, daß sie Carleen - beziehungsweise Jessica - und nicht eine seiner Eroberungen war. Trotzdem war ihr immer noch kalt und sie mußte sein Angebot wohl oder übel annehmen, wenn sie weiter schlafen wollte. Bereitwillig rutschte sie an ihn heran und kuschelte sich in seine Umarmung, ehe Kian sich und sie sorgfältig zudeckte. Carleen hielt das für ziemlich süß, denn obwohl er immer noch angetrunken und wahrscheinlich todmüde war, sorgte er dafür, daß es ihr gut ging. Sein Körper war warm und weich und sorgte dafür, daß Carleen sich augenblicklich wohl fühlte. Sie wollte sich jetzt keine Gedanken darüber machen, in wessen Armen sie da eigentlich lag und wie vertraut sie plötzlich miteinander waren. Als er Hilfe gebraucht hatte, hatte sie ihm geholfen, jetzt hatte er ihr einen Gefallen getan. Sie würde am Morgen noch genug Zeit haben, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Für den Moment legte sie ihren Kopf an seinen Hals und schlief mit dem Geruch seines Aftershave in ihrer Nase ein. Wieder schlief sie fest und gleichmäßig und wurde erst durch ein monotones Fiepen in ihrem Ohr geweckt. Mit einem lauten Stöhnen hielt sie sich eine Hand vor ihr Ohr, um das Geräusch zu dämpfen, doch es wollte einfach nicht verschwinden. Sie öffnete die Augen und realisierte, daß sie noch immer genauso dalag, wie sie eingeschlafen war. Kian hielt sie noch immer in seinen Armen und noch immer schlief er. Sie mußte kurz grinsen, bevor sie sich aus seiner Umarmung befreite und dem störenden Klingeln auf den Grund ging. Es war das Telefon. Sobald sie ihre Erkenntnis realisiert hatte, ging sie leise zum Schreibtisch hinüber und hob den Hörer ab. "Hallo?" sprach sie leise, darauf bedacht, Kian nicht zu wecken. Überhaupt wunderte sie sich, wie es jemand fertigbrachte, sechs Uhr in der Früh bei ihr anzurufen. "Hey Darling, wie geht es dir? Ich hoffe, du hast mich wenigstens ein bißchen vermißt." Es war Jason.

Kapitel 13

Carleen wußte nicht, was sie zuerst machen sollte. Antworten, oder erst einmal verschwinden. Sie entschied sich für letzteres und huschte mit einem kurzen Seitenblick auf Kian ins Badezimmer. "Carleen? Bist du noch dran?" Sie drehte den Schlüssel im Schloß und vergewisserte sich, auch wirklich abgeschlossen zu haben, bevor sie sich auf die Klobrille setzte und antwortete. "Ja, ich bin hier. Was willst du?" Am anderen Ende der Leitung konnte sie ein überraschtes Lachen vernehmen. "Was ich will? Ich bin dein Auftraggeber, schon vergessen? Sei mir nicht böse, aber die Begrüßung hatte ich mir wirklich ein wenig anders vorgestellt." "Es ist mitten in der Nacht und ich habe kaum geschlafen. Tut mir leid, daß ich dir kein schönes Lied singe." antwortete sie leise und sah ungeduldig auf die verschlossen Tür vor sich. "Warum flüsterst du?" Sie zögerte einen Moment. "Ich, ich bin heiser. Die Luft hier bekommt mir nicht so gut, ist ein Fall von akuter Atemnot." Carleen würde Jason darüber im Unklaren lassen, wer nebenan lag, und da sie damit keine wichtigen Informationen verschwieg, war das auch kein Verbrechen. Außerdem konnte sie sich nur zu gut vorstellen, welche Schlüsse Jason daraus ziehen würde. "Oh. Also, irgendwelche Neuigkeiten?" Carleen rieb sich ihre kalten Beine, während sie sich eine Antwort überlegte. "Nicht unbedingt. Wir sind ein paar Hinweisen nachgegangen, aber bis jetzt hat sich da nicht wirklich was Interessantes ergeben. Hast du denn nicht mit Brandon gesprochen?" fragte sie vorsichtig. Sie würde ein ziemliches Problem haben, wenn Jason sie nur testen wollte, und sie ihm dann dabei wichtige Informationen vorenthielt. Allerdings wußte er wirklich noch nicht viel, denn er hatte weder mit Brandon, noch mit Tyra gesprochen. Statt dessen stellte er ihr ein paar Fragen, die sie geistesabwesend mit "Ja" oder "Mhh" beantwortete, denn ihre eigentliche Aufmerksamkeit galt dem Nebenraum. Wenn Kian jetzt wach war und das Gespräch in irgendeiner Weise mithören konnte, würde sie einiges zu erklären haben. "Wie geht es dir?" fragte Jason schließlich und holte Carleen somit in das Gespräch zurück. "Was? Oh, mir geht es gut. Die Proben sind mörderisch, aber das hast du ja sicher schon gewußt. Auf jeden Fall werde ich mich dafür ausreichend bedanken, vielleicht mit einer chinesischen Streckbank." Er lachte. "Tut mir leid, daß dir dieser Teil deiner Arbeit nicht besonders gefällt, aber du wirst dich dran gewöhnen. Wie kommst du mit den Jungs zurecht?" Wieder sah sie sich nervös zur Tür um. Irgendwie war es eigentlich klar, daß Jason ausgerechnet jetzt all diese Fragen stellte. Sie schien hier von einer Katastrophe in die nächste zu schlittern. "Alles in Ordnung. Ich glaube, wir werden langsam warm miteinander. Wie kommst du eigentlich dazu, um so eine Uhrzeit hier anzurufen?" Carleen hoffte, damit das Gespräch möglichst schnell beenden zu können. Sie mußte dringend noch ein wenig schlafen, wenn sie die kommenden Stunden überleben wollte und hatte auch nicht unbedingt Lust darauf, Jason auf der Toilette sitzend all das zu berichten, was sie in der letzten Woche erlebt hatte. "Das ist die einzige Zeit, in der wir ungestört reden können. Ich wollte es vermeiden, dich womöglich bei deiner Arbeit zu stören." Aber dafür meinen Schlaf, dachte sie. "Das ist ja alles gut und schön, aber ich bin wirklich ziemlich fertig und könnte noch ein paar ruhige Minuten vertragen. Warum rufst du nicht bei Tyra an und gehst ihr ein wenig auf die Nerven? Sie würde sich über einen Anruf von dir sicherlich freuen." "Natürlich, und demnächst regnet es Gummibärchen. Ich verstehe schon, du willst mich loswerden." "Nun, ganz so drastisch würde ich es nicht ausdrücken. Sagen wir lieber, daß ich gerade nicht besonders gesprächig bin. Wann meldest du dich wieder?" "In den nächsten Tagen. Sei so nett, und mach dich bis dahin ein wenig kundig. Ich bezahle dich immerhin nicht umsonst." Sie runzelte ihre Nase und steckte dem Hörer die Zunge raus. "Hab schon verstanden, Boß. Bis später." "Bye." Carleen war froh, als sie das Gespräch beenden und wieder hinüber gehen konnte. Es lag ihr nicht besonders, in aller Herrgottsfrühe Telefonate zu führen, besonders dann nicht, wenn es sie in arge Schwierigkeiten bringen konnte. Sie schaltete das Licht aus, entriegelte die Tür und ging zurück ins Nebenzimmer. Noch immer war es ein wenig düster, und noch immer bewegte sich die Bettdecke mit jedem leisen Atemzug von Kian. Er hatte sich durch das Klingeln nicht stören lassen, was Carleen auch kaum überraschte. Sein letztes Bier des vorigen Abends hatte ihm wahrscheinlich den Rest gegeben, ganz zu schweigen von der anstrengenden Woche, die er hinter sich hatte. Carleen wollte gerade wieder unter ihre Decke huschen, als ihr Kian’s Hose ins Auge fiel. Sie lag auf dem Boden, genau dort, wo Carleen sie hatte fallen lassen. Es war jedoch nicht die Hose, die ihre Aufmerksamkeit erregte, sondern das kleine Handy, das daneben lag. Sie setzte sich ruhig auf ihre Seite des Bettes und starrte es für eine Weile nur an. Ein kleiner Blick würde ja nicht weh tun, doch was, wenn sie dabei etwas fand, was nicht für ihre Augen bestimmt war? Moment. Nicht für ihre Augen bestimmt? Sie war Journalistin verdammt noch mal, da war überhaupt alles für sie bestimmt. Aber was, wenn es etwas sehr Privates war? Privatsphäre kannte sie nicht. Sie war Journalistin. Doch vielleicht sollte sie sich auf ihre gute Erziehung besinnen und das Handy einfach liegenlassen? Ihre gute Erziehung mußte sie vergessen. Sie war Journalistin. Ruckartig stand sie wieder auf und lief zu dem kleinen Haufen hinüber, vor dem sie sich bückte, und das Handy aufhob. Außer einer Tastensperre, die jedes Kleinkind hätte öffnen können, waren ihre keine weiteren Hindernisse geboten, darum fand sie sich schnell im Menü wieder und suchte nach brauchbaren Telefonnummern. Sie klickte die Namen gelangweilt durch, da ihr keiner wirklich ein Begriff war und stoppte erst beim Buchstaben L. Lilly. Da war sie schon wieder. Rachel hatte über sie gesprochen, wenn auch nur sehr knapp, doch sie schien anscheinend jemand zu sein, der für Kian von größerer Bedeutung war. Carleen sah sich kurz nach Kian um, bevor sie zum Schreibtisch hinüber lief und sich auf einem kleinen Block die Nummer von Lilly notierte. Den gebrauchten Zettel faltete sie dann sorgfältig zusammen und steckte ihn in eine der Schubladen. Noch wußte sie nicht, wer diese Lilly war, aber sie würde es herausfinden. Wie erhofft fand sie auch bei den Messages eine gespeicherte Nachricht von ihr. "Love ya. Lilly" Na, das wurde immer besser. "Was ich dort im Bett habe, ist ja der reinste Casanova." murmelte sie und bereute es augenblicklich, als sie hinter sich Geräusche hörte. Kian hatte sich auf die andere Seite gedreht und sich einen Arm über seinen Kopf gelegt, schlief jedoch weiter. In Windeseile legte Carleen das Handy dorthin zurück, wo sie es hergenommen hatte, und stieg ins Bett zurück. Durch seine Bewegung hatte Kian die Kuhle geschlossen, in der Carleen vorher so friedlich geschlafen hatte, also drehte sie sich einfach auf die Seite, so daß sie mit dem Rücken zu ihm lag, und schloß die Augen. Ihr Herz raste immer noch wie verrückt, denn es war gar nicht auszudenken, was Kian getan hätte, wenn er sie erwischt hätte. Sein aufbrausendes Gemüt hatte sie zu genüge kennengelernt und Carleen hatte keine besonders große Lust darauf, noch einmal damit Bekanntschaft zu machen. Obwohl sie schlafen wollte, ließ sie der Gedanke an Lilly nicht los. So wie Rachel über sie gesprochen hatte, schien sie für Kian etwas Besonderes zu sein, jemand, den er wahrscheinlich sehr mochte. Aber warum zum Teufel hatte er dann was mit Rachel? Carleen konnte sich an keine Schwester oder andere Verwandte mit dem Namen Lilly erinnern, aber wenn es niemand aus seiner Familie war und keine Freundin, wer war sie dann? Bevor sie eine Antwort darauf finden konnte, wurde sie erneut vom Schlaf übermannt. Die Proben waren auf den späten Nachmittag verlegt worden, da Taylor den Vormittag über nicht im Hotel war und somit hatte Carleen genug Zeit, sich richtig auszuschlafen. Tatsächlich erwachte sie erst kurz vor Mittag und kam selbst dann nur schwer aus den Federn. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr jedoch, daß sie sich ein bißchen beeilen mußte, wenn sie Essen, Anprobe und schließlich den Tanzunterricht nicht verpassen wollte. Mit einem lauten Gähnen rollte sie sich von ihrer Seite auf den Rücken und stellte fest, daß die Bettseite neben ihr leer war. Als sie verschlafen zum Badezimmer hinüber lief, fiel ihr auch der leere Fußboden auf, auf dem kurz zuvor noch Kian’s Sachen gelegen hatten. Anscheinend hatte er ziemlich schnell das Weite gesucht. Erst als sie die Klinke der Badezimmertür herunterdrückte und feststellte, daß diese verschlossen war, nahm sie auch die plätschernden Geräusche wahr. Er duschte. Kian duschte in ihrem Badezimmer. Sie wußte nicht, ob sie sich freuen oder ihm für seine Frechheit die Leviten lesen sollte. Ihre Reizbarkeit am frühen Morgen nahm ihr die Entscheidung schließlich ab. "Egan, mach sofort die Tür auf. Das ist mein Badezimmer und meine Dusche, und du hast gar kein Recht, meine Handtücher naß zu machen." Carleen pochte mehrmals laut gegen die Tür und trat ungeduldig von einem Bein auf das andere, als sie den Wasserstrahl endlich ausgehen hörte. "Und Finger weg von der Feuchtigkeitscreme, die gehört mir." rief sie durch die geschlossene Tür, die sich kurz darauf auch öffnete. Kian stand vor ihr, mittlerweile wieder vollständig eingekleidet, und brachte ein gequältes Lächeln zustande. "Tut mir leid. Ich wußte nicht, daß du schon wach bist." Er sah sie noch nicht einmal an, sondern ging an Carleen vorbei hinüber zur Zimmertür. "Ein Dankeschön ist überhaupt nicht nötig, das habe ich alles furchtbar gerne gemacht." Carleen war ziemlich genervt von seiner ignoranten und, wie sie fand, ziemlich anmaßenden Art und Weise. Dieser Mann hatte doch tatsächlich die Fähigkeit, sich innerhalb weniger Stunden von einem äußerst liebenswerten Menschen in ein Ekel zu verwandeln. Was auch immer ihn jetzt wieder ärgerte, Carleen interessierte das nicht die Bohne. Kian blieb vor der Tür stehen und drehte sich zu ihr um. "Ein Dankeschön?" fragte er ungläubig. "Natürlich ein Dankeschön, was denn sonst? Ich habe mir von dir im Taxi fast in den Schoß kotzen lassen, dich bis in den 16. Stock geschleppt und mir dann noch einen heißen Kampf mit deiner Hose geliefert. Nicht zu vergessen dein dämliches Gegrinse, das ich ertragen mußte oder deine Alkoholfahne, die man wahrscheinlich von hier bis nach Sydney gerochen hat. Sei mir nicht böse, aber ich denke schon, daß das ein klein wenig Dank wert ist." Kian folgte ihren Worten aufmerksam und lachte plötzlich. "Du meinst, das war alles? Du hast mich hierher gebracht und wir haben geschlafen? Das war alles?" "Also, mir hat es schon gereicht. Was hast du denn gedacht?" fragte sie verwirrt. Kian kratzte sich hilflos am Kopf und suchte nach den richtigen Worten. "Oh Mann, das ist wirklich nicht zu fassen." "Was, was?" "Na ja, als ich heute morgen aufgewacht bin, da lag ich, da lag ich fast vollkommen nackt in deinem Bett, mit dir in meinen Armen. Und da ich mich an fast gar nichts von letzter Nacht erinnern kann, dachte ich, wir beide hätten, na ja, du weißt schon." Carleen war sprachlos. Sie hatte alles erwartet, aber das ganz sicher nicht. Noch dazu hätte sie nie gedacht, daß Kian dermaßen schüchtern und verlegen sein konnte. "Du dachtest, wir beide hätten Mikado gespielt, du und ich?" Er nickte zögernd. "Eins kannst du mir glauben, Egan. In deinem Zustand hättest du noch nicht einmal alleine aufs Klo gehen können." Ungläubig, mit einem zarten Hauch von Schadenfreude, schüttelte sie den Kopf und trottete ins Bad, wo sie die Dusche anstellte und die Temperatur des Wasser testete. Sie wußte nicht, wie sie nach dem Anruf von Jason wieder in Kian’s Arme gekommen war, aber das war ja nur zweitrangig. Kian war tatsächlich davon überzeugt gewesen, daß sie beide mehr getan hatten, als nur die Nacht miteinander verbracht zu haben. Wie kam er überhaupt auf so eine Idee? Vielleicht war es nicht ganz alltäglich, daß zwei Menschen, die eigentlich regelmäßig Probleme miteinander hatten, in einem Bett schliefen, aber daraus gleich solche Schlüsse zu ziehen, wäre ihr niemals in den Sinn gekommen. "Passiert dir das öfters?" fragte sie ihn, als sie ins Schlafzimmer zurückkehrte und ein trockenes Handtuch aus dem Kleiderschrank holte. Sie hatte nichts gegen die Hotelhandtücher, aber die eigenen waren ihr um einiges lieber. "Was?" Kian, der mittlerweile an der Zimmertür lehnte, hatte sie wohl nicht ins Zimmer zurückkommen hören. "Na, daß du am nächsten Morgen im Bett einer Frau aufwachst und keine Ahnung hast, was passiert ist." sagte sie und schloß den Kleiderschrank wieder. Er mußte nur einmal den Namen Lilly erwähnen, und sie hätte ihn an der Angel. "Nein, das war das erste und hoffentlich auch letzte Mal. Ich sollte wohl lernen, nicht erst dann aufzuhören, wenn das Bier alle ist." "Das ist ein guter Vorsatz fürs neue Jahr." Carleen lächelte ihm aufmunternd zu und bemerkte gleichzeitig, daß sie noch immer im Nachthemd vor Kian stand. Es war an der Zeit, die Unterhaltung zu beenden. "Also dann, du solltest wohl besser gehen, wenn du keinen Ärger mit Anto haben willst. Es wird ihm wohl kaum gefallen, daß du immer noch nicht in deinem Zimmer bist." Kian nickte. "Ja, das ist eine gute Idee. Vielleicht finde ich unterwegs auch ein Aspirin für meinen Kopf. Das wünsche ich mir zumindest, denn ansonsten wird er unkontrolliert aufblähen und irgendwann platzen." "Und dann hast du einen Schrumpfkopf. Gruselige Vorstellung." "Uh ja, ekelhaft." Beide lachten, bevor Kian die Tür öffnete und sich noch einmal umdrehte. "Danke. Du hast was gut bei mir." "Nicht der Rede wert. Bye." Sie mußte ihm ja nicht sagen, daß sie seit langem nicht mehr so gut geschlafen hatte, wie es in seinen Armen der Fall gewesen war.

Kapitel 14

Der Nachmittag kam schneller, als Carleen gehofft hatte und das brachte sie in ziemlich große Schwierigkeiten, da sie fünf Minuten vor Beginn der Probe noch immer mit Tyra telefonierte. Sie hatte sie sofort angerufen, nachdem sie aus der Dusche gekommen war, denn sie wollte eine Erklärung für Tyra’s plötzliches Verschwinden vom Vorabend. "Wie oft soll ich es dir denn noch sagen? Ich bin mit Rachel ins Hotel zurück gefahren und muß dabei wohl total vergessen haben, daß du noch im Pub sitzt." "Tyra, man vergißt vielleicht den Geburtstag seiner Mutter oder den Platz, an dem man seine Socken zum Letzten mal gesehen hat, aber man vergißt ganz sicher nicht die beste Freundin. Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?" Carleen war nicht wütend und sicher auch nicht enttäuscht, zumal sie letzte Nacht auf irgendeine Weise sogar genossen hatte, doch Tyra hatte irgendwas im Schilde geführt, und Carleen wollte nun endlich wissen, was das war. Tyra stöhnte genervt. "Ich habe Rachel lediglich ein paar Fragen gestellt, okay? Nichts, was den dritten Weltkrieg auslösen oder dich in eine Lebenskrise stürzen könnte." "Was für Fragen?" "Über Mark." "Über Mark? Sag mal, hast du jetzt vollkommen den Verstand verloren?" fragte Carleen fassungslos, während sie versuchte, sich mit einer Hand ein Top über den Kopf zu ziehen und gleichzeitig in einen ihrer Turnschuhe zu schlüpfen. Sie war viel zu spät dran und wollte überhaupt nicht wissen, wie Taylor darauf reagieren würde. "Jetzt krieg dich wieder ein. Wenn du mich mal ausreden lassen würdest, könnte ich dir erklären, worum es ging." "Ich habe gerade keine Zeit, dich ausreden zu lassen. Mein Training beginnt in zwei Minuten und ich bin noch nicht einmal vollständig angezogen. Hör zu, ich seh dich beim Abendbrot, dann können wir uns unterhalten, ok? Sei so nett, und halte dich bis dahin von allen Leuten fern, denen du dämliche Fragen stellen könntest." "Sehr witzig. Ich hoffe, Taylor läßt dich richtig leiden." Damit beendete Tyra das Gespräch und gab Carleen die Gelegenheit, sich fertig anzuziehen und dann nach unten zu stürmen. "Ahh, Jess. Vorsicht." Sie konnte in letzter Sekunde einen Zusammenstoß mit Fran vermeiden, der gerade um eine Ecke gekommen war und angesichts ihrer Eile schmunzelte. Fran war von vornherein der Security gewesen, den sie am Meisten mochte. Es war nicht selten vorgekommen, daß er sie aus einer Laune heraus hochgehoben und quer durchs Hotel getragen hatte, ganz zu schweigen von den Partien Skat, die sie zusammen mit Paul, einem weiteren Bodyguard, bestritten hatten. Carleen kannte ihn zwar erst knapp eine Woche, war aber überzeugt davon, daß er zum liebenswerten Teil des Teams gehörte. "Sind die Jungs schon unten?" fragte sie und blieb kurz stehen, damit Fran ihr antworten konnte. "Jep, das sind sie. Schon seit zehn Minuten. Sie wollten heute besonders pünktlich sein, damit Taylor Gnade vor Recht walten läßt, aber das erübrigt sich jetzt wohl. Das wird die Hölle." sagte er lachend. "Hölle ist nur ein Wort. Die Realität ist viel schlimmer. Taylor wird mich umbringen. Bye." Sie war schon wieder los gerannt, als sie Fran winkte und die Stufen hinunter zum Proberaum hastete. Als sie die Tür aufstieß, wäre sie fast in Bryan und Angela gerannt, die am Rande des Parkett tanzten und auf die Anweisungen von Taylor hörten, die dieser gerade durch den Raum schrie. Er hatte Carleen gesehen, sobald sie zur Tür hereingekommen war, was ihn allerdings nicht daran hinderte, die Musik weiter laufen zu lassen. Carleen ging zu den Bänken hinüber, legte ihre Sachen ab und wartete auf das Ende des Liedes, damit sie in die Probe einsteigen konnte. Erst als sie sich flüchtig ein wenig dehnte, fiel ihr auf, daß außer ihr auch noch Mark fehlte. Sie dachte nicht über den Grund seines Fehlens nach, sondern viel mehr über die Situation, die sich daraus ergab. Kian tanzte mit Rachel. Beim Hereinkommen war ihr aufgefallen, daß er tanzte und das nicht alleine, aber erst bei näherem Hinsehen erkannte sie nun auch seine Tanzpartnerin. Carleen konnte das Gefühl nicht deuten, das sich in ihr breit machte und das gefiel ihr ganz und gar nicht. Es hatte ein bißchen was von Enttäuschung, Wut und Unverständnis, doch es war trotzdem noch keine vollständige Definition für das, was sie dachte. Vielleicht lag es daran, daß sie die eigentliche Tänzerin von Kian war und wie ein alter Topflappen ausgewechselt worden war, oder daran, daß sie nach der letzten Nacht wirklich geglaubt hatte, sie beide hätten irgendwie einen Draht zueinander gefunden und würden damit aufhören, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Statt dessen saß sie da und mußte sich mit ansehen, wie Kian neben Rachel förmlich aufblühte. Na und, sollte er doch, sie ging das überhaupt nichts an. Die Musik stoppte. Alles ließ sich erschöpft zu Boden fallen, nur Carleen stand auf und ging hinüber zu Taylor, der sie zu sich heran gewunken hatte. "Wo bist du gewesen?" fragte er schroff und kümmerte sich nicht darum, daß er somit auch den anderen die Gelegenheit gab, ihm zuzuhören. "Ich war auf meinem Zimmer und -" "Und was? Dachtest, daß du ein wenig später kommen könntest, weil du ja sowieso schon alles kannst?" "Das dachte ich nicht." entgegnete Carleen trocken. "Ach, und deswegen tauchst du wahrscheinlich auch jetzt erst hier auf. Sollte das noch einmal vorkommen, werde ich mich mit Anto wohl über die Besetzung unserer Crew unterhalten müssen. Du magst vielleicht ganz gut sein, aber bei weitem nicht perfekt. Wenn du das ändern willst, solltest du lieber pünktlich erscheinen, verstanden?" Carleen nickte. Taylor hatte vielleicht nicht ganz unrecht, denn immerhin war es wichtige Arbeitszeit, die ihr verloren ging, doch mußte man gleich so einen Aufstand machen? "Und bevor ich es vergesse. Du wirst heute mit Mark tanzen, sollte er irgendwann noch einmal auftauchen." fügte Taylor hinzu, diesmal allerdings ein wenig leiser. "Warum?" "Weil Kian mich darum gebeten hat. Und jetzt mach dich warm." Das wurde ja immer besser. Kian hatte ihn also darum gebeten. Carleen nickte stumm, bevor sie sich einen freien Platz auf dem Parkett suchte und sich hinsetzte. "Kopf hoch, er hat heute einen wirklich schlechten Tag." versuchte Bryan, sie aufzumuntern, doch sie brachte kaum ein vernünftiges Lächeln zustande. Viel lieber wäre sie aufgestanden und hätte Rachel und Kian den Hals umgedreht. Sie tadelte sich selber dafür, daß sie auch nur den Versuch unternommen hatte, ihn zu mögen, geschweige denn anzunehmen, daß er sie mochte. "Es geht weiter." rief Taylor plötzlich und gab somit jedem das Zeichen, aufzustehen. Erst da bemerkte Carleen, daß Mark nun ebenfalls anwesend war und auf sie zukam. "Hy." Nachdem auch er einen Rüffel von Taylor gefangen hatte, war er genauso gesprächig wie sie und sparte sich unnötige Worte zwischen den Tänzen. Carleen versuchte, sich auf die Musik und die dazugehörigen Takte zu konzentrieren, doch je mehr sie es versuchte, desto mehr kam sie ins Straucheln. Nach einer Stunde war sie so frustriert, daß sie stehenblieb und kurzzeitig den Raum verließ. Sie hoffte, ein bißchen frische Luft wäre das einzige, was ihr fehlte, doch sie hatte sich geirrt. Kaum zurückgekehrt, begann das ganze Spektakel aufs Neue. Carleen traf keinen einzigen Takt, nur Marks Füße, kam mit den Schritten durcheinander und verpaßte ständig ihre Einsätze. Taylor blieb das natürlich nicht verborgen, und je länger sie probten, desto ungeduldiger wurde er. Schließlich war er so genervt, daß er Carleen dazu aufforderte, sich hinzusetzen und den Rest der Proben zuzusehen. Erst als das Training nach drei Stunden zu Ende war und jeder den Raum verlassen hatte, rief er sie zu sich. "Ich hoffe, du bist gut versichert", "Gleich siehst du, wie deine Eingeweide aussehen." und "Such Dir schon mal nen Gully zum ausbluten!" waren die schadenfrohen Kommentare von Nicky, Bryan und Angela, bevor sie zusammen mit den anderen den Raum verließen. Carleen schenkte ihnen nur ein gequältes Lächeln, bevor sie sich ihr Handtuch um den Hals warf, die Wasserflasche in die Hand nahm und auf Taylor zusteuerte. Er sah nicht besonders glücklich aus und auch ein zaghaftes Lächeln ihrerseits konnte daran nichts ändern. "Was war heute los mit dir?" Sie war überrascht, daß er, anstatt sie anzuschreien, besorgt war. "Ich habe keine Ahnung, aber ich verspreche, daß das nicht noch einmal vorkommt. Wahrscheinlich hab ich einfach nur einen schlechten Tag erwischt oder sowas." Es war schwer, eine Antwort zu geben, wenn man selber noch nicht einmal wußte, was passiert war. "Und ich dachte schon, Feehily hätte dich so gestreßt, daß dir die Lust am Tanzen vergangen ist. Glaub mir, er hat ein Talent für sowas." scherzte Taylor, bevor er einen Schluck aus seiner Wasserflasche nahm und sie dann wieder zuschraubte. "Nein, es lag ganz bestimmt nicht an Mark. Tut mir leid, wenn ich deinen Unterricht gestört habe. Ich werde alles so schnell wie möglich nachholen." "Das solltest du auch, Jess. Morgen erwarte ich von dir eine einwandfreie Performance. Ich kann nicht ständig Rücksicht auf schlechte Tage nehmen, denn davon bieten mir die Jungs schon genug an. Es wäre also eine große Freude, wenn wenigstens meine Tänzerinnen mich nicht im Stich lassen würden. Wenn du willst, kannst du heute abend noch ein wenig proben. Der Raum ist dann frei und du kannst völlig ungestört trainieren. Ist dir das Recht?" Carleen nickte. Auch wenn sie keine Lust hatte, bis spät in den Abend zu schwitzen und zu ackern, so blieb ihr keine andere Wahl, wenn sie nicht zurückfallen wollte. "Gut, dann werde ich nicht abschließen." "Danke." Sie war nicht nur überrascht über seine plötzliche Fürsorge, sondern auch sehr erleichtert. Nach allem, was sie mit Taylor erlebt hatte, hätte sie ihr letztes Hemd darauf verwettet, daß er sie bei Anto, wenn nicht sogar Louis, verpfiffen hätte. Statt dessen bot er ihr Hilfe an und vergewisserte sich, daß es ihr auch wirklich gut ging. Wie süß. Ein wenig besser gelaunt sprang sie kurze Zeit später unter die Dusche und tauschte ihre Trainingssachen gegen Jeans und Pullover, bevor sie sich auf die Suche nach Tyra machte. Wie erwartet saß diese im Speisesaal, allerdings nicht alleine. Sie hatte sich an den Tisch von Mark und Shane gesetzt, die zur Abwechslung mal nicht auf ihren Zimmern aßen, sondern in ein Gespräch mit Tyra verstrickt zu sein schienen und herzhaft lachten. Carleen ging nicht sofort zu ihnen hinüber, sondern nahm sich erst einmal einen Teller und kreierte ein kleines Abendessen. Mit vollem Teller und einem ziemlich leeren Magen steuerte sie dann schließlich auf die anderen Drei zu, die sie sofort bemerkten und zu sich heran winkten. "Sag bloß, du hast das *Inferno Taylor* überlebt?" fragte Shane scherzhaft, als sie neben ihm Platz nahm. Carleen lächelte. "Die Waffen einer Frau, mein Lieber. Allerdings hat er mir noch ein paar Zusatzstunden aufs Auge gedrückt, die ich dann ganz alleine absolvieren darf. Ist das Leben nicht schön?" Tyra, die neben Mark saß, machte einen ziemlich unwissenden Eindruck und ließ sich erst einmal erklären, worum es überhaupt ging. Natürlich fiel auch ihr das ein oder andere passende Kommentar ein, daß Mark und Shane in Hochstimmung versetzte, Carleen jedoch nur ein müdes Lächeln abringen konnte. "Man lacht nicht über des anderen Schmerzen. Man sagt höchstens: 'Gut, daß es Dich getroffen hat'." verteidigte sich Carleen an Tyra gewandt. "Oder: Wie kann man nur so dämlich sein." erwiderte diese und grinste. Carleen schüttelte nur den Kopf und stand auf. "Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt. Vielleicht klaue ich euch die Unterwäsche oder stecke eure Zimmer in Brand." Sie steckte ihnen die Zunge raus, bevor sie ihren leeren Teller nahm und ihn auf eins der dafür vorgesehenen Tabletts stellte. Tyra war ihr gefolgt und ging neben ihr her, als sie auf den Ausgang zusteuerte. "Dann nehme ich mal an, daß wir unsere kleine Besprechung auf morgen früh verlegen müssen, richtig? Komm einfach in die Maske, da können wir reden." "Gute Idee. Überleg dir bis dahin eine gute Ausrede dafür, warum du mich gestern mutterseelenallein hast sitzenlassen." Tyra hatte schon Luft geholt, um etwas zu erwidern, kam aber nicht zu Wort, denn Kian stieg aus dem Fahrstuhl und kam auf sie zu. Carleen wollte ihn einfach nur ignorieren und weiter gehen, doch Tyra stellte sich das anders vor. "Hy Ki. Gut, daß ich dich treffe. Wir müssen morgen unbedingt etwas wegen deinen Haaren machen, die sehen ja furchtbar aus." Um ihre Aussage zu unterstützen, griff sie ihm in die Haare und studierte sie eingängig. "Mach ich, Scarlett. Jetzt muß ich unbedingt erstmal was essen, sonst fall ich auseinander. Kommt ihr mit?" Carleen verdrehte die Augen. "Nein, das tun wir nicht. Und jetzt entschuldige uns bitte." entgegnete sie bissig und zog Tyra am Arm, die vollkommen überrumpelt hinter ihr her lief. "Sag mal, was war das denn gerade?" fragte sie irritiert, und sah sich noch einmal nach Kian um, der mittlerweile im Speisesaal verschwunden war. "Dieser Mann ist unausstehlich." "Häh? Aber ich dachte, ihr würdet euch mittlerweile ein wenig besser verstehen." "Das dachte ich auch. Da wußte ich aber noch nicht, daß er neben großkotzig, arrogant, selbstherrlich und egoistisch auch noch undankbar ist. Ich hasse ihn. " Es sollte die größte Lüge sein, die je über ihre Lippen kam.

Kapitel 15

Erneut in Trainingssachen und mit einem Handtuch unter dem Arm, betrat Carleen den Proberaum, der, wie versprochen, vollkommen leer war. Beiläufig betätigte sie den Lichtschalter links von sich und steuerte auf die Bänke zu, wo sie ihre Utensilien ablegte. Sie wollte so schnell wie möglich beginnen, denn desto schneller sie fertig war, desto früher konnte sie schlafen gehen. Der Tag war einer ihrer schlechten gewesen und sie wollte ihn schleunigst hinter sich bringen. Noch nicht einmal Chippy hatte sich bei ihr gemeldet, so wie er es bis jetzt jeden Abend getan hatte, und das war für Carleen Anlaß genug, schlecht gelaunt und deprimiert zu sein. Lustlos ging sie zum Recorder hinüber und legte die Kassette ein, die Taylor ihr gegeben hatte. Die ersten Takte erklangen und gaben ihr die Möglichkeit, sich vor einem der großen Spiegel zu positionieren und auf ihren Einsatz zu warten. Carleen hatte Taylor gut genug beobachtet, um sich die Schritte selber in Erinnerung zu rufen, doch sie war selbst ein wenig überrascht, als sie die Choreographie mit Leichtigkeit über die Bühne brachte. Ihre Gedanken konzentrierten sich zum ersten Mal an diesem Tage vollkommen auf den Tanz und je mehr sie ein Feeling für die Musik bekam, desto entspannter wurde sie und hatte Zeit, ein wenig an ihrer Ausstrahlung zu feilen. Carleen beobachtete sich selbst im Spiegel, während sie sich bewegte und ließ es sich nicht nehmen, einige Schritte durch ihren eigenen Stil ein wenig zu verfeinern und auszubauen. Es war überraschend, mit welchem Ehrgeiz sie plötzlich an die Sache ging, denn immerhin war sie vordergründig keine Tänzerin, sondern Journalistin und sollte sich wohl eher damit beschäftigen. Nichts desto trotz hatte sie einen riesigen Spaß und zwar so sehr, daß sie nicht hörte, wie die Tür aufging und erst dann erschrocken stehenblieb, als Kian hinter ihrem Spiegelbild zum Vorschein kam und sie durch den Spiegel hindurch ansah. Er war der letzte, den sie erwartet hatte und ganz bestimmt auch der Letzte, den sie hatte sehen wollen. Nach allem, was am Nachmittag vorgefallen war, hätte sie ihm dafür am liebsten die Meinung gegeigt. Unbeeindruckt betätigte sie die Stop - Taste des Kassettenrecorders und drehte sich herum. "Kann ich irgendwas für dich tun?" fragte sie kühl und musterte ihn abfällig. Ihr war nicht entgangen, daß er, genau wie sie, Trainingsklamotten trug und zwei Wasserflaschen sowie ein Handtuch bei sich hatte. "Du nicht für mich, aber ich vielleicht für dich." antwortete er freundlich und lächelte. Carleen erwiderte es nicht. "Ach, was du nicht sagst. Danke, aber ich brauche deine Hilfe nicht. Warum fragst du nicht Rachel? Soweit ich mich erinnern kann, ist sie doch deine Tanzpartnerin." entgegnete sie und ging hinüber zu ihren Sachen, um einen Schluck zu Trinken. Sie wußte nicht warum, doch es ärgerte sie maßlos, daß er sie erst einfach ausgetauscht hatte und ihr jetzt gönnerhaft seine Hilfe anbot. Was auch immer es war, sie konnte gut und gerne darauf verzichten. "Darum es geht es also? Du bist sauer, weil ich jetzt mit Rachel tanze anstatt mit dir. Das ist es doch, oder?" Shit! Konnte er sie nicht einfach in Ruhe lassen und verschwinden? Statt dessen sprach er jetzt ein Thema an, daß sie sich weder in Erinnerung rufen noch besprechen wollte. Ihr konnte es doch egal sein, ob sie nun mit Kian oder Mark tanzte, wo bitte war der Unterschied? Es hinderte sie nicht bei ihrer Arbeit, war für sie keine große Umstellung und überhaupt konnte sie keine Nachteile entdecken, nur... "Ich habe jetzt einfach keine Lust, mir dein Gerede anzuhören, ok? Wenn du nichts dagegen hast, würde ich gerne weiter proben - allein!" Carleen warf die Wasserflasche wieder in die Ecke und sah ihn an. Kian schien sich überhaupt nichts aus ihrer Forderung zu machen, denn er machte nicht den Eindruck, als ob er auf der Stelle den Raum verlassen würde. "Das dürfte schwierig werden, Jess. Soweit ich mich erinnere, brauchst du zum Tanzen einen Partner." "Und soweit ich mich erinnere, bist du nicht mehr mein Partner, also geht dich das einen feuchten Dreck an." Kian hatte Recht. Die Einzelelemente hatte sie ohne Probleme alleine tanzen können, doch die Choreographie beinhaltete genug Elemente, in denen gemeinsam getanzt werden mußte. Carleen wußte, daß sie die ebenfalls proben mußte, wenn sie am nächsten Tag eine halbwegs gute Figur machen wollte. Leider wußte Kian das auch. "Jetzt hör auf, dich wie ein Kleinkind zu benehmen. Was zur Hölle ist los mit dir?" Seine Hilfsbereitschaft war in blanke Wut umgeschlagen. Carleen war klar, daß sie ihn mit ihrer Abweisung wahrscheinlich ziemlich sauer gemacht hatte, aber sie kümmerte sich nicht darum. Kian hatte überhaupt keinen Grund, wütend zu sein. "Was los ist? Das sollte ich ja wohl eher dich fragen! Du glaubst, nur weil du ein Megastar bist, könntest du alle anderen wie unwichtige Begleiterscheinungen behandeln und sie aussortieren, wenn du keine Lust mehr auf sie hast. Es interessiert dich nicht, ob du andere damit vor den Kopf stößt und sie mies behandelst. Wahrscheinlich bist du so ein furchterregender und schrecklicher Typ und normalerweise fangen sofort alle an zu zittern, wenn sie nur deine Stimme hören, aber das einzige, was du wirklich bist, ist ein verblödeter Dummkopf, einer, der als Kind kleine Tiere gequält hat, den nie einer leiden konnte, der den Sprung ins Fußballteam nicht gepackt und heulenden Grundschülern ihre Lunchpakete geklaut hat. Vielen Dank, aber ich pfeife auf deine Hilfe." Carleen mußte durchatmen. Sie war nicht weniger überrascht als Kian, der sie ausdruckslos ansah und keine Miene verzog. Statt dessen hob er das Handtuch, daß er auf den Boden gelegt hatte, langsam wieder auf und faltete es zusammen. "Du weißt gar nichts, Jess, gar nichts." Wieder sah er sie nicht an und Carleen wußte, daß sie ihn getroffen hatte. Sie wußte nicht, womit, aber sie hatte es getan, und aus irgendeinem Grund tat ihr das augenblicklich wahnsinnig leid. Carleen hatte ihm nur die Meinung geigen wollen, doch damit war sie ihm wohl zu nah getreten. "Was ist es dann, Kian? Habe ich irgend etwas getan, was dich verärgert hat?" Diesmal interessierte sie Kian Egan nicht nur, damit sie sich hinterher ein paar kleine Notizen machen konnte, sondern weil es sie zutiefst schockierte, daß aus dem Kian, den sie kannte, plötzlich der Kian geworden war, der jetzt vor ihr stand. Verletzlich, schwach und nachdenklich. Carleen kannte diese Seite noch nicht, aber sie wußte, daß sie die liebte. "Vergessen wir es einfach, Jess. Tut mir leid, daß ich dich gestört habe. Wir sehen uns dann morgen." Innerhalb von Sekunden hatte er wieder diese Mauer aufgebaut, die Carleen schon zu genüge kannte und nicht durchdringen konnte. Es hinderte andere Menschen daran, in sein Inneres durchzudringen, ihn zu verletzen, ihn zu durchschauen. Trotzdem ließ sie nicht locker. "Das ist so typisch, Kian. Sobald jemand Gefahr läuft, dir zu nahe zu kommen, machst du einen Rückzieher. Ist es so schlimm, jemanden zu mögen?" Carleen hoffte, ihn damit nicht zu sehr in die Enge zu treiben, denn das Letzte, was sie jetzt wollte, war, ihn vollkommen abzuschrecken. Irgend etwas war Anlaß dafür, daß er seinerseits keine Gefühle mehr zuließ, nicht einmal freundschaftliche und Carleen brannte darauf, die Gründe dafür zu erfahren. Kian, der mittlerweile bis zur Tür gegangen war, blieb stehen und drehte sich herum. Carleen erwiderte seinem Blick, solange, bis er auf sie zukam und ihren Kopf in seine Hände nahm. Sie bewegte sich nicht, als er mit seinen Lippen die ihrigen suchte und sie küßte...langsam, süß, unschuldig....Carleen hielt es plötzlich für das Gewöhnlichste auf der Welt, ihn gewähren zu lassen und den Moment zu genießen. Seine weichen, warmen Lippen lagen regungslos auf ihrem Mund und verharrten dort eine kleine Weile, bevor er sich wieder zurückzog und Carleen freigab. "Ich will nur niemanden verletzen und das würde ich unweigerlich tun, ganz gleich, ob ich es will, oder nicht." flüsterte er. Dann war Kian verschwunden. Carleen starrte verwirrt auf die geschlossene Tür und fand keine Antwort auf das, was gerade eben passiert war. Sie hatte ihm eine Frage gestellt und er hatte sie geküßt....Fuck! Das war das letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Warum mußte dieser Mann nur so schwierig sein? Einmal war er der größte Idiot, den sie kannte und dann wieder jemand, der sie tief im Herzen ansprach. Einmal verstanden sie sich prächtig, dann wieder konnten sie nicht einmal auf einer Couch sitzen. Und jetzt hatte er sie auch noch geküßt. Das Chaos war perfekt. Carleen beschloß, das Training besser zu beenden und packte ihre Sachen zusammen. Mit der Konzentration war es jetzt sowieso vorbei und bevor sie den ganzen Abend in verschwitzten Trainingsklamotten verbrachte, konnte sie auch nach oben gehen und etwas nützliches tun. Wie immer dauerte die Dusche länger als nötig, da es für Carleen der perfekte Weg war, den Kopf frei zu bekommen und sich gleichzeitig viel besser zu fühlen. Sie mußte auch einen klaren Kopf bekommen, denn sie durfte dem eben Geschehenen nicht zu viel Bedeutung beimessen, es aber auch nicht unterschätzen. Wieder waren sie und Kian sich eine Spur näher gekommen und es war interessant, zu beobachten, was als nächstes passieren würde. Entweder kam nun der totale Bruch oder es entwickelte sich genau in die andere Richtung. Carleen wußte nicht, wovor sie mehr Angst hatte. Sie war da, um zu arbeiten, doch wie sollte sie das tun, wenn Kian mehr und mehr ein Teil ihrer Gedanken wurde? Geistesabwesend schaltete sie das Licht im Bad aus und schlüpfte in ihr Nachthemd. Sie war gerade dabei, ins Bett zu gehen, als ihr Telefon klingelte. Carleen kannte nur zwei Personen, die um diese Zeit noch anriefen, und sie hoffte innig, daß es sich zur Abwechslung mal nicht um Tyra handelte. "Hallo?" "Selber hallo, Pumpkin. Wie geht es dir?" Es war nicht Tyra. Carleen nahm den Hörer und setzte sich aufs Bett. "Bis jetzt ziemlich gut, aber dein Anruf hat mir jetzt ehrlich gesagt den Rest gegeben, Chip." Sie lachte, als sie ihn am anderen Ende verächtlich schnauben hörte. "Und ich dachte schon, du hast mich vermißt." "Oh, ganz so schlimm war es nicht. Ich hab mir einfach die Werbung für Hundefutter angesehen und fühlte mich sofort mit dir verbunden." "Du bist ja ekelhaft gut gelaunt." Das war sie auch. Obwohl Kian sie so richtig durcheinander gebracht hatte, konnte sie das nicht davon abhalten, sich über den Anruf von Chippy zu freuen. Seit seinem ersten versehentlichen Telefonat hatten sie einen Weg gefunden, sich in gemeinsamen Gesprächen alles von der Seele zu reden, herumzualbern und dem Tag einen schönen Abschluß zu verleihen. Irgend jemand hatte sowieso einmal gesagt, daß es sich leichter mit Menschen reden ließ, zu denen man einen gesunden Abstand besaß, und ein Telefonhörer bot verdammt viel Abstand. Außerdem mochte sie Chippy. "Wie war dein Tag?" Die Standardfrage. "So, wie jeder andere auch. Lang, frustrierend und einfach nur furchtbar. Sagte ich schon frustrierend?" "Ja, ich glaube, sowas erwähntest du." Was dann folgte, war eine Stunde, in der sie sich über den eigenen Tag unterhielten, die Nachrichten begutachteten und kleine Gemeinheiten austauschten. "Titanic? Ich bitte dich, wer sieht DiCaprio schon gerne beim Ertrinken zu?" fragte Carleen ungläubig, als sie bei ihren Lieblingsfilmen gelandet waren. "Die 300 Millionen, die ihn gesehen haben. Ein Meisterwerk des Films." "Na sicher. Ein Meisterwerk des Films wäre *Frühstück bei Tiffany‘s* oder *Vom Winde verweht * und von mir aus auch *Schneewittchen und die sieben Zwerge *, aber doch nicht Titanic." "Wie du meinst. Was ist dein Lieblingsfilm?" Carleen überlegte einen Moment. "Quid pro quo. Ich erzähle Ihnen etwas - Sie erzählen mir etwas." "Hannibal Lecter also. Dann schieß mal los." "Womit?" "Quid pro quo. Was für eine Schuhgröße hast du?" Carleen lachte. "37. Dein erster Kuß?" "Oh Gott, das ist ewig her. Pumpkin, ich habe tonnenweise Mädchen geküßt. Keine Ahnung, wann ich das zum ersten Mal gemacht habe." "Macho!" Er lachte, bevor er fortfuhr. "That’s life. Dein peinlichstes Erlebnis?" Carleen stöhnte. Solche Themen umging sie nur zu gerne. Es dauerte einen Moment, bis sie sich das passende Ereignis herausgesucht hatte. "Willst du die ganze Wahrheit?" "Na ja, vielleicht nicht die ganze Wahrheit. Die Highlights." "Ok, aber wenn du es auch nur einer Menschenseele verrätst, steck ich dir einen Regenschirm in den Hintern und spann ihn auf. Also... ich mußte mich mal übergeben." "Was ist daran peinlich? Das kann jedem mal passieren." "Schon, aber nicht in einem Fahrstuhl, der bis obenhin voll ist. Und er war dann im wahrsten Sinne des Wortes bis obenhin voll." Mit Schaudern dachte sie an das Einkaufswochenende mit Tyra zurück. Sie waren stundenlang durch die Geschäfte gerannt, was zusammen mit stickiger Luft, einem fettigen Fisch und viel zu viel Cola das Ergebnis gebracht hatte, das sie gerade schilderte. Chippy schien die ganze Angelegenheit für äußerst amüsant zu halten. "Das hätte ich nur zu gern gesehen." sagte er lachend. "Glaub mir, das hättest du nicht." Carleen blickte beiläufig auf die Uhr und stellte fest, daß es schon wieder weit nach Elf war. Der nächste Morgen begann für sie zwar erst 10 Uhr, aber sie wollte trotzdem schlafen gehen. "Ok, der Sandmann ruft." "Sag ihm schöne Grüße von mir. Ich melde mich bald wieder. Bye." "Bye." Carleen legte den Hörer auf den Nachttisch und rutschte unter ihre Bettdecke. Sie bedauerte es fast ein wenig, daß sie und Chippy sich nur übers Telefon verständigten...und hatte keine Ahnung, wie nah sie ihm eigentlich war.

Kapitel 16

Der nächste Morgen wich in seinem Ablauf nicht unbedingt von dem der anderen Tage ab. Carleen stand auf, duschte sich und ging dann hinunter in den Proberaum. Diesmal war sie nicht die letzte und hatte somit noch genug Zeit, sich zu dehnen und ein wenig mit Nicky und Bryan zu albern. Es war ihr besonders wichtig, sich keine große Veränderung anmerken zu lassen, denn Kian würde das mit Sicherheit auch nicht tun. Am Besten vergaß sie den letzten Abend einfach und konzentrierte sich auf ihre Arbeit, denn davon gab es genug. Diese Lilly geisterte ihr noch immer im Kopf herum, ganz zu schweigen von Mark und seinem Kleid oder Nicky, der sich in manchen Situationen ziemlich seltsam verhielt. Jason würde sich bald wieder melden und dann brauchte sie dringend sichtbare Ergebnisse, sonst hatte sie ein kleines Problem. Carleen zeigte kaum eine Regung, als Kian zusammen mit Taylor den Raum betrat und sofort zu Rachel ging. Er sah kurz zu ihr hinüber, doch sobald sich ihre Blicke getroffen hatten, gingen sie schon wieder auseinander. Nun gut, dann war das geklärt. Die Proben gingen ihren gewohnten Gang und stellten für Carleen keine besonders große Schwierigkeit dar. Wenn sie während der gemeinsamen Choreographie mit Mark Probleme hatte, war er sofort zur Stelle und half ihr. Taylor zeigte sich am Ende des Unterrichts sehr zufrieden und entließ alle eine halbe Stunde eher, was mit Freude und Erleichterung zur Kenntnis genommen wurde. Selbst Bryan und Angela, die Energiebündel schlechthin, atmeten erleichtert auf und verließen zusammen mit den anderen den Raum. "Hey Jess, warte mal." Carleen blieb stehen und wartete, bis Bryan zu ihr aufgeschlossen hatte. Sie war mittlerweile so gewöhnt an den Namen Jessica, daß sie sich automatisch angesprochen fühlte, wenn jemand diesen Namen rief. "Wo brennt es denn?" "Was hast du nächsten Samstag vor?" fragte er und trottete neben ihr her. Carleen wußte, daß das ihr nächster freier Tag war und sie hatte ihn eigentlich für einen Kurztrip nach Limerick nutzen wollen. Connor feierte seinen 24. Geburtstag und war zusammen mit seiner Frau Claire und Tochter Melina zu Besuch bei Freunden in Irland. Jason hatte zwar darauf hingewiesen, den Kontakt zu Familie und Freunden so gut wie möglich zu vermeiden, aber sie hatte Sehnsucht und wollte einfach mal hinaus aus dem Alltag der Jessica Parker. "Das kommt ganz darauf an. Warum willst du das wissen?" Sie blieben in der Lobby stehen, denn dort trennten sich ihre Wege. Bryan wollte in den Speisesaal, während Carleen das dringende Bedürfnis nach einer Dusche stillen wollte. "Weil Kerry und ich etwas zu feiern haben, und wir wollten dich gerne dabei haben. Es wird so ziemlich halb Irland da sein, als dachte ich, daß du vielleicht auch Lust hättest, zu kommen. Sag bitte nicht nein, sonst bringt Kerry mich um. Ich habe ihr versprochen, daß du kommst." Carleen konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als Bryan ihr den wahrscheinlich niedlichsten Hundeblick schenkte, den sie je gesehen hatte. "Solchen Augen kann ich natürlich nicht widerstehen! Und wenn Kerry mich dabei haben möchte, komme ich natürlich gerne. Was wird eigentlich gefeiert?" Vielleicht fand sich eine Lösung, mit der sie sowohl ihren Bruder besuchen als auch der Party von Kerry und Bryan beiwohnen konnte. Ihre Arbeit ging nun mal vor, so sehr sie sich auch nach ihrer Familie sehnte. "Das ist eine Überraschung. Tausch Jeans und T-Shirt einfach nur gegen etwas Eleganteres und komm vorbei. Ich sag dir in den nächsten Tagen noch genaueres, okay? Und jetzt muß ich mich beeilen, sonst plündert Nix das Buffet, bevor ich auch nur eine Tomate in der Hand hatte." Er küßte sie flüchtig auf die Wange, bevor er in Richtung Speisesaal türmte und Carleen nach oben fuhr. Toll, eine Überraschungsparty. Carleen war ganz und gar nicht begeistert. Wenn es sich um etwas wirklich wichtiges gehandelt hätte, hätte sie das Treffen mit Connor und seiner Familie ohne Umschweife abgesagt und sich darauf konzentriert, Jason ein paar ordentliche Infos abzuliefern. Was aber, wenn sie jetzt zu dieser Party ging und es sich dabei um ein belangloses Besäufnis handelte? Dann würde sie sich Tage später noch schwarz ärgern. Sie nahm sich vor, Tyra später zu Rate zu ziehen und sich erst einmal keine weiteren Gedanken darüber zu machen. Ihre Konzentration galt jetzt einer ganz anderen Sache. Nachdem sie ausgiebig geduscht hatte, zog sie sich um und nahm schließlich an ihrem Schreibtisch Platz. Dann nahm sie den kleinen Zettel, denn sie die Nacht zuvor in der Schublade verstaut hatte, zur Hand und faltete ihn auseinander. Wenn sie herausfinden wollte, wer Lilly war, dann mußte sie in die Offensive gehen. Es war kurz nach Mittag, also eine recht angenehme Zeit zum Telefonieren. Carleen zögerte einen Moment, doch dann nahm sie den Hörer und wählte die Nummer, die auf dem Zettel stand. Es klingelte einmal, dann ein zweites Mal. Ihr schoß die Idee durch den Kopf, sofort wieder aufzulegen, doch was man angefangen hatte, das mußte man auch zu Ende bringen. Das sagte zumindest ihr Vater. Ein drittes Mal war das Freizeichen zu hören, dann wurde der Hörer abgenommen. "Hu hu?" Carleen stutzte. Sie hatte die Stimme einer jungen Frau Anfang zwanzig erwartet, doch das einzige, was sie hörte, war eine wirklich süße Mädchenstimme, die neugierig in den Hörer huhute. "Ähh, hallo!" war das einzige, was ihr über die Lippen kam. "‘lo. Wer bist du?" Carleen überlegte einen Moment. Zu diesem Mädchen gehörte wahrscheinlich auch eine Mutter, Kian’s Lilly. "Ich, ich bin eine Freundin deiner Mama. Kannst du sie vielleicht ans Telefon holen?" "Mhh. Muuuuuuuuummy!!" Carleen lachte, als sie die Kleine nach ihrer Mutter plärren hörte. "Kommt jetzt." "Dankeschön." Sie hörte, wie die Stimme einer junger Frau etwas zu dem kleinen Mädchen sagte und ihr dann den Hörer abnahm. "Hallo?" "Guten Tag. Sind sie Lilly?" Ihr war keine blödere Frage eingefallen. Die Frau am anderen Ende der Leitung schien verwirrt zu sein, denn sie antwortete nicht sofort. "Nein, das bin ich nicht. Wer spricht denn dort?" Carleen war überrascht. Noch einmal blickte sie auf den Zettel und kontrollierte die Nummer. Sie hatte sie genauso eingetippt. "Hallo?" "Ähh, entschuldigen sie bitte. Ich muß mich wohl verwählt haben. Auf Wiedersehen." Dann unterbrach sie die Leitung und legte den Hörer auf den Tisch. Das hatte sie kein Stück weitergebracht. Entweder hatte Kian die falsche Nummer einprogrammiert oder diese Frau hatte sie belogen. Aber wieso hätte sie das tun sollen? Ratlos verstaute sie den Zettel wieder in der Schublade und stand auf. Hier machte langsam aber sicher gar nichts mehr Sinn. Sie schnappte sich ihre Strickjacke, verließ das Zimmer und machte sich auf die Suche nach Tyra. Vielleicht konnte sie Carleen zur Abwechslung mal hilfreich sein. Wie erwartet war Tyra noch in der Maske und räumte ihre Utensilien beiseite. "Tag Muffin." sagte Carleen, während sie die Tür schloß und sich einen Platz suchte, der nicht mit Haaren überflutet oder Abstellplatz für Make-up und Kämme war. "Welch seltene Ehre, dich in meinem Schloß begrüßen zu dürfen. Was kann ich für dich tun?" Tyra hielt in ihrer Arbeit inne und wartete auf die Antwort von Carleen. "Ich brauche eine Therapeutin und das ganz dringend." "Dann bist du hier genau richtig. Schieß los." entgegnete Tyra und setzte sich neben Carleen. "Also gut. Du erinnerst dich doch an Lilly, die geheimnisvolle Unbekannte, oder!? Auf jeden Fall habe ich heute dort angerufen." "Und?" "Und nichts. Anscheinend ist das gar nicht die Nummer von Lilly. Zuerst habe ich eine etwa Dreijährige an der Leitung gehabt, und dann eine Frau, die nicht Lilly heißt. Jetzt sag mir, was ich davon halten soll." Tyra zuckte ratlos mit den Schultern. "Vielleicht suchst du dir professionelle Hilfe. Und du bist dir ganz sicher, daß es die richtige Nummer war?" "Natürlich, ich bin doch nicht dämlich. Es war haargenau die Nummer, die ich aus Kian’s Handy heraus geschrieben habe. Vielleicht habe ich dabei einen Fehler gemacht, aber das hätte ich doch gemerkt. Ich habe alles noch einmal überprüft." "Dann bleibt dir nur noch eine einzige Möglichkeit." "Und die wäre?" Tyra stand auf und ging zu dem kleinen Aktenschrank neben der Tür, den man zum Aufbewahrungsort für persönliche Dinge umfunktioniert hatte. Sie holte ihre Handtasche heraus und zauberte einen kleinen Schlüssel hervor, den sie Carleen vor die Nase hielt. "Ein Schlüssel, und? Flüstert der mir die Nummer von Lilly zu?" Tyra schüttelte den Kopf. "Nein, aber er öffnet dir die Türen zu allen verborgenen Plätzen dieser Erde...ok, beschränken wir es auf verborgene Plätze dieses Hotels. Ein Universalschlüssel." "Wo hast du den her?" "Ich habe mich ein wenig mit dem süßen Portier von der Nachtschicht unterhalten, und als er gerade dabei war, mir unter den Rock zu gehen, habe ich zugegriffen. Mit diesem Ding kommen wir problemlos in die Zimmer der Jungs und wer weiß, was da noch für Geheimnisse auf uns warten. Vielleicht treffen wir dann auch auf heiße Infos über Lilly." Carleen schüttelte ungläubig den Kopf und stand auf. "Du bist ja verrückt. Das solltest du schleunigst wieder vergessen." "Warum denn? Damit haben wir innerhalb von Sekunden die Story, die wir brauchen. Ich bin mir sicher, daß sich die ein oder andere Leiche findet, wenn wir nur tief genug graben." "Ich sagte nein." Der Tonfall von Carleen’s Stimme ließ keinen Platz für Widersprüche. Das erkannte auch Tyra und nickte langsam. "Also gut. Sagst du mir vielleicht auch, warum dir das ganze so zuwider ist?" Carleen konnte nicht glauben, daß das für Tyra nicht offensichtlich war. Sie schnaubte ungläubig. "Alles, Tyra, alles. Es ist eine Sache, die Ohren aufzuhalten und ein paar Informationen aufzuschnappen, aber es ist eine andere, Zimmer zu durchsuchen. Was denkst du dir eigentlich dabei?" "Das, was Jason sich gedacht hat, als er uns den Job hier angeboten hat. Wir sollen eine Story liefern und mit den Jungs keine Händchen halten. Das waren doch deine Worte, oder? Mich würde nur zu gerne interessieren, was deine Meinung jetzt so plötzlich geändert hat." Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah Carleen abwartend an. Carleen zögerte einen Moment. "Ich habe überhaupt nichts geändert." sagte sie schließlich und suchte nervös nach passenden Worten. "Es ist nur so, daß ich bei der ganzen Sache trotzdem noch ein paar kleine Zweifel habe, ok? Oder willst du etwa behaupten, daß dir all diese Menschen hier egal sind?" "Oh, das war gemein, Cal. Du weißt genau, daß es nicht so ist." Tyra tippte Carleen mit ihrem Zeigefinger auf die Brust, bevor sie die Arme verschränkte und schmollte. "Siehst du, und genau das meine ich. Ich will nicht sagen, daß ich jetzt von plötzlichen Skrupeln geplagt werde oder nachts Alpträume deswegen habe, aber es ist... es ist einfach ungewohnt." Carleen seufzte. Ihre eigene Offenheit hatte sie total überrumpelt. Zuerst war es nur ein ungutes Gefühl in der Magengegend gewesen, eine Vermutung, doch mittlerweile gab es keinen Zweifel... Herrgott, sie mochte diese Jungs. Und nicht nur sie, auch Anto, Fran, Paul, Taylor, Kenneth und all die anderen, mit denen sie seit fast zwei Wochen tagein, tagaus zu tun hatte. Jetzt war ihr klar, warum Jason sie am Anfang so durch die Mangel genommen hatte. Er hatte gewußt, wie schnell man in seine Arbeit persönliche Gefühle einfließen läßt und sich das Leben damit selber schwer macht. Aber wie sollte sie das verhindern? Sie konnte ihre Gefühlsregungen doch nicht auf ein Minimum reduzieren, nur damit Jason seine Story bekam. Völlig unmöglich. "Also gut, vergessen wir die Sache mit dem Schlüssel. Mir war sowieso nicht ganz wohl bei der Sache." gestand Tyra mit einem kleinen Grinsen und verstaute ihn wieder in ihrer Tasche. Carleen runzelte die Stirn. "Auf einmal?" "Na ja, ich hatte gedacht, daß du den Schlüssel nehmen würdest und ich somit aus dem Schneider wäre. Es ist vielleicht ganz interessant, zu sehen, was Mark in seinem Schrank versteckt, aber ich würde noch Tage später ein schlechtes Gewissen haben." "Natürlich. Ich glaube dir ja wirklich alles, aber das ganz sicher nicht. Du würdest dich an seinen Unterhosen vergehen und sie dir übers Bett hängen." Carleen lachte, während Tyra bestürzt dreinsah. "Wie bitte?!? Das würde ich ganz sicher nicht tun." protestierte sie. "Abwarten." entgegnete Carleen und drehte sich zur Tür. Sie wollte noch ein paar Besorgungen in der Stadt machen und mußte sich sputen, wenn sie vor den Kleiderproben zurück sein wollte. "Ich fahr in die Stadt. Kommst du mit?" Tyra schüttelte den Kopf. "Nein, keine Zeit. Kian kommt nachher zum Schneiden und wie ich ihn kenne, werde ich wieder um jedes Haar einzeln mit ihm kämpfen müssen." Carleen nickte. Der Name Kian verursachte in ihr etwas, was sie gar nicht weiter analysieren, sondern lieber sofort wieder verdrängen wollte. Vielleicht würde Tyra sich ja Seiner annehmen, und Carleen somit die Möglichkeit geben, sich intensiver um die anderen Jungs zu kümmern. "Gut, dann sehe ich dich dann später. Bye."

Kapitel 17

Nachdem Carleen sich ordnungsgemäß bei Fran abgemeldet hatte, nahm sie sich ein Taxi, das sie in die Dubliner Innenstadt fuhr. Sie hatte dort Tage zuvor ein paar interessante Läden gesehen, in denen sie ein wenig herumstöbern wollte. Das gute Wetter steigerte ihre Laune zunehmend, und je länger sie durch die Straßen tingelte, desto entspannter wurde sie. Als erstes blieb sie in einem kleinen Kleiderladen hängen, der sich nach einiger Zeit als Geheimtip erwies. Carleen kaufte zwei Tops und eine Jeans, bevor sie ihren Weg fortsetzte und sämtliches Geld ausgab, daß sie zur Verfügung hatte. Es machte ihr Spaß, an Schaufenstern stehenzubleiben, die ungeheure Kleiderauswahl zu bewundern und sich die ein oder andere Kleinigkeit zu leisten. Nach drei Stunden erklärte sie ihre Shoppingtour feierlich für beendet und setzte sich in ein kleines Café, um wieder zu Kräften zu kommen. Ein paar wenige Sonnenstrahlen kitzelten ihre Nase und sie war einfach nur rundum zufrieden. Für einen Moment dachte sie mal nicht an ihre Arbeit, die sie, einmal ins Hotel zurückgekehrt, erwartete oder an Lilly, Kian, Mark und all die anderen. Eine Auszeit war genau das, was sie gebraucht hatte. Als die Turmuhr gegenüber dem Café ihre Zeiger gegen sechs Uhr richtete, entschloß sie sich, zurückzukehren und suchte sich, in jeder Hand eine Vielzahl von Tüten, ein Taxi. Wie erwartet wurde sie vor dem Hotel von Fran in Empfang genommen. Seltsamerweise machte dieser einen recht unruhigen Eindruck. Ungeduldig schob er sie in die Lobby und befahl ihr ohne Umschweife, auf ihr Zimmer zu gehen. "Was ist eigentlich los?" fragte Carleen verwirrt, als Fran den Fahrstuhlknopf betätigte und sich immer wieder umsah. Ihr waren zwar die unzähligen Reporter und Fotografen aufgefallen, die vor dem Eingang in Stellung gegangen waren, aber den Grund dafür kannte sie nicht. "Es hat einen kleinen Zwischenfall gegeben. Du gehst besser nach oben und bleibst dort. Diese Blutsauger werden so schnell nicht wieder verschwinden." Carleen hatte gar keine Zeit, zu protestieren, denn Fran drängte sie in den Fahrstuhl und drückte für sie den Knopf der 16. Etage, bevor er zurücktrat und wartete, bis sich die Fahrstuhltür geschlossen hatte. Oben angekommen, hatte Carleen immer noch keine Ahnung, was vor sich ging. Aus allen möglichen Ecken kam plötzlich Security, die sie nach ihrem Ausweis fragten und sie baten, aus dem Weg zu gehen. "Ist schon gut, Isaac, sie gehört zu uns." versicherte Paul dem Hünen, der Carleen gerade in der Mangel hatte. Dieser nickte kurz, bevor er sich wieder vor den Fahrstuhl stellte und wartete. "Danke, P. Kannst du mir vielleicht verraten, was hier vor sich geht? Fran hat so getan, als wäre die Pest hinter ihm her." Carleen schleppte ihre Tüten den Gang entlang und war ziemlich ratlos. Auch Paul schien ihr nicht besonders viel sagen zu wollen. "Ich erkläre die später alles. Sieh zu, daß du jetzt in dein Zimmer kommst, und bleib dort. Wir haben hier draußen genug zu tun." Carleen nickte stumm, und wartete, bis Paul wieder verschwunden war, ehe sie sich schnurstracks umdrehte und zur Zimmertür von Tyra rannte. Wenn sie irgend jemand auf den neuesten Stand bringen konnte, dann Tyra. Ungeduldig klopfte sie an die Tür und trat von einem Bein auf das andere. Als Tyra schließlich öffnete, stürmte Carleen das Zimmer. "Holla, was war das denn? Wirst du verfolgt?" Tyra schloß die Tür wieder und ging zu Carleen hinüber, die ihre Tüten in eine Ecke geschmissen und sich aufs Bett gesetzt hatte. "Das kann man so sagen. Paul und Fran drehen total durch, ganz zu schweigen von den ganzen Schrankwänden, die da draußen herum rennen. Was zum Teufel ist hier passiert?" "Du weißt es noch nicht?" Carleen warf die Arme in die Luft. "Woher denn? Ich bin stundenlang in der Stadt herum gewandert, habe mich ein wenig amüsiert und mal nicht an all das hier gedacht." Tyra lachte, während sie einen Blick in die Tüten warf. "Und ganz nebenbei hast du dann auch noch deine Kreditkarte überzogen." "Haha. Sehr witzig. Jetzt komm endlich zum Punkt." Tyra hob abwehrend die Hände, bevor sie den Pullover, den sie gerade begutachtete, wieder verstaute und sich neben Carleen setzte. "Also gut. Westlife haben heute für den Skandal des Tages gesorgt, besser gesagt zwei von ihnen." "Und das heißt?" "Das heißt, daß Kian und Shane sich eine handfeste Prügelei geliefert haben." Carleen sah Tyra entsetzt an. Ihr war schon klar, daß die Emotionen manchmal überschlugen und sie selber hatte des öfteren zugesehen, wie sich die Jungs während der Proben hitzige Wortgefechte lieferten, aber eine Schlägerei? Und dann auch noch Kian und Shane, die sich am wenigsten in die Quere kamen und oft derselben Meinung waren. "Was?" Tyra nickte eifrig. "Du hast mich gehört. Das dumme an der ganzen Sache ist, daß es sich bei dem Austragungsort ihres kleinen Fights um das Tonstudio handelte. Irgendein Angestellter mit ein wenig Hoffnung auf Publicity hat die Presse informiert und sie wissen lassen, was passiert ist. Anto hatte die Situation aber ziemlich schnell im Griff und hat dafür gesorgt, daß die Jungs so schnell wie möglich ins Hotel gebracht wurden. Trotzdem ist das für die von der Zeitung ein gefundenes Fressen." "Aber wie ist das überhaupt passiert?" fragte Carleen ungläubig und schüttelte den Kopf. Tyra zuckte die Schultern. "Ich war hier im Hotel, aber Brandon meinte, daß es ziemlich heftig gewesen ist. Sie haben sich wohl um irgend etwas gestritten und dann folgte ein Wort auf das andere, bis Kian zugeschlagen hat. Ich sag dir, Shane hat eine Beule, die bis nach Ägypten leuchtet." Es war ein Versuch gewesen, witzig zu sein, doch Carleen konnte ganz und gar nicht darüber lachen. "Was ist mit Kian?" Sie war plötzlich ziemlich besorgt. "Na ja, Shane hat das natürlich nicht auf sich sitzen lassen und hat sich gewehrt. Dann sind sie beide im Mischpult gelandet und haben erst aufgehört, als Bryan und Fran dazwischen gegangen sind. Soweit ich weiß hat Kian eine Schnittwunde an der Hand, aber es soll nichts ernstes sein." "Nichts Ernstes. Deswegen macht hier wahrscheinlich auch jeder so einen wahnsinnigen Aufstand. Bist du dir auch sicher, daß es Kian gut geht?" Tyra zögerte einen Moment. "Ich hab dir doch gesagt, daß es das tut. Anto will lediglich verhindern, daß es Fotos gibt oder die Presseleute die Möglichkeit kriegen, jemanden von uns zu dem Vorfall zu befragen. Aber sag mal, warum interessiert dich das eigentlich so?" "Nun, es ist nicht ganz alltäglich, daß die Beiden sich die Köpfe einschlagen." Carleen stand auf und ging hinüber zu ihren Einkaufstüten, um sie aufzuheben. "Das meine ich nicht." entgegnete Tyra und verschränkte die Arme. "Ich wollte wissen, warum dir Kian’s Gesundheitszustand plötzlich so wichtig ist!" Carleen antwortete nicht, sondern ging zur Tür. Sie mußte Brandon suchen und herausfinden, worum es sich bei dem Streit gehandelt hatte und weswegen es Kian dazu veranlaßt hatte, einen seiner besten Freunde zu schlagen. "Hättest du vielleicht noch die Güte, mir zu antworten, bevor du dich so einfach aus dem Staub machst?" protestierte Tyra. "Wie soll ich antworten, wenn ich die Frage nicht verstehe? Warum sollte es mich denn nicht interessieren?" "Stell dich nicht dumm! Wenn dumme Menschen sich dumm stellen, ist das äußerst irritierend. Du weißt genau, was ich meine und ich wollte dich nur noch einmal daran erinnern, daß arbeiten hier das einzige ist, was wir tun." Carleen sah über ihre Schultern hinweg zu Tyra, die mitten im Raum stand und wahrscheinlich jeden einzelnen ihrer Gedanken lesen konnte. Dann nickte sie stumm und verließ das Zimmer. Mit raschelnden Tüten und schweren Beinen betrat sie ihr Zimmer und verstaute ihre Last auf dem Bett, ehe sie zum Telefon hinüber ging und die Handynummer von Brandon wählte. Vielleicht konnte der ihr weiterhelfen. Glücklicherweise ließ er sie nicht lange warten, sondern ging sofort ran. "Hey, was ist los?" Carleen wußte, daß es nicht unbedingt von Vorteil war, wenn sie ihn mitten in seiner Arbeit auf dem Handy anrief, aber die Ungewißheit machte sie wahnsinnig. "Das wollte ich dich fragen. Tyra hat mir schon gesagt, was passiert ist, aber sie hat keine Ahnung, wie es dazu gekommen ist. Weißt du was genaueres?" Sie trommelte ungeduldig mit den Fingernägeln auf den Schreibtisch. "Nicht unbedingt. Die Tür zum Aufnahmebereich war geschlossen und alles, was ich gehört habe, war irgendwas mit Verantwortung und egoistisch, bevor es so richtig gescheppert hat. Ich habe Jason schon informiert." Carleen schloß die Augen. Genau das hatte sie irgendwie vermeiden wollen. Zumindest solange, bis sie alle wußten, was wirklich passiert war. "Und was hat er gesagt?" "Er war begeistert und will nicht warten, bis die komplette Story im Kasten ist. Die Fotos gehen noch heute in den Druck." "Welche Fotos?" fragte sie überrascht und versuchte, daß ungute Gefühl in ihrem Bauch zu unterdrücken. "Der Fotograf vom ‚Sentinel‘ hat welche gemacht. Anto hatte mich draußen vor dem Eingang des Tonstudios postiert, und ich habe Jake durchgelassen, als die Luft rein war. Er hat ein paar einwandfreie Nahaufnahmen von Kian und Shane. Zusammen mit den Informationen, die uns der Angestellte gegeben hat, wird das ein Knüller." Carleen konnte sich blendend vorstellen, mit welcher Begeisterung Jason die Nachricht aufgenommen hatte. Das Image der lieben Jungs von nebenan würde somit den Bach hinuntergehen und er war der Auslöser dafür. "Cal?" Sie schreckte aus ihren Gedanken hoch. "Ich bin noch dran." "Gut. Jason läßt dir und Tyra ausrichten, daß ihr euch keine Sorgen machen braucht. Man wird den Fotografen wohl kaum mit uns in Verbindung bringen, geschweige denn herausfinden, was wir hier wirklich tun." "Ist gut. Bye" Carleen legte ohne zu zögern auf, denn sie hatte keine Lust mehr auf das schadenfrohe Geplapper von Brandon alias Kevin. Wieder einmal hatte sie das seltsame Gefühl, daß sie das, was sie tat, mehr und mehr in Frage stellte. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft drangen nun Informationen an die Öffentlichkeit, die es ohne Jason nicht gegeben hätte, und somit auch nicht ohne sie und Tyra. Und sie haßte es. Morgen würden Shane und Kian zum Gesprächsthema Nummer 1 avancieren und jeder würde sich fragen, wie die Fotos in die Zeitung kamen. Carleen für ihren Teil würde dann weiter so tun, als wäre sie nichts weiter als eine kleine Tänzerin, die ihren Job erledigte. O Gott, sie haßte es wirklich. Nie im Leben hätte sie gedacht, daß fünf Jungs, die sie eigentlich kaum kannte, der Grund dafür waren, daß sie sich solchen Gewissensbissen aussetzte. Nie hätte sie gedacht, daß ihre Arbeit sie so sehr berühren könnte und nie hätte sie gedacht, daß ihre Gefühle über die von Freundschaft hinausgehen würden. Doch sie taten es und wieder einmal haßte sie es. Die Erkenntnis war gekommen, als sie bei Tyra auf dem Bett gesessen und ihr zugehört hatte. Wie in einem Kurzfilm waren die Bilder vor ihr abgelaufen, wie sie in Kian’s Armen geschlafen hatte, ihn berührt hatte, wie er sie geküßt hatte....Nur zwei Wochen waren vergangen, seit sie ihm begegnet war, doch sie war sich sicher, daß sie ihn mittlerweile besser kannte als manch anderer, der nun schon über Jahre mit ihm zusammenarbeitete. Es war das Gespräch im Proberaum gewesen, das sie auf ungewöhnliche Weise miteinander verbunden hatte, denn sie war es gewesen, die in diesem Moment bis in sein Innerstes gesehen hatte. Und sie wußte, daß er Shane niemals vorsätzlich verletzt hätte. Überhaupt war sie sich sicher, daß er nie jemandem hatte weh tun wollen, genau wie er es gesagt hatte. Doch er tat es und Carleen wußte nicht, was ihn dazu veranlaßte... Verzweiflung, Einsamkeit, oder die Angst davor, selbst verletzt zu werden? Ihr war schon öfters aufgefallen, daß er seine Laune innerhalb weniger Sekunden änderte und aus dem lebhaften, engagierten und aufgeweckten Kian der Kian wurde, der sich zurückzog, niemanden an sich heran ließ und seine Ruhe wollte. Carleen war gewillt, das nicht länger hinzunehmen und nach einer ausgiebigen Dusche war ihr Entschluß gefaßt. Sie wollte Antworten und diesmal hatte sie nicht vor, sich so einfach abschütteln zu lassen

Kapitel 18

Carleen war gerade auf den Weg in den Speisesaal, als Fran hinter ihr her gerannt kam, und sie bat, stehenzubleiben. Er schien sie gesucht zu haben. "Komm mir jetzt nicht schon wieder damit, daß ich mich verbarrikadieren muß. Ich habe Hunger und nichts, ich wiederhole, nichts wird mich davon abhalten, in diesen verdammten Speisesaal zu gehen und alles zu essen, was mir in den Weg kommt." protestierte sie und lief weiter, ohne Fran auch nur einmal zu Wort kommen zu lassen. Ganz davon abgesehen, daß ihr Magen sich lautstark bemerkbar machte, hatte sie die Absicht, nach dem Abendessen sofort mit Kian zu sprechen, auch wenn sie immer noch nicht wußte, was sie eigentlich von ihm wollte. Es war ihr trotzdem wichtig, ihn zu sehen, warum auch immer. Fran lachte, als Carleen schnurstracks weiterging und hielt sie am Arm fest. "Darum geht es nicht. Diesmal habe ich wirklich gute Neuigkeiten für dich." Das erregte ihr Interesse. Sie blieb stehen und sah ihn an. "Habe ich im Lotto gewonnen oder wirst du endlich damit aufhören, mir das Geld aus der Tasche zu ziehen?" Sie spielte auf ihre gelegentlichen Skatabende an, doch darum handelte es sich anscheinend nicht, denn Fran schüttelte den Kopf. "Viel besser. Von dieser Minute an hast du drei freie Tage ganz für dich alleine. Wie klingt das?" "Das klingt nach dem dämlichsten Witz, den ich je gehört habe." Es war Mittwoch, und ihren nächsten freien Tag hatte sie erst am Samstag, dem Tag, an dem Bryan und Kerry ihre Party gaben. Dazwischen lagen noch zwei harte Tage, die sie mit Proben, wenig Schlaf und jeder Menge anderer schweißtreibender Arbeit zubringen würde. Fran wurde langsam ungeduldig. "Könntest du mir vielleicht mal eine Minute zuhören?" "Die Zeit läuft." entgegnete Carleen und grinste. "Also, paß auf. Anto hat jedem bis Sonntag freigeben. Das heißt für dich, du wirst jetzt deine Sachen packen und zusehen, daß du dich ein wenig erholst, ok? Wie wär’s, wenn du mit mir nach London kommst? Tash hat dort morgen abend einen Auftritt, also werde ich wohl noch heute fliegen." Fran hatte Carleen einmal nach ihrer Familie gefragt, und sie hatte ihm die ausweichende Antwort gegeben, daß diese wie sie in London lebten und Carleen sie schrecklich vermißte. Carleen schüttelte den Kopf. "Jetzt mach mal nicht ganz so schnell. Wieso sollte Anto uns freigeben? Wir haben für die Proben nur noch knapp drei Wochen Zeit und soweit ich weiß, brauchen wir die auch dringend." "Nun, das sehen er und Louis anscheinend anders. Angeblich seit ihr bereits soweit, daß man euch ohne Bedenken mal ein paar freie Tage geben kann. Ich glaube allerdings, daß es eher was mit Shane und Kian zutun hat. Der Vorfall hat allen ganz klar gezeigt, daß wir alle eine Pause gebrauchen könnten. Das finde ich doch wirklich mal äußerst großzügig." sagte Fran sarkastisch und leierte die Augen. Carleen beneidete ihn wirklich nicht. Tagtäglich auf fünf Jungs aufzupassen, die alle ihren eigenen Kopf hatten, kreischende Fans abzuschütteln und mit nervenden Reportern fertig zu werden, verlangte ihm sicherlich einiges ab. Daß er aber dabei stets die Ruhe behielt, machte ihn nur noch sympathischer. "Das heißt, ich kann gehen? Einfach so?" Fran lachte angesichts ihrer strahlenden Augen und nickte eifrig. "Ja, das kannst du. Tu mir nur einen Gefallen, und verlaß das Hotel durch das Parkhaus, sonst haben die dich da draußen sofort in der Mangel." Carleen nickte. Ihr war jetzt alles Recht, solange sie nur endlich ein paar freie Tage hatte. Das hieß, sie konnte auf die Party von Bryan und Kerry gehen und gleichzeitig bei Connor in Limerick vorbeischauen. Life was beautiful. "Und was ist nun, begleitest du mich nach London?" fragte Fran schließlich und Carleen schüttelte den Kopf. "Vielleicht ein anderes Mal. Ich werde meinen Bruder in Limerick besuchen. Er verbringt dort ein paar Tage mit seinen Freunden und ich würde ihn wirklich gerne wiedersehen. Mum und Dad haben dafür sicherlich Verständnis." Wieder hatte sie nicht gelogen und trotzdem nicht zuviel verraten. Daß ihr Bruder Freunde besuchte, war ja nichts ungewöhnliches und daß ihre Eltern überhaupt nicht in London, sondern seit Jahren in Manchester lebten, mußte er ja nicht unbedingt wissen. "Gut, dann wünsche ich dir ein paar erholsame Tage. Wir sehen uns dann Samstag." "Ist gut." Carleen küßte ihn auf die Wange, bevor sie sich wieder umdrehte und anstatt in den Speisesaal in ihr Zimmer zurückging. Je schneller sie jetzt von hier weg war, desto besser. Der Weg nach Limerick würde sie gute vier Stunden kosten und dabei hatte sie noch nicht einmal einen Wagen. Sie war gerade dabei, ihren Koffer aus dem obersten Schubfach des Kleiderschranks zu ziehen, als ihr Telefon klingelte. "Na großartig." Frustriert angelte Carleen sich den Koffer, bevor sie ihn beiseite stellte und zum Schreibtisch hechtete. "Hallo?" Während sie sich den Hörer auf ihre Schulter legte, begann sie damit, ihre Sachen aus dem Schrank zu holen und sie im Koffer zu verstauen. "Ich bin es, Pumpkin. Du wirst nicht glauben, was Anto für ein Engel ist." flötete Tyra in den Hörer. Carleen grinste. "Doch, weiß ich. Und deswegen kann ich mich auch nicht lange mit dir unterhalten, sondern muß meine Sachen packen." "Oh, dann weißt du es also schon? Wieso bin ich immer so langsam? Anyway, wohin wird es dich diese drei wundervollen Tage verschlagen?" "Connor ist doch in Limerick. Wenn ich mich beeile, kann ich noch heute abend da sein, vorausgesetzt, ich finde so schnell ein Auto." Carleen verstaute noch ein paar letzte Sachen in ihrem Koffer, bevor sie ins Bad ging und auch dort die wichtigsten Dinge zusammenpackte. "Oh gut, dann sehen wir uns also Samstag, oder? Um Jason brauchst du dir keine Gedanken machen, Brandon hat ihm schon alles erzählt. Manchmal frage ich mich wirklich, warum wir noch hier sind, der Kerl tratscht doch sowieso gleich alles weiter." Carleen lachte. "Das bedeutet aber immerhin weniger Arbeit für uns. Was wirst du machen?" fragte sie, als sie zurück ins Schlafzimmer ging und ihren Koffer schloß. "Äh, das weiß ich noch nicht so richtig. Du meldest dich, sobald du in Limerick bist, okay?" "Das mach ich, Muffin. Hab dich lieb. Bye." "Ich dich auch. Mach’s gut." Dann nahm Carleen ihren Koffer und stellte ihn auf den Boden, ehe sie noch einen kurzen Rundgang machte und sich vergewisserte, daß sie alles hatte, was sie für die nächsten drei Tage brauchte. Sie würde erst nach der Party am Samstag ins Hotel zurückkehren. Zufrieden schaltete sie das Licht in ihrem Zimmer aus und hievte ihren Koffer in den Gang, bevor sie abschloß. "Achtung, Achtung, dies ist ein Notfall. Bitte räumen sie ihr Gepäck aus dem Weg und lassen sie Mr. McFadden passieren. Achtung, Achtung." Carleen lachte, als sie sich zu Bryan herumdrehte, der mit einer riesigen Reisetasche über der Schulter auf sie zukam. "Du kannst es wohl kaum erwarten, hier raus zu sein, was?" "Darauf kannst du wetten. Shane und Kian sollten sich öfters prügeln, das würde uns bei Weitem mehr Freizeit schaffen." entgegnete er gutgelaunt und lief pfeifend die Treppe hinunter. Er mußte WIRKLICH gut gelaunt sein, wenn er freiwillig die Treppe nahm. Carleen schüttelte amüsiert den Kopf und wollte gerade zum Fahrstuhl gehen, als Bryan’s Worte nachhallten. Kian. Sie sah auf ihre Uhr. Es war kurz nach Sieben und wenn sie sich beeilte, erwischte sie ihn vielleicht, bevor er das Hotel verließ, wenn er das nicht schon getan hatte. Zumindest mußte sie versuchen, ihn anzutreffen, sonst würde sie sich die nächsten Tage den Kopf über ihn zerbrechen. Carleen wollte wenigstens wissen, wie es ihm ging. Sie stellte den Koffer zur Seite und ging den Flur entlang zu seinem Zimmer. Obwohl ihr eigentlich überhaupt nicht wohl bei der Sache war, klopfte sie an die Tür und wartete. Nachdem Carleen auch nach dem dritten Klopfen keine Antwort erhielt, wollte sie wieder gehen, doch dann öffnete sich die Tür. "Hy." war das einzige, was sie hervorbrachte, als Kian im Türrahmen stand und sie ansah. Er war wohl gerade dabei, das Hotel zu verlassen, denn er hatte sich seine Jacke bereits zur Hälfte über die rechte Schulter gezogen. "Hallo. Kann ich irgendwas für dich tun?" fragte er freundlich und öffnete die Tür ein Stück weiter, damit er seinen Koffer hindurch schieben konnte. "Also, nicht unbedingt. Ich wollte eigentlich nur mal hören, wie es dir geht." entgegnete Carleen und steckte sich ihre Hände in die Hosentaschen. Warum zur Hölle schlug ihr das Herz bis zum Hals? Noch dazu schien sie die vollkommen falsche Frage gestellt zu haben, denn Kian runzelte die Stirn. "Ein kleiner Kratzer an der Hand wird mich schon nicht umbringen, aber danke der Nachfrage. Frag doch Shane, wie es ihm geht, der erzählt dir sicher gern von seinem Leiden." Carleen nickte. "Ja, das sollte ich vielleicht tun. Entschuldige bitte." Sie wendete sich ab und lief den Flur entlang. Eine Unterhaltung, die so angefangen hatte, wollte sie überhaupt nicht weiterführen. Mit solch einer Laune konnte Kian ihr wirklich gestohlen bleiben. Carleen war ein wenig überrascht, als sie plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter spürte. "Jess, es tut mir leid. Ich habe das nicht so gemeint." Sie drehte sich herum und versuchte ein Lächeln. "Schon gut, ich hätte wissen sollen, daß man lieber einen großen Bogen um dich macht." Dann kehrte sie Kian wieder den Rücken zu und ging zu ihrem Koffer, der noch immer an anderen Ende des Flures stand. Sie gab es wohl besser endlich auf, diesen Mann zu verstehen. "Jetzt lauf nicht gleich wieder weg, ok? Es geht mir wirklich gut, danke, daß du gefragt hast." "Nicht der Rede wert." Jetzt war Carleen diejenige, die kurz angebunden war, und Kian der, der versuchte, höflich zu sein. "Dann sehen wir uns Samstag, oder?" fragte er, als sie vor dem Fahrstuhl standen und warteten. "Ja, ich denke schon. Fährst du zu deiner Familie?" Kian zögerte einen Moment, bevor er antwortete. "Nein, ich werde eine Freundin von mir besuchen. Was machst du?" Ihr war der Ausdruck in seinen Augen nicht entgangen, aber sie hielt es nicht für den richtigen Zeitpunkt, ihn darauf anzusprechen. Carleen zuckte mit den Schultern. "Ich fahre für zwei Tage nach Limerick, insofern ich ein Auto finde, das mich dorthin befördert. Hast du vielleicht eine Ahnung, wo ich hier eine billige Autovermietung finde?" fragte sie, als sie den Fahrstuhl betraten und nach unten fuhren. Kian spielte mit dem Schlüssel in seiner Hand, während er nachdachte. Dann hob er den Kopf. "Nein, aber ich weiß, wie du dahin kommst, ohne dir ein Auto zu mieten." Carleen zog eine Augenbraue in die Höhe. "Und die wäre?" "Du fährst mit mir." Tagelang hatte er krampfhaft versucht, ihr aus dem Weg zu gehen und plötzlich bot er ihr an, den Chauffeur zu spielen. Das konnte man einfach nicht verstehen. "Wie kommst du denn auf die Idee?" fragte sie überrascht. "Ich muß zu einem kleinen Vorort von Limerick und kann dich absetzen, bevor ich weiterfahre. Natürlich nur, wenn du das willst." Carleen lächelte. "Nun, ich sehe nichts, was dagegen spricht. Es sei denn, du fährst wie Nicky und hast vor, kleine Kinder zu überfahren." Kian stimmte in ihr Lachen ein. "Oh, das ganz bestimmt nicht. Das würde nur unschöne Kratzer an meinem Baby geben. Da lang." antwortete er, als sie Tiefgarage betraten und durch Reihen von Autos gingen. "Dein Baby? Sag mir jetzt bitte nicht, daß du damit dein Auto meinst!?" Carleen schüttelte ungläubig den Kopf. "Doch, tue ich. Jeder Mann hat irgendein Baby, und das dort ist meines." Er zeigte auf einen silbernen Porsche, der am Ende der Tiefgarage zwischen anderen Wagen stand. "Männer!" Kian lachte wieder, bevor er den Porsche entriegelte und den Kofferraum öffnete. "Was ist das? Da paßt ja noch nicht einmal meine Zahnbürste rein." meinte Carleen verächtlich, als sie ihren Koffer hinein hievte. "Willst du nun mit uns beiden fahren oder lieber laufen?" Kian schloß den Kofferraum wieder und ging zur Fahrerseite, während Carleen ihm gegenüber auf die andere Seite trat. "Muß ich dazu meine Schuhe ausziehen? Ich will ja hier nichts dreckig machen." Kian leierte nur mit den Augen, bevor er einstieg und Carleen es ihm lachend gleichtat. Seltsam, dachte sie, als sie sich anschnallte. Plötzlich war Kian wieder unglaublich offen und alberte mit ihr wie mit einer alten Freundin. Sie fragte sich, warum er nicht einfach immer so sein konnte. Doch dann wiederum faszinierte sie seine geheimnisvolle, manchmal sehr zurückhaltende Art und brachte sie dazu, mehr über ihn wissen zu wollen. Hatte er eigentlich auch nur annähernd eine Ahnung, was für eine Wirkung er manchmal auf sie haben konnte? "Fertig?" fragte Kian und sah sie an. Als Carleen nickte, startete er den Motor und fuhr los.

Kapitel 19

Carleen wachte auf, als die ersten großen Regentropfen an die Autofenster pochten. Verschlafen rieb sie sich ihre Augen, bevor sie ein wenig in ihrem Sitz hoch rutschte und zu Kian hinüber sah. Er hatte den Blick auf die Straße gerichtet und bemerkte erst, daß sie wach war, als Carleen ihn ansprach. "Wie spät ist es?" fragte sie und gähnte hinter vorgehaltener Hand. Kian lächelte, während er auf den rechten Seitenspiegel blickte. "Gut geschlafen? Es ist kurz vor neun." Damit hatte Carleen fast zwei Stunden geschlafen. Sie wußte nicht, warum, aber mit einmal waren ihr die Augen zugefallen und Kian hatte sie schlafen lassen, während er auf die Autobahn Richtung Kildare aufgefahren war. Carleen hatte nicht wirklich eine Ahnung, wo sie waren, aber Kildare mußten sie der Landschaft nach zu urteilen schon längst hinter sich gelassen haben. "Wo sind wir?" Sie versuchte, durch den Regen hindurch etwas zu sehen, doch außer zwei Scheibenwischern, die monoton hin und her wankten, konnte sie nichts erkennen. "So gut wie in Limerick. Wenn der Regen nicht noch schlimmer wird, dürften wir in zwanzig Minuten da sein." Carleen machte große Augen. "Schon? Aber man braucht doch fast vier Stunden bis nach Limerick und wir sind gerade mal zwei unterwegs. Hast du jegliche Geschwindigkeitsbegrenzung mißachtet?" "So würde ich das nicht nennen. Mein Baby kann einfach nur viel mehr, als du ihm vielleicht zutraust. Jetzt wäre wohl eine Entschuldigung angebracht." Kian grinste, als er bemerkte, wie Carleen nur noch erstaunter dreinsah. Sie war ganz sicher nicht kleinlich, aber bei einem Auto würde sie sich ganz sicher nicht entschuldigen. "Das ist ja wohl nicht dein Ernst. Eher gehe ich zu Fuß, als daß ich mich mit deinem Auto unterhalte. Hast du dir vielleicht schon einmal überlegt, dich einem Arzt anzuvertrauen?" Er schüttelte nur den Kopf, bevor er auf eine andere Spur wechselte und die Ausfahrt zu einer Raststätte herunter fuhr. Nachdem Kian den Porsche geparkt hatte, stellte er den Motor ab und sah Carleen an. "Wenn ich bitten dürfte!" Moment, das hatte er doch schon einmal gesagt. Und da hatte er sie darum gebeten, sein Zimmer zu verlassen. Carleen war entsetzt. "Du willst mich hier nicht wirklich aussetzen? Kian, es regnet in Strömen." Sie zeigte an ihm vorbei auf das Fenster hinter ihm, wo der Regen laut herab prasselte. Er zuckte jedoch nur mit den Schultern. "Das hättest du dir eher überlegen sollen. Baby verzeiht nur sehr schwer." sagte er mit einem bestürzten Gesichtsausdruck und streichelte das Armaturenbrett. Obwohl Carleen wußte, daß Kian nur Spaß machte, war sie auf keinen Fall gewillt, klein beizugeben. "Bist du eigentlich von Geburt an so böse oder mußtest du dran arbeiten?" Als Kian ihr keine Antwort gab, schnallte Carleen sich frustriert ab und öffnete die Beifahrerseite. Bevor Kian reagieren konnte, stand sie im strömenden Regen. "Fein! Dann werde glücklich mit deinem Baby. Sollten wir uns im nächsten Leben wieder begegnen, werde ich dir höchstpersönlich in den Hintern treten." Mit einem lauten Knall ließ sie die Autotür ins Schloß fallen und marschierte los. Sie mußte fast ein wenig lachen, als sie daran dachte, wie lächerlich das alles war. Ein dämliches Auto war der Grund dafür, daß sie sich mal einfach so in den Regen stellte. Es war dunkel, ihr war kalt, doch nichts brachte sie in diesen Wagen zurück. Carleen bezweifelte, daß Kian sie wirklich stehenlassen würde, also ging sie seelenruhig weiter und wartete, bis er sich zu Wort meldete. Tatsächlich hörte sie kurze Zeit später eine zweite Tür knallen und Schritte, die über den nassen Asphalt liefen. "Jess, jetzt bleib stehen. Ich habe einen Witz gemacht, ok? Es war nur ein Witz, wenn auch ein ziemlich dämlicher." Kian hatte fast zu ihr aufgeholt, doch sie ließ sich nicht beirren und ging weiter. Als er dann schließlich neben ihr herlief, konnte sie aus den Augenwinkeln heraus sehen, daß er sich seine Jacke zur Hälfte über den Kopf gezogen hatte und verzweifelt versuchte, nicht naß zu werden. "Was muß ich tun, damit du zurück kommst? Wenn du das nämlich nicht tust, werden wir hier in ungefähr fünf Sekunden klitschnaß sein, und das zu vermeiden, liegt mir doch sehr am Herzen." "Geh doch zurück. Ich werde mir jetzt einen wundervollen Hamburger genehmigen und mir dann jemanden suchen, dessen Auto keinen Namen hat." Sie machte einen großen Schritt über eine Pfütze und steuerte weiter auf das kleine Restaurant vor ihnen zu. Wenn Kian geglaubt hatte, er könne sie mit einer halbherzigen Bitte dazu bewegen, wieder einzusteigen, hatte er sich geirrt. Das Spiel gefiel ihr. "Jess, ich werde dich jetzt noch einmal bitten, mit mir zum Auto zu gehen, denn sonst muß ich schwerwiegende Maßnahmen ergreifen." sagte Kian in scherzhaftem Ton, doch Carleen hatte das Gefühl, daß er es trotzdem vollkommen ernst meinte. Sie blieb stehen und stemmte die Hände in die Hüften. "Das würdest du ganz sicher nicht tun. Oder willst du, daß ich die Ledersitze deines Busenfreundes unsittlich beschmutze?" Er dachte nach. "Das ist immer noch besser, als hier zu stehen und sich voll regnen zu lassen. Also, kommst du mit?" Carleen wollte gerade etwas erwidern, als sie das herannahende Auto sah. Es war ein großer und schmutziger Wagen mit den schönsten dreckigen Reifen, die Carleen je gesehen hatte. Und er fuhr genau durch die Pfütze hinter Kian. Ein lautes Platschen war zu hören, bevor Kian die Augen schloß und den Kopf senkte. "Es ist nicht wirklich gerade das passiert, von dem ich denke, daß es passiert ist, oder?" fragte er, immer noch einen Hauch von Hoffnung in der Stimme. Carleen prustete los. "Doch, das ist es und ich liebe es. Du siehst einfach nur göttlich aus." Er mußte sich nicht erst herumdrehen, damit sie wußte, daß es ihn voll erwischt hatte. Schon von vorne konnte sie sehen, daß die Schlammspritzer sich in weitem Feld über seine Hose und seine Jacke ergossen. "Jess, das wird dich jetzt einen riesengroßen Burger kosten, verlaß dich drauf." Kian sah an sich herunter und schüttelte mit dem Kopf. "Die Hose hier hat mich ein Vermögen gekostet." "Ihre Reinigung wird dich in den Ruin treiben." sagte Carleen, immer noch lachend und hakte sich ohne Berührungsängste bei ihm ein. Kian ließ sie gewähren. "Komm." Mit eiligen Schritten liefen sie auf die Glastüre des Schnellrestaurants zu und atmeten erleichtert auf, als sie endlich im Trockenen waren. Bis auf ein paar LKW-Fahrer, die sich in einer Ecke zu einem Kaffee zurückgezogen hatten und wenigen Bediensteten, war es fast vollständig leer. "Gott, ich sterbe vor Hunger." bemerkte Carleen, als sie ihre nasse Jacke auszog und sie sich über den rechten Unterarm legte. Mit der freien linken Hand schnappte sie sich ein Tablett und lief hinter Kian her, der bereits rege damit beschäftigt war, sich Kaffee einzugießen. "Ich dachte, du trinkst keinen Kaffee." Zu jedem Frühstück im Hotel hatte er ausschließlich Tee getrunken. "Tu ich auch nicht, aber besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen, und wenn ich mich so angucke, brauche ich eine ganze Kanne Kaffee. Habe ich dir schon gesagt, daß diese Hose so gut wie unbezahlbar ist?" Carleen lachte. "Ja, hast du, aber es ist doch immer wieder freundlich von dir, es noch einmal zu erwähnen. Rutsch weiter." Kian schüttelte angesichts dem Desinteresse von Carleen nur mit dem Kopf und ging weiter. Bald darauf hatten sie alles zusammen, was sie essen wollten, und suchten sich einen freien Tisch. Von da an verlief jegliche Konversation im Sande, denn sowohl Kian als auch Carleen widmeten sich voll und ganz den mehr oder weniger appetitlich aussehenden Dingen vor sich. Nichts desto trotz wußte Carleen, daß Kian sie ansah, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Sie ging jedoch nicht weiter darauf ein, sondern tat so, als würde sie von all dem nichts bemerken. "Das war großartig. Jetzt werde ich nur nicht mehr in dein Auto passen." Carleen lehnte sich zurück und rieb sich zufrieden ihren Bauch. "Ich werde dich einfach aufs Dach schnallen." Als sich ihre Blicke trafen, steckte Carleen Kian die Zunge raus und verschränkte die Arme vor ihrer Brust. "Ha ha. Vorher entführe ich dir dein Baby und fahre es gegen einen Baum." "Dann paß aber auf, daß du dabei keine Kratzer machst. Es wäre schade um das Auto." Carleen nahm ihre Serviette und schmiß sie nach Kian. Dieser lachte jedoch nur und hob abwehrend die Hände. "Du hast angefangen. Aber wo wir gerade bei dem Thema sind... wo genau mußt du eigentlich hin? Ich kenne mich in Limerick noch nicht ganz so gut aus und sollte vielleicht mal einen Blick in die Karte werfen." Kian hatte den Satz noch gar nicht zu Ende gesprochen, als Carleen plötzlich bewußt wurde, was sie vergessen hatte. Connor wußte gar nicht, daß sie schon auf dem Weg zu ihm war. "Oh nein." Ihre Stimmung sank schlagartig. "Was ist los?" Kian nippte an seiner Cola. "Mein Bruder hat überhaupt keine Ahnung, daß ich heute komme. Er denkt, daß wir uns frühestens am Samstag sehen. Wie konnte ich sowas nur vergessen?" Carleen schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und stöhnte. Sie stand auf und angelte nach dem Kleingeld in ihrer Tasche. "Wo willst du hin?" fragte Kian und hielt sie am Arm fest. "Ich werde mir eine Telefonzelle suchen und hoffen, daß Connor nicht gleich aus allen Wolken fällt." "Warte, du kannst von meinem Handy aus telefonieren." Er holte es aus seiner Jackentasche und hielt es Carleen unter die Nase. Sofort kam ihr der Moment im Hotelzimmer in den Sinn, als sie es schon einmal in der Hand gehabt hatte, doch sie verdrängte den Gedanken sofort wieder und nahm es erleichtert entgegen. "Danke. Es dauert auch wirklich nur zwei Minuten." Sie entfernte sich ein wenig vom Tisch und wählte die Nummer vom Haus ihres Bruders in Limerick. Unruhig wanderte sie zwischen den Tischen auf und ab, als auch nach wiederholtem Klingelzeichen keiner abnahm. Frustriert legte sie auf und versuchte es auf seinem Handy. Dort meldete Connor sich zum Glück, doch das besserte Carleen’s Laune nicht unbedingt. Connor war überhaupt nicht in Limerick und würde dies vor dem Wochenende auch nicht sein. Er arbeitete mit einigen Kollegen in London und hatte erst für Freitag abend einen Flug nach Irland gebucht. Als sie erkannte, daß sich daran auch nichts ändern würde, legte Carleen auf und ging zum Tisch zurück, an dem Kian geduldig auf sie gewartet hatte. Vielleicht kannte er ein Hotel, in dem sie vorübergehend wohnen konnte, bis Connor und seine Familie eintrafen. Zwei Tage Irland ohne eine Menschenseele, die sie kannte. Wundervoll. "Und?" fragte Kian, als Carleen ihm sein Handy hinlegte und sich auf den Stuhl ihm gegenüber fallen ließ. "Nichts und. Connor wird erst am Samstag hier auftauchen, so wie es geplant war. Ich bin wirklich so dämlich." Sie stützte den Kopf auf ihre Hände und seufzte. "Und kennst du vielleicht noch jemanden, zu dem ich dich fahren könnte?" fragte Kian, als er sich seine Jacke anzog und aufstand. Carleen tat es ihm gleich und schüttelte mit dem Kopf. "Niemanden. Na ja, da bleibt mir wohl nur ein kleines, gemütliches Hotel, in dem sie horrende Preise verlangen, schlechtes Essen servieren und nach acht Uhr das warme Wasser abstellen." Als sie an der Glastür angekommen waren, zogen sie sich ihre Jacken über den Kopf und traten erneut hinaus in den strömenden Regen. Kichernd und fluchend rannten sie zu Kian’s Wagen hinüber und ließen sich in die Sitze fallen. "Wir sehen aus wie Meerschweinchen nach einem Besuch in der Wäschetrommel." Kian lachte angesichts des Vergleiches, den Carleen getroffen hatte und schob sich seine nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Carleen konnte sich nicht helfen, aber sie fand ihn in diesem Moment unwiderstehlich. Der nasse Pullover, der eng an seinem Körper anlag, die Haarsträhnen, die ihm ins Gesicht hingen, seine strahlenden Augen und der Geruch von seinem Aftershave... Verschämt wendete Carleen ihren Blick von ihm ab und zog ihre Jacke aus. "Jess, kann ich dich etwas fragen?" Kian sah zu ihr hinüber, als er den Schlüssel ins Zündschloß steckte. Sie nickte, obwohl sie der Ton in seiner Stimme unsicher werden ließ. Was auch immer es war, sie wußte nicht, ob sie es mögen würde. "Würdest du mein Gästezimmer einem Hotel vorziehen?" Er sah sie mit großen, blauen Augen an und wartete auf eine Antwort. Als er sah, daß Carleen deutlich Schwierigkeiten hatte, die richtigen Worte zu finden, lächelte er. "Überrascht?" Das war die Untertreibung des Jahrhunderts. Carleen hätte mit allem gerechnet, aber ganz sicher nicht damit. Sie konnte nicht behaupten, daß ihr dieses Angebot mißfiel, zumal sie Brief und Siegel geben konnte, daß Kian dabei ganz und gar keine Hintergedanken hatte. Er wollte freundlich und hilfsbereit sein und Carleen fragte sich, wie viele verschiedene Seiten sie wohl noch an ihm kennenlernen würde. Das Einzige, was ihr Angst machte, war die Ungewißheit, die ihre eigenen Gefühle mit sich brachten. Aber sollte sie ihn deswegen zurückweisen? Carleen lächelte verlegen. "Das würde ich ganz sicher, das heißt, wenn es dir keine Umstände macht." "Nein, ganz und gar nicht. Vielleicht werden dir diese zwei Tage helfen, ein wenig zu verstehen und zu begreifen." entgegnete Kian leise und startete den Motor. Carleen wußte nicht, was er meinte, doch sie tat gut daran, nicht weiter zu fragen. Wenn er es wollte, würde er ihr zu gegebener Zeit sagen, was ihn beschäftigte. Und sie konnte warten.

Kapitel 20

Als der Porsche in eine kleine Seitenstraßen mit mehren Reihenhäusern einbog, rutschte Carleen ein wenig in ihrem Sitz nach oben und sah sich um. Sie war angenehm überrascht. Nach allem, was sie über Kian wußte, hatte sie den Buckingham Palast oder ähnliches erwartet, und kein Einfamilienhaus mit dem typischen weißen Gartenzaun davor. Kian parkte den Wagen vor einem dieser Häuser und stieg aus. Carleen schnappte ihre Jacke vom Rücksitz und tat es ihm gleich, bevor sie um die Motorhaube herum ging und sich neben Kian stellte. "Was ist mit den Koffern?" fragte sie, als er abschloß und keine Anstalten machte, irgend etwas mitzunehmen. "Die brauchen wir noch nicht. Ich möchte, daß du jemanden kennenlernst. Wir werden ganz bestimmt nicht lange bleiben." Carleen nickte und folgte ihm die Treppe hinauf zur hölzernen Haustür. Erst jetzt erkannte sie, daß in einigen der Fenstern Licht brannte. Ihre Neugierde wuchs. Kian klingelte zweimal, bevor auch im Korridor das Licht anging und eine junge Frau Anfang zwanzig im Türrahmen erschien. "Hy Kian, schön dich zu sehen. Kommt doch rein." Sie öffnete die Tür ein Stück weiter und ließ ihn zusammen mit Carleen eintreten. Diese hatte überhaupt keine Ahnung, was vor sich ging und begnügte sich damit, ihre Gastgeberin eingängig zu mustern. Sie war wahrscheinlich in ihrem Alter, mit langen hellblonden Haaren und stechend grünen Augen. Obwohl sie einen weiten Pulli trug und alte Jeans, die locker um ihre Beine lagen, konnte Carleen ohne Schwierigkeiten erkennen, daß sie eine großartige Figur hatte. Der Traum aller Männer. Zudem schienen sie und Kian sich sehr gut zu kennen. Sie umarmten sich lange und innig und plauderten miteinander, als ob sie nie etwas anderes in ihrem Leben getan hätten. "Alex, das ist Jessica..." Kian machte eine Pause. "..eine gute Freundin von mir." Carleen sah ihn kurz an, doch er vermied den Augenkontakt mit ihr, also wendete sie sich Alex zu, die strahlend lächelte. "Hy, Jessica, schön sie kennenzulernen." "Ja, freut mich auch. Und nennen sie mich doch bitte Jess." Alex lächelte erneut. Carleen mochte sie augenblicklich. "Ihr eßt wohl gerade?" fragte Kian und zeigte auf den Pullover von Alex, der in naher Vergangenheit wohl Bekanntschaft mit Nudeln und Tomatensoße gemacht hatte. Sie lachte. "Nun, das versuchen wir zumindest. Lilly ist in der Küche und erwartet dich schon sehnsüchtig." Carleen glaubte, sich verhört zu haben. Lilly? Die Lilly? Verwundert sah sie zu Kian hinüber, der bereits damit beschäftigt war, seine Jacke auszuziehen und den Flur entlang zu stürmen. Anscheinend hatte ihm Lilly, wer auch immer das war, sehr gefehlt. Carleen konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, jetzt, wo sie so nah daran war, herauszufinden, wer Lilly war. "Daddy!!" Sie brauchte Kian noch nicht einmal mehr in die Küche zu folgen, um die Antwort zu kennen. Die Kinderstimme, die soeben quietschvergnügt durch den Flur gehallt war, ließ keinen Platz für Vermutungen. Carleen‘s Knie wurden weich, als sie mit den Ärmeln ihrer Jacke kämpfte und sie achtlos auf den Boden warf. Wenn Alex sich an ihrem Verhalten störte, dann zeigte sie das nicht. Aufmunternd legte sie Carleen die Hand auf den Rücken und deutete ihr, weiterzugehen, als ob sie ganz genau wußte, was in Carleen’s Kopf vor sich ging. "Gehen sie ruhig. Ich bin oben und ziehe mir etwas anderes an, wenn sie mich brauchen." Carleen nickte langsam, bevor sie den Flur entlang ging und die Küche betrat. Eine Hand schnellte zu ihrem Mund, als sie in zwei kleine blaue Augen sah, die wie von Kian kopiert waren und die sie mit einer Mischung aus Überraschung und Neugier anblickten. Kian, der sich hingehockt und Lilly in die Arme genommen hatte, sah zu Carleen hinauf. Er nickte langsam, wie als kenne er die Frage, die sie stellen wollte. "Lilly, ich möchte dir jemanden vorstellen, ok?" sagte Kian sanft, während er seiner Tochter über die hellbraunen Locken strich und sie ihr vorsichtig hinter die Ohren legte. Gott, sie hatte sogar seine Ohren! "Ihr Name ist Jessica. Sag hallo!" Lilly löste sich aus der Umarmung von Kian und tapste auf Carleen zu, die mittlerweile genau wie Kian in die Hocke gegangen war. "Hy, E-siia." sagte sie und grinste. "Hallo Prinzessin. Du bist wirklich hübsch." Carleen war froh, ihre Fassung wiedergewonnen zu haben und nahm die kleine Hand von Lilly in ihre eigene. Lilly grinste noch mehr und warf sich in die Arme von Carleen, die augenblicklich lachte. Über den Kopf des kleinen Mädchens hinweg sah sie zu Kian hinüber, der alles beobachtete und lächelte. "Kian..." begann sie zu flüstern, doch die richtigen Worte wollten einfach nicht kommen. Statt dessen hob sie Lilly hoch, die ihre kleinen Arme mittlerweile um den Hals von Carleen geschlungen und ihren Kopf an deren Schulter gelegt hatte. "Später, Jess, später." Carleen nickte nur, bevor sie ihm Lilly gab und sie gemeinsam in den Flur gingen. Ihr Kopf glich einem Schlachtfeld, und nicht ein einziger Gedanke ließ sich greifen und verstehen. Sie hatte so viele Fragen und gleichzeitig wußte sie nicht, ob sie die Antworten darauf überhaupt wissen wollte. Alex kam die Treppe hinunter, in der einen Hand eine kleine Reisetasche, in der anderen einen weißen Plüschbären. "Wussy!" rief Lilly plötzlich und streckte ihre Hände nach dem Kuscheltier aus. Kian setzte sie ab, damit sie zu Alex rennen und sich ihren Spielgefährten holen konnte. "Hier hast du ihn, Schatz. Da bleibt die wohl für dich übrig." Alex hielt Kian die Reisetasche hin und lachte. Dieser nahm die Tasche, bevor er sich umdrehte und nach seiner Jacke griff, die an der Garderobe hing. Sie würden die nächsten Tage also zu dritt verbringen. "Lilly, wo ist deine Jacke? Es ist kalt draußen." Lilly zuckte nur ihre Schultern und drückte Wussy noch enger an sich. Alex kniete sich hin. "Du hast doch gehört, was Daddy gesagt hat. Geh schnell rauf und hol deine Jacke. Wir wollen doch nicht, daß Wussy unterwegs kalt wird, oder?" Lilly schüttelte energisch ihren Kopf, bevor sie ein wenig unbeholfen in die Küche rannte und die Jacke holte, die dort über dem Stuhl hing. Carleen sah ihr hinterher, als sie sich selber anzog und die Tür öffnete. Sie hatte irgendwie den Eindruck, daß die drei einen Moment für sich alleine benötigten und um nichts in der Welt hätte sie da stören wollen. "Ich warte draußen auf euch." sagte sie an Kian gewandt, bevor sie Alex die Hand gab. "Hat mich sehr gefreut." "Mich ebenfalls." Carleen schloß die Tür hinter sich und trat hinaus in die Kälte. Erleichtert ließ sie sich auf die Stufen der Vortreppe fallen und atmete durch. Sie wollte noch nicht einmal darüber nachdenken, was gerade eben geschehen war. Zuerst einmal mußte sie wissen, was Kian dazu zu sagen hatte. Und er würde etwas dazu sagen, ganz gleich, ob ihm das paßte oder nicht. Er konnte sie nicht einfach ins kalte Wasser werfen und dann erwarten, daß sie das stillschweigend hinnahm. Aber warum ließ er sie überhaupt an seinem Leben mit Lilly teilhaben? "E-siia! Auto fahren." Carleen war so in Gedanken versunken gewesen, daß sie Lilly gar nicht hatte heraus kommen hören. Lächelnd stand sie auf und folgte Lilly, die freudig in die Hände klatschte und mit ihrem Rucksack auf dem Rücken den kleinen Weg zum Auto hinunter lief. Lebendig war wohl genau das richtige Wort, das auf sie zutraf. Kian kam hinter ihnen her und schloß den Wagen auf, bevor er die Tasche von Lilly im Kofferraum verstaute. Carleen öffnete Lilly die hintere Autotür und wartete, bis Kian ihr den Kindersitz gegeben hatte, ehe sie Lilly anschnallte. "Du bist auch hübsch, E-siia." flüsterte Lilly in Carleen’s Ohr und kicherte vergnügt. Carleen tippte ihr auf die Nase, ehe sie die Tür zumachte, und auf der Beifahrerseite einstieg. Kian hatte die ganze Zeit über nichts gesagt, und brachte auch jetzt kaum ein Lächeln zustande, als er den Motor startete und losfuhr. Es dauerte nicht lange, bis Lilly die kleinen Augen zufielen und sie, mit Wussy in den Armen, einschlief. Kein Wunder, dachte Carleen, denn immerhin war die Kleine wahrscheinlich länger auf, als sie das sonst gewohnt war. Carleen warf einen Blick in den Seitenspiegel und war ein weiteres Mal überrascht, wie sehr Lilly und Kian sich tatsächlich ähnelten. Lilly hatte nicht besonders viel von ihrer Mutter geerbt, außer vielleicht die kleine Stupsnase. Augen, Mund und Ohren glichen ohne Zweifel denen von Kian, genau wie die Farbe ihrer Haare, hellbraun. Warum war sie nicht gleich darauf gekommen, als sie damals telefoniert hatte? Als sie erst Lilly und dann Alex an der Leitung gehabt und es nicht verstanden hatte? Jetzt machte alles einen Sinn. Statt einer Eroberung von Kian hatte sie nun ein kleines, dreijähriges Mädchen vor sich, das augenblicklich ihr Herz gewonnen hatte. Trotzdem versetzte es ihr einen Stich, daran zu denken, wie nah Alex und Kian sich waren. Sie hatte es gesehen, als sie im Flur gestanden und auf ihre gemeinsame Tochter hinab geblickt oder sich unterhalten und umarmt hatten. Wie sollte so ein kleines Wesen auch nicht miteinander verbinden? Kian bog in einen kleinen, nicht gepflasterten Weg ein und fuhr durch eine Allee von Bäumen hindurch zu einer kleinen Hütte, die man von der Straße aus überhaupt nicht gesehen hatte. Es war nicht unbedingt weit abgelegen, sorgte aber gleichzeitig für genügend Ruhe und viel Privatsphäre. Die brauchte Kian wahrscheinlich auch, denn immerhin hatte die allgemeine Öffentlichkeit keinen Schimmer von seiner Tochter. Würde sich das nun ändern? Kian parkte den Wagen vor der Hütte und stellte den Motor ab. "Nimmst du Lilly? Ich bring die Sachen aus dem Kofferraum mit." Carleen nickte, als sie ohne ein Wort ausstieg und die hintere Autotür öffnete. Lilly schlief noch immer tief und fest und ließ sich auch dann nicht stören, als Carleen sie abschnallte und auf den Arm nahm. Mit der freien Hand machte sie die Türe zu und folgte Kian den Kiesweg hinauf zur Eingangstür. Im Innern der Hütte knipste Kian das Licht an und stellte die Taschen in den kleinen Vorraum. Von hier aus hatte man die Wahl zwischen einer Treppe, verschiedenen Türen und dem Wohnzimmer, das nur durch eine halbe Steinmauer von der kleinen Eingangshalle getrennt war. "Ich werde sie ins Bett bringen." Kian nahm Lilly auf seine Arme und trug sie hinauf in die zweite Etage. Carleen stand für einen Moment ein wenig ratlos im Raum, bevor sie die Jacke auszog und über ihren Koffer legte. Da fiel ihr Wussy ins Auge, der unbeachtet auf dem Fußboden lag und von Lilly wahrscheinlich schon schmerzlich vermißt wurde. Ohne zu Zögern hob sie ihn auf und ging nach oben. Sie öffnete die Tür zu dem Zimmer, in dem Licht brannte, ein kleines Stück weiter und wollte sofort eintreten, entschied sich jedoch dagegen, als sie Kian auf dem Bett sitzen sah. Behutsam legte er die Decke über Lilly und streichelte ihren Kopf, ehe er sich hinunter beugte und ihre Stirn küßte. "Gute Nacht, Munschkin." Erst als Kian aufstand und sich umdrehte, sah er Carleen im Türrahmen stehen. "Ich habe dich gar nicht herein kommen hören." sagte er leise und blickte noch einmal auf Lilly hinunter. "Tut mir leid, wenn ich dich gestört habe, aber sie hat Wussy vergessen." Entschuldigend hielt Carleen das Kuscheltier hoch und gab es Kian, damit er es unter die Bettdecke legen konnte. Dann schaltete er die kleine Nachttischlampe neben Lilly’s Bett aus und ging zusammen mit Carleen nach unten. "Möchtest du etwas trinken?" fragte er, als sie im Wohnzimmer angelangt waren. "Ja, sehr gerne." Kian verschwand hinter einer anderen Tür, die wahrscheinlich in die Küche führte, und gab Carleen erneut die Zeit, ihre Gedanken zu ordnen. Dort oben im Zimmer lag also die kleine Tochter von Kian und schlummerte selig vor sich hin. Diese Vorstellung war so verdammt absurd, daß Carleen fast lachen mußte. Jedesmal, wenn sie glaubte, Kian zu kennen und alles über ihn zu wissen, wurde sie eines besseren belehrt. Er war reifer als viele andere Männer in seinem Alter, aber sie hätte nie gedacht, daß ein Kind dafür der Grund sein konnte. Kian kam aus der Küche zurück und hielt ein Weinglas in jeder Hand. "Ich hoffe, du magst Rotwein." sagte er und reichte ihr ein Glas. "Ja, danke." Sie nippte an ihrem Glas, bevor sie sich auf die Couch setzte und wartete, daß Kian es ihr gleichtat. Als beide saßen, entstand eine peinliche Stille, die sowohl Carleen als auch Kian irgendwie zu überbrücken versuchten. Am Ende war es Kian, der das Wort ergriff. "Wir müssen reden."

Kapitel 21

Carleen konnte sehen, daß es Kian schwer fiel, einen Anfang zu finden. "Du bist mir keine Rechenschaft schuldig." sagte sie leise, als sie sich zurücklehnte und einen Schluck aus ihrem Glas nahm. Natürlich wollte sie alles wissen und natürlich wollte sie Erklärungen, aber vorher mußte sie ihm seine Befangenheit nehmen. Kian stellte sein Glas ab und atmete tief durch. "Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wo ich anfangen soll." Er rieb verlegen die Hände aneinander und sah zu Carleen hinüber. Sie konnte nur erahnen, wie schwer es ihm fiel, mit ihr darüber zu reden. "Am besten ganz vorne. Wo hast du Alex kennengelernt?" Kian lächelte ein wenig, als er sich erinnerte. "Wir gingen gemeinsam zur Schule in Sligo. Sie wohnte in meiner Nachbarschaft und immer, wenn ich mit ein paar Freunden Rugby gespielt habe, war sie mit von der Partie. Als ich 16 war, sind wir das erste Mal miteinander ausgegangen. Glaub mir, ich war noch nie so nervös gewesen wie in diesem Moment. Ich habe Stunden gebraucht, bis ich mich für etwas zum Anziehen entschieden hatte. Alex sah einfach nur traumhaft aus. Sie trug ein kurzes blaues Kleid, und der Kragen davon hatte eine weiße Umrandung." Er hielt inne, als er bemerkte, daß er sich in seinen Gedanken verlor und nahm einen kräftigen Schluck seines Rotweins. "Auf jeden Fall waren wir von diesem Tag an ein Paar. Wir haben alles zusammen gemacht, schlichtweg alles. Wenn ich es mir recht überlege, waren wir nie länger als eine Woche voneinander getrennt. Es war schön, jemanden zu haben, dem man Blumen schenken und den man verwöhnen konnte, mit dem man über alles reden konnte und der immer die richtigen Worte fand, um einen zu trösten." Carleen wurde plötzlich bewußt, wie sehr er das vermissen mußte. Ein Blick in seine Augen verriet alles. "Dann kam die Musik. Alex wußte schon immer, daß ich für eine Karriere alles geben würde. Sie hatte Verständnis, wenn ich mit den Jungs nächtelang im Probekeller gesessen und geprobt habe und sie war außer sich vor Freude, als Louis uns dieses Angebot machte. Ich habe ihr stundenlang von meinen Ideen erzählt, meinen Songs, der Band – alles. Und sie hat zugehört. Mir war nie bewußt, daß ich irgendwann eine Entscheidung zwischen ihr und der Musik treffen mußte." Kian zuckte mit den Schultern und leerte sein Glas in einem Zug. "Aber das mußtest du doch auch gar nicht. Sieh dir Geo und Nicky an." "Nein, das ist nicht dasselbe. Die beiden schaffen es, weil sie diese Entscheidung, all das hier durchzumachen, gemeinsam getroffen haben. Ich weiß, daß Alex mir zuliebe wahrscheinlich genau dasselbe getan hätte, aber sie wäre nicht glücklich damit gewesen. Sie ist jemand, der Aufmerksamkeit braucht und sich nicht in der zweiten Reihe anstellen will und irgendwann wäre sie kaputt gegangen. Das wollte ich um jeden Preis vermeiden. Also habe ich mich gegen sie entschieden, damit sie glücklich werden konnte- zumindest hatte ich das so sehr gehofft." Er senkte den Kopf und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Augen, so als wolle er aufsteigende Tränen unterdrücken. Carleen wollte keinen Fehler machen, aber nichts hätte sie jetzt davon abgehalten, zu ihm zu gehen und ihn in den Arm zu nehmen. Vorsichtig stellte sie ihr Glas ab und ging um den Tisch herum zu dem anderen Teil der Couch, wo sie sich neben Kian setzte und eine Hand auf sein Knie legte. "Du brauchst nicht weiter zu reden." sagte sie sanft und streichelte mit der anderen freien Hand seinen Rücken. Es kam ihr plötzlich so normal vor, seine Nähe zu suchen und ihm Trost zu spenden. Kian entspannte sich merklich und hob den Kopf wieder, um sie anzusehen. "Nein, es geht schon." Dann legte er einen Arm um ihre Schulter und ließ sich mit ihr zusammen in die Sofakissen fallen. Carleen hatte sich selten so wohl und geborgen gefühlt, als sie ihren Kopf an seine Schulter legte und darauf wartete, daß er weiter sprach. "Nach dem Konzert, daß wir mit Boyzone hatten, war klar, daß es sich nicht länger nur um irgendein Hobby handelte. Plötzlich standen wir im Rampenlicht, schrieben unsere ersten Autogramme und gaben Interviews. Es war unglaublich, wie schnell mein Traum zur Realität wurde. Alex war es, mit der ich all meine Hoffnungen und Sorgen teilte, doch ich bemerkte, daß wir uns zunehmend voneinander entfremdeten. Am Anfang war alles noch so aufregend und neu für uns und wir hatten keine Probleme damit, wenn wir mehrere Tage voneinander getrennt waren. Doch je länger das ganze anhielt, desto mehr realisierten wir, daß man uns vor eine Herausforderung gestellt hatte, die wir nicht meistern konnten. An dem Abend, an dem Swear it Again die neue Nummer 1 in England und Irland wurde, bin ich nach Sligo gefahren, um Alex zu sehen. Ich wollte ihr sagen, daß unsere Beziehung eine Zukunft hat, daß wir das alles meistern können, wenn wir es nur wollen." Als er eine Pause machte, begann Carleen seine Hand zu streicheln und ermutigte ihn zum weiter sprechen. "Was passierte dann?" "Ich bin aus meinem Traum aufgewacht. Plötzlich stellte ich fest, daß meine Wünsche ganz und gar nicht denen von Alex entsprachen. Sie hatte ein einzigartiges Talent, das zu verstecken, doch am Ende des Abends stand für mich fest, daß ich sie gehen lassen würde. Nicht, weil sie mich in dem, was ich tat, behinderte oder es nicht unterstützte, sondern weil ich nicht wollte, daß sie ihre Ziele meinetwegen aufgab, und das wäre früher oder später passiert. Es hat mir das Herz gebrochen, sie aufzugeben, aber es war das Beste so. Ich hatte keine Ahnung, daß sie mir von Lilly erzählen wollte." Carleen hob ihren Kopf und sah Kian an. Er starrte ins Leere. "Wann hast du von Lilly erfahren?" Kian atmete einmal tief durch, bevor er fortfuhr. "Es ist noch nicht einmal ein Jahr her. Wir hatten gerade mit den Proben für die Tour begonnen, als ich einen Anruf von Alex erhielt. Ich war natürlich wahnsinnig überrascht, weil ich sie nach unserer Trennung damals nicht mehr gesehen hatte. Sie war gleich danach weggezogen, nur kannte ich den wirklichen Grund dafür noch nicht. Wir telefonierten eine Weile und dann sagte sie mir, daß sie mich sehen müsse. Ich hatte keine Ahnung, warum das nach all der Zeit für sie so wichtig war, aber ich kannte Alex und wußte, daß es für sie von großer Bedeutung war. Also fuhr ich an meinem nächsten freien Tag zu ihr nach Limerick." "Und dort bist du Lilly begegnet." Carleen war ein weiteres Mal von seinen strahlenden blauen Augen und seinem Lächeln fasziniert, als sie den Namen seiner Tochter erwähnte. "Ja. Ich sehe sie noch heute im Vorgarten sitzen und mit ihrer Schaufel spielen. Alex kam aus der Tür und ging zu ihr. Das war der Moment, in dem Lilly den Kopf hob und mich am Zaun stehen sah. Ich hätte nie gedacht, daß ich mich so schwer verlieben könnte, wie ich es in diesem Moment getan habe. Alex brauchte gar nichts sagen, denn ein Blick in Lilly’s Augen genügte, um zu wissen, daß ich ihr Vater war." "Wie hast du dich gefühlt?" Kian begann damit, Carleen’s Arm zu streicheln, als er nach den richtigen Worten suchte. "Großartig, und dann wieder zu Tode betrübt. Im ersten Moment war ich überwältigt und hatte tausend verschiedene Fragen. Es war mir unbegreiflich, daß dort tatsächlich meine Tochter vor mir saß. Aber als ich sie das erste Mal auf dem Arm hatte, wußte ich, daß ich nie wieder einen schöneren Moment erleben würde. Es sind so kleine Dinge wie ihr Lachen oder das Blinzeln ihrer Augen, die mir zeigen, was für ein Glück ich eigentlich habe. Schlagartig begriff ich, daß es mehr im Leben gibt, als eine großartige Karriere und viel Geld. Was nützt dir all das, wenn du es mit niemandem teilen kannst? Vielleicht klingt es kitschig und albern, aber Lilly ist das mit Abstand Beste, was ich bis jetzt zustande gebracht habe." Carleen lachte. "Ja, du hast sie wirklich gut hin bekommen. Ich weiß zwar noch nicht viel über sie, aber sie ist eine der niedlichsten, jungen Ladies, denen ich je begegnet bin. Aber warum hat Alex dir eigentlich erst so spät gesagt, daß ihr eine gemeinsame Tochter habt?" Kian zuckte mit den Schultern. "Nach unserer Trennung sah sie einfach keine Zukunft mehr für uns und wollte vermeiden, daß ich mich durch ein Kind eingeengt fühle. Sie hat all das auf sich genommen, nur um meiner verdammten Karriere nicht zu schaden. Und was kann man schon von jemandem erwarten, der mit achtzehn um die ganze Welt reist und selber noch ein halbes Kind ist? Nicht viel Verantwortungsbewußtsein, denke ich mal. Also packte sie ihre Sachen und zog von Sligo nach Limerick. Wäre sie in der Stadt geblieben, hätte ich sofort erfahren, daß sie schwanger ist. Und so wußten es nur ihre Eltern und engsten Freunde. Ich weiß nicht, was sie letztendlich dazu bewogen hat, mir die Wahrheit zu sagen, aber ich bin unendlich dankbar dafür. Lilly bedeutet mir alles und der Gedanke, sie nicht in meinem Leben zu haben, ist fast unerträglich." "Wie haben die anderen darauf reagiert? Deine Familie, die Jungs, Louis? Ich meine, es muß doch ein ziemlicher Schock für sie gewesen sein, festzustellen, daß du plötzlich eine Tochter hast." "Nicht größer, als er es für mich war. Meine Eltern waren natürlich nicht unbedingt begeistert von der Tatsache, daß ich Vater war und nicht geheiratet hatte. Sie hielten es wohl für nicht besonders anständig, ein uneheliches Kind zu haben. Aber Lilly gewann ihr Herz genauso schnell wie meines. Sie sind ihr hoffnungslos verfallen. Mit Louis gestaltete sich das ganze schon ein wenig schwieriger. Er war außer sich, als ich ihm das erste Mal von Lilly erzählte. Nicht aufgrund der Tatsache, daß ich nun mal Vater war, sondern weil er keine Möglichkeit gehabt hatte, die Öffentlichkeit darauf vorzubereiten. Also entschieden wir uns, Lilly aus Westlife heraus zu halten, was mir mehr als Recht war. Ich möchte, daß sie wie jedes andere Kind auch aufwächst und nicht wie die Tochter eines Superstars behandelt wird. Natürlich ist es nun schwieriger, sie zu sehen, ohne daß die Presse von ihr erfährt, aber so garantiere ich ihre Sicherheit und das ist das Einzige, was zählt. Vor ein paar Monaten lernten sie dann auch die Jungs kennen, und ich habe sie nie kindischer erlebt." Kian lachte bei der Erinnerung daran. "Shane hat ihr mittlerweile einen ganzen Reitstall an Plastikpferden gekauft und Nicky die passenden Puppen dazu. Bryan imitiert am laufenden Band Tiergeräusche und Mark besteht darauf, ihr eine Geschichte vorzulesen, wenn sie zu Besuch ist. Sie buhlen geradewegs um ihre Gunst. Du hättest sie sehen sollen, als Lilly Shane das erste Mal Onkel genannt hat. Von da an gab es kein Halten mehr. Shane ist vor Stolz fast geplatzt, während die anderen krampfhaft darum gekämpft haben, daß Lilly sie genau so nennt. Mittlerweile ist jeder der Vier zum Onkel geadelt wurden, nur Bryan nennt sie aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund Pooh. Sie hat sich das wahrscheinlich bei Kerry abgeguckt." Carleen lachte, als sie sich eine bildliche Vorstellung davon machte. Der Stolz in Kian’s Stimme, als er von seiner Tochter sprach, war unüberhörbar und je mehr er Carleen erzählte, desto mehr begriff diese, was für eine große Rolle Lilly überhaupt in seinem Leben spielte. Trotzdem konnte sie sich nicht vorstellen, daß das der Grund war, warum er manchmal so verschlossen und unnahbar wirkte, fast fremd. "Doch was ich Alex angetan habe, ist unverzeihbar." Herrgott, war es so offensichtlich, was sie dachte? "Wie meinst du das?" "Sie hat so vieles aufgegeben, nur damit ich glücklich bin. Zuerst die Schule, dann ihr Zuhause, ihre Freunde und letztendlich ihre Träume und Hoffnungen. Jetzt ist sie 20 und Mutter eines dreijährigen Mädchens, das bei ihr stets an erster Stelle kommt. Wie soll sie da noch Zeit für sich selbst haben, für ihre Ziele? Und anstatt sie zu unterstützen, habe ich sie weggestoßen, egoistisch wie ich war. Während ich in den größten Hallen Englands gefeiert wurde, hat sie Bücher über Schwangerschaften gelesen und Windeln gewechselt. Noch dazu werde ich Lilly nie der Vater sein können, den sie braucht." Carleen befreite sich aus der Umarmung von Kian und setzte sich aufrecht hin, so daß sie ihm in die Augen sehen konnte. "Das ist nicht wahr, Kian. Ich habe dich mit ihr gesehen, wie du sie ansiehst, wie du mit ihr redest, wie du dich um sie kümmerst und ich weiß, daß sie von dir mehr Liebe bekommt, als eigentlich vorstellbar ist. Sie liebt dich so sehr, wie ein kleines Kinderherz das nur kann und das vollkommen zu Recht. Vielleicht bist du manchmal meilenweit entfernt und kannst nicht bei ihr sein, wenn sie einschläft, aber es gibt genug Väter, die das genauso wenig können. Und was Alex betrifft, so weiß ich, daß sie ihre Entscheidung kein einziges Mal bereut, wenn sie Lilly ansieht. Ich bin keine Mutter und kann nur erahnen, was Alex fühlt, aber ich habe ihre Augen gesehen, als sie über eure Tochter gesprochen hat und ich weiß, daß du ihr das größte Geschenk gemacht hat, daß man sich überhaupt vorstellen kann. Daß du erst jetzt ein Teil von Lilly’s Leben bist, ist der Lauf der Dinge, Kian. Du kannst ihn nicht ändern, sondern nur versuchen, das Beste daraus zu machen. Hör auf, dir Vorwürfe zu machen, die zu nichts führen. Wenn du verhindern willst, Menschen weh zu tun und falsche Entscheidungen zu treffen, dann höre auf, zu leben. Anders wird dir das nicht gelingen. Es ist kein Verbrechen, Fehler zu machen, nur müssen wir aus ihnen lernen." Kian antwortete nicht, sondern zog Carleen in seine Arme und hielt sie so fest, wie nur irgendwie möglich. Carleen schloß die Augen und hoffte inständig, das Richtige gesagt zu haben. Nach all der Offenheit, die Kian ihr gegenüber an den Tag gelegt hatte, war es nur fair, ihn trösten zu wollen. Und es schien zu funktionieren. "Danke." flüsterte er heiser, als er die Haare über ihrem Ohr küßte und sie freigab. Sie sahen sich lange an, ehe Kian nach seinem leeren Glas auf dem Tisch griff und aufstand. "Noch ein Glas Wein?"

Kapitel 22

Carleen zuckte zusammen, als sie das unbarmherziges Rütteln an ihrer Schulter bemerkte. Sie wollte sich weg drehen, weg von was auch immer sie jetzt in ihrem Schlaf störte und sie aus ihren Träumen riß. "E-siia, aufwachen!" Bevor Carleen realisierte, zu wem die süße Stimme gehörte, huschten zwei kleine Finger einmal unter und einmal über ihr Auge und öffneten es. "E-siia?" Lilly schüttelte noch einmal an ihrer Schulter. Carleen lächelte, als sie die Augen vollständig aufschlug und in das kleine, neugierige Gesicht blickte. "Guten Morgen, Süße." sagte sie immer noch ein wenig schläfrig und versuchte, sich aus der Decke zu kämpfen, die über ihr lag. "Shh, Daddy." flüsterte Lilly zurück und hielt sich ihren Zeigefinger vor den Mund. Carleen neigte ihren Kopf ein wenig und sah hoch zu Kian, der sich von Lilly nicht hatte stören lassen und immer noch schlief. "Oh, okay." Sie nickte und hielt sich demonstrierend eine Hand vor den Mund. Lilly kicherte, als sie von Carleen wieder herunter krabbelte und an der Decke zog. "Frühstück, E-siia." drängelte sie ungeduldig und rannte los. Carleen grinste, als sie Lilly mit verstrubbelten Haaren und Wussy im Arm in die Küche laufen sah. Sie gähnte zufrieden, ehe sie sich aufrecht hinsetzte und die Decke von ihren Beinen schob. Eine Nacht auf der Couch war vielleicht nicht unbedingt bequem, aber wenn man diese in Kian’s Armen verbrachte, konnte sie sich als durchaus angenehm gestalten. Es war eine Nacht geworden, in der hauptsächlich Kian geredet und Carleen zugehört hatte. Er hatte über seine Zweifel gesprochen, über Lilly, die Arbeit mit der Band, seine Hoffnungen, seine Familie und das Leben, das er im Moment führte. Dann waren sie irgendwann eingeschlafen, Carleen an seiner Schulter. Und wieder hatte sie das Gefühl gehabt, daß sie und Kian etwas verband, wenn sie auch nicht wußte, was das war. Vorsichtig deckte Carleen ihn wieder zu und folgte Lilly in die Küche, wo diese wahrscheinlich schon sehnsüchtig auf ihre Cornflakes wartete. Tatsächlich saß die Kleine am Tisch und trommelte mit ihren Händen ein kleines Lied, das Carleen nicht kannte. "Was hätten wir denn heute morgen gerne, junge Lady?" fragte Carleen und stützte sich auf den Stuhl, der Lilly gegenüber stand. "Flakes!" war die laute Antwort darauf, zusammen mit zwei kleinen Händen, die in die Luft flogen und glänzenden blauen Augen. Carleen lachte. "Ok, also Cornflakes. Meinst du, dein Daddy mag sie auch? Oder wollen wir ihm lieber was richtig leckeres kochen?" Das stieß anscheinend auf noch mehr Begeisterung, denn Lilly klatschte begeistert in die Hände und rutschte von ihrem Stuhl herunter. Zielstrebig tapste sie auf den Kühlschrank zu und öffnete ihn mit einiger Mühe auch. "Oh, E-siia, lookie!" Die Enttäuschung in ihrer Stimme war unüberhörbar, als sich in keinem der Fächer etwas wirklich Eßbares fand. Kian war vielleicht ein großer Planer und Organisator, was die Band anging, aber die kleinen Dinge des Lebens schien er nicht ganz so gewissenhaft anzugehen. Carleen hockte sich neben Lilly und runzelte die Stirn. "Das sieht gar nicht gut aus, oder? Dann werden es wohl doch nur Cornflakes." "Aber Daddy..." Lilly schob die Unterlippe ein wenig vor, während ihre Augen sich mit Tränen füllten. Es war fast unmöglich, die Ähnlichkeit, die sie mit Kian hatte, zu übersehen. Selbst jetzt war sie ein perfektes Abbild ihres Vaters. "Daddy wird sich heute auch mal mit Flakes begnügen müssen. Wir können ja nachher einkaufen gehen und dann zaubern wir ihm einfach morgen was. Wie klingt das?" Sofort waren die Tränen verschwunden, genau wie der kleine Schmollmund. "Okay. Und jetzt Flakes essen." Carleen nickte, ehe sie Lilly hochhob und sie sicher auf den Küchentisch neben sich setzte. Es war ein schwieriges Unterfangen, Cornflakes und Milch in einer fast leeren Küche zu suchen, aber schließlich wurde Carleen doch fündig und machte sich und Lilly ein kleines Frühstück. Es dauerte nicht lange, bis die kleinen Schüsseln geleert waren und Lilly wieder quietschvergnügt von sich und Wussy erzählte. Carleen hörte aufmerksam zu, während sie dreckiges Geschirr im Geschirrspüler verstaute und den Tisch saubermachte. "So, und jetzt gehen wir nach oben und ziehen uns an, richtig?" Lilly nickte, auch wenn das, nach ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, eine wohl eher lästige Angelegenheit für sie war. Trotzdem folgte sie Carleen bereitwillig nach oben und verschwand mit ihr im Bad, um sich die Zähne zu putzen. Carleen drückte ihr ein wenig Zahnpasta auf die Zahnbürste und mußte sich ein Lachen verkneifen, als sie sah, mit welchem Elan Lilly begann, ihre Zähne zu putzen. Das Waschbecken und alles drum herum glichen hinterher zwar einem Schlachtfeld, aber sie hatte einen ziemlich eindrucksvollen Job getan. Lilly wusch ihr Gesicht, bevor sie wieder von dem kleinen Hocker, auf dem sie stand, herunterstieg und ihre Hände abtrocknete. Carleen säuberte das Bad, ehe sie Lilly in deren Kinderzimmer folgte und etwas zum Anziehen heraus suchte. "Wie wäre es damit?" fragte Carleen und hielt Lilly ein rosa T-Shirt mit einem kleinen Bären und eine Jeans hin. Lilly schien ernsthaft darüber nachzudenken, als sie ihre kleinen Hände in die Hüften stemmte und die Sachen in Carleen’s Hand studierte. Wie sehr konnte sie ihrem Vater noch ähneln? "Fein." sagte sie schließlich und begann damit, ihren Pyjama auszuziehen. "Mommy hat mir gezeigt, wie ich mich anziehen soll. Du mußt jetzt raus gehen." Carleen machte ein überraschtes Gesicht, als Lilly von ihrem Bett aufsprang und sie Richtung Tür drückte. "Wieso das denn?" "Weil ich dich überraschen will." flüsterte Lilly und kicherte. Carleen lachte. "Na, wenn das so ist. Ich gehe dann jetzt schnell duschen und bin gleich wieder hier, okay?" "Okay." Lilly schien ihr gar nicht zugehört zu haben, als sie Carleen weiter in den Flur schob und dann die Tür schloß. Carleen schüttelte den Kopf. Das Temperament hatte sie eindeutig von ihrem Vater. Wenigstens hatte sie so genug Zeit, sich selber zu duschen und umzuziehen. Kian hatte ihr am Vorabend ihr Zimmer gezeigt, in dem sich glücklicherweise auch ein eigenes Bad befand. Eilig zog sie sich aus, huschte unter die Dusche und wusch ihre Haare. Sie hatte keine Ahnung, wie lange Lilly brauchen würde, also beeilte sie sich besser. Nachdem sie ihre Sachen vom Vortag gegen eine Jeans und eine blaue Bluse eingetauscht hatte, band sie sich ihr nasses Haar zu einem Knoten zusammen und eilte dann zurück in Lilly’s Zimmer. "Siehst du, ich kann es schon!" Bevor Carleen hatte reagieren können, war Lilly auf sie zugerannt und hatte die Arme um ihre Beine geschlungen. Carleen lachte, als sie sich zu ihr hinunter beugte und sie im Kreis drehte, um sie zu bewundern. "Das hast du großartig gemacht. Laß uns nach unten gehen." Sie wollte Lilly an die Hand nehmen, doch die blieb stehen und rührte sich keinen Schritt. "Was ist?" fragte Carleen besorgt und ging erneut in die Knie. "Daddy sagt, daß ich einen Guten- Morgen- Kuß bekomme, wenn ich mir die Zähne putze. Und ich habe doch die Zähne geputzt." sagte Lilly mit einem leicht enttäuschten Unterton in der Stimme und runzelte ihre kleine Stupsnase. "Na, wenn Daddy das sagt, wird es wohl stimmen. Komm her!" Als Lilly ihre Lippen spitzte, beugte Carleen sich zu ihr hinüber und gab ihr einen lauten Schmatz auf den Mund. Die Kleine kicherte und schlang ihre Arme um den Hals von Carleen. Ein weiteres Mal fragte diese sich, wie sehr man sich überhaupt in eine Dreijährige verlieben konnte. Ihr Herz hatte sie auf jeden Fall schon gewonnen. Lachend und mit Wussy im Arm, gingen sie nach unten in die Küche und waren fast ein wenig überrascht, als Kian am Küchentisch saß und Beide mit großen Augen ansah. "Daddy!" Lilly ließ die Hand von Carleen los und rannte auf Kian zu, der seinen Stuhl ein Stück zurückschob und sie auf seinen Schoß holte. "Guten Morgen, Prinzessin. Bist du schon lange wach?" Kian küßte ihre Stirn und strich ihr ein paar der braunen Locken aus dem Gesicht. "Mmh. Wir haben Zähne geputzt." Sowohl Carleen als auch Kian lachten, als Lilly stolz von ihren Taten im Badezimmer berichtete. "Und nachher kaufen wir ein." beendete sie ihren kleinen Vortrag, und krabbelte von Kian’s Schoß, um ihm den Kühlschrank zu zeigen. "Siehst du, alles alle." sagte sie und zeigte mit ihrem Finger auf die leeren Fächer. "Da hast du Recht, Baby. Ich ziehe mir nur noch schnell etwas anderes an, und dann fahren wir los, okay? Warum siehst du nicht einfach ein wenig Fernsehen, bis ich fertig bin?" "Au ja. Wussy und ich sehen Telly." Damit drückte sie die Kühlschranktüre wieder zu und rannte an Kian vorbei ins Wohnzimmer. Kurz darauf waren quietschende Geräusche zu vernehmen, sowie Lilly’s zarte Stimme, die fleißig erzählte und mitsang. "Sie ist wunderbar." bemerkte Carleen und drehte sich zu einem der Schränke herum, um sich eine Tasse herauszuholen. Sie hatte nicht unbedingt Durst, aber sie suchte nach einer Beschäftigung, die sie davor bewahren würde, Kian in die Augen sehen zu müssen. Letzte Nacht war für sie so etwas wie eine Offenbarung gewesen und hatte nur dazu geführt, daß sie ihn noch mehr mochte und begehrte, als sie das sowieso schon tat. Und wenn sie verhindern wollte, in einen handfesten Zwiespalt zwischen ihrer Arbeit und ihren Gefühle zu geraten, dann vermied sie es von nun an wohl besser, ihm näher zu kommen, als unbedingt nötig war. Sie erschrak ein wenig, als Kian hinter ihr auftauchte und sich mit beiden Armen auf dem Tresen vor ihr abstützte, so daß sie keine Möglichkeit hatte, nach rechts oder links auszuweichen. Mit dem Rücken zu ihm angelte sie nach der Milch vor sich und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Schon allein der Geruch seines Aftershaves ließ ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen. "Danke, daß du auf Munschkin achtgegeben hast." flüsterte er und streifte dabei ihre Wangen mit seinen Lippen. Carleen wußte, daß sie sich am Besten irgendwie aus der Situation rettete, wenn sie nicht nachgeben wollte. Was auch immer Kian gerade versuchte, es funktionierte. "Das habe ich wirklich gerne getan. Sie ist ein wahrer Engel." entgegnete Carleen ruhig und konzentrierte sich auf die Tasse vor sich. "Und danke für die gestrige Nacht." Kian küßte ihren Hals ganz sanft, so als würde er es eigentlich doch nicht tun. Seine Hand rutschte auf dem Tresen entlang zu ihrer eigenen und hielt sie fest. "Kian, ich..." begann Carleen, doch ehe sie fortfahren konnte, hatte Kian ihre Hüften umfaßt und drehte sie zu sich herum. Als sie mit dem Gesicht zu ihm stand, positionierte er seine Hände wieder auf dem Tresen und sah sie an. "Ich möchte jetzt meinen Guten- Morgen- Kuß." flüsterte er und beugte sich ein Stück weiter über sie. Zu ihrer eigenen Erleichterung entspannte Carleen sich ein wenig und lächelte. "Hast du dir denn auch schon die Zähne geputzt?" fragte sie keck und grinste, als Kian nickte. "Ich wußte, daß Lilly dir von unserer kleinen Abmachung erzählen würde und ich wollte kein Risiko eingehen." Kian scherzte, doch sie wußte, daß er es vollkommen ernst meinte. "Also fein." Sie stellte sich ein wenig auf die Zehenspitzen und küßte seine Wange. Das war alles, was sie fertig bringen konnte, ohne vollkommen die Kontrolle über sich zu verlieren. Kian ließ sie keinen Moment aus den Augen, als sie sich wieder von seinem Gesicht entfernte und an den Tresen lehnte. "Du hast etwas vergessen." sagte er leise und tippte sich mit dem Zeigefinger auf seine Lippen. Carleen wußte genau, was jetzt passieren würde, aber sie konnte es einfach nicht stoppen. Kian legte eine Hand unter ihr Kinn und hob es ein wenig an, damit er ihr in die Augen sehen konnte. Mit seinem Daumen zog er den Weg ihrer Unterlippe nach, ehe er sich zu ihr hinunter beugte und einen kleinen Kuß auf ihre Lippen hauchte. Zuerst streifte er ihre Lippen nur mit seinen eigenen und küßte ihre Mundwinkel, doch als seine Zunge damit begann, ihren Mund auf einzigartige, süße Weise zu erforschen, verlor Carleen jeglichen Widerstand, den sie zuvor noch besessen hatte. Sie kämpfte nicht gegen Kian, als vielmehr gegen sich und ihre Sehnsucht nach einer Berührung von ihm. Zärtlich knabberte sie an seiner Unterlippe, ehe sie ihre Hände von seinem Shirt hinauf zu seinen Wangen gleiten ließ und ihn näher an sich heranzog. Als Antwort darauf stöhnte er leise und preßte sich noch enger an Carleen, während der Kuß zwischen den beiden von Sekunde zu Sekunde intensiver wurde. Carleen begann, zu zittern, als eine seiner Hände unter ihre Bluse glitt und sanft über ihren Rücken streichelte. Wieviel mehr konnte sie noch ertragen, ohne einen folgenschweren Fehler zu machen? Sanft, aber bestimmt schob sie ihn von sich und befreite sich aus seiner Umarmung. "Tut mir leid, Jess. Das war so nicht geplant." Kian drehte sich zu ihr herum, während er versuchte, ruhig ein und auszuatmen. Carleen war verwirrt, überfordert und ziemlich ratlos, aber sie würde später genug Zeit finden, darüber nachzudenken. Jetzt mußte sie erst einmal Land gewinnen, ohne Kian dabei mißtrauisch werden zu lassen oder ihm weh zu tun. Sie lächelte. "Deine Tochter wartet."

 Kapitel 23

Kian hielt es für besser, nicht direkt in Limerick, sondern einer kleinen Gemeinde einige Kilometer weiter einzukaufen. Dadurch konnte er zwar nicht vollkommen unerkannt bleiben, doch Sonnenbrille und Basketballkappe verhinderten, daß es zu allzu großen Belästigungen kam. Er machte hier und da ein paar Fotos mit Fans, schrieb Autogramme oder plauderte über die zukünftigen Pläne von Westlife, ehe er zusammen mit Carleen und Lilly wieder in einem der ländlichen Geschäfte verschwand. Glücklicherweise war Carleen besonnen genug und entfernte sich immer dann mit Lilly, wenn sie jüngere Mädchen mit Fotoapparat und Schreibheften auf Kian zugerannt kommen sah. Es war für sie fast selbstverständlich geworden, das Geheimnis, das er hatte, zu hüten und ihm dort zu helfen, wo sie konnte. Immer mehr verdrängte sie die Vereinbarung, die sie mit Jason getroffen hatte und den damit verbundenen Verrat an Kian und all den anderen, die mit Westlife arbeiteten oder selbst dazugehörten. Ihr war durchaus bewußt, daß sie ihre Arbeit erledigen mußte und daran auch kein Weg vorbei führte, doch soweit das in ihrer Lage möglich war, wollte sie Kian und wenigstens einen Teil seiner Privatsphäre, insbesondere Lilly, schützen. Jason würde von ihr schon seine gewünschten Informationen bekommen, wenn sie auch nicht vor hatte, ihn über restlos alles in Kenntnis zu setzen. "E-siia, lookie!" Lilly zerrte euphorisch an Carleen’s Hand und zeigte auf eine kleine silberne Kette mit einer Sonne als Anhänger, die im Schaufenster von *Juwelier Donovan* auslag. Lilly drückte die kleine Nase an der Glasscheibe platt und war in ihrer Begeisterung gar nicht zu bremsen. Carleen sah sich vorsichtig nach Kian um, der ein paar Meter weiter mit zwei Mädchen stand und sich unterhielt. Ihm würde die Unterhaltung sicher um einiges leichter fallen, wenn Lilly in Sicherheit war und nicht mehr fürchten mußte, von übereifrigen Fans erkannt zu werden. "Wollen wir hinein gehen und sie uns aus der Nähe ansehen?" fragte Carleen und kniete sich neben Lilly, die eifrig nickte und schon schwer damit beschäftigt war, die zwei Stufen zur Eingangstür hinauf zu klettern. Carleen lachte angesichts ihrer Unbeholfenheit und nahm sie auf den Arm, ehe sie das Geschäft betraten. Sofort kam eine ältere Dame hinter der Kasse hervor und begrüßte die beiden freundlich. "Guten Tag. Kann ich ihnen irgendwie behilflich sein?" "Sonne!" rief Lilly und zappelte so lange, bis Carleen sie absetzte und sie zu der Vitrine hinüber laufen konnte, in der sich die Kette befand. "Ihre Tochter ist wirklich zu süß. Wenn sie wollen, kann ich die Kette gerne herausholen, damit sie sie näher betrachten können." Carleen lachte, bevor sie mit dem Kopf schüttelte. "Nein, das ist nicht meine Tochter. Aber wir würden sie uns schon gerne näher ansehen." Die Verkäuferin gab angesichts ihres Fauxpas ein erstauntes "Oh!" von sich, ehe sie Lilly folgte, und das kleine Samtkissen vorsichtig herausnahm. Zur Kette gehörten noch zwei passende Ohrringe und ein kleiner Armreif, der wie für Lilly gemacht schien. Mit einem Finger im Mund und einer Hand an der Kette, beäugte sie den Schmuck vor sich neugierig und ließ dank ihrer leuchtenden Augen keinen Zweifel daran, daß sie wohl noch nie etwas Schöneres gesehen hatte. Carleen stand mit einigem Abstand zu Lilly und der netten, alte Dame und war wieder einmal in Gedanken verloren. Es war so offensichtlich, zu wem die Kleine gehörte, daß es Carleen wie sooft in den letzten zwei Tagen die Sprache verschlug. Augen, die denen, die Carleen so liebte, so sehr ähnelten, huschten von einer Ecke des Kissens in die andere und sogen jedes Glitzern, jedes Leuchten förmlich ein. Ein kleiner Mund, dessen Abbild Carleen kurz vorher noch geküßt hatte, breitete sich in ein Lächeln aus oder zog sich immer dann zu einem kleinen O- Laut zusammen, wenn Lilly etwas Neues, Einzigartiges entdeckte. "Das sieht Frauen wieder ähnlich, in dem teuersten Geschäft, das sich finden läßt, einzukaufen." Carleen fuhr erschrocken zusammen, als Kian hinter ihr auftauchte und eine Hand an ihren Rücken legte. Sie drehte sich herum und lächelte. "Sag das nicht mir, sondern deiner Tochter. Sie hat sich hoffnungslos verliebt und wenn du ein lieber Daddy bist, kaufst du ihr ganz schnell das, was sie will oder mußt wohl morgen auf deinen Gute- Morgen- Kuß verzichten." Kian lachte, bevor er ihre Augen suchte und sie ansah. "Von ihr oder von dir?" Carleen erwiderte nichts, sondern blickte zu Boden. Warum mußte er immer dann mit ihr flirten, wenn sie am Wenigsten darauf vorbereitet war? Seit dem Morgen hatten sie keinen Wort mehr über den Kuß verloren, genauso wenig darüber, wie nah sie sich gekommen waren und welche Veränderungen das in ihrer Beziehung hervor brachte. Carleen war einerseits froh darüber, denn das verhinderte, daß sie ihre Unsicherheit offen zugeben mußte, doch andererseits wußte sie nun überhaupt nicht mehr, was sie von Kian zu halten hatte. Seine Stimmungsschwankungen waren, seit sie in Limerick angekommen waren, so gut wie verschwunden, doch sie fürchtete den Moment, in dem er sie wieder zurückstoßen würde. Doch wenn er es nicht tat, wer tat es dann? Sie mußte zur Vernunft kommen, und das tat sie besser bald. "Zeig mal her, Süße, was hast du denn da?" Kian beugte sich zu Lilly hinunter und streichelte ihren Arm, während er sich von ihr jedes kleine Detail der Kette und den dazugehörigen Accessoires zeigen und umfangreich erklären ließ. Carleen fand, daß es an der Zeit war, die Zwei für einen Moment allein zu lassen und sah sich ein wenig um. Sie schluckte, als sie die wirklich horrenden Preise sah, was sie aber trotzdem nicht davon abhielt, den Schmuck, der in den Schaukästen auslag, zu bewundern. Sie liebäugelte gerade mit einer Halskette, als Lilly ihre zwei kleinen Arme um ihr Bein schlang und Kian neben ihr auftauchte. Carleen sah in sein Gesicht und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. "Sie hat dich also um den Finger gewickelt? Die Kleine weiß anscheinend, wie sie ihren Daddy weich kriegt." flüsterte Carleen mit einem Seitenblick auf Lilly. "Sie ist etwas Besonderes und hat etwas Besonderes verdient." "Ich sag es ja, sie hat dich in der Hand." Kian zuckte hilflos mit den Schulter, bevor er die Schatulle mit Lilly’s Schmuckstücken zuklappte und sie in einem der Plastiktüten verstaute, in denen sich mittlerweile ein Teddy und zwei neue T-Shirts für Lilly befanden, sowie einige Lebensmittel, die sie kurz zuvor im dorfeigenen Supermarkt erstanden hatte. "Was siehst du dir da an?" Er blickte über Carleen’s Schulter hinweg in die kleine Vitrine, die sie sich gerade eben angeschaut hatte. Darin lagen eine Kette, die aus kleinen Diamanten zusammengesetzt war, und dazu passende silberne Ohrringe, die in ihrer Mitte jeweils einen Diamanten besaßen. Ein Blick auf das Preisschild verriet, daß alles zusammen ein kleines Vermögen wert war. "Sie ist schön." bemerkte Kian und studierte die Kette weiterhin. "Ja, wunderschön.. und unbezahlbar." Carleen seufzte ein wenig, ehe sie sich zu Lilly hinunter beugte, die ihr ungeduldig am Hosenbein zog. "Was ist los, Prinzessin?" "Hunger!" Es war unmöglich, diesen blauen Augen auch nur einen einzigen Wunsch abzuschlagen. Bittend und fast ein wenig flehend sahen sie zu Carleen hinauf und ließen jeglichen Widerstand verschwinden. Carleen lachte. "Überredet. Was hätten wir denn gern?" "Pommes. Pommes!" Lilly sprang begeistert auf und ab, und bevor Kian oder Carleen auch nur irgendwie reagieren konnten, rannte sie zur verglasten Eingangstür und versuchte, mit ihren Händen an die Türklinge zu kommen. "Geduld ist ganz eindeutig nicht ihre Stärke." Carleen schüttelte amüsiert den Kopf, ehe sie Lilly folgte und ihr helfend die Tür aufhielt. "Kommst du?" fragte sie Kian, der sich noch immer kein Stück bewegt hatte und anscheinend auch nicht vorhatte, ihr oder Lilly Gesellschaft zu leisten. "Ich komme gleich, wartet draußen auf mich. Die Verkäuferin wollte mir noch irgend etwas sagen." entgegnete er ein wenig zögerlich. Carleen nickte. "Gut, dann sehen wir uns später. Ich bin mit Lilly an dem kleinen Imbiß über die Straße, falls du uns suchst." Damit verließ sie das Geschäft und sorgte dafür, daß Lilly zu ihrem wohlverdienten Mittagessen kam. Sie waren seit Stunden unterwegs, und Carleen konnte nur in Ansätzen erahnen, was für eine Belastung das für die Kleine darstellte. Zwar war sie noch immer aufgeweckt und fröhlich, aber Carleen verwettete ihren letzten Pfennig darauf, daß Lilly todmüde umfallen würde, sobald sie die Hütte erreicht hatten. Für den Moment jedoch war sie eifrig damit beschäftigt, mit ihren kleinen Fingern im Ketchup zu spielen und sich darüber zu freuen, welch lustige Gesichter sie damit auf den Plastiktisch vor sich zeichnen konnte. Carleen dagegen holte eine Serviette nach der anderen hervor, um die Sauerei zu beheben, doch je mehr sie sich anstrengte, Lilly zuvorzukommen, desto unüberschaubarer wurde das Ganze. Am Ende saßen sie an einem Tisch, der mit gemalten Sonnen und Sternen aus Ketchup verziert und mit Pommes übersät war. Glücklicherweise erwies sich der Imbißbesitzer als wirklich kinderlieb und erzählte rege davon, welch Dummheiten seine fünf Kinder früher immer im Kopf hatten. Carleen und er hatten gerade die letzten Reste von Lilly’s Portrait entfernt, als Kian die Straße überquerte und auf sie zukam. "Daddy!" Wieder einmal war Lilly urplötzlich von ihrem Platz aufgesprungen und in seine Arme gerannt, um ihn stürmisch zu umarmen und seine Wangen zu küssen. Kian lachte, als er sie hochhob und propellerartige Geräusche machte, während er sich mit ihr im Kreis drehte. Lilly quietschte vergnügt und rief nach mehr, doch ehe Kian das in die Tat umsetzen konnte, begann es urplötzlich zu regnen. Carleen war mittlerweile einiges von Irland gewöhnt, doch den ständigen Platzregen würde sie wohl auf ewig hassen. Eilig sprang sie von ihrem Stuhl auf und schob sich ihre Jacke über den Kopf, während der Imbißbesitzer hektisch damit begann, Tische und Stühle zusammen zu räumen. "Komm Lilly, ab ins Auto mit dir." Kian setzte sie ab und nahm ihre rechte Hand, bevor Carleen die andere ergriff und sie zusammen zum Parkplatz zurückliefen. Lilly schien das ganze außerordentlich zu gefallen, denn sobald sie eine Pfütze ausfindig machen konnte, sprang sie mit einem großen Satz hinein und lachte schallend, wenn Kian oder Carleen in Angst um ihre Sachen zur Seite auswischen. Der Weg zum Parkplatz erwies sich als unendlich lang und hatte wahrscheinlich mehr Pfützen, als Carleen in ihrem ganzen Leben gesehen hatte. Sowohl sie als auch Kian waren von oben bis unten durchnäßt, als sie das Auto erreichten und Lilly endlich anschnallen konnten. Diese hatte einen guten Job getan und jedem der Beiden eine Vielzahl an Schlammspritzern an den Hosenenden hinterlassen. "Bei den Egans lernt man es anscheinend von Geburt an, bösartig zu sein." sagte Carleen lachend, als sie neben Kian auf der Beifahrerseite einstieg und sich ihre Hose ansah. "Böse, E-siia?" Lilly lehnte sich ein wenig in ihrem Sitz hervor, um das Gespräch zwischen Kian und Carleen besser mithören zu können. Sie schien überrascht über das Wort und war irritiert, was sich an ihrer gerunzelten kleinen Nase und den Falten auf ihrer Stirn zeigte. "Mach dir keine Sorgen, Schatz. Jessica hat es nicht so gemeint." beruhigte Kian sie, während er den Motor startete und losfuhr. Carleen nickte eifrig. "Er hat Recht, Süße. Ich habe nur einen sehr dummen Witz gemacht." "Puhh. Das ist gut." Lilly lehnte sich wieder zurück und griff nach Wussy, der neben ihr auf der Rückbank saß. Vollkommen in Gedanken versunken, stimmte sie ein Kinderlied an und begann damit, Wussy kleine Zöpfe zu flechten. "Und ich habe es sehr wohl so gemeint, Egan. Es ist bösartig, durch Pfützen zu springen und anderen Leuten ihre Sachen zu beschmutzen. So langsam frage ich mich, ob sie überhaupt irgend etwas von Alex geerbt hat." flüsterte Carleen, als sie sich vergewissert hatte, daß Lilly nun auch wirklich anderweitig beschäftigt war. Kian sah sie kurz an und lachte, ehe er seinen Blick wieder auf die Straße richtete und durch den Regen hindurch zur Hütte fuhr. "Ich habe das dumme Gefühl, daß du schon wieder laufen willst." entgegnete er und grinste. "Siehst du, das ist genauso bösartig. Du willst mich arme, fröstelnde Frau mitten in der Wildnis aussetzen und mich meinem Schicksal überlassen. Wo bleibt der Dank dafür, daß ich es freiwillig mit zwei Egans aushalte?" Kian schien eine Weile zu überlegen, ehe er antwortete. "Den bekommst du, verlaß dich drauf."

Kapitel 24

"Schläft sie?" Kian nickte, als er die Treppe hinunter kam und seine Jacken an die Garderobe neben der Eingangstüre hing. Danach gingen er und Carleen in die Küche, um sich einen wärmenden Tee und etwas Eßbares zu genehmigen. Sie hatten die Hütte vor etwa zehn Minuten erreicht und wie erwartet, waren Lilly schon fast von selbst die Augen zugefallen. Zwar hatte sie zunächst hartnäckig darauf bestanden, zusammen mit Kian und Carleen aufzubleiben und etwas TV zu sehen, doch der Protest war geradezu schlagartig verflogen, als Kian ihr versprochen hatte, nach dem Mittagsschlaf mit ihr und Wussy zu spielen. "Kaffee oder lieber Tee?" fragte Carleen, während sie in einem der Küchenschränke nach Filtertüten suchte. Kian schien nichts dagegen zu haben, daß sie sich derart heimisch fühlte, also hatte Carleen auch kein Problem damit, sich vollkommen frei und ungezwungen zu bewegen. "Tee, bitte. Macht es dir etwas aus, wenn ich kurz im Arbeitszimmer verschwinde? Ich will noch ein paar Mails checken und einige Anrufe erledigen, bevor Lilly wach wird." Carleen schüttelte den Kopf. "Schon ok. Gegen eine Egan – freie Zone habe ich nichts einzuwenden." antwortete sie und steckte ihm die Zunge raus, als er das Gesicht verzog und aus der Küche verschwand. Sie konnte seine Schritte auf der schweren Holztreppe hören, bevor eine Tür aufging und sich wieder schloß. Carleen seufzte, während sie zwei große Tassen aus einem der Regale holte und sie mit Teebeuteln füllte. Schon vollkommen in Gedanken verloren, setzte sie ein wenig Wasser auf und ging anschließend zu dem kleinen Fenster hinüber, von dem aus man einen wundervollen Blick auf die Umgebung hatte. Saftiges Grün, thronende Bäume und Regentropfen, die monoton an die Scheiben der Fenster pochten. Es war so friedlich. Hätte man Carleen vor ein paar Wochen gesagt, daß sie sich bald in einer kleinen Hütte wiederfinden würde, zusammen mit einem irischen Popstar und dessen Tochter, hätte sie darüber gelacht und abgewunken. Noch mehr hätte sie gelacht, wenn man ihr vorausgesagt hätte, mit welcher Intensität sie sich plötzlich ihrer eigenen Gefühle bewußt werden und mit ihnen in Widerspruch geraten würde. Doch jetzt, genau in diesem Moment, während das Wasser neben ihr kochte und der Regen niederfiel, befand sie sich in dieser Situation. Verdammt. Sie hatte Tyra gewarnt, sich auf irgend etwas einzulassen, was ihre Arbeit gefährden, sie in Schwierigkeiten bringen könnte, doch anstatt sich selber daran zu halten, hatte Carleen sich nach allen Regeln der Kunst selber in diese Schwierigkeiten geritten. Warum ließ Kian überhaupt zu, daß sie sich so zu ihm hingezogen fühlte? Hätte sich der Eindruck von ihm bestätigt, den sie zu Anfang gehabt hatte, würde sie jetzt irgendwo in ihrem Hotelzimmer sitzen und sich fleißig Notizen machen. Statt dessen war sie durch die berühmte harte Schale hindurch gedrungen und lernte nun einen Menschen kennen, der sie auf jeglicher Ebene ansprach und faszinierte. Doch was brachte ihr das? Seit sie Kian kannte, belog sie ihn und spielte eine Rolle, die ihrem wirklichen Leben in keinster Weise ähnelte. Herrgott, er wußte ja noch nicht einmal ihren richtigen Namen... Carleen fuhr erschrocken zusammen, als das Wasser neben ihr sprudelnd überkochte und wie ein reißender Fluß über die Herdplatte lief. "Shit!" Hektisch fummelte sie an dem Griff des Topfes herum und stellte in die Spüle, bevor sie nach einem Lappen griff und damit das verspritzte Wasser aufwischte. "Das ist doch wieder so typisch. Ich bin mit meinen Gedanken überall, nur nicht dort, wo ich sein sollte." Kopfschüttelnd goß sie in jeder der zwei Tassen etwas Wasser und ließ den Tee ziehen, ehe sie beide Tassen zusammen mit einer Schachtel Zucker auf ein Tablett stellte und nach oben ging. Das Arbeitszimmer lag neben Kian’s Schlafzimmer und gegenüber dem Gästezimmer, in dem Carleen für die Zeit ihres Aufenthalts schlief. Vorsichtig drückte sie mit ihrem Ellenbogen die Klinge der Tür hinunter und lief rückwärts ins Zimmer hinein. Als sie sich umdrehte und von dem Tablett aufsah, begegnete sie Kian’s Blick, der sie über die Ränder seiner Brille hinweg ansah. "Ich hoffe, ich störe nicht, aber Tee trinkt man am Besten, wenn er heiß ist." Sie lächelte und stellte das Tablett auf dem Schreibtisch vor sich ab. Kian klappte seinen Laptop zu und nahm die Brille ab, bevor er sich die Augen rieb und lächelte. "Danke, das ist genau das, was ich jetzt brauche." Er sah ziemlich gestreßt aus, als er sich eine Tasse nahm und ein wenig Zucker einrührte. "Ärger?" Carleen pustete in ihren Tee hinein und nippte zaghaft an ihm, ehe sie sich entschied, ihn vorher noch ein wenig abkühlen zu lassen. "Nicht unbedingt. Heute ist es nur nicht besonders weit her mit meiner Entscheidungsfreudigkeit und ich muß dringend eine treffen." "Uh, das hört sich ja nach einem schwerwiegenden Problem an. Kann ich dir irgendwie helfen oder bedarf es dazu fachmännischer Kenntnisse?" Kian lachte. "Nope, das tut es nicht. Wahrscheinlich hätte ich dich früher oder später sowieso zu Rate gezogen. Komm her." Carleen war überrascht über seine Reaktion, aber noch viel neugieriger darüber, was er ihr zeigen würde. Als Kian den Laptop wieder aufklappte und irgendein Programm öffnete, ging Carleen um den Schreibtisch herum und stellte sich hinter ihn. "Setz dich." Kian rückte seinen Stuhl ein wenig zurecht und klopfte sich auf die Knie. Als er sah, daß Carleen zögerte, hielt er abwehrend die Hände hoch. "Ich bin auch ganz anständig. Großes Indianerehrenwort." Carleen leierte die Augen, ehe sie seiner Aufforderung nachkam und sich auf seinen Schoß setzte. Kian hätte sowieso nicht eher Ruhe gegeben, also verwarf sie störende Gedanken und starrte abwartend auf den Monitor. Nach einigem Mausklicken erschien eine Zeichnung, die für Carleen nicht unbedingt einen Sinn ergab. "Was ist das?" fragte sie ratlos und neigte den Kopf ein wenig, während sie die Zeichnung eingängig studierte. "Nach was sieht es denn aus?" Kian schien es anscheinend Spaß zu machen, sie zu ärgern, doch Carleen lächelte nur gequält und hielt ihm seine Brille unter die Nase. "Setz das hier auf und sag es mir." Der Punkt ging an sie. Kian lachte und tat, wie ihm geheißen, ehe er ihre Frage beantwortete. "Das sind Baupläne, die Rod mir vor ein paar Tagen geschickt hat. Er ist mein Makler und sucht zusammen mit mir nach einem Haus für meine Eltern." Carleen nickte. Sie hatte darüber in einem Interview gelesen, das Kian zusammen mit seiner Mutter gegeben hatte. "Und wo ist dann das Problem? Es sieht doch ganz nett aus, soweit ich das erkennen kann." Sie verrenkte ihren Kopf ein Stück weiter, um sich aus den unzähligen Strichen und Kästchen einen Reim bilden zu können, doch Hieroglyphen kamen dem ganzen ziemlich nah. "Es ist nicht der einzige Vorschlag, den er mir gemacht hat. Ich habe noch das hier und das." Weitere Bilder kamen zum Vorschein, auf denen die Fassaden zweier Häuser zu erkennen waren. "Es sind bereits fertige Häuser, die schon seit einigen Jahren stehen und jetzt einen neuen Besitzer suchen. Sie liegen beide ein wenig außerhalb von Sligo und sind auch, was Sicherheit betrifft, meine Favoriten. Mum und Dad wären zwar nicht vollkommen von jeglicher Zivilisation getrennt, hätten aber trotzdem ihre Ruhe, wenn sie es bräuchten." Carleen sah sich beide Fotos aufmerksam an. Das erste Haus erinnerte sie an einen Bauernhof, war dabei aber trotzdem noch elegant und anmutig. Es besaß eine separate Garage und einen Innenhof, der mit Kies bestreut war. An den Seiten des Hauses kletterten schon die ersten Ranken empor, ein Beweis für die lange Geschichte des Hauses. Auf dem zweiten Bild war ein Anwesen unwahrscheinlicher Größe zu erkennen, das für Carleen fast schon ein wenig zu groß war. Der prunkvolle Balkon über der Eingangstüre war durchaus beeindruckend, konnte sie aber trotzdem nicht wirklich überzeugen. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen. "Also, wenn du mich fragst, solltest du dir das erste Haus mal näher ansehen. Es hat Stil und strahlt Wärme aus." "Und es gefällt dir." Kian rieb sanft über ihren Rücken, als er die Frage stellte. Carleen versuchte, seine zärtliche Geste zu ignorieren und nickte. "Und es gefällt mir. Wenn du für deine Eltern allerdings etwas Persönliches und Einzigartiges suchst, würde ich es mit den Bauplänen versuchen. Somit haben sie volles Mitspracherecht und können sich das Haus ihrer Träume bauen lassen." "Stimmt." "Stimmt. Aber wenn ihnen der Bauernhof zu matschig ist und das Erbauen eines neuen Hauses ihnen zu lange dauert, solltest du auch Haus Nr. 3 in Erwägung ziehen." Was redete sie da überhaupt für einen Mist? Mit ihren unlogischen Gedanken war sie Kian ganz sicher keine große Hilfe, aber wenn er nicht bald aufhören würde, ihr über den Rücken zu streicheln und es noch nicht einmal zu bemerken, würde sie wahnsinnig werden. Ruckartig stand sie auf und griff nach ihrem Tee. Als Kian sie fragend ansah, lächelte sie verlegen. "Er wird kalt." Carleen wich seinem Blick aus und trank in eiligen Zügen aus ihrer Tasse, nur um keine Antworten geben zu müssen, die sie nicht geben wollte. Sie wußte, daß Kian sie beobachtete, doch sie ignorierte ihn vollkommen, selbst als er von seinem Schreibtisch aufstand und auf sie zukam. "Schmeckt er?" fragte Kian, als er sich mit seiner Rückansicht an die Kante des Tisches lehnte und die Arme vor der Brust verschränkte. "Was?" Carleen sah ihn an. "Der Tee. Schmeckt er?" "Ist das jetzt eine rhetorische Frage oder soll ich sie wirklich beantworten?" Sie wurde das Gefühl nicht los, daß Kian plötzlich verärgert war und Mühe hatte, seine Wut unter Kontrolle zu bringen. Kian zuckte mit den Schultern. "Vielleicht beantwortest du auch lieber die Frage, warum du dich ständig so eigenartig benimmst und mich im Unklaren darüber läßt, was du nun willst und was nicht." Carleen verzog ihre Mundwinkel ein wenig, nicht sicher, ob sie lachen sollte oder nicht. "Im Moment hätte ich gerne noch etwas Zucker." Bevor Carleen den eigenen Satz überhaupt richtig verstand, schlug Kian mit der flachen Hand auf den Tisch und sah sie wütend an. "Hör verdammt noch mal auf damit, Jessica. Ich habe dir eine Frage gestellt und du wirst mir jetzt endlich eine Antwort geben. Du hast mich darum gebeten, mich dir zu öffnen und Gefühle zuzulassen, doch jedesmal, wenn ich einen Schritt auf dich zugehe, machst du zwei zurück und verschließt dich wieder. Wenn ich etwas falsch mache, dann sag es mir und hör auf, alles so schwer zu machen." Carleen sah ihn erschrocken an, dann blickte sie zu Boden. Sie hatte keine Erklärung dafür, aber plötzlich kamen die Tränen. Heiße Tränen, die in ihren Augen brannten und die Umgebung verschwimmen ließen. Tränen der Wut, des Entsetzens und der Hilflosigkeit, die sich in den Augenwinkeln sammelten und bereit dazu waren, sich ihren Weg zu bahnen. Vorsichtig stellte Carleen die Tasse auf dem Schreibtisch ab und trat wieder einen Schritt zurück. "Es tut mir leid, wenn ich dich gestört habe. Ich bin unten, wenn du mich suchst." Nur weit weg. Weit weg von Kian und allem, was sie dazu zwang, Entscheidungen zu treffen, auf die sie momentan nicht vorbereitet war. Als sie sich umdrehte und zur Tür gehen wollte, hielt Kian sie am Oberarm fest. "Jess, das ist keine Antwort." "Kian, bitte, hör auf." Er lockerte seinen Griff erst dann, als er die ersten Tränen fallen sah. Carleen wich seinem Blick aus und wollte sich losmachen, doch Kian war schneller und hob ihr Kinn mit seinem Daumen an. "Jess? Was ist los?" Seine wütende Stimme war plötzlich der von Besorgnis und Entsetzen gewichen. Carleen biß sich auf die Lippen, um die nächsten aufsteigenden Tränen zu unterdrücken und schüttelte den Kopf. "Es ist nichts. Bitte laß mich einfach nur alleine." Sie flehte fast, als sie sich gegen seinen sanften Griff wehrte und zur Tür lief. "Bleib hier, Jessica. Du kannst jetzt nicht einfach so davonlaufen." Sie drehte sich ein letztes Mal zu ihm herum und begegnete seinem fragenden Blick. "Du weißt nichts, Kian, nichts, also sag mir nicht, was ich zu tun und zu lassen haben. Bitte." Es war nur noch ein Flüstern, doch als Kian langsam nickte, wußte Carleen, daß er sich geschlagen gab. Wortlos öffnete sie die Tür und schloß sie hinter sich, ehe sie hinunter ging und ziellos umher irrte. Die Terrasse wurde schließlich zu ihrem Zufluchtsort. Es war eiskalt und regnete immer noch, doch Carleen machte sich nichts daraus. Frische Luft war genau das, was sie jetzt brauchte, und es kümmerte sie herzlich wenig, ob sie dabei naß wurde. Von aller Kraft verlassen, ließ sie sich auf die Hollywoodschaukel fallen und zog die Knie bis zu ihrem Kinn an. Das letzte Mal, als sie sich so allein und unsicher gefühlt hatte, war sie fünf Jahre alt gewesen und hatte im Kaufhaus ihre Mutter verloren. Eine alte Dame hatte sich ihrer angenommen und dafür gesorgt, daß sie nach kurzer Zeit wieder in der Obhut ihrer Eltern und sicher zu Hause war. Doch wo war diese alte Dame jetzt? Wo waren all die Menschen, die ihr jetzt halfen, jetzt, wo sie wirklich Hilfe brauchte? Ihre salzigen Tränen vermischten sich mit den kalten Tropfen des Regens, als ein weiterer Schluchzer sich den Weg aus ihrem Hals suchte und ihren ganzen Körper erzittern ließ. Warum mußte immer alles so kompliziert sein? Warum mußte sie gerade jetzt diesen einen Menschen treffen? Warum? Warum? Warum?... Carleen erschrak, als Kian ihr eine Decke um die Schultern legte und sie aus der Schaukel hochzog. Sie hatte ihn nicht kommen hören. Noch bevor sie protestieren konnte, hatte er sie in die Arme genommen und ins warme Innere des Hauses zurück gebracht. "Kian, ich..." "Shh." Er legte ihr einen Finger auf die kalten Lippen, bevor er sie liebevoll und doch fest umarmte und ihre Stirn küßte. "Was auch immer es ist, es ist ok, Jess. Es ist ok." flüsterte er unaufhörlich und streichelte ihr beruhigend über den Rücken. Carleen schloß die Augen, als sie ihr Gesicht an seinem Hals vergrub und hemmungslos weinte. Er hatte doch keine Ahnung, keine Ahnung...

 

Kapitel 25

Erst als kleine Schritte den Flur entlang hallten, riß Carleen sich zusammen und fuhr sich mit einer Hand über ihre nassen Wangen, um die letzten Tränen wegzuwischen. Kian hatte sie keinen Moment allein gelassen, hatte sie umarmt und solange festgehalten, bis sich beruhigt hatte. Jetzt strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelte. "Besser?" Carleen nickte. Ihre Probleme hatten sich zwar nicht im Luft aufgelöst, so wie sie das gerne gehabt hätte, doch allein seine Berührungen und tröstenden Worte hatten dazu beigetragen, daß sie sich erheblich wohler fühlte. "Tut mir leid, daß ich mich so aufgeführt habe. Ich habe keine Ahnung, wie das passieren konnte." sagte sie und nahm die Decke von ihren Schultern, um sie sorgfältig auf die Couch zu legen. "Doch, die hast du." Carleen begegnete Kian’s Blick, der sich glücklicherweise mit seinem eigenen Statement zufrieden gab und hinaus in den Flur ging, um Lilly zu suchen. Er wußte genau, daß sie ihm etwas verheimlichte und nicht vollkommen aufrichtig zu ihm war. Carleen hoffte inständig, ihm nie die Wahrheit sagen zu müssen, obwohl sie wußte, daß sich das nicht verhindern ließ. Bis dahin sollte sie jedoch damit aufhören, sich so eigenartig zu verhalten und das Beste aus ihrer Zeit mit Kian und Lilly machen. "E-siia?" hörte Carleen Lilly rufen aus dem Flur rufen, die kurz darauf ins Wohnzimmer gelaufen kam. Ihre Haare waren noch ganz zerzaust, die Augen vom Schlaf immer noch verquollen, der kleine Schlafanzug zerknittert. So süß. "E-siia traurig?" fragte Lilly mit all der Ernsthaftigkeit, die eine Dreijährige aufbringen konnte und legte ihren Kopf an die Knie von Carleen. Diese wollte etwas erwidern, doch hielt für einen kurzen Moment inne, als Kian wieder im Türrahmen erschien und sie ansah. Carleen konnte in seinen Augen lesen wie in einem guten Buch. Er machte sich Sorgen. Sie lächelte nur knapp, bevor sie sich zu Lilly hinunter beugte und ihre Umarmung bereitwillig in Empfang nahm. "Nein, Schatz, es ist alles in Ordnung. Man weint nicht nur dann, wenn man traurig ist, sondern manchmal auch dann, wenn man sehr glücklich ist, verstehst du?" Lilly nickte, während Carleen ihr durch die Haare fuhr und sie ihr sorgsam über die Schultern legte. "Wussy ist auch glücklich." Zur Bestätigung ihrer Aussage drückte Lilly ihr Kuscheltier an die Wange von Carleen und fuhr mit ihm auf und ab, so als würde er Carleen küssen. "Das ist schön, danke. Was habt ihr beide denn jetzt vor?" Lilly legte den Zeigefinger an ihre untere Lippe und dachte nach. Ihr Augen begannen zu Leuchten, als die Erkenntnis kam. "Mit Daddy spielen." Sie wirbelte herum und rannte in die offenen Armen von Kian, der sie lachend hochhob und ihren Haaransatz küßte. Lilly legte ihren Kopf an seine Schulter und sah Carleen an. "E-siia auch spielen." sagte sie mit bittendem Unterton und hielt Carleen ihre Hand hin. Carleen ergriff diese zwar, schüttelte aber trotzdem den Kopf. "Das machen wir ein anderes Mal. Ich werde nach oben gehen und mich eine Weile hinlegen. Wir sehen uns dann später." Sie küßte Lilly auf die Wange, bevor sie aus dem Zimmer und die Treppe hinauf lief. "Jessica? Carleen drehte sich auf der Treppe herum und sah Kian an, der am Treppenansatz stand und Lilly immer noch im Arm hielt. Ihr war sein besorgter Blick nicht entgangen, als sie das Zimmer verlassen hatte, doch sie hatte keinerlei Absicht, sich jetzt zu erklären. Und Kian würde eine Erklärung verlangen, soviel war sicher. "Ja?" Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch schien er sich plötzlich anders entschieden zu haben. "Ach nichts. Wie gesagt, wir sehen uns später." Dann machte er auf dem Absatz kehrt und verschwand mit Lilly im Wohnzimmer. Erleichtert ging Carleen nach oben und schloß die Türe hinter sich. Kian konnte ziemlich hartnäckig sein, wenn er es darauf anlegte. Und wenn sie nicht bald eine guten Grund für ihren Zusammenbruch fand, konnte sie das in große Schwierigkeiten bringen. Es war zwar sowieso nur noch eine Frage der Zeit, bis sie und Tyra auffliegen würden, aber den Zeitpunkt der Enthüllung wollte sie so weit wie möglich hinausschieben, zumal sie bis jetzt noch nicht wirklich etwas für ihr Geld getan hatte. Statt dessen hatte sie es zugelassen, daß aus gewöhnlichen Arbeitsbeziehungen Freundschaften entstanden waren und sie für Kian und seine Tochter mehr Gefühle entwickelte, als wirklich gut waren. Aus einem plötzlichen Impuls heraus kramte Carleen ihr Handy aus der kleinen Reisetasche und wählte Tyra’s Nummer. Vielleicht würde sie ihr helfen, den wirklichen Grund, warum sie hier war, wieder in den Vordergrund zu rücken und endlich damit aufzuhören, Arbeit mit dem Privaten zu verwechseln. Es dauerte nicht lange, bis Tyra sich am anderen Ende der Leitung meldete. "Hey Cal, wie geht es dir?" Carleen lachte und rückte einige Sachen auf dem Sofa am Fenster zurecht, damit sie sich setzen konnte. "Woher weißt du, daß ich es bin?" "Auf dem Display meines Telefons blinkt dein Name in wunderschönen, großen Buchstaben. Man muß ziemlich dämlich sein, um die zu übersehen. Wie geht es dir?" "Ganz gut. Zwei freie Tage sind Balsam für meinen geschundenen Körper. Es ist zwar schade, daß ich Connor nun doch nicht besuchen kann, aber vielleicht läßt sich das demnächst nachholen." Carleen biß sich auf die Lippe. Sie hatte sich verplappert. "Moment mal, was meinst du damit? Du bist gar nicht bei Connor? Dann verrate mir doch mal bitte, wo du dich gerade herumtreibst." Tyra schien sichtlich überrascht. "Nun ja, ich bin in Limerick, das heißt, in der Nähe von Limerick." "Und? Tu mir den Gefallen, und laß dir nicht alles aus der Nase ziehen. Ich habe mir gerade den Anschiß meines Lebens von Jason abgeholt und ich bin wirklich nicht scharf darauf, jetzt auch noch rätseln zu müssen." Die Erleichterung von Carleen war schlagartig verschwunden. Nervös biß sie sich auf die Fingernägel. "Du hast mit Jason gesprochen? Was wollte er?" fragte sie vorsichtig. "Nun, er wollte wissen, wo wir sind. Unser Freund und Helfer Brandon hat aus einer Laune heraus wohl einfach vergessen, uns zu sagen, daß ein Handlanger von Jason auf dem Weg zu uns war und wichtige Informationen hatte. Ich muß nicht erwähnen, daß Mr. Wichtig seine schlechte Laune an mir ausgelassen hat." "Was für wichtige Informationen waren das denn?" "Hey, dieser Kerl hat mir die letzten zehn Minuten meines Lebens unerträglich gemacht und du fragst mich, was für Informationen das waren? Wieso habe ich nur dieses dumme Gefühl, daß jeder meine Leiden ignoriert?" Carleen stöhnte. "Jetzt hör auf, dich selbst zu bemitleiden. Ich werde dir ein großes Pflaster schicken, versprochen. Und jetzt sag mir, was Jason uns so wichtiges zu erzählen hatte." drängte Carleen und stand auf. Sie lief immer quer durch den Raum, wenn sie nervös wurde. Und jetzt war sie sehr nervös. "Also fein. Soweit ich weiß, ging es um irgendeine Alex. Ich habe keine Ahnung, was er wollte, denn er hat lauter geschrien, als mein Trommelfell vertragen konnte, also habe ich irgendwann auf Durchzug geschaltet. Ich glaube aber, daß das alles etwas mit Kian zu tun hatte und Jason wollte, daß wir uns die Sache mal näher ansehen." Die Magengegend von Carleen zog sich unwillkürlich zusammen, die Stimme von Tyra rückte in weite Ferne. Jedesmal, wenn sie glaubte, es könnte nicht schlimmer werden, wurde es schlimmer. Es war eine Sache, Westlife in ein schlechtes Licht zu rücken, aber es war eine andere, unschuldige Menschen gnadenlos zur Schau zu stellen. Und wenn schon Alex Carleen kein Kopfzerbrechen bereitete, dann tat es Lilly. Um nichts in der Welt wollte sie die Sicherheit oder Zukunft der Kleinen gefährden, und beides war durchaus möglich, wenn karrieregeile Reporter hinter ihre Existenz kamen. "Was weiß er denn noch über diese Alex?" fragte Carleen leise und versuchte, nicht allzu bedrückt zu klingen. "Ich habe keine Ahnung. Alles, was ich weiß, ist, daß Jason schon eine ganze Weile nach ihr sucht und sie jetzt anscheinend gefunden hat. Mehr ließ sich seinem geschrienen Monolog nicht entnehmen, aber ich nehme mal ganz stark an, daß die Ausgeburt unglaublicher Intelligenz uns bald mehr sagen wird." "Wer?" "Na Brandon. Meiner Meinung nach gibt es keine bessere Bezeichnung für ihn." "Du hältst ihn für intelligent?" Tyra stöhnte. "Das war ironisch gemeint, Cal, pure Ironie. Sag mal, hast du zu lange unterm Rotlicht gestanden oder wieso bist du so schwer von Begriff?" Carleen rieb sich ihre Stirn, ehe sie sich auf ihr Bett setzte und gedankenverloren am Saum ihres Pullovers spielte. "Tut mir leid. Ich war wohl gerade nicht bei der Sache." "Das habe ich gemerkt. Aber du hast mir immer noch nicht geantwortet. Wo zur Hölle treibst du dich rum?" "Ist das denn so wichtig?" "Na hör mal. Ich kenne dich, seit du in die Windel gemacht hast und ich würde schon gerne wissen, was du machst. Wenn das allerdings zuviel verlangt ist..." "Nun sei nicht gleich beleidigt, ok? Ich .. ich bin in einem Hotel." Carleen haßte es, Tyra zu belügen, aber die Situation verlangte es nun mal so. Vielleicht würde sich später eine Gelegenheit finden, das "Mißverständnis" aufzuklären. "Und das ist alles, was du mir zu sagen hast!? Du bist in einem Hotel. Sehr aufschlußreich." Carleen lachte. "Ich bin in einem Hotel in der Nähe von Limerick und überlege, welches Kind wieder nicht aufgegessen hat. Es regnet in Strömen." "Siehst du, was habe ich dir gesagt? Kinder machen nichts als Ärger. Anstatt ihren Müttern dafür zu danken, daß man sie unter größten Schmerzen zur Welt gebracht hat, wollen sie keinen Blumenkohl essen, ihr Zimmer nicht aufräumen, aber dafür mehr Taschengeld haben. Es ist immer dasselbe!" "Das kannst du nicht wirklich so meinen. Kinder sind wundervoll!" Carleen mußte nur an Lilly denken, um so etwas zu sagen. Tyra dagegen hatte nur ein abfälliges Schnauben für diese Bemerkung übrig. "Also, du kennst doch den Sohn von der Freundin meiner Mutter..." Was dann folgte, waren 30 Minuten, in denen Tyra sich nach allen Regeln der Kunst über vorlaute Bengel, unfähige Mütter in den Wechseljahren und Ketchup, der nie wieder aus dem Teppich heraus ging, ausließ. Carleen hörte aufmerksam zu und lachte an einigen Stellen, doch mit Gedanken war sie längst ganz woanders. Alex ging ihr nicht mehr aus dem Kopf, genau wie Jason, der wahrscheinlich schon wieder in seinem Büro saß und fieberhaft daran arbeitete, Westlife auf die Titelseite seiner Zeitung zu bringen. Sie nahm sich vor, ihn bei Gelegenheit zu fragen, warum er so hartnäckig darauf versessen war, die Jungs zu ruinieren. Nachdem Carleen das Gespräch beendet hatte, hüpfte sie unter die Dusche und war dankbar für das heiße Wasser, das sie zumindest für einen kurzen Moment vergessen ließ. Später lag sie auf ihrem Bett und blätterte gelangweilt in einem erst kürzlich angefangenen Buch, das für Carleen sehr schnell an Reiz und Interesse verloren hatte. Natürlich hätte sie hinunter gehen und sich Kian und Lilly anschließen können, doch irgend etwas hielt sie zurück. Vielleicht war es das schlechte Gewissen, das sich endlich zu Wort meldete oder aber die Angst davor, Kian nicht länger mit Ausflüchten hinhalten zu können. Erst als die Wanduhr in ihrem Zimmer sechs Uhr anzeigte, entschloß sie sich, nach den Beiden zu sehen und ging nach unten. Carleen war ein wenig irritiert, als nirgendwo Licht brannte, doch sie fand schnell den Grund dafür. Auf der Wohnzimmercouch lagen Lilly und Kian und schliefen. Er lag mit dem Rücken zur Wand und hielt Lilly in seinen Armen, die ebenfalls mit dem Rücken zu ihm schlief und sich tief an seine Schulter gekuschelt hatte. Carleen lehnte sich für einen kurzen Moment an den Türrahmen, bevor sie zum Fernseher, der immer noch lief, hinüber ging und ihn ausschaltete. So leise wie möglich räumte sie das Spielzeug, das quer über dem Boden verstreut lag, zusammen und packte es in die Holzkiste, die am Fußende der Couch stand. "Hey." Carleen schrak hoch und blickte in die Augen von Kian. Sie legte sich einen Finger auf die Lippen und deutete auf Lilly, die immer noch selig schlief. Kian hob seinen Kopf ein wenig, um das Gesicht seiner Tochter besser sehen zu können und lächelte. "Ich bringe sie ins Bett." flüsterte er und stand vorsichtig auf, ehe er Lilly auf den Arm nahm. Sie murmelte etwas Unverständliches, ließ sich aber nicht weiter stören und schlummerte weiter an der Schulter ihres Daddys, als Kian die Treppe hinauf lief. Carleen räumte auch noch die letzten Sachen zusammen und verstaute alles sorgsam, ehe sie ebenfalls nach oben ging. "Halt, halt, halt. Nicht so schnell, Jess." Ehe Carleen in ihrem Zimmer verschwinden konnte, hatte Kian sie am Unterarm festgehalten und in den Flur zurückgezogen. "Was ist?" fragte Carleen irritiert und sah ihn verwundert an. "Du kommst jetzt mit und gibst mir ein paar Antworten auf meine Fragen. Da lang."

Kapitel 26

Kian zerrte Carleen praktisch in sein Arbeitszimmer und gab ihr keine Möglichkeit, zu protestieren. Sorgsam schloß er die Tür hinter ihnen und drehte den Schlüssel im Schloß. "Kannst du mir jetzt vielleicht einmal verraten, was das werden soll?" Carleen wußte noch nicht so recht, ob sie wütend auf ihn sein oder über sein merkwürdiges Verhalten lachen sollte. Kian nickte, als er zu seinem Schreibtisch hinüber ging und den Laptop anschaltete. "Ja, das kann ich. Komm her und setz dich zu mir." Er streckte seine Hand aus und wartete, bis Carleen sie ergriffen hatte. Dann zog er sie zu sich heran und rückte seinen Stuhl zurecht. "Und nun?" Carleen sah ihn abwartend an. Sie hatte damit gerechnet, daß er ihr unangenehme Fragen stellen und um Erklärungen bitten würde, doch er tat nichts dergleichen. Trotzdem war ihr sein Benehmen nicht ganz geheuer. "Wir sind vorhin nicht ganz fertig geworden. Du bist mir noch deine Meinung zu den Häusern schuldig." Kian rückte den Laptop so zurecht, daß Carleen den Bildschirm von ihrer Position aus sehen konnte. Carleen brauchte einen Moment, bis sie begriffen hatte, doch dann lachte sie erleichtert auf. "Das ist alles? Du willst wissen, welches der Häuser mir am Besten gefällt?" Sie lehnte sich gegen die Kante des Tisches und sah auf Kian hinunter, der nickte. "Zumindest wäre das ein Anfang." "Und was soll dann die verschlossene Tür?" Kian zuckte mit den Schultern. "Vielleicht kommst du urplötzlich wieder auf die Idee, davon zu rennen. Wäre ja nicht das erste Mal." Wenn er versuchte, sie zu provozieren, dann tat er ziemlich gute Arbeit. Carleen beließ es jedoch dabei, die letzte Bemerkung zu ignorieren und konzentrierte sich auf die Bilder. Das Letzte, was sie jetzt wollte, war ein handfester Streit. "Sie sind alle nicht schlecht, aber deine Eltern würden sich wohl am Meisten über ein Haus freuen, das sie nach ihren Wünschen und Bedürfnissen gestalten können. Man erkennt zwar noch nicht viel, aber die Baupläne sehen ziemlich vielversprechend aus." antwortete Carleen und verschränkte ihre Arme vor der Brust. Kian nickte. "Sowas in der Richtung habe ich mir auch schon gedacht. Dann dauert es zwar noch zwei Monate, bis sie einziehen können, aber zu Weihnachten sollte das Haus dann fertig sein. Was meinst du, soll ich Rod anrufen und ihn bitten, die Verträge klar zu machen?" "Wenn du nicht willst, daß das Haus dir durch die Lappen geht – ja." "Gut, dann werde ich später mit ihm telefonieren." "Und wieso machst du das nicht jetzt?" Kian zeigte auf die Tür und grinste. "Ich möchte verhindern, daß du mir während meines Telefonats davon läufst und nicht wiederkommst. Wir haben noch ein paar Dinge zu klären, falls du dich erinnerst." Carleen verzog ihre Mundwinkel zu einer Grimasse und entfernte sich einige Schritte vom Tisch. Jetzt war genau der richtige Zeitpunkt, um zu verschwinden. "Und wenn ich gar nichts zu klären habe?" fragte sie und lächelte. Es gefiel ihr nicht, daß Kian die Situation in der Hand hatte, also versuchte sie, ihren Hals zumindest teilweise aus der Schlinge zu ziehen. Kian klappte seinen Laptop zu und stand ebenfalls auf. "Dann hast du wohl vergessen, was vor ein paar Stunden mit dir passiert ist. Du hast im Regen gestanden und geweint und ganz gleich, ob es dir paßt oder nicht, du wirst mir jetzt und hier sagen, warum du das getan hast." Eigentlich ließ der Ton seiner Stimme keinen Platz für Diskussionen, doch Carleen weigerte sich, ihm kampflos das Feld zu überlassen. Jetzt ging es nicht mehr nur noch darum, daß sie Angst davor hatte, ihm die Wahrheit zu sagen, sondern auch darum, daß er versuchte, sie zu bevormunden. Und wenn sie eines haßte, dann das. "Oh, Fidel Castro hat gesprochen und jetzt muß ich natürlich springen, richtig? Nun, ich habe eine bessere Idee. Du bleibst hier und telefonierst, während ich versuchen werde, ein wenig Schlaf zu bekommen. Das klingt doch einfach wundervoll, oder?" "Dein Sarkasmus in allen Ehren, Jessica, aber ich erwarte eine ehrliche Antwort von dir und wenn du glaubst, dich jetzt so einfach aus der Affäre ziehen zu können, dann hast du dich getäuscht." "Kian, das ist nicht mehr witzig." "Ich mache keine Witze." Wäre Carleen nicht so ein Sturkopf gewesen, hätte sie die ganze Sache vielleicht mit wenigen Worten abhandeln können, doch sie war nun mal einer und das trug nicht unbedingt zum Entschärfen der Situation bei. Noch dazu forderte Kian sie mit seinem forschenden Blick geradezu heraus, sich mit ihm anzulegen. Er wollte wissen, was in ihr vorging und dazu war ihm anscheinend jedes Mittel recht. "Schon seltsam, wie sehr sich deine Prioritäten von einem Tag zum anderen ändern. Erst kannst du gar nicht weit genug von mir weg sein und jetzt drängst du mich praktisch dazu, dir mein innerstes Gefühlsleben zu offenbaren. Ich frage mich gerade, ob das genau so wäre, wenn Rachel hier wäre." Gottcha. Kian schien in keinster Weise damit gerechnet zu haben, daß sie gerade jetzt auf Rachel zu sprechen kam, denn sein Gesicht hatte nicht länger den selbstzufriedenen Ausdruck wie vor einigen Minuten. "Das hier hat nichts mit ihr zu tun." sagte er knapp und musterte Carleen weiterhin eingängig. Diese lachte nur. "Oh, ich denke, das hier hat verdammt viel mit ihr zu tun. Oder warum interessierst du dich gerade jetzt so für mich, jetzt, wo sie nicht hier ist? Vielleicht sollten wir sie anrufen und bitten, herzukommen, damit du ihr deine ganze Aufmerksamkeit widmen kannst und mich endlich in Ruhe läßt." "Das ist nicht mehr witzig." Carleen brachte ein zuckersüßes Lächeln zustande. "Du wirst es kaum glauben, aber ich mache keine Witze. So etwas in der Art hast du doch gesagt, oder?" Der Krieg zwischen den Beiden war im vollen Gang. Wieder einmal zeigte sich, daß sie sich gegenseitig Grenzen setzen mußten, um nicht zu weit zu gehen. Carleen konnte sehen, wie sehr Kian darum kämpfte, die Beherrschung über sich zu wahren. Wahrscheinlich hatte sie ihn an einem wunden Punkt getroffen, doch sie wußte sich nicht anders zu helfen. Sie durfte nicht zulassen, daß er erfuhr, was wirklich in ihr vorging, koste es, was es wolle. "Du weißt genau, daß das zwischen Rachel und mir rein gar nichts zu bedeuten hatte." Herrgott, natürlich wußte Carleen das. Sie wußte auch, daß die tiefe Zuneigung, die sie für Kian empfand, auf Gegenseitigkeit beruhte, dessen war sie sich sicher. Wie sonst sollte sich all das erklären, was zwischen ihr und Kian passiert war? "Wie auch immer, Rachel schüttet dir sicherlich gerne ihr Herz aus. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich jetzt gerne schlafen gehen." Carleen drehte sich herum und wollte zur Tür gehen, doch Kian hatte anscheinend andere Pläne. Er war eher an der Tür als sie und stellte sich vor sie. "Und ob ich etwas dagegen habe." Im Schwung hob er sie hoch und über seine Schulter, während er mit der noch freien rechten Hand die Tür entriegelte. "Kian, was zur Hölle soll das?" Er machte sich nicht die Mühe, zu antworten, sondern trug sie über den Flur in ein anderes Zimmer, in dem es, verglichen mit den Lichtverhältnissen im Arbeitszimmer, recht dunkel war und Carleen herbe Orientierungsschwierigkeiten hatte. "Bitte laß mich runter." Wieder gab er ihr keine Antwort, sondern ging durch das Zimmer hindurch, bis er Carleen von seinen Schultern nahm und sie auf irgend etwas Weiches fallen ließ. Sie hatte überhaupt keine Zeit, zu realisieren, wo sie war, denn bevor sie irgendwie reagieren konnte, hatte Kian sich zu ihr hinunter gebeugt und küßte sie. Er küßte sie mit einer ungeahnten Intensität und Härte, während er sie mit seinem eigenen Körper tiefer in die Matratze drückte und Carleen keine Möglichkeit gab, aufzustehen. Während er ihre Hände festhielt, drückte er ihre Lippen mit seiner Zunge auseinander und intensivierte den Kuß, der Carleen jeglichen Atem nahm. Sie benötigte den Bruchteil einer Sekunde, um zu begreifen, was vor sich ging. Ärger stieg in ihr auf, Ärger darüber, daß er sich die Freiheit herausnahm, sie derartig zu behandeln, und Ärger darüber, daß seine Berührungen sie am ganzen Körper zittern ließen. Ruckartig entriß sie Kian ihre Hände und drückte mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, gegen seine Brust. "Geh runter von mir." sagte sie außer Atem und versuchte, ihn von sich zu schieben, was allerdings nicht von Erfolg gekrönt war. Zum einen, weil Kian ihrer Aufforderung in keinster Weise nachkam, zum anderen, weil ihr Körper plötzlich gegen ihren Verstand arbeitete. Sosehr sie sich auch dagegen wehren wollte, konnte sie sich seinem Bann nicht entziehen, seinem Duft, seinen Berührungen, seinen Küssen. Kian gab ihr keine Antwort, sondern sah sie lange an, ehe er eine Hand unter ihre Bluse gleiten ließ und die nackte Haut, auf die er stieß, liebkoste. Ein Blick in seine Augen verriet Carleen, daß er genau wußte, wie sehr sie das genoß und trotzdem mit sich kämpfte. Doch anstatt sie freizugeben, setzte er seine süße Qual vor und fuhr mit seiner Hand noch weiter hinauf bis zum Ansatz ihres BH's. "Kian!" Carleen wand sich unter ihm hin und her, nicht sicher, wie lange sie den letzten Rest Widerstand, den sie besaß, noch aufrecht erhalten konnte. Sie wagte es noch nicht einmal, ihn anzusehen, denn schon alleine das Verlangen in seinen Augen steigerte ihr Begehren ins Unermeßliche. "Was ist?" flüsterte er heiser, bevor er sich zu ihr hinunter beugte und damit begann, ihren Hals zu küssen. "Ich... ich... oh Gott." Sie krallte sich im Stoff seines Hemdes fest, als er mit seiner Hand unter ihren BH fuhr und sie zärtlich streichelte. Kein einziges vernünftiges Wort wollte ihr jetzt noch von den Lippen kommen, kein einziger Satz, der sie aus dieser Situation befreite. Statt dessen stöhnte Carleen leise auf und preßte sich noch enger an Kian. Es war ein gefährliches Spiel, das sie hier spielte, doch was sollte sie tun? Sie wollte ihn so sehr, daß es ihr selbst die Sprache verschlug, und er würde sie nicht gehen lassen, dessen war Carleen sich sicher. Selbst wenn sie leugnen würde, ihn zu begehren, würden ihre Reaktionen auf seine Berührungen sie gnadenlos verraten. Carleen drehte ihren Kopf ein wenig, so daß Kian ihren Hals freigeben und sie ansehen mußte. Sorgsam nahm sie seine Hand, die immer noch unter ihrer Bluse ruhte und schob sie von sich, bevor sie ein wenig unter Kian hervor rutschte und sich an das Ende des Bettes setzte. Kian wollte sie festhalten und sie zu sich zurückziehen, doch Carleen war schneller und stand auf. Wenn sie sich diesem Mann schon bedingungslos hingab, dann nicht nur nach seinen Spielregeln. "Was..?!" Carleen drehte sich zu ihm herum und legte ihm einen Finger auf den Mund. Er saß auf der Kante des Bettes, genau vor ihr und suchte nach einer Antwort in ihren Augen. "Shh." Dann machte sie noch einen weiteren Schritt auf ihn zu, so daß seine Knie praktisch die ihrigen berührten und sah auf ihn hinunter. Langsam fuhr sie mit ihren Händen hinauf zum oberen Knopf ihrer Bluse und öffnete ihn. Sie hielt für einen kurzen Moment inne und schob den Stoff ein kleines Stück auseinander, bevor sie fortfuhr und den nächsten Knopf öffnete. Wieder wartete sie und wieder ging sie dann über zum nächsten Knopf, solange bis ihre Bluse vollständig geöffnet war. "Laß mich..." keuchte Kian hervor, ehe seine Hände hinauf zu ihrer Schulter wanderten und die Bluse langsam nach unten fallen ließen. Carleen zitterte unter seinen Blicken, als er die Bluse Stück für Stück nach unten zog und schließlich auf den Boden warf. Sie schloß die Augen, als Kian sie näher zu sich heranzog und die Haut kurz über ihrem Bauchnabel küßte. Weiche, kühle Lippen fuhren ihren Bauch hinauf, während Kian langsam und vorsichtig den Knopf ihrer Hose öffnete und dann langsam den Reißverschluß aufzog. Sie hielt die Luft an, als er mit beiden Händen in die Hose hineinfuhr und sie nach unten schob. Carleen wartete, bis er ihr die Hose über die Oberschenkel gezogen hatte, ehe sie selber tätig wurde und aus den Hosenbeinen stieg. Sie mußte Kian nicht erst ansehen, um zu wissen, welche Wirkung sie auf ihn hatte. Die Art und Weise, wie er atmete und seine Hände an ihr auf und abgleiten ließ, sagte alles. Ungeduldig fuhr er in den Bund ihres Slips, doch sie stoppte ihn und deutete ihm, sich hinzulegen. Er wollte protestieren, doch sie legte ihm einen Finger auf den Mund und schüttelte den Kopf. Noch bestimmte sie das Spiel. Als er sich zurückgelehnt hatte, folgte sie ihm aufs Bett und rutschte zwischen seine Beine. Dann lehnte sie sich so weit nach vorne, bis sie auf ihm lag und küßte sein Ohrläppchen, ehe sie zärtlich daran knabberte. Carleen konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als sie ihn leise stöhnen hörte und seine Hände auf ihrem Hintern fühlte. Sie versuchte, sich nicht ablenken zu lassen und stützte sich auf ihre Hände, so daß ihr Gesicht genau über seinem war und sie ihn ansehen konnte. Erst dann beugte sie sich langsam vor und küßte ihn endlich. Zuerst nur flüchtig und langsam, schließlich voller Leidenschaft, Bedürfnis und Verlangen. Es dauerte nicht lange, bis sie damit begann, die Knopfleiste seines Hemdes zu öffnen und es ihm ungeduldig über die Arme schob. Carleen war gerade dabei, den Gürtel von Kian's Hose zu öffnen, als dieser ihre Hände packte und sie auf den Rücken rollte, er über ihr. Er küßte sie innig und doch zugleich zärtlich, ehe er kurz aufstand und seine Hose mit schnellen Griffen auszog und zu den anderen Sachen auf dem Boden warf. Anschließend kletterte er aufs Bett zurück und schob ein Knie zwischen die Beine von Carleen, so daß sie diese noch weiter öffnete und er zwischen sie rutschen konnte. Carleen krallte sich mit ihren Fingernägeln in seinen Schultern fest, als er sich an sie preßte und keinen Zweifel daran ließ, wie sehr er sie wollte. Unruhig wanderten seine Hände über ihren Bauch und nach hinten zu ihrem Rücken, wo er den Verschluß ihres BH‘s öffnete und ihn langsam von ihren Armen streifte. Carleen schloß die Augen und stöhnte, als er mit seinen Lippen ihren Hals entlang fuhr bis zu dem Stück Haut, das bis gerade eben noch von schwarzem Satin verdeckt worden war. Die Dunkelheit, seine Lippen und seine Hände waren alles, was sie zur Kenntnis nahm und es machte sie wahnsinnig. Wie hatte sie nur jemals denken können, sich all dem zu verweigern, sich Kian zu verweigern? Herausfordernd schob sie ihm ihre Hüfte entgegen, nicht gewillt, noch länger warten zu müssen. Sie war wie besessen von dem Gedanken, ihn endlich spüren zu können, ihre Beine um ihn legen zu können, ihn lieben zu können. Kian war mehr als bereit dazu, ihrer Aufforderung nachzukommen. Er stand langsam auf und zog Carleen dabei ihren Slip aus, ehe er seine Boxershorts unachtsam auf den Boden fallen ließ und schließlich zu ihr zurückkehrte. Carleen zog sein Gesicht zu ihrem heran und küßte ihn ein weiteres Mal leidenschaftlich, bevor sie ihre Knie anwinkelte und die Arme um seinen Hals schlang. "Sieh mich an." Carleen öffnete ihre Augen und traf auf die von Kian, die mit Leidenschaft und gleichzeitig so viel Wärme auf sie hinab blickten. Zeit und Raum spielten keine Rolle mehr, nur noch das unbeschreibliche Gefühl, das Carleen umgab, als sie in die Augen dieses Mannes blickte. Sie stöhnte, als Kian eine Hand unter ihren Hintern schob und in sie eindrang. "Kian..." Es war nur noch ein heiseres Flüstern. Er küßte sie, während er sich in ihr bewegte, langsam und zärtlich, so als gäbe es nichts anderes auf der Welt, nur ihn und Carleen. Sie paßte sich seinem Rhythmus an und stieß fast gleichzeitig mit ihm einen leisen Schrei aus, bevor Kian gegen sie kollabierte und seinen Kopf an ihren Hals legte. Carleen weigerte sich, darüber nachzudenken, was gerade passiert war, sondern genoß den Moment in vollen Zügen. Liebevoll küßte sie die Stirn von Kian, die mit kleinen Schweißperlen bedeckt war und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Kian sagte nichts, sondern rollte sich auf die Seite und zog Carleen in seine Arme. Sorgsam legte er eine der Decken über sich und Carleen und küßte ihren Haaransatz, bevor beide vom Schlaf übermannt wurden.

 

Kapitel 27

Carleen war wach, bevor Lilly sie mit der gleichen Prozedur vom letzten Morgen hatte wecken können. Schon bei Tagesanbruch hatte Carleen wach gelegen und Kian’s Nähe genossen, der immer noch fest geschlafen und sich von ihr nicht hatte stören lassen. Auch nicht, als sie sich zu ihm herumgedreht und sich eng an ihn gekuschelt hatte. Sicherlich gab es jetzt Dinge, über die Carleen dringend nachdenken mußte und die keinen Aufschub duldeten, aber wieso alles unnötig komplizieren? Sie hatte ihre Einstellung nicht vollkommen geändert, doch sie würde sich erst dann Gedanken um ihre Situation machen, wenn es wirklich nötig war. Insgeheim hegte sie noch immer die kleine Hoffnung, daß Kian sie vielleicht verstehen und ihr verzeihen würde. Dazu mußte sie ihm aber erst einmal zeigen, wie viel er ihr bedeutete und wie sehr sie ihm vertraute, ganz gleich, welche Beweggründe sie anfangs gehabt hatte. Jetzt würde sie kämpfen, kämpfen auf ihre Art. Als Lilly ihre kleine, warme Wange an die von Carleen drückte, konnte sie sich ein Lachen nicht verkneifen. "Morgen, Prinzessin." flüsterte sie leise und öffnete die Augen. Lilly grinste und legte ihren Kopf auf das Kissen neben Carleen. "Magst du Daddy?" fragte sie leise und sah Carleen mit großen Augen an. Sie schien sich der Tragweite ihrer Frage gar nicht bewußt zu sein, sondern wollte einfach nur wissen, wie sie das Bild, das sich ihr darbot, zu deuten hatte. Carleen lächelte. "Ja, ich glaube, ich habe deinen Daddy sehr gern. Hast du ihn auch lieb?" Lilly nickte euphorisch. "Sehr lieb." Sie rutschte ein Stück näher an Carleen heran und lehnte sich über ihr Ohr. "Machen wir Daddy Frühstück und sagen ihm, daß wir ihn lieb haben?" Die Kleine hatte das Versprechen von Carleen am Vortag nicht vergessen. Sie krabbelte rückwärts aus dem Bett und hob Kian’s Hemd auf, das noch immer auf dem Boden lag. Carleen wurde augenblicklich rot. "Da." Lilly gab es Carleen, ehe sie um das Bett herum ging und im Flur verschwand. Bald darauf waren kleine Schritte zu hören, die die Treppe hinunter und in die Küche liefen. Carleen beeilte sich besser, wenn sie verhindern wollte, daß Lilly irgendeine Dummheit machte. Nach ihren eigenen Sachen konnte sie auch später noch suchen. Mit einem Seufzen befreite sie sich aus der Umarmung von Kian und zog sich das Hemd über, bevor sie die Bettdecke von ihren Beinen warf und aufstand. Kian murmelte etwas Unverständliches und rollte sich auf seine andere Seite, schlief jedoch ruhig weiter. Carleen hätte noch ewig dastehen und ihn ansehen können, doch sie begnügte sich damit, ihn über die Wange zu streicheln und seine Stirn zu küssen. Oh ja, sie würde kämpfen. In der Küche war Lilly schon schwer damit beschäftigt, sämtliche Schubladen aufzuziehen und alles Brauchbare, was ihr in die Finger kam, auf dem Küchentisch auszubreiten. "Moment, Kleines, so geht das nicht. Dein Vater flippt aus, wenn er das hier sieht. Warum überlegen wir uns nicht erst einmal, was wir ihm kochen wollen, bevor wir anfangen?" Carleen setzte sich auf einen freien Stuhl und hob Lilly zu sich auf den Schoß. "Eier und Toast und Schinken und Tee und Orange und Pudding." Carleen lachte. Das war eindeutig mehr, als sie in so kurzer Zeit speichern konnte. "Langsam, langsam. Du machst den Tee und gießt den Orangensaft ein und ich kümmere mich um alles andere, ok?" Sie ließ Lilly wieder runter und öffnete ihr den Kühlschrank, bevor sie den Herd anmachte und Wasser aufsetzte. Während Lilly den Tisch deckte und somit beschäftigt war, kümmerte sich Carleen um den Rest des Frühstücks. Auch wenn es ungewohnt war, so machte es ihr doch Freude, den Morgen mit Lilly zu verbringen und Kian zu überraschen. Sie fühlte sich geborgen und zugehörig. Es duftete bereits himmlisch, als Carleen jeden der drei Teller mit Rührei, Toast und gebratenem Schinken füllte und auf den Tisch stellte. Lilly füllte die Tassen und Gläser mit Tee bzw. Orangensaft und rannte dann nach oben, um sich umzuziehen. "Sei vorsichtig, Lil!" rief Carleen ihr hinterher, ehe sie die dreckigen Pfannen in die Spüle stellte und den Wasserhahn anstellte. Sie wurde ein wenig nervös, als sie jemanden die Treppe hinunter und in die Küche kommen hörte. Es war ganz sicher nicht Lilly. "Guten Morgen." Nein, es war wirklich nicht Lilly. "Guten Morgen." entgegnete Carleen in einem viel zu überschwenglichen Ton und begann damit, die Pfannen und Töpfe sauberzumachen. Sie war plötzlich so aufgeregt, daß sie sich noch nicht einmal mehr umdrehen und Kian ansehen wollte. Lächerlich, dachte sie, doch trotzdem wollte das seltsame Gefühl in ihrer Magengegend nicht verschwinden. Da hatten sie nun die Nacht zusammen verbracht und miteinander geschlafen, doch Carleen verhielt sich, als hätten sie gerade ihr erstes Date. Wunderbar. "Das sieht großartig aus. Eier, Toast, Schinken, alles da. Nur der Pudding fehlt." Anscheinend wußte Kian genauso wenig wie sie, was er sagen sollte. Nun, zumindest sagte er erst einmal irgend etwas. Nicht viel, aber ein Anfang. "Ja, tut mir leid. Lilly meinte, daß du ihn sehr gerne ißt, aber ich hatte keine Ahnung, wo ich um diese Zeit schon Pudding her bekomme." Diesmal sagte Kian gar nichts. Wahrscheinlich ging ihm dieses ganze Thema Pudding wirklich auf die Nerven. Beim Gedanken daran begann Carleen zu lachen. "Was ist?" "Nichts, gar nichts. Ich mußte nur gerade an den Pudding denken." "An den Pudding?" "Ja, an den Pudding." Carleen legte den Wischlappen beiseite und zuckte mit den Schultern. "Ich meine, es gibt so wichtige Dinge, über die wir uns unterhalten könnten und vielleicht auch müßten, und was tun wir? Wir reden über Pudding." Endlich drehte Carleen sich herum und sah Kian an. Er hatte sich mit beiden Armen auf eine Stuhllehne gestützt und begegnete ihrem Blick. Dann lachte er. "Stimmt, das ist ziemlich sinnlos. Ich kenne da wirklich viel wichtigere Dinge." "Zum Beispiel?" Die Nervosität war jetzt einer Art von Ungewißheit gewichen, auch wenn sich die Situation deutlich entspannt hatte. Kian ging auf Carleen zu und legte beide Arme um ihre Hüften, ehe er sie auf die Nase küßte. "Du hast mein Hemd angezogen, ohne mich vorher zu fragen. Meiner Tochter versuche ich ständig beizubringen, daß man um Erlaubnis fragen muß, bevor man sich etwas nimmt, das einem nicht gehört. Was soll ich also mit dir machen?" Carleen zuckte die Schultern. "Ich bin vollkommen unschuldig. Lilly hat es mir gegeben und ich konnte ja unmöglich Einspruch erheben. So wie du sie bereits verzogen hast, wäre sie wahrscheinlich in Tränen ausgebrochen." "Sie ist nicht verzogen, nur gut behütet." protestierte Kian und zog Carleen näher zu sich heran. "Wie auch immer, ich kann das Hemd gerne ausziehen, wenn du möchtest. Ich will ja nicht, daß du frierst – auch, wenn du mir so ganz gut gefällst." "Heb dir das für später auf, wenn wir unbeobachtet sind." Carleen zog eine Augenbraue in die Höhe. "Ist das ein Versprechen?" "Ich könnte ja jetzt arrogant sein und sagen, daß letzte Nacht nur ein Vorgeschmack auf das war, was noch kommt, aber das bin ich natürlich nicht. Ja, es ist ein Versprechen." Carleen lachte leise, doch sie verstand die Botschaft dieser Aussage. Auch wenn Kian es nicht ausgesprochen hatte, so hatte er sie doch wissen lassen, daß es da noch etwas gab, was vor ihnen lag. Es gab ein Danach – eine Zukunft. "Das ist schön." Carleen stellte sich auf die Zehenspitzen und zog Kian’s Gesicht zu sich hinunter, bevor sie ihn sanft küßte. Vielleicht bemerkte er, wie emotional und aufgewühlt sie war, denn er intensivierte den Kuß, so als wolle er sie wissen lassen, wie viel sie ihm bedeutete. Ein gutes Gefühl. Carleen umarmte ihn fest und genoß den Komfort seiner zärtlichen Gesten. "Alles ok?" fragte er leise und streichelte ihre Haare. "Ja. Alles ok." Carleen küßte seine Wange, bevor sie ihn freigab und lächelte. Kian wollte noch etwas sagen, bekam aber keine Möglichkeit dazu, als Lilly zur Tür herein stürmte. "Daddy! Überraschung!" Sie drehte sich im Kreis und ließ ihren Rock hin und her flattern, stolz darauf, daß sie sich ganz allein und ohne fremde Hilfe angezogen hatte. "Wow! Du siehst wunderschön aus, Schatz. Komm her." Kian ging in die Hocke und hielt die Arme auf, mit denen er Lilly in Empfang nahm. "Hast du gut geschlafen?" fragte er und sah seine Tochter von oben bis unten an. Sie nickte. "Ja, ganz viel. Und dann habe ich mit E-siia Frühstück gemacht. Nur für dich." Sie klatschte begeistert in die Hände und zeigte auf den Tisch, der nach wie vor reich gedeckt war. "Das habe ich schon gesehen, Prinzessin. Es sieht großartig aus. Und warum habt ihr das gemacht?" Lilly schlang ihm begeistert die Arme um den Hals und küßte seine Wange. "Weil ich dich lieb habe. Und E-siia hat dich auch lieb. Stimmt’s, E-siia?" Carleen nickte. "Stimmt, Lilly. Und jetzt sollten wir uns hinsetzen und etwas essen, bevor es kalt wird." Carleen wartete, bis die Kleine auf ihren Stuhl geklettert war, ehe sie sich zu Kian’s Ohr hinunter beugte. "Wenn du willst, zeige ich dir später noch, wie lieb Jessica dich hat." Dann setzte sie sich völlig unbeeindruckt an den Tisch und begann, zu essen. Kian tat es ihr gleich und lauschte interessiert der Stimme von Lilly, als sie erzählte, mit welch großem Aufwand sie und Carleen das Frühstück zubereitet hatten. Dann erzählte sie von einem Traum, den sie letzte Nacht gehabt hatte und davon, wie dringend Wussy mal wieder an die frische Luft müßte. Kian lachte und schlug vor, am Nachmittag zur Galway Bay zu fahren. Er erklärte Carleen, daß es einer der Lieblingsplätze von Lilly war und sie so oft wie möglich dort waren und am Wasser entlang spazierten. Carleen sagte begeistert zu, bevor sie damit begann, den Tisch abzuräumen und alles in der Spüle verstaute oder in den Geschirrspüler räumte. Dann ging sie hinüber ins Wohnzimmer, in dem Kian und Lilly auf der Couch lagen und Fernsehen schauten. "Hey, ihr Zwei. Ich bin kurz oben und ziehe mich um, ok?" Sie wollte gerade wieder gehen, als Kian aufsprang und sie am Arm festhielt. "Warte, Jess." Er drehte sich kurz wieder zu Lilly herum und streichelte ihren Kopf. "Schatz, ich und Jessica werden für eine Weile nach oben gehen. Wenn irgend etwas ist, sagst du mir Bescheid, ok?" Lilly nickte geistesabwesend und starrte weiter auf den Fernseher. Kian nahm Carleen’s Hand und ging mit ihr die Treppe hinauf. Er lächelte, als er die Schlafzimmertür hinter ihnen schloß. "Du wolltest doch das Hemd ausziehen."

 

Kapitel 28

Die Fahrt zur Galway Bay dauerte fast drei Stunden. Es regnete zwar nicht, was die Fahrt ungemein erleichterte, doch je näher sie dem Meer kamen, desto stärker wurde der Nebel. Lilly hielt das Ganze für furchtbar witzig und beobachtete mit riesiger Neugier das Geschehen außerhalb des Autos, während Kian so langsam und vorsichtig wie nur irgendwie möglich fuhr. Carleen hatte noch einen kleinen Picknickkorb gepackt, bevor sie gegen ein Uhr aufgebrochen und Richtung Galway gefahren waren. "Lookie!" Lilly hüpfte aufgeregt auf ihrem Sitz herum, als die für sie vertraute Gegend in Sicht kam. Der Parkplatz war so gut wie leer, nur vereinzelt standen ein paar Lieferwagen herum. Kian parkte den Wagen und stellte den Motor ab. Carleen hob zuerst Lilly aus ihrem Sitz und zog ihr die Jacke an, bevor sie den Kofferraum öffnete und den Picknickkorb herausholte. "Auf geht’s. Warte, ich nehme dir was ab." Nachdem er sich Lilly auf die Schultern gesetzt hatte, griff Kian nach dem Korb in Carleen’s Hand und trug ihn den Kiesweg, der irgendwann im Sand verschwand, hinunter. Carleen zog ihre Jacke ein Stück weiter zusammen, als sie dem Wasser näherkamen und somit auch die Luft kühler wurde. Normalerweise zog sie eine heiße Tasse Kakao und eine warme Bettdecke bei so einem Wetter vor, doch dazu würde sie noch genug Zeit haben, wenn Lilly wieder bei ihrer Mutter und Kian vollkommen in seine Arbeit vertieft war. Sie genoß es, mit beiden zusammen zu sein, ganz gleich, bei welchem Wetter. "So, da wären wir. Sei vorsichtig, Schatz." Kian setzte Lilly ab und zog den Reißverschluß ihres Anoraks noch einmal richtig zu, bevor er sie ans Wasser laufen ließ. Carleen und Kian waren dicht hinter ihr, wahrten aber doch noch genug Abstand, um ein wenig ungestört reden, Lilly aber trotzdem noch beobachten zu können. "Ist dir kalt?" fragte Kian, als er sah, daß Carleen ein wenig fröstelte. Es war ihr unverständlich, wie Lilly bei solch einem Wetter quietschvergnügt herumtoben konnte. "Nein, es geht schon. Und komm mir jetzt bloß nicht mit der Nummer, in der du mir als selbstloser Held die Jacke hinhältst, um mich vor dem Kältetod zu retten." Carleen breitete die mitgebrachte Decke aus und ließ sich auf die Knie fallen. "Wieso nicht?" Kian hockte sich neben sie und spielte mit dem Sand unter seinen Füßen, während er immer mal wieder einen prüfenden Blick auf Lilly warf, die ein wenig weiter von ihnen eine kleine Burg baute. Carleen lachte. "Weil du sonst erfrierst und ich ernsthaft bezweifeln muß, daß du neben deiner schlechten Laune am frühen Morgen, deiner Arroganz und deiner Herrschsucht überhaupt einen Fehler hast." "Irgendwie muß man sich doch gegen dich durchsetzen können. Außerdem bin ich ein Mann, yeah." Carleen lachte und schubste ihn ein wenig. "Dann stell deine Männlichkeit jetzt bitte unter Beweis und öffne die Saftflasche hier. Deine Tochter wird dir auf ewig dankbar sein." Sie reichte ihm die Flasche, die sie gerade aus dem Korb geholt hatte und grinste. Kian verzog das Gesicht, ehe er ihr die Flasche abnahm und sie öffnete. "Versprich mir, daß wir uns für das nächste Picknick besseres Wetter aussuchen. Das Einzige, was jetzt noch fehlt, ist strömender Regen und bei unserem Glück läßt der sicher nicht lange auf sich warten." Carleen zog den Reißverschluß ihres Anoraks weiter nach oben und rieb sich die kalten Handflächen aneinander. Kian grinste. "Letztes Angebot. Du kannst die Jacke haben, wenn du willst." "Kian, ich kann es dir gerne schriftlich geben. Ich möchte deine Jacke nicht. Wenn du dich allerdings dazu bereit erklären würdest, zu mir herüber zu kommen und ein wenig zu kuscheln, dann würde ich das Angebot gerne annehmen." "Mit oder ohne Jacke?" Carleen leierte mit den Augen, bevor sie ein wenig weiter an Kian heran rutschte und sich bereitwillig in seine Umarmung begab. Er küßte sie kurz auf die kalte Nasenspitze, ehe er beide Arme um sie legte und eine Hand unter ihren Anorak fahren ließ. "Uh, Kian. Das ist eiskalt." "Jetzt renn nicht gleich davon. Dir wird gleich wärmer, paß auf." Er fuhr mit der Hand ihren Rücken rauf und runter und wieder rauf und runter, solange, bis es Wirkung zeigte. "Besser?" "Besser. Machst du das bei jeder Frau, der kalt ist?" Kian lachte. "Nope, nur bei denen, dich sich weigern, meine Jacke anzuziehen." Carleen streckte sich ein wenig und küßte Kian sanft auf den Mund, bevor sie ihren Kopf an seine Schulter legte und aufs Wasser hinaus sah. Life was beautiful. Again. Ihr Blick blieb auf Lilly haften, der kleinen Gestalt, die eifrig im Sand grub und jedes Mal freudig jauchzend davon rannte, wenn eine Welle auf sie zukam. Sie konnte nur erahnen, wie sehr Kian seine Tochter, sein eigen Fleisch und Blut, lieben mußte. Und wie sehr es ihn verletzen würde, nichtsahnend eine Zeitung aufzuschlagen und das Gesicht von ihr zu sehen. Vielleicht würde es noch eine Weile dauern, bis Jason endgültig wußte, wer Alex und Lilly waren, vielleicht aber handelte es sich auch nur noch um Stunden oder Tage. Und dann gab es für Carleen keine Möglichkeit mehr, ihnen zu helfen. Ihr mußte jetzt etwas einfallen. "Wann wirst du der Öffentlichkeit sagen, wer Lilly ist?" Sie hob ihren Kopf ein wenig und sah Kian an. Er schien ihre Frage nicht erwartet, geschweige denn eine Antwort darauf zu haben. Er zuckte mit den Schultern. "Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Es wäre mir viel lieber, überhaupt nicht sagen zu müssen, wer sie ist. Sie ist nicht Teil meines Jobs, sondern Teil meines Privatlebens und das soll auch so bleiben. Wenn sie älter ist, soll sie selber die Entscheidung treffen, ob sie die Tochter von Kian Egan oder die Tochter von Kian Westlife sein will." Carleen drehte sich ein wenig, so daß sie Kian direkt ansehen konnte. Würde er noch genauso reden, wenn er wüßte, was ihn, Lilly und Alex erwartete? "Glaubst du allen Ernstes, daß du Lilly bis dahin verstecken kannst? Kian, du wirst schon jetzt auf Schritt und Tritt verfolgt, hast so gut wie nie eine freie Minute und mußt sogar im Urlaub befürchten, daß irgendein Reporter von Lilly erfährt. Du mußt ihm nur durch Zufall auf der Straße begegnen und er würde sofort wissen, wer sie ist. Die Ähnlichkeit mit dir ist so groß, daß man sie unmöglich übersehen kann. Und weißt du, was dann kommt? Sie werden dich und Lilly in der Luft zerreißen, dir das Leben zur Hölle machen und Lilly nicht mehr aus den Augen lassen. Denen ist egal, ob sie drei Jahre alt ist, sie werden sie nicht in Ruhe lassen. Das wäre der Skandal schlechthin und das Tolle an einem Skandal ist, daß dann niemand mehr nach der Wahrheit fragen wird. Man wird dir Dinge unterstellen, von denen du noch nicht einmal gedacht hast, daß man sie mit dir in Verbindung bringen könnte und sie werden Sachen über dich und Alex sagen, die in keinster Weise was mit der Realität zu tun haben. Das mußt du verhindern, Kian." Sie sah ihn mit flehenden Augen an und war überrascht über das, was sie gesagt hatte. Niemand würde jetzt noch denken, daß sie selbst zu diesen Menschen gehörte, die sie hier so ankreidete. Doch sie mußte Kian dazu bringen, daß er Jason und den ganzen anderen Reportern zuvor kam. Irgendwie. Kian machte einen überraschten Eindruck. "Jess, ist alles in Ordnung? Ich wußte gar nicht, daß du dir darüber solche Gedanken machst." Er streichelte ihren Kopf und es mißfiel Carleen augenblicklich, daß er sie wie ein kleines Kind behandelte. Hatte er denn überhaupt keine Ahnung, worum es hier ging? "Doch, ich mache mir Gedanken darüber und du solltest das vielleicht auch tun. Auch wenn du das gerne so hättest, Lilly wird sich nicht ewig verstecken lassen können. Und was glaubst du, was los ist, wenn die in der Presse plötzlich von deiner Tochter schreiben, ohne wirklich etwas über sie zu wissen? Da werden Dinge erfunden und Sachen hinzu gedichtet und jeder, der das liest, wird dich für einen verantwortungslosen, hinterhältigen Mistkerl halten, der seine Fans an der Nase herumführt und nur auf den Erfolg seiner Band bedacht ist. Sie werden dir keine Gelegenheit geben, dich zu erklären und wenn doch, dann wird es dir keiner mehr glauben." Kian antwortete nicht, sondern stand auf und klopfte sich den Sand von der Hose. Jetzt schien sie ihn wirklich verärgert haben. Ohne etwas zu sagen, ging er zum Wasser hinunter. Das war genau das, was Carleen nicht hatte bezwecken wollen. Sie stand auf und lief hinter ihm her. "Ki, jetzt warte!" Bevor er Lilly erreichen konnte, hielt sie ihn am Arm fest und stellte sich vor ihn. Sein Blick ließ nichts Gutes hoffen. "Ich wollte dich nicht kritisieren, wirklich nicht, aber ich mache mir einfach Sorgen um euch. Sicherlich hast du deine Gründe, wenn du sagst, daß du Lilly aus deinem Job heraus halten willst, aber ich bitte dich doch einfach nur, auch die andere Seite zu sehen. Ist das so verkehrt?" Carleen trat näher an ihn heran. Er wich ihrem Blick aus, genauso ihren Berührungen. Dann sah er sie an. "Es wäre nicht verkehrt, wenn es dir hier nur um Lilly gehen würde. Aber das tut es nicht. Glaubst du, ich kriege nicht mit, was du wirklich vorhast?" Seine Augen brannten sich in die ihrigen. Carleen schluckte. Nein, er konnte unmöglich wissen, wer und was sie wirklich war. Unmöglich. Aber wieso hatte sie dann so ein komisches Gefühl, als er sie ansah und wieso sah er sie überhaupt so an? "Was meinst du damit?" fragte sie vorsichtig, während sie sich immer wieder nach Lilly umsah. Carleen war nervös. "Ganz einfach. Ich soll doch nicht nur sagen, wer Lilly ist, sondern am Besten gleich auch noch, wer du bist, oder? Damit sie ja nicht auf falsche Gedanken kommen und du dich nicht verstecken mußt. Wäre ja auch zu schade, wenn du dich nicht in meinem Licht sonnen könntest. Du weißt, was du mir bedeutest, aber ich werde nicht zulassen, daß du meine Tochter dazu benutzt, um deine Interessen durchzusetzen." Das hatte gesessen. Da stand Carleen nun, versuchte, ihm zu helfen und katapultierte sich dabei selber ins Aus. Sie versuchte, die Ruhe zu bewahren. "Moment mal, das habe ich damit ganz und gar nicht erreichen wollen. Lilly hat doch überhaupt nichts mit uns zu tun. Ich will doch einfach nur, daß es dir und ihr gut geht, nur weiß ich nicht, ob das gewährleistet ist, wenn du ein Geheimnis aus ihr machst. Es geht vielleicht noch eine Woche gut, einen Monat, vielleicht ein Jahr, aber was tust du, wenn dieses Versteckspiel ganz abrupt ein Ende nimmt? Ich glaube nicht, daß es dir sonderlich gefallen würde." "Vielleicht nicht, aber du solltest aufhören, dir meinen Kopf zu zerbrechen. Ich entscheide selbst, was für mich und meine Tochter am Besten ist und ich bezweifle, daß das, was du wirklich beabsichtigst, für Lilly am Besten ist." Zu Arroganz, Herrschsucht und schlechter Laune kam jetzt also auch noch Sturheit. Und Carleen wäre nicht Carleen gewesen, wenn sie nicht weniger stur reagiert hätte. Sie hatte es satt, diese Unterstellungen einfach so hinzunehmen und ruhig zu reagieren. Irgendwann war jede Geduld zu Ende. "Vielleicht solltest du auch einfach damit aufhören, allen Menschen gegenüber so mißtrauisch zu reagieren. Das hier war ein verzweifelter Versuch von mir, dir zu helfen, aber von mir aus kannst du weiter so tun, als ob du alles unter Kontrolle hättest. Auch wenn du so tust, du hast überhaupt keine Ahnung, was da draußen manchmal vor sich geht. Sie werden dich nicht erst um deine Erlaubnis fragen, um Lügen über dich und Lilly zu verbreiten. Vielleicht solltest du dir darüber erst einmal im Klaren sein, bevor du mir Dinge unterstellst, die ich für den größten Mist dieses Jahrhunderts halte. Nimm es mir nicht übel, aber du kannst ein ganz schönes Arschloch sein, wenn nicht alles so läuft, wie du dir das vorstellst. Und jetzt entschuldige mich, ich unterhalte mich lieber mit der Saftflasche als mit einem arroganten, verbohrten und egoistischen Esel wie dir." "Fein." "Fein." Carleen stapfte frustriert zur Decke zurück, während Kian zu Lilly ging. Es war besser, sich jetzt aus dem Weg zu gehen, als Dinge zu sagen, die man später vielleicht bereuen würde. Carleen sagte nichts, als Kian und Lilly zurück zur Decke kamen und gemeinsam mit ihr das mitgebrachte Picknick aßen. Sie sagte auch nichts, als sie die Sachen zusammen packten und den Strand verließen und sie sagte auch nichts, als sie ins Auto stiegen und losfuhren. Sie hatte nichts mehr zu sagen.

 Kapitel 29

Nachdem Kian die Haustür zur Hütte aufgeschlossen hatte, verschwand Carleen ohne zu Zögern in ihrem Zimmer. Die Autofahrt war der Horror gewesen, und sie war wirklich nicht scharf darauf, sich dem noch weiter auszusetzen. Sie hätte vielleicht noch mit der Situation umgehen können, wenn Kian sie angeschrien oder ihr Vorwürfe gemacht hätte, doch statt dessen hatte er geschwiegen und war ihr aus dem Weg gegangen. Frustriert knallte Carleen die Zimmertür hinter sich zu und ließ sich mit dem Gesicht zuerst aufs Bett fallen. Jetzt waren Tyra und Chippy genau die Richtigen, um sie aufzuheitern, aber die würden sich in dieser Einöde wohl kaum auftreiben lassen. Ein Königreich für jemanden, der nicht Egan hieß. Sie war eigentlich nicht wirklich wütend, aber sie war enttäuscht. Nicht nur, weil Kian sie persönlich angegriffen hatte, sondern auch, weil sie zuließ, daß er ihr Leben plötzlich so sehr beeinflußte. Wieso konnte sie ihm nicht einfach die Meinung geigen und sich augenblicklich besser fühlen, so wie sie es zu Beginn immer getan hatte? Jetzt bekam sie sogar ein schlechtes Gewissen. Ein schlechtes Gewissen! Carleen stand auf und zerrte den Koffer unter ihrem Bett hervor. Sie brauchte irgend etwas, um sich  abzulenken, und Koffer packen war schon immer etwas gewesen, was volle Konzentration erforderte. So ein Schwachsinn. Carleen schob den Koffer wieder zurück und öffnete den Kleiderschrank. Vielleicht würde es ja auch einfach nur reichen, ihre Sachen zu sortieren. Fehlanzeige. Das war genauso spannend und anspruchsvoll, wie einer Herde Schafe beim Schlafen zuzusehen. Das Klopfen an der Tür versprach Abwechslung, doch Carleen wußte nicht, ob das die Abwechslung war, die sie suchte. "Was ist?" Wie erwartet steckte Kian seinen Kopf zur Tür herein und sah sie an. Carleen hatte kein Lächeln erwartet und bekam auch keines. "Lilly würde dir gerne Gute Nacht sagen." Seine Stimme war monoton und gleichgültig. Carleen nickte. "Sag ihr, ich komme gleich. Und mach die Tür zu, wenn du gehst." Sie wand ihren Blick ab und ging ins Bad. Was er konnte, konnte sie genauso gut. Egal, ob sie sich dabei wohl fühlte oder nicht. Nachdem Kian die Tür wieder geschlossen hatte, ließ sie das Rollo ihrer Fenster herunter und knipste ihre Nachttischlampe an. Es war schon längst dunkel draußen und sie war wohl gut beraten, wenn sie sich bald schlafen legte und den Tag zu Ende gehen ließ. Am nächsten Morgen würde sicherlich alles anderes aussehen. Eilig schlüpfte sie in ihren eigenen Schlafanzug und Bademantel, bevor sie ihr Zimmer verließ und zu Lilly ging. Die Kleine saß aufrecht in ihrem Bett und kämmte sich die Haare, während sie Wussy mit der freien Hand fest hielt und ihm von ihrem Tag erzählte. Er war nicht mit nach Galway gekommen, da Lilly Angst gehabt hatte, daß er sich schmutzig machen würde. "Hallo ihr Beiden." Carleen setzte sich auf den Bettrand und tippte Lilly auf die Nase. "Wussy ist wütend, E-siia." sagte diese und sah Carleen mit traurigen Augen an. "Aber doch nicht etwa, weil wir ihn nicht mitgenommen haben, oder? Dann solltest du ihm sagen, daß wir das nur getan haben, damit er sich nicht dreckig macht und wir ihn in die Waschmaschine stecken müssen." "Das habe ich ja. Aber er hört nicht. Böser Wussy." Carleen lachte. Die Beiden waren schlimmer als jedes Ehepaar. "Er wird sich schon wieder beruhigen. Du kuschelst einfach eine Weile mit ihm und dann ist er wieder lieb. Wie klingt das?" Lilly sah erst Wussy und dann Carleen an und dann wieder Wussy und dann wieder Carleen. Schließlich nickte sie. "Na gut. Gute Nacht, E-siia." "Gute Nacht, Prinzessin. Schlaf gut und träum was süßes. Und versprich mir, Wussy nicht aus dem Bett zu werfen, wenn ich weg bin. Er ist ein Mann und Männer benehmen sich manchmal merkwürdig." Carleen küßte Lilly auf die Stirn, bevor sie sie zudeckte und zur Tür ging. "E-siia?" "Mhh?" Sie hielt im Türrahmen inne. "Daddy ist auch traurig." Dann drehte Lilly sich auf die Seite und machte die Augen zu. Carleen blieb noch einen Moment stehen, ehe sie das Licht ausschaltete und die Tür zumachte. Jetzt hatte sie ein wirklich schlechtes Gewissen. Da erzählte sie Lilly, wie eigenartig Männer sich manchmal benahmen und daß man ihnen das nicht böse nehmen durfte, doch dann reagierte sie selber keinen Deut besser. Sie hätte von Anfang an wissen sollen, daß Kian es nicht mochte, wenn man sich in seine Angelegenheiten einmischte und nicht gerade zu jenen Menschen gehörte, die sich Vorschriften machen ließen. Mit einem Seufzer schnürte sie ihren Bademantel zu und ging nach unten. Es gehörte nicht unbedingt zu ihren Stärken, sich zu entschuldigen, aber einen Versuch war es mindestens wert. Außerdem hatte sie so überhaupt keine Lust, die Nacht alleine zu verbringen. Sie vermutete Kian im Wohnzimmer, weil nur dort Licht brannte und es ansonsten stockfinster war. Wie erwartet saß er auf der Couch und blätterte in einer Zeitung. Entweder hatte er sie nicht herein kommen hören oder wollte sie nicht ansehen. Beides war durchaus denkbar. "Hy." Carleen versuchte, einen möglichst versöhnlichen Ton anzuschlagen, doch Kian zeigte sich davon weniger beeindruckt. Er sah noch nicht einmal auf. "Hy." Kein guter Anfang. "Was machst du da?" Punkt 1: Frage nie jemanden, was er macht, wenn du eindeutig siehst, was er macht. "Ich lese Zeitung." "Oh. Und steht was Interessantes drin?" "Nur das Übliche." Punkt 2: Wechsel sofort das Thema und hör auf, dich so für diese dämliche Zeitschrift zu interessieren. "Also, Lilly schläft jetzt. Sie war ganz schön sauer auf Wussy, wußtest du das schon?" Punkt 3: Fang nie an, von einem Kuscheltier zu erzählen, wenn du dich eigentlich entschuldigen willst. Komm zur Sache. "Es war nicht zu übersehen. Witzig, auf wen man alles sauer sein kann." Autsch. Punkt 4: Ruhig und gelassen bleiben und den Wunsch unterdrücken, seinem Gegenüber so richtig die Meinung zu geigen. Er ist auch nur ein Mensch. "Ja, schon eigenartig." Punkt 5: Geh lieber, bevor dir der Gesprächsstoff ausgeht. Das sieht albern aus. "Gut, dann werde ich jetzt wohl schlafen gehen. Gute Nacht." "Gute Nacht." Punkt 6: Das große ABER. Geh nie, ohne vorher das gesagt zu haben, was du eigentlich sagen wolltest. Das sieht noch dämlicher aus... Carleen wollte gehen, doch sie entschied sich anders. Sie war hergekommen, um sich zu entschuldigen, und er behandelte sie einfach wie Luft. "Ok, machen wir es kurz. Eigentlich bin ich hierher gekommen, um mich zu entschuldigen und dir zu sagen, daß ich mich wie eine Idiotin benommen habe, aber anscheinend findest du das nur halb so wichtig wie deine Zeitung. Ich finde es zum Kotzen, daß du mir unterstellst, ich würde deine Tochter für irgend etwas benutzen und ich finde es genauso zum Kotzen, daß du keine Meinung außer deiner eigenen akzeptierst. Das hat mich aber nicht davon abgehalten, zu dir zu kommen und mich zum Deppen zu machen. Ich finde, da könnte ich wenigstens verlangen, daß du mir zuhörst. Aber bitte. Von mir aus kannst du hier sitzen und vor dich hin schmollen, ich gehe jetzt nach oben und gucke mir die Tapete an. Einen schönen Abend noch." Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und rannte die Treppe hinauf. Dieser Dickschädel brachte es doch wirklich fertig, sie am laufenden Band stinksauer werden zu lassen. Und wenn sie schon den ersten Schritt machte und sich entschuldigte, dann konnte er das doch wenigstens annehmen. "Vollidiot!" Carleen knipste das Licht neben ihrem Bett aus, zog den Bademantel aus und rutschte unter ihre Decke. An Schlaf war jetzt nicht zu denken, aber zumindest hatte sie so nicht die Gelegenheit, mit Gegenständen zu werfen. Vor einigen Stunden war sie glücklich, geradezu erleichtert gewesen, hatte sich einen Plan zurechtgelegt, wie sie Kian ihren Job beichten würde und fühlte sich rundum wohl. Jetzt lag sie alleine in einem dunklen Raum, starrte auf einen unsichtbaren Punkt vor sich und war frustriert. Sie erschrak, als sich die Tür zu ihrem Zimmer langsam öffnete und Kian plötzlich im Raum stand. "Jess?" Durch das Licht im Flur konnte Carleen außer seiner Silhouette nicht viel erkennen, aber der Ton seiner Stimme ließ vermuten, daß er sich beruhigt hatte. "Verschwinde." Carleen drehte ihm den Rücken zu und zog sich die Decke bis hoch zu den Schultern. Ganz gleich, was er wollte, es konnte warten. Kian ließ sich davon jedoch nicht abschrecken und setzte sich zu ihr aufs Bett. Sie lag immer noch mit dem Rücken zu ihm und machte auch keine Anstalten, das zu ändern. Als Kian an sie heran rutschte und einen Arm um sie legte, wollte sie ihn zuerst K.O schlagen, doch sie entschied sich anders und blieb ruhig liegen. Erst einmal hören, was er zu sagen hatte. "Jess, ich hasse es, wenn du wütend auf mich bist. Ich weiß, ich bin stur, arrogant, selbstherrlich, unvernünftig und überhaupt einfach unausstehlich, aber ich hege die kleine Hoffnung, daß du mich immer noch magst." Keine Reaktion. "Du kannst mich beschimpfen und von mir aus auch mit Sachen nach mir schmeißen, aber bitte rede endlich wieder mit mir. Jess?" Kian lehnte sich ein wenig weiter über Carleen, so daß er ihr Gesicht sehen konnte, während er gleichzeitig ihren Arm auf und ab fuhr. "Ich will aber nicht mehr mit dir reden." war die knappe Antwort von ihr. Sein flehender Unterton hatte sie beinahe zum Lachen veranlaßt, doch so schnell würde sie ihn nicht davon kommen lassen. "Ok." Kian beugte sich zu ihr hinunter und begann damit, ihren Hals zu küssen. Ganz langsam und Stück für Stück küßte er sich seinen Weg bis hoch zu ihrem Ohr. "Was machst du da?" fragte Carleen leise und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wieviel Gefallen sie an seinen Berührungen fand. " Das sollte selbst eine Engländerin verstehen, ohne daß man es ihr extra erklärt. Du willst nicht mit mir reden, also muß ich anderweitig mit dir kommunizieren." Er lachte leise, bevor er mit einer Hand unter ihre Bettdecke fuhr und weiter unter ihren Schlafanzug. Carleen kam schnell zu dem Entschluß, daß sie ihm lange genug Widerstand geboten hatte. "Ok, ok, das ist Sabotage. Und jetzt nimm deine Finger da weg und sag mir, was an dieser Zeitschrift so interessant war." Sie drehte sich auf den Rücken und tastete im Dunkeln nach seinem Gesicht, um es liebevoll zu streicheln. Wahrscheinlich würde sie es nie schaffen, diesem Mann dauerhaft böse zu sein. "Nichts, ich habe mich einfach nur unmöglich verhalten. Ich war nicht sauer auf dich, Jess, sondern auf mich und darauf, daß ich nie darüber nachgedacht habe, was du gesagt hast. Es erschien mir alles vollkommen logisch und ich war wütend, weil ich nicht selber darauf gekommen bin. Sobald wir wieder in Dublin sind, werde ich mit Louis reden und ihn nach seiner Meinung fragen. Würde mich nicht wundern, wenn er die ganze Angelegenheit genauso wie du und Shane sehen würde." "Wie Shane?" Während sie sich auf ihren Ellenbogen stützte, griff sie mit einer Hand hinter sich und tastete nach dem Schalter für die Nachttischlampe. Sie kniff die Augen zusammen, als das grelle Licht sie blendete, bevor sie Kian ansah und lächelte. Gott, was sah er gut aus. "Ja, Shane. Was meinst du, warum wir uns im Tonstudio die Köpfe eingeschlagen haben? Es ging um dieses Thema, haargenau um dieses Thema. Anscheinend denkt in dieser Sache jeder weiter, nur ich nicht. Ich nehme an, wenn wir zurückkommen, ist erst einmal eine dicke Entschuldigung angebracht." Kian fuhr sich ratlos durchs Haar und sah Carleen mit jenen blauen Augen an, die sie so sehr an ihm liebte. Ja, liebte. Als ihr dieser Gedanke das erste Mal wirklich bewußt wurde, rollte sie sich aus dem Bett und lief eilig hinüber zum Bad. "Jess, alles ok?" Kian schien über ihre plötzliche Reaktion ehrlich überrascht. Er richtete sich auf, doch bevor er noch irgend etwas tun konnte, war Carleen im Bad verschwunden und hatte die Tür hinter sich verschlossen. "Ja, alles wunderbar. Ich bin gleich wieder bei dir." rief sie, bevor sie sich auf dem Toilettendeckel niederließ. Sie liebte ihn. Eine Erkenntnis, die schnell, plötzlich und sehr überraschend gekommen war. Daß er ihr wichtig war, daß sie an ihm hing und ihn mochte, war ihr spätestens seit dem Moment klar gewesen, an dem sie zum allerersten Mal in seinem Armen aufgewacht war. Doch jemanden zu mögen und jemanden zu lieben, waren zwei verschiedene Dinge. Zwei sehr verschiedene Dinge. Jetzt mußte sie sich wirklich was einfallen lassen. Mit einem Seufzer stand sie auf und ging hinüber zur Tür. Als sie wieder ins Schlafzimmer zurück ging, war Kian’s Lachen das Erste, was sie vernahm. Er lag immer noch auf dem Bett, sah sie an und – lachte. "Du machst Witze, oder?" fragte er belustigt und schüttelte amüsiert den Kopf. "Warum sollte ich?" "Tweety?! Du trägst einen Pyjama mit Tweety? Jess, wie alt bist du? Fünf?" Carleen sah erst an sich hinunter und dann wieder zu Kian. "Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen. Du dachtest wahrscheinlich, daß ich jetzt in einem Hauch von Nichts hereinspaziert kommen und dir eine sexy Show liefern würde, oder?" Kian zuckte mit den Schultern. "Na ja, sowas in der Richtung wäre schon nicht schlecht gewesen. Schon allein die Vorstellung ist phantastisch." Carleen steckte ihm die Zunge raus, bevor sie sich von ihm abwand und zur Zimmertür ging. Mal sehen, ob er gleich immer noch lachte. "Jess, wo gehst du hin?" Wie erwartet sprang Kian auf und lief auf sie zu. "Irgendwohin, wo Tweety auf einem Pyjama akzeptiert und gemocht wird. Gute Nacht." Dann riß sie die Tür vor seiner Nase auf und stellte sich hinaus in den Flur. Sie versuchte, so verärgert wie möglich auszusehen, doch angesichts seines entsetzten Gesichtsausdrucks konnte sie sich ein Lachen nur schwer verkneifen. "Jess, bitte, ich habe nur einen Witz gemacht, ok?" "Wenn das deine Vorstellung von einem Witz ist, dann kann ich nicht drüber lachen. Was meinst du, werden Lilly und Wussy mir Unterschlupf gewähren?" Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah ihn abwartend an. Kian grinste. "Da wirst du sie schon selber fragen müssen, aber ich kenne jemanden, der dir ganz sicher unter seiner Decke Platz macht." "So, tust du das? Hättest du die Freundlichkeit, ihn mir vorzustellen? Es ist spät und ich würde jetzt gerne schlafen gehen." Carleen lachte, als Kian sie in einem Schwung hochhob und in Richtung seines Schlafzimmers trug. "Ich wußte, daß ich diesen Jemand kenne würde."

Kapitel 30

Es hätte Carleen fast ein wenig enttäuscht, wenn Lilly sie am nächsten Morgen nicht genauso empfangen hätte, wie an den anderen beiden Morgen zuvor. Wieder war sie auf ihr herum gesprungen, hatte ihren Namen gerufen und ihre Wange geküßt, solange, bis Carleen sich lachend ergeben hatte und mit ihr nach unten gegangen war. Später waren sie dann wieder nach oben gerannt, hatten Kian geweckt und mit ihm zusammen gefrühstückt. Es war ein Morgen wie jeder andere auch, dachte Carleen, doch gleichzeitig war es auch der letzte, den sie zu dritt verbringen würden. Kian wollte gegen Mittag aufbrechen, Lilly bei Alex abliefern und anschließend sofort zu Bryan und Kerry fahren. Viel Zeit blieb ihnen nicht mehr und Carleen versuchte, jede einzelne Sekunde so gut es ging zu genießen. "Prinzessin, wo ist dein Schlafanzug?" Carleen rutschte auf ihren Knien im Zimmer von Lilly herum und suchte verzweifelt nach dem Stück Stoff, daß Lilly vor wenigen Minuten noch getragen hatte und das jetzt auf wundersame Weise verschwunden war. Sie hatte sich freiwillig dazu erklärt, den Koffer der Kleinen zu packen, da Kian nach zehn Minuten entnervt aufgegeben und sich ratlos an sie gewandt hatte. Lilly kam ins Zimmer gerannt, ihren Schlafanzug und Wussy im Schlepptau. "Hier." So sorgfältig, wie eine Dreijährige ein Kleidungsstück nur falten konnte, legte sie den Schlafanzug zusammen und verstaute ihn im Koffer. Carleen lächelte begeistert. "Hey, das machst du ja großartig. Eigentlich brauchst du meine Hilfe gar nicht, junge Lady. Wie wär’s, wenn du mir auch noch deine anderen Sachen aus dem Bad holst und wir sie hier reinlegen?" "Okay." Von da an hatte Carleen eine fleißige Helferin gefunden, die mit einem wahnsinnigen Elan durchs Haus rannte, ihre Sachen zusammensuchte und sie anschließend Carleen gab, damit diese sie einpacken konnte. Es war ein kleiner Wettlauf gegen die Zeit, denn Carleen hatte weder ihre eigenen Sachen schon gepackt, noch hatte sie sich umgezogen. Um so glücklicher war sie schließlich, als sie den Koffer zuklappte und in die Ecke stellte, ehe sie Lilly nach unten zu Kian schickte. Er war seltsam ruhig gewesen, fast in sich gekehrt, und sie wußte, daß Lilly und ihre baldige Trennung der Grund dafür waren. "Kommst du, E-siia? Spielen." Lilly zog an ihrer Hand, doch Carleen küßte nur ihre Stirn und schüttelte den Kopf. "Geh nur, Schatz. Dein Daddy wartet unten auf dich und ich werde hier noch ein wenig aufräumen. Nun geh schon." Ein wenig Zeit allein würde den Beiden sicherlich gut tun und gleichzeitig würde Carleen selbst die Möglichkeit haben, sich fertigzumachen und die letzten Tage noch einmal kurz Revue passieren zu lassen. Bald würde sie die Ruhe des Landes gegen den Lärm einer fröhlichen Party eintauschen und bald würde sie sich erneut ihrer Arbeit und den damit verbundenen Konsequenzen für sich und Kian entgegenstellen müssen. In ihrem Zimmer überlegte Carleen kurz, ob sie Tyra anrufen und endlich reinen Tisch machen sollte, aber letztendlich entschied sie sich doch dagegen. Sie kannte deren Meinung und wußte, daß es nur zu unnötigen Streitereien kommen würde. Der Zeitpunkt war einfach noch nicht gekommen, um ihr alles zu erzählen. Noch nicht. Nachdem sie ihren Kleiderschrank erneut überprüft hatte und feststellte, nichts vergessen zu haben, nahm sie das Kleid, daß auf ihrem Bett lag und ging ins Bad. Es war ein einfaches, schwarzes Kleid, das ihr bis zu den Knien reichte, aber es besaß einen Ausschnitt, der ohne Zweifel das Interesse des ein oder anderen Mannes wecken würde. Ihre Haare ließ sie sich offen über die Schultern fallen, auch wenn es hochgesteckt vielleicht eleganter ausgesehen hätte. Kian mochte es so lieber. Ihr fiel erst auf, wie sehr sie sich in der Zeit geirrt hatte, als Kian an die verschlossene Badezimmertür klopfte. "Jess, wenn du noch länger trödelst, kommen wir zu spät." "Und wenn du mich weiter störst, kommen wir noch später." rief sie zurück und versuchte krampfhaft, den Reißverschluß ihres Kleides zuzuziehen, während sie gleichzeitig in ihre Pumps stieg. Kian klopfte ein weiteres Mal, und wieder und wieder. "Hör auf damit, Ki. Du wirst lediglich die Tür ruinieren, also setz dich irgendwo hin und laß mich zufrieden. Ich bin gleich soweit." "Ich habe wirklich noch niemanden erlebt, dem Pünktlichkeit so egal ist wie dir. Würdest du jetzt bitte die Tür aufmachen? Es nervt mich, daß ich die ganze Zeit schreien muß." "Fein." Carleen renkte sich fast den Arm aus, als sie ihren Reißverschluß endlich zu fassen bekam und zuzog, ehe sie die Tür aufmachte. "Wenn Frauenkleider nur halb so praktisch wie eure Anzüge wären, dann hätte ich bestimmt nicht so lange gebraucht. Tut mir leid, daß ich nicht eher fertig geworden bin, aber es liegt mir nicht besonders, halbnackt durch die Gegend zu rennen." Kian saß auf der Bettkante und sah sie angesichts ihres kleinen Gefühlsausbruchs überrascht an. Statt etwas zu erwidern, deutete er ihr, sich im Kreis zu drehen, was sie nach einem theatralischen Rollen mit den Augen auch tat. "Du siehst einfach atemberaubend aus, Jess. Einfach großartig." "Die Näherin hat ein wenig mit dem Stoff gespart, aber ansonsten ist es ganz okay." Carleen zupfte ein letztes Mal am kurzen Saum ihres Kleides herum und betrachtete sich im großen Wandspiegel, der gegenüber dem Bett hing. "Ich liebe es." Als er sie immer noch anstarrte, drehte sie sich zu ihm herum und grinste. "Hast du nicht gesagt, daß wir in Eile sind?" "Ich habe es mir anders überlegt." Als er aufstand und sich ihr näherte, schüttelte Carleen energisch den Kopf. "Ich warne dich, Egan. Wenn du mir dieses Kleid ausziehst, zwängst du mich auch wieder rein. Das ist mein voller Ernst." Er lachte und küßte ihre Nasenspitze, bevor er sie umdrehte, so daß beide sich im Spiegel betrachten konnten. "Dieses Angebot klingt durchaus verlockend, aber ich würde es gerne auf später verschieben. Ich habe hier etwas für dich, das, glaube ich, sehr gut zu deinem Kleid passen wird." Kian griff in die Tasche seines Jacketts und holte eine schmale Samtschatulle heraus, die er Carleen vor die Nase hielt. Diese traute ihren Augen nicht. "Kian, was ist das?" Sie hatte diese Schatulle schon einmal gesehen und wenn sie sich recht erinnerte, wußte sie auch genau, was sich darin befand. "Mach es auf, dann siehst du es." Er sah sie durch den Spiegel hindurch an, und lächelte, als sie den Deckel von der Schatulle nahm. Carleen rang nach Atem. Kleine weißglühende Diamanten in einer dreireihigen engen Kette glitzerten neben den zwei dazu passenden silbernen Ohrringen. "Etwas zur Erinnerung. Und als Dank." sagte Kian, während er die Kette aus der Schachtel nahm, so daß sie sich wie eine Kaskade aus Wasser über seine Finger ergoß. "Ich kann unmöglich Diamanten tragen, Kian. Diamanten. Die müssen ein Vermögen gekostet haben. Nein, ich weiß sogar, daß sie ein Vermögen gekostet haben. Das hättest du nicht tun sollen." "Ich wollte es aber tun." Er hob das Geschmeide an ihren Hals und machte es sorgsam fest, ehe er sie wieder zu sich umdrehte und sie ansah. "Wie für dich gemacht." Carleen griff sich unweigerlich an den Hals und tastete vorsichtig an den Edelsteinen herum, die so warm und wunderbar auf ihrer Haut lagen. "Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll." Sie lächelte verlegen. "Oh, du brauchst auch nichts sagen. Ich hätte da eine viel bessere Idee." Kian tippte sich mit dem Zeigefinger auf seine Lippen. Carleen zog ihn lachend zu sich und küßte ihn innig, ehe sie einen Schritt zurücktrat und ihn das erste Mal eingängig betrachtete. Er war schon so ein Mann, nach dem man sich umsah, aber mit Anzug und Krawatte hatte er auf Carleen eine fast beängstigende Wirkung. Wenn er sie dann auch noch so ansah, wie er es in diesem Moment tat, hatte sie den unwiderruflichen Wunsch, die Tür abzuschließen und äußerst unanständige Dinge mit ihm zu tun. Sie lachte. "Ich nehme an, daß du heute jeder Frau auf dieser verdammten Party das Herz brechen wirst." Den eifersüchtigen Unterton in ihrer Stimme konnte sie sich nicht verkneifen. "Mag sein, aber dabei werde ich nur Augen für eine einzige haben. Und so wie es aussieht, werde ich dich an die Leine nehmen müssen, damit du mir unter all der männlichen Gesellschaft nicht abhanden kommst." Carleen lächelte, während sie sich ihre Ohrringe ansteckte und die Schachtel in ihrem Koffer verstaute. "Ich bitte dich. Das Kleid sieht vielleicht nicht schlecht aus, aber es macht noch lange keinen männermordenden Vamp aus mir." "Das sehe ich anders. Außerdem steht es dir tausend Mal besser als dieser Tweety- Pyjama." Kian zwinkerte ihr zu, während er in den Spiegel sah und seine Krawatte zurecht zupfte. "Nun, von dem hast du ja nicht mehr viel übrig gelassen. Ich gehe übrigens fest davon aus, daß du mir einen neuen besorgst. Einen, der ein wenig widerstandsfähiger ist." Carleen küßte kurz seine Wange, bevor sie ihm ihren Koffer in die Hand drückte und sich zur Tür wand. "Jetzt komm schon, Cowboy. Du hast selbst gesagt, daß wir zu spät kommen und ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, daß du den ganzen Abend schlecht gelaunt bist." "Ich und schlecht gelaunt? Ich bitte dich. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit." Carleen leierte die Augen, während sie die Treppe hinunter ging und nach Lilly Ausschau hielt. "Sie sitzt schon im Auto, Jess, und versucht, Wussy dazu zu überreden, sich anzuschnallen. Ich habe wirklich keine Ahnung, was es mit diesem Kuscheltier auf sich hat. Vielleicht hat es ungeahnte Fähigkeiten, von denen wir noch nichts wissen." "Vielleicht hat sie ihn aber auch einfach nur gern. Man tut viele verrückte Dinge, wenn man jemanden gern hat." Carleen küßte ihn erneut, bevor sie auf der Beifahrerseite einstieg und sich anschnallte. Es war eine kurze und angespannte Fahrt bis zum Haus von Alex, die nur durch das fröhliche Geplapper von Lilly notdürftig erheitert wurde. Carleen bestand darauf, sich von Lilly schon vor dem Haus zu verabschieden, denn um nichts in der Welt hatte sie den letzten gemeinsamen Augenblick zwischen Vater und Tochter stören wollen. Abgesehen davon schämte sie sich ihrer kleinen Tränen, die sie vergoß, als Lilly vergnügt die Einfahrt hinauf hüpfte und in die Arme ihrer Mutter rannte. Eigentlich war es lächerlich, dachte sie, als sie wieder auf ihrem Sitz Platz nahm, doch sie weinte nicht nur, weil sie das kleine Mädchen, das ihr in wenigen Tagen so sehr ans Herz gewachsen war, schon jetzt vermißte, sondern auch, weil sie wußte, wie sehr Kian mit sich und seinen Emotionen zu kämpfen hatte. Sie konnte es ihm ansehen, als er zu ihr zurück in den Wagen stieg und ohne ein weiteres Wort losfuhr. Er war sich durchaus bewußt, daß er sie wiedersehen würde, aber er wußte nicht, wann es soweit war, und das schien ihm schier unerträglich. Carleen wußte nichts zu sagen, was seine Laune ein wenig heben konnte, also beschränkte sie sich darauf, aus dem Fenster zu sehen und die Minuten zu zählen, bis sie das Haus von Bryan und Kerry erreichten. Sie hoffte nur, er würde sich die Party nicht selber verderben. "Wo sind wir hier?" Carleen lehnte sich neugierig nach vorne, als Kian in die riesige Auffahrt, die zu einem noch größeren Anwesen führte, einbog. Das war ganz sicher nicht das Haus von Bryan und Kerry. "Slane Castle." Anscheinend konnte sie froh sein, daß er überhaupt ein Wort mit ihr sprach. Lilly schien ihn immer noch zu beschäftigen, also ließ sie ihn in Ruhe und sah weiterhin nach draußen. Als Kian den Wagen parkte, kam sofort ein junger Page auf ihn zugerannt und nahm ihm die Autoschlüssel ab. Zur gleichen Zeit öffnete ein anderer Carleen die Tür und nickte ihr förmlich zu, als sie ausstieg. Kian trat an ihre Seite und wartete, bis sie sich bei ihm eingehakt hatte, ehe er die steinernen, schon etwas alten Treppen, hinaufging. "Ein wenig viel Aufwand für eine Party, wenn du mich fragst." Carleen sah sich verwundert nach allen Seiten um. Blumen, Ballons, vornehme Diener, die ihnen auf ihrem Weg zum Eingang höflich zunickten. "Das ist noch gar nichts. Warte erst einmal ab, bis du die Innenräume des Schlosses siehst. Ich glaube, es wird dir gefallen." Zum ersten Mal, seit sie Limerick verlassen hatten, lächelte er. Und er sollte Recht behalten.

Kapitel 31

Carleen hatte vieles erwartet, aber ganz sicher nicht das. Sobald sie die Eingangshalle des Schlosses betraten, strömte ihnen ein Meer aus Glanz und Glamour entgegen. Das Schloß an sich war gewaltig und äußerst imposant, doch durch die eigens zugefügte Dekoration war der Anblick, der sich Carleen bot, geradezu überwältigend. Weiße Lilien, genau wie die auf der Treppe, waren überall aufgestellt und arrangiert worden und Ballons, genau in derselben Farbe wie die der Blumen, hatte man in kleinen Grüppchen an die Geländer der Treppen gebunden, die in den zweiten Stock führten. Kombiniert mit dem spiegelglatten Parkettboden, dem festlichen Ambiente und dem Streichquartett am anderen Ende des Raumes, das langsame Musik spielte, hatte es eine geradezu atemberaubende Wirkung auf Carleen. Nicht zu vergessen die überaus festlich gekleideten, zahlreich erschienenen Gäste, die mit Champagnergläsern in der Hand im Raum verteilt standen, lachten und scherzten. "Bist du sicher, daß wir hier richtig sind, Kian? Das sieht mir nicht nach einer Party von Bryan McFadden aus. Wo sind die halbnackten Stripperinnen, das Bier und die Chips?" Ungläubig starrte Carleen auf den Kronleuchter an der Decke, bevor sie Kian ansah. "Ich habe mich nicht umsonst in diesen Anzug gesteckt. Warum holst du dir nicht einfach etwas zu trinken, und wartest, bis die Party wirklich losgeht?" Kian legte ihr eine Hand auf den Rücken und ging mit ihr langsam hinüber zu einem der Kellner, darauf bedacht, sie nicht völlig aus der Fassung zu bringen. "Bevor sie richtig losgeht? Egan, sag mir sofort, was hier vor sich geht, oder –" "Oder was?" Er stellte sich Carleen gegenüber und grinste herausfordernd. Carleen zuckte mit den Schulter. "Oder ich erzähle jedem in diesem Raum, was du mit meinem Schlafanzug gemacht hast. Vielleicht strafe ich dich aber auch einfach nur mit Liebesentzug. Ich überlege im Moment noch, was witziger ist." Sie griff sich ein Glas von einem Tablett, das mitsamt Kellner an ihr vorbei huschte, und lächelte, ehe sie an ihrem Champagner nippte. Kian erwiderte ihr Lächeln, bevor er näher an sie herantrat und sich über ihr Ohr beugte. "Es gibt hier sicherlich genug Zimmer, in die ich die zerren könnte, um dir zu beweisen, daß Liebe etwas Wunderbares ist und wir ihren Entzug nur schwer verkraften würden. Und jetzt entschuldige mich." Mit unverfrorener Gelassenheit küßte er ihre Wange und verschwand an ihr vorbei im Getümmel. Carleen sah ihm hinterher und schüttelte belustigt den Kopf, ehe sich sie abwand, und selbst ein wenig durch den Raum schlenderte. Viele bekannte Gesichter fanden sich unter den Gästen, von Tontechnikern bis hin zur Küchenfrau schien alles vertreten zu sein. Sie alle hatten sich edel herausgeputzt und strahlten in teuren Kostümen, Abendkleidern und Anzügen um die Wette. Nur von den Gastgebern fehlte jede Spur. "Ich dachte schon, du würdest mich im Stich lassen." Carleen fuhr erschrocken herum und begegnete Tyra, die ihre Hände in die Hüften gestemmt hatte und sie fragend ansah. Selbst ihr hellblaues, trägerloses Kleid konnte nicht dazu beitragen, daß sie auch nur annähernd vornehm, geschweige denn dem Anlaß entsprechend gekleidet aussah. Vielleicht hätte sie die Boots einfach gegen ein paar ordentliche Schuhe eintauschen sollen. Carleen lachte. "Das glaubst aber auch nur du. Du weißt doch, daß ich es nicht länger als drei Tage ohne dich aushalte." "Fraglich, ob das wirklich der Wahrheit entspricht, denn anscheinend hast du es nicht für nötig gehalten, dich mal zu melden. Was zur Hölle hast du gemacht? Du mußt mindestens tot gewesen sein, denn eine andere Entschuldigung akzeptiere ich nicht. Und was sind das da überhaupt für Klunker an deinem Hals?" Tyra trat näher an Carleen heran und studierte die Halskette, in der sich das Licht des Kronleuchters brach und in alle Himmelsrichtungen zu blinken und zu blitzen schien. Carleen machte unweigerlich einen Schritt zurück und griff sich an ihren Hals. Warum war Tyra nur immer so verdammt aufmerksam? "Ach, die sind nichts Besonderes. Gefallen sie dir?" "Ich finde sie großartig. Trotzdem würde ich gerne wissen, woher du sie hast." Ihre Neugier kannte keine Grenzen. Carleen blickte über Tyra’s Schultern hinweg und musterte Kian, der wenige Schritte von ihr entfernt stand und sich mit Louis Walsh und einigen anderen Männern unterhielt. Herrgott, war die ganze Welt hier versammelt? Sie lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf Tyra. "Ist doch egal, wo ich sie her habe. Vielleicht habe ich sie einfach geklaut oder irgendwo gefunden. Völlig egal. Sag mir lieber, was es Neues gibt. Das hier sieht mir nicht unbedingt nach einer normalen Party aus, bei der sich alle bis zur Bewußtlosigkeit betrinken und hinterher ins Klo kotzen." Während Carleen die Menschen um sich herum eingängig studierte, nahm sie einen weiteren Schluck aus ihrem Glas. Die ganze Angelegenheit kam ihr mehr als komisch vor und sie brauchte dringend eine Erklärung dafür. Der Blick von Tyra verriet, daß sie eine hatte. "Komm mit, ich muß dir was zeigen. Hinterher können wir uns dann noch mal über Mark und seine weibliche Seite unterhalten." Sie nahm Carleen ohne Aufforderung an die Hand und zog sie quer durch den Raum. Gästen, die sich von ihrer ruppigen Art gestört fühlten, murmelte sie eine kurze Entschuldigung zu und lief immer weiter, bis sie irgendwann auf irgendeiner Terrasse standen und auf irgendeinen Garten hinaus blickten. Carleen hatte längst vergessen, wie sie dahin gekommen waren. Sie wollte endlich wissen, was los war. "Am Liebsten hätte ich ja drinnen nur die Tür aufgemacht, und dich gebeten, einzutreten, aber sie ist immer noch verschlossen. Also mußt du durch die Fenster hier gucken. Na los." Ungeduldig schob Tyra sie zu den großen, gebogenen Fenstern, mit deren Hilfe man von der Terrasse aus in das angrenzende Zimmer schauen konnte. Carleen drehte sich ein paar Mal verwundert zu Tyra herum, ehe sie ihrer Aufforderung nachkam und näher an die Fenster herantrat. Sie formte ihre Hände wie zu einem Fernglas und lehnte sich an einen der Holzrahmen, mit denen die Fenstergläser eingefaßt worden waren. "Toll. Ich sehe haufenweise Stühle, ein Klavier, einen kleinen Altar und.... Warte mal, ich sehe haufenweise Stühle, ein Klavier und einen Altar. Tyra, das sieht ganz nach einer..." "Nach einer Hochzeit aus. Und wenn wir den ganzen Kram dort drinnen mit dem Brautgeschäft und der Heimlichtuerei verbinden, haben wir des Rätsels Lösung. Die heiraten und wir dummen Hennen hatten keinen blassen Schimmer davon." Carleen hätte wirklich selbst darauf kommen können. Jetzt paßte alles wunderbar zusammen. Und es war so einfach gewesen. Lachend drehte sie sich zu Tyra herum und schüttelte den Kopf. "Das ist wirklich nicht zu glauben. Wir befürchten das Schlimmste, dabei wollen Bryan und Kerry einfach nur heiraten?! Großartig. Aber wieso jetzt? Die Hochzeit war doch für den 5. Januar angesetzt und wenn ich nicht jegliches Zeitgefühl verloren habe, dann sind es bis dahin noch fast sechs Wochen." "Und jetzt denk mal ein wenig weiter, Pumpkin. Welchen Vorteil haben sie, wenn sie die Hochzeit zu einem anderen Termin feiern? An einem Termin, an dem keiner etwas Schlimmes ahnt? Richtig, keine Presse. Sie können völlig ungestört feiern, während der Rest der Welt auf seinem fetten Hintern sitzt und sich die Schlagzeilen des 5. Januar ausmalt." Tyra wußte anscheinend nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Es war alles glasklar gewesen und sie hatten es vermasselt. Carleen sah sie ratlos an. "Was machen wir denn jetzt?" "Gar nichts. Brandon hat Jason bereits informiert und das nicht zu knapp. Du kannst dich also darauf einrichten, daß er uns den Kopf abreißt, wenn wir ihm das nächste Mal unter die Augen kommen. Oh, und für deine Abwesenheit während der letzten drei Tage hätte er gerne noch eine Erklärung. Ich übrigens auch." Geschickt, wie sie jedes Mal das Thema wechselte. Carleen stöhnte genervt. "Was soll das jetzt schon wieder? Ich habe dir bereits gesagt, daß ich in einem Hotel in Limerick war. Sogar für jemanden wie dich dürfte das leicht verständlich sein." "Das schon, aber nicht, daß du es tagelang nicht fertig gebracht hast, an dein Handy zu gehen, geschweige denn, dich selbst bei mir zu melden. Und das winzige Gespräch, in dem ich mich über Kinder ausgelassen habe, gilt nicht." Das war das Letzte, was Carleen jetzt noch gebrauchen konnte. Sie stand in der Kälte, spärlich bekleidet, und sollte ihrer besten Freundin Rechenschaft ablegen. Rechenschaft über etwas, was Tyra mit Sicherheit dazu gebracht hätte, sich in einem See zu ertränken oder von einer Balkonbrüstung zu springen. "Jetzt hör mal zu. Ich bin kein Kleinkind mehr und kann tun und lassen, was ich will. Es reicht schon, daß Jason mir keine Ruhe mehr läßt, also fang du nicht auch noch an. Wir sollten jetzt schleunigst da hinein gehen und zusehen, daß wir an ein paar exklusive Informationen über diese Hochzeit kommen. Alles andere ist unwichtig." Carleen wand sich zum Gehen, doch Tyra versperrte ihr den Weg. "Es ist nicht unwichtig, daß du mit Blondie hier hereingeschneit kommst und so tust, als wäre er die Liebe deines Leben. Glaubst du, ich bin blind? Wahrscheinlich konnte jeder in diesem verdammten Raum sehen, was zwischen euch vorgeht. Hast du jetzt total den Verstand verloren?" Schachmatt. Noch versuchte Carleen, die Ruhe zu bewahren. "Was zwischen Kian und mir vorgeht, hat nichts mit dieser Hochzeit hier zu tun. Ich werde dir alles erklären, wenn wir die Zeit dazu haben. Bis dahin versprich mir bitte, daß du dich zurückhältst." Carleen kannte ihre Freundin und wußte, daß sie ihrer Bitte nachkommen würde, ganz gleich, wie aufgebracht und wütend sie vielleicht war. Tyra nickte langsam. "Also gut. Aber erwarte bloß nicht, daß ich deinen Hintern rette, wenn es hart auf hart kommt. Ich habe dich gewarnt und du wolltest nicht hören. Was auch immer du da mit Blondie anstellst, es ist alles andere als richtig. Erst wird Jason dir den Kopf abreißen, dann werde ich dir den Kopf abreißen und zu guter Letzt wird Kian dir den Kopf abreißen. Und dann hast du ein wirkliches Problem." Carleen sah zu Boden. So hatte sie sich das noch gar nicht überlegt. Daß Jason wütend sein würde, war ihr von Anfang an klar gewesen. Doch was würde Kian tun? Ein Gedanke, über den sie noch nicht einmal nachdenken wollte. Positiv denken. "Laß uns wieder zu den anderen gehen, ich erfriere hier fast. Außerdem will ich von dem großen Spektakel nicht eine einzige Sekunde verpassen." Carleen versuchte ein Lächeln und hakte sich bei Tyra unter. Diese rollte nur mit den Augen, ehe sie zusammen den Weg zurück gingen, den sie gekommen waren. "Danke." Carleen küßte Tyra auf die Wange, bevor sie ihr leeres Glas eiligst gegen ein neues eintauschte und im Gewühl der Menge verschwand. Sie wußte, daß Tyra trotz ihres Verständnisses, das sie gezeigt hatte, ganz und gar nicht begeistert war und es wohl besser wäre, sie für die ein oder andere Minute in Ruhe zu lassen. In kürzester Zeit würde sie sich wieder beruhigen, daß wußte Carleen. Oder hoffte es zumindest. Der auf Zimmertemperatur gekühlte Champagner lief ihr gerade den Rachen hinunter, als sie Kian Arm in Arm mit Rachel am anderen Ende des Raumes stehen sah. Der Verschlucker war unaufhaltsam, während sie sich an ein paar Anzugträgern vorbei schob und den Saal in eiligen Schritten durchquerte. Diese Frau würde ihr nicht in die Quere kommen, ganz gleich, ob sie ein Kleid trug, für das ein Waffenschein vonnöten war. Ehe sie sich darüber ärgern konnte, daß sie tatsächlich eifersüchtig war, hatte sie das Paar erreicht und setzte ihr strahlendstes Lächeln auf. Ihr war egal, daß auch Nicky und Mark anwesend waren und es somit eigentlich überhaupt keinen Grund zur Eifersucht gab. Es ging ihr um die verdammte Hand, die auf Kian’s Arm ruhte und einen viel zu vertrauten Eindruck erweckte. "Hallo Jessica. Schön, dich zu sehen. Die freien Tage scheinen dir gut bekommen zu sein. Du siehst großartig aus." Mark beugte sich zu ihr hinunter und küßte ihre Wange. "Ferien hin oder her, mir ist harte Arbeit viel lieber, um ehrlich zu sein." Ihr Blick bohrte sich geradewegs in Kian, als sie versuchte, die Fassung zu wahren und weiterhin zu lächeln. Nicky lachte. "Bist du sicher, daß du dich auch wirklich erholt hast? Niemand geht gerne arbeiten, wenn er statt dessen ein wenig relaxen und ausspannen kann." "Nun, das kommt ganz darauf an, wie man diese freien Tage verbringt. Pure Langeweile wäre genau die richtige Bezeichnung für dieses Wochenende." Sie konnte förmlich hören, wie Kian die Hauptschlagader platze, aber er hatte es nicht anders verdient. Sollte er sich doch von Rachel verarzten lassen. "Gut, dann freue ich mich jetzt, dir sagen zu dürfen, daß die Langeweile ein Ende hat. Kommst du?" Mark bot Carleen seinen Arm an und lächelte. Sie hätte sein Angebot unmöglich ausschlagen können. "Sehr gerne." Mit einem letzten Blick auf Kian und Rachel hakte sie sich bei Mark unter und stolzierte mit ihm zu der Tür, die gerade geöffnet worden war und in die nun jeder voller Neugier und Vorfreude hinein strömte.Kian hin oder her.Jetzt wurde es interessant!

Kapitel 32

Der Regisseur einer schlecht verdaulichen, kitschigen Seifenoper hätte es nicht besser machen können. "Tut mir leid, wenn sich das plump anhört und für eine Frau in meinem Alter total typisch ist, aber das hier ist wirklich der helle Wahnsinn. Da möchte man sich das mit dem Heiraten glatt noch einmal überlegen." Carleen bestaunte die weißen Orchideen, die man überall liebevoll arrangiert und an den Wänden fest gemacht hatte. Links und rechts vom Gang waren Stuhlreihen aufgestellt und Sitzkarten verteilt worden. Im Großen und Ganzen ähnelte der Festsaal der Eingangshalle, mit der Ausnahme, daß sich am Ende des Raumes ein großer, weißer, mit Blumen verzierter Bogen befand, unter dem ein Priester oder etwas ähnliches in heller Robe stand und an seinem Kragen spielte. Neben ihm stand Bryan, lächelnd und mit einem Strahlen, das ohne Zweifel mit dem einer Glühbirne mithalten konnte. Carleen zwinkerte ihm zu, ehe sie auf einem der hinteren Stühle Platz nahm. Mark wartete, bis sie sich gesetzt hatte, bevor er sich mit ein paar lieben Worten entschuldigte und seinen eigenen Platz suchte. Allein blieb Carleen jedoch nicht lange. "Na, wenn das kein Zufall ist. Eigentlich eine Frechheit, daß sie uns hier hinten plazieren, aber die Sicht ist gar nicht mal so schlecht." Tyra schlug die Beine übereinander und versuchte, so galant wie möglich über den Hinterkopf ihres Vordermannes hinweg zu sehen. Carleen wartete eigentlich nur noch darauf, daß sie ihren Fotoapparat herausholte und sich vor Bryan in Stellung legte, aber das blieb glücklicherweise aus. Statt dessen drehte Tyra sich immer wieder hin und her, nervte ihre Sitznachbarn und zappelte ungeduldig mit den Beinen. "Würdest du wohl bitte damit aufhören, T? Du machst mich wahnsinnig." Tyra zog die Augenbrauen in die Höhe. "Ich mache dich also wahnsinnig, hm? Nun, meiner Meinung nach macht dich die kleine Tänzerin dort vorne wahnsinnig. Du sitzt hier hinten und versauerst, während sie ganz ungeniert mit deinem Lover flirtet. Würde mir auch nicht gefallen." "Mir macht das überhaupt nichts aus, klar?! Er und Rachel können von mir aus machen, was sie wollen. Ich bin vollkommen entspannt." Carleen straffte ihren Rücken und vermied es so gut wie möglich, nach vorne zu sehen. Natürlich saß Kian mit den anderen Jungs ein paar Reihen vor ihnen und natürlich hatte man ihm eine charmante Begleitung an die Seite gesetzt. Rachel. "Sicher bist du entspannt. Dann hör aber bitte auf, mit den Nasenflügeln zu wackeln. Das sieht albern aus." "Also, jetzt mach dich nicht lächerlich. Vielleicht bin ich ein wenig eifersüchtig, aber das ist ja wohl auch mein gutes Recht." Demonstrativ verschränkte Carleen die Arme vor ihrer Brust und schmollte vor sich hin, Tyra dagegen schien sich ein Lachen nur schwer verkneifen zu können. "Oh, er sieht hinter. Carleen, er sieht hinter." Tyra rückte näher an Carleen heran und verpaßte ihr einen Stoß mit dem Ellenbogen. "Was? Wer sieht wo hin?" "Kian sieht zu uns. Er sieht hier her. Ok, tu so, als würde ich dir etwas total Witziges erzählen und lach dann ganz laut, ok?" "WAS?" "Tu einfach, was ich sage." Carleen verstand, was Tyra von ihr wollte. Sie warf den Kopf in den Nacken und begann, schallend zu lachen. "Gut so?" Tyra nickte. "Großartig. Jetzt wird er sehen, daß du dich auch ohne ihn blendend amüsierst. Glaub mir, das wirkt immer. Außerdem sieht sowas unglaublich attraktiv aus." Carleen hörte damit auf, sich lächerlich zu machen und runzelte die Stirn. "Also, wenn du mich fragst, dann war das gerade eben eine Spur zu übertrieben. Außerdem –" Sie hielt inne, als sie unter all den Menschen, die noch immer zur Tür herein drängten, Brandon erkannte. Die Art und Weise, wie er unauffällig versuchte, ihren Blick zu erhaschen und mit den Armen wedelte, beunruhigte sie. Er schien ihr etwas sagen zu wollen. "Hast du eine Ahnung, was Brandon da macht?" Tyra drehte sich ebenfalls um. "Spielt vielleicht einen Fluglotsen oder sowas. Dieser Typ hat doch wirklich ein Rad ab." "Jetzt mal im Ernst, T. Ich glaube, er will mit uns reden." Carleen stand auf und zog Tyra hinter sich her, ohne auf ihr Einverständnis zu warten. Es war eine kleine Herausforderung, entgegen des herein fließenden Stroms an Menschen zu laufen, doch Hartnäckigkeit zählte zu einer von Carleen’s Stärken. "Kommt mit, wir haben ein riesengroßes Problem." Brandon sah sich noch einmal um, ehe er Tyra und Carleen in die Eingangshalle drängte und sich eine ruhige Ecke suchte. "Du weißt hoffentlich, daß da drinne gleich geheiratet wird. Sei so gut, und komm zum Kern der Geschichte. Ich will das auf gar keinen Fall verpassen." Tyra hatte schon jetzt die Nase wieder gestrichen voll. Carleen konnte ihr nur beipflichten. "Sie hat Recht, Brandon. Kann das, was du uns zu sagen hast, nicht bis später warten?" Brandon schüttelte energisch den Kopf. Schon von bloßem Hinsehen konnte man sehen, wie nervös er war. "Nein, kann es nicht. Jason hat angerufen. Louis weiß, daß hier was im Busch ist. Er hat bereits erste Maßnahmen eingeleitet, um die schwarzen Schafe in der Truppe ausfindig zu machen." Nichts, wirklich gar nichts, hätte Carleen unvorbereiteter treffen können. Sie mußte sichergehen, daß sie Brandon auch wirklich richtig verstanden hatte. "Moment mal, was soll das heißen? Jemand weiß, wer wir sind?" Schon allein bei dem Gedanken zog sich ihre Magengegend unwillkürlich zusammen. Ihr wurde so schwindlig, daß sie nach dem Geländerpfosten neben sich griff und ihre Nägel im Holz vergrub. Zu ihrer Erleichterung schüttelte Brandon den Kopf. "Noch nicht. Aber Louis hat von irgendwoher erfahren, daß man ein paar Reporter ins Team eingeschleust hat. Er weiß nichts genaues, weder, wann sie zum Team gekommen sind, noch, um wen es sich dabei handelt. Aber glaubt mir, bei seinen Möglichkeiten wird es nicht mehr lange dauern, bis er uns hat." Tyra rieb sich nervös die Stirn. "Was, was hat Jason dazu gesagt?" "Jason tobt. Er versucht krampfhaft, herauszufinden, wer die undichte Stelle ist und Louis den Tip gegeben hat. Auf jeden Fall müssen wir von jetzt an vorsichtig sein, vorsichtiger, als wir es bis jetzt waren." Carleen musterte ihn ungläubig. "Und wie sollen wir das bitte anstellen? Jetzt bedarf es wahrscheinlich nur einer Kleinigkeit und wir sind geliefert." "Bis jetzt hat Louis nur einige Personen seines Vertrauens eingeweiht und sie gebeten, Stillschweigen über die Sache zu bewahren. Er will nicht, daß die Jungs beunruhigt sind und womöglich auf eigene Faust nachforschen." Brandon verstummte und zog Carleen und Tyra tiefer in die Ecke. Stimmen waren auf der Treppe zu hören, die allmählich lauter wurden und vor der Tür zum Festsaal innehielten. Dann ertönte feierliche Musik, die Tür ging auf und aus dem Raum waren lauter Oh’s und Ahh’s zu vernehmen. "Na großartig. Da läuft die Braut und ich steh hier rum. Einen besseren Zeitpunkt hättest du wirklich nicht abpassen können." Tyra bohrte ihren Zeigefinger in Brandon’s Brust und schüttelte frustriert den Kopf. "Sag das nicht mir, sondern dem Idioten, der uns verpfiffen hat." "Hat Jason schon eine Ahnung, wer es gewesen sein könnte?" "Keine. Aber er wird ihn finden, verlaß dich drauf. Für den Moment sollten wir uns darauf beschränken, gut auszusehen, nett zu lächeln und uns möglichst unauffällig zu verhalten. Achtet darauf, daß grundsätzlich eine dritte Person anwesend ist, wenn ihr euch unterhaltet. Und Finger weg von den Telefonen. Wahrscheinlich hat Louis bereits sämtliche Apparate im Hotel mit Wanzen voll stecken lassen." Carleen hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, sich zu übergeben. Sie bezweifelte, jemals so gezittert, geschweige denn solch eine Angst gehabt zu haben. Für sie ging es hier nicht nur um ihren Job, sondern um viel mehr. Viel, viel mehr. "Wann glaubst du, werden wir das nächste Mal mit Jason sprechen können?" Brandon zuckte mit den Schultern. "Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Vielleicht wird er auch gar nicht mehr anrufen müssen. Gut möglich, daß die ganze Sache hier eher zu Ende ist, als es eigentlich geplant war. Wir sollten versuchen, das Beste daraus zu machen und anfangen, für unser Geld zu arbeiten." Er hatte wohl einen Scherz machen wollen, doch es konnte nicht wirklich jemand darüber lachen. Am wenigsten Carleen. Sie hatte große Mühe, nicht in Tränen auszubrechen und einfach wegzurennen. "Also gut. Was machen wir jetzt?" Tyra schien das erste Mal wirklich ratlos zu sein. Sie verschränkte die Arme und trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. "Du gehst jetzt wieder da rein und vergießt angesichts der wundervollen Hochzeit ein paar Tränen. Ich gehe mit Carleen nach draußen und wir warten dort, bis die Zeremonie vorbei ist. Wir werden dann später sagen, daß es ihr nicht gut ging und sie ein bißchen frische Luft dringend nötig hatte. Dann verbringt ihr den Abend genauso, wie ihr das auch vorhattet und laßt euch nichts anmerken. Louis ist sicher nicht umsonst hier. Er wird aufmerksam sein." "Großartige Idee, Schlaumeier. Es wird sicherlich kaum Aufsehen erregen, wenn ich mitten in die Hochzeit herein platze und von dir und Carleen jede Spur fehlt. Aber bitte. Solange Jason dir den Hintern versohlt, wenn alles schiefgeht, bin ich für jede Schandtat zu haben. Bis später." Mit eiligen Schritten ging Tyra hinüber zur Tür, atmete einmal tief durch und öffnete sie vorsichtig. Dann war sie verschwunden. "Komm, laß uns nach draußen gehen." Brandon nahm Carleen’s Hand und verließ mit ihr durch die vordere Eingangstür das Haus. Es war immer noch frisch und kalt, doch es fiel Carleen kaum auf. Langsam, ganz langsam, begriff sie die Worte von Brandon und langsam, ganz langsam, wurde ihr das Ausmaß dieser Worte bewußt. Das, wovor sie sich so sehr gefürchtet hatte, war eingetreten. "Was werden wir diesen Leuten dort drinnen sagen, wenn sie wissen, was für ein falsches Spiel wir spielen?" fragte sie matt und suchte in den Augen von Brandon nach einer Antwort. "Ich weiß es nicht, Carleen. Auf jeden Fall sind eine Menge von denen verdammt in Ordnung und haben es nicht verdient, so übers Ohr gehauen zu werden. Trotzdem ist das hier ein Job, den wir angenommen haben und auch zu Ende bringen müssen. Moralische Bedenken sind hier vollkommen fehl am Platz." Carleen nickte. Das war genau das gewesen, was Jason ihr von Anfang an gesagt hatte. Und sie hatte es ignoriert. Hatte sich in einen Mann verliebt, der sie für den Rest seines Lebens hassen würde, wüßte er, was sie wirklich beabsichtigt hatte. Es würde ihn nicht interessieren, wie sehr sich ihre Gefühle und Interessen mittlerweile geändert hatten. Ja, er würde sie wirklich hassen. "Vielleicht wäre es besser, Louis zuvorzukommen und dem Ganzen hier ein Ende zu bereiten. Wir haben doch eigentlich nichts mehr zu verlieren. Ganz gleich, wann sie es erfahren, sie werden uns verfluchen und uns die Pest an den Hals wünschen." "Hör auf damit, Carleen. Noch ist nicht aller Tage Abend, und solange Louis weiter im Dunkeln tappt und wir uns so professionell wie möglich verhalten, wird niemand etwas erfahren. Wir dürfen jetzt nur nicht den Kopf verlieren, das ist alles." "Das ist nicht alles, sondern mehr als genug. Du glaubst doch nicht etwa wirklich, daß wir jetzt einfach so weitermachen können, wie bisher. Nach jedem Gespräch mit einem von ihnen, nach jedem Blick, den sie dir zuwerfen, wirst du dich fragen, ob sie bereits wissen, was du wirklich im Schilde führst. Du wirst kein Auge mehr zumachen können und den Tag fürchten, an dem jeder erfährt, wer du bist." Carleen schluckt ein paar aufkommende Tränen herunter und hielt sich eine Hand vor den Mund. Wieso konnte sie nicht einmal damit aufhören, so verdammt emotional zu sein. "Ist alles in Ordnung?" Brandon sah sie besorgt an, während er ihre kalte Schulter streichelte. Carleen straffte ihren Rücken. "Ja, alles ok. Ich möchte nur wieder hinein gehen, wenn es dir nichts ausmacht." Sie hatte bereits die Hand an den Türknauf gelegt, doch Brandon hielt sie am Arm fest. "Warte noch einen Moment. Die Zeremonie wird gleich vorbei sein, dann können wir gehen.Carleen nickte.Jetzt spielte die Zeit keine Rolle mehr.

Kapitel 33

Lange nach ihrem Gespräch mit Brandon war Carleen in den Festsaal zurückgekehrt und hatte dem überglücklichen Brautpaar ihre Aufwartung gemacht. Es schien niemandem aufgefallen zu sein, daß sie die Zeremonie verpaßt und statt dessen in der Eiseskälte gestanden hatte, also beließ sie es dabei, Kerry und Bryan alles Gute zu wünschen und ein paar Worte mit der Braut zu wechseln. Die Festlichkeiten waren bereits in vollem Gange, also beschloß Carleen, sich unter die fröhliche Partymenge zu mischen und ein wenig Abstand von ihren Sorgen zu gewinnen. Es war nutzlos, jetzt Trübsal zu blasen und sich den Kopf auf der Suche nach einer Lösung zu zerbrechen. Das hier war eine Party. Lächelnd tauschte sie ihr leeres Glas gegen ein volles und wippte zum Takt der Musik mit. "So allein, schöne Frau?" Carleen drehte sich herum und zog eine Augenbraue nach oben. Wenn Kian dachte, er könnte jetzt so einfach ankommen, ihr ein Kompliment machen und sie somit um den Finger wickeln, dann hatte er sich getäuscht. Sie hatte große Lust, ihm die Hölle heiß zu machen, schon allein deswegen, weil er so verdammt gut aussah und es Carleen somit äußerst schwer machte, auf ihn wütend zu sein. "Nun ja, meine Begleitung hat mich einfach so stehen lassen und es vorgezogen, mit einer Frau zu tanzen, deren Kleid dieser Bezeichnung in keinster Weise mehr würdig ist. Noch dazu steckt mir ein Käsebällchen vom Dinner in der Speiseröhre, ganz zu schweigen von meinen Füßen, die mich umbringen. Da kann ein wenig Alleinsein überhaupt nicht schaden." Carleen brachte ein zuckersüßes Lächeln zustande, während sie einen weiteren Schluck aus ihrem Glas nahm. Entgegen ihrer Hoffnungen allerdings hatte sie Kian nicht verärgert, sondern ihn lediglich in schallendes Gelächter ausbrechen lassen. "Was? Was ist daran so witzig?" "Warum tust du das, Darlin‘? Es gibt für dich absolut gar keinen Grund, eifersüchtig auf Rachel zu sein. Wir haben getanzt, das ist alles." Carleen schnaubte verächtlich. "Ja, aber ihr habt ziemlich lange einfach nur so getanzt. Außerdem bin ich nicht eifersüchtig, Mister." Um ihren Standpunkt zu verdeutlichen, pikste sie ihm einmal heftig in die Schulter, ehe sie sich umdrehte und an ihrem Glas nippte. Sollte er doch versauern mit seinem dämlichen Grinsen. "Wie auch immer. Laß uns tanzen." Kian nahm ihr das Glas aus der Hand, stellte es am nächstgelegen Tisch ab und zog Carleen an ihrer Hand auf die Tanzfläche. "Ich will aber vielleicht gar nicht mit dir tanzen. Außerdem werde ich nicht einen Takt treffen, höchstens deinen Fuß." Ohne auf ihren Protest zu achten, zog Kian sie an sich heran und ließ seine Hände auf ihren Hüften ruhen. Er war nicht gewillt, sie gehen zu lassen, also gab Carleen jeglichen Widerstand auf und legte ihm ihre Arme um den Hals. Es war ihr fast unmöglich, Kian’s Aftershave, kombiniert mit seinem unglaublichen Lächeln, zu widerstehen. Noch dazu war *Total eclipse of the heart* ein absolutes Lieblingslied von ihr, ein Lied, zu dessen Klängen sie nur zu gerne tanzte. Wenn das dann auch noch in den Armen eines absolut wunderbaren Mannes geschah, gab es doch wirklich rein gar nichts mehr, worüber sie sich hätte beschweren können. Carleen entspannte sich endlich und vergrub ihren Kopf an Kian’s Hals. "Nicht mehr böse?" Kian küßte ihre Stirn, während er seine Hände an ihrem Rücken rauf und runter fahren ließ und sich mit ihr zum Takt der Musik bewegte. "Uh – uh. Ich mag es nur einfach nicht, wenn diese Frau an dir herum krabbelt." "Rachel krabbelt nicht an mir herum.Wir verstehen uns nur gut, das ist alles. Was muß ich eigentlich noch tun, damit du siehst, wie einzigartig du für mich bist?" Carleen hob ihren Kopf ein wenig und lächelte, ehe sie sich wieder an Kian’s Brust lehnte und die Augen schloß. Sie summte die Melodie des Liedes mit, unfähig, etwas zusagen. Ihr wurde urplötzlich bewußt, wie unfair sie Kian gegenüber reagierte und schon reagiert hatte. Er offenbarte ihr seine Gefühle, ließ sie Teil sein Lebens werden und sie hatte nichts besseres zu tun, als das alles mit Füßen zu treten. "Ki?" "Mmh." "Es tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe. Das Wochenende war wundervoll und ich habe mich nur so verhalten, weil ich eine egoistische, undankbare Kuh bin. Eigentlich wollte ich dich damit nur ärgern und dich auf gar keinen Fall verletzen. Haßt du mich jetzt?" Kian lachte leise und schüttelte den Kopf. "Nein, ich hasse dich nicht. Es ist ok, Jess, wirklich. Mach dir keine Gedanken darüber." Bonnie Tyler’s letzte Worte röhrten aus den Lautsprechern, ehe das Lied verebbte und ein neues anfing. Es war schneller als das vorangegangene, und weder Kian noch Carleen schienen dazu in der Stimmung, weiterhin auf dem Parkett zu bleiben. "Komm, ich möchte dir jemanden vorstellen." Wieder nahm Kian Carleen an die Hand und zog sie durch das Gewühl der feiernden und lachenden Gäste. Dann stoppte er und küßte eine ältere Dame im roten Kostüm auf die Wange. Sie war elegant gekleidet, hatte ein unglaublich charmantes Lächeln und betrachtete Carleen mit neugierigen Blicken. "Ma, das hier ist Jessica Parker. Jess, das ist meine Mutter, Patricia Egan." Gut, nun würde sie ihn wirklich umbringen. Carleen hatte erst einmal das Vergnügen gehabt, die Mutter eines Auserwählten kennenzulernen, was nicht wirklich positiv ausgefallen war. Aus dieser Begegnung hatte sie die logische Schlußfolgerung gefaßt, daß es einer langen und äußerst sorgsamen Vorbereitung bedurfte, um der wichtigsten Frau im Leben jeden Mannes gegenüber treten zu können. Und hier stand sie nun, total überrumpelt an der Seite von Kian, und schüttelte die Hand von Patricia Egan. Carleen lächelte und versuchte, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen. Ein guter Eindruck war genau das, was sie jetzt hinterlassen wollte. "Freut mich, sie kennenzulernen, Misses Egan." "Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite. Und nennen sie mich doch bitte Patricia. Kian hat mir schon einiges von ihnen erzählt, obwohl er in seinen Beschreibungen fast noch ein wenig untertrieben hat. Sie sehen hinreißend aus." Carleen sah an sich herunter und lächelte wieder. "Danke, das ist wirklich lieb von ihnen." Herrgott, sie konnte doch sonst immer reden wie ein Wasserfall. Warum brachte sie jetzt keinen vernünftigen Satz zusammen? Kian schien zu bemerken, daß sie ein wenig unsicher war, und richtete sich daher selbst an seine Mutter. "Weißt du, wo Dad ist? Ich habe ihn bis jetzt so gut wie noch gar nicht gesehen und würde ihm gerne Jessica vorstellen." Patricia zuckte mit den Schultern. "Ich habe keine Ahnung. Wahrscheinlich hat er sich mit Oliver eine ruhige Ecke gesucht und philosophiert über den Sinn des Lebens. Du kennst ihn doch. Aber wenn ich ihn sehe, sage ich ihm, daß du ihn suchst." "Danke, Ma." Er umarmte sie kurz, ehe er Carleen einen Arm um die Hüfte legte und siehinüber zu den Tischen führte, an denen vor einigen Stunden das Dinner serviert worden war. "Bist du wahnsinnig? Du kannst mich doch nicht so aus heiterem Himmel deiner Mutter vorstellen. Hast du gehört, was sie gesagt hat? Daß ich hinreißend aussehe." Kian stutzte. "Und was ist daran so schlimm?" "Kian! Wenn man einer anderen Frau sagt, daß sie hinreißend aussieht, will man ihr damit eigentlich nur vermitteln, daß entweder ihr Rock zu kurz, der Ausschnitt zu tief oder die ganze Erscheinung allgemein einfach nur lächerlich ist.Wahrscheinlich hält sie mich für irgend so ein verruchtes kleines Dummchen, das noch nicht einmal das Alphabet beherrscht und in Wirklichkeit nur auf dein Geld scharf ist." Carleen trat unruhig von einem Bein auf das andere und sah sich um. Diesen Eindruck hatte sie ganz sicher nicht bei Kian’s Eltern hinterlassen wollen, vor allen Dingen nicht bei der Frau, die Kian ohne Zweifel vergötterte. Sie schüttelte den Kopf. Eigentlich hätte ihr das doch alles egal sein können. In wenigen Wochen wußte Kian vielleicht noch nicht einmal mehr, wer sie war, hatte oder wollte sie vollkommen vergessen. Ein Gedanke, der Carleen fast umbrachte, trotzdem ließ er sich nicht leugnen. Doch noch war sie Kian’s Freundin und sie wollte verdammt sein, wenn sie nicht ihr Bestes geben würde, um sich bei seiner Familie beliebt zu machen. Kian warf seinen Kopf in den Nacken und lachte herzhaft. "Dann kennst du meine Ma aber schlecht. Sie hat dich schon gemocht, lange bevor ich dich ihr vorgestellt habe. Und weißt du warum?" Carleen schüttelte den Kopf. "Weil sie zu den Müttern gehört, die glücklich sind, wenn ihre Kinder glücklich sind. Und ich bin glücklich – mit dir. Meiner Ma liegt also nichts näher, als dich zu mögen und in unserer Familie willkommen zu heißen. Ok?" Kian streichelte ihre Wange, ehe er sich zu ihr hinunter lehnte und ihren Mund küßte. Es war unglaublich, wie beruhigend jedes seiner Worte und Berührungen auf sie wirkte. Carleen entspannte ein wenig und lächelte. "Also gut. Aber sag mir das nächste Mal bitte vorher Bescheid, damit ich wenigstens so tun kann, als wäre ich drauf vorbereitet." Kian lachte, bevor er ihre Hand nahm, diese küßte und sie wieder zurück auf die Tanzfläche zog. "Zu Befehl, Ma’am. Und jetzt laß uns das Haus rocken." "Yeah. Alles aufgepaßt, Egan und seine zwei linken Füße kommen." Es war ein gutes Gefühl, die Party endlich genießen zu können. Carleen wich nicht mehr von Kian’s Seite und tanzte sich zusammen mit ihm und den anderen Jungs die Füße wund. Je später dann der Abend wurde, desto ausgelassener wurden die Gäste. Die Karaoke - Maschine von Nickys Dad kam endlich zum Einsatz und zeigte eindrucksvoll, wie viele verborgene Talente unter den Gästen zu finden waren. Carleen hatte sich anfangs geweigert, auch nur einen Ton zu singen, hatte sich aber nach vielem Bitten von Bryan und Kerry dann doch zu einer Gesangseinlage bereit erklärt und zusammen mit Kian das Duett von Kylie Minogue und Nick Cave gesungen, *Where the wild roses grow*. Es war wundervoll gewesen und zu ihrem eigenen Erstaunen hatte Carleen jede einzelne Sekunde davon genossen. Der tosende Applaus am Ende des Liedes hatte gezeigt, daß sie da wohl nicht die einzige gewesen war. Ein großartiges Gefühl. Irgendwann wurde die Karaoke- Maschine dann in die Ecke gestellt und man ging über zu feuchtfröhlichen Trinksprüchen zu Ehren des Brautpaares, die je nach Genre heiteres Lachen oder melancholisches Gemurmel hervorriefen. Besonders die bereits recht heiteren männlichen Gäste des Abends übertrafen sich gegenseitig in ihren Glückwünschen und Ratschlägen für Kerry und Bryan und ließen es an derben irischen Witzen und Redensarten nicht mangeln. Es war weit nach Mitternacht, als sich auch die letzten Hochzeitsgäste auf den Heimweg machten und nur Familienmitglieder und enge Freunde im Schloß zurückblieben, um dort zu übernachten. Kian und Carleen verabschiedeten sich gemeinsam und gingen hinauf in ihr Zimmer in der zweiten Etage. "Egan, das Haus ist voller Gäste, also benimm dich gefälligst! Diese Frau hat einen anstrengenden Tag hinter sich." Bryan hatte es sich nicht nehmen lassen, sich noch einmal auf ihre Kosten zu amüsieren, ehe er sie nach oben entlassen und ihnen eine Gute Nacht gewünscht hatte. Aus irgendeinem Grund schien jeder zu wissen, was zwischen Carleen und Kian passiert war und aus irgendeinem Grund schien sich auch niemand dran zu stören. "McFad weiß, wie man eine Party feiert." Erschöpft ließ Kian sich auf das große Bett in der Mitte des Zimmers fallen und zog an seiner Krawatte. "Es war eine wundervolle Hochzeit, Ki. Genauso eine, von der jede Frau träumt." Carleen knipste das Licht im Bad an, fuhr aus ihren Schuhen und öffnete den Reißverschluß ihres Kleides auf genauso umständliche Weise, wie sie ihn am Morgen zugezogen hatte. Dann ging sie, nur im Unterkleid, wieder zurück ins Schlafzimmer und kramte in ihrem Koffer, den man schon viel eher ins Zimmer gebracht hatte, nach einem T- Shirt. "Du meinst, so etwas würde dir gefallen?" Kian drehte sich auf dem Bett ein wenig, damit er sie ansehen konnte, während er seine Schuhe auszog und damit begann, sein Hemd aufzuknöpfen. Carleen lachte. "Ki, das würde jeder Frau gefallen. Ich meine, Kerry muß sich wie eine Prinzessin gefühlt haben. Ihr Kleid war traumhaft, ganz zu schweigen von diesem Schloß hier. Sag bloß, das läßt dich total kalt." Sie kämmte ihre Haare und warf sie sich dann über die Schulter, ehe sie ins Bad zurückging und ihr Gesicht wusch. "Nein, das nicht. Aber mir würde es auch nichts ausmachen, im kleinsten Kreis der Familie zu heiraten. Nur ich, die Frau, die ich liebe und die Menschen, die mir wichtig sind." Carleen lächelte in ihr Handtuch, als sie sich damit das Gesicht abtrocknete und es anschließend wieder auf den Haken hängte. Ein hoffnungsloser Romantiker. Sie ging zurück ins Zimmer und kletterte neben Kian aufs Bett. "Das hört sich mindestens genauso wundervoll an wie eine große Party. Dann mußt du nur eine Frau finden, die freiwillig auf soviel Glamour verzichtet." Kian senkte kurz den Kopf, bevor er ihn wieder anhob und Carleen ansah. "Vielleicht habe ich sie ja schon gefunden." Seine Augen bohrten sich in die von Carleen, nach einer Antwort suchend. Es war ihm verdammt ernst. So hatte Carleen sich das Ende dieses Abends ganz sicher nicht vorgestellt. Wortlos stand sie auf und drehte Kian ihren Rücken zu. "Jess, ich..." Vielleicht war das der Moment, auf den sie gewartet hatte. Der Moment, an dem sie all ihren Mut zusammen nehmen würde. Langsam drehte sie sich wieder herum und begegnete seinem Blick. Carleen war überraschend ruhig, als sie sprach."Kian ich muss dir was sagen".

Kapitel 34

Kian stand vom Bett auf und kam langsam zu Carleen hinüber. Der Ausdruck in seinen Augen hatte sich merklich verändert, Unbekümmertheit war Besorgnis gewichen. "Jess, es tut mir leid, wenn ich dich jetzt irgendwie verschreckt oder dich überrumpelt habe. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist, ich dachte einfach nur, daß das hier ein guter Zeitpunkt wäre, um dir zu zeigen, wie sehr du mittlerweile zu einem Teil von mir geworden bist. Ich – " Carleen trat an ihn heran und legte ihm eine Hand auf den Mund. "Hör auf, Kian. Bitte." Sie bezweifelte, daß sie den Mut aufbringen würde, ihm alles zu sagen, wenn er weiter so reden würde. Schon jetzt hatte Carleen Mühe, die aufsteigenden Tränen der Verzweiflung, der Rührung, der Wut zu unterdrücken. "Setz dich bitte einfach nur hin und höre mir zu. Bitte." Kian nickte langsam, bevor er rückwärts zum Bett zurück ging und sich auf die Bettkante setzte. Carleen wollte neben ihm Platz nehmen, doch Kian hinderte sie daran und zog sie statt dessen zu sich auf den Schoß. "Kian, bitte..." "Ich respektiere es, wenn du mich bittest, ruhig zu sein und dir zuzuhören, aber du wirst mich nicht davon abhalten, dich festzuhalten." Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und legte sie ihr über die Schulter, ehe er eine Hand von ihr in seine nahm und sie festhielt. Carleen senkte den Kopf und versuchte mit geschlossenen Augen, ihre Gedanken zu ordnen. Wie sollte sie ihm jetzt noch erklären, daß er im Grunde nichts von ihr wußte, sie seine Zuneigung und Fürsorge nicht verdient hatte? "Eigentlich weiß ich gar nicht so richtig, wo ich anfangen soll. Kian, bitte sieh mich nicht so an." Er lachte leise. "Was soll ich dann tun? Ich sehe dich gerne an, genau so gerne wie ich dich festhalte und deine Sorgen mit dir teile. Also sag mir, was mit dir los ist." Carleen atmete tief durch, während sie geistesabwesend seine Hand streichelte und schließlich nickte. "Als wir uns zum ersten Mal begegnet sind, da habe ich ganz sicher nicht damit gerechnet, daß so viel mehr zwischen uns passieren würde. Ich wollte meinen Job machen und ich wollte ihn gut machen und nichts in der Welt sollte mich davon abhalten. Herrgott, ich konnte dich am Anfang ja noch nicht einmal leiden. Doch irgendwann war es nicht länger meine Arbeit, die mir im Kopf herum ging und die mich beschäftigte. Was immer du auch getan hast, es hat mich berührt. Zuerst wollte ich mich dagegen wehren und leugnen, daß es so ist, aber ich konnte nicht. Und je länger wir zusammen waren, desto mehr wollte ich es auch nicht mehr leugnen. Es ist die Art und Weise, wie du mich ansiehst, mit mir redest, mich berührst, die mich alles andere vollkommen vergessen läßt. Du bist ein wundervoller Mensch, Kian, und ich will dir einfach nicht weh tun. Nur habe ich Angst, daß das unaufhaltsam ist, wenn es von Tag zu Tag ernster zwischen uns wird. Nein, laß mich zu Ende reden. Vielleicht erscheint dir all das, was ich jetzt sage, vollkommen unlogisch und schwachsinnig, aber du wirst es verstehen, wenn du alles über mich weißt." An dieser Stelle konnte sie nicht weiter sprechen, sondern rieb sich mit Daumen und Zeigefinger ihre Augen, um die Tränen, die immer unaufhaltsamer waren, zu unterdrücken. "Hör auf damit, Jess. Ich bin hier, wenn du weinen willst. Warum versteckst du dich vor mir? " Kian nahm die Hand in seine eigene und hielt sie fest, während er mit seiner anderen über ihren Rücken fuhr, um sie zu beruhigen. "Hörst du mir jetzt einmal zu?" Er nahm Carleen’s Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. Sie nickte. "Ich habe keine Ahnung, warum du mir das plötzlich alles sagst, Jess, denn eigentlich ist es für mich nicht wichtig. Ich weiß, was ich über dich wissen muß, um dich für einen der wundervollsten Menschen zu halten, die mir je begegnet sind, also ist es mehr als genug. Vielleicht gibt es Dinge über dich, von denen du mir noch nichts erzählt hast, aber ich kann warten. Solange, bis du es mir von dir aus sagen willst und nicht, weil du dich dazu gezwungen fühlst. Jess, wenn es nach mir ginge, würde ich am Liebsten sofort alles über dich wissen wollen, aber deine Reaktion zeigt ganz offen, daß du dazu einfach noch nicht bereit bist. Also will ich, daß du erst dann mit mir über diese Sachen sprichst, wenn du dich auch wirklich in der Lage dazu fühlst. Glaub mir, in der kurzen Zeit, in der wir uns kennen, hast du mir mehr, viel mehr gegeben, als ich erwarten konnte. Ich will nicht, daß du dich jetzt quälst, nur um mir irgend etwas zu sagen, was für mich sowieso ohne Bedeutung ist. Du bist eine wundervolle Frau, Jessica, klug, humorvoll, wunderschön, und ich kenne keinen Grund, keinen einzigen, der mich dazu veranlassen würde, etwas anderes zu denken." Unaufhörlich strich er ihr über den Rücken, ihre Haare und drückte ihre Hand. Carleen hatte Angst davor, den entscheidenden Schritt zu tun. Aufzustehen, ihn anzusehen und zu sagen, daß sie nicht Jessica hieß. Zu sagen, daß sie keine Tänzerin war. Zu sagen, daß es ihr Job war, ihn zu verraten, zu hintergehen. Sie mußte es ihm sagen. "Kian, du würdest anders denken, wenn du alles wüßtest, glaub mir. Es gibt so vieles, worüber wir reden müssen, aber ich habe Angst, daß du mich hinterher haßt. Das wäre etwas, was ich nicht ertragen könnte." Carleen spielte verlegen mit den Knöpfen seines Hemdes, suchte nach irgend etwas, was sie davon abhalten würde, ihn ansehen zu müssen. Das Unverständnis über ihren Gefühlsausbruch war schon in seiner Stimme nicht zu verkennen, was würde sie dann erst sehen, wenn sie ihm in die Augen sah? Kian schien nach den richtigen Worten zu suchen, denn er sagte lange nichts, sondern drückte sie einfach fester an sich und hielt sie fest. Schließlich antwortete er. "Jess, ich glaube, du hast keine Ahnung, was in mir vorgeht, wenn ich dich ansehe oder mit dir spreche oder dich küsse. Es ist, als möchte ich nie wieder damit aufhören, als würde ich ohne dich nicht länger bestehen können. Vielleicht hältst du es für unmöglich, daß man in so kurzer Zeit so viel für einen Menschen empfinden kann, aber es ist so, und ich möchte nicht, daß es sich ändert. Natürlich freue ich mich, wenn du deine Ängste mit mir teilst und versuchst, ehrlich zu mir zu sein, aber bitte nicht um jeden Preis, Jess. Wir haben alle Zeit der Welt, und wenn irgendwann der Punkt kommen sollte, an dem du mir wirklich erzählen willst, was dich beschäftigt, dann werde ich dir zuhören. Aber ich lasse nicht zu, daß dich etwas quält, was im Grunde von Bedeutungslosigkeit für mich ist. Du willst mit mir zusammen sein und ich mit dir – das ist alles, was ich wissen muß, um glücklich zu sein." Das war alles, was nötig war, um Carleen vollkommen in Tränen ausbrechen zu lassen. Sie hatte nicht länger Kontrolle über ihre Emotionen und fand keinen Weg, das Zittern ihres Körpers, ihre Tränen, zu stoppen. Eine Hand fuhr hinauf, um ihre Augen zu bedecken, doch Kian ließ ihr keine Chance dazu. Diesmal umfaßte er ihren Knöchel hart und drückte ihre Hand zurück in den Schoß. "Hör auf damit. Wovor hast du so eine Angst, Jessica, wovor? Komm her." Er schlang beide Arme um ihre Hüften und ließ sich mit Carleen zusammen rücklings aufs Bett fallen. Dort hielt er sie fest, solange, bis das Schluchzen langsam verebbte und sie ihre Worte wiederfand. "Ki, es tut mir so leid." Carleen suchte seine Nähe, seine Wärme, und war dankbar, daß sie genau das von ihm erhielt. "Shh. Ich will davon nichts mehr hören. Du machst mich im Moment zu einem der glücklichsten Menschen überhaupt und ich werde nicht zulassen, daß du das in Frage stellst, ok?" Kian hob ihr Kinn an und küßte sie sanft. Dann nickte Carleen. "Ok." Es wäre lächerlich gewesen, wenn sie jetzt noch versucht hätte, ihm die Wahrheit zu sagen. Vielleicht war es an der Zeit, ihm etwas ganz anderes zu sagen. "Kian?" Carleen stützte sich auf ihren Ellenbogen und sah auf ihn hinab. Seine Augen hatten noch immer diesen besorgten Ausdruck, doch sie sahen sie mit der gleichen Liebe, Wärme und Fürsorge an, wie sie es immer taten. Eine seiner Hände ruhte noch immer unter ihre Hüfte, mit der anderen rieb er sich seine linke Schläfe. Vielleicht war er müde, müde, mit ihr und ihren Emotionen kämpfen zu müssen. Als sie sich zu ihm hinunter beugte und ihn küßte, erwiderte er ihren Kuß. Sanft und zärtlich, und doch voller Trost und Wärme. "Ich liebe dich." Carleen flüsterte die Worte nur, doch sie war sich absolut sicher, daß Kian sie gehört hatte. Seine Hand wanderte von seiner Stirn hinauf zu ihrer Wange und blieb dort liegen. Er suchte irgend etwas in ihren Augen, irgend etwas, daß ihn das begreifen ließ, was sie gerade gesagt hatte. Vielleicht zweifelte er auch an ihren Worten, doch sie meinte jedes verdammte Wort ernst. "Du hast keine Ahnung, wie viel mir das bedeutet, Jessica. Keine Ahnung." Kian zog ihr Gesicht zu sich herunter und küßte sie. Voller Zärtlichkeit liebkoste er ihre Lippen, ihren Mund, ihr Gesicht, während er sie auf den Rücken rollte und sich über sie legte. "Und ich liebe dich." Dann beugte er sich erneut zu ihr hinunter und ließ sie all ihre Sorgen und Schmerzen vergessen. Gegenseitig erbrachten sie nun Beweise für Gesagtes, nahmen sich Zweifel und Ängste und liebten sich langsam und zärtlich bis in die frühen Morgenstunden. Dann kam der nächste Morgen, zwar schleichend, aber unaufhaltsam. Carleen gähnte herzhaft, als sie sich aus Kian’s Umarmung wand und angesichts der kleinen Sonnenstrahlen, die ab und zu unter einem Berg an Wolken hervor lugten, blinzelte. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, daß sie erst vor wenigen Stunden eingeschlafen waren und es alles andere als ratsam war, Kian jetzt schon zu wecken. Tatsächlich lag er noch immer vollkommen unbeeindruckt neben ihr, hatte sein Gesicht in einem der vielen Kissen vergraben und kümmerte sich nicht um die Uhr auf dem Nachttisch, die gegen sie tickte. Carleen entschied sich, ihn noch schlafen zu lassen, bevor sie aus dem Bett krabbelte und unter die Dusche hüpfte. Ein wenig Zeit für sich allein war genau das, was sie jetzt dringend nötig hatte. Mittlerweile war sie viel zuversichtlicher, als sie es noch am Vortag gewesen war. Kian liebte sie und vielleicht könnte er ihr, dank dieser Liebe, verzeihen. Es war ein kleiner Hoffnungsschimmer, aber es war der einzige, den sie hatte und an dem sie festhalten konnte. Zufrieden stieg sie aus der Dusche, trocknete sich ab und stieg in eine Jeans sowie eine beigefarbene Bluse, ehe sie zurück ins Schlafzimmer ging. Kian hatte sich auf seine andere Seite gedreht und lag mit dem Gesicht zu ihr, die Augen noch immer geschlossen, der Atem noch immer gleichmäßig. "Ki? Zeit, unter die Lebenden zurückzukehren. Es ist schon fast Mittag." Sie rüttelte so sanft wie möglich seine Schulter und lächelte, als er einen frustrierten Laut von sich gab und versuchte, sich von ihr weg zu drehen. "Shit, Jess. Es ist mitten in der Nacht. Laß mich einfach noch eine Weile schlafen, ok?" Der Ärger in seiner Stimme war nicht zu überhören. Trotzdem versuchte sie weiterhin, freundlich zu sein. "Das geht nicht. Kian, wir müssen zurück nach Dublin und wenn du nicht bald aufstehst, werden wir es kaum rechtzeitig schaffen." Er wollte sich ein Kissen über den Kopf werfen, doch Carleen war schneller und riß es ihm aus der Hand. Warum mußten Männer nur immer so kompliziert sein? "Sei so nett, und kümmere dich um deine Probleme. Ich werde uns früh genug nach Dublin zurückbringen. Jetzt laß mich endlich schlafen." Dann war der berühmte Morgenmuffel also doch kein Phänomen. Carleen startete einen letzten Versuch. "Nein, ich werde dich nicht schlafen lassen. Komm schon, Ki, du kannst hier nicht ewig rum liegen. Steh auf, du Faulpelz." Sie suchte nach einer kitzligen Stelle an seiner Hüfte und lachte, als er sich unter ihren Berührungen hin und her wand und fluchte, was das Zeug hielt. "Fuck, Jess, hör auf damit. Ich habe jetzt einfach keine Lust auf deine Kinderspiele, also laß mich verdammt noch mal in Ruhe." Ok, das hatte gesessen. Carleen stand vom Bett auf und ging hinüber zur Tür. Jetzt war sie wirklich genervt, und das nicht zu knapp. "Ich habe keine Ahnung, was für einen Schaltfehler du in deinem Kopf hast, Egan, aber ich gehe jetzt nach unten und lasse mich überfahren. Du kannst ja gerne hinterher kommen, wenn du damit fertig bist, dich wie ein Baby zu benehmen." Mit einem lauten Knall ließ sie die Tür ins Schloß fallen und stapfte die Treppen hinunter in die Empfangshalle. Vielleicht ließ sich ja irgendwo noch etwas zu Essen finden. Auf ihrem Weg nach unten rannte sie förmlich in die Tyra, die die Treppe hinauf gehastet kam und sie anscheinend vollkommen ignoriert hatte. "Was machst du denn hier, T?" Tyra war am Vorabend irgendwann verschwunden und Carleen hatte angenommen, daß sie zusammen mit anderen Gästen zu einem nahegelegen Hotel gefahren war. "Nun, ich habe hier genächtigt, wenn es dir nichts ausmacht." "Nein, es macht mir nichts aus. Aber seid wann gehörst du zum engen Freundeskreis?" Ein verschmitztes Lächeln auf Tyra’s Lippen bestätigte Carleen’s böse Vorahnung. "Nun, seit ich mir ein Zimmer mit Feehily teile." "Du macht WAS?" Carleen war klar, daß gerade sie überhaupt kein Recht hatte, Tyra dafür zu kritisieren, aber aus den Socken haute es sie allemal. "Du hast mich gehört. Einzelheiten bekommst du später, jetzt muß ich mir erst einmal eine Mitfahrgelegenheit suchen. Ihr habt nicht zufällig noch einen Platz frei, oder?" "Moment mal, nicht so schnell. Wenn ich mich recht erinnere, dann warst du doch diejenige, die mir gesagt hat, daß eine Beziehung mit Kian nichts Gutes verheißt. Was machst du dann bitte mit Mark?" "Was macht man wohl mit einem Mann? Das dürfte sogar dir bekannt sein, oder willst du mir erzählen, daß du diesen Luxuskörper von Kian völlig unbehandelt läßt? Ich bitte dich. Außerdem ist das, was wir pflegen, keine Beziehung, sondern eine Art Unterhaltungsprogramm." Carleen lachte. "Nette Bezeichnung für sowas, wirklich. Und was hast du jetzt vor?" Tyra zuckte mit den Schultern. "Ich suche mir jetzt etwas zu essen. Kommst du mit?" Bevor Tyra die Treppe wieder hinunter stürmen konnte, hatte Carleen sie am Ellenbogen gepackt und festgehalten. "Das habe ich nicht gemeint." "Weiß ich, aber auf etwas anderes werde ich dir nicht antworten. Und jetzt komm, sonst verhungern wir hier. Würde mich außerdem mal interessieren, was du letzte Nacht mit Kian gemacht hast. Ich dachte, die Decke kommt runter." Carleen stand einen Moment entgeistert auf der Treppe, bevor sie Tyra hinterher lief und ihr in die Küche folgte. Sie hatte sich hoffentlich gerade verhört. "Moment mal, wie meinst du das bitte....?"

Kapitel 35

Carleen war müde. Sorgsam schloß sie die Zimmertür hinter sich und stellte ihren Koffer ab, ehe sie bäuchlings auf die Matratze ihres Bettes fiel und durchatmete. Der Tag war hart gewesen, zu hart, und sie betete für den Moment, in dem sie frisch geduscht unter ihre Laken kriechen und endlich einschlafen konnte. Vielleicht würde Kian neben ihr liegen, vielleicht würde sie aber auch alleine schlafen müssen. Seine Laune hatte sich, nachdem er erst weit nach Mittag aufgestanden war, nur geringfügig gebessert und Carleen hatte keine Ahnung, warum das so war. Er hatte kaum ein Wort mit ihr gesprochen, als sie von County Mead zum Hotel zurückgefahren waren, geschweige denn ihr eine Erklärung für sein Verhalten geliefert. Nur der Lebhaftigkeit von Tyra, die auf dem Rücksitz gesessen hatte, war es zu verdanken gewesen, daß man die Fahrt nicht in vollem Stillschweigen absolviert hatte. Es erschien Carleen plötzlich als ein Fehler, geglaubt zu haben, sie würde Kian endlich besser kennen und wissen, was ihn im vorging, denn statt dessen hatte sie keine Ahnung, warum er sie so behandelte. Herrgott, sie hatte ihn am Morgen vielleicht ein wenig geärgert, aber war das ein Grund, sie vollkommen zu ignorieren? Carleen rollte sich auf ihren Rücken und starrte die Decke an. Vielleicht sollte sie einfach an seine Tür klopfen und der Sache auf den Grund gehen. Genau, das war es. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, daß es für das Abendessen mittlerweile sowieso zu spät war, also würde sie ihn ohne Zweifel antreffen. Fast erleichtert stand sie auf und verschwand im Bad, um kurz zu duschen, ehe sie ihre Jeans und den Pullover gegen ein einfaches Top und einen knielangen Rock eintauschte und ihre Haare zu einem simplen Knoten zusammenband. Zufrieden mit sich und ihrem Spiegelbild, verließ Carleen ihr Zimmer und fand sich kurz darauf vor Kian’s Zimmertür wieder. Er hatte ihr bereits in der Hütte in Limerick einen Zweitschlüssel gegeben und sie mußte fast ein wenig kichern, als sie ihn das erste Mal benutzte. Das kannte sie sonst nur aus Filmen. Langsam und äußerst vorsichtig öffnete sie die Tür und trat ins Zimmer. Dunkelheit. Sie wollte gerade nach dem Lichtschalter greifen, als ihr einfiel, daß Kian sich vielleicht hingelegt hatte und es wohl keine gute Idee wäre, ihn zu stören. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte sie seine Gestalt auf dem Bett auszumachen, doch die Decke schien vollkommen glatt und unbenutzt. Auch im Bad brannte kein Licht. Nun, dann war er vielleicht doch unterwegs. Carleen war gerade im Begriff, sich umzudrehen und wieder zu gehen, als ihr die geöffnete Balkontür auffiel. Sie war angelehnt und nur gelegentlich hoben sich die langen Gardinen angesichts der leichten Brise, die ins Zimmer zog. Was auch immer Kian da draußen machte, er mußte verrückt sein. Es war eisig kalt. Carleen schloß die Tür hinter sich und durchquerte mit leisen Schritten das Zimmer. Seine Koffer standen noch immer unangetastet neben seinem Bett und die Jacke, die er getragen hatte, war unachtsam über sie geworfen worden. Anscheinend saß er schon eine ganze Weile da draußen und fror sich sämtliche Körperteile ab. Crazy. "Kian?" Carleen öffnete die Balkontür so weit, daß sie ohne Probleme hinaustreten konnte. Kian stand mit dem Rücken zu ihr und starrte hinunter auf die immer noch belebte Einkaufsmeile von Dublin. Wahrscheinlich war er so in Gedanken versunken, daß er sie noch nicht einmal hatte näher treten hören. Eine Hand steckte in seiner Hosentasche, in der anderen hielt er ein halb leeres, schweres Whiskeyglas, das offenbar aus der Minibar des Zimmers stammte. Als Carleen ihm eine Hand auf die Schulter legte, fuhr er erschrocken herum und sah sie an. Ein Gespenst hätte ihn anscheinend nicht mehr erschrecken können. Carleen lächelte. "Hey. Was machst du hier draußen? Du bist furchtbar kalt." Sie trat näher an ihn heran und rieb seinen Unterarm, der von der bissigen Kälte nicht verschont worden war. Es machte Carleen ein wenig Angst, daß das alles anscheinend spurlos an Kian vorbeizugehen schien und er sich keine Gedanken darüber machte, ob es nun warm oder kalt war. Aber an was dachte er dann? "Es geht schon. Sag mir lieber, wie du hereingekommen bist." Sein Ton war längst nicht mehr so boshaft, wie er es am Morgen gewesen war oder so monoton wie am Nachmittag, doch trotzdem lag etwas in seiner Stimme, was Carleen beunruhigte. Sie hoffte inständig, daß nicht sie der Grund dafür war. "Du hast mir deinen Schlüssel gegeben, schon vergessen? Ich dachte, ich schaue einfach mal vorbei und sehe, wie es dir geht. Willst du nicht mit rein kommen?" Kian führte das Glas an seinen Mund und leerte es in einem Zug, ignorierte das brennende Gefühl, das es in seinem Hals verursachen mußte. Jetzt erwartete Carleen ein nein, doch zu ihrer Überraschung nickte er mit dem Kopf. "Ist gut, laß uns hinein gehen. Es ist wirklich kalt geworden. Ich will nicht, daß du krank wirst. Komm." Er beugte sich zu ihr hinunter und küßte sie, ehe er ihre Hand nahm und sie ins Zimmer zurückführte. Carleen fühlte sich augenblicklich besser, doch trotzdem war irgend etwas immer noch anders. Kian war nicht ganz ehrlich zu ihr. Ihr Verdacht verstärkte sich, als er, anstatt sie anzusehen, sich von ihr weg drehte, das Licht anschaltete und die Minibar ein weiteres Mal öffnete. Anscheinend wollte er sich viel lieber betrinken, als mit ihr zu reden. "Möchtest du auch etwas?" Er blickte sie über seine Schultern hinweg an, drehte sich aber wieder um, als Carleen kopfschüttelnd verneinte. Ohne große Worte goß er sich ein weiteres Glas ein und schloß die Bar. Jetzt mußte er sie ansehen. "Hast du Hunger? Wir können uns etwas bringen lassen, wenn du möchtest." "Nein danke." Kian zuckte mit den Schultern, bevor er sich auf sein Bett setzte und das Glas in seinen Händen drehte. War das der Weg, mit dem er Carleen zeigen wollte, daß sie gehen sollte? Herrgott, sie wollte aber nicht gehen. Zögernd trat sie an seine Seite und legte eine Hand an seinen Nacken, wo sie mit ihren Fingern hoch zu seinem Haaransatz fuhr und ihn durcheinander zwirbelte. Sie wußte, daß er das mochte und fühlte sich bestätigt, als er sich unter ihrer Berührung deutlich entspannte. "Ich habe mich heute wie ein Vollidiot benommen, Jess. Es tut mir leid." Diesmal sah er zu ihr auf und diesmal wich er ihrem Blick nicht aus. Carleen lächelte. "Schon vergessen. Ich werde von jetzt an morgens einfach einen großen Bogen um dich machen. Dann entgehe ich der Gefahr, daß du mit einem Kissen nach mir wirfst, Grumpy." Kian setzte zu einem Lächeln an, doch bevor es wirklich da war, verschwand es auch schon wieder. Carleen hätte fast laut losgelacht. Sie hatte gewußt, daß er am frühen Morgen alles andere als genießbar war, also gab es keinen Grund für Kian, sich deswegen schlecht zu fühlen. "Es ist nicht nur das. Kannst du dich einen Moment hinsetzen?" "Natürlich." Carleen sank bereitwillig auf seinen Schoß und  begrüßte die weiche Hand, die augenblicklich unter ihr Top glitt und liebevoll ihren Rücken massierte. Das war irgendwie zu einer Gewohnheit geworden – zu einer sehr angenehmen Gewohnheit. "Jess, ich wollte dich heute morgen nicht anschreien und ich wollte auch nicht, daß du dich schlecht fühlst. Es liegt ganz bestimmt nicht an dir, sondern an mir. Nein, eigentlich liegt es eher an diesem verdammten Tag." Kian atmete tief ein und fuhr sich nervös durchs Haar. Was er ihr sagen wollte, war anscheinend nicht ganz so einfach. "Wie meinst du das?" Carleen streichelte ihm weiter den Nacken, streichelte über seine Haare, seine Wangen. Sie wollte etwas tun, irgend etwas, was ihm die Situation erleichterte. Nach einem kurzen Moment lehnte Kian sich nach vorne und griff in die Seitentasche der Jacke, die über dem Koffer lag. Ein Portemonnaie kam zum Vorschein, das er öffnete und aus dem er schließlich ein Foto herausholte. Er drehte es eine Weile in seinen Händen hin und her, bevor er es schließlich Carleen reichte. Eine junge Frau, vielleicht in ihrem Alter, mit blonden Haaren und grünen Augen, lächelte sie an. Nicht ohne Neid stellte Carleen fest, daß sie äußerst hübsch und attraktiv war. Ihren Kopf hatte sie auf eine Hand gestützt und blickte in die Kamera. Ein großartiges Foto. "Eine gute Freundin von mir ist heute vor einem Jahr gestorben. Sie hat sich das Leben genommen." Carleen blickte von dem Foto auf und sah Kian entsetzt an. Er starrte immer noch auf das Bild und schien seine Emotionen nur mit Mühe unter Kontrolle zu haben. "Was? Aber wie...." "Man fand sie tot in ihrer Wohnung. Eine Überdosis Schlaftabletten. Sie hat keinen Brief hinterlassen, nichts. Es war eine furchtbare Zeit nach ihrem Tod, aber ich dachte, ich würde damit klarkommen. Nun, anscheinend ist das nicht der Fall." Nichts an seinen Gesten zeigte, wie berührt er war, nur das Zittern seiner Stimme verriet die Unsicherheit und den Schmerz, mit dem er über die junge Frau sprach. "Wie lange hast du sie gekannt?" "Etwas länger als ein Jahr. Ich habe sie während einer After – Show - Party kennengelernt. Wir sind ein paar Mal zusammen ausgegangen, aber irgendwie schien das für keinen von uns Beiden das richtige zu sein. Also wurde sie innerhalb weniger Monate zu einer der besten Freundinnen, die ich je gehabt habe. Crazy, oder?" Carleen schüttelte langsam den Kopf. "Nein, das ist es ganz und gar nicht. Sie hat genau dasselbe in dir gesehen, was ich in dir sehe. Kein Wunder, daß sie dich auf Anhieb gemocht hat. Hätte ich auch getan." Diesmal lächelte Kian und hob seinen Kopf ein wenig, um sie sanft zu küssen. "Gut zu wissen. Ich glaube sogar, daß du Lindsay Callum gemocht hättest, wenn du sie kennengelernt hättest. Eine großartige Frau. Sie –" Carleen legte ihm eine Hand vor den Mund, bevor er weiter sprechen konnte. Hatte sie sich gerade verhört? "Wie hast du sie genannt?" Nein, das war unmöglich. Einfach ausgeschlossen. Das konnte nicht Lindsay Callum sein. "Lindsay. Lindsay Callum. Kennst du sie?" Anscheinend war ihr Schock Kian nicht verborgen geblieben. Carleen schüttelte den Kopf. "Nein, das nicht. Aber ich kenne ihren Vater." Jason hatte sie nur ein einziges Mal kurz erwähnt und dann sofort das Thema gewechselt. Sie wäre sein einziges Kind gewesen, hatte er gesagt und sich geweigert, Einzelheiten über ihren Tod preiszugeben. Jetzt wußte Carleen auch, wo sie diese stechenden grünen Augen schon einmal gesehen hatte und warum ihr dieses Lächeln so bekannt vorkam. Es waren Jason’s Augen und Jason’s Lächeln. "Du kennst Jason?" Das hätte sie vielleicht nicht sagen sollen. Sie lächelte nervös. "Nein, nicht so richtig. Aber er ist doch überall bekannt. Ihm gehört der *Sentinel*, richtig?" Kian nickte. "Ja, er ist der Herausgeber dieser Zeitung. Und er hat mich gehaßt. Meinte, ein Popstar wäre nicht gut genug für seine Tochter und würde ihr nur weh tun. Es war ihm egal, daß wir nichts weiter als gute Freunde waren. Alles, was er wollte, war, mich aus ihrem Leben zu streichen. Nun, das hat sich dann von selbst erledigt." Carleen versuchte, ruhig zu bleiben. Es ergab einen Sinn. Es ergab alles einen Sinn. Jason hatte sie nicht engagiert, um die erfolgreichste Band in England durch den Schmutz zu ziehen, sondern um persönliche Rache zu nehmen. Nur über den Grund dafür war sie sich noch nicht ganz im Klaren. Es war eine Sache, den Freund der eigenen Tochter nicht zu mögen, aber ihn deswegen gleich in den Ruin treiben? Und was hatte das alles mit Lindsay’s Tod zu tun? Carleen wurde schlecht. "Jess? Jess, ist alles ok?" Das sanfte Rütteln von Kian holte sie schlagartig in die Realität zurück. Sie sah ihn an. "Ja, mir geht es gut. Ich bin nur furchtbar müde, das ist alles." Kian lächelte mitfühlend und küßte ihre Stirn, bevor er ihr erst hoch half und dann selber aufstand, um die Decke auf dem Bett zurückzuschlagen. Wortlos kletterte er hinein und zog Carleen mit sich. Sie war dankbar für den Komfort seines warmen Körpers und der Schutz bietenden Arme, die sich um sie legten und sie festhielten. "Besser?" Carleen schloß die Augen und nickte schläfrig. Der Schlaf kam schneller als geplant und ließ sich auch nicht von der Tatsache aufhalten, daß sie noch immer vollständig bekleidet war und hundert verschiedene Sachen im Kopf hatte. Ganz gleich, was es war, sie würde sich morgen Gedanken darüber machen. Über Lindsay, Jason und all die anderen Dinge. Für den Moment gab sie sich vollständig den Liebkosungen von Kian hin und sank in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

 Kapitel 36

Die darauffolgende Woche verlief für Carleen ruhiger und entspannter, als sie erwartet hatte. Zwar war Taylor genauso erbarmungslos wie zuvor, doch hatte sie einen Weg gefunden, sich jedes Mal nicht vollkommen zu verausgaben und eine Art von Routine zu finden. Zwischen den Proben stand sie meistens bei Kenneth in der Garderobe und diskutierte solange mit ihm über ihre Bühnenoutfits, bis er schließlich nachgab und alles nach ihren Wünschen und nach denen der anderen Tänzerinnen änderte. Anschließend folgte dann immer das gleiche Ritual. Carleen würde auf ihr Zimmer gehen, duschen und sich umziehen, und dann die Nacht mit Kian verbringen. Am frühen Morgen würde sie dann heimlich über die Hotelflure schleichen und zurück in ihr Bett huschen, bis der Wecker dann erneut klingelte und einen weiteren Arbeitstag verkündete. Natürlich wußte mittlerweile jeder im Team, daß Carleen und Kian ein Paar waren, doch ihr war es trotzdem noch ein wenig unangenehm, das auch so offen zu zeigen. Kian hatte gelacht, als sie das erste Mal mitten in der Nacht aufgestanden und sein Bett verlassen hatte, und hatte ihr gesagt, daß es dafür keinen Grund gab. Tatsächlich schien es ihm nichts auszumachen, sie vor allen anderen zu küssen und deutlich zu machen, daß sie seine Freundin war und wirklich nur seine. Er wußte, daß es Carleen die Röte ins Gesicht trieb und machte es deswegen wohl erst recht... Auch Chippy hatte sich nach langer Zeit endlich wieder gemeldet und sich nicht davon abhalten lassen, Carleen jeden Abend anzurufen, bevor sie ihr Zimmer verließ. Mittlerweile war sie diese Anrufe so sehr gewohnt, daß sie unruhig auf und ab lief, wenn er mal fünf Minuten später anrief. Sie hatte sich inzwischen mehr als einmal die Frage gestellt, wer Chippy war und ob sie ihn vielleicht kannte. Immerhin wohnten sie im selben Hotel, was eine gute Ausgangsposition dafür darstellte, daß man sich oft über den Weg lief. Und er kannte Bryan. Aber ganz gleich, wer er war, Carleen mochte ihn. Er schien ein unkomplizierter, lebenslustiger Mensch zu sein, der es immer wieder schaffte, sie aufzumuntern oder ihr Ratschläge zu geben, wenn sie von Nöten waren. Eigentlich seltsam, daß man sich mit einer Person so gut verstand, die man eigentlich kaum kannte, aber vielleicht lag es gerade eben daran. Wie auch immer, Carleen machte sich keine weiteren Gedanken darüber, als sie mit Tyra an der Hand die McAllister Street hinunter lief und auf die große Stadtbibliothek zusteuerte, die groß und fast monströs an der Straßenecke thronte und ihre Pforten für wißbegierige Leseratten geöffnet hatte. "Cal, müssen wir da wirklich rein? Ich bin schon jetzt zu Tode gelangweilt." Tyra war alles andere als begeistert von der Idee und auch Carleen konnte sich an ihrem freien Tag bessere Sachen vorstellen, als über vergilbten Zeitungsartikeln zu hängen. Kian war in aller Frühe nach Sligo zu seiner Familie gefahren und hatte sie gebeten, mitzukommen, doch sie hatte ablehnen müssen. Sie hatte ihm erzählt, daß sie noch ein paar wichtige Besorgungen in der Stadt zu erledigen hatte, die keinen Aufschub duldeten und die sie endlich hinter sich bringen wollte. Das war zumindest nicht vollkommen gelogen. Sie wollte endlich mehr über Lindsay und ihren Selbstmord wissen. Kian hatte seit dem Abend, an dem er Carleen über Lindsay erzählt hatte, nicht mehr von ihr gesprochen und auch keinerlei Anzeichen gezeigt, daß er das Thema noch weiter vertiefen wollte. Also mußte Carleen selber handeln. Es mußte doch irgendeine verdammte Verbindung zwischen dem Tod von Lindsay und der Rachsucht von Jason geben. Zuerst hatte sie ihn anrufen und ihm ein paar unangenehme Fragen stellen wollen, doch das hätte wohl genauso wenig genützt. Er hätte sie aus ihrem Job entlassen, ein letztes Gehalt gezahlt und sie dann aus seiner Zeitung und seinem Leben verbannt. Nein, das war eine Sache, über die Carleen sich erst einmal voll im Klaren sein mußte, ehe sie Jason mit ihrem Wissen konfrontierte. Sie hatte lediglich Tyra informiert, die nicht weniger überrascht reagiert hatte und kurzzeitig sogar sowas wie Sympathie für Jason empfunden hatte. Ein Kind zu verlieren, mußte fürchterlich sein, hatte sie gesagt, und Carleen sofort ihre Hilfe angeboten. Jetzt schien sie aber ziemlich gelangweilt von der ganzen Angelegenheit. "Cal, bitte. Warum fragen wir nicht einfach jemanden von der Zeitung, was er über Lindsay weiß oder rufen einen Freund von Jason an?" "Weil dieser Freund uns umgehend verraten würde und wir dann ein wirkliches Problem hätten. Jason hat bis jetzt überhaupt keinen blassen Schimmer davon, daß wir über seine Tochter Bescheid wissen. Wer weiß, was er tut, wenn er es erfährt? Dann sind wir unseren Job los." "Ja, und du deinen Kian." Carleen zog eine Grimasse. "Und ich meinen Kian, richtig. Leider wäre das dann gleichzeitig auch der Knockout für deine und Marks kleine Abenteuer unter der Bettdecke." Tyra schluckte. "Na ok, wir können vielleicht mal einen kleinen Blick in die Regale werfen, aber ich habe nicht vor, den ganzen Tag dort zu versauern." Gemeinsam erklommen sie die Stufen zum Eingang der Bibliothek, bevor Carleen die schwere Eichentür öffnete und ihre Mütze vom Kopf zog. "Wow." Große, hölzerne Regale ragten an den Wänden hervor und waren über und über mit Büchern gefüllt. Man hatte sie erst in verschiedene Genre unterteilt, dann noch mal nach ihren Anfangsbuchstaben. Unzählige Menschen huschten durch die Regale, nahmen Bücher heraus, lasen sie an und stellten sie zurück, oder machten es sich auf einer der ledernen Couches gemütlich und versanken vollkommen. Zwischen den Regalen standen auch einige Tische, auf denen sich kleine Lampen und ein paar Computer befanden. Wenn sich hier nichts finden ließ, dann wußte Carleen auch nicht weiter. "Gib mir bitte einen Tip, wo wir hier anfangen sollen. Das ist ja riesig." Tyra schien sich genau wie Carleen ziemlich verloren vorzukommen. Neugierig sah sie sich nach allen Seiten um. "Am Besten suchen wir uns erst mal zwei freie Plätze. Los." Sie steuerte auf einen der Tische zu und zog ihre Jacke aus, ehe sie diese mitsamt ihrer Tasche über den Stuhl hängte. "Ok, ich gehe da lang und du da lang. Such alle Zeitungsartikel heraus, die vom 29.Oktober des letzten Jahres stammen und bring sie hierher. Die Zeitungen müssen an diesem Tag voll mit Artikeln über Lindsay gewesen sein. Wenn du dort nicht fündig wirst, sieh bei den Zeitungen nach, die in der darauffolgenden Woche herausgegeben worden sind. Ich bin mir sicher, daß wir dort irgend etwas über sie finden." Tyra nickte. "Ist gut. Aber meinst du wirklich, daß wir in diesen Zeitungen auch den Grund dafür finden, warum Jason so einen Haß auf Kian hat? Er hat dir doch schon eine Erklärung gegeben. Kian war der Freund seiner Tochter und damit ist Jason nicht klargekommen. Fertig. Wo ist das Problem?" "Das Problem liegt darin, daß man wegen so etwas nicht das Leben eines Menschen ruiniert. Wer weiß, was Jason schon alles getan hat, um Kian fertig zu machen. T, ich bin mir fast sicher, daß das alles irgend etwas mit Lindsay’s Tod zu tun hat. Also streite nicht mit mir rum, sondern leg los. Wir treffen uns hier in einer Viertelstunde. Abmarsch." Carleen schob sie davon, bevor sie selbst hinter einem der vielen Regale verschwand und damit begann, einzelne Mappen auf der Suche nach Artikeln zu durchstöbern. Wenn sich der Verdacht von Carleen bestätigen würde, dann gab es einen Grund mehr, Kian die Wahrheit zu sagen. Sie kannte Jason lange genug und war der festen Überzeugung, daß er erst dann zufrieden sein würde, wenn er Kian alles genommen hatte, was ihm wichtig war. Immerhin war seine Tochter tot, und wenn Jason Kian auch nur minimal dafür verantwortlich machte, dann mußten sie vorsichtig sein. Jason war niemand, der Scherze machte. Dieser Gedanke hallte immer wieder in ihrem Kopf, als sie Mappe für Mappe unter ihren Arm schob und schließlich zurück zum Tisch ging. Tyra hatte sich bereits gesetzt und damit begonnen, erste Zeitungen durchzusehen. Man hatte sie sorgsam archiviert und nach der jeweiligen Zeitung und dem jeweiligen Erscheinungsjahr sortiert. "Schon was gefunden?" Tyra schüttelte den Kopf. "Ich habe beim Sentinel als erstes in den Todesanzeigen nachgesehen, aber außer ihrem Geburts- und Sterbedatum steht nichts weiter über Lindsay Callum drin." "Wundert mich nicht. Zum ersten Mal in seinem Leben scheint Jason auf gute Verkaufszahlen verzichtet zu haben. Ich glaube, wir kommen besser, wenn wir den Sentinel beiseite lassen und in den anderen Zeitschriften nachsehen." Carleen nahm neben Tyra Platz und war kurze Zeit später mindestens genauso vertieft wie sie. Seite für Seite blätterte sie um, studierte die Todesanzeigen, die Klatschspalten, die VIP-Seiten. Jason war ein geradezu berühmter britischer Verleger, also mußte der Tod seiner Tochter für einiges Aufsehen gesorgt haben. Carleen fragte sich zum wiederholten Male, warum sie nie etwas darüber gelesen oder gehört hatte. Zwar hatte sie erst weit nach dem Tod von Lindsay ihre Arbeit mit Jason begonnen, aber sie hätte trotzdem etwas darüber wissen müssen. Nun ja, sie und Tyra hatten nur selten eine Zeitung in der Hand. Der Besuch in der Bibliothek schien sich ewig hinzuziehen und Carleen war kurz davor, aufzugeben, als Tyra sie plötzlich mit dem Ellenbogen anstieß. "Hier, ich hab was. Lindsay Callum tot aufgefunden. Sie schreiben auch was über Kian." "Zeig her." Carleen zog die Mappe soweit zu sich herüber, daß sowohl sie als auch Tyra hinein sehen konnten. Das Foto von Jason und Lindsay stach ihr sofort ins Auge. Wahrscheinlich war es auf irgendeiner noblen Veranstaltung gemacht worden, denn sowohl er als auch seine Tochter waren vornehm und äußerst edel gekleidet. Jason lächelte, Lindsay dagegen starrte mit leerem Blick in die Kamera. Sie schien sich nicht wohl zu fühlen. Unter dem Foto und der reißerischen Überschrift war ein langer Bericht zu finden, der sich auch noch über die nächste Seite hinzog. Carleen begann, laut zu lesen: "Lindsay Callum, 20 Jahre alt und Tochter des Sentinel – Verlegers Jason Callum, wurde am späten Abend des 28. Oktobers tot in ihrer Wohnung in Dublin aufgefunden. Kian Egan (20), Mitglied der erfolgreichen irischen Boyband Westlife und enger Freund von ihr, alarmierte nach seinem Fund sofort einen Arzt. Dieser konnte jedoch nur noch den Tod der jungen Tänzerin feststellen, der durch eine Überdosis an Schlaftabletten verursacht worden war. Laut Aussage von Jennifer Brown, einer engen Freundin der Toten, litt Lindsay seit Monaten unter schweren Depressionen und Angstzuständen, die letztlich zu dieser verzweifelten Tat geführt haben sollen. Jason Callum verweigerte jegliche Stellungnahme zum Selbstmord seiner Tochter, seine Pressesprecherin ließ jedoch mitteilen, daß er tief betroffen sei." Was folgte, war ein kurzer Umriß ihres Lebens bis hin zu ihrem tragischen Tod, den das Blatt als erschütternd empfand und "in Gedanken bei der Familie der Toten" sei. Carleen atmete durch. Ihr Verdacht hatte sich ohne weiteres bestätigt. "Das ist es also. Er hat sie gefunden. Das hat er mir gegenüber mit keinem einzigen Wort erwähnt." Tyra stütze ihren Kopf auf beide Hände und zuckte mit den Schultern. "Ich glaube auch nicht, daß das ein Thema ist, worüber er gerne spricht. Nun, jetzt haben wir zumindest Gewißheit. Jason hat erfahren, daß Ki, den er sowieso nicht leiden konnte, seine Tochter gefunden hat und – schwupps – haßt er ihn noch mehr." Carleen schüttelte den Kopf. "Nein, ich glaube nicht, daß das schon alles ist. Wie ist der Name dieser Freundin doch gleich?" "Ähh, warte mal... Jennifer Brown. Warum willst du das wissen? Glaubst du, sie weiß mehr?" Tyra sah ihre Freundin überrascht an, als diese plötzlich aufstand, ihre Jacke nahm und zum Ausgang hastete. "Ich bin mir sogar sicher, daß sie das tut." "Ja, und was willst du jetzt machen? Tu mir den Gefallen und bleibe mal eine Minute stehen." Carleen drehte sich zu Tyra um. "Ich werde sie jetzt aufsuchen und sie zu dieser Sache befragen. Wenn sie wirklich so eine gute Freundin ist, wie die das in ihrem Blatt dort schreiben, dann weiß sie weit mehr als wir. T, es geht hier um Kian. Ich muß unbedingt wissen, was damals passiert ist." Tyra seufzte. "Ist schon ok. Tu mir nur einen Gefallen und steigere dich nicht ganz so in die Sache hinein. Du siehst blaß aus. Geht es dir gut?" "Ja, ja, mir ist nur ein wenig übel, das ist alles. Meinst du, ich kann dich alleine ins Hotel zurückfahren lassen?" Tyra lächelte mitfühlend, bevor sie nickte. "Ja, das kannst du. Aber bist du auch ganz sicher, daß du alleine gehen willst?" "Ja. Ich werde mir jetzt erst einmal eine Telefonzelle suchen und alle Browns abklappern, die dort zu finden sind. Hoffentlich wohnt sie hier in Dublin und nicht irgendwo am anderen Ende der Welt. Wünsch mir Glück." Sie küßte Tyra auf die Wange, ehe sie sich wieder umdrehte und davon lief. Es hatte zu regnen begonnen, aber Carleen nahm es nicht wirklich wahr, als sie die Straße herunterlief, auf der Suche nach einer Telefonzelle. Gott, wo war sie hier nur hineingeraten...?

Kapitel 37

Carleen bedankte sich höflich bei der alten Frau und verließ das Wohnhaus, das sie vor wenigen Minuten betreten hatte. Damit war nun auch Jennifer Brown Nummer 3 aus dem Rennen. Keine von ihnen kannte Lindsay Callum oder hatte schon einmal von ihr gehört. Blieb nur noch eine Frau übrig, und die wohnte glücklicherweise nur ein paar Blocks weiter. Seit sie wie eine Verrückte aus der Bibliothek gestürmt war, hatte Carleen die halbe Stadt durchquert, immer auf der Suche nach Antworten auf ihre Fragen. Jetzt befand sie sich in der Clanoak Street, in der die letzte Frau wohnte, die Carleen weiterhelfen konnte. Sie wohnte in einem Appartementhaus in der Dubliner Innenstadt, nicht weit von der Bibliothek entfernt, in der Carleen das erste Mal von Jennifer Brown gelesen hatte. Vielleicht war das ein gutes Zeichen. Mit zittrigen Fingern studierte Carleen die einzelnen Namensschilder, die man an den Briefkästen des Hauses angebracht hatte. Da war sie. J. Brown. Carleen wollte gerade klingeln, als ein älterer Herr die Eingangstür zum Haus öffnete und hinaus in den Regen trat. Er machte sich nicht erst die Mühe, ihr einen guten Abend zu wünschen, sondern trottete einfach nur an ihr vorbei. Glücklicherweise fiel die Tür langsamer ins Schloß als der Mann lief, so daß Carleen unbemerkt in den Hausflur schlüpfen konnte. Sie war äußert dankbar dafür, daß Jennifer im Erdgeschoß wohnte, denn je weniger sie laufen mußte, desto besser war das Ganze. Ihre Füße brachten sie um und sie wollte gar nicht erst wissen, wie sie die morgigen Proben überstehen sollte. Darüber machte sie sich allerdings keine Gedanken, als sie an die Tür von Jennifer Brown klopfte und wartete. Sie mußte jedoch nicht lange warten, denn schon bald waren von innen Schritte zu hören, die immer näher kamen und schließlich stehenblieben. Dann öffnete sich die Tür. "Hallo? Was kann ich für sie tun?" Die junge Frau lächelte Carleen freundlich zu und warf sich ihre schwarzen Haare über die Schultern. Sie hatte wohl keinen Besuch erwartet, denn sie trug lediglich eine Trainingshose und ein weites T-Shirt. Carleen erwiderte das Lächeln. "Guten Abend, mein Name ist Carleen Baker. Hätten sie vielleicht eine Minute Zeit für mich?" Sie hatte lange überlegt, ob sie sich unter ihrem richtigen Namen oder dem ausgedachten vorstellen sollte, doch sie hatte sich letztendlich für die erste Variante entschieden. "Wollen sie mir nicht vielleicht erst einmal sagen, womit ich ihnen helfen kann? Nehmen sie es mir nicht übel, aber für gewöhnlich lade ich keine Fremden in meine Wohnung ein." Carleen lächelte nervös. "Ja, das kann ich sehr gut verstehen. Ich bin hier, weil ich mit ihnen reden möchte. Über Lindsay Callum." Augenblicklich verschwand das Lächeln von Jennifer, ihre Schultern strafften sich. Volltreffer. "Was wissen sie über Lindsay?" "Eigentlich gar nichts. Deswegen bin ich auch hergekommen. Ich hatte gehofft, daß sie mir weiterhelfen könnten. Glauben sie mir, wenn es nicht wichtig wäre, würde ich sie nie und nimmer damit belästigen. Aber es ist eben sehr wichtig." Carleen hätte nichts machen können, wenn sie jetzt die Tür geschlossen und ihre Hilfe verweigert hätte. Zu ihrem eigenen Glück entspannte sich Jennifer jedoch ein wenig und nickte mit dem Kopf. "Also gut. Kommen sie herein." "Danke." Es war eine Wohnung wie jede andere auch, nichts ungewöhnliches, und doch hatte Carleen kein gutes Gefühl. Vielleicht, weil sie jetzt etwas hören würde, was sie gar nicht hören wollte. "Setzen sie sich doch bitte." Carleen nahm das Angebot dankend an und ließ sich auf der Couch im Wohnzimmer nieder. "Möchten sie vielleicht etwas trinken?" Jennifer schien ihren ersten Schock überwunden zu haben, denn sie fand schnell zu ihrer freundlichen Art zurück. Carleen schüttelte den Kopf. "Nein, danke. Machen sie sich bitte keine Umstände wegen mir. Ich möchte einfach nur ein paar Antworten auf meine Fragen, dann bin ich sofort wieder verschwunden." Es war ganz offensichtlich, daß Jennifer alles machen wollte, nur nicht über Lindsay reden. Doch genau deswegen war Carleen gekommen und sie hatte nicht vor, ihr Absichten zu ändern. Jennifer rieb sich nervös die Hände, ehe sie sich ebenfalls setzte. "Also gut. Was wollen sie wissen?" Darüber hatte Carleen noch nicht wirklich nachgedacht. Sie hatte viele Fragen, die sie stellen wollte, aber wo sollte sie anfangen? "Nun, vielleicht sollte ich ihnen erst einmal sagen, daß ich Lindsay nicht gekannt habe, und eigentlich auch nie etwas mit ihrer Person zutun gehabt hätte. Aber jetzt hat sich meine Situation geändert und ich muß dringend mehr über sie erfahren." Jennifer sagte nichts, also nahm Carleen das als ein Zeichen, um fortzufahren. "Eigentlich geht es nicht nur um Lindsay, sondern auch um Kian. Erinnern sie sich vielleicht noch an ihn?" "Kian Egan? Ja, natürlich tue ich das." Sie schien sichtlich darüber erfreut, seinen Namen zu hören. "Wie geht es ihm?" "Oh, es geht ihm sehr gut." "Das freut mich zu hören. Er ist einer der wenigen Freunde von Lindsay gewesen, die ich wirklich gemocht habe." Carleen wurde hellhörig. Kian hatte etwas anderes erzählt. "Die beiden waren also befreundet miteinander?" Jennifer schüttelte mit dem Kopf. "Also, sie waren kein Paar, wenn sie das meinen. Aber sie waren wirklich sehr enge Freunde. Leider hat das Lindsay nicht wirklich gereicht." Sie seufzte und sah auf ihre Hände. "Wie meinen sie das?" "Nun, wie soll ich das sagen.... sie und Kian hatten eine sehr innige und intensive Freundschaft, und Kian hatte nie einen Zweifel daran gelassen, daß er diese sehr schätzte. Er hat aber auch immer deutlich gesagt, daß mehr für ihn einfach nicht in Frage käme. Ich kannte Lindsay zu diesem Zeitpunkt schon sehr, sehr lange und wußte, daß sie sich durchaus mehr erhoffte. Allerdings hat sie sich nie getraut, offen mit ihm darüber zu sprechen und hat es daher so aussehen lassen, als wäre sie mit dem Stand der Dinge zufrieden. Wenn ich nur eher gewußt hätte, wie schlecht es ihr dabei ging." Ihre Stimme wurde leiser, fast unhörbar und es war nicht schwer zu erkennen, wie sehr sie gegen ihre Tränen ankämpfte. Trotzdem mußte Carleen weitere Fragen stellen, auch wenn sie sich selbst unsagbar schlecht dabei fühlte. Welches Recht hatte sie, hier herzukommen und solch schmerzliche Sachen wieder hoch zu holen? "Ist das der Grund, warum sie nicht weiterleben wollte? Weil Kian ihre Liebe nicht erwiderte?" Jennifer atmete einmal tief durch, ehe sie wieder aufsah und mit den Schultern zuckte. "Nicht nur. Wissen sie, Lindsay hat in ihrem Leben einiges durchmachen müssen. Ihr Vater erwartete von ihr, daß sie perfekt war, daß sie später einmal seine Stelle im Verlag einnehmen würde. Doch sie weigerte sich und wollte ihre eigenen Wege gehen, irgend etwas tun, was ihr Spaß machte, ihr Freude bereitete. Aber Callum ließ das nicht zu. Immer und immer wieder wies er sie auf ihre angeblichen Verpflichtungen der Familie gegenüber hin, sperrte sie in einen goldenen Käfig. Sie hatte schon als kleines Kind kaum Freunde, weil ihr Vater sie für etwas besonderes hielt und das nur zu gerne zeigte. Selbst wenn alle Kinder draußen spielten, saß sie in seinem Büro und mußte Hausaufgaben machen. Und trotzdem, trotzdem hat sie ihn geliebt, fast abgöttisch geliebt. Lange Zeit versuchte sie, ihm alles recht zu machen, doch je mehr sie um seine Anerkennung kämpfte, desto schlimmer wurde es. Irgendwann begann sie dann, an sich selbst zu zweifeln. Meinte, daß es nur ihre Schuld wäre, daß ihr Vater sie nicht liebt. Es war schwer, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Als Anthony dann wegging, wurde es noch schlimmer." "Anthony?" "Ihr älterer Bruder. Ich glaube, von allen aus ihrer Familie hat sie ihm am meisten vertraut und ihn geliebt. Er war diese Stütze in ihrem Leben, die sie so dringend brauchte. Doch auch er entsprach ganz und gar nicht den Vorstellungen seines Vaters. Sein Traum war eine Ranch in Montana und kein verstaubtes Büro in Dublin. Im Gegensatz zu Lindsay hatte er den Mut, nein zu sagen und sich nicht von seinen Zielen abbringen zu lassen. Als Anthony dann älter wurde, kam es zum Bruch mit seinem Vater. Es muß ziemlich übel gewesen sein, denn schon kurze Zeit später war Anthony auf dem Weg in die Staaten und weigerte sich, mit Jason zu reden. Das hat Lindsay das Herz zerbrochen. Sie sagte, daß sie nun auch den zweiten Mann, den sie liebte, verloren hätte. Erst ihren Vater, dann Anthony." Carleen begriff genau in dem Moment, wie glücklich sie eigentlich war. Wie verzweifelt mußte Lindsay um die Liebe ihres Vaters gekämpft haben, bevor sie endgültig aufgegeben hatte....sich und ihr Leben aufgegeben hatte. "Sie hat also nie wieder etwas von ihm gehört?" Überrascht stellte Carleen fest, daß ihre Stimme zitterte. "Oh doch, das hat sie. Sehr oft sogar. Aber trotzdem konnte es sie nicht davon abhalten, sich selbst die Schuld für seinen Weggang zu geben. Das ist doch verrückt, oder? Sie war durch und durch von Zweifeln zerfressen und konnte einfach nicht sehen, was für eine wundervolle Person sie eigentlich war. Doch alles schien besser zu werden, als sie Kian kennenlernte. Sie glauben gar nicht, wie verrückt sie von ihm geschwärmt hat. So hatte ich Lindsay noch nie erlebt. Den Mann ihres Lebens hätte sie gefunden, hat sie gesagt, und wie verrückt gelacht. Natürlich war sie enttäuscht darüber, daß Kian sie zurückgewiesen hatte, wenn auch nicht absichtlich, aber sie trug es mit sehr viel Fassung. Also wurden sie Freunde, sehr gute Freunde, die sich in ihrer Freizeit ständig auf der Pelle hingen und gemeinsam durch die Nachtclubs zogen. Er war jemand, auf den sie sich hundertprozentig verlassen konnte, ganz gleich, was war. Selbst als er furchtbaren Streß mit der Band hatte, rief er sie an, besuchte sie und ging mit ihr aus. Manchmal hatte ich das Gefühl, daß er wußte, was Lindsay schon alles durchgemacht hatte und ihr helfen wollte. Doch leider konnte auch er das unaufhaltsame nicht verhindern." Jennifer machte eine Pause und fuhr sich mit einer Hand über ihre nassen Augen. Dann sprach sie weiter, genauso leise und ruhig wie zuvor. "Es war der 28. Oktober, kurz nach acht. Ich wußte, daß sie sich an diesem Abend mit Kian hatte treffen wollen. Er war wieder in der Stadt und sie wollten die Gelegenheit nutzen, um ins Kino zu gehen. Darüber war ich wirklich froh, denn Lindsay hatte ein paar Tage zuvor ihren Job verloren und war deswegen ziemlich geknickt. Als sie mich dann anrief, war ich ziemlich überrascht, denn eigentlich hätte sie schon seit Stunden mit Kian unterwegs sein sollen. Ich nahm den Hörer ab und hörte sie weinen. Es war kein hysterisches Weinen, sondern viel mehr ein Schluchzen. Sie hatte getrunken. Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, fragte ich sie, was los sei. Zuerst verstand ich sie nicht, aber dann sprach sie laut und deutlich. Sie sagte, daß Kian sich nicht gemeldet hätte und ihre Verabredung wohl einfach vergessen hatte. Also hatte sie auf seinem Handy angerufen. Anstatt Kian war jedoch eine junge Frau ran gegangen und nur im Hintergrund hatte sie sein Lachen gehört. Ich wußte augenblicklich, daß ihr das sehr zu schaffen machte, denn sie war so etwas einfach nicht von ihm gewohnt. Selbst wenn er es nicht zu einer Verabredung schaffte, rief er sie trotzdem noch an und entschuldigte sich. Sie war nicht darauf gefaßt, Kian mit einer anderen Frau vorzufinden. Obwohl sie sich immer bewußt war, daß er mit anderen Frauen ausging, brach es ihr das Herz. Ich versuchte, auf sie einzureden und ihr zu sagen, daß sich das alles klären wird, aber sie hörte nicht zu. Irgendwann sagte sie: "Jetzt habe ich auch den letzten Mann verloren, den ich wirklich liebe." Und dann legte Lindsay auf." Jennifer starrte vor sich hin, vollkommen in Gedanken verloren. Carleen wußte nicht, was sie sagen sollte. "Das tut mir so leid." "Glauben sie mir, daß muß es nicht. Ich weiß wirklich nicht, was wir hätten tun oder sagen können, damit sie bei uns bleibt. Sie war so vielem Schmerz einfach nicht gewachsen." Carleen konnte nur zaghaft mit dem Kopf nicken. Dann strafften sich die Schultern von Jennifer, ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. Sie hatte die Tür wieder hinter sich geschlossen und wollte nicht weiter daran denken. "Wenn es ihnen nichts ausmacht, wäre ich jetzt gerne wieder ein Weilchen alleine. Ich hoffe, ich konnte alle ihre Fragen beantworten. Zwar weiß ich nicht, warum sie sie stellen, aber ich weiß, daß sie jemand sind, der die Wahrheit dringend wissen mußte." Gemeinsam gingen sie zur Tür. Carleen wollte gerade gehen, als sie sich noch einmal umdrehte. "Sagen sie, Jennifer, haben sie nach Lindsay’s Tod noch einmal mit ihrem Vater gesprochen? Ich meine, mit ihm über das Telefonat gesprochen? Über Kian?" Sie nickte. "Ja, ja, das habe ich. Er hatte gesehen, daß meine Nummer als letztes gewählt worden war, kurz bevor sie.... nun ja, er fragte mich, worüber wir uns unterhalten hatten. Das hielt ich für eine passende Gelegenheit, ihm zu sagen, was für ein verdammter Mistkerl er ist. Die Liebe seiner Tochter hatte er sich in keinster Weise verdient." "Da haben sie recht. Vielen Dank für ihre Hilfe, Jennifer. Das werde ich ihnen nie vergessen." Die Tür schloß sich und Carleen trat wieder hinaus in die Kälte. Sie wußte nicht, wie lange sie im Wohnzimmer gesessen hatten, aber es mußte eine ganz Weile gewesen sein, denn mittlerweile war es dunkel geworden, nur vereinzelt liefen noch ein paar Menschen die Straße entlang. Sie knöpfte sich ihre Jacke zu und vergrub ihre Hände in den Taschen, ehe sie den Weg zurücklief, den sie gekommen war. Sie sah Lindsay’s Gesicht vor sich, sah ihre Tränen, ihre Verzweiflung. Oh ja, Jason mußte Kian wirklich hassen...

Kapitel 38

Am nächsten Tag war Carleen nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sie hatte die Nacht zuvor kein Auge zumachen können und fühlte sich auch dementsprechend. Kian war viel später als sie selbst ins Hotel zurückgekehrt und hatte nicht mehr an ihre Tür geklopft. Carleen war sich noch nicht sicher, ob sie darüber froh oder doch eher enttäuscht sein sollte. Mittlerweile war es schon fast zur Gewohnheit für sie geworden, neben ihm einzuschlafen und in seinen Armen wieder auf zu wachen, doch auf der anderen Seite hatte sie fast ein wenig Angst davor, ihm zu begegnen, jetzt, wo sie soviel wußte. Dementsprechend verliefen auch die Proben und der Rest des Tages. Carleen befolgte Taylor’s Anweisungen, wenn auch nur halbherzig, und vermied in den Pausen jeglichen Kontakt mit den anderen. Nicht, weil sie von ihnen genervt war oder nicht mit ihnen reden wollte, sondern weil sie sich einfach immer noch viel zu viele Gedanken um den Vortag und das dort Geschehene machte. Sie war jetzt gezwungen, zu handeln, ganz gleich ob ihr das paßte oder nicht. Und es paßte ihr ganz und gar nicht. Als Taylor sie dann während der Proben auch noch kritisierte, war es mit ihrer Beherrschung vorbei. "Jess, das ist keine Spannung, was du da hast. Du mußt dich größer machen. Wo ist dein Problem?" "Fuck, du bist mein Problem, ok? Ich habe jeden Schritt so getanzt, wie du ihn haben wolltest und trotzdem ist es dir nicht recht. Tut mir furchtbar leid, daß ich heute nicht über die Möglichkeiten eines Durchschnittsmenschen hinaus wachse, nur um dir mit deinem Perfektionismus zu gefallen. Bis vor ein paar Stunden ging es mir noch großartig." Taylor war für gewöhnlich niemand, der sich derart angreifen ließ, doch diesmal war es anders. Er begnügte sich damit, Carleen einen wütenden Blick zuzuwerfen, bevor er die Probe für beendet erklärte. Carleen atmete erleichtert auf, nahm ihre Sachen und verschwand nach oben. Sie wußte, daß Kian wahrscheinlich jeden Moment bei ihr auftauchen und sie fragen würde, was los war. Er hatte sie die ganzen Proben über nicht aus den Augen gelassen und auch dann versucht, mit ihr zu reden, wenn sie sich abgewandt und ihn ignoriert hatte. Natürlich war ihr klar, daß sie ihn damit verärgert hatte, aber sie war überhaupt nicht in der Lage dazu, anders zu handeln. Einen weiteren Gefühlsausbruch konnte sie sich vor ihm nicht leisten. Betrübt schloß sie die Tür ihres Zimmers hinter sich und ging unter die Dusche. Hinterher legte sie sich auf ihr Bett und versuchte, ein wenig Schlaf zu finden. Wenn ihr das schon nicht nachts gelang, dann wenigstens dann, wenn sie zwei Stunden Knochenarbeit hinter sich hatte. Und es half. Als Carleen wieder aufwachte, war es bereits dunkel draußen, Regel prasselte an ihr Fenster. Sie wollte sich strecken, doch irgend etwas hinderte sie daran. Da erst merkte sie, daß jemand einen Arm um sie gelegt hatte. Erschrocken drehte sie sich herum. Blaue Augen sahen sie an. "Kian? Was, was machst du hier?" Anscheinend hatte sie so tief geschlafen, daß sie ihn nicht hatte herein kommen hören. "Du hast nicht abgeschlossen und ich habe mir Sorgen gemacht." Mit einer Hand fuhr er hinauf zu ihrer Wange und streichelt sie. "Das heißt, du warst die ganze Zeit hier, als ich geschlafen habe?" Vielleicht hatte sie deswegen so gut schlafen können. Kian nickte. "Ich war hergekommen, um mit dir zu reden, aber du hast bereits tief und fest geschlafen. Geht es dir gut?" Das war nicht zu fassen. Er machte sich Sorgen, und sie hatte nichts besseres zu tun, als ihn mit Füßen zu treten. Carleen hatte augenblicklich ein schlechtes Gewissen und versuchte, zu lächeln. "Ja, schon. Wahrscheinlich bin ich einfach nur ein wenig gereizt, nichts weiter." Sie konnte nicht sehen, ob er ihr glaubte oder nicht, aber auf jeden Fall gab er sich mit dieser Antwort zufrieden. Er rutschte näher an sie heran und küßte ihre Stirn. "Du hast mir gefehlt letzte Nacht. Tut mir leid, daß es so spät geworden ist, aber Colm ließ sich einfach nicht dazu überreden, mich zurückfahren zu lassen. Also bin ich noch zum Abendessen geblieben. Hast du was gefunden?" "Was?" "Gestern, als du einkaufen warst. Hast du was schönes gefunden?" Carleen hatte etwas gefunden, aber ob das unbedingt schön war, war eine andere Sache. "Oh, nicht wirklich. Ich habe mich einfach nur ein wenig umgesehen." "Mhh. Jess, was hältst du davon, wenn wir nachher noch weggehen? Es muß nichts großartiges sein, nur irgendwohin, wo wir ungestört sind und du dich ein wenig entspannen kannst. Du siehst wirklich nicht gut aus." Carleen verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse. "Vielen Dank, Egan. Da geht es mir doch gleich viel besser." Kian lachte leise. "Du weißt, wie ich das meine, Jess. Fehlt dir auch wirklich nichts?" Er sah sie besorgt an. "Nein, tut es nicht. Vielleicht wäre es besser, wenn ich mich noch ein wenig hinlege. Ich bin sicher einfach nur übermüdet." "Gut, dann versuch, weiter zu schlafen. Ich gehe nur schnell in mein Zimmer und checke meine Emails, okay? Bin gleich wieder da." Er beugte sich ein wenig zu Carleen hinunter und küßte sie, bevor er aufstand und zur Tür ging. "Bis später." Carleen wartete, bis Kian das Zimmer verlassen hatte, ehe sie ihr Gesicht in den Kissen vergrub. Wenn sie dieses Geheimnis noch länger für sich behalten müßte, würde sie platzen. Sie haßte es, Kian anlügen zu müssen, aber wenn sie es ganz genau nahm, tat sie seid ihrer Ankunft in Dublin ja überhaupt nichts anderes. Wie lange konnte sie das alles noch für sich behalten, ohne unter dem Druck, der auf ihr lastete, zusammenzubrechen? Bevor sie eine Antwort darauf finden konnte, wurde die Tür zu ihrem Zimmer ruckartig aufgerissen und Tyra kam herein gerannt. "Ok, wir haben ein Problem." "Wir haben was?" Carleen setzte sich in den Schneidersitz und sah ihrer Freundin dabei zu, wie sie nervös vor dem Bett auf und ab lief. Tyra blieb stehen und sah sie an. "Brandon will dich an Jason verpfeifen. Und wenn er das tut, dann ist die Hölle los." Anscheinend war sie wirklich beunruhigt, denn sonst hätte sie aufgehört, in Rätseln zu sprechen. "Wer soll mich wo verpfeifen? T, ich verstehe keine Wort von dem, was du sagst." "Fein, dann werde ich deutlicher. Brandon hat Jason angerufen, und gesagt, daß er dringend mit ihm über dich reden muß. Und was glaubst du wohl, was das heißt? Er wird alles erzählen, alles über dich und Kian. Frag mich nicht, warum er das tut, aber er tut es. Was dann passiert, kannst du dir ja wohl blendend vorstellen. Jason wird die ganze Sache selbst in die Hand nehmen und uns feuern, ganz zu schweigen von den Jungs, die uns dann auf ewig hassen werden." Carleen hatte auf ihre Frage wohl schneller eine Antwort gefunden, als ihr lieb war. An Brandon hatte sie die ganze Zeit überhaupt nicht gedacht, dabei war er derjenige, der mit ein paar winzigen Worten alles zum Einsturz bringen konnte. Er nahm seine Arbeit viel zu ernst, als daß er Jason etwas derartiges vorenthalten würde. Verdammt. "Aber warum ausgerechnet jetzt? Brandon hätte mich schon vor einer halben Ewigkeit verpfeifen können, und er hat es nicht getan. Bist du dir auch ganz sicher, daß er mit Jason darüber sprechen wollte? Vielleicht hast du dich ja auch einfach nur verhört." Tyra schüttelte den Kopf. "Schöne Vorstellung, aber das habe ich mich ganz sicher nicht. Cal, wir müssen uns was einfallen lassen und das ganz schnell. Wenn Jason jetzt von dir und Kian erfährt, dann bist du erledigt. Er wird die ganze Aktion hier abbrechen, was bedeutet, daß unsere Tarnung schlagartig aufliegt. Dann wird dir keine Zeit mehr bleiben, Kian alles zu erklären." Carleen hatte plötzlich furchtbare Kopfschmerzen. Tyra redete schneller, als sie ihr folgen konnte. "Wir sollten jetzt nichts überstürzen. Als erstes muß ich wissen, was diese ganze Sache mit Jason und Lindsay auf sich hat, dann sehen wir weiter. Außerdem würde Jason sich nicht selber ins Bein schießen. Er hat irgend etwas vor und solange er sein Ziel nicht erreicht hat, wird er uns auch nicht einfach feuern. Wer weiß, vielleicht kommt ihm die Sache mit mir und Kian ganz gelegen. Ist doch gut möglich, daß er glaubt, dadurch mehr Informationen zu bekommen. Also sollten wir mitspielen und ihn in diesem Glauben lassen." Carleen stand auf und ging hinüber zum Fenster. Ihr kam es so vor, als wäre der Regen mit jedem Wort, das Tyra gesprochen hatte, stärker geworden. Mittlerweile goß es in Strömen. "Wenn du wissen willst, was Jason vorhat, warum redest du dann nicht einfach mit Kian? Ich meine, er sollte doch am allerbesten wissen, was damals zwischen ihm und Lindsay’s Vater vorgefallen ist." "Das weiß ich doch schon längst. Jennifer Brown hat mir gestern alles erzählt. Jason glaubt tatsächlich, einen triftigen Grund zu haben, um Kian zu hassen. Wenn ich nur verdammt noch mal wüßte, was er vorhat." Sie schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch vor sich und atmete tief durch. Angst. Aus irgendeinem Grund hatte sie Angst. Vielleicht, weil sie Jason kannte und wußte, daß er einen Menschen in Sekundenbruchteilen vernichten konnte, wenn er es wollte. Und er wollte es. "Cal, das wächst uns hier über den Kopf. Und wenn du Kian wirklich helfen willst, dann solltest du mit ihm reden. Ich habe keine Lust, mir weiter Sorgen um dich machen zu müssen, nur weil du deine Grenzen nicht kennst. Wie lange willst du das denn noch mitmachen? Wie lange willst du ihn noch belügen? Herrgott, wenn ich nicht wüßte, wie sehr du an ihm hängst, dann würde ich dich an die Hand nehmen und zurück nach London schaffen. Nur weiß ich eben, daß du diesen Kerl liebst und darum nimm meinen Rat an, Cal. Wenn er die ganze Wahrheit nicht von dir erfährt, dann von irgend jemandem sonst. Das läßt sich doch nicht ewig verheimlichen." Carleen drehte sich wieder zu Tyra herum und sah sie an. Sie sah ihr direkt in die Augen und wußte, daß sie Recht hatte. Trotzdem ging es nicht. Sie konnte das einfach nicht tun. "Das kannst du nicht von mir verlangen. Hast du eine Ahnung, wie sehr ich mich davor fürchte, ihn zu verlieren? Ich weiß ja, daß ich es ihm irgendwann sagen muß, aber nicht jetzt. Es ist im Moment wunderschön zwischen uns und um nichts in der Welt will ich das kaputt machen. Vielleicht kann ich ihn irgendwie langsam darauf vorbereiten, anstatt ihn vor vollendete Tatsachen zu stellen." "Natürlich, langsam drauf vorbereiten. ‚Hey Ki, ich bin gar keine Tänzerin und eigentlich arbeite ich für den Vater deiner toten Freundin. Oh, und daß ich in Wirklichkeit gar nicht Jessica heiße, das verrate ich dir dann morgen.‘ Vergiß es, Carleen, das ist lächerlich." "Das meinst du vielleicht. Aber immerhin bist du ja auch nicht diejenige, die in diese ganze verdammte Sache hier Gefühle investiert. Es ist ja gut möglich, daß du hier einfach so hinaus gehen und dich nie wieder umdrehen kannst, aber ich kann das nicht. Warum läßt du mich nicht einfach selber entscheiden, was ich tue und was nicht?" Sie war wütend. Wieder einmal. Wieder einmal wütend auf sich, Tyra, die ganze Welt. Wahrscheinlich hatte Tyra Recht. Carleen war der Situation einfach nicht mehr gewachsen. "Weil ich deine Freundin bin und mir Sorgen um dich mache, ok? Du kannst nicht einfach von mir erwarten, daß ich mir weiterhin mit ansehe, wie du selber alles nur noch schlimmer machst. Verstehst du das denn nicht? Der Zeitpunkt ist gekommen, an dem wir die Karten endlich auf den Tisch legen müssen." "Und was heißt das?" Tyra atmete tief durch, ehe sie dem Blick von Carleen begegnete – und ihm standhielt. "Ganz einfach. Du wirst zu Kian gehen und ihm alles sagen. Versteh mich bitte nicht falsch, aber wenn du es nicht tust, dann tu ich es." Das hatte Carleen nicht erwartet. Freundin hin oder her, diesmal ging Tyra mit ihrer Fürsorge eindeutig zu weit. Sie wollte gerade etwas erwidern, als die Tür zu ihrem Zimmer aufging. Kian. Und sein Gesicht sagte alles.

Kapitel 39

Carleen fiel erst jetzt auf, daß Tyra die Tür beim Hereinkommen nicht vollkommen geschlossen, sondern nur angelehnt hatte. Kian hatte dahinter gestanden, nur wußte sie nicht, wie lange. Hoffentlich nicht zu lange. Er sah sie noch immer an, sein Gesicht ein einziger Spiegel von Verständnislosigkeit, während Carleen weiterhin überlegte, was sie nun noch sagen sollte. Hatte er alles gehört, wußte er nun, wer sie war? Wenn ja, dann durfte sie jetzt nicht unüberlegt handeln, denn das würde mit Sicherheit alles nur noch schlimmer machen. Wenn das überhaupt noch möglich war. Sie wartete darauf, daß er etwas sagen würde, doch statt dessen lächelte er. Er lächelte. "Scarlett, würdest du mich und Jess bitte für einen Moment alleine lassen?" Carleen griff nach der Tischkante hinter sich und hielt sich daran fest. Scarlett und Jessica. Nicht Tyra und Carleen. Er hatte also keine Ahnung. "Kein Problem. Ich bin in meinem Zimmer, falls ihr mich suchen solltet." In Windeseile rannte sie an Kian vorbei und schloß die Tür hinter sich. Sie war anscheinend mehr als froh, sich so unbeschadet aus der Situation gerettet zu haben. Jetzt war Carleen an der Reihe. "Worüber habt ihr zwei geredet?" Kian warf seinen Zimmerschlüssel aufs Bett und ging zu ihr hinüber. Wollte er sie testen oder hatte er wirklich keine Ahnung? Carleen zuckte mit den Schultern. Ihr gefiel es nicht, wie er sie ansah und mit ihr redete. Irgend etwas war definitiv nicht in Ordnung, soweit kannte sie ihn bereits. "Nichts besonderes. Das ganze war eigentlich vollkommen belanglos." Sie wollte an ihm vorbei ins Bad gehen, doch er hielt sie am Arm fest und zog sie zurück. "Was...?" Carleen war überrascht über die Art und Weise, wie er nun mit ihr umging. Kian würde ihr nie weh tun wollen, weder körperlich noch seelisch. Doch es tat weh. "Anscheinend so unwichtig, daß du es mir nicht erzählen willst, richtig?" Seine Augen brannten sich in die ihrigen und suchten nach einer Antwort. Verdammt, es war doch gerade noch so offensichtlich gewesen, daß er nichts gehört hatte. Warum benahm er sich jetzt so? "Kian, du tust mir weh." Sie versuchte sich aus seinem Griff zu winden, doch er hielt sie weiterhin fest und zog sie näher zu sich heran. "Beantworte meine Frage, Jess." In seiner Stimme lag nichts drohendes oder gefährliches, trotzdem war Carleen augenblicklich klar, daß er sie nicht gehen lassen würde, wenn sie seine Frage nicht beantwortete. "Ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Und jetzt laß mich bitte los." Carleen starrte auf seine Hand, die sie immer noch festhielt, doch anstatt loszulassen, verfestigte sich sein Griff noch mehr. "Nein, diesmal wirst du nicht wieder davon rennen und mir ausweichen. Was meinte Scarlett damit, als sie sagte, daß sie es mir sagt, wenn du es nicht tust?" Großartig. Er hatte zwar nicht die ganze Unterhaltung mit angehört, aber zumindest soviel, um mißtrauisch zu werden. Carleen hatte keine Ahnung, wie sie ihm das jetzt erklären sollte. Und woher nahm er sich überhaupt das Recht, sie so zu behandeln. Sie war keine von seinen Lakaien, mit denen er so umspringen konnte. "Das geht dich nichts an. Wenn du mich jetzt bitte –" "Das reicht. Ich will wissen, worüber ihr geredet habt und was Scarlett damit gemeint hat. Es ist mein voller Ernst, also wage es nicht, mir zu sagen, daß es mich nichts angeht. Anscheinend gibt es etwas, was du mir nicht sagen willst, und ich würde gerne wissen, was das ist. Jetzt." Was war aus dem Mann geworden, der noch vor wenigen Tagen gesagt hatte, daß er sie nicht drängen würde? Anscheinend hielt er nicht mehr sehr viel von diesem Vorsatz. "Das ist doch lächerlich, Kian. Sie hat lediglich überreagiert, das ist alles. Es gibt überhaupt nichts, was ich dir sagen müßte." Diesmal ließ er sie los, als sie sich unter seinem Griff wand und schließlich einen Schritt zurück machte. "Meiner Meinung nach hörte sich das gerade eben aber noch ganz anders an. Jess, warum redest du mit ihr über etwas, was du mir dann verheimlichst? Ich dachte, du wärst offen zu mir und würdest zu mir kommen, wenn dich etwas bedrückt. Müssen wir das alles noch einmal durchkauen?" Carleen schüttelte den Kopf, während sie sich ihren Arm rieb, an dem Kian sie so grob angefaßt hatte. "Ich will doch auch offen zu dir sein, aber das hier war nichts von Bedeutung. Warum kannst du das nicht akzeptieren und damit aufhören, dich selber verrückt zu machen? Du hast selber gesagt, daß du mir Zeit geben würdest und mich nicht drängst." Aus irgendeinem Grund war sie schon wieder den Tränen nahe, doch sie hatte die Kraft, ihnen Widerstand zu leisten und sie zurückzudrängen. Kian trieb sie mehr und mehr in die Enge und wenn sie nicht aufpaßte, würde er die Wahrheit schneller wissen, als ihr lieb war. "Der Meinung bin ich auch nach wie vor, Jess. Doch ich verstehe nicht, wie du deine Geheimnisse und Ängste mit einer Frau teilen kannst, die du erst seit ein paar Wochen kennst und sie mir dann vorenthältst. Jess, ich sehe doch, daß irgend etwas dich beschäftigt und das nicht erst seit heute. Aber ich kann es nicht besser machen und dir helfen, wenn du mir nicht sagst, worum es geht." "Du mußt es auch nicht besser machen. Es geht mir hervorragend." sagte sie schnippisch, bevor sie im Bad verschwand und ihre Hände unter den Wasserhahn hielt. "Hör auf damit. Es ist doch ganz offensichtlich, daß etwas mit dir nicht stimmt und wenn du es mir nicht freiwillig sagst, werde ich es wohl einfach aus dir heraus kitzeln müssen." Kian tauchte hinter ihr auf und schlang beide Arme um ihre Hüften, während er sie durch den großen Wandspiegel, der über dem Waschbecken hing, beobachtete. Carleen war erleichtert. Wenn er so redete, dann brauchte sie keine Angst haben, daß er sie weiter zu einer Antwort zwingen würde. Gut. "Dich und deine Launen werde ich wohl nie verstehen. Gerade eben warst du kurz davor, mir den Arm zu brechen, jetzt willst du spielen. Merkwürdig." Sie sah ihn immer noch nicht an, sondern wusch sich ihr Gesicht und griff dann nach dem Handtuch, daß an einem Haken neben dem Spiegel hing. Eigentlich hatte sie wirklich keinen Grund, Kian ein schlechtes Gewissen einzureden, wo sie doch selber mehr als genug vor ihm verheimlichte, doch sie würde sich trotzdem nicht noch einmal so behandeln lassen. Kian machte ein trauriges Gesicht und schob seine Unterlippe nach vorne. Carleen mußte sich ein Grinsen verkneifen. "Versuch es nicht einmal, Egan. Vielleicht zieht das bei deinen Fans, aber bei mir ganz sicher nicht." Carleen stellte den Wasserhahn ab und drehte sich zu ihm herum. "Ach ja? Dabei dachte ich immer, du wärst mein größter Fan. Tut mir leid, daß ich gerade eben so grob zu dir war. Ich bin ein riesengroßer Idiot, aber ich möchte einfach nur nicht, daß irgend etwas zwischen uns steht. Verstehst du das?" "Mhh." Kian lachte, bevor er Carleen zu sich heranzog und sie umarmte. "Dieses Mhh kenne ich. Du glaubst mir kein einziges Wort, oder? Wo tut es denn weh?" Carleen zuckte mit den Schultern, ehe sie ihr Gesicht an seinem Hals vergrub und die Augen schloß. Es war wohl wirklich unmöglich, länger als ein paar Minuten wütend auf ihn zu sein. "Hier?" Er fuhr mit einer Hand bis zu der Stelle an ihrem Arm hinunter, an der er sie vorhin so hart festgehalten hatte und streichelte zärtlich darüber hinweg. "Mhh. Und hier." Carleen legte sich einen Finger auf ihren Mund. Kian lachte leise, bevor er sich zu ihr hinunter beugte und ihre Lippen leicht streifte. "Was soll ich bloß mit dir machen?" flüsterte er leise. "Mich küssen." Als ob er dazu noch eine Aufforderung gebraucht hätte. Es war ein sanfter und sehr zärtlicher Kuß, und trotzdem bewies er ohne Zweifel, was Kian wollte. Er wollte sie. "Nicht so stürmisch, Mister. Ich sollte mich hinlegen und schlafen, schon vergessen?" Carleen küßte ihn noch einmal kurz auf die Nasenspitze, bevor sie seine Hand nahm und ihn wieder mit rüber ins Zimmer zog. "Dann solltest du aufhören, mich so zu küssen, denn sonst wird Schlaf das Letzte sein, woran du heute nacht denkst." Kian zog sie wieder zu sich heran und ließ sich mit ihr aufs Bett fallen. Carleen lachte leise, während sie näher an ihn heran rutschte und sich mit ihrem Ellenbogen auf der Matratze abstützte. Sie lagen eine ganze Weile nur so da und sahen sich an, ehe Kian wieder das Wort ergriff. "Ich gebe dem Hello! morgen ein Interview." sagte er und richtete sich ebenfalls ein wenig auf. Carleen zog eine Augenbraue in die Höhe. "Warum?" "Wegen Lilly. Du hast doch gesagt, daß ich den Schritt nach vorne wagen soll und genau das habe ich gemacht. Louis ist damit mehr als einverstanden. Er meint, daß es eine gute Publicity für die Tour wäre, obwohl ich nicht weiß, ob ich mich wirklich darüber freuen soll. Ich wollte Lilly um jeden Preis aus Westlife raushalten, aber anscheinend ist das nicht möglich und ich war naiv, das zu glauben." Kian seufzte und zuckte mit den Schultern. Anscheinend war es ein schwerer Schritt für ihn gewesen, selber an die Öffentlichkeit zu gehen, doch er würde es nicht bereuen, dessen war Carleen sich sicher. "Das war in keinster Weise naiv. Du wolltest sie lediglich beschützen, das ist alles. Und wer sagt denn, daß Lilly nach diesem Interview nicht wieder zu ihrem normalen Leben zurückkehren kann? Du weißt doch, wie die Leute sind. Zuerst ist alles eine Riesensensation und irgendwann verliert man das Interesse daran. Was hat Alex gesagt?" "Natürlich war sie zuerst genauso wenig begeistert von der Idee wie ich, aber mittlerweile sieht sie ein, daß es so besser ist. Immerhin müssen wir Lilly dann nicht dauernd verstecken und fürchten, von irgendwelchen Fotografen entdeckt zu werden. Sicherlich wird das Interesse an ihr jetzt erst einmal schlagartig steigen, aber ich hoffe, daß sich das mit der Zeit dann alles legt, genauso, wie du es gesagt hast. Hello! hat für den Bericht vier Seiten vorgesehen. Sie wollen ein paar Fotos von ihr und dann das Interview dazu abdrucken, das ich ihnen gebe." "Das heißt, Lilly wird morgen hier sein?" Kian schüttelte den Kopf. "Nein, Alex hat mir noch ein paar Fotos von ihr geschickt, die wir veröffentlichen lassen. Ich möchte nicht, daß Lilly mit dieser ganzen Sache mehr belastet wird, als unbedingt nötig ist. So ein Fotoshooting ist schon für mich der totale Horror, ich möchte gar nicht wissen, wie meine Tochter sich dabei fühlen würde. Hoffentlich geben sie sich damit für den Anfang zufrieden." "Das werden sie bestimmt. Hello! hat einen ziemlich guten Ruf und wird versuchen, das Beste aus der Sache zu machen. Und du bist dir auch ganz sicher, daß du das tust, weil du es willst? Ich wollte dich wirklich zu nichts zwingen, ich hielt es einfach nur für besser, daß du derjenige bist, über den die Öffentlichkeit von Lilly erfährt. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn irgend jemand durch Zufall erfahren würde, wer sie ist." Sofort dachte Carleen an Jason und daran, auf welche Weise er das Privatleben von Lilly bis ins Letzte ans Tageslicht befördert hätte. Und es hätte ihm unheimliche Genugtuung bereitet. Was würde er wohl sagen, wenn die Story, auf die er so sehr gehofft hatte, jetzt in einem anderen Magazin veröffentlicht werden würde? "Du hast mich zu rein gar nichts gezwungen, Jess, sondern mir lediglich die Augen geöffnet. Herrgott, sie ist meine Tochter und ich kann sie nicht ewig verstecken. Mit meinem Job wäre es wahrscheinlich sowieso nur eine Frage der Zeit gewesen, bis irgend jemand dahinter gekommen wäre. So kann ich selber entscheiden, was gesagt wird und was nicht." Carleen nickte langsam, bevor sie ihren Kopf wieder auf die Matratze zurückfallen ließ und einen Arm auf Kian’s Brust legte. Sie schloß die Augen, als Kian leise zu singen begann und sie näher an sich heran zog. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie ewig dort liegen und ihm zuhören können, doch sie wußte, daß das nicht möglich war. Eine weitere Hürde hatten sie überquert, aber es gab noch weitere, die auf sie zukamen und diese würden sich nicht so leicht aus dem Weg räumen lassen. Wann war der Moment gekommen, in dem sie ihm endlich die Wahrheit sagen konnte? Würde er überhaupt kommen? Carleen seufzte leise, als sie sich noch enger an Kian preßte und versuchte, die wirren Gedanken aus ihrem Kopf zu streichen. Wieder einmal war sie beunruhigt, doch es war schlimmer als jemals zuvor. Sie fühlte sich unwohl und auch Kian’s Umarmung und seine vertraute Stimme konnten daran nichts ändern. Vielleicht wußte sie da schon, daß ihr noch etwas bevorstand, womit sie nie und nimmer gerechnet hätte und das hinterher nichts mehr so sein würde, wie es einmal war...

 Kapitel 40

Die nachfolgenden Tage brachten Westlife eine Publicity, wie sie selbige vorher noch nie erlebt hatten. Zum einen machte die heimliche Hochzeit von Bryan und Kerry die Runde, zum anderen war Lilly eingeschlagen wie eine Bombe. Nach Veröffentlichung des Artikels standen die Telefone im Hotel nicht mehr still und an jedem auch nur erdenklichen Eingang postierten sich neugierige Reporter und hofften auf ein Bild vom frisch angetrauten Ehepaar oder Kian. Die Anzahl der Fans, die in der Lobby des Hotels saßen, wurde von Stunde zu Stunde größer und war am Ende der Woche auf fast einhundert angewachsen. Kian war mehrmals zu ihnen hinuntergegangen, hatte mit ihnen gesprochen und versucht, die Situation aus seiner Sicht zu erklären, die viele der jungen Mädchen glücklicherweise auch zu verstehen schienen. Sie überhäuften ihn geradezu mit Geschenken für Lilly, wünschten ihm und seiner Tochter alles Gute und betonten, wie süß sie doch war. Das Hello! Magazine hatte also einen guten Job geleistet. Das Interview war wie versprochen vier ganze Seiten lang, durchzogen mit Fotos von Lilly und Kian. Es war ein sehr offenes Gespräch gewesen und Kian hatte kaum etwas ausgelassen, trotzdem war die Privatsphäre seiner Tochter immer noch gewahrt. Darauf hatte er besonderen Wert gelegt. Zu ihrer eigenen Überraschung, war dann aber Carleen am Ende der Woche diejenige, die immer mehr mit der Situation zu kämpfen hatte, die das erneute riesengroße Interesse an Westlife mit sich brachte. Das erste Konzert lag nur noch wenige Tage von ihnen entfernt und sie hatte zunehmend mit ihrer Nervosität zu kämpfen. Zwar liefen die Proben großartig und sie beherrschte die einzelnen Elemente perfekt, trotzdem war sie sich nicht sicher, ob das ausreichen würde, um eine 90 Minuten lange Show zu überstehen. Dann waren da noch die Fans, die es ihr schier unmöglich machten, Kian’s Gegenwart zu genießen. Sie schwirrten in den Gängen des Hotels herum, saßen im Speisesaal und wichen auch sonst keine Sekunde von der Seite ihrer Idole, wenn sie die Gelegenheit dazu hatten. Selbst in die Proberäume verirrten sich zuweilen ein paar Fans, die dann vollkommen aufgelöst und hysterisch um Autogramme baten und ihre Fotoapparate in Anschlag brachten. Es war nicht so, als ob Carleen kein Verständnis dafür hatte, denn immerhin waren die Fans diejenigen, die Westlife zu dem machten, was sie waren, doch sie vermißte Kian. Sie vermißte ihn fürchterlich und es machte sie fast wahnsinnig, ihm den ganzen Tag über so nah zu sein und sich dann doch fernhalten zu müssen. Wenigstens hatten sie noch die Nächte für sich, das war ein kleiner Trost. Vielleicht hätte sie das auch anders haben können, doch sie und Kian waren beide der Meinung, daß es noch viel zu früh war, um irgend etwas öffentlich zu machen. Zum einen reichte die Publicity erst einmal vollkommen aus, zum anderen wollten sie nicht riskieren, daß der Druck der Öffentlichkeit sich auf ihre Beziehung auswirken würde. Carleen fragte sich, ob Kian auch nur annähernd eine Ahnung davon hatte, was bald noch alles auf ihnen lasten würde. Viel Zeit zum Erklären hatte Carleen nicht mehr, denn Tyra drängte von Tag zu Tag mehr darauf, daß Kian die Wahrheit erfahren sollte. "Cal, kommst du mal eben? Brandon will uns sprechen." Carleen war gerade dabei, sich ihre Haare zu trocknen, als Tyra ihren Kopf zur Tür herein steckte. "Jetzt? Kann das nicht bis morgen früh warten?" Es war bereits weit nach zehn Uhr und Carleen brannte darauf, endlich zu Kian gehen zu können. "Jetzt stell dich nicht so an. Dein Casanova wird dir nicht weglaufen und es dauert sicher auch nicht lange. Brandon meint, daß es nur jetzt gerade günstig wäre, weil Fran und Paul beim Essen sind." Carleen nickte langsam, bevor sie ihre Haare zum einem Knoten zusammenband und Tyra hinaus auf den Flur folgte. Brandon war vorsichtiger geworden und achtete strengstens darauf, daß sie möglichst ungesehen waren, wenn er ihnen etwas mitzuteilen hatte. Sie durften einfach kein Risiko mehr eingehen. Als Carleen und Tyra sein Zimmer betraten, war er am Packen. Nein, er packte nicht. Er riß die Sachen förmlich aus seinem Schrank und stopfte sie in die Tasche, die auf dem Boden stand. "Brandon? Was machst du da?" Tyra schloß die Tür hinter sich und sah ihn ungläubig an. Carleen hatte ebenfalls keinen blassen Schimmer, was das Ganze zu bedeuten hatte. "Jason hat angerufen. Er pfeift uns zurück. Anscheinend hat er die Informationen, die er haben wollte und beendet die ganze Sache. Seht zu, daß ihr in eure Zimmer kommt und euch fertig macht. In einer Stunde sind wir hier verschwunden." Noch während er sprach, lief er ein weiteres Mal zu seinem Kleiderschrank und holte die letzten sich darin befindlichen Kleidungsstücke heraus. Carleen konnte gar nicht so schnell denken, wie er sprach. Sie sollten jetzt alles stehen und liegen lassen und verschwinden. Jetzt sofort. "Moment, ganz langsam. Was hat Jason gesagt? Er kann doch unmöglich so mir nichts, dir nichts alles abblasen. Wir haben ihm doch rein gar nichts gesagt, was für einen Artikel von Bedeutung sein würde. Oder will er etwa über die Unterwäschefarbe der Jungs schreiben?" Tyra schien genauso wenig zu verstehen, warum plötzlich alles so schnell ging und Brandon es derart eilig hatte. "Hört mal, ich weiß nicht mehr als ihr. Alles, was er gesagt hat, war, daß unsere Arbeit hier getan ist und daß wir zurückkommen sollen. Ich verstehe das ganze genauso wenig wie ihr, aber er ist unser Boß und wenn er sagt, daß wir hier fertig sind, dann sind wir das auch. Geht eure Sachen packen." Nein, das konnte doch nicht sein. Brandon mußte sich irren. Wie sollte sie jetzt gehen, alles aufgeben? Das war unmöglich. Carleen rieb sich ihre müden Augen und versuchte, zu verstehen. Vielleicht irrte sich Brandon auch einfach, und Jason wollte gar nicht, daß sie aufhörten. Verdammt, sie KONNTE doch überhaupt nicht aufhören. Was war mit Kian? Was würde mit ihnen geschehen. Ihr wurde wieder schlecht. Geistesgegenwärtig griff sie nach der Türklinge hinter sich und schloß die Augen. Gleich würde es wieder vorbei sein. Gleich würde Brandon ihr sagen, daß er sich irrte. Daß sie überhaupt nicht gehen mußte. Gleich. "Cal? Alles in Ordnung?" Tyra hielt ihren Arm fest und rüttelte sie leicht. "Ja, es geht schon, danke." Carleen atmete einmal tief durch, bevor sie die Augen wieder öffnete und Brandon ansah. Warum sagte er nichts mehr? "Brandon? Bitte sag mir, daß du das nicht ernst meinst. Wir können doch jetzt nicht einfach gehen. Was ist mit der Tour? Wir können einfach nicht gehen." Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern, das Flehen nicht zu überhören. "Carleen, wir müssen. Ich weiß, daß gerade dir das jetzt nicht leicht fällt, aber wir haben keine andere Wahl. Um so eher wir hier weg sind, desto besser. Tut mir den Gefallen und macht, was Jason gesagt hat. Alles andere wird sich im Laufe der Zeit ergeben. Aber jetzt müssen wir erst einmal sehen, daß wir zurück nach London kommen." Brandon versuchte, ihr die Sache so gut es ging, zu erklären. Zuerst war er eigentlich ein Gegenspieler von ihr und Kian gewesen, doch mit der Zeit hatte auch er verstanden, daß man gegen Liebe nicht ankam. Er hatte versucht, sie zu unterstützen und Jason gegenüber Stillschweigen zu bewahren, doch das hier ließ sich nicht verhindern. Sie mußten gehen. Noch heute. Tyra zog sanft, aber bestimmt an der Hand von Carleen, während sie die Tür öffnete und hinaus in den Flur trat. "Komm." Carleen versuchte, die Fassung zu wahren, als sie ihrer Freundin nach draußen folgte und auf ihr eigenes Zimmer zusteuerte. Hatten sie überhaupt eine Ahnung, was sie da von ihr verlangten? Nein, unmöglich. Natürlich hatten sie keine Ahnung. Oder wußten sie, wie es war, plötzlich den Mann verlassen zu müssen, der einem alles bedeutete? "Cal, hör zu. Du gehst jetzt in dein Zimmer und wirst das tun, was Brandon dir gesagt hat ok? Ich werde schnell ein paar Sachen von mir zusammen packen und dann so schnell wie möglich bei dir sein. Hey, Kopf hoch." Tyra zog Carleen in ihre Arme und versuchte, sie zu beruhigen, als Tränen sich ihren Weg bahnten. Carleen konnte einfach nicht aufhören, so sehr sie es auch versuchte. Alles in ihrem Kopf drehte sich, ihr Magen rebellierte und ihr Herz zersprang in tausend kleine Einzelteile. "Tyra, ich...." Sie wollte etwas sagen, doch sie konnte nicht. Panisch löste sie sich aus Tyra’s Umarmung und rannte in ihr Zimmer. Mit letzter Kraft schleppte sie sich in ihr Bad, klappte den Toilettendeckel nach oben und übergab sich. Heiße Tränen liefen ihr über die Wangen, während sie ihrem unruhigen Magen Tribut zollte und sich schließlich zitternd gegen die kalten Fliesen an der Wand lehnte. Immer und immer wieder hallten die Worte von Brandon in ihrem Kopf und immer und immer wieder realisierte Carleen, daß er Recht hatte. Jason war der Boß und sie hatte von Anfang an gewußt, daß das Ende irgendwann kommen würde. Jetzt war es da und sie hatte kein Recht dazu, sich zu beschweren. Jeder hatte sie gewarnt, ihr gesagt, daß sie einen Fehler machte, doch sie hatte sie ignoriert. Sie alle ignoriert. Es war ihre Schuld, ihre ganz allein und trotzdem betete Carleen, daß sie nicht gehen mußte. Daß Kian sie in die Arme nehmen und sagen würde, daß alles ok war. Doch das würde er nicht tun. Nie wieder. Schon allein der Gedanke daran, daß sie ihn nicht wiedersehen würde, ihn verloren hatte, brach ihr das Herz. Langsam wischte sie sich mit ihrem Handrücken die Tränen von der Wange, stand auf und wusch sich ihr Gesicht. Sie durfte jetzt nicht die Nerven verlieren. Eine Stunde, hatte Brandon gesagt und die mußte sie nutzen. Das Koffer packen würde nicht lange dauern, doch sie mußte von irgendwoher noch die Zeit nehmen, um Kian alles zu erklären. Sie konnte unmöglich gehen, ohne ihm nicht wenigstens alles gesagt zu haben. Unter die Augen treten konnte sie ihm jetzt auf gar keinen Fall, doch zumindest einen kleinen Brief würde sie wohl zustande kriegen. Das war sie ihm schuldig. Sorgsam schloß Carleen die Badezimmertür hinter sich, bevor sie sich an den Schreibtisch setzte und Stift und Papier hervorholte. Lange hatte sie über den Augenblick nachgedacht, an dem sie sich ihren Lügen stellen müßte und es keinen Weg mehr gab, das zu verhindern. Hilflos starrte sie auf das Blatt und griff schließlich schweren Herzens nach dem Kuli, der neben ihr lag.

Lieber Kian,

es ist kaum zu glauben, wie schwer es mir fällt, diese Zeilen hier zu schreiben. Vielleicht hätte ich auch einfach zu dir kommen und dir ins Gesicht sagen sollen, was ich auf dem Herzen habe, doch dafür fehlt mir der Mut. Obwohl ich weiß, daß du einer der wundervollsten Menschen bist, die ich je kennengelernt habe und ich dir voll und ganz vertraue, habe ich Angst davor, wie du reagierst, wenn du die Wahrheit erfährst. Wenn du den Grund erfährst, warum ich überhaupt nach Dublin gekommen bin. Ich beginne wohl einfach ganz am Anfang. Mein Name ist nicht Jessica, sondern Carleen. Carleen Baker. Kaum zu glauben, wie lange sie für diese wenigen Zeilen gebraucht hatte. Es war schwer, die richtigen Worte zu finden, wenn man genau wußte, was man schreiben wollte, es aber einfach nicht konnte. Carleen legte den Stift beiseite und starrte auf die Zeitung, die neben ihr lag. Es war die Ausgabe des Hello! Magazine, die vor wenigen Tagen veröffentlicht worden war und ein Bild von Kian und Lilly auf dem Cover zeigte. Herrgott, die beiden sahen so glücklich aus. Carleen strich gedankenverloren über das Glanzpapier. Lilly. Lilly, die Tochter von Kian. Lindsay, die Tochter von Jason. Was hatte Brandon vorhin gesagt? Jason hatte die Informationen, die er haben wollte. Dabei hatten sie und Tyra rein gar nichts durchsickern lassen, was auch nur im Entferntesten von Bedeutung war. Aber der Artikel. Das war es. Jason wollte überhaupt keine anderen Informationen mehr. Das hatte er nie gewollt. Er wollte Lilly. Jason wollte Lilly. Plötzlich hatte Carleen alle Gedanken an ihr Unwohlsein, ihre Angst verdrängt. Das war alles, was Jason hatte wissen wollen. Lilly. Der Artikel machte keinerlei Angaben über den Aufenthaltsort von Lilly, doch mit Jason’s Verbindungen war es nur eine Frage der Zeit, bis er auch das wissen würde. Vielleicht wußte er es auch schon. Oh Gott.

 Kapitel 41

Carleen wußte nicht, was sie zuerst tun sollte. Jason anrufen, zu Kian gehen, mit Tyra und Brandon reden? Auf jeden Fall mußte sie handeln und das so schnell wie möglich. Herrgott, die Lösung hatte genau vor ihrer Nase gelegen und sie hatte sie nicht erkannt. Jason machte Kian für den Tod seiner Tochter verantwortlich, also würde er durch Lilly Vergeltung üben. Und er hatte Carleen als Marionette benutzt. Hatte wahrscheinlich gehofft, daß sie Kian näher kommen würde, hatte es vielleicht sogar schon gewußt. Immerhin war Kian ein junger Mann und sie genau der Typ, an dem er interessiert zu sein schien. Verdammt. Carleen kramte aus ihrem Schubfach den kleinen Zettel hervor, den sie dort vor einiger Zeit verstaut hatte und griff anschließend zum Telefonhörer. Zu allererst mußte sie sich vergewissern, daß es Lilly noch immer gut ging und Alex vorgewarnt war. Als am anderen Ende abgenommen wurde, hörte Carleen das verzweifelte Schluchzen einer noch verzweifelteren jungen Frau. Sie war zu spät. "Alex? Alex, sind sie das?" Ihr wurde schon wieder schlecht. "Ja. Wer ist dort?" Carleen stützte ihren Kopf auf die Hände und schloß die Augen. Welche Stimme zitterte im Moment mehr? Die von ihr oder die von Alex? "Hier ist Car... Jessica. Ich muß unbedingt wissen, wie es Lilly geht. Kann ich sie sprechen?" Alex schien den Atem anzuhalten, denn für einen kurzen Moment herrschte am anderen Ende der Leitung vollkommene Stille. Dann brach sie in ein Meer von Tränen aus. "Nein, Jess. Sie ist nicht hier. Sie ist nicht hier. Oh Gott, sie ist nicht hier." Vielleicht war das hier einfach nur ein furchtbarer Traum, und Carleen würde bald daraus erwachen. Das hoffte sie zumindest. Es war ihr fast unmöglich, die Ruhe zu bewahren, wenn Alex derartig zusammenbrach. Doch irgendwie mußte sie einen klaren Kopf bekommen, ganz gleich, wie schwer ihr das fiel. Sie war im Moment die einzigste, die Lilly helfen konnte. Irgendwie. "Alex, versuchen sie, sich zu beruhigen. Und dann erzählen sie mir, was passiert ist." Während Carleen sich den Hörer an ihr anderes Ohr legte, stand sie auf und ging hinüber zum Bett, auf dem ihre Jacke lag. Irgendwo hatte sie sich doch die Nummer von Jason’s Büro notiert. "Ich kann nicht genau sagen, was passiert ist, Jess. Als ich Lilly gestern von der Tagesstätte abholen wollte, war sie nicht mehr da. Mrs. Brown hat gesagt, daß Lilly nur kurz draußen im Sandkasten gespielt hat und plötzlich verschwunden war. Jessica, ich verstehe das nicht. Normalerweise ist das Tor zur Tagesstätte abgeschlossen und es ist für ein kleines Mädchen wie Lilly unmöglich, es zu öffnen. Außerdem würde sie nie alleine weggehen, nie. Sie hat doch viel zu viel Angst vor der großen Straße. Oh Gott, sie hat doch solche Angst." Wie mußte sich eine Mutter fühlen, die ihre Tochter vermißte und keine Ahnung hatte, warum ausgerechnet ihr das passierte? Carleen konnte nicht weiter darüber nachdenken, sondern versuchte Alex zu folgen und sich einen Reim daraus zu bilden. Jason hatte sein Ziel also erreicht. Er hatte Lilly. "Haben sie die Polizei informiert?" Alex atmete einmal tief durch und festigte ihre Stimme. "Ja, natürlich habe ich das. Doch die können erst etwas machen, wenn Lilly 48 Stunden verschwunden ist. Ich will mir überhaupt nicht vorstellen, was in der Zeit alles passieren kann. Aber woher wissen sie überhaupt von Lilly? Kian kann es ihnen unmöglich gesagt haben, denn er weiß es selbst noch nicht einmal." "Warum nicht? Er ist ihr Vater und hat doch wohl ein Recht darauf, zu erfahren, was passiert ist." Carleen hätte schon längst handeln können, wenn sie eher von Lilly’s Verschwinden gewußt hätte. Sie hätte verdammt noch mal längst handeln können. Aber sie durfte Alex jetzt keine Vorwürfe machen. Nicht jetzt. "Was hätte ich denn sagen sollen? Daß ich unfähig bin, auf seine Tochter aufzupassen? Daß ich das alles nicht verhindert habe? Jess, sie wissen, wie sehr er sie liebt und es würde ihn umbringen, wenn er von ihrem Verschwinden wüßte. Ich bin seit gestern pausenlos in der Stadt unterwegs und suche nach ihr und auch einige der Nachbarn helfen mir, wo sie nur können. Im Abstand von dreißig Minuten telefoniere ich mit allen Krankenhäusern hier in der Gegend und erkundige mich, ob ein kleines Mädchen eingeliefert worden ist. Jess, das ist im Moment alles, was wir tun können. Bitte sagen sie Kian nichts. Bitte. Ich habe immer noch die Hoffnung, daß mein kleines Mädchen jeden Moment durch die Tür kommt und alles wieder ok ist. Bitte sagen sie ihm noch nichts. Bitte." Alex wiederholte sich immer und immer wieder, ein Zeichen dafür, daß sie nicht länger weiter wußte. Auf der einen Seite wäre sie sicherlich froh über Kian’s Unterstützung, auf der anderen Seite hatte sie wohl Angst, wie er reagieren würde. Carleen konnte das nur zu allzu gut nachvollziehen. "Es ist ok, Alex. Ich werde ihm nichts sagen, zumal ich glaube, zu wissen, wo sie ist." "Was?" Das Flüstern von Alex bezeugte, daß sie wohl glaubte, sich verhört zu haben. Doch das hatte sie nicht. Carleen war sich nun vollkommen sicher, daß sie Lilly bei Jason finden würde. Die Frage war nur noch, wo dieser nun war. Sie atmete erleichtert auf, als sie die Nummer von Jason’s Büro endlich fand. Dort würde sie als nächstes anrufen. "Hören sie zu, ich kann ihnen jetzt nicht alles erklären. Aber es ist durchaus möglich, daß ich weiß, wo sie ist. Alles, was sie jetzt tun müssen, ist, mir zu vertrauen. Ich weiß, daß das gerade jetzt ein Ding der Unmöglichkeit ist, aber ich flehe sie an. Alex?" "Wie können sie es wagen, mir so etwas zu sagen und dann zu erwarten, daß ich mich vollkommen entspannt in meinen Sessel setze und auf den nächsten Anruf von ihnen warte? Wenn sie wissen, wo meine Tochter ist, dann will ich, daß sie es mir auf der Stelle sagen. Und Gnade ihnen Gott, wenn sie etwas damit zu tun haben." Na großartig. Jetzt mußte Carleen auch noch mit einer hysterischen Mutter fertig werden. Aber konnte sie sich wirklich darüber beschweren? "Ich bitte sie Alex, verlieren sie jetzt nicht den Kopf. Ich weiß, daß sie sich wahnsinnige Sorgen um Lilly machen, aber es ist niemandem geholfen, wenn sie gegen mich arbeiten. Alles, was ich von ihnen verlange, ist ein wenig Vertrauen und etwas Geduld. Und sie haben mein Wort, daß Lilly nichts passieren wird." "Sind sie sich sicher?" Gott sei Dank. Alex hatte sich beruhigt, das gab sie zumindest vor. Und Carleen hatte keine andere Wahl, als sich darauf einzulassen. "Ja, ich bin mir vollkommen sicher. Lilly wird nichts zustoßen, solange ich es verhindern kann. Und das werde ich. Tun sie mir nur den Gefallen, und bleiben sie bei ihrer Entscheidung, Kian nichts zu sagen. In seiner Verzweiflung würde er wahrscheinlich nur etwas tun, was für keinen von uns von Vorteil wäre. Haben sie mich verstanden?" Die Minuten, die vergingen, bis Alex endlich antwortete, kamen Carleen wie eine halbe Ewigkeit vor. "Also gut. Ich habe wohl keine andere Wahl, oder? Es ist mir egal, wie sie das machen, aber ich möchte einfach nur, daß sie mir meine Tochter wiederbringen. Sie ist alles, was ich habe. Versprechen sie es mir, Jess." "Ich verspreche es. Sobald ich etwas neues weiß, melde ich mich bei ihnen." Carleen hatte den Hörer noch nicht einmal vollständig wieder aufgelegt, als sie erneut nach ihm griff und die Nummer von Jason’s Büro wählte. Sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, was sie tat, sondern war dazu gezwungen, sich von ihrer Intuition leiten zu lassen. Ihre Hände waren eiskalt, ganz zu schweigen von ihrem nervösen Magen und dem unaufhörlichen Pochen hinter ihrer Stirn, daß sie schier zur Verzweiflung trieb. "Guten Abend, Meg Foster am Apparat. Was kann ich für sie tun?" Carleen hatte sich nicht getäuscht. Meg, die langjährige Sekretärin von Jason, saß wie eigentlich immer an ihrem Schreibtisch und machte Überstunden. "Hy Meg, hier ist Carleen. Kann ich bitte kurz mit Callum sprechen? Es ist wichtig." "Tut mir leid, Cal, aber Jason ist nicht da. Kann ich ihm etwas ausrichten?" Natürlich war er nicht da. Wahrscheinlich saß dieser Mistkerl in irgendeiner gottverlassenen Gegend herum und schmiedete sich in seinem kranken Hirn ein paar Pläne zurecht. "Oh, das ist wirklich ärgerlich. Weißt du, ich habe ein riesengroßes Problem und muß ihn deswegen unbedingt sprechen. Aber vielleicht kannst du mir ja auch weiterhelfen." Alles, was Meg jetzt noch tun mußte, war, anzubeißen. Jetzt. "Nun, ich kann es zumindest probieren. Was hast du denn auf dem Herzen?" Bingo. Wenn jetzt alles so lief, wie Carleen sich das ausgemalt hatte, dann würde sie bald wissen, wo Lilly war. Meg war nicht nur Angestellte seiner Firma, sie war auch eine Freundin von Jason, jedenfalls bezeichnete sie sich selber so. "Eigentlich ist mir diese ganze Angelegenheit ziemlich peinlich. Weißt du, ich habe ab heute ein paar freie Tage und Jason meinte, daß ich die ruhig in seinem Haus hier in Irland verbringen könnte. Nur leider habe ich Dummerchen vollkommen vergessen, wo dieses Haus überhaupt liegt. Das ist doch nicht zu fassen, oder?" Oh Gott, hoffentlich lag sie nicht vollkommen daneben. Jason hatte sich mit Lilly einen abgeschiedenen Ort ausgesucht, dessen war sie sich sicher. Und es mußte ein Ort in Irland sein, denn er hatte den Paß der Kleinen nicht bei sich, und kam somit nicht durch den Zoll. "Sein Haus? In Irland?" Meg hatte anscheinend keine Ahnung, wovon Carleen da sprach. Großartig. Wirklich ganz großartig. "Ja, die Immobilie, von der er immer so begeistert gesprochen hat. Erinnerst du dich nicht mehr?" Natürlich konnte sie sich nicht erinnern, denn Jason hatte auch nie davon gesprochen. Alles pure Erfindung. Aber irgendeinen verdammten Aufenthaltsort mußte Jason doch haben und das in Irland. Carleen mußte lediglich ein wenig herumraten und sie würde das haben, was sie wollte. "Oh, du meinst die Blockhütte in Wicklow? Jetzt fällt es mir wieder ein. Aber ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, daß er dir die freiwillig überläßt. Ich meine, seit der Sache mit Lindsay steht die Hütte doch so gut wie leer. Als sie noch ein kleines Kind war, ist er immer mit ihr dort hin gefahren. Bist du dir auch wirklich sicher, daß er nicht vielleicht irgend etwas anderes gemeint hat?" "Ja, ja, ich bin mir ganz sicher. Wicklow hatte er gesagt, jetzt fällt es mir wieder ein. Hast du vielleicht auch noch die genaue Adresse für mich? Du würdest mir wirklich einen riesigen Gefallen damit tun." Und was für einen. Mal wieder war Lindsay der Schlüssel zu allem. Jason würde Kian’s Tochter also dorthin bringen, wo er mit seiner eigenen am glücklichsten gewesen war. Carleen griff nach Stift und Papier und notierte sich die Straße, die Meg ihr durchgab, bevor sie sich überschwenglich bedankte und auflegte. Sie war sich fast sicher, daß sie Jason und somit auch Lilly dort finden würde. Alles, was sie jetzt noch brauchte, waren ein paar gesunde Nerven und ein Auto. Zu dem einen konnte sie sich zwingen, das andere stellte schon ein größeres Problem dar. Für ein Taxi reichte die Zeit nicht, Brandon konnte sie unmöglich fragen und Kian würde wissen wollen, wozu sie seinen Wagen brauchte. Fragen von ihm waren im Moment das Letzte, was sie gebrauchen konnte. Ohne zu Zögern schnappte Carleen sich ihre Jacke und ihren Zimmerschlüssel und rannte hinaus in den Flur. Sie würde einfach den nächstbesten fragen, der ihr entgegen kam. Und das war Shane. Er kam gerade aus dem Fahrstuhl gelaufen und blätterte in einer Zeitschrift, als Carleen auf ihn zukam und nicht erst lange um den heißen Brei herum redete. "Shane, ich brauche deinen Wagen. Sofort." Er blickte von seiner Zeitschrift auf und sah Carleen verwundert an. Dann schüttelte er den Kopf und begann zu lachen. "Netter Versuch, Jess. Ich würde dich nicht mal in die Nähe meines Wagens lassen, geschweige denn dich damit fahren lassen. Warum fragst du nicht Kian?" Himmel, sie hatte jetzt keine Zeit für irgendwelche Witze. Konnte Shane denn nicht sehen, wie dringend sie seine Hilfe brauchte? "Ich würde dich nicht fragen, wenn es nicht wirklich wichtig wäre. Aber genau das ist es und alles, worum ich dich bitte, ist dein verdammtes Auto." Hysterie war in diesem Moment vollkommen fehl am Platz, doch es half zumindest, um Shane den Ernst der Situation begreiflich zu machen. Er runzelte die Stirn, bevor er in seine Hosentasche griff und einen kleinen silbernen Schlüsselbund zu Tage beförderte. "Hier. Jess, ist auch sicher alles in Ordnung? Du bist ja vollkommen durcheinander." "Es wird mir bald besser gehen, keine Sorge. Ich erkläre dir auch alles, sobald ich die Zeit dazu habe. Danke." Carleen trat näher an ihn heran und küßte ihn flüchtig auf den Mund, bevor sie sich umdrehte und die Treppen hinunter rannte. "Paß auf dich auf. Und auf mein Auto." Ohne sich noch einmal umzuschauen, nickte sie mit dem Kopf und setzte ihren Weg zu den Tiefgaragen des Hotels fort. Jetzt lag es ganz allein an ihr, dem Treiben ein Ende zu setzen. Hoffentlich hatte sie auch die Kraft dazu. Lange Zeit hatte sie geglaubt, Jason zu kennen, doch jetzt bezweifelte sie das. Er hatte Lindsay verloren und machte den Mann dafür verantwortlich, dessen Tochter nun in seiner Gewalt war. Dabei war er doch derjenige, der Lindsay’s Leben zu einer Farce hatte werden lassen, der sie in einen golden Käfig gesperrt und ihr jeglichen Glauben an eine glückliche Zukunft genommen hatte. Doch er war viel zu besessen von der Idee, Kian zu ruinieren, als daß er das hätte sehen können. Während Carleen ihre Gedanken ordnete, wechselte sie die Spur und beschleunigte die Geschwindigkeit des schweren Wagens. Sie durfte nicht noch einmal zu spät kommen. Nicht noch einmal.

 Kapitel 42

Wicklow war eine kleine Stadt und trotzdem gestaltete es sich äußerst schwierig für Carleen, die richtige Adresse zu finden. Ihr Mund war vollkommen trocken, als sie ein paar Passanten nach dem Weg fragte und schließlich in die kleine Seitenstraße einbog, die angeblich zur Blockhütte führte. Weit kam sie nicht, denn schon bald versperrten Bäume und Gestrüpp ihr den Weg. Die Einkaufsstraßen von Wicklow hatte Carleen längst hinter sich gelassen und so war es auch kein Wunder, daß sie jetzt die einzige Person weit und breit zu sein schien. Mit zittrigen Fingern stellte Carleen den Motor des Wagens ab und stieg aus. Sie versuchte, die Tür so leise wie nur irgend möglich ins Schloß fallen zu lassen, bevor sie den kleinen Pfad, den sie nun anstelle der Straße vorfand, weiter entlang ging. Gerade, als Carleen dachte, sich komplett verlaufen zu haben und die Blockhütte nie zu finden, kam diese hinter riesigen Tannen zum Vorschein. Herrgott, Jason war wirklich kein Risiko eingegangen. Wenn Carleen nicht direkt auf die Hütte zugelaufen wäre, wäre sie glatt daran vorbei gerannt, so gut lag sie versteckt. Noch dazu war es mittlerweile stockfinster. "So, Jason, ich bin hier. Und wo bist du?" Ratlos sah sie an der Fassade der Hütte hinauf und musterte sie eingängig. Keine Anzeichen dafür, daß jemand da war. Die Eingangstür war sorgfältig geschlossen und keines der kleinen Fenster war offen oder angelehnt. Trotzdem wurde Carleen das dumme Gefühl nicht los, daß sie nicht länger alleine war. Und wo sollte Jason denn noch sein, wenn nicht hier? Vorsichtig tastete sie sich an der Holzverkleidung der Hütte entlang, bis sie ihre Rückseite erreicht hatte. Durch die Eingangstür würde sie nicht ins Innere gelangen, aber vielleicht durch den kleinen Hintereingang, an dem sie jetzt stand. Er schien ebenfalls verschlossen und verriegelt, doch als Carleen sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Tür lehnte, öffnete sie sich einen kleinen Spalt. Bingo. "Komm schon." Sie drückte sich ein weiteres mal dagegen, solange, bis die Türöffnung groß genug war und sie hindurch schlüpfen konnte. Das erste, was sie sah, waren unzählige Möbel, die man mit Laken abgedeckt und seitdem wohl nicht wieder benutzt hatte. Eine kleine Glühbirne baumelte an der Decke, doch Carleen bezweifelte, daß sie noch immer funktionstüchtig war. Sie machte sich eine gedankliche Notiz, bei ihrem nächsten nächtlichen Ausflug einfach eine Taschenlampe mitzunehmen. Als sich ihre Augen an die Dunkelheit in der Hütte gewohnt hatten, sah sie die Treppe, die an der Wand entlang nach oben führte. Unten war niemand, als konnte Carleen nur hoffen, daß sie Jason und Lilly oben antreffen würde. Langsam und möglichst leise ging sie die einzelnen Stufen hinauf und blieb nur einmal kurz stehen, um die Augen zu schließen und tief durchzuatmen. Was sie hier tat, war doch einfach nur Wahnsinn. Warum hatte sie nicht wie jeder andere normale Mensch auch die Polizei verständigen können? Jetzt stand sie da, zitternd und ohne jede Ahnung, was sie als nächstes tun sollte. Sie schrak hoch, als sie in dem Zimmer, auf das sie sich gerade zu bewegte, Schritte vernahm. Er war hier. Gespannt wartete Carleen darauf, daß Jason etwas sagen würde, sie ihn hören konnte, doch nichts dergleichen geschah. Statt dessen vernahm sie das Lachen eines kleinen Mädchens. Lilly. Carleen hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, warum sie lachte, sondern machte einen letzten Schritt auf die Tür zu und drückte die Klinke nach unten. Herrgott, warum mußten ihre verdammten Finger nur so verdammt zittern... Sie öffnete die Tür weit genug, um einen Schritt ins Zimmer und ihren Kopf durch den Spalt stecken zu können. Jason und Lilly saßen auf dem Fußboden, sie in seinem Schoß und sahen sich ein Comic an. Sie sahen sich ein Comic an? Lilly kicherte vergnügt, als Jason ihr etwas ins Ohr flüsterte und dabei über ihre Locken strich. Sein Blick haftete lange auf ihrem kleinen Gesicht, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder dem Heft vor sich widmete. Während Carleen sich den Kopf darüber zerbrach, warum zur Hölle Jason die Kleine so behandelte, graste sie mit ihren Augen den Rest des Zimmers ab. In einer Ecke lag Lilly’s bunter Rucksack, zusammen mit ihrer Jacke und Wussy. Daneben stand ein kleiner Tisch, auf dem Jason seine Schlüssel abgelegt hatte und – eine Waffe. Carleen wußte, daß es an der Zeit war, zu handeln. Irgendwie. Langsam stieß sie die Tür bis zu ihrem Anschlag auf und sah sofort in das Gesicht von Jason, der erschrocken zu ihr aufblickte. Als er erkannte, wer sie da gestört hatte, entspannten sich seine Züge, er widmete sich wieder Lilly. "Hallo Carleen, schön dich zu sehen." Seine Stimme war ruhig, geradezu gelassen, als er eine weitere Seite in dem Heft umblätterte. "Gib mir Lilly, Jason. Bitte." Carleen’s Stimme war emotionslos, als sie weiter auf Jason und Lilly zulief und sich schließlich neben sie hockte. Sie hatte keine Angst mehr. "E-siia!" Lilly krabbelte aus dem Schoß von Jason und warf sich Carleen um den Hals. Jason hinderte sie nicht daran, sondern stand einfach auf und klappte das Heft zu. "Hallo meine Kleine. Gott, wie habe ich dich vermißt. Und riesig bist du geworden." Carleen hob Lilly lachend hoch und versuchte, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen. Sie mußte sie einfach nur hier herausbringen. Weit weg von Jason, weit weg von der Gefahr. "Der Onkel hat vorgelesen." "So, hat er das? Na, das ist doch wirklich nett von dem Onkel." Carleen sah zwischen Jason und der Waffe auf dem Tisch hin und her. Ihr war nicht klar, was er wirklich bezweckte, und wenn sie ehrlich war, dann wollte sie das auch gar nicht mehr wissen... Carleen war viel zu sehr auf die Waffe fixiert, und konnte daher auch nicht schnell genug handeln, als Lilly plötzlich von ihrem Arm rutschte und auf Jason zulief. "Lilly, NEIN!" Sie wollte nach ihr greifen, doch Jason hatte sich bereits hingehockt und hielt sie fest. "Nun, es sieht wohl ganz danach aus, als ob du ohne uns gehen müßtest, Carleen." Jason lächelte selbstzufrieden, bevor er Lilly einen Kuß auf ihren Haaransatz drückte und ihren Rücken streichelte. "Du bist krank. Du bist krank, wenn du denkst, daß ich dich damit durchkommen lasse. Herrgott, sie ist doch noch ein kleines Kind. Und sie braucht ihren Vater." "ICH bin jetzt ihr Vater. Sie brauch keinen anderen mehr, sie braucht mich. Sieh sie dir doch an, wie wundervoll sie ist. Und sie gehört jetzt mir, mir allein." Jason drückte Lilly noch enger an sich und schloß die Augen. Das kleine Mädchen, völlig ahnungslos von dem, was sich gerade abspielte, kicherte vergnügt. "Nein, du bist nicht ihr Vater. Du warst Lindsay’s Vater, aber sie ist tot. Sie ist tot und niemand wird das ändern können. Weder du noch Lilly. Sie wird ihren Dad vermissen, ihre Mutter. Das kannst du ihr nicht antun." Jason sah erschrocken auf, als er den Namen seiner Tochter hörte. Seine Augen glänzten fiebrig, als er dem Blick von Carleen begegnete. "Das ist nicht wahr. Lilly ist jetzt meine Tochter. Kian hat mir mein Kind genommen, mein Leben und jetzt nehme ich ihm das seine. Er hat so ein wundervolles Geschöpf nicht verdient, keiner hat das. Ich bin ihr Vater, ich bin es, ich bin es. Er hat meine Tochter getötet." Bevor Carleen hatte reagieren können, war Jason aufgesprungen und drückte sie gegen die Wand neben der Tür. "Niemand wird sie mir wegnehmen, hast du mich verstanden? Niemand." Er drückte ihren Arm so fest, daß Carleen leise aufschrie, doch Jason lockerte seinen Griff nicht. "Jason, das ist der helle Wahnsinn, was du da vorhast. Sie ist und bleibt die Tochter von Kian und du wirst das nicht ändern können. Sieh sie dir dann, Jason, sieh sie an. Irgendwann wird sie dich nicht mehr mögen, denn du wirst ihr Angst machen. Angst, weil du sie von ihren Eltern fernhältst und mit deiner kranken Phantasie denkst, daß du sie vergessen lassen könntest. Doch das wird sie nicht. Sie wird nicht vergessen, sondern dich dafür hassen. Willst du das wirklich? Willst du, daß sie dich haßt?" Carleen hoffte, in die richtige Kerbe geschlagen zu haben. Jason war nicht länger zurechnungsfähig, das war offensichtlich. Er hielt Lilly für seine Tochter, für die Tochter, die er vor einem Jahr auf so schmerzliche Weise verloren hatte. Carleen würde ihn dazu zwingen, Mitleid zu haben, einzusehen, daß er Lilly so nur unglücklich machte. Dann würde er sie gehen lassen. Hoffentlich. "Ich werde nicht zulassen, daß du mir das einredest. Wir werden weggehen, irgendwohin, wo uns niemand finden kann. Niemand wird und das kaputt machen, was wir haben, niemand. Kian hat sie nicht verdient, er wird sie niemals so lieben können wie ich das tue. Sie gehört mir." Carleen war so wütend auf ihn, daß sie ihn am liebsten geohrfeigt hätte. Wütend darüber, daß sein Verstand ihm einen Streich spielte und er sie nicht verstand, sie nicht verstehen wollte. "Hör auf damit, Jason. Hör endlich auf. Lilly ist nicht Lindsay und sie wird das auch niemals sein. Du kannst an einem kleinen Mädchen nicht einfach wieder das gut machen, was du an deiner eigenen Tochter verpaßt hast. Niemand ist an ihrem Tod schuld , außer vielleicht du selbst. Du hast ihr nicht das gegeben, was sie wollte, du hast sie zerstört." "Nein, nein, nein." "Du hast ihr das Leben zur Hölle gemacht und während sie verzweifelt um deine Liebe gekämpft hat, hast du sie mit Füßen getreten. Du wolltest sie zu einer Marionette in deinem Leben machen und hast nicht gesehen, daß sie dadurch Stück für Stück zerbrochen ist." "Nein, nein, nein. Ich will davon nichts mehr hören." Jason ließ sie abrupt los und hielt sich seine Hände vor die Ohren, während er immer und immer wieder den Kopf schüttelte. Doch Carleen ließ nicht locker. "Kian war derjenige, der ihr die Liebe gegeben hat, die sie gesucht hat, nicht du. Er hat ihr Geborgenheit und Wärme geschenkt, während du nie dazu in der Lage warst. Sie ist tot Jason, tot, und wenn du bei irgend jemandem die Schuld dafür suchen willst, dann bei dir." Jason, gebrochen von seinem Schmerz, war mittlerweile auf die Knie gesunken und hielt sich die Hände vors Gesicht. Carleen konnte sich nicht helfen, doch sie hatte Mitleid. Jahrelang hatte er gehofft, in seinem Beruf Erfüllung zu finden, etwas aus sich zu machen und hatte dabei die Menschen zerstört, die er doch eigentlich geliebt hatte. Carleen hockte sich neben ihn und zwang ihn dazu, sie anzusehen. "Du kannst niemanden dafür verantwortlich machen, was passiert ist. Und du kannst es nicht rückgängig machen, am Wenigsten, wenn du Lilly die Menschen nimmst, die sie liebt. Bitte." Aus irgendeinem Grund hatte sie angefangen, seine Wange zu streicheln und ihm Trost zu spenden. Vielleicht, weil sie auf eine seltsame Art und Weise doch verstand, wie er sich fühlte. Er hatte Menschen verloren, die er liebte, sie würde das bald tun. Und es brachte einen schier um. Jason sah sie an, mit ausdruckslosen Augen und bewegungsloser Miene. Dann nickte er. "Geh. Nimm sie und geh." "Jason..." "Geh." Carleen stand auf und ging zu Lilly hinüber, bevor sie sich deren Sachen schnappte und mit ihr zur Tür lief. "Sag dem Onkel auf Wiedersehen. Wir gehen jetzt deinen Daddy besuchen." Lilly klatschte quietschvergnügt in die Hände, bevor sie auf Jason zu rannte und ihm ihre kleinen Arme um den Hals schlang. "Auf Wiedersehen, Onkel. Das war eine schöne Geschichte." Sie schien überhaupt keine Berührungsängste zu haben, nicht im Geringsten. Und Carleen hatte gedachte, sie wäre in Gefahr. Jason’s Augen schimmerten feucht, als er sie fest umarmte und dann wieder freigab. "Das freut mich. Paß auf dich auf, meine Kleine." Dann erhob er sich und sah Carleen an. Er lächelte. "Jetzt heißt es wohl, Abschied zu nehmen. Du brauchst keine Angst haben, ich werde nicht vor meiner gerechten Strafe davonlaufen. Dazu fehlt mir die Kraft. Leb Wohl." Langsam machte er einen Schritt auf Carleen zu, nahm ihr Gesicht vorsichtig in seine Hände und küßte sie dann sanft. Carleen ließ ihn gewähren, wußte sie doch, daß dies das Letzte war, was sie für ihn tun konnte. "Leb wohl, Jason." Dann nahm sie Lilly an die Hand und tastete sich mit ihr die Treppe hinunter. Es war immer noch stockfinster, doch das interessierte Carleen nicht länger. Sie wollte einfach nur raus, weit weg von Jason und allem, was ihnen für immer in solch schmerzlicher Erinnerung bleiben würde. Die Dunkelheit störte sie nicht länger, fast automatisch und instinktiv lief sie den Weg zurück, den sie gekommen war. Carleen und Lilly hatten fast das Auto erreicht, als ein Schuß durch den Wald hallte. Jason hatte seine Strafe bekommen.

 Kapitel 43

Carleen’s Puls beschleunigte sich schlagartig, als sie in die Tiefgarage des Hotels einfuhr und den Motor abstellte. Lilly hatte sie wieder, doch was jetzt kam, war viel schwieriger als alles andere zuvor. Vielleicht wartete man oben schon auf sie, wartete auf eine Erklärung von ihr. Sie fuhr sich noch einmal unsicher durch die Haare, bevor sie ausstieg, die Tür hinter sich zuklappte und auf die Beifahrerseite lief. "Aufwachen, Prinzessin, wir sind da." Lilly gab nur einen murmelnden Laut von sich und ließ sich bereitwillig von Carleen aus dem Sitz und auf die Arme heben. Die letzten zwei Tage forderten nun ihren Tribut und so zeigte die Kleine auch keine Regung, als Carleen mit ihr zu den Fahrstühlen lief. Warum konnte sie selber nicht so ruhig und gelassen sein? Ihr Kopf schmerzte mal wieder, ihre Hände zitterten erneut und ihr Magen schien es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, gerade dann zu rebellieren, wenn sie es am Wenigstens gebrauchen konnte. Jetzt wurde ihr bewußt, daß Jason das kleinste Übel von allen gewesen war. Ihn zu finden und zu bezwingen schien so einfach gewesen zu sein, wenn Carleen nun darauf zurückblickte. Was sie gleich erwartete, würde alles in den Schatten stellen. Schon als sie aus dem Wagen gestiegen war, hatte sie bemerkt, daß die Security, die normalerweise dort stand, spurlos verschwunden zu sein schien. Also war irgend etwas vorgefallen, und sie wußte nur zu genau, was das war. Entweder hatte Alex ihr Wort nicht gehalten, Tyra sich verplappert oder Brandon kalte Füße bekommen. Anders konnte Carleen sich den Menschenauflauf nicht erklären, der ihr entgegen flutete, als sie aus dem Fahrstuhl stieg. Jeder auf dem Flur schien sich nach ihr umzudrehen und sie mit feurigen Augen zu mustern. Sämtliche Gespräche verstummten augenblicklich, als Carleen ihnen entgegentrat, zusammen mit Lilly auf dem Arm. "Gott sei Dank." Anto kam von irgendwoher gestürmt und hatte das kleine Mädchen an sich genommen, bevor Carleen auch nur irgendwie reagieren konnte. "Wie geht es ihr?" fragte er besorgt und strich ihr vorsichtig über die braunen Locken. "Ihr fehlt nichts. Sie ist nur hundemüde." Carleen versuchte zu lächeln, doch angesichts der vielen Blicke, die auf ihr hafteten, fiel ihr das unsagbar schwer. Sie wußten es. Jeder von ihnen wußte es. Anto sagte nichts mehr, sondern kämpfte sich mit Lilly auf dem Arm durch die Massen und verschwand. Wieso mußte jeder sie beobachten? Gerade, als ihr Unwohlsein den Höhepunkt erreichte, kam Tyra auf sie zu und faßte sie an der Hand. "Komm mit. Das ist nicht auszuhalten hier draußen." Ohne auf eine Antwort zu warten, zog sie Carleen den Flur entlang und schließlich in ihr Zimmer. Dort angekommen, schloß Tyra die Tür und lehnte sich mit dem Kopf gegen sie. "Die Masken sind gefallen, Cal." Sie war müde. Tyra war müde, genau wie Carleen. Langsam drehte sie sich wieder herum und sah Carleen an. Sie sah sie lange an, eindringlich. "Warum hast du mir nichts gesagt? Warum hast du mir nicht gesagt, was du wußtest? Herrgott, dir hätte alles mögliche zustoßen können. Dir und Lilly, euch beiden. Ich war ganz krank vor lauter Sorge." Carleen konnte nur immer wieder mit dem Kopf schütteln, während sie sich aufs Bett fallen ließ und den Kopf in ihre Hände stützte. "Jason ist tot, T." "Was?" "Er hat sich erschossen, kurz nachdem wir gegangen sind. Wo auch immer er jetzt ist, ich glaube, dort hat er es besser. Du hättest ihn sehen müssen. Das war nicht mehr der Jason, den wir gekannt haben, das war ein Mann, der nicht länger wußte, was er tun sollte. Ich glaube, ich habe noch nie einen so verzweifelten Menschen gesehen." Fassungslos ließ Carleen die Bilder in ihrem Kopf Revue passieren, die sich kurz zuvor für immer eingebrannt hatten. Im Nachhinein konnte sie nicht verstehen, daß keiner bemerkt hatte, was wirklich hinter der Fassade des Jason Callum gelegen hatte. Daß keiner gesehen hatte, wie sehr er sich ein Jahr lang gequält hatte, wie er den Haß tief in seinem Innersten hatte Formen und Gestalten annehmen lassen. Jetzt war er tot. "Ich bitte dich, du wirst doch wohl nicht etwa auch noch Mitleid mit diesem Kerl haben. Sein krankes Hirn ist schuld daran, daß wir tief in der Scheiße sitzen und ich keine Ahnung habe, wie wir da wieder raus kommen sollen. Wenn es ihn nicht gegeben hätte, würden wir jetzt irgendwo in London sitzen, einen gut gewärmten Kakao trinken und die Times lesen. Statt dessen stehen da draußen unzählige Menschen, die mir in den letzten Wochen ans Herz gewachsen sind und die jetzt eine verdammte Erklärung von uns wollen. Ich habe keine Ahnung, was wir ihnen noch sagen sollen. Nicky ist vorhin an mir vorbeigekommen, Cal, und er hat mich noch nicht einmal angesehen. Verstehst du mich? Er hat mich noch nicht einmal mehr angesehen." Carleen schloß die Augen und rieb sich ihre Stirn. Sie konnte Tyra’s Hysterie jetzt ganz bestimmt nicht gebrauchen. Aber eigentlich war es so verständlich. Obwohl Tyra es immer hatte so aussehen lassen, als ob sie sich im Griff hatte und alles nur als einen Job ansah, so hatte sie doch Freunde gewonnen und den Menschen um sich herum viel Sympathie entgegen gebracht. Jetzt standen sie beide vor einem Scherbenhaufen. "Wer hat es ihnen gesagt?" fragte Carleen matt. Tyra kam zu ihr hinüber und setzte sich neben sie. "Ich." Großartig. Drehte sie jetzt vollkommen durch? Gerade eben hatte sie noch weinerlich davon berichtet, wie jeder mittlerweile einen großen Bogen um sie machte, jetzt überführte sie sich selbst als der Übeltäter. "Warum?" Eigentlich interessierte Carleen das nicht wirklich, warum auch. Das Entscheidende war, daß es jetzt jeder wußte, und der Weg zurück endgültig versperrt war. "Weil ich keine andere Wahl hatte. Alex ist vor etwa zwei Stunden hier eingetroffen. Sie war total aufgelöst und hat die ganze Zeit nur geweint. Es dauerte eine Weile, bis wir aus ihr heraus hatten, was los war, aber dann hat sie alles erzählt. Sie hat gesagt, daß du sie angerufen hast und sie hat auch gesagt, worum es in eurem Gespräch ging. Carleen, ich habe mich noch nie so verlogen und schlecht gefühlt wie in diesem Moment. Nun, und dann wollte Kian wissen, was du mit der ganzen Sache zu tun hast. Was hätte ich denn machen sollen? Mir irgendeine waghalsige Geschichte ausdenken, damit wir heil hier heraus kommen? Egal, was ich gesagt hätte, sie hätten es mir nicht geglaubt. Also bin ich ehrlich gewesen, von Anfang an. Ich habe ihnen alles erzählt, alles was mir nur irgendwie wichtig erschien." Tyra machte eine Pause und seufzte. Sogar ihr schienen in diesem Augenblick die Worte zu fehlen. "Wie haben sie reagiert?" "Wie schon. Zuerst waren sie vollkommen fassungslos und haben mich gefragt, wie ich mit so etwas Witze machen kann, dann dauerte es eine Weile, bis sie wirklich begriffen, und dann waren sie wütend. Oh nein, wütend ist nicht der richtige Ausdruck. Sie waren außer sich. Einer nach dem anderen haben sie mich mit Fragen bombardiert, die ich nur zur Hälfte verstanden habe und geflucht, daß es deiner Mutter das Höschen ausziehen würde. Herrgott, und ich kann es ihnen noch nicht einmal verübeln. Anto hat gesagt, daß wir noch heute unsere Sachen packen und von hier verschwinden sollen. Er meinte, daß wir froh sein können, wenn das nicht irgendwelche rechtlichen Schritte nach sich zieht. Glaub mir, Cal, wir haben hier nichts mehr verloren. Cal?" Carleen nahm das Rütteln an ihrer Schulter nicht wirklich wahr. Sie war viel zu sehr in ihrer eigenen Welt gefangen, in der Welt, in der sie durch die Hölle gehen mußte. Wie hatte sie nur jemals glauben können, das hier würde ein gutes Ende nehmen? Das würde es nie und nimmer. Wahrscheinlich konnte sie noch froh sein, daß Tyra diejenige gewesen war, die alles gesagt hatte, nicht sie. Sie wäre daran zerbrochen. Und sie hatte Angst davor, die entscheidende Frage zu stellen. "Was ist mit Kian?" Er war weder draußen auf dem Flur gewesen, noch hatte sie ihn an diesem Abend irgendwo anders gesehen. Es trieb ihr die Tränen in die Augen, wenn sie daran dachte, wie er wohl auf ihren Vertrauensbruch reagiert hatte. Wie er ahnungslos dagesessen und das ganze Ausmaß ihrer Lüge begriffen hatte. Tyra holte einmal tief Luft, bevor sie sich wieder ein wenig entspannte und mit den Schultern zuckte. "Ich weiß es nicht, Cal. Er hat sich furchtbare Sorgen um Lilly und dich gemacht und ich weiß nicht, inwiefern er verstanden hat, was ich gesagt habe. Irgendwann hat er mich dann gebeten, das Zimmer zu verlassen und das war alles. Tut mir leid, daß es so gekommen ist. Ich weiß, daß du es ihm gerne selbst gesagt hättest, aber ich konnte nicht länger warten." Carleen nickte nur gedankenverloren, bevor sie aufstand und zu ihrem Kleiderschrank hinüber lief. Auf Automatik geschaltet, begann sie damit, ihre Sachen aus den Fächern zu nehmen und sie auf das Bett zu werfen. Was sollte sie noch hier? Sie hatte jedem nur erdenklichen Menschen, an dem ihm etwas lag, weh getan. Und sie sollte verdammt sein, wenn sie nicht endlich damit aufhörte. "Cal, ich geh kurz in mein Zimmer und hole meine restlichen Sachen. Brandon hat das meiste schon in seinem Wagen verstaut, und ich möchte sichergehen, daß ich auch wirklich nichts vergessen habe. Bist du ok?" Tyra legte ihr eine Hand auf die Schulter und drehte sie zu sich um. "Ja, natürlich. Geh ruhig, ich werde hier schnell alles zusammenpacken und dann können wir fahren." Tyra nickte stumm, bevor sie zur Tür hinüber ging und sie hinter sich schloß. Dann war Carleen allein. So allein, wie sie es in ihrem ganzen Leben noch nicht gewesen war. Mit einem Schlag hatte sie alles verloren. Ihren Job, den Respekt vor sich selbst und den Mann, den sie mehr liebte, als sie sich das bisher hatte eingestehen wollen. Und es war ihre Schuld. Langsam faltete sie ihre Pullover zusammen und verstaute sie neben den Hosen und Röcken in ihrer Tasche. Es interessierte sie nicht, ob sie eines ihrer Kleidungsstücke zurücklassen würde oder nicht. Das Wichtigste überhaupt würde sie hier lassen. Ihr Herz. Carleen war gerade dabei, den Reißverschluß ihrer Tasche zuzuziehen, als sie die Tür hinter sich aufgehen hörte. Perfektes Timing. "Ich bin gleich fertig, T. Gib mir bitte noch zwei Minuten." Als sie sich dann endlich herumdrehte, sah sie, daß es nicht Tyra war, die da in ihrem Zimmer stand und die Tür leise hinter sich schloß. Es war Kian. "Oh." Carleen wußte, daß die letzte Konfrontation mit ihm unvermeidlich war und daß sie ihm früher oder später hätte gegenüber treten müssen, doch daß er selbst den ersten Schritt machen würde, hatte sie nicht erwartet. Er stand noch einen kurzen Moment mit dem Rücken zu ihr, bevor er sich langsam umdrehte und den Kopf hob. Carleen würde den Ausdruck in seinen Augen nie wieder vergessen. Was sollte sie sagen, was sollte sie tun? Ihr erster Gedanke war, zu ihm zu gehen und ihn zu umarmen, so lange und so fest, bis der Schmerz, den er offenkundig gerade durchlebte, verschwinden würde. Doch das würde er nicht zulassen. Niemals mehr. "Keine Angst, es dauert nicht lange. Ich wollte ihnen nur dafür danken, daß sie mir meine Tochter wiedergebracht haben. Dafür stehe ich in ihrer Schuld." Carleen war für einen Moment wie tot. Warum tat er das? Er hatte allen Grund, wütend zu sein, sie zu hassen und sie nie wiedersehen zu wollen, doch daß er sie plötzlich wie eine vollkommen Fremde behandelte, brachte sie fast um. Hatte er sich in so kurzer Zeit schon so sehr von seinen Gefühlen für sie losgesagt? "Kian, bitte hör auf damit. Laß uns reden. Ich will wenigstens versuchen, es dir zu erklären." Sie machte einen Schritt auf ihn zu, doch er zeigte keine Regung. "Verzeihen sie, aber dazu fehlt mir die Zeit. Kommen sie gut nach Hause." Er wandte sich schon wieder zum Gehen, doch Carleen konnte ihn doch unmöglich so gehen lassen. "Ich dachte, du liebst mich." Es war nicht mal mehr ein Flüstern, doch Kian hatte sie gehört. Carleen zuckte überrascht zusammen, als er plötzlich herum wirbelte und vollkommen zu explodieren schien. "Dann hast du verdammt noch mal falsch gedacht. Ich liebe die Frau, mit der ich in den letzten Wochen zusammen war, nicht die Frau, die jetzt vor mir steht. Ich liebe Jessica Parker, nicht Carleen Baker. Wie hast du dir das vorgestellt, wie verdammt noch mal? Dachtest du, ich könnte einfach darüber hinwegsehen, daß du mich wochenlang an der Nase herumgeführt, mich und meine Freunde verraten hast? Denk nicht einmal daran. Das Einzige, was ich jetzt noch will, ist, daß du aus meinem Leben verschwindest und mich und meine Familie in Ruhe läßt. Wage es nie wieder, mir unter die Augen zu treten." Carleen kümmerte sich nicht darum, daß ihr heiße Tränen die Wangen hinunter liefen, ihre Bluse naß machten und ihr in den Augen brannten. Sie versuchte viel mehr, zu verstehen, zu begreifen. Doch es half nichts. Kian war in seiner Wut nicht wiederzuerkennen. "Kian, bitte..." Sie schluchzte unkontrolliert und hoffte irgendwie, sich wieder beruhigen zu können. Doch das würde sie nie wieder können, wenn er nicht aufhörte, sie so zu behandeln. Kian öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, doch er atmete statt dessen nur einmal tief ein und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger seine müden Augen. Dann blickte er wieder auf und sah Carleen an. "Warum? Ich will einfach nur wissen, warum." Diesmal sprach er leise und gefaßt. "Ich, ich weiß es nicht. Gott, ich weiß es nicht." Alles, was sie sich irgendwann einmal zurechtgelegt hatte, um ihr Tun und Handeln zu erklären, schien wie weggeblasen. Sie konnte nicht mehr klar denken, und wußte nicht, was sie dagegen tun sollte. Kian nickte langsam. "Gut. Dann ist das alles, was wir uns noch zu sagen haben. Leb wohl." Er blieb noch einen Moment stehen, so als ob er sich nicht entscheiden konnte, ob er gehen oder noch bleiben sollte, doch dann wand er sich zur Tür und öffnete sie. Carleen begegnete seinem Blick, als er sich ein letztes Mal umdrehte und sie ansah. Sie ein letztes Mal so ansah und dann ging.

 

Kapitel 44

Carleen starrte noch lange auf die geschlossene Tür, bevor sie die Kraft fand, sich herumzudrehen und ihre letzten Sachen zusammenzupacken. Sie wollte gar nicht darüber nachdenken, was gerade eben geschehen war, nur einfach verschwinden. Verschwinden und nie wiederkommen müssen. Wie naiv war sie doch gewesen, daß sie geglaubt hatte, Kian würde sie verstehen. Herrgott, sie verstand sich doch selber nicht einmal mehr. Und jetzt hatte sie auf grausame Art und Weise feststellen müssen, daß niemand über ihren Fehler einfach so hinwegsehen würde. Am wenigsten Kian. Halbherzig ging Carleen noch einmal durch das Zimmer und vergewisserte sich, daß sie alles wichtige sorgsam verstaut hatte. Dann nahm sie sich ihren Koffer und ihre Tasche, schaltete das Licht aus und verließ ihr Zimmer. Auf dem Flur hatte sich schon längst wieder alles beruhigt, die meisten der vorhin so aufgebrachten Meute waren in ihre Zimmer verschwunden oder hatten sich einen anderen Ort gesucht, an dem sie ungestört waren. Nur Fran und Paul saßen noch immer am Fahrstuhl und musterten sie eingängig, als Carleen auf sie zukam. Von ihnen wollte jetzt sicher keiner mehr mit ihr Skat spielen. "Macht es gut, Jungs." Sie sah sie noch nicht einmal an, als sie ihr Gepäck abstellte und auf den Fahrstuhl wartete. Sie konnte es einfach nicht. "Paß auf dich auf. Schade, daß es jetzt so schiefgelaufen ist. Du schuldest mir noch 2 Pfund." Fran lächelte ein wenig, bevor er nicht länger an sich halten konnte und sie umarmte. Carleen wurde vor lauter Erleichterung darüber ganz schwindlig, und sie mußte sich geradezu an ihm festklammern, um nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen. "Danke, Fran." flüsterte sie, ehe sie ihre Sachen nahm und den Fahrstuhl bestieg. Aus irgendeinem Grund fühlte sie sich besser. Viel besser. "Nichts zu danken. Sei vorsichtig. Da draußen rennen eine ganze Menge Idioten rum." Die Fahrstuhltür schloß sich und Carleen war wieder allein. Sie würde Fran für seine kleine Geste wohl ewig dankbar sein. Nicht jeder haßte sie. Nicht jeder. Von den Jungs hatte sie außer Kian keinen mehr gesehen, und sie bezweifelte, daß sich das noch ändern würde. Sie waren gut beraten, wenn sie so weit weg von ihr blieben wie nur irgend möglich. Es war besser so. Tyra und Brandon waren bereits unten, als Carleen aus dem Fahrstuhl stieg und ihr Gepäck zum Wagen trug. Sie waren in eine kleine Unterhaltung vertieft, die sofort verstummte, als sie Carleen auf sich zukommen sahen. Brandon öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Carleen hinderte ihn daran. "Gib dir keine Mühe, Brad. Laß uns bitte einfach nur fahren, ok?" Sie warf ihre Sachen in den Kofferraum und klappte ihn anschließend zu. Worte des Mitleids oder des Bedauerns konnte sie jetzt ganz bestimmt nicht gebrauchen, am Wenigsten von einem ihrer "Komplizen". Brandon nickte nur stumm, bevor er zur Fahrerseite lief und die Tür aufmachte. Genug Zeit für Tyra und Carleen, um noch ein paar Worte in aller Zweisamkeit zu sprechen. "Ich habe Kian vorhin aus deinem Zimmer kommen sehen, deshalb dachte ich, daß du vielleicht ein wenig allein sein wolltest. War es sehr schlimm?" Tyra machte sich kaum merklich ein wenig kleiner, so als hätte sie Angst davor, was Carleen erwidern würde. Doch die schüttelte nur mit dem Kopf. "Ich hätte eigentlich nichts anderes erwarten können. Nun weiß ich, daß definitiv Schluß ist. Hoffen wir, daß ich irgendwann einsehe, daß es so das Beste ist." Carleen zuckte hilflos mit den Schultern und versuchte, ein wenig optimistischer zu erscheinen, als sie sich eigentlich fühlte. Doch es war nicht unbedingt leicht, der besten Freundin etwas vorzumachen. "Tut mir leid, daß es dir jetzt so schlecht geht. Aber ich bin immer für dich da, genau wie all die andren Chaoten in London, die nur darauf warten, daß du endlich wieder nach Hause kommst. Wir haben vieles überlebt, da wird uns das nicht aus der Bahn werfen, oder?" Carleen mußte fast ein wenig lachen, als sie an all ihre Freunde dachte, die zu Hause auf sie warteten. Oh ja, mit deren Hilfe würde sie einen Weg finden, nicht mehr zurückzublicken und nach vorne zu schauen, sich auf das zu freuen, was sie erwartete. Hoffentlich. Aus einem Impuls heraus zog Carleen Tyra in ihre Arme und drückte sie lang und innig an sich. "Ich weiß wirklich nicht, was ich ohne dich machen würde, Muffin." Tyra hatte schon einen großen Teil ihres eigentlichen Ichs zurückgewonnen, als sie sich ein wenig zurücklehnte und schief grinste. "Wird auch langsam Zeit, daß du das begreifst. Ich erinnere dich daran, wenn es wieder darum geht, wer den Abwasch macht." Tyra küßte ihre Wange und wollte sich gerade umdrehen, als etwas hinter Carleen ihre Aufmerksamkeit erregte. Ihr Lächeln machte langsam einer besorgten Miene Platz. "Was ist?" Carleen folgte Tyra’s Blick und drehte sich neugierig um. Kian und Lilly verließen gerade den Fahrstuhl, sie auf seinem Arm. Und sie kamen direkt auf sie zu. "Oh Gott." Carleen schluckte heftig, bevor sie sich wieder zu Tyra umdrehte und sie ratlos ansah. Noch so einen Ausbruch von Kian würde sie nicht ertragen. "Nun geh schon. Ich setze mich ins Auto und laber Brandon eine Weile zu. Du schaffst das, los." Tyra winkte sie davon, ehe sie vorne neben Brandon einstieg und die Tür zuknallte. Es war also keiner mehr da, dem Carleen noch ihre Aufmerksamkeit hätte widmen können. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen drehte sie sich wieder herum und sah, wie Kian einige Meter von ihr entfernt stehenblieb und Lilly herunter ließ. "E-siia! Du mußt Auf Wiedersehen sagen." Carleen hatte gerade noch genug Zeit, um in die Hocke zu gehen und die Arme auszubreiten, bevor Lilly ihr entgegen rannte und ihr einen übermütigen Schmatz auf den Mund drückte. "Oh, nicht so stürmisch, Süße. Wie konnte ich es denn vergessen, mich von dir zu verabschieden, mhh? Bist du mir sehr böse?" Carleen war von soviel Liebe und Zuneigung einfach überwältigt. Sie hatte schon wieder Mühe, ihre Tränen der Rührung zu unterdrücken, als sie Lilly hochhob und ihre kleine Nase küßte. "Ich bin nicht böse. Wussy auch nicht. Kommst du bald wieder?" Sie sah Carleen mit großen blauen Augen an, während sie verlegen mit einer Haarsträhne spielte und abwartete. Wie sollte man einem kleinen Kind von drei Jahren erklären, daß das wohl nicht möglich war? Carleen atmete einmal tief durch und lächelte. "Ich weiß es noch nicht, aber wenn, dann bist du die erste, die es erfährt, ok?" Das war alles, was Carleen sagen konnte, ohne zu lügen oder Lilly falsche Hoffnungen zu machen. Sie küßte Lilly noch ein weiteres Mal kurz auf die Wange, bevor sie das kleine Mädchen wieder von ihren Armen ließ und ihr den Pullover, den sie trug, zurecht zupfte. Kian stand noch immer einige Meter von ihnen entfernt und lächelte seiner Tochter zu, als diese wieder zu ihm zurücklief - mit Carleen an der Hand. Diese hatte einfach nicht den Mut, sich dagegen zu wehren und Lilly vor den Kopf zu stoßen, nur aus diesem Grund ging sie mit ihr mit. Sie konnte auf einen weiteren Ausfall von Kian verzichten und sagte sich immer und immer wieder, daß sie gleich wieder gehen würde, sobald Lilly in den Armen ihres Vaters war. Nur wollte Kian es ihr anscheinend nicht so einfach machen. "Sie ist aufgewacht und hat nach dir gefragt." sagte er, so als wollte er sich entschuldigen. Er hatte doch keine Ahnung, wieviel Carleen Lilly’s Umarmung bedeutet hatte. "Kein Problem. Es war schön, sie noch einmal zu sehen. Paß gut auf sie auf, die Jungs werden bald ganz verrückt nach ihr sein." Carleen steckte sich ihre Hände verlegen in die Hosentaschen. Und Kian lächelte. Oh Gott. "Ja, das befürchte ich auch. Und ein Egan wird ganz sicher nicht ausreichen, um ihr die ganzen Verehrer vom Hals zu halten." Das war alles, was er sagte, bevor eine betretene Stille eintrat. Carleen hatte sich selten so fehl am Platz gefühlt. Wahrscheinlich erwartete Kian von ihr, daß sie ging, doch aus irgendeinem Grund wollte sie das jetzt noch nicht. Hatte er nicht noch irgend etwas zu sagen? Irgend etwas, was er vorhin vergessen hatte und jetzt noch hinzufügen wollte? Etwas liebevolles. Anscheinend nicht, denn alles, was er tat, war, in seiner Hosentasche herumzuwühlen und einen kleinen Zettel hervorzuholen. "Den habe ich vorhin auf deinem Schreibtisch gefunden." Kian reichte Carleen das Papier, das sie sofort als den Brief erkannte, den sie ihm hatte schreiben wollen. Den sie hatte schreiben wollen und nie beendet hatte. "Wie lange hast du schon mit dem Gedanken gespielt, es mir zu sagen?" fragte er matt und sah sie an. Diesmal blickte er nicht so drein wie es oben in ihrem Zimmer der Fall gewesen war. Sein Blick hatte etwas, was sie nicht deuten konnte. Etwas von Zufriedenheit vielleicht. Zufriedenheit darüber, daß das, was sie erlebt hatten, nicht vollkommen gelogen gewesen war. Vielleicht auch Zufriedenheit darüber, daß Carleen nach dem Mut gesucht hatte, ihm alles zu beichten. Sie wußte es nicht. "Ich wollte es dir von dem Augenblick an sagen, in dem mir bewußt wurde, daß das zwischen uns beiden kein Spiel ist. Aber ich war feige und bin es wohl immer noch. Ein angefangener Brief ändert daran nichts." Ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, faltete sie das Papier zusammen und verstaute es in ihrer Hosentasche. Sie würde ihn bei Gelegenheit zerreißen und wegwerfen, immerhin brauchte sie nicht auch noch ein schriftliches Zeugnis ihrer Dummheit. Kian sah ihr gedankenverloren dabei zu, wie sie den Brief verschwinden ließ, ehe er sich wieder zusammenriß und versuchte, das Beste aus ihren letzten gemeinsamen Minuten zu machen. Sie wußten beide, daß es die letzten waren. Zumindest vorerst. "Ich glaube, wir wären unter anderen Umständen sehr glücklich miteinander geworden." Kian machte unverhofft einen Schritt auf Carleen zu und strich ihr eine Haarsträhne, die ihr ins Gesicht gefallen war, hinters Ohr. Carleen konnte nicht anders, als die Augen für einen kurzen Moment zu schließen und seine sanfte Berührung zu genießen. "Wer weiß. Sollten wir uns im nächsten Leben wieder begegnen, werde ich auf jeden Fall nicht noch einmal den dummen Fehler machen, dich gehen zu lassen. Du bist etwas Besonderes, Kian, und du verdienst jemand besonderen. Vergiß das nicht, wenn du auf der Suche nach der großen Liebe bist." Carleen legte ihre Hand über die von Kian, welche auf ihrer Wange ruhte und drückte sie zärtlich. Es schmerzte, daran zu denken, daß er irgendwann mit einer anderen Frau glücklich werden würde, doch gleichzeitig hoffte sie es so sehr. Er verdiente es, mehr als jeder andere, den sie kannte. Kian sah sie sehr lange an, bevor er sich vorbeugte und ihre Stirn küßte. Ein stiller Abschied. Carleen hätte schwören können, daß er die ersten Tränen fort blinzelte, als er von ihr wegtrat und Lilly erneut auf seine Arme hob. "Wiedersehen, E-siia." Lilly winkte eifrig über Kian’s Schulter hinweg, nachdem dieser sich umgedreht hatte und mit ihr in den Fahrstuhl gestiegen war. "Wiedersehen." flüsterte Carleen, nachdem die Fahrstuhltür sich längst geschlossen hatte. Sie atmete einmal tief durch, ehe sie zum Auto zurücklief und einstieg. "Alles ok?" Tyra neigte ihren Kopf, damit sie Carleen besser sehen konnte, und lächelte zufrieden, als diese nickte. Dann startete Brandon den Motor und manövrierte den Wagen aus der Parklücke. Carleen lehnte sich mit ihrem Kopf an das kalte Fenster des Autos und schloß die Augen. Nein, es war nicht wirklich alles ok. Es würde lange dauern, bis alles wieder ok war, aber es war besser. Sehr viel besser. Noch immer hatte sie den tiefen Wunsch, einfach auszusteigen und zurückzulaufen, zurück zu Kian und seiner Liebe. Doch sie verstand nun, daß das nicht ging. Kian war ihr soweit entgegengekommen, wie er es in Anbetracht dieser Situation hatte tun können, und darüber konnte sie mehr als glücklich sein. Vielleicht würde es irgendwann noch einmal die Möglichkeit geben, all das aufzuholen, was sie verpaßt hatten, doch darüber durfte sie sich jetzt noch keine Gedanken machen. Vor ihr lagen lange Wochen und Monate, in denen sie versuchen mußte, zu einem normalen Leben zurückzufinden. Einem Leben ohne Kian. Sie mußte wieder lernen, alleine einzuschlafen, ohne jedes Mal in Tränen auszubrechen, sie mußte lernen, auf sein Lachen und seine Berührungen zu verzichten. Und sie würde es schaffen. Irgendwie. Dessen war sie sicher. Oh ja, dessen war sie sich sehr sicher, als Brandon’s Wagen sich in den Dubliner Nachtverkehr einreihte und sie alle nach Hause brachte. Sie würde es schaffen.

Kapitel 45

~~ Epilog ~~

"So, bist du sicher, daß wir hier richtig sind?" Carleen stellte ihr Handgepäck vorsichtig ab, und sah auf das Flugticket, das sie in ihrer freien Hand hielt. "Ich weiß nicht, hier steht Flug 325 nach Boston, Terminal 4." Tyra, die ihr über die Schulter geblickt hatte, sah hoch zur Anzeigetafel und nickte zufrieden. "Dann haben wir genau ins Schwarze getroffen, Cal. Flug 325, Boston. Und wenn mich jetzt noch einer dieser Ignoranten hier anrempelt, schrei ich ganz London Heathrow zusammen. Was bin ich denn, ein Zwerg?" Sie schüttelte frustriert den Kopf, bevor sie in ihre Handtasche griff, die ihr über der Schulter baumelte und eine kleine quadratische Packung hervorzauberte. "Hier sind die Tabletten von Doktor Owens. Nicht vergessen, wenn es dir schlecht wird, nimmst du einfach eine davon und.. was leierst du da bitte mit den Augen? Ich bin lediglich um deine Gesundheit besorgt." "Und der geht es bestens. Du solltest den Engeln in weiß nicht immer alles glauben. Auch wenn sie gut aussehen." Carleen lachte, und verstaute die Tabletten in ihrer eigenen kleinen Tasche, bevor sie zufrieden seufzte und sich umsah. London Heathrow. Das letzte Mal war sie vor drei Monaten hier gewesen, als der Flieger aus Dublin gelandet war. Drei Monate und es kam ihr immer noch vor wie gestern. Für einen kurzen Moment schienen die Menschen, die hektisch an ihr vorbei rannten, stillzustehen, als sie sich daran erinnerte. Kian. Drei Monate und sie dachte immer noch an nichts anderes. Zwar hatte sie aufgehört, sich jede Nacht in den Schlaf zu weinen und in irgendeinem die Schuld für das ganze Fiasko zu suchen, doch es schmerzte noch immer, ihn im Fernsehen zu sehen und zu wissen, daß es vorbei war. Er hatte in den Zeitungen nie über sie gesprochen, obwohl kurz nach ihrer Trennung Gerüchte über sie und Kian aufgekommen waren, die das Management jedoch vehement dementiert und zu denen Kian sich nie selber geäußert hatte. Warum auch, es war ja nun mal vorbei. Glücklicherweise hatte Walsh von weiteren rechtlichen Schritten abgesehen und dafür gesorgt, daß keines der geschehenen Dinge nach draußen an die Öffentlichkeit getreten war. Selbst das Verschwinden von Lilly war unentdeckt geblieben, nur mit Jason’s Tod füllten die Klatschblätter tagelang ihre Frontseiten. Niemand wußte wirklich, warum er sich das Leben genommen hatte, und sowohl Carleen als auch Tyra hüteten sich, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Sie hatten lange überlegt, ob sie seiner Beerdigung beiwohnen sollten oder nicht und hatten sich schließlich doch dafür entschieden, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Er war kein Mensch gewesen, der viele enge Freunde hatte, doch der genug Geschäftsleute kannte, damit sein Grab blumengeschmückt und für die ersten Tage rege besucht war. Am Tage der Beisetzung hatte Carleen dann auch die Bekanntschaft mit Elisabeth Waldon gemacht, der Exfrau von Jason, einer verzweifelten Alkoholikern in ihren Vierzigern. Nach einer Tochter trug sie nun auch noch den Mann zu Grabe, von dem sie geglaubt hatte, daß er sie geliebt hatte. Traurig, traurig. Doch die Tage nach ihrer Rückkehr hielten auch eine freudige Überraschung für Carleen bereit, mit der sie wohl am Allerwenigsten gerechnet hatte. Lächelnd erinnerte sie sich an den Tag zurück, an dem sie ihr kleines Appartement im zweiten Stock eines Londoner Wohnhauses betreten und Tyra mitgeteilt hatte, daß sie schwanger war. Keiner der beiden hatte damit gerechnet, als Carleen sich am Morgen angezogen und zu einer routinemäßigen Voruntersuchung bei Doktor Owens gegangen war, der ihr zwei Stunden später gratuliert und gesagt hatte, daß sie ein Kind erwartete. Komischerweise waren ihr nie Zweifel darüber gekommen, ob sie das Baby behalten wollte oder nicht. Ihr Kind war die bleibende Erinnerung, die sie an Kian hatte und die ihr keiner mehr nehmen konnte. Und sie würde sich die auch nicht nehmen lassen. Zwar hatte sie lange Nächte wach gelegen und darüber nachgedacht, ob sie Kian informieren sollte, doch sie entschied sich schließlich dagegen. Er hatte sich in den drei Monaten nicht ein einziges Mal gemeldet und sie hatte es auch nicht anders erwartet. Sein Leben mußte weitergehen und das ohne sie, genau wie ihr Leben weitergehen mußte ohne ihn. Ohne den Vater ihres Kindes. Vielleicht würde ein Wink des Schicksals sie irgendwann ein zweites Mal zusammenführen, und ihr die Möglichkeit geben, ehrlich zu sein. Zum ersten Mal ehrlich zu ihm zu sein. "Cal? Halloho?! Hörst du mir eigentlich zu oder rede ich gerade mit dem Schalter hinter dir?" Carleen zuckte unmerklich zusammen und lächelte. Sie ertappte sich in letzer Zeit öfters dabei, wie sie in Tagträumen versank und ihre Gedanken schweifen ließ. "Tut mir leid, T. Was hast du gesagt?" Tyra verzog ihr Gesicht zu einem schiefen Grinsen und leierte die Augen. "Ich habe dich lediglich nach der Adresse von Doktor Owens gefragt. Meinst du, du könntest sie mir als Zeichen deiner ewig währenden Freundschaft zustecken? Vielleicht stattet er mir irgendwann ja mal einen Hausbesuch ab." Carleen lachte. Immer noch die Alte. Tyra hatte nach den Geschehnissen schnell wieder zu ihrem alten Leben zurückgefunden und aufgehört, sich Gedanken über vergangene Tage zu machen. Sie war ganz einfach nicht der Typ dazu. Zwar bedauerte sie das, was geschehen war, doch es hinderte sie nicht daran, dieses kleine Kapitel ihres Lebens abzuschließen und nach vorne zu blicken. Carleen bewunderte sie dafür und war froh, als sie selber die Möglichkeit dafür bekam, ihr Leben wieder in geordneten Bahnen verlaufen zu lassen. Connor, der einzige in ihrer Familie, der wirklich wußte, was vorgefallen war, hatte sich mit einer amerikanischen Zweigstelle seiner Firma in Verbindung gesetzt und Carleen dort einen Job im Sekretariat besorgt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Carleen hoffte inständig, daß sich dies irgendwann bewahrheiten würde und sie an Kian würde zurückdenken können, ohne dabei zu verzweifeln. Außerdem mußte sie jetzt nicht länger nur für sich sorgen, sondern übernahm Verantwortung für einen kleinen Menschen, mit dem sie in weniger als 6 Monaten ihr Leben teilen würde. Nur Tyra hatte sich anfangs nicht mit der Idee anfreunden können, Carleen einfach so ziehen zu lassen, doch mit der Zeit kam die Einsicht. Das hatte sie trotzdem nicht davon abgehalten, Rotz und Wasser zu heulen, als Carleen ihre Koffer gepackt und sich für die Abreise bereit gemacht hatte. Sie war kein Freund großer Abschiede, deswegen hatten sie und Carleen vereinbart, daß Tyra den Flughafen verlassen würde, lange bevor sich Carleen’s Flieger Richtung Boston in die Lüfte erheben würde. Und das war Carleen mehr als recht. Natürlich war sie bereit für den Abstand, den so ein Umzug mit sich brachte, doch sie verließ schon wieder Menschen, die sie liebte und brauchte. "Keine Angst, T. Die Adresse liegt neben dem Telefon. Fein leserlich und nicht zu übersehen. Ich wußte, daß du nach ihm fragen würdest." "Braves Mädchen. Irgendwie muß ich mich doch beschäftigen, wenn du einfach so in die große, weite Welt hinausziehst und mich hier alleine läßt. Paß bloß gut auf deine Mum auf, hast du mich gehört Kleiner?" Tyra hatte sich zu Carleen’s Bauch hinunter gebeugt und streichelte über deren Pullover. Sie war fest davon überzeugt, daß man schon etwas sehen konnte, wenn man ganz genau hinsah. "T, du tust es schon wieder. Woher willst du wissen, daß das hier drinnen ein Kleiner ist? Es könnte genauso gut auch eine kleine Carleen werden." Tyra hob ihren Kopf wieder und sah Carleen ungläubig an. "Das glaubst du ja wohl selbst nicht. Ein Mann mit Egan’s Ego kriegt nur Jungs zustande." "Ach, und wie erklärst du dir dann Lilly?" Sie zuckte mit den Schultern. "Das war ein glücklicher Unfall der Natur. Noch einmal werden wir Frauen dieses Glück nicht haben. Das bedeutet einen Egan mehr für diese Welt und ich weiß nicht, womit wir das verdient haben." Carleen knuffte Tyra in die Seite, bevor sie auf ihre Uhr sah und im Kopf die Minuten zusammenzählte, die ihr noch blieben. Ihr übriges Gepäck hatte sie schon längst eingecheckt, alles was jetzt noch fehlte, war, sich von Tyra zu verabschieden und an Bord zu gehen. Das war leichter gesagt als getan, denn keine der beiden schien so richtig zu wissen, was sie als nächstes sagen sollte. Dann griff Tyra plötzlich erneut in ihre Tasche und förderte einen kleinen Brief zutage. "Den hätte ich beinahe vergessen, dir zu geben. Ist vor ein paar Tagen gekommen, als du beim Einkaufen warst. Ich muß ihn dann wohl irgendwie verlegt haben. Und ich habe ihn nicht geöffnet, ganz ehrlich." Tyra hielt abwehrend die Hände nach oben, bevor sie sich neben Carleen stellte und sah, wie diese den Umschlag langsam öffnete. Alles, was sie darin fand, war ein kleiner Zettel. "Quid pro quo, Carleen. Wir sehen uns wieder. In Liebe, Shane." "Was soll das denn bitte heißen? Entweder war der Gute sturzbetrunken, als er das geschrieben hat oder er schaut zuviel Fernsehen. Seit wann imitiert Shane Hannibal Lecter?" Tyra schüttelte ungläubig den Kopf und hatte ganz offensichtlich keine Ahnung, was es damit auf sich hatte. Carleen schon. Chippy hätte sich keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können, um sein Geheimnis zu lüften. Lachend steckte sie den Zettel zurück in den Umschlag und verstaute ihn in ihrer Tasche. Dieser verrückte Chaot. "Ist wirklich nicht so wichtig, T. Ich erkläre es dir bei Gelegenheit. Jetzt muß ich zusehen, daß ich in meinen Flieger komme, sonst lassen die mich hier." Wieder einmal überspielte sie ihre Nervosität mit einem Lachen. Und Tyra wußte es. Wortlos zog sie die Freundin in ihre Arme und schämte sich auch ihrer Tränen nicht, die an diesem Tag irgendwie unaufhaltsam schienen. "Herrgott, du bist einfach unmöglich. Läßt mich einfach so alleine hier zurück, obwohl du genau weißt, daß mich das in Teufels Küche bringen wird. Niemand, der mir mehr sagt, daß das Verfallsdatum der Milch im Kühlschrank schon längst abgelaufen ist oder mein nächster Termin bei meinem Zahnarzt ansteht. Ich werde vollkommen aufgeschmissen sein ohne dich." Carleen lachte durch ihre eigenen Tränen hindurch. "Doktor Owens wird dir sicherlich eine große Hilfe sein, wenn du nett zu ihm bist. Grüß ihn von mir und sag ihm, daß ich zur Not auch zurück geschwommen komme, wenn er nicht gut auf dich aufpaßt." Sie küßte Tyra auf die Wange, bevor sie wieder einen Schritt zurück trat und ihre letzten Tränen davon blinzelte. Einmal in Amerika angekommen, würde sie genug Zeit haben, um zu weinen, jetzt mußte sie das Beste aus ihrer Situation machen. "Keine Angst, dafür werde ich schon sorgen. So einen Leckerbissen laß ich mir doch nicht entgehen." "Hätte mich auch gewundert. Sei einfach nur vorsichtig, ok?" "Aye Aye, Käpt’n!" Tyra sah auf ihre Uhr. "Ich werde mich jetzt in meinen Wagen, der übrigens im Halteverbot steht, verziehen und sämtliche Taschentücher, die ich bei mir habe, zunichte machen. Und vergiß nicht, dich zu melden, wenn du da bist." "Ich vergesse es bestimmt nicht. Komm her." Noch einmal hatte Carleen das dringende Bedürfnis, Tyra zu umarmen, bevor sie sich ihren kleinen Rucksack, der bis eben noch an ihrem Fuß gelegen hatte, über die Schulter warf und ein letztes Mal winkte, während Tyra schon langsam im Gewühl verschwand. Es war einfach nicht ihre Art, sich noch einmal umzudrehen und dem nachzutrauern, was sie sowieso nicht mehr ändern konnte. Und Carleen würde es genauso machen. Sie hatte sich selbst das Versprechen gegeben, nicht nachzulassen und wieder nach vorne zu blicken. Jetzt hatte sie sogar noch jemanden, der ihr dabei helfen würde. Sorgsam legte sie sich eine Hand auf ihren Bauch und passierte die Flughafenkontrolle. "Wir wünschen ihnen einen guten Flug und einen angenehmen Aufenthalt in Boston." "Danke." Carleen schenkte der Stewardeß ihr schönstes Lächeln, bevor sie ihr Ticket wieder an sich nahm und den Menschen vor ihr zum Flieger folgte. Welche Gründe hatten sie wohl, das Flugzeug nach Boston zu besteigen? Wollten sie genau wie Carleen von vorne anfangen? Vergangenes hinter sich lassen? Sie wußte es nicht, aber das machte nichts. Was sie wußte, war, daß all diese Menschen sie begleiten würden. Begleiten auf dem Weg, der noch steinig und uneben vor ihr lag. Der Weg, den sie bezwingen würde und an dessen Ende sie zufrieden auf das Erreichte zurückblicken würde. Vielleicht würde sie auch wieder zurückkommen, doch dann würde sie nicht länger der Mensch sein, der sie jetzt war. Sie würde erfahrener sein, erwachsener. Und dann würde sie vielleicht auf all das hier zurückblicken und lachen können.

Irgendwann.

 

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