"Lalalaaa", sang ich lauthals Shaggys "It wasn’t me" aus dem Radio mit. Ich war bester Laune. Gut, ich versuchte mich in beste Laune zu bringen... Na, wie sollte man sich auch fühlen, wenn man gerade aus seiner WG ausgezogen, wenn man von einer guten Freundin hintergangen, man gerade über seinen Ex hinweg und von den Eltern im Stich gelassen wurde? Finanziell wohl bemerkt! Eben, beschissen. Jedenfalls wollte ich weg aus Leipzig und hatte mich kurzer Hand entschlossen nach Berlin zu meiner Tante zu fahren und dort eine Weile zu bleiben. Viel Geld hatte ich nicht, dessen war ich mir schon bewusst. Okay, nicht viel Geld war vielleicht etwas untertrieben, ich besaß wenn’s hoch kam nicht mehr als den 10 Euro-Schein, der sich in meiner Hosentasche befand...

So saß ich nun in meinem kleinen, alten, verrosteten Mini-Auto und fuhr gen Norden. Klasse! Hoffentlich reichte das Benzin noch bis Berlin! Genervt drehte ich dem Radio die Luft ab. "Shaggy!", murrte ich.

Plötzlich prasselten die ersten Regentropfen auf meine Frontscheibe. Regen! Wie passend! Passten haargenau zu meiner momentanen Stimmung! `Jetzt fehlt nur noch, dass "I’m singing in the rain" im Radio läuft`, dachte ich. Ich grinste und drehte das Radio wieder an. Doch sofort als mir Geri Halliwell "It’s raining men, Halleluja..." entgegendröhnte, verzog ich das Gesicht und drehte wieder ab. "Ich fass es nicht", murmelte ich, "heute ist einfach nicht mein Tag..."

Der Regen wurde immer schlimmer. Schon nach 2 Minuten konnte ich schon fast nichts mehr sehen. Aber auch nur fast. Den einsamen Tramper am Straßenrand sah ich schon. Und grinste. Der Arme tat mir irgendwie Leid, ich war auch mal getrampt und hatte auch son Glück. Trampen an sich war ja schon nicht die beste Beschäftigung an einem Freitagabend, aber dann auch noch im Regen? Kurzerhand ließ ich meiner sozialen Ader freien Lauf, blinkte und kam einige Meter hinter IHM zum Stehen. Gleich kam ER angelaufen und schaute durchs Fenster. Ich kurbelte das Fenster herunter.

"Können Sie mich mitnehmen? Ist mir egal wohin, Hauptsache ich sitz im Trockenen!", flehte ER und wrang demonstrativ Wasser aus seinen Haaren.

"Na, ob es noch trocken ist wenn Sie erst mal drin sitzen, wage ich zu bezweifeln, aber wenn Sie meine schlechte Laune ertragen können?! Bitte sehr." Ich beugte mich zur Fahrertür und drückte sie auf.

"Danke ich werde Ihnen für ewig dankbar sein!", schniefte ER und plumpste auf den Sitz, "und außerdem kann man gegen schlechte Laune etwas tun."

Ich schüttelte den Kopf und gab IHM somit zu verstehen, dass ich nicht zum flirten aufgelegt war. Der Typ war mir nun doch ein wenig zu aufdringlich, und außerdem nervten mich immer Leute, die gute Laune hatten, wenn ich schlecht drauf war...

"Oh, oh, ich verstehe. Stress?"

"Kann man so sagen, ja", gab ich knapp zurück und musterte meinen Beifahrer durch den Vorderspiegel hindurch. Erstaunt sah ich IHN dann richtig an. "Kein Gepäck?"

"Nein, es war ein, wie soll man sagen", ER kratzte sich am Kopf und runzelte die Stirn, "na ja, ein sehr spontaner Aufbruch. Nicht mal mein Handy hab ich dabei. Geschweige denn von meinem Portemonnaie", erklärte ER schulterzuckend. Ich nickte verständnisvoll. Ja, ja, das kannte ich...

Ich legte den Sicherheitsgurt wieder an, blinkte und trat aufs Gas. "Wo wollen Sie denn überhaupt hin?"

"Wissen Sie, ich bin Ire, kenn mich in Deutschland also nicht besonders aus..."

Ich schmunzelte und zog die Augenbrauen hoch.

"Ok, ok", gab ER nach und hob die Hände, "ich kenne mich hier gar nicht aus. Und eigentlich hätte ich ja sogar einen ganzen Bus gehabt, nur leider konnte ich meine Klappe vor unserem Boss nicht halten und wurde mitten auf der Autobahn rausgeschmissen..." ER legte den Kopf schief und fuhr dann fort: "Tja, und da stand ich nun mutterseelenallein in einem fremden Land, ohne Handy, ohne Geld und nichts auf der Autobahn. Immer auf der Flucht wohl bemerkt!", fügte ER noch hinzu und grinste, als ich schluckte und einen geschockten Gesichtsausdruck machte. "Sie sind doch nicht etwa irgendein Undercover-Spion von der Mafia, dem ich gerade bei irgendeinem Raubüberfall assistiere und später wohlmöglich dafür eingebuchtet werde?!", hakte ich nach. Das war schließlich wichtig, ich wollte ja nicht im Gefängnis enden!

"Nein, nein, keine Sorge! Sooo schlimm bin ich nun auch wieder nicht!", beschwichtigte ER mich.

"Aha." Ganz überzeugt war ich nicht, obwohl der Gedanke an Knast doch gar nicht so übermäßig abschreckend wäre, oder? Ich mein, immerhin muss man da nicht arbeiten, du bekommst regelmäßig dein Essen und wohnen kannst du da auch... Ich schüttelte heftig den Kopf. So verlockend war’s auch wieder nicht, wenn ich da an `Frauenknast` und son Zeugs dachte...

"Trotzdem," fuhr ich fort, "warum tragen Sie dann immer noch diese durchgeweichte Mütze und die Sonnenbrille? Ich kann beim besten Willen keinen Sonnenstrahl entdecken. Und wenn, dann kommt das Licht vom Gewitter, das gerade über uns zieht! Nicht, dass ich doch mit James Bond..."

"Hey, Madam ist ja richtig misstrauisch!", grinste ER mich frech an.

Ich wurde rot. Eine doofe Angewohnheit aber leider nicht zu ändern. Jetzt bildete sich der Typ wohlmöglich noch was drauf ein!

"Das braucht Ihnen doch nicht peinlich zu sein! Ich bewundere starke Frauen!", meinte ER immer noch grinsend, "aber Sie haben Recht, mit Mütze und Sonnenbrille kommt man sich bei diesen Witterungen schon etwas idiotisch vor." ER zögerte noch einen Moment bevor ER erst seine Brille und dann die Mütze abnahm. Dann schaute ER zu mir, als ob ER auf eine Reaktion warten würde. Ich merkte das und schaute absichtlich angestrengt auf die Straße. Der sollte sich mal nichts einbilden! Als ER sich scheinbar entspannter als vorhin zurücklehnte und aus dem Fenster guckte, warf ich unauffällig einen Blick durch den Frontspiegel hindurch auf meinen Mitfahrer. Der fuhr sich gerade mit einer lässigen Handbewegung durch seine blonden Haare. `Wie Tim es immer getan hat´, fuhr es mir durch den Kopf. Ich zuckte zusammen. Wie kam ich denn plötzlich auf Tim? Es war doch aus mit uns beiden!

Ich schenkte meine Aufmerksamkeit wieder IHM und versuchte, Tim aus meinen Gedanken zu streichen.

ER hatte eine Wind-und-Wetter-Frisur, so nannte ich die vorne hochgegelten Haare, für die man sich eigentlich bloß in einen Sturm stellen brauchte, um die Frisur so hinzukriegen. Aber sie stand IHM unbeschreiblich gut! ER sah überhaupt überdurchschnittlich gut aus, das musste ich zugeben. Auch in dem etwas außergewöhnlichen, grauen Pulli, den ER trug. ER hatte eine schöne Nase, ein schmales Kinn, einen kleinen Mund, den er beim ständigen Grinsen immer so süß verzog und er besaß Augen... Ja klar, jeder Mensch hatte Augen. Jedes Tier auch, aber nicht jeder hat SOLCHE Augen! Blau wie..., wie das Meer vor Portugal wenn es mal nicht von ausgelaufenen Öltankern verfärbt wurde. Aber das tut hier nichts zur Sache. Dieses Blau war..., war einfach unbeschreiblich! Wenn man in diese Augen schaute hatte man das Gefühl, in ihnen zu versinken.... Plötzlich blickte ER mir ebenfalls durch den Frontspiegel in die Augen und lächelte und zwinkerte mir zu. Sofort wurde ich wieder rot und wandte meinen Blick blitzschnell ab. Da sah ich hinter der Kurve, ein paar 100 Meter vor mir eine lange Autoschlange, auf die ich immer schneller zuraste. Instinktiv trat ich auf die Bremse und im selbem Moment trief ER: "Stooooooopp!" und wir kamen ein paar Meter hinter dem letzten Auto zu Stehen. "Da hatten wir wohl beide die selbe Idee, was?"

"Kann man so sagen", erwiderte ich, immer noch geschockt über den beinahe-Crash, den ich fast gebaut hätte. Ich versuchte über die vor mir stehenden Autos hinwegzugucken, schaffte es aber nicht. "Och nö!", stöhnte ich und stütze meine Ellenbogen auf das Lenkrad, "auch das noch. Stau!" Ich ließ mich tiefer in meinen Sitz fallen und schloss für einen Gedanken lang die Augen. `Was für ein Scheiß-Tag!´ Dann öffnete ich sie wieder und fragte: "Wollen Sie nicht lieber aussteigen und bei jemand anderem mitfahren, der vielleicht weiter vorne steht? Ich weiß nicht, wie lange...", fing ich an, doch wurde von IHM unterbrochen: "Hey, so selbstlos? Nein, nein, ich kann Sie doch nicht so einsam im Stau stehen lassen! Wenn ihnen dann was passiert könnte ich mir das nie verzeihen. Und da wird Ihnen doch langweilig und das kann ich nicht verantworten! Und außerdem, wie kann ich so ein süßes Girl verlassen, das immer rot wird, wenn man ihm Komplimente macht?"

Und ER hatte Recht, ich wurde schon wieder rot. Mir war das schrecklich peinlich, aber da lenkte ER auch schon wieder ab: "Können wir das `Sie´ nicht weglassen? Niemand in meinem Beruf siezt mich und ich komm mir da ehrlich gesagt sonst auch immer so alt vor. Dabei bin ich erst 24! Ich heiße Nicky!"

ER lächelte und streckte mir seine Hand entgegen. Ich ergriff sie: "Okay, ich bin Laura. 21!", grinste ich.

"Aha, Laune etwas besser?"

"Ja, etwas", gab ich zurück und musste lachen.

"Wusste ich doch, dass ich es schaffen würde. Meinem Charme kann sich keiner so schnell entziehen. Sagt Bryan auch immer!"

"Eingebildet sind Sie, äh, bist du, wohl gar nicht, was?"

"Nö, nicht wirklich. Warum?"

Lächelnd schüttelte ich nur den Kopf. Dann wendete ich mich wieder der Straße zu. "Mann, geht das hier auch noch mal weiter?" Genervt drückte ich auf die Hupe, was weitere empörte Gegenhuper von meinen Vordermännern auslöste. Sofort unterließ ich es.

"Unfall!", stellte Nicky fachmännisch fest.

"Woher...?"

"Da vorn blinkt es blau und eben ist ein Polizeiauto an uns vorbeigefahren."

"Ach so. Na, das kann dauern." Ich stellte den Motor aus und machte es mir schon mal in meinem Sitz gemütlich. Dann kam mir die Idee im Radio nach der Länge des Staus zu hören. Ich drückte den Knopf. ".... oh yeah, the Queen of my heart... Das waren Westlife mit "Queen of my heart", gewünscht von Melanie aus München. So, und jetzt die Staumeldungen. Ein neuer Stau auf der A5 Richtung Hamburg wegen eines Unfalls, die Unfallstelle wird gerade geräumt und kann wahrscheinlich in ein paar Minuten wieder befahren werden. Die A6..." Ich drückte wieder auf den Knopf. "Gott sei Dank, gleich geht’s weiter. He, was ist denn? Warum grinst du so?", fragte ich verwundert, als Nicky nur schwer damit bemüht war, nicht loszulachen. "Nix, gar nix. Streng dein Blondinenköpfchen nicht unnötig an! Das tut ihm nicht so gut!"

"Entschuldige bitte!", rief ich empört. Das ging doch etwas zu weit.

"Hey, das war ein Witz!"

"Toller Witz, muss ich jetzt lachen?"

"Schon okay, kein Geflirte, keine Witze. Schon kapiert. Aber lachen darfst du trotzdem!" Da konnte ich nicht anders, ich musste lächeln. Nicky konnte man gar nicht böse sein irgendwie.

"Jetzt erzähl aber mal, warum fährt eine hübsche Frau alleine durch die Gegend?"

"Ach, es gab Zoff. Ziemlichen sogar. Ich hab’s in Leipzig einfach nicht mehr ausgehalten." Ich quasselte einfach und hoffte, dass Nicky meine roten Ohren so nicht bemerken würde.

"Schlimm?"

Ich nickte und blinzelte eine Träne weg, die sich gerade einen Weg über meine Wange bahnen wollte.

"Möchtest du darüber reden? Wir kennen uns nicht, da fällt es manchmal leichter zu sprechen. Und ich kann gut zuhören!"

"Sagt Bryan?", fragte ich lächelnd.

"Ja", lächelte Nicky zurück. "Ich muss mir immer Bryans Geschichten anhören, wenn er sich bei mir ausheult. Wenn er sich mal wieder mit seiner Frau streitet, kommt er zu mir und will einen Rat." Er sah mich erwartungsvoll an. Ich atmete einmal tief durch und begann: "Es fing alles an vor 3 Jahren. Ich hatte grade mein Abi in der Tasche und wollte von zu Hause ausziehen, da starb mein kleiner Bruder. Er war mein ein und alles. Wir 2 waren unzertrennlich. Haben echt alles zusammen gemacht. Er war damals 6. Ich muss oft daran denken, wie er jedes Mal nach der Schule in mein Zimmer kam und mir erzählte, was alles in der Schule passiert war. Leo hat sich immer so gefreut in die Schule gehen zu dürfen! Bis er krank wurde. Krebs. Man erkannte den Krebs zu spät, dass Leo sofort ins Krankenhaus musste. Er konnte gar nicht verstehen, warum er nicht in die Schule durfte! Jeden Tag kam ich ihn besuchen. Ich versuchte nicht zu zeigen, wie traurig ich war. Nach ein paar Wochen starb er. Meine Eltern zogen sich immer mehr zurück. Ich hielt es daheim nicht mehr aus und zog in die WG. Julia und Lisa halfen mir über den Tod von Leo hinweg. So gut es eben ging. Nach einem Jahr WG zog Julia aus. Lisa hatte sie mit ihrem damaligen Freund betrogen. Ein paar Wochen später zog ich aus. Zu Tim. Lisa und ich hatten uns ständig gezofft. Lisa hat angefangen Drogen zu nehmen und ich hab sie nicht davon losgekriegt. Da bin ich lieber ausgezogen. Es ging auch alles soweit gut. Tim und ich verstanden uns super. Bis er mich betrogen hat. Da wollte ich weg. Ich bat meine Eltern um Geld, leider erfolglos. Ich sollte arbeiten gehen, meinten sie, das täten sie schließlich auch. Tja, und jetzt sitz ich hier. Mit einem wildfremden Typen im Auto, der jetzt meine ganze Lebensgeschichten kennt!" Ich lächelte gequält. Nicky ließ sich davon jedoch wenig beeindrucken "Du hast schon verdammt viel durchmachen müssen!", bemerkte er und schaute mich ernst an. Ich nickte und richtete meinen Blick angestrengt aus dem Fenster. Es regnete immer noch.

"Ich habe auch einen Bruder", fuhr Nicky fort, "Adam. Er ist 10 Jahre jünger als ich aber wir sind ein Team. Ich seh ihn zwar nur noch selten, aber ich könnte mir ein Leben ohne ihn einfach nicht mehr vorstellen."

"Ja, ich vermisse Leo sehr. Aber es ist vorbei. Ich kann ihn nicht wieder lebendig machen. Das Leben muss schließlich weiter gehen. Hey, der Stau löst sich auf!" Ich schluckte. Nickys Blick ruhte noch eine Weile auf mir, dann schaute er aus dem Fenster, wie ich aus den Augenwinkeln mitbekam. "Ja, scheint so." Ich drehte den Schlüssel im Zündschloss. Es tat sich nichts. NICHTS! Ich versuchte es noch einmal, wieder erfolglos. So langsam wurde mir bewusst, was das hieß... woraufhin ich Nicky einen verzweifelten Blick zuwarf. Auch er schaute etwas ratlos drein. "Nein, nicht wirklich, oder?", stöhnte er.

"Ich schätze doch... Verdammt, was machen wir denn jetzt?"

"Also erst mal müssen wir von der Fahrbahn runter!" Tja, Männer denken eben immer praktisch.

"Und wie stellst du dir das vor?", fragte ich sarkastisch. Nicky mochte ja ein Mann sein, aber deshalb konnte er doch nicht mein Auto von der Fahrbahn zaubern. Oder doch??

"Vielleicht schieben?"

"Schieben?"

"Schieben!"

"Aha."

"Na, so schwer kann die Karre ja wohl nicht sein. Ich schiebe hinten und du lenkst, ok?"

"Jjjja, warum nicht. Wenn du meinst. Find ich lieb, dass du mir hilfst!" Mein Ton wurde wieder sanfter.

"Ist doch selbstverständlich. Ich kann doch keine Blondine mit ihrem Auto alleine lassen!" Da, da war es wieder, dieses schelmische Grinsen!

"Ha, ha, ha", gab ich ironisch zurück.

"Na dann. Los!" Fast gleichzeitig öffneten wir die Türen und stiegen aus --- und fast gleichzeitig saßen wir wieder drin. Und sahen uns an.

"Scheiße, es regnet ja immer noch!", bemerkte Nicky.

"Wow, ich bewundere deine Beobachtungsgabe. Ich hab doch von Anfang an gewusst, heute ist ein Scheiß-Tag! Na gut, dann auf in den Kampf. Auf 3! 1 - 2 - 3!" und schwupp waren wir draußen und in sekundenschnelle nass bis auf die Haut. Als ich mal einen kurzen Blick nach hinten zu Nicky warf, stellte ich fest, dass mein Tramper, der in diesem Moment auch gewisse Ähnlichkeit mit einem begossenen Pudel hatte, auch sehr gut gebaut war. Mit diesem enganliegenden Pulli... Nicht, dass ich Interesse an ihm hätte, es handelte sich hier lediglich um eine Feststellung!

"Auf die Idee uns zu helfen kommen die wohl nicht, was?", beschwerte sich Nicky als die anderen Autofahrer seelenruhig an uns vorbeifuhren. "Tja, mit Hilfsbereitschaft ham’s wir Deutsche halt net so!", entschuldigte ich mich im Namen aller Deutschen. Inzwischen mussten wir schreien, weil der Regen sonst alles verschluckt hätte. "Tja, wir Iren sind da wohl ganz anders." Ein paar Minuten sagte keiner etwas von uns. Unsere ganze Aufmerksamkeit war meinem Auto gewidmet. Ich wusste gar nicht, dass ein Mini-Auto wie meines so schwer sein konnte. Oder Nicky und ich waren einfach nur zu schwach für ihn. Obwohl ich mir das bei Nickys Muskeln, die unter seinem Pulli hervortraten, gar nicht vorstellen konnte...

"Laura?"

"Ja?"

"Ich frage jetzt mal das, was in den blöden Comics immer gefragt wird: Schiebst du eigentlich mit?"

"Aber klar, für wen hältst du mich denn? Ich lenke und schiebe, wie befohlen. Oder bist du etwa zu schwach, dass du Max nicht auf die Standspur kriegst?"

"Was?"

"Ich sagte..."

"Nein, ich mein, WEN krieg ich nicht auf die Standspur?"

"Max!"

"Max? Du benennst dein Auto?" Nicky blieb trotz des Regens stehen, lachte laut auf und schüttelte den Kopf.

"Ja, warum denn nicht? Also Max ist jedenfalls einfallsreicher als wenn ihr Männer euer ihr Auto benennt!", verteidigte ich mich und streichelte mein Auto.

"Wieso? Du weißt doch gar nicht, wie..."

"Baby?", riet ich einfach mal ins Schwarze hinein. So nannten doch die meisten Männer ihr Auto, oder?

"Woher weißt du, dass mein Auto `Baby´ heißt?" Ich triumphierte innerlich. Hatte ich’s also doch geschafft ihn in die Enge zu treiben.

"Hah, hab ich also richtig geraten. Baby... Tz, tz..."

"Ok, ok, Frieden, unsere beiden Karren haben nicht den besten Namen abgekriegt. Aber können wir jetzt weiterschieben? Sonst stehen wir hier morgen früh noch!"

"Cooles Ablenkungsmanöver", lachte ich, tat dann aber wie mir geheißen.

"Ja, noch ein kleines Stück. Ja... okay. Geschafft!", jubelte Nicky ein paar Minuten später. Jetzt hatte er seine Ehre wohl wieder gerettet. Dachte er...

Blitzschnell saßen wir wieder in "Max" drin.

"Puh, das hätten wir", sagte ich und wischte mir durchs Gesicht.

"Ist hier in Deutschland immer son Wetter?" Nicky fuhr sich wieder durch die Haare. Diese Bewegung...

"Das sagt ja grad der Richtige, in Irland regnet’s doch ständig!"

"Ach, diese ewigen Vorurteile", winkte er ab.

"Wieso? Stimmt es nicht?"

"Nicht immer. Musst mal nach Eire kommen und dich selbst überzeugen."

"Soll das eine Einladung sein?" Ich zog fragend die Augenbrauen hoch.

"Wenn du so willst?", grinste Nicky mich an und ich grinste zurück.

"Das merk ich mir! Aber im Moment kommen wir nirgends wo hin", wendete ich mich wieder unserem Problem zu.

"Ja, da hast du Recht. Denken wir noch mal unsere Lage durch. Wir haben ein kaputtes Auto namens Max..."

"Musste das jetzt sein?", unterbrach ich ihn.

"Ja musste sein." Nicky grinste schon wieder. Honigkuchenpferd...

"Also, ein kaputtes Auto. Hast du ein Handy?", fuhr er in seiner Aufzählung fort. Ich schüttelte den Kopf. "Handy schon, aber keinen Cent mehr drauf. Ich hatte kein Geld mehr mir neues Guthaben zu besorgen."

"Hm, ein kaputtes Auto, kein Handy. Wie sieht’s mit Geld aus? Zum Abschleppen oder so was in der Art?" Ich wühlte in meinen Hosentaschen herum und brachte den 10€-Schein zum Vorschein. "Ich schätze, mehr krieg ich nicht zusammen."

"Tja, bei mir sieht’s noch schlechter aus. Ich hab ja gar nix."

"Ja du sollst ja auch nichts bezahlen, ist ja mein Auto!"

"Trotzdem... Ich hab doch genug Geld!" Oho, Nicky sah ja richtig weinerlich aus! Hatte ich jetzt etwa einen reichen Macker erwischt??

"Gott jetzt sag bloß nich, du weißt nicht wohin mit deiner Kohle?!"

"So hab ich das nun auch nicht gemeint, ich lege mein Geld halt sinnvoll an. Shane zum Beispiel investiert in Autos. Er hat schon mindestens 8 Ferraris!"

"Aha." Was besseres fiel mir dazu beim besten Willen nicht ein. In dem Moment klopfte es an der Scheibe. Ein Mann stand draußen und winkte wie wild. Fragend blickte ich zu Nicky. Er wusste was ich dachte. "Mach ruhig auf, ich bin ja da." So kurbelte ich das Fenster herunter. "Sie san hänge g’bliebe, ge?", wurde ich auch schon von einem bayrischen Akzent begrüßt. Ich nickte heftig. Wenn er jetzt gleich das sagt, was ich hoffte, würde das einen Jubelschrei zur Folge haben!

"I kännt se abschleppe, halt nur bis zur nexte Gaststätt!" Erfreut schaute ich den Bayer an und warf Nicky dann einen vielsagenden Blick zu, unterdrückte aber den Jubelschrei. Wie hätte denn das ausgesehen?

Nicky hob abwehrend die Hände: "Ich nehm alles zurück!" und grinste. Schon wieder.

"Das wäre nett, Dankeschön!" Ich schloss das Fenster wieder und stieg aus, um unserem "Retter in der Not" zu helfen, das Abschleppseil an Max zu befestigen. Nicky, der ebenfalls ausgestiegen war, legte mir seine Hand auf die Schulter. "Lass mal", winkte er ab, "ich mach das. Du bist ja völlig durchnässt!"

"Aber du doch..." Sanft schob er mich wieder auf den Sitz und ließ die Tür ins Schloss fallen. "...auch...", beendete ich meinen Satz. Ich nutze die Zeit um meine Gedanken zu ordnen. Meine Lage? Ziemlich hilflos. Meine Situation? Nicht mehr ganz so aussichtslos. Meine Gefühle? Ziemlich durcheinander. `Mensch Laura, was für ein Tag...´seufzte ich. `Erst der Stress heute morgen mit der WG und dann gabelst du auch noch einen irischen Tramper auf, der dich gehörig den Kopf verdreht! Und dann versuchst du dir auch noch ständig krampfhaft einzureden, dass du Tim vergessen hast! Laura, Laura...´Ich stellte den Scheibenwischer an und schaute Nicky und dem Bayern zu, wie sie beide Autos miteinander verseilten. Einmal guckte Nicky zu mir und streckte mir den ausgestreckten Daumen inklusive eines Lächelns entgegen.

Ich schloss die Augen, und prompt kam mir Leos Bild in den Kopf und es kam mir vor, als würde ich seine Stimme hören. `Ach Bruderherz...´ Gott sei Dank blieb mir keine Zeit weiter darüber nachzudenken, denn die Beifahrertür öffnete sich und Nicky plumpste auf den Sitz.

"Na? Alles klar?", fragte ich.

"Yep, es kann losgehen. Er hat mich die ganze Zeit mit irgendeinem Zeugs vollgeschwafelt, aber ehrlich gesagt hab ich Null verstanden."

"Macht doch nichts."

"Ja, nur wissen wir jetzt nicht wo er uns hinkutschiert."

"Oh, stimmt. Na ja, werden wir ja merken." Und schon setzen wir uns mit einem Ruck in Bewegung.

Etwa 10 Minuten später hielten wir auf dem Parkplatz eines Rasthofes und Nicky und ich stiegen aus. Ich gab dem Bayern die Hand und bedankte mich bei ihm, der das Auto wieder abseilte. "Vielen Dank, dass Sie sich für uns die Arbeit im Regen gemacht haben. Ohne Sie würden wir da wahrscheinlich immer noch stehen. Ich würde Sie ja jetzt gerne auf einen Kaffee einladen, nur leider reicht das Geld dafür nicht."

"Nix zu danke, ich muss eh weiter."

"Nochmals danke. Auf Wiedersehen." Er winkte uns einmal kurz zu und fuhr wieder los.

"So, und wir beide gehen da jetzt rein und wärmen uns mit einer schönen Tasse Kaffee auf", beschloss ich und zeigte auf ein Haus, in dem sich wohl das Restaurant verbarg.

"Ach, ich dachte, dazu reicht das Geld nicht", schmunzelte Nicky.

"Na, soo dankbar bin ich nun auch wieder nicht. Los jetzt! Ich lad dich ein!"

"Ha ha, wie hätte ich mir auch wohl was kaufen sollen?"

"Oh, sorry", lachte ich und so schnell wir konnten, rannten wir mit unseren Jacken über dem Kopf in die Eingangshalle.

"Na endlich im Trockenen!", rief Nicky.

"Das kannst du laut sagen!" Demonstrativ zog ich mein Haargummi aus dem Pferdeschwanz und schüttelte meine Haare. Leider war meine "Frisur" somit hin und meine Haare standen in alle Richtungen!

"Du hast schöne Haare", hörte ich plötzlich Nickys Stimme neben meinem Ohr. Er stand so dicht, dass ich seinen Atem spüren konnte. Ich drehte mich zu ich um, dass ich ihm in seine Ozean-Augen sehen konnte und antwortete keck: "Danke, du auch!" und wuschelte ihm durch seine Haare. Der tat beleidigt und erwiderte mit einem Schmollmund: "Hey, meine Frisur!"

"Welche Frisur?", entgegnete ich und da musste auch Nicky lachen. "Hast ja Recht. Welche Frisur?"

"Also, gehen wir rein?"

"Sofort, ich spür meine Hände schon nicht mehr!" Schnell lief er vor zur Tür und wollte sie mir aufhalten, nur da hatte er wohl nicht mit der modernen Technik gerechnet: sie ging automatisch auf. Ich bekam mich kaum wieder ein vor Lachen. So süß sah es aus, wie er verdattert vor der Tür stand. Nicky schimpfte leise mit der Tür.

"Macht ja nix", lachte ich immer noch, "der Wille war ja da", und bekräftigte dies mit einem heftigen Kopfnicken..

"Na wenn du das sagst,." Nicky streckte mir seinen Arm entgegen. "Darf ich bitten?"

"Hey, bei diesem Gemäuer handelt es sich um eine Raststätte, Sie erinnern?"

"Na und?"

Ich zuckte lediglich mit den Schultern, hakte mich bei ihm ein und gemeinsam betraten wir das Café. Plötzlich blieb Nicky stehen. "Was ist denn?", fragte ich. Er zog seine Mütze aus der Tasche. Verwundert schaute ich ihn an. Er zuckte mit den Schultern. "Muss sein", sagte er nur. Ich ließ es auf sich beruhen. Wollte ja nicht zu aufdringlich erscheinen und nachfragen, was das sollte. "Da hinten ist ein Tisch!" Ich zeigte auf einen am Fenster. Zielstrebig liefen wir darauf zu, um noch vor den 2 älteren Herren dort anzukommen.

"Sorry, aber wir sind erster", meinte ich.

"Schon okay, scheenen Fräuleins mache ma doch gerne Platz!", erwiderten sie und verschwanden wieder. Nicky setze sich gar nicht erst hin. "So, und ich hol uns jetzt den Kaffee. 2 Mal?"

"Ja bitte, aber..." Doch da war er schon weg. `Tja, er wird schon merken, dass er kein Geld hat´, dachte ich. Und da kam er auch schon wieder. Mit hochrotem Kopf. "Du...", fing er an.

"Ich weiß schon. Hier!" Ich drückte ihm den Schein in die Hand. "Danke", lächelte er, schmiss seine Jacke schwungvoll über einen Stuhl und ging wieder.

"Männer, also so wird die nie trocken!", murmelte ich und stand auf, um die pitschnasse Jacke ordentlich über die Stuhllehne zu hängen. So war ich nun mal, dagegen konnte man nix machen. Ich nahm die Jacke und wollte sie ein bisschen durchwringen, da fiel ein kleiner Stapel durchgeweichter Karten aus der Jackentasche auf den Boden. Ich hob sie wieder auf und warf unwillkürlich einen Blick darauf. Ich nahm an, es wären Visitenkarten oder so was in der Art... Jedoch waren darauf nur 5 Jungs abgebildet, jeweils mit Unterschrift. Und oben drüber stand groß: WESTLIFE. `Eindeutig ne Autogrammkarte´, schlussfolgerte ich und lobte mich selbst für meinen detektivische Spürsinn. Aber, Moment mal, Auto... AUTOGRAMMKARTE!!! Hektisch sah ich mir die 5 genauer an. Sahen alle ziemlich gut aus. Alle mitein... Ja, und da war er, der Beweis. Nicky. Nicky auf dieser Autogrammkarte!! `Okay Laura, jetzt mal ganz ruhig. Der Typ da drauf sieht haargenau so aus wie Nicky. Was es für Zufälle... gibt... Scheiße, es IST Nicky. Also muss Nicky Mitglied bei Westlife... Aber ja! Natürlich! WESTLIFE! Uptown Girl, she’s been living in her uptown world… Die Jungs aus Irland! Oh mein Gott. Ich bin tot!´ Ich angelte nach der Stuhllehne und setze mich auf den Stuhl drauf, den ich beinahe sogar noch verfehlt hätte. `Nicky sitzt bei dir im Auto, und du weißt nicht wer er ist!´, schimpfte ich mit mir selbst, `was muss der denn von dir denken? Natürlich kenn ich Westlife! Julia war ganz vernarrt in Uptown Girl gewesen... und, Gott, wie peinlich! Ach und deshalb die Sonnenbrille und die Mütze! Und dann sagt der kein Sterbenswörtchen davon, dass er....´ Ich drehte die Karte um. `Shane Filan, Mark Feehily, Bryan McFadden... ´, las ich leise, `klar, Bryan. Kian Egan und... Nicky Byrne. Na klasse.´ Ich war in dem Moment so sauer. Auf mich selbst, weil ich so saumäßig bekloppt war, und auf Nicky, weil er mich an der Nase herumgeführt hat. Aber wie heißt es so schön? Rache ist süß. Ich wedelte mit der Karte in meiner Hand, und da kam mir auch schon eine Idee. So schnell es ging las ich mir dir Steckbriefe auf der Karte sorgfältig durch. `Fußball, Shorty, braune Augen, blaue Augen, blond...´, murmelte ich leise vor mich hin. Als ich Nicky entfernt pfeifen hörte (das sollte ihm noch vergehen!), packte ich so schnell es ging alles wieder so hin wie es war und plumpste auf meinen Stuhl und lächelte selbstgefällig. `Na warte Nicky Byrne, mach dich auf was gefasst.´

"So, bitteschön. Einen heißen Kaffee für ein heißes, äh, süßes Girl." Er grinste bis über beide Ohren und nahm mir gegenüber Platz. Gierig schlürften wir unseren Kaffee. Nach ein paar Schlücken stellte ich ihn wieder ab. "Och Mann, ich hab dauernd diesen scheiß Ohrwurm...", maulte ich.

"Welchen denn?"

"Queen of my heart von Westlife. Kam ja eben im Radio. Toll, jetzt hab ich diesen Schrott im Ohr. Dabei kann ich Westlife nun überhaupt nicht aussehen... Ich hab die Jungs bildlich vor mir wie sie ihren Song zum besten geben und sich wie die besten vorkommen. Jammern da rum und haben damit auch noch Erfolg..." Mehr brauchte ich nicht zu sagen denn Nicky verschluckte sich an seinem Kaffee was einen heftigen Hustanfall zur Folge hatte.

"Was hast du denn?", fragte ich scheinheilig.

"Nix, ich hab mich nur verschluckt", brachte Nicky mühsam raus.

"Kennst du Westlife?", fuhr ich fort, "musst du doch, schließlich bist du auch aus Irland. Gott, wie die alle schon aussehen! Meine Freundin war mal ganz vernarrt in die!"

"Ach wirklich?" Nicky kratze sich hilflos am Kopf. Tat ihm Recht.

"Ja, schrecklich. Die ganzen Wände waren vollgekleistert mit Postern! Wie die aussahen! Voll scheiße, findest du nicht?"

"Äh, ja... find ich auch." Gott wie süß, er wurde immer kleiner auf seinem Stuhl! Aber das veranlasste mich nicht aufzuhören, nein, der sollte seine Rache bekommen! "Dauernd hat sie mir von denen vorgeschwärmt! Ihr Liebling, der, der immer singt, sieht ja mal voll affig aus neben dem großen Blonden. Und der andere Blonde, der soll ja vorher Fußball gespielt haben. Tja, das hätte er wohl auch so beibehalten sollen. Und wie sie tanzen! Dieses Rumgehopse auf der Bühne, grässlich sag ich nur. Meinst du nicht? Nicky du sagst ja gar nichts." Ich lächelte ihn zuckersüß an und stütze meine Ellenbogen auf den Tisch, während ich auf seine Reaktion wartete. Nicky blieb regelrecht der Mund offen stehen. "Och na ja.. soo schlimm sind sie ja auch wieder nicht...", stotterte Nicky und versuchte zu lächeln, was ihm kläglich missglückte. Da konnte ich mich nicht mehr halten. Es ging einfach nicht mehr und ich prustete laut los. Als sich die paar Leute an den Nebentischen schon umdrehten, beugte sich Nicky vor und sah mich verwundert und zugleich hilflos an. Bei dem Blick riss ich mich zusammen, beugte mich ebenfalls vor und sah ihm grinsend in die Augen. "Ich hab die Autogrammkarte gesehen!" Nicky schlug sich an den Kopf. "Oh scheiße!"

"Warum hast du mir denn nicht gesagt, wer du bist?"

"Ach weißt du, Leute die wissen wer ich bin, gehen komplett anders mit mir um, und du glaubst gar nicht wie froh ich war, als du mich nicht erkannt hast, und wir uns ganz normal unterhalten konnten. Trotzdem, Laura, meintest du das, äh, was du eben gesagt hast... ernst?"

Ich lächelte ihn an und schüttelte den Kopf. "Wie könnte ich? Nein, ich mag eure Musik, und das mit meiner Freundin stimmt wirklich. Aber ich hab dich einfach nicht mit Westlife in Verbindung gebracht. Und so gut, dass ich dich auf den ersten Blick erkannt hätte, kenne ich euch nun auch wieder nicht."

"Na dann ist ja gut. " Nicky atmete richtig auf. "So einen schlechten Geschmack hätte ich dir auch gar nicht zugetraut!" Er grinste.

"Quatschkopf!"

"Aber woher wusstest du denn das mit dem Fußball..."

"Kennst du denn deine eigene Autogrammkarte nicht? Auf der Rückseite stehen Steckbriefe drauf!"

"Ach so, ja. Stimmt." Nicky stellte seine leere Kaffeetasse auf den Tisch und sein Blick schweifte durchs Fenster nach draußen. "Hey, es schneit ja!", rief er begeistert. Auch ich schaute hinaus und tatsächlich, leise rieselte der Schnee. Mit sehnsüchtigem Blick beobachtete ich die dicken Schneeflocken. Da stand Nicky plötzlich auf. Er nahm meine Hand. "Los komm!"

"Aber..."

"Nix aber. Bei mir zu Hause gibt’s nicht so oft Schnee. Auf!" Hastig trank ich meinen Kaffee leer, schnappte mir meine Jacke und rannte Nicky hinterher, der gerade aus der Tür ins Freie trat. Ich folgte ihm durch die automatische Schiebetür. Meine 1. Reaktion war, dass ich meine Jacke bis oben hin zuknöpfte. Es war lausig kalt, aber schön. Ich breitete meine Arme aus, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Die Schneeflocken kitzelten auf meiner Nasenspitze. Wenn es schneite, wurde ich immer so sentimental. Vielleicht, weil ich vor vielen Jahren im Schnee meinen ersten Kuss bekam? Ich weiß es nicht.

"Hey Laura, Achtung!" Bevor ich reagieren konnte, bekam ich auch schon eine riesen Ladung Schnee ins Gesicht. "Hey, was soll der Scheiß? Mann...", jammerte ich und schüttelte den Schnee aus meinen Haaren.

"Na, na, wer wird denn hier so zimperlich sein?", erwiderte Nicky, der schon wieder dabei war, eine Kugel zu formen. Da siegte die Kämpfernatur in mir und ich rief ihm zu: "Zimperlich? Ich? Na warte!" Ich ging hinter einem Auto n Deckung, nahm ein bisschen Schnee von dessen Scheibe, formte ihn zu einer Kugel, und als Nicky sich bückte um Schnee aufzunehmen, warf ich den Schneeball mit voller Wucht in seine Richtung. Und ich traf! Und wie! Nickys Augen funkelten mich an. "Das bekommst du zurück!" Und damit war eine große Schneeballschlacht in Gange. Die Autofahrer würden sich freuen, ihre Scheiben waren frei von Schnee!

Nach einer Viertelstunde hielt ich erschöpft inne. "Habt Erbarmen!", flehte ich.

"Was? Wertes Fräulein will schon aufgeben? Ist wertes Fräulein etwa erschöpft?" Lachend feuerte ich meine letzte Kugel ab. Nicky duckte sich geschickt unter ihr durch. Dann lief er auf mich zu. "So, so, wertes Fräulein ist also erschöpft. Na, dann legen Sie sich doch etwas hin!" So schnell konnte ich gar nicht gucken, da lag ich schon im Schnee. Nicky ließ sich neben mich fallen. Da lagen wir nun, beide von Kopf bis Fuß voll Schnee auf dem Rücken im Schnee und schauten zu den Sternen.

"Danke", flüsterte ich

"Wofür?"

"So viel Spaß hatte ich seit... seit dem Tod meines Bruders schon lange nicht mehr."

Nicky lächelte. "Gern geschehen." Eine Weile lagen wir ohne ein Wort zu sagen einfach nur da und genossen den Augenblick. Die Geräusche von der Autobahn ignorierten wir.

Plötzlich piepste etwas in meiner Tasche. Mein Handy. Ich setze mich auf und zog das Handy aus der Jackentasche. Ich hatte eine SMS bekommen! Neugierig drückte ich auf >lesen<:

Es tut mir Leid mein Schatz. Ich weiß ich habe einen Fehler gemacht, aber ich liebe dich! Vielleicht kannst du mir noch einmal verzeihen, wenn ich dir verspreche, nie wieder so blöd zu sein! Bitte gib mir noch eine Chance! ILU, Tim

Mir stiegen Tränen in die Augen, ließ das Handy sinken. Nicky, der mich bis dahin noch neugierig angeschaut hatte, sah jetzt besorgt drein. Ich versuchte gegen die Tränen anzukämpfen, doch es ging nicht. Sie waren stärker und rannen mir vom Gesicht in den Schnee.

"Laura, was ist denn los? Hey", flüsterte Nicky leise und legte mir seinen Arm um die Schultern. "Egal was passiert ist, es wird schon wieder. Sieh mal, was du heute schon alles durchgemacht hast. Du hast es mit mir in einem Auto ausgehalten, eine Schneeballschlacht gegen mich überlebt, zwar verloren, aber das ist egal, und du hast dir stundenlang meine blöden Witze angehört. Was kann denn da noch kommen?" Er wischte mir mit dem Daumen eine Träne vom Gesicht. Unwillkürlich zauberte er mir mit dieser keinen Geste ein Lächeln aufs Gesicht.

"Na also, es geht doch. Und jetzt erzählst du mir mal, was es schlimmeres gibt, als mein Gequatsche. Natürlich nur wenn du willst. Ich hätte vollstes Verständnis dafür, wenn du es mir nicht erzählen wolltest. Schließlich vertraut man seinem Mitfahrer nicht alles an. Und falls du einen Rat brauchen solltest, würde ich mein Bestes geben. Allerdings sind meine Ratschläge nicht immer sehr hilfreich. Einmal hätte ich sogar einen handfesten Streit zwischen Shane und Gillian ausgelöst, als ich Shane einmal zum falschen geraten habe. Aus Frauensicht natürlich. Ich habe Shane erzählt, Frauen würden auf Tulpen stehen. War wohl falsch. Na ja. Aber..." Trotz meiner Tränen musste ich über Nickys Übereifer lachen. Es war süß, wie er sich Mühe gab, mich auf andere Gedanken zu bringen. Doch dann wurde ich wieder ernst, zog meine Beine dicht an meinen Körper und umschlang sie mit den Armen. Nicky Arm bewegte sich nicht ein Stück.

"Also mein Freund... Ex-Freund, hat mich betrogen. Er hat mit einer anderen geschlafen und ich habe ihn dabei erwischt."

"Oh." Nickys Gesichtsausdruck änderte sich von einem Augenblick zum anderen. Könnte einem zu denken geben...

"Und jetzt hat Tim mir eine SMS geschrieben." Ich las sie ihm vor.

"Ruf ihn an!", war Nickys kurzer Kommentar dazu.

"Bitte?! Ich soll was?"

"Ihn anrufen."

"Aber er hat mich betrogen!"

"Und sich entschuldigt. Sieh mal, er schreibt dir eine SMS. Würde er das tun, wenn er glücklich über seine Freiheit wäre? Ich würde das zumindest nicht tun. Glaub mir, die Männerwelt denkt nicht an Konsequenzen. Jetzt ruf ihn an. Zusammenscheißen kannst du ihn immer noch. Da drin hab ich vorhin eine Telefonzelle gesehen. Komm." Nicky stand auf und zog mich an der Hand hoch und lief mit mir im Schlepptau zurück in die Eingangshalle. Na wenigstens war’s hier warm...

"Du liebst ihn doch noch, oder?"

"Ja natürlich. Äh, ich mein natürlich nicht!"

"Na also. Kleingeld... Ah, das Rückgeld vom Kaffe." Er drückte mir den Telefonhörer in die Hand. Ich zögerte immer noch. Doch als ich Nickys strengen Blick sah, gab ich nach und tippte langsam Tims Nummer ein. – Tuuuuuuuuuuut – "Ja?", meldete sich eine Stimme am anderen Ende. Tim. Ohne Zweifel. Ich biss mir auf die Unterlippe und holte einmal tief Luft. Ich schaute Nicky entschlossen an. Er nickte mir zu: "Denk dran, er ist ein Mann. Benutz nicht zu komplizierte Schimpfwörter!", raunte er mir zu.

"Hallo? Wer ist denn da?" Tims Stimme wurde ungeduldig.

"Tim? Hier... Hier ist..."

"Laura?!" rief er mehr erleichtert als erstaunt.

"Ja", sagte ich leise. Ich spielte nervös mit dem Telefonkabel. Nicky gab mir mit Handzeichen zu verstehen, dass er draußen warten würde. Ich wartete darauf, dass Tim etwas sagte. Da er das aber nicht tat und wohl auch nicht vorhatte zu tun, musste ich es wohl in die Hand nehmen. Na warte Tim, ich bin jetzt so richtig wütend, mach dich auf was gefasst!

"Tim? Hast vielleicht vor mir eine Erklärung abzuliefern? Oder soll ich noch mein restliches Kleingeld auf Schweigen verschwenden? Okay, wenn du nichts zu sagen hast, ich habe genug. Weißt du eigentlich was für ein mieses Schwein du bist? Was du mir angetan hast? Weißt du überhaupt wie weh es tut, seinen Freund im Bett mit einer anderen vorzufinden? Weißt du wie es ist du gefühlloses A..."

"Hey, Laura, hör mir doch zu", unterbrach Tim meinen Gefühlsausbruch.

"Ach, hast du deine Sprache wieder gefunden?"

"Ja habe ich. Und es tut mir Leid. Ich war stockbesoffen, glaub mir doch. Es war ein Ausrutscher! Ich liebe dich! Bitte Laura, verzeih mir. Nur noch dieses einzige Mal. Ich würde alles für dich tun!" Er schwieg. Ich schwieg. Schon wieder stiegen mir die Tränen in die Augen. Scheiße war ich heute emotional. Und ich hätte mich für meinen nächsten Satz erwürgen können: "Ich liebe dich auch."

"Können wir noch mal von vorne anfangen?", gab er ganz kleinlaut von sich. Ich holte tief Luft. Bei der Stimme konnte man einfach nicht hart bleiben. "Ja, aber nur unter einer Bedingung."

"Ich tue alles!"

"Du lässt mich wieder bei dir wohnen und streichst endlich mein Zimmer gelb!"

"Natürlich. Sofort. Ich fahr gleich los und hol Farbe. Willst du mitkommen?"

Ich lachte und wischte mir die restlichen Tränen weg. Es gab keinen Grund mehr zu weinen. Höchstens vor Freude vielleicht.

"Ähm du, das geht schlecht. Ich bin auf einer Autobahnraststätte", fing ich an.

"Autobahnraststätte?" Süß, klang ja richtig geschockt.

"Ja, ich bin auf dem Weg zu meiner Tante nach Berlin. Ich war so fertig, ich musste einfach raus aus Leipzig. Gib mir noch ein wenig Zeit, ja?"

"Schon ok, ich versteh das. Komm zu mir, wenn du denkst, abgemacht?"

"Ist lieb von dir, danke. Du, mein Geld wird knapp. Ich meld mich. Bis dann."

"Ciao Laura. Ich liebe dich."

"Ich dich auch. Bye." Mit den Worten hängte ich den Hörer auf die Gabel und fuhr mir mit der Hand durch die Haare. "Puh, das hätten wir", seufzte ich glücklich und machte mich auf den Weg nach draußen um Nicky zu suchen. Doch ich brauchte gar keine große Suchaktion starten, er saß gleich vor der Tür auf den Steinen. Leise schlich ich mich an ihn ran. "Buh!"

"Aaaah!", schrie Nicky und sprang ruckartig auf. Als er mich sah beruhigte er sich augenblicklich wieder.

"Na, na, so schreckhaft?", neckte ich ihn.

"Ich? Schreckhaft? Nie im Leben", lachte er. "Na? So gute Laune?" Er zwinkerte mir zu.

"Tja", zwinkerte ich zurück, drehte mich um, schlang meine Arme um meinen Körper und schaute in den Himmel. Der Tag verging schnell heute. Jetzt war es schon richtig duster draußen.

"`Tja´ ist keine Antwort. Aber aus deinem Gesicht lese ich eine Menge, und nur Gutes. Nun erzähl schon, wie war’s?" Ich spürte seinen Atem an meinem Hals. Da konnte ich nicht anders, vor lauter Glück fiel ich ihm um den Hals. "Danke, danke, danke", rief ich immer wieder.

"Ihr habt euch also wieder vertragen? Super!" Nicky hob mich hoch und wirbelte mich durch die Luft, was bei meinem Fliegengewicht auch kein Problem war. "Ich freu mich für euch!"

"Hey, lass mich runter", lachte ich.

"Zu ihren Diensten Ma’am!" Nicky setze mich betont vorsichtig ab und gab mir einen Kuss auf die Hand. "Kann ich sonst irgendetwas für Sie tun?"

"Danke, mein Zimmer wird schon gestrichen."

"Hää?"

"Nichts, das kannst du nicht verstehen. Ist auch egal. Danke noch mal. Wenn du mich nicht dazu gebracht hättest, Tim anzurufen, hätten wir uns vielleicht nie wieder versöhnt. Aber dass ich ihn nicht so ungeschoren davonkommen lasse, ist dir doch wohl hoffentlich klar, oder?"

"Ich kenne dich zwar erst seit heute, aber das habe ich mir gedacht."

"Na siehste."

"Hach, ich wusste, das ich im Verkuppeln unschlagbar bin", seufzte Nicky, "ok, bei Mark hat’s nicht hingehauen, aber auch nur, weil er ein ganz spezieller Fall ist. Doch den bring ich auch noch unter, keine Sorge. Bei Shay war’s wesentlich einfacher..."

"Also bevor du jetzt noch anfängst in Erinnerungen zu schwelgen, erzähl mir doch mal bitte den wirklichen Grund warum du trampen musst", bat ich.

"Na ja, also unser Manager, Louis, wollte uns noch 10 Extra-Konzerte aufbrummen, genau in unseren freien Zeit. Das wäre der erste Urlaub seit Monaten und mit den Konzerten wäre der dahin. Und dann habe ich zu Louis gesagt, dass, wenn er dem ganzen zustimmen will, er allein nach Berlin fahren kann. Tja, und so musste ich wohl oder übel aussteigen, denn Louis bleibt für gewöhnlich genauso hartnäckig wie ich." Nicky seufzte. "Aber egal, ich will meine Jungs ja nicht sitzen lassen, selbstverständlich werde ich übermorgen in Berlin sein und pünktlich auf der Bühne stehen, ich will ihnen und vor allem Louis mal einen gehörigen Schreck einjagen." Ich nickte. War irgendwo logisch.

"So", fuhr Nicky fort, "Problem 1 hätten wir ja nun gelöst, bleiben nur noch Problem 2 und 3."

"Problem 1?", hakte ich nach.

"Ja, dich wieder mit deinem Freund zusammenzubringen", grinste er.

"Aaaah ja." Ich runzelte die Stirn. "Und 2 und 3?"

"Problem Numero 2 wäre entweder Max zum laufen zu bringen oder uns was einfallen zu lassen, wie wir hier weg kommen. Und Nr. 3, ich habe Hunger. Nicky setze einen leidenden Blick auf.

"Du hast Problem 4 vergessen, mir ist kalt. Aber dem kann man ja Abhilfe schaffen. Gehen wir wieder rein, schauen mal ob es was billiges zu essen gibt, das mein Budget nicht sprengt und denken dann über Problem 2 nach. Was hältst du davon?"

"Joa, nicht schlecht. Ich bin zuerst im Warmen!" Mit den Worten rannte er los zur Tür rein. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und spurtete hinterher. Nicky war ja schon ein Kindskopf. Ich kannte ihn gut ein paar Stunden und mochte ihn schon so richtig gern.

"Aaah, Hilfe!", lachte ich und plumpste mit dem ganzen Schwung vom Rennen auf einen Stuhl. Nicky hatte das selbe Problem und landete ebenso galant auf dem Stuhl wie ich.

"Mensch", schnaufte er, "für ein Mädchen bist du aber ganz schön schnell!"

"Hey!" Ich versuchte meinem Gegenüber einen bösen Blick zuzuwerfen, aber anscheinend scheiterte ich an diesem Vorhaben, denn Nicky grinste nur und zwinkerte mir zu.

"Kann es sein das du mich nicht ganz ernst nimmst?"

"Ich dich? Wie kommst du darauf?"

"Och, nur son spontaner Gedanke."

"Ok, Ablenkung: ich such uns was schönes, billiges zu essen aus und du denkst so lange über Problem 2 nach. Einverstanden?"

"Ja, ja, vor den schwierigen Problemen drücken, gell?"

"Aber nein. Bis gleich." Und schon war er weg. Dieses Mal mit Geld, er hatte ja noch das Restgeld vom letzen Mal, fiel mir grad ein. Ich war ja schön blöd, er hätte sonst was damit anstellen können und ich denke nicht mal daran, es mir wiedergeben zu lassen. Aber komischerweise vertraute ich Nicky. Ich konnte mir nicht erklären wieso. Aber ich sollte ja auch nicht darüber nachdenken, sondern über Problem 2, meinem Auto. Ich blickte aus dem Fenster und sah ihn da stehen, Max. Eingeschneit im Schnee. "Tja Mäxchen, was machen wir bloß mit dir, hm?", seufzte ich leise.

"Tataa! 2x Brötchen à la Byrne. Nur 30 Cent das Stück. Bin ich nicht gut?" Ich wendete meinen Kopf. Nicky stand vor mir, in der Hand ein Tablett mit 3 Brötchen und einem Kaffee. Moment mal. Überrascht fragte ich nach. "3 Brötchen? 1 Kaffee?"

"Ja, für mehr hat das Geld nicht gereicht. Die 2 Brötchen und der Kaffee sind für dich." Er nahm Platz.

"Ach Quatsch", protestierte ich, "jeder 1 Brötchen und das 3. und den Kaffee teilen wir uns. Keine Widerrede!" Ich schob ihm den Kaffee hinüber und biss herzhaft in mein Brötchen. Tat richtig gut. Eigentlich hasste ich trockene Brötchen, aber für jetzt würde es gehen. Müssen. Na ja, ich würde es schon überleben. Und wenn ich es mir genau überlegte, hatte mein Magen seit heute Morgen nichts Nahrhaftes mehr bekommen...

"Hier Laura, trink einen Schluck dann wird dir gleich wieder warm." Nicky reichte mir die Tasse. Süß wie er sich um mich kümmerte.

"Danke." Eine Weile schwiegen wir. Als die Kaffeetasse bis auf den letzen Tropfen geleert war und wir das 3. Brötchen gerecht geteilt und verputzt hatten, mussten wir wohl oder übel auf das Thema kommen. "Sag mal, ist dir was eingefallen?"

"Nein Nicky, nicht wirklich. Und dir?"

"Mir auch nicht. Wir müssten irgendwie an Kohle kommen... Mensch, ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich einmal arm sein würde."

"Warum? Wie viele Millionen verdient man denn so als Star?"

"Och, wenn man vor der Queen singt springen schon mal ein paar Scheinchen rüber."

"Cool, vor der Queen. Ist sie nett?"

Geheimnistuerisch beugte er sich zu mir rüber. "Also ehrlich gesagt, nicht mein Fall. Viel zu... adlig. Und korrekt."

"Kann ich mir vorstellen", gab ich zu. Ich griff neben mich und wollte mein Handy aus der Jackentasche ziehen. Mal schauen, ob Tim sich gemeldet hatte. Doch ich griff ins Leere. Hektisch suchte ich auch in meinen Hosentaschen, vergeblich.

"Was ist denn?"

"Mein Handy. Wo ist mein Handy?"

"Ach du scheiße, sag bloß das liegt noch draußen im Schnee?" Ich musste ihm wohl oder übel zustimmen.

"Na dann los, auf zur Handy-Jagd. Es wird schon nicht weglaufen!" Er schnappte sich nun zum 2. Mal heute seine Jacke und warf mir meine zu.

"Musst du aus allem einen Witz machen?", jammerte ich auf dem Weg. Ich hoffte inständig, dass mein Handy gleich wieder auftauchen würde. Es hat eine Stange Geld gekostet und ohne Handy wäre ich so gut aufgeschmissen!

"Warum Witz? Als Popstar lernt man nun mal alles mit Humor anzugehen. Sonst überlebst du in diesem Business nicht."

"Schon kapiert." Ich hob abwehrend die Hände bevor ich noch mehr kluge Weisheiten aus dem Show-Biz zu hören bekam.

Die nächsten Minuten stöberten Nicky und ich im Schnee rum, auf der Suche nach meinem heißgeliebten Handy. Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, da schrie Nicky: "Ich hahabs!" Ich rannte von der anderen Seite des Parkplatzes herüber und nahm glücklich mein Telefon in Empfang.

"Da freut sich aber jemand, was?"

"Und wie. Ich könnt... Hey, ich hab ne SMS gekriegt!"

"Na von wem die wohl ist", grinste Nicky. Als Antwort knuffte ich ihn in die Seite und drückte auf "lesen":

Liebe Süße, vergiss mich nicht, denn keiner liebt dich so wie ich!"

"Och Gott", war mein Kommentar.

"Schleimer", war Nickys. "Hat er dir wenigstens schon mal einen Strauß Rosen geschickt?"

"Nein, nicht das ich wüsste. Aber das ist mir egal", lächelte ich.

"Ja siehste, ich habe meiner Georgina mal einen ganzen Strauß rote Rosen in die Klasse bringen lassen, als ich einmal plötzlich mit Westlife losmusste und mich nicht mehr von ihr verabschieden konnte. Und der Rest hat Schokolade bekommen."

"Du bist ein hoffnungsloser Romantiker, kann das sein?"

"Und wie...", seufzte Nicky. Na, woran er wohl gerade dachte.

"Deine Freundin kann sich glücklich schätzen mit dir."

"Willst du dich in meine Warteliste eintragen lassen? Nach Jennifer Love Hewitt wäre noch ein Platz frei."

"Nettes Angebot, aber ich bleibe Tim treu."

"Trotz allem?"

"Trotz allem", antwortete ich bestimmt, wie als Bestätigung für mich selbst.

"Aber wenn er noch mal mit einer Tussi ins Bett steigt, die nicht mal halb so nett ist wie du, kommst du zu mir nach Dublin und ich bring dich mit Mark zusammen. Der bräuchte dringend mal wieder ne Freundin, sonst geht der mir noch ein!"

"Mal sehen, vielleicht muss ich einmal darauf zurückkommen."

"Ich hoffe es nicht für dich, aber kommen kannst du trotzdem. Dann stell ich dich meinen Kumpels vor."

"Okay, mach ich", grinste ich.

"Du, das war mein Ernst!"

"Meiner auch."

"So, und jetzt wieder rein und wir suchen jetzt wirklich mal nach einer Lösung und außerdem ist mir wieder kalt. Und dein Näschen wird auch schon ganz rot." Er stupste mir liebevoll auf die Nase und zog mich an der Hand mit hinein. Als wir an einer nur angelehnten Tür vorbeikamen, hörten wir laute, aufgeregte Stimmen und da wir ja überhaupt nicht neugierig waren, hörten wir das alles auch nur zufällig mit: "Dass ich nicht lache!"

"Aber das ist doch gar nicht..."

"Und ob das wahr ist! Ich weiß, was ich gesehen hab, und das war eindeutig genug! Du Schlampe wolltest mit meinem Geld abhauen!"

"Wag es ja nicht, Kim als Schlampe zu bezeichnen!"

"Was mischt du dich da eigentlich mit ein? Muss du deine Freundin auch noch beschützen?"

"Du hast doch überhaupt keinen Beweise!"

"Nein, die hab ich nicht, aber das was ich gesehen habe ist Grund genug euch beide zu feuern."

"Was?! Das kannst du nicht machen! Wir beide sind Chef-Kellner!"

"Und ob ich das kann. Ihr wolltet mich bestehlen! Nehmt eure Sachen und lasst euch hier ja nicht mehr blicken sonst hetze ich euch die Polizei auf den Hals!"

"Na gut, dann gehen wir eben. Komm Pat!"

Nicky und ich machten einen großen Schritt zurück als die Tür aufging und eine Frau und ein Mann, ca. 30 Jahre alt, herausgestürmt kamen. Wir schauten unschuldig in die Luft, aber die 2 schienen uns überhaupt nicht zu bemerken. Sie rannten vorbei, ohne uns eines Blickes zu würdigen und die Frau warf im Vorbeigehen ihre Schürze auf den Boden. "Saustall!", schrie sie und lief mit dem Mann im Schlepptau stürmischen Schrittes durch die Schiebetür und beide verschwanden in der Nacht. Verdutzt schauten Nicky und ich uns an. Dann fingen unsere Augen an zu funkeln. "Denkst du das gleiche wie ich?"

"Wenn du das denkst was ich denke glaube ich schon", grinste ich, nahm die Schürze vom Boden.

"Hää?" Nicky kratze sich am Kopf.

"Ich meinte: ja."

"Oh, gut." Wir nickten uns verschwörerisch zu und Nicky stieß die Tür auf und wir traten ein.

"Hm", räusperte ich mich. Der Mann, der eben so gebrüllt hatte, war kräftiger Statur und stand an einem Herd. Aha, wir waren also in der Küche gelandet. Der Mann drehte sich zu uns um. "Was wollen Sie?" Na ja, freundlich klang er ja nicht gerade. Ich stupste Nicky von der Seite an und lächelte dabei den Mann übertreiben freundlich an. Nicky sollte jetzt irgendwas sagen...

"Äh ja, also wir haben soeben, rein zufällig natürlich, ihr Gespräch mit angehört..."

"Ach, rein zufällig also!", gab der Mann schnippisch zurück.

"Sie haben ja laut genug geschrieen!", rechtfertigte ich mich.

"Hey!", flüsterte Nicky und warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu.

"Ist doch wahr", flüsterte ich trotzig zurück und verschränkte die Arme.

"Was wollt ihr jetzt? Ich hab zu tun."

"Also so eben sind ihnen ja 2 Kellner weggelaufen", fuhr Nicky fort und zeigte auf die Schürze in meiner Hand. Der Mann grummelte.

"Na ja, und unser Auto.."

"Moment mal, was heißt denn hier unser Auto?", zischte ich.

"Ist ja auch egal, jedenfalls ist DAS Auto mit dem wir fuhren," er hob die Augenbrauen hoch, mit einem Seitenblick auf mich, "kaputt und wir haben kein Geld. Weder für einen Abschleppdienst noch für ein Taxi. Und da wäre ein bisschen Geld natürlich nicht schlecht. Es wäre ja nur für heute Abend, länger können wir sowieso nicht bleiben. Damit würden Sie uns helfen und wir Ihnen. Sie hätten dann nämlich noch ein bisschen Zeit um sich um Ersatz zu kümmern. Wir..."

"Er meint wir können Ihnen aushelfen und hier für heute Abend kellnern", stoppte ich Nickys Redeschwall und guckte den Mann gespannt an. `Bitte, bitte!´, flehte ich innerlich.

"Sag ich doch", brummte Nicky.

"Tjaaa." Der Mann schien zu überlegen. Seine Augen musterten uns eingehend. Mit überheblichem Blick erwiderte ich sein Lächeln. Mich schaute er nämlich sehr eingehend an, was mir nicht unbedingt gefiel. `Gott muss man Model sein um zu kellnern, oder was?´

"Habt ihr das schon mal gemacht?", wollte der Mann von uns wissen. Sahen wir etwa nicht so aus? Okay, meine angeklebten Fingernägel machten vielleicht nicht den besten Eindruck, aber sollte man als Kellnerin wie der letzte Dreck rumlaufen? Konnte ich ja nichts dafür wenn ich an den Nägeln kaute. Und Nicky? Na ja, ich gab zu, man sah ihm schon an, dass er eigentlich immer nur ein Mikro in den Händen hielt...

Ich wollte gerade den Kopf schütteln, da wurde ich von Nicky unterbrochen. "Aber natürlich, wir helfen regelmäßig im Café meines Freundes aus. Sind also bestens mit der Materie vertraut..." Ich knuffte ihn unbemerkt in die Seite. `Nicht zu dick auftragen´ sollte das heißen, `sonst fällt’s auf!´ Der Mann grinste nur. "Also gut. Ihr gefallt mir. Ich nehme euch." Ich unterdrückte einen Jubelschrei. Obwohl ich diesen Typen immer noch schrecklich arrogant fand, hätte ich ihn küssen können. Nicky zwinkerte mir zu und drückte meine Hand.

"Ich geh euch dann mal alles Nötige holen. Du kannst ja gleich die Schürze nehmen", sagte er zu mir und ging dann in einen angrenzenden Raum. "Na klasse, ich darf mich mit dem dreckigen Teil begnügen", murmelten ich. Doch Nicky drückte mir nur einen Kuss auf die Stirn. "Da hab ich unser Problem doch perfekt gelöst, nicht wahr?"

"Männer", stöhnte ich und zog ihm seine Mütze tief ins Gesicht. Lachend nahm er seine Mütze ab und wuschelte sich durch die Haare. Jetzt war die Frisur ganz hin.

"So ihr 2." Der "Chef" war wieder da. "Hier hab ich... Sagt mal, wie heißt ihr eigentlich?"

"Ich bin Laura und der Quatschkopf hier heißt Nicky", antwortete ich für uns beide.

"Okay Laura, ich hab hier noch ne frische Schürze für dich gefunden. Du musst dich ja nicht mit dem benutzen Zeug begnügen", grinste er und reichte mir die Schürze. Ich wurde rot.

"Und Nicky kann die nehmen." Er warf Nicky die andere zu, die er in der Hand hielt. Beide zogen wir unsere neue Arbeitskleidung an während der Chef weiter sprach: "Kurze Einweisung noch, dann könnt ihr loslegen. Die Leute bestellen ihr Zeugs drüben an der Kasse, die leiten das dann an mich weiter und ich bereite das Essen zu. Ihr müsst eigentlich nur das Essen von mir an die richtigen Tische bringen. Nummern stehen jeweils drauf. Ah ja, bezahlen tun die Leute auch gleich an der Kasse. Also eure Aufgabe ist nur das Essen an den Mann zu bringen und wieder abzuräumen. Alles klar?"

"Puh, das waren aber viele Infos", seufzte Nicky, "aber wenn ich das richtig verstanden habe, haben Laura und ich einen ganz leichten Job, oder?"

"So ist es, genau. Nur da es Wochenende ist und es schon ziemlich spät ist, wird heute hier ziemlich viel los sein. Glaubt ihr, ihr kriegt das hin?"

"Kein Problem für uns, oder Laura?"

"Nee."

"Gut, dann auf geht’s!" Auffordernd klatschte er in die Hände.

"Eye eye Chef." Nicky salutierte und der Chef drückte Nicky gleich einen Teller in die Hand und schob uns nach draußen. Nicky lief das Wasser im Mund zusammen, das konnte ich in seinen Augen ablesen. Ich grinste. Er sah aber auch zum Lachen aus in seiner Schürze.

"Sag Nix Laura, ich weiß wie ich aussehe. Aber es kann ja nicht jeder so sexy in einer Schürze aussehen wie du."

"Schmeichler", lachte ich. Er versuchte es doch immer wieder. Ich schubste ihn ins Restaurant. "An die Arbeit Kellner!"

Die erste halbe Stunde unseres Teilzeitjobs verlief etwas chaotisch. Nicky und ich irrten herum wie die Ir(r)en, wir hatten keine Ahnung wo Tisch 6 oder Tisch 27 war. Aber nach einiger Zeit hatten wir es gelernt und uns ganz gut eingespielt. Gerade begegneten wir uns im Gang zwischen Restaurant und Küche. Ich beladen mit 3 schmutzigen Gläsern und Nicky hatte einen Teller mit lecker aussehendem Rinderfilet und Kartoffeln in der Hand. Bei uns beiden glitzerten Schweißperlen auf der Stirn.

"Ganz schön anstrengend, was?", fragte ich,

"Ach weißt du, bei mir ist es gar nicht die Anstrengung. Aber wenn ich gleich noch mehr solcher leckeren Sachen auf dem Arm durch die Gegend trage, kann ich für nichts mehr garantieren!"

Die nächsten Stunden arbeiteten wir non stop. Es herrschte Hochbetrieb. Doch so langsam nahm der Ansturm ab und Nicky und ich konnten auch gelegentlich mal durchatmen. Nebeneinander lehnten wir an der geschlossenen Küchentür. "Wie findest du den Job?", wollte ich von ihm wissen.

"Mir macht’s Spaß, aber jeden Tag wär das nichts für mich."

"Ja ja, du verwöhntes Popsternchen", grinste ich.

"Hey!", rief Nicky und hielt meine Arme fest und drückte mich gegen die Wand. "Noch ein Wort sonst..."

"Sonst was?"

"Sonst sing ich dir was!" Ich lachte. In dem Moment wurde die Tür geöffnet. Es war der Chef der seinen Kopf heraus steckte. "Was ist denn hier los? Ihr seid doch wohl nicht müde!"

"Aber nein", widersprach Nicky und ließ mich wieder frei. "Wir sind schon wieder unterwegs", und Nicky lief los. Den Kopf schüttelnd ich hinterher.

"Der bestellte Eintopf. Bitte sehr." Ich stellte den Teller dem rotzfrechen Bengel vor die Nase, der mich schon zum 3. Mal an der Schürze gezogen hatte.

"Der Salat war hier?" Nicky setze die kleine Schüssel mit Salat ab und wandte sich schon wieder zum gehen, da wurde er von einer Frau angesprochen. "Warum tragen Sie eigentlich eine Mütze? Hier ist es doch so warm!" Nicky erschrak, aber er merkte, dass das keine hintergründige Frage gewesen war und antwortete: "Wissen, Sie, unter uns, ich habe mir eine Glatze rasiert und bin mit dem Ergebnis äußerst unzufrieden, Sie verstehen?"

"Klar, meine Tochter fragt mich nur schon die ganze Zeit." Die Frau lächelte und zeigte auf ein kleines blondes Mädchen, das in der Spielecke spielte.

"Schon gut", gab Nicky mit einem unwiderstehlichen Lächeln zurück.

Ich schaute mich um, ob es irgendwo einen Teller zum abräumen gab. Anscheinend nicht. Da sah ich Nicky am Tisch nebenan, der gerade wieder einen noch halbvollen Teller abräumte und seufzend den Kopf schüttelte.

"Na? Hungrig?", raunte ich ihm zu.

"Und wie! Schon 3 Schnitzel habe ich serviert und jedes Mal musste ich mich beherrschen."

"Kann ich gut verstehen. Hey... hör mal!" Mir waren äußerst vertraute Töne aufgefallen, die aus den Lautsprechern kamen. Ooooooh, ooooooohh, Uptown Girl... Nickys Miene hellte sich blitzartig auf. Wie man sich doch an seiner eigenen Musik so erfreuen kann...

"Ha, jetzt kommt Stimmung auf!", rief er und nahm im Vorbeigehen schwungvoll noch einen Teller auf. Ich bleib stehen und grinste. Nicky konnte sich kaum noch halten. Er tänzelte gutgelaunt um die Tische herum.

"Na Leute, nicht so langweilig, it’s showtime!" Er blieb stehen, schaute mit verhängnisvollem Blick zu mir, stellte seine Teller auf den nächstbesten Tisch und lief zu mir.

"Oh, oh, was kommt jetzt?"

"Darf ich bitten?"

"Was?"

"Möchtest du tanzen Laura?"

"Hier? Vor all den Leuten?"

"Klar, warum nicht?" Er grinste mich an.

"Okay, einmal im Jahr darf man auch mal durchgeknallt sein, stimmts?"

"Stimmt." Er nahm mich an die Hand, zog mich in die Mitte des Raumes, wo keine Tische standen und drehte mich einmal um die eigene Achse, so dass ich in seinem Arm lag. Ich blickte Nicky in die Augen und sah dieses Funkeln. Da konnte und wollte ich mich nicht mehr halten. Vergaß einfach alles um mich herum, wie immer wenn ich tanze. Ich tanzte. Tanzte mit Nicky als wären wir in der Disco. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich je wieder in der Disco war...

Mittlerweile klatschten die Leute mit. Wir mussten uns wie kleine Kinder benommen haben, aber das war mir, und ich glaube auch Nicky, vollkommen egal. Ich genoss den Augenblick... Oooooh Uptown Girl. Die letzen Klänge verstummten. Die Leute klatschten wie wild Beifall und Nicky verbeugte sich lachend. Dann zog er mich an den Hand Richtung Küche. Ich wohl oder übel hinterher.

"Du tanzt super, Laura!", schnaufte er. Wir waren beide mächtig aus der Puste. "Hat doch Spaß gemacht, oder?"

"Ja. Und wie!", bestätigte ich.

"Hat man gesehen", mischte sich eine 3. Stimme ein. Oh, oh... Ich zog den Kopf ein. Der Chef.

"Nein, nein. Eure spontane Tanzeinlage war großartig! Den Gästen hat’s gefallen! Am liebsten würde ich euch fest einstellen."

"Nein, lieber nicht", lehnte Nicky ab. "Mir reicht’s fürs erste."

"Danke, aber mein Traumjob ist es auch nicht. Aber es macht Spaß. Mal."

"Es ist nur verdammt anstrengend."

"Ja natürlich. Besonders wenn man es nicht gewöhnt ist", meinte der Chef, "ihr müsst auch nicht weitermachen. Der größte Ansturm ist vorbei, und die paar Leute die jetzt noch kommen schaffe ich alleine. Ihr habt genug getan. Dankeschön! Außerdem ist es schon nach 1 Uhr nachts!"

"Was? Schon so spät?" Ich hatte heute Morgen das letzte Mal auf die Uhr gesehen. Komisch, wo ich doch sonst so ein zeitbewusster Mensch war.

"Ich hab euch übrigens was fertig gemacht. Ihr habt doch sicher Hunger! Steht drinnen auf der Platte. Holt es euch raus und esst erst mal was."

"Das wär doch nicht nötig gewesen!", erklärte ich, war aber trotzdem verdammt froh.

"Ach Laura, ich hab doch Nickys Blick gesehen", grinste er. Diesmal wurde Nicky rot.

"Dankeschön!" Ich ging hinein in die Küche und holte unsere Teller. Er hatte uns was schönes zurecht gemacht. War also doch ein Lieber, ich nahm alles zurück!

Wir setzten uns an den Küchentisch, neben die Apfelschalen, Salatblätter und Fleischstückchen und aßen erst einmal unser Essen. Das erste seit Stunden! Das Brötchen zählte nicht!

"Hm, schmeckt doch gut, nicht wahr?"

"Ja. Obwohl ich jetzt mit allem zufrieden gewesen wäre!", seufzte ich.

In dem Moment kam der Chef wieder rein. "Und? Schmeckt’s euch?"

"Und wie!", antwortete ich. "Jetzt versteh ich auch warum draußen so ein Andrang war, bei dem Essen?!"

"Danke fürs Lob, aber es macht auch eine Menge Arbeit."

Nicky und ich wandten uns wieder unserem Essen zu und der Chef verschwand mit 3 Tellern.

Als er nach ein paar Minuten wiederkam waren unsere Teller leer.

"Wow, ihr wart aber schnell!, staunte er.

"Tja, wenn man seit Stunden nicht bekommen hat?!" Nicky zuckte mit den Schultern. Ich versuchte ein Gähnen zu unterdrücken. Der Chef jedoch sah das.

"So und ihr geht jetzt. Ihr habt genug getan. Danke noch mal."

Nicky schlug sich an die Stirn. "Scheiße Laura, wo sollen wir denn überhaupt schlafen? Etwa in deinem Auto?"

"Mist, das hab ich ja ganz vergessen. Vielleicht..."

"Kein Problem", mischte sich der Chef ein, "ihr könnt ein Zimmer oben haben. Dort schlafen immer die Angestellten." Nicky und ich sahen uns kritischen Blickes an. `Na was das wohl kostet?´

"Ist auch umsonst. Ganz oben links. Moment, der Schlüssel..." Der Chef griff in seine Hosentasche und schmiss Nicky einen Schlüssel zu. "Und wegen dem Geld, kommt morgen früh einfach zu mir in die Küche, ich muss vorher noch die Abrechnungen machen. Aber dann zahl ich’s euch aus. Jetzt schlaft gut ihr 2. Und viel Spaß noch!" Mit den Worten schob er uns grinsend aus der Küche und machte die Tür von innen zu.

"Gute... Nacht", sagte ich noch, doch das schien er schon nicht mehr zu hören.

"Komm lass uns gehen, ich bin hundemüde", meinte Nicky und gähnte.

"Hast Recht, ich brauch auch meinen Schönheitsschlaf."

"Den hast du doch gar nicht mehr nötig", gähnte Nicky noch mal. Ich erwiderte nichts darauf sondern hielt nach einer Treppe Ausschau. "Tja, und wo müssen wir jetzt hin?"

"Gute Frage. Er sagte ja oben... Da hinten ist eine Treppe!" Ich lief vor, hielt mich am Geländer fest und warf einen Blick nach oben. "Ach du scheiße, ja, oben ist der passende Ausdruck für diese schmeichelnde Höhe!"

"Warum?" Auch Nicky blickte nach oben. "Oh, na ja, wir sind ja auch nur Angestellte...."

"Gibt’s hier denn keinen Aufzug?", jammerte ich.

"Nein, bestimmt nicht", sagte Nicky schnell. Verwundert guckte ich ihn an.

"Ich hab eine schreckliche Phobie vor Aufzügen."

"Ach so, na dann bleibt uns ja eh nichts anderes übrig. Also dann, geteiltes Leid ist halbes Leid, hab ich Recht? Je eher sind wir oben."

"Hast Recht!", grinste er und lief die ersten Stufen hoch. Ich etwas langsamer hinterher. Irgendwie nahm diese f*** Treppe kein Ende. Oder war das Einbildung?

"Sag mal, wie viele Treppen bist du in deinem Leben eigentlich schon gelaufen?", schnaufte ich. So sportlich war ich nun auch nicht. Nicky anscheinend schon...

"Weißt du", er blieb stehen, "als Star wohnt man immer ziemlich weit oben, und da ich immer laufe bekommt man irgendwann eine gewisse Übung."

"Und was machen deine Bodyguards? Müssen die dann mit dir laufen?"

Nicky grinste. "Tja, was glaubst du warum sich keiner drum reißt mein persönlicher Bodyguard zu werden? Komm her!" Er streckte seine Hand aus, ich ergriff sie. Und schneller als ich gucken konnte, hob er mich hoch und ich fand mich auf seinen Armen wieder. "Ich muss doch meine blöde Schiebetür wieder gutmachen", erklärte er grinsend. Ich fand das furchtbar lieb von ihm und er bekam zum Dank einen dicken Kuss auf die Wange.

"Pass bloß auf, dass dein Tim nicht eifersüchtig wird! Sonst war meine ganze Arbeit umsonst!" Sein Grinsen wurde nur noch breiter.

"Bild dir bloß nix drauf ein", drohte ich ihm mit dem Zeigefinger. "Denkst du ich will Ärger mit deiner Georgina?"

"Würd ich dir auch nicht raten, die kann ziemlich sauer werden!" Er pfiff durch die Zähne.

"Ach?", lachte ich

Irgendwann waren wir "oben" angekommen. Nicky setzte mich ab und suchte nach dem Schlüssel in seinen Hosentaschen. Hier "ganz oben" gab es nur eine Tür. War also nicht schwer unser Zimmer zu finden. Nicky drehte den Schlüssel im Schlüsselloch und hielt mir die Tür auf. Ich trat ein und sah mich erst mal um. "Äh, ich hab gedacht, hier gäbe es 2 Räume..." Verdutzt stand ich da und musterte kritisch die etwas zu wünschen übrig lassende Zimmereinrichtung.

"Tja, das hab ich auch gedacht. Sieh mal, stattdessen ein Ehebett!" Er zeigte auf ein großes Bett in der Mitte des Raumes und schmiss den Schlüssel darauf.

"Na toll." Ich seufzte und ließ mich aufs Bett fallen. Nicky war anscheinend auch nicht wohl bei der Sache. "Na ja, eigentlich kann ja gar nichts passieren. Wir sind beide vergeben, wollen nichts von einander und sind hundemüde, was soll da schon groß passieren? Ich werde deiner Schönheit schon widerstehen können und mich tunlichst zusammenreißen!"

"Ha ha, ich find das gar nicht so witzig!" Ich beförderte meine Schuhe in hohem Bogen in die nächste Ecke, schmiss mich aufs Bett, legte mich auf den Rücken und streckte die Beine von mir. Mir war alles egal, Hauptsache schlafen...

"Du das war mein voller Ernst!"

Ich nickte kaum merklich und schloss meine Augen. Öffnete sie aber gleich wieder, als mir etwas einfiel: "Och nee!", stöhnte ich und setze mich auf.

"Was ist los?" Nicky war ins Bad gegangen und kam nun mit einem Handtuch sich die Hände abtrocknend heraus.

"Meine Sachen sind noch im Auto!"

"Soll ich sie holen?" Er warf das Handtuch über den Kopf durch die Tür ins Bad, wo es auf dem Boden landete. "Mist, verfehlt!" Das handelte ihm einen strafenden Blick von mir ein.

Nicky stöhnte, lief zurück, hängte das Handtuch ordentlich an den Haken und fragte dann noch mal: "Soll ich?"

"Nein, ist lieb von dir, aber es geht auch so. Ich hab zwar eigentlich vollkommen die falschen Sachen an um in ihnen zu schlafen, aber was soll’s." Demonstrativ legte ich mich zurück und schloss wieder die Augen, die mir schon fast von alleine zufielen.

"Laura ich hab ne Idee." Nicky zog seinen grauen Kapuzen-Pulli aus. Unauffällig blinzelte ich. Ich wollte ja nur einmal seinen Körper bewundern! Ist ja schließlich nicht verboten. Und nein, dazu war ich auch nicht zu müde, blöde Frage. Ich wollte ja nur mal kurz... Oh wow! Schnell machte ich die Augen wieder zu. Hatte genug gesehen. Nicky schmiss mir den Pulli zu. Er landete genau auf meiner Nase... und roch verdammt gut nach Aftershave. Ich setzte mich wieder auf und nahm den Pulli von meiner Nase.

"Zieh meinen Pulli an. Der ist bequemer!"

"Danke", sagte ich. Nicky grinste sich einen ab. Ob er meinen angestrengten Blick auf das Shirt bemerkt hatte??? Na ja, irgendwo musste ich ja hingucken. Schwerfällig erhob ich mich von dem schönen weichen Bett. "Ich geh mich dann mal umziehen", erklärte ich und schlurfte ins Badezimmer, knipste das Licht an und machte die Tür hinter mir zu. Das Shirt verfrachtete ich auf den Klodeckel. Ich drehte am Wasserhahn und wollte kaltes Wasser auf meine Handgelenke laufen lassen, aber da nur kleine Tropfen rauskamen ließ ich den Wasserhahn Wasserhahn sein und tauschte ich meine 3-lagigen Klamotten gegen Nickys Pulli ein, natürlich nicht ohne vorher noch einmal daran geschnuppert zu haben, und zog meine Jeans aus.

"Muss ich halt im Slip schlafen. Wird schon nicht so kalt werden", murmelte ich. Ich konnte meine Augen kaum noch offen halten vor lauter Müdigkeit. Wenigstens konnte ich mir heute das Abschminken sparen, zum Schminken war ich heute früh nämlich überhaupt nicht gekommen. Ich tastete nach dem Lichtschalter, drückte drauf und oh Wunder das Licht erlosch. Na, wenigstens das funktionierte. Mechanisch öffnete ich die Badezimmertür und trat von den kalten Badezimmerfliesen auf harten Hotelboden. Na, sehr luxuriös war’s hier ja nicht gerade. Tja, da stand ich nun. Im Dunkeln. Nicky hatte schon das Licht ausgemacht und sich anscheinend diskret ins Bett verzogen. War ja nett von ihm, nur wie sollte ich denn bitteschön das Bett finden? Ich kannte mich hier schließlich null aus! Klar, zu Hause find ich mich sogar im Schlaf zurecht, aber hier? Schritt für Schritt tastete ich mich vorwärts. Die Jeans in der linken, die restlichen Klamotten in der rechten Hand. Schemenhaft konnte ich einen schwarzen Kasten auf der linken Seite erkennen. Bestimmt ein Schrank. Vom Fenster konnte ich auch keine Hilfe erwarten, da draußen war’s noch dunkler als hier. Noch ein Schritt... "Autsch!"

"Das, war der Tisch", meinte Nicky. Ich konnte mir richtig vorstellen wie er jetzt grinsend im Bett lag!

"Das hab ich gemerkt", entgegnete ich. Mein Sarkasmus war nicht zu überhören.

"Soll ich dir helfen?"

"Nein. Danke." Da wurde eine Nachttischlampe eingeschaltet und ich sah wo ich mich befand: vor der Tür. Wie peinlich!

"Hast du dich verlaufen, Laura?"

"Ich? Wie kommst du denn da drauf? Aber auf diese geistreiche Idee mit dem Licht hättest du auch schon früher kommen können!" Nicky hatte sich die linke Seite vom Bett ausgesucht. War mir Recht, ich schlief eh lieber rechts. Ich beeilte mich in mein Bett unter die Decke zu krabbeln. Denn im Gegensatz zu mir schaute Nicky nämlich nicht weg. Eher im Gegenteil.

"Liegst du?", lachte Nicky.

"Ja", maulte ich.

"Gut!" Er knipste die Lampe wieder aus. Ich drehte mich auf die Seite und berührte dabei einen Fuß. Nickys Fuß?

"Wir haben leider nur eine Decke", sagte Nicky.

"Auch egal", grummelte ich, und rollte mich ein. Augenblicklich fielen mir die Augen zu.

Einen Moment war Stille.

"Gute Nacht Laura", flüsterte Nicky liebevoll. Seine leise Stimme löste bei mir ein warmes Gefühl von Geborgenheit aus.

"Dir auch, Nicky", flüsterte ich schon im Halbschlaf zurück.

"Einen wunderschönen guten Morgen, Süße!"

Huch! Schlagartig schlug ich die Augen auf. Mann hatte ich gut... geschlafen. Da bemerkte ich den heißen Atem neben meinem Ohr: Nicky. Uns trennte nur noch der Zipfel Decke zwischen uns. Ich drehte mich auf den Rücken. Nur ein paar Millimeter stütze Nicky auf seinen Ellenbogen und sah mich genauso herausfordernd an wie ich ihn.

"Willst du mich hier irgendwie... verführen?", wollte ich wissen und blickte ihm in seine blauen Portugal-Augen.

"Wie kommst du darauf, Süße?" Süße, schon wieder. Er kam immer näher du hatte dabei dieses Funkeln im Blick.

"Och, ich hab so das Gefühl..." grinste ich.

"Ich wollte dich lediglich wecken."

"Ach so." Ich schüttelte lachend den Kopf. "Wie spät ist es denn?"

"Fast 12."

"Wow." Anerkennend piff ich durch die Zähne.

"Na ja, haben wir uns doch auch verdient, oder? Musst du dir mal vorstellen, was an einem Tag alles passieren kann. Tramper auflesen, Auto kaputt, Beziehung gekittet und Traumjob gefunden. Was will man mehr?"

"Apropos, wir müssen unser Geld noch holen und gucken, ob wir damit nicht zumindest ein Taxi bezahlen können. Da sag ich nur: AUFSTEHEN!" Und damit war die prickelnde Stimmung dahin. Aber ich wollte hier ja nun auch nicht weich werden. Ich wusste, dass es Nicky unheimlichen Spaß machte mich etwas in die Enge zu treiben, aber ich wusste auch, dass er sich daraus einen liebevollen Spaß mit mir machte. Ich hatte ihn auch schon nach der kurzen Zeit die wir zusammen verbracht haben, unheimlich lieb gewonnen.

"Hallo, aufstehen!" Ich schob ihn sachte von mir weg und berührte somit zwangsläufig (!!!) seine weiche Haut an der Brust. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Mädchen wohl schon von so einer einzigen Berührung geträumt haben?!

"Wenn Mann so aus dem Bett geworfen wird, könnte sich Mann das glatt noch mal überlegen", grinste Nicky und bewegte sich kein Stück.

"Dann eben nicht." Ich schlüpfte unter seinem Arm hindurch und streckte mich erst einmal kräftig. Nicky legte sich wieder hin. "Wie schläft es sich denn in meinem Pulli?"

"Sehr gut!", schwärmte ich. Verschwieg ihm aber, wie gut der Pulli gerochen hatte und warf stattdessen einen Blick aus dem Fenster. In dem Moment war es mir relativ egal, dass ich nur Pulli und Slip anhatte. Er hatte schließlich oben herum nichts an, also waren wir quitt.

"Also ich hab ziemlich gefroren so ganz ohne was", beklagte er sich und setze einen schrecklich weinerlichen Ton auf.

"Du, das tut mir Leid. Ich..."

"Ach Quatsch, ich hab dann einfach zu dir rüber geguckt, dann wurde mir gleich warm, wenn nicht sogar heiß!"

"Hör auf du Charmeur. Ich geh mich jetzt jedenfalls um- oder anziehen." Und mit den Worten ging ich Richtung Badezimmer. Doch auf dem Weg dorthin stoppte ich.

"Weißt du wo ich meine Sachen gelassen hab?"

"Vielleicht sind sie bei deiner Begegnung mit dem Tisch da..."

"Ja, ja, mach dich nur über mich lustig. Hab sie ja schon."

"Wollte ja nur helfen", schmollte Nicky.

"Ja, das wolltest du vor ein paar Stunden auch", rief ich, streckte ihm die Zunge raus und bevor mich das Kissen treffen konnte nach dem er gerade griff, klappte ich die Tür zu und erledigte meine Morgenwäsche, soweit das ohne Seife, und Co. und nur Tropfen Wasser überhaupt möglich war.

Nach 10 Minuten stand ich fertig vor Nicky und schaute anerkennend zu ihm herauf. "Ich fass es nicht, du hast das Bett gemacht!"

"Warum denn nicht? Und außerdem musste ich mich ja irgendwie beschäftigen. Mein Shirt hast ja du."

"Oh, sorry", entschuldigte ich mich und gab ihm mit rotem Kopf seinen Pulli rüber.

"Schon ok. Sollen..." Doch da wurde Nicky von einem Klopfen an der Tür unterbrochen. Auf seinen fragenden Blick antwortete ich nur mit einem Schulterzucken. Mit dem Pulli in der Hand statt an, öffnete er die Tür.

"Guten... Oh, ich wollte nicht stören."

"Ah, der Chef! Morgen!"

"Scheint ja ne heiße Nacht gewesen zu sein", schmunzelte dieser.
"Äh warum?", fragte ich und trat an die Tür. Ich ahnte was... Der Chef zeigte nur auf Nickys Shirt, indem er mit einem Arm, steckte. "Moment mal, da muss ich mal was klarstellen. Nicky und ich..."
"Na ja, ich will das junge Glück ja auch gar nicht lange stören", fuhr der Chef einfach fort, "ich dachte ja eigentlich ihr kämet etwas früher, und weil ich jetzt Mittagspause hab, geb ich euch euer Geld gleich. Bitte." Er drückte mir einen Umschlag in die Hand. Mit einem strahlenden Lächeln nahm ich ihn entgegen. "Danke", sagte ich und gab ihm die Hand.
"Nicht zu danken", erwiderte dieser, "ihr habt mir doch geholfen!"
"Trotzdem", schaltete sich auch Nicky ein, "danke!"
"Dann noch viel Glück mit eurem Auto", lächelte er, nickte uns zu und ging.
"Wiedersehen", rief ich ihm noch hinterher bevor ich mich wieder ins Zimmer verzog, war nämlich ziemlich kühl im Flur, und es mir samt Umschlag auf dem Bett gemütlich machte. Im Schneidersitz zählte ich laut vor mich hin. "10, 20... Moment, da muss doch noch was... Hey, 20€?!?"
"Was?" Genauso erstaunt wie ich kam Nicky näher und zog dabei seinen Pulli über den Kopf.
"Ja, 20€. Scheiße!"
"Das kannst du laut sagen." Er ließ sich neben mich aufs Bett fallen, legte sich auf die Seite und nahm das Geld. "Wirklich, 20€. Damit kriegen wir keinen Abschleppdienst, und auch kein Taxi nach Berlin! Das ist doch noch hunderte von Kilometern entfernt! Und ich muss doch so schnell wie möglich da hin!"
"Mach dir keine Sorgen. Das kriegen wir schon irgendwie hin", tröstete ich ihn. Sanft drückte ich seine Hand, dann spürte ich seinen dankbaren Blick. Einige Sekunden, die mir irgendwie länger vorkamen, sahen wir uns nur an. Dann kam wieder dieses Funkeln in Nickys Augen zum Vorschein.

"Oh, oh, nein oder? Nicht schon wieder ein Geistesblitz?"

"Hmmm, doch", lachte Nicky. Ich sprang auf. "Was ist es diesmal?", stöhnte ich, stemmte die Hände in die Hüften und baute mich vor dem Bett auf.

"Wir trampen."

"Trampen? Wir?" Mir war die Sache etwas suspekt.

"Ja, warum denn nicht?"

"Ich trampe nicht. Das habe ich mir beim letzen Reinfall hoch und heilig geschworen!"

"Uns wird wohl nichts anderes übrig bleiben. Mit 20€ kommen wir nicht weit. Der Kerl hat uns übers Ohr gehauen und wird uns sicher nicht noch mal einstellen!" Ich zögerte immer noch.

"Ich geh schnell ins Bad!", sagte Nicky. Ich ging zum Fenster und schaute auf meinem Max herunter, der eingeschneit im Schnee steckte. Was wir beide schon alles erlebt hatten... Ich besaß ihn schließlich schon seit meinem 18. Lebensjahr, das waren immerhin 2, nein sorry, 3 Jahre! Er hatte sozusagen die Höhen und Tiefen meines Lebens mit mir geteilt!


"Woran denkst du?"

"Aaah! Gott hast du mich erschreckt", rief ich und lehnte mich mit dem Rücken and die Fensterbank.

"Warum? Bin ich denn so schlimm?" Nicky setzte wieder seine leidende Meine auf.

"Nein", lächelte ich, "du pustest mir nur schon zum zweiten Mal deinen Atem ins Ohr." Als Antwort darauf pustete er mir eine Haarsträne aus dem Gesicht.

"Du versuchst es mit allen Mitteln was?"

"Was meinst du?"

"Ey, komm, das weißt du ganz genau. Okay. Überredet. Wir trampen."

"Super! Laura, du bist klasse!" Nicky gab mir einen Kuss auf die Stirn.

"Ich weiß", gab ich lachend zurück.

"Nicky, kannst du vielleicht die Tasche hier noch nehmen? Die ist mir einfach zu schwer."

"Was? Die auch noch? Sagen Sie Prinzessin, wollte Sie eine Weltreise tätigen? Dass der ganze Kram überhaupt in ihre werte Kutsche gepasst hat."

"Tja, in Max steckt eben doch mehr drin als man glaubt", gab ich trotzig zurück. "Auf auf James, keine Müdigkeit vortäuschen!" Zur Bestätigung klatschte ich 2 Mal in die Hände. Dann beugte ich mich zu meinem Auto hinunter, gab ihm ein Küsschen auf die Autohaube und flüsterte ihm zu: "Machs gut Mäxchen. Sobald ich bei Tante Angi bin soll sie regeln, dass man dich hier abholt. Versprochen!" Ich gab ihm einen Klaps, schloss sorgfältig alle Türen ab und nahm meinen Rucksack. Nickys Blick ignorierte ich einfach und fragte stattdessen: "Können wir?"

"Immer doch." Nicky in jeder Hand eine Tasche (die vom Anschein nach ziemlich schwer waren) und ich mit meinem Rucksack bepackt, liefen wir Richtung Autobahn. Ca. 10 Minuten liefen wir an der Straße entlang. Das machen Tramper so, irgendwie soll man nie zu nah an einem Parkplatz stehen. Keine Ahnung warum, alte Tramper-Weisheit.

Wir stellten unser, ich meine, mein Zeug, ab, mummelten uns noch einmal tief in unsere Jacken ein und streckten den Autos unsere Daumen entgegen. Erfolglos zunächst. Als ein großer Bus angefahren kam, streckte ich immer noch wie eine Blöde. Mein Daumen war schon fast eingefroren! Handschuhe, so einen Luxus besaß ich nämlich nicht... Nicky jedoch nahm augenblicklich seinen Daumen runter.

"Hey Nicky, was ist los?", wollte ich von ihm wissen, ohne den Bus aus den Augen zu lassen.

"Nein, bitte nicht, lieber Gott, lass das nicht wahr sein!" Nun wurde ich aber doch beunruhigt. Ich ließ den Daumen sinken, drehte mich zu Nicky um und legte ihm meine Hand auf die Schulter. Er zeigte auf den Bus: "Das da ist MEIN Tourbus! Und genau dieser Bus hält gerade!"

"Aber... Ach so!" Ich begann zu kapieren. "Sitzen da auch deine Jungs drin?"

"Wenn die scheppernden Dosen am Auspuff hängen, bestimmt."

"Sind die alle so schnuckelig wie du?"

"Na ja... nicht ganz so wie ich." Na also, da war es ja wieder, sein Grinsen! "Oh, da kommen sie ja auch schon!" Nicky stöhnte als 4 Jungs rufend und schreiend auf uns zurannten.

"Nickyyyy!" Fast gleichzeitig kamen sie bei uns an und jeder wollte Nicky zuerst umarmen. Das ergab ein riesen Chaos. Ich nahm ein paar Meter Abstand und beobachtete grinsend die Szene. Dass es sich bei denen um "Popstars" handeln sollte, mochte ich noch nicht ganz glauben. Sie sahen ja alle gar nicht so schlecht aus. Nur der Größenunterschied war beachtlich...

Als die große Begrüßungsszene vorbei war und alle Fragen die ihnen auf der Zunge brannten, durcheinander auf Nicky geprasselt waren, wurde ich bemerkt. Der große Blonde kam auf mich zu und streckte mir seine Hand entgegen. "Mensch Nicky, wen haste uns denn da aufgegabelt?!", meinte er und pfiff durch die Zähne.

"Du bist Bryan, stimmts?", fragte ich und ergriff seine Hand, "der, der immer Probleme mit..."

"Äh genau", rief Nicky dazwischen und stellte sich neben mich. "Darf ich vorstellen? Bryan McFadden." Bryans verdutzter Gesichtsausdruck war genial! Anscheinend blickte er gerade gar nichts. "Angenehm. Ich bin Laura."

"Hi Laura." Der zweite kam auf mich zu und ergriff meine Hand. Es war der kleine Dunkelhaarige. "Shorty, hab ich Recht?"

"Ja der bin ich. Shane Filan", grinste er mich lieb an. Auch die restlichen zwei schüttelten meine Hand. Wie ich erfuhr handelte es sich hierbei um Kian und Mark.

"So, dann mal rein in die gute Stube", rief Kian und ergriff eine meiner Taschen. Mark nahm die andere. Zu Shane sagte er: "Los Shay, mach dich mal ein bisschen nützlich und nimm der Dame den Rucksack ab."

"Hätt ich eh gemacht, Schlauberger. Bin doch ein Gentleman!"

"Oho!", grinste Mark und lief zum Bus zurück und hievte dort mühsam meine schwere Tasche hinein.

Bryan nahm Nicky zur Seite und fragte ihn leise: "Probleme mit wem, Byrne?" Nicky warf mir einen Blick zu und grinste unschuldig: "Nix. Aber sagt mal, wo ist denn eigentlich Lou?" Ganz wohl war ihm wohl nicht bei dem Gedanken, seinem Manager gleich zu begegnen.

"Nicht da", erklärte Mark, "ist vorgefahren nach Berlin."

"Wir hatten mehr Lust dich zu suchen als tatenlos im Hotel rumzulungern. Was sollen wir allein in Berlin?", fügte Shane hinzu. Ich war richtig stolz auf mich, dass ich schon alle unterscheiden konnte!

Shane sprang in den Bus und hielt mir die Hand entgegen, die ich dankend ergriff und einstieg. "Ihr seid alle solche Kavaliere wie Nicky, was?"

"Aber natürlich", antwortete Kian stattdessen, "wir tragen unsere Frauen auf Händen."

"Ach ja?"

"Ja", grinste Nicky mich an, sprang ebenfalls ein und lief nach vorne, um den Fahrer mit Handschlag zu begrüßen, der auch gleich den Motor wieder anmachte. Ich nickte ihm kurz zu und bekam als Antwort ein etwas erstauntes Lächeln zurück. Nachdem Bryan die Tür geschlossen hatte, fuhr der Bus los.

Etwas hilflos stand ich nun in diesem riesen Tourbus und sah mich um. Sah alles irgendwie eine kleine Wohnung aus. Mit einem Haufen CDs, einer Playstation (...), einem Tisch und Stühlen, mehreren Betten und sogar einem Kicker! Ich schmunzelte. Wie war das mit dem Fußballspielen?

Nicky ließ sich auf sein Bett fallen und lehnte an der Wand hintendran. Die anderen hatten es sich schon alle irgendwo bequem gemacht, nur ich stand noch blöd in der Gegend rum.

"Komm zu mir, Laura!", rief Nicky grinsend und klopfte vor sich aufs Bett. Ich sah die erstaunten Gesichter der anderen Jungs. Ich glaube, die waren vollkommen verwirrt. Also nahm ich vor Nicky Platz. Ein bisschen Provokation musste sein ;-)

Nicky schlang augenblicklich seine Arme um meine Hüften und zog mich sacht nach hinten, so dass ich mit dem Rücken an ihm lehnte. Ich drehte meinen Kopf zu ihm und lächelte ihm zu.

"Hey Jungs, macht euern Mund wieder zu!", lachte Nicky.

"Nixter, du musst uns verstehen", verteidigte sich Mark, "wir sind alle etwas überrascht. Erst stürmst du so mir nichts dir nichts aus dem Bus und Louis schlägt uns beinahe die Köpfe ein, und dann tauchst du hier plötzlich mit einer Neuen auf..."

"Es ist ja so...", ich räusperte mich. Was die doch alle dachten..

"Es stimmt aber", mischte sich Bryan ein ohne mich ausreden zu lassen, "es ging alles ziemlich schnell. Aber so auf den ersten Blick gefällt mir deine neuste Eroberung..." Er musterte mich eingehend und nickte dann um seine Aussage zu unterstreichen.

"Ähm...", versuchte ich noch mal mein Glück.

"Also, ich mag jeden, der auf den ersten Blick erkennt, dass ich Shorty bin", grinste Shane mich an. Ich lächelte.

"Um auch mal was zu dem Thema zu sagen, ich schließ mich dem Ganzen an", gab Kian auch noch seinen Senf dazu.

"Seid ihr jetzt fertig oder kommt noch was? Darf ich dann auch mal was sagen?", fragte ich und legte den Kopf schief. Die Blicke richteten sich auf mich. "Nicky und ich, wir waren, sind, und werden auch nie..."

"Laura, du musst das nicht verleugnen. Wir sind Nickys Freunde und verstehen völlig wenn du..."

"Nein, das...."

"Doch, doch, Bryan hat Recht. Ist war selten, kommt aber auch mal vor!" Kian ignorierte Bryans vielsagenden Blick.

"Nicky, jetzt sag doch auch mal was!" Hilflos schaute ich nach hinten zu Nicky.

"Was soll ich denn sagen? Warum soll ich uns denn verleugnen?" Nicky grinste von einem Ohr bis zum anderen.

"Nicky!!"

"Ja, ja, schon gut. Also Laura und ich sind nicht zusammen. Sie hat einen Freund, ich hab meine Gina. Klar?"

Stille.

"Jungs??"

"Also wenn ich das mal so anmerken darf, geht ihr aber ziemlich herzlich miteinander um, dafür, dass ihr nicht zusammen seid." Mark zog misstrauisch die Augenbraue hoch.

"Ach, findest du?" Nicky gab mir einen Kuss auf die Wange. "Wir verstehen uns einfach gut, das ist alles. Aber vielleicht sollten wir das Ganze mal erzählen, was?"

"Wär nich schlecht", stimmte Bryan zu.

"Okay, dann mal von vorne. Laura?"

"Okay." Ich fing an die ganze Story zu erzählen. Einige kleine Details ließ ich bewusst aus, aber an Nickys Schmunzeln merkten Shane, Mark, Kian und Bryan, dass da noch etwas gewesen sein musste. Nicky und ich wechselten uns ab und wir staunten selbst, was wir so alles in so kurzer Zeit erlebt hatten ;-)

"So, jetzt seit ich auf dem neusten Stand der Dinge", endete Nicky.

"Nicholas Byrne, ich staune. Ich habe nie gewusst, dass du so ein zuvorkommender und netter Typ bist!", rief Shane.

"Halt bloß die Klappe Filan!" In dem Moment klingelte ein Handy.

"Meins ist es nicht", meinte Kian gleich, "ich hab den Ton gewechselt!"

"Preisfrage: wer hat den eigenen Song als Klingelton?" Bryan zog die Augenbraue hoch.

"Nicky", sagte der Rest im Chor. Ich grinste. Das war eine verrückte Truppe...

"Wo ist es denn?" Ich war zur Seite gerückt, so dass Nicky aufstehen konnte und jetzt rannte er aufgeregt durch den Bus.

"Nimm das hier!" Mark warf ihm sein Handy zu, das auf dem Tisch gelegen hatte. Nicky nahm ab und rief: "Gina!" und verzog sich nach nebenan. Die 4 Westlifer verdrehten die Augen.

"Ich schätze 15 Minuten", sagte Mark.

"Nein, doch nicht nach einem Tag Pause! Ich bin für 25", widersprach Bryan. "Laura, jetzt wirst du wohl fürs erste mit uns vorlieb nehmen müssen."

"Ich glaub ich werd’s überleben, so übel seid ihr nämlich gar nicht."

"Wir werden unser bestes geben", lächelte Shane.

Bryan kam zu mir uns setzte sich neben mich auf Nickys Bett. "Sag mal, mehr ist da wirklich nicht zwischen euch gelaufen?"

"Tut mir Leid, aber da war wirklich nichts."

"Schade, ich hätte dich gern in unserer Westlife-Clique gehabt."

"Warum, was ist denn mit Georgina?"

"Ach die ist immer so zickig."

"Komm schon Bry, nur weil sie etwas schroff reagiert hat als du sie im betrunkenen Zustand dumm angemacht hast...?", verteidigte Shane Nickys Freundin.

"Glaub ihm kein Wort, Laura. Ohrfeige ist Ohrfeige. Und das verzeih ich ihr nie! Verdammt zickig ist sie..." Bryan war aufgestanden und stand nun vor Nickys Bett und schüttelte heftig den Kopf. Hinter seinem Rücken wedelten Shane, Mark und Kian mit den Händen, was wohl bedeuten sollte, dass ich Bryan nicht glauben sollte. Ich zwinkerte den dreien zu und sagte zu Bryan gewandt: "Schon kapiert." Der schien zufrieden und Shane, Mark und Kian grinsten sich an. Dann fiel Bryan wohl doch noch etwas ein. "Laura, was meintest du denn eben mit `Der, der immer Probleme´ mit wem hat?" Er kratzte sich am Kopf.

"Na ja, also... Nicky hat mir erzählt, dass er dir gelegentlich Tipps gibt wenn du Streit mit deiner Frau hast..."

"Ach, so ist das! Das ist also der Grund dafür, dass Kerry immer noch mit dir verheiratet ist!", rief Shane, "du hast dir Ratschläge von unserem Charmeur geholt!" Bryan wurde rot.

"Oh sorry, ich wusste nicht..."

"Nee, nee, schon okay", winkte Bryan ab und lächelte mir zu. Ich war erleichtert. Wäre ja noch schöner, wenn ich es mir jetzt schon mit einem von Nickys Freunden verscherzt hätte...

"Tja Jungs", lenkte Kian ab, "dann werden wir doch mal gucken, ob wir unserem Mr. Lover Lover nicht doch ein bisschen Konkurrenz machen können. Da soll doch einer behaupten, Westlife würde nur aus einem Charmeur bestehen. Möchtest du etwas trinken, Laura?" Ich überlegte kurz. "Warum nicht? Ein Cocktail wäre nicht schlecht." Herausfordernd sah ich Kian an. Der stutzte.

"Mit so einem konterfähigen Köpfchen hast du wohl nicht gerechnet, was Ki?", lachte Mark.

"Cocktail? Kein Problem für mich. Schließlich bin ich seit `Uptown Girl´ Fachmann im Cocktail machen. Weißt du noch, Mark, wo wir Claudia einen gemixt haben?" Mark schüttelte als Antwort lachend den Kopf. Kian ging zum Kühlschrank, öffnete ihn und kam mit ein Vielzahl von Flaschen wieder hervor. Mir blieb die Luft weg.

"Guck nicht so, das ist nicht mal die Hälfte von dem, was hier sonst noch so lagert!" Wow, diese Sauferei hätte ich den Jungs ja gar nicht zugetraut!

Kian machte sich an meinen Cocktail. Fand ich ja süß von ihm, dass er mir wirklich einen mixte. Eigentlich sollte das ja ein Scherz sein... Na ja...

"Pass bloß auf, Laura", warnte Bryan, "Mark und Ki sind die einzigen Singles hier. Also manche Worte von ihnen könnten glatt als Flirtversuch durchgehen!"

"Ha ha, wie witzig McFadden", sagte Mark sarkastisch. Kian bekam gar nichts mit, der war so in seinen Cocktail vertieft.

In dem Moment kam Nicky wieder. Bryan sah gleich auf die Uhr. "22 Minuten. Ha, ich war näher dran Mark!"

"Ja, ja, schon kapiert, die nächste Runde geht auf mich."

"Hey, ich wusste ja gar nicht, dass ihr meine Telefonanrufe..."

"Nur manchmal, Nix, nur manchmal." Mark und Bryan grinsten sich an.

"Ja, ja", erwiderte Nicky ungläubig und setzte sich wieder neben mich.

"Und? Alles klar?", flüsterte ich.

"Ja", lächelte er zurück. Da klingelte sein Handy schon wieder. Verwundert nahm er ab. Dann ein kleinlautes: "Oh, hi Louis." Wir anderen sahen uns an. Louis...

Nicky verzog das Gesicht und hielt das Handy von seinem Ohr weg. Louis musste ja sehr wütend sein... Nicky wurde mit der Zeit immer kleinlauter bis nur noch ein leises "Sorry" rauskam. Dann legte er auf. "Zitat von Mr. Walsh: Wir sollen unsere Hintern so schnell wie der gottverdammte Bus fährt nach Berlin in die Max-Schmeling-Halle bewegen und uns sofort auf der Bühne blicken lassen. Ob Tag oder Nacht, unsere Hotelschlüssel bekommen wir erst nach dem Soundcheck." Er seufzte.

"Daniel, gib Gas, sonst kriegst du von Louis einen auf den Deckel", rief Bryan zum Fahrer nach vorne. Der antwortete darauf mit einer wegwerfenden Handbewegung. Das hatte er wohl schon öfter von Bryan zu hören bekommen ;-)

"Hey, der Cocktail à la Egan ist fertig!", ließ Kian plötzlich von sich hören. Ich stand auf um ihn mir abzuholen. Mit kritischem Blick schaute ich ins Glas. Ich sah eine undefinierbare Mischung aus allen möglichen Farben. "Probier mal, müsste eigentlich ganz passabel schmecken!"

Ich rührte ein paar Mal mit dem Strohhalm drin herum und nahm dann mutig einen keinen Schluck. Alle schauten mich neugierig an, aber an Kians Blick kam keiner vorbei. Dann lächelte ich. "Du, der schmeckt großartig!" Kians Miene hellte ich auf.

"Laura, das meinst du doch nicht ernst, oder?", wollte Shane wissen. "Kian hat doch nicht etwa den ersten Cocktail seines Lebens gemixt, der auch wirklich schmeckt?!"

"Also mir schmeckt er. Willst du mal probieren?" Ich hielt Shane meinen Strohhalm hin und er trank einen Schluck. "Wow Ki, ich bin beeindruckt. Dein erster gutschmeckender Cocktail! Machst du mir auch einen?"

"Mir bitte auch, wenn der allen so gut schmeckt?!" Zur Bestätigung hielt ich auch Nicky mein Glas hin. Die gleiche Reaktion wie bei Shane.

"Kian, ich dann bitte auch, den will ich dann doch auch mal testen", schloss sich Bryan an.

"Klar, mach ich sofort. Du auch Mark?"

"Natürlich, das kann ich mir doch nicht entgehen lassen!"

Kian strahlte wie ein Honigkuchenpferd als er sich an die weiteren Cocktails machte.

"Was ist da eigentlich alles drin?", fragte ich.

"Och du, glaub mir, das willst du gar nicht wissen", grinste Kian.

"Oh, okay." Ich hob abwehrend die Hände und trank noch eine Schluck. Dann nahm ich mein Glas und ging langsam durch den Tourbus und sah mich um. An der CD-Sammlung blieb ich hängen. Tracy Chapman, David Grey... Atomic Kitten? Westlife? "Ihr habt eure eigenen CDs hier?"

"Klar", antwortete Shane, "wenn wir mal den Text vergessen."

"Und außerdem hör ich unsere eigenen Songs selbst sehr gerne. `World of our own´, oder `Upown Girl´...”, fügte Nicky grinsend hinzu.

"Und Atomic Kitten hört Bryan. Ist nämlich noch ein altes Album, da war seine Frau noch ein Kitten", erklärte Mark. Ich nickte. Atomic Kitten standen auch bei mir im Regal, ich hatte nur nicht gewusst, dass es zwischen ihnen und Westlife eine Beziehung gab.

Ich setzte meinen Rundgang fort und kam bei den Betten zu stehen, denn ich hatte an der Wand eines Bettes etwas entdeckt. Fragend blickte ich in die Runde. "Darf ich mir die Fotos angucken?" Alle Blicke richteten sich auf Bryan, deshalb gelangte ich zu der Annahme, dass die Fotos, die dort an der Wand neben dem Bett hingen, zu ihm gehörten. Er bekam einen strahlenden Gesichtsausdruck. "Klar!" Ich stellte meine Cocktail ab und trat näher ran. Es war eine Frau abgebildet, im Arm ein kleines Mädchen.

"Das ist meine Frau Kerry und meine Tochter. Molly." Bryan war ebenfalls aufgestanden und zeigte nun mit seinem Finger auf eines der Fotos.

"Wie alt ist sie? Die Tochter mein ich." Ich lachte fuhr mit dem Finger über das Mädchen. Süß war sie, und hübsch!

"1 1/2 Jahre", antwortete er. Ich lächelte. Bryan musste richtig stolz auf seine kleine Familie sein.

"Bryan ist furchtbar stolz auf Molly", sprach Mark das aus, was ich soeben gedacht hatte.

"Sie ist aber auch ein Goldstück", schwärmte Kian und sah von seinen Cocktails auf. "Du glaubst gar nicht Laura, was hier los war als Molly uns 4 als Onkels bezeichnet hat!" Shane lachte bei dem Gedanken.

"Ich kann’s mir bildlich vorstellen", grinste ich. Molly war aber auch wirklich eine ganz Süße! Wobei ich von dem Namen zunächst etwas irritiert war. Aber in Irland hat man anscheinend eine andere Vorstellung bei dem Namen. Gut so.

Ich nahm das Bild etwas genauer unter die Lupe, was verwunderte Blicke von den anderen einbrachte. Sogleich entschuldigte ich mich: "Ich habe Fotografie studiert, deswegen kann ich bei Fotos nicht widerstehen, tut mir Leid."

"Fotografin bist du also. Hey, vielleicht treffen wir dich ja mal bei einem Fotoshooting wieder?", feixte Bryan.

"Ich würde mich freuen", sagte Nicky.

"Ich mich auch", lachte ich. "Aber das könnte euch tatsächlich mal passieren, ich habe mich bei einigen Agenturen beworben.

"Na dann wünsche ich dir viel Glück!"

"Bryan hat übrigens unseren halben Tourbus mit Fotos seiner Molly beklebt. An jeder Tür, an jedem freuen Stückchen Wand blicken uns Mollys blaue Augen an!", fügte Kian hinzu und zeigte mit dem Finger auf eine Schranktür. Da musste ich wohl oder übel zustimmen.

"Tja, ich hab wenigstens keine Fotos von meiner Mum hängen", trotzte Bryan.

"Mensch wie oft denn noch? Das war ein Familienfoto!", rechtfertigte sich Kian.

"Darüber streiten sie sich seit Jahren", stöhnte Mark. Ich nickte und kam zu Nickys Bett. Bevor ich etwas sagen konnte, spürte ich schon seinen Arm auf meiner Schulter, der auf eine junge Frau zeigte, die meiner Meinung nach ziemlich hübsch war,

"Da ist meine Georgina", flüsterte Nicky mir ins Ohr, während Bryan und Kian immer noch heftig am diskutieren waren.

Ich ging etwas näher an das Foto ran. "Sie passt zu dir!", grinste ich und schlüpfte unter seinem Arm durch weiter zu Shanes, Kians und Marks Bett. Shane erzählte mir ausführlich von seiner Gillian. Nur bei Mark und Kian entdeckte ich keine Fotos, aber ich glaube die beiden fühlten sich ganz wohl als Singles. Das versuchten sie mir zumindest gerade weiszumachen ;-)

"Jungs?", hörte ich plötzlich von vorne eine Stimme. Ah ja, der Fahrer. Daniel hieß er doch, oder?

"Was denn los Dan?", fragte Shane. Ja, Daniel war’s.

"Kann mal einer von euch kurz übernehmen? Ich muss mal auf die Toilette!"

"Natürlich, ich mach das!", rief Shane und sprang auf.

"Das würde dir so passen, Shay. Ich fahre!" Auch Bryan war aufgestanden und jetzt liefen beide nach vorne.

"Bryan, dich lasse ich erst Recht nicht dran. Du hast mir ein zu schnelles Tempo drauf!" Daniel schüttelte heftig den Kopf. Shane triumphierte schon. "Sorry Shay, du bist letztes Mal schon so chaotisch gefahren!" Jetzt setzte auch Shane eine beleidigte Meine auf und verschränkte die Arme vor der Brust.

"Wenn zwei sich streiten freut sich der dritte. Ich fahre." Nicky grinste und setzte sich seelenruhig ans Steuer. Daniel war kurz auf die Standspur gefahren und hatte Nicky das Lenkrad überlassen. Jetzt verschwand Daniel.

Ich hatte mich mit meinem Cocktail zu Nicky gesellt und stand nun neben seinem Sitz. Ich war noch nie in so einem Bus gewesen. Die Fahrerkabine sah so ganz anders aus als ich mir das gedacht hatte. Richtig viel Platz war hier!

Shane und Bryan trotten beleidigt wieder ab. Nicky lachte. "Das machen sie jedes Mal und nie schaffen sie es sich zu einigen."

Ich guckte aus dem großen Fenster auf die Straße. Es schneite schon lange nicht mehr, aber man musste gut aufpassen, denn die Straße war nass und glatt. Aber Nicky lenkte sicher den Bus zurück auf die Autobahn. Hätte ich gar nicht gedacht, dass er so sicher mit dem Bus umgehen kann. Wohl versteckte Talente ;-)

"Krieg ich noch eine Schluck? Kian hat wohl ein paar Probleme mit der Zusammenstellung." Nicky grinste und nickte zu Kian nach hinten. Stimmt, Kian sah etwas verzweifelt aus.

"Klar, hier." Ich steckte ihm den Strohhalm in den Mund. Er musste ja auf die Straße gucken.

"Und, hast du dich denn schon ein bisschen mit meinen Jungs angefreundet?", fragte er danach.

"Die sind alle voll nett. Ich hätte nie gedacht, dass ihr so normal seid."

"Ja, das denken leider die wenigsten. Aber du kannst ja jetzt mit guten Beispiel voran gehen."

"Ja, kann ich. Aber es wird mir eh keiner glauben."

"Wieso denn nicht?"

"Komm, wer sollte mir die Geschichte abnehmen, dass Nicky von Westlife getrampt ist und ausgerechnet ich ihn aufgegabelt hab. Dann hat er mich noch mit meinem Ex zusammen gebracht, und gekellnert haben wir. Und nicht zu vergessen, in einem Bett geschlafen."

"Okay, ich geb zu, das klingt etwas ungewöhnlich. Aber hat doch Spaß gemacht, oder?"

"Und wie. Ich hab dir doch gesagt, ich hatte schon lange nicht mehr so viel Spaß."

"Freut mich, dass ich dir etwas helfen konnte. Ich mag es nicht wenn Girls unglücklich sind."

"Du bist süß." Ich legte meine Hand auf Nickys am Lenkrad. Er lächelte mich kurz an, dann konzentrierte er sich wieder voll auf die Straße.

"Na ihr 2?" Mark kam zu uns. "Ich hab deinen Cocktail Nix." Mark stellte Nicky seinen auf den dafür vorgesehenen Platz. War also an alles gedacht worden hier. Ich hatte ehrlich gesagt auch nichts anderes erwartet. Dann wandte sich Mark an mich und lehnte sich an die Tür. "Was hast du eigentlich vor in Berlin?"

"Ich brauchte mal ein bisschen Pause", antwortete ich wahrheitsgemäß. "Meine Tante wohnt in Berlin, da hab ich gedacht ich könnte zu ihr. Für eine Woche oder so. Ich hoff sie ist da, ich kam nämlich nicht mehr dazu sie vorher anzurufen. Aber ich denke schon." Mark nickte. "Geht’s Nicky? Verdammt glatt vom Schnee, was?"

"Das kannst du laut sagen. Aber es geht. Du kennst meinen Fahrstil doch."

"Ja, und ich weiß schon warum Dan immer dich ran lässt." Mark grinste. "Gut, dann lass ich euch zwei noch ein bisschen allein. Sag wenn ich fahren soll, ja?"

"Danke dir, mach ich", antwortete Nicky und Mark verschwand. Nicky und ich unterhielten uns noch eine Weile, bis Daniel wieder kam und das Steuer übernahm. Nicky und ich gesellten uns wieder zu den anderen, die wohl gerade über uns diskutiert hatten, denn augenblicklich waren sie still. Nicky und ich schauten uns an und fingen an zu lachen.

"Da haben sich aber auch 2 gefunden", seufzte Bryan und schüttelte den Kopf.

Die nächsten Stunden vergingen schnell. Ich verstand mich gut mit den Westlifern und unterhielt mich gern mit ihnen. So verging die Zeit, bis es langsam dunkel wurde draußen. Bryan und Nicky hatten ein paar Pizzen warm gemacht. Sie sagten, Pizza hätten sie immer vorrätig, falls sie mal unterwegs wären und keine Zeit hätten sich was zu kaufen. Jetzt saßen wir am Tisch und aßen unsere Pizzen. Dabei unterhielten wir uns, tranken unsere Cocktails, aus dessen Mixerei Kian fast gar nicht mehr rauskam, weil sie einfach so gut schmeckten, und redeten. Mit den Lifern konnte man richtig viel Spaß haben. Entweder stichelten sie sich, oder rissen irgendwelche Witze, oder sie diskutierten über irgendwelche unwichtigen Dinge. Also ich weiß nicht, ob ich es täglich mit ihnen in einem Bus aushalten würde?

Es hatte auch wieder angefangen zu schneien. Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel. Ich schaute ihnen gerne dabei zu, aber das war in Anwesenheit der 5 Chaoten neben mir eh nicht möglich ;-)

Irgendwann, es müsste so gegen 22 Uhr gewesen sein, hörten wir erst einen Fluch aus der Fahrerkabine, dann blieb der Bus mit einem Ruck stehen. Erschrocken schauten wir 6 uns an, dann liefen wir alle nach vorne um zu sehen, was passiert war. Alle hofften wir das gleiche, `bitte kein Unfall!´. Doch wir konnten aufatmen, es war kein Unfall. Aber unbedingt besser war das, was wir sahen, auch nicht.

"Scheiße, ist das viel Schnee!", sprach Shane das aus, was wir alle dachten. Alle starrten wir durchs Fenster auf die Straße. Vor uns stand eine laaange Autoschlange, die gar nicht aufhören wollte. Von hier oben hatte man einen besseren Ausblick, als Nicky und ich gestern in Max, da konnte man einen Stau gut überblicken. Aber der Grund für den Stau war dieses mal nicht ein Unfall. Sondern das Wetter. Die Autos vor uns hatten schon eine dicke Schneeschicht auf ihren Dächern, standen wohl schon etwas länger da. Und es sah auch nicht so aus, als würden sie gleich wieder losfahren.

"Das kann dauern", stöhnte Daniel und lehnte sich in seinem Sitz zurück.

"Scheiße, was machen wir denn jetzt? Das Konzert ist morgen Abend und heute hätte der Soundcheck sein sollen!", bemerkte Kian.

"Ach bis zum Konzert schaffen wir es locker, die Frage ist nur, ob Louis uns bis dahin leben lässt", zweifelte Nicky.

"Dich leben lässt, Nix, dich!"

"Jetzt bin ich Schuld oder was, Bry?"

"Ja wer ist denn aus dem Bus gestürmt? Du oder ich?"

"Danke auch. Ihr seid wirklich gute Freunde. Wollt ihr etwa eure freie Zeit für Konzerte opfern?"

"Nein, aber das hätten wir auch sachlich regeln können!", mischte sich Kian ein.

"Jungs, jetzt kommt. Für den Stau kann Nicky doch wirklich nichts. Und außerdem...", bemerkte Mark, "ich fand gut, dass Nicky das mal ausgesprochen hat was wir eh alle gedacht haben. Ich hab nämlich auch keinen Bock auf weitere 10 Konzerte!"

"Nee, ich auch nich, dann müsste ich nämlich meinen Flug stornieren. Dabei hatte ich mich schon so auf Dubai gefreut... Und ich wollte mit Gill endlich mal ausspannen." Bryan grinste als er Shanes verträumten Blick auffing.

"Louis hat uns nämlich zu fragen bevor er irgendwas festmacht. Schließlich stehen wir dann erschöpft auf der Bühne, und nicht er!"

Nicky stimmte Mark zu. "Das seh ich genau so. WIR müssen entscheiden, ob wir Konzerte geben können, und wie viele. Und Louis weiß, dass wir gerne Konzerte geben, aber irgendwann reicht es."

Bryan und Kian sahen sich an, dann nickten sie. "Ihr habt Recht, tschuldige Nicky." Bryan hielt seinem Freund die Hand hin. Nicky schlug in seine und in Kians ein. "No problem" und grinste.

"Freut mich ja, dass ihr euch einig seid, aber trotzdem ändert das nichts an der Tatsache, dass wir vor morgen Abend, wenn wir Glück haben morgen Nachmittag, in Berlin ankommen!", schaltete sich Daniel ein.

"Gibt es nicht eine Ausweichmöglichkeit? Einfach einen kleinen Umweg? Weiter westlich oder so?", fragte ich.

"Nein, leider nicht. Wir sind schon zu weit auf der Autobahn gefahren."

"Tja, dann bleibt uns wohl nicht anderes übrig als zu warten, dass es aufhört zu schneien und die Straße bald freigeräumt wird", traf Shane den Nagel auf den Kopf.

Daniel seufzte. "Leider ja."

"Okay, Dan, du sagst Bescheid wenn dich jemand ablösen soll..."

"Nicky, Louis bringt mich um wenn er erfährt, dass ich euch habe fahren lassen!"

"Hey, das war eine reine Sparmaßnahmen von ihm! Er kann nicht erwarten, dass du Tag und Nacht ohne Unterbrechung am Steuer sitzt! Und wenn er das nicht versteht kann ich auch nichts dafür."

"Na gut. Ihr habt gewonnen. Aber kein Wort zu Louis!"

"Logisch. Also, Dan du sagst Bescheid. Und was machen wir solange?" Nicky guckte fragend in die Runde.

"Hey, was haltet ihr von Karten spielen?", schlug Bryan vor und wir waren einverstanden. Also setzten wir uns wieder an den Tisch (Kian brachte Dan vorher noch einen Cocktail vorbei) und spielten Karten. Ganz normale Karten, den Strippoker hatte ich Bryan gerade so ausreden können.

"Oh Leute ich kann nicht mehr!", stöhnte ich, schmiss meine Karten vor mich auf den Tisch und lehnte mich zurück in meinen weichen und gemütlichen Sessel. Wie gut sie hier doch ausgestattet waren...

"Da stimm ich dir zu, Laura." Auch Shane legte seine Karten offen auf den Tisch.
"Ich hab auch keine Lust mehr", bemerkte Kian. "Ich verwechsel ja schon Kreuz und Pik!" Und Außerdem werd ich..." Er gähnte herzhaft. "... so langsam müde."

"Kommt, ihr wollt doch nicht aufgeben?! Ein Spiel noch!", rief Bryan, stupste Mark an, der jedoch auch nur ein Kopfschütteln übrig hatte und was einen verzweifelten Blick von Bryan zur Folge hatte, bei dem man fast hätte schwach werden können. Fast...

"Hey weißt du wie lang wir schon spielen? Seit geschlagenen 3 Stunden! Außerdem ist es auch schon halb 12, ich bin hundemüde weil wir alle diese Nacht fast nicht geschlafen haben und ich hab erst ein einziges Mal gewonnen. Da nimmst DU mir übel, dass ICH nicht mehr spielen will?" Kian zog die Augenbrauen hoch.

"Ich kann nichts für deine miese Spieltaktik", wehrte Bryan ab. "Aber ich freu mich ja, dass ich wenigstens mal mit Konkurrenz gespielt habe." Bryan grinste mich an. "Du spielst richtig gut, Laura. Und ich muss immer mit diesen Waschlappen Vorlieb nehmen." Er zwinkerte mir unbemerkt zu. Laute Proteste der "Waschlappen", und Bryans Grinsen wurde nur noch breiter.

"Danke danke, ich fühle mich geehrt. Ich hab früher oft mit meiner Oma Karten gespielt. Sie hat es Leo und... und mir... äh, bei... beigebracht." Ich stockte. Leo... Mein Bruder Leo. Bryan, Mark, Shane und Kian sahen mich verwundert und fragend an. Ich wich ihren neugierigen Blicken aus und senkte den Kopf, sodass keiner in meine Augen sehen konnte. Keiner sollte die Tränen sehen, die jetzt in meinen Augenwinkeln brannten wie Feuer, keiner. Nervös drehte ich den Herz Buben in meinen Händen. Unbemerkt bahnte sich eine Träne einen Weg über meine Wange und tropfte auf die Karte. Ich spürte wie jemand seine Hand auf meine legte und mich so sanft dazu brachte, die Karte auf den Tisch zu legen. Ich brauchte nicht hochzugucken um zu wissen wer es war. Nur einer hatte so einen zarten Händedruck.

Ich hatte plötzlich ein Bild vor mir. Mein kleiner Bruder Leo, wie er auf der Schaukel saß, fröhlich jauchzte und rief, ich solle ihn noch höher anschaukeln. Ich hatte gelacht und in seine strahlenden Augen geschaut. Ich hatte ihm noch nie einen Wunsch abschlagen können.

Jetzt waren die Tränen nicht mehr aufzuhalten. Ich spürte, wie noch eine Träne ihren Weg über meine Wange fand. Und noch eine, und noch eine. Ich zog meine Hand unter Nickys weg und wischte mir energisch die Tränen weg. Ich wollte nicht weinen, nicht jetzt, und nicht hier.

Nickys Hand legte sich auf meine Wange und wischte eine Träne mit dem Daumen weg. Ich konnte regelrecht hören wie die Blicke von Bryan, Mark, Shane und Kian zu Nicky wanderten, dazu brauchte ich auch nicht aufzusehen. Doch Nicky lenkte geschickt ab. "Leute ich glaub, ich muss unbedingt mal unter die Dusche und dann verzieh ich mich in mein Bett. Ich hab noch ein bisschen Schlaf nachzuholen damit ich fit für die Tour bin. Oder Laura, willst du zuerst duschen?" Das, war ein sogenannter Wink mit dem Zaunpfahl. Ich schloss kurz die Augen, atmete tief durch und als ich merkte, wie das Zittern meiner Hände ein wenig nachließ, sah ich ihn an und versuchte zu lächeln. "Ja, ich hab seit gestern Morgen nicht mehr geduscht." Ich tat betont fröhlich, doch ich hätte es genauso gut bleiben lassen können. Keiner nahm mir diese Fröhlichkeit jetzt ab. Trotzdem ließen sie sich nichts anmerken.

"Komm mit, ich zeig dir die Dusche." Nicky zog mich an der Hand vom Stuhl und ging voraus. Hinter sich schloss er die Tür hinter seinen Bandkollegen, die immer noch am Tisch saßen und sich undefinierbare Blicke zuwarfen, während ich alles Nötige aus meiner Tasche, die Mark dekorativ mitten auf dem Gang abgestellt hatte, zusammensuchte. "Scheiße, jetzt hab ich meinen Schlafanzug vergessen", murmelte ich leise als ich auch nach dreifachem Rumgewühle nichts pyjamaähnliches zum Vorschein gebracht hatte.

"Macht nichts, ich find schon was für dich", sagte Nicky. Ich wirbelte herum. "Hast du mich erschreckt", rief ich leise.

"Warum? Ich hab doch das ins-Ohr-pusten weggelassen", lächelte er. Doch dann verwandelte sich sein Gesichtsausdruck in Besorgnis. "Alles klar, Laura? Ich hab nur gedacht, ein bisschen Einsamkeit in unserer westlif’schen Dusche würde dir gut tun."

"Ich weiß, danke Nicky." Ich richtete mich langsam auf, sah meinen Gegenüber aber nicht an. Irgendwie ging es mir schon besser. Das Bild, die Erinnerung war verschwunden. Ich hatte manchmal solche kleinen Anfälle wo ich mich am liebsten irgendwo verkriechen wollte. Aber diese Stimmung konnte genauso schnell verschwinden wie sie gekommen war. "Ich weiß auch nicht was plötzlich in mich gefahren ist, Nicky. Ich..."

"Jetzt rechtfertige dich bloß nicht! Ich weiß wie es ist wenn man einen geliebten Menschen verliert. Die einen werden schneller damit fertig, die anderen brauchen mehr Zeit. Und wenn du mehr Zeit brauchst um den Tod deines Bruders zu verkraften dann ist das vollkommen okay. Und mach dir bloß keinen Kopf wegen den anderen, die mögen vielleicht alle etwas unverständnisvoll aussehen, aber in Wirklichkeit sind sie das gar nicht." Nicky zwinkerte mir zu als er erneut meine Hand nahm und mich durch den Gang führte und schließlich vor einer Tür stehen blieb welche er mit dem Fuß aufstieß. Mit einer theatralischen Handbewegung zeigte er hinein. "Bitteschön, unser bescheidenes Badezimmer." Ich ging hinein und schaute mich um. "Wow." Ich pfiff anerkennend durch die Zähne. Nie würde ich auf die Idee kommen, dass ich mich gerade in einem Tourbus befand. Ich ließ mich auf den Klodeckel sinken. Meine Sachen hatte ich auf meinem Schoß.

"Tja, uns soll’s halt an nichts fehlen", grinste Nicky. "Also, ich lass dich dann mal allein. Was zum anziehen für die Nacht leg ich dir vor die Tür." Nicky wollte schon die Tür hinter sich schließen, da steckte er seinen Kopf nochmal kurz durch den Türspalt. "Vergiss nicht die Tür abzuschließen, die anderen können manchmal sehr neugierig sein." Nicky schmunzelte und machte dir Tür hinter sich zu.

"Nicky?!", rief ich ihm hinterher.

"Ja?" Er zog die Augenbrauen hoch als er nochmal hereinschaute. "Was gibt’s?"

"Warum tust du das alles?" Ich musste ein Stück hochgucken um ihm in die Augen sehen zu können. Nicky schien kurz zu überlegen bevor er die Tür etwas weiter öffnete und sich an den Türrahmen lehnte. "Vielleicht weil ich dich mag Laura." Einen Augenblick passierte nichts, dann lächelte ich. "Auch wenn du’s nicht hören willst: danke. Für alles."

"Kein Problem. Kann ich jetzt gehen oder kann ich noch irgendetwas für Sie tun, Madam?"

Ich lachte: "Hau ab du Spinner!" Und Nicky zog nun endgültig die Tür hinter sich zu. Schwerfällig erhob ich mich vom Klodeckel und schloss die Tür ab. Man konnte ja schließlich nie wissen.

Dann zog ich mir meine Klamotten aus und stellte mich unter die – meiner Meinung nach schon – Luxus-Dusche. Ich schloss die Augen und genoss das Gefühl des warmen Wassers auf meiner Haut. Doch sobald ich sie geschlossen hatte, tauchte dieses Bild vor meinem inneren Auge auf. Das Bild meines Bruders, als ich an seinem Bett gesessen hatte, seine Hand in meiner und wie ich tatenlos hatte zusehen müssen, wie er einschlief. Für immer einschlief.

Ich seufzte als mein Blick den Spiegel über dem Waschbecken streifte. Ich hatte die letzten 15 Minuten unter der Dusche verbracht, bis mir bewusst geworden war, dass ich den Wasserverbrauch der 5 Herren gerade ziemlich steigerte.

Ich stieg aus der durchsichtigen Duschkabine und schnappte mir eines der schneeweißen Handtücher vom Haken. Dabei fiel mein Blick auf ein rotes Handtuch. Ich hob es ein Stück an und konnte einen Winnie Pooh erkennen. Ein Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Diese Kindsköpfe....

"Ich bring’s ihr, gib her!", höre ich gedämpfte Stimmen durch die Tür als ich mir mit der Bürste durch die nassen Haare fuhr.

"Nein, schließlich ist es von meiner Frau, und nicht von deiner!... Du hast ja auch gar keine." Jemand lachte.

"Gott Jungs, macht doch nicht so einen Aufstand. Wir legen’s vor die Tür oder willst du da jetzt reinplatzen Egan?! Von dir McF red ich doch gar nicht."

"Musst du mich immer schlechter machen als ich bin? Ich dachte wir Dubs halten zusammen?!"

"Netter Versuch Bryan, das tun wir ja auch. Aber Laura lasst ihr in Ruhe! Beide!" Nickys Stimme hatte einen scharfen Unterton bekommen. Und flüsternd fügte er ein: "Sie hat genug durchgemacht" hinzu.

Ich lächelte und knotete das Handtuch um meinen Körper. Nicky war ein Schatz.

Dann versuchte ich, durch ein Augenreiben, meine verweinten Augen zu touchieren. Ich drückte die Türklinke herunter und öffnete die Tür. Vor mir standen Kian, Bryan und Nicky. Kian und Bryan, die jeder einen Zipfel eines blauen Etwas in der Hand hielten, musterten mich eingehend von Kopf bis Fuß. Kian pfiff sogar leise durch die Zähne... Männer eben.

Nicky war der Einzige, der mir in die Augen schaute. Tief, viel zu tief. Sein Blick fragte: "Hast du geweint?". Nein, sein Blick wusste: "Du hast geweint."

Entschuldigung, ich muss mich korrigieren, Nicky war der Einzige, der mir zuerst in die Augen schaute... und es dann erst seinen Freunden gleich tat.

Ich blinzelte. So viel zum Thema verweinte Augen touchieren. Ich lächelte Nicky zu und schüttelte den Kopf. Er verstand und lächelte ebenfalls. Dann schaute ich an Bryan und Kian vorbei, zu Mark und Shane, die im Türrahmen des "Wohnzimmers" lehnten und abwehrend die Hände hoben. "Wir haben damit...", Mark zeigte in die Richtung der 3, "...nichts zu tun." Allerdings tat er das mit der falschen Hand. Hätte Shane nicht rechtzeitig Marks Arm gefasst, wäre der Inhalt dessen Glases einen Moment später auf dem Boden vor sich hingeplätschert. Kians Cocktail schien großen Anklang gefunden zu haben.

Ich lachte leise. Dann sagte Nicky: "Hier Laura, mit Bryans tatkräftiger Unterstützung hab ich was für dich gefunden..." Er schmunzelte während er das sagte und auf das blaue Etwas in den Händen seiner Freunde zeigte.

"Yep, ist von meiner Frau, Laura", erklärte Bryan. "Sie hat es mal hier vergessen. Ihr steht es unheimlich gut. Sie hat aber sicherlich nichts dagegen, wenn du es dir mal ausleihst."

Ich nahm das Nachthemd entgegen, das Kian mir entgegen hielt. Das war wirklich sehr hübsch, aber ebenfalls sehr, nun ja, wie soll man sagen, luftig...?

Nicky bemerkte meinen Blick und grinste: "Sorry, aber etwas anderes wollten wir nicht finden."

"Oh eure Bereitschaft schmeichelt mir." Lachend schüttelte ich den Kopf. Männer waren eben doch allesamt gleich.

"Aber ihr wollt doch jetzt nicht etwa schon schlafen? Ich dachte wir gucken noch meine Rose?!", schaltete sich Mark ein. Verwirrt sah ich zu ihm. Was wollte er?

Bryan lachte. "Ja ja, du und deine Rose..." Und zu mir gewandt meinte er: "Er meint die aus Titanic, Kate Winslet. Der hat sich in die verknallt."

"Hab ich nicht!"

"Hast du doch!"

"Hab ich nicht... Gucken wir jetzt?"

"Hast du Lust mitzuschauen? Titanic, den Kinofilm?", fragte mich nun Nicky. Aha, das war also los. "Ja, warum nicht. Dann zieh ich dieses entzückende Nachthemd später an." Ich lachte als ich Kians Gesichtsausdruck sah.

"Gut, dann ziehst du dich jetzt an, bevor Kian gleich die Augen rausfallen, und ich besetz dir einen Platz vorm Fernseher, okay? Nur der beste wird wahrscheinlich schon von Mark besetzt sein..." Den beleidigten Protest von Mark überhörte er gekonnt.

"Ok." Ich nickte und lächelte ihm zu bevor ich wieder die Tür hinter mir schloss und begann mich umzuziehen.

"Mark, wenn du deinen reizenden Kopf mal etwas zur Seite bewegen würdest, würden auch wir was sehen", war das erste was ich aus dem, von Bryan benannten "Chilling Room", zu hören bekam als ich meine Haare zusammenknotend den Raum betrat.

"Ach da bist du ja Laura. Mark wird schon ganz hibbelig."

"McFadden, könntest du bitte mal mit deinen blöden Sprüchen aufhören?", entgegnete Mark genervt und ließ sich zwischen Nicky und Shane auf die Couch fallen. Ich musste schmunzeln, denn dass diese Männer wirklich ausgewachsene Männer sein sollten konnte ich immer noch nicht ganz glauben.

"Möchtest du etwas trinken Laura?", hörte ich darauf eine Stimme, die ich Kian zuordnete, und nach einem kurzen Blick in die Runde bemerkte ich auch, dass Kian fehlte. Aber bei so vielen gutaussehenden Männern sollte mal einer durchblicken...

"Gerne", rief ich in die angenommene Richtung.

"Was denn?"

"Ähm... ach, irgendwas."

"Ist gut!"

Nachdem der Knoten in meinem Haar endlich fest saß ging ich zu den 4 Herren auf der Couch vorm Fernseher.

"Süße, Bryan hat sich breit gemacht", meinte Nicky und schaute unschuldig zu mir hoch, "kannst dich aber auf meinen Schoß setzen." Auffordernd klopfte er auf seine Knie und sein Blick wurde fast noch unschuldiger. Da Bryan es sich laut seufzend nur noch bequemer auf seinem Platz machte und somit den letzten freien Fleck für sich vereinnahmte und Shane dazu veranlasste noch ein Stück mehr Sicherheitsabstand zu nehmen, willigte ich ein und setzte mich vorsichtig auf Nickys Schoß. Der zwinkerte mir zu womit er sich nur einen liebevollen Stoß von mir in den Oberarm einhandelte.

"Volià, ihr Drink Madame!" Kian wedelte mit einem Glas vor meiner Nase herum.

"Oh, dankeschön!" Ich nahm ihm das Glas aus der Hand und warf einen kritischen Blick hinein. "Darf ich fragen was das ist?"

"Nee", antwortete er seelenruhig und ignorierte, dass zwischen Bryan und Shane eigentlich kein Platz mehr war und ließ sich rücklings zwischen die beiden fallen.

"Hey!"

"Autsch!"

"Sorry!"

"Habt ihr’s bald?", stöhnte Mark und drehte ungeduldig die Fernbedienung in seinen Händen.

"Ist gut Kumpel", entgegnete Nicky, "mach an, aber bitte, behalt deine schmutzigen Gedanken, wenn Rose auftaucht für dich, ja?"

Mark ignorierte diese Bemerkung, drückte auf >Play< und legte die Fernbedienung vor sich auf den Tisch. Dann verschränkte er beleidigt die Arme vor der Brust. "5 gegen 1, das find ich unfair." Allgemeines Gegrinse der Lifer. Nur ich beugte mich zu Mark rüber und flüsterte leise: "4 gegen 2, ich find Leo nämlich voll süß." Mark grinste verschmitzt von einem Ohr bis zum anderen und schaute triumphierend zum Rest seiner Band. Nicky schüttelte den Kopf. "Dieser alte Schleimbeutel-di-Caprio?!"

"Sag lieber nix", lachte ich, "ich finde, der hat äußerlich ein bisschen Ähnlichkeit mit dir."

"Ach findest du?" Übertrieben fuhr er sich durch die Haare. "Ich find Leonardo die Caprio auch unheimlich attraktiv."

"Psst! Es fängt an!", rief Mark. Ich zwinkerte Nicky als Antwort nur zu. Der stupste mir leicht auf die Nase, legte dann seine Arme um meinen Bauch und ich lehnte mich vorsichtig an ihn und genoss den Film.

"Ach das war ja wieder schön", sagte Kian ironisch und erhob sich von der Couch. Dann drehte er sich zu uns um und seine Augen weiteten sich. Während im Hintergrund noch der Abspann lief, schweifte sein Blick von der linken Ecke der Couch zur rechten und wieder zurück. "Ach du meine Güte", stöhnte er und schüttelte ungläubig den Kopf. Der Grund? Bryan und Shane hatten eine Schachtel Taschentücher auf ihren Knien und zogen immer abwechselnd ein Taschentuch heraus. Mark und ich hatten die Hand des anderen seit der Szene, in der Leo alias Jack untergegangen war, nicht mehr losgelassen und uns beiden rollte eine Träne über die Wange als wir gebannt auf den Fernseher starrten. Mein Kopf lehnte an Nickys Schulter und Nicky selbst schluckte unaufhörlich und versuchte die Träne wegzublinzeln, die in seinem Auge funkelte.

"Ich fass es nicht, Jungs!", rief Kian, doch als Bryan ihn nur verstört anschaute, schüttelte Kian nur noch einmal den Kopf und sagte leise: "Was hab ich mir da nur für Waschlappen angelacht..."

Dann wurde der Bildschirm schwarz und ich seufzte einmal und stand auf. Als ich die anderen sah musste ich unwillkürlich grinsen, der Anblick wie sich jeder an jeden klammerte war einfach zu süß. Besonders Bryan, der Shanes Arm anscheinend gar nicht mehr loslassen wollte.

Kian warf einen Blick auf seine Armbanduhr und erschrak: "Scheiße, wisst ihr wie spät es ist? Schon nach 3! Louis bringt uns um, wir haben morgen Abend ein Konzert!"

"Jetzt mach mal keine Panik Ki, du willst ja nur, dass Laura das Nachthemd von Kerry anzieht", meinte Nicky und stand schwerfällig von der Couch auf. Kian funkelte Nicky wütend an, der dafür nur ein Schulterzucken übrig hatte und Mark an der Hand hochzog.

"Feehily, das war doch nur ein Film", sagte er verzweifelt zu ihm.

"Weiß ich doch aber..." Mark schneuzte in sein Taschentuch, "aber der ist immer wieder aufs neue traurig..."

Kian seufzte und schob Mark Richtung Tür. "Ich weiß ja nicht was ihr noch vorhabt, aber ich muss ins Bett. Morgen haben wir auch noch ein Fotoshooting, und ihr wisst wie unvorteilhaft ich auf Fotos aussehe, wenn ich nicht ausgeschlafen bin..."

"Ich sehe auf Fotos zwar immer gut aus, egal ob ausgeschlafen oder nicht, gehe aber trotzdem ins Bett", grinste Nicky und schlurfte zur Tür. "Nix da Nix, das Bad krieg ich zuerst!", rief Kian und rannte los. Nicky hinterher und nur an dem Gefluche kurze Zeit später konnte man erkennen wer zu spät gewesen war: Nicky.

"Wow..."

"Huiuiui." Bryan pfiff anerkennend durch die Zähne während Kian sich auf ein weiteres "Wow" beschränkte.

"Also ich find das Ding ja nach wie vor etwas..." Unaufhörlich zupfte in an meinem geliehenen Bekleidungsstück für diese Nacht herum als ich etwas hilflos im Türrahmes stand und zu den Jungs schaute. Kian hatte seine Jeans in den Händen. Wahrscheinlich hatte er vorgehabt sie achtlos in irgendeine Ecke zu verbannen um sie dann am nächsten Morgen zu suchen. Shane saß aufrecht unter der Decke in seinem Bett und rieb sich leise fluchend den Kopf, den er sich am Bett oben dran gestoßen hatte. Nicky und Bryan hielten in ihrer, dem Anschein nach, wilden Diskussion inne und Mark saß in seinem Bett und schaute schüchtern wieder auf das Display seines Handys nachdem er einen kurzen Blick zu mir riskiert hatte.

"Ach Laura, ich finde du siehst bezaubernd aus", grinste Kian schelmisch und legte seine Jeans über die Stuhllehne.

"Oh danke, freut mich, dass es dir gefällt", erwiderte ich sarkastisch und versuchte das Nachthemd etwas in die Länge zu ziehen... vergeblich. "Sag mal Bryan, das zieht deine Frau wirklich regelmäßig an?"

"Nun ja, würde sie das tun wäre es ja nicht hier..."

"Aha... ähm, ich würde mich jetzt gerne unter irgendeine Bettdecke verkriechen..."

"Kannst du auch gleich, wenn diese 4 hier nicht so stur wären!" Nicky warf einen vorwurfsvollen Blick in Richtung seiner Freunde.

"Gibt’s ein Problem? Ich hab doch gesagt, ich find wo anders..."

"Laura!"

"Ja sorry..."

"Nein, es ist nur, dass die nicht mal für eine, für eine einzige Nacht, mit mir das Bett teilen wollen!"

"Ja wir sind doch nicht lebensmüde!", wehrte Bryan ab. "Wäre Laura 2 Monate später aufgetaucht hätten wir den neuen Tourbus gehabt und genug Betten übrig, aber jetzt? Ich mit meinem Kumpel in einem Bett, soweit kommt’s noch!"

"Och Bryan..."

"Nix da, und lass deinen Hundeblick, der zieht bei mir nicht!"

"Ihr seid so blöd!"

"Nix, ich versteh gar nicht wo dein Problem liegt", versuchte Shane zu schlichten, "teil dir doch mit Laura dein Bett, ihr seid doch nur gute Freunde, dann dürfte das doch nun wirklich kein Problem sein..." Sein verstecktes Grinsen war trotzdem nicht zu übersehen.

"Ach daher weht der Wind." Allwissend schüttelte ich den Kopf. "Nicky, die wollen uns hier nur in Verlegenheit bringen! Die denken, wir würden es nicht schaffen, in einem Bett zu liegen und die Hände bei uns zu lassen!"

"Laura, nicht so direkt", zwinkerte Nicky mir zu. Ich grinste. "Na wir haben das doch schon eine Nacht geschafft, wieso nicht jetzt auch?"

"Ihr habt was?!", kam es von allen Seiten. Die Nacht ein einem gemeinsamen Bett in einem gemeinsamen Hotelzimmer war nämlich eines der Details gewesen, die wir bei unserer Erzählung verschwiegen hatten.

"Och, nicht der Rede wert. Nicky, welches dieser entzückenden Betten ist deines?"

"Links unten."

"Wand oder außen?"

"Außen, nicht, dass du mir noch rausfällst!"

"Ok." Die offenen Münder von Kian, Mark, Shane und besonders Bryan ignorierten wir und krochen in Nickys Bett.

"Gute Nacht!", sagte ich und machte es mir unter der Bettdecke bequem. Davon hatten wir nämlich 2. Nicky legte sich neben mich und rüttelte seine Decke zurecht.

"Nacht", murmelte Bryan und stieg in sein Bett. Er besaß nämlich das über Shane, gegenüber von Nicky und mir. Über uns Kian und neben uns Mark. Wenig später war es ruhig... und immer noch hell. "Wer hat denn diesmal vergessen das Licht auszumachen?"

"Ich war’s nicht Ki, Bryan war’s, der war letzter!", antwortete Mark und bekam einen giftigen Blick von Bryan zugeworfen.

"Jetzt sagt nicht ich muss hier nochmal runter, ihr wisst doch, dass das immer son Aufstand ist...", grummelte Bryan, doch alles half nichts, er musste nochmal runter. Schwerfällig kletterte er aus seinem Bett, drückte den Lichtschalter am anderen Ende des Raumes und schlurfte dann wieder zurück. "Autsch!", war das letzte was man hörte. Dann war Ruhe.

"Gute Nacht Laura", flüsterte Nicky mir zu und auch im Dunkeln konnte ich ein Lächeln erkennen.

"Rrrrr.... rrrrrrrr..."

"Bryan, halt endlich die Klappe!" Ein scharfer Luftzug ging an unserem Bett vorbei. Es war Kian der ein Kissen zu Bryan geschmissen hatte.

"Was denn?", murmelte Bryan, drehte sich in seinem Bett um und schlief leise weiter.

Zum wiederholten Male drehte ich mich von einer Seite auf die andere. "Kannst du auch nicht schlafen?", hörte ich eine Stimme neben mir flüstern.

"Nee", flüsterte ich zurück.

"Ich auch nicht."

"Ich überleg schon die ganze Zeit was deine Fans mit mir anstellen würden, wenn sie wüssten, dass ich gerade schon wieder mit dir in einem Bett liege", lachte ich leise, um die anderen nicht zu wecken.

"Die Vorstellung allein wäre lustig, meine Fans wären da sicher sehr einfallsreich."

"Nein Nicky, ich meine das ernst, was ist denn mit deiner Freundin? Die würde mich umbringen!"

"Ja das ist ja noch gar kein Vergleich zu dem, was mit mir passieren würde. Dein Freund hat sicherlich ein paar Muskeln mehr als meine Georgina", seufzte Nicky.

"Da kennst du aber meinen Tim schlecht." Vorsichtig drehte ich mich wieder auf die andere Seite zu Nicky und stütze mein Kinn auf meine Hände. Nicky legte sich auf die Seite und schaute mich an. "Wieso? Ist das etwa so ein Weichei?"

"Weichei? Ganz bestimmt nicht. Aber trotzdem..."

"Also kein Vergleich zu mir...", stellte Nicky selbstgefällig fest.

"Hey du alter Angeber!" Lachend knuffte ich ihn in die Seite. Doch mein Lachen verstummte als ich ihm in seine Augen sah. Ich weiß nicht was mir in dem Augenblick durch den Kopf ging, aber...

"Nicky, ich..." Weiter kam ich nicht. Hätte ich es gewollt, dann vielleicht. Aber hatte ich es gewollt?

Vorsichtig nahm Nicky meinen Kopf in seine Hände und unsere Lippen kamen denen des anderen immer näher. Es war zu spät um für jeglichen Widerstand zu sorgen, deshalb schloss ich einfach nur meine Augen und genoss das Gefühl wie ich wenig später seine warmen Lippen auf meinen spürte. Nicky küsste mich zurückhaltend, ohne einen Anflug von Forderung oder Drang. Es war ein wunderschönes Gefühl seinen heißen Atem zu spüren, seine Finger, wie sie sanft die Konturen meines Gesichts nachfuhren... Ohne Eile strich er mir eine Haarsträhne hinter die Ohren, und ohne Eile nahm er mich fester in seinen Arm... Ich erwiderte seinen Kuss, mit so viel Gefühl, wie ich es schon lange nicht mehr getan hatte. Doch fast gleichzeitig wie er in seinem Kuss innehielt, löste ich mich von ihm.

Verlegen ließ Nicky mich los und kratze sich am Kopf. "Es tut mir Leid, ich... ich wollte das nicht..."

"Schon gut, ich war es schließlich genauso..." Seufzend legte ich mich auf den Rücken und starrte an die Decke. Die Decke des Bettes oben dran.

"Ich schätze das hätte nicht passieren dürfen, was?", fragte Nicky leise und ich spürte, wie auch er sich auf den Rücken legte und einmal tief durchatmete.

"Nein, eigentlich nicht, denn jetzt haben deine Freunde auch noch Recht gehabt." Ein verzweifelter Versuch meinerseits die Lage zu entschärfen.

"Stimmt." Nicky legte seinen Kopf zur Seite und grinste mich an. Dann wurde er wieder ernst. "Was machen wir denn jetzt?", fragte er ratlos.

"Hm, vielleicht vergessen?", schlug ich vor und sah zur Seite. Ich konnte die Silhouette seines Körpers erkennen. Er war schon ein Traumtyp dieser Nicky Byrne, aber nicht mein Traumtyp, denn den hatte ich schon längst gefunden. "Ich liebe Tim nämlich", sprach ich meine Gedanken aus, leise, denn ich hatte Angst Nicky könnte sich vor den Kopf gestoßen fühlen. Schließlich hatte ich seinen Kuss erwidert...

"Ich liebe meine Gina doch auch. Also, nicht schlecht die Idee. Vergessen?"

"Vergessen." Ich schlug in seine ausgestreckte Hand ein und zog meine Decke bis ans Kinn.

"Gute Nacht Nicky."

"Nacht Laura." Er drehte sich auf die Seite und schloss die Augen. "Ach Laura?"

"Hm?"

"Darf ich dir was sagen?"

"Yep."

"Du küsst unheimlich gut!"

"Oh du ewiger Charmeur!", lachte ich.

"Danke, danke."

"Sag mal, ist es bei euch im Bus immer so kalt?"

"Nee, nur seitdem man die Heizung nicht mehr ganz aufdrehen kann. Komm mal her." Nicky zog mich zu sich ran und legte seinen Arm um meine Schulter.

"Willst du mich irgendwie provozieren?", fragte ich und schaute zu ihm hoch.

"Nee, wieso denn?"

"Hab nur so gedacht". Ich kuschelte mich an seine Schulter und wenig später schliefen wir beide tief und fest.

"Jungs, raus aus den Federn, es ist 10!"

"Daniel, halt die Klappe", maulte Shane und zog die Bettdecke über den Kopf als Daniel das Licht anmachte.

"Ruhe ihr beiden", zischte Bryan, der vor Nickys und meinem Bett stand und Daniel und Shane zu sich heranwinkte.

"Oh nein Bryan, tu was du nicht lassen kannst aber lasst mich da raus. Ich bin nur der Busfahrer!" Damit verließ er auf dem schnellsten Weg den Raum.

"Langweiler", murrte Bryan und widmete sich dann wieder dem kleinen Vorhang vor Nickys Bett. "Ich will doch nur gucken ob er sie im Arm hält, dann sind sie nämlich zusammen. So leicht führen die mich hier nicht hinter’s Licht, ich bin ja nicht blöd."

"Nee Bry, gar nicht."

"Ki halt den Mund." Bryan ließ sich nicht beirren und riskierte einen vorsichtigen Blick hinter den Vorhang, der an jedem Bett angebracht war und das Licht abhalten sollte. Dann nickte er zufrieden und zog ihn wieder zu. "Ich hab’s euch doch gesagt, da läuft was zwischen denen. Nicky hält Laura im Arm!"

"Bryan, das muss doch gar nix heißen", entgegnete Shane. "Und könntest du jetzt vielleicht mal still sein? Du warst nämlich derjenige der heute Nacht geschnarcht hat und ich deswegen kaum geschlafen habe!"

"Guten Morgen Laura", flüsterte Nicky leise, sodass die anderen nichts hören konnten und rüttelte sacht an meiner Schulter.

"Schon Morgen?", fragte ich verschlafen und rieb meine Augen, die ich mit Mühe und Not geöffnet hatte.

"Ja. Wach werden, Süße." Er zog den Vorhang zur Seite und setzte sich augenreibend auf den Bettrand. "Morgen Jungs", gähnte er herzhaft und streckte sich ausgiebig. Ich nahm das als Anlass mich auf die andere Seite zu drehen, mich in meine Decke einzumummeln und weiterzuschlafen.

"Morgen Nix, na, gut geschlafen?"

"Oh ja, und wie", grinste Nicky Bryan an, der skeptisch die Augenbrauen hochzog. "Ach komm, ich weiß doch was du denkst. Zwischen Laura und mir läuft nix und wird auch nie etwas laufen. Und ist auch nie etwas gelaufen!" Nicky nickte nachdrücklich und lobte sich innerlich: `Na das klang doch mal richtig überzeugend!´ Dann machte er sich auf den Weg ins Bad.

"Vergiss es Byrne, Ki ist drin", kam es unter der Bettdecke von Mark hervor. Nicky knurrte und raufte sich durch die Haare. "Wieso ist der Typ jedes Mal schneller als ich?!, murmelte er leise vor sich hin als er sich auf die Kante seines Betts setzte, die unter seinem Gewicht leise knarrte und mich nun endgültig wach werden ließ.

"Na du kleine Schlafmütze?", neckte Nicky und stupste mir sanft auf die Nase.

"Ich bin keine Schlafmütze, und schon gar nicht klein", rechtfertigte ich mich und setzte mich mit einem Ruck auf. "Autsch!"

Nicky lachte. "Tröste dich, jeder stößt sich mal den Kopf am Bett oben dran an."

"Das beruhigt mich ungemein weißt du das? Aua."

"Soll ich pusten?"

"Nee, lass mal gut sein", lachte ich. "Sag mal, wie viele Frauen stoßen sich hier bei dir denn so den Kopf an?"

"Laura, du wirst doch nicht etwa neugierig sein?"

"Ich??", rief ich betont unschuldig.

Nicky grinste. "Also wenn ich es mir recht überlege, hat in dem Bus eigentlich noch keine bei mir genächtigt. Doch Molly, aber die ist zu klein um sich den Kopf anzustoßen. Sie konnte hier drin ja sogar noch stehen! Aber bald haben wir ja unseren neuen Bus, da touren wir dann mit Kind und Kegel."

Ich schmunzelte bei der bildlichen Vorstellung, dann war hier ja richtig was los! "Guten Morgen!", rief ich dann den anderen Jungs zu.

"Morgen", kam es 3-stimmig zurück. Ich war beeindruckt, sogar ein "Morgen" hörte sich bei denen schon gut an!

"Laura", sagte Bryan, "falls du dich jetzt fragst warum meine Tochter Molly nicht bei mir geschlafen hat, der liebe Nicky war der Meinung ich würde meine eigene Tochter nachts aus dem Bett schmeißen, weil ich ja angeblich immer so unruhig schlafen würde. Da hat er Molly gekidnappt und in sein Bett gelegt. Das habe ich ihm bis heute nicht verziehen." Bryan warf Nicky einen giftigen Blick zu während er wieder in sein Bett kletterte.

"Es war nur zu Mollys Sicherheit, und außerdem ist das zu süß wenn sie ihren Daumen im Mund hat und friedlich schläft."

"Ist ja gut, Ruhe jetzt", murmelte Shane genervt und vergrub seinen Kopf unter dem Kissen.

"Sagt mal irre ich mich oder stehen wir?" Mark streckte seinen Kopf unter der Decke hervor und sah die anderen fragend an. Als er meinem Blick begegnete, lächelte er mich an. Ich lächelte zurück.

"Ich glaub wir stehen", antwortete Bryan, der es sich in seinem Bett bequem gemacht hatte und, wie alle, auf Kian und ein freies Badezimmer wartete. "Aber wieso?"

"Das ist mir scheißegal", kam eine gedämpfte Stimme von Shane unterm Kissen.

"Vielleicht gab’s n Gewitter oder so?", meinte Mark und ignorierte Shane einfach.

"Oder einen Stau oder so", schaltete sich Nicky ein und zuckte die Schultern. "Egan, mach hin!", fügte er mit lauter Stimme hinzu. Kein Kommentar.

"Bryan, geh doch einfach zu Dan und frag ihn, aber lasst mich in Ruhe. Mensch!" Shane verschwand wieder unter seinem Kissen.

"Bitte?! Ich kletter doch jetzt hier nicht nochmal runter!" Allgemeines Gestöhne von Mark, Shane und Nicky und ein Schulterzucken von Bryan. Dann rief er durch den halben Bus: "Daaaan?!" Shane verschwand nun endgültig unter seiner Bettdecke und Nicky verzog schmerzhaft das Gesicht.

"Ist was passiert?" Plötzlich stand Daniel in der Tür und schaute besorgt zu seinen Schützlingen. "Ist jemand aus dem Bett gefallen? Nee, Bryan sitzt noch oben. Ist jemand krank? Heiser? Oh Gott nicht auszudenken!"

"Dan, alles ok, wir wollten nur wissen warum wir stehen und nicht fahren", beruhigte Nicky und Dan atmete auf. "Na Gott sei Dank, ich hab schon gedacht als Bryan so geschrieen hat... Habt ihr denn noch nicht aus dem Fenster geguckt? Dann macht das mal. Ach übrigens, guten Morgen Laura." Er zwinkerte mir zu und verschwand wieder. Nun war Bryan als erster aus dem Bett, mit Hilfe eines mehr oder weniger eleganten Sprungs von der 4. Stufe, und schob die Vorhänge zur Seite. "Ach du heilige Scheiße", rief er. Nun wurden auch die anderen neugierig und schälten sich aus ihren Betten. Ich ebenfalls, und auch Shane sah plötzlich wach aus. Na ja, fast zumindest...

Zu 5. standen wir am Fenster und trauten unseren Augen nicht.

"Snow is falling", sang Mark leise und bemerkte dann trocken: "Tja, ich schätze wir sind eingeschneit."

Alles um uns herum war weiß. Soweit man das beurteilen konnte standen wir auf einem Parkplatz. Die kleinen Berge um uns herum ließen sich als eingeschneite Autos identifizieren.

Nicky schaute auf den Boden und schüttelte langsam den Kopf. "Louis bringt mich um..."

"Darauf kannst du dich verlassen", entgegnete Mark und suchte sich schon mal seine Klamotten zusammen. Shane nickte zustimmend und tat es ihm gleich. Bryan gab auch noch seinen Senf dazu: "Ich such dir auch einen schönen Grabstein aus." Nicky schlug Bryans Hand von seiner Schulter und stützte sich auf die Fensterbank.

"Hey", flüsterte ich ihm ins Ohr und legte meinen Kopf an seine Schulter und sah hinaus. "Wird schon nicht so schlimm werden, bis heute Abend seit ihr da und könnt auftreten. Und sonst erklär ich deinem Manager das.."

"Aber du hast doch gar keine Schuld, ich bin doch einfach aus dem Bus ausgestiegen. Und du kennst Louis nicht, der reißt mir den Kopf ab, und das noch vor der Show." Er seufzte, legte seine Hand auf meine und ließ seinen Blick über den weißen Schnee schweifen.

"Seht ihr, seht ihr?!", raunte Bryan Shane und Mark zu und nickte in Nickys und meine Richtung. Die beiden sahen sich nur kurz an, zogen genervt die Augenbrauen hoch und winkten ab.

"Der Nächste bitte", rief da Kian betont fröhlich und kam zur Tür herein.

Nicky lächelte mir noch einmal zu und drehte sich dann zu Kian um. "Na, auch mal fertig? Deine Frisur sieht wie immer unübertrefflich aus." Kian grinste nur. Nicky schnappte sich schnell seine Jeans und ein T-Shirt und wollte sich schon auf den Weg ins Bad machen... "Nicky?", hielt Kian ihn zurück, "willst du nicht erst Laura lassen?"

Sofort hielt Nicky an. "Ach so, na klar, tschuldigung..."

"Nein lass, geh du, ist doch egal."

"Wirklich?"

Ich nickte.

"Sicher?"

"Ja doch", lachte ich und Nicky verschwand im Bad.

"So Laura, jetzt mal unter uns Männern", begann Bryan und schubste mich sanft auf den nächsten Stuhl.

"Ich bin kein Mann." Skeptisch zog ich die Augenbrauen hoch.

"Ja, aber wir... ach, ist doch egal." Bryan zog sich einen Stuhl heran und setzte sich mir gegenüber. Hinter ihm standen Mark, Kian und Shane, die Arme vor der Brust verschränkt und einem breiten Grinsen im Gesicht. 3 Engel für Nicky... oder so... Ganz links Mark, in langem grauen Pulli und roten Boxershorts, in der Mitte Kian in Jeans und Hemd, und rechts Shane, in schwarzen Boxershorts und weißem T-Shirt. Was für ein Kontrast... Ich musste mich bemühen Bryan möglichst ernst anzuschauen was bei dem Hintergrund nicht einfach war. "Was gibt’s?", fragte ich und stütze meine Ellenbogen auf die Knie. Erwartungsvoll sah ich von Bryan zu den anderen und wieder zurück. Keine Antwort. Warum guckten die denn plötzlich alle so... intensiv? Verdutzt schaute ich an mir herunter... Dann setzte ich mich blitzschnell aufrecht hin und verschränkte die Arme vor der Brust. "Ihr Männer seid doch alle gleich," stöhnte ich und nun richtete sich Bryans Blick auch wieder auf meine Augen.

"Also Laura", fing er nochmal an, da er sich wohl wieder an sein eigentliches Vorhaben erinnert hatte. "Was läuft zwischen dir und Nicky?"

Ich hatte schon das "N" eines "Nichts" herausgebracht, da wurde ich schon von Bryan unterbrochen. "Sag jetzt nichts nicht, äh, nicht nichts, ich weiß, dass ihr was miteinander habt. Einen Bryan McFadden führt keiner so schnell hinters Licht."

"Außer es ist dunkel", erwiderte ich trocken. Bryans Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein Fragezeichen. "Hä?" Hinter ihm kriegte sich Shane schon nicht mehr ein vor Lachen und Kian und Mark erging es auch nicht besser. Als ich die 3 so sah wie sie verzweifelt versuchten nicht laut loszulachen lag auch mir ein Schmunzeln auf dem Gesicht, doch ich beherrschte mich und lauschte Bryans weiteren Ausführungen.

"Äh ja...", stotterte Bryan, sichtlich verwirrt. "Also was ich eigentlich sagen wollte, ich weiß, dass ihr was miteinander habt, und wir das nur nicht wissen sollen, damit wir Georgina nix erzählen und ihr beiden euch weiter heimlich treffen könnt und... und...

"Was und? Bryan, sprich ruhig." Ich nickte aufmunternd und sah ihn ernst an.

Shane lag schon fast auf dem Boden vor Lachen... Na ja, wenigstens war er jetzt wach.

"Und... Laura guck doch nicht so, ich weiß, dass zwischen euch was läuft! Ich kenn Nicky lang genug um zu spüren, zu welcher Frau er sich hingezogen fühlt und zu welcher nicht!" Jetzt war es Kian, der sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischte und sich köstlichst über Bryan amüsierte.

"Ach ja? Und du meinst zu spüren, dass Nicky sich zu mir hingezogen fühlt." Das konnte ja noch interessant werden!

"Ja. Jetzt sagt doch auch mal was!" Bryan drehte sich zu seinen Freunden um, die plötzlich kerzengerade da standen und einen todernsten Gesichtsausdruck machten. Bryan nickte zufrieden und wandte sich wieder mir zu, was Mark, Shane und Kian als weiteren Anlass nahmen... Wenn die 3 so weitermachten würden sie gleich unterm Tisch liegen...

"Laura, du lagst heute Morgen in Nickys Arm, das ist doch wohl Beweis genug, und wehe du leugnest jetzt nochmal!"

"Bryan, woher weißt du denn, dass ich in Nickys Armen lag?" Langsam erhob ich mich und baute mich vor Bryan auf. Bryan wurde rot und schaute verlegen auf seine Füße. "Na ja...!"

"Du hast doch nicht etwa..." Er wurde immer kleiner. Gespielt verärgert schaute ich auf ihn herab. "Tz tz... Da können Nicky und ich ja noch froh sein, dass du erst heute Morgen geguckt hast, nicht auszudenken wenn du heute Nacht..." Nun konnte auch ich mir ein Schmunzeln nicht mehr verkneifen. Gott sei Dank schaute Bryan immernoch betreten auf den Boden, sonst wäre ich schon längst aufgeflogen. Jetzt wussten auch Mark, Kian und Shane, die kurzzeitig genauso geschockt geguckt hatten wie Bryan, dass ich nur so tat um Bryan ein bisschen zu verwirren. Mark zwinkerte mir zu und Shane zeigte mir den erhobenen Daumen.

Bryans Kopf schnellte nach oben und sah mir verdutzt in die Augen. "Ihr... ihr habt..."

"Ja und es war wunderschön. Weißt du, Nicky ist ja so einfühlsam. So sanft und zärtlich, ein Traumtyp..." Theatralisch seufzte ich. Bryan schluckte. "Ich... ich..."

"Tja, schade, dass du keine Frau bist, dann würdest du vielleicht auch mal in den Genuss kommen. Nicky kann ja wirklich so gut..." Ich machte eine kleine Kunstpause, in der Bryan schockiert über das, was er glaubte jetzt gleich zu hören, zu seinen Kumpels schaute, und ich fügte dann seufzend ein "küssen" hinzu. Man konnte regelrecht hören wie Bryan der Stein vom Herzen fiel. Jetzt waren Kian, Shane und Mark nicht mehr zu halten. Shane prustete laut los und hielt sich an Kians Arm fest und Mark schlug in Kians ausgestreckte Hand ein. "Mann Laura, dem hast du’s aber mal so richtig gezeigt", rief Kian.

"Danke", lachte ich und schlug Bryan auf die Schulter. "Tut mir Leid, aber ich hab mir das nicht verkneifen können." Der blickte immer noch etwas bedröppelt drein und nickte nur langsam.

"Laura, ich bin stolz auf dich. Grad mal ein paar Stunden hier und du hast McFadden schon voll im Griff", hörte ich plötzlich Nickys Stimme und drehte mich um. Der stand im Türrahmen und zwinkerte mir zu. Ich ging zu ihm und raunte ihm ein: "Mit der Wahrheit lügt sich’s eben immernoch am besten" zu und knuffte ihn grinsend in die Seite.

"Bin ich bescheuert? Ich geh doch jetzt nicht in die Kälte! Außerdem war ich nicht da, ich hab die Vorräte nicht aufgegessen."

"Schön Byrne, aber wegen wem haben wir einen Tag mehr Autofahrt drangehängt? Na?" Mark warf einen strengen Blick in Richtung von Nicky, der es sich neben mir auf dem Sofa bequem gemacht hatte und seinen Arm auf die Lehne hinter mir legte.

"Schon gut, aber trotzdem will ich da nicht raus. Wisst ihr wie kalt es ist?"

"Eben, deshalb geh ich auch nicht." Mark verschränkte die Arme vor der Brust. Erwartungsvoll guckten er und Nicky zum Rest der Truppe.

"Ich würde vorschlagen Shane geht", mischte sich Kian ein, bevor jemand auf die Idee kommen könnte, er sollte...

"Ich? Wieso das denn?", rief Shane entsetzt.

"Weiß auch nicht. Warum nicht du?"

Shane schüttelte nur heftig den Kopf.

"Ich weiß warum nicht Shane", meinte Bryan, "der würde glatt im Schnee versinken!" Er lachte laut auf.

"Wie witzig, dann wüsste ich wer geht, nämlich du, dein Kopf würde zumindest immernoch rausgucken sodass du weiterhin deine blöden Sprüche ablassen kannst."

"Hey, gut gekontert Shay!", rief Kian und klatschte in die Hände, was einen bösen Blick von Bryan einbrachte. Dann war Stille. Keiner traute sich aus dem Bus raus, also wollte auch keiner was zum frühstücken holen.

"Dan!", rief plötzlich Mark und fing an zu strahlen. "Dan geht!"

"Das ist eine gute Idee. Dahaaaaaan?!", schrie Bryan durch den ganzen Bus und wieder tauchte wenig später das besorgte Gesicht des Busfahrers in der Tür auf. Er hatte es aber auch nicht leicht...

"Was ist los?", fragte er mit genervtem Unterton. "So langsam hab ich deine Rufereien satt McFadden."

"Wir hätten eine Aufgabe für dich, du gehst uns was leckeres zum Frühstück besorgen. Wir dürfen nicht raus, du weißt, Kälte vertragen unseren Stimmbänder so schlecht..." Bryan hüstelte gekünstelt.

"Aha, Kälte vertragen eure Stimmbänder so schlecht, natürlich... Was’n das für’n Quatsch?"

"Dan..."

"Vergesst es. Ich versuche gerade den Bus zum Laufen zu bringen. Der Motor ist nämlich eingeeist." Er drehte sich auf dem Absatz um und wollte schon wieder verschwinden, als ihm noch etwas einfiel. "Ach so, vergesst nicht mir mein Brötchen mit Erdbeermarmelade mitzubringen, ja?"

Er lief schnell davon, bevor ihn das von Nicky geworfene Kissen traf.

"Tja...", seufzte Mark.

"Tja...", seufzte Kian.

"Jungs, wo bleibt denn der Mann in euch?", schaltete ich mich ein. "Echte Männer würden sich weder von Schnee, noch von Eis oder gar von Kälte abbringen lassen um an ihr Ziel zu gelangen... In diesem Fall dem Bäcker." Theatralisch fuchtelte ich in der Luft herum und Nicky, neben mir, brachte sich schnell in Sicherheit.

Kein Kommentar von einem der 5 Herren in diesem Raum.

Doch nach diversen Minuten in umhülltem Schweigen, tat Kian eine grandiose Idee kund: "Wir losen!"

"Losen", wiederholte Mark skeptisch.

"Losen?" Shane kratzte sich nachdenklich am Kopf, dann hellte sich sein Gesicht auf: "Losen!"

Auch Bryan schien begeistert von dieser Idee und schnappte sich sogleich die Streichholzschachtel, die neben ihm auf dem Tisch lag und brach 6 Stück in unterschiedliche Länge. "So, die zwei, die die kürzesten ziehen, müssen raus..."

"... und die paar Meter vom Parkplatz zur Gaststätte laufen", beendete ich Bryans Satz und schüttelte den Kopf.

"Genau, Ladies first." Er grinste breit und hielt mir die Streichhölzer entgegen. Doch bevor ich mich für eines entscheiden konnte, griff Nicky ein. "Moment Bryan, Laura ist Gast, wenn hier einer rausgeht, dann einer von uns, aber nicht Laura."

Mir blieb der Mund offen stehen und Mark, Kian, Shane und Bryan ging es, wie man unschwer erkennen konnte, nicht anders.

"Mensch Byrne, so viel Zuvorkommnis hätte ich dir auf deine alten Tage gar nicht mehr zugetraut!", rief Kian. Nicky verzog das Gesicht und nahm Bryan ein Streichholz aus der Hand. Sein Gesicht verzog sich noch mehr, als er sich die Größe seine Streichholzes näher betrachtete.

"Nicky muss, Nicky muss!" Shane klatschte schadenfreudig in die Hände und die restlichen 4 tauschten viel sagende Blicke aus.

"So, der nächste bitte." Nachdem auch Kian, Mark und Shane ihre Hölzer gezogen hatten, blieb nur noch eines für Bryan übrig. Und genau dieses Eine, war das zweite Kurze. Bryan und Nicky sahen sich tief in die Augen und funkelten sich kampflustig an. Shanes Blick wanderte von Bryan zu Nicky, von Nicky zu Bryan und sein Grinsen wurde von Mal zu Mal breiter.

"Gut Jungs, ich würde vorschlagen, Nix und Bryan machen sich dann mal auf den Weg...", schmunzelte Mark, denn weder die Miene von Bryan, noch die von Nicky, hatte sich geregt.

Bryan stand vom Sofa auf, schnappte sich seine Lederjacke und ging zur Tür. "Auf was wartest du Byrne, beweg deinen Hintern, oder willst du dein Frühstück heute Abend zu dir nehmen?" Nicky seufzte, lächelte mir kurz zu und folgte dann Bryan hinaus aus dem Bus. Er knallte die Tür schwungvoll hinter sich zu und dann war nur noch das leise Fluchen der beiden zu hören. "Oh scheiße ist das kalt!" "Jammer nicht rum Bryan, lauf!" "Sag du mir nicht was ich zu tun habe!" "Dann lauf doch einfach!"

"Ja, und wir machen uns dann mal ans Tisch decken, was?"

Man konnte deutlich an Marks Tonfall hören, dass dies nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte und er zog sich auch sofort geschickt aus der Affäre. "Ihr schafft das doch auch ohne mich, ich muss jetzt ganz dringend duschen." Und weg war er.

"Ähm, ich muss noch mein Bett machen."

"Du machst sonst nie dein Bett Kian!", meinte Shane.

"Aber heute", erwiderte dieser und schon war auch er verschwunden.

Ich verschränkte meine Arme vor der Brust und blickte zu Shane.

"Was?!"

"Ich warte."

"Auf was wartest du Laura?"

"Auf das, was dir gleich urplötzlich einfällt, unbedingt und ganz dringend tun zu müssen."

Shane zog den Kopf ein. "Also ich wollte eigentlich meine Freundin anrufen..."

"Dann hau schon ab."

"Echt?"

"Ja echt." Ich lachte und Shane begann zu strahlen. Er nahm sein Handy vom Tisch und lief in den Nebenraum.

Nun erhob auch ich mich und versuchte mich ein wenig zu orientieren. Teller, Besteck, Kaffeemaschine? Ich fing an mich durch die verschiedenen Schränke und Schubladen zu arbeiten und nicht nur einmal lachte mich ein fröhliches Kindergesicht an. Bryan hatte ganze Arbeit geleistet....

"Mein Brötchen ist jetzt voller Schnee du Idiot!"

"Du hast es fallen lassen Bryan, dafür kann ich nichts."

"Du hast einen Schneeball nach mir geworfen, da hab ich mich nun mal erschreckt. Was hab ich dir eigentlich getan? Ich hab lediglich ein paar Nachforschungen angestellt, weil ich um dein Wohlergehen besorgt war... Und um das von Georgina. Trotzdem ist das noch lange kein Grund mir einen Schneeball ins Gesicht zu klatschen und mich um mein Essen zu bringen!"

"Hab ich gar nicht."

"Hast du doch!"

"Hab ich nicht! Bist aber auch selbst Schuld, wenn du’s jetzt schon essen musst."

Mit den Worten betraten Bryan und Nicky den Bus. Beide bis zu den Knien weiß (vom Schnee) und an den Nasen rot.

Ich warf einen letzten Blick auf "meinen" gedeckten Tisch und nickte zufrieden. War alles da. Ich hatte mir richtig Mühe gegeben. Es sollte ein kleines Dankeschön an die Jungs werden, dass ich hier bleiben durfte.

Mit einem Ruck blieb Nicky stehen und Bryan prallte unsanft auf ihn drauf.

"Laura? Wo sind denn die anderen?", fragte Nicky. Bryan lief, leise vor sich hin fluchend, um Nicky herum und ließ sich samt nasser Jacke und Hose auf die Couch fallen, was einen tadelnden Blick von Nicky und ein gelangweiltes Schulterzucken von Bryan zur Folge hatte.

Ich fing an, an den Fingern abzuzählen: "Also Mark steht unter der Dusche, was auch unschwer zu überhören ist, da er schon seit geschlagenen 10 Minuten lautstark und in den unterschiedlichsten Tönen, vor sich hin singt. Kian macht schon die ganze Zeit sein Bett, und Shane telefoniert. Auch schon die ganze Zeit."

"Ich bin soeben mit dem Bettmachen fertig geworden!", hörte man in diesem Moment Kian, der aus dem Schlafraum kam.

"Hast du meins gleich mit gemacht?", wollte Nicky wissen.

"Nee wieso?"

"Weil du so lange gebraucht hast." Nicky grinste mich an. Kian war sichtlich froh, auf diese Frage nichts antworten zu müssen, denn in diesem Moment betrat Shane den Raum. "Hey, ihr seit schon da. Das nenn ich Timing, habe grad mein Telefonat beendet." Shane strahlte übers ganze Gesicht.

"Du hast mit Gill telefoniert, stimmts?", warf Bryan ein.

"Äh ja... woher weißt du das?"

"Das sieht man", lachte Bryan und der Rest stimmte mit ein. Shane grinste glücklich. Das musste Liebe sein...

"Ok, ich geh mich dann schnell umziehen." Bryan erhob sich schwerfällig vom Sofa und lief ins Schlafzimmer. Im Vorbeigehen klopfte er lautstark an die Badezimmertür: "Mark, du kannst wieder rauskommen, der Tisch ist gedeckt!" Und um einige Lautstärken lauter rief er: "Daaaaaaaaan, komm rein, gleich gibt’s Frühstück!" Kian verzog das Gesicht und hielt sich die Ohren zu. "Schreihals", murmelte er.

Ich nutzte die Zeit und ließ meinen Blick nochmal über den Frühstückstisch schweifen. Da entdeckte ich einen schon etwas verwelkten Blumenstrauß in einem der Schränke. Ich nahm ihn heraus und stellte ihn mitten auf den Tisch. Nochmals nickte ich zufrieden. "Jetzt hab ich alles."

Nicky, der mich beobachtet hatte, kam auf mich zu und drückte mir einen Kuss auf die Wange. "Hast du schön gemacht", flüsterte er mir ins Ohr. Ich lächelte zurück: "Gern geschehen."

Er zwinkerte mir zu und ging dann ebenfalls ins Schlafzimmer um sich umzuziehen.

"Bryan, die Marmelade."

"Was möchtest du Shane? Ich kann dich so schlecht verstehen, wenn du ein halbes Brötchen im Mund hast." Bryan sprach mit überfreundlicher Stimme und Nicky gab Shane einfach gleich selbst die Marmelade. Shane lächelte ihm dankbar zu und schmierte sich sein 3. Brötchen.

"Shane lass es gleich, ihr könnt später weiter essen, wir müssen fahren", sagte Dan und Shane schüttelte heftig den Kopf und biss demonstrativ in sein Brötchen.

"Ja dann fahr doch einfach!" Mark verstand nicht, wieso man daraus so ein großes Trara machen musste.

"Jungs, wir sind eingeschneit, der Bus kommt keinen Zentimeter voran! Ohne eure tatkräftige Unterstützung kommen wir heute nicht mehr los."

"Tatkräftige Unterstützung, tz...", grummelte Kian.

"Dan du weißt doch, unsere Stimmbänder...", versuchte Bryan es nochmal, erntete dafür jedoch nur einen abwertenden Blick von Dan.

"Also Jungs, bewegt eure Hintern, damit Louis nicht noch den letzten Nerv verliert und weiter vergebens auf unser Erscheinen beim Soundcheck wartet", seufzte Mark und stand als Erster auf. Gefolgt von dem Rest der Truppe.


"Versuch es nochmal, Laura!" Ich nickte und startete noch einmal den Motor.

"Nein, ich komm noch nicht raus!", rief ich dann durch die geöffnete Tür des Busses den Jungs zu, die allesamt schon ziemlich unterkühlt aussahen. Doch Shane, Bryan, Nicky, Mark, Kian und Dan hatten ganze Arbeit geleistet und bereits einen Großteil des Tourbusses vom Schnee befreien können. Sehr zum Leid der Besitzer der anderen Fahrzeuge rings um den Parkplatz des Busses, denn die hatten nun den gesamten Schnee auf ihren Windschutzscheiben.

Sie schippten fleißig weiter und ich gebe zu, ich spürte ein wenig Genugtuung, dass selbst die ganz Großen einmal ganz normale Dinge tun mussten ;-)

Doch sie wussten, dass sie unbedingt weiterfahren mussten, um rechtzeitig zum Konzert in Berlin zu sein.

"Jetzt nochmal Laura!", rief Kian und riss mich somit aus meinen Gedanken. Ich tat wie mir geheißen und rief dann erfreut: "Geschafft, er ist frei!" und streckte ihnen den ausgestreckten Daumen entgegen.

Die Jungs atmeten auf und schlugen sich gegenseitig in die Hände. Ich verließ meinen Platz auf dem Fahrersitz und stieg zurück ins Innere des Busses. Kurz darauf tauchten 6 roten Nasen auf. "Ich glaub ich mach euch jetzt erst mal einen heißen Tee, was?" Keine Antwort, nur 6 Mal heftiges Kopfnicken. Nebeneinander ließen sie sich auf die Couch fallen und lehnten sich geschafft zurück. Nur Dan klemmte sich sofort hinters Steuer und fuhr los, bevor der neue Schnee den soeben freigewordenen Bus wieder einschneite. Diese Tortur wollte keiner von ihnen nochmal durchmachen.

"Jungs, packt schon mal alles zusammen, wir sind gleich da!", konnte man von vorne Dan hören.

Shane, der an der linken Seite des Türrahmens lehnte, seufzte und sah von oben auf mich herunter. "Schade eigentlich..."

"Stimmt, war lustig mit dir Laura", stimmte Kian, der an der rechten Seite des Türrahmens lehnte, zu und beide nickten.

Ich lächelte ihnen von unten gequält zu, denn ich war gerade schwer damit beschäftigt, den Reißverschluss meiner Tasche zuzuziehen, was mir leider nicht so recht glückte.

"Lass mich mal." Nicky schob mich zur Seite und machte ihn in einem Ruck zu.

"Danke", sagte ich und schaute zu ihm hoch.

"Kein Problem." Auch er guckte mich mit Hundeaugen an. "Du wirst mir fehlen." Nicky nahm mich in den Arm, doch sogleich schob ich ihn wieder sanft von mir weg. "Hey, wir kennen uns doch noch gar nicht so lang!" Ok, ich geb zu, mein Argument hatte keinen überzeugend klingenden Unterton.

"Na und? Die anderen kennen dich noch viel weniger und mögen dich auch schon." Zur Bestätigung nickten Kian und Shane gleichzeitig.

"Hast ja Recht", zwinkerte ich Nicky zu und umarmte ihn noch einmal fest. Dann konnte man vereinzelt Stimmen vom "Cockpit" aus hören:

"Sagt mal, wo sind wir eigentlich?"

"Na hier, Dan."

"Quatscht Mark, hier sind wir!"

"Seid ihr blind? Von wegen hier Bryan, genau entgegengesetzt, nämlich hier!"

"Ähm, Laura, kannst du mal kommen??", riefen Bryan und Mark gleichzeitig, die beauftragt wurden, Dan durch die Straßen zu lotsen, denn sie alle hatten darauf bestanden, mich direkt vor der Haustür meiner Tante abzusetzen.

Nicky, Shane und Kian stöhnten. "Wer war eigentlich der Idiot, der behauptet hat, die beiden wären die besten Kartenleser unter uns?", fragte Kian in die Runde doch die anderen beiden zuckten nur mit den Schultern.

"Ich komme", rief ich und machte mich auf den Weg mach vorne.

"Wo brennts?"

"Wir... wir... wir wissen nicht wo wir sind", gab Bryan, sichtlich ungern, zu.

"Zeigt mal her." Ich schnappte mir den Stadtplan und versuchte mich zu orientieren. Dann fing ich an zu lachen. "Ja kein Wunder, ihr haltet den Stadtplan falsch herum!"

Bryan und Mark wurden rot und ganz klein während Dan in schallendes Gelächter ausbrach. Das Kartenlesen sollten die beiden vielleicht doch nochmal üben...

"Machs gut Laura!"

"Pass auf dich auf!

"Und komm uns bald nochmal besuchen!"

Nach und nach umarmte ich jeden der 4 und mir fiel der Abschied fast ein bisschen schwer. Verrückt, wenn man bedenkt, dass ich sie gerade mal einen Tag kannte.

"Mach ich gerne", zwinkerte ich Shane zu.

"Sag mal Laura, willst du auswandern oder wieso ist dein Zeug so schwer?", rief Bryan, der mit Dan auf uns zu kam, in jeder Hand eine meiner Taschen.

"Ja komm, Bryan, du bist verheiratet, du müsstest doch wissen, dass Frauen immer ihren ganzen Haushalt mitnehmen, wenn sie wegfahren!", lachte ich.

"Stimmt, wenn ich’s mir so recht überlege, Kerry wollte mal die Mikrowelle..."

"Jungs, ich stör nur ungern, aber wir müssen." Demonstrativ zeigte Dan auf seine Uhr. Dann lächelte er und gab mir die Hand. "Nett dich kennengelernt zu haben, dann gingen sie wenigstens mal ein paar Stunden jemand anderem auf die Nerven." Er grinste und lief dann zurück zum Bus.

Schweren Herzens wandte ich mich an Nicky. "Tschüß", sagte ich und legte den Kopf schief.

"Du wirst mir fehlen, Süße", erwiderte er und drückte mich einmal fest.

"Ach übrigens, dein Auto steht in den nächsten Tagen vor deiner Tür." Er grinste.

"A... Aber wie..."

"Ich hab den ACDC, nee, den ADAC, heißt das so..?"

"Äh, ja...?"

"Ja, den hab ich angerufen und gesagt, sie sollen dein Auto von der Raststätte abholen, wieder in Gang bringen und schön polieren, damit Max seinen Glanz wieder kriegt."

"Gott, das wird ein Vermögen kosten!", rief ich und schlug die Hände vors Gesicht während mein Kopf wilde Spekulationen über den Endpreis machte.

"Die Rechung wird an mich geschickt", grinste Nicky nochmal.

"Aber..."

"Kein aber Laura, du kannst es eh nicht ändern. Bis ich dem Kerl verklickert hatte, dass die Rechung nach Dublin geschickt werden soll..."

"Du bist unverbesserlich Nicky, weißt du das?"

"Ja, weiß ich. Komm her!" Er nahm mich ein letztes Mal in den Arm und ich wusste, dass ich ihn und die anderen Schwachköpfe schrecklich vermissen würde...

"So, jetzt aber genug. Macht zu, dass ihr loskommt, sonst dreht Louis ganz ab!", scheuchte ich sie zum Bus.

"Ich glaube, wenn wir erst mal in der Halle sind, werden wir eh nicht mehr lange zu leben haben", sagte Mark.

"Wir? Wohl eher ich, mir wird er den Kopf abreißen!", warf Nicky ein und seufzte. "Aber eigentlich ist ja auch er selbst schuld..."

"Lass gut sein Nix, du kannst deiner Aktion nichts gutes mehr abgewinnen", seufzte nun auch Shane und zwinkerte mir zu. "Außer, dass wir Laura kennen gelernt haben." Er setzte sein schönstes Lächeln auf.

"Jetzt haut ab, sonst kommen mir noch die Tränen", lachte ich und schubste Shane ins Innere des Busses.

"Singt schön, heut Abend, ja?"

"Wir widmen dir nen Song!", konnte ich Kian hören.

"Ich fühle mich geehrt", rief ich zurück und schmunzelte.

"Türen zu?", fragte Dan.

"Gleich!", rief Nicky und gab mir noch schnell einen Kuss auf die Wange. "War schön mit dir", lächelte er.

"Es war mir eine Ehre mit einem Star im Bett zu liegen", zwinkerte ich.

"Spinnerin", lachte er. "Ciao Laura!"

"Tschüß Nicky, tschüß Jungs!"

"Ciao!"

"Bye!"

"Bis irgendwann mal!"

Dann schlossen sie die Tür und der Bus fuhr an. Durchs Fenster konnte ich sie winken sehen und ich winkte zurück.

Irgendwie würde ich sie alle vermissen, so verrückt es war, aber solche Chaoten hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt.

Ich nahm meine Taschen vom Boden und schleifte sie zum Gartentor meiner Tante. Dort stellte ich sie ab und lief die 3 Treppen zur Klingel hoch. "Drrring", machte es und geduldig wartete ich... und wartete ich... "Scheiße Mann, mach auf!" Ärgerlich klopfte ich an die Tür und versuchte durch das kleine Fenster einen Blick in den Flur werfen zu können, doch durch das verzerrten Glas konnte man nichts erkennen.

Ich seufzte, beschloss mich nicht aufzuregen und schob mit der Hand die kleine Schneeschicht auf der Treppe zur Seite. Dann setzte ich mich, legte meinen Kopf in die Hände, wippte mit dem Fuß auf und ab und stellte mich auf eine lange Wartezeit ein. Wenn meine Tante erst einmal weg war, dann nicht für kurz...

"Na, nicht da?", hörte ich plötzlich eine mir bekannte Stimme.

"Nicky! Was machst du denn hier?"

"Dan hat durch den Rückspiegel gesehen, dass du dich hingesetzt hast und da wollte ich doch mal gucken... Ist deine Tante nicht da?"

"Nee weißt du, ich sitz gern in der Kälte und frier mir den Hintern ab", gab ich zurück.

"Hm stimmt, ist logisch." Er grinste. "Hast du nicht Lust mit aufs Konzert zu kommen? Heute Abend ist deine Tante bestimmt wieder da."

"Du gibst nie auf, was?"

"Ich kann doch nicht verantworten, dass du hier ich weiß nicht wie lange sitzt! Außerdem..."

"Außerdem?", hakte ich nach.

"Na ja, außerdem war McFadden so schön ruhig, als du da warst."

Ich lachte. "Ihr seid die chaotischsten Chaoten die ich je gesehen habe, weißt du das?"

"Ja", lachte Nicky und hielt mir dann die Hand hin. "Wir setzten dich auch pünktlich heute Abend wieder hier ab. Versprochen."

"Ehrenwort?"

"Absolutes Ehrenwort!" Er hielt Zeige- und Mittelfinger in die Höhe.

Bei so einem Blick konnte ich nicht nein sagen und legte meine Hand in seine. "Na dann. Habt ihr denn noch einen heißen Tee für mich? Ich hab den glaub ich bitter nötig."

"Alles was Sie wollen Prinzessin!", rief Nicky überschwänglich und zog mich hoch. Dann gab er mir einen dicken Kuss auf die Wange und schnappte sich mein Gepäck.

Hatte ich also noch ein paar Stunden mehr, um mich in diesen chaotischen Haufen hoffnungslos zu verlieben.

The End