
Januar 2005 – August 2005
Kapitiel: Prolog - 1
- 2 - 3 - 4 - 5
- 6 - 7 - 8 - 9
- 10 - 11 - 12 - 13
- 14 - 15 - 16 - Epilog
~+~Prolog~+~
Vater und Verlobter stirbt bei Großbrandeinsatz
Er gab sein Leben, um Keelin (5) zu retten
Sligo Die vergangene Nacht erschütterte ganz Sligo, als in einem Mehrfamilienhaus plötzlich ein Großbrand ausbrach. Zwölf Feuerwehrmänner wurden zum Einsatz gerufen, darunter auch Ryan Kennedy (26). Der Vater eines 2-jährigen Sohnes und der Verlobte von Chloe Prescott (25) gab sein eigenes Leben, um das des 5-jährigen Keelin Coopers zu retten. Der Junge stand an einem offenen Fenster und schrie um Hilfe. Trotz der großen Gefahr, die allen bewusst war, ließ sich Ryan Kennedy nicht davon abbringen, in das brennende Haus zurück zu rennen. Wahrscheinlich war es der Gedanke und die Liebe zu seinem eigenen Sohn, die ihn dazu trieb. Zunächst konnte er sich selbst und auch den kleinen Keelin lebend aus dem Mehrfamilienhaus retten. Eine halbe Stunde später, dann die schockierende Nachricht. Ryan Kennedy erlag noch am Brandort seinen schweren Verletzungen, die er sich bei der Rettung des kleinen Jungen zuzog. Die Brandursache ist noch unklar.
Chloe legte den Zeitungsausschnitt zurück auf den Tisch und wischte sich
die aufsteigenden Tränen aus den Augen. Zwei Jahre war es nun her, zwei
einsame Jahre, die sie nur mit Hilfe ihres Sohnes überstanden hatte. Zwei
Jahre in denen sie glaubte vor innerlichem Schmerz selbst sterben zu müssen.
Zwei Jahre die ihr vorkamen wie zwei Jahrzehnte und doch war es noch der selbe
starke Schmerz, der sie regelmäßig zum Weinen brachte. Es war einfach
nicht fair, dass Ryan so jung sterben musste. Es war nicht fair, dass sie nun
allein war und es war auch nicht fair, dass Jamie ohne Vater aufwachsen musste.
Jamie, dessen Lachen jeden Menschen in seinen Bann zog. Er war ein kleiner Sonnenschein,
der gute Laune verbreitete, selbst wenn er still auf seinem Stuhl saß.
Er war mit seinen zwei Jahren damals noch zu jung um zu verstehen, was passierte.
Chloe erzählte ihm immer, sein Papa sei im Himmel und würde von dort
aus auf ihn aufpassen. Daraufhin begann er zu nicken und stellte sich auf einen
Hocker in seinem Zimmer um aus dem Fenster in den Himmel blicken zu können.
Chloe griff nach einem Taschentuch und putzte sich die Nase. Dabei fiel ihr
Blick auf das gerahmte Bild über dem Fernseher. Ryan kniete in einer Blumenwiese,
die Arme nach Jamie ausgestreckt, der gerade anfing zu laufen. Sie selbst stand
hinter Ryan und blickte ihm über die Schulter. Emily und Shane hatten immer
gesagt, es gab keine anderen Menschen, die auf einem einfachen Bild so strahlen
konnten, wie sie und Ryan. Da war was dran. Chloe war der festen Überzeugung,
dass kein anderes Paar so glücklich war wie sie und Ryan. Einzig und allein
was von diesen Zeiten übrig war, waren Erinnerungen. Erinnerungen an die
schönsten Jahre ihres Lebens. Sie schluchzte einmal lauft auf, ehe sie
zum Hörer griff und Emilys Nummer wählte.
„Hallo?“, meldete sich eine verschlafene Stimme am anderen Ende. Chloe sah auf
ihre Armanduhr und erschrak. Dass es so spät war, hatte sie nicht gedacht.
Hatte sie wirklich so viel Zeit damit verbracht, in Erinnerungen zu schwelgen
und von einem Tränenausbruch in den nächsten zu fallen?
„Hey Muffin.“, sprach Chloe mit fester Stimme in den Hörer. Nur keine tränenreiche
Begrüßung! Wenn es am Anfang schon so anging, konnte man davon ausgehen,
dass sie die nächste halbe Stunde mit Tränen und Schluchzern füllte.
Das hatte ihre beste Freundin um diese Uhrzeit wirklich noch nicht verdient,
auch wenn sie immer betonte, dass es ihr nichts ausmachte und sie Rund um die
Uhr für Chloe da war.
„Pumpkin.“, stöhnte Emily und man konnte das Grummeln von Shane im Hintergrund
hören.
„Hab ich dich geweckt?“, fragte sie, noch immer im gleichen Tonfall, obwohl
diese Frage überflüssig war, schließlich war es offensichtlich,
dass sie Emily geweckt hatte.
„Nein, ich bin immer bis um 4.00 Uhr am Morgen wach, wenn ich am nächsten
Tag arbeiten muss.“, antwortete Emily ironisch. Wieder war Shanes Brummen und
Grummeln zu hören, das Emily einfach ignorierte.
„Was gibt’s?“, fragte sie und angelte verschlafen nach ihren pinken Plüschpantoffeln,
die unter dem Bett lagen, obwohl sie ganz genau wusste um was es ging. Ryan
war ihr bester Freund und auch sie war an seinem zweiten Todestag kurz an seinem
Grab gewesen. *Was gibt’s*, war das Stichwort für Chloe und sie konnte
ihre Tränen nun nicht mehr zurück halten. Jeder Widerstand war zwecklos.
Emily versuchte vergebens sie zehn Minuten lang am Telefon zu beruhigen, ehe
sie es aufgab und im Morgenmantel an Chloes Tür klopfte. Chloe schlurfte
schlapp zur Tür und fiel Emily erschöpft in die Arme, kaum, dass sie
ihr gegenüber stand. Sie konnte sich glücklich schätzen, dass
ihre beste Freundin nur eine Wohnung oben drüber wohnte...
„Alles wird gut, Chloe!“, flüsterte Emily und strich ihr beruhigend über
den Rücken.
„Wahrscheinlich ist es das Beste, wenn du jetzt mal richtig weinst, Süße.
Ich bewundere dich sowieso dafür, dass du heute beziehungsweise gestern
arbeiten warst und du alles so normal wie möglich erledigt hast. Ich wäre
nicht so stark gewesen.“, fügte sie hinzu und küsste Chloe auf die
Stirn.
Chloe saß wie in Trance auf ihrem Küchenstuhl und rührte, ohne
es wahrzunehmen, in ihrem Kaffee herum. Emily war vor fünf Minuten gegangen.
Shane hatte angerufen und sie geweckt, damit sie nicht zu spät zur Arbeit
kam. Auch Chloe musste in die Arbeit, doch wenn sie ehrlich war, spielte sie
mit dem Gedanken heute einfach zu Hause zu bleiben. Sie fühlte sich schlapp
und ausgelaugt, was nach einer Nacht mit weniger als zwei Stunden Schlaf auch
nicht wirklich verwunderlich war. Bis 5.00 Uhr waren sie beide noch wach gewesen,
ehe sie vor lauter Müdigkeit die Augen nicht mehr offen halten konnten
und kurz nach halb sieben hatte sie das klingelnde Telefon geweckt. Und nun
saß sie hier, ihr Gesicht kreidebleich mit tiefen, schwarzen Augenrändern.
Es dauerte nicht lange und Jamie kam in die Küche gelaufen. Unter den einen
Arm gequetscht, seinen ständigen Begleiter Wuschel. Den kleinen Stoffhund
hatte er seit seiner Geburt und er durfte seit dem keine Nacht in seinem Bett
fehlen. In der anderen Hand trug er seinen leeren Nasenbecher. Seine braunen
Locken standen in alle vier Himmelsrichtungen vom Kopf ab und Chloe musste trotz
ihres schlechten Befindens lachen.
„Guten Morgen, Schatz.“, begrüßte sie ihn und gab ihm ein Küsschen
auf den Mund.
„Hallo Mami.“, antwortete er und rieb sich seine kleinen Augen, nachdem der
Nasenbecher sicher auf dem Tisch stand und Wuschel unter dem Stuhl verstaut
war.
„Möchtest du Frühstücken?“, fragte Chloe und griff nach der Milch
aus dem Kühlschrank. Jamie nickte und kletterte auf einen Stuhl.
„Marmelade oder Honig?“
„Marmelade, mit ohne Kirschen.“ Chloe nickte, griff nach der Erdbeermarmelade
und stellte sie zusammen mit einem Glas Milch auf den Tisch. Jamie griff nach
seinem Kindermesser, das Chloe ihm reichte und war rege damit beschäftigt
sein Brot zu schmieren, als Chloe nach dem Telefonhörer griff und die Nummer
der Wohnung oben drüber wählte.
„Shane Filan“
„Hallo, hier ist Chloe.“
„Hi Chloe. Wenn du Em sprechen möchtest muss ich dich leider enttäuschen.
Die hast du um eine Minute verpasst.“
„Nein, nein, ich wollte dich.“
„Ach so.“
„Na ja, ich wollte fragen ob du Jamie heute aus dem Kindergarten holen kannst.
Ich würde gerne wohin fahren.“
„Na klar, ich kann sicher ein paar Minuten eher aus dem Büro. Bis wann
bist du denn zurück?“
„Ich weiß nicht, vielleicht so gegen sieben. Danke Shane, grüß
Em von mir.“
„Mach ich. Ciao.“
Chloe legte auf um das Telefon eine Sekunde später wieder in die Hand zu
nehmen. Diesmal wählte sie die Nummer des Kindergartens.
„Kindergarten Regenbogen. Hamilton, Hallo.“
„Hallo Rosie, hier ist Chloe. Ich wollte mich für heute krank melden. Ich
bring Jamie aber noch vorbei, nur ein bisschen später. Ich denke gegen
neun ist er da.“
„Okay. Was fehlt dir denn?“
„Ich fühl mich nicht gut und mein Kreislauf ist am Boden. Nichts dramatisches,
morgen bin ich sicher wieder fit.“
„Na gut, dann gute Besserung.“
„Danke.“
Chloe legte erneut auf. Nun hatte sie es getan, der Anruf war erledigt, jetzt
gab es kein zurück mehr. Chloe liebte ihre Arbeit im Kindergarten, doch
heute hatte sie eine andere Mission zu erfüllen. Eine die sie seit zwei
Jahren hinter sich bringen wollte und es bis jetzt noch nicht geschafft hatte.
Jamie war gerade fertig mit Essen, als sie sich zurück an den Tisch setzten
wollte.
„Geh dich bitte waschen, du hast einen Marmeladenmund.“, sagte sie und schickte
ihn ins Bad. Sie selbst begann den Tisch abzuräumen und anschließend
Jamies Kleidung aus dem Schrank zu suchen. Sie legte ihm seine blaue Latzhose
und das rote *Bob the Builder* Shirt aufs Bett, daneben kleine Shorts, ein Unterhemd
und blaue Socken. Während Chloe noch schnell unter die Dusche sprang, war
Jamie noch immer damit beschäftigt seinen Mund zu waschen und seine Zähne
zu putzen. Der Großteil der Zahnpasta landete dabei in seinem ganzen Gesicht.
„Kleiner Trödler.“, sagte sie, als sie ein großes Handtuch um ihre
nassen Haare schlang.
„Deine Anziehsachen liegen auf dem Bett, wenn du Hilfe brauchst rufst du mich.“
Jamie nickte und marschierte in sein Zimmer, wo Chloe ihn mit seiner Latzhose
kämpfen hörte. Sie musste lächeln, weil sie es sich bildlich
vorstellen konnte, wie er vergeblich versuchte die Schnallen der Latzhose über
seine Schultern zu bekommen. Sie schlüpfte in ihre Jeans und zog sich einen
weiten, schwarzen Pullover über den Kopf. Kurz darauf kam Jamie ins Bad
geschlurft. Er hatte sich komplett allein angezogen, nur die Latzhose schleifte
noch offen über den Boden.
„Mami? Hilfst du mir?“
„Natürlich, komm her.“ Chloe schloss die Hose mit zwei Griffen und küsste
Jamie auf die Stirn.
„Hast du toll gemacht, Großer.“ Sie wuschelte ihm durch seine Haare, was
er mit lautem Lachen begleitete.
„Mami geht heute nicht in den Kindergarten zum arbeiten. Mir geht es nicht so
gut, weißt du, aber ich werde dich hin bringen. Shane wird dich heute
abholen und ich möchte, dass du brav bist, so lange du bei ihm und Emily
bist, okay?“
„Okay.“, antwortete er und schlang seine kurzen Arme um Chloes Hals.
„Hab dich lieb, Mami.“
„Ich dich auch, Jamie.“
Chloe bremste den Wagen und atmete noch ein letztes Mal tief ein, bevor sie
ausstieg und das Auto abschloss. In der Hand trug sie einen frischen Strauß
roter Rosen, den sie bei ihrem Blumenhändler in Sligo gekauft hatte.
„Jetzt oder nie, komm schon Chloe.“, flüsterte sie sich selbst Mut zu und
trat durch den großen Eisentorbogen mit der Innschrift *Sie ruhen in Frieden*.
Der Kies knirschte unangenehm laut unter ihren Schuhen, ansonsten herrschte
bedrückende Stille. Nicht einmal die Vögel zwitscherten hier ihre
Lieder. Sie war seit zwei Jahren nicht mehr hier gewesen und doch wusste sie
noch ganz genau wo sie hin musste. Sie sah ihn schon von weitem, den großen,
weißen Grabstein. Wie ein Dorn stach er ihr ins Auge und heiße Tränen
liefen ihre Wangen entlang. Ihre Schritte wurden langsamer, die Atemzüge
kürzer und die Schluchzer lauter, bis sie direkt davor stand. Ihre beiden
Hände schlug sie sich vor den Mund, die Rosen fielen dabei auf die feuchten
Steine. Nun stand sie wirklich hier.
„Ryan.“, hauchte sie unter Tränen und ging vor dem Grab in die Knie. Chloe
nahm die Rosen wieder in die Hand und legte sie vorsichtig auf der schwarzen
Erde ab. Ihr Blick wanderte von den Blumen weiter nach oben auf den Grabstein.
Zuerst konnte sie gar nichts erkennen, ihre Tränen versperrten ihr jegliche
Sicht auf irgendetwas. Sie griff in ihre Jackentasche und suchte nach einem
Taschentuch mit dem sie sich anschließend über das Gesicht fuhr und
die vielen Tränen weg wischte. Jetzt stand es da, klar und deutlich:
Ryan Kennedy
* 23.09.1978
+ 14.01.2005
~ER holte sich einen Engel zu sich...~
„Oh mein Gott.“, entfuhr es Chloe und ihr Körper zitterte unkontrolliert.
In geschwungenen, goldenen Buchstaben war es in den weißen Stein eingraviert
worden. Es war ein schöner Grabstein, einzig und allein das viel zu frühe
Sterbedatum zerstörte diese Illusion von Schönheit. 26. Er war erst
26. Er wurde mitten aus seinem Leben gerissen. Ryan hatte noch so viele Träume
und Wünsche, er wollte noch so viele Dinge erleben und er hatte nie die
Möglichkeit dazu.
„Warum?“, wisperte Chloe.
„Warum wurdest du dafür bestraft, dass du einem kleinen Jungen das Leben
gerettet hast? Warum, Ryan?“, weinte sie und zitterte bei jedem Wort mehr. Sie
hatte sich zwei Jahre auf diesen Moment vorbereitet, doch er warf sie komplett
aus der Fassung, weil man sich auf so etwas eigentlich gar nicht vorbereiten
kann. Das wurde ihr jetzt klar. Der Schmerz war zurück, stärker denn
je.
„Ich liebe dich.“, sagte sie und stand wieder auf. Chloe drückte einen
Kuss auf ihren Zeige- und Mittelfinger und legte sie anschließend auf
den Grabstein, bevor sie sich umdrehte und zurück zu ihrem Auto ging. Völlig
aufgelöst ließ sie die Autotür zufallen und legte ihren Kopf
erschöpft auf dem Lenkrad ab. Er dröhnte und alles schien so, als
würde es sich drehen. Sie fühlte sich wie nach einem Vollrausch, so
als stünde sie genau zwischen Himmel und Erde, ohne festem Boden unter
den Füßen. Seit Ryans Beerdigung hatte sie diesen Friedhof gemieden,
sie brachte es einfach nicht fertig, sich ins Auto zu setzen um danach festzustellen,
dass alles kein böser Traum war, sondern die grausame Realität. Wie
oft hatten Shane und Emily ihr schon geraten es endlich zu tun um die Geschehnisse
besser verarbeiten zu können? Wie oft hatte sie gesagt, dass sie es noch
nicht konnte... Sie brauchte 30 Minuten um sich wieder zu sammeln, 30 Minuten
um wieder fähig zu sein ein Auto sicher zu lenken. Sie hatte noch eine
einstündige Fahrt vor sich. Ryan wurde in seiner Geburtsstadt beerdigt,
in Galway. Chloe startete den Motor und lenkte den Wagen aus der kleinen Parklücke.
Komisch, die vielen Menschen die sich jetzt hier einfanden, hatte sie bei ihrer
Ankunft überhaupt nicht bemerkt. Ein Wunder, dass sie in ihrer Trance noch
sicher einparken konnte... Als sie zurück in Sligo war, brach bereits die
Dunkelheit ein. Es war kurz nach sechs. Bevor sie überhaupt zurück
in ihre Wohnung kam, klingelte sie bei Shane und Emily.
„Hi Pumpkin, komm rein!“, wurde sie von Emily begrüßt die auf die
Seite trat, so das Chloe in die Wohnung laufen konnte.
„Danke. Wo ist denn mein kleiner Wirbelwind?“
„Das musst du dir ansehen... Ein Bild für die Götter!“, grinste sie
und zog Chloe am Jackenärmel ins Wohnzimmer. Auch Chloe begann zu grinsen,
als sie dieses Bild sah. Das war einfach zu süß. Shane und Jamie
lagen eng umschlungen auf dem Sofa und schliefen. Shane hielt noch ein offenes
Bilderbuch in der Hand, das kurz davor war vom Sofa und aus seiner Hand zu fallen.
„Sind sie nicht süß?“, schwärmte Emily und warf einen verträumten
Blick auf Shane.
„Oh ja. Ich zerstöre diese innige Zweisamkeit wirklich nur ungern, aber
ich muss heim.“
„Möchtest du nicht erst noch mit mir reden, Chloe? Ich weiß wo du
warst.“
„Woher?“
„Ich bin nicht dumm, Chloe!“
„Na gut, gehen wir in die Küche.“ Chloe lief voraus, dicht gefolgt von
Emily. Sie setzte sich auf ihren Stammplatz, während Emily Gläser
holte und jedem Wasser einschenkte.
„Also?“
„Was also? Du weißt doch eh schon wo ich war.“
„Chloe, jetzt sei nicht gleich so pampig. Warum bist du nicht gestern mit mir
zusammen gefahren?“
„Weil ich allein hin wollte.“
„Okay. Und wie geht’s dir jetzt?“
„Sieht man mir das nicht an?“
„Vielleicht sollten wir das Gespräch verschieben. Ich hab keine Lust, dir
alles aus der Nase ziehen zu müssen. Ich weiß, dass es schwer für
dich ist, das ist es für mich aber auch.“
„Ich geh jetzt.“ Chloe stand auf und Emily blickte ihr kopfschüttelnd hinterher.
Sie weckte Jamie so sanft wie möglich und hob ihn aus Shanes Armen, ohne
das er aufwachte.
„Psst, wir lassen ihn weiter schlafen. Anscheinend hast du ihn ganz schön
ausgepowert!“ Chloe küsste Jamie und ließ ihn dann in den Flur laufen,
damit er sich anziehen konnte.
„Deine Jacke musst du nicht anziehen, Schatz. Wir gehen nur nach unten.“
„Okay.“, nickte er und kämpfte mit seinen Schuhen.
„Sagst du noch Tschüss zu Emily?“, fragte Chloe und band ihm die Schnürsenkel.
„Wo ist Emily?“
„Guck mal in der Küche nach.“ Jamie trampelte in die Küche, verabschiedete
sich von Emily und verschwand mit Chloe durch die Haustür. Chloe ließ
sie hinter sich mit einem Knall ins Schloss fallen und lief mit Jamie an der
Hand ein Stockwerk tiefer.
„Jamie, aufwachen. Komm schon, Schatz.“ Chloe stand vor Jamies Bett und rüttelte
sanft an seinen Schultern. Es war schon nach halb acht und wenn sie nicht zu
spät zur Arbeit kommen wollte, musste Jamie sich jetzt wirklich beeilen.
Sie hatte ihn vor 15 Minuten schon einmal geweckt, aber er war anscheinend wieder
eingeschlafen.
„Jamie, wir müssen los.“, sagte sie und zog ihm die Decke von den Füßen.
Jamie richtete sich verschlafen auf und gähnte laut.
„Guten Morgen, Schlafmütze.“ Chloe küsste ihn auf die Wange und hob
ihn aus dem Bett.
„Wir sind spät dran und Mami möchte nicht zu spät zur Arbeit
kommen. Ziehst du dich jetzt ganz flott an? Frühstück kriegst du dann
im Kindergarten, okay?“ Jamie nickte und taumelte zurück zu seinem Bett,
nachdem Chloe ihn wieder abgesetzt hatte. Völlig orientierungslos starrte
er durch sein Zimmer, während seine Mutter geschäftig hin und her
lief und ihm sein Outfit zusammen stellte. 20 Minuten später verließen
sie die Wohnung und im Treppenhaus begegneten sie Emily.
„Hi Chloe, hallo Jamie.“, sagte sie und begrüßte Jamie mit einem
Knuff in den Bauch.
„Hi Em.“
„Wie geht’s dir?“, wollte sie wissen und lief neben den beiden her. Sie hatte
Chloe seit ihrem kleinen Streit letzte Woche nicht mehr gesehen.
„Besser. Ich bin nur ein wenig in Eile!“
„Wie immer!“, kicherte Emily und fügte hinzu: „Können Shane und ich
heute Abend mal vorbei kommen?“
„Klar, ich bin um kurz nach fünf zurück.“
„Ist gut, bis dann. Ciao.“
„Bye.“
„Tschüss Emily.“ Jamie winkte kurz und trabte dann seiner Mutter hinterher.
Seinen kleinen Rucksack schleifte er dabei über den nassen Boden, was Chloe
mit einem „Mach deinen Rucksack nicht kaputt.“, kommentierte.
Fünf Minuten später stand Chloe zusammen mit Rosie im kleinen Büro
des Kindergartens. Sie zog ihre Jacke aus und warf dann einen Blick auf die
Post.
„Schon wieder eine Bewerbung?“
„Ja“, nickte Rosie, „Und zwar eine sehr interessante. Nicholas Byrne, 28 Jahre
alt, hat eine fertige Ausbildung zum Kinderpfleger, war bis letztes Jahr allerdings
Fußballspieler bei Leeds United. Wenn du mich fragst ein echt attraktiver
Kerl.“
„Ja?“ Chloe griff zur Bewerbungsmappe und blätterte sie flüchtig durch.
Es war ihr ein Rätsel warum er sich im Kindergarten bewarb, weil er anscheinend
ein gut verdienender Fußballer war, aber sie musste Rosie zustimmen. Ein
echt attraktiver Kerl! Seine blonden Haare waren mit Strohblonden Strähnchen
aufgehellt und standen ihm in allen Himmelsrichtungen vom Kopf ab. Die strahlendblauen
Augen blinkten ihr direkt entgegen und der Drei-Tage-Bart sah an ihm einfach
nur umwerfend aus. Zudem hatte er ein Lächeln, das den schwärzesten
Tag erhellt hätte. Genau das Gegenteil von Ryan, dachte Chloe. Er hasste
Fotos und lachte darauf deswegen selten. Er hatte braune Augen und fast schwarzes
Haar, das ihm immer leicht ins Gesicht hing.
„Falls wir ihn einstellen sollten, werden wir die Väter wohl nicht mehr
hier antreffen.“, scherzte Rosie und riss Chloe somit aus ihren Gedanken.
„Oh ja, das könnte gut passieren.“, nickte sie abwesend und legte die Mappe
zurück auf den Tisch, ehe sie das Büro verließ und ins Kreativzimmer
ging. Sie wollte mit einigen Kindern ihre Malarbeit fertig stellen und wenn
sie damit bis zum Mittagessen fertig sein wollte, musste sie jetzt anfangen.
„Joy? Gehst du bitte Amber, Carleen und Stevie holen? Sie sind im Spielzimmer“,
fragte sie. Das Mädchen mit den langen blonden Haaren nickte und schon
war sie verschwunden.
„Cian, Justin, Courtney und Sharon, kommt wir machen euer Bild fertig.“ Chloe
hob eines der Bilder hoch, damit die Kinder wussten um welches Bild es sich
handelte. Während Cian und Sharon grummelnd den Kleister auf die Seite
schoben, stießen Justin und Courtney Jubelschreie aus.
„Wie schön, dass alle so begeistert sind.“, murmelte Chloe und sortierte
die Bilder am Tisch. Nun kamen auch Joy, Amber, Carleen und Stevie angerannt
und versammelten sich um den Tisch, wo Chloe gerade die Wasserfarben verteilte.
Zehn Nervenzusammenbrüche und 20 umgeschüttete Wasserbecher später
war es endlich geschafft und Chloe räumte seufzend den Tisch ab. Eins war
klar: Diese Beschäftigung würde sie nie wieder machen! Sie räumte
gerade einen Eimer auf, als Rosie total aufgeregt und mit einem breiten Grinsen,
ins Zimmer gestürmt kam.
„Er kommt morgen.“, sagte sie voller Euphorie.
„Was?“
„Er kommt morgen!“
„Wer kommt morgen?“
„Chloe!“, rollte sie mit den Augen, „Mister Byrne kommt morgen. Ich hab ihn
zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Eigentlich nicht nötig, er hat
die Stelle sowieso schon. So eine Gelegenheit muss man schließlich nutzen!
Wann bewirbt sich schon mal ein Mann in einem Kindergarten? Und dann auch noch
ein derart gutaussehender!“, kicherte sie und brauste davon. Chloe schüttelte
amüsiert den Kopf. Hätte Rosie keinen Mann und keine zwei Kinder,
könnte sie ihre Reaktion verstehen, aber so? Außerdem war sie gespannt
darauf, was ihre Teamkollegen davon hielten. So wie sie Rosie kannte, hatte
sie ihnen noch gar nichts davon erzählt. Chloe lief ins Spielzimmer um
Evelyn und Kimberley einzuweihen. Die Blicke die sie untereinander austauschten
waren zum schreien.
„Sonst geht’s Rosie aber schon noch gut, oder?“, fragte Kim ungläubig und
legte ein Puzzle zurück ins Regal. Evelyn nickte um zu zeigen, dass sie
der selben Meinung war wir Kim. Rosie musste verrückt geworden sein. Chloe
zuckte mit den Schultern und begann dann die Kinder aus dem Zimmer und in die
Garderobe zu scheuchen. Der Aufräumgong erklang und sie wollte einen Stuhlkreis
stellen. Dabei ertappte sie sich, wie sie angestrengt darüber nachdachte,
was sie morgen anziehen und wie sie ihre Haare tragen sollte. Chloe du spinnst,
dachte sie sich und griff nach dem nächsten Stuhl, den sie in den Kreis
stellte. Bevor sie sich noch weiter darüber Gedanken machen konnte, ließ
sie die Kinder wieder in den Raum zurück. Der restliche Tag verging wie
im Flug und kaum das Chloe mit Jamie in die Wohnung trat, klingelte es auch
schon wieder an der Tür.
„Hi Muffin!“, begrüßte sie Emily und drückte ihr einen Kuss
auf die Wange. Auch Shane bekam eine kräftige Umarmung, ehe sie die beiden
in die Wohnung eintreten ließ, wo sie stürmisch von Jamie angefallen
wurden. Chloes kleine Auseinadersetzung mit Emily war schon längst wieder
vergessen.
„Hey hey hey, Kumpel, nicht so stürmisch. Guck mal, ich hab was für
dich.“ Shane hob ihn hoch und zog mit seiner freien Hand eine Tafel Schokolade
aus der Tasche.
„Du sollst ihm nicht immer Schokolade schenken. Bring ihm das nächste Mal
lieber einen Apfel mit!“, tadelte Chloe ihn grinsend und Emily verdrehte die
Augen.
„Wetten das war wieder meine Schokolade?“, schimpfte sie und zog sie Shane aus
der Hand.
„Da, hab ich’s nicht gesagt?! Da steht Emily drauf.“, schmollte sie und gab
sie Jamie, der alles schweigend beobachtete.
„Ihr beschriftet euer Essen?“, fragte Chloe ungläubig und lachte laut auf.
„Anders geht das bei ihm nicht, aber anscheinend hilft das jetzt auch nichts
mehr. Ich muss mir unbedingt einen Save anschaffen in dem ich meine Schokolade
einschließen kann. Er ist echt ein kleines Schokoladenmonster, richtig
schlimm. Sobald er eine Tafel sieht, reißt er sich die unter den Nagel
und wenn ich dann mal Lust drauf hab, ist nichts mehr da.“ Emily wirbelte ihre
Hände durch die Luft und seufzte zum Abschluss theatralisch.
„Ihr spinnt.“, kicherte Chloe und marschierte voraus ins Wohnzimmer, der Rest
folgte ihr.
„Was wollt ihr trinken?“, fragte sie und griff nach der leeren Wasserflasche
auf dem Wohnzimmertisch.
„Wasser, bitte.“, antwortete Emily und nahm Jamie auf ihren Schoß.
„Bier.“, sagte Shane.
„Nein, er kriegt kein Bier, er trinkt Wasser.“
„Warum?“
„Weil du einen Bierbauch bekommst.“
„Na und?“
„Jetzt hör aber auf! Da jammerst du mir gestern die halbe Nacht vor, du
willst wieder ins Fitnessstudio gehen, weil dich dein kleiner, niedlicher Bauch
ja so sehr stört und jetzt ist das schon wieder Schnee von gestern, oder
was?“
„Wenn dir mein kleiner, niedlicher Bauch gefällt, warum darf ich dann jetzt
keinen Bierbauch kriegen?“
„Ach, mit dir kann man nicht diskutieren.“ Emily drehte sich beleidigt zu Chloe,
die das ganze amüsiert beobachtet hatte.
„Bring ihm am besten ne Cola, damit er richtig fett wird und ich ihn durch Sligo
rollen kann.“, sagte sie giftig und Chloe brach fast zusammen vor lachen.
„Euch ist echt nicht mehr zu helfen.“ Sie drehte sich um und verschwand in der
Küche. Man konnte die beiden noch hören, wie sie sich gegenseitig
dämliche Sprüche an den Kopf warfen. Shane und Emily waren die zwei
größten Chaoten die Chloe kannte. Jamie hörte sie aus seinem
Zimmer singen, begleitet von dem Klappern seiner Legosteine. Anscheinend war
es ihm auf Emilys Schoß zu laut geworden. Chloe war immer wieder fasziniert
davon, wie lange er sich schon allein beschäftigen konnte, wenn man bedachte,
dass er gerade mal vier Jahre alt war. Zusammen mit einer Flasche Wasser, Cola
und Bier ging sie zurück zu ihren Gästen.
„Nehmt euch was ihr wollt, aber schlagt euch bitte nicht die Köpfe ein.
Blutflecken bekommt man nur sehr schwer aus dem Teppich.“, sagte sie und holte
drei Gläser aus dem Schrank.
Shane gab ein monotones „Ha ha ha.“ von sich, bevor er zum Wasser griff und
sich einschenkte.
„Ich hab ihn gut erzogen, was?“, kicherte Emily und knuffte ihn in die Seite.
Chloe grinste breit und setzte sich gegenüber von Emily und Shane in den
großen Sessel.
„Also ihr zwei Hübschen, was gibt’s neues?“
„Sollen wir gleich die Bombe einschlagen lassen, oder doch lieber erst noch
ein bisschen drum herum reden?“, fragte Emily geheimnisvoll und griff nach dem
Wasser.
„Wenn du so fragst...“, Chloe legte eine kurze Pause ein, „... red noch ein
bisschen drum herum.“
„Ha ha.“
„Was? Du hast gefragt!“
„Okay, ich glaube wir lassen das und ich erzähle.“, mischte sich Shane
ein und Chloe sah ihn gespannt an.
„Muss ich mir schon mal den Notarzt bestellen, oder überlebe ich es?“,
warf Chloe ein und Shane verdrehte die Augen.
„Mensch, jetzt lass mich doch mal anfangen.“ Chloe hob abwehrend die Hände,
bevor sie sich bequem in den Sessel drückte und darauf wartete, was es
so Tolles zu erzählen gab.
„Aaaaaaalso... Kann mal jemand einen Trommelwirbel machen?“
„Arg, Shane, jetzt mach endlich!“
„Okay. Wir bekommen ein Baby.“, sagte Shane als wäre es das alltäglichste
auf der Welt und fing an zu grinsen. Er warf Emily einen verliebten Blick zu,
ehe er sie auf die Nasenspitze küsste. Chloe sprang kreischend vom Sessel
auf und hüpfte vor Begeisterung auf der Stelle auf und ab.
„Ist das wahr?“, hakte sie nach und ihre Wangen glühten vor Freude.
„Ich kann es nicht fassen, mein Muffin kriegt ein Baby.“, jauchzte sie und umarmte
Emily daraufhin. Shane bekam eine kräftige Umarmung mit den Worten: „Volltreffer.“,
ehe sie sich glücklich in ihren Sessel zurück setzte. Sie freute sich
wirklich für die beiden. Das machte ihr Glück perfekt.
„Na ja und wenn der kleine Casey dann mal da ist-“
„Du nennst unseren Sohn Casey?“, unterbrach Emily Shane.
„Ja, warum?“
„Weil ich für Leslie bin.“
„Kein Sohn von mir wird jemals Leslie heißen!“
„Ein Mädchen heißt Leslie, ein Junge wird ein Killian.“
„Killian? Dann doch lieber Leslie!“
„Seit wann wissen wir was es wird?“
„Keine Ahnung. Eigentlich noch gar nicht.“
„Also lassen wir das.“, beendete Emily die Diskussion und Chloe saß fassungslos
in ihrem Sessel.
„Ihr zwei seit heute Abend echt unmöglich!“, sagte sie und nippte an ihrem
Wasser.
„Er hat angefangen.“
„Stimmt nicht, du hast mich unterbrochen.“
„Aber doch nur, weil du unser Kind einfach Casey getauft hast, ohne mich vorher
zu fragen.“
„Wahrscheinlich hat sie ihre Tage!“, sagte Shane flüsternd zu Chloe, aber
immer noch so laut, dass Emily es hörte.
„Ich bin Schwanger, du Scherzkeks!“
„Ja, okay, ist ja gut jetzt. Du hast Recht ich nicht, kann ich jetzt weiterreden?“
„An mir soll’s nicht liegen.“
„Wunderbar. Okay, Chloe. Wir haben uns überlegt, dass wir dich gerne als
Patentante für unser Baby haben möchten. Willst du? Bitteeeeee.“,
beendete er seinen Vortrag und setzte seinen berühmt, berüchtigten
Dackelblick auf, mit dem er Emilys Herz innerhalb weniger Sekunden gewonnen
hatte.
„Natürlich will ich! Was ist das denn für eine Frage? Übrigens
zieht dein Dackelblick bei mir nicht, Shane! Vielen dank, dass ihr mich ausgewählt
habt. Das ist so toll.“
„Nichts zu danken, Pumpkin. Kann ich dich jetzt mal was fragen? Ich mein, jetzt
wo es raus ist...“, sagte Emily und lief leicht rosa an.
„Klar.“
„Hast du Essiggurken??“
„Guten Tag, Mister Byrne. Rosie Hamilton, folgen Sie mir doch bitte ins Büro.“
Chloe stand im Türrahmen des Gruppenraumes, als Rosie Nicholas Byrne hereinbat.
Sie beobachtete die beiden und war ein wenig eifersüchtig, dass nicht sie
das Vorstellungsgespräch führte. In echt sah er noch viel besser aus,
als auf dem Foto. Chloe zuckte zusammen, als sie realisierte was sie da gerade
gedacht hatte. War sie jetzt völlig übergeschnappt? Sie musste von
allen guten Geistern verlassen sein. Was würde Ryan nur von ihr denken,
wenn er wüsste was in ihrem Kopf vorging? Ryan... Da war er wieder. Verdammt
noch mal, Ryan war tot! Chloe lief in die Küche, wo sie ein ganzes Glas
Wasser auf einmal leerte. Sie musste sich zusammenreißen. Sie musste endlich
aufhören sich verrückt zu machen. Sie musste sich wieder auf ihre
Arbeit konzentrieren, die Kinder brauchten sie. Sie konnte es sich nicht erlauben
unkonzentriert zu sein, dafür hatte sie einen viel zu verantwortungsvollen
Job. Chloe schob ihr Gedankenwirrwarr auf die Müdigkeit. Sie war am Abend
zuvor noch recht lange mit Emily und Shane zusammen gesessen. Sie hatte seit
Ewigkeiten nicht mehr so viel Spaß gehabt. Ja, daran musste es wohl liegen.
Eine halbe Stunden später betrat Rosie mit Mister Byrne im Schlepptau das
Gruppenzimmer. Chloe sang gerade mit den Kindern „Die klitzekleine Spinne“ im
Stuhlkreis, als sich Rosie mit ihm dazustellte. Chloe sang das Lied zuende,
ehe sie aufstand. Bei den Kindern brach eine allgemeine Unruhe aus und vereinzelte
hörte man sie flüstern.
„Wer ist das?“, fragte Antony laut und kam auf sie zugerannt.
„Antony, setzt dich bitte wieder hin. Ich komme gleich und dann spielen wir
den dicken Tanzbär.“ Die Kinder jubelten und Chloe konnte sich nun endlich
an Rosie und Mister Byrne wenden.
„Hallo, ich bin Nicky Byrne.“ Nicky reichte ihr die Hand, die Chloe ergriff
und schüttelte.
„Chloe Prescott.“, antwortete sie wie in Trance. Nickys Blick brachte sie komplett
aus der Fassung. Was war nur los mit ihr? Er musterte sie kurz von oben bis
unten, bis er ihr zulächelte.
„Ab morgen sind wir dann wohl Kollegen.“, grinste er.
„Schön, das freut mich. Ich müsste jetzt allerdings wieder in den
Kreis zurück.“, sagte sie und deutete hinter sich, wo die Kinder bereits
angefangen hatten, wild von einem Stuhl zum anderen zu rennen.
„Natürlich.“, sagte Rosie und verließ mit ihm zusammen das Zimmer.
Chloe konnte es nicht glauben, sie hatte ihn tatsächlich sofort eingestellt.
Sie musste verrückt sein. Nur wenige Augenblicke später kam Rosie
wieder ins Zimmer gelaufen.
„Kommst du allein klar?“, fragte sie und Chloe nickte.
„Sicher.“, sagte sie und lächelte ihr zu.
„Gut, dann werde ich jetzt die Absagen schreiben.“, lachte Rosie und verschwand
wieder. Chloe schüttelte den Kopf, das war wirklich unfassbar!
„Jesse, möchtest du jetzt mal der Tanzbär sein?“, fragte sie und fuhr
in ihrem Tun unbeirrt fort. Sie konnte es sich nicht leisten, jetzt über
andere Dinge zu grübeln. Die Kinder hatten einen Anspruch auf ihre Führsorge
und die Aufsicht, sie musste sich zusammenreißen, wenn sie keine Probleme
kriegen wollte.
Zuhause angekommen schob sie Jamie ein Video in den Videorekorder und kramte
nach einer Tiefkühlpizza, ehe sie zum Telefon griff und die Nummer von
Emily wählte. Sie war schon wieder total deprimiert und musste unbedingt
mit jemandem reden.
„Emily Cooper?“, meldete sie sich und im Hintergrund konnte man Shane hören,
der fragte ob es für ihn sei oder ob er aufs Klo gehen konnte. Chloe war
kurz vor einem Lachanfall und musste sich die Hand vor den Mund pressen um nicht
laut loszuprusten. Shane musste wirklich immer dazwischen reden, ganz egal was
für ein Mist es war, Hauptsache er sagte was.
„Hi Em, hier ist Chloe.“, sagte sie und fing an sich wieder zu beruhigen.
„Ah, Hi Chloe. Was gibt’s?“
„Hast du um acht mal ne Stunde Zeit für mich?“, fragte sie und warf einen
Blick ins Wohnzimmer. Jamie saß begeistert vor dem Fernseher und summte
das Lied von Bob dem Baumeister, der gerade über den Bildschirm wuselte.
„Heute? Uh... na ja.“
„Ist schon okay, dann lassen wir es. Ist sowieso nicht so wichtig.“, sagte sie,
konnte ihre Enttäuschung aber nicht verbergen.
„Nein, ich komme.“
„Musst du nicht, wenn es dir nicht recht ist.“
„Quatsch, jetzt hör auf. Ich komme. Bis dann!“
„Danke, bis dann.“ Chloe legte auf und setzte sich zu Jamie ins Wohnzimmer.
Die Pizza brauchte noch ein bisschen und außerdem taten ihr die Füße
weh. Sie setzte sich im Schneidersitz aufs Sofa und massierte sich abwechselnd
die Fußsohlen. So viel wie heute war sie schon lange nicht mehr im Kindergarten
herumgerannt. Es war aber auch chaotisch. Da war sie gerade mit einem Kind fertig,
standen schon wieder fünf hinter ihr, die irgendetwas wollten und denen
sie hinterher laufen musste. Sie nahm sich vor bei Gelegenheit mal einen Kilometerzähler
mitzunehmen, vielleicht könnte sie sich ja sogar das Fitnessstudio sparen.
„Bob ist lustig.“, sagte Jamie und kuschelte sich an seine Mutter.
„Mh.“, gab sie von sich und fuhr ihm zärtlich durch die braunen Löckchen.
Sie war völlig in Gedanken versunken und wurde erst wieder in die Realität
zurück geholt, als der Kurzzeitwecker klingelte und ihr somit verriet,
dass die Pizza nun fertig war.
„Willst du auch Pizza, Jamie?“, fragte sie und drückte ihn vorsichtig von
sich, damit sie aufstehen konnte.
„Jaaaaa, oder hast du auch Pasgetti?“
„Nein, Spagetti hab ich nicht, aber wenn du möchtest mach ich dir morgen
welche.“ Jamie nickte heftig mit seinem Kopf und konzentrierte sich dann wieder
auf seinen Film. Chloe schaltete den Ofen aus und schnitt für Jamie zwei
Stückchen Pizza klein, bevor sie zurück ins Wohnzimmer ging. Es schien
so, als würde die Zeit überhaupt nicht vergehen. Es kam ihr vor wie
eine Ewigkeit, bis Emily an der Tür klingelte und Chloe sie herein bat.
„Pumpkin, du siehst gar nicht gut aus. Ist irgendwas passiert?“, fragte Emily
und zog ihre Jacke aus.
„Komm erst mal rein.“, antwortete Chloe und lief voraus in die Küche.
„Möchtest du was trinken?“, fragte sie und Emily schüttelte den Kopf.
„Okay, falls doch, du weißt ja wo etwas steht. Ich bring schnell Jamie
ins Bett.“
„Jeps.“, antwortete Emily und machte es sich auf einem Stuhl bequem. Chloe verschwand
durch die Tür und saß zehn Minuten später mit Emily am Tisch.
„Also? Was ist los, Süße?“ Emily stützte ihren Kopf auf den
Händen ab und sah Chloe mit großen, erwartungsvollen Augen an.
„Das ist eine gute Frage, ich weiß es nicht. Mir geht’s irgendwie einfach
nicht gut. Ich glaube ich bin einfach nur ein bisschen verwirrt.“
„Hat es was mit Ryan zu tun?“, hakte Emily nach und legte eine Hand auf Chloes
Schulter.
„Auch, aber es gibt da noch einen anderen Mann.“ Emilys Augen weiteten sich,
jetzt wurde es aber ganz schön interessant.
„Es ist eigentlich Schwachsinn, aber er geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Er
arbeitet ab morgen bei mir im Kindergarten. Ich hab mich noch überhaupt
nicht mit ihm unterhalten. Wir haben gerade mal zwei Sätze miteinander
gesprochen und trotzdem fesselt er mich so sehr, dass ich ununterbrochen an
ihn denke. Und jetzt kommt das Blöde. Ich komm mir so hinterhältig
vor, als würde ich Ryan betrügen, dabei ist das völliger Unsinn.
Ryan würde es ganz sicher verstehen, aber dieses Gefühl lässt
sich einfach nicht vertreiben. Ich hab sogar schon angefangen Nicky mit Ryan
zu vergleichen. Ist das nicht verrückt?“
„Nein, das ist überhaupt nicht verrückt! Du bist einfach nur drauf
und dran, dich in diesen Nicky zu verlieben.“, lächelte Emily. Sie wusste,
dass es in Chloes Situation alles andere als leicht war und man so einfach sagte,
sie sei ja nur verliebt. Ryan hatte sie noch lange nicht verarbeitet, aber im
Moment konnte es doch nur noch bergauf gehen, oder?
„Aber wie kann ich mich denn in einen anderen Mann verlieben, wenn ich eigentlich
Ryan immer noch liebe?“
„Ach Chloe... du musst Ryan loslassen, er wird nicht wiederkommen. Er hätte
mit Sicherheit nicht gewollt, dass du ihm zwei Jahre lang hinterhertrauerst.
Fang wieder an zu leben, Süße. Wenn nicht jetzt, wann dann?“
„Ich kann ihn nicht einfach so aus meinem Gedächtnis verdrängen. Schon
allein, wenn ich Jamie sehe, denke ich an ihn.“
„Du sollst ihn ja auch gar nicht aus deinem Gedächtnis verdrängen,
du sollst die Geschehnisse einfach nur verarbeiten. Wie wäre es denn, wenn
du einfach mal damit anfängst seine ganzen Sachen auszuräumen?“
„Woher weißt du, dass ich es noch nicht getan habe?“
„Hältst du mich für vollkommen blöd? Du hast doch nicht im Ernst
geglaubt, dass ich dir glaube, dass der Gillette Rasierer im Bad und die blaue
Zahnbürste dir gehören. Geschweige denn das Haargel und der braune
Kamm, den Ryan immer mit sich trug.“
„Oh man... Ich komme mir so dämlich vor.“ Chloe vergrub ihr Gesicht in
ihren Händen. Wie konnte sie nur so naiv sein?
„Pumpkin, ich weiß das es nicht leicht ist, aber nach zwei Jahren ist
es wirklich mehr als nötig, dass du es endlich erledigst. Ich wollte schon
viel früher etwas sagen, hab mich aber zurückgehalten, weil ich dachte
du kommst selbst drauf, aber anscheinend ist das nicht so. Irgendwann musst
du dich davon trennen. Wie willst du jemals anfangen zu verarbeiten, wenn dich
überall etwas an ihn erinnert? Das geht nicht, Chloe. Wenn du möchtest
helfe ich dir dabei, okay?“, sagte Emily fürsorglich und legte ihre Arme
um Chloe.
„Danke.“, schluchzte sie, ihr Gesicht noch immer unter ihren Händen vergraben.
„Hey, nicht weinen. Zusammen machen wir das schon, ja?“ Chloe nickte kaum merklich
mit dem Kopf, bevor sie Emily bat ihr ein Taschentuch zu bringen. Sie kam sich
total mies vor. Hatte sie wirklich geglaubt Emily kaufte ihr die ganzen Lügen
ab? Wie kam sie nur darauf, so etwas zu erfinden, wo es doch offensichtlich
war, dass das Zeug natürlich nicht ihr gehörte. Sie seufzte laut auf.
„Ich bin es gar nicht wert deine Freundin zu sein.“, murmelte sie.
„Ach Quatsch. Wie kommst du denn auf den Unsinn?“
„Ich hab dich angelogen...“
„Schon vergessen.“
„Du bist zu gut für diese Welt!“, lächelte Chloe und umarmte Emily
dankbar. Emily war Gold wert und sie war so unendlich froh, dass sie Emily hatte.
Was würde sie nur ohne sie machen? Plötzlich fiel Chloe wieder ein,
wie sie sich kennen gelernt hatten und sie musste kichern.
„Was ist?“, fragte Emily und zog ihre Stirn in Falten.
„Weißt du noch wie wir uns kennen gelernt haben?“
„Oh ja, wie könnte ich das je vergessen?“, lachte sie.
Emily lief mit ihrem Eimer in der Hand zum Sandkasten. Sie wollte eine riesengroße
Sandburg bauen und viele leckere Sandkuchen backen. Die zwei Förmchen dafür
hatte sie sich in die zwei vorderen Taschen ihrer gelben Latzhose gesteckt.
Sie wollte gerade anfangen zu buddeln als sie merkte, dass sie ihre Schaufel
vergessen hatte. Gerade als sie zu ihrer Mutter zurücklaufen wollte, die
auf einer Bank saß und Zeitung las, stach ihr die rote Schaufel ins Auge,
die noch im Sandkasten herumlag. Emily stand auf um sie sich zu holen. Sie betrachtete
sie kurz, es war eine schöne Schaufel und genau das was sie jetzt brauchte
und nahm sie dann mit zu ihrem Eimer, den sie daraufhin mit Sand füllte.
Die Burg nahm langsam Gestalt an, als Chloe in den Sandkasten gestürmt
kam. Sie beachtete Emily kaum, sie war auf der Suche nach etwas, nach etwas
rotem. Plötzlich stampfte sie auf Emily zu, die Hände wütend
in die Hüften gestemmt.
„Hey! Das ist meine Schaufel!“, sagte sie und zog ihre Nase kraus. Emily hörte
abrupt auf zu Summen und sah Chloe mit großen Augen an.
„Nein, das stimmt nicht. Ich hab sie gefunden, sie gehört mir!“, antwortete
Emily und versteckte die Schaufel hinter ihrem Rücken.
„Ich hab sie gestern vergessen, gib sie her!“ Chloe wollte nach der Schaufel
grapschen und stürzte sich auf Emily die rückwärts in den Sand
kippte. Die Schaufel fiel ihr dabei aus der Hand. Chloe krabbelte über
sie hinüber, griff nach ihrem roten Heiligtum und hielt sie triumphierend
nach oben. Zwischen Zeigefinger und Daumen ließ sie den leuchtend roten
Gegenstand durch die Luft baumeln. Emily rappelte sich wieder auf und rannte
mit aller Kraft die sie aufbrachte in Chloe hinein. Chloe landete auf ihrem
Hintern. Die beiden Mädchen sahen sich mit wütenden Augen an, bevor
sie zu schreien begannen: „MAMI!“, hörte man es über den Spielplatz
kreischen, ehe zwei Mütter angerannt kamen die von Chloe zu Emily sahen
und wieder zurück.
„Was ist hier los?“, fragte Miss Prescott und warf einen strengen Blick auf
Chloe, deren Haare völlig zerzaust in ihr Gesicht hingen.
„Das Mädchen hat mir meine Schaufel geklaut!“, sagte sie ärgerlich
und deutete mit dem Zeigefinger auf Emily, die bereits den Tränen nahe
war.
„Das stimmt nicht, ich hab sie gefunden.“, beharrte Emily.
„Das Mädchen hat sie wahrscheinlich vergessen. Du musst sie ihr zurück
geben.“, warf nun Miss Cooper ein. Chloe setzte ein siegessicheres Lachen auf
und Emily bleckte ihr die Zunge. Geknickt verließ Emily den Sandkasten,
die Lust auf eine Sandburg war ihr vergangen. Zwei Wochen später wurden
sie beide eingeschult, kamen in die selbe Klasse und es entwickelte sich eine
Freundschaft, die nichts und niemand auseinander reißen konnte.
„... das hier ist die Bauecke. Die Kinder müssen zuerst fragen ob sie
hier her dürfen, weil man von vorne aus nicht hier hinter sehen kann und
deshalb öfters mal vorbeischauen muss. Es gibt Duplosteine, die sind alle
hier drin und ganz normale Holzbausteine. Außerdem dürfen sie die
Autos, die hier stehen benutzen und diese kleinen Holzmännchen und Holztiere.
Ja, das wär’s eigentlich. Wenn du noch kurz mit ins Büro kommst, zeig
ich dir das Team und erkläre dir den Tagesablauf.“, endete Chloe mit ihrer
Kindergartenführung und Nicky folgte ihr ins Büro. Sein Kopf rauchte
bereits von der Menge an Informationen.
„Also es gibt hier zwei Gruppen, einmal die Kleeblattgruppe und die Hufeisengruppe.
Bei den Hufeisen gehören Evelyn, Kimberley und Sharon ins Team. Sharon
ist gerade im Urlaub und Evelyn und Kimberley sind mit den Kindern in den Wald
gegangen. Du gehörst zu den Kleeblättern, genauso wie Rosie und ich.“,
erklärte Chloe und deutete bei den einzelnen Namen auf Fotos, die sie aus
einem Ordner sortiert hatte.
„Ganz schön viele Informationen auf einmal.“, lachte Nicky und Chloe nickte
zustimmend.
„Ja, das stimmt, aber du kannst gerne nachfragen, wenn noch etwas unklar ist.
Wir arbeiten hier nach dem offenen Konzept. Das heißt während der
Freispielzeit von acht Uhr bis zehn Uhr haben die Kinder die Möglichkeit
gruppenübergreifend zu spielen. Das Kreativzimmer ist dabei geöffnet,
das Spielzimmer, der Flur und die Turnhalle. Wir teilen das meistens so ein,
dass zwei Leute im Flur Aufsicht haben, einer im Kreativzimmer, zwei im Spielzimmer
und einer in der Turnhalle. Natürlich geht das nur dann, wenn wir vollzählig
sind. Ansonsten müssen wir natürlich gucken, dass überall wenigstens
einer ist.“
„Warum haben im Spielzimmer zwei Aufsicht und im Kreativzimmer nur einer?“,
wollte Nicky wissen und versuchte alles in seinem Kopf zu speichern.
„Über dem Spielzimmer ist das Lesezimmer, dort wird von einem von uns vorgelesen.
Da über dem Kreativzimmer das Puppenzimmer ist und dort die Kinder allein
spielen können, sind im Spielzimmer zwei Leute beschäftigt.“
„Ja, klar!“, sagte Nicky und lachte über sich selbst, weil er nicht von
allein drauf gekommen war.
„Na ja, nach der Freispielzeit beginnt der gruppeninterne Teil. Das Kreativzimmer
ist der Gruppenraum der Hufeisen, die Kleeblätter sind im Spielzimmer.
Wir machen meistens einen Stuhlkreis und gehen danach entweder raus, in die
Turnhalle oder sie dürfen sich bis zum Mittagessen im Flur beschäftigen,
das heißt am Legotisch, an den Kugelbahnen, am Playmobiltisch, in den
Hängematten, am Kicker oder in der Bauecke.“
„Sie dürfen dann nur in den Flur? Warum nicht in die Gruppenzimmer?“
„Weil dort die Tische fürs Mittagessen gedeckt werden. Also, wenn ich alles
zu schnell runterrassle, dann sag bitte Bescheid, ja?“, sagte Chloe und Nicky
nickte.
„Nach dem Mittagessen gehen die Kleinen in die Turnhalle zum schlafen, die Vorschulkinder
dürfen sich im Kreativraum still beschäftigen. Nach der Mittagsruhe
um 14 Uhr gehen alle Kinder in ihre Gruppe zurück, wo eine kleine Vesper
abgehalten wird, bevor sie bis zum Schluss um 17 Uhr gruppenübergreifend
spielen dürfen. Dabei ist die Personalaufteilung genauso wie während
der Freispielzeit am Vormittag. So, ich glaube das war’s.“, lachte Chloe und
Nicky gab ein erleichtertes Seufzen von sich, bevor er auf die Uhr sah.
„10.27 Uhr, das heißt Rosie macht gerade den Stuhlkreis, richtig?“, sagte
er stolz darauf, dass er sich wenigstens etwas merken konnte.
„Richtig. Rosie bereitet sie heute darauf vor, dass ein neuer Erwachsener in
die Gruppe kommt. Sie sind schon völlig gespannt darauf, dich zu sehen!
Die meisten wissen nicht mehr, dass du ja gestern schon da warst. Na ja, sie
freuen sich auf jeden Fall.“ Nicky errötete leicht und Chloe schmunzelte.
Er sah dabei verdammt gut aus... Als Chloe mit Nicky in den Gruppenraum kam,
war Rosie gerade damit beschäftigt den Kindern zu erklären, dass der
Neue nun bald kommen würde.
„Da ist er!“, rief Chris und sprang vor lauter Begeisterung von seinem Stuhl
auf, der anschließend mit einem lauten Knall umfiel. Die Kinder wendeten
ihren Kopf und warfen neugierige Blicke auf ihn. Nicky trat nach vorne und stellte
sich in die Mitte des Kreises.
„Hallo ihr Lieben!“, sagte er und blickte in die Runde.
„Ich bin Nicky.“, redete er weiter.
„So heißt mein Daddy auch.“, rief Sammy dazwischen und Nicky lachte.
„Das ist ja toll, dann kannst du dir den Namen bestimmt leicht merken. Aber
jetzt möchte ich auch eure Namen wissen.“, fuhr er fort und deutete auf
ein Mädchen mit braunen kurzen Haaren.
„Wie heißt du denn?“, fragte er.
„Natasha.“, flüsterte sie schüchtern und starrte dabei auf den Boden.
„Du musst lauter reden, Tash.“, warf Rosie ein und Natasha wiederholte ihren
Namen. Nicky fuhr das Spiel fort. Jedes Kind das er andeutete sagte seinen Namen.
Chloe war erstaunt darüber wie interessiert die Kinder dabei waren, wo
sie ja zuvor schon eine ganze Weile still sitzen mussten. Mit seiner Mimik und
den Grimassen die er zwischendrin zog, brachte er sie regelmäßig
zum Kichern und Jubeln.
„Wer bist du denn?“, fragte Nicky und deutete auf einen kleinen Jungen mit braunen
Locken.
„Jamie und das da ist meine Mami.“, antwortete er und zeigte mit seinem Finger
auf Chloe.
„Ach wirklich?“, fragte er und sah sehr überrascht aus. Chloe nickte stumm,
als Nicky sie ansah, bevor er das Spiel mit Katie beendete. Der Stuhlkreis wurde
aufgelöst und die Kinder verteilten sich mit lautem Geschrei im Gebäude.
Später in einer freien Minute trat Nicky auf Chloe zu.
„Ich wusste gar nicht, dass du einen Sohn hast.“, sagte er und blickte sie vorwurfsvoll
an.
„Woher auch? Wir kennen uns erst seit zwei Stunden.“, antwortete sie ruhig und
beachtete seinen Tonfall nicht. Vielleicht war es nur Einbildung, aber Chloe
war sich fast sicher, die vorwurfsvolle Tonart herausgehört zu haben.
„Sicher.“, sagte er lächelnd und verschwand mit Alicia an der Hand im Kreativzimmer.
„Ich bring Jamie schnell zu Shane, ja? Dann können wir in Ruhe alles ausräumen.“,
sagte Chloe zu Emily und schnappte sich Wuschel. Sie hatte sich das lange durch
den Kopf gehen lassen, doch nun war es wirklich an der Zeit, es hinter sich
zu bringen. Nächtelang lag sie wach und dachte darüber nach ob sie
bereit dazu war, Ryans Sachen beiseite zu räumen. Es würde auf keinen
Fall leicht werden, aber mit Emily zusammen würde sie das schon durchziehen.
„Okay. Shane freut sich bestimmt. Ach ja, du brauchst Jamie nichts zum spielen
mitgeben. Wir haben letzte Woche zwei neue Bilderbücher und ein neues Spiel
auf dem Flohmarkt gekauft.“
„Ist gut. Jamie?!“, rief Chloe und sie konnte ihn aus der Küche schreien
hören. Er versuchte verzweifelt an die Wasserflasche ranzukommen.
„Warum sagst du denn nichts, Schatz?“, wollte Chloe wissen, als sie in die Küche
kam und schob ihm die Flasche entgegen. Wuschel trug sie immer noch mit sich
herum. Jamie antwortete nichts, trank sein Glas leer und wuselte davon.
„Halt, Jamie. Warte. Du gehst doch heute zu Shane, hast du das schon wieder
vergessen?“ Jamie verzog das Gesicht, eigentlich wollte er jetzt einen Regenbogen
malen. Chloe hatte ihm neue Stifte gekauft und er hatte sich schon darauf gefreut,
sie nun endlich testen zu können.
„Wir nehmen die Stifte einfach mit, okay? Dann kannst du zusammen mit Shane
malen.“, ging Chloe einen Kompromiss ein und Jamie nickte begeistert. Fünf
Minuten später stand sie vor Ryans Kleiderschrank, neben ihr zwei riesengroße,
leere Pappkisten die ihr förmlich „Füll mich, füll mich.“, entgegen
schrieen.
„Ich kann das nicht.“, sagte Chloe und ließ ihren Blick über die
Menge an Kleidungsstücken gleiten. Da hing sein blauer Anzug, den er trug,
als er sie bat seine Frau zu werden. Und der schwarze Anzug, den er an Jamies
Taufe an hatte. Auch sein rotes Lieblingsshirt stach ihr ins Auge, das sie immer
so schnell wie möglich waschen musste, nachdem es dreckig war.
„Ich kann das nicht.“, wiederholte sie verzweifelt und blickte zu Emily, die
ruhig auf dem Bett saß.
„Natürlich kannst du das! Du warst dir doch so sicher, komm, das ziehen
wir jetzt durch!“, machte ihr Emily Mut und stand auf. Sie kniete sich neben
Chloe und legte einen Arm auf ihre Schultern. Über Chloes Wangen rollten
bereits die ersten Tränen.
„Reiß dich zusammen!“, sagte sie zu sich selbst und griff nach der ersten
Hose, die sie sorgfältig zusammen legte und in einer Kiste verstaute.
„Ich versteh nicht wie manche Menschen schon nach ein paar Monaten alles ausräumen
können.“, schluchzte sie und beförderte eine weitere Hose aus dem
Schrank.
„Es ist eigentlich üblich, dass man es nach ein paar Monaten macht.“, antwortete
Emily und Chloe warf ihr einen *Musst-du-das-jetzt-sagen?*-Blick zu.
„Tut mir leid.“, fügte sie hinzu und lächelte ihr aufmunternd zu.
Sie waren den ganzen Vormittag und den ganzen Nachmittag damit beschäftigt
die Schlafzimmerschränke auszuräumen. Mit der Zeit fiel es Chloe immer
leichter Ryans Sachen auszusortieren und in einem der Kartons zu verstauen.
Es war wie eine Last, die ihr nun endlich abgenommen wurde. Sie fühlte
sich viel freier, so als hätte jemand einen Strick, der um ihren Hals ging,
durchtrennt und die frische Luft konnte wieder problemlos zu ihren Lungen fließen.
Am Abend ließ sie sich erschöpft auf ihr Sofa fallen, während
Emily den Videoschrank nach einem guten Spielfilm durchwühlte.
„Sag mal gibt es hier auch etwas anderes als Winnie Pooh und Mickey Mouse??“,
fragte sie und ließ einen verzweifelten Blick über die Unmengen an
Kindervideos schweifen.
„Ja, im anderen Schrank.“, antwortete Chloe und öffnete ihre Augen wieder.
„Ach, das sagst du mir jetzt? Ich sitzt hier seit fünf Minuten und hab
die ganze Zeit gehofft zwischen Donald und Goofy doch noch etwas brauchbares
zu finden.“
„Tut mir leid, ich hatte die Augen zu.“, rechtfertigte sich Chloe und Emily
seufzte.
„Na gut... Wie wäre es mit... Hmmmm... *Armageddon*? Den hab ich schon
ewig nicht mehr gesehen, dabei ist Ben doch so lecker.“, grinste sie.
„Das sag ich Shane.“, neckte Chloe sie und bleckte ihr die Zunge.
„Bääääh, du findest ihn doch auch heiß. Gibt’s zu!“
„Na okay.“ Chloe begann zu grinsen und warf ein Kissen nach Emily, die noch
immer vor dem Schrank kniete und die Kassette in die Luft hielt.
„Willst du nicht vorher mal Shane anrufen und ihm Bescheid sagen, dass du noch
hier bist. Immerhin dachte er du bist nachmittags zurück... Ich hoffe Jamie
stresst ihn nicht so sehr.“, warf sie schnell dazwischen um eine Racheaktion
von Emily zu verhindern. Emily starrte sie geschockt an.
„Ups, den hab ich völlig vergessen. Ich hoffe er ist nicht sauer, wir wollten
eigentlich einen Nachmittagsspaziergang machen.“
„Em, du Dummerchen. Jetzt bin ich auch noch der Auslöser für einen
Streit.“ Chloe guckte gequält, doch Emily winkte mit der Hand ab.
„Quatsch, er wird das schon verstehen. Ich ruf ihn jetzt einfach an, wo hast
du dein Telefon?“
„Gute Frage. Ich leg das immer da ab, wo ich zuletzt telefoniert hab und leider
weiß ich immer nie, wo ich zuletzt telefoniert hab.“, sagte Chloe und
zuckte unschuldig mit den Schultern.
„Wer ist hier das Dummerchen, hä?“, fragte Emily und sah sich im Wohnzimmer
um.
„Hast du an der Ladestation nicht so einen Knopf den man drücken kann,
damit das Telefon klingelt? Also bei uns gibt’s so was.“
„Keine Ahnung, ich such immer.“, sagte Chloe ratlos. Emily verdrehte die Augen.
„Ich geh jetzt den Knopf an der Ladestation suchen... Ich lauf doch nicht durch
die ganze Wohnung und such dein Telefon.“
„Wenn’s dir zu blöd ist, dann benutz doch dein Handy.“
„Das liegt oben.“ Nun war es Chloe die ihre Augen verdrehte.
„Weißt du das wir zwei richtig blöde Hühner sind?“, fragte Emily
und sprach das aus was wohl in beiden Köpfen vor ging. Sie begannen zu
kichern und Emily verschwand im Flur. Nur wenige Sekunden später klingelte
das Telefon aus Chloes Bad.
Nicky stand im Badezimmer vor dem Spiegel und wischte sich die letzten Reste
von seinem Rasierschaum aus dem Gesicht. Anschließend griff er nach der
Tube Haargel und begann seine Haare zu stylen. Er hatte gerade angefangen seine
Haare zu frisieren, als das Telefon klingelte.
„Verdammt!“, fluchte er und wischte sich seine Hände am Unterhemd trocken.
Vor lauter Eile stieß er sich zu guter Letzt auch noch dem Fuß am
Türrahmen an.
„Das ist nicht wahr.“, grummelte er und hüpfte auf einem Bein durch die
gesamte Wohnung um ans Telefon zu gelangen.
„Hallo?“, knurrte er in den Hörer und rieb sich seinen Fuß.
„Hi Darling.“, flötete ihm eine bekannte Stimme ins Ohr und er verdrehte
theatralisch die Augen.
„Georgina? Was willst du denn?“
„Ein bisschen mehr Begeisterung bitte. Freust du dich denn gar nicht, dass ich
anrufe?“
„Doch.“, log er und hoffte sie würde sich kurz fassen. Er hatte nicht vor
in ein längeres Gespräch mit ihr zu verfallen. Eigentlich war er froh,
wenn er sie nicht hören oder sehen musste. Georgina war Nickys Ex-Freundin
und nach all dem was vorgefallen war, wollte er den Kontakt nicht wirklich aufrecht
erhalten. Er wunderte sich sowieso, wo sie seine Nummer her hatte.
„Wo hast du meine Nummer her?“, fragte er deshalb und wartete gespannt auf Georginas
Antwort.
„Beziehungen.“, säuselte sie.
„Blöde Kuh.“, dachte er und versuchte sie abzuwimmeln.
„Sei mir nicht böse, aber es ist gerade ganz schlecht. Ich hab noch einen
Termin.“, sagte er und hörte auf an seinem Fuß zu reiben.
„Ach, das ist aber schade. Was hast du denn vor?“
„Das geht dich gar nichts an.“, entfuhr es ihm schroff.
„Bist wohl ein bisschen schlecht gelaunt heute.“, antwortete Georgina und beendete
das Telefonat mit einem „Na ja, wie dem auch sei. Ich melde mich wieder, mach’s
gut.“ Nicky legte auf und seufzte. Was zum Teufel sollte das denn?? Hatte er
ihr vor gut zwei Monaten nicht deutlich genug gesagt, dass er keine Lust mehr
hatte noch weiter in Kontakt zu bleiben? Nicky konnte es nicht glauben, dass
sie tatsächlich bei ihm angerufen hatte. Anscheinend war sie schwerer von
Begriff als er bisher angenommen hatte. Doch Nicky wollte sich von dem Anruf
nicht den Tag verderben lassen. Schließlich war es Montag morgen (eine
Frechheit um diese Zeit schon anzurufen) und er würde in weniger als dreißig
Minuten Chloe wiedersehen.
„Lillian, würdest du bitte aufhören mit dem Stuhl zu kippeln!“, sagte
Chloe nun schon zum dritten Mal und war einem Nervenzusammenbruch nahe. Heute
ging auch wirklich alles schief. Zuerst hatte sie verschlafen, dann war ihr
Toaster kaputt gegangen und nun kam sie sich vor wie in einem Irrenhaus. Kyle
heulte grundlos, Amber malte sich mit Wasserfarben im Gesicht an und Lillian
dachte nicht im Traum daran nun endlich ruhig auf ihrem Stuhl sitzen zu bleiben.
„Ich glaub ich muss deiner Mama heute sagen, dass sie mit dir zum Ohrenarzt
gehen muss. Du hörst ja überhaupt nicht. Tut mir wirklich leid, aber
dann musst du jetzt eben im Stehen malen.“, sagte sie gereizt und zog Lillians
Stuhl weg. Anschließend schickte sie Amber ins Bad mit der Aufgabe, sie
solle sich bitte ihr Gesicht sauber machen. Kyle saß noch immer heulend
am Frühstückstisch und Chloe bekam bereits Kopfweh von dem ewigen
schluchzen und schniefen, begleitet vom alltäglichen Schreien der Kinder,
das den Raum erfüllte.
„Entweder du hörst jetzt sofort auf zu weinen, oder ich schicke dich so
lange in die Bauecke bis du dich beruhigt hast. Es gibt überhaupt keinen
Grund dafür, dass du hier sitzt und heulst. Du weißt, dass deine
Mama dich später abholt.“, griff Rosie nun ein und zog Kyle von seinem
Stuhl nach oben. Es war jeden Tag das selbe. Los ging es mit der Frage: „Wann
kommt meine Mama?“ oder den Sätzen „Meine Mama findet mich nicht.“ und
„Meine Mama hat mich vergessen.“ und enden tat es in einem Tränenmeer.
Rosie und Chloe hatten schon alles Mögliche ausprobiert um ihm klar zu
machen, dass seine Mama auf jeden Fall kommen würde und er überhaupt
keinen Grund hatte zu weinen. Sie hatten Kyle auf Tonband aufgenommen und ihm
dies vorgespielt um ihm zu zeigen wie laut er schreien und heulen würde,
in der Hoffnung, dass es besser wurde. Sie scheiterten kläglich. Die Reaktion
des Kleinen darauf war, dass er noch lauter zu schreien begann und die komplette
Gruppe in Unruhe versetzte. Dann hatten sie die Mutter gebeten Kyle im Garten
zu suchen um zu signalisieren, dass sie ihn überall finden würde.
Auch diese Aktion half nichts. Einen Tag ging es gut, Kyle erzählte stolz,
dass seine Mama ihn sogar im Garten findet, bevor der nächste Tag wieder
mit Tränen endete. Nun waren sie bei der Methode angelangt, ihn aus dem
Raum in eine stille Ecke zu schicken, aus der er erst wieder herauskommen durfte,
wenn er nicht mehr weinte.
„Wo zum Teufel bleibt Nicky?“, fragte Chloe Rosie, nachdem sie aus der Bauecke
zurück war. Rosie schüttelte ahnungslos den Kopf.
„Ich weiß nicht, vielleicht hat er verschlafen.“, antwortete sie und sah
auf die Uhr.
„Macht es dir was aus, wenn ich jetzt trotzdem in die Küche gehe und mit
meinen vier Kindern Kuchen backe? Ich muss hier raus, sonst werd ich noch verrückt.“
„Ja, man merkt, dass wir nicht in den Garten können. Die Kinder sind seit
zwei Tagen völlig überdreht. Es wird Zeit, dass es wieder aufhört
zu regnen.“, seufzte Rosie und fügte hinzu: „Nein, das ist schon in Ordnung,
wenn du jetzt backen gehst, sonst wirft das unseren ganzen Tagesplan durcheinander.
Wenn nimmst du denn mit?“
„Courtney, Justin, Emma und Lisa. Ich hoffe Courtney hat nicht wieder einen
ihrer Null-Bock-Tage, sonst kann es gut sein, dass ich anfange zu schreien.
Ich weiß nicht warum, aber ich bin heute richtig genervt und gestresst!“
„Solche Tage hat jeder mal, mach dir nichts draus.“, lächelte Rosie aufmunternd
und Chloe suchte sich ihre Kinder zusammen.
„Sag mal bist du heute schlecht drauf?“ Nicky lehnte im Türrahmen der
Küche und beobachtete Chloe dabei, wie sie den Kuchen aus dem Ofen holte.
„Nein, warum?“, antwortete sie schroff und stellte den Kuchen auf dem Tisch
ab. Sie warf ihm einen genervten Blick zu, bevor sie den Ofen schloss und den
Kuchen vom Tisch aufs Fensterbrett stellte. Dort würde er wohl schneller
abkühlen.
„Ich... ach egal.“ Nicky ging sichtlich geknickt wieder und Chloe sah ihm hinterher.
Irgendwie tat es ihr jetzt leid, dass sie ihn so blöd angesprochen hatte.
Sie musste endlich aufhören ihre schlechte Laune an anderen Menschen auszulassen,
Nicky konnte auch nichts dafür, dass sie heute einen schlechten Tag hatte.
Sie seufzte, ehe sie mit einer Gruppe Kindern in der Turnhalle verschwand. Vielleicht
konnte sie sich dort wieder abreagieren. Sie holte das Schwungtuch aus dem Geräteraum
und die Kinder jauchzten und schrieen begeistert. Für sie war es immer
etwas besonderes, weil es eher selten vor kam, dass jemand mit dem Schwungtuch
arbeitete. Chloes Laune steigerte sich im laufe der Turnstunde wieder. Die Kinder
machten toll mit und alle hatten ihren Spaß.
„So, meine Lieben, das war’s für heute. Es gibt gleich Essen.“, sagte sie
und die Kinder gaben enttäuschte „Oooohhhh“’s von sich. Sie lächelte
und legte das Schwungtuch zurück in den Geräteraum. Die Kinder versammelten
sich alle in der Garderobe, während Nicky schon damit beschäftigt
war, das Essen auszuteilen. Es gab, zur Freude aller Kinder, Spagetti mit Tomatensoße
und als Nachtisch Vanillepudding. Nicky war allerdings am verzweifeln, schließlich
mussten alle Spagettis zuerst klein geschnitten werden.
„Warte ich helfe dir.“, bot Chloe an und schnappte sich einen weiteren Teller.
Sie wusste wie viel Arbeit es war für 25 Kinder Spagettis zu schneiden.
„Danke.“, sagte Nicky und fing an die ersten Teller mit Nudeln zu füllen.
„Es tut mir übrigens leid.“, entschuldigte sich Chloe kleinlaut.
„Was tut dir leid?“
„Das ich dich vorhin so blöd angeredet habe.“
„Ist schon okay.“
„Nein, ist es nicht.“
„Mach dir da jetzt keinen Kopf. Ich hab auch mal schlechte Laune... Heute ist
zum Beispiel auch nicht mein Glückstag.“, sagte er und griff nach der Tomatensoße.
„Was war denn?“, wollte Chloe wissen und fing an die restlichen Teller mit Spagettis
zu füllen.
„Ach, zuerst hab ich einen ziemlich nervigen Anruf erhalten und dann stand ich
auch noch im Stau! Und dazu kommt auch noch, dass heute Montag ist.“, grinste
er.
„Aber davon lass ich mir die Laune nicht verderben, ich konzentriere mich einfach
mehr auf die schönen Sachen, wie zum Beispiel die Arbeit hier oder die
Tatsache das ich dich wiedersehe.“ Er wurde immer leiser und Chloe war sich
nicht sicher ob sie ihn richtig verstanden hatte. Er hatte nicht wirklich gesagt,
dass er sich freue sie wieder zu sehen, oder?
„Was?“, fragte sie.
„Nichts. Ich hole die Kinder rein.“ Nicky verschwand durch die Tür und
Chloe konnte hören wie er den Kindern sagte, dass sie Hände waschen
gehen sollten und sich danach ins Zimmer setzten konnten.
„Em, was soll ich denn machen?“ Chloe saß im Wohnzimmer und sprach verzweifelt
ins Telefon.
„Das kann ich jetzt am Telefon auch nicht so sagen, komm doch einfach noch kurz
hoch.“, schlug sie vor und Chloe überlegte.
„Jamie schläft doch schon, wo ist das Problem?“
„Jamie ist das Problem. Er ist in den letzten zwei Nächten drei oder viermal
aufgewacht. Er kriegt die Panik, wenn er wach wird und ich nicht da bin. Ich
mach mir echt Sorgen um ihn!“
„Dann nehm doch dein Babyphon mit.“, kicherte Emily.
„Sehr witzig, das hab ich auf dem Flohmarkt verkauft.“
„Was? Du hast das gar nicht mehr? Ich hab Shane vor kurzem noch erzählt,
dass er keins kaufen muss, weil ich bestimmt deins haben kann.“, sagte sie enttäuscht
und Chloe fing an zu lachen.
„Oh, Muffin! Also was ist denn jetzt? Kannst nicht du bei mir vorbei schauen?
Mir wäre es so wirklich lieber.“
„Jups, bin in einer Minute da.“ Chloe konnte überhaupt nichts mehr drauf
sagen, da hörte sie schon das Klicken in der Leitung und legte ebenfalls
auf.
„Hast du auch Lust auf Chips? Ich hab gerade mal wieder eine Frust-Fress-Aktion
gestartet.“, seufzte Chloe und ging hinüber zu ihrem Naschschränkchen.
„Ach, zur Zeit esse ich alles was ich in die Finger kriege. Her damit.“, grinste
Emily und strich sich über ihren Bauch. Eine kleine Wölbung war bereits
zu erkennen.
„Ja, aber du kannst sagen es liegt daran, dass du schwanger bist. Und was sag
ich, wenn ich immer fetter werde?“
„Ach komm, jetzt übertreib mal nicht. Von der Packung Chips wirst du dich
jetzt schon nicht gleich in eine Tonne verwandeln. Was ist denn jetzt mit Nicky?“
„Keine Ahnung.“, antwortete sie und griff in die Chipstüte.
„Er hat heute so was gesagt, irgendwie, dass er sich von nichts die Laune verderben
lässt sondern sich immer freut, wenn er mich in der Arbeit sieht. Oder
so ähnlich. Seit dem geht er mir nicht mehr aus dem Kopf, weil ich mich
irgendwie auch immer freue wenn ich ihn sehe.“
„Pumpkin, du bist verliebt.“, stellte Emily fest und spülte ihre Chips
mit einem Schluck Apfelsaft hinunter.
„Bin ich gar nicht.“, protestierte Chloe und blickte verstohlen auf das gerahmte
Foto von ihr und Ryan, das auf dem Fernseher stand. Nein, sie war nicht verliebt,
sie liebte Ryan. Emily folgte Chloes Blick und legte ihren Arm auf Chloes Schulter.
„Mach es dir doch nicht so schwer.“, flüsterte sie und strich ihr eine
Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Aber was würde er von mir denken?“
„Chloe, es war immer sein Wunsch, dass du glücklich bist. Mach dich doch
nicht selbst so nieder, Ryan hätte nicht gewollt, dass du ihm so lange
hinterher trauerst. Der Unfall war vor zwei Jahren; zwei Jahre sind eine verdammt
lange Zeit. Du musst aufhören immer zudenken du würdest ihn verletzen.
So hart wie es jetzt auch klingen mag, aber Ryan ist tot, er kommt nicht wieder.
Er existiert nur noch in deiner Erinnerung, fang endlich wieder an zu leben.
Dieses Thema hatten wir doch schon mal, blick wieder nach vorne.“
„Ich will ohne Ryan aber überhaupt gar nicht leben.“
„Hör auf so was zu sagen.“ Emily schrie den Satz fast und sprang aufgebracht
vom Sofa auf. Warum war es für Chloe so schwer von ihrer Vergangenheit
loszulassen? Warum begriff sie nicht, dass es keinen Sinn hatte? Warum?
„Sag so etwas nie mehr, verstanden? Nie mehr. Du darfst nicht im Traum dran
denken jetzt aufzugeben.“ Emily redete sich richtig in Rage und Chloe nickte
stumm.
„Du hast ja recht, das weiß ich.“ Emily setzte sich wieder und stopfte
sich auf den Schock eine Handvoll Chips in den Mund.
„Ich hab nicht vergessen, dass wir schon mal darüber geredet haben. Ich
hab auch deine Worte nicht vergessen, aber seit Nicky aufgetaucht ist, spielen
meine Gefühle total verrückt. Manchmal hab ich das Gefühl, als
wäre Ryan gar nicht tot, sondern einfach noch arbeiten. So als würde
er jeden Moment den Schlüssel ins Schloss stecken und mich mit seinem täglichen
*Ich bin wieder da, Schatz*, begrüßen. Ich dachte ich hätte
mich wieder gefangen und würde von nun an nur noch nach vorne blicken.
Und dann taucht plötzlich ein neuer Mann auf und alle alten Erinnerungen
sind wieder hier, nur noch viel stärker als zuvor. Ich fühl mich total
hin und her gerissen. Auf der einen Seite blocke ich alles ab, auf der anderen
Seite sehne ich mich nach einer Beziehung. Vielleicht hast du recht, vielleicht
bin ich wirklich in Nicky verliebt. Im Moment bin ich mir da noch nicht so im
klaren. Ich weiß, dass er mir etwas bedeutet, sehr viel bedeutet, ich
fühl es ganz tief in mir drin, aber ich glaube ich brauche einfach noch
ein bisschen Zeit.“
„Ach Pumpkin...“ Emily drückte Chloe an sich und gab ihr ein Küsschen
auf die Wange.
Chloe fühlte sich am nächsten Tag wie gerädert und war noch
nie so froh gewesen, als sie die Kindergartentüre hinter sich schloss und
Jamie in seinen Kindersitz setzte. Zuhause würde sie sich erst mal auf
die Couch legen und sich für ein paar Minuten ausruhen. Sie legte gerade
den Gurt um Jamie, als sie Nicky hinter sich rufen hörte.
„Chloe! Warte kurz.“, rief er und eilte auf ihr Auto zu.
„Mensch bin ich froh, dass ich dich jetzt noch erwische.“, sagte er erleichtert
und grinste Jamie zu. Chloe drehte sich nun ganz zu ihm um und ließ die
Hintertüre zufallen.
„Was ist denn?“, fragte sie und öffnete die Fahrertüre.
„Ich wollte dich daran erinnern, dass du mir morgen dein Bastelbuch mitbringst.“
„Na zum Glück sagst du mir das noch mal, das hätte ich jetzt schon
wieder vergessen.“, sagte sie und schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn.
„Außerdem wollte ich dich fragen ob du Lust hast am Samstag mit mir einen
Kaffee trinken zu gehen.“, redete Nicky weiter und legte seinen Kopf schief.
Es dauerte eine Weile bis Chloe antwortete. Sie war viel zu fasziniert davon,
was Nicky für unbeschreiblich sexy Blicke drauf hatte, als das sie sofort
hätte antworten können. Das war mit Abstand der beste Hundeblick den
sie je an einem Menschen gesehen hatte. Dagegen war Shane nichts!
„Am Samstag? Okay.“, gab sie als Antwort und lächelte ihm schüchtern
zu. Sie wäre am liebsten aufgesprungen und ihm um den Hals gefallen.
„Prima. Ich hol dich dann um 15 Uhr ab.“
„Du weißt doch gar nicht wo ich wohne.“
„Das finde ich bis Samstag schon noch raus.“, zwinkerte er.
„Na gut.“, lachte Chloe, „Ich freu mich.“ Nicky nickte grinsend und Chloe stieg
in ihren Wagen. Jamie hatte bereits ungeduldig an die Scheibe geklopft und darauf
ganz viele kleine Fingerabdrücke hinterlassen. Sie startete den Motor und
fuhr aus der Parklücke. An der nächsten Ampel blieb sie stehen und
blickte in den Rückspiegel. Nicky war ihr gefolgt und sie musste unwillkürlich
lächeln. Sie fuhr nach Hause und als sie den Schlüssel ins Hausschloss
stecken wollte hörte sie ein lautes Hupen hinter sich.
„Da ist Nicky.“, schrie Jamie und winkte aufgeregt. Chloe drehte sich um und
konnte Nicky sehen, der aus dem Auto durch die geöffnete Fensterscheibe
zurück winkte.
„Jetzt weiß ich wo du wohnst.“, rief er und fuhr ohne ein weiteres Wort
weiter. Chloe schüttelte den Kopf. So ein Spinner. Wie sie es sich vorgenommen
hatte, legte sie sich, sobald sie die Wohnung betreten hatte, auf das Sofa im
Wohnzimmer. Jamie hatte angefangen zu malen und so konnte sie sich für
die nächsten dreißig Minuten entspannen und nichtstuend auf ihrer
Couch liegen. Es tat so gut an gar nichts denken zu müssen und einfach
nur daliegen zu können. Die ganze Anspannung die sich den ganzen Tag über
in ihr angesammelt hatte und der Stress fielen von ihr ab. Erst als es um kurz
nach halb 6 an ihrer Tür klingelte stand sie wieder auf.
„Emily?“, sagte sie erstaunt, als sie ihre beste Freundin vor der Tür stehen
sah.
„Ja.“, grinste Emily, „Ich wollte einfach nur mal nachsehen wie es dir heute
geht.“
„Och, ganz gut. Willst du nicht reinkommen?“
„Nein, geht nicht. Shane wartet auf sein Essen.“ Sie verdrehte ihre Augen und
Chloe fing an zu lachen.
„Dann lass den armen Kerl mal lieber nicht warten. Vielleicht komm ich dann
noch kurz hoch.“
„Okay. Ciao.“
„Tschüss.“ Emily lief nach oben und Chloe schloss die Türe wieder.
Sie lehnte sich mit dem Rücken dagegen und schloss die Augen. Emily war
so süß und sie war so stolz darauf, sagen zu können, dass Em
ihre beste Freundin war, die sie je hatte. Da kam sie einfach mal so vorbei,
nur um zu sehen wie es ihr ging... Chloe freute sich und lief zurück ins
Wohnzimmer wo Jamie noch immer an seinem Bild malte. Es zeigte ihn und Chloe
auf dem Spielplatz, erklärte er.
„Jamie, was hältst du davon wenn wir zwei jetzt baden gehen?“, fragte sie
und Jamie stieß einen kurzen Jubelschrei aus. Der Stift, den er in der
Hand hielt, flog dabei in hohem Bogen durch das Zimmer.
„Na gut, dann lass ich das Wasser einlaufen und hol dich dann.“
„Aber ich will rotes Wasser.“, sagte Jamie und Chloe nickte. Jamie liebte den
Badeschaum den sie von Shane geschenkt bekommen hatte und der das Wasser rot
färbte...
„Kriegst du, mein Schatz.“
„Wieso gründen wir nicht einfach eine WG? Dann müsst ihr nicht immer
hoch und runter laufen.“, sagte Shane und stellte die zwei Wasserflaschen auf
dem Tisch ab, die er für Emily holen sollte. Emily und Chloe sahen sich
grinsend an. Recht hatte er, aber es war ja nicht üblich, dass sie sich
täglich trafen um sich gegenseitig ihre Erlebnisse vom ganzen Tag zu erzählen.
Zur Zeit befanden sie sich einfach nur in einer Phase in der so viel passierte,
dass sie sich täglich sehen mussten!
„Ach, das verstehst du nicht.“, sagte Emily kurz und schnappte sich ein Glas.
„Ich will es ehrlich gesagt auch gar nicht verstehen, zumal ich sowieso bezweifle
euch Frauen jemals auch nur annähernd verstehen zu können. Komm Jamie,
wir machen eine Männerrunde.“, sagte er und ging mit Jamie im Schlepptau
aus dem Zimmer.
„Ts, insgeheim freut er sich doch immer, wenn du kommst, weil er weiß,
dass du Jamie mitbringst. Der soll jetzt nicht so tun.“ Emily zwirbelte ihre
Haare um den Mittelfinger und trank einen Schluck Wasser, während Chloe
begonnen hatte an ihren Fingernägeln zu nagen. Das tat sie immer, wenn
sie etwas erzählen wollte und nicht wusste wie sie beginnen sollte.
„Em, du wirst es nicht glauben, aber ich geh am Samstag mit Nicky Kaffeetrinken.“,
durchbrach sie schließlich die Stille und Emily hätte beinahe ihr
Glas fallen lassen.
„Nicht im Ernst, oder?“
„Doch.“
„Oh Pumpkin, ich freu mich ja so für dich. Das ist ja toll.“, sagte sie
strahlend und forderte Chloe auf, ihr die ganze Geschichte zu erzählen.
Die Neugierde, die ihr Gesicht ausstrahlte war unmöglich zu übersehen
und Chloe musste sich ein Grinsen verkneifen.
„Und er ist dir wirklich hinterher gefahren?“, fragte Emily nach der Erzählung
und Chloe nickte.
„Och, wie süß.“, seufzte sie und sah verliebt an die Decke.
„Shane hätte wahrscheinlich das Telefonbuch durchgeblättert, so einfallslos
wie er ist!“, grinste sie und Chloe brach in ein schallendes Lachen aus.
„Jetzt übertreibst du aber. Shane ist doch total romantisch und überhaupt
nicht einfallslos.“
„In solchen Dingen schon.“
„Quatsch, aber um wieder zum Thema zu kommen. Was soll ich denn jetzt machen?“
Chloe setzte einen verzweifelten Blick auf und griff nach der Wasserflasche
auf dem Tisch.
„Na, mitgehen natürlich.“, antwortete Emily, als wäre es die normalste
Antwort auf der Welt.
„Ja schon, aber, ach ich weiß doch auch nicht. Wie soll ich mich denn
jetzt ihm gegenüber in der Arbeit verhalten?“
„So wie immer. Sei einfach du selbst. Mach dir nicht so viele Gedanken, lass
es einfach auf dich zukommen.“
„Das sagst du so leicht. Das ist das erste mal seit... seit... dass ich mich
wieder mit einem Mann treffe. Vielleicht blamiere ich mich total.“
„Jetzt hör aber auf. Mäuschen, du musst das alles ganz locker angehen,
wenn du dich zu sehr hinein steigerst kann es nur schief gehen. Vertrau mir,
ich kenn mich aus. Du weißt ja selbst, wie oft ich mit irgendwelchen Typen
weg war, bis ich Shane kennen gelernt habe.“ Emily grinste breit bei dem Gedanken
daran. Sie hatte wohl jede Sorte von Mann durchgemacht, bis ihr Shane über
den Weg gelaufen war.
„Oh ja.“, sagte Chloe und lachte.
„Wahrscheinlich hast du recht.“, fügte sie hinzu und Emily nickte.
„Natürlich hab ich recht.“
„Und es macht euch wirklich nichts aus?“, fragte Chloe nun schon zum dritten
Mal. Ihre Mutter war als Babysitter für Jamie ausgefallen nachdem sie erkältet
im Bett lag und nun mussten Shane und Emily einspringen. Es war ihr unangenehm,
dass sie die beiden in letzter Zeit so oft brauchte um auf Jamie aufzupassen,
auch wenn sie wusste, dass sie es gerne machten.
„Nein, wie oft denn noch. Jetzt hau schon ab.“, sagte Emily und schob sie aus
der Türe.
„Okay, okay. Bis später dann.“
„Jeps, bis später.“, rief Emily und fügte leiser hinzu: „Hübsch
siehst du aus.“ Auf ihrem Gesicht prangte ein breites Grinsen und Chloe lächelte
gequält zurück. Eigentlich war ihr gar nicht nach lachen zumute, ihr
war schlecht und sie war schrecklich aufgeregt. Es war Samstag Nachmittag kurz
vor 15 Uhr und sie wollte bei den Stufen auf Nicky warten. Sie hatte sich gerade
gesetzt, als sie seinen blauen Peugeot heranfahren sah. Pünktlich war er,
das musste man ihm lassen. Chloe stand wieder auf, klopfte sich ihren Hintern
frei und lief mit ihrer Tasche in der Hand auf das Auto zu. Nicky stieg bereits
aus und küsste sie zur Begrüßung auf die Wange, ehe er sie kurz
umarmte.
„Hi Chloe.“, sagte er und lächelte ihr zu.
„Hi.“, antwortete sie schüchtern und sah sich nervös um. Ihr Blick
viel dabei auf ihr Küchenfester an dem Emily, Shane und Jamie standen und
heruntergrinsten. Chloe musste sich ein Lachen verkneifen, das war wieder so
typisch. Nicky nahm ihr die Tasche ab und führte sie um das Auto herum,
wo er ihr die Tür aufhielt. Chloe stieg grinsend ein, ein richtiger Gentleman
war er also. Als Nicky auch im Auto saß, legte sie sich den Sicherheitsgurt
um und Nicky startete den Motor. Chloe straffte ihre Schultern und ihre extreme
Nervosität verflog langsam. Sie erinnerte sich an Emilys Worte:
„Sei einfach du selbst, Chloe. Ich möchte nicht, dass du dich jemals für einen Mann verstellst und dich anders gibt’s, als du bist. Wenn er dich nicht so akzeptiert wie du bist, hat er dich gar nicht verdient. Du bist so ein toller Mensch und es wäre schade, wenn du deinem Charakter in irgendeiner Weise abweichen würdest!“
„Wie geht’s dir denn so?“, wollte Nicky wissen und lenkte den Wagen um eine
Kurve.
„Gut, danke. Und dir?“
„Auch gut.“, antwortete er und hielt seinen Blick konzentriert auf die Straße.
Es entstand eine angenehme Stille und Chloes Blicke schweiften aus dem Fenster.
Die Sonne schien herrlich zwischen den weißen Wolken hervor und zum ersten
Mal in diesem Jahr konnte man sehen, dass nun der Frühling da war. Es war
nun schon Ende Mai, doch bis letzte Woche hätte man auch glauben können
der April trieb noch seine Spielchen. Es war richtig angenehm warm und Chloe
trug nur einen knielangen weißen Rock und dazu ein rotes T-Shirt. Sie
drehte ihren Kopf wieder zurück und musterte nun Nicky. Gut sah er aus.
Er trug eine schöne blaue Jeanshose und dazu ein weißes Knitterhemd,
an dem er die letzten zwei Knöpfe offen gelassen hatte. Seine Haare standen
spitz nach oben und Chloe musste zugeben, dass sie ihn ziemlich attraktiv fand.
„Du siehst hübsch aus.“, durchbrach Nicky die Stille und schenkte ihr ein
kurzes Lachen. Chloe war es nicht mehr gewohnt Komplimente von einem Mann zu
bekommen und lief leicht rot an.
„Danke.“, quetschte sie durch ihre Lippen und hätte sich erwürgen
können. Sie benahm sich wie eine 14-jährige, Nicky musste sie für
vollkommen bescheuert halten!
„Wo fahren wir denn jetzt hin?“, fragte sie schließlich neugierig und
sah sich um. Nicky war relativ schnell aus Sligo herausgefahren und fuhr nun
auf einer Landstraße, die umgeben von Bäumen war, die im leichten
Wind hin und her schwankten.
„Lass dich überraschen!“, grinste er und sah sie wieder kurz an. Seine
blauen Augen strahlten und zum ersten Mal viel Chloe wirklich bewusst auf, wie
außergewöhnlich hübsch Nicky war. An ihm passte wirklich alles
perfekt zusammen. Die süße Stupsnase, die schön geschwungenen
Lippen und natürlich seine unverwechselbaren blauen Augen. Sie lächelte
leise vor sich hin; ja Ryan, es war nun an der Zeit die Vergangenheit ruhen
zu lassen und ein neues Leben zu beginnen...
Fünf Minuten später parkte Nicky sein Auto an einem Seecafe, etwas
abgelegen an einem Wald. Sie setzten sich auf die gemütliche Terrasse,
von wo aus man den ganzen See überblicken konnte. Die Sonne ließ
das Wasser silberig glitzern und Chloe war seit langem einmal wieder richtig
glücklich. Sie sah sich kurz um und musste unwillkürlich lächeln,
als sie links neben ihnen ein Teenagerpärchen und rechts neben ihnen ein
Rentnerpärchen sah. War es Schicksaal, dass sie genau dazwischen saßen?
Die Bedienung kam angelaufen und beide bestellten sich eine Tasse Kaffee.
„Es ist total schön hier.“, sagte Chloe und ihre Haare wehten leicht im
Wind. Es war der Beginn einer langen Unterhaltung und auch Nicky stellte nun
fest, wie wunderbar Chloe war und wie viel Spaß es machte, mit ihr über
Gott und die Welt zu reden. Sie hatte ihn von Anfang an fasziniert. Er konnte
überhaupt nicht verstehen, warum sie ausgerechnet mit ihm weg ging und
genau die gleichen Gedanken schwirrten auch in Chloes Kopf herum, der vor lauter
Frühlingsgefühlen zu zerplatzen drohte.
„Was hältst du davon, wenn wir noch ein Stück spazieren gehen?“,
fragte Nicky nachdem er gezahlt hatte und Chloe nickte einverstanden.
„Kann man um den See herum laufen?“
„Ja, komm mit.“ Nicky stand zuerst auf und Chloe folgte ihm von der Terrasse
hinunter. Sie lief neben ihm, als sie den bewaldeten Wanderweg entlang gingen,
hin und her gerissen zwischen dem Gedanken ob sie nach seiner Hand greifen sollte
oder nicht. Irgendwie kam ihr beides falsch vor. Würde sie danach greifen,
könnte es aufdringlich und überstürzt wirken, ließ sie
es bleiben, würde er wahrscheinlich denken, sie traue sich nichts und sei
nur ein schüchternes, dummes Mädchen ohne Mut auch mal etwas selbst
in Angriff zu nehmen. Bevor Chloe noch weiter darüber nachdenken konnte,
wurde ihr die Entscheidung auch schon abgenommen. Nicky wagte den Schritt und
schloss Chloes Hand sanft in seine ein. Sie Lachte ihn fröhlich an und
Nicky lächelte genauso fröhlich zurück. Chloe musste sich zusammenreißen
um nicht jauchend vor Freude durch die Gegend zu springen. Einzig und allein
der Wetterumschwung gab ihr zu bedenken. Die Sonne wurde von den Wolken fast
vollkommen verdeckt und der aufkommende Wind ließ Chloe in ihrem T-Shirt
leicht frösteln.
„Ist dir kalt?“, wollte Nicky wissen und sah sie besorgt an, nachdem er bemerkt
hatte, dass sie zitterte.
„Wir können auch umkehren, wenn du willst.“, bot er an doch Chloe schüttelte
den Kopf. Für nichts in der Welt wäre sie nun umgekehrt! Sie genoss
es so sehr an Nickys Seite entlang zu laufen, dass sie nicht im Traum daran
dachte hätte, nun wieder zu gehen.
„Nein, ist schon okay.“, sagte sie und Nicky legte einen Arm um ihre Schultern.
Angenehme Wärme stieg in ihr auf und nun machte ihr selbst der kühle
Wind nichts mehr aus, der verstärkt zu wehen begann. Wie sehr hatte sie
diese Zuneigung und Wärme eines anderen Menschen vermisst... Sie lehnte
ihren Kopf an Nickys Oberarm und genoss es schweigend neben ihm her zu laufen.
Sie waren schon ein ganzes Stück voran gekommen, als der Himmel sich schlagartig
verdunkelte.
„Vielleicht sollten wir jetzt doch zurück laufen.“, bemerkte Nicky und
sah kritisch in den Himmel. Schwarze Regenwolken hatten sich vor die Sonne geschoben
und immer stärker werdende Windböen zogen auf.
„Ja, lass uns umkehren.“, bestätigte Chloe enttäuscht und lief bereits
in die andere Richtung, als die ersten Regentropfen nieder tröpfelten.
Nicky eilte ihr hinterher. Der zuerst leichte Tröpfelregen verwandelte
sich innerhalb weniger Sekunden in einen der bekannten irischen Platzregen und
in null Komma nichts war alles klatschnass. Nicky zog Chloe unter eine riesige
Eiche unter der sie ein wenig geschützter standen. Sie sahen beide stumm
auf den großen See hinaus, auf dem ununterbrochen dicke, runde Regentropfen
niederprasselten. Chloe liebte das Gefühl, das in diesen Augenblick der
nur ihr und Nicky gehörte, aufstieg und es machte sie nicht traurig, dass
es nun regnete, ganz im Gegenteil brachte es sie irgendwie in Hochstimmung.
Da standen sie nun Händchenhaltend unter dieser Eiche, tropfnass und Chloe
wusste was gleich geschehen würde. Sie wusste es, als hätte sie diese
Szene schon einmal durchlebt und würde sie nun Revue passieren lassen.
Nickys Haare klebten an seiner Stirn und auch Chloes Haare trieften bereits.
Nickys weißes Hemd hatte sich durchsichtig gefärbt und die Umrisse
seiner Brust waren deutlich darauf zu erkennen. Chloe ließ ihren Blick
vom See weg und über Nickys Oberkörper schweifen. Gänsehaut durchfuhr
ihren gesamten Körper, Nicky sah einfach nur umwerfend aus. Auch Nicky
hatte seinen Blick vom See abgewandt und musterte Chloe, die versuchte Blickkontakt
aufzunehmen. Selbst die große Eiche war nun vollkommen durchnässt
und es tropfte unaufhörlich von den großen Ästen auf den steinigen
Boden. Nicky hob seinen Kopf ein Stück an und sein Blick verschmolz mit
dem von Chloe, ehe er zärtlich nach ihrem Kinn griff, es leicht anhob und
seinen Kopf wieder senkte. Seine Lippen trafen auf ihre und es war, als würde
ein überdimensionales Feuerwerk explodieren. Ihre Lippen verschmolzen,
umgeben von dem leisen Plätschern und Rauschen, das der Regen auf dem See
hinterließ. Es war als würde der Kuss nie enden und in dem Moment,
in dem Chloe ihre Lippen von seinen löste, durchbrach der erste Sonnenstrahl
die dicke, graue Wolkendecke. Der Regen ließ langsam nach und die beiden
standen sich fest umschlungen gegenüber, Chloes Kopf gegen Nickys Brust
gelehnt. Sie konnte sein Herz schlagen hören und sie wünschte sich,
dieser einmalige Augenblick und Beginn eines neuen Lebens würde nie enden.
„Schau mal, da ist ein Regenbogen.“, flüsterte Nicky und zeigte auf die
Verfärbung im Himmel, die ganz deutlich über dem See zu erkennen war.
Chloe lächelte stumm und küsste Nicky erneut, überglücklich
darüber, dass der Tag so verlaufen war. Sie hatte das Gefühl als könne
sie nun nichts und niemand mehr aufhalten. Sie wollte nur noch nach vorne blicken
und vielleicht sogar eine gemeinsame Zukunft mit Nicky aufbauen. In ihrem Bauch
kribbelte es vor Glücksgefühlen und Chloe war sich sicher, dass der
Himmel gerade eben für sie vor Freude geweint hatte. Wie sonst hätte
dieser Regen so perfekt zur Situation passen können?
„Du zitterst ja. Ich bring dich jetzt heim, du wirst sonst noch krank.“ Nicky
schob Chloe sanft von sich, bevor er wieder seinen Arm um ihre Schultern legte
und sie den Rückweg antraten.
„Hallo Schatz. Na, warst du brav?“ Chloe hatte ihre Wohnung noch gar nicht
richtig betreten, da hüpfte ihr Jamie schon in die Arme. Sie küsste
ihn und setzte ihn anschließend wieder auf dem Boden ab.
„Ja.“, antwortete der kleine Wirbelwind auf ihre Frage und düste wieder
davon. Chloe ließ ihre Tasche achtlos auf den Boden plumpsen. Sie war
erschöpft und total müde. Es war so viel passiert, 1000 verschiedene
Gedanken schwirrten in ihrem Kopf hin und her und außerdem waren ihre
Kleider noch immer feucht und sie freute sich auf eine schöne, warme Dusche.
„Da bist du ja. Wir dachten schon du kommst gar nicht mehr.“ Shane kam in den
Flur gelaufen und musterte Chloe von oben bis unten.
„Wie ich sehe, hat es bei euch auch geregnet.“ Er zog die Stirn in Falten und
sah noch immer von Chloes Kopf zu ihren Füßen und wieder zurück.
„Ja, das hat es. Wo ist Em? Ich muss ihr so viel erzählen.“
„Tut mir leid, aber Emily schläft schon. Ihr ging es heute nicht besonders
gut. Nachdem du weg warst wurde es ihr auf einmal total schlecht. Sie hat sich
hingelegt und seit dem schläft sie. Ich hoffe es ist nichts mit dem Baby,
oder so. Aber du kannst auch gerne mit mir reden, wenn du willst.“ Shane grinste
verschmitzt und Chloe schmunzelte. Für seine Neugierigkeit war Shane bekannt.
„Oh, na gut. Lass mich nur noch schnell unter die Dusche. Wie viel Uhr ist es
eigentlich?“
„20.34 Uhr.“
„So spät schon? Wärst du so gut und würdest Jamie ins Bett bringen
so lange ich dusche? Eigentlich ist er nicht so lange wach.“
„Ja, ich weiß schon, aber er wollte dich unbedingt noch sehen, bevor er
ins Bett geht...“
„Ist schon in Ordnung, aber jetzt wird es wirklich Zeit. Wo ist er? Ich will
ihm noch eine gute Nacht wünschen.“
„Keine Ahnung, gerade war er noch im Wohnzimmer. Geh doch einfach mal nachschauen.“
Chloe nickte und verstand gar nicht warum sie sich jetzt so blöd anstellte.
Anscheinend hatte Nicky eine größere Beeinflussung auf ihre Wahrnehmung
als sie bisher angenommen hatte. Er warf sie völlig aus der Bahn und löste
ein totales Gedankenwirrwarr in ihr aus. Jamie saß tatsächlich im
Wohnzimmer, als sie es betrat und baute mit den Holzbausteinen.
„Jamie, Shane bringt dich jetzt dann ins Bett. Mami muss jetzt erst duschen
gehen und sonst wird es zu spät.“, erklärte sie und Jamies Augen weiteten
sich. Er verzog seine Mundwinkel und zeigte somit klar und deutlich, dass er
eigentlich noch gar nicht schlafen gehen wollte.
„Da brauchst du jetzt gar nicht so zu gucken. Du kannst morgen den ganzen Tag
noch spielen. Morgen ist kein Kindergarten und ich bin die ganze Zeit für
dich da. Was hältst du davon, wenn wir einfach mal wieder einen Mami-Jamie-Tag
machen, hm? Na siehst du, das ist doch was. Du bist viel hübscher, wenn
du lachst. Und jetzt schlaf gut, mein Schatz. Mami hat dich lieb!“ Sie verwuschelte
ihm die Haare, bevor sie ihm ein Küsschen gab und ins Bad verschwand.
„Und was heißt das jetzt konkret?“, fragte Shane nachdem Chloe mir ihrer
Erzählung fertig war.
„Keine Ahnung.“, antwortete sie und grübelte. Ja, was eigentlich hieß
das jetzt?
„Wie, du weißt es nicht?“
„Na, ich weiß es halt einfach nicht.“
„Du musst doch wissen ob du noch Single bist oder nicht. Versteh mich nicht
falsch, Süße, ich freu mich wirklich für dich und ich hoffe
du weißt das auch, aber vielleicht solltest du erst mal abwarten wie das
alles noch weiter läuft. Es wäre schade, wenn du enttäuscht werden
würdest. Das hättest du nach allem was passiert ist nicht verdient.“
Shane lächelte ihr zu und Chloe kuschelte sich in ihren Bademantel den
sie trug. Shane hatte verdammt noch mal recht, aber trotzdem hätte sie
ihn am liebsten dafür verflucht, dass er ihr gerade die Stimmung vermiest
hatte. Sie selbst hatte sich noch gar keine Gedanken darüber gemacht, ob
sie nun endgültig mit Nicky zusammen war oder nicht. Sie hatte sich einfach
nur gefreut, dass sie so einen schönen Tag mit ihm zusammen verbracht hat.
„Jetzt hasst du mich, stimmt’s? Jetzt hab ich dir den ganzen Abend versaut.
Aber ich will einfach nicht, dass du enttäuscht wirst. Ich spreche aus
eigener Erfahrung...“
Shane betrat den überfüllten Pub. Stickige und verrauchte Luft versperrte
ihm zunächst die Sicht. Dann bahnte er sich einen Weg durch die Menschenmenge
und traf SIE an der Bar. SIE, das Mädchen das Shane Minute um Minute um
den Verstand brachte. Das Mädchen mit den langen Beinen, mit den blonden,
lockigen Haaren und dem hübschen Gesicht. Lillian Josephine Sumpter, überall
bekannt als Lilly-Jo. Er ging seit ca. drei Wochen mit ihr aus. Jedes Wochenende
verbrachten sie die Abende gemeinsam in Clubs, Discos oder Tanzbars und letzte
Woche war es passiert. „I wanna love you forever...“, tönte es aus den
Lautsprechern und Lilly-Jo bewegte sich sanft zum Klang der Musik. Ihren Kopf
hatte sie gegen Shanes Schulter gelehnt, die Arme eng um seine Hüften geschlungen.
„Du bist etwas ganz besonderes.“, flüsterte sie ihm ins Ohr und ließ
eine Hand über seinen Rücken gleiten. Shane bekam Gänsehaut.
Unfähig etwas zu antworten, hoffte er still und leise, sein Verlangen,
ihre Lippen auf seinen zu spüren, würde bald gestillt werden. Lilly-Jos
Hand wanderte weiter und auf Shanes Hinterkopf stoppte sie. Shane wusste was
jetzt folgte und hätte vor naiver Freude fast aufgeschrieen. Lilly-Jo drückte
seinen Kopf mit ihrer Hand nach unten, ihren eigenen hob sie ein Stück
an, dann trafen sich ihre Lippen und Shane wurde aus der Realität gerissen.
Es war als würden alle Menschen um sie herum verschwinden, die Musik verstummte
und er konzentrierte sich allein darauf, Lilly-Jos Lippen zu liebkosen. Sie
war diejenige die sich zuerst aus dem Kuss löste und mit einem Lächeln
auf den Lippen seine Hand nahm und ihn zurück zu ihrem Tisch führte.
„Das war ein sehr schöner Abend.“, verabschiedete sie sich am Ende, küsste
ihn flüchtig auf den Mund und verschwand mit schwingenden Locken im Haus.
Shane starrte einige Minuten, völlig durch den Wind, auf die geschlossene
Eingangstüre. Entweder er träumte oder Lilly-Jo hatte ihn tatsächlich
geküsst und das nicht nur einmal an diesem Abend. Shane schwebte zurück
zu seinem Auto und schlief später mit dem Bild von Lilly-Jo ein.
„Und was ist jetzt?“, wollte Tyson am nächsten Tag wissen. Tyson war sein
damaliger bester Kumpel und Shane war sobald er wach war vor seiner Türe
gestanden.
„Ich weiß nicht.“, antwortete Shane und fühlte sich mies. Tysons
Frage war berechtigt, aber Shane wusste keine Antwort darauf.
Und nun stand er vor ihr, in diesem stinkenden Pub und hoffte er würde
am Ende des Abends eine Antwort auf Tysons Frage bekommen. Shane war sehr positiv
eingestellt, umso größer war die Enttäuschung am Ende des Abends.
„Hi, Lil.“, begrüßte er sie. Shane beugte sich ein Stück nach
vorne um ihr einen Kuss zu geben, Lilly-Jo allerdings drehte ihren Kopf auf
die Seite und ließ lediglich ein Küsschen auf die Wange zu. Shane
war so irritiert davon, dass er im ersten Moment gar nichts sagen konnte. Was
zum Teufel war jetzt los?
„Hab ich irgendwas falsch gemacht?“, fragte er und Lilly-Jo schüttelte
den Kopf.
„Nein, aber lass uns am besten alles beenden.“, sagte sie und stellte ihren
Cocktail ab. Shane trafen ihre Worte wie ein Schlag ins Gesicht.
„Sag das noch mal.“
„Ich will keine Beziehung. Auf eine feste Bindung kann ich mich in fünf
Jahren immer noch einlassen, ich will Spaß.“
„Spaß? Du willst Spaß? Das heißt du hast mich die letzten
Wochen zum Narren gehalten? Du willst alles vergessen, was zwischen uns war?“
„Es gibt kein uns.“
„Fahr zur Hölle, Lillian!“ Shane machte auf dem Absatz kehrt. Mit rempeln
und stoßen kämpfte er sich durch die Menge, Richtung Ausgang. Wie
konnte er nur so doof sein? Er hätte es wissen müssen, er hätte
es schlicht und einfach wissen müssen. Warum sollte sie sich auf so einen
Looser wie ihn einlassen? Er war ein Durchschnittsbürger, solche wie er
liefen in Sligo in Scharen durch die Straßen. Er hätte es wissen
müssen...
„Ich war noch nie in meinem Leben so am Ende. Das erste was ich tat, war zu
Tyson zu laufen. Dort brach ich komplett zusammen. Ich glaube ein normaler Mensch
kann in einer Nacht überhaupt nicht so viele Tränen vergießen,
wie ich es getan habe. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich richtig verliebt,
Lilly-Jo war das Beste was mir passiert war. Zumindest für vier Wochen.
Sie machte mich glücklich und brach mir, bevor es richtig Ernst wurde,
das Herz. Es dauerte fünf Monate bis ich komplett über sie hinweg
war. Verstehst du nun, was ich meine? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es
mit Nicky und dir auch so endet. Ihr seid zwei erwachsene Menschen, wir waren
damals gerade 19, aber ich wollte es dir trotzdem erzählen.“
„Danke, Shane.“ Chloe umarmte ihn, dankbar dafür, dass er so viel Zeit
für sie hatte und sich so lieb um sie kümmerte.
„Kein Problem, dafür sind Freunde doch da.“, lächelte er und verabschiedete
sich anschließend. Er machte sich Sorgen um Emily und wollte sie nicht
noch länger allein lassen, als er es eh schon getan hatte. Zuerst hatte
sie auf Chloes Sofa gelegen, doch vor knapp zwei Stunden hatte er sie in ihre
eigene Wohnung getragen und dort auf dem Bett abgelegt. Es wurde Zeit, dass
er nach ihr sah. Chloe sagte, er solle ihr ein Küsschen von ihr geben,
bevor sie die Türe schloss und allein im Flur zurück blieb. Sie schloss
die Augen und schlagartig hatte sie Nickys Gesicht vor Augen. Nein, er war nicht
der Typ dafür, der alles sofort wieder beenden würde und nur auf Spaß
hinaus war. Und mit diesem Gedanken schlief Chloe später ein.
„Sie haben sich geküsst? Das darf einfach nicht sein. Das darf nicht sein!“
Ein lautes Schreien folgte auf diesen Satz, danach ein Krachen, das durch einen
umgestoßenen Stuhl verursacht wurde. Kevin wich einen Schritt zurück.
Georgina hatte zum wiederholten Male, einen ihrer hysterischen Anfälle.
„Lass deine Wut gefälligst nicht an mir aus, schließlich bin ich
derjenige der dir die ganzen Informationen besorgt!“, beschwerte sich Kevin
und Georgina atmete einmal tief ein. Ihr Gesicht war knallrot, ihre Augen weit
aufgerissen und die Lippen zitterten vor Wut.
„Tut mir leid.“, sagte sie durch zusammengepresste Zähne und warf sich
ihre langen Haare über die Schulter.
„Bist du dir sicher, dass es mein Nicky war?“
„Natürlich bin ich mir sicher. Hältst du mich für blöd?
Und das Wort Küssen ist vielleicht sogar ein bisschen untertrieben. Er
hat sie fast aufgefressen, wenn du verstehst was ich meine.“
„Scheiße. Diese blöde Schlampe. Wie heißt sie noch mal?“
„Chloe.“
„Was für ein hässlicher Name! Ihre Eltern müssen gewusst haben,
was für einen Abschaum sie in die Welt setzen.“
„Jetzt übertreibst du aber.“
„Ist doch wahr. Wir müssen uns was einfallen lassen!“ Georginas Augen begannen
zu funkeln und zu leuchten. Es sah aus, als hätte jemand ein Feuer darin
entfacht. Erneut stieg Hass und Wut in ihr auf. Wenn sie Nicky nicht haben konnte,
durfte ihn keiner haben!
„Ich weiß was.“, sagte Kevin schließlich und erklärte Georgina
was er sich ausgedacht hatte.
„Mami, krieg ich Mamalade?“ Es war Sonntagmorgen und Jamie saß bereits
völlig angezogen und gewaschen am Frühstückstisch und das um
acht Uhr. Chloe wusste nicht wie sie das fertig gebracht hatte.
„Marmelade. Welche willst du denn? Kirsche oder Erdbeere?“
„Alles.“
„Isst du das? Willst du nicht lieber nur eine?“
„Nein, alles zwei.“
„Na gut, aber du bleibst so lange sitzen bis du es gegessen hast und wenn du
bis heute Abend hier sitzt. Ich will nicht wieder so ein Theater, wie vor drei
Tagen, verstanden Mister?“ Chloe sah Jamie mit ernster Mine an. Sie hatte keine
Lust auf einen erneuten Zirkus. Vor drei Tagen hatte er sich eingebildet auf
sein Honigbrot müsse noch eine Scheibe Käse. Der Morgen endete in
Tränen, als er feststellen musste, dass Honig und Käse vielleicht
doch nicht so gut zusammen passten. Für Chloe war es ärgerlich, dass
sie in die Arbeit fahren musste, sonst hätte sie nicht nachgegeben und
das Brot auf keinen Fall entsorgt. Heute würde er Pech haben, sollte es
wieder so ausarten. Chloe gab ihm eine Scheibe Brot und reichte ihm beide Marmeladengläser,
sowie die Butter. Während er sich sein Brot schmierte, goss sich Chloe
eine Tasse Kaffee ein. Jamie stellte sich inzwischen schon ziemlich gut an.
Einen Teil der Marmelade schmierte er sich zwar immer noch auf die Hände
statt auf das Brot, aber im Großen und Ganzen beherrschte er es schon
recht gut. Chloe war froh, dass sie so bald wie möglich angefangen hatte,
ihm beizubringen, wie man Besteckt richtig benutzte. Heute hatte sie etwas ganz
besonderes mit Jamie vor und hoffte er würde sein Marmeladenbrot ohne Probleme
essen. Jamie war ein großer Fan von Wassertieren jeglicher Art und sie
wollte heute mit ihm ins Delphinarium gehen.
„Ich hab sie. Fahr los!“ Kevin kam ins Auto gesprungen und Georgina trat aufs Gas. Es war kurz nach neun Uhr und die beiden waren vollkommen in ihrem Element. Nicky war gerade unterwegs zum Bäcker und in der Zwischenzeit war Kevin durch die offene Terrasse in seine Wohnung geschlichen. Dort hatte er sich die blaue Jacke mit dem gelben Schriftzug *California* hinten drauf, geschnappt und war aus der Wohnung geflüchtet. Nun fuhren sie so schnell wie Möglich aus Sligo heraus um den weiteren Vorgang zu planen. Das Chloe ins Delphinarium gefahren war, wussten sie längst...
„Bleib bitte hier stehen, ich hole uns ein Eis, okay?“ Die Show war vorbei
und Chloe stand mit Jamie am Eingang, gegenüber eines Eisstandes. Beide
waren klatschnass, doch das machte überhaupt nichts aus. Chloe war so glücklich,
dass Jamie so viel Spaß hatte. Das Strahlen auf seinem Gesicht hätte
den dunkelsten Raum erhellt, sein Lachen die schlecht gelauntesten Menschen
wieder fröhlich gemacht. Sie nahm sich fest vor, solche Mami-Jamie-Tage
in Zukunft öfter zu machen. Es tat ihnen beiden mehr als gut.
„Ich mag ein Eis mit Schokolade, aber mit ohne Erdbeeren.“
„Geht klar, Chef.“ Chloe zog ihm sein Capy ins Gesicht und lief zum Eisstand.
Es standen nur noch vereinzelt Menschen herum, die meisten waren schon gegangen
oder waren gerade dabei zu gehen und so kam Chloe sofort an die Reihe. Sie wollte
gerade ihre Bestellung aufgeben, als sie Jamie hinter sich aufschreien hörte.
Es war ein spitzer Schrei, so wie sie ihn von Jamie noch gar nicht kannte. Mütter
haben die wunderbare Gabe, bei ihren eigenen Kindern sofort herauszuhören,
ob der Schrei ernst zu nehmen war, oder ob es sich lediglich um eine Kleinigkeit
handelte. Chloe hatte Jamie zuvor noch nie so schreien hören und von der
ersten Sekunde an, wusste sie, dass etwas schlimmes passiert war. Erschrocken
drehte sie sich um und ihr stach sofort der gelbe Schriftzug *California* ins
Auge. Es geschah alles so schnell, dass sie nur noch sah, wie irgendeine Person
mit Jamie über die Schulter geworfen im Gebüsch, neben dem Delphinarium
verschwand. Jamie war weg, er stand nicht mehr da, er war weg! Chloe schrie
auf, ließ ihren Geldbeutel fallen und rannte auf die dichten Äste
zu. Während sie Jamie vor ein paar Sekunden noch nach ihr schreien hörte,
war jetzt alles still. Nur die Vögel zwitscherten ihre Lieder und das leise
Plätschern eines Baches war zu hören. Wie war das möglich? Wie
konnte ein kleiner Junge am helllichten Tage einfach so entführt werden?
Wer zum Teufel machte so was? Wie konnte er so schnell verschwinden? Chloe zwängte
sich durch die vielen Äste, schlug wild um sich und kämpfte gegen
ihren Heulkrampf an, da durch die vielen Tränen ihre Sicht versperrt wurde.
Wo war ihr kleiner Junge? Warum schrie er nicht mehr? Chloe bekam Panik, Angstschweiß
lief ihr die Stirn hinunter. Was sollte sie nur tun? War hier denn keiner, der
ihr helfen konnte? Es musste doch jemand diesen Menschen aufhalten.
„Jamie!“, kreischte sie so laut sie konnte, bevor sie auf die Knie sank und
lauft aufschluchzte. Ihr Körper zitterte und bebte, sie bekam kaum noch
Luft und ein paar Mal wurde ihr ganz plötzlich schwarz vor Augen. Sie nahm
ihre Umwelt überhaupt nicht mehr richtig wahr, sie sah alles wie durch
einen durchsichtigen Schleier.
„Jamie!“, schrie sie erneut und brach schließlich vollkommen zusammen.
Als sie erwachte lag sie in einem Krankenwagen, um sie herum drei Ärzte
die einen Lärm machten, wie ein ganzer Kindergarten zusammen. Sie sah alles
verschwommen und für einen kurzen Moment hatte sie ein Blackout. Wer war
sie? Was machte sie hier? Warum war sie nicht zuhause? Dann schlug es plötzlich
ein, wie ein Blitz. Ihr Kopf drohte für einen Augenblick zu zerspringen,
als der gelbe Schriftzug vor ihrem Auge erschien. Jamie! Chloe schoss in die
Höhe und riss dabei ein Kabel aus einem Gerät, an das sie angeschlossen
war.
„Legen Sie sich bitte wieder hin.“, sagte einer der Ärzte, der jetzt erst
bemerkt hatte, dass sie wieder bei Bewusstsein war und versuchte sie an den
Schultern nach unten zu drücken.
„Nein.“, sagte sie hysterisch. „Ich will zu meinem Sohn. Wo ist er? Ich will
zu ihm.“ Der Arzt sah sie irritiert an. Hilfesuchend blickte er zu seinen Kollegen,
die ratlos mit den Schultern zuckten.
„Wir haben Ihren Sohn nicht.“, sagte er schließlich und steckte den Schlauch
wieder an das Gerät.
„Er war nicht bei Ihnen, als Sie gefunden wurden.“
„Wie auch, er wurde entführt. Tun Sie doch etwas. Jamie!“ Alles war wieder
ganz klar in ihrem Kopf, Jamie war entführt, irgendwer musste etwas tun.
Chloe hatte erneut einen Heulkrampf und wirkte auf Außenstehende wie eine
durchgedrehte Frau, die aus der Psychiatrie ausgebrochen war.
„Wir müssen die Polizei rufen, wenn es stimmt was sie sagt.“, sagte der
eine Arzt zu seinen Kollegen und der andere stieg aus dem Krankenwagen aus,
um über Funk die Polizei zu alarmieren.
„Natürlich stimmt das. Jamie, wo bist du?“, schrie Chloe unter lauten Schluchzern.
Ihr Gesicht war Kreide bleich, die Augen rot und aufgequollen. Ihre Haare standen
in alle Himmelsrichtungen vom Kopf ab, waren verwuschelt und zerzaust. Chloe
begann wieder zu zittern und startete einen Versuch aus dem Krankenwagen zu
flüchten. Sie konnte nicht einfach tatenlos hier festsitzen und warten.
Sie wollte sich auf den Weg machen und Jamie suchen. Er war doch ihr ein und
alles, warum nahm man ihn ihr weg? Im letzten Moment wurde sie aufgehalten und
bekam als nächstes Beruhigungsmittel gespritzt. Völlig abwesend saß
sie nun auf der Trage, dicke Tränen kullerten über das Gesicht und
immer wieder wimmerte sie Jamies Namen vor sich hin. So lange bis schließlich
die Polizei kam und alle Aussagen von ihr aufnahm. Danach wurden auf bitten
und betteln von Chloe, Shane und Emily informiert und zum Delphinarium gerufen.
Es dauerte kaum zehn Minuten, bis sie Chloe in ihre Arme schlossen und mit ihr
weinten...
„Was machen wir denn jetzt mit ihm?“ Kevin saß auf Georginas Sofa, neben
sich hatte er Jamie liegen, den sie mit Schlaftabletten vollgepumpt durch Sligo
geschleppt hatten.
„Hier können wir zumindest nicht bleiben.“, antwortete Georgina und warf
einen siegessicheren Blick auf das kleine Geschöpf, das seelenruhig auf
ihrem Sofa schlief und ihrer Gewalt ausgesetzt war. Es gab ihr ein gewisses
Gefühl der Befriedigung, ihn nun hier liegen zu sehen und zu wissen, dass
es in ihrer Macht stand, was nun mit ihm geschehen würde. Sie hoffte nur,
dass Chloe auch wirklich die Jacke wieder erkannte, sonst wäre ihre ganze
Mühe umsonst gewesen.
„Dir ist schon klar, dass wir dafür ins Gefängnis kommen, oder?“,
fragte Kevin und am Tonfall war deutlich zu erkennen, dass er bereute, überhaupt
mitgemacht zu haben.
„Warum wir? Nicky hat ihn doch entführt. Apropos Nicky, wir müssen
die Jacke so schnell wie Möglich zurück bringen. Am besten sofort.
Und dann flüchten wir ins Ausland.“
„Du spinnst. Ich steige aus.“
„Willst du mich verarschen? Jetzt hängst du genauso drin wie ich und du
wirst verdammt noch mal nicht aussteigen. Beweg deinen dreckigen Arsch zum Auto,
wir fahren.“ Georgina sah Kevin mit einem Blick an, der ihn auf der Stelle umgebracht
hätte, würden Blicke töten können. Er packte Jamie und verschwand
mit ihm zum Auto. Georgina folgte den Beiden, Nickys Jacke über die Schulter
geschwungen. Draußen angekommen, riss Kevin die Augen auf und schlug sich
mit der Flachen Hand auf die Stirn.
„Sag mal was denkst du, warum ich die Jacke gewaschen habe und nur mit Gummihandschuhen
an sie rangegangen bin, hä?“
„Ups.“ Georgina ließ sie mit einem Plumps fallen und sah Kevin mit unschuldigen
Augen an.
„Das ist nicht wahr.“, murmelte er und hob die Jacke auf.
„Bring den Kleinen rein, unsere Abfahrt verzögert sich um zwei Stunden.“,
fügte er hinzu und trabte in die Waschküche. Georgina stöhnte
auf, dabei hatte sie sich das selbst zu verdanken.
Nicky schloss seine Wohnung auf, ließ seine Badetasche fallen und zog sich seine Schuhe aus. Er stellte sie sorgfältig in den Schuhschrank und nahm anschließend seine Tasche wieder in die Hand. Er hatte den ganzen Tag im Freibad verbracht und war auf der Liegewiese gelegen. Es hatte erst an diesem Wochenende geöffnet und dementsprechend viel war los. Er war froh nun endlich wieder in seiner ruhigen Wohnung zu sein. Er wollte gerade ins Bad laufen und die Tasche ausräumen, als ihm die Garderobe ins Auge stach. Wie kam seine *California* Jacke an den Hacken? Er war sich ganz sicher, dass er sie heute Morgen nicht dort gesehen hatte. Seltsam. Nicky kümmerte sich nicht weiter darum und machte sich daran, seine Tasche auszupacken. Anschließend kochte er sich Tortellini mit Tomatensoße, bevor er sich auf den Weg zu Chloe machte. Er bekam sie den ganzen Tag nicht aus dem Kopf und wollte sie auf jeden Fall heute noch besuchen und wenn es nur für eine Stunde war.
Chloe war inzwischen wieder zuhause. Die Ärzte hatten sie nur ungern gehen
lassen, sie waren der Meinung, dass ihr Zustand instabil war und sie im Krankenhaus
besser aufgehoben wäre, doch als Shane und Emily versprachen sich um sie
zu kümmern, ließen sie Chloe gehen. Nun saß sie hier an ihrem
Esstisch, hatte den Kopf auf den Händen abgestützt und schluchzte
unaufhörlich vor sich hin. Shane und Emily saßen neben ihr, ebenfalls
mit roten und aufgequollenen Augen.
„Wer tut so was?“, flüsterte Shane und griff nach einem Taschentuch. Er
verstand es einfach nicht. Jamie war ein kleiner Junge, der sich nicht wehren
konnte. Wer war so herzlos und nahm ihn einfach mit? Wer?
„Ich weiß es nicht.“, sagte Emily leise und legte ihren Arm um Chloes
Schulter.
„Mäuschen, willst du dich nicht doch lieber hinlegen? Wir bleiben wach,
falls die Polizei anruft.“
„Nein, ich will nicht schlafen.“, antwortete Chloe und wischte sich die Tränen
aus den Augen. Eigentlich wollte sie gar nichts, außer auf der Stelle
zu sterben.
„Es ist alles meine Schuld.“, schniefte sie.
„Wie kommst du denn auf den Unsinn?“ Shane sah sie entgeistert an.
„Ich hab ihn allein gelassen. Ich war es, die gesagt hat, er soll dort stehen
bleiben. Ich bin schuld.“
„Ach komm, wer rechnet denn mit so was? Hör auf dir selbst die Schuld zu
geben, das ist Quatsch.“, redete Shane auf sie ein und reichte ihr ein Glas
Wasser. Chloe antwortete gar nichts, nahm einen kleinen Schluck und stand dann
auf. Sie lief in der Küche herum und hoffte, das Telefon würde endlich
klingeln. Sie hoffte die Polizei würde anrufen und ihr endlich mitteilen,
dass Jamie gesund und munter gefunden worden war. Dass sie bald bei ihr sein
würden, um ihn zu ihr zu bringen. Doch das Telefon blieb stumm. Das Gespräch
von eben war auch beendet und so schwiegen alle vor sich hin, bis es plötzlich
an der Tür klingelte.
„Ich gehe!“, sagte Chloe und stürmte zur Haustüre, als wäre sie
auf der Flucht. Sie öffnete mit einem Schwung und stand Nicky gegenüber.
Sie erschrak sich so sehr, dass sie im ersten Moment überhaupt nichts sagen
konnte.
„Hal- stör ich?“ Nicky sah Chloe an und er wollte noch irgendetwas sagen,
doch ihm viel nichts ein. Emily tauchte schließlich in der Türe auf
und sein Blick viel auf Chloes beste Freundin, die genau wie Chloe, wie ein
Häufchen Elend im Türrahmen stand.
„Ich glaube, es ist besser wenn du jetzt gehst.“, sagte Emily kurz angebunden
und Nicky nickte. Er war völlig verwirrt, hätte am liebsten gefragt
was passiert war, doch er traute sich nicht. So drehte er sich um und stieg
die erste Stufe im Treppenhaus hinunter. Plötzlich ließ Chloe das
Glas aus ihrer Hand fallen, welches sie immer noch in ihrer Hand trug, als sie
Nicky von hinten sah. Da war es. Das gelbe *California* blinkte von der blauen
Jacke und Chloe begann zu schreien. Nicky drehte sich abrupt um, Emily hatte
sich auf Chloe gestürzt die aus der Tür rennen wollte.
„Wo willst du hin? Bleib stehen.“, rief sie und zog Chloe an einem Arm zurück
in die Wohnung.
„Warum hast du Jamie entführt?“, kreischte Chloe und versuchte sich aus
Emilys Armen zu reißen. Sie wollte auf Nicky einschlagen, ihre Wut rauslassen,
ihm weh tun.
„Shane komm her! Schnell, komm bitte!“ Emily rief verzweifelt nach Shane. Sie
hatte keine Kraft mehr und Chloe würde ihr jeden Moment entkommen.
„Was?“, fragte Nicky ungläubig und trat die Stufe wieder nach oben.
„Warum hast du meinen Sohn? Warum? Was hab ich dir getan?“
„Chloe, warum um alles in der Welt sollte ich deinen Sohn entführen? Was
ist hier los?“ Nicky kam auf Chloe zugelaufen, die noch immer wild mit ihren
Armen schlug. Shane kam nun auch endlich angerannt und half Emily, ihre Freundin
zu beruhigen und zurück in die Wohnung zu befördern.
„Chloe komm rein. Chloe, bitte komm wieder mit rein. Ich kläre das. Bitte.“,
versuchte Shane auf sie einzureden, doch er machte sie nur noch aggressiver.
„Wo ist Jamie?“, brüllte sie unter Tränen.
„Wo ist er? Was hast du mit ihm gemacht?“ Inzwischen war das ganze Haus wach.
Von oben und von unten kamen die Leute auf die Treppen um zu sehen was los war.
„Chloe, jetzt komm endlich mit.“, forderte Shane sie auf und zog sie mit aller
Kraft die er noch besaß in den Flur. Langsam ging auch ihm die Kraft aus
und er hatte keine Lust mehr auf das Geschrei.
„Hol die Beruhigungstabletten.“, sagte er zu Emily, die sofort in die Küche
eilte und nach den Medikamenten suchte. Wo waren die Tabletten? Sie hatte sie
doch mit rein gebracht. Wo waren sie? Sie rannte wild durch die Küche,
bis ihr einfiel, dass sie die Packung ins Bad gelegt hatte. Sie eilte aus der
Küche ins Bad, während Shane noch immer mit Chloe kämpfte, die
sich in den Kopf gesetzt hatte, Nicky umzubringen.
„Ich bring ihn um.“, sagte sie immer wieder und wand sich unter Shanes Armen
hin und her, bis Emily schließlich mit den Tabletten angerannt kam und
Chloe sich innerhalb von Sekunden beruhigte. Sie atmete laut und Schweißperlen
standen ihr auf der Stirn.
„Hol Nicky rein, wir müssen das jetzt klären.“, gab Shane Emily zur
Aufgabe und trug Chloe ins Wohnzimmer aufs Sofa.
„Es gibt hier nichts zu sehen.“, sagte Emily gereizt zu den Schaulustigen und
zog Nicky mit in die Wohnung. Sie schlug die Türe wütend zu und drehte
den Schlüssel im Schloss um.
„Ich hasse Gaffer!“, sagte sie und lief voraus ins Wohnzimmer. Chloe lag da
wie tot, völlig erschöpft mit geschlossenen Augen und Shane wischte
sich den Schweiß von der Stirn.
„Kann mir jetzt mal jemand erklären, was das Ganze hier soll?“, fragte
Nicky gereizt und fuhr sich durch die Haare. Langsam fing er an sich ein wenig
verarscht vor zu kommen. Jeder schrie ihn an und keiner hielt es für nötig
endlich mal etwas vernünftiges und verständliches zu sagen.
„Warum hast du Jamie? Gib ihn mir wieder zurück.“, sagte Chloe aufgebracht
und von ihrer Erschöpfung war nichts mehr zu sehen.
„Wie kommst du darauf, dass ich Jamie habe?“
„Die Jacke. Ich hab dich gesehen. Du hast ihn gepackt und bist ins Gebüsch
verschwunden. Ich weiß es, ich erkenne die Jacke.“
„Chloe das ist Unsinn, ich war im Freibad!“, rechtfertigte sich Nicky und begann
zu schwitzen. Irgendwie kam ihm das alles sehr seltsam vor. Erst die Sache mit
seiner Jacke, die ganz plötzlich von allein an seine Garderobe kam und
jetzt wurde er auch noch beschuldigt Kinder zu entführen.
„Also ich ruf jetzt die Polizei.“, schaltete sich Emily ein und griff nach dem
Telefon.
„Er ist es, ich bin mir ganz sicher. Ich erkenne diese Jacke, es war genau
diese! Die Jacke gibt es nicht oft hier, ich hab sie heute zum ersten Mal gesehen
und ich schwöre, dass es diese Jacke war. Ich hab Nicky mit der Jacke gesehen,
glauben Sie mir doch.“, sagte Chloe erneut und der Polizist sah von seinen Notizen
auf.
„Nein, Sie haben JEMANDEN mit dieser Jacke gesehen und genau dieser jemand hat
anscheinend versucht den Verdacht auf Mister Byrne zu lenken. Warum auch immer.
Er hat ein handfestes Alibi, wir haben es überprüft und gerade eben
die Ergebnisse bekommen. Die Überwachungskameras auf dem Freibadgelände
zeigen, dass er es den ganzen Tag zwischen 10.15 Uhr und 17.35 Uhr nicht verlassen
hat. Es ist aber auch möglich, dass der Täter dieselbe Jacke besitzt
und die von Mister Byrne überhaupt nicht benutzt wurde.“
„Ich versteh das nicht... Die Jacke... Das ist doch kein Zufall.“ Chloe schluchzte
und Emily legte einen Arm um sie. Sie konnte nur annähernd fühlen,
was Chloe durchmachte und doch ging es ihr miserabel. Als hätte es nicht
schon gereicht, dass Jamie entführt worden war, wurde jetzt auch noch ein
Unschuldiger für die Tat beschuldigt. Emily hatte keine Zweifel mehr, Nicky
war definitiv unschuldig. Das Video hatte es bewiesen und da Nicky komplett
fertig mit den Nerven war und man sehen konnte, dass ihn das alles ziemlich
mit nahm, glaubte sie ihm erst recht. So gut konnte der beste Schauspieler nicht
schauspielern, seine Gefühle waren echt. Außerdem was hatte er für
ein Motiv? Warum um alles in der Welt hätte er so etwas tun sollen? Klar,
sie hätte an Chloes Stelle wahrscheinlich genauso reagiert. Du siehst diese
Jacke und bist dir sicher, dass er es ist, weil genau diese Jacke mit deinem
Sohn davon gerannt ist. Für Chloe war es klar, umso größer war
der Schmerz jetzt, wo sie wieder in der Dunkelheit tappte und überhaupt
nicht wusste wer Jamie hatte, geschweige denn wo er war oder ob es ihm noch
gut ging. Außerdem plagte sie das schlechte Gewissen. Es war Nicky, den
sie beschuldigt hatte. Nicky! Ihr Nicky. Sie war so blöde, aber ihr kam
alles ganz logisch vor. Er trug die Jacke, also musste er es sein. Andere Gedanken
hatte sie nicht und Chloe hätte sich am liebsten auf der Stelle vor den
nächsten Zug geschmissen. Wie konnte sie nur? Wie?
„Muffin, können wir kurz reden?“, fragte sie und sah ihre beste Freundin
bittend an. Der Polizist war schon längst mit etwas anderem beschäftigt,
anscheinend hatte er alle Informationen beisammen, also konnte sie genauso gut
auch ins Wohnzimmer gehen. Im Moment konnten sie sowieso nichts anderes tun
als abzuwarten. Es waren Suchtruppen unterwegs und es lief bereits die erste
Meldung im Radio. Mehr war zur Zeit nicht möglich.
„Klar, Pumpkin. Wohin willst du?“ Emily stand auf und schob ihren Stuhl wieder
an den Tisch. Chloe deutete Richtung Wohnzimmer und Emily lief voraus. Chloe
folgte ihr Stumm, in Gedanken überlegte sie sich, was sie eigentlich sagen
wollte.
Nicky saß auf dem Toilettendeckel, als Shane das Badezimmer betrat. Sein
Gesichtsausdruck war leer, in den Augen blitzten kleine Tränen.
„Darf ich rein kommen?“, fragte Shane vorsichtig und Nicky nickte kaum sichtbar.
Shane setzte sich leise neben ihn auf den Rand der Badewanne. Er wusste nicht
wieso, aber er verspürte den Drang, mit Nicky reden zu müssen. Vielleicht
lag es daran, dass er ihn sehr sympathisch fand, abgesehen davon, dass er die
selbe Jacke trug, wie der Täter.
„Was denkst du?“, fragte er und betrachtete das Häufchen Elend, das neben
ihm saß.
„Ich weiß nicht. Ich frage mich warum immer ich in solche unmöglichen
Situationen gerate. Aber was noch schlimmer ist, ich habe einen Verdacht, wer
Jamie hat und ich weiß nicht, was ich machen soll.“
„Das versteh ich nicht. Warum sagt du es nicht der Polizei, sie rennen doch
hier im Haus hin und her.“
„Weißt du, ich weiß jetzt wie es ist als Unschuldiger beschuldigt
zu werden und ist mein Verdacht falsch, tu ich genau das, was Chloe getan hat.“
„Das darfst du ihr nicht so übel nehmen. Sie liebt Jamie, er ist ihr ein
und alles. Sie hat deine Jacke gesehen und für sie war es sofort klar.
Chloe bereut es, dich beschuldigt zu haben, weil du ihr sehr viel bedeutest,
aber versuch doch einfach mal dich in ihre Lage zu versetzen. Du hast gesehen,
wie ein Unbekannter in einer blauen Jacke mit der gelben Aufschrift *California*
deinen Sohn entführt. Ihn am helllichten Tage vor deinen Augen ins Gebüsch
schleppt und dann spurlos verschwindet. Was würdest du tun, wenn du eine
Person in genau derselben Jacke, in der Nähe des Tatorts, wieder sehen
würdest?“
„Ich würde genauso handeln.“, flüsterte Nicky und atmete einmal laut
aus. So hatte er das noch gar nicht gesehen. Aber er war trotzdem enttäuscht,
dass Chloe ihm zutraute, er würde Jamie entführen. Nie im Leben könnte
er einem Kind irgendetwas antun. Es war wie ein Schlag ins Gesicht, als Chloe
ihn anschrie und fragte wo er ihren Sohn versteckt hatte.
„Du kannst dir nicht vorstellen wie weh es tut, so etwas unterstellt zu bekommen.
Noch viel schlimmer ist es, wenn es von einer Person kommt, die du sehr magst
und die du in dein Herz geschlossen hast. Ich hab Chloe sehr gerne, das ist
noch untertrieben und ich war geschockt. Dann war ich wütend, ich wusste
nicht was los war, es hieß die ganze Zeit nur, gib mir meinen Sohn zurück.
Danach war ich enttäuscht...“
„Kennst du das Lied *I’m ready* von Bryan Adams?“, fragte Chloe und klemmte
sich ihre Haare hinters Ohr. Emily schüttelte den Kopf.
„Nein, warum?“, fragte sie.
„Weil die erste Strophe genau das ausdrückt, was ich fühle. Und jetzt
hab ich es verbockt.“
„Was fühlst du denn, Maus?“
„Liebe...“, sagte sie und begann mit ihrer zarten Stimme leise zu singen:
I’d like to see ya
Thought I’d let ya know
I wanna be with you every day
Cause I got a feelin’
It’s beginning to grow
And there’s only one thing I can say
I’m ready – to love you
I’m ready – to hold you
I’m ready – to love you
I’m ready – to hold you
I’m ready as I’m gonna be
Ya left me a long note
When you left me here
Told me that love was hard to find
But baby it’s easy
And I’ll make it clear
There’s only one thing on my mind
I’m ready – to love you
I’m ready – to hold you
I’m ready – to love you
I’m ready – to hold you
I’m ready as I’m gonna be
„Ich bin bereit einen Neuanfang zu wagen. Ryan existiert größtenteils nur noch in meiner Erinnerung, ich habe angefangen zu verarbeiten und ich wollte mit Nicky neu durchstarten. So schnell kann etwas zuende sein, das noch nicht einmal richtig angefangen hat.“ Chloe schluchzte wieder auf und wischte sich aufsteigende Tränen aus den Augen. Sie wollte doch einfach nur wieder glücklich sein.
Nicky stand schweigend im Türrahmen und lauschte dem leisen Gesang von
Chloe. Erneut bemerkte er, wie stark seine Gefühle für sie waren.
Er wartete noch eine Weile, bevor er ins Zimmer trat und sagte: „Es muss nicht
immer alles gleich zuende sein, Chloe. Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient.“
„Nicky.“ Chloe erschrak als sie seine sanfte Stimme hörte. Hoffentlich
steht er noch nicht lange da, dachte sie sich und knabberte verlegen an ihrem
Fingernagel. Emily lachte ihr aufmunternd zu, bevor sie aufstand und ging. Nicky
war sicherlich nicht zum Spaß hier her gekommen und sie wusste, dass die
beiden jetzt erst mal Zeit für sich brauchten um alles wieder gerade biegen
zu können.
„Können wir mal miteinander reden?“, fragte Nicky und kam auf sie zugelaufen.
„Ja.“, antwortete Chloe, als wäre es das normalste auf der Welt, dass sie
sich nun mit ihm zusammen setzte. Dabei war es überhaupt nicht normal.
Chloe wusste, dass sie einen großen Fehler gemacht hatte und sie war mehr
als froh, dass Nicky mit ihr darüber reden wollte. Wollte er das überhaupt?
Chloe wusste es nicht, andererseits gab es nichts anderes zu besprechen, es
musste darum gehen. Nicky setzte sich neben sie und sah auf seine Finger.
„Ich weiß nicht wo ich anfangen soll.“, durchbrach er schließlich
die Stille und kaute auf seiner Unterlippe. Chloe konnte es ihm ansehen, dass
es ihm sehr schwer viel, die richtigen Worte zu finden. Sie hätte ihm gerne
den Anfang abgenommen, doch sie wusste selbst nicht wie sie anfangen sollte.
„Am besten fang ich damit an, dir zu erklären was in mir vorgeht. Ich weiß
nicht sicher, ob du das selbe fühlst, aber in mir hat sich ein Gefühl
ausgebreitet, dass ich zuvor noch nie gespürt habe. Lange hab ich mir das
durch den Kopf gehen lassen, viele Stunden habe ich darüber nachgedacht,
was es sein könnte und jetzt weiß ich es. Es ist die Liebe, Chloe.
Meine Gefühle für dich sind unbeschreiblich. Ich wollte dich heute
besuchen, ich wollte dir erzählen, wie es mir geht und vor allem was in
mir vorgeht. Ich war geschockt, als ich mit der Unterstellung konfrontiert wurde,
ich hätte Jamie entführt. Ich konnte im ersten Moment überhaupt
nichts mehr denken. Mein Gehirn war völlig blockiert. Ich wusste nicht
was passiert war, ich hatte keine Ahnung, in meinem Kopf hallte nur die ganze
Zeit dieser Satz wieder: *Wo hast du meinen Sohn, warum hast du ihn entführt*.
Es war immer dieser Satz und irgendwann wurde ich wütend. Hielt es denn
keiner für nötig mich aufzuklären? Mir zu sagen, wie ihr auf
diesen Verdacht kommt? Nachdem alles geklärt war und meine Unschuld bewiesen
wurde, war ich nur noch enttäuscht. Ich saß in deinem Badezimmer
und hab mich gefragt, warum ausgerechnet ich in diese Situation geraten musste.
Und noch mehr quälte mich die Frage, warum du mir zutraust ich würde
deinen Sohn entführen. Inzwischen kann ich deine Reaktion nachvollziehen.
Shane war es, der mir die Augen geöffnet hat. Mir erklärt hat, dass
wahrscheinlich jeder Mensch so reagiert hätte und trotzdem ist ein Teil
von mir noch immer enttäuscht. Aber ich bin nicht der Mensch, der Fehler
nicht verzeiht oder die Reaktionen anderer nicht aus verschiedenen Perspektiven
und Blickwinkeln sieht. Vor allem dir möchte ich eine zweite Chance geben,
weil es unglaublich ist, welche Gefühle du in mir hervorgerufen hast. Chloe,
ich liebe dich. Es gibt keine andere Erklärung dafür und ich will
auch überhaupt keine andere...“ Nicky hob seinen Kopf und sah ihr direkt
in die Augen, die vor Tränen glänzten.
„Ich liebe dich auch, Nicky.“, flüsterte sie und viel ihm um den Hals.
Sie schlang ihre Arme um seinen Körper und hielt ihn so fest sie konnte.
Nie wieder wollte sie ihn los lassen, nie wieder einen Schritt ohne ihn machen
und als diese Einsicht kam, war es mit ihrer Beherrschung vollkommen vorbei.
Die Tränen strömten aus ihren Augen wie kleine Sturzbäche.
„Entschuldigung?“, fragte Chloe schüchtern und lugte unter das Auto. Sie
war auf dem Weg zum neuen Fitnessstudio und hatte sich gerade gründlich
verfahren. Zumindest hatte sie keine Ahnung wo sie war, geschweige denn wie
sie zum Fitnessstudio kommen sollte. Sie hatte den Wagen an die Seite gefahren
und war in die große Einfahrt gelaufen, in der sie nun stand. Vor dem
alten Ford Fiesta blieb sie stehen. Nur ein paar dreckiger, schwarzer Stiefel
und die Ansätze von zwei Beinen, die in einer blauen Arbeitshose steckten,
waren zu sehen. Der Rest lag unter dem verrosteten Karren und man hörte
einige verzweifelte Laute, dann wieder ein Klappern. Chloe hatte so ihre Zweifel
ob es daran überhaupt noch etwas zu richten gab, aber das ging sie ja nichts
an. Sie war wegen etwas ganz anderem hier. Sie wollte endlich ins Fitnessstudio.
„Entschuldigung?“, fragte sie erneut, diesmal etwas lauter. Nun kam auch der
restliche Körper zum Vorschein. Auf einem Brett mit Rädern rollte
sich der junge Mann hervor und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Dabei hinterließ er einen schwarzen Steifen und Chloe musste sich ein
Lachen verkneifen. Der Streifen passte gut zu den großen Flecken auf den
Backen...
„Ja, bitte?“, fragte der Mann und stand auf. Seine Hände wischte er sich
dabei an der blauen Latzhose ab.
„Wissen Sie wie man von hier aus zu diesem neuen Fitnessstudio kommt? Ich hab
mich verfahren.“
„Fitnessstudio? Puh... Schwer zu sagen, ich wusste bis jetzt gar nicht, dass
Sligo so was hat.“ Er zog die Stirn in Falten und Chloe musste grinsen.
„Es hat heute Eröffnung und man kann kostenlos eine Stunde dort trainieren.“
„Entschuldigen Sie diese Frage, aber für was brauchen Sie ein Fitnessstudio??“
„Wie gesagt, es ist kostenlos“, zwinkerte sie. Allmählich fing es an ihr
Spaß zu machen, sich mit diesem netten Mann zu unterhalten.
„Ich kann ja mal meine Schwester fragen. Sie will abnehmen, wissen Sie. So was
weiß sie bestimmt, aber sagen Sie ihr bloß nicht, dass ich Ihnen
verraten habe, dass sie auf Diät ist!“ Er lachte Chloe zu, bevor er aufs
Haus zuging und in der Haustüre stehen blieb.
„Lea!“, schrie er ins Haus und bekam als Antwort ein genervtes: „Was ist denn
jetzt schon wieder?!“ zurückgeschrieen.
„Sie ist ein wenig genervt heute.“, sagte er an Chloe gewannt, die nur fünf
Meter von ihm entfernt stand.
„Was willst du, Ryan?“, fragte eine unfreundliche Stimme und Ryan hob abwehrend
die Hände.
„Die junge Dame hier draußen möchte wissen, wie sie zum neuen Fitnessstudio
kommt. Da dachte ich, frag ich dich einfach mal, weil ich nicht weiß wo
es ist.“
„Wenn sie noch einen Moment wartet, dann fahre ich voraus. Ich muss nur meine
Sportsachen zusammenpacken.“
„Ich warte gerne!“, warf Chloe ein, die alles mithörte und Lea warf einen
Blick zur Tür hinaus.
„Okay.“, sagte sie und man hörte sie eine Treppe nach oben rennen.
„Ich wusste, dass sie es weiß!“, grinste Ryan und kam wieder zu Chloe
zurück.
„Ich bin übrigens Ryan.“, stellte er sich schließlich vor und reichte
Chloe seine Hand, bevor er sie wieder zurückzog, nachdem er gesehen hatte,
dass sie kohlrabenschwarz war.
„Vielleicht geht es auch ohne Handschlag.“, lachte er und Chloe stimmte mit
ein.
„Ich bin Chloe.“, erwiderte sie.
„Das war meine erste Begegnung mit Ryan.“, sagte Chloe und Nicky hörte
aufmerksam zu. Er sagte die ganze Zeit kein einziges Wort, allein mit Blicken
gab er Chloe zu verstehen, dass er alles wissen wollte und sie ihm alles anvertrauen
konnte. Er würde sie auffangen, käme es zu einem Sturz. Er würde
für sie da sein, käme es zu einem Zusammenbruch. Shane hatte ihm die
Andeutung gegeben, dass es etwas gab, das er wissen sollte um Chloe nicht zu
verletzen. Shane war es, der gesagt hatte, er solle Chloe einfach nach ihrer
Vergangenheit fragen um Missverständnisse aus dem Weg zu schaffen. *Für
Chloe wird es nicht leicht sein, sich zu öffnen und darüber zu reden,
aber sie wird es verstehen, wenn du sagt, dass ich derjenige war, der dir diese
Aufgabe gegeben hat, weil es für alle besser ist, wenn am Anfang alles
geklärt wurde. Sie wird es verstehen, Nicky. Und jetzt geh zu ihr!*, hatte
Shane gesagt und Nicky war gegangen. Nachdem er seine Gefühle losgeworden
war und nach Ryan fragte, den Chloe in einem Satz nach dem Song erwähnte,
führte eins zum anderen...
„Es dauerte nur zwei Wochen, ehe wir zusammen gekommen sind. Ich kann nicht
beschreiben, wie glücklich ich war. Ryan war meine erste große Liebe.
Er war einfach alles für mich, für ihn wäre ich über Leichen
gegangen. Er verstand mich ohne Worte, es war als könne er meine Gedanken
lesen. All die Wärme und Liebe die er von mir bekam, bekam ich dreifach
zurück. Wir waren drei Jahre sehr glücklich zusammen, als ich schwanger
wurde.“
Chloe stand vor dem Herd und war dabei das Abendessen herzurichten. Ryan würde
in einer halben Stunde nach Hause kommen und bis dahin musste sie auf jeden
Fall fertig sein. Für heute hatte sie sich etwas ganz besonderes ausgedacht:
Baby-Hähnchenkeule, serviert mit Baby-Mais, Baby-Karotten und Baby-Bohnen.
Auf der Terrasse hatte sie bereits den kleinen Tisch und die zwei Stühle
stehen. Sie musste nur noch den Tisch decken und alles ein bisschen romantisch
herrichten. Während das Essen die letzten Minuten vor sich hin kochte,
stellte sie zwei lange, rote Kerzen in die Mitte des Tisches. Um die Teller
und das Besteck streute sie rote und weiße Rosenblätter. Zwischen
die Kerzen wurde das kleine Päckchen gelegt, bereit zum aufmachen. Im Hintergrund
erklang *Truly, madly, deeply* von Savage Garden und machte die Atmosphäre
perfekt. Chloe war zufrieden mit dem Bild, das sich ihr bot. Jetzt musste sie
sich nur noch schnell umziehen und Ryan konnte kommen. Sie entschied sich für
das neue, enge, schwarze Kleid mit den Spagettiträgern. Als sie sich vor
dem Spiegel betrachtete musste sie kichern; in neun Monaten würde sie in
dieses Kleid wohl nicht mehr hineinpassen... Sie legte ein dezentes Make-up
auf und ließ ihre Haare offen auf die schmalen Schultern fallen. Jetzt
konnte Ryan wirklich kommen...
„Ich bin wieder da, Schatz!“, rief Ryan wenige Minuten später durch die
Wohnung und zog seine Schuhe aus.
„Hi.“, sagte Chloe und kam in den Flur.
„Wow... Hab ich irgendeinen besonderen Anlass vergessen?“ Ryan fielen fast die
Augen aus, als er seine Freundin sah.
„Du siehst umwerfend aus.“, hauchte er in ihr Ohr und küsste sie zärtlich.
Chloe erwiderte den Kuss, löste sich allerdings ziemlich schnell wieder
daraus. Sie wollte endlich die Bombe platzen lassen.
„Komm mit.“ Chloe nahm ihn an der Hand und führte ihn auf die Terrasse.
Draußen dämmerte es bereits und die Kerzen waren die einzige Lichtquelle.
Sie gaben der einfachen Terrasse ein romantisches Ambiente und die leise Hintergrundmusik
tat ihr übriges.
„Womit hab ich denn so was verdient?“, fragte Ryan lachend und küsste Chloe
erneut, bevor er sich setzte und seinen Teller betrachtete. Chloe hatte das
Essen vor Ryans Ankunft schon verteilt und setzte sich nun ebenfalls. Sie beobachtete
Ryan und erkannte, dass er grübelte. Seine Stirn war komplett in Falten
gelegt und es schien so, als würde sein Kopf rauchen. Würde er den
Sinn des Essens erraten?
„Hat dieses Essen irgendein bestimmtest Motto, oder so?“, fragte er schließlich
und Chloe musste kichern.
„Rate doch einfach mal. Aber beeil dich, sonst ist es kalt.“, zwinkerte sie.
„Puh... Also, mit Babys hat es nicht zufällig etwas zu tun? Ich mein, du
hast noch nie Baby-Karotten gekocht, oder Baby-Hänchenkeulen...“ Chloe
war erstaunt. Dass er so schnell in die richtige Richtung tippte, hatte sie
wirklich nicht gedacht, aber sie freute sich. Bevor er noch weiter raten musste,
reichte sie ihm das kleine Päckchen auf dem Tisch. Ryan nahm es ihr ab
und zog vorsichtig die Schleife auf. Er öffnete langsam den Deckel und
Chloe zeriss es fast vor Neugierde. Wie würde er reagieren?
„Schatz? Bekommen wir ein Baby?“ Ryan sah Chloe an und hielt den Schwangerschaftstest
in die Höhe, auf dem ein eindeutiges *schwanger* angezeigt wurde. Chloe
nickte und Ryan sprang von seinem Stuhl auf.
„Ist das wahr?“, fragte er fassungslos und zog Chloe voller Freude von ihrem
Stuhl nach oben.
„Ist das wahr? Ich werde wirklich Vater?“
„Ja.“, sagte Chloe und Ryan schlang seine Arme um sie. Er hielt sie so fest
wie er nur konnte.
„Ich werde Papa.“, flüsterte er und eine Träne der Freude lief seine
Wange hinunter.
„Ryan freute sich so sehr über Jamie. Die letzten zwei Monate meiner Schwangerschaft waren für ihn schrecklich. Er konnte es einfach nicht mehr abwarten seinen Sohn endlich in den Armen halten zu können. Er war so aufgeregt und zappelig, dass es mich ganz nervös machte. Das Kinderzimmer hatte er damals fast allein hergerichtet. Er saß stundenlang bei seinen Eltern in der Garage und baute die kleine Babywiege zusammen, oder die Holzkommode. Abends wenn er kaputt von der Arbeit nach Hause kam, verschwand er noch mindestens für eine Stunde im Kinderzimmer um zu streichen, Mobiles aufzuhängen oder alles ordentlich einzuräumen. Ich glaube er war der stolzeste Vater auf der ganzen Welt, als Jamie zum ersten Mal in seinen Armen lag. Er stand neben mir im Kreissaal und sah ihn einfach nur an. Fünf Minuten war sein Blick auf das kleine Ding in seinen Armen gerichtet. Er war sprachlos, vor lauter Faszination und Liebe, die er für Jamie empfand. Eine Träne lief ihm über die Wange, als er sagte: „Er ist so hübsch. Er sieht aus wie seine bezaubernde Mama.“ Ich weiß es noch ganz genau, so als wäre es erst gestern geschehen. Es ist unbeschreiblich wie viele Emotionen mit so einem Moment verbunden sind. Ein Jahr nach Jamies Geburt, machte Ryan mir schließlich einen Heiratsantrag.“
Es war ein sonniger Freitagabend und Chloe kam gerade von Jamies Krabbelgruppe
zurück. Ryan hatte sich heute frei genommen, aber er war nicht da, als
sie die Wohnung betrat. Seine Schuhe standen nicht im Flur und Chloe war ein
wenig verwundert darüber. Sie wollten doch zusammen zu Abend essen. Sie
war extra noch einkaufen. Sie setzte Jamie in seinem Gehfrei ab und lief in
die Küche um ihre Einkäufe zu verstauen. Dort entdeckte sie einen
Zettel auf dem Tisch und musste schmunzeln, nachdem sie ihn gelesen hatte.
„Hallo mein Engel. Bring unseren kleinen Sonnenschein an den Ort, an dem wir
uns zum ersten Mal begegnet sind. Folge dem Hinweis, den du dort ausgehändigt
bekommst. Ich liebe dich. Ryan“ Er war ein Meister darin, Überraschungen
vorzubereiten. Chloe war neugierig und gespannt, was Ryan diesmal wieder vor
hatte und fuhr mit Jamie zu ihren Schwiegereltern. Sie wurde bereits erwartet
und Jamie wurde sofort von der Oma in Beschlag genommen. Chloe bekam einen Umschlag
mit ihrem Namen darauf. Es befand sich ein kleiner Zettel darin, mit den Worten:
„Lauf zu dem Eiscafe, in dem wir uns zum ersten Mal geküsst haben. Suche
nach einem Luftballon, dort bekommst du die nächsten Informationen. Ich
liebe dich. Ryan“ Langsam fing es an ihr richtig Spaß zu machen. Sie kam
sich vor wie ein Detektiv, der die heißen Spuren verfolgte, die zum Täter
führten. Chloe machte sich sofort auf den Weg zum Eiscafe und musste dort
gar nicht lange suchen. Direkt am Eingang hing ein roter Herzluftballon mit
einem Zettel unten dran.
„Weißt du noch, wo wir Jamies ersten Strampelanzug gekauft haben? Geh
dort hin und suche nach einem weiteren Luftballon. Ich liebe dich. Ryan“ Chloe
riss den Zettel ab und steckte ihn in den Umschlag, den sie bei ihren Schwiegereltern
erhalten hatte. Ryan führte sie immer weiter zum Ende von Sligo. Es dauerte
nicht sehr lange, bis sie das Babymodengeschäft erreichte. Sie ging hinein
und sah sich kurz um.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte die Verkäuferin freundlich, doch Chloe
wusste ganz genau, dass sie wusste, wer sie war und was sie suchte.
„Nein, danke. Ich suche etwas ganz bestimmtes.“, antwortete sie und ließ
ihren Blick durch den ganzen Verkaufsraum schweifen. Es konnte doch nicht so
schwer sein, hier einen Luftballon zu finden. Und tatsächlich, es dauerte
überhaupt nicht lange und sie hatte das, was sie suchte. Zwischen all den
Strampelanzügen hing ein roter Herzluftballon, wieder mit einem kleinen
Zettel versehen.
„Du bist gut, Sweetheart. ;-) Geh zur Verkäuferin und frage nach einer
Schatzkarte. Folge dem Weg, der darauf eingezeichnet ist und du wirst die nächsten
Informationen bekommen. Ich liebe dich. Ryan“ Chloe lachte leise vor sich hin,
Ryan war zu süß. Sie ging zur Verkäuferin von eben, die ihr
sofort eine Schatzkarte aushändigte. Chloe brauchte ein bisschen, bis sie
verstand an welchem Fleck sie stand und wo sie hin sollte, aber nachdem sie
den Überblick gefunden hatte, war es kein Problem mehr, der Schatzkarte
zu folgen. Sie wusste wo der Weg hinführte. Sie lief direkt zum Lough Gill,
einer ihrer Lieblingsorte in Sligo. Es war ein riesiger See, umgeben von dichten
Wäldern. Sie musste durch ein kurzes Stück Wald laufen, bevor sie
zu einer hölzernen Schatulle kam, neben der ein Luftballon im Boden befestigt
war. Sie öffnete die Box und fand darin kleine Puzzleteile. Darunter lag
ein weißer Zettel.
„Setze die einzelnen Teile zusammen und du wirst sehen, wo ich auf dich warte.
Ich liebe dich. Ryan.“ Chloe kamen vor Rührung fast die Tränen. Er
hatte sich so viel Mühe gegeben. Sie blinzelte die Tränen weg und
begann mit dem Puzzle. Ein Teil nach dem anderen setzte sie zusammen und am
Ende erkannte sie den Platz, an dem Ryan ihr zum ersten Mal seine Liebe gestanden
hat. Chloe packte das Puzzle wieder zusammen und steckte die einzelnen Zettel
mit in die Schatulle, bevor sie ohne Umwege zu Ryan lief. Es war eine kleine
Lichtung, von der aus man den ganzen See überblicken konnte. Als sie ankam
und sah, was er alles vorbereitet hatte, stockte ihr der Atem. Überall
in der Wiese waren rote Herzluftballons befestigt und mitten drin saß
Ryan auf einer Picknickdecke. Um die Decke herum hatte er Fackeln aufgestellt,
die im leichten Wind flackerten und in der leichten Dämmerung schön
zur Geltung kamen.
„Oh mein Gott.“, entfuhr es Chloe und sie schlug sich die Hand vor den Mund.
Langsam bahnte sie sich einen Weg durch die vielen Luftballons, bis sie schließlich
die Decke erreichte. Ryan zog sie an sich und küsste sie innig.
„Ich liebe dich, Chloe.“, sagte er schließlich und sah ihr in die Augen.
„Ich liebe dich, wie ich noch nie zuvor jemanden geliebt habe und jemals lieben
werde. Du bist wie der Atem, ich brauche dich um zu überleben. Du machst
mich zum glücklichsten Menschen der Welt und ich möchte keine Sekunde
meines Lebens ohne dich verbringen. Chloe, willst du mich heiraten?“ Im ersten
Moment konnte Chloe überhaupt nichts antworten. Sie war überwältigt
von all dem, was er für sie gemacht hatte.
„Ja.“, sagte sie schließlich und fiel ihm um den Hals.
„Es war alles so perfekt. Mit der Hochzeit wären wir dann eine richtige, kleine Familie gewesen. Ryan war so aufgeregt und hätte am liebsten noch am selben Tag geheiratet. Er war kaum zu bremsen und die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren. Wir hatten uns darauf geeinigt eine Winterhochzeit zu feiern. Die Kirche war für den 30. Januar bestellt. Es sollte alles schön romantisch werden, mit Feuerwerk und allem was dazu gehört. Es war knapp zwei Wochen vor der Hochzeit als Ryan mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt wurde. Er war bei der freiwilligen Feuerwehr und musste sofort zu einem Einsatz. Ein Mehrfamilienhaus stand in Flammen.“
„Liebling, ich muss weg.“, sagte Ryan flüchtig und verschwand mit einer
zugeschlagenen Türe aus der Wohnung. Chloe hatte im Halbschlaf nur beiläufig
mitbekommen, was los war.
„Okay.“, murmelte sie, obwohl Ryan schon längst verschwunden war und drehte
sich auf die andere Seite. Sie muss wieder eingeschlafen sein, denn sie bekam
einen Heidenschrecken, als es plötzlich an der Haustüre klingelte.
„Wer zum Teufel ist das denn jetzt?“, grummelte sie und zog sich einen Bademantel
drüber.
„Chloe macht auf!“, konnte sie die gedämpfte Stimme eines Mannes hinter
der Haustüre hören. Er hämmerte mit den Fäusten dagegen,
klingelte noch mal und wieder ertönte seine Stimme: „Chloe, ich bitte dich,
mach sofort die Türe auf!“ Nun erkannte sie die Stimme. Es war Shane.
„Shane, was soll das?“, fragte sie verschlafen und rieb sich die Augen, die
sich erst an das grelle Licht im Treppenhaus gewöhnen mussten. Das er eine
Feuerwehruniform trug, realisierte sie im ersten Moment überhaupt nicht.
„Chloe du musst mitkommen, sofort.“, sagte er aufgebracht.
„Wie? Was ist los?“
„Komm einfach mit.“
„Warum?“
„Ryan ist verletzt, du musst sofort kommen.“
„Aber... Ich kann nicht... Jamie... Was hat er?“
„Chloe, bitte tu was ich sage, bevor es zu spät ist.“, flehte Shane und
Chloe griff nach dem Hausschlüssel am Hacken, bevor sie die Tür zuschlug
und Shane folgte. Shane war völlig verstört und Chloe bekam Panik.
Sie hatte Shane noch nie zuvor so erlebt. Seine Augen leuchteten vor Angst,
die Stimme zitterte leicht. Was sollte das alles? Was war geschehen? Shane erklärte
ihr auf dem Weg was passiert war und als sie am Brandort ankamen, rannen beiden
die Tränen übers Gesicht. Ryan hatte einen Jungen gerettet, der in
dem Haus gefangen war und sich selbst dabei so schwer verletzt, dass ihm die
Ärzte vor Ort nur noch geringe Überlebenschancen gaben. Er lag auf
der Trage, das Gesicht ganz schwarz und verdreckt. Er hatte die Augen leicht
geöffnet und immer wieder hauchte er den selben Namen: Chloe. Als Shane
das hörte konnte ihn keiner mehr davon abhalten, Chloe zu holen. Ryan wollte
sie noch einmal sehen, er wollte sie bei sich haben und er wollte seinem besten
Freund genau diesen Wunsch erfüllen. Ryan wusste, dass es vorbei war, er
wusste es... Chloe stieg aus Shanes Wagen aus und konnte nicht glauben was sie
sah. Überall Blaulicht, überall Menschen die sich in den Armen lagen
und überall Trümmer und Überreste eines Hauses. Der Gestank von
Rauch und verbranntem Gummi erfüllte die Luft. Chloe ließ ihren Blick
umherschweifen. Wo war er?
„Komm mit.“, sagte Shane und packte sie am Arm. Er rannte fast und Chloe hatte
Schwierigkeiten ihm zu folgen, zumal ihr Körper zitterte und jeden Moment
zusammenzubrechen drohte.
„Shane ich habe Angst.“, wimmerte sie und Shane blieb ruckartig stehen.
„Ich auch.“, schluchzte er und lief dann unbeirrt weiter. Sie erreichten einen
Krankenwagen der ein Stück Abseits des Geschehens stand. Ein monotones
Piepen war zu hören, dann Stimmen. Shane trat voran und nachdem er den
Ärzten erklärt hatte, das Chloe Ryans Verlobte war, verließen
sie den Krankenwagen und Chloe trat ein. Sie erkannte ihn kaum wieder. Er trug
noch immer seine Uniform, das Gesicht war noch immer schwarz und an manchen
Stellen aufgeschürft. Von seinem Körper führten verschiedene
Kabel zu den Geräten, die das Piepen von sich gaben. Ein erneuter Schwall
Tränen stieg in Chloes Augen auf und sie schlug sich die Hand vor den Mund.
Sie presste ihre Augen zusammen und hoffte so die Tränen stoppen zu können,
doch es machte alles noch schlimmer, als sie daran dachte, dass es vielleicht
ihr letzter gemeinsamer Moment war.
„Ich bin bei dir, mein Liebling.“, flüsterte sie und griff nach Ryans Hand,
die leblos auf seinem Bauch lag. Sie spürte, dass er ihre Hand drückte,
ganz deutlich konnte sie es spüren.
„Du darfst nicht gehen.“, sagte Chloe flehend und schloss ihre Augen wieder.
Was sollte sie ohne Ryan machen? Sie brauchte ihn. Jamie brauchte ihn. Gott
durfte es nicht zulassen, dass er so jung starb. Chloe machte ihre Augen wieder
auf und diesmal hatte auch Ryan seine Augen geöffnet. Er sah sie an, sie
sah ihn an, dann Stille und plötzlich wurden die kurzen Pieper von einem
durchgehenden Piepen abgelöst. Es war vorbei und Chloe brach zusammen...
Über Nickys Gesicht liefen die Tränen und auch Chloe weinte wieder.
Für sie war es so, als würde sie die Szene noch einmal durchleben.
Es verging eine halbe Stunde, in der sie stumm nebeneinander saßen und
jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Nicky war derjenige der zuerst wieder
etwas sagen konnte.
„Das tut mir Leid.“, sagte er und nahm Chloe in seine Arme. Chloe erwiderte
seine Umarmung und war froh, dass er bei ihr war.
„Ich habe über zwei Jahre gebraucht, bis ich über Ryan hinweg war.“,
erzählte sie weiter und hielt dabei Nickys Hand in ihrer.
„Die ersten Monate zog ich mich komplett zurück. Jamie lebte teilweise
bei seiner Oma, weil ich nicht fähig war, mich um ihn zu kümmern.
Ich konnte mich kaum um mich selbst kümmern. Die Wohnung sah aus wie ein
Schlachtfeld, ich schlief und aß kaum noch. Am Ende wog ich nur noch 45
kg. Das war kurz bevor meine Eltern mich in eine Klinik einweisen wollten. Schließlich
schaffte ich es doch noch und rappelte mich wieder auf. Nach einem Jahr, fing
ich wieder an zu arbeiten. Zu der Zeit war mein Erziehungsurlaub zuende. Die
Arbeit lenkte mich ab und trotzdem kam ich aus der tiefen Dunkelheit nicht komplett
heraus. Aber immerhin arbeitete ich mich Stück für Stück nach
oben. Shane und Emily waren mir dabei auch eine sehr große Hilfe. Ich
glaube ohne sie hätte ich mich nicht wieder gefangen. Ihnen verdanke ich
so viel... Es ging langsam wieder aufwärts und doch war ich nicht bereit,
Ryans Sachen auszuräumen oder sein Grab zu besuchen. An seinem zweiten
Todestag besuchte ich ihn zum ersten Mal, seit der Beerdigung. Vor ein paar
Wochen hab ich zusammen mit Emily seine Sachen ausgeräumt. Ich konnte es
einfach nicht früher, mir graute davor und ich wünsche so ein Schicksaal
niemandem. Es ist die Hölle...“, endete Chloe und Nicky nickte mitfühlend.
Er war geschockt darüber, was Chloe in ihrem jungen Alter schon durchmachen
musste.
„Heute als Jamie verschwand, dachte ich mir, dass das einfach nicht wahr sein
kann. Ryan wurde mir genommen und nun ist es Jamie, der mir fehlt. Ich weiß
nicht wer so etwas tut, aber ich hoffe, dass er irgendwann das zurück bekommt,
was er Jamie antut. Er ist vier Jahre, vier, er kann sich doch noch gar nicht
wehren. Er ist völlig hilflos, wer tut so etwas? Und vor allem, warum?
Ich habe doch niemandem etwas getan.“ Erneut stiegen Chloe Tränen in die
Augen, als sie daran dachte, wie viel Angst ihr kleiner Engel haben musste.
Jamie war schüchtern Fremden gegenüber. Sie kannte ihn, wahrscheinlich
würde er fast sterben vor Angst. Wie lang würde es wohl noch dauern,
bis sie ihn wieder in die Arme schließen und ihr Glück mit Nicky
vollkommen genießen konnte?
Shane und Emily lagen schlafend am Esstisch, als Chloe in die Küche kam
um etwas zu trinken. Erst jetzt bemerkte sie, dass es bereits 4.32 Uhr war und
sie die halbe Nacht mit Nicky geredet hatte. Aber sie war froh, dass sie es
jetzt hinter sich hatte. Früher oder später hätte sie es ihm
erzählen müssen, nun wusste er Bescheid. Trotz all der Erinnerungen
und Gefühle für Ryan, die nun wieder in ihr aufkamen, war sie sich
sicher, dass sie Nicky liebte. Dass er nun der Mann war, der sie glücklich
machte und ihr Leben bereichern würde.
„Es gibt noch nichts neues.“ Chloe hätte fast ihr Glas fallen lassen, so
einen Schrecken bekam sie, als der Polizist anfing zu reden. Sie hatte ihn gar
nicht kommen hören.
„Ja, das hab ich mir gedacht. Sonst hätte sicherlich jemand etwas gesagt.“
Sie trank ihr Glas leer, stellte es auf der Arbeitsplatte ab und verschwand
dann im Kinderzimmer. Alles stand so da, wie Jamie es heute Morgen verlassen
hatte. Die Dinosaurier lagen auf dem Boden verstreut, seine vielen Autos in
der hinteren Ecke, neben seinem Schrank mit den Spielen. Wuschel streckte seinen
Kopf unter der Decke hervor. Chloe setzte sich aufs Bett und nahm den kleinen
Stoffhund in ihre Arme. Er liebte Wuschel über alles. Chloe drückte
ihn fest an sich, bis sie schließlich einschlief.
Nicky saß noch immer hellwach im Wohnzimmer und grübelte. Er hatte noch immer einen Verdacht und er wusste nicht was er tun sollte. Er ließ den Samstagabend noch einmal Revue passieren. Er ging das Telefonat noch einmal Stück für Stück durch und fasste doch noch einen Entschluss.
Nicky riss gerade die Tüte Chips auf und wollte sich vor den Fernseher
legen, als das Telefon klingelte.
„Warum rufen Leute grundsätzlich dann an, wenn ich keine Lust habe zu telefonieren?“,
murmelte er genervt und suchte nach seinem Telefon.
„Hallo?“, sagte er in den Hörer, nachdem er es gefunden hatte und setzte
sich auf einen Stuhl.
„Hi Nicky, hier ist Georgina!“, erklang die übertrieben, freundliche Stimmer
seiner Ex-Freundin. Nicky verdrehte seine Augen. Was wollte die denn jetzt schon
wieder?
„Hi.“, sagte er gelangweilt und hoffte sie würde nicht wieder ein längeres
Gespräch anzetteln wollen.
„Wie geht es dir?“, wollte sie wissen und Nicky nahm den Stift aus dem Mund,
auf dem er herumgebissen hatte.
„Prima. Warum willst du das wissen?“
„Weil es mich interessiert, du Schwachkopf.“
„Du, Georgina, im Moment ist es aber echt schlecht, ich hab nämlich eigentlich
gar keine Zeit.“
„Du hast ja nie Zeit, wenn ich anrufe.“, beschwerte sie sich.
„Ich hab Besuch.“, log Nicky und hoffte sie würde endlich aufhören
ihn voll zu quatschen. Er hatte keine Lust. War sie wirklich so blöd, oder
wollte sie es nicht verstehen?
„Ach was, du hast Besuch? Deine neue Freundin Chloe, oder wie?“ Georgina biss
sich auf die Lippen. Jetzt hatte sie fast ein bisschen zu viel verraten. Eigentlich
wusste sie doch gar nichts von ihr. Auch Nicky stutze. Woher wusste sie von
Chloe?
„Woher kennst du Chloe?“, fragte er schroff.
„Ich kenn sie nicht. Für gewöhnlich gebe ich mich mit Leuten, solchen
Niveaus nicht ab. Ich hab sie lediglich mal gesehen.“ Nicky traute seinen Ohren
kaum. Sie kannte Chloe nicht und wagte es trotzdem so über sie zu urteilen?
Dieses Miststück...
„Sag mal, hast du sie noch alle? Außerdem, wenn du sie `lediglich mal
gesehen’ hast, warum bringst du sie sofort mit mir in Verbindung? Woher weißt
du ihren Namen?“ Nicky redete sich vollkommen in Rage. Was fiel Georgina überhaupt
ein? Es ging sie doch überhaupt nichts an.
„Ach, lassen wir das.“ Georgina wusste, dass sie Mist gebaut hatte. Sie hätte
am Besten überhaupt nicht mit dem Thema anfangen sollen.
„Nein, ich will es wissen.“, schrie Nicky in den Hörer.
„Vergiss es! Für diese Schlampe will ich meine Zeit nicht verschwenden.“
„Du miese Kröte! Du bist das allerletzte!“
„Ich? Du bist doch an allem Schuld. Du wirst dafür büßen, dass
du mich verlassen hast!“
„Ach darauf willst du hinaus? Georgina, werd endlich erwachsen. Dein Kinderkram
langweilt. Es ist vorbei, akzeptiere das endlich!“
„Nein, werde ich nicht. Und Chloe wird auch dafür büßen, dass
sie mir dich wegschnappt! Ihr werdet alle dafür büßen!“, kreischte
sie und legte auf. Nicky war sprachlos. Georgina gehörte in eine Klinik
für psychisch gestörte Menschen!
Nicky sprang vom Sofa auf und suchte den nächsten Polizisten. Die liefen
doch hier ständig auf und ab und wenn man tatsächlich mal einen brauchte,
waren sie nicht da. Er fand schließlich einen im Flur, der das Telefon
bewachte. Mit schnellen und lauten Schritten lief er auf ihn zu und blieb direkt
vor ihm stehen.
„Ich weiß wer Jamie hat!“, sagte er überzeugt und der Polizist griff
nach dem Hörer.
„Jamie!“, schrie Chloe vor Freude, als sie ihren kleinen Jungen auf dem Arm
des Polizisten erkannte. Er hatte ein verweintes Gesicht und fing auf der Stelle
an zu strahlen, als er seine Mama sah. Chloe sprang von der Eingangstreppe auf,
auf der sie gewartet hatte und rannte ihm mit schnellen Schritten entgegen.
„Mein kleiner Liebling.“, sagte sie und nahm ihn dem Polizisten ab, der ebenfalls
vor Freude über das ganze Gesicht strahlte. Es war bereits 11.25 Uhr und
sie hatten fünf Stunden lang nach dem kleinen Jamie gesucht, bis sie ihn
schließlich an einer Tankstelle in Cork, in einem grünen VW Golf
fanden. Georgina und Kevin zahlten gerade und wurden noch in der Tankstelle
von den Polizisten überrascht. Jamie ging es gut, abgesehen davon, dass
er mit Unmengen von Schlafmitteln zugepumpt wurde.
„Ich hab dich so vermisst, mein Kleiner.“, sagte Chloe glücklich und Freudetränen
liefen über ihre geröteten Wangen. Sie war so froh, dass ihm nichts
ernsthaftes passiert war.
„Wo warst du so lange?“, fragte Nicky besorgt, als Chloe zurück in ihre
Wohnung kam und Jamie auf dem Boden absetzte.
„Ich musste mit ihm ins Krankenhaus und ihn untersuchen lassen. Du glaubst gar
nicht wie viele Menschen heutzutage wegen irgendwelchen Kleinigkeiten in die
Notaufnahme kommen!“, antwortete Chloe und seufzte. Ihre Augen blickten müde
in Nickys Gesicht, die Schultern hingen schlaff nach unten und die Arme baumelten
kraftlos neben ihrem Körper.
„Ich bin so froh, dass ihm nichts passiert ist.“, sagte sie, wie schon so oft
an diesem Tag und umarmte Nicky, der sie auf die Wange küsste und fest
an sich drückte.
„Ich auch, Süße, ich auch.“, sagte er sanft und löste sich aus
der Umarmung.
„Ich hab im Kindergarten übrigens angerufen und gesagt, dass wir beide
heute auf keinen Fall kommen können, wegen Jamie und dem ganzen Polizeikram.
Rosie ist am Telefon fast ihn Ohnmacht gefallen, die Arme. Sie macht sich Sorgen
um dich, Chloe.“, erklärte Nicky daraufhin und lief in Chloes Küche
voraus.
„Ich komme gleich, ich seh nur schnell nach Jamie.“, sagte Chloe und lief in
die andere Richtung, ins Kinderzimmer. Jamie saß dort auf dem Boden, hatte
Wuschel unter seinen Arm geklemmt und blickte durch den kleinen Raum.
„Was machst du, Schatz?“, fragte Chloe ruhig und setzte sich auf sein Bett.
„Ich guck ob alles noch da ist.“, antwortete er und kletterte anschließend
auf Chloes Schoß.
„Mama, wer waren die Leute?“, wollte er wissen und sah sie mit großen
Kulleraugen an.
„Ich weiß es nicht, Jamie. Ich kenne die Leute auch nicht. Waren sie böse
zu dir?“
„Weiß ich nicht mehr.“ Chloe nickte verständnisvoll, wahrscheinlich
hatten sie ihn die ganze Zeit schlafend durch die Gegend geschleppt. Sie bekam
es einfach nicht in ihren Kopf hinein, warum ein Mensch einem Kind so etwas
antat.
„Was willst du jetzt machen?“
„Essen!“, grinste er und Chloe umarmte ihn. Es war so schön ihn wieder
lachen zu sehen.
„Wie wäre es mit Spagetti und Tomatensoße?“, flüsterte sie in
sein Ohr und biss hinein. Jamie begann zu kichern und versuchte sich aus Chloes
Armen zu befreien.
„Du hast keine Chance, Großer.“, sagte sie lachend und ließ sich
rückwärts mit ihm auf das kleine Bett fallen. Jamie lachte laut auf
und auch Chloe musste ununterbrochen kichern.
„Wer war das blonde Mädchen, mit der du dich heute im Cafe getroffen hast?“,
fragte Georgina und stemmte ihre Hände in die Hüften. Ihr Blick war
zornig und ihre Lippen bebten leicht. Nicky hatte die Wohnung noch nicht einmal
betreten, da hatte Georgina ihn prompt mit dieser Frage überfallen.
„Das war Gillian, meine Schwester!“, sagte er und versuchte ruhig zu klingen.
Innerlich kochte er bereits schon wieder. Es war jedes Mal das selbe, wenn er
ohne sie wegging. Irgendeinen Grund fand sie immer um eifersüchtig zu sein.
Er litt schon unter Verfolgungswahn, weil sie jedes Mal wusste, welche Haarfarbe
und Statur seine Gesprächspartner hatten. Sie musste ihn ständig beobachten...
„Gill hat viel längere Haare, belüg mich nicht, Nicholas!“
„Sie war eben beim Frisör, mein Gott. Lässt du deine Haare nie schneiden?“
Nickys Stimme wurde lauter und der genervte Unterton war nun unmöglich
zu überhören.
„Deine Eifersucht ist krankhaft, Georgina!“, sagte er mit fester Stimme und
sah ihr funkelnd in die Augen.
„Dein Terminplan ist krankhaft! Jeden Tag triffst du dich mit anderen Frauen.
Ich bin deine Freundin, Nicky, ich und nicht eine dieser Blondinen, die dich
im Fernseher begaffen und meinen sie können dich mir wegnehmen!“, schrie
sie wütend.
„Das sind Fans, die Personen die mich Woche für Woche im Stadion anfeuern
und mich dazu bringen, mich reinzuhängen und bis zur letzten Minute zu
kämpfen! Ich hab den Aufstieg zu Leeds United geschafft und das nur durch
die Unterstützung der Fans und das weißt du ganz genau. Ich möchte
mich bei ihnen bedanken, indem ich mir Zeit für sie nehme. Ich unterhalte
mich fünf Minuten mit ihnen, unterschreibe gelegentlich ein Foto und das
war’s. Ich weiß gar nicht warum du dich darüber so aufregst.“
„Ich reg mich ja auch gar nicht darüber auf, dass du Autogramme schreibst,
sondern darüber, dass du denkst, dass ich so dumm bin und nicht checke,
dass du die Nächte nicht immer zuhause verbringst! Vielleicht definierst
du die Worte *Zeit nehmen* ein wenig anders, als ich!“
„Was soll das denn jetzt heißen?!“
„Tu nicht so, du weißt genau was ich meine! Mit wie vielen Frauen hast
du in den letzten sechs Monaten geschlafen, hä?“
„Jetzt reicht’s. So was muss ich mir nicht unterstellen lassen und von dir schon
gleich gar nicht!“ Nicky bückte sich wütend, hob seine Schuhe auf
und verließ die Wohnung fluchtartig mit einer zugeschlagenen Türe.
„Das war der Anfang vom Ende.“, sagte Nicky und trank sein Glas leer. Er saß
mit Chloe in der Küche und erzählte von seiner Vergangenheit mit Georgina
und wie es zur Entführung kam.
„Es war richtig schlimm, jeden Tag fing sie an mir mehr Dinge zu unterstellen,
die ich im Leben nie gemacht hätte, aber am meisten traf es mich, als sie
behauptete ich würde sie betrügen. Ich habe noch nie eine Frau betrogen
und ich werde es auch nie tun, weil ich das mit meinem Gewissen nicht vereinbaren
könnte. Ich bin nicht der Mensch dazu, der anderen weh tut um selbst Spaß
zu haben. Das hat mich wirklich hart getroffen und ich habe es ihr auch dann
nicht verziehen, als wir uns wieder vertragen haben. So richtig eingerenkt hat
es sich nach diesem Streit sowieso nicht mehr, aber wir haben uns irgendwie
so durchgeschlagen. Ich war damals besessen von ihr, selbst wenn wir uns häufig
stritten. Ich kann es nicht wirklich beschreiben, aber es war eine seltsame
Beziehung die wir führten. Zum einen fehlte das Vertrauen, zum anderen
konnten wir aber doch nicht ohne den anderen, bis plötzlich alles zu Ende
ging...“
Nicky schloss erschöpft die Haustüre auf und ließ die Sporttasche
vor seine Füße fallen. Er hatte zwei Stunden hartes Fußballtraining
hinter sich und freute sich nun auf einen entspannten Nachmittag auf dem Balkon.
Georgina war bei ihrer besten Freundin Julie zum Kaffee eingeladen, so hatte
er den ganzen Nachmittag für sich und konnte die Stille um sich herum genießen.
Er setzte sich mit einem Milchshake in der Hand in den Liegestuhl und schloss
die Augen. Es wehte ein erfrischender Wind und Nicky seufzte. Es war so schön.
Er konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann er zuletzt so gemütlich
auf dem Balkon gelegen hatte. Es musste schon ewig her sein! Er nahm den Strohhalm
zwischen die Lippen und zog kräftig an seinem Milchshake, bis er plötzlich
los prustete und die weiße Flüssigkeit auf dem ganzen Balkon verspritzte.
„Komm schon, Liebling.“, trällerte eine gutgelaunte Stimme auf dem Balkon
unter ihm. Eine Stimme die Nicky sehr gut kannte. Was zum Teufel machte Georgina
bei Kevin? Nicky stellte seinen Shake ab und konzentrierte sich auf die Stimmen.
Er täuschte sich nicht, es war ganz sicher Georgina die sich dort unten
mit Kevin unterhielt.
„Liebling?“, flüsterte Nicky und kratzte sich am Kopf. Er kam sich vor
wie in einem schlechten Film. Das konnte doch gar nicht sein, Georgina war am
anderen Ende von Leeds. Langsam und ziemlich verwirrt lief er zurück in
die Wohnung. Er griff zum Telefon und wählte Julies Nummer.
„Julie Cole, Hallo?“, meldete sich ihre freundliche Stimme und Nicky überlegte
ob er wieder auflegen sollte.
„Hallo, hier ist Nicky.“, sagte er schließlich.
„Hi, was gibt’s?“
„Kann ich Gina sprechen?“
„Gina? Ähm, sie ist nicht bei mir.“
„Ach so. Na gut. Ciao.“ Nicky legte auf. Also doch! Er wählte erneut eine
Nummer, diesmal die von Georginas Handy. Tuuuut... tuuuut... tuuuut... Er wollte
gerade wieder auflegen, als er ein Knacken in der Leitung hörte.
„Ja?“ Georgina war völlig außer Atem, sie musste zum Handy gerannt
sein. Oder sie war bis gerade eben noch beschäftigt gewesen... Nicky wurde
schlecht bei dem Gedanken daran.
„Hallo Schatz.“, säuselte er in den Hörer und konnte im Hintergrund
Kevins gedämpfte Stimme hören, die fragte wer das denn jetzt schon
wieder sei und das sie sich beeilen solle.
„Oh, hi.“, sagte Georgina überrumpelt und Nicky konnte ihren Kopf vor sich
sehen, wie er knallrot anlief.
„Wo bist du?“, fragte Nicky und ließ sich nichts von seiner Aufregung
und Verwirrung anmerken. Im schauspielern war er schon immer gut gewesen.
„Bei Julie, das weißt du doch.“, stammelte Georgina.
„Ach... Und wo warst du, als ich vor einer Minute dort angerufen habe?“
„Du hast angerufen? Ähm, nun ja... Ich glaube da war ich auf dem Klo. Das
hat Julie mir gar nicht gesagt, dass du angerufen hast.“ Nicky musste sich zusammenreißen
um nicht auf der Stelle loszulachen.
„Für wie blöd hältst du mich eigentlich? Komm sofort hoch!“ Er
legte auf und knallte das Telefon wütend in die Station. Das war’s, ab
heute würde er wieder seine eigenen Wege gehen!
„Georgina saß eine Minute später gegenüber von mir an unserem
Wohnzimmertisch. Sie stritt nichts ab. Sie betrog mich seit über sieben
Monaten, kannst du dir das vorstellen? Ich war ihr zu wenig zu Hause, ich nahm
mir zu wenig Zeit für sie, ich war ja selbst schuld, dass es so weit kam.
Das war ihre Erklärung. Ich war noch nie so wütend in meinem Leben.
Ich war noch nie so verletzt und enttäuscht. Sie warf mir ständig
vor, ich würde mich mit Fans vergnügen und was machte sie? Sie vögelte
mit unserem Nachbarn. Ich beendete alles noch am selben Tag und drei Tage später
verschwand ich aus der Wohnung. Den Vertrag bei Leeds United kündigte ich
fristlos. Erst als ich ausgezogen war, begann ich zu realisieren was überhaupt
passiert war. Zuerst lebte ich drei Wochen in einer 1-Zimmer-Wohnung in einer
anderen Ecke von Leeds, bis mir Georginas Terror so dermaßen auf die Nerven
ging, dass ich komplett aus England verschwand. Sie kam täglich mindestens
drei mal vorbei um mir zu sagen, dass sie mich noch immer liebte und sie alles
wieder gut machen würde. Es war der Horror, ich wollte sie einfach nicht
mehr sehen. Mich ekelte es regelrecht vor ihr und ich bereute es sogar, dass
ich nicht schon viel früher einen Schlussstrich gezogen hatte. Ich machte
mich wieder auf die Suche und fand schließlich diese kleine Wohnung, hier
in Sligo. Ich hatte vor ein paar Jahren einen Familienurlaub mit meinen Eltern
hier her gemacht und die Gegend gefiel mir. Es war weit weg und ich hoffte hier
könnte ich einen Neuanfang starten und alles verarbeiten. Meine Kündigung
bei Leeds fiel mir letztendlich doch nicht so leicht, wie ich dachte. Die Arbeit
im Kindergarten brachte mich wieder auf andere Gedanken und ich war der glücklichste
Mensch auf Erden, als ich die Zusage hatte. Ich liebe Kinder und für mich
war es eigentlich von Anfang an klar gewesen, dass ich später mit Kindern
arbeiten möchte. Ich machte nach der Schule meine Ausbildung zum Kinderpfleger,
bis ich dieses einmalige Angebot von Leeds United bekam. Fußball war schon
immer mein größtes Hobby, aber ich war immer der Meinung, zu schlecht
zu sein, um es wirklich professionell und zu meinem Beruf zu machen. Es war
Zufall, dass mich der damalige Trainer spielen sah und mir drei Wochen später
den Vertrag zuschickte. Es war ein völliger Neuanfang. Jeden Tag trainieren
und am Wochenende von Stadt zu Stadt fahren. Sicherlich war es nicht leicht,
aber am Anfang machte es mir Spaß. Bis Georgian anfing ständig an
irgendetwas rumzunörgeln. Einmal beklagte sie sich, dass ich zu oft weg
war, dann störten sie meine Fans, sie fand ständig neue Dinge. Irgendwann
macht dich das seelisch kaputt, man kann einfach nicht mehr. Na ja, den Höhepunkt
der ganzen Gesichte kennst du ja jetzt schon. Ich hatte doch nicht gerechnet,
dass sie mich sogar bis hier her verfolgen würde. Sie dachte sie könnte
uns auseinander bringen, wenn sie den Verdacht der Entführung auf mich
lenken würde. Sie hatte das alles geplant, aber glücklicherweise zu
wenig durchdacht. Ich hoffe das hat nun ein Ende... Ich möchte weder dich
noch Jamie noch einmal in Gefahr bringen. Einzig und allein ihre Eifersucht
trieb sie dazu. Es ist kaum zu glauben, dass ich diese Frau wirklich einmal
geliebt hatte. Ich wollte sie unbedingt für mich haben, ich kämpfte
für sie und nun weiß ich nicht ein mal mehr wieso.“ Nicky sah auf
seine Füße und Chloe legte ihre Hand auf sein Knie. Sie wusste nicht
was sie sagen sollte, deshalb schwieg sie und zeigte ihm mit ihrer Geste, dass
sie ihn verstand. Nicky legte seine Hand auf Chloes und seufzte. Er war müde
und geschafft. Chloe legte ihre beiden Hände auf Nickys Wange. Sie strich
ihm sanft darüber, die leichten Bartstoppeln kitzelten auf ihrer Handfläche.
Die eine Hand wanderte weiter Richtung Kinn und Nicky hob seinen Kopf so, dass
er einen leichten Kuss auf ihre Fingerspitzen hauchen konnte.
„Ich liebe dich.“, sagte er und zog Chloe zu sich. Sie versanken in einem innigen
Kuss und beide wussten, dass dies der Anfang eines neuen Lebensabschnittes war...
5 Jahre später...
„Wo sind meine Schuhe?“, fragte Chloe und suchte verzweifelt den Raum ab. Sie
hatte sie doch eben noch in der Hand gehalten.
„Wie wär’s mit denen?“ Emily deutete vor Chloes Füße und wuselte
geschäftig im Zimmer auf und ab, in der einen Hand den wehenden Schleier
in der anderen ihr Handy.
„Chloe, ich will dich jetzt wirklich nicht beunruhigen, aber wenn wir jetzt
nicht sofort anfangen, deine Haare zu machen, schaffen wir es nie pünktlich
zur Kirche! Wo zum Teufel bleibt diese Frau Dingsbums?“
„Fleming, sie heißt Fleming und ich habe keine Ahnung wo sie steckt. Sie
sollte vor 15 Minuten hier eintreffen. Warum hat mir keiner gesagt wie stressig
es ist, Braut zu sein, hä?“ Chloe schlüpfte in ihre Schuhe und schloss
die Riemen sorgfältig. Ihre Hände zitterten und sie war bereits jetzt
schon so nervös, wie sie es noch nie zuvor gewesen war. Der Tag ihrer Hochzeit
hatte endlich angefangen und sie befand sich im größten Chaos ihres
Lebens.
„Ich ruf sie jetzt an.“, beschloss Emily und legte den Schleier auf dem Tisch
neben ihr ab. Chloe schickte Stoßgebete gen Himmel, dass die gute Frau
bereits unterwegs war und in den nächsten fünf Minuten hier antreffen
würde. Emily hatte recht, es wurde verdammt knapp.
„Ich glaub’s nicht, ich glaub es einfach nicht! Sie steht im Stau!“, sagte Emily
schrill und legte auf.
„Da hätte sie ja auch mal Bescheid sagen können, oh man! Pass auf,
ich mach das jetzt.“
„Em, ich will auf meiner Hochzeit gut aussehen!“
„Jetzt hör mal, ich kann so was total gut und jetzt setzt dich gefälligst
hin, wenn du nicht zu spät kommen willst.“
„Na gut.“ Chloe setzte sich ergeben auf einen Stuhl und Emily fing an, Chloes
Haare hochzustecken und am Ende den Schleier im Haar zu befestigen.
„Perfekt.“, sagte sie, „Du siehst aus wie eine Prinzessin.“ Sie fixierte alles
mit Haarspray und zupfte die letzten Strähnchen zurecht, bevor sie Chloe
einen Spiegel reichte.
„Du bist ein Schatz.“, antwortete Chloe und betrachtete sich im Spiegel. Emily
hatte recht, sie gefiel sich selbst total gut.
„Wie viel Uhr ist es jetzt?“, fragte Chloe und stand auf.
„Wir haben noch genau 24 Minuten bis wir los müssen um rechtzeitig anzukommen.“,
flötete Emily und zupfte letzte Fussel von Chloes Kleid.
„24?! Emily, das schaff ich nie! Ich bin noch nicht geschminkt und Emma muss
auch noch angezogen werden. Wo ist die kleine Maus überhaupt?“
„Red keinen Unsinn. Nicky zieht Emma an.“
„Er kann sich doch nicht mal selbst anziehen. Em, ich werde verrückt. Ich
mach drei Kreuze, wenn der Tag heute vorbei ist.“
„Jetzt lass dich doch nicht so stressen, Pumpkin. Das ist heute DEIN Tag, du
sollst dich immer daran erinnern. Genieße ihn. Wir schaffen das jetzt
locker noch, wir haben schon ganz andere Dinge geschafft.“, lächelte Emily
ihr aufmunternd zu und Chloe begann zu strahlen.
„Du hast recht, Muffin.“, sagte sie strahlend und lief voraus ins Bad um sich
von Emily schminken zu lassen.
„Wie hast du das nur so gut überstanden? Ich sterbe hier gerade 1000 Tode!“,
seufzte Nicky aufgeregt und Shane zupfte letzte Fussel von seinem Anzug. Nickys
Hände waren schweißnass und er lief ständig zwischen Spiegel
und Kleiderschrank hin und her.
„Sehen meine Haare auch wirklich gut so aus? Ich weiß nicht... Irgendwie...“,
fragte er unsicher und betrachtete sich kritisch im Spiegel.
„Wenn du jetzt nicht sofort aufhörst ständig an dir oder deiner Frisur
rumzunörgeln, dann nehm ich den Spiegel ab!“, antwortete Shane und sah
sich im Zimmer um.
„Wem gehört dieses Kleidchen überhaupt?“, wollte er wissen und deutete
auf das kleine Stück Stoff mit den weißen Rüschen, das über
der Stuhllehne hing.
„Oh shit, ich muss Emma noch anziehen. Wo ist Dad nur mit ihr hingelaufen?“
Nicky sah wirklich verzweifelt aus. Wie konnte er nur vergessen, seine Tochter
anzuziehen?
„Er wird schon wieder auftauchen, mach dir da mal keine Sorgen. Sherenna ist
auch noch nicht vorbei gebracht worden, aber wir haben ja noch Zeit.“
„So viel Zeit nun auch wieder nicht. Wir müssen in spätestens 45 Minuten
los. Wo ist überhaupt Jamie hin? Er sollte doch nicht so viel durch die
Gegend rennen. Stell dir mal vor er verliert die Ringe. Die hat er in seiner
Anzugtasche, weil Mum doch gesagt hat er soll sie zu ihr bringen, damit sie
die Ringe ins Ringkissen stecken kann. Oh Gott, das wäre ein Alptraum.
Wir hätten doch das Ringkissen mit hier her nehmen sollen, dann wären
die Ringe wenigstens in Sicherheit. Jamie ist doch so tollpatschig. Oder stell
dir mal vor, Emma macht ein Bäuerchen und kotzt mir den Anzug voll, während
ich sie anziehe. Ich darf gar nicht dran denken.“
„Die Chancen, dass sie ausgerechnet dann kotzt wenn du sie anziehst, sind eher
gering, meinst du nicht auch?“, fragte Shane und schüttelte den Kopf. Nicky
war schlimmer als ein kleines Kind. Er war an seiner Hochzeit auch aufgeregt
gewesen, aber so schlimm wie Nicky war er nicht, da war sich Shane absolut sicher.
„Brooklyn hat David Beckham an seiner Hochzeit vollgekotzt.“, antwortete Nicky
trotzig und verschränkte die Arme vor der Brust. Man musste schließlich
mit allem rechnen!
„Woher weißt du das denn?“
„Steht in seiner Autobiographie drin.“
„Du hast seine Autobiographie gelesen?“
„Er war mal so was wie mein Vorbild...“, verteidigte sich Nicky und bevor sie
weiter über David Beckham diskutieren konnten, stürmte ein kleiner
Wirbelwind mit rotblonden Haaren in Shanes Schlafzimmer.
„Daddy, Daddy, darf ich jetzt mein Kleid anziehen? Darf ich? Bitte! Mama hat
gesagt ich darf.“ Große, rehbraune Augen blickten zu Shane empor.
„Wenn du aufpasst, dass es nicht dreckig wird, dann ja.“, sagte er und knuffte
seine kleine Tochter in den Bauch. Sherenna war nun schon fünf Jahre alt
und Shane wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie war das Blumenmädchen und
nicht weniger aufgeregt, als die Braut und der Bräutigam.
„Wie praktisch, dass unsere zwei Frauen nur einen Stock tiefer sind, da brauchen
sie uns die Kids für die ganzen Arbeiten nur hoch zu schicken! Das haben
sie mal wieder geschickt eingefädelt.“, zwinkerte Shane und nahm das zartgelbe
Kleid vom Kleiderbügel.
„Ja und wenn Dad nun endlich mal mit Emma auftauchen würde, wäre ich
nur noch halb so nervös. Langsam wird die Zeit knapp. Er muss doch mitdenken,
er weiß doch, dass sie noch umgezogen werden muss.“ Nicky sah zum wiederholten
Male auf die Uhr und wünschte sich nichts sehnlicher als schon in der Kirche
zu stehen und den ganzen Stress, der vor der Kirche ansteht, hinter sich zu
haben.
„Ich bin wieder da.“ Nickys Dad kam just in diesem Moment mit Emma auf dem Arm
ins Zimmer stolziert und Nicky war so erleichtert, dass er sich erst mal setzen
musste. Es würde doch noch alles gut werden!
„Sie hat die Windeln voll.“, erklärte Nikki und übergab Emma seinem
Sohn.
„Das ist mal wieder typisch. Emma hat die Windeln immer in den unpassendsten
Momenten voll!“, jammerte Nicky und marschierte schnurstracks ins Bad, die quengelnde
Emma auf dem Arm. Nur zehn Minuten später saß sie frisch gewickelt
und fertig angezogen auf Shanes Schoß, der *Hoppe-hoppe-Reiter* mit ihr
spielte. Sherenna drehte sich vor dem Spiegel im Kreis um ihr flatterndes Kleid
zu bewundern und Jamie war in der Zwischenzeit auch wieder aufgetaucht. Als
er versicherte, dass die Ringe sicher im Ringkissen steckten, beruhigte sich
Nicky wieder und zählte die Sekunden, bis es soweit war und er seine Chloe
in der Kirche sehen würde.
„Glaubst du Nicky ist auch aufgeregt?“, fragte Chloe und zog sie ihre Handschuhe
über die Finger.
„Was glaubst du denn? Du hättest mal Shane erleben müssen. So was
hab ich noch nie gesehen! Er konnte am Tag davor, vor Aufregung nicht mal mehr
eine volle Tasse halten ohne dabei die Hälfte zu verschütten!“ Emily
musste bei dem Gedanken daran grinsen. So was hatte sie echt noch nicht erlebt.
„Jetzt leugnet er es ja und sagt immer, dass er überhaupt nicht so aufgeregt
war, aber ich weiß doch, was ich gesehen habe. Glaub mir, so schlimm kann
Nicky überhaupt nicht sein.“, versicherte Emily ihr und Chloe war beruhigt
zu hören, dass Nicky das selbe durch machte wie sie. Obwohl die Zeit in
Windeseile an ihr vorbeiflog, kamen ihr die letzten Minuten vor wie Tage. Sie
war gespannt wie Nicky aussehen würde, was er an hatte und überhaupt,
sie freute sich darauf, endlich in der Kirche zu stehen und ihn zu ihrem Mann
zu nehmen.
„Ich muss aufs Klo.“, sagte Chloe auf einmal und Emily kommentierte dies mit
einem „Oh nein.“
„Bringen wir es hinter uns.“, sagte sie schulterzuckend und sah Chloe an, die
ihr Gesicht zu einer Grimasse verzogen hatte. Zusammen marschierten sie ins
Bad und kämpften mit Chloes Kleid, das schwerer zu bändigen war, als
sie vorher angenommen hatten. Doch sie meisterten auch diese Aufgabe mit Bravur
und die Abfahrt rückte immer näher.
„Auf geht’s, Süße. Die Kirche wartet!“, sagte Emily schließlich
und verließ mich der Braut zusammen die Wohnung.
Jamie schritt langsam zum Altar nach vorne, in beiden Händen das Ringkissen.
Neben dem Priester blieb er stehen und strahlte Nicky und seine Mutter breit
an. In seinem schicken Anzug sah er schon richtig groß und erwachsen aus
und Chloe war so stolz auf ihren Sohn. Der Priester hob seine Hände und
begann mit tiefer Stimme zu sprechen: „Wollen Sie, Chloe Prescott, den hier
anwesenden Nicholas Byrne zu Ihrem rechtmäßigen Mann nehmen? Ihn
lieben und ehren, so wie in guten als auch in schlechten Zeiten, bis das der
Tod euch scheidet?“
„Ja, ich will.“ Chloes Stimme zitterte leicht und sie sah Nicky kurz in die
Augen, der strahlte wie noch nie zuvor. Er sah so unbeschreiblich gut aus in
seinem weißen Anzug und den Haaren die ihm leicht ins Gesicht fielen.
„Wollen Sie, Nicholas Byrne, die hier anwesende Chloe Prescott zu Ihrer rechtmäßigen
Frau nehmen? Sie lieben und ehren, so wie in guten als auch in schlechten Zeiten,
bis das der Tod euch scheidet?“
„Ja, ich will.“ Auch Nickys Stimme war nicht voll funktionsfähig, als er
antwortete, doch er war sich sicher, genau das Richtige zu tun. Chloe sah aus
wie eine Prinzessin, so zart und hübsch und in ihr hatte er genau die Person
gefunden, die ihn zu dem Menschen machte, der er nun war. Sie machte ihn wunschlos
glücklich, er konnte sich stundenlang damit beschäftigen sie anzusehen.
Vor vier Monaten schenkte sie ihm eine wundervolle Tochter und Nicky kann es
nicht in Worte fassen, wie glücklich er nun war. Sie hatten einen sehr
schweren Start, doch sie kämpften beide und das Ergebnis war eine Beziehung,
die funktionierte wie sie besser nicht hätte sein können. Nicky blickte
Chloe tief in die Augen, bevor er nach dem Ring griff und ihn ihr an den Finger
steckte. Chloe tat das Selbe und sie besiegelten ihr Glück und das Versprechen,
das sie sich gerade gaben, mit einem Kuss, der alle anderen Küsse in den
Schatten stellte.
~+~Ende~+~
Special Thanks an Laura, meine geniale Testleserin und Fehlersuchmaschine.
;-) Außerdem noch ein extra Danke, für die absolut schöne Collage!
*knuddel*