„Verdammt Ash bleib stehen!“ hörte ich meinen Bruder rufen.
Ich lief einfach weiter. Ich wollte nicht mit ihm reden, nicht mit ihm, nicht mit meinen Eltern, einfach mit niemanden. Ich lief in Richtung Park, den ich kurze Zeit später erreichte. Die kalte Januarluft brannte in meinen Lungen. Plötzlich tauchte vor mir eine Gruppe von drei Leuten auf, ich konnte nicht schnell genug reagieren und rannte voll in sie hinein. Ich fiel hin aber es interessierte mich nicht, ich stand auf und lief einfach weiter.
„Pass doch auf!“ hörte ich einen Mann mir hinterher rufen.
Ich ignorierte es, lief weiter ohne ein Ziel vor Augen durch den Park.
„ASH BLEIB STEHEN!“ hörte ich nun wieder meinen Bruder. Ich merkte das er aufgeholt hatte aber ich traute mich nicht mich umzudrehen. Ich wollte einfach nur weg...
Nach 10 Minuten ging mir langsam die Luft aus und ich wurde langsamer. Ich konnte nicht weglaufen, so weit ich auch laufen würde die Wahrheit würde mich immer einholen. Resigniert blieb ich stehen und kurze Zeit später packte mich mein Bruder am Arm. Ich drehte mich um und sah ihn an. Er zog mich einfach nur in seine Arme und führte mich den Weg zurück. Wir kamen wieder zum Eingang des Parks und die Gruppe von vorhin stand noch da. Mein Bruder legte mir seinen Pulli über, da ich nur ein T-Shirt trug und ich langsam merke wie kalt es war.
„Miss, können sie mir mal sagen was das eben sollte?“ der junge Mann kam direkt auf uns zu.
„Entschuldigen sie bitte!“ antwortete mein Bruder für mich.
„Damit ist es leider nicht getan, meine Jacke ist bei unserem Sturz kaputt gegangen und die war verdammt teuer..“
„Ich gebe ihnen unsere Telefonnummer, ihre Versicherung kann sich dann bei uns melden. Wir ersetzten den Schaden.“ mein Bruder zog eine Karte aus seiner Hosentasche und drückte sie dem jungen Mann in die Hand. Dieser schaute verdutzt und nahm diese.
„Aber..“
„Entschuldigen sie Mister, ich muß meine Schwester jetzt erst einmal ins Warme bringen.“ damit ließen wir die Leute stehen und gingen weiter. Nach ein paar Minuten standen wir vor der Klinik und Tränen stiegen mir in die Augen. Wir gingen in die Aufnahme wo unsere Eltern schon auf uns warteten.
„Ash! Mein Schatz! Komm her!“ mein Dad zog mich in seine Arme und strich mir über den Kopf. Ich wehrte mich nicht, aber ich erwiderte seine Umarmung auch nicht. Meine Mum saß auf einem der Stühle und weinte. Mein Bruder ging zu ihr und nahm sie in den Arm.
„Mum, wir schaffen das! Wir haben das schon mal geschafft!“
„Miss Carter kommen sie bitte! Dr. Miller möchte mit ihnen reden!“ eine Schwester kam auf uns zu.
Ich löste mich von meinem Dad und folgte der Schwester ins Büro des Arztes. Ich setzte mich und wartete auf Dr. Miller, der kurz nach mir den Raum betrat. Er setzte sich mir gegenüber an seinen Schreibtisch.
„Ash, ich weiß das ist ein Schock für dich, aber wir wußten alle das so etwas passieren kann. Die Wahrscheinlichkeit war gering, aber sie war immer da!“ er sah mich traurig an.
„Ich weiß...“ flüsterte ich und meine Stimme klang nicht nach mir selbst.
„Wir haben dich damals als vorerst geheilt entlassen. Nach 10 Jahren kann man sagen das ein Patient zu 95%iger Wahrscheinlichkeit geheilt ist, andere Patienten haben, wie in deinem Fall auch noch später einen Rückfall..“
„Was heißt das für mich?“ ich sah ihm direkt in die Augen.
„Wir haben die Krankheitsanzeichen zum Glück sehr früh bemerkt, aber die Therapie muß so schnell wie möglich beginnen. Ich denke in zwei Wochen können wir den ersten Chemoblock anfangen. Die Art von Leukämie die wir festgestellt haben, ist eine andere als die, die du damals hattest. Sie ist wesentlich aggressiver, deshalb haben wir dich schon auf die Liste für eine Knochenmarkstransplation gesetzt. Es tut mir so leid Ashley!“
„Schon gut....Muß ich in den nächsten zwei Wochen irgend etwas beachten?“ Tränen liefen mir übers Gesicht.
„Nein, versuche aber bitte dich nicht zu sehr anzustrengen.“ Dr. Miller rieb sich die Augen.
„Danke!“ ich stand auf und reichte ihm die Hand.
„Es tut mir so leid!“ in seinen Augen spiegelte sich Trauer.
„Ich werde kämpfen...“ ich drehte mich um und ging hinaus.
Ich ging zur Information um noch einige Sachen für meine Chemo zu klären. Ich stellte mich hin, wischte mir meine Tränen weg und wartete auf eine Schwester. Plötzlich tauchten neben mir die Leute aus dem Park auf.
„So schnell sieht man sich wieder!“ die junge Frau sprach mich an. Ich drehte mich um und ihr grinsen gefror. Ich mußte schrecklich aussehen, blaß, verheult und durchgefroren. Sie sagte nichts weiter und ihre beiden Begleiter schauten mich ebenso erschrocken an. Ich war nicht in der Stimmung irgend etwas zu sagen oder etwas zu erklären und drehte mich wieder um. Dann kam endlich eine Schwester und lächelte mich an.
„Wie kann ich ihnen helfen?“
„Ich war gerade bei Dr. Miller, ich wollte fragen wann ich übernächsten Dienstag hier sein soll.“ ich sah sie nicht einmal wirklich an und meine Stimme klang total monoton.
„Wie ist denn ihr Name?“ sie suchte meine Karteikarte.
„Ashley Angel Carter.“
„Worum geht es bei dem Termin in zwei Wochen?“
„Um eine stationäre Aufnahme.“
„Was soll gemacht werden?“
„Ich soll meinen ersten Chemoblock bekommen.“ ich antwortete auf ihre Fragen automatisch und ohne jegliche Gefühlsregungen.
„Wenn sie sich dann bitte bis spätestens 9 Uhr auf Station 5 einfinden, dann bekommen sie ein Zimmer und man wird ihnen die weitere Vorgehensweise erklären. Ich habe hier noch einige Formulare die sie bitte unterschrieben mitbringen müssen.“ sie reichte mir einige Blätter über den Tresen.
„Danke, auf Wiedersehen!“ ich nahm die Blätter vom Tresen und drehte mich um.
„Ash! Dad bringt Mum nach Hause. Ich fahre dich rum! Komm her!“ mein Bruder streichelte meinen Rücken, doch ich bewegte mich nicht, ich starrte auf die Blätter in meiner Hand. Es war als ob mein Leben von diesen Zetteln abhing, in diesem Moment schaltete sich irgend etwas in meinem Kopf aus.
„Josh, es geht wieder alles von vorn los!“ ich begann zu weinen und sackte in seine Arme.
„Pst, pst Kleines!“ er führte mich etwas vom Tresen weg und ich glitt an der Wand hinunter auf den Fußboden. Josh setzte sich zu mir.
„Wir schaffen das! Ganz sicher!“ er streichelte meine Hände und wiegte mich sanft hin und her.
„Kann ich ihnen irgendwie helfen?“ einer der beiden jungen Männer stand vor uns.
„Könnten sie bitte ein Glas Wasser holen, das wäre nett!“ Josh schaute kurz zu ihm auf.
„Klar!“ er ging und kam kurz darauf mit einem Glas Wasser wieder.
„Bitte!“ er gab es Josh in die Hand.
„Komm Ash, trink einen Schluck, ich fahre dich gleich nach Hause, dann kannst du dich erst einmal ausruhen.“ er gab mir das Glas und ich trank ein paar Schlucke.
„Danke!“ schluchzte ich.
„Kannst du mir helfen sie zu Auto zu bringen?“ Josh schaute den Mann bittend an.
„Klar! Sag mal kennen wir uns nicht? Bist du nicht Joshua Carter?“ der Mann sah Josh prüfend an.
„Ja...“ er sah den Mann nun auch genauer an „...und du bist?“
„Markus Feehily.“ er half Josh hoch und sie zogen mich auf die Beine.
„Ach, ja vom Summerhill College. Wir haben uns ja ewig nicht gesehen.“ Josh und Mark halfen mir nach draußen zum Auto.
„Ja, ist mittlerweile gute 8 Jahre her.“ Mark hielt mich fest während Josh das Auto aufschloß. Dann setzte er mich vorsichtig auf den Beifahrersitz.
„Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder, ich habe ja deinem Freund eine Karte von mir gegeben. Ich würde mich freuen. Ich muß mich jetzt erst einmal um meine Schwester kümmern..“ Josh stieg nun zu mir ins Auto und schnallte mich an.
„Klar! Mach ich! Bis bald! Gute Besserung!“ er machte die Beifahrertür zu und winkte uns nach.
Ich nahm alles wie in Trance war, richtig zu mir kam ich erst wieder als ich bei meinen Eltern auf der Couch saß. Mein Dad saß neben mir und streichelte unablässig meine Hand.
„Ash, mein kleiner Schatz!“ seine Stimme war belegt.
„Daddy, alles wird gut!“ ich nahm seine Hand in meine und versuchte ihn anzulächeln. Mein Dad fing an zu weinen und schüttelte den Kopf.
„Nicht du solltest mich trösten, sondern ich dich.“
„Es ist gut Daddy...“ ich strich ihm über den Kopf „...wir schaffen das!“
„Natürlich, du bist mein kleines Mädchen. Ich lasse es nicht zu das du aufgibst. Du bist 23, du hast noch alles vor dir!“ er weinte nun noch mehr und ich zog ihn in meine Arme.
Ich weiß nicht woher ich die Kraft hatte nicht völlig zusammen zu brechen, aber in diesem Moment wollte ich für meinen Daddy stark sein. Auch wenn ich selber nicht wußte wie alles ausgehen würde. Wir saßen noch lange einfach so da, sagten gar nichts und genossen die Nähe des anderen. Gegen Abend kam meine Mum dann runter und setzte sich zu uns. Auch Josh kam und wir saßen alle nur da und hielten uns fest. Ich wußte das die nächste Zeit für alle schwer werden würde, wir hatten das alles schon einmal durchgemacht...

In der folgende Woche regelte ich alles mit meiner Arbeitsstelle. Mein Chef stellte mich auf unbestimmte Zeit frei. Er meinte sobald es mir wieder besser gehen würde, könne ich sofort wieder anfangen. Dann kündigte ich meine Wohnung in Dublin, da ich in nächster Zeit nicht mehr alleine wohnen könnte. Wir stellten die meisten meiner Sachen auf den Dachboden und die kleinen Teile in mein altes Zimmer. Ich fing an fürs Krankenhaus zu packen, da ich wußte das man beim ersten Chemoblock gute 4 bis 8 Wochen nicht nach Hause durfte. Am Samstag Abend klopfte es an meiner Tür, ich war gerade mit meiner Tasche beschäftigt.
„Ja?!“
„Ich bin es!“ Josh steckte seinen Kopf zur Tür herein.
„Hey!“ ich stapelte noch einige Sachen in die Tasche.
„Hast du Lust heute Abend mit mir und ein paar Freunden was Trinken zu gehen?“ er setzte sich auf mein Bett.
„Könnte das letzte Mal für eine ziemlich lange Zeit sein...“ ich schloß die Tasche „....also warum nicht!“ ich grinste ihn an.
„Sag nicht so etwas!“ Josh sah mich traurig an.
„Es ist so...“ ich setzte mich zu ihm „....Mit wem gehen wir denn?“
„Mit ein paar alten Schulfreunden von mir, Mark, der vom Krankenhaus, Rowen, Graham, Shane, seine Frau, Kian und seine Freundin.“
„Klingt nett! Wann soll es los gehen?“ ich freute mich auf den Abend, mit Graham waren wir sowieso ständig unterwegs wenn wir bei unseren Eltern in Sligo waren, die anderen kannte ich noch nicht, aber es würde bestimmt nett werden.
„In einer Stunde! Beeil dich, ich will nicht zu spät kommen!“ er lachte mich an und ging zu Tür.
„Wohin gehen wir?“ ich suchte in meinem Kleiderschrank nach etwas brauchbarem.
„Ins Toffs in der Connor Street.“
„Super, da können wir ja zu Fuß hingehen!“ ich hibbelte nervös durch mein Zimmer.
„Ganz ruhig Ash! Also in einer Stunde, Treffpunkt Tür, wenn du nicht da bist gehe ich ohne Dich!“ er grinste mich noch einmal an und ging dann.
Ich entschied mich für eine dunkelblaue Jeans, ein weinrotes Top und eine schwarze Strickjacke. Dazu kramte ich meine schwarzen Halbschuhe aus einer meiner Kisten. Dann schminkte ich mich noch etwas und band dann meine langen Locken zu einem Pferdeschwanz. Punkt 10 Uhr stand ich an der Tür und wartete auf Josh.
„HEY „MR. SEI JA PÜNKTLICH!“ WO BLEIBST DU?“ rief ich durch den Flur.
„Bin schon da, dachte ja im Leben nicht das du pünktlich bist!“ er nahm seine Jacke und gab mir meine. Dann harkten wir uns unter, verabschiedeten uns von unseren Eltern und stiefelten durch den Schnee los. Nach 20 Minuten waren wir am Club, wir gaben unsere Jacken ab und suchten die anderen. Graham hatte uns erspäht und kam auf uns zu gestürmt.
„Ash Baby! Mein einzig wahre Liebe!“ er wirbelte mich durch die Luft.
„Gra, laß mich runter!“ er ließ mich runter und umarmte mich ganz fest.
„Wie geht es dir?“ flüsterte er mir besorgt ins Ohr.
„Gut, mach dir keine Sorgen! Laß uns den Abend genießen, ja?!“ flüsterte ich zurück.
„O.K. Baby! Hey Josh! Alles klar?“ Gra begrüßte Josh per Handschlag. Dann führte er uns zum Tisch an dem die anderen saßen.
„Darf ich euch vorstellen?.....“ Gra deutete auf mich. „...Das ist Ash, die Frau hat mir vor vielen Jahren das Herz gebrochen!“
„Hör auf mit dem Quatsch!“ ich drohte ihm mit der Faust.
„O.K. O.K. .... Das sind Kian, Jodie, Mark, Rowen, Kathy, Shane, Gill, Nicky und Gina.“ zu jedem Namen zeigte er auf die jeweilige Person.
„Freut mich und das ist mein Bruder Josh, für alle die ihn noch nicht kennen!“ ich zog Josh hinter mir hervor, nicht das er dort gut versteckt gewesen wäre...
„Hi!“ kam es nun von allen Seiten.
Wir setzten uns und ich bekam meinen Platz zwischen Gra und Mark.
„Hey, geht es dir wieder besser?“ Mark schubste mich leicht von der Seite an.
„Danke, ja!“ ich grinste ihn an und bestellte bei der Bedienung ein Guiness.
Mark und ich unterhielten uns sehr gut und es wurde ein sehr lustiger Abend. Gegen 4 Uhr wollte ich nach Hause und machte mich auf die Suche nach Josh. Ich fand ihn draußen mit Kian und Shane. Alle drei waren sturzbetrunken und hatten sich überhaupt nicht mehr unter Kontrolle. Ich holte die anderen und sie verfrachteten Kian und Shane in die Autos. Mark bot mir an Josh mit mir nach Hause zu bringen. Ich nahm das Angebot dankend an. Auf dem Weg nach Hause übergab sich Josh mehr wie einmal und er landete auch mehr wie einmal auf dem Bürgersteig. Nach gut 45 min. hatten Mark und ich, mit Josh im Schlepptau endlich unser Haus erreicht. Wir schafften Josh in sein Bett.
„Puh, endlich geschafft!“ ich zog Josh die Schuhe aus.
„Ein ganz schöner Brocken!“ Mark und ich gingen lachend runter ins Wohnzimmer.
„Möchtest du noch etwas trinken? Kaffee oder Tee?“ bot ich Mark an als wir durch die Küche gingen.
„Warum nicht! Ich gehe dann gleich zu Fuß nach Hause und gehe dann noch eine Runde mit Snoopy.“ Mark legte seine Jacke auf die Couch.
„Eigentlich kann ich dich ja mit Hopkins begleiten, wenn du nichts dagegen hast.“ wie aufs Stichwort kam unser Beagle angelaufen.
„Gegen so eine charmante Begleitung habe ich natürlich nichts.“ Mark zwinkerte mir zu.
Mark und ich tranken unseren Kaffee aus, ich nahm Hopkins an die Leine und wir gingen zu seinem Haus und holten Snoopy ab. Wir gingen zu den Klippen und schauten uns den Sonnenaufgang an. Es war ein atemberaubender Anblick und Mark nahm mich wie selbstverständlich in den Arm.
„Es ist so wunderschön..“ flüsterte ich.
„Aber nur halb so schön wie du...“ flüsterte Mark in mein Ohr.
Ein Schauer lief mir über den Rücken.
„Das ist lieb, Mark. Aber spare deine Gefühle für jemand anderes.“
„Warum denn?“ er sah mich unschuldig an.
„Weil es nicht gut ist Gefühle in eine Todgeweihte zu investieren.“ erwiderte ich etwas gereizt und rutschte von ihm weg.
„Wie bitte?“ Mark sah mich verständnislos an.
„Mark, es tut mir leid! Aber es ist so. Ich habe eine äußerst aggressive Form der Leukämie. Ich fange in 3 Tagen mit meiner Chemotherapie an.“
„Ich verstehe nicht!“ Mark war den Tränen nahe.
„Mark ich hatte mit 9 Jahren schon einmal Leukämie, damals habe ich sie mit Chemotherapie besiegt, jetzt ist das eingetreten womit ich immer rechnen mußte. Ich habe einen Rückfall und dieses Mal kann mir nur eine Knochenmarktransplantation helfen....“ ich gab ihm einen Kuß auf die Wange „...es tut mir leid, ich gehe jetzt besser!“
Ich machte Hopkins wieder an seiner Leine fest und ging nach Hause. Ich ließ Mark einfach so sitzen. Es tat mir unendlich leid, weil ich Mark mehr als nur nett fand aber ich mußte mich jetzt auf mich konzentrieren. Als ich zu Hause ankam waren meine Eltern gerade aufgestanden, ich redete kurz mit ihnen und ging dann zu Bett.

Dann war auch schon Dienstag, wie besprochen fuhr ich morgens um 08:30 Uhr hin. Ich wollte alleine fahren, ich wollte diesen Weg alleine gehen. Ich atmete noch einmal tief durch bevor ich das Krankenhaus betrat und zur Station ging. Ich bekam ein Einzelzimmer und richtete mich erst einmal ein. Gegen Mittag wurden dann einige Tests gemacht und um 14 Uhr bekam ich meine erste Bestrahlung. Ich lag auf meinem Bett und sah den Schneeflocken draußen zu als es klopfte.
„Hey, kann ich rein kommen?!“ Graham steckte seinen Kopf herein.
„Klar.“ ich setzte mich auf.
„Wie geht’s dir?“ Gra nahm meine Hand.
„Gut. Die erste bis dritte Bestrahlung sind nicht so schlimm, ab der vierten wird es schlimm. Dann kannst du mich auch nicht mehr besuchen. Dann darf für drei Wochen keiner ohne Schutzausrüstung in mein Zimmer. Ich bin dann radioaktiv, aber ich leuchte nicht im dunklen!“ ich versuchte Gra anzugrinsen.
„Das ist nicht lustig!“ er nahm mich in den Arm „Du mußt das schaffen!“
„Ich gebe mir Mühe!“
Nach einer Weile ließ mich Gra wieder los und sah mich lange an.
„Sag mal was hast du eigentlich mit Mark gemacht?“ Gra sah mir direkt in die Augen und ich schaute weg.
„Nichts...“ erwiderte ich.
„Ich glaube aber doch, der Arme war ganz schön durch den Wind. Ich habe mit ihm geredet. Der ist ganz schön verknallt in dich und du hast in eiskalt abblitzen lassen.“ Gra sah mich vorwurfsvoll an.
„Es ist besser so, er soll sich auf seine Karriere konzentrieren und ich muß mich auf mich konzentrieren, da ist kein Platz für Gefühle.“ ich sah wieder aus dem Fenster.
„Was hat denn Westlife damit zu tun?“ Gra stand auf und ging ums Bett herum so das ich ihn ansehen mußte.
„Ich möchte das er sich auf seine Musik konzentriert.“
„Magst du ihn denn gar nicht?“ Gra ließ nicht locker.
„Doch, verdammt noch mal das ist ja mein Problem.“ antwortete ich gereizt.
„Ach so!“ Gra setzte sich wieder aufs Bett. Er nahm mich in den Arm und ich genoß es einfach.
Die folgenden drei Wochen waren die Hölle. Ich spuckte mir die Seele aus dem Leib und litt unter ständigen Kopfschmerzen, meine Haare fingen an auszufallen, meine Schleimhäute waren entzündet, so das ich kaum etwas Essen und Trinken konnte. Meine Familie und Gra besuchten mich fast jeden Tag, auch wenn wir nur durch eine Glasscheide miteinander reden konnten. Dann ging es langsam bergauf, ich hatte meinen ersten Chemoblock geschafft. Ich konnte endlich wieder auf eine Normalstation. Eines Tages kam Gra nachmittags und brachte mir ein Video mit.
„Hey Ash! Wie geht’s?“ er holte sich einen Stuhl und setzte sich.
„Ganz gut! Was hast du da?“ ich deutete auf die Kassette.
„Überraschung!“
Er legte sie ein und auf dem Bildschirm erschien Mark mit den anderen Jungs von Westlife. Es war ein vor kurzem aufgezeichnetes Interview. Darin starten sie einen Aufruf zur Knochenmarkspende, alle zeigten Stolz ihren Spendeausweis und mir traten Tränen in die Augen.
„Das ist so lieb von ihnen!“ ich wischte mir eine Träne weg.
„Es war Marks Idee und weil ich wußte das du sie ganz toll findest und dich bestimmt bei ihm persönlich bedanken willst habe ich ihn gleich mit gebracht!“ er stand auf und ging zu Tür.
„WAS?“ japste ich. Gra nickte und ich zupfte mein Kopftuch zurecht, die Haare waren nun endgültig ausgefallen und mit dem Tuch fühlte ich mich nicht mehr so „nackt“ auf dem Kopf.
Mark kam langsam ins Zimmer und lächelte mich schüchtern an.
„Hallo!“ sagte er leise und trat ans Bett.
„Hallo!“ erwiderte ich und sah zu Boden.
„So ich laß euch dann mal kurz alleine, ich muß noch was erledigen.“ damit verschwand Gra.
„Danke!“ sagte ich leise und sah Mark an.
„Gern geschehen!“ Mark nahm meine Hand.
„Wie geht es dir?“ ich streichelte über Mark`s Handrücken.
„Ganz gut soweit, in ein, zwei Tagen kann ich für drei Wochen nach Hause. Dann geht es wieder von vorne los.“
„Du schaffst das schon!“ er grinste mich an.
„Na, wenn du das sagst...“ ich lächelte ihn an.
„Darfst du eigentlich raus gehen?“
„Ab morgen. Wieso?“
„Überraschung!“ er zog eine Augenbraue hoch.
„Na, da bin ja gespannt!“ ich massierte meine Schläfen.
„Bist du müde?“ Mark sah mich mitfühlend an.
„Hmmm!“ ich schloß die Augen.
„Gut, dann sehen wir uns!“ er stand auf und küßte mich auf die Stirn.
Kurze Zeit nachdem er das Zimmer verlassen hatten schlief ich ein. Am nächsten Morgen holten mich meine Eltern und Josh ab und wir fuhren nach Hause. Meine Eltern richteten mir im Wohnzimmer ein Lager her, von dem ich alles im Blick hatte. Ich wartete den ganzen Tag darauf, das Mark mit seiner Überraschung kommen würde, aber er kam nicht. Josh meinte ich sollte nicht so ungeduldig sein.
Ich schlief am Abend total erschöpft ein und meine Mum meinte ich solle ruhig im Wohnzimmer schlafen. Mitten in der Nacht wurde ich durch ein Geräusch geweckt, Mark stand kurz vor der Couch und sah mich an.
„Hey Kleine! Auf geht’s!“ er hielt mir sein Hand hin.
„Jetzt?“ ich sah ihn fragend an.
„Ja!“ er reichte mir eine Jacke und verband mir die Augen, dann führte er mich zu seinem Auto und wir fuhren ein Stück. Dann half er mir beim aussteigen.
„Mark? Was hast du vor?“ ich platze beinahe vor Neugier.
„Warts ab!“ lachte er und zog mich weiter.
Dann blieb er stehen.
„Bereit?“ hauchte er mir ins Ohr und mir lief ein Schauer über den Rücken.
„Ja.“ flüsterte ich.
Er nahm mir die Augenbinde ab und mir blieb der Atem weg. Wir standen an den Klippen und die Sonne begann gerade aufzugehen. Es war ein wunderschöner Anblick und Mark zog mich in seine Arme.
„So hat alles angefangen!“ meinte er und küßte mich.
„Ja.“ hauchte ich.
Er küßte mich zärtlich.
Wir verbrachten meine Bestrahlungsfreien Tage damit uns Filme anzuschauen und redeten über Gott und die Welt. Nach der dritten Bestrahlung tauchten Fotos von uns in der Presse auf und BMG gab eine Öffentliche Stellungnahme heraus. Die Fans reagierten super und bekam viele Genesungswünsche.
Doch der gewünschte Erfolg blieb aus...Ein knappes Jahr später verlor ich den Kampf gegen den Krebs. Aber ich war dankbar das ich Mark kennen lernen durfte und das er an meiner Seite war.