Kapitel 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - 8 - 9 - 10 - 11 - 12 - 13 - 14 - 15 - 16 - 17 - 18 - 19 - 20 - 21 - 22 - 23 - 24 - 25 - Epilog

1. Kapitel

Eilig hetzte Shannon das schmale Treppenhaus nach oben und hielt erschöpft Inne als sie im siebten Stock ankam. Außer Atem lehnte sie sich gegen die Glastür und holte tief Luft bevor sie selbige öffnete und mit einem breiten Lächeln durch das Büro schlenderte.
"Hey Shannon, schön dass du wieder da bist!" grinste ihr eine junge Frau zu, deren Namen sich Shannon noch nie hatte merken können. Sie nickte nur lächelnd und ging, immer noch nach Luft ringend, auf ihren Schreibtisch zu der an einem der großen Fenster, direkt neben dem Büro des Chefs stand.
"Hey Shannon!" sprach sie jemand unerwartet von der Seite an woraufhin sie erschrocken einen Schritt zurück wich und mit ihrer riesigen Basttasche den Aktenstapel vom Tisch hinter sich fegte. "Oh..." murmelte sie verwirrt und begann die Unterlagen wieder aufzuheben. "Tut mir echt leid." sagte sie leise zu dem Mann, der sich zu ihr hinuntergebeugt hatte um ihr beim Aufsammeln der Akten zu helfen.
"Hey, nicht dass ich es nicht von dir gewöhnt wäre." lachte der Mann kopfschüttelnd und half ihr auf als sie alle Akten zusammengesucht hatten. "Ich frage mich immer wieder wie es ein kleiner Mensch wie du ständig schafft solchen Flurschaden anzurichten?"
Shannon sah ihn gekränkt an und plante in Gedanken bereits die Züge für einen Gegenschlag, doch statt etwas zu erwidern lächelte sie ihn bloß gequält an und zog erhobenen Hauptes von dannen um sich auf dem Stuhl, der vor ihrem leeren, fast steril wirkenden Schreibtisch stand, nieder zu lassen.
"Shannon, wunderbar! Komm doch bitte mal zu mir rein, ja?"
Shannon musste sich nicht umdrehen um zu wissen wer seinen Kopf in der üblichen, zur Seite gewendeten Lage aus seinem Büro steckte. Es war James, ihr langjähriger Bekannter und Vorgesetzter. James hatte schon als kleines Kind als er noch mit Shannon und ihrer Schwester im Sandkasten gespielt hatte, große Pläne gehabt, wollte wenn er groß ist unbedingt eine eigene Firma haben. Immerzu hatte er Shannon und ihre Freunde gezwungen mit ihm Firma zu spielen was jedoch nie auch nur einem einzigen Kind außer ihm Spaß gemacht hatte. Heute, zwanzig Jahre später, hatte er seinen eigenen Verlag für den Shannon seit nun schon knapp drei Jahren arbeitete.
"Shannon, hörst du?" fragte James wohl schon zum wiederholten Male.
"Sicher." nickte sie abwesend, stand auf und folgte ihm in sein Büro. Sofort, noch bevor sie sich hingesetzt hatte, stürzte er auf sie zu und schloss sie fest in seine Arme. "Es tut mir so leid Shannon. Ich habe erst kurz vor der Beerdigung davon erfahren als ich gerade in Asien unterwegs war." sagte er entschuldigend und lies wieder von ihr ab um sich hinter seinem Schreibtisch in den großen, ledernen Sessel fallen zu lassen. "Wie geht es dir jetzt?"
"Ganz gut eigentlich." nickte sie. "Ich denke es war das Beste für alle Beteiligten."
"Wie geht es Aileen?"
"Sie ist bereits seit einer Woche in London. Wir haben in der letzten Woche fast täglich telefoniert und am Telefon gemeinsam geweint." Erneut, und nur beim bloßen Gedanken daran, stiegen Shannon die Tränen in die Augen die sie verstohlen mit einer Handbewegung wegwischte.
"Shannon, wenn es dir nicht gut geht kannst du gerne noch ein oder zwei Wochen an deinen Urlaub dran hängen, ich meine..."
"Nein." sagte Shannon kopfschüttelnd. "Ich habe lange genug zuhause rumgesessen. Ich möchte wieder arbeiten."
James nickte zögerlich und begann in seinen Unterlagen zu kramen. "Ich hätte was für dich, aber ich muss vorher von dir wissen ob du wirklich bereit bist wieder voll einzusteigen. Shannon, es ist erst drei Wochen her, wenn du dich nicht..."
"James." sie sah ihn liebevoll an. "Danke, ich weiß deine Fürsorge wirklich zu schätzen, doch ich bin mir sicher dass ich wieder arbeiten möchte." Sie richtete sich in ihrem Stuhl auf und reckte ihren Kopf um sehen zu können welche Akte James soeben aus dem Stapel gezogen hat. Sie war ungewöhnlich dick im Gegensatz zu den Sachen mit denen er sie sonst immer beauftragt hatte. "Hey, mit voll einsteigen meinst du aber nicht gleich einen ganzen Roman schreiben, oder?" scherzte sie. Shannon musste schlucken als sie in James ernstes Gesicht blickte. "Ein Roman?"
Er schüttelte den Kopf. "Kein Roman." Er stand auf, kam um den Schreibtisch herum und lehnte sich vor Shannon gegen den Tischrand. "Ich habe mir gedacht dass du gerne etwas Abwechslung hättest. Du weißt schon, Tapetenwechsel und so."
Shannon nickte bloß und wartete gespannt auf James’ glorreiche Idee.
"Das ist mir gestern zugeschickt worden." Er reichte ihr die Unterlagen und blieb mit verschränkten Armen vor ihr stehen während er sie musterte wie sie die Unterlagen überflog.
"Was genau ist das?"
"Sagt dir der Name Louis Walsh etwas?"
Shannon zuckte mit den Schultern. "Ja?"
"Walsh ist der Produzent schlechthin." erklärte er während er durch das Büro lief. "Er hat Boygroups aus Irland und Groß Britannien in ganz Europa berühmt gemacht."
Shannon entfuhr ein leises Lachen. "James." schüttelte sie den Kopf. "Du müsstest mich gut genug kennen um zu wissen dass ich noch nie viel von Boygroups gehalten habe."
James drehte sich zu ihr um und musterte sie, wie sie mit ihren viel zu weiten Khakihosen, ihrem Augenbrauenpiercing und ihren rabenschwarz gefärbten Haaren, die sie mit einem roten Bandana gebändigt hatte, ihre Tasche mit dem Nirvana Aufnäher auf ihrem Schoß, vor ihm saß und ihn mit ihren leuchtenden Augen ansah. Nein, ganz gewiss hatte dieses Mädchen noch nie eine Pop CD in ihrer Stereoanlage gespielt. Er nickte lächelnd und kam zurück zu ihr an den Tisch. "Niemand verlangt von dir dass du die Musik magst, du solltest lediglich etwas davon verstehen. Walsh hat mich gestern Nachmittag angerufen und gefragt was ich von seinem Konzept, dem Konzept was du jetzt in der Hand hältst, halte und gefragt ob ich schon jemanden wüsste dem ich den Auftrag übergeben würde. Shannon ich habe keine zwei Sekunden gebraucht um auf dich zu kommen. Du bist jung, klug, verstehst was von Musik und kannst gut mit anderen Menschen umgehen. Und außerdem bist du meine beste Schreiberin."
Shannon lachte. "Schleimer. Das sagst du nur weil du mal wieder zum Kaffee trinken eingeladen werden willst."
"Shannon." erwiderte er ernst. "Louis Walsh ist eine wahre Größe, sowohl hier als auch in Groß Britannien und dieses Buch muss ein Erfolg werden." Er legte die Betonung ganz bewusst auf das muss und sah sie eindringlich an bevor er fortfuhr. "Ich weiß um dich und deine momentane Verfassung. Aber ich weiß auch, dass ich dir mit diesem Buch vertrauen kann, sonst würde ich es dir erst gar nicht anbieten. Walsh ist einer meiner wichtigsten Kunden über die Jahre gewesen, ich kann es mir also nicht leisten ihn zu enttäuschen."
Shannon nickte. "Und du bist sicher dass du mich dafür haben willst?"
"Ganz sicher." bestätigte er ihr und reichte ihr seine Hand. "Glaubst du du kannst das schaffen?"
Sie überlegte. Eigentlich gab es keinen Grund wieso sie es nicht schaffen sollte. Sie war neugierig, aufdringlich, vorlaut und selbstbewusst, was sollte ihr groß passieren? Und doch hielt sie irgendetwas in ihr davon ab James augenblicklich um den Hals zu fallen und den Job dankbar anzunehmen. "James ich, ich bin wirklich gerührt." gab sie zu. "Kann ich dir morgen Bescheid geben?"
"Du hast bis Mittwoch Nachmittag zeit denn Freitag ist das Treffen in Dublin." nickte er und half ihr hoch. "Überleg es dir gut, okay?"
Shannon nickte und hauchte James einen Kuss auf die Wange bevor sie ihn anlächelte und aus dem Büro ging.

"Aileen, so einfach wird das nicht glaube ich." versuchte Shannon ihre kleine Schwester von ihren Zweifeln zu überzeugen. "Ich meine laut diesem Bericht hier wären wir fast drei Monate in ganz Europa unterwegs. Drei Monate, das ist ne ganz schön lange Zeit, findest du nicht?"
"Was willst du denn sonst machen? Im Büro sitzen und deine Kolumne für die Leisure schreiben? Ich bitte dich, die Erfüllung kann das nicht sein oder?"
"Ich bin immer gut damit gefahren." rechtfertigte sie sich und zog eine Schnute.
"Shannon, mach keine Schnute."
"Mach ich gar nicht."
"Machst du wohl."
"Mach ich nicht."
"Ich höre es doch an deiner Stimme."
"Hmh." Shannon gab sich geschlagen und blätterte mit ihrer freien Hand durch die Unterlagen die sie vor sich auf dem Bett ausgebreitet hatte. "Glaubst du wirklich ich soll da mit machen?"
"Was hast du denn zu verlieren?"
"Meine Job und meinen Kopf wenn ich die Sache nicht gut mache."
"Seit wann denkst du denn dass du etwas nicht gut machst? Du bist doch immer die erste die hier schreit."
"Du verstehst das nicht. Ich meine, das ist eine Boygroup." sagte Shannon mit selbsterklärendem Unterton.
"Nur weil da Männer singen ist das noch lange keine Boygroup!" versuchte Aileen ihre Schwester eines besseren zu belehren. "Wie heißen die denn?"
"Gute Frage." erwiderte Shannon.
Aileen hörte wie ihre Schwester am anderen Ende der Leitung zu blättern begann.
"Was ist?" fragte sie als sie für wenige Augenblicke nichts mehr hörte.
"Ich finde es... Oh doch, warte... Hier steht was. Westlife. Was ist denn das für ein..."
"Westlife? Oh mein Gott, einen der Jungs habe ich vor einem halben Jahr oder so mal in einem Pub getroffen, der war echt niedlich."
"Super." entgegnete Shannon sarkastisch und blätterte weiter. "Was spielen die so für Musik?"
Das Zögern am anderen Ende der Leitung lies ihre Hoffnungen schwinden dass die Jungs doch noch ihrem Musikgeschmack entsprachen.
"Naja. Ist vielleicht wirklich nicht so ganz deine Musik. Die singen mehr Pop. So ähnlich wie die Boyzone würde ich sagen." gab sie zu.
"Wer ist Boyzone?" fragte Shannon verwundert.
"Aber das ist doch ganz egal, du musst ihre Musik doch nicht mögen, oder?" hängte sie schnell hintendran um die Situation zu entschärfen.
"Das hat James auch gesagt."
"Eben. Ich glaube wirklich dass du dir diese Chance nicht entgehen lassen solltest."
Shannon überlegte während sie zu ihrem Nachttisch rüber sah und den weißen Zettel erblickte der dort schon seit Monaten gefaltet lag. "In Europa schneit es, oder?"
"Shannon? Du lebst in Europa."
"Ich meine auf dem Kontinent."
"Ich denke schon. Ich habe gehört dass man in Österreich gut Skifahren kann."
"Ich werde es machen." nickte Shannon entschlossen. "Ich werde nach Europa gehen und dort Schneeengel machen."
Aileen lachte. "Wann soll es denn losgehen?"
"Ich weiß es nicht. In ein paar Wochen glaube ich. Ich muss jetzt auflegen, ich muss James Bescheid sagen."
"Du weißt schon dass es bereits halb zwei ist?"
"Ist nicht so schlimm, er wird das verstehen."
Aileen musste schmunzeln. "Ganz bestimmt Schwesterherz. Grüß Mum von mir, okay?"
"Mach ich. Ich liebe dich." Sie küsste ihren Telefonhörer und legte ihn kurz auf die Gabel um ihn sogleich wieder abzuheben und James Nummer zu wählen.
"Corday?" meldete sich eine verschlafene Stimme.
"James? Ich mache es!" flötete Shannon ins Telefon.
"Was? Wer ist da?" fragte er verwirrt.
"James." lachte sie. "Hier ist Shannon, ich wollte dir nur sagen dass ich den Job mache."

"Hey Mum. Stell dir vor, ich werde morgen nach Dublin fahren um mich dort mit ein paar Leuten einer Band zu treffen mit denen ich ab nächste Woche auf Europatournee gehen werde. Und ich werde ein Buch über die Band schreiben. James war nicht begeistert als ich ihm die Nachricht morgens um halb zwei überbracht habe, du kennst ihn ja. Aber du glaubst gar nicht wie aufgeregt ich bin." Shannon hielt Inne und wischte sich eine Träne aus dem Auge bevor sie fortfuhr. "Schade dass du das Buch nie lesen wirst." Sie senkte den Kopf und legte ihre Hand auf den kalten Grabstein. "Schönen Gruß von Aileen übrigens. Sie meinte sie würde dich bald mal wieder besuchen kommen." Vorsichtig legte sie die rote Rose, die sie zuvor in dem Blumenladen um die Ecke gekauft hatte, auf den schwarzen Grabstein und strich sachte darüber bevor sie ihre Fingerspitzen küsste und diese über den Namen ihrer Mutter gleiten lies. "Du fehlst mir Mum." sagte sie leise bevor sie sich erhob und den schmalen, kiesigen Weg hoch zum Haupttor des Friedhofs lief.

2. Kapitel

Shannon hatte fast die ganze Zugfahrt über geschlafen, war sie es doch nicht gewohnt so zeitig aufzustehen um den Earlybird Zug nach Dublin zu nehmen. Die Menschen, die mit ihr im Zug saßen schienen allesamt geschäftlich in Dublin zu tun zu haben, denn jeder von ihnen trug eine Aktentasche mit sich herum und telefonierte alle fünf Minuten mit wichtigen Geschäftspartnern per Handy. Sie selbst hatte noch nie viel von Mobiltelefonen gehalten. Einmal hatte sie einem Jugendlichen im Bus das Handy weggenommen weil er über fünf Minuten neben ihr gesessen hatte und sich lautstark mit seiner Freundin am Telefon gestritten hatte. Er hat jetzt leider keine Zeit mehr, hatte sie damals ins Handy gegiftet bevor sie aufgelegt und dem verdutzten Jungen sein Handy wiedergegeben hatte.
"Entschuldigung Miss, dürfte ich ihre Fahrkarte sehen?" der Kontrolleur, der sie bereits vor Portlaoise kontrolliert hatte stand erneut vor ihr und lächelte sie freundlich an. "Sie haben mich bereits kontrolliert." versicherte Shannon ihm und blickte weiter aus dem Fenster. "Miss, könnte ich bitte ihren Fahrschein sehen?" beharrte er und blieb regungslos vor ihr stehen.
Shannon blickte auf und seufzte. "Sicher." murmelte sie und kramte ihr Ticket aus ihrer Tasche, hielt es ihm trotzig hin und wollte es bereits wieder weg ziehen als er sie am Arm fest hielt und ihr das Ticket aus der Hand nahm.
"Ich bitte sie, sie haben das Ticket bereits gesehen." versuchte sie es erneut, doch sichtlich ohne Erfolg. Der Kontrolleur hielt einen Augenblick Inne und musterte Shannon aus dem Augenwinkel bevor er ihr das Ticket zurück gab und kopfschüttelnd weiter ging.
"Wäre ich blond und hätte einen Ausschnitt hätten sie mich auch schwarz fahren lassen." rief sie ihm halblaut hinterher und starrte wieder aus dem Fenster als plötzlich jemand neben sie trat und sich vor ihr aufbaute. "Junge Dame, möchten sie in Newbridge aussteigen?" fragte der Kontrolleur mit grimmigem Gesichtsausdruck.
Kleinlaut entschuldigte sie sich und lächelte ihm gequält nach während er sich weiter durch den schmalen Gang, vorbei an Koffern und quer über den Bänken schlafenden Personen, drängte um seinem Job nachzugehen.
Shannon atmete tief durch, setzte ihre Kopfhörer auf und schloss müde die Augen.
"Miss? Hallo, Miss." Jemand rüttelte an Shannons Schulter woraufhin sie die Augen aufschlug und in die einer alten, grauhaarigen Frau blickte. "Wir sind in Dublin."
Schnell suchte sie ihre Sachen zusammen und stopfte sie in ihren Rucksack, schulterte ihn und drängte sich aus dem Zug. Man hatte ihr versichert dass jemand am Bahnhof stehen würde um sie zu begleiten, doch auf Anhieb entdeckte sie niemanden der aussah als würde er auf jemanden warten. Sie trottete die Halle hinunter und war gerade im Begriff sich auf eine der freien Bänke zu setzen als sie einen kleinen Take-away entdeckte. Sie hatte den ganzen Morgen noch nichts gefrühstückt, das machte sich nun langsam bemerkbar.
Als sie beladen mit einem Sandwich, einer Flasche Club Orange und einem Schokoriegel wieder aus dem kleinen Laden kam fiel ihr augenblicklich ein Mann ins Auge der gegen eine der Säulen gelehnt stand und gelangweilt ein Schild hoch hielt. Unauffällig näherte sie sich ihm und grinste als sie ihren Namen auf dem Schild entziffern konnte. Schnell schob sie sich die Strähne, die hinter ihrem Bandana hervorgekommen war mit ihrem Handrücken wieder hinter ihr Ohr und ging lächelnd auf ihn zu.
"Hallo ich..." Sie wollte ihm die Hand reichen, vergaß aber dabei dass sie voll bepackt war und lies ihre Flasche, das Sandwich, den Schokoriegel und ihr Portemonnaie fallen. Eilig bückte sie sich und hob den Schokoriegel und ihr Portemonnaie auf während der blonde, junge Mann den Rest aufhob. Er blieb kurz in der Hocke und musterte sie verdutzt bevor er sich wieder aufrichtete und auf sie hinunter sah. "Tut mir leid, ich bin immer etwas ungeschickt." murmelte sie verlegen während sie sich aufrichtete und ihr Portemonnaie so wie den Schokoriegel in ihre Tasche schob. Seufzend blickte sie auf und lächelte. "Was?" fragte sie verwirrt und nahm ihm die Flasche und das Sandwich ab. Hungrig öffnete sie die Verpackung und biss ein Stück ab bevor sie sich sachte mit der Hand an die Stirn schlug und den Kopf schüttelte. "Tut mir leid, ich bin so unhöflich." schalt sie sich selbst und reichte ihm erneut die Hand. "Shannon, Shannon Murphy." murmelte sie mit vollem Mund.
Wortlos reichte er ihr die Hand und drückte sie sachte, brachte aber kein Wort heraus. "Was ist?" wieder sah sie ihn verwirrt an. "Kannst du sprechen? Wie heißt du?" Shannon wusste, dass James ihr mehrfach ans Herz gelegt hatte sich zu benehmen. Sie hatte es mit Stars zu tun, nicht mit irgendeinem drittklassigen Interviewpartner aus der Sporthalle um die Ecke. Doch so wie dieser Mann hier, den sie von einem der Fotos die der Akte beilagen her kannte, vor ihr stand, sie lediglich anstarrte und kein Wort rausbrachte blieb ihr nichts anderes übrig als die Situation etwas aufzulockern.
"Ich will sie ja nicht stören oder so, aber sollten wir uns nicht auf den Weg machen zu diesem Meeting?"
"Das ist ein Witz oder?"
"Na, es geht doch." lächelte sie, verzog dann allerdings das Gesicht und sah ihn schief an. "Wieso ein Witz?"
"Sie sind Shannon Murphy?"
"Was dagegen?" Shannon hätte sich für den giftigen Ton in ihrer Stimme ohrfeigen können. Sie würde sich verdammt noch mal zusammen reißen. "Ja, das ist mein Name." nickte sie eifrig und lächelte. "Wollen sie mir jetzt endlich ihren verraten?"
Er sah sie zögernd an. Shannon gefiel sein musternder Blick ganz und gar nicht und sie hätte ihn nur zu gern zurecht gewiesen, doch zügelte sie sich wohlweißlich selbst und atmete tief durch. "Gut, dann nicht. Können wir dann wenigstens fahren?"
Der Mann schien plötzlich wie aus einem Traum zu erwachen als er verstört aufblickte, dann wieder auf sie hinab sah und sie grinsend ansah. "Tut mir leid, ich war nur im ersten Moment etwas, na ja sagen wir irritiert."
Sie erwiderte sein Grinsen und reichte ihm erneut die Hand. "Das sind die meisten." nickte sie und legte ihren Kopf fragend zur Seite. "Und sie sind?"
"Kian, Kian Egan."
"Sehr schön, dann hätten wir das ja geklärt." stellte sie fest und biss von ihrem Sandwich ab. "Wo parkt ihr Auto?"
"Unten, komm mit." Er winkte sie hinter sich her und führte sie schweigend zu einem silbergrauen Mercedes SLK den er mit blinkenden Warnanlage direkt vor dem Bahnhofsgebäude geparkt hatte. "Sie können sich wohl alles erlauben, oder?" lachte sie kopfschüttelnd und stieg in den Wagen.
"Nicht alles." schüttelte er den Kopf als er sich auf den Fahrehrsitz fallen lies und den Motor anließ. "Aber fast."
Sie saßen eine zeitlang schweigend nebeneinander und sagten nichts bis Kian schließlich den Kopf drehte und sie von der Seite ansah. Sie saß neben ihm, aß genüsslich ihr Sandwich und spülte es ab und an mit Club Orange runter bevor sie schließlich die leere Packung zusammen mit der Flasche in ihre Tasche steckte und ihren Schokoriegel herausnahm. "Wollen sie was?" fragte sie ohne ihn anzusehen. Viel zu sehr war sie damit beschäftigt den Riegel von seiner Verpackung zu befreien.
"Nenn mich bitte Kian."
Sie sah auf und blickte ihn fragend an. "Okay." zuckte sie schließlich mit den Schultern und biss ein Stück von ihrem Riegel ab bevor sie ihn Kian unter die Nase hielt. "Willst du ein Stück?"
"Nein." lachte er kopfschüttelnd und zog sein Gesicht etwas zurück. "Aber danke."
"Mehr für mich also."
"Wie viele Leute sind da denn jetzt anwesend?" fragte sie nach einer kurzen Pause.
"Sieben mit dir."
"Wer denn noch?"
"Louis Walsh und unser Tourmanager Anto Byrne."
"Dann seid ihr ja nur vier." stellte sie fest.
Kian sah sie fragend an. "Eigentlich sind wir sieben aber die anderen drei haben keine Zeit heute."
"Achso." nickte Shannon und sah aus dem Fenster. Kians Versuch ein Lachen zu unterdrücken zog allerdings ihre sofortige und vollkommene Aufmerksamkeit auf ihn. "Was ist?"
"Du hast keine Ahnung wer oder was Westlife ist, oder?"
Beschämt blickte sie unter sich und schüttelte zaghaft den Kopf. "Wenn ich ehrlich bin ist Popmusik nicht gerade meine Richtung."
"Das sehe ich." bestätigte Kian. "Wieso machst du das hier dann?"
Sie zuckte mit den Schultern. "Weil ich noch nie Schnee gesehen habe."
Sie wusste nicht ob sie ihn überzeugt, überrascht oder gnadenlos überfordert hatte, doch mit einem Mal verstummte Kians leises Gelächter und wich einem ernsten, für Shannon nicht zu deutenden Gesichtsausdruck der sich auch nicht legte als sie in ein Parkhaus fuhren.
"Habe ich etwas Falsches gesagt?" fragte sie schließlich vorsichtig während sie auf den Fahrstuhl warteten.
"Nein." versicherte er ihr und sah sie liebevoll an. "Ich hatte früher den selben Traum."
"Welchen Traum?"
"Na Schnee zu sehen."
"Hmh." Shannon hätte gerne noch etwas gesagt, behielt es aber für sich als sich im nächsten Moment die Fahrstuhltür öffnete und sie einstiegen.
"Ah, wunderbar." echote es ihnen bereits entgegen als sie aus dem Fahrstuhl stiegen und den langen, halbdunklen Flur entlang schlichen. "Hallo, mein Name ist Lou...."
Walsh stoppte mitten in seinem Satz als Shannon ins Licht getreten kam und ihm grinsend die Hand entgegenstreckte. Er sah Kian fragend an, der daraufhin allerdings nur die Schultern hob und sich in den Konferenzraum verzog in dem bereits die Anderen warteten.
"Ähm, Louis, Louis Walsh. Und sie sind…” Er hielt Inne um sie den Satz vervollständigen zu lassen.
"Shannon Murphy, sehr erfreut." nickte sie und reichte ihm ihre Hand. "Oh, Entschuldigung." murmelte sie als sie bemerkte, dass sie noch Schokolade an den Fingern hängen hatte die nun auch über Walshs Hand verteilt war. Hastig zog sie ein Taschentuch aus ihrer Tasche und reichte es ihm. "Haben sie schon angefangen?"
"Nein, kommen sie nur." sagte er nach einem erneuten Zögern und sah ihr verwirrt hinterher als sie in den hellen Konferenzraum spazierte.
"Hallo." Sie ging auf den Stuhlhalbkreis zu, der vor einem riesigen Schreibtisch aufgebaut war und reichte jedem der Anwesenden ihre Hand, die sie vorher noch mit einem Taschentuch von den letzten Schokoladenresten befreit hatte.
"Gut, Jungs, das ist Shannon Murphy." nickte Walsh, der sich mittlerweile wieder gefangen zu haben schien, während er erneut auf sie zukam und ihr die Hand reichte.
Sie lächelte ihn dankbar an und nahm Platz während Walsh um seinen Schreibtisch rumlief und sich mit, hinter dem Rücken verschränkten Armen an die Tischplatte stellte. "Miss Murphy gehört ab heute zum Team und ich möchte dass ihr sie dementsprechend behandelt, verstanden? Sie hat die ausdrückliche Erlaubnis mit euch im Tourbus zu fahren und euch überall hin zu begleiten wenn sie das wünscht und für sinnvoll hält. Solltet ihr euch außer Stande fühlen eine Frage zu beantworten dann erklärt das höflich. Ihr habt keinerlei Recht mit ihr umzuspringen wie ihr es untereinander gerne tut. Miss Murphy wird euch für die Zeit der Tournee begleiten und ich möchte euch erneut daran erinnern, dass es bei dem Buch um euch geht. Ihr habt dafür zu sorgen dass es ein Erfolg wird, versteht ihr mich?"
Allgemeines Nicken folgte bevor einer der Jungs aufstand und Shannon abermals die Hand reichte. "Willkommen im Team. Wenn du möchtest stehe ich dir zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung!"
"Mark." mahnte Walsh und sah ihn kopfschüttelnd an. "Halt die Finger still, verstanden?"
Er nickte bedrückt und nahm Platz während Walsh sich wieder an Shannon wendete. "Sollten sie eine Frage haben oder mal nicht weiter wissen oder sollte sie Hilfe benötigen dann lassen sie es entweder mich oder Anto wissen, ja? Anto wird Tag und Nacht in ihrer Nähe sein um ihnen ihre Fragen zu beantworten. Mich können sie jederzeit telefonisch erreichen." Er begann in einem Stapel zu wühlen während sich Shannon zunehmend unwohl umsah und in das Gesicht eines älteren, freundlich aussehenden Mann sah der ihr gegenüber saß und sie grinsend ansah. Er gestikulierte ihr mit einer Handbewegung er sei Anto und nickte bevor er sich wieder Louis Walsh widmete.
"Ich habe hier für sie den Tourablauf aufgelistet. Sie starten in knapp einer Woche in London bevor es aufs Festland geht." Er überflog die vielen Blätter die er in der Hand hielt und reichte sie ihr schließlich mit einem Lächeln. "Jungs, ihr könnt gehen. Ich kläre mit Miss Murphy nur noch die Formalitäten. Und ich rate euch schon jetzt euch mit dem Gedanken abzufinden dass sie euch ab nächste Woche begleiten wird. Und das mir ja keine Klagen kommen."
Die vier Jungs verabschiedeten sich mit einem kurzen Händedruck und einem freundlichen Lächeln bevor sie aus dem Raum gingen und die Tür hinter sich schlossen.
"Sie sehen so verängstigt aus. Nur keine Angst, so schlimm sind sie gar nicht!" versuchte Anto sie zu beruhigen.
Shannon versuchte zu lächeln, scheiterte jedoch kläglich und brachte nur ein gequältes Seufzen hervor.
"Shannon, ich muss sie etwas fragen." erklärte Walsh unwohl und rieb sich zögernd über die Handknöchel. "Ich habe von James erfahren dass..." Er hielt Inne und sah hilfesuchend zu Anto, doch auch der schien nicht zu wissen wie man das Unausgesprochene am Besten verpackt.
"Er hat ihnen von meiner Krankheit erzählt." nickte sie und zuckte mit den Schultern. "Ich nehme Medikamente, es ist also halb so schlimm. Den letzten Anfall hatte ich vor Monaten"
"Ja, doch sind sie sich sicher dass sie sich dem Stress aussetzen wollen der in den nächsten Wochen und Monaten auf sie zukommen wird?"
Shannon nickte. "Ich bin mir sicher."
Walsh sah sie skeptisch an und fuhr sich nachdenklich über sein Kinn. Die junge Frau die vor ihm saß war zweifelsohne hübsch. Sie hatte pechschwarze, halblange Haare die sie mit einem Bandana aus dem Gesicht hielt, hellblaue, funkelnde Augen und ein Lächeln dass Eisberge zum Schmelzen brächte. Und doch, bei genauerem Hinsehen sah sie müde und abgemagert aus. Ihre Haut war aschfahl und ihre dünnen, fast stelzigen Beine hatte sie unter viel zu weiten Hosen versteckt.
"Ganz sicher?"
Sie nickte abermals bevor sie Anto und Louis eindringlich ansah. "Ich bitte sie das hier für sich zu behalten, okay? Niemand von den Jungs muss davon wissen, klar?"
"Wenn sie es wünschen." nickte Anto.
"Gut." klatschte Walsh in die Hände und ging hinter seinen Schreibtisch um ihr den Vertrag vorzulegen. "Sie haben weitestgehend freie Hand was das Buch angeht. Punkte die sie allerdings berücksichtigen sollten habe ich ihnen auf einem extra Zettel vermerkt den sie beim Tourablauf finden. Hiermit bestätigen sie nur dass sie die nächsten drei Monate mit uns reisen und so weiter und so fort."
Shannon überflog die Zeilen bevor sie ihre Unterschrift darunter setzte und ihm den Vertrag hinschob.
"Willkommen an Bord Miss Murphy." lächelte er und reichte ihr erneut die Hand.

"Hey." rief jemand hinter Shannon her als sie aus dem Bürogebäude kam und sich nach allen Seiten nach einem Taxi umsah. Sie schreckte zusammen als der SLK neben ihr hielt und Kian sie aufforderte einzusteigen.
"Kann ich dich nach Hause fahren?" fragte er.
"Klar." nickte Shannon fröhlich und stieg zu ihm in den Wagen.
"Habt ihr noch alles geklärt, ja?" fragte er neugierig. Scheinbar hatte er während der letzten Minuten seine Sprache wieder gefunden.
"Ich bin jetzt offizielles Teammitglied."
Kian lachte. "Herzlichen Glückwunsch."
Es herrschte einige Minuten Schweigen in denen Shannon verträumt aus dem Fenster sah während Kian einen guten Radiosender einzustellen versuchte.
"Wieso bist du eigentlich nicht mit dem Auto hier?"
Shannon zuckte zusammen. "Ähm, weil ich keinen Führerschein habe." gab sie zu.
"Wieso das?"
"Ich hatte nie in Erwägung gezogen ihn zu machen, ich weiß auch nicht warum. Wahrscheinlich weil Limerick eine solch große Stadt ist in der man nicht erst Kilometer weit fahren muss um das benötigte zu besorgen, verstehst du? Würde ich auf dem Land wohnen hätte ich wahrscheinlich auch einen." log sie und hoffte, dass das Thema damit beendet war.
"Ja, verstehe ich. Ich wohne in Kildare, da kommst du ohne Führerschein nicht weit."
"Ähm, du bist dir schon darüber im Klaren, dass ich in Limerick wohne und du jetzt ganz umsonst einmal quer über die ganze Insel fährst?"
"Umsonst ist nichts." lachte er. "Ich will dass du dich wohl fühlst bei uns. Glaub mir, es kann manchmal ganz schön stressig und unangenehm werden wenn vier Jungs um dich herum sind und alle etwas anderes wollen, sagen oder tun."
"Ach, ich glaube das werde ich verkraften." lachte sie und sah aus dem Fenster. Sie wusste, dass sie sich mit vier Jungs und drei Monaten ununterbrochenem touren einiges aufgehalst hatte, doch sie hatte sich geschworen das durchzuziehen, egal wie schwer es an manchen Tagen auch sein würde.
"Darf ich dich was fragen?" fragte er nach einer Weile und riss Shannon aus ihren weit abgedrifteten Gedanken.
"Wenn es nicht wieder eine Fangfrage, dann gerne."
Er schüttelte belustigt den Kopf. "Wie alt bist du?"
"Fünfundzwanzig."
Kian nickte, erwiderte jedoch nichts.
"Was, bist du geschockt weil ich so alt bin oder weil ich so alt aussehe?"
Er blickte grinsend zu ihr rüber und schüttelte den Kopf. "Quatsch, sei mir nicht böse, aber ich dachte wirklich du wärst wesentlich jünger."
"Liegt an meiner Größe," wusste sie seine Fehleinschätzung zu erklären. "Viele Leute denken nicht dass ich bereits mitte Zwanzig bin aber daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Wachsen werde ich nicht mehr, wieso also nicht damit abfinden."
"Wie groß bist du überhaupt?"
"Stolze 1,59 Meter. An guten Tagen sogar 1,60 Meter." erklärte sie mit erhobenem Haupt.
Kian lachte. "Süß."
"Hey!" mahnte sie und hielt ihm ihren Zeigefinger vors Gesicht. "Nenn mich nie wieder süß, verstanden?"
Doch Kian lachte lediglich und musterte sie ein letztes Mal bevor er sich wieder auf die Straße konzentrierte.

"Vielen Dank dass du mich nach Hause gefahren hast." sagte Shannon freundlich und reichte Kian ihre Hand. "Wir sehen...."
"Gibst du mir deine Nummer damit ich dich anrufen kann wann ich dich nächste Woche abhole?"
Sie sah ihn verständnislos an und schüttelte den Kopf. "Du willst die ganze Strecke noch mal fahren?"
"Klar, ich habe doch gesagt ich will dass du dich wohl fühlst."
Eilig schrieb sie ihre Telefonnummer auf ein Fetzen Papier und reichte sie ihm. "Danke." murmelte sie und stieg aus dem Wagen. Oben vor der Haustür blieb sie noch einen Moment stehen um ihm hinterher zu sehen wie er mit quietschenden Reifen um die nächste Ecke bog.

"Gott, ich fasse es nicht, meine Schwester geht mit vier hammersüßen Typen auf Europatournee und ich bin nicht dabei."
"Aileen, beruhig dich. So gut sahen die gar nicht aus." log Shannon und verkniff sich ein Lachen.
"Shannon, ich kenne dich, du sagst immer dass die Typen schlecht aussehen und hinter meinem Rücken vernaschst du einen nach dem anderen."
"Hey." fiel Shannon ihrer Schwester ins Wort und räusperte sich. "Ich wollte dich nur daran erinnern dass ich bereits fünfundzwanzig und damit raus aus dem Alter bin in dem ich Jungs hinterher gegeiert habe, okay?"
"Ja, heutzutage sehen sie dir hinterher." sagte Aileen fast ein wenig gekränkt.
"Weil sie sich fragen wie so ein kleiner Mensch wie ich so viel Chaos veranstalten kann. Vorhin auch als ich in das Büro reingekommen bin haben mich alle angesehen und sich gedacht was ich für eine bin, das habe ich an deren Blicke gemerkt."
"Shannon, du siehst nun mal nicht aus wie jeder andere. Es gibt Leute die sich an dich erst gewöhnen müssen."
"Super, bin ich ein Monster oder was?"
"Schatz, du weißt wie das gemeint war."
Shannon nickte. "Der eine war ganz süß."
"Oh mein Gott, ich wusste es." seufzte Aileen am anderen Ende der Leitung und lachte. "Ich schwöre dir, wenn du in ein paar Wochen ankommst und sagst du bist jetzt mit einem von den Jungs zusammen lache ich dich aus. Meine große Schwester, das Punkgirl schlechthin geht mit einem Boygroupmitglied. Das wäre die Schlagzeile, nicht nur bei der Leisure, glaub mir."
"Vergiss es." schüttelte Shannon belustigt den Kopf und küsste den Hörer. "Ich geh jetzt schlafen. Gute Nacht."
"Und das mir keine Klagen kommen!" hörte sie Aileen noch ins Telefon schreien bevor sie den Hörer auf die Gabel legte und sich in ihr Bett kuschelte


3. Kapitel

Shannon hatte es sich mit Kerzen, Keksen und Musik in ihrer Badewanne gemütlich gemacht und war bereits am eindösen als das Telefon klingelte. Fluchend stieg sie aus der Wanne, band sind ein Handtuch um und rannte ins Schlafzimmer um den Störenfried zurechtzuweisen.
"Wenn sie keine gute Ausrede haben mich zu stören sollten sie besser gleich wieder auflegen." fauchte sie in den Hörer.
Stille.
"Hallo?" fragte sie, diesmal in einem etwas gesetzteren Ton.
"Shannon?" fragte eine dunkle Männerstimme am anderen Ende der Leitung.
"Ja? Wer spricht da?"
"Hier ist Kian." Er hielt kurz Inne bevor er fortfuhr. "Egan? Von Westlife?"
"Ja, schon klar." lachte sie. Hatte er ernsthaft gedacht sie hätte ihn vergessen? "Was gibt’s? Die Woche ist noch nicht um, oder?"
"Nein." lachte er fröhlich. "Noch nicht. Ich wollte eigentlich nur fragen ob.... Ob du vielleicht Lust hättest heute Abend auf eine Party zu kommen die unsere Plattenfirma für uns gibt. Sozusagen als Auftakt. Dann könntest du alle vielleicht ein bisschen besser kennen lernen und so."
Shannon überlegte kurz. "Ja, wieso nicht? Wo soll das ganze denn stattfinden?"
"Ich hol dich ab wenn es dir recht ist. Ich brauche jemanden der die Karte liest." erklärte er. "Das kann ich gut." erzählte sie stolz. "Okay ich bin dabei. Wann bist du hier?"
"Halb acht, ist das okay für dich?" Shannon konnte an seiner Stimme hören dass er über das ganze Gesicht grinste.
"Klar, also bis halb acht, ja?"
"Bis dann."
Es klickte in der Leitung. Shannon legte den Hörer auf und trottete zurück ins Badezimmer wo sie das Wasser aus der Wanne lies, die Kerzen ausblies und sich die Haare trocken rubbelte.

Als es bereits um fünf vor halb Acht an der Tür klingelte stürzte Shannon eilig an die Gegensprechanlage und rief ihm zu, dass sie in drei Minuten unten sein würde bevor sie ins Badezimmer rannte und sich ein letztes Mal die Haare kämmte. Sie band sie mit einem schwarzen Zopfgummi zurück und lies zwei Strähnen raus fallen um nicht gar zu streng auszusehen. Dann schlüpfte sie in ihre Hose, zog sich frische Strümpfe an und drehte sich einmal prüfend vor dem Spiegel bevor sie zufrieden nickte und sich ihre Jacke überwarf. Unten angekommen blieb sie auf der Treppe stehen und blickte sich nach allen Seiten um, konnte Kian oder sein Auto jedoch nicht entdecken. Langsam und immer noch suchend stieg sie die wenigen Steintreppen nach unten und blickte sich abermals nach links und nach rechts um. Als sich direkt vor ihr das Fenster eines feuerroten Ferraris senkte und Kian grinsend heraus schaute erschrak sie zunächst, lächelte ihn dann aber an und stieg zu ihm in den Wagen.
Er musterte sie von oben bis unten. "Du hältst nicht viel von Partyoutfits, oder?" Sie trug eine braune, weite Hose und eine schwarze Cordjacke, war weder geschminkt noch großartig herausgeputzt.
"Nicht wirklich." antwortet sie und holte ihn aus seinen Gedanken. "Ich halte nichts von Cocktailkleidern, riesigen Diamantencolliers und Stöckelschuhen."
"Kann ich mir gar nicht vorstellen." lachte Kian und fuhr los.
"Ich habe dir bereits gesagt sei vorsichtig was du loslässt. Ich werde dir in den nächsten drei Monaten auf Schritt und Tritt folgen und dir bei einer falschen Bewegung ein Messer in den Rücken rammen."
"Ich werde mich zurückhalten." versprach er und wies mit der Hand auf eine Karte die im Seitenfach zu Shannons Füßen steckte. "Kannst du bitte mal in die Karte schauen? Das Kaff heißt Kinnitty."
"Kinn was?" lachte Shannon während sie die Karte aufschlug. "Wieso feiert ihr eine Party am Arsch der Welt?"
"Ein Angestellter hat dort ein riesiges Haus dass er uns überlassen hat."
"Ihr müsst ein Geld haben."
Kian lachte lediglich, verkniff sich jedoch jeden Kommentar. "Sieh mal auf die Karte, Mark meinte wir müssten bei 4D schauen."
"4D?"
"Auf der Karte. Oben sind Zahlen und neben Buchstaben."
"Umgekehrt." schüttelte Shannon den Kopf und suchte Kästchen 4D. "Da ist kein Kinnitty in dem Kästchen."
"Muss aber, Mark hat es mir so aufgeschrieben."
"Wenn er dir das aufgeschrieben hat wieso hat er dir nicht gleich eine Wegbeschreibung aufgeschrieben?"
"Gute Frage." gab Kian zu und fischte sein Handy aus seiner Hosentasche. Mit einem Auge auf der Fahrbahn und einem auf dem Handy begann er eifrig zu tippen und hatte wenige Augenblicke später jemanden am anderen Ende der Leitung. "Mark? Hier ist Kian, sag mal wie kommen wir denn nach Kinnitty?"
"Kian? Hey mein Freund." lallte Mark in den Hörer und begann zu kichern. "Wo bleibst du denn, wir sind schon am feiern."
"Ich wäre schon längst auf dem Weg wenn ich wüsste wo ich hin muss. Alles was ich weiß ist dass es irgendwo von der N7 abgeht, aber wo?"
Es herrschte Stille am anderen Ende der Leitung. Lediglich gedämpfte Stimmen und leise Musik aus dem Hintergrund lies Kian wissen dass sein Freund noch nicht aufgelegt hatte.
"Mark?" rief er ungeduldig in sein Handy.
"Kian?"
"Hey Nicky, was gibt’s?"
"Nichts, Mark ist schon etwas neben sich fürchte ich. Was liegt an?"
"Ich kenne den Weg nach Kinnitty nicht und wir können es auf der Karte nicht finden."
"Ganz einfach." begann er. "Du fährst bis Roscrea und dort an der Kirche links rein. Kinnitty ist dann ausgeschildert. Das Haus ist gleich am Ortsschild auf der rechten Seite."
"Danke man. Wir sehen uns später." Kian legte auf und seufzte erleichtert. "Alles klar, ich kenne den Weg."
"Hast du was dagegen wenn ich dir ein paar Fragen stelle?"
"Was denn für Fragen?" Kian sah sie vielsagend an und grinste. "Spaß, klar tu dir keinen Zwang an."
"Gut." Sie holte einen kleinen Block und einen Stift aus ihrer Tasche und wendete sich Kian zu. "Ich habe mir zwar schon ein bisschen was von dem Zeug durchgelesen was ich von Walsh und meinen Boss bekommen habe, aber da steht ja nichts interessantes drin."
"Heißt dass wir sind uninteressant?"
"Nein, das heißt dass keinen, der das Buch liest interessieren wird welche Schuhgröße oder wie viel Bauchumfang ihr habt."
"Das ändert sich sowieso ständig." lachte Kian kopfschüttelnd.
"Was? Die Schuhgröße oder der Bauchumfang?"
"Letzteres. Ich habe im letzten Jahr ganz schön zugenommen."
"Ich dachte wenn man auf Tour ist und ständig auf der Bühne rumspringt bleibt man fit und somit auch schlank."
"Alles Märchen. Die allabendlichen Abstecher zu McDonalds oder Burger King auf die Nicky und Mark bestehen holen all die abtrainierten Kalorien mit einem Biss wieder rein."
"Verstehe." grinste sie und schlug eine Seite auf, auf der sie sich bereits einige Fragen notiert hatte. "Okay, Mister Egan. Wo ist ihr liebster Platz auf der ganzen Welt?"
"Ich würde sagen zuhause bei meiner Mum in Sligo."
"Sligo?" fragte sie nach und sah ihn etwas verwirrt an. "Ich dachte du wohnst in Kildare?"
"Ja, dort steht mein Haus, aber ursprünglich komme ich aus Sligo."
"Wo hast du denn noch überall Wohnsitze wenn ich fragen darf?"
"London, Dublin, Chelsea und ein Sommerhaus in Sligo."
"Wow." war alles was Shannon dem entgegenzusetzen hatte. Sie machte sich wortlos ein paar Notizen bevor sie fortfuhr. "Wer aus ihrer Band, denkst du persönlich, würde sich am ehesten mit einem Fan treffen." fragte sie förmlich.
"Einen Fan treffen? Ich glaube das haben wir alle schon mal gemacht." gab er zu.
"Im Ernst? So dreizehnjährige Zahnspangenmonster?"
"Shannon." lachte er kopfschüttelnd. "Wir sind vielleicht eine Boygroup, aber unsere Fans sind keine pubertierenden Heulbojen. Zumindest nicht ausschließlich."
"Du hast dich also schon mal mit einem Fan eingelassen?"
Er nickte schweigend. Es schien ihr als wolle er nicht wirklich darüber sprechen, aus dem Grund notierte sie sich lediglich etwas und ging dann zur nächsten Frage. "Wen von euch würdest du als Leseratte bezeichnen?"
"Du meinst Bücher?" Er lachte erneut. "Keiner von uns."
"Eindeutige Antwort." nickte sie und notierte sich auch dazu ein paar kurze Sätze bevor sie fortfuhr. "Würdest du dich piercen lassen?"
"Kommt drauf an wo."
"Wo würdest du es denn tun?"
"Schreibst du das auf?"
Shannon nickte.
"Dann in der Augenbraue."
Beide mussten anfangen zu lachen. "Kian, das ist Ernst, es geht um euer Buch." rügte sie ihn kopfschüttelnd und fuhr fort. "Wer verbringt die meiste Zeit vor dem Spiegel."
"Schuldig."
"Was machst du denn so lange vor dem Spiegel?"
"Nachsehen ob meine Frisur sitzt." erklärte er selbstverständlich. "Überprüfen ob die Kleidung sauber ist und aufeinander passt, so was halt."
Shannon sah ihn mit großen Augen an, erwiderte jedoch nichts.
"Was?" fragte er als er sie dabei ertappte wie sie ihn anstarrte. "Was ist?"
"Nichts." Sie schien wie aus einem Traum zu erwachen und widmete sich schnell wieder ihren Fragen. "Wer vergisst am häufigsten den Text?"
Kian überlegte. "Ich glaube da bin ich auch schuldig. Ich vergesse ihn aber nicht, ich habe lediglich keine Ahnung davon. Ich kenne meine Parts und die Refrains. Wenn mich jemand zu einem bestimmten Lied nach Nickys Part fragen würde müsste ich passen."
"Was machst du wenn jemand krank ist und du plötzlich andere Parts singen musst?"
"Das ist zum Glück noch nicht vorgekommen weil wir dann immer rechtzeitig alles absagen konnten." grinste er und fuhr den Wagen in eine Hofeinfahrt. "Wir sind da."
"Gott sei Dank, die letzte Frage musste ich mir schon aus den Fingern saugen." lachte sie und schob Notizblock und Stift zurück in ihre Tasche bevor sie ausstieg und auf Kian wartete während er den Wagen parkte.
"Hey, kommt rein, schön dass ihr da seid!" wurden sie von Anto begrüßt der ihnen die Tür geöffnet hatte. "Nehmt euch ein Glas Sekt und mischt euch unters Volk." Er reichte ihnen beiden ein Glas welches er von dem Tablett neben der Tür genommen hatte und lächelte ihnen zu. "Viel Spaß."
Kian lief bereits auf den Saal zu aus dem laute Musik kam als Shannon sich noch einmal an Anto wand und ihm das Glas zurück gab. "Ich darf keinen Alkohol trinken."
"Tut mir leid!" entschuldigte er sich bedrückt und sah sie verständnisvoll an.
"Nicht schlimm." lächelte sie ihn kopfschüttelnd an und schlug ihm sanft auf die Schulter. "Ich werde es überleben."
"Shannon, kommst du?" rief Kian, der an der Tür auf sie gewartet hatte.
"Bin unterwegs." Eilig rannte sie ihm hinterher und hielt Inne als sie zu ihm aufgeschlossen hatte.
"Bereit?"
"Aber immer." bestätigte sie ihm, ergriff seinen Arm und schlenderte mit ihm durch den großen, überfüllten Saal.
"Kian." quietschte eine Frau und kam auf die beiden zugestürzt. "Schön dich zu sehen." Sie umarmte und herzte ihn einige Sekunden bevor sie wieder von ihm abließ und Shannon fragend aber dennoch lieb ansah. "Und du bist?"
"Shannon." stellte sie sich vor und reichte ihr die Hand. "Shannon Murphy."
"Ach, du schreibst das Buch, nicht wahr?"
Shannon nickte stolz.
"Ich bin Gillian, Shanes Verlobte."
"Freut mich dich kennen zu lernen."
"Ah, du hast sie also schon kennen gelernt, was? Babe, das ist die Frau die Westlife noch bekannter machen wird als wir sowieso schon sind." kam Shane hinzu und umarmte Gillian liebevoll.
"Übertreib es nicht." erwiderte Shannon schüchtern. "Noch steht das Buch nicht in den Regalen."
"Komm mit, ich stelle dir Georgina vor, du wirst sie mögen." Gillian zog Shannon hinter sich her und lies Nicky und Kian sprachlos stehen.
"Wer ist Georgina?" fragte Shannon verblüfft.
"Nickys Frau."
"Ich weiß im Moment ehrlich gesagt noch nicht mal wer Nicky ist." gestand Shannon grinsend.
"Du siehst auch nicht so aus als ob es dich sonderlich interessieren würde, müsstest du nicht dieses Buch schreiben."
"Du hast mich durchschaut." lachte Shannon über Gillians lockere Haltung ihr gegenüber.
"Soll ich sie dir trotzdem vorstellen?"
Shannon nickte und folgte ihr durch das Gewühl von Menschen.
"Das ist Georgina." wurde sie einer großen, braunhaarigen Frau mit bestechend schönen Augen vorgestellt. "Gina, das ist Shannon, die Frau die das Buch schreiben wird."
"Hallo, schön dich kennen zu lernen." sie reichte ihr freundlich die Hand und schüttelte sie lächelnd bevor sie einen der umherschwirrenden Kellner anhielt, ein Sektglas nahm und es Shannon reichte.
"Nein danke, ich trinke keinen Alkohol." lehnte sie ab und stellte das Glas auf den kleinen Tisch neben sich.
"Dann lass uns mal nachschauen ob wir noch was anderes für dich finden, oder?" fragte Gillian aufgedreht und zog sie hinter sich her in die Küche.
"Magst du Traubensaft?" fragte sie und blickte für einen Augenblick auf bevor sie ihren Kopf wieder zurück in den Kühlschrank steckte.
"Klar, warum nicht."
"Wie schaffst du es eigentlich so dünn zu bleiben?" kam die Frage von der Tür.
Shannon fuhr herum und blickte in Georginas große Augen die sie bewundernd ansahen. Unwohl blickte sie an sich herunter und zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht, ich denke es ist Veranlagung." log sie und schlang schützend ihre Arme um ihren Oberkörper.
"Hast du ein Glück." seufzte sie und lies sich auf einem der Stühle nieder die um den Tisch, auf dem allerlei Köstlichkeiten aufgebaut waren, nieder. "Ich habe mir letztens mein Hochzeitskleid angesehen."
"Gina." schüttelte Gillian den Kopf und reichte Shannon ein Glas Traubensaft. "Das ist zwei Jahre und ein Kind her." (ja ich weiß, aber es hat so gut gepasst J )
"Trotzdem." beharrte Georgina und verkreuzte die Arme vor ihrem Körper.
"Sie ist ein bisschen empfindlich was ihre Figur angeht, nimm es ihr nicht übel." versuchte Gillian sich für ihre Freundin zu entschuldigen.
Shannon hob abwehrend die Hand um zu signalisieren dass sie Georgina keineswegs übel nahm dass sie mit ihrer Figur nicht zufrieden war, wer war das heutzutage schon?
"Ich glaube ich gehe Kian mal wieder suchen." entfuhr es Shannon obwohl sie es gar nicht so offensichtlich machen wollte wie es nun schien. "Ich meine..."
"Gib dir keine Mühe, seine Freundin ist vor ein paar Minuten angekommen. Die passt auf wie ein Schießhund." schüttelte Georgina den Kopf. "Zwei Worte: Blond und blöd."
"Das waren drei." berichtigte sie Gillian.
"Suchst du Streit?" giftete Georgina sie an.
"Wow, hier ist aber jemand schlecht gelaunt."
"Was meinst du mit blond und blöd?" hakte Shannon interessiert nach.
"Dass sie blond und blöd ist." zuckte sie mit den Schultern. "Du kannst mich da in deinem Buch ruhig zitieren."
"Ich werde es mir merken." lachte Shannon und wollte gerade aus der Tür spähen, um einen Blick auf die geheimnisvolle Freundin werfen zu können, als jemand von draußen herein kommen wollte und die Tür gegen Shannons Glas stieß, dessen Inhalt sich nun auf ihrem beigen Pullover ergoss. "Ach verdammt." schimpfte sie und versuchte mit Krepppapier aus dem Spender neben der Tür das Schlimmste zu verhindern.
"Tut mir leid." entschuldigte sich der angetrunkene Mann, nahm sich ein Cocktailwürstchen vom Tisch und verschwand wortlos.
"Ja, gib dir keine Mühe." fluchte Shannon weiter als der Mann außer Reichweite war.
"Komm mit, ich habe noch was im Auto. Normalerweise bin nämlich ich immer diejenige die sich etwas über das Kleid schüttet." Gillian sah Shannon an und korrigierte sich. "Oder über den Pullover."
"Ich weiß, ich fühle mich hier auch recht fehl am Platz wenn ich mir so ansehe wie ihr alle rumlauft."
"Niemand zwingt dich so rumzulaufen wie der Rest." schüttelte Gillian den Kopf während sie Shannon zum Hinterausgang raus und um das Haus rum nach vorne zu ihrem Auto führte.
"Ich würde mich auch nicht zwingen lassen."
Gillian lächelte und öffnete einen silbernen Sportwagen. "Ich weiß nicht ob dir das passt, aber es ist immerhin schon mal kein Kleid." Sie holte einen schwarzen Blazer aus dem Kofferraum und hielt ihn ihr an. "Ich glaube der ist vielleicht ein bisschen groß." seufzte sie und legte ihn zurück. "Ich habe sonst leider nichts."
"Ach, ist nicht so schlimm, ich falle sowieso aus dem Rahmen, da kommt es auf den Fleck auch nicht mehr an."
"Hier ist noch ein Pullover, der dürfte dir allerdings auch zu groß werden." Sie zog einen schwarzen Pullover aus dem Kofferraum und hielt ihn ihr hin. "Was sagst du?"
"Besser als der Fleck." lachte sie, sah sich kurz nach allen Seiten um und zog sich dann ihren eigenen Pullover über den Kopf bevor sie den von Gillian über ihr Shirt, das sie drunter trug, zog und sich einmal um die eigene Achse drehte.
"Perfekt." Gillian zeigte ihr den erhobenen Daumen, schloss den Kofferraum und folgte Shannon durch den Garten in die Küche.
Georgina saß nicht mehr wie erwartet auf dem Stuhl am Küchentisch. "Ich glaube wir sollten sie suchen gehen bevor sie sich im Bad einschließt und alles erbricht was sie vor einer Stunde gegessen hat."
"Ist es denn so schlimm? Sie ist doch gar nicht zu dick."
"Aber sie fühlt sich so seit sie vor eineinhalb Jahren ihr Kind bekommen hat. Das man danach nun mal meistens nicht mehr aussieht wie vorher ist normal, aber das sieht sie nicht ein." erklärte Gillian während sie Shannon aus der Küche zurück in den großen Saal führte der sich binnen der letzten viertel Stunde enorm gefüllt hatte.
Georgina saß entgegen ihrer Befürchtungen auf einer Couch und unterhielt sich mit Nicky und Shane als Gillian und Shannon zu ihnen stießen und sich ebenfalls setzten.
Nicky warf ihr einen freundlichen Blick zu, sagte allerdings nichts, viel zu sehr war er damit beschäftigt auf seinem Handy rumzudrücken.
Shannon lies ihren Blick durch den Raum gleiten bis er schließlich auf Kian hängen blieb der sie aus der Ferne beobachtete. Sie lächelte ihm zu, doch er reagierte nicht, schien völlig in seinen eigenen Gedanken versunken. Seine vermeintliche Freundin stand neben ihm und hielt seine Hand. Sie war fast so groß wie Kian, sie schätzte sie auf 1,75 Meter, hatte schulterlanges, blondes Haar und ein atemberaubendes, schwarzes Kleid an. Sie war bildhübsch soweit Shannon das beurteilen konnte. Jeder alleinstehende Mann im Raum hätte Kian wahrscheinlich um seine Begleitung beneidet, doch er selbst schien mit seinen Gedanken weit weg von seiner Freundin, weit weg von all dem hier zu sein.
"Shannon?"
Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen als Gillian ihr sanft auf die Schulter tippte. "Was?"
"Nicky hat dich gefragt ob du dich auf die kommenden Wochen freust." wiederholte sie die Frage die Nicky bereits zwei Mal zu stellen versucht hatte.
"Ähm, ja. Natürlich freue ich mich, ich meine wer würde sich denn nicht freuen mit vier schnarchenden und launigen Männern drei Monate in einem Bus zu verbringen."
Alle sahen sie entsetzt an. Nicky war der erste der ihren ironischen Unterton erkannt hatte und zu lachen begann. "Mal im Ernst Shannon."
"Klar freue ich mich. Ich wollte schon immer ein Buch schreiben und durch Europa reisen. Jetzt schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe."
Allgemeines Nicken ging durch die Gruppe bevor sich das Gespräch wieder auf Themen verlagerte, bei denen Shannon nicht mitreden konnte. Sie schaute wieder zu der Stelle an der Kian Minuten zuvor noch gestanden hatte, doch er war weg. Auch seine Freundin konnte sie nirgends entdecken.
"Kommst du mit ein bisschen tanzen?" riss Gillian sie erneut aus ihren weit abgedrifteten Gedanken.
Sie sah sich wiederholt um, nickte dann und folgte Gillian, Shane und zwei Leuten die sie nicht kannte, auf die Tanzfläche.

Gegen halb eins, als sich alles langsam aufzulösen begann wurde Shannon langsam unruhig. Sie hatte Kian bereits seit Stunden nicht mehr gesehen und machte sich Sorgen wie sie nach Hause kommen würde.
"Gillian, ich muss noch mal nach Kian suchen, er wollte mich nach Hause fahren."
"Kian ist schon vor Stunden nach Hause gegangen." erklärte Mark im vorbeiwanken kurz bevor er auf eins der Sofas fiel und dort regungslos liegen blieb.
"Wie, er ist gegangen?"
"Wer ist gegangen?" fragte Shane neugierig und legte seine Arme über Shannons und Gillians Schulter.
"Kian. Er wollte mich nach Hause fahren."
"Der muss Zoff mit seiner Liebsten gehabt haben, zumindest ist sie irgendwann wutentbrannt an mir vorbei aus dem Haus gestürmt. Kian wird ihr hinterhergegangen sein und sie nach Hause gefahren haben."
"Super." murmelte Shannon genervt und rieb sich müde die Augen. "Und wie komme ich jetzt nach Hause?"
"Kommt drauf an wo das ist." hob Shane die Schultern.
"Limerick?" erklärte sie kleinlaut.
"Hast du ein Glück dass ich sowieso jemanden nach Killaloe mitnehmen muss, dann machen die paar Kilometer nach Limerick auch nichts mehr. Wir wollten dann aber so langsam fahren."
"Kein Problem. Ich wäre euch wirklich unendlich dankbar wenn ihr mich mitnehmen könntet denn ich glaube ein Taxi nach Hause würde mich in den Ruin treiben."
"Hey, ist doch kein Problem, wir nehmen dich gerne mit." lächelte Gillian und begann in dem Gewühl aus Jacken, die alle über eine Couch gehängt worden waren, nach ihrer eigenen zu suchen.
"Ist die dir?" zog sie eine schwarze Cordjacke aus dem Gewühl und hielt sie hoch.
"Wie kommst du darauf." lachte Shannon und nahm ihr die Jacke dankend ab bevor sie langsam zur Tür schlenderte und dort auf Gillian und Shane wartete.

4. Kapitel

"Ich wollte nur sagen dass ich jetzt kurz vor Limerick bin und in zehn Minuten da sein werde." drang Kians verzerrte Stimme durch den Hörer.
"Ist gut, ich warte unten auf dich." erwiderte Shannon und hängte auf. Eilig lief sie durch die Wohnung und prüfte ob sie auch nichts wichtiges vergessen hatte bevor sie die Tür öffnete und ihren Koffer rüber zum Lastenaufzug schleppte, die Klappe öffnete und den schweren Koffer hinein hievte. Schnell wählte sie das Erdgeschoss an und lief zurück in die Wohnung um sicherzustellen dass alle Elektrogeräte ausgeschaltet, alle Fenster verschlossen und der Kühlschrank ausgestellt war bevor sie ihre Tasche umhängte, den Schlüssel aus der Keramikschüssel nahm und die Tür hinter sich abschloss. Aufgeregt und mit pochendem Herz tappte sie durch das dunkle Treppenhaus und zog ihren schweren Koffer aus dem Aufzug. Mühsam schleppte sie ihn die wenigen Treppenstufen zum Bürgersteig hinunter und lies sich erschöpft darauf sinken um auf Kian zu warten.
Noch vier Stunden und sie würde im Flugzeug nach London sitzen und damit zum ersten Mal in ihrem Leben Irland verlassen. Schmetterlinge flogen wie wild durch ihren Bauch als sie daran dachte und sich bereits in Gedanken auszumalen begann was sie als erstes machen würde. Quietschende Reifen die vor ihr zum Stillstand kamen rissen sie unsanft aus ihren Gedanken und beförderten sie zurück in die Realität. Kian lies das Fenster seines schwarzen Geländewagen runter und lächelte sie augenzwinkernd an. "Kann ich ihnen helfen, Lady?" Ohne auf eine Antwort zu warten sprang er aus dem Auto und nahm ihr den Koffer ab um ihn im Kofferraum zu verstauen. Anschließend öffnete er ihr die Beifahrertür und reichte ihr seine Hand um ihr das Einsteigen zu erleichtern.
"Sag mal kann es sein dass du einen Autotick hast oder so?" fragte sie spöttisch als er zustieg und weiter fuhr.
"Was meinst du?"
"Du hast mich jetzt drei Mal abgeholt und drei Mal bist du in einem anderen Auto gekommen. Du musst wirklich Geld wie Heu haben."
"Nicht ganz." grinste er. "Aber ich war schon immer ein Autonarr. Ich plane bereits meinen nächsten Kauf, einen Aston Martin."
"Ah." erwiderte Shannon ahnungslos. Mit Autos hatte sie noch nie viel am Hut gehabt und würde es wahrscheinlich auch nie haben.
"Ich wollte mich noch mal für mein Verhalten auf der Party entschuldigen, ich..."
"Kian!" fiel sie ihm genervt ins Wort und blickte ihn von der Seite an. "Du hast mich in den letzten drei Tagen vier Mal angerufen um dich zu entschuldigen und ich habe dir jedes Mal versichert, dass es halb so schlimm war da Shane und Gillian mich freundlicherweise mitgenommen haben. Mach dir also bitte keine Gedanken, okay?"
"Ich möchte mich aber noch mal persönlich entschuldigen und nicht über das Telefon. Weißt du meiner..." Er hielt Inne. "Monica ging es an dem Tag nicht so gut und sie bat mich sie nach Hause zu fahren. Darüber hinaus habe ich völlig vergessen dass ich dich ja auch nach Hause fahren sollte und deshalb..."
"Kian." unterbrach sie ihn energisch. "Halt die Luft an, okay? Ich bin dir nicht böse. Können wir das Thema jetzt abhaken?"
Er nickte stumm während Shannon das Radio lauter drehte und einen Kanal suchte der ihrem Geschmack entsprach. Plötzlich hielt sie Inne und lauschte den sanften Klängen die aus den Boxen drangen. Sie begann leise mitzusingen und schloss die Augen. "Was ist?" fragte sie ohne die Augen zu öffnen. Sie wusste das Kian sie ansah, spürte förmlich seine Blicke die auf ihr hafteten.
"Nichts, ich bin nur etwas überrascht."
Schließlich öffnete sie doch ihre Augen und sah ihn fragend an. "Was überrascht dich?"
"Du magst Frank Sinatra? Ich dachte du stehst ausschließlich auf Rock und so"
"Nein, ich mag Frank Sinatra nicht, ich vergöttere ihn. All the way ist eines der schönsten Lieder die ich kenne. Meine Mutter hat es immer gespielt."
"Hat das Celine Dion nicht neu aufgenommen oder so?"
"Kann sein, aber an Frankie kommt sowieso niemand ran." stellte Shannon klar und summte leise die Melodie mit.
"Mag deine Mutter Frank Sinatra?"
"Sie mochte ihn sehr, ja. Ich glaube sogar noch mehr als ich."
Kian hätte gerne weiter gefragt, doch Shannons trauriger Gesichtsausdruck sagte ihm, das jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war dies zu tun. Lächelnd konzentrierte er sich aufs Fahren und lauschte ihrer zarten Stimme die zu Franks All the way trällerte.

"Da seid ihr ja, wir hatten schon Angst wir müssen ein Suchkommando losschicken." scherzte Anto als sie nach einer zweieinhalbstündigen Fahrt endlich am Flughafen ankamen.
"Ich frage mich warum wir so spät sind. Kian ist gefahren wie ein Blöder." schüttelte Shannon den Kopf und beobachtete Kian der bereits seit sie ausgestiegen waren am Telefon hing.
"Mit wem telefoniert er eigentlich?" fragte Mark während sie langsam hinüber zum Check in liefen.
"Mit seiner Freundin glaube ich. Er hat sie zumindest einmal Darling genannt." zuckte Shannon mit den Schultern und stellte sich mit Mark in die Reihe, die sich vor dem Check In gebildet hatte. "Wieso seid ihr eigentlich nicht von Fans umringt die euch verabschieden wollen?"
"Weil wir verlauten haben lassen dass wir erst morgen fliegen, es weiß also kaum jemand dass wir heute schon fliegen, folglich sind auch keine Fans hier." erklärte Mark weise. "Andernfalls hätten wir uns so vermummt dass selbst du uns nicht erkannt hättest."
"Glaub mir, dazu braucht es im Moment noch nicht viel." lachte sie und knuffte ihn in die Seite. "Scherz, ich denke ich komme schon ganz gut mit euren Namen klar. Ich habe in den letzten Tagen auch fleißig gelernt und mir alles über euch durchgelesen was mir so zwischen die Finger gekommen ist. Ich weiß zum Beispiel dass dein voller Name Marcus Michael Patrick Feehily ist, du 24 Jahre, Single und mit 1,83 Meter der größte aus der Gruppe bist. Und deine Schuhgröße ist 10."
"Das alles hast du gelesen?"
"Klar, ich musste mich ja irgendwie auf die drei Monate vorbereiten, oder?"
Mark nickte.
"Habt ihr denn nicht sowas wie einen Privatjet als super erfolgreiche Boyband?"
"Doch, den haben wir, aber der wird derzeit noch gewartet um sicher zu gehen dass er die drei Monate durchhält."
"Ah." war alles was Shannon darauf zu erwidern wusste.
"Kommt Jungs, wir sind an der Reihe." rief Anto und winkte alle zu sich herüber.

"Und du bist Schriftstellerin oder wie?" fragte Mark, der sich den Sitzplatz neben Shannon gesichert hatte, und bereits seit sie gestartet waren ununterbrochen Fragen stellte.
"Nein, Journalistin." erwiderte Shannon bereits leicht genervt
"Achso, verstehe." nickte er. "Und für welche Zeitungen schreibst du so?"
"Hauptsächlich für die Leisure. Hier und da aber auch mal für andere Magazine."
"Und seit wann..."
"Sag mal sollte ich nicht diejenige sein die die Fragen stellt?" unterbrach sie ihn und stand auf. "Ich muss mal auf die Toilette, lässt du mich bitte durch?"
Sie stand auf und drängt sich an Mark vorbei, der es sichtlich zu genießen schien, dass ihr Hintern nun nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt war.
"Ich kann gerne mitkommen und dir helfen."
"Wenn du mit diesen anzüglichen Bemerkungen nicht aufhörst wird dir bald nicht mehr zu helfen sein, hast du mich verstanden?" fauchte Shannon durch zusammengebissene Zähne und lächelte triumphierend als Mark ihr stumm zunickte. Sie schob sich durch den Gang nach vorne als sie hinter sich Kichern vernahm.
"Die hat’s dir aber gezeigt." Shannon konnte aus dem Augenwinkel sehen wie Nicky, der auf der anderen Seite des Gangs saß, seinem Kollegen auf die Schulter klopfte.
Tief durchatmend schloss sie die Tür hinter sich und lehnte sich gerade noch rechtzeitig über die Kloschüssel um ihr Frühstück vom Morgen zu erbrechen. Ihr Spiegelbild, dem sie gegenüber stand als sie sich wieder aufrichtete lies sie erschrecken. Tiefe Ringe zeichneten sich unter ihren sonst so lebendigen Augen ab und ließen sie müde und erschöpft aussehen. Vorsichtig drehte sie den Wasserhahn auf, trank ein paar Schlücke und spritzte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht bevor sie ihre Tasche öffnete und nach ihren Tabletten suchte. Hastig öffnete sie die Dose, legte eine Tablette in ihren Mund und spülte sie mit etwas Wasser aus dem Hahn hinunter bevor sie erneut in ihre Tasche griff und den Abdeckstift herauszog mit dem sie ihre Augenringe immer notdürftig zu kaschieren versuchte.
"Miss? Geht es ihnen gut? Ich muss sie bitten sich hinzusetzen da wir gleich landen." Eine weibliche Stimme drang von außerhalb der Kabine an Shannons Ohr. "Ja, danke." erwiderte sie und warf einen letzten Blick in den Spiegel bevor sie alles zurück in ihre Tasche steckte und sich wieder auf ihren Platz begab.

Am nächsten Morgen stand bereits um halb zehn die Pressekonferenz zum Start der Tour an. Sie waren am letzten Abend nach einem Besuch bei einem Radiosender spät im Hotel angekommen und waren auch sogleich alle müde ins Bett gefallen.
"Du kannst dich hier hinten hinsetzen und alles mitschreiben was dich interessiert, okay?" Anto wies auf einen weißen Sessel, der ganz im hinteren Eck des großen Saals stand. Viele Journalisten und Kameramänner standen oder saßen bereits auf ihren gesicherten Plätzen und warteten darauf, dass die Jungs auf die Bühne kamen um ihr Statement zur morgen Abend startenden Tour abzugeben.
Es dauerte keine zehn Minuten die Shannon dort gesessen hatte bis die Jungs unter Applaus die kleine Bühne betraten und an dem langen Tisch Platz nahmen.
"Wie wird die Show aufgebaut sein?
"Was haben die Fans zu erwarten? Welche Specialeffects wird es geben?"
"Stimmt es dass ihr euch nach der Tour trennen wollt?"
"Wann heiraten sie ihre Verlobte?"
Shannon versuchte sich auf die vielen gestellten Fragen zu konzentrieren und alles mitzuschreiben, doch das Bild vor ihren Augen verschwamm immer mehr und in ihrem Kopf begann sich alles zu drehen. Sie kniff die Augen zu und versuchte gleichmäßig durchzuatmen, doch als sie die Augen wieder öffnete und kaum mehr etwas erkennen konnte erhob sie sich hastig und stürzte förmlich aus dem Raum.
"Wo ist die Toilette, bitte?" fragte sie im Vorbeigehen einen Mann und folgte seiner Handweisung.
"Geht es ihnen gut?" hörte sie den Mann noch fragen, doch Shannon war viel zu sehr darauf konzentriert die Toilette zu finden und nicht vorher umzukippen als auf die Frage des Mannes zu antworten. Als sie endlich das erhoffte Zeichen an einer Tür erblickte stieß sie selbige auf und rettete sich in letzter Minute auf eine der Kabinen bevor sie ihr Frühstück, was nur aus einem Glas Orangensaft und einem trockenen Brötchen bestanden hatte, erbrach.
"Gott, Shannon." mahnte sie sich selbst als es ihr wieder besser ging. "Reiß dich zusammen." Sie trat vor den Spiegel und wischte sich die letzten Rest vom Mund bevor sie sich selbigen ausspülte und eine weitere Tablette nahm. "Ihr werdet noch mal mein Tod sein." fluchte sie und warf die Tablettendose zurück in ihre Tasche bevor sie ihre Haare richtete, tief durchatmete und zurück zur Konferenz ging.
Als sie sich leise auf ihren Platz zurückschlich bemerkte sie wie Kian ihr von der Bühne aus einen fragenden Blick zuwarf, doch sie versuchte es zu ignorieren und tat als hätte sie etwas wichtiges zu notieren.
Die weiteren Fragen interessierten Shannon mehr oder weniger überhaupt nicht, es wiederholten sich sowieso die Fakten, die sie schon aus der Akte beigelegten Interviews entnommen hatte. Die Versammlung löste sich rasch auf als die Jungs von der Bühne verschwunden waren und auch Shannon machte sich auf den Weg nach oben. Als sie in das Foyer kam bemerkte sie zum ersten Mal die Fans, die vor dem Hotel standen und lauthals schrieen in der Hoffnung einer ihrer Idole würde mal einen Blick in ihre Richtung werfen oder sich gar dazu herablassen hinaus zu gehen und ihnen ein Autogramm zu geben.
"Hey, worauf wartest du?" fragte Kian, der im selben Moment unter großen Geschrei aus dem Speisesaal kam und bei ihr stehen blieb.
"Willst du nicht mal da raus gehen und deine Fans begrüßen oder ihnen wenigstens ein Autogramm geben?"
"Wenn ich da jetzt raus gehe komme ich vor dem Mittagsessen nicht mehr weg."
"Aber die sind doch extra da um dich zu sehen und ein Autogramm von dir zu bekommen." versuchte Shannon ihn weich zu klopfen.
Er sah sie skeptisch an und zuckte mit den Schultern. "Kommst du mit? Du musst doch schließlich alles protokollieren, oder." Er zog sie am Ärmel hinter sich her zum Hoteleingang wo er sie stehen lies um in dem Geschrei und den Bewunderungsausrufen zu baden.
"Wer ist denn die da?" hörte Shannon ein junges, blondhaariges Mädchen sagen dass nicht weit von ihr entfernt stand. Sie hatte tonnenweise Schminke im Gesicht, trug einen kurzen Minirock und ein weitausgeschnittenes Oberteil und blickte Shannon giftig an.
"Hey, sei lieb zu ihr, sie schreibt ein Buch über uns." lachte Kian und schüttelte dem Mädchen die Hand.
"Die schreibt ein Buch über euch? Die sieht aus als wäre sie die Verbündete von Kurt Cobain." wetterte das Mädchen weiter und streckte Kian ihren Ausschnitt entgegen.
"Pass auf kleine Zicke sonst zeig ich dir mal..."
"Hey!" unterbrach Kian Shannon und drückte sie ein wenig von dem Mädchen weg. "Immer langsam, okay? Du hast gesagt ich soll hier raus gehen." Seine Augen blickten sanft auf sie herunter als er ihr über die Wange strich.
"Jetzt macht er auch noch vor unseren Augen mit dem Zombieverschnitt rum." fauchte das Mädchen wohl lauter als gewollt.
Sie sah ihn kleinlaut an und nickte. "Ich gehe wohl besser nach oben." Sie war bereits im Gehen als Kian sie fest hielt und sie aufforderte zu warten.
"Leute, es tut mir leid aber wir haben einen sehr engen Zeitplan einzuhalten. Ich würde mich freuen einige von euch vielleicht morgen Abend im Konzert wieder zu sehen." rief er in die Menge und winkte einmal kurz bevor er Shannon zunickte und ihr wortlos nach drinnen folgte.
"Was war eigentlich vorhin los?" fragte Kian völlig unverhofft als sie schon fast in ihrer Etage angekommen waren.
"Vorhin?"
"Du hast die Konferenz verlassen, was war denn los?"
"Ach." winkte sie ab. "Ich musste nur auf die Toilette. Ich habe eine recht schwache Blase und kann es nie einhalten. Wenn ich muss dann muss ich." lachte sie schulterzuckend.
"Kommst du nachher eigentlich mit zur BBC?"
"Ich denke schon, Anto hat mich gestern schon gefragt und ich habe ihm gesagt dass ich gerne mitkommen würde."
"Gut, soviel ich weiß geht es in einer halben Stunde los." nickte Kian und blieb vor seiner Zimmertür stehen. "Wir wollten uns heute Abend dann unten in der Bar treffen. Nichts großes, einfach nur auf den Tourauftakt anstoßen und so. Hast du Lust?"
"Klar, dann kann ich endlich ein bisschen mehr von euch erfahren als eure Schuhgrößen." lachte sie und hob zum Abschied ihre Hand bevor sie zu ihrem Zimmer ging und darin verschwand.

"Hey, hey, sieh wer da kommt." lachte Nicky und wies auf den freien Platz neben sich. "Setz dich meine liebe."
"Wo ist der Rest?" sah sie Kian und Nicky, die alleine an einem Tisch in der Hotelbar saßen, fragend an.
"Die sind bereits nach oben gegangen. Du hast ja ziemlich lange auf dich warten lassen und die beiden waren müde."
"Ich hatte mich wohl in der Zeit geirrt, ich dachte wir hätten zehn Uhr gesagt." Shannon blickte unter sich. Sie wollte nicht dass jemand ihre verweinten Augen sah, die sie mit Mühe und Not und viel Puder zu kaschieren versucht hatte.
"Ist doch nicht weiter tragisch. Kian hat mir erzählt du wolltest uns ein bisschen was fragen. Ist vielleicht sogar besser dass es nur wir Beide sind, so kannst du dich besser auf uns konzentrieren."
"Da spricht der Profi." lachte Kian und nahm einen Schluck von seinem halbvollen Guinness.
"Max? Bringst du der Lady hier bitte einen deiner Spezial-Cocktails?"
"Geht klar!" rief ihm der Barkeeper zu und war bereits dabei die Zutaten zusammen zu suchen als Shannon den Kopf schüttelte. "Ich möchte bitte ein Wasser." berichtigte sie ihn.
"Ach Quatsch, zur Feier des Tages gibt es heute einen Cocktail. Vertrau mir, der wird dich umhauen." versprach er ihr verheißungsvoll und signalisierte dem Kellner die Bestellung aufrecht zu halten.
Ich bin mir sicher dass er mich umhauen würde, murmelte Shannon für sich bevor sie sich ein weiteres mal an Nicky wand. "Nicky bitte, ich möchte lediglich ein Wasser, okay?"
"Ach komm schon, was ist denn dabei, es ist...."
"Nicky, sie will ein Wasser." fiel Kian ihm energisch ins Wort.
"Schon gut, schon gut. Max, also doch ein Wasser."
"Danke." murmelte Shannon leise und holte ihren kleinen Block aus ihrer Tasche. "Darf ich euch jetzt ein paar Fragen stellen?"
"Sicher, immer raus mit der Sprache." Nicky richtete sich auf, legte die Hände gefaltet auf den Tisch und wartete gespannt auf die erste Frage.
"Nicky, von dir würde ich gerne wissen was du am liebsten in deiner Freizeit machst. Und damit meine ich nicht Playstation spielen oder schlafen sondern ein richtiges Hobby."
Nicky sah sie fragend an. "Ist Playstation spielen kein Hobby?"
"Keines was für mich zählt."
"Zählt X-Box?"
"Nicky." Shannon musste lachen. "Bitte."
"Ich schlafe gerne mit meiner Frau, ist das ein Hobby?"
"Wenn du möchtest dass ich das in meinem Buch veröffentliche kann ich es gelten lassen." nickte sie und musste über Nickys entsetzten Gesichtsausdruck grinsen.
"Mein liebstes Hobby ist angeln glaube ich." gab er schließlich kleinlaut zu.
"Angeln?" Kian lachte. "Das hast du ja noch nie erzählt."
"Es hat mich ja auch noch nie jemand danach gefragt, oder?" entgegnete er patzig und wand sich wieder Shannon zu. "Also, ja, ich würde sagen angeln ist mein liebstes Hobby."
Shannon notierte sich seine Antwort und fuhr fort. "Und was denkst du wirst du in zehn Jahren tun."
"Ich denke ich werde professioneller Angler. Und wenn ich nicht gerade an dem See hinter meiner 75-Zimmer Villa angle werde ich mit meiner Frau schlafen und ganz viele Kinder machen."
"Spätestens wenn das erste Kind laufen und sprechen kann ist es mit dem Sex am Tag aber vorbei, darüber bist du dir schon im Klaren, oder?" lachte Shannon über Nickys direkte Antworten.
"Ach, die werden den Tag über in die Krabbelkiste gesteckt oder so, mir fällt da schon was ein."
Shannon nickte, schrieb seine letzte Antwort allerdings wohlweißlich nicht auf. "Okay, bekomme ich jetzt eine ernsthafte Antwort auf meine Frage?"
"Wie sind die Chancen dass du aufgibst bevor du hast was du willst?" fragte er gespielt genervt.
"Schlecht bis nicht existent." lachte sie ihn an und wartete auf seine Antwort.
"Na gut, ich würde sagen ich sehe mich als Plattenproduzent der abends zu seiner Frau und seinen drei Kindern nach Hause kommt. Ist dir das realistisch genug?"
"Perfekt."
"Darf ich jetzt schlafen gehen?" fragte er knatschig nach einem Blick auf die Uhr.
"Du bist entlassen." nickte Shannon und schlug ihr Notizheft zu. "Für heute."
Shannon trank wortlos ihr Wasser aus und packte ihr Notizheft in ihre Tasche. "Ich werde dann auch nach oben gehen, kommst du mit?"
"Willst du mir gar keine Fragen stellen?" fragte Kian leicht geknickt und trank seinen letzten Schluck Guinness bevor er aufstand und ihr zum Fahrstuhl folgte.
"Dich nehme ich mir morgen vor!"

5. Kapitel

Shannon saß auf einem schwarzen Holzkasten und spähte durch den Vorhang auf die Bühne. Nicky, der am nahsten bei ihr stand, zwinkerte ihr kurz bei einer Drehung zu und konzentrierte sich dann wieder auf die Tanzschritte. Sie lachte amüsiert als sie die Jungs dabei beobachtete wie sie verzweifelt versuchten die Choreographie fehlerfrei hinter sich zu bringen ohne dabei umzufallen oder gegeneinander zu stoßen. Shannon hatte noch nie so einen schlechten Tänzer gesehen als Mark es war. Er stand auf der anderen Seite der Bühne und stolperte alle paar Takte über seine eigenen Füße oder verpasste hier und da seinen Einsatz. Shannon wollte aufstehen um Platz für die Jungs zu machen, die jeden Augenblick von der Bühne kommen würden, als ihr schwindelig wurde und sie sich an dem Kasten abstützen musste um nicht umzufallen. Hastig sah sie sich nach allen Seiten um und vergewisserte sich dass sie keiner sah bevor sie zu dem kleinen Raum wankte, in dem sie ihre Tasche hatte stehen lassen. Mit zitternden Händen fischte sie ihre Tabletten heraus und schluckte sie mit ein paar Schlucken Wasser hinunter während sie sich langsam auf die Couch setzte und tief durchzuatmen begann. Ihr Blick fiel auf das Handy, welches Anto ihr für die Zeit, die sie jetzt mit den Jungs unterwegs war zur Verfügung gestellt hatte. Eigentlich hasste sie diese Dinger, doch in diesem Moment war sie glücklich eines zu haben. Ihre Hände und Arme zitterten immer noch als sie die Nummer ihrer Schwester in das Telefon eintippte und auf ein Freizeichen wartete.
"Murphy?" meldete Aileen sich am anderen Ende der Leitung.
"Aileen, hier ist Shannon." krächzte sie in das Telefon und versuchte mit größter Mühe ihre Tränen zurück zu halten die sich in ihren Augen sammelten.
"Hey Süße, was ist los?"
"Aileen, ich kann nicht." flüsterte sie kaum hörbar.
"Was? Was kannst du nicht? Ich verstehe dich kaum."
"Ich kann nicht mehr."
"Wenn es dir schlecht geht dann brich das ganze ab verdammt, deine Gesundheit ist wichtiger als so ein blödes Buch."
"Aber Doktor Fenton meinte das würde sich mit der Zeit legen, das sei jetzt nur weil sich mein Körper noch an das neue Medikament gewöhnen müsse."
"Und was wenn sich dein Körper noch drei Monate dran gewöhnen muss? Was genau hast du denn für Schmerzen?"
"Ich muss mich ständig übergeben und mir wird schwindelig und...."
"Shannon, geh wieder nach Hause, ich bitte dich."
"Ich kann nicht." Die Tränen, die sie so tapfer versucht hatte zurückzuhalten liefen ihr mittlerweile in Strömen über die Wange. "Ich will das hier durchziehen. Ich kann nicht immer gleich aufgeben wenn es schwierig wird."
"Shannon du hättest mich nicht angerufen wenn es dir nicht schlecht gehen würde, oder?"
Shannon nickte. "Ich weiß nicht."
"Du bist die Ältere von uns beiden, du musst wissen was du machst." erklärte Aileen fast gleichgültig. "Ich muss jetzt auflegen, ich sitze am Steuer. Rufst du mich morgen noch mal an und sagst mir was los ist?"
"Mache ich." nickte sie erneut und küsste ihr Handy. "Gute Nacht Schwesterherz. Ich liebe dich." Sie legte auf und schloss die Augen um nachdenken zu können. Dabei merkte sie nicht wie sich jemand, der zuvor noch an der Tür gestanden hatte, langsam und leise wieder verzog.

"Gefällt es dir eigentlich bei uns?" Kian saß im Tourbus auf einer kleinen Eckbank und rollte ein halbvolles Glas Cola zwischen seinen Händen hin und her während Shannon unschlüssig vor dem Kühlschrank stand und sich schließlich für Sprite entschied.
Noch vor dem Konzert hatten sie aus dem Hotel ausgecheckt und waren jetzt, nach einer einstündigen Pause bei McDonalds, auf dem Weg nach Manchester, wo sie weitere Konzerte geben würden um danach wieder zurück nach London zu fahren um dort an einem Wohltätigkeitsball teilzunehmen.
"Natürlich gefällt es mir hier. Ihr seid alle super nett, ich kann mich nicht beschweren." nickte sie und setzte sich ihm gegenüber auf die Bank. Kian sah traurig aus seit er von der Bühne gekommen war.
"Warum kommt es mir dann so vor als wolltest du dich in eine Ecke verziehen und weinen?" fragte er gerade heraus, sah sie dabei jedoch nicht an sondern spielte weiter mit dem Glas in seiner Hand.
Shannon zuckte zusammen und sah ihn erschrocken an. "Ach, du spinnst ja." schüttelte sie den Kopf und nahm einen Schluck aus der Plastikflasche. "Wann sind wir denn da?"
"Keine Ahnung, Anto hat den Plan."
"Ich gehe mal hinter zu ihm." erklärte sie mit gesenktem Kopf und verzog sich schnellstmöglich nach hinten, weit weg von Kian und seinem fragenden Blick.

In Gedanken versunken lief Kian den stillen Gang vor Shannons Zimmertür auf und ab. Es war bereits weit nach Mitternacht und niemand schien mehr wach zu sein. Er hatte versucht zu schlafen, Shannons Gesichtsausdruck zu vergessen als sie sich vor ein paar Stunden von ihm verabschiedet hatte und hoch auf ihr Zimmer gegangen war. Sie hatte so verletzt ausgesehen, so als wolle sie sich im nächsten Moment auf den Boden werfen und weinen wie ein kleines Kind. Nach dem kurzen Gespräch im Bus nach dem Konzert hatten sie kaum mehr ein Wort gewechselt. Sie war gleich nachdem sie im Hotel in Manchester angekommen waren auf ihr Zimmer gegangen und nur für eine kurze Terminbesprechung nach unten gekommen. Geredet hatte sie während den zwanzig Minuten, die sie fast regungslos am Tisch saß und starr geradeaus blickte, kaum etwas und war sofort danach wieder auf ihr Zimmer gegangen.
Und jetzt stand er hier und überlegte, ob er anklopfen sollte oder nicht. Sie würde ihn wahrscheinlich sowieso nicht hören weil sie tief und fest schlief, doch Kian musste es auf einen Versuch ankommen lassen. Gerade als er sich dazu entschlossen hatte anzuklopfen hörte er Geräusche und schreckte zurück.
"Fran." seufzte er als er einen der Securities um die Ecke biegen sah. "Erschreck mich doch nicht so."
"Du hast gut reden. Wer steht denn mitten in der Nacht auf dem Gang? Was machst du hier, man?"
"Ich wollte noch kurz etwas mit Shannon besprechen." sagte er knapp.
"Um viertel vor zwei nachts?" lachte Fran und schüttelte den Kopf. "Da wirst du nicht viel Glück haben, die ist mir gerade im Foyer begegnet. Sie meinte sie könne nicht schlafen und wolle deshalb noch einen Spaziergang machen."
"Und du hast sie alleine raus gelassen?" rief Kian entsetzt aus und fasste sich an den Kopf. "Bist du wahnsinnig?"
"Man, beruhig dich." hob er abwehrend die Hände als Kian an ihm vorbei stürmte. "Wir sind in England, nicht in Jemen."
Kian murmelte lediglich etwas vor sich hin bevor er die Tür zum Treppenhaus aufriss und die Treppen nach unten stürzte. Er musste sie finden, weiß Gott was da draußen um diese Uhrzeit alles rumlief.
Als er vor den Hoteleingang trat zuckte er leicht zusammen. Es waren nicht viel mehr als 5 Grad und er trug lediglich seine Jeans und einen Pullover. Frierend rieb er sich über die Oberarme während er nach Shannon Ausschau hielt. Erleichtert atmete er auf als er eine Gestalt in einer feuerroten Jacke auf der anderen Straßenseite zusammengekauert auf einer Parkbank sitzen sah. Schweigend lief er auf sie zu und setzte sich neben sie auf die Bank. Er sah sie weder an, noch sprach er mit ihr, doch er konnte auch so sagen das sie geweint hatte. Sie zitterte am ganzen Körper und hatte ihre Arme fest um ihre Beine geschlungen.
"Du musst nicht mit mir reden, doch ich möchte dass du weißt, dass ich dir jederzeit zuhören würde." Seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern und mit jedem Wort schickte er kleine Eiswolken gen Himmel.
Als er nach wenigen Augenblicken eine Regung bemerkte sah er sie vorsichtig an. Sein Herz machte einen Sprung als er das zaghafte Lächeln auf ihren Lippen sah.
"Du musst frieren." sagte sie leise und sah ihn liebevoll an.
"Ist nicht so schlimm." schüttelte er ehrlich den Kopf und wand sich ihr ein Stück zu. "Möchtest du denn reden?"
Sie hob die Schultern und blickte wieder unter sich. "Möchtest du es denn hören?"
Er nickte ihr bestärkend zu, sagte aber nichts weiter.
"Weißt du." begann sie leise und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. "Ich habe mir immer gewünscht dass man meine Mutter endlich erlöst, dass er sie endlich zu sich holt und von dem Leben hier befreit. Ich wollte nicht mehr nach Hause kommen und von ihr wie eine Fremde angesehen werden." Sie hielt Inne und blickte in den Himmel. "Jetzt wo sie nicht mehr da ist fühle ich mich fast einsam. Ich habe niemanden mehr zu dem ich nach Hause kommen kann, der da ist wenn ich nach einem harten Tag von der Arbeit komme." Traurig lies sie den Kopf wieder sinken und schluchzte leise. "Kannst du dir vorstellen wie schlimm es ist zu deiner Mutter nach Hause zu kommen die dich, ihr eigenes Kind, nicht mehr erkennt? Ich werde nie ihren Blick vergessen den sie mir immer zugeworfen hat wenn ich sie Mum genannt habe. Wie eine Verrückte hatte sie mich angesehen und gesagt dass sie keine Kinder habe, dass sie nie Kinder wollte." Sie stockte und fing erneut an leise zu schluchzen. "Sie fehlt mir so sehr Kian. Ich vermisse meine Mutter."
Er nahm sie schützend in den Arm und hielt sie minutenlang fest ohne ein Wort zu sagen.
"Wenigstens ist sie friedlich eingeschlafen und hatte keine Schmerzen."
"Es tut mir so leid Shannon, ich wusste ja nicht..." Weiter kam er nicht denn Shannon hatte sich bereits aus seiner sanften Umarmung befreit, war aufgesprungen und hatte beide Arme von sich gestreckt.
"Oh mein Gott." entfuhr es ihr. Sie lachte ein befreites, glückliches Lachen wie Kian es so noch nie zuvor von ihr gehört hatte. Erst als er sah wie sie die Augen schloss und sich im Kreis zu drehen begann bemerkte auch er, dass es angefangen hatte zu schneien. Schweigend beobachtete er sie wie sie sich unentwegt im Kreis drehte und die einzelnen Flocken mit ihren Händen versuchte zu fangen. "Wenn es die ganze Nacht schneit kann ich morgen meinen ersten Punkt abhaken." lachte sie fröhlich und blieb regungslos stehen um Kian dabei zu beobachten wie er sie beobachtete.
"Welche Liste?" fragte er schließlich.
"Meine Liste." entgegnete sie. "Dinge die ich tun möchte bevor ich sterbe."
Er lachte vorsichtig. "Wozu brauchst du die denn?"
"Ich brauche sie nicht, aber ich habe vor einiger Zeit ein Buch gelesen in dem die Hauptfigur auch eine solche Liste hatte. Seitdem liegt meine bei mir zuhause auf dem Nachttisch."
"Und was steht auf dieser Liste?"
"Ich möchte einmal in meinem Leben Schneeengel machen. Weißt du was ich meine? Sich in den meterhohen Schnee werfen und die Arme und Beine bewegen. Wenn man dann aufsteht sieht der Abdruck im Schnee aus wie ein Engel."
"Kenne ich." bestätigte er ihr lächelnd und lehnte sich nach vorne auf seine Oberschenkel. "Und was steht da noch so drauf?"
Sie schien nicht mal überlegen zu müssen und begann sofort aufzuzählen. "Also die Schneeengel, dann möchte ich unbedingt Gitarre lernen. Es muss nur ein Lied sein." zuckte sie mit den Schultern. "Aber ich will es können. Und dann möchte ich einmal um Mitternacht im Atlantik schwimmen gehen, egal wie kalt es ist. Und vielleicht...." Sie hielt Inne als ein Handy zu klingeln begann.
Kian sah sie entschuldigend an während er sein Handy aus der Hosentasche fischte und das Gespräch annahm. "Egan?... Was?.... Spinnst du, es ist zwei Uhr in der Nacht.... Das ist mir doch... Monica, Monica, hör mir zu verdammt.... Nein du hörst mir zu...."
Shannon blickte zum Himmel, doch es hatte bereits wieder aufgehört zu schneien. Niemand würde das je nachempfinden können, doch gerade eben, mit Kian neben sich und dem Schnee auf ihrer Haut hatte sie sich glücklicher denn je gefühlt. Traurig sah sie zu Kian hinüber, der mittlerweile ein paar Schritte von ihr weggegangen war und immer noch wild am diskutieren war, und ging dann zurück ins Hotel.
"Hey...." hörte sie plötzlich jemanden hinter sich rufen. Nur Augenblicke später hatte Kian zu ihr aufgeschlossen und sah sie entschuldigend an. "Es tut mir leid, ich weiß auch nicht was sie für ein Problem hat."
"Ist schon okay." beruhigte sie ihn und stieg in den Fahrstuhl. "Ich war sowieso müde, außerdem tut mir mein Rücken weh. Ich..."
"Ich könnte dich massieren wenn du möchtest."
Shannon sah ihn skeptisch an. "Ich glaube nicht." schüttelte sie den Kopf.
"Viele Leute haben mich schon Meister der Muskeln genannt nachdem ich sie massiert habe."
"Hmh, eigentlich müsste ich es jetzt gerade ausprobieren um mein fachmännisches Urteil dazu abgeben zu können aber..."
"Kein aber. Bitte." Er sah mit einem flehenden Blick auf sie hinunter und faltete seine Hände bittend.
"Wenn du so scharf drauf bist." lachte sie und winkte ihn hinter sich her als sie auf ihrem Gang angekommen waren. "Ich hoffe du verlangst keine Gegenleistung." hob sie den Finger und sah ihn fragend an. Erst als er lächelnd verneinte schloss sie die Tür auf und bat ihn herein.
"Wie möchtest du mich?" lächelte sie ihn verführerisch an nachdem sie ihre Jacke auf einem Stuhl abgelegt hatte und nun wartend vor ihm stand.
"Auf dem Bett." nickte er schüchtern und wies auf das mit einem roten Überwurf belegte Himmelbett. "Ich dreh mich auch um damit du dich Obenrum frei machen kannst."
"Obenrum." lächelte Shannon und zog sich ihren Pullover aus bevor sie sich bäuchlings auf das Bett legte. "Wie charmant."
"Bist du fertig?"
"Fertig und bereit." nickte sie und erschrak als Kian sich auf ihre Oberschenkel setzte.
"Schönes Tattoo." Doch anstatt des Tattoos in Form eines Schmetterlings das ihren Steiß zierte, betrachtete er vielmehr ihren zierlichen, fast gebrechlich wirkenden Körperbau und die weiche Haut die er unter seinen kalten Fingern spürte. "Sind dir meine Hände zu kalt."
Sie schüttelte stumm den Kopf und seufzte unter seinen sanften Berührungen die von ihren Schulterblättern mit kreisenden Bewegungen nach unten zu ihrem Steiß gingen. Er knetete ihre warme, weiche Haut Zentimeter für Zentimeter, Muskel für Muskel durch und genoss jede einzelne Sekunde die er auf ihr saß und Körperkontakt mit ihr hielt. Er beugte sich leicht nach vorn und sah, dass sie ihre Augen geschlossen hatte.
"Nicht dass du mir hier jetzt einschläfst."
"Hmh." war alles, was er von ihr als Antwort bekam bevor ihr ein leises Stöhnen entfuhr. Allein die Vorstellung dass sie halbnackt unter ihm lag und er ihren Rücken massierte verursachte bei Shannon Gänsehaut. Die Art wie seine Hände ihren Körper entlang fuhren lies sie fast wahnsinnig werden und sie hatte größte Mühe an sich zu halten ihm nicht im nächsten Moment die Kleider vom Leib zu reißen. "Gott Kian, was machst du mit mir?" fragte sie leise, so leise dass er es kaum hören konnte.
Vorsichtig beugte er sich nach vorne bis er mit seinen Lippen beinahe ihr Ohrläppchen berührte. "Alles was du willst."
Shannon zuckte zusammen. Hatte sie das eben wirklich laut gesagt? Augenblicklich vergrub sie ihr Gesicht tiefer in der Tagesdecke um die Scham, die ihr ins Gesicht stieg, vor ihm zu verbergen. Shannon, mahnte sie sich selbst, reiß dich zusammen verdammt. Nicht mal mehr ihre Gedanken konnte sie richtig ordnen, so verrückt machten sie seine weichen, immer noch kühlen Hände auf ihrer Haut. Hätte er noch einen Augenblick weiter gemacht, da war Shannon sich sicher, hätte sie sich voll und ganz in seinen Berührungen verloren, hätte vielleicht sogar Dinge getan die sie später bereut hätte. Sie mochte Kian, sie mochte ihn sehr, doch sie konnte nicht riskieren hier und heute, in ihrem Hotelzimmer, etwas mit ihm anzufangen. Noch bevor sie diesen Gedanken zu Ende denken konnte durchdrang ein schrilles Klingeln die erdrückende Stille im Zimmer.
Kian zuckte zusammen, seufzte dann leise und stand schließlich auf um an sein Handy zu gehen. "Hallo?" raunte er ins Telefon.
Shannon atmete tief durch bevor sie sich ihren Pullover nahm und auf Zehenspitzen ins Bad schlich.
Sie wusste nicht wie lange sie im Bad war und dort regungslos auf dem zugeklappten Toilettendeckel gesessen hatte, doch als sie wieder raus kam saß Kian mit gesenktem Kopf am Fußende des Bettes und starrte auf sein Handy.
"Was ist?" fragte Shannon sanft und setzte sich neben ihn auf die Bettkante.
"Nichts." schüttelte er den Kopf und wand sich ihr zu. Ihre Gesichter schienen nur noch Millimeter voneinander entfernt und es hätte sicherlich nicht viel gefehlt und ihre Lippen hätten sich berührt, doch bevor es soweit kommen konnte war Shannon aufgestanden und mit verschränkten Armen zur Balkontür gegangen. "Du solltest gehen Kian."
Wortlos nahm er seine Schuhe, derer er sich zuvor entledigt hatte und verschwand aus dem Zimmer. Erst als er die Tür hinter sich geschlossen hatte wagte Shannon es wieder zu atmen. Den Tränen nahe lies sie sich zurück auf das Bett fallen und blickte traurig zur Tür durch die Kian nur Augenblicke zuvor verschwunden war.

"Hey, da ist ja unsere Langschläferin. Na, gut geschlafen?"
Shannon nickte Nicky lächelnd zu und lies sich neben ihn auf den freien Stuhl fallen. Sie waren mittlerweile wieder in London angekommen nachdem sie drei Nächte lang in Manchester gespielt hatten. Shannon hatte in den letzten Tagen viel gearbeitet, immer wieder Interviews mit der Crew oder einem der Jungs geführt, hier etwas recherchiert, da telefoniert und war dabei ständig einem Mann aus dem Weg gegangen dem sie seit der Nacht auf ihrem Hotelzimmer nicht mehr in die Augen sehen konnte. Viel zu viel Angst hatte sie davor, dass Kian ihr an den Augen ablesen konnte wie sehr sie sich nach ihm verzehrte, wie sehr sie sich eine Fortsetzung eben dieser Nacht wünschte.
"Du kommst doch mit heute Abend, oder?"
"Wohin?" fragte Shannon in Gedanken. Sie nahm sich ein trockenes Brötchen aus dem Korb vor sich und riss sich eine Ecke ab während sie Nicky zuzuhören versuchte ohne dabei ständig an den Mann denken zu müssen, der nur wenige Meter von ihr entfernt an der anderen Seite des Tisches saß und sie ansah. Shannon musste ihn nicht ansehen um zu wissen, dass er sie beobachtete, dass er jeden ihrer Schritte mit seinen wunderschönen blauen Augen verfolgte. Schnell verscheuchte sie ihre Gedanken und konzentrierte sich wieder auf Nicky.
"Wir reden doch seit Tagen von nichts anderem."
"Wovon denn?" Sie schien schon wieder verpasst zu haben worum es ging.
"Der Wohltätigkeitsball heute Abend."
Shannon winkte ab. "Vergesst es Jungs."
"Wieso?" warf Shane, der genüsslich auf einem Stück Croissant herum kaute, fragend ein.
"Weil ihr mich niemals auf eine Veranstaltung wie einen Ball bekommt."
"Und das ist weil?" forderte Nicky sie auf weiter zu sprechen.
"Weil ich kein Kleid anziehen werde."
"Du musst doch nicht notgedrungen ein Kleid anziehen. Es gibt doch auch schöne Hosenanzüge. Gina wollte sich auch so einen zulegen für heute Abend."
"Frauen sind echt schlimm, die brauchen für jeden Anlass ein neues Outfit. Ich habe seit zwei Jahren drei Paar Anzüge die ich immer anziehe wenn ich zu solchen Veranstaltungen gehe. Wo liegt das Problem?"
"Das Problem, mein Lieber, liegt darin, dass Anzüge alle gleich aussehen. Ein Kleid allerdings ist einzigartiger und was glaubst du wie sich die Klatschpresse darauf stürzt wenn eine Frau zwei Mal in dem selben Kleid auf einer Veranstaltung erscheint?" wies Shane ihn wissend zurecht. "Vertrau mir, Gillian hat mich aufgeklärt."
"Ich kann mit dir einkaufen gehen wenn du möchtest."
Shannon, die sich bereits wieder aus dem Gespräch ausgeklinkt hatte, sah auf und blickte direkt in Kians sanfte, blaue Augen.
"Was? Bitte entschuldige."
"Ich könnte heute Nachmittag mit dir einkaufen gehen wenn du das möchtest. Vielleicht finden wir ja was für dich was dir gefällt."
"Das ist doch die Idee. Ihr findet bestimmt was Schönes." nickte Nicky eifrig. "Ach komm schon Shannon, es ist doch für einen guten Zweck."
"Ist gut." willigte sie leise ein. "Ich werde sehen ob ich was finde."

"Willst du mich eigentlich für den Rest der Zeit, die wir nun mal zusammen verbringen müssen, anschweigen?" Kians Frage kam unverhofft und sein trauriger Gesichtsausdruck traf Shannon tief..
"Was meinst du?" fragte sie unschuldig während sie neben ihm her lief. Sie hatte laut lachen müssen als sie ihre Zimmertür geöffnet und Kian, getarnt mit Mütze, Sonnenbrille und Schal, im ersten Moment nicht erkannt hatte. Sie liefen nun bereits eine ganze Weile stumm nebeneinander durch die Londoner Innenstadt. Keiner von ihnen schien daran interessiert ein Kleid zu finden, geschweige denn nach einem zu suchen als Shannon plötzlich stehen blieb, ihren Blick starr auf etwas gerichtet. Kian bemerkte erst nach ein paar Metern dass Shannon nicht mehr neben ihm lief und kam zu ihr zurück. "Was ist?" fragte er und versuchte ihrem Blick zu folgen, der wenige Meter weiter auf einem Kinderwagen haftete. Das Kind, den Farben der Kleidung nach zu urteilen war es ein Junge, saß in seinem Kinderwagen und leckte zufrieden an einem, für seine Verhältnisse riesigen Lutscher.
"Ich will diesen Lutscher."
"Das ist nicht dein Ernst, oder?" lachte Kian unsicher als er Shannons Grinsen bemerkte. "Shannon, du kannst doch dem Kind nicht seinen Lutscher abnehmen."
"Wieso denn nicht? Die Mutter ist viel zu sehr mit den Magazinen beschäftigt, das wäre ein Kinderspiel."
"Aber das ist ein Kind." versuchte er sie zur Vernunft zu bringen. "Ich bitte dich."
"Sei kein Spielverderber." Unsanft packte sie ihn am Arm und zog ihn hinter sich her, näher an den Kinderwagen heran. "Ich will doch nur sehen was passiert, mehr nicht."
"Das arme Kind wird anfangen zu weinen. Das kann ich dir auch so sagen, da brauchst du ihm nicht erst den Lutscher abzunehmen." schüttelte Kian den Kopf und beobachtete Shannon die sich nach allen Seiten umsah.
"Dann bleib du eben hier stehen."
Ohne das Kian noch etwas erwidern konnte pirschte Shannon sich an den Kinderwagen heran, blickte ein letztes Mal nach links und rechts und hatte in nur einem Bruchteil einer Sekunde den Lutscher des Kindes in der Hand, mit dem sie nun eilig weiter lief. Kian, der das Geschehen kopfschüttelnd beobachtet hatte, blieb zunächst stehen und wartete, was das Kind tun würde, doch es tat entgegen seiner Erwartungen gar nichts. Es saß regungslos in seinem Sitz und blickte der Frau hinterher die ihm soeben seinen Lutscher geklaut hatte. Kian blickte sich nach Shannon um, die an der nächsten Ecke stand und ihn energisch zu sich her winkte.
"Du hast echt nicht mehr alle Tassen im Schrank." lachte er als Shannon ihm stolz den Lutscher entgegen hielt. "Und was machst du jetzt mit dem Ding?"
"Wegschmeißen, was denn sonst?" zuckte sie mit den Schultern und warf den angeknabberten und angesabberten Lutscher in die nächste Mülltonne. "Jetzt kann ich den ersten Punkt streichen." nickte sie und lief, mit den Händen tief in ihren Jackentaschen vergraben, weiter.
"Was steht denn noch so alles auf deiner Liste?" fragte Kian, der nach einer kurzen Pause wieder zu ihr aufgeschlossen hatte.
"Vieles und gar nichts. Dinge, die ich über die Jahre gesammelt habe und wo ich bisher noch nicht dazu gekommen bin sie zu tun. Ich kann sie dir bei Gelegenheit gerne mal zeigen wenn du möchtest."
"Klar, wieso nicht?" nickte er und duckte sich als ein Schwarm junger Mädchen an ihnen vorbei lief.
"Wundert mich sowieso dass dich noch keine angesprochen hat."
"Beschwöre es nicht herauf. Wenn einer kommt kommen alle und dann kann das hier sehr unangenehm werden."
Shannon nickte. "Ich habe immer noch nichts für heute Abend." stellte sie fest. "Ich glaube sowieso nicht dass ich mitgehen will, ich meine was soll ich denn da? Ich wäre wie das fünfte Rad am Wagen."
"Anto geht alleine hin."
"Alles klar." nickte sie sarkastisch und schüttelte den Kopf. "Ach, ist auch egal."
"Was ist egal?"
"Ich werde nicht mit kommen."
"Ich bitte dich, nur weil du kein Kleid anziehen willst? Das kann doch nicht dein Ernst sein."
"Nein, weil ich dort einfach nicht hingehöre. Ich bin Journalistin Kian, kein Star wie ihr. Ich gehöre nicht auf diese Veranstaltung."
"Da sind doch auch Leute die nichts mit dem Showbiz zu tun haben." zuckte Kian mit den Schultern.
Er schien nicht verstehen zu wollen dass Shannon verzweifelt nach einer Ausrede suchte die es ihr ermöglichte den Abend zuhause zu verbringen, weit weg von ihm und der Versuchung die von ihm ausging. Er schien nicht sehen zu wollen wie sehr es sie belastete ihn mit seiner Freundin zu sehen, ihn mit jeder anderen außer Shannon selbst an seiner Seite zu sehen.
"Ich glaube ich möchte trotzdem nicht hingehen."
"Ich würde mich aber freuen wenn du kommst. Du musst mir doch noch zeigen was du so auf der Tanzfläche drauf hast." lächelte er sie versuchsweise an.
"Ich kann nicht tanzen und außerdem glaube ich kaum dass Monica es so gut findet wenn du mit mir tanzt." Sie musste die "Eifersüchtige-Freundin-Karte" spielen, denn nur so würde er sich vielleicht zur Vernunft bringen lassen.
"Sie hat da sicher kein Problem mit, glaub mir."
"Wirst du Ruhe geben wenn ich sage dass ich mitkomme?" fragte sie genervt und steuerte auf einen Laden zu, in dessen Schaufenster wunderschöne Abendkleider ausgestellt waren.
"Versprochen."

Shannon, die gerade dabei war unter die Dusche zu steigen um sich für den Ball fertig zu machen, eilte zur Tür als es an selbiger leise klopfte. Erschrocken zog sie ihren Bademantel enger als sie Kian mit einem Grinsen auf dem Gesicht und einer Gitarre in der Hand vor der Tür vorfand.
"Was machst du hier?" fragte sie erstaunt, bat ihn aber trotzdem herein.
"Ich habe mich daran erinnert was du mir vor ein paar Tagen in dem Park gesagt hast, dass du gerne Gitarre spielen möchtest und da habe ich mir gedacht du möchtest vielleicht ein bisschen auf meiner Gitarre klimpern." zuckte er mit den Schultern und setzte sich aufs Bett. "Wieso nicht gleich den zweiten Punkt in Angriff nehmen wenn die Möglichkeit besteht."
"Eigentlich wollte ich gerade duschen gehen und..."
Kian sah auf die Uhr. "Du hast noch drei Stunden Zeit, glaubst du nicht da ist noch ein bisschen Spielraum für eine kleine Gitarrenstunde?"
Sie nickte lächelnd und setzte sich neben ihn auf die Bettkante während er ihr zu erklären begann worauf sie besonders zu achten hatte.
"Nein, der Griff war nicht ganz sauber, versuch es noch mal." schüttelte er den Kopf. Shannon hatte nicht lange gebraucht um sich für ein Lied zu entscheiden welches sie gerne lernen wollte und hatte Under the bridge von den Red Hot Chilli Peppers gewählt. Kian war aufgestanden und im Zimmer auf und ab gelaufen während sie auf dem Bett saß, die viel zu große Gitarre vor sich. Kian lächelte als er beobachtete wie sie immer wieder versuchte mit ihren kurzen Armen und kleinen Fingern die richtigen Griffe hinzubekommen, dabei aber nur all zu oft scheiterte. "Gott, gibt es so was nicht auch in Größe XS?" hatte sie mehr als ein mal geflucht während Kian gegen die Couch gelehnt stand und sie beobachtete.
"Was?" fragte sie als sie aufblickte und Kians belustigten Blick sah.
Er schüttelte energisch den Kopf und bemühte sich ein Lachen zu unterdrücken.
"Was ist?" fragte sie erneut und legte die Gitarre bei Seite.
"Es ist nichts." schüttelte er energisch den Kopf. "Ich musste nur gerade an die Worte des Mädchen vor ein paar Tagen denken die gemeint hätte du wärst Kurt Cobains Verbündete oder so. Wenn ich dich so ansehe, wie du in gebeugter Haltung über der Gitarre sitzt mit dem ernsten Gesichtsausdruck den du aufgelegt hast, da könnte sie fast recht haben."
Ohne ein Wort griff Shannon hinter sich und schnappte sich eines der Tageskissen bevor sie aufsprang und Kian hinterher rannte. "Nirvana mag zwar zu meinen Lieblingsbands gehören." keuchte sie als sie ihn am Bett eingekreist hatte. "Aber das bedeutet noch lange nicht dass ich mich geehrt fühlen muss wenn mich jemand äußerlich oder innerlich mit Kurt vergleicht." Sie nahm Anlauf und rannte auf Kian zu der völlig überrumpelt mit ihr im Arm rücklings auf das Bett fiel und dort regungslos liegen blieb.
Sekundenlang blieben sie so liegen, Shannon auf Kians Unterleib, ihre Arme links und rechts seines Kopfes abgestützt, seine Arme um ihre Taille geschlungen und ihre Gesichter nicht weiter als zehn Zentimeter voneinander entfernt.
"Shannon ich..." flüsterte er heiser und kam ihren Lippen immer näher als Shannon plötzlich zurück wich und sich von ihm zu lösen versuchte.
"Du solltest gehen, es ist schon spät und ich muss mich noch fertig machen." sagte sie leise als er wieder von ihr abgelassen hatte und sie vom Bett rutschen konnte um ihm anschließend aufzuhelfen.
"Du kannst..."
"Kian." unterbrach sie ihn und legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen. "Geh bitte." Sie drehte sich von ihm weg und wartete bis sie wenig später die Zimmertür hörte bevor sie ihre Augen wieder öffnete und tief durchatmete. Zitternd nahm sie sich eine Tablette aus der kleinen Dose in ihrer Tasche und schluckte sie mit etwas Wasser aus der Plastikflasche, die sie immer bei sich trug, herunter. Mit Tränen in den Augen lies sie die Dose aufs Bett fallen und ging ins Badezimmer.

6. Kapitel

"Shannon, komm schon, beeil dich. Wir wollen doch nicht zu spät kommen." Georgina klopfte bereits seit ein paar Minuten gegen Shannons Zimmertür, doch nichts rührte sich. "Shannon?"
"Was ist?" fragte Nicky, der im selben Moment um die Ecke gebogen kam und seine Frau fragend ansah.
"Shannon öffnet die Tür nicht. Wir hatten ausgemacht dass wir sie um halb acht abholen, aber sie macht nicht auf." erklärte Gillian, die hinter Georgina stand.
"Lasst mich mal!" er schob Georgina sanft zu Seite und begann heftigst gegen die Tür zu hämmern. "Shannon, mach dir Tür auf."
"Gott, Leute. Ich habe schon drei Mal gesagt dass ich komme." maulte jemand von drinnen bevor sich die Tür öffnete und Shannon in einem schwarzen Abendkleid und einer schwarzen Strickweste vor ihnen stand. Ihre Haare hatte sie zu einer simplen Hochsteckfrisur zusammengebunden während einzelne Strähnen ihr zarten gesichtszüge umspielten. "Seid ihr taub oder was?" Kopfschüttelnd schob sie Nicky bei Seite und schloss die Tür hinter sich. "Was ist?" fragte sie verwirrt als sie von den drei Anwesenden angestarrt statt begrüßt wurde. "Hab ich was im Gesicht?"
"Nein." Nicky war der erste der sich wieder gefasst hatte. "Du siehst wunderschön aus."
Shannon errötete. "Danke." murmelte sie vor sich hin und lief zum Aufzug während sie sich ihre schwarze Cordjacke überzog. Sie hatte sich geschworen von dem Vorfall vorhin sich nicht den Abend versauen zu lassen, geschweige denn sich etwas anmerken zu lassen. Körperlich ging es ihr nach einer halben Stunde wieder gut, doch tief in ihr drin wollte sie am liebsten laut schreien. All den Kummer und die Sorgen der vergangenen Tage aus sich herausbrüllen und in einer Dose einschließen.
"Warst du denn schon mal auf einer solchen Veranstaltung?"
Shannon erschrak als Nicky ihr sanft seine Hand auf die Schulter legte und sie zurück in die Realität holte. "Ähm, nein ich denke nicht. Muss man da irgendetwas besonderes beachten?"
Georgina schüttelte den Kopf. "Immer nur lächeln, denn dort wimmelt es nur so von Fotographen."
Sie nickte. Das dürfte ihr nicht schwer fallen. Wenn sie Georgina, Nicky und Gillian davon überzeugen konnte dass es ihr blendend ging, wieso dann nicht auch den Rest von Londons High Society?
Der Fahrstuhl öffnete sich in der Lobby und Shannon lief an Gillians Seite zu den Anderen, die bereits in der Nähe des Hoteleingangs warteten. Unwohl sah sie sich um. Mark hatte eine blondhaarige Schönheit an seiner Seite die Shannon vorher noch nie gesehen hatte. Er hatte irgendwann erzählt dass er sie mitbringen würde, doch wer sie war hatte er dabei nicht verlauten lassen. Sie trug ein blassrosanes Schiffonkleid das gerade das nötigste bedeckte und ihr blondes, langes Haar hing ihr lässig über die Schultern. Mark schien es zu gefallen, denn sein Blick verließ sie nur selten. Er dagegen trug einen schwarzen Nadelstreifenanzug mit einer Rose im Knopfloch und einem rosafarbenen Hemd untendrunter. Shannon unterdrückte ein kleines Lachen bevor ihr Blick weiter zu Nicky und Georgina wanderte. Georgina sah in ihrem grausilberfarbenen Hosenanzug umwerfend gut aus, auch wenn sie das selbst nie so sagen oder sehen würde. Doch die Tatsache dass auch Nicky die Finger und Augen nicht von seiner Frau lassen konnte zeigte, dass sie mit ihrer Selbsteinschätzung nicht ganz richtig liegen kann. Shannon versuchte aus dem Augenwinkel zu erahnen ob Kian sie ansah, so wie er es sonst immer tat, doch sein Kopf war ganz wo anders hingewandt. Seufzend lies sie den Kopf hängen und folgte Nicky und Georgina zum Wagen.

"Setz dich neben mich." Gillian wies auf den freien Stuhl neben sich woraufhin Shannon sich dankbar setzte. "Und, wie findest du es so?"
"Ich kann noch nicht viel sagen." zuckte sie mit den Schultern und sah sich um. "Von der Aufmachung her sieht es wunderschön aus."
"Ja, ist es nicht großartig? Auf unserer Hochzeit soll es genauso aussehen, auch mit Blumen überall und einer Band und..."
"Habt ihr denn schon einen Termin?"
"Ja, den 28. Mai. Du bist natürlich eingeladen auch zu kommen, wir würden uns freuen wenn du kommen könntest!" (aus technischen Gründen musste ich den Termin verschieben :-) )
"Sicher."
"Wir wollen auf....." Gillian, die einen kleinen Schubs von Shane bekommen hatte drehte sich um und lächelte ihren Verlobten glücklich an bevor sie sich wieder umdrehte und Shannon entschuldigend ansah. "Würde es dich stören wenn wir kurz tanzen gehen? Ich bin auch gleich wieder da."
"Kein Problem." nickte Shannon und lächelte. "Geht nur."
Sie sah den beiden hinterher und seufzte. Sie saß, bis auf Mark und seine Flamme die sich aber ausschließlich mit sich selbst beschäftigten, alleine am Tisch und sah sich gelangweilt um. Die Dekoration des Saals war atemberaubend. Alles war komplett in Blautönen gehalten von den Anzügen der Kellner über die Tischdecken bis hin zu den Blumenarrangements die auf den Tischen standen. Viele der prunkvoll gekleideten Paare tanzten bereits auf der großflächigen Tanzfläche, ettliche Presseleute schwirrten bewaffnet mit Block und Kameraausrüstung durch den Saal um hier und da ein Interview zu ergattern während immer mehr Leute vom Eingang herein strömten.
Gelangweilt tippte sie mit dem Finger auf dem Tisch herum und versuchte Mark und die blonde Frau zu ignorieren die sich schon fast gegenseitig auszogen. Das Blitzlicht der vielen Kameras machte sie nervös und je mehr Fotographen ankamen um ein Bild von Mark und seiner Flamme zu schießen, desto schlimmer wurde es. Sie kniff die Augen zu und schluckte fest, doch als sie sie wieder öffnete verschwamm alles und ihr wurde augenblicklich schlecht. Sie hielt sich mit der einen Hand am Tisch fest und suchte mit der anderen Hand verzweifelt in ihrer Tasche nach den Tabletten während sie sich umsah und sicher stellte, dass sie niemand beobachtete. Eilig schluckte sie die Tablette und spülte sie mit etwas Wasser hinunter. Erschöpft und den Tränen nahe lies sie ihren Kopf auf ihre, auf dem Tisch abgestützten Arme sinken und atmete tief durch. Sie wusste nicht wie viel Zeit vergangen war die sie in dieser Position verharrte, doch plötzlich tippte ihr jemand sanft auf die Schulter und lies Shannons kleinen, zierlichen Körper zusammen zucken. "Was...?" fing sie an als sie aufblickte und in Kians besorgte Augen sah.
"Möchtest du tanzen?" Er hielt ihr seine Hand hin und brachte ein kleines Lächeln hervor als sie sie zaghaft ergriff und sich vom Stuhl hochziehen lies. "Möchtest du die nicht vielleicht endlich ausziehen?" Er zog sanft an ihrer Strickjacke, die sie bis zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht ausgezogen hatte aus Angst zu präsentieren was sich darunter befand. Zögernd willigte sie ein und lies sich von Kian die Jacke abnehmen welche er über ihre Stuhllehne hängte bevor er sich ihr wieder lächelnd zuwand, sanft ihre Hand ergriff und sie hinter sich her auf die Tanzfläche zog .
Schweigend nahm er sie in den Arm und begann zu tanzen ohne ihr dabei in die Augen zu sehen. Doch Shannon bemerkte wie Kian immer wieder den Mund öffnete um etwas zu sagen, sich dann aber besann und den Mund wieder schloss. Nachdem er dieses Schauspiel an die fünf Mal vollbracht hatte blickte sie schließlich zu ihm auf und sah ihn mit zur Seite gelehntem Kopf an. "Was ist?"
"Nichts." Er fühlte sich ertappt, das hörte Shannon an dem Tonfall seiner Stimme. "Was meinst du?"
"Du willst doch etwas sagen, oder?"
"Shannon, ich..." Er hielt Inne und sah sie traurig an. "Was nimmst du da ständig für Tabletten?"
Sie schluckte. Hatte er sie beobachtet? Fieberhaft suchte in ihren sich drehenden Gedanken nach einer Ausrede, nach einer plausiblen Erklärung warum sie immer fast umkippte und ständig irgendwelche Medikamente nahm. Vielleicht hatte er sie aber auch nur ein oder zwei Mal Tabletten nehmen sehen, vielleicht machte sie sich viel zu viel Sorgen. "Ich nehme die Pille Kian, nichts weiter." versuchte sie ihr Glück doch sein ernster Gesichtsausdruck sagten ihr dass er ihr kaum abkaufte was sie ihm zu erklären versuchte.
"Ich habe vorhin als du unter der Dusche warst meine Gitarre holen wollen und zwei randvolle Pillendosen auf dem Bett liegen sehen. Soweit ich informiert bin kommt die Pille in Monatspackungen und nicht in der Jahresvorratsdose."
Erwischt.
"Ich habe niedrigen Blutdruck." versuchte sie es erneut. "Das sind Tabletten zur Stabilisierung meines Blutdrucks."
Er schien zu überlegen, denn auf seiner Stirn bildeten sich keine Fältchen während er sie eingehend ansah. Seine ernste Miene schien sich gerade in eine fragende zu verformen als Shannon einen Versuch startete und das Thema auf wesentlich ungefährlicheres Terrain zu lenken versuchte. "Wo ist eigentlich deine Freundin?"
Er zuckte lediglich mit den Schultern und sah sich um. "Ich glaube sie ist gegangen. Wir hatten Streit."
"Ist ja was ganz Neues." lächelte sie, wurde aber hellhörig als die Band im nächsten Augenblick ein neues Lied zu spielen begann. Auch Kian schien erkannt zu haben um welches Lied es sich handelt, denn ein kleines Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab als er sie näher zu sich zog und langsam zu den Klängen von All the way weiter tanzte.
Shannon versuchte die plötzliche Nähe zu ihm zu genießen, doch irgendetwas in ihr hielt sie davon ab sich noch näher an ihn zu schmiegen. Mit geschlossenen Augen versuchte sie sich selbst davon zu überzeugen dass es nicht Kian war mit dem sie hier tanzte sondern Anto oder Mark oder einer von der Security, jeder bloß nicht Kian. Der Duft seines Parfums, dass sie mit geschlossenen Augen noch intensiver wahrnahm, trieb sie an den Rande des Wahnsinns und hätte er nicht im nächsten Augenblick mit einer mehr als unangebrachten Frage alles zerstört hätte sie für nichts mehr garantieren können.
"Was hast du da eben wirklich für Tabletten genommen?" fragte er erneut.
Sie fuhr geschockt zurück und blickte ihm in seine wässrigen Augen. "Kian." mahnte sie und schüttelte den Kopf. "Fang bitte nicht wieder damit an. Das war die Antibabypille."
"Shannon, ich mag dich. Und ich habe es satt mich von dir belügen zu lassen. Ich habe die Pillen in deinem Zimmer gesehen und ich habe gehört wie du deiner Schwester am Telefon gesagt hast wie schlecht es dir doch geht. Und jetzt sehe ich es in deinen Augen." Er hielt Inne und griff mit seiner Hand unter ihr Kinn um sie zu zwingen ihn anzusehen. "Bitte sag mir endlich die Wahrheit."
"Kian..." fing sie an, doch weiter kam sie nicht, denn sie wurde unsanft aus seinen Armen gerissen und wäre dabei beinahe zu Boden gefallen, hätte sie nicht der freundliche, ältere Herr, der mit seiner Begleitung hinter ihr tanzte, mehr oder weniger freiwillig aufgefangen.
"Was soll das? Warum tanzt du mit dieser komischen Rockerbraut?" fauchte Monica aufgebracht und wedelte mit ihrer Hand vor Kians Gesicht herum. "Kian, antworte mir verdammt."
"Ich dachte ihr hättet Streit." murmelte Shannon vor sich hin als sie sich wieder gefangen hatte und am Saum ihres Kleides zu zupfen begann.
"Den haben wir jetzt, darauf kannst du Gift nehmen."
Shannon blickte Kian ein letztes Mal voller Sehnsucht an bevor sie kopfschüttelnd von der Tanzfläche ging, ihre Jacke und ihre Tasche nahm und aus dem Saal stürmte.
"Wohin gehst du?" fragte Anto, der am Eingang stand und eine Zigarette rauchte.
"Ich möchte nach Hause."
"Geht es dir nicht gut?" fragte er besorgt und legte ihr einen Arm um die Schulter.
"Nein, alles Bestens." versicherte sie ihm lächelnd. "Ich möchte nur einfach in mein Bett, ja?"
"Sicher, warte ich rufe dir Bobby, er soll dich zurück zum Hotel fahren."
Sie murmelte ein Danke und wartete am Eingang während Anto um die Ecke verschwand.

Später saß sie auf ihrem Zimmer und hatte alle Unterlagen, sowohl die ihr von Anto als auch die ihr von James überlassenen sowie ihre eigenen vor sich auf dem Bett ausgebreitet und versuchte, ein Konzept oder zumindest Ordnung in alles zu kriegen als es plötzlich an der Tür klopfte. Shannon sah verwirrt auf die kleine Digitaluhr auf ihrem Nachttisch bevor sie aufstand und sich ihren Bademantel umwarf. "Wer ist da?" fragte sie zaghaft durch die geschlossene Tür.
"Ich bin es. Lässt du mich bitte rein?" Es war Kians Stimme.
"Was willst du?" fragte sie unfreundlich als sie ihm die Tür öffnete.
"Hast du was dagegen wenn ich rein komme und wir ein bisschen fernsehen?"
"Was ist mit deiner Freundin?" fragte sie als er an ihr vorbei ging doch er winkte lediglich ab und lies sich auf die Couch fallen. Wortlos schloss sie die Tür hinter ihm und ging hinüber zu ihrem Bett. Ohne weiter nachzufragen begann sie ihre Unterlagen weiter zu ordnen während Kian den Fernseher anstellte und wild durch die Kanäle zappte.
Nach einer Weile blickte sie müde auf als sie bemerkte, dass Kian aufgehört hatte zu zappen. Doch sein Blick war nicht auf den Bildschirm gerichtet, auf dem gerade ein aufgelöster Mann durch ein meterhohes Maisfeld rannte, sondern haftete einzig und alleine auf ihr.
"Lass das." sagte sie sanft.
"Was?"
"Ich mag es nicht wenn man mich beobachtet." schüttelte sie erklärend den Kopf und begann ihre Unterlagen zusammen zu suchen. Sie hatte genug für heute gemacht, außerdem fielen ihr immer wieder die Augen zu, so müde war sie bereits.
"Es tut mir leid wenn ich so neugierig bin." wechselte er plötzlich das Thema. "Aber ich mache mir Sorgen um dich. Ich zwinge dich zu nichts, aber ich möchte dass du weißt dass du jederzeit und mit absolut jedem Problem zu mir kommen kannst, okay?"
Sie nickte dankbar und lächelte ihn an bevor sie die Unterlagen vor ihr Bett schmiss und sich bäuchlings hinlegte um noch ein bisschen fernzusehen.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte lag sie verkehrt herum im Bett und war in die Tagesdecke eingewickelt, die sie am Abend nicht vom Bett genommen hatte.
Benommen richtete sie sich auf und blickte sich verstört um als ihr Blick plötzlich auf eine schlafende Gestalt auf ihrer Couch fiel. Kian, dachte sie sich mit aufgerissenen Augen und hielt in ihrer Bewegung Inne. Leise stand sie auf und schlich hinüber zur Couch. Er lag eingerollt und zugedeckt mit seinem Jackett auf der Seite und hatte seinen Mund etwas geöffnet. Wie in Zeitlupe beugte sie sich über ihn und strich ihm sanft über sein blondes, verwuscheltes Haar bevor sie ihre Fingerspitzen über seine warme Haut bis hin zu seinen weichen Lippen gleiten lies. Wie gerne hätte sie ihn auf der Stelle geküsst, ihn in den Arm genommen und nie wieder losgelassen, doch wieder war es die kleine Innere Stimme, die sie davon abhielt ihm ihre Gefühle zu gestehen.
Sie fuhr geschockt zurück als er plötzlich seine Augen öffnete und sie verstört anblickte. Erschrocken über sich selbst legte sie ihre Hand auf ihren Mund und schüttelte den Kopf bevor sie eine Entschuldigung murmelte und ins Badezimmer flüchtete.
Erst als sie nach über einer viertel Stunde die Zimmertür schlagen hörte traute sie sich von der Toilette aufzustehen und aus dem Badezimmer zu kommen. Kian war gegangen.
Unter Tränen packte sie ihre Sachen zusammen und warf sie ungeordnet in ihren Koffer. Anto hatte ihr gestern, bevor sie mit Bobby zum Hotel gefahren war, gesagt, dass sie am nächsten Morgen gleich nach dem Frühstück zum Flughafen fahren würden um von dort aus nach Spanien zu fliegen. Von Spanien aus würde es weiter nach Frankreich, dann nach Deutschland und schließlich nach Belgien und Holland gehen bevor sie eine kurze Tour durch Asien hatten und dann zurück nach Dublin flogen um dort ihre letzten Konzerte zu geben. Shannon wusste, dass sie sich auf stressige Tage und ungemütliche Nächte im Tourbus einrichten musste, doch sie wusste auch, dass sie nun mittendrin war und nicht einfach aufgeben konnte, denn das würde sie sich selbst nicht erlauben.
Anto hatte bereits mehrfach an die Tür geklopft um alle darauf aufmerksam zu machen dass es in wenigen Minuten losgehen würde und sie sich schon mal bereit halten sollten als Shannon noch immer ihre Sachen zusammen suchte und sie unachtsam in den Koffer warf. Ihr war im Moment so ziemlich alles egal, Hauptsache sie musste nicht mit Kian reden, geschweige denn ihn ansehen.

7. Kapitel

Drei Wochen waren vergangen seit Shannon das letzte Mal wirklich mit Kian gesprochen hatte. Drei Wochen in denen sie rastlos durch Spanien, Portugal und Frankreich gereist waren, Nächte im Tourbus hinter sich gebracht hatten und Konzerte am laufenden Band gespielt hatten. Mittlerweile waren sie in Paris und auf dem Weg zur Konzerthalle, ihrem nächsten Halt auf der endlos scheinenden Liste.
"Mark, beeil dich. Wir warten bereits auf dich!" schrie Shannon über den Parkplatz und sah nervös auf die Uhr. Sie waren bereits mit einer zweistündigen Verspätung losgefahren und hatten noch die ganze Nacht vor sich. "Mark!" Sie hatte die Nase voll. Anto war bereits mit einem anderen Bus voraus gefahren und hatte sie mit den Jungs alleine gelassen. Doch Mark schien der Termindruck der auf ihnen lastete kaum zu interessieren denn er schlenderte seelenruhig über den verlassenen Parkplatz und schob sich genüsslich seinen Schokoriegel in den Mund während Shannon kochend vor Wut vor dem Bus stand und auf ihn wartete. Grinsend lief er an ihr vorbei und hüpfte in den Bus.
"Okay!" nickte Shannon Bobby beim Einstieg zu und rieb sich fröstelnd die Hände. Der Tee, den sie sich gerade aufgesetzt hatte, hatte mittlerweile den Weg in Kians Bauch gefunden. Er lächelte zufrieden während er auf der Bank saß und Shannon dabei beobachtete wie sie sich wortlos und ohne auch nur mit der Wimper zu zucken einen neuen Tee aufsetzte. Sie wickelte sich ihr Halstuch enger um den Hals und nahm einen Schluck aus ihrem Becher während sie sich an Kian vorbei drängte und nach hinten ging um mit Nicky das Rennen fortzusetzen dass sie zuvor durch Marks plötzlichen Drang die öffentliche Toilette zu benutzen unterbrochen hatten. Sie setzte sich im Schneidersitz auf den Boden, stellte die Tasse neben sich ab und nahm ihren Joystick wieder in die Hand. "Ich mach dich kalt!" triumphierte Nicky und startete das Rennen von neuem. Beide waren so in ihrem Element dass sie von dem Gespräch was nur ein paar Meter von ihnen entfernt statt fand nicht viel mitbekamen.
"Sie ist fantastisch." lächelte Shane und setzte sich an den Tisch auf dem noch eine angebrochene Red Bull Dose stand die er mit einem Schluck leerte. Kian setzte sich neben ihn und stützte seinen Kopf auf seinen Händen ab. Nickend stimmte er ihm zu und seufzte. "Ja, das ist sie."
Shane warf seinem Freund einen vielsagenden Blick zu und beobachtete Shannon ebenfalls die neben Nicky saß und krampfhaft versuchte ihn zu überholen. Sie lachte laut als Nicky gegen eine Mauer fuhr und warf triumphierend die Hände in die Höhe als sie als erste durchs Ziel fuhr. Lachend umarmte sie Nicky und sah dann zu Shane und Kian rüber. Sie zwinkerte ihnen kurz zu und widmete sich dann wieder ihrem nächsten Rennen.
"Du magst sie, nicht?" fragte Shane leise, seinen Blick nicht von Shannon abgewandt.
Kian zuckte abwesend mit den Schultern, stand auf und verschwand ohne ein weiteres Wort nach vorne.

Shannon war schon fast eingeschlafen und hing mit ihrem Oberkörper halb über dem Tisch als Nicky aus der Duschkabine kam und seine nassen Haare über ihren Rücken streifen lies. Erschrocken fuhr sie hoch und blickte ihn zornig an. "Lass das." maulte sie ihn an und wischte sich mit der Hand so gut sie dran kam über die nassen Stellen ihres Shirts. Fröstelnd zog sie sich ihre Strickjacke über, die neben ihr auf der Bank lag und schloss die Dachluke mit einem Knopfdruck.
"Hey, nicht so schroff. Ich bin’s. Nicky baby!" schmollte er und setzte sich ihr gegenüber auf die freie Bank.
Shannon konnte nicht anders als zu lachen beim Anblick seines verzerrten Gesichts.
"Hey Kian, sie ist ganz schön frech oder?" fragte er Kian der gerade vom hinteren Teil des Busses nach vorne kam und sich eine Dose Cola aus dem Kühlschrank holte. Er zuckte jedoch statt zu antworten nur mit den Schultern und verzog sich wortlos wieder nach hinten wo er zuvor noch mit Mark Playstation gespielt hatte.
Nicky folgte ihm neugierig was Shannon die Möglichkeit lies noch ein wenig in ihrem Buch zu lesen was sie erst Tage zuvor angefangen hatte. Doch die Ruhe die sie in vollen Zügen genoss währte nicht lang denn Nicky kam nur Augenblicke später wieder zurück und setzte sich auf seinen bereits warm gesessenen Platz. Shannon versuchte ihn mit aller Mühe zu ignorieren und sich auf ihr Buch zu konzentrieren, doch als Nicky nach misslungenem Versuch sie mit Grimassen abzulenken anfing sie mit Papierkügelchen zu bewerfen fand auch ihre Geduld ein Ende. Sie legte das Buch beiseite und sah ihn durchdringend an.
"Was?" fragte er scheinheilig und versteckte seine Hand hinter seinem Rücken.
"Hör auf damit."
"Womit?"
"Damit!" sie deutete mit ihrem Finger auf seine Hand die er immer noch hinter dem Rücken versteckt hielt. "Wieso bestehst du erst darauf, dass ich mit euch anstatt mit Anto im Tourbus fahre und nervst mich dann die ganze Zeit so sehr dass ich mir wünsche ich hätte das Angebot nie angenommen?" fauchte sie und stand auf um sich ebenfalls etwas aus dem Kühlschrank zu nehmen. Sie entschloss sich für ein Wasser und schloss den Kühlschrank wieder bevor sie sich ein Glas einschenkte und die Flasche zurück stellte. Nicky war verschwunden als sie sich wieder umdrehte doch an ihr vorbei gegangen konnte er nicht sein denn dafür war kein Platz gewesen. Schulterzuckend setzte sie sich wieder hin und begann weiter zu lesen. Ihre Augen schienen jedoch bereits dem Schlaf verfallen zu sein und fielen Stück für Stück immer weiter zu bis sie schließlich nachgab und den Kopf auf den Tisch legte um ein wenig Schlaf zu finden. Sie war schon so weit eingenickt dass sie nicht bemerkte wie Kian kam und sie ansprach. Aufgrund ihrer fehlenden Reaktion legte er ihren Arm um seine Schultern und trug sie vorsichtig noch oben in eine der Schlafkabinen, wo er sie sachte hinlegte und die Decke über ihren Körper schlug. Sie schlug kurz die Augen auf und lächelte ihn glücklich an bevor sie endgültig ins Land der Träume verschwand und Kian den dunkeln Vorhang zuzog. Ein Lächeln umspielte seine Lippen als er sich zurück auf die Bank setzte und den Kopf gegen die kalte Scheibe lehnte.

Anto stritt sich gerade mit einem der Techniker die für den Bühnenaufbau zuständig waren während Shannon an einem Schaltpult neben einem mit Walkie-Talkie und Headset bewaffneten Mann stand und die Jungs beim Soundcheck für die bevorstehende letzte Show in Paris beobachtete. Der Mann lief ohne ein Wort zu ihr zu sagen einfach in den Zuschauerraum der gerade bestuhlt wurde und verschwand durch eine offen stehende Tür. Ein anderer Techniker kam dafür zu ihr, lächelte sie kurz an und wies sie an auf Kommando ein paar der vorhandenen Hebel zu betätigen. "Bin ich Techniker oder was?" fragte sie sich selbst als der Mann bereits wieder außer Reichweite war. Ahnungslos sah sie sich um und suchte nach jemandem der ihr Anweisungen geben würde wie sie diese Schalter und Hebel zu bedienen hatte, doch es schien sich keiner für sie zu interessieren, also setzte sie sich wieder auf ihren Stuhl und wartete ab bis die Jungs fertig waren.
"Den linken Hebel in zehn, neun..." eine verzerrte Stimme drang an Shannons Ohr und lies sie aufhorchen. Sie starrte auf das Walkie Talkie das neben ihr auf dem großen Pult lag an dem die vielen Hebel befestigt waren und nahm es in die Hand. Die Stimme zählte mittlerweile bis auf vier runter und Shannon blickte panisch von dem Gerät zu dem Pult vor sich. Sie sah vier Hebel vor sich und drückte auf Kommando den linken runter. Sofort begann der Mann am anderen Ende wieder zu zählen, diesmal von fünf. "Der Rechte in…."
Shannon beobachtete das Geschehen auf der Bühne und folgerte dass sie die Laufbänder betätigt haben musste auf denen Nicky und Shane nun liefen. Die anderen standen immer noch regungslos auf ihren Positionen und warteten auf Shannons Einsatz der nun im drei Sekunden Takt gefordert war.
"Danke, du bist fertig." sagte die Stimme im Walkie Talkie. Shannon wollte die Laufbänder wieder ausstellen als sie einen kurzen Blick auf die Bühne warf. Mit schelmischem Grinsen stellte sie drei der Bänder so wie verlangt aus und lies das von Kian mit doppelter Geschwindigkeit laufen. Kian konnte jedoch nur drei große Schritte machen bevor Shannon den Hebel wieder zurück stellte und das Band stark verlangsamte. Er landete etwas unsanft auf seinem Hintern und begann lautstark zu fluchen während die Jungs, sowie Anto und einige Mitarbeiter des Catering Teams die in der Halle standen und die Proben mit anhörten laut lachten und sich über sein Missgeschick mehr als amüsierten.
"Gut gemacht Kian!" kreischte Nicky und hielt sich den Bauch vor Lachen.
"Kannst du das noch mal machen? Bitte!" forderte Mark der neben Nicky fast auf dem Boden lag vor lachen.
Anto blickte sich kurz um und zeigte Shannon den erhobenen Daumen. Für die Jungs war jede erheiternde Abwechslung eine willkommene Abwechslung. Kian raffte sich schließlich auf, warf Shannon einen bitterbösen Blick zu und verzog sich dann in seine Kabine.

"Gott, war das ein geiles Konzert." resümierte Shane und stieg in den Aufzug.
"Leute, ich finde wir müssen heute Abend ein bisschen feiern, was sagt ihr? Wir haben schon ein großes Stück der Tour hinter uns gebracht ohne richtig zu feiern, ich würde sagen wir treffen uns nachher alle bei mir im Zimmer und besprechen wo wir diesen phantastischen Abend ausklingen lassen könnten, okay?" Mark lächelte zufrieden als allgemeines Nicken seinem Vorschlag folgte. "Sehr schön. Ihr habt eine Stunde zeit euch zu duschen und fertig zu machen bevor es losgeht." pfiff er vergnügt und schlenderte den Gang entlang zu seinem Zimmer.
Shannon jedoch wusste bereits jetzt dass sie nicht hingehen würde. Sie würde in ihrem Bett liegen bleiben und Gott einen guten Mann sein lassen denn nichts, aber auch wirklich gar nichts würde sie dazu bewegen ihr Bett zu verlassen nachdem sie sich hineingekuschelt hatte.
Wie als ob er ihre Gedanken hatte lesen können kam Mark noch mal auf sie zu und sah sie eindringlich an. "Du kommst auch, dass das klar ist."
"Und wenn ich nicht will?" fragte sie desinteressiert.
"Ach ich bitte dich, das wird lustig." mischte sich Shane ein und fasste Shannon an die Schultern. "Lustig!" wiederholte er mit einem breiten Grinsen.
"Mal schauen." nickte sie und schloss ihre Tür auf.
"Bis später." sagte Mark mit einem spitzen Unterton bevor auch er seine Tür aufschloss und in seinem Zimmer verschwand.
Sie hatte versucht sich auf ihre Unterlagen zu konzentrieren. Hatte versucht etwas zu schreiben, doch ihr Kopf schien wie leer an diesem Abend. Als sie eine knappe Stunde später hörte wie auf dem Gang Stimmen ertönten und Zimmertüren schlugen seufzte sie und zog sich schließlich einen Pulli über bevor sie nach drüben zu Marks Zimmer trottete.
Doch entgegen ihrer Erwartungen waren die Jungs ganz und gar nicht in Partylaune, so wie noch vor einer knappen Stunde. Jetzt saßen sie alle müde und erschöpft auf der Couch oder dem Boden und sahen unter sich.
"Wenn uns nicht gleich was einfällt was wir machen könnten dann muss ich leider anfangen Gegenstände in den Ventilator zu schmeißen. Der, den das Geschoss trifft muss dann einen Vorschlag machen." meckerte Shane und hielt sich alleine beim Gedanken daran den Kopf. "Kommt schon Leute, es muss uns doch was einfallen was wir machen könnten."
"Eigentlich würde ich das gerne sehen." nickte Nicky und blickte hinüber zu Shane, der mit Armen und Beinen von sich gestreckt auf dem Bett lag und an die Decke starrte, an der ein mächtiger Ventilator seine Runden drehte.
"Ja, ich auch." nickte Mark und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Ach kommt schon Leute, das ist nicht euer Ernst oder? Wir sind doch sonst nicht so unkreativ."
"Was ist mit Wahrheit oder Pflicht?" rieb Mark sich spielerisch die Hände.
"Ist dir das Abendessen nicht bekommen?" schüttelte Nicky den Kopf. "Ich glaube ich bin im Kindergarten."
"Hey, das könnte gar nicht so uninteressant werden." lachte Shane und sprang vom Bett auf.
"Ich küsse keinen von euch, oh mein Gott." stöhnte Nicky und vergrub sein Gesicht in seinen Händen.
"Hey, seht mich nicht so an, ich küsse mit Sicherheit auch niemanden!" wehrte Shannon die Blicke ab die sich mit einem Mal alle auf sie legten.
"Bevor wir uns gegenseitig anmeckern spielen wir lieber!" warf Mark ein und holte eine leere Flasche Cola aus seiner Reisetasche. Er setzte sich wortlos auf den Boden und wartete bis Shannon, Shane und Nicky sich zu ihm gesellt hatten. "Was ist mit dir Kian?"
"Ja ja, fang schon mal an." schüttelte er den Kopf und ging zur Minibar um sich ein Glas Whiskey einzuschenken. "Andernfalls halte ich das nicht länger als fünf Minuten aus." erklärte er als er sich zwischen Shane und Nicky auf den Boden setzte und der sich drehenden Flasche zuschaute. Er hatte Shannon seit der Aktion beim Soundcheck keines Blickes gewürdigt, nicht mal ansatzweise in ihre Nähe geschaut doch anstatt sich wie üblich über seine ignorante Art aufzuregen beschloss Shannon dass sie es dieses Mal dabei belassen würde. Wenn er schmollen wollte, bitte schön, sie würde er damit nicht mehr um den Finger wickeln können
"Nicky mein Guter, Wahrheit oder Pflicht?" fragte Mark spitzbübig als die Flasche bei Nicky zum halten kam.
"Wahrheit."
"Okay." Mark fuhr sich nachdenklich mit seiner Hand über sein mit Bartstoppeln übersätes Kinn bis ihm der rettende Einfall kam. "Wo war der ausgeflippteste Platz an dem du je Sex hattest."
"Kino." erwiderte er ohne groß nachdenken zu müssen.
"Bekommen wir dazu auch noch eine Erklärung oder was?"
Nicky sah zu Shannon herüber und warf ihr einen fragenden Blick zu.
"Kommt nicht ins Buch, versprochen." beruhigte sie ihn lachend.
"Na gut, also Gina und ich waren im Kino und es lief ein Film den scheinbar kein anderer sehen wollte, denn wir waren allein dort. Der Film erwies sich schon nach zehn Minuten als total langweilig und wir haben überlegt was wir machen könnten um uns die Zeit zu vertreiben. Naja, da ist es dann halt passiert."
"Okay, lassen wir gelten. Du bist dran mit drehen."
Nicky drehte sie Flasche und grinste hämisch als sie auf Mark stehen blieb. "Aha, Mister Wahrheit oder Pflicht. Was hätten sie denn gerne?"
"Wahrheit." nickte er und wartete gespannt auf seine Frage.
"Hast du jemals an Sex mit Shannon gedacht?"
Kian, der gerade einen Schluck Whiskey im Mund hatte musste schwer an sich halten den Inhalt seines Mundes nicht über den Fußboden zu verteilen als Nickys Worte zu ihm durchdrangen.
Mark sah sich unwohl um. "Naja, vielleicht. Ich meine, ich sehe Mädchen auf der Straße die an mir vorbei laufen und male mir insgeheim aus wie sie im Bett sind, das ist nichts besonderes." zuckte er mit den Schultern und schnappte sich die Flasche um schnell ein neues Opfer finden zu können welches von seiner mehr oder weniger peinlichen Antwort ablenken würde.

Da die Fragen und Pflichtaufgaben mit der Zeit so intim und unbeantwortbar wurden, wurde kurzerhand eine weitere Kategorie hinzugefügt. Jeder, der sich nicht im Stande sah die Frage zu beantworten musste ein kleines Glas Whiskey auf Ex trinken.
"Okay Shannon." Sie schluckte als die Flasche bei ihr stehen blieb. Sie wusste, dass sie keinen Alkohol trinken konnte, doch sie wusste auch, dass die Jungs nicht locker lassen würden und nachfragen würden wieso sie nichts trank. Inständig hoffend, dass eine Frage kam die sie zu beantworten wusste, lächelte sie Shane breit an und wartete auf seine Frage.
Allesamt waren schon ziemlich angetrunken, hatten sie doch ab der vierten oder fünften Runde keinen Wert mehr auf die Frage gelegt sondern lieber gleich getrunken. Shannon, die nur einmal die Frage zu beantworten hatte, in welchem Alter sie ihre Jungfräulichkeit verloren hatte, und einmal Shane auf den Mund küssen musste, war bis jetzt ganz gut bei dem Spiel weggekommen, doch Shanes Gesichtsausdruck sagte ihr, dass ihre Glückssträhne nun ein Ende hatte.
"Okay Shannon, Wahrheit oder Pflicht?"
"Wahrheit." entgegnete sie zögernd und spielte nervös am Bändel ihrer Trainingshose während sie auf die Frage wartete.
"Wem von den hier Anwesenden fühlst du dich körperlich am nahsten."
"Hä?" fragte Mark, der wohl schon am meisten getrunken hatte und der Frage scheinbar nicht mehr ganz folgen konnte.
"Auf wen sie geil ist, man." lallte Nicky und wies Mark zurecht.
"Ähm." Shannon spürte wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. "Kann ich vielleicht doch Pflicht haben?"
"Ahah, was sind denn das für Sitten?" schüttelte Shane den Kopf und füllte das Whiskeyglas auf. "Beantworte die Frage oder trink das hier."
Shannon wusste nicht was passieren würde wenn sie das Glas trank, doch sie wusste genau was passieren würde wenn sie Shanes Frage beantworten würde und aus eben diesem Grund nahm sie ihm das Glas ab und schüttete es sich in einem Schluck die Kehle runter.

Zu später Stunde schlich Shannon, die Marks Zimmer gemeinsam mit Shane als Letzte verlassen hatte, über den stillen Hotelflur und fischte in ihrer Jogginghose verzweifelnd nach ihrer Zimmerkarte. Fehlanzeige.
"Mark?" Sie klopfte bereits zum dritten Mal leise gegen die Tür aus Angst jemanden außer Mark auf sich aufmerksam zu machen denn schließlich war es schon weit nach Mitternacht und sie würde sicherlich gehörigen Ärger bekommen wenn sie einen der anderen Hotelgäste wecken würde. "Mark, bitte mach die Tür auf."
"Hey Schnecke." lallte Mark ihr entgegen als er endlich die Tür öffnete und sie herein bat. "Womit kann ich dienen?"
"Mit meinem Zimmerschlüssel, den habe ich wohl hier liegen lassen." entgegnete Shannon und schob sich an Mark vorbei ins Zimmer um ihre Karte so schnell wie möglich zu holen.
"Sonst nichts? Du bist hier wegen deiner blöden Karte?" fragte er enttäuscht und lehnte sich gegen die Tür, so dass sie geräuschvoll ins Schloss fiel.
"Ich bin müde, ich möchte in mein Bett." sagte sie gähnend als sie ihre Karte auf der kleinen Kommode neben der Badezimmertür lokalisiert hatte und an sich nahm. "Gute Nacht Mark, wir sehen uns morgen."
"Willst du schon gehen? Ich habe noch eine volle Flasche Whiskey in der Tasche, wenn du Lust hast können wir noch eine kleine Privatparty feiern." Er legte ein dümmliches Grinsen auf dass Shannon augenblicklich einen kalten Schauer über den Rücken jagte. "Nur du und ich, weißt du?"
"Was ist mit deiner Freundin?" fragte sie ängstlich und ging den Schritt, den sie eben von der Kommode weggemacht hatte wieder zurück um sich daran abzustützen als das Zimmer sich vor ihren Augen zu drehen begann.
"Ach Shannon, du weißt doch dass ich nur dich liebe."
"Erzähl keinen Blödsinn Mark."
"Magst du mich etwa nicht?" fragte er beleidigt und schob seine Unterlippe ein ganzes Stück nach vorne.
"Natürlich mag ich dich, Mark. Aber eben nicht so wie du das vielleicht gerne hättest."
"Reicht mögen heutzutage nicht mal mehr für Sex?" fragte er verwundert und warf seine Hände in die Luft.
"Mark." flüsterte Shannon und versuchte sich an der Wand abzustützen um nicht augenblicklich den Boden unter den Füßen zu verlieren. "Du machst mir Angst."
"Tu ich das?" fragte er mindestens ebenso leise wie sie und löste sich endlich von der Tür, jedoch nur um auf sie zuzukommen und sie zwischen sich und der Wand einzusperren. Ungeachtet der Tatsache dass Shannon sichtlich abgeneigt war beugte er sich zu ihr hinunter und drückte ihr unsanft seine Lippen auf den Mund. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte sie daran den Kuss zu erwidern, es einfach geschehen zu lassen, doch dann besann sie sich augenblicklich eines besseren und schob ihn mit all der Kraft die sie in ihrem Zustand noch aufbringen konnte von sich weg. "Mark, das ist keine gute Idee."
"Du hast recht." Mark nickte geschlagen und lies schließlich von ihr ab. "Du solltest gehen." raunte er ihr zu bevor er im Badezimmer verschwand und die Tür geräuschvoll hinter sich zuschmiss. Shannon erzitterte vor Schreck, fasste sich dann jedoch schnell wieder und verließ, ohne noch einmal zurück zu blicken, fluchtartig das Zimmer.

"Hey, da verträgt aber jemand keinen Alkohol, was?" lachte Nicky als er am nächsten Morgen in Shannons Gesicht blickte. Sie hatte tiefschwarze Ringe unter ihren Augen und war leichenblass als sie nach unten kam. Das Frühstück hatte sie wohlweißlich ausfallen lassen, da sie wusste, dass sie sowieso nicht bei sich behalten konnte, und war erst zur Abfahrt mit ihrem Gepäck nach unten gekommen.
"Lass mich bloß in Ruhe." giftete sie Nicky böse an und ging wortlos an allen vorbei durch die Hintertür wo bereits zwei kleine Vans warteten die sie zum Bus bringen würden der etwas außerhalb der Stadt geparkt war. München stand heute Abend auf dem Plan, danach würde es weiter gehen nach Belgien bevor es nochmal zurück nach Deutschland ging. Shannon hatte sich den Plan x-Mal angesehen und hatte sich immer noch nicht merken können wann welche Stadt dran war. Doch an diesem Morgen interessierte sie kaum etwas. Viel zu sehr war sie darauf bedacht den anderen nicht zu zeigen wie schlecht es ihr nach dem Alkohol gestern Abend wirklich ging.
"Mensch, Shannon. Du solltest vielleicht nicht so viel trinken." scherzte Shane und lies sich neben sie auf einen freien Sitz fallen.
"Wenn du nicht gleich meine Faust im Gesicht haben willst bist du jetzt besser still, okay?"
"Hey, hey, wer wird denn gleich gewalttätig werden?"
"Shane!" rief Anto. "Es reicht, lass sie in Ruhe okay?”
Zum ersten Mal war sie dankbar dafür dass jemand aus der Gruppe Bescheid wusste und sie in Schutz nahm denn es hätte nicht viel gefehlt und sie hätte Shane eine gefeuert. Natürlich hätte es ihr im nächsten Augenblick wieder leid getan, und doch war sie sich sicher, dass sie es getan hätte.
"Ist ja gut, ist ja gut." resignierte er und setzte sich trotzig seine Kopfhörer auf.

"Kommst du heute Abend nach dem Konzert noch mit in die Disko von der Anto uns erzählt hat?"
Shane schien mittlerweile nicht mehr sauer auf sie und ihren kleinen Gefühlsausbruch zu sein als sie am Abend, knappe zwanzig Minuten vor dem Konzert hinter der Bühne standen und sich unterhielten.
"Ich weiß nicht, ich werde schauen wie es mir geht." nickte sie.
"Wir wollen aber gleich nach dem Konzert gehen. Es ist alles mit Anto abgesprochen, wir duschen und machen uns fertig und dann fahren wir alle gemeinsam in diesen Club, denn wir sind heute Nacht in keinem Hotel. Komm schon, da darfst du doch nicht fehlen."
"Bevor ich alleine im Bus rumsitze, warum nicht." nickte sie und sah Shane hinterher der grinsend in Richtung Bühne verschwand. Ihren kleinen Schwächeanfall vom Morgen hatte sie überwunden und auch der Alkohol schien endlich seine Wirkung verloren zu haben, doch trotzdem hatte sie noch ein unwohles Gefühl in der Magengegend. Als sie Kian hinterher sah, wie er an ihr vorbei auf die Bühne ging ohne sie wirklich zu beachten wusste sie, woher dieses ungute Gefühl kam.

"Ihr wart große...." Shannon hielt Inne denn statt wie erwartet alle vier fand sie lediglich Kian in der Kabine vor.
"Wenn du die anderen suchst, die sind bereits fertig. Ich habe den kürzesten Strohhalm gezogen und musste warten bis alle fertig sind." scherzte er lächelnd.
Erschöpft fuhr er sich durch seine schweißnassen Haare und trank eine Flasche Wasser in zwei Zügen leer. Atemlos saß er auf der Bank und hatte den Kopf zwischen den Beinen und holte tief Luft um sich vom gerade beendeten Gig zu erholen.
"Möchtest du dass ich gehe?" fragte sie vorsichtig und machte einen Schritt auf die Tür zu.
"Nein, nein. Ich möchte nicht dass du gehst, lass mir nur zwei Minuten um wieder atmen zu können."
Shannon setzte sich gehorsam auf die Bank und starrte in die Luft.
"Wohin fahren wir nachher eigentlich?"
"P1 oder so heißt der Club soweit ich weiß." schnaufte er als Antwort und öffnete eine weitere Flasche Wasser.
"Hmh, ich war schon lange in keinem Club mehr. Ich kann bestimmt gar nicht mehr tanzen."
"Da bin ich von überzeugt." lächelte Kian und legte seine Hand auf Shannons Hinterkopf. "Spaß, du kannst das bestimmt hervorragend."
"Wir werden sehen."
Shannon war erstaunt wie vertraut er plötzlich wieder mit ihr umging. Vor ein paar Stunden hatte er sie noch gemieden und weder angesehen noch mit ihr gesprochen und jetzt war er ihr plötzlich wieder so nah. Ungewohnt nah. Shannon schloss die Augen um seine kurze Berührung genießen zu können und seufzte leise. Als sie ihre Augen wieder öffnete erschien Kians Gesicht genau vor ihrem, lediglich wenige Zentimeter von ihr entfernt. Sie konnte die Mischung aus Schweiß und seinem After Shave riechen als er ihr näher kam, sein Blick dabei bohrte sich tief in ihre Augen.
"Kian wir...." Die Tür wurde aufgestoßen und Anto kam in den Raum gestolpert. "Oh sorry. Ich wollte euch nur sagen dass der Bus in genau 15 Minuten in die Innenstadt fährt, also seht zu." Und schon war er wieder draußen.
"Du solltest dich beeilen." sagte Shannon und senkte ihren Kopf.
Wortlos nahm Kian seine Hand aus ihrem Nacken und stand auf. Sie seufzte abermals während sie Kian dabei beobachtete wie er sein T-Shirt auszog und im Nebenzimmer verschwand.
"Ich bin eher wieder draußen als du bis zehn zählst." hörte sie ihn schreien als er das Wasser der Dusche anließ.
Shannon nickte nur. Sie hörte wie Kian aufschrie als das kalte Wasser seinen überhitzten Körper traf und schloss erneut die Augen. Sie stellte sich vor wie er wohl aussehen würde. Nackt unter der Dusche. Erschrocken riss sie die Augen wieder auf und schüttelte den Kopf. "Spinn nicht rum." mahnte sie sich und suchte verzweifelt etwas womit sie sich beschäftigen konnte für die Zeit bis er wieder bei ihr war - angezogen.
"Ich hole mir mal was zu trinken, willst du auch was?" schrie sie, die Augen aus dem Fenster gerichtet.
"Schau mal in den Kühlschrank neben der Tür, da dürfte alles drin sein was du möchtest."
Shannon wand ihren Blick zu besagtem Kühlschrank um und stieß einen leisen Fluch aus. "Möchtest du was essen?"
"Nein, Anto sagte wir halten bei McDonalds auf dem Weg."
"Ah..." antwortete Shannon geistesabwesend während sie sich immer noch verzweifelt von den Geräuschen, die Kian von sich gab, abzulenken versuchte.
Ohne dass sie Notiz davon genommen hatte ging das Wasser aus und Sekundenbruchteile später stand Kian, nur mit einem Handtuch bekleidet und tropfnass am ganzen Körper, vor ihr und suchte in seiner Tasche nach frischer Unterwäsche.
"Wa....wa ....was machst du da?" stotterte sie, unfähig ihren Blick von Kian abzuwenden.
"Ich suche mir etwas zum Anziehen, wieso?" fragte er ziemlich irritiert über Shannons dumme Frage.
"Nur so... ich meine wieso sollte ich fragen es hat mich einfach interessiert. Ist das verboten? Ich glaube nicht, ich meine..."
"Shannon!" Kian legte ihr einen Finger auf den Mund und lächelte sie schief an. "Es ist okay ich habe verstanden."
Kian ging zurück ins Badezimmer und Shannon atmete tief durch. Wenn sie noch länger hier drin bleiben müsste würde sie wahrscheinlich ausrasten. "Ich warte draußen auf dich." rief sie knapp, schnappte sich ihre Tasche und ihre Jacke und rannte überhastet aus dem Zimmer. Draußen lehnte sie sich erst mal gegen die Tür und atmete tief durch. Als sie die Augen wieder aufschlug blickte sie in Shanes amüsiertes Gesicht. "Was glotzt du so?" fragte sie pampig, wurde aber im nächsten Moment dafür bestraft als sich die Tür öffnete gegen die sie bis zu diesem Zeitpunkt gelehnt hatte. Haltlos fiel sie Kian in die Arme der schnell reagieren konnte und sie somit vor einem Sturz bewahrte.
"Kian, unser Held." lachte Nicky, der im selben Moment aus einem der Räume kam und das Schauspiel mit ansah. Er schlug Shane auf die Schulter und zwinkerte Shannon zu bevor er im nächsten Raum wieder verschwand.
"Tut mir leid." stammelte sie verlegen und richtete sich auf.
Unfähig ihm in die Augen zu sehen zog sie sich ihre Jacke an und warf ihre Tasche über die Schulter bevor sie mit unsicheren Schritten gen Ausgang lief.

"Kommst du mit tanzen?"
Shannon, die sich bis dahin noch zurückgehalten hatte und mit verschränkten Armen auf einem der Sofas saß um von dort aus die vielen Menschen zu beobachten die sich im P1 tummelten, hob den Kopf und sah Kian an der hinter ihr stand und ihr die Hand hinhielt. Zögernd ergriff sie seine Hand und folgte ihm auf die Tanzfläche wo bereits Mark und Anto standen und tanzten. Anto hatte sich ein recht jung aussehendes Mädchen angelacht mit dem er schon den ganzen Abend über tanzte.
"Ist Anto eigentlich nicht verheiratet?" rief Shannon.
"Bei dem Job? Wohl kaum." frotzelte Mark und schüttelte den Kopf. "Nein, er ist Single, hat aber einen erwachsenen Sohn."
Shannon nickte und versuchte zum Takt der Musik zu tanzen. Hip Hop war ganz und gar nicht ihre Musik weshalb sie sich auch recht steif und unbeholfen bewegte.
"Ist nicht deine Musik, oder?" lachte Kian und nahm ihre Hände. "Komm, ich geb dir mal eine kurze Einführung in die Kunst des Hüftschwungs." Er legte seine Hand provozierend auf ihren Hintern und zog sie nah zu sich heran während er sein Becken kreisen lies. Immer wieder stieß er mit ihrem zusammen bis sie verstanden hatte, dass sie sich mit ihm zu bewegen hatte.
"Kian, ich glaube das ist hoffnungslos." schüttelte sie den Kopf und versuchte sich aus seiner Umarmung zu befreien. "Du solltest dir eine Tanzpartnerin suchen die das drauf hat und mit der du richtig tanzen kannst."
"Ich möchte aber mit dir tanzen." brüllte er ihr etwas zu laut ins Ohr woraufhin sie erschrocken zurückschreckte und sich ihr Ohr hielt. Sie wollte ihn gerade zurechtweisen als der ganze Club mit einem neuen, für Shannon unbekannten Lied, plötzlich zu schreien anfing. Mit dröhnenden Boxen und einsetzendem Blitzlicht begann sich alles um Shannon herum zu drehen. Sie spürte wie sie jemand am Arm fest hielt, doch bevor sie erkennen konnte wer da auf sie einredete wurde alles schwarz vor ihren Augen.

Als sie ihre Augen wieder aufschlug hörte sie zunächst Stimmen die meilenweit weg schienen. Als dann zwei Gesichter in ihr Blickfeld kamen riss sie plötzlich die Augen auf und versuchte zu erkennen wer über ihr war und ihr etwas zurief.
"Shannon? Kannst du mich hören Shannon?"
"Was...." murmelte sie leise als eines der Gesichter Gestalt annahm und sich als Shane entpuppte. "Was ist passiert."
"Du bist einfach umgekippt. Gott, hast du uns einen Schreck eingejagt." schüttelte er den Kopf und strich ihr sanft über ihre Haare. "Wie geht es dir?"
"Wo bin ich?"
"Du bist im Bus. Anto wusste Gott sei Dank was zu tun ist und hat dir irgendeine Tablette gegeben bevor wir dich in den Bus gebracht haben. Man, wir haben uns vielleicht Sorgen um dich gemacht. Was war denn los?"
Shannon atmete auf. Anto hatte ihnen anscheinend nichts gesagt und das war auch gut so. Sie würde sich bis morgen eine Ausrede einfallen lassen die die Jungs ihr abnehmen würden. Sie musste eine finden.
"Okay Jungs, die Show ist vorbei. Tut mir bitte den Gefallen und geht nach unten während ich mit Shannon spreche okay?" Anto kam die Treppen nach oben und wartete bis Shane und Nicky sich von Shannons Bett erhoben hatten bevor er sich an die selbe Stelle setzte und ihr besorgt über den Arm strich. "Kian, ich glaube du solltest auch gehen."
"Aber ich...."
"Kian, bitte." flüsterte Shannon leise ohne sich ihm zuzuwenden. Sie vernahm lediglich ein leises Seufzen bevor sie seine Schritte auf der Treppe hörte und aufatmete.
"Shannon, du hattest einen leichten Anfall in dem Club. Kian meinte du seiest einfach zusammengeklappt und hättest auf nichts mehr reagiert. Ich denke ich habe sie davon überzeugt dass du nur einen Schwächeanfall hattest weil du nicht genug gegessen hast, aber ich weiß nicht ob ich das das nächste Mal auch noch sagen kann, geschweige denn ob sie es mir glauben werden."
"Es wird kein nächstes Mal geben." schüttelte sie energisch den Kopf.
Er sah sie entsetzt an. "Du willst aufhören?"
"Nein, aber ich werde mich in Zukunft nicht mehr solchen Gefahren aussetzen. Es war ganz schön blöd von mir zu denken ich könnte Alkohol trinken und dann auch noch in einen Club gehen. Ich bin zu übermütig geworden als ich gemerkt habe dass der Alkohol mir nichts schlechtes tut, doch da habe ich mich wohl gründlich geirrt."
"Kann man wohl so sagen." nickte Anto. "Shannon ich kenne mich auf dem Gebiet nicht wirklich aus, aber ich glaube du solltest den Jungs davon erzählen denn sonst werden sie dich in zwei Tagen wieder dazu verleiten Alkohol zu trinken und dich mit in die Clubs nehmen."
"Nein." schoss es aus ihr heraus. "Ich will nicht dass jemand davon erfährt."
"Aber wieso? Sie könnten dir helfen, könnten es dir leichter machen."
"Aber ich will nicht dass sie mir helfen. Ich will nicht dass sie mich ansehen als wäre ich anders und ich möchte nicht dass Kian es weiß weil...." Sie hielt Inne und sah kopfschüttelnd weg. "Ich möchte jetzt schlafen."
"Ist gut." nickte er und erhob sich langsam. "Wir werden am frühen Vormittag in Belgien ankommen." Shannon nickte und zog den braunen Vorhang vor ihr Bett um endlich ungestört ihren Tränen freien Lauf lassen zu können.

Als sie das nächste Mal auf die Uhr sah war es bereits halb vier in der Nacht. Im Bus war es totenstill, lediglich die Motorengeräusche drangen durch die Nacht. Leise stieg sie aus dem Bett und tappte die Stufen nach unten. Es war komplett dunkel im Bus und lediglich das Licht vom Kühlschrank, vor dem sie nun stand und etwas zu essen suchte, durchflutete die Dunkelheit. Sie zog sich einen Joghurt aus dem Fach und stellte ihn neben den Kühlschrank bevor sie sich ein Glas aus dem Schrank nahm und es zur Hälfte mit Wasser füllte.
Eine Stimme die sie eindeutig Kian zuordnen konnte räusperte sich hinter ihr und lies sie zusammenzucken. Doch sie drehte sich weder um noch reagierte sie in irgendeiner anderen Weise auf Kians Räuspern. Was erwartete sie? Dass er es gut sein ließe und nach oben ging ohne eine Reaktion ihrerseits? Sie stockte als sie merkte wie er ohne ein Wort zu sagen an ihr vorbei ging. Doch anstatt wie gehofft nach oben zu gehen knipste er lediglich das kleine Licht an und kam zu ihr zurück. "Shannon, bitte."
Langsam lies sie den Kopf sinken und schüttelte ihren Kopf wie in Zeitlupe.
"Ich mache mir Sorgen um dich." sagte er leise und hob ihr Kinn mit seiner Hand an, so dass sie ihn ansehen musste.
"Du brauchst dir keine Sorgen zu machen." schüttelte sie zaghaft den Kopf und seufzte als sie in Kians flehende Augen sah.
"Was ist los mit dir?" fragte er erneut und schloss sie in seine Arme. "Ich möchte dir doch nur helfen."
"Du kannst mir nicht helfen Kian, niemand kann mir helfen. Lass es bitte gut sein."
"Ich kann es aber nicht gut sein lassen." beharrte er und drückte sie ein Stück von sich weg um sie ansehen zu können. "Ich mag dich viel zu sehr um es gut sein zu lassen."
"Kian, ich..." Weiter kam sie nicht denn Kians Lippen waren den ihren bereits so nah, dass ihr jeglicher Gedanke entwich. "Nein." Sie stieß ihn unsanft von sich weg und sah ihn ein letztes Mal mit traurigen Augen an bevor sie kopfschüttelnd nach oben rannte.


8 Kapitel

"Ihr wollt mir doch wohl nicht ernsthaft erzählen, dass das alles so geplant war, oder?" Shannon lachte kopfschüttelnd.
Mark und Nicky saßen ihr gegenüber und grinsten sie breit an. Bereits seit einer viertel Stunde versuchten sie Shannon davon zu überzeugen, dass der Unfall, der beim Konzert zuvor passierte, geplant war. Doch das breite Grinsen auf beider Gesichter hatte ihr von vorneherein gesagt dass das so nicht stimmen kann. Vor ihrem geistigen Auge passierten die Bilder vom Abend noch einmal Revue. Sie schmunzelte als sie sich daran erinnerte wie Nicky auf Mark draufgesprungen war und sie gemeinsam fast den Bühnengraben runtergefallen wären.
"Was gibt’s da zu lachen? Soll ich mal auf dich drauf springen? Mal sehen wer dann von uns beiden lacht." grinste Mark süffisant und ergriff Shannons Hand die auf dem Tisch lag. "Wobei ich meiner Butterblume natürlich nie weh tun könnte." Er hauchte ihr einen Kuss zu und lachte sie verführerisch an, erntete jedoch nur spöttische Blicke von allen Seiten. "Was denn? Darf man nicht mal mehr den Casanova raushängen lassen? Außerdem kann ich zufällig behaupten dass ich dieses Mädchen sehr mag und ich glaube das beruht auf Gegenseitigkeit." Er zwinkerte ihr gekonnt zu während er immer wieder ihre Hand streichelte.
"Gott, wenn er betrunken ist ist keine Frau vor ihm sicher, oder?" fragte Shannon nervös als sie Kians abfälligen Blick bemerkte. "Ich meine, er ist doch betrunken, oder?"
"Schatz." lallte Mark und sah sie kopfschüttelnd an. "Willst du den Anwesenden hier nicht von unserem kleinen Geheimnis erzählen? Du weißt schon, die Sache auf meinem Hotelzimmer vor ein paar Tagen?"
Shannon riss erschrocken ihre Augen auf und blickte von Mark zu Kian, der mittlerweile aufgestanden war und sich murmelnd verabschiedete.
"Mark, du bist so ein Idiot!" fauchte sie und löste ihre Hand aus seiner Umklammerung. "Überleg dir das nächste Mal genau was du sagst bevor du wieder so eine Scheiße erzählst."
Sie stand auf, entschuldigte sich bei Nicky und Shane und lief Kian hinterher.
"Kian." rief sie quer durch die Lobby als sie ihn im Fahrstuhl stehen sah, doch er sah weder auf noch bemühte er sich die Türen für sie aufzuhalten.
Es dauerte eine Weile bis einer der Fahrstühle unten ankam und sie nervös einstieg. Sie musste mit ihm reden, es hatte keinen Sinn mehr dauernd vor ihm weg zu laufen. Auch wenn sie sich vor seiner Rektion mehr als alles andere auf der Welt fürchtete wusste sie, dass wenn sie sich ihren Gefühlen für ihn hingeben wollte ihm erst die Wahrheit sagen musste.
Schweren Herzens hob sie die Hand und klopfte leise an seine Tür. Es dauerte einige Sekunden bis die Tür geöffnet wurde, doch anstatt sie zu empfangen trottete Kian wortlos zurück zur Couch und lies sich darauf nieder.
Leise trat sie ein und schloss die Tür hinter sich bevor sie tief durchatmete und ein paar Schritte auf ihn zu machte. Er drehte sich weder um, noch sagte er irgendwas und genau das, seine ignorante Art und Weise sie zu bestrafen war es, die sie so rasend machte.
"Okay, es geht eine gewisse Anziehung von Mark aus die auch an mir nicht spurlos vorbei gegangen ist und an dem Abend an dem wir Flaschendrehen gespielt haben habe ich ihn geküsst. Vielmehr er hat mich geküsst und später als ich im Bett gelegen habe, da habe ich darüber nachgedacht wieder zurück in sein Zimmer zu gehen." Sie wurde leiser. "Aber ich habe es nicht getan weil ich damit etwas aufs Spiel gesetzt hätte was ich nicht hätte retten können. Ich weiß nicht ob ich es jetzt noch retten kann, aber ich weiß dass ich mir keiner Schuld bewusst bin. Ich habe nicht mit ihm geschlafen. Und außerdem, wieso bist du so wütend? Du bist derjenige der eine Freundin hat und..."
"Wovon redest du?"
Drei Worte die Shannon trafen wie eine Ohrfeige. "Du bist nicht sauer wegen Mark?"
Jetzt drehte er sich um und sah sie an. "Mark? Der stellt doch jeder nach die ihm über den Weg läuft."
"Wenn du nicht wegen Mark sauer bist, wieso dann?"
"Ich bin sauer auf mich."
"Aber warum?"
"Weil ich scheinbar immer etwas falsch mache. Wieso sagst du mir nicht was dich bedrückt? Ich dachte du würdest mir vertrauen, ich dachte wir hätten etwas besonderes verdammt."
"Kian ich...."
"Alles was ich will ist dass du mir vertraust."
"Ich vertraue dir." nickte sie eifrig.
"Wieso kannst du mir dann nicht sagen was mit dir nicht stimmt?"
Sie wendete ihren Blick von ihm ab und schüttelte zaghaft den Kopf. "Weil sich dann alles zwischen uns ändern würde."
"Ich würde es darauf ankommen lassen. Was kann so schlimm sein dass es unsere Beziehung verändern würde?"
"Du verstehst das nicht." sagte sie leise und ging hinaus auf den Balkon. Der große Raum wirkte auf sie plötzlich beängstigend eng und sie hatte das Gefühl keine Luft mehr zu kriegen.
Kian kam nur Augenblicke später zu ihr auf den Balkon getreten und blieb unmittelbar hinter ihr stehen. "Ich würde es aber gerne verstehen." Sanft begann er ihren Nacken zu küssen und drehte sie an ihrer Hüfte zu sich herum, so dass sie sich nun direkt gegenüber standen.
"Kian, lass das." sie versuchte ihn von sich wegzudrücken, doch dieses Mal würde er nicht so leicht aufgeben. Er umfasste mit seinen Händen die Brüstung, somit war Shannon zwischen ihm und dem Geländer gefangen.
"Kian, bitte lass mich durch."
Doch statt ihr zu antworten oder ihr Platz zu machen kam er mit seinem Mund immer näher an ihren.
"Wenn du wirklich wissen willst was los ist muss ich dich bitten dich da hinzusetzen und mal für fünf Minuten deine Klappe zu halten." Sie wies mit ihrer Hand auf einen der zwei Plastikstühle deren Umrisse im Dunkel der Nacht gerade so zu erkennen waren. "Schaffst du das?"
"Ich denke schon." nickte er, setzte sich gehorsam auf den Stuhl und blickte sie mit seinen treuen Augen an.
Shannon jedoch rührte sich nicht, stand bewegungslos und mit angehaltenem Atem am Geländer und hielt sich fest. Es war jetzt oder nie.
Schließlich holte sie ein letztes Mal tief Luft und suchte die nötige Stärke zu erzählen was sie zu erzählen hatte hoch oben über ihr in den Sternen bevor sie zu sprechen begann.
"Mit fünfzehn diagnostizierten die Ärzte bei mir einen Gehirntumor. Sie gaben mir damals drei Monate doch meine Mutter bestand auf eine Operation obwohl ihr die Ärzte davon abrieten. Mir selbst war damals alles egal, ich wollte bloß dass diese ewigen Schmerzen vorbei gingen. Schließlich kam ich unters Messer, insgesamt vier Mal. Die Ärzte meinten ich hätte gute Chancen dass alles mit der nachfolgenden Strahlentherapie beseitigt würde. Dem war auch der Fall, doch durch die Chemikalien verlor ich all meine Haare. Ich musste mich ständig übergeben, hatte Sehstörungen und konnte vor Kopfschmerzen kaum mehr klar denken. Doch es erfüllte seinen Zweck. An meinem sechzehnten Geburtstag erklärten mir die Ärzte, dass ich nun völlig tumorfrei sei." Sie hielt Inne und beobachtete Kian dem kleine Tränen über die Wange liefen während er sie ansah und ihr zuhörte. "Dadurch habe ich noch heute epileptische Zuckungen die ich mit Medikamenten behandeln muss. Durch die wiederum muss ich mich immer öfter übergeben was mit zu den Schwächeanfällen führt die du schon mehrfach mitbekommen hast. Das alles hört sich dennoch viel schlimmer an als es in Wirklichkeit ist, denn der Anfall vor ein paar Tagen war der erste seit Monaten. Ich hatte mich einfach übernommen und wollte mal wieder Spaß haben. Das musste ich natürlich gleich übertreiben, aber wenn ich nicht gerade Alkohol trinke oder mir die Nächte in Clubs um die Ohren schlage und immer meine Medikamente einnehme, dann geht es mir gut. Die Umstellung, die mein Arzt kurz bevor die Tour losging vorgenommen hatte war ziemlich kompliziert aber mein Körper hat sich mittlerweile ganz gut an die neuen Medikamente gewöhnt. Sie sollen angeblich noch besser wirken, ich habe mich aber nie wirklich damit befasst." Sie zuckte mit den Schultern und blickte erneut zum Himmel.
"Wieso hast du nie etwas gesagt?" Kians Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.
"Weil ich kein Mitleid haben will. Ich will nicht dass mich jemand ansieht als sei ich anders, ich möchte nicht anders sein, verstehst du?"
"Sind das deine echten Haare?"
Sie nickte stolz und fuhr sich über ihre schwarzen, zu einem Zopf gebundenen Haare. "Damals, als ich durch die Therapie alle Haare verloren hatte habe ich immer andere Mädchen beneidet die sich schöne Frisuren machen konnten oder sich die Haare in jeder beliebigen Farbe tönen und färben konnten. Seit meine Haare drei Zentimeter lang sind färbe ich sie mir schon weil ich so stolz auf sie bin. Sie waren schon blau, grün, rot, alles was du dir vorstellen kannst. Und zur Zeit sind sie schwarz wie du siehst."
"Was ist deine Naturhaarfarbe?"
"Hellbraun glaube ich."
Kian stand langsam auf und kam wieder zu ihr an das Geländer getreten. "Darf ich dich in den Arm nehmen?"
Sie nickte zaghaft und vergrub ihr Gesicht in seinem Shirt als er die Arme um sie legte und sie sanft an sich zog. "Ich möchte dir helfen."
"Ich brauche keine Hilfe." erwiderte sie trotzig, schlang aber dennoch ihre Arme fest um Kians warmen Körper.
"Du weißt was ich meine."
"Nein, genau das ist es was ich meine. Ich habe dir davon erzählt und jetzt kommt es mir so vor als stündest du nur hier und hieltest mich im Arm weil du Mitleid mit mir hast."
Kian lies plötzlich von ihr ab und setzte sich wieder zurück auf den Plastikstuhl, wo er die Arme vor seiner Brust verschränkte und sie anstarrte bevor er zu erzählen begann. "Zu meinem dritten Geburtstag haben meine Eltern mir einen Kater geschenkt, Mister Pooch. Er war elf Jahre lang mein treuer Begleiter, hat jede Nacht am Fußende meines Bettes geschlafen und mich jeden Morgen mit seinen Schnurrbarthaaren geweckt. Ich habe Pooch vergöttert und als er eines Nachts nicht nach Hause kam als ich ihn gerufen habe wusste ich das etwas schreckliches passiert sein musste. Drei Wochen später habe ich von meiner Nachbarin erfahren dass Pooch von einem Lastwagen, der durch unser Ort gedonnert war, erfasst wurde und sofort tot war." Er stand wieder auf und kam auf Shannon zu.
"Warum erzählst du mir das?" fragte sie verwirrt.
"Würdest du mich aus Mitleid küssen?"
"Was?" Shannon musste lachen und schüttelte den Kopf. "Kian, ich....."
Doch statt zu antworten oder ihr zu widersprechen kam er noch ein unmögliches Stück näher an sie heran und beugte sich langsam zu ihr herunter um sie zu küssen.
Das unbeschreibliche Gefühl, dass sich in Shannon ausbreitete als sie seine Lippen auf ihren spürte war so überwältigend dass es ihr war als ob man ihr den Boden unter den Füßen wegzog und sie nun in seinen Armen schweben würde. Er schmeckte süßlich, fast wie Gummibärchen was wohl an dem vielen Red Bull lag dass er täglich in sich reinpumpte, und roch bestechend gut nach dem Parfum was Shannon so an ihm liebte.
Sie unterdrückte ein Lachen woraufhin er ein Stück zurück wich und sie fragend, aber dennoch mit einem unwahrscheinlichen Leuchten in den Augen ansah. "Was ist?"
"Du hattest doch nie eine Katze, oder?"
"Wie kommst du darauf?" fragte er scheinheilig und setzte bereits zu einem weiteren Kuss an als Shannon ihn kopfschüttelnd von sich weg schob.
"Du erschleichst dir also mein Mitleid mit Lügen?" rügte sie ihn spielerisch und zog ihn im nächsten Augenblick an seinem Kragen wieder zu sich. "Schäm dich Kian Egan." flüsterte sie leise bevor sie ihre Hand an seinen Nacken legte und ihn zu sich herunter zog. "Ich glaube du hast einiges gut zu machen."
Doch noch bevor er antworten konnte versanken sie in einem weiteren, leidenschaftlichen Kuss.

9Kapitel

"Seit du im Team bist bekommen wir so viel öfter gutes, echtes McDonalds Essen. Ich weiß zwar nicht wie du es geschafft hast Anto etwas anzutrainieren was wir vier in all den Jahren nicht geschafft haben aber ich bin dir verdammt dankbar." schmatze Nicky genüsslich und schob sich eine weitere Pommes in den Mund um sie gleich darauf mit Cola runterzuspülen. Grinsend beugte er sich zu Shannon rüber und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf den Mund. "Shannon, ich liebe dich."
Die Blicke der Anwesenden richteten sich auf Kian, der völlig perplex auf seinem Stuhl saß, mit dem Burger am offen stehenden Mund und weit aufgerissenen Augen.
"Ähm, ja." war alles was Shannon dazu sagte. Unsicher nahm sie sich eine Pommes aus Shanes Tüte und schob sie sich Stückchen für Stückchen in den Mund.
"Oh Leute, kommt schon. Wie lange wollt ihr dieses Spiel noch mit uns spielen?" Es war Nicky der schließlich die Stille durchbrach.
"Welches Spiel?" fragte Shannon scheinheilig.
"Wir wissen Bescheid." gab Nicky zu und deutete auf Shannon und Kian gleichzeitig. "Wir wissen was Sache ist."
"Gut, dann klär mich mal auf." Shannon konnte so gut lügen. Das hatte sie von ihrer kleinen aber überaus gerissenen Schwester gelernt die ihr früher immer beigebracht hatte wie sie sich einen Nachtisch verdienen konnte ohne zugeben zu müssen, dass sie bereits einen verdrückt hatte.
"Shannon, ich bitte dich. Es sieht doch ein Blinder dass du und Kian ein Paar seid."
Kian blieb im Gegensatz zu Shannon völlig still auf seinem Platz sitzen und beobachtete dass Schauspiel, dass Shannon vor ihm abzog.
"Nicky, ich bitte dich sei nicht albern." lachte sie gekonnt und schüttelte den Kopf. "Ich gebe zu, ich habe vielleicht mal etwas für ihn empfunden, aber das liegt lange zurück, glaub mir."
Shannon war gut. Shannon war sogar so gut, dass Nicky, seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, ernsthaft am überlegen war ob er nicht vielleicht etwas falsch interpretiert hatte.
"Du hast mal was für mich empfunden?" fragte Kian der nun schließlich auch endlich in das Spiel einstieg
"Beruhig dich Casanova, das ist schon lange her. Und nachdem ich dich rülpsen, furzen, kotzen und am Arsch habe kratzen sehen kann ich dir versichern, dass von dieser Art Gefühlen nichts mehr übrig ist." Shannon war so stolz auf sich.
"Hey, Shannon." rief Nicky angewidert und wedelt mit seiner Hand vor seinem Gesicht herum. "So genau wollten wir es gar nicht wissen."
Shannon nahm sich eine weitere Fritte und schob sie sich genüsslich rein bevor sie aufstand und triumphierend aus dem Restaurant ging um mit Anto, der im Bus geblieben war, noch letzte Details zu klären bevor sie nach Schweden flogen.

"Ich glaube du hast sie wirklich von unserer Spur abgebracht." kicherte Kian, der sich mitten während des Fluges neben Shannon gesetzt hatte als er sichergestellt hatte, dass die anderen weiter vorne im Flugzeug anderweitig beschäftigt waren.
"Ich bin eben gut." flüsterte sie zurück.
"Was ist?" fragte Kian der bemerkt hatte dass Shannon etwas bedrückte.
"Nichts." versuchte sie seinem fragenden Blick auszuweichen, doch ihre Taktik im Lügen schien bei ihm einfach nicht aufgehen zu wollen.
"Komm schon." lächelte er und griff nach ihrer Hand die bis dahin auf der Armlehne gelegen hatte.
"Was sind wir Kian?" fragte sie schließlich nach einer kurzen Pause.
"Was meinst du?"
"Naja, sind wir ein Paar, sind wir Freunde, Freude die sich gelegentlich küssen, gar nichts von alle dem? Es ist jetzt schon eine Woche her seit wir uns geküsst haben und seitdem haben wir nie wieder darüber gesprochen und ich finde..."
"Was möchtest du denn das wir sind?"
"Das ist eine blöde Frage Kian." schüttelte sie verärgert den Kopf und sah an der alten, schlafenden Frau neben sich vorbei aus dem Fenster. "Du weißt genau was ich will, die Frage ist nur ob du das gleiche willst."
Schweigend führte er seine Hand an ihr Kinn und zwang sie so ihn anzusehen. "Und du weißt ebenso gut was ich will, oder?!"
Shannon blickte in seine tiefblauen Augen die sie, auch in dem fahlen Licht im Flugzeug erzittern ließen. Natürlich wusste sie was er wollte, doch er hatte es noch nie explizit ausgesprochen. Wie als könne er ihre Gedanken lesen kam er ihrem Gesicht mit seinem ein unmögliches Stück näher. "Ich möchte mit dir zusammen sein." hauchte er ihr entgegen bevor er ihr einen sanften Kuss auf den Mund gab.
Als er sich von ihr löste war das für Shannons Geschmack viel zu früh und sie versuchte ihm mit ihrem Gesicht zu folgen um einen weiteren Kuss von ihm zu bekommen doch er schob sie sanft von sich weg und gab ihr stattdessen einen Kuss auf die Nase. "Später." versprach er leise und gab ihr einen weiteren Kuss. "Aber sag mal, war das vorhin ernst gemeint? Furze und rülpse ich viel?"
Shannon musste sich ein Lachen verkneifen. Sanft schüttelte sie den Kopf und fuhr ihm über die Wange. "Nein, es ist noch auszuhalten."
Der Pilot begann durch die Lautsprecher den Landeanflug bekannt zu geben.
"Wir sehen uns später." hauchte er ihr zum Abschied zu und verzog sich wieder auf seinen eigenen Platz in der fast voll ausgebuchten Maschine.

Die Fahrt vom Flughafen zum Hotel dauerte eine knappe halbe Stunde, das einchecken lediglich fünf Minuten. Erschöpft schlichen die vier Gestalten sowie Anto und Shannon über ihren Flur und verabschiedeten sich leise voneinander. Shannon achtete darauf Kian einen nicht all zu langen Blick zuzuwerfen der ihre fein säuberlich zurechtgelegte Geschichte von vorhin wieder zerstört hätte.
Eilig zog sie die Tür hinter sich zu, öffnete ihren Koffer um ihren Kulturbeutel rauszuholen und ging ins Badezimmer um sich fürs Bett fertig zu machen.
Noch bevor Kian kam hatte sie sich umgezogen, gewaschen und vor den Fernseher gelegt um durch die wenigen verfügbaren Programme zu schalten. Da das meiste jedoch auf schwedisch war uns sie kein Wort von dem verstand was gesprochen wurde entschloss sie sich die Zeit bis Kian kam auf dem Balkon totzuschlagen. In Schweden war es sehr kalt dafür das es bereits Frühling war. So sehr sie sich auch anstrengte konnte Shannon keinen einzigen Stern am Himmel finden, war der doch durch und durch von Wolken behangen. Sie hatte sich die Wettervorhersage im Internet angesehen und die verhieß für die gesamte Zeit die sie hier verbrachten nichts Gutes.
Shannon hörte leises Klopfen von drinnen kommen und ging hinein um Kian die Tür zu öffnen.
"Hat ja recht lange gedauert." lachte sie und erschrak als Kian ins Zimmer huschte, die Tür zuschlug und Shannon mit all seinem Körpergewicht gegen selbige zu drücken begann. Ungeduldig zog er am Träger ihres Tops und hätte es ihr, dem Glühen in seinen Augen nach zu urteilen, am liebsten vom Leib gerissen. "Gott, noch drei Minuten länger in deiner Umgebung ohne dich anfassen zu dürfen und ich wäre explodiert." flüsterte er ihr heiser ins Ohr und drückte sie immer fester gegen die Tür während er mit seinen Händen unter ihr Shirt griff.
Beide schreckten auseinander als es an der Tür klopfte. Kian sah Shannon zunächst bloß entsetzt an, eilte dann aber leise ins Badezimmer und lehnte die Tür an.
"Wer ist da?" fragte Shannon nachdem sie sich wieder etwas gesammelt hatte.
"Shane."
Shannon öffnete die Tür einen Spalt und blinzelte mit zusammengekniffenen Augen hinaus. "Was ist?" gähnte sie scheinheilig.
"Ich wollte noch mal mit dir reden wegen der kommenden Woche." zuckte er mit den Schultern. "Darf ich rein kommen?"
"Shane, bitte." stoppte Shannon ihn als er schon fast in der Tür stand. "Ich bin müde und möchte schlafen. Können wir das nicht morgen erledigen?"
"Ich würde aber lieber gerne jetzt reden."
Shannon wusste, wieso er hier stand, wieso er diesen Aufzug nachts um halb eins machte, doch sie würde nicht nachgeben. Sie würde ihn nicht reinlassen und zugeben dass Kian in ihrem Badezimmer stand und nur darauf wartete wieder mit ihr alleine sein zu können.
"Shane, bitte geh in dein Zimmer, ich möchte schlafen."
"Shannon." lachte Shane süffisant. "Du musst nur zugeben dass Kian bei dir ist und ich verschwinde auf der Stelle."
Shannon schüttelte belustigt den Kopf und versuchte ein ernstes Gesicht zu behalten. "Meinetwegen. Kian steht nackt in meinem Badezimmer und wartet darauf dass du endlich verschwindest. Darf ich jetzt schlafen?"
Shane überlegte kurz. Shannon hoffte inständig dass er das für einen Scherz hielt und hielt angespannt die Luft an.
"Du kannst einem aber auch jeden Spaß verderben." zog er schließlich meckernd von dannen.
"Gute Nacht Shane!" rief Shannon ihm hinterher und schloss die Tür hinter sich, immer noch darauf bedacht sich das Lachen zu verkneifen.
Als sie sich umdrehte musste sie jedoch laut loslachen, so sehr sie auch an sich hielt es nicht zu tun. Doch der Anblick den Kian, der lediglich in Boxershorts in der Badezimmertür stand, bot war einfach zu komisch um nicht darüber zu lachen.
"Wieso lachst du?" fragte Kian leicht verletzt.
"Nichts, Casanova." schüttelte sie grinsend den Kopf und nahm seine Hand. "Komm, lass uns schlafen gehen."

"Shannon? Kommst du mal bitte kurz her?"
Shannon, die mit Nicky und Shane an der Hintertür standen und auf den Rest wartete, fuhr herum und erspähte Kian der ihr aus seiner Kabine zuwinkte in der Dunkelheit der Arenakatakomben.
"Mal schauen was er jetzt wieder nicht findet." schüttelte Shannon den Kopf und senkte selbigen um ihr Grinsen vor Shane und Nicky zu verbergen. "Kian, so kann das nicht weiter..." fing sie leise an als sie in die Kabine kam, doch Kian lies ihr keine Chance auszureden denn er riss sie, wenn auch etwas unsanft, an sich und küsste sie innig bevor sie überhaupt die Möglichkeit hatte ihren Satz zu vollenden.
"Kian, bitte." versuchte sie ihn von sich weg zu drücken und schüttelte sanft den Kopf. "Die anderen stehen vor der Tür und warten auf dich, sieh zu dass du dich anziehst." rügte sie ihn und warf ihm ein Shirt hinterher während er mit gesenktem Kopf ins Nebenzimmer ging.
"Ich finde sowieso wir sollten es ihnen langsam sagen. Mir geht dieses Versteckspiel nämlich allmählich auf die Nerven." erklärte Shannon genervt und lies sich müde auf die Bank fallen.
"Wenn es die Anderen wissen dauert es nicht lange bis es sich im Team rumspricht und im Nullkommanix weiß es die Presse."
"Ja aber ich dachte du hättest dich von Monica getrennt, wo liegt also das Problem? Die werden mich schon nicht auffressen."
"Oh doch." Kians Kopf erschien in der Tür. "Glaub mir, sie werden dich in der Luft zerreisen, so wie sie es immer gemacht haben. Was glaubst du wie sie auf Gillian rumgehackt haben als rauskam dass sie nicht nur Shanes Freundin sondern auch seine Verlobte ist?"
"Wir sind aber nicht verlobt." beharrte Shannon und stemmte ihre Hände in die Hüfte. "Hast du Angst mich in der Öffentlichkeit zu zeigen oder wie muss ich deine Haltung deuten?"
"Shannon." Er kam kopfschüttelnd auf sie zu und ging vor ihr in die Hocke. Sanft ergriff er ihre Hände und küsste sie vorsichtig bevor er seinen Kopf wieder hob und sie ansah. "Ich habe keine Angst dich in der Öffentlichkeit zu zeigen, es geht mir nur um dich und deine Sicherheit. Wenn du einmal in der Öffentlichkeit stehst werden dich die ganzen verrückten Mädchen hassen, dir Drohbriefe schreiben und dich am Telefon tyrannisieren und das möchte ich nicht."
"Die haben meine Telefonnummer doch gar nicht."
"Glaube mir, die finden die raus."
"Wieso hattest du bei Monica nicht solche Probleme? Oder bei deinen Freundinnen davor?"
Kian sah sie an, erwiderte jedoch nichts. Er stand auf und ging wortlos wieder in den Nebenraum.
"Super, ja mach es genau richtig. Geh einfach wenn es brenzlig wird. Arschloch." murmelte sie vor sich hin und suchte ihre Tasche in dem Gewühl aus Klamotten und Handtüchern die Kian im ganzen Raum verteilt hatte. Sie hatte keine Lust mehr mit ihm über dieses lästige Thema zu reden. Immer wieder hatte sie ihn gefragt wieso sie nur hinter dem Rücken der anderen zusammen sein konnten, wieso keiner von ihrer Beziehung wissen durfte und vor allem warum sie in der Öffentlichkeit weder seine Hand nehmen noch ihn küssen durfte. Plötzlich spürte sie zwei Arme die von hinten um sie geschlungen wurden. "Ich hatte früher diese Probleme nicht, weil..."
Shannon drehte sich zu ihm um und sah ihm tief in die Augen. "Warum?"
"Weil ich mich noch nie jemandem so nahe gefühlt habe wie dir. Verstehst du nicht dass ich dich nicht verlieren kann? Ich habe Angst dass..."
"Shh." sie legte ihm zärtlich ihren Finger auf den Mund und schmiegte sich fest an ihn. "Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin doch hier."
"Ich möchte trotzdem nicht dass irgendwer von uns erfährt." Er schob sie ein Stück von sich weg um ihr in die Augen sehen zu können. "Noch nicht, okay?"
"Ist schon gut. Solange du dich weiterhin nachts in mein Hotelzimmer schleichst und mich im Schlaf festhältst werde ich schon damit klar kommen dass ich..."
Die Tür flog auf und Mark stand ohne Ankündigung mitten im Raum. Er hielt kurz Inne und sah von Shannon zu Kian, die so nah beieinander standen dass es für Mark unmissverständlich zu deuten war was los war. Schnell suchte er sich einen anderen Fixpunkt während er zu stammeln begann. "Ich habe nichts gesehen, ehrlich." Er rieb sich nervös über die Stirn. "Ich wollte nur Bescheid sagen dass wir im Bus warten. Du solltest dich beeilen. Ich meine ihr solltet euch beeilen, der Bus wartet nicht auf dich. Auf euch." Er nickte kurz und war wieder verschwunden.
"Fuck." fluchte Kian laut und trat geräuschvoll gegen den Mülleimer dessen Inhalt sich im Umkreis von mehreren Metern auf dem Fußboden verteilte bevor er im Nebenzimmer verschwand.
"Meine Güte, es war doch nur Mark. Er wird schon den Mund halten." rief Shannon ihm halblaut hinterher bevor sie ihre Tasche griff und aus der Tür stürmte.
"Mark." Sie war froh zu ihm aufgeschlossen zu haben bevor er den Bus erreicht hatte. Atemlos hielt sie sich an seinem Arm fest und schüttelte den Kopf. "Nicht dass du das falsch verstehst, wir haben uns eben nur ein bisschen gezofft und uns dann mit einer Umarmung wieder vertragen, mehr nicht"
"Shannon." Er schüttelte lachend den Kopf und tätschelte sachte ihre Wange. "Ist schon okay, es ist mir mittlerweile ehrlich gesagt egal was ihr macht."
Sie blieb wie angewurzelt stehen während Mark, immer noch kopfschüttelnd, in den Bus stieg und sie sprachlos stehen lies.
"Was ist? Was hat er gesagt?" fragte Kian der, beladen mit seiner Reisetasche aus der Halle gestürzt kam. "Shannon, was hat er gesagt?"
"Ich glaube sie wissen es sowieso schon." stotterte Shannon und sah Kian schließlich an.
"Wer weiß es?"
"Leute, wollt ihr Wurzeln schlagen? Ich habe Hunger wie ein Bär!" brüllte Nicky aus dem Bus heraus und winkte sie energisch zu sich. "Beeilt euch, die Türen schließen sich in fünf, vier, drei, zwei...."
Shannon und Kian blickten sich ein letztes Mal unwohl an bevor sie schließlich auf Nickys Bitte hin endlich in den Bus stiegen.

"Und noch mal das selbe bitte." forderte der Mann am Mischpult und gab Nicky ein Zeichen. Die anderen drei sowie Shannon saßen gelangweilt auf dem Sofa. Shane telefonierte mit Gillian, Mark spielte Solitär auf seinem Taschencomputer und Kian versuchte immer wieder Shannons Hand zu ergreifen, doch sie zog sie nur jedes mal wieder weg und konzentrierte sich auf ihre Notizen, die sie vor sich liegen hatte. Immer wieder spürte sie Kians Hand an ihrem Körper und stieß sie entnervt weg. Er wusste dass sie sich konzentrieren musste und doch lies er sich partout nicht in Ruhe.
"Kian, lass das bitte." sagte sie schließlich in einem leisen Ton, so dass es die zwei neben ihr nicht zwingend mitbekamen. Doch Kian lies nicht. Gelangweilt begann er damit an ihrem Gürtel zu spielen und ihr immer wieder in die Seite zu pieksen.
"Kian, Herr Gott noch mal!" fauchte Shannon giftig und sah Kian mit einem ihm bisher unbekannten Blick an. "Ich versuche hier einen Plan aufzustellen." Entnervt stand sie auf und verließ den Raum.
Kian, der nur fragende Blicke von Shane und Mark zugeworfen bekam hob die Schultern und schaute sich den Plan an den Shannon hatte liegen lassen.
"Willst du ihr nicht hinterher gehen?" fragte Shane schließlich.
"Wieso sollte ich?"
"Weil du sie eben vielleicht genervt hast? Geh und sieh was los ist. Frauen stehen auf so was, glaub mir."
"Es interessiert mich nicht worauf sie steht." beharrte Kian und legte das Blatt zurück auf den Tisch.
"Kian, es ist mir scheiß egal was du behauptest. Ich behaupte dass du ihr hinterher gehen solltest!"
Trotzig stand Kian auf und verließ den Raum durch die selbe Tür durch die Shannon vor einer Minute gegangen war. "Shannon?" fragte er leise in den, nur durch schummeriges Tageslicht, dass durch die Vordertür drang, erhellten Gang. "Shannon?"
Mit einem Mal wurde er in eine dunkle Ecke gezogen und spürte weiche, warme Lippen auf seinen. "Shannon, was..." murmelte er zwischen ihren leidenschaftlichen Küssen.
"Ich habe es nicht mehr ausgehalten neben dir zu sitzen und dich nicht anfassen zu können." flüsterte sie und fuhr ihm mit ihren Fingernägeln über den nackten Rücken. Sie schob sein Shirt noch weiter nach oben und krallte sich an seinen Schulterblättern fest während sie ihn innig und leidenschaftlich küsste. "Gott, ich weiß nicht wie lange ich noch so weiter machen kann." stöhnte er leise.
Plötzlich schob Shannon ihn sanft von sich weg und suchte im Dunkel seinen Blickkontakt. "Dann lass uns da rein gehen und reinen Tisch machen. Sie wissen es doch eh schon, wieso also noch länger ein Geheimnis daraus machen und uns damit nur unnütz zu belasten?"
Kian überlegte. Shannons Worte klangen logisch. Wieso sollten sie es ihnen nicht erzählen, denn sie redeten ja sowieso seit Tagen von nichts anderem mehr als Kian und Shannons vermeintlicher Beziehung. "Du hast recht." willigte er schließlich ein und nahm ihre Hand. "Du hast völlig recht."
Entschlossen gaben sie sich einen letzten Kuss und gingen dann Hand in Hand zurück ins Studio wo sie von drei fragenden Gesichtern erwartet wurden.
"Wir möchten euch etwas sagen." fing Kian langsam an.
"Ha, ich habe gewonnen." sprang Shane auf und warf die Hände jubelnd zum Himmel. "Ich wusste es. Jungs, Geld zählen bitte!"
Mürrisch und widerwillig griffen sowohl Nicky, der gerade mit der Aufnahme fertig geworden war, als auch Mark in ihre Taschen und reichten Shane jeweils 50 Euro.
"Danke man." Er schlug zunächst Kian anerkennend auf die Schulter und gab dann Shannon einen flüchtigen Kuss auf die Wange. "Ihr habt mich gerade um 100 Euro reicher gemacht."
"Ihr wart aber auch verdammt schwer zu knacken." beschwerte sich Nicky kopfschüttelnd.
"Ihr wusstet also die ganze Zeit davon?" fragte Shannon vorsichtig.
"Hey, seit dem Moment als Kian mit diesem unbeschreiblichen Strahlen auf dem Gesicht zum Treffen erschienen ist war uns allen klar was passiert war. Und wir sind froh darüber." nickte Shane und erhielt Zustimmung von den anderen Beiden. "Ihr hättet es uns aber ruhig etwas einfacher machen können."
"Jungs, aller Spaß bei Seite. Shannon und ich haben beschlossen dass wir diese Beziehung nicht vor der Presse ausleben möchten, okay? Wir bitten euch das zu respektieren und keine Anspielungen vor anderen zu machen."
"Hey, Ehrensache!" griff Nicky sich an die Brust und nickte. "Euer Geheimnis ist bei uns sicher."
"Aber jetzt sagt mal." lachte Shane verschmitzt. "Wenn wir gerade schon dabei sind Geheimnisse zu lüften. Wie oft treibt ihr es denn so täglich hinter unserem Rücken?"

"Mein Gott, ich kann noch immer nicht glauben dass die drei Monate schon vorbei sind. Ich meine die Zeit ist wie im Flug vergangen, findet ihr nicht?"
"Man merkt dass das deine erste Tournee war." scherzte Shane und schüttete sich sein Guinness in den Hals. "Für mich geht die Zeit von Mal zu Mal langsamer vorbei." Er nickte kurz und stand dann vom Tisch auf um nach Gillian zu sehen.
"Ja aber ich meine was wir in den drei Monaten alles gesehen haben ist der Wahnsinn. Ganz Europa, Asien, ich glaube ihr wisst euer Glück gar nicht zu schätzen." Shannon blickte verträumt zur Decke und schwelgte für ein paar Minuten in ihren Erinnerungen an die vergangenen Wochen bis sie schließlich von Kian aus ihren Gedanken geholt wurde.
"Es stimmt aber was Shane sagt. Je öfter wir das hier machen desto weniger überwältigend ist es für uns."
"Ja aber...."
"Das heißt jedoch nicht dass ich nicht glücklich bin." lächelte er sie mit einem verliebten Blick an und griff unter dem Tisch nach ihrer Hand.
"Hey Leute. Habe ich euch schon von meinem neuen Freund Jack erzählt?" Mark, der offensichtlich schon ein paar Bier weiter war als alle anderen, lies sich auf den freien Sessel fallen und blickte fragend in die Runde. "Wisst ihr Jack versteht mich. Ich kann ihm alles sagen was mich beschäftigt, er hört mir immer zu wenn ich Probleme habe. Erst letztens, als Jeanette mich hat abblitzen lassen hat er mir aus einem Tief rausgeholfen aus dem ich aus eigener Kraft wohl nie wieder rausgekommen wäre. Wir hören einander zu, verstehen einander ohne große Worte und werden immer zueinander stehen, egal was passiert, wie in einer Ehe. Nur ohne Sex! In guten wie in schlechten Zeiten ist er bei mir, mein Freund Jack Daniels." Er hob den Becher in seiner Hand hoch und prostete den anderen feierlich zu. "Auf Jack."
"Mark, ich glaube du solltest mal eine Auszeit nehmen und dich ausruhen." sagte Nicky sanft und half seinem Freund aus dem Sessel. "Komm, ich glaube ich habe da einen kleinen Abstellraum gesehen, da darfst du dich sicher für eine Weile ausruhen."
"Sagt ihr mir Bescheid wenn ihr geht?" fragte er und blickte den Rest mit ängstlichen Augen an.
"Natürlich sagen wir dir wenn wir gehen." nickte Nicky und führte ihn durch den belebten Club.
"Meine Güte, was hat der denn schon getrunken?" spöttelte Georgina kopfschüttelnd bevor sie ebenfalls aufstand und zur Bar ging.
"Möchtest du tanzen Geburtstagskind?" fragte Shannon sanft und drückte Kians Hand, die noch immer regungslos in ihrer lag. Noch während sie die Worte sagte bereute sie sie bereits, denn binnen Sekunden hatte er seine Hand wieder zurückgezogen und sah sie erschüttert an bevor er schließlich den Kopf senkte und selbigen fast unmerklich schüttelte. "Shannon, ich..."
"Hey, schon gut." lächelte sie tapfer und schlug ihm sanft auf die Schulter. "War sowieso eine dumme Idee." Sie nahm den letzten Schluck Wasser aus ihrem Glas und entschuldigte sich an die Bar. Hatte sie ernsthaft geglaubt er würde seine Meinung ändern? Ihr letzter Streit über seine Haltung gegenüber der Presse lag erst knapp eine Woche zurück und damals hatte er ihr mehr als deutlich gemacht dass sie sich damit abfinden musste ihn nur hinter verschlossenen Türen lieben zu dürfen. Immer wieder hatte er versucht ihr zu erklären, dass alles nur zu ihrem Besten sei, dass er sie nur schützen und vor falschen Zeitungsartikeln bewahren wolle. Was Shannon dazu zu sagen hatte war ihm dabei meist egal, zumindest kam es ihr so vor. Mittlerweile hatte sie aufgegeben ihn umzustimmen, denn das führte nur immer wieder zu Komplikationen in ihrer ohnehin schon belasteten Beziehung. Shannon hasste sich täglich aufs Neue dafür, dass sie Kian die Wahrheit über ihre Krankheit gesagt hatte, denn seitdem war nichts mehr wie vorher. Sie musste nur zum falschen Zeitpunkt für einen Augenblick die Augen schließen und er war sofort an ihrer Seite um sicherzustellen dass es ihr gut ging. Ihr beteuern, dass es ihr gut ging und er sich keine Sorgen machen bräuchte half nur in den seltensten Fällen. Einmal hatte er sich sogar geweigert auf die Bühne zu gehen weil Shannon sich nur Minuten zuvor übergeben hatte. Erst Anto, der ihm versprechen musste während des Konzerts nicht von Shannons Seite zu weichen, konnte ihn davon überzeugen auf die Bühne zu gehen.
"Na, was darf’s sein?"
Shannon fuhr herum und erblickte einen jungen, gutaussehenden Mann im schwarzen Anzug, der unmittelbar hinter ihr stand und sie freundlich anlächelte.
"Wie bitte?"
"Was sie sich bestellen." wiederholte er und stellte sich neben sie an die Theke.
"Wasser." entgegnete sie knapp.
"Ich bitte sie, es ist Samstagabend, darf es da nicht mal etwas Alkohol sein?"
"Ich hatte bereits genug, das Wasser ist nur zur Erholung." log sie.
"Ein Cocktail wird da sicher auch keinen Unterschied mehr machen, oder? Was sagen sie, ich lade sie ein."
"Vielen Dank." nickte sie. "Aber ich muss ihr nett gemeintes Angebot leider ablehnen."
"Und darf ich fragen warum?" Der Mann blieb trotz der Zurückweisung freundlich.
"Weil mein Freund davon sicherlich nicht begeistert sein wird wenn ich mir von einem fremden Mann einen Cocktail ausgeben lasse."
"Oh." Er nickte. "Darf ich fragen wer der Glückliche ist."
Sie saß in der Falle. Was sollte sie dem Mann jetzt sagen? Wenn sie auf Kian verwies hatte sie zumindest die geringe Chance dass der Mann ihn nicht kannte. Doch die Tatsache dass sie in einem der angesagtesten Clubs von ganz Irland saßen ließ ihre Hoffnung schwinden dass jemand der Anwesenden Kian oder die anderen Jungs nicht kannte.
"Er ist nicht hier."
"Sehen sie, er erfährt also nichts davon."
"Doch." kam es fast zu schnell von ihr zurück. "Wissen sie, ich bin mit Freunden hier, wir feiern Geburtstag und die werden es ihm sicher weiter sagen."
"Wer sind denn ihre Freunde?" beharrte er weiter.
"Wissen sie, ich glaube das geht sie nichts an, okay? Ich habe ihr Angebot bereits mehrfach abgelehnt und dabei bleibe ich." Sie griff nach dem Wasser, dass ihr der Barkeeper bereits hingestellt hatte und wand sich ein letztes Mal an ihren Gegenüber. "Ich wünsche ihnen noch einen schönen Abend."
Shannon wusste nicht wie ihr geschah als der Mann sie plötzlich unsanft am Arm packte und sie zu sich zog. "Du willst doch nicht einfach so gehen, oder?"
"Au, sie tun mir weh."
"Du hast mir mit deiner Abfuhr auch weh getan Kleines." Der Druck, den seine starke Hand auf ihren Unterarm ausübte war so gewaltig, dass Shannon die Flasche aus der Hand glitt und auf dem Boden in tausend Scherben zersprang.
"Lassen sie mich los verdammt."
"Gibt es ein Problem, Shannon?" Shane stand mit verschränkten Armen vor ihr und dem Mann und blickte besorgt auf die Hand, die noch immer um Shannons Unterarm lag.
"Nein, keineswegs." antwortete der Mann freundlich und lies von Shannon ab. "Wir haben uns lediglich unterhalten."
"Fahr zur Hölle Arschloch." fauchte sie angewidert und stürmte an Shane vorbei zur Toilette.

"Shannon, da bist du ja wieder, wo zum Himmel warst du?" Kian kam besorgt auf sie zugestürmt und schloss sie fest in die Arme. "Shane meinte du hättest ein Problem mit irgendeinem Typen gehabt und wärst einfach verschwunden."
Sie schüttelte sanft den Kopf und schob ihn leicht von sich weg. "Ich war lediglich auf der Toilette."
"Hey, alles klar?" fragte Shane und legte ihr den Arm auf die Schultern.
"Ja, danke noch mal."
"Hey." er grinste breit und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. "Ehrensache. Den Typ habe ich übrigens von Frank und Paul entfernen lassen falls es dich interessiert."
Shannon lachte kopfschüttelnd, nickte ihm dann aber dankbar zu bevor sie sich wieder Kian zuwand.
"Hat schon was für sich berühmte Freunde zu haben, was?" lachte Shane bevor er sich wieder zu Gillian, Georgina und Nicky auf die Couch gesellte.
"Ist alles okay mit dir?" fragte Kian besorgt und strich ihr sanft über die Wange bevor er sie abermals in die Arme schloss.
"Kian mir geht es gut." bestätigte Shannon noch einmal und schob ihn wieder von sich weg. "Ich gehe noch mal an die Bar."
"Warte, bist du...."
"Kian." Sie fuhr energisch herum und blitzte ihn böse an. "Mach dir nicht zu öffentlich Gedanken, jemand könnte sonst Verdacht schöpfen."
Genervt drehte sie sich wieder um und ging zur Bar. Aus dem Augenwinkel heraus sah sie, wie Kian in der Menge verschwand.
"Ein Wasser bitte." orderte sie bevor sie sich umdrehte und ihren Blick durch den Club schweifen lies. Georgina, die mittlerweile mit Nicky auf der Tanzfläche stand winkte ihr kurz zu bevor sie sich fest an Nicky schmiegte und weiter tanzte. Gillian saß mit Shane auf dem Sofa und begann zu kichern als Shane ihr etwas in Ohr flüsterte. Die Leute, die sich im Club tummelten, schienen nicht im geringsten daran interessiert dass die Jungs da waren. Nicky hatte ihr auf der Herfahrt nach dem Konzert erklärt dass das hier ihre Stammdisco sei und sie aus dem Grund her kamen weil man hier nicht ständig von der Presse oder jungen Fans belagert wurde. Genau deshalb hatte Shannon sich auch so über den jungen Fotographen gewundert, der sich immer wieder unters Volk mischte und Bilder schoss bis Nicky ihr schließlich erklärt hatte, dass es sich bei dem jungen Mann um einen vom Club angeheuerten Fotographen handle der die Bilder schießt um sie anschließend auf die Homepage des Clubs zu stellen.
"Ihr Wasser, Miss."
Shannon lächelte den Barkeeper freundlich an und gab ihm das Geld bevor sie ihr Wasser nahm und zurück zur Couch gehen wollte. Doch als sie sah dass dort sowohl Nicky und Georgina als auch Shane und Gillian Arm in Arm saßen entschied sie sich kurzerhand um und blieb an der Bar stehen.
"Okay, okay. Leute, ich weiß dass was jetzt kommt werden alle, die mich kennen recht ungewöhnlich finden, aber ich tue damit einem sehr guten Freund von mir der gestern Geburtstag hatte einen großen Gefallen. Beschwerden bitte an Kian Egan." Shannon fuhr herum und versuchte einen Blick auf den DJ zu erhaschen, der auf der anderen Seite der Tanzfläche in seiner kleinen Nische stand und ins Mikro brüllte.
"Kian. Das ist für dich man. Happy birthday!" Kopfschüttelnd und doch lächelnd hob der DJ die Hand und legte im selben Moment eine neue Platte auf. "Kommt raus ihr Verliebten."
Shannon schossen die Tränen in die Augen als sie Kian mitten auf der Tanzfläche entdeckte. Er sah sie lächelnd an und hatte ihr seine Hand entgegen gestreckt während die ersten Takte von All the way durch die Boxen dröhnten.
Sie stellte ihr Wasser auf den Tresen und sah sich unwohl um bevor sie schließlich langsam auf die Tanzfläche ging und Kians Hand ergriff.
"Darf ich um diesen Tanz bitten?"
Shannon nickte zaghaft als sie ihre zitternde Hand auf seine Schulter legte und die andere Hand in seine legte.
"Woher hast du das Lied? Sag mir nicht der DJ hatte es zufällig dabei."
"Nein." lachte Kian. "Ich habe mir die CD vor ein paar Wochen gekauft und hatte sie in der Tasche im Auto."
Shannon nickte, sagte jedoch nichts weiter.
"Woran denkst du?"
"Wieso?"
"Du siehst traurig aus."
Shannon schüttelte den Kopf, wagte es aber nicht ihm in die Augen zu sehen.
"Shannon, bitte. Ich sehe doch dass dich etwas bedrückt."
"Es ist nichts. Ehrlich."
"Hmh." Kian schien verärgert, versuchte es ihr dennoch nicht zu zeigen.
"Ich musste lediglich daran denken wie gerne ich dich jetzt einfach küssen würde und es doch nicht darf."
"Wer sagt das?" fragte Kian sanft und fuhr mit seiner Hand unter ihr Kinn. "Sieh mich an Shannon."
Sie hob langsam ihren Kopf und blickte ihn mit wässrigen Augen an. Sein Kopf kam dem ihren immer näher und gerade als er sie küssen wollte blitzte es woraufhin Shannon ihn unsanft von sich wegstieß. Sie sah sich um und erspähte den Fotograph bei einer kleinen Gruppe am Rande der Tanzfläche. Er war jedoch viel zu sehr damit beschäftigt Ruhe in die Gruppe zu bringen um bemerkt zu haben was nur wenige Meter weiter passiert war. Oder passiert wäre.
"Shannon, was ist mit dir? Ich dachte das sei es was du willst?" Kian lies von ihr ab und sah sie verwirrt an. "Ich dachte das wolltest du, mich immer und überall küssen zu können."
"Ja." nickte sie kleinlaut. "Aber nicht wenn du dich selbst dazu zwingen musst." Sie machte auf dem Absatz kehrt und wollte von der Tanzfläche als er sie sanft aber doch bestimmt am Arm zurück zog. "Du kannst jetzt nicht einfach gehen. Das ist unser Lied." schüttelte er den Kopf und zog sie erneut in seine Umarmung.
"Kian, du musst mir nichts beweisen. Ich habe verstanden, dass...."
"Nichts hast du verstanden." schüttelte er den Kopf und beugte sich zu ihr hinunter um sie zu küssen. Und dieses Mal wehrte sie sich nicht.


10.Kapitel

 

"Kian, Kian! Mach verdammt noch mal die Tür auf." Shane stand vor der Zimmertür und hämmerte bereits seit drei Minuten laut und heftig dagegen. "Wenn du nicht gleich aufmachst..."
"Was ist denn los?" Shannon, bekleidet mit Bigshirt und müdem Blick steckte ihren Kopf aus der Tür und blickte Shane strafend an.
"Viel." nickte er und schob sie zur Seite um in das Zimmer zu gelangen. Kian lag noch im Bett, alle Viere von sich gestreckt, Blick zur Decke. "Man, steh auf die Faulpelz. Wir müssen in einer Stunde ausgecheckt haben."
"Dann hab ich ja noch ne halbe Stunde." murmelte Kian und drehte sich auf den Bauch.
"Ich glaube das hier wird dich interessieren." Shane warf ihm die zerknitterte Zeitung auf den Rücken und blieb mit verschränkten Armen vor dem Bett stehen während Kian sich langsam umdrehte und seufzend die Zeitung aufschlug. Auf der ersten Seite prangte groß ein farbiges Bild von Kian und Shannon, eng umschlungen auf der Tanzfläche, die Lippen nicht weiter als drei Zentimeter voneinander entfernt.
"Woher hast du das?"
"Fran hat sie durch Zufall unten liegen sehen und sie mit hoch gebracht."
Shannon, die bis jetzt noch an müde an der Tür gelehnt hatte, kam zu Kian ans Bett und setzte sich auf die Kante um ebenfalls einen Blick auf die Titelseite erhaschen zu können. "Ich dachte da wären gestern keine Fotographen gewesen." murmelte sie geschockt und blickte von Kian zu Shane.
"Scheinbar doch. Die finden Wege an ihre Stories zu kommen."
"Kian Egan nicht mehr Single?" las Shannon die Überschrift laut vor.
"Kian und seine Kollegen machten am letzten Abend ihrer Welttournee die Nacht noch einmal zum Tag und feierten Egan’s Geburtstag (29. April) bis in die Morgenstunden mit Sekt, Wodka, Musik und sexy Frauen im Lillie’s Bordello. Neben den vier Jungs waren auch Georgina Byrne, Tochter des irischen Premier und Gillian Walsh, Shane Filans Verlobte, anwesend. Zudem wurde Kian Egan gesehen wie er heftigst mit der schwarzhaarigen Autorin der Bandbiographie, die in den nächsten Monaten in die Läden kommen soll, flirtete und sie auf der Tanzfläche innig küsste. Shannon Cecily Murphy, 25 Jahre und aus Limerick, begleitete die Jungs in den letzten drei Monaten auf ihrer Tour um anschließend ein Buch darüber zu schreiben wie es wirklich hinter den Kulissen zugeht. Nachdem sie nun einen der Bandmitglieder näher kennen gelernt hat als wohl die meisten von uns, dürfen wir gespannt sein was in ihrem Buch, dass laut Louis Walsh noch im Spätsommer in den Regalen stehen soll, alles aufgedeckt werden wird. Wir für unseren Teil jedenfalls sind sehr gespannt."
Kian warf die Zeitung fluchend vom Bett und sprang auf um im Zimmer auf und ab zu gehen. "Verdammt." maulte er immer wieder und hämmerte mit der Faust auf den Türrahmen zum Badezimmer. "Ich wusste es."
Shannon, die verängstigt auf dem Bett saß wagte es nicht Kian anzusehen. Viel zu viel Angst hatte sie davor, dass der Blick, den er ihr zuwerfen würde, so eindeutig war die der Tonfall seiner Stimme.
"Eigentlich." fing Shane leise an und machte ein paar Schritte zur Tür. "Eigentlich wollte ich euch ja nur die Zeitung vorbei bringen. Denkt dran, in einer Stunde müssen wir raus." Hastig griff er nach der Türklinke und war verschwunden.
Stille. Stille die für Shannon unerträglich war denn sie wusste weder was er dachte noch was er fühlte und das machte ihr Angst. Noch immer stand er an den Türrahmen gelehnt, den Blick hoffnungsvoll zur Decke, die Arme hinter seinem Rücken verschränkt.
"Wir sollten packen." sagte er schließlich leise und verschwand im Bad.

"Hast du eigentlich vor noch mal mit mir zu reden oder willst du für den Rest der Fahrt und für den Rest deines Lebens kein Wort mehr mit mir wechseln?" Shannon, die bereits seit mehr als einer Stunde schweigend neben Kian im Auto gesessen hatte, hatte beschlossen es noch einmal zu versuchen. Er musste irgendwann wieder mit ihr reden.
"Du hast seit Shane das Zimmer verlassen hat keinen ganzen Satz mehr zu mir gesagt. Findest du nicht dass du ein bisschen übertrieben reagierst? Ich kann schließlich nichts dafür denn wenn ich mich recht erinnere warst du derjenige mit der glorreichen Idee sich mitten auf der Tanzfläche zu küssen. Bestraf mich nicht für etwas für dass ich nichts kann."
Kians Miene wies zum ersten Mal seit dem Vorfall freundliche Züge als er sich zu ihr umdrehte und sie traurig ansah. "Es tut mir leid." war alles, was er ihr entgegen murmelte bevor er sich wieder von ihr abwand und auf die Straße blickte.
"Wow." Shannon warf mehr sarkastisch als euphorisch ihre Hände in die Luft während sie abwertend den Kopf schüttelte. "Mach doch am besten gleich Schluss, dann haben wir es hinter uns."
Völlig überraschend fuhr Kian den Wagen auf den Seitenstreifen und stellte den Motor ab. Wortlos schnallte er sich ab und stieg aus dem Wagen, kam zu ihrer Seite und öffnete die Tür um ihr zu signalisieren sie solle aussteigen.
"Was soll das jetzt?"
Schweigend nahm er sie in seine Arme und drückte sie fest an sich. Kein Kuss, keine Streicheleinheiten, einfach nur eine herzliche, ehrliche Umarmung. "Es tut mir leid." murmelte er gegen ihre Haare und küsste sanft ihren Haaransatz. "Ich wollte dir nicht weh tun, es ist nur..." Er lies von ihr ab und ging ein paar Schritte bevor er sich mit verschränkten Armen gegen die Motorhaube lehnte und den Kopf sinken lies. "Ich habe es so satt Shannon. Manchmal wünsche ich mir wieder Kian Egan sein zu können, einfach morgens aufstehen und nach unten gehen um das Frühstück meiner Mutter zu genießen. Geburtstag mit der Familie feiern, im kleinen Kreis. Statt dessen mache ich das in irgendwelchen Clubs mit 150 geladenen Gästen von denen gerade mal die Hälfte meinen vollen Namen kennt. Ich will mit dir zusammen sein können ohne Angst zu haben dass am nächsten Morgen eine Lügenstory in der Zeitung steht. Ich will das alles nicht mehr."
"Ich weiß was das für ein Stress sein muss, ich habe es ja jetzt zu genüge miterlebt. Aber das ist es doch wovon du immer geträumt hast, oder etwa nicht? Du erzählst doch ununterbrochen wie viel dir an all dem liegt und wie stolz du auf dich selbst bist, wie sehr dich das alles in deiner Persönlichkeit gestärkt hat. Und jetzt willst du das alles aufgeben? Das bist nicht du, das ist nicht der Kian den ich kennen gelernt habe. Der Kian den ich kenne, der würde für seine Träume kämpfen, würde sie sich nicht so leicht wegnehmen lassen. Und ich weiß dass du dieser Kian sein willst. Dass du dieser Kian bist."
Kian sah sie erstaunt an und blickte dann zum Himmel hinauf. "Natürlich. Du hast Recht. Ich, es ist nur... manchmal überlege ich was passiert wäre wenn ich zu Shane damals nein gesagt hätte, wenn ich nie in die Band gekommen wäre. Ich hätte mit Sicherheit nicht so viel Geld, aber ich wäre glücklich."
"Bist du das denn jetzt nicht?" hakte sie nach.
"Doch, schon. Ich habe Freunde, ein paar von den Menschen die sich so betiteln sind wirklich meine Freunde. Und trotzdem fühle ich mich manchmal so einsam."
"Aber dafür gibt es doch gar keinen Grund. Du hast die Jungs, du hast deine Familie, du hast..."
"Dich." beendete er ihren Satz.
"Richtig, du hast mich." nickte Shannon und lächelte ihn an. "Stell dir nur mal vor was du deinen Enkeln später erzählen kannst was für ein toller Hecht du früher mal warst, wie du Millionen Mädchen erobert hast und dich in ihre Herzen gesungen hast. Kian die Welt liebt dich, hasse sie nicht dafür."
Er sah sie minutenlang an ohne ein Wort zu sagen. Dann begann sich langsam ein Lächeln auf seinen Lippen abzuzeichnen und er zog sie sanft zu sich in den Arm. "Danke."

"Ich ruf dich morgen an, okay?"
"Ja, sicher." lachte Shannon während sie ihren Koffer aus dem Kofferraum zog und sie auf dem Bürgersteig abstellte bevor sie um den Wagen ging und Kian, der noch immer hinterm Steuer saß, einen Kuss gab.
"Was war das denn für ein Ton?" fragte er mit hochgezogener Augenbraue.
"Wenn Männer sagen sie rufen an wird er meistens Donnerstag."
"Aber heute ist Sonntag." schüttelte er verwirrt den Kopf und zog seine Kappe tiefer ins Gesicht als zwei Mädchen auf dem Bürgersteig in seine Richtung kamen.
"Ebendarum." Sie drückte ihm einen weiteren Kuss auf die Wange und trug ihren Koffer nach drinnen.
Ihre Wohnung war dunkel und kalt als sie die Tür aufschloss und ihren Koffer neben der Tür fallen lies. Müde knipste sie das Licht an und ging geradewegs zu ihrer Couch auf die sie sich erschöpft fallen lies und die Augen schloss. Gerade als sie fast eingeschlafen war klingelte ihr Handy, welches in der Jackentasche auf dem Koffer lag. Mürrisch erhob sie sich und stapfte zur Tür.
"Was?"
"Wow. Nette Begrüßung." spöttelte ein Mann am anderen Ende der Leitung.
"Kian?"
"Ja, hast du sonst noch männliche Freunde die dich anrufen?" fragte er neugierig. Shannon konnte sich sein verschmitztes Lachen bildlich vorstellen.
"Was gibt’s Nervensäge? Ich dachte ich wäre dich für die nächsten paar Tage los." fragte sie mit mindestens ebensoviel Sarkasmus in der Stimme.
"Eigentlich wollte ich so lange nicht warten. Hast du heute Abend denn schon etwas vor?"
"Heute Abend?" Shannon sah auf die Uhr, es war gerade halb drei vorbei. "Ich denke nicht, wieso?"
"Ich würde dich gern zum Essen ausführen. Nur du und ich. Ich kenne ein tolles Restaurant in Lahinch, da gibt es die besten Krebse weit und breit."
"Krebse?"
"Was sagst du? Ist halb sechs okay?"
"So früh?" Sie hatte sich ihren Abend in Gedanken schon zig Male ausgemalt. Erst ein entspannendes Bad, dann ein bisschen leise Musik, Kerzen, ein gutes Buch und ein Glas Rotwein.
"Ich habe noch was vor."
"So? Was denn?"
"Das wüsstest du wohl gerne, was?"
Shannon nickte. Alleine die Vorstellung worauf dieser Abend hinauslaufen könnte bereitete ihr Gänsehaut am ganzen Körper. Wie oft hatte sie es sich schon vorgestellt mit Kian zu schlafen, ihm ganz nah zu sein. Sie schloss lächelnd die Augen und versuchte sich vorzustellen wie...
"Shannon? Bist du noch dran?"
"Sorry, was hast du gesagt?" fragte sie peinlich berührt und war froh, dass Kian ihr in diesem Moment nicht in die Augen sehen konnte.
"Ich habe gefragt ob halb sechs in Ordnung geht oder nicht."
"Ja, sicher." nickte sie und seufzte leise.
"Gut, warte dann unten, ja? Und zieh dich warm an." Es klickte in der Leitung. Aufgelegt.
Shannon legte ihr Handy auf die Kommode und blickte sich im Spiegel an. Sie sollte unten warten? Doch keine sexuellen Abenteuer die auf sie warteten. Leicht enttäuscht ging sie ins Badezimmer und lies Wasser in die Wanne ein bevor sie ins Schlafzimmer ging und sich frische Unterwäsche aus der fast gänzlich geleerten Schublade holte.

Kian lächelte sie sanft an als sie punkt halb sechs in den Wagen stieg und ihm einen flüchtigen Kuss auf den Mund hauchte. "Hey mein Engel. Du siehst wundervoll aus."
Shannon stutzte und blickte skeptisch an sich herunter. Sie trug die selben braunen, viel zu weiten Hosen die sie so oft schon an hatte, dazu ein schwarzes Shirt und eine rote Kapuzenjacke drauf. Ihre Jeansjacke hatte sie auf den Rücksitz gelegt. "Also, wo fahren wir hin?" fragte Shannon neugierig und beobachtete Kian, der versuchte aus dem allabendlichen Verkehr in der Innenstadt zu kommen.
"Wird nicht verraten, das siehst du schon noch früh genug."
Mehr beleidigt als sauer verschränkte sie die Arme vor ihrem Körper und sah aus dem Fenster während Kian das Auto aus der Stadt heraus fuhr.
"Ennis?" fragte sie als er an einer der Kreuzungen Richtung Ennis fuhr.
"Ich sagte doch ich kenne ein tolles Restaurant in Lahinch."
"Hast du nicht irgendwas gesagt du wolltest zuvor noch etwas mit mir machen?" In Shannons Stimme lag Hoffnung. Vielleicht ein bisschen zu viel wie sie selbst fluchend feststellte. Er sollte nicht merken, dass sie sich nach ihm verzehrte. Wie oft hatte er sie in den vergangenen Wochen abgewiesen, hatte ihr Entschuldigungen aufgetischt wie Die anderen könnten uns hören oder Ich bin viel zu müde. Einmal hatte sie ihn zur Rede gestellt, ihn darauf aufmerksam gemacht wie weh es ihr tat wenn er sie stets zurück wies. Doch er hatte sie nur immer wieder mit Floskeln ruhig zu stellen versucht, hatte ihr erklärt dass er nichts überstürzen wolle.
"Ja, das habe ich gesagt. Lass dich doch einfach überraschen."
"Habe ich dir schon mal gesagt dass ich Überraschungen hasse?"
Doch auch ihr, mehr als fehlgeschlagener Versuch ihn mit Drohungen zu beeindrucken erzielte nicht die gewünschte Wirkung denn Kian schenkte ihr lediglich ein Lächeln während er wortlos weiterfuhr.
"Die Moher Klippen?" fragte sie verwundert als Kian nach knapp eineinhalb Stunden Fahrt auf einen recht vollen Parkplatz fuhr und das Auto in eine der wenigen, freien Lücken lenkte. "Was machen wir hier?"
"Warst du hier schon mal?" fragte Kian während er aus dem Wagen stieg.
"Ja, als kleines Kind war ich öfter mal mit meiner Mum und meiner Schwester hier. Aber bestimmt schon seit zehn Jahren nicht mehr."
"Komm." forderte er sie lächelnd, zog seine Kappe und die Sonnebrille auf und nahm ihre Hand. "Ich möchte dir etwas zeigen."
Er lief mit ihr einen sandigen Weg entlang auf dem ihnen viele Menschen mit Fotoapparaten und Videokameras ausgerüstet entgegen kamen die sich noch Minuten zuvor von dem Anblick der majestätischen Klippen hatten verzaubern lassen. Auf jedem der ihnen begegnenden Gesichter zeichnete sich ein zufriedenes Lächeln an. Zufrieden darüber, dieses kleine Wunder selbst gesehen zu haben. Shannon erinnerte sich noch daran wie ihre Mutter sie immer an den Beinen festgehalten hatte während sie bäuchlings auf dem Boden gelegen hatte und nach vorne zum Abgrund gekrabbelt war um die Klippen in ihrer ganzen Pracht sehen zu können. Heute würde sie sich wahrscheinlich nicht mal mehr in die Nähe des Abgrunds trauen.
"Komm, noch ein Stück." nahm sie Kians Stimme entfernt wahr und folgte ihm über die Steintreppen die den Weg zum Turm bildeten, der nahe am Abgrund stand. Es dämmerte bereits und die meisten der Touristen machten sich auf den Heimweg als Shannon und Kian an dem Turm ankamen.
"Ich liebe den Geruch von Salzwasser und frischgemähtem Gras. Ich bin hier immer mit meiner Familie hergekommen als ich noch klein war. Meine Mutter hat mir damals immer die Geschichte von einem Pärchen erzählt dass sich hier mal umgebracht hat vor Hunderten von Jahren."
"Erzähl mir davon." meinte Shannon leicht bedrückt als sie sich auf einer der Steinstufen nahe dem Turm nieder ließ und Kian mit einem Fingerzeig dazu aufforderte sich neben sie zu setzen.
"Vor langer Zeit lebte eine wunderschöne Prinzessin in einem prächtigen Schloss da hinter dem Hügel.” er wies mit seiner Hand hinter sie und deutete auf einen kleinen grünen Hügel der sich hinter dem Turm etwas weiter ins Land hinein erhob. "Sie hatte ein wunderschönes, schwarzes Pferd mit dem sie sich immer aus dem Schloss schlich um ihre heimliche Liebe hier zu treffen. Sie hatten sich zufällig auf einem der königlichen Bälle getroffen die der König regelmäßig hielt um den passenden Mann für seine Tochter zu finden. Doch keiner der Männer gefiel ihr, hatte sie ihren Traumprinzen doch bereits gefunden. Ihr Vater, der davon Wind bekam, verbot seiner Tochter den armen Bauernsohn, der auf dem Ball nur ein Bediensteter war, je wieder zu sehen. Als er ihn eines Tages erwischte wie er sich gerade vom königlichen Hof stehlen wollte warf er ihn in einen Kerker unter dem Schloss. In der nächsten Nacht wartete die Prinzessin vergeblich auf ihren Geliebten. Tage und Wochen gingen vorüber und die junge Prinzessin wurde immer trauriger und zog sich immer mehr zurück. Sie hörte auf zu essen und sprach kaum mehr mit irgendjemandem bis sie sich eines Nachts entschied mit ihrem Pferd davon zu reiten. Sie war davon überzeugt, dass ihr Geliebter für eine andere hatte sitzen lassen und so sah sie keine Möglichkeit je wieder glücklich zu werden. Sie bemerkte nicht als ihr Vater ihr hinterher rief, der seinen Fehler endlich eingesehen hatte und den jungen Mann frei lies. Just in dieser Nacht sprang seine wunderschöne Tochter von diesen Klippen."
Shannon hatte Gänsehaut als Kian leise weiter sprach. "Jede Nacht kam der junge Mann hierher zurück und wartete auf seine Rose. Er betete Tag für Tag, doch keines seiner Gebete wurde je erhört. So kam es, dass er sich entschloss seiner Liebe in den Tod zu folgen und dort wieder mit ihr vereint zu sein. Für immer. Niemand weiß, ob sie wirklich gestorben sind oder ein neues Leben angefangen haben, dort wo sie niemand kannte. Dort wo sie frei sein konnten."
"Oh mein Gott." seufzte Shannon und schüttelte sich leicht. Eine winzige Träne bahnte sich ihren Weg über ihre Wange. Beschämt blickte sie zur Seite und wischte sich die Spuren weg bevor sie sich wieder Kian zuwand und lächelnd den Kopf schüttelte. "Du hast mich erwischt. Wunderschöne Geschichte. Wo hast du sie her?"
"Sie ist wahr."
Shannon lachte. "Ja, klar. So was passiert nur im Märchen."
Ohne ein Wort stand Kian auf und ging ein paar Schritte auf den Turm zu.
"Hey, hab ich was falsches gesagt?!" kam sie hinter ihm her und stoppte als auch er plötzlich stehen blieb und sich zu ihr umdrehte. Er wies mit seiner Hand auf eine Eisenplatte die in den Boden neben dem Eingang eingelassen wurde.
Rose and Killian forever, 183
Die Inschrift war kaum mehr zu entziffern, dementsprechend alt musste sie bereits sein. Mit staunenden Augen drehte Shannon sich um und blickte zu Kian auf der neben sie getreten war und mit den Händen in den Taschen vor Shannon stehen blieb. "Ich hab dir gesagt sie ist wahr.”
Shannon nickte nur schwach mit dem Kopf. In ihren Augen bildeten sich Tränen die jeden Augenblick haltlos über ihre Wange laufen würden, würde sie nicht die Kraft finden sich zusammen zu reißen.
"Was ist mit dir?" fragte Kian besorgt und legte ihr einen Atm um ihre Schultern. "Willst du dich wieder setzen?"
Shannon nickte dankbar und setzte sich wieder auf die Stufe. Es dauerte ein paar Sekunden bis sie sich wieder einigermaßen gefasst hatte und Kian in die Augen sehen konnte.
"Möchtest du drüber reden?" fragte er verständnisvoll und legte seine Hand auf ihre.
"Es ist nichts." schüttelte sie den Kopf und wischte sich eine Träne aus den Augen.
"Shannon, ich sehe doch dass du am liebsten laut losweinen würdest." sagte er sanft.
"Müssen wir auch ein Leben irgendwo anders anfangen um jemals glücklich zu sein?"
"Was meinst du?" Kian sah sie verwirrt an als sie seine Kappe und die Brille abnahm und ihm sanft über die Wange strich.
"Wann kann ich dich küssen und lieben wie, wann und wo es mir gefällt? Wann müssen wir uns nicht mehr ständig verstecken? Müssen wir auch erst in den Tod springen?"
"Shannon, ich bitte dich sei nicht albern."
"Ich komme mir aber albern vor, verstehst du das nicht? Ich bin mit einem Mann zusammen den ich nur hinter verschlossenen Türen lieben darf, der seine Hand wegzieht sobald wir ein Gebäude verlassen, ich weiß..."
"Ich weiß wie schwer es für dich sein muss und ich versuche immer noch dir begreiflich zu machen wieso ich die Sache mit uns so handhaben will. Ich möchte einfach nicht dass dir von der Presse etwas angedichtet wird oder dass du etwas über dich selbst lesen musst was gar nicht stimmt. Glaub mir die Presse findet alles heraus. Egal ob du vor zehn Jahren mal einen Lutscher geklaut hast, Krach mit deinen Eltern hast oder in der Schule schlechte Noten hattest, sie finden es heraus und verwenden es gegen dich."
"Vielleicht gibt es in meiner Vergangenheit ja nichts was sich gegen mich verwenden lässt."
"Dann erfinden sie eben etwas."
Shannon nickte. Sie wusste, dass sie hier auf Granit biss und fragte sich selbst warum sie es eigentlich immer und immer wieder versuchte.

"Was sagst du zu den Krebsen?"
Shannon nickte Kian zu und wischte sich kurz mit der Serviette über den Mund bevor sie antwortete. "Sind wirklich gut."
"Ich komme hier gerne hin. Das Restaurant gehört dem Onkel meiner Mutter schon seit über dreißig Jahren. Mittlerweile hat er sich allerdings aus dem Geschäft zurückgezogen und die Führung seiner Tochter überlassen."
"Die nette Frau die dir vorhin von der Theke aus zugewunken hat?"
Kian nickte.
"Ich hatte schon gedacht ich hätte Grund zur Eifersucht." scherzte Shannon.
"Bist du schnell eifersüchtig?"
"Kian, ich bitte dich. Ich sehe dich tagtäglich umgeben von hunderten Frauen. Wenn ich eifersüchtig wäre, dann wärest du ganz sicherlich nicht meine ideale Vorstellung von einem Mann."
"Das heißt du bist kein bisschen eifersüchtig wenn sich eine blonde, gutaussehende Frau mir an den Hals wirft?"
"Was soll die Frage?"
Kian zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck Wein um das Krebsfleisch hinunterzuspülen. "Vielleicht stehe ich auf eifersüchtige Frauen."
"Dann bist du bei mir an der falschen Adresse." schüttelte sie energisch den Kopf und widmete sich wieder ihrem Krebs.

"Komm mit, ich möchte dir etwas zeigen."
Sie hatten gerade das Pub verlassen, in das sie nach dem Essen noch einmal gegangen waren und liefen nun Hand in Hand zum Parkplatz als Kian plötzlich Inne hielt und sie strahlend ansah um sie kurz darauf hinter sich her zum Strand zu ziehen.
"Was zum Teufel machst du?" fragte sie mürrisch und versuchte sich aus seinem Griff zu lösen.
"Sieh mal auf die Uhr." grinste er und lies sie los um sich seiner Schuhe zu entledigen.
"Kurz vor zwölf. Und?" Shannon schien nicht zu verstehen was in ihn gefahren war, doch als sie das Meeresrauschen wenige Meter unter ihnen zum ersten Mal richtig wahr nahm wurde ihr mit einem Mal schlagartig klar was er vor hatte. "Du willst doch nicht ernsthaft da rein, oder?"
"Wieso nicht? Es ist dein Traum, nicht meiner." Er hob sie an ihren Hüften nach oben und setzte sie auf der breiten Steinmauer ab bevor er sich ihren Schuhen widmete.
"Kian wir haben gerade mal den 31. April, glaubst du nicht das wird ein bisschen kalt?"
"Mein Auto steht nur wenige Meter weit weg." Er deutete auf den Geländewagen der auf der anderen Straßenseite auf dem Parkplatz stand. "Und hat eine hervorragende Standheizung." Er half ihr von der Steinmauer und ging mit ihr die großen, steinernen Stufen, die zwischen riesigen Felsen hindurch führten, nach unten.
"Du bist ja verrückt." schüttelte sie den Kopf als sie ihn dabei beobachtete wie er sich seine Hose auszog und sie aufforderte es ihm gleichzutun.
Als sie schließlich lediglich in Unterwäsche und am ganzen Körper zitternd nebeneinander standen sahen sie sich ein letztes Mal grinsend an bevor sie die wenigen Meter auf dem kalten Sand ins Wasser rannten.

"Gott, ich fasse immer noch nicht dass ich wirklich mitten in der Nacht im Atlantik schwimmen war."
Shannon fiel förmlich zur Tür rein und hielt sich lachend am Türgriff fest. Sie zitterte noch immer am ganzen Körper obwohl die Heizung im Auto während der ganzen Fahrt auf höchster Stufe gelaufen war.
"Kann ich dir was anbieten? Tee, Kaffee, Sex?" Shannon hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund und blickte Kian beschämt an. Selbst das eine Glas Wein, dass sie sich zum Abendessen gegönnt hatte, schien in Verbindung mit ihren Medikamenten eine weitaus verheerendere Wirkung zu haben als sie zunächst angenommen hatte. "Ich meine möchtest du Tee?"
"Tee klingt gut." nickte er schließlich und schloss die Wohnungstür hinter sich während Shannon fluchartig in der Küche verschwand. Sie tat beschäftigt und durchforstete die Schränke nach etwas Essbarem um ja nicht in die peinliche Lage zu kommen ihm gegenüber zu stehen und nicht zu wissen was sie sagen sollte.
"Wolltest du mir nicht mal deine Liste zeigen?"
"Liste? Welche Liste?" Sie vermied es ihm in die Augen zu sehen während sie das fragte.
"Na die Liste auf der auch das nächtliche Schwimmen stand."
"Oh, ja natürlich." nickte sie und schob sich an ihm vorbei. Kian hatte es sich zwischenzeitlich auf einem der Stühle bequem gemacht als sie zurück in die Küche kam und ihm die Liste wortlos in die Hand drückte.

Dinge die ich tun will bevor ich sterbe:
1) Einem Kind den Lutscher abnehmen
2) Ein Buch schreiben
3) Um Mitternacht nackt schwimmen gehen
4) Gitarre spielen lernen
5) Einen weißen Gartenzaun um mein Haus haben
6) Meinen Vater finden und mit ihm sprechen
7) Artikel für eine Zeitung schreiben
8) Schneeengel machen
9) Etwas Großes schaffen
10) Einen Grund haben zu sterben

"Zwei Punkte kannst du ja nun auch abhaken." nickte er bedächtig und griff nach dem Stift der neben ihm auf dem Tisch lag um Punkt zwei und drei durchzustreichen.
"Hey, was soll das." fauchte sie ihn böse an und entriss ihm das Papier.
"Ich wollte lediglich die nächsten zwei Punkte wegstreichen."
"Das kann ich selbst, okay." erklärte sie bereits in einem wesentlich gesetzteren Ton als noch zuvor und legte den Zettel auf die Anrichte neben sich bevor sie die zwei Tassen mit heißen Wasser füllte und zwei Teebeutel hineinfallen lies. "Magst du Milch?"
"Bitte."
Wortlos ging sie zum Kühlschrank und holte die Milch aus dem Fach als sie plötzlich zwei Arme um ihre Hüfte spürte. "Kian, was..."
"Ich möchte dir helfen."
Shannon drehte sich in seiner Umarmung zu ihm um und sah ihn fragend an. "Wobei?"
"Bei deiner Liste. Ich möchte dir helfen all das zu erreichen was du dir vorgenommen hast. Ich will..."
"Kian." schüttelte sie den Kopf und löste sich aus seiner Umarmung. "Ich weiß nicht mal ob ich all das wirklich ernst gemeint habe, ob ich wirklich all das erreichen kann. Ich habe diese Liste vor langer Zeit geschrieben und kann mich nicht mal an die Hälfte der Dinge wirklich erinnern die ich dort aufgelistet habe. Es..."
"Warum weißt du dann immer wo sie ist? Und wieso sind bereits zwei Punkte weggestrichen?"
Shannon zuckte mit den Schultern und goss die Milch in Kians Tasse. "Ich habe Angst, okay?"
"Angst wovor?"
"Dass ich irgendwann sterbe und nicht mal die paar simplen Dinge, die auf meiner Liste stehen bewältigen konnte. Dass ich sterbe ohne jemals mit meinem Vater gesprochen zu haben oder ohne einen Grund zu haben."
"Wer kann schon von sich behaupten dass er einen Grund hat um zu sterben?"
"Ich. Ich möchte das von mir behaupten. Ich war dem Tod bereits so nahe dass ich ihn spüren konnte. Ich konnte spüren wie er in mich eindringen wollte und mir mein Leben nehmen wollte. Doch es erschien mir sinnlos, da mir niemand einen Grund nennen konnte warum ich mit fünfzehn bereits sterben sollte. Aus dem Grund habe ich gekämpft. Und ich werde auch das nächste Mal kämpfen wenn er mich haben will weil ich nicht eher von dieser Erde gehe bis ich einen Grund darin sehe all das hier hinter mir zu lassen um irgendwo ein neues, anderes Leben anzufangen."
"Deshalb möchte ich dir ja helfen." nickte Kian und kam zu ihr herüber.
"Dann hat er gewonnen." flüsterte Shannon und lehnte sich gegen Kians Brustkorb.
"Wer hat gewonnen?"
"Wenn ich all meine Ziele erreicht habe müsste ich kampflos gehen."
"Wovor hast du solche Angst?" Er hob sanft ihr Kinn und küsste sie vorsichtig auf die Nasenspitze bevor er sie erneut in seine schützende Umarmung zog und sie sanft hin und her wiegte.
"Ich habe Angst zu sterben. Wenn ich meine Liste nicht schaffe, dann kann ich auch nicht sterben, weil ich kämpfen und ihn besiegen werde, wie letztes Mal. Doch was wenn er stärker ist und mich dieses Mal nicht gehen lassen wird? Ich meine..."
"Was meinst du mit dieses Mal? Verschweigst du mir etwas?"
Shannon schüttelte unter Tränen den Kopf. "Nein aber was wenn..."
"Es gibt kein wenn. Nicht heute, nicht für dich. Du bist 25 und gesund, du solltest an ganz andere Dinge denken als an den Tod, findest du nicht?"
Sie nickte zaghaft und hob den Kopf ein Stück um ihm in die Augen sehen zu können. "An was denn zum Beispiel?"
"An so was zum Beispiel." Er nahm ihr Gesicht sanft in seine Hände und beugte sich langsam zu ihr nach unten um sie zärtlich zu küssen. "Oder so was." fuhr er mit heiserer Stimme fort und fuhr langsam mit seiner Hand unter ihr noch immer feuchtes Shirt.
"Kian, was..."
"Shhh." Er legte ihr seinen Zeigefinger auf die Lippen und schüttelte sachte den Kopf während er sie vorsichtig aber bestimmt aus der Küche raus in Richtung Badezimmer schob.
"Das ist das Badezimmer." lachte sie und deutete mit zitternder Hand in die entgegengesetzte Richtung zur Schlafzimmertür.

11 Kapitel

"Das Frauen immer so ewig im Bad brauchen verstehe ich bis heute nicht."
Kian stand ungeduldig am Fenster und spähte hinunter auf die Straße, die an diesem Sonntag Vormittag recht leer und ungewöhnlich ruhig war für die Innenstadt Limericks. Wahrscheinlich waren alle nach Ashford Castle unterwegs, dachte Kian bei sich und schüttelte den Kopf. Sein bester Freund würde seiner Verlobten in weniger als zwei Stunden das Jawort geben und er stand noch immer in Shannons Wohnung und wartete darauf, dass sie endlich wieder aus dem Badezimmer kam.
"Shannon, verdammt es ist schon halb zwölf, wir müssten schon längst unterwegs sein." Er klopfte zum wiederholten Male energisch gegen die Tür durch die Shannon bereits vor mehr als einer halben Stunde verschwunden war um sich fertig zu machen. "Du brauchst doch sonst auch nie so lange."
"Immerhin ist das meine erste Hochzeit." hörte Kian Shannon von drinnen meckern bevor sich nur Augenblicke später die Tür öffnete und Shannon mit hochgesteckten Haaren und einem wunderschönen schwarzen Hosenanzug, den sie erst am Tag zuvor gemeinsam mit Kian gekauft hatte, aus dem Bad kam und sich einmal um die eigene Achse drehte.
"Wahnsinn." nickte Kian mit weit geöffneten Augen und drückte ihr einen Kuss auf den Mund bevor er ihre Hand nahm und sie hinter sich her zur Tür zog.
"Warte, ich habe noch keine Jacke und meine Tasche liegt noch in der Küche."
"Shannon." Kian jammerte bereits wie ein Kind und sah nervös auf die Uhr während er Shannons Jacke vom Haken nahm und darauf wartete dass sie mit ihrer Tasche zurück kam. "Wenn ich wegen dir die Hochzeit verpasse."
"Ich bitte dich, wir haben doch noch jede Menge Zeit." Sie blickte auf die Uhr und verzog das Gesicht ein wenig als sie sah wie spät es wirklich war und schlüpfte schnell in ihre Jacke bevor sie Kian vor sich her aus der Wohnung schob. "Komm, nicht so langsam, wir wollen doch nichts verpassen!"

Die Fahrt zur Kirche dauerte gut eine dreiviertel Stunde, doch bereits einige Kilometer vor der eigentlichen Kirche stand eine kleine Straßensperre mit mehreren bulligen Männern, die die Insassen des Wagens aufforderte die Einladungen vorzuzeigen. Shannon verkniff sich die Bemerkung, dachte allerdings für sich, dass Shane es bei der Sicherheit vielleicht ein klein wenig übertrieben hatte.
Wie vorhergesehen kamen die beiden knappe zwanzig Minuten zu spät und mussten sich mit den hinteren Reihen begnügen und sich dort leise einen Platz suchen.
Die sonst zwischenfallslose Zeremonie verlief harmonisch und ruhig. Das Brautpaar blieb noch einige Augenblicke an der Kirche um sich der Presse und dem Hochzeitsfotographen zu stellen während die Gäste bereits in ihre Autos stiegen und zum nahegelegenen Schloss fuhren auf dem die Feier stattfinden sollte.
Sie fuhren über eine alte Steinbrücke die über einen kleinen Bach führte und sie, durch einen dichten Wald hindurch, zum Anwesen führte. Shannon konnte, als sie aus dem Fenster sah, bereits kurze Zeit später die ersten Teile des Hauptgebäudes sehen. Es dauerte nicht lange bis der Wagen die Auffahrt erreicht hatte wo bereits eine Handvoll perfekt gekleideter junger Herren warteten die ihnen die Türen öffneten und ihnen eine Parkkarte in die Hand drückten bevor sie mit dem Wagen davon brausten und auf dem schlosseigenen Parkplatz parkten.
"Gehören sie zur Hochzeitsgesellschaft?" fragte sie ein dünner, schwarzgekleideter Mann mittleren Alters. Er hatte seine Hand hinter seinem Rücken verschränkt und wies mit der anderen auf einen Brunnen, an dem sie eben bereits mit dem Auto vorbeigefahren waren. "Einfach den Weg zurück und am Brunnen vorbei."
Kian dankte dem Mann freundlich, nahm lächelnd Shannons Hans in seine und schlenderte mit ihr langsam an dem mächtigen Gebäude entlang zu dem, von dem Mann ausgewiesenen Eingang. Um den großen Fontänenbrunnen, der von unzähligen Scheinwerfern angestrahlt wurde, prangte ein Meer aus violetten und weißen Blumen.
Kian reichte Shannon seinen Arm und lief gemeinsam mit ihr die hohen Stufen zum Eingang nach oben. Die große massive Eisentür wurde ihnen von einem älteren Mann geöffnet der sie freundlich begrüßte und ihnen ihre Jacken abnahm. Schnell kam ein weiterer Mann hinzu und half ihm die Jacken in eins der Gemächer zu bringen. Er verwies auf eine offen stehende Tür die sich auf der rechten Seite des riesigen Saales befand. Shannon sah sich beeindruckt um und versuchte alles mit ihrem Blick aufzunehmen. Links und rechts gingen riesige, steinerne Treppen, deren Stufen mit rotem Samtteppich belegt waren, nach oben. In der Mitte des Saales prangte ein gigantischer Kronleuchter unter dem sie kurz stehen blieb und nach oben starrte. Kopfschüttelnd kam sie Kians nervöser Bitte nach und folgte ihm nach draußen. Sprachlos blieb sie stehen und lies ihren Blick über das Gelände schweifen. Nie hatte sie etwas so wundervolles gesehen wie das. Die fünf großen Pavillons, die in einem Halbkreis um das Gebäude aufgebaut waren, leuchteten abwechselnd in weiß und pastellfarbenem lila. Überall tummelten sich bereits unzählige Menschen die aufgeregt darauf warteten dass sie in das Hauptzelt etwas weiter unten, nahe dem Seeufer, gebeten wurden wo in wenigen Minuten das Brautpaar ankommen würde. Alleine die Kellnerschaft musste mindestens ein viertel der bereits Anwesenden ausmachen denn alle zwei Meter lief ihnen einer dieser schwarz gekleideten Männer und Frauen über den Weg die sie freundlich anlächelten, ihnen ein Glas Schampus anboten und wieder verschwanden. Kian und Shannon schlenderten langsam in Richtung Seeufer in der Hoffnung einen guten Platz weit vorne zu ergattern bevor die breite Masse auf das Zelt losgelassen wurde. Auf ihrem Weg blieben sie mehrere Male kurz stehen, grüßten einige der Gäste und unterhielten sich kurz mit ihnen - besser gesagt Kian tat das - und gingen dann knappe zehn Schritte weiter um dort den nächsten Smalltalk zu halten.
Der dichte Nebel, der über dem See im Hintergrund des Geschehens hing, wurde mit violetten Scheinwerfern angestrahlt, was der Umgebung einen mystischen Touch gab. Ein paar Boote, auf denen riesige lila-weiße Blumenarrangements aufgebaut waren, trieben auf dem seichten Wasser umher, das Seegras am Rand des Ufers war mit einzelnen weißen und violetten Blumen ausgesteckt und jeder der Kellner trug eine weiße Rose im Knopfloch. Shannon lächelte. Sie hatte noch nie einer so perfekt organisierten und prunkvollen Hochzeit beigewohnt und fühlte sich in dem Moment wahrlich stolz das miterleben zu dürfen.
Kians Hand auf ihrer Schulter holte sie wieder zurück in die Realität. Sie wirbelte herum und blickte ihm fragend in die Augen.
"Komm, lass uns reingehen. Es wird kalt." Er nahm wie selbstverständlich ihre Hand und zog sie hinter sich her in den naheliegenden Pavillon. Riesige Heizöfen standen an den mit Metallplatten verstärkten Außenwänden und heizten das Innere des Zelts. Sofort kamen Georgina und Nicky auf die beiden zugestürzt und umarmten sie freudig.
"Hey, wann seid ihr angekommen? Wir haben euch in der Kirche gar nicht gesehen?" fragte Georgina, die immer wieder ihren Blick zwischen Kian und Shannon hin und her schweifen lies.
"Wir sind leider etwas spät gekommen und mussten mit den hinteren Plätzen vorlieb nehmen!" entgegnete Kian schnippisch und warf Shannon einen strengen Blick zu die daraufhin aber lediglich die Schultern hob.
Shannon und Georgina stellten sich an einen der freien Stehtische während Kian und Nicky an der Bar verschwanden. Doch es dauerte nicht lange bis sie mit aufgeregten Gesichtern wieder kamen und die Mädchen hinter sich her zum Hauptzelt zogen. Vereinzelt liefen bereits ein paar Menschen mit ihnen, doch die Mehrheit schien von der Öffnung der Tore noch nichts mitbekommen zu haben.
Das Zelt war riesig und wurde, wie all die anderen Pavillons auch, mit großen Scheinwerfern von außen angestrahlt. Der Bogen um den Eingang war mit weißen Rosen geschmückt und im Inneren wurde, genau wie in den kleineren Zelten, mit Heizöfen für die nötige Wärme im irischen Frühsommer gesorgt.
Die grüne Fläche, auf der an die 700 Stühle und die dazugehörigen Tische standen, wurde durch einen weißen Teppich in zwei Hälften geteilt. Im vorderen Teil, dort wo Shannon, Georgina, Kian und Nicky Platz nahmen, war ein langer Tisch aufgebaut auf dem zwei volle Sektgläser und zwei riesige Blumengestecke standen.

"Du siehst großartig aus!" schwärmte Shannon als sie Gillian nach der Ansprache um den Hals fiel. Es hatte einige Zeit gedauert bis sie zum Brautpaar durchgedrungen waren, hatte sich doch innerhalb kürzester Zeit eine riesige Menschenmasse um die frisch Vermählten geschart, die all ihre gutgemeinten Glückwünsche loswerden wollten, und das auf dem schnellsten Weg.
"Danke Shannon!" dankte Gillian mit kleinen Freudentränen in den Augen. Immerzu hielt Shane ihre Hand und drückte sie sachte an sich wenn sie eine Sekunde Zeit für sich fanden. Sie wirkten so unglaublich glücklich und Shannon hätte alles dafür verwettet, dass sich die Beiden fürs Leben gefunden hatten, egal was Klatschpresse oder angebliche "Freunde" schon oft genug behauptet hatten.
Auch Anto war unter den geladenen Gästen und just in diesem Moment kam er auf das Brautpaar zu um ihnen seine Glückwünsche auszusprechen. Er grüßte kurz in die Runde und widmete sich dann voll und ganz Gillian und Shane, die, immer noch Hand in Hand, in der Mitte der Masse standen und noch lange nicht zu realisieren schienen, dass all diese Menschen sich für sie freuten, ganz allein für sie.

"Ach quatsch, ich sage dir es war ganz anders!" lachte Nicky und schüttelte beschämt den Kopf.
"Und ich sage es war genau so und nicht anders!" widersprach ihm Georgina und zog die Augenbrauen hoch. "Er kann in dem Punkt einfach nicht ehrlich sein" lachte sie und schüttelte, belustigt über Nickys kindlichen Gesichtsausdruck, den Kopf.
Georgina lachte ausgelassen und auch Gillian, die gerade mal ein paar Minuten Zeit gefunden hatte in denen sie sich von verpflichtenden Gesprächen und ihrem frisch Angetrauten lösen konnte, stimmte in das Lachen mit ein als sie Nickys hochroten Kopf sah.
"Er ist bloß ein großes Baby." lachte Georgina und zog ihren Mann liebevoll zu sich um ihm einen kleinen Kuss auf die Stirn zu geben.
Shannon saß mehr oder weniger interessiert am Tisch und lauschte den Geschichten die erzählt wurden. Kian saß nicht minder gelangweilt neben ihr und spielte unentwegt mit dem Glas in seiner Hand, welches er ständig auf der weißen Tischdecke hin und her schob und Shannon damit wahnsinnig machte.
Es dauerte nicht lange bis auf der kleinen Bühne, die in der Mitte der Grünfläche zwischen den Pavillons aufgebaut wurde, die ersten Menschen ihre Gläser erhoben und einen Toast auf das Brautpaar aussprach. Bei Shanes eigener Ansprache allerdings, hatte wohl jeder der Anwesenden Tränen in den Augen oder zumindest eine gehörige Gänsehaut.
"Es war im Sommer als ich Gillian das erste Mal traf. Ein Freund nahm mich mit zu einem Familienpicknick weil er nicht alleine dorthin gehen wollte. Er fragte mich ob ich nicht Lust hätte mitzukommen um seine kleinen Cousins und Cousinen auf den Arm zu nehmen. Als ich das blonde Mädchen hier neben mir das erste Mal sah dachte ich mir, Junge die wirst du mal heiraten. Doch anstatt sie auf ein Eis einzuladen habe ich ihr Gesicht in eine Pfütze gesteckt. Sie hat die ganze Zeit geweint. Als ich sie das zweite Mal getroffen hatte ist sie gerade auf meine Schule gekommen. Sie war drei Klassen unter mir und ich habe sie auf dem Schulhof immer heimlich beobachtet wie sie mit ihren Freundinnen spielte. Manchmal hatte sie mich sogar angelächelt wenn sie mich sah. Manchmal ignorierte sie mich aber auch einfach. In der siebten Klasse habe ich mich das erste Mal getraut sie um ein Date zu bitten und zu meiner Verwunderung sagte sie ja."
Gillian lachte unbeholfen und kämpfte schon jetzt mit den Tränen, die die Rede ihres Mannes hervorrief.
"Wir waren nur ein paar Mal miteinander ausgegangen als sie mir den Laufpass gab. Ich war ein Wrack für Wochen, konnte an nichts anderes denken als an sie, denn ich war so verliebt in dieses Mädchen. Ich habe sie hier und da mal gesehen wenn sie mir im Ort über den Weg gelaufen ist, doch wir sprachen nie. Im Sommer dann, ich arbeitet gerade in dem Cafe um die Ecke, kam sie hineinspaziert. Ich habe gerade drei älteren Herren Orangensaft servieren wollen als ich sie erblickte und der Saft seinen Weg auf die Hemden von zwei der Männer fand. Sie waren außer sich, sind aufgesprungen und waren seither nicht mehr im Cafe gesehen. Doch das war mir egal. Sie war zurück in mein Leben getreten. Sie bat mich um einen Kaffee und wir verbrachten den ganzen Tag damit über alles mögliche zu reden. Vom ersten Tag an war mir klar dass ich mit dieser Frau alt werden möchte und nun ist mein Traum in Erfüllung gegangen. Ich stehe hier, vor euch allen und möchte sagen, danke Gillian. Danke für deine Unterstützung, für deine Liebe und dein Verständnis. Ich wüsste nicht was ich ohne dich in meinem Leben machen würde. Und ich danke dir Gott, dass du mir ein so wundervolles Geschöpfe geschenkt hast und..."
Gillian hielt ihm die Hand vor den Mund und drehte sich das Mikrofon etwas nach unten. "Darf ich vielleicht auch noch etwas hinzufügen?" Gillian sah Shane fragend an der daraufhin nickte. "Du solltest dich vielleicht gleich im Kollektiv auch für den zweiten Menschen bedanken der unterwegs ist. Lieber zu früh als zu spät." Gillian lächelte überglücklich und führte Shanes zitternde Hand zu ihrem Bauch.
"Oh mein Gott.” war alles was Shane heraus brachte bevor er ihr weinend um den Hals fiel und sie fest an sich drückte.

"Nein, wirklich nicht. Ich glaube kaum dass er sich daran erinnert." lachte die Blondine, die bereits seit mehr als einer viertel Stunde bei Kian stand und von Shannon auf Schritt und Tritt argwöhnisch beobachtet wurde. Sie hatte sich als alte Freundin bei der Gruppe vorgestellt und Kian mit einem Lächeln aber bestimmt bei Seite gezogen und seitdem nicht mehr von ihm abgelassen. Sie standen noch in Hörweite der anderen und so war es auch Shannon nicht verborgen geblieben dass Kian sich köstlich mit der Blondine zu amüsieren schien.
"Shannon?"
"Hmh?" Shannon blickte abwesend auf und sah in Nickys fragendes Gesicht. "Was? Bitte entschuldige, ich glaube ich habe dir nicht zugehört."
"Ja, das sehe ich auch so." lachte Nicky kopfschüttelnd und beugte sich ein Stück zu ihr. "Ich habe lediglich gefragt ob alles okay ist."
"Ja, sicher." nickte sie tapfer. "Warum soll es nicht okay sein?"
"Du siehst bedrückt aus."
Shannon sah wortlos zu Kian und der blonden Frau, die mittlerweile ihre Hand auf seinem Arm liegen hatte und ihn immer wieder verführerisch anlächelte.
"Bist du etwa eifersüchtig auf die Frau?"
"Welche Frau?" fragte Shannon unschuldig.
"Die Frau die bei Kian steht."
Shannon schüttelte den Kopf. "Wie kommst du denn darauf?"
"Naja, du siehst die beiden schon die ganze Zeit immer wieder an."
Shannon lachte unsicher. "Ach Quatsch, ich bin nicht eifersüchtig." schüttelte sie abermals den Kopf und erschrak als sie zwei Hände auf ihren Schultern spürte.
"Eifersüchtig?"
"Kian, ich bin nicht eifersüchtig." entgegnete sie ohne sich zu ihm umzudrehen.
"Habe ich nicht behauptet. Habe ich das behauptet?" fragte Kian in Nickys Richtung doch der hob lediglich entschuldigend die Hände und widmete sich wieder seiner Frau, die neben ihm saß und sich angeregt mit Mark und seiner Begleitung unterhielt.
"Ich wollte eigentlich nur fragen ob du etwas dagegen hast wenn ich mit Natasha kurz tanze."
"Natasha?"
"Die Frau auf die du nicht eifersüchtig bist."
"Selbstverständlich, geh nur und hab Spaß." lächelte sie gequält und blickte ihm sehnsüchtig hinterher als er mit ihr auf der Tanzfläche verschwand.
"Hey man, du bist echt in Ordnung." nickte Nicky und zeigte ihr anerkennend den erhobenen Daumen. "Georgina würde ausrasten wenn ich mit meiner Exfreundin tanzen wollte."
"Exfreundin?" Shannon wurde schlecht.
"Ja, wusstest du das etwa nicht?"
"Was wusste ich nicht?"
"Ach, weißt du, das ist gar nicht so wichtig wenn ich es mir genau überlege." versuchte Nicky sich herauszureden, doch Shannons Blick sagte ihm mehr als tausend Worte. "Sie waren vor einem Jahr für ein paar Monate zusammen."
"Wie viele Monate?"
"Achtzehn." erwiderte Nicky kleinlaut und beobachtete wie sich Shannons Gesichtszüge zunehmen verhärteten.
Shannon nahm ihre Tasche vom Tisch und entschuldigte sich zur Toilette. Doch statt den Weg zum Schloss hinauf schlug sie den selben Weg ein, den Kian und die Blondine zuvor gegangen waren. Nachdem sie sich durch das Gewühl von Paaren gezwängt hatte, die alle ausgelassen tanzten und Spaß hatten, erblickte sie schließlich Kian und die Frau, die engumschlungen auf der Tanzfläche standen und über irgendetwas lachten. Kian hielt Inne als er Shannon am Rand der Tanzfläche erblickte und den traurigen Ausdruck auf ihrem Gesicht sah. Kopfschüttelnd und mit Tränen in den Augen, die sie verzweifelt versuchte zurückzuhalten, machte sie kehrt und rannte aus dem Zelt, über die grünen Wiesen hoch zum Schloss. Sie wollte weg von hier, weg von Kian und der blonden Frau, weg von... Weiter kam sie nicht denn zwei starke, kräftige Hände hatten sie am Arm zu fassen bekommen und hielten sie davon ab davonzurennen. "Lass mich los." schrie sie aus vollem Halse und riss sich von Kian mit aller Kraft los.
"Shannon bitte, was soll das? Ich habe lediglich mit ihr getanzt. Ich dachte du seiest nicht eifersüchtig."
"Wann hattest du vor mir zu sagen dass du mit dieser Frau bereits eine Beziehung hattest die länger ging als wir beide uns überhaupt kennen?"
"Das ist über ein Jahr her."
"Das ist doch egal." Shannons Stimme überschlug sich nahezu als sie unter Tränen fast zusammenbrach und sich gerade noch so an Kians Jackett festhalten konnte.
Als sie sich wieder etwas erholt hatte und wieder aufrecht stand sah sie ihn mit einem verletzten Gesichtsausdruck an und versuchte die richtigen Worte für das zu finden, was in ihr vorging. "Ich habe so lange gebraucht diese Mauer aufzubauen um nie wieder jemanden zu nahe an mich heranzulassen der mich verletzen könnte. Und jetzt kommst du und reißt diese Mauer langsam aber sicher ein. Was mache ich wenn ich dich verliere?"
"Wieso solltest du mich verlieren?"
"An Blondie zum Beispiel."
Kian lachte. "Wieso glaubst du dass ich Natasha dir vorziehen würde?"
"Naja." Shannon zuckte mit den Schultern. "Sie ist groß, blond, hat eine tolle Figur und um einiges mehr Klasse als ich und..."
"Versteh doch dass du diejenige bist die für mich perfekt ist. Sicher, wenn ich ehrlich bin hätte ich dich wahrscheinlich lediglich eines kurzen Blickes gewürdigt wenn du mir auf der Straße begegnet wärst aber ich hatte ja das Glück dich kennen lernen zu dürfen und ich würde dich für nichts auf der Welt gegen Natasha oder sonst eine andere eintauschen wollen. Okay?"
Shannon nickte zaghaft und seufzte. "Du hältst mich jetzt bestimmt für eine total blöde, durchgeknallte Tussi."
"Blöd nicht, nein. Durchgeknallt vielleicht." gestand er und griff nach ihrer Hand. "Komm, lass uns tanzen gehen." Er gab ihr einen kleinen Kuss bevor er mit ihr an der Hand zurück zu dem Pavillon lief.
"Hast du keine Angst dass morgen wieder ein Bild von uns in der Zeitung ist und sie mir anzudichten versuchen ich hätte mit dreizehn einen Kaugummi geklaut?"
Kian, der mit Shannon im Arm auf der Tanzfläche stand und zu einem langsamen Walzer tanzte, schüttelte stumm den Kopf, blickte ihr dabei jedoch unentwegt in die Augen.
"Was ist?" fragte Shannon verwirrt.
"Nichts. Ich denke nur langsam dass du vielleicht recht hast. Wenn du kein Problem damit hast, wieso soll ich dich und meine Gefühle dir gegenüber verstecken? Es gibt keinen Grund es länger zu verheimlichen, oder?"
Shannon verstand gar nichts mehr und musste einen recht verdutzten Gesichtsausdruck aufgelegt haben, so wie Kian sie jetzt ansah. "Wie kommt der plötzliche Sinneswandel?"
"Ich weiß nicht. Vielleicht durch Shane und Gillian. Ich meine sieh sie dir an, sie haben alles was bisher in Zeitung und Fernsehen über sie gesagt wurde hinter sich gelassen, sich einfach nicht darum gekümmert und ihr Leben weiter gelebt. Wenn die beiden das können, wieso sollten wir das nicht auch schaffen?"
Shannon nickte verwundert. Es dauerte einen Moment bis sie wirklich verstanden und verarbeitet hatte, was er ihr da gerade gesagt hatte, doch dann zeichnete sich augenblicklich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ab. "Meinst du das ernst?"
Er nickte ihr lächelnd zu. "Ich denke schon."
"Das heißt ich darf dich hier und jetzt küssen?"
"Wenn du das möchtest." lachte Kian kopfschüttelnd und kam mit seinem Lächeln ein Stück zu ihr nach unten.
"Ob ich das möchte? Ich denke seit Gillians Jawort an nichts anderes."

12 Kapitel

Shannon war gerade dabei ihren kleinen Koffertrolley zu bepacken als das Telefon läutete.
"Murphy?" raunte sie atemlos in den Hörer.
"Hey Schwesterherz."
"Aileen." Ihre bis dahin dunkle Miene erhellte sich umgehend.
"Ich dachte mir ich häre mal nach ob du noch lebst da du dich schon so lange nicht mehr gemeldet hast."
Shannon verzog das Gesicht. "Ich habe die Telefonrechnung nicht bezahlen können, deshalb kann ich lediglich Gespräche annehmen, sorry."
"Kein Geld?"
"Noch nicht." seufzte Shannon und ging zurück in ihr Schlafzimmer.
"Also Lieblingsschwester, wie geht es dir?"
"Gut und dir?" Shannon lies sich auf ihr Bett fallen und schob sich ein Stück des Donuts, den sie sich zuvor im Laden um die Ecke gekauft hatte, in den Mund.
"Ach, wie soll es mir schon gehen, die Arbeit geht mir auf die Nerven, aber sonst ist alles wunderbar. Wie geht es Kian?"
"Gut, denke ich. Ich habe ihn die letzte Woche nicht gesehen weil er unterwegs war aber ich fahre in einer dreiviertel Stunde nach Dublin um ihn dort für zwei Konzerte zu besuchen."
"Cool. Ich habe übrigens die Bilder von der Hochzeit gesehen, muss ja wirklich der Hammer gewesen sein."
"Das war es, glaub mir. Wenn ich mal heiraten sollte dann auf jeden Fall so."
"Ach herrjeh." Aileen lachte am anderen Ende der Leitung. "Seid ihr jetzt schon so weit dass ihr von Hochzeit sprecht?"
"Sei nicht albern , Lee." wies Shannon ihre Schwester zurecht. "Ich meine lediglich dass, wenn ich heiraten sollte, dass ich das nur im großen Stil tun werde."
"Wie stehen die Dinge mit deinem Bestseller?" wechselte Aileen gekonnt das Thema um nicht auf Konfrontationskurs zu gehen.
"Schlecht bis miserabel. Ich weiß nicht wo ich anfangen soll, die haben mich mit Infos gerade zu überschüttet während der drei Monate. Aber da mir sowohl mein Job als auch mein Leben lieb ist werde ich notgedrungener weise bis Ende August was zu Papier bringen müssen. Stell dich schon mal auf nächtliche Telefonate ein in denen ich dich mit meinen Problemen mit dem Buch nerven werde."
"Ist notiert."
"Hörst du mir überhaupt zu?"
"Hmh?" war alles was von Aileen zurück kam.
"Ich muss jetzt sowieso aufhören wenn ich den Zug nicht verpassen will. Also, bleib mir gesund und meld dich bald wieder, ja?"
"Alles klar große Schwester. Bis bald und Gruß unbekannterweise an Kian."
"Mache ich." lächelte Shannon und küsste den Telefonhörer bevor sie auflegte. Sie warf einen flüchtigen Blick auf die Uhr und erschrak. Ihr Zug würde in weniger als einer halben Stunde abfahren und sie war noch nicht annähernd fertig. Schnell griff sie zum Telefon und wollte die Nummer der Taxigesellschaft wählen als ihr einfiel dass sie ja noch immer nicht bezahlt hatte. Wütend knallte sie den Hörer auf die Gabel und rannte aus dem Schlafzimmer ins Bad um ihre Zahnbürste, einen Kamm und Creme einzupacken. Eilig stopfte sie alles zusammen mit frischer Unterwäsche und einem weiteren Shirt in ihren Rucksack, warf ihre volle Tablettendose darauf, schloss den Rucksack und warf ihn neben die Eingangstür auf den Boden bevor sie in die Küche rannte und ihre Handtasche nahm, ihren Geldbeutel, einen Apfel, eine Flasche Wasser, den Brief und ihre Sonnenbrille hineinwarf und zur Tür eilte. Sie schlüpfte in ihre Schuhe, warf sich ihre Jacke um und schulterte den Rucksack während sie mit ihrer freien Hand die Tür öffnete und sie geräuschvoll hinter sich zuzog.

"Da ist ja mein Wirbelwind." lachte Kian als er Shannon durch die Absperrung kommen sah und auf sie zukam um ihr dabei zu helfen, die gerade von ihr fallengelassenen Zettel aufzuheben. "Was hast du da?"
"Fragen. Ich brauche noch ein paar Antworten von euch." lächelte sie außer Atem und nahm die von ihm aufgesammelten Unterlagen an sich bevor er sich zu ihr herunter beugte und sie zur Begrüßung küsste. "Du glaubst gar nicht wie froh ich bin dich zu sehen." seufzte sie und lehnte sich kurz gegen seine Brust bevor er ihre Hand ergriff und sie hinter sich her zog.
"Irgendwann wirst du dafür abgeschleppt, das garantiere ich dir!" lachte Shannon als sie in Kians silbernen SLK einstieg, der wie auch schon das letzte Mal direkt vor dem Bahnhofsgebäude mit Warnblinker geparkt war.
"Was machen wir jetzt?" fragte Kian als er sich auf den Fahrersitz fallen lies.
"Was fragst du mich das? Du müsstest doch wissen was du jetzt zu tun hast."
"Ich denke wir sollten jetzt erst mal ins Hotel fahren damit du dein schweres Gepäck abstellen kannst und dann können wir immer noch sehen was wir machen." lachte er verschmitzt und startete den Wagen.
"Wann musst du in der Halle sein?"
"Nicht in nächster Zeit."

Shannon betrat nach dem Konzert den Umkleideraum beladen mit frischen Handtüchern und vier Flaschen Wasser. Sie hatten im Hotel vollkommen die Zeit vergessen und waren folglich zu spät in der Halle angekommen woraufhin Anto erst eine Szene machte und Shannon dann in den Zuschauerraum verbannte bis das Konzert zu Ende war. Nach dem Konzert allerdings war es ihr wieder gestattet in den Backstagebereich zu kommen und sofort wurde sie als Wasserträger ausgenutzt und fand sich jetzt in der Umkleidekabine der Jungs wieder.
"Hier, Anto wollte dass ich euch das bringe."
"Bist du jetzt seine Botin oder wie sehe ich das?" lachte Shane und nahm ihr die Sachen ab.
"Nein, aber er meinte ich würde sowieso zu euch gehen und könnte die Sachen deshalb mitnehmen." hob Shannon die Schultern und sah sich nach Kian um. "Wo ist er?”
"Wer? Kian? Der ist am Telefon soviel ich weiß.”
Shannon nickte und nahm auf der Holzbank zu ihrer linken Platz.
"Und, wie wars?" fragte sie schließlich um wenigstens irgendetwas zu sagen.
"Ganz gut, du hast es doch gesehen." lachte Shane und begann sich die Haare trocken zu rubbeln. "Was macht unser Bestseller?"
"Frag nicht." lachte sie und vergrub ihr Gesicht hinter ihren Händen. "Es ist auf dem besten Wege eine Katastrophe zu werden."
"So schlimm?"
Shannon schüttelte den Kopf. "Nein, ich habe nur noch ein paar Schwierigkeiten mit der Aufteilung, ansonsten ist alles okay. Es wird planmäßig erscheinen können."
"Wunderbar! lächelte Shane zurück und entschuldigte sich in den angrenzenden Waschraum.
”Ich wusste gar nicht dass Anto dein Verbot für den Backstagebereich schon wieder aufgehoben hat.” Kian kam mit einem strahlenden Lächeln auf dem Gesicht durch die Tür und schloss sie auf direktem Wege in seine Arme. "Wie geht es dir?"
"Jetzt geht es mir wieder gut." lächelte sie und schmiegte sich an seine Brust. Er hatte gerade frisch geduscht, dass roch man zehn Meter gegen den Wind.
"Mit wem hast du telefoniert?" fragte sie nach einer Weile beiläufig.
"Niemand." schüttelte er den Kopf und wendete sich von ihr ab um seine Klamotten und Schuhe in die kleine schwarze Reisetasche zu packen.
"Niemand? Du hast mit niemandem am Telefon gesprochen?" fragte sie verwirrt.
"Nein." erwiderte er harsch. "Nur ein blöder Fan der meine Nummer rausbekommen hat." stöhnte er und warf die volle Tasche neben die Tür. "Zufrieden?" fragte er pampig und setzte die Wasserflasche an die Shannon zuvor mitgebracht hatte.
Shannon war verwirrt, hatte sie denn etwas Falsches gesagt? Sie hatte doch bloß gefragt wer am Telefon war. "Hey." sagte sie sanft und schlang ihre Arme um seine Hüfte. "Ich wollte dich doch nur ein bisschen ärgern, wieso flippst du denn gleich aus?"
Kian sah sie mit müden Augen an. "Tut mir leid Shannon, aber heute ist einfach nicht mein Tag, ich wollte dich wirklich nicht so anfahren."
"Ist schon gut." versicherte sie ihm und gab ihm einen kleinen Kuss auf die Nase als Nicky im selben Moment durch die Tür kam.
"Shannon" freute er sich und schloss sie in seine Arme. "Schön dich zu sehen, wie geht es dir?"
"Gut, und selbst? Was macht Gina?"
"Alles im Lot." berichtete er ihr während er seine Sachen packte. "Hey, wir wollten uns heute Abend alle bei Mark im Zimmer treffen und den alten Schinken ansehen der auf RTÉ2 läuft, habt ihr Lust?"
Shannon und Kian tauschten Blicke aus, doch bevor Shannon etwas erwidern konnte hatte Kian bereits zugesagt.
"Wunderbar." nickte Nicky und verschwand wieder.

"Kommt rein!" forderte Nicky Kian und Shannon auf als sie am selben Abend an Marks Zimmertür klopften. "Der Film läuft schon seit fünf Minuten aber ihr habt noch nichts wesentliches verpasst." informierte er sie und nahm wieder auf der Couch neben Shane Platz. Kian setzte sich auf den leeren Sessel, Shannon auf den Boden zwischen seine Beine. Sie wusste nicht warum aber irgendetwas war komisch an Kian an diesem Tag. Sie hatten sich zuvor knapp eineinhalb Wochen nicht gesehen und eigentlich dachte sie das Kian ihr vor Verlangen die Kleider noch in der Umkleide vom Leib reißen würde, doch auch als sie vom Konzert nach Hause kamen hatte er keine Anstalten gemacht ihr näher als nötig zu kommen, sogar ihre gemeinsame Nacht hatte er ohne mit der Wimper zu zucken für einen Uraltfilm von 1957 geopfert der ihn wahrscheinlich nicht einmal interessierte.
Noch während Shannon in ihrem Kopf die wildesten Szenarien spann klingelte Kians Handy.
"Hallo?... Oh, hi.... Warte, ich gehe nur schnell vor die Tür..." sagte er leise bevor er durch die Tür verschwand.
Nicky und Shane tauschten verwirrte Blicke während Mark viel zu sehr in den Film vertieft war als das er etwas um sich herum wahrgenommen hätte.
"Was ist los?" fragte Shannon verwirrt und lies ihren Blick zwischen Shane und Nicky hin und her wandern.
"Nichts." versuchte Nicky sich rauszureden, doch die Röte die ihm dabei ins Gesicht stieg war auch in dem fahlen Licht des Fernsehers noch zu erkennen.
"Nicky, was ist los?"
"Er geht raus zum telefonieren?" Seine Tonwahl machte den Satz mehr zu einer Frage als zu einer Aussage.
"Ja und?" Shannon verstand nicht.
"Naja, das macht er sonst nie."
Sie stockte. Das machte er sonst wirklich nicht. Es war egal ob seine Mutter, einer seiner Kollegen oder ein Freund anrief, er war noch nie aus dem Zimmer gegangen um ungestört zu sein.
"Shannon, wir wollen hier keine Gerüchte in die Welt setzen aber er macht das recht häufig in letzter Zeit. Wenn seine Mutter oder einer seiner Freunde anruft spricht er sogar manchmal lauter, doch in letzter Zeit kommt es immer häufiger vor das er stotternd den Raum verlässt wenn ihn jemand anruft." warf Shane ein.
Shannon war wie gelähmt. Shane und Nicky versuchten ihr schonend etwas beizubringen von dem sie die ganze Zeit gehofft hatte dass es nie passieren würde. Sie war bloß eine von vielen, das war es was Shane ihr klarzumachen versuchte. "Was meinst du?" fragte sie vorsichtig?
"Naja, Shannon, wir glauben dass er dir fremd...."
"Wage nicht das auszusprechen." mahnte Shannon mit gebrochener Stimme.
"Shannon, hör mir zu..."
"Nein." schrie sie und sprang auf. "Ich dachte ihr seid Kians Freunde und jetzt erzählt ihr solche Lügen über ihn?"
"Ich habe nie gesagt dass ich es genau weiß, ich habe dir lediglich gesagt was ich in den letzten Tagen beobachtet habe." versuchte Nicky sich zu rechtfertigen. Jetzt war auch Mark auf die Situation aufmerksam geworden und drehte den Fernseher leiser.
"Du wolltest doch hören was wir zu sagen haben." hängte Shane an.
"Aber ihr seid im Unrecht." schüttelte sie den Kopf und lies sich auf den Sessel hinter sich sinken.
"Vielleicht sind wir das auch, vielleicht haben wir voreilige Schlüsse gezogen, wer weiß."
"Das habt ihr." nickte Shannon und fuhr sich mit der Hand über ihr Gesicht. Sie hatten Unrecht.
Zur gleichen Zeit kam Kian wieder in den Raum. "Worum ging es?" fragte er ahnungslos als er Shannon zusammengekauert auf dem Sessel sitzen sah.
"Nichts wichtiges." versuchte Nicky die Situation zu retten und wies Mark an den Fernseher wieder lauter zu drehen.
"Entschuldigt die Unterbrechung, dieser blöde Fan will mich einfach nicht in Ruhe lassen."
"Wieso bist du dann raus gegangen?" fragte Shannon unverhofft.
"Ich wollte euch nicht beim Film stören."
Klang plausibel für Shannons Ohren. Doch irgendetwas stimmte nicht. Kian kam nicht wie sonst zu ihr und nahm sie in den Arm. Jetzt saß er zu ihren Füßen auf dem Boden und starrte abwesend auf den Fernseher. Betrog er sie wirklich? Shannon wurde schlecht bei dem Gedanken, doch noch bevor sie ihn zu Ende denken konnte klingelte Kians Handy, dass neben ihm auf dem Fußboden lag, erneut.
"Verdammt Kian." fauchte Shannon und riss ihm das Handy, dass er binnen Sekunden an sich genommen hatte, aus der Hand. "Hallo?"
Aufgelegt.
"Hallo?" fragte sie erneut, doch am anderen Ende der Leitung meldete sich niemand. "Aufgelegt." meinte sie kleinlaut und reichte ihm das Telefon.
Es klingelte erneut, doch dieses Mal nahm Kian den Anruf entgegen.
"Hallo?... Ja, geht klar.... Bis gleich.” Er schob das Handy in seine Tasche und stand auf. "Anto will dass wir uns in der Bar treffen um noch mal den Ablauf der nächsten Tage durchzugehen."
Stöhnend standen die anderen drei auf und trotteten zur Tür.
"Wartest du im Zimmer auf mich? Es wird sicher nicht lange dauern."
"Ist gut." antworte Shannon schwach und nahm den Zimmerschlüssel den Kian ihr hingehalten hatte.
Sie war müde, mehr als müde von der langen Fahrt und doch wollten sie die Gedanken an Kian und eine andere Frau nicht loslassen. Sie hatte Angst, was wenn Shane und Nicky wirklich Recht hatten und Kian sie wirklich betrog? War er überhaupt fähig so etwas zu tun? Shannon hatte immer gedacht er sei von Grund auf ehrlich zu ihr, und sollte sie jetzt eines besseren belehrt werden würde sie ihr Vertrauen in die Menschen wohl endgültig verlieren. Sie hörte wie Kian mit dem Zweitschlüssel die Tür öffnete und schloss die Augen. Sie fühlte sich nicht nach Streicheleinheiten, sie wollte mit ihren Gedanken alleine sein. Kian versuchte nur ein einziges mal sie wach zu bekommen bevor er im Bad verschwand. Shannon hörte wenige Augenblicke später Kians gedämpfte Stimme aus dem Badezimmer dringen während eine kleine, lautlose Träne über Shannons Wange lief.

"Shannon, kannst du auf den Kram aufpassen während ich oben auf der Bühne bin?" Kian drückte ihr seine Brieftasche sowie seine Schlüssel und sein Handy in die Hand und hauchte ihr einen kleinen Kuss auf die Wange bevor er auf die Bühne sprang um dort gemeinsam mit den anderen drei den Soundcheck durchzuführen. Shannon, unschlüssig was sie tun sollte, starrte auf das Handy in ihrer linken Hand. Sollte sie es wagen und die Nummer wählen die Kian als letztes gewählt hatte? Die ihr unbekannte Nummer hatte er am vorigen Abend gegen halb zwölf gewählt. Als er im Bad war. Shannon atmete tief durch bevor sie schließlich den Wiederwahlknopf drückte und gespannt abwartete.
"Kian? Gott, ich dachte schon du rufst überhaupt nicht mehr an." plapperte eine weibliche Stimme los. "Ich vermisse dich Darling, wieso hast du dich der kleinen Rockerbraut denn immer noch nicht entledigt?"
Shannon wusste nicht ob sie weinen, schreien oder zusammenbrechen sollte als sie das Handy vor lauter Schreck auf den Boden fallen lies. "Du Arschloch." schrie sie aus vollem Leibe und starrte Kian, der durch ihr Gebrüll aus dem Takt gekommen war, fassungslos an. "Wie konntest du mir das antun?"
"Wovon redest du?" fragte Kian und seine Frage echote durch das Headset auf seinem Kopf unendliche male durch die Halle.
"Nicky und Shane hatten Recht du erbärmlicher Bastard." fauchte sie weiter und bahnte sich derweil ihren Weg durch die Stuhlreihen.
Kian, der sich das Headset vom Kopf gerissen hatte, sprang von der Bühne und fing sie ab bevor sie im Backstagebereich verschwinden konnte. "Wovon redest du Shannon?"
Tränen liefen in Strömen Shannons Wangen herunter als sie sich zu ihm umdrehte und ihm in seine fragenden Augen blickte. "Wie konntest du mir das antun?" Ihre Stimme war bloß noch ein Flüstern.
"Was?" Kian schien tatsächlich nicht zu verstehen oder er konnte sich wahnsinnig gut verstellen.
"Das Mädchen mit dem du ständig telefonierst, wie konntest du mir das antun?"
"Welches Mädchen?"
"Das Mädchen dass ich eben mit dem Wiederwahlknopf angerufen habe. Du hast gestern eine halbe Stunde im Bad gesessen und mit ihr gesprochen."
"Aber ich..."
"Spar dir deine Erklärungen Kian. Ich dachte wir beide, wir hätten etwas Besonderes zusammen. Ich dachte ich hätte meinen Märchenprinzen gefunden und dann muss ich herausfinden dass ich für diesen Prinzen nur eine von vielen bin. Ich werde die Worte dieser Frau nie wieder vergessen können. Hast du dich der Rockerbraut denn noch nicht entledigen können." sie schluchzte, versuchte aber dennoch verzweifelt ihre Fassung zu bewahren während sie mit ihm sprach. "Ich will dich nie wieder sehen, hast du verstanden?"
Mit diesen Worten löste sie sich aus seinem, mit ihren letzten Worten locker gewordenen Griff und verschwand hinter dem schweren, schwarzen Vorhang.

13 Kapitel

Als sie am nächsten Morgen aufwachte schien sie für einen Moment vergessen zu haben was geschehen war. Doch als sie sich in dem Hotelzimmer umsah und Mark schlafend auf der Couch erblickte dämmerte es ihr wieder was geschehen war. Nach der heftigen Auseinandersetzung mit Kian hatte sie sich mit Marks Schlüssel ins Hotel geflüchtet und war seitdem nicht mehr aus dem Zimmer geschweige denn aus dem Bett gekommen. Kian hatte diverse Male an der Tür geklopft und einmal sogar damit gedroht selbige einzutreten, doch keine dieser Male hatte Shannon auf das reagiert was er gesagt hatte. Sie wollte ihn weder sehen noch hören noch riechen oder sonst etwas. Es machte sie krank wenn sie daran dachte dass sie diesem Mann mehr vertraut hatte als jedem anderen in den letzten Jahren und dass genau er dieses Vertrauen so schamlos ausgenutzt hat.
"Morgen." murmelte Mark. "Wieviel Uhr ist es?"
Shannon warf einen Blick auf den Wecker neben sich. "Halb neun."
"Fuck." fluchte Mark und sprang von der Couch auf. "Ich muss in zehn Minuten unten in der Lobby sein."
"Wo geht es hin?" rief sie durch die geschlossene Badezimmertür durch die Mark Sekunden zuvor verschwunden war.
"Irgendein Radiointerview, keine Ahnung."
Entschlossen stand Shannon auf und zog sich an. Wenn sie so schnell wie möglich von Kian und all dem hier weg wollte musste sie ihre Sachen, die sie aus lauter Verzweiflung in seinem Zimmer gelassen hatte jetzt holen und sich dann aus dem Staub machen solange sie noch konnte. Die Jungs hatten heute ihr letztes Konzert in Dublin bevor es - soweit sie informiert war - weiter nach England ging. Dort würden sie drei weitere Wochen mit Studioaufnahmen, Proben und kleinen Konzerten so wie Interviews und Fotoshootings so ausgebucht sein dass Kian keine Zeit mehr für seine dämlichen Entschuldigungen blieb. Sie wusste nicht wie sie regieren würde wenn ihr die Frau gegenüber stünde die ihr den Mann ihrer Träume weggenommen hat, doch sie wusste dass sie es nicht ertragen konnte Kian oder einen der Jungs noch länger als nötig zu sehen. Sie musste hier weg. Es war zwanzig Minuten vor neun, Treffpunkt. Kian war ein pünktlicher Mensch, aus diesem Grund konnte sie sich sicher sein dass er sein Zimmer bereits vor fünf Minuten verlassen hatte.
"Mark, ich gehe frühstücken, wir sehen uns später, ja?” rief sie durch die geschlossene Tür bevor sie ihre Karte zu Kians Zimmer nahm und die Tür hinter sich schloss. Schon auf dem Gang konnte sie hören wie Kian in seinem Zimmer herumschrie. Vorsichtig legte sie ihr Ohr an die kalte Holztür und versuchte zu lauschen.
"Natasha was zur Hölle hast du am Telefon gesagt?"
"Was meinst du Darling?"
"Nenn mich verdammt noch mal nicht Darling." schrie Kian durch das Zimmer und schlug energisch mit der Faust gegen etwas Hartes.
Shannon konnte nicht anders und öffnete die Tür einen Spalt. So aufgewühlt und energisch die zwei sich unterhielten würden sie sowieso nichts mitbekommen.
"Ich habe lediglich gesagt wie es war. Wir haben uns getroffen, es hat wieder gefunkt, wir haben uns geküsst..."
"Ja und genau da hört es auf. Verdammt Natasha, wann kapierst du endlich dass es zwischen uns vorbei ist? Der Kuss war blöd, ich war betrunken, du hast die Situation ausgenutzt."
"Hab dich doch nicht so. Frag zehn Typen auf der Straße wen sie heißer finden, mich oder die Tochter von Ozzy Osbourne im Nebenzimmer und du wirst ein mehr als eindeutiges Ergebnis bekommen." zuckte die blondhaarige Schönheit unschuldig mit den Schultern während sie sich lasziv und verführerisch auf dem Bett räkelte.
"Natasha, es ist mir egal und wenn dreihundert Männer dich bevorzugen würden, ich tue das nicht, hast du verstanden? Mit deinen Lügengeschichten bewirkst du da auch nicht viel mehr als noch mehr Hass."
Natasha richtete sich plötzlich auf und starrte Kian durchdringend an. "Du magst diese Tussi wirklich, oder?"
"Welche Tussi?"
"Die Buch Tussi."
Kian hob die Schultern. "Ich möchte dass du gehst. Du hast das einzig sinnvolle in meinem Leben innerhalb von nur einem Tag zerstört. Die Frau die ich liebe will mich nie wieder sehen weil sie denkt ich hätte sie mit dir betrogen."
Shannon schloss die Tür leise hinter sich und schlich auf Zehenspitzen in Marks Zimmer zurück. Er hatte sie nicht betrogen. Und was noch viel wichtiger war, er liebte sie. Sie musste zu diesem Konzert.
"Mark, was ist...?" fragte Shannon verwirrt als sie durch die offen stehende Tür spähte und Mark und Nicky nebeneinander stehen sah, den Blick fassungslos auf eine Zeitung gerichtet.
"Was ist los?" fragte sie erneut und kam zu ihnen hinüber.
"Ich..." stammelte Nicky und reichte ihr wortlos die Zeitung.
Shannon stockte der Atem. In riesigen, fast überdimensional wirkenden schwarzen Buchstaben stand auf dem Titelblatt der Irish sun
Kian Egan fährt zweigleisig
Kian Egan, 24 und Mitglied der erfolgreichen Boyband Westlife, wurde gestern von seiner Freundin Shannon Murphy (Autorin des Buches "The world of westlife", ab 15. August im Handel erhältlich) öffentlich nieder gemacht als sie davon erfuhr dass sie nicht seine einzige Freundin ist. Natasha Flaherty, 23 und Tochter des einflussreichen Medienmoguls Timothy Flaherty, die ihre eineinhalbjährige Beziehung mit Egan vor gut einem Jahr beendete, wollte zu dem Vorwurf, sie sei nun seine heimliche Geliebte, keine Stellung nehmen, doch mit einem Augenzwinkern verriet sie uns dass das Feuer zwischen ihnen noch lange nicht verloschen sei. Shannon Murphy, wie berichtet wurde, musste nach einem Zusammenbruch der auf ihre Epilepsie zurückzuführen ist, ärztlich behandelt werden, befindet sich aber wieder auf dem Weg der Besserung. Na wenn das kein Stoff ist aus dem Bücher gemacht werden....
"Was..." stammelte sie und versuchte die Tränen zurück zu halten. "Aber ich bin doch nicht zusammengebrochen." schüttelte sie den Kopf und betrachtete sich das Bild auf dem sie regungslos auf der Tanzfläche lag. "Das ist doch völlig aus dem Zusammenhang gerissen, ich meine das Bild ist doch schon alt und ich wusste gar nicht das das überhaupt existiert, ich meine... wusstet ihr? Ich meine..." Shannon setzte sich wie in Trance auf das Bett, die Zeitung fest in beiden Händen.
"Shannon, das ist jetzt ziemlich dumm gelaufen." versuchte Nicky sie zu beruhigen und nahm ihr die Zeitung weg. "Aber genau das ist es wovor Kian dich immer bewahren wollte wenn er..."
"Nimm ihn bloß nicht in Schutz." fauchte Shannon und sprang auf. "Ich brauche frische Luft." schnaufte sie weiter und nahm ihre Jacke von dem Stuhl neben der Tür bevor sie auf den Gang stolperte.

Das Konzert war bereits in vollem Gange als Shannon nach ihrem recht ausgedehnten Spaziergang durch den Dubliner Hafen und die Südstadt wieder im Point Depot ankam und nach anfänglichen Schwierigkeiten mit Antos Hilfe in den Backstagebereich kam. Natürlich fragte er sie nach dem Buch und natürlich antwortete sie dass alles in bester Ordnung sei und er schon bald mit dem ersten Entwurf rechnen konnte. Wie weit dass doch wieder einmal von der Wahrheit entfernt war.
Dann war das Konzert vorbei. Shannons Knie zitterten als sie Kian von der Bühne kommen sah. "Hey." sagte er sanft und strich ihr zärtlich mit dem Handrücken über ihre warme Wange.
"Hey." erwiderte sie mindestens ebenso sanft und legte ihre Hand auf seine. "Es tut mir so leid."
Kian schien nicht ganz zu verstehen. Wieso war sie diejenige die sich entschuldigte?
"Kian ich habe gehört was du heute Morgen zu Natasha gesagt hast und ich glaube dir dass zwischen dir und ihr nichts war. Deshalb möchte ich mich für mein übertriebenes Verhalten gestern entschuldigen, ich bin einfach ausgerastet weil ich nicht wusste was los war und weil..."
"Hey." unterbrach er sie und legte ihr einen Finger auf den Mund. "Ist schon in Ordnung."
Sie standen eine Weile schweigend da, Shannon mit ihrem Kopf an seiner schweißnassen Brust, er mit seinem rechten Arm um ihre Schulter und dem linken an ihrer Taille.
"Es wird alles wieder gut." seufzte Shannon und blickte auf um Kian einen Kuss geben zu können, doch der wich zurück, den Blick beschämt zu Boden gerichtet. "Es wird doch wieder gut, oder?" fragte sie während sich in ihren Augenwinkeln bereits die ersten Tränen bildeten.
"Shannon, du hast den Zeitungsbericht doch gelesen."
Shannon nickte, wusste allerdings nicht worauf er hinaus wollte.
"Sie werden dich nie in Ruhe lassen, deine Krankheit wird immer wieder hervorgeholt werden wenn es nötig ist, sie werden immer wieder Fragen stellen und Natasha wird immer wieder in den Artikeln erscheinen. Ich kann nicht zulassen dass dir diese Menschen dein Leben nehmen, doch wenn du in der Öffentlichkeit stehst ist das nun mal zwangsläufig der Fall, ob du willst oder nicht." Er seufzte laut. "Ich kann das nicht geschehen lassen, dafür bist du mir zu wichtig."
"Aber Kian, ich..."
"Shannon, bitte." versuchte er sie zur Vernunft zu bringen. "Es hat keinen Sinn."
"Aber du hast doch gesagt was Shane und Gillian schaffen das schaffen wir auch, oder nicht?"
"Wir sind nicht Shane und Gillian."
"Kian ich..." sie hielt Inne und blickte in seine traurigen Augen. "Ich liebe dich."
Er lächelte. Hoffnung keimte in Shannon auf als sie seinen erhellten Gesichtsausdruck sah, doch genauso schnell wie es gekommen war verschwand das kleine bisschen Glück wieder als sich seine Mundwinkel senkten und sein Lächeln einem sehr ernsten Gesichtsaudruck wich. "Manchmal ist Liebe nicht genug."
Mit diesen Worten drehte er sich um und lies sie stehen.


14.Kapitel

2 Monate später
"Shannon, ich kann ihnen gar nicht genug danken." Louis Walsh kam auf sie zugestürzt und herzte sie kräftig bevor er von ihr abließ und sie strahlend ansah. "Das Buch ist wundervoll, so sachlich und doch gleichzeitig so wunderschön und fesselnd geschrieben. James hatte Recht, eine bessere wie sie hätten wir nicht finden können." Er drückte sie erneut bevor er sich nach jemandem umzusehen begann und schließlich in die entgegengesetzte Richtung stürmte um wenige Meter weiter einem Mann um den Hals zu fallen.
"Shannon." Sie fuhr herum als sie ihren Namen hörte und erblickte Shane und Nicky die mit erhobenen Armen auf sie zukamen und sie fest in ihre Arme schlossen. "Wahnsinns Haarfarbe, tolle Party." nickte Nicky bewundernd und hielt einen der Kellner an um sich und Shane ein Glas Sekt zu besorgen.
"Tja, so sind Buchparties habe ich mir sagen lassen." lächelte sie zaghaft und nahm einen Schluck Orangensaft aus ihrem Sektglas. "Wie geht es euch?" fragte sie schließlich und versuchte dabei ihren Blick auf Shane oder Nicky zu fixieren.
"Uns geht es gut, danke der Nachfrage. Wir kommen gerade aus Schweden zurück, dort und in ungefähr dreitausend anderen Studios haben wir in den letzten eineinhalb Monaten die Songs für das neue Album aufgenommen. Wenn es fertig ist bist du die erste die eine Kopie davon bekommt, versprochen!" versicherte Shane ihr und legte seinen Arm um ihre Schultern. "Und wie geht es dir so?"
"Gut." nickte sie wenig überzeugend. "Mir geht es gut, jetzt wo das Buch fertig ist habe ich Geld und Freizeit ohne Ende." lachte sie und blickte sich unwohl um. Er musste hier irgendwo sein, er würde der Veröffentlichung seines eigenen Buches nicht fern bleiben, da war Shannon sich sicher.
"Er wird nicht kommen." sagte Nicky leise so als ob er ihre Gedanken lesen würde.
"Habe ich auch nicht erwartet." schüttelte Shannon den Kopf und löste sich aus Shanes lockerer Umarmung um sich auf die Toilette zu entschuldigen. Als sich die schwere Eisentür hinter ihr geschlossen hatte atmete sie zunächst tief durch und betrachtete sich dann eingehend im Spiegel. Sie trug einen schwarzen Hosenanzug mit einem hellblauen Top drunter und passenden, schwarzen Schuhen. Ihre Haare hatte sie in der Zwischenzeit wieder rot gefärbt und zu einer lockeren Hochsteckfrisur gedreht.
Er war nicht gekommen. Eigentlich hätte sie es sich denken können nachdem er sich in den ganzen letzten zwei Monaten weder telefonisch noch persönlich bei ihr gemeldet hatte. Was erwartete sie? Das er hier aufkreuzte und so tat als sei alles in bester Ordnung?
Shannon atmete ein letztes Mal tief durch und lies sich etwas kaltes Wasser über die Handgelenke laufen bevor sie ihre Tasche nahm und die Toilette verließ.
"Miss Murphy, ein Bild für die Presse bitte." sprach sie ein Fotograph von der Seite an woraufhin Shannon sich ein Lächeln aufzwang und in die Kamera sah.
"Danke." lächelte der Fotograph nachdem er vier Mal das selbe Foto geschossen hatte und anschließend seinen kleinen Notizblock zückte. "Sie werden ihren Ex-Freund Kian Egan heute wiedersehen, wie fühlen sie sich?"
"Mister Egan und ich sind erwachsene Menschen, es gab nie Streit zwischen uns und den wird es auch sicherlich heute nicht geben." war alles was sie ihm antwortete bevor sie an ihm vorbei ging. Auf der anderen Seite des Raumes entdeckte sie Shane, Nicky und deren Frauen die zwischenzeitlich auch eingetroffen waren und sich angeregt miteinander unterhielten, doch Shannon verspürte ganz und gar nicht das Bedürfnis sich dazu zu stellen und die mitleidigen Blicke über sich ergehen lassen zu müssen. Kurzentschlossen heftete sie sich an die Fersen einer der umherschwirrenden Kellner und dirigierte ihn auf die Terrasse. Dort lies sie sich erschöpft auf einem der eisernen Gartenstühle nieder und starrte in den schwarzen Nachthimmel. Gerade als sie mit ihren Gedanken wieder zu Kian abdriftete wurde sie von einer schrillen Stimme zurück in die Realität geholt. Gillian.
"Shannon, wie geht es dir, ich habe überall nach dir gesucht, lass dich drücken." rief sie aufgeregt und zog Shannon aus ihrem Stuhl hoch um sie in den Arm nehmen zu können.
"Hey Gill." entgegnete sie halbherzig, erwiderte aber dennoch ihre freundliche Umarmung.
"Lass dich ansehen, du siehst phantastisch aus. Und deine Haare, der Wahnsinn."
"Ich konnte das schwarz nicht mehr sehen." erklärte sie und bot Gillian einen der freien Stühle an.
"Wie geht es dir?" fragte sie ohne Umschweife während sie sich setzte. "Ich meine, hast du Kian schon gesehen?"
"Shane und Nicky meinten er sei nicht da." zuckte sie mit den Schultern.
"Natürlich ist er da, ich habe ihn doch gerade eben mit Mark kommen sehen." nickte Gillian und deutete mit der Hand durch die große Glastür ins Innere des großen Saales in dem sich immer mehr Menschen sammelten.
"Ist mir egal, ich will ihn nicht sehen." schüttelte Shannon gleichgültig den Kopf und seufzte. Wie gut sie doch lügen konnte.
"Ich bitte dich, ich sehe doch in deinem Gesicht dass du am liebsten aufspringen würdest um ihm um den Hals zu fallen."
"Er hat sich in den letzten zwei Monaten nicht für mich interessiert und ich habe gelernt ohne ihn zurecht zu kommen, und damit fahre ich bisher recht gut, ich brauche ihn nicht." versuchte sie mehr sich selbst als ihren Gegenüber zu überzeugen.
"Dann ist es dir auch wahrscheinlich egal dass er gerade auf dem Weg hierher ist nachdem Shane ihm gezeigt hat wo du bist." zuckte Gillian mit den Schultern und stand auf.
"Untersteh dich." zischte Shannon und hielt sie am Arm fest. "Setz dich wieder hin."
"Tut mir leid, ich muss dringend auf die Toilette." seufzte sie und ging an Kian, der mittlerweile in der Tür lehnte, vorbei.
"Hey." sagte er nach einem Moment in dem er lediglich an der Tür gelehnt und sie beobachtet hatte, und kam zu ihr um auf dem Stuhl, auf dem zuvor noch Gillian gesessen hatte, Platz zu nehmen. "Du siehst gut aus." nickte er nach einer Weile in der er sie schweigend gemustert hatte.
"Danke." entgegnete sie gleichgültig und wollte aufstehen, doch Kian lies ihr dazu keine Chance als er sie am Arm fasste und zurück in den Stuhl drückte.
"Bitte, hör mich an." fuhr er leise fort und löste seinen Griff um ihren Arm. "Ich weiß nicht was damals in mich gefahren ist als ich dich einfach so aus meinem Leben verdrängt habe aber ich weiß dass es der größte Fehler meines Lebens war dich gehen zu lassen." Er hielt inne und ergriff ihre Hand. "Es tut mir so leid was ich dir angetan habe Shannon und ich hoffe dass du mir verziehen kannst und..."
"Spar dir deine Bemühungen." entgegnete sie kalt und schüttelte seine Hand ab. "Dich hat es in den letzten zwei Monaten einen Scheiß interessiert wie es mir geht, wieso jetzt auf einmal?"
"Wir waren ständig unterwegs, sind von einer Location zur nächsten geflogen, haben jede Nacht in anderen Betten geschlafen, ich hatte kaum Zeit mir über irgendetwas, geschweige denn über uns Gedanken zu machen. Doch du kannst dir sicher sein das meine Gedanken in jeder freien Minute bei dir waren."
"Weißt du was Kian? Meine Gedanken waren auch in jeder freien Minute bei dir, doch im Gegensatz zu dir habe ich jeden Tag, jeden Morgen beim aufwachen und jede Nacht vor dem schlafen gehen Zeit gehabt an dich zu denken und jedes Mal bin ich unter Tränen eingeschlafen und wieder aufgewacht. Du kannst dir nicht vorstellen was ich in den letzten Wochen durchgemacht habe und so sehr ich dich im Moment auch hassen will, so wünsche ich dir doch nicht dass es dir genauso erging wie mir." Sie schnaufte wütend. "Wenn du mich jetzt entschuldigst, ich muss mich um meine Gäste kümmern."
"Lauf doch bitte nicht weg." flehte er als Shannon schon fast die Tür drinnen war.
Sie hielt in ihrer Bewegung inne und drehte sich zu ihm um. "Ich wüsste nicht was es noch zu sagen gäbe."
"Shannon, ich möchte bei dir sein, ich möchte nie wieder morgens aufwachen und mir sagen müssen dass ich die Liebe meines Lebens weggeschmissen habe. Ich will immer für dich da sein und dir dabei helfen all das zu erreichen was du erreichen möchtest."
"Wieso konntest du mir das vor zwei Monaten nicht sagen?" fragte sie leise.
"Weil ich Angst hatte. Ich hatte Angst davor zuzugeben was ich für dich empfinde weil ich dachte wenn ich es zugebe würde man dich mir wegnehmen."
"Und dann machst du einfach mit mir Schluss?"
"Ich weiß es war blödsinnig und ich kann mich heute selbst nicht mehr verstehen, aber ich weiß nicht was ich dir noch sagen soll damit du mir glaubst." Er wirkte verzweifelt.
"Wovor hattest du denn solche Angst?" fragte sie und kam einen Schritt auf ihn zu.
"Davor dich zu lieben." seufzte er und streckte seine Hand nach ihr aus.
Der Fotograph, der gerade Gäste an der Tür fotografiert hatte, wurde auf Shannon und Kian aufmerksam und kam auf die Terrasse. "Darf ich ein Bild machen?"
"Nein." maulten beide im Chor woraufhin sich der Fotograph mit gesenktem Haupt entfernte.
"Liebst du mich denn?" fragte sie leise als sie den Fotographen in sicherer Entfernung wähnte und kam einen weiteren Schritt auf ihn zu, ihre Hände noch immer nah an ihrem Körper.
"Natürlich liebe ich dich, ich habe dich von Anfang an geliebt und ich werde dich auch weiterhin lieben denn du bist das beste was mir je passiert ist."
Shannon blickte sich unsicher um, doch als sie den Fotographen erblickte, der mit dem Rücken gegen die Glastür gelehnt stand, dabei aber in regelmäßigen Abständen mit einem Auge zu ihnen schielte, streckte sie lediglich ihre Hand aus und ergriff seine zitternd.
"Heißt dass du verzeihst mir?" fragte er leise und strich mit seinem Daumen vorsichtig über ihre Fingerknöchel.
Sie nickte zaghaft und wollte seine Hand bereits wieder loslassen um vor dem Fotographen nicht zu viel preiszugeben als Kian sie plötzlich zu sich zog und sie so innig küsste als gäbe es keinen Morgen. Das Blitzlichtgewitter, dass nach nur wenigen Sekunden auf sie niederprasselte interessierte sie dabei überhaupt nicht.

"Leute, beruhigt euch doch endlich wieder, so wild ist es nicht." versuchte Shannon vergeblich Ruhe in die Meute zu bringen. Gemeinsam mit Nicky, Shane und deren Frauen sowie Mark und Kian war sie nach der Buchparty noch einmal in Lillie’s Bordello eingekehrt um den Abend dort langsam ausklingen zu lassen. Sobald Gillian und Gina die beiden Händchenhaltend durch die Terrassentür hatten schlendern sehen hatte das Gerede ihrer verstörten Freunde kein Ende mehr gefunden. Shane war fast schlimmer als ein Journalist mit seinen vierzig Fragen die er seit dem Verlassen der Party gestellt hatte. Wie Kian sich entschuldigt hätte, was sie nun planen würden, wann die Hochzeit stattfinden würde und - natürlich - ob er denn Pate des Erstgeborenen sein könnte.
"So wild ist es nicht?" warf nun Mark in die Runde und blickte kopfschüttelnd von Kian zu Shannon, die unter dem Tisch heimlich Händchen hielten und sich immer wieder verstohlene Blicke zuwarfen. "Ich musste geschlagene zwei Monate einen ungenießbaren Zimmernachbar ertragen der mich bei jeder Gelegenheit angeschnauzt hat dass mein Ego auf die Größe einer Erbse geschrumpft ist. Shannon glaub mir, dieser Mann ist ein Sadist, rette dich solange du noch kannst. Er liebt es mit seinem eigenen Schmerz um sich zu werfen und seine Mitmenschen ins Verderben zu stürzen und er wird es auch mit dir tun." erklärte er mit dämonischem Unterton bevor er sein Bier in einem Zug leerte und sich auf die Toilette entschuldigte.
"Nein, aber jetzt mal im Ernst." grinste Nicky und lehnte sich über den Tisch um nicht gar so laut brüllen zu müssen. "Wie hat er sich entschuldigt?"
"Das ist doch egal." seufzte Shannon. "Hauptsache er hat es getan."
"Richtig." nickte Gina und warf Nicky einen bitterbösen Blick zu. "Du solltest dir mal ein Beispiel an deinem Freund nehmen, immerhin hat er den Mumm sich für seine Fehler zu entschuldigen im Gegensatz zu manch anderem hier am Tisch."
"Was meinst du damit?" fragte Shane neugierig.
"Na was wohl, Nicky denkt nur weil er der Mann im Haus ist fällt ihm auch keine Hausarbeit zu die zu verrichten ist. Wenn ich ihn dann anmaule weil er immer alles mir überlässt macht er dicht und spricht für den Rest des Tages nicht mehr mit mir bis ich irgendwann auf Knien angekrabbelt komme um ihn um Verzeihung zu bitten. Aber nicht mehr mit mir mein Liebling. In Zukunft wird sich abgewechselt beim Abwasch und beim Windeln wechseln." Gina legte die Betonung ganz bewusst auf das und während sie ihren Mann süffisant anlächelte. "Haben wir uns da verstanden, Mister Byrne?"
Nicky mochte es gar nicht wenn seine Frau ihn Mister Byrne nannte, denn immer wenn sie das tat hatte ihre Stimme etwas verachtendes an sich dass Nicky Gänsehaut einjagte.
Er nickte lautlos und verzog sich an die Bar um eine weitere Runde Bier und ein Wasser für Shannon zu besorgen.
"Sag mal Shannon, auf die Gefahr hin dass ich indiskret wirke, aber wieso habe ich dich noch nie Alkohol trinken gesehen?" fragte Gillian als Nicky das Wasser an Shannons Platz stellte und die Biere unter den anderen verteilte.
"Naja." Shannon schluckte und warf Kian einen hilfesuchenden Blick zu bevor sie sich wieder der Runde zuwendete und tief Luft holte bevor sie zu erzählen begann. "Ich darf keinen Alkohol trinken weil sich die Wirkung durch die Medikamente die ich nehmen muss um ein vielfaches verstärkt was dazu führen würde dass ich selbst nach einem Glas Bier umfalle."
"Was sind das für Medikamente?" hakte Gillian nach während sie unter dem Tisch nach Shanes Hand griff.
"Hauptsächlich Beruhigungsmittel, Valium vor allem, und ein Antiepileptikum."
"Epilepsie?" Gillians Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.
Shannon nickte stumm und umfasste Kians Hand unter dem Tisch noch ein unmögliches Bisschen fester während sie in den erstarrten Gesichtern ihrer Freunde zu lesen versuchte was diese dachten. "Leute seht mich bitte nicht an als wäre ich dem Tod geweiht denn dem ist nicht so. Ich bin kerngesund bis auf diese kleine Ausnahme aber ich habe gelernt damit umzugehen und hatte, bis auf den einen Ausrutscher vor ein paar Wochen, auch schon monatelang keinen Anfall mehr. Ich möchte euch also bitten, jetzt wo ihr davon wisst, mich nicht anders zu behandeln oder mich nur noch mit Samthandschuhen anzufassen, ist das klar?" erklärte sie energisch während ihr Blick von einem zum anderen schoss. "Ob das klar ist?" fragte sie erneut als sie kaum eine Reaktion feststellen konnte.
Nach und nach begannen alle zaghaft zu nicken und trotzdem war die Stimmung am Tisch nach wie vor gedrückt. Glücklicherweise war auf Mark, der in der Mitte des Gespräches wieder von der Toilette zurückgekommen war und Shannons Erklärung aufmerksam gelauscht hatte, immer Verlass. "Hey Leute, schaut doch nicht so traurig, nur durch die Tatsache dass wir jetzt Bescheid wissen wird sich nichts ändern, nicht wahr?"
"Du hast Recht." nickte Shane und hob sein Glas. "Ich wäre dafür dass wir auf Shannon und Kian trinken. Auf dass sie es endlich geschafft haben wieder zusammen zu finden."
"Deswegen hast du auch keinen Führerschein, nicht wahr?" fragte Gillian leise und beugte sich vorsichtig zu Shannon hinüber.
Shannon nickte während sie ihr Glas hob um mit den anderen anzustoßen. Sie hatte es ihnen sagen müssen. Jetzt hoffte sie nur noch dass sie für ihre neuen Freunde weiterhin Shannon blieb und nicht eine labile Person der man die Treppe hinauf helfen muss. Doch als sie ihren Blick so über den Tisch gleiten lies und in all die freundlichen und lächelnden Gesichter blickte die ihr feierlich zuprosteten wusste sie, dass diese Menschen sie nie als eine "Kranke" abstempeln würden.

15 Kapitel
Drei Wochen später
Shannon saß in ihrem Jogginganzug auf der Couch, die Gitarre vor sich, während Under the bridge in der Dauerschleife aus den Boxen drang zu dem sie leise mitsang. Verzweifelt versuchte sie der schnellen Griffabfolge zu folgen, doch immer wieder blieb sie an ein und der selben Stelle hängen bis sie schließlich entnervt aufgab, die Stereoanlage mit Hilfe der Fernbedienung ausstellte und die Gitarre neben die Couch auf den Boden legte. Erst da bemerkte sie das Kian lächelnd gegen den Türrahmen lehnte und ihr wohl die ganze Zeit aufmerksam zugehört hatte. Wortlos löste er sich von der Tür und kam langsam auf sie zu, setzte sich neben sie auf die Couch und hob die Gitarre hoch um sie ihr abermals in den Schoß zu legen. "Du machst das so gut, gib jetzt nicht auf." sagte er leise während er die Stereoanlage wieder einschaltete und mit vor der Brust verschränkten Armen darauf wartete dass sie zu spielen begann.
"Kian ich habe die ganze letzte Stunde geübt, ich habe keine Lust mehr." maulte sie kindisch und legte die Gitarre wieder auf den Boden. "Lass uns einfach hier liegen und ein bisschen fernsehen, ja?"
Kian willigte wortlos ein, schaltete die Stereoanlage erneut aus und griff nach der Fernbedienung für den Fernseher die auf dem Couchtisch vor ihm lag und schaltete ihn ein. "Worauf hast du Lust?"
"Mir egal." hob sie die Schultern und fischte die Fernsehzeitung unter dem Kissen hervor um darin herumzublättern. "Auf E4 ist "Friends-Nacht"."
"Klingt doch gut." nickte er und zappte durch die Kanäle bis schließlich Ross und Rachel auf dem Bildschirm erschienen, ihre Gesichter nicht weiter als drei Zentimeter von einander entfernt.
"Wann musst du wieder weg?" fragte Shannon nach einer Weile in der sie mehr ihren Gedanken nachgegangen war als auf den Bildschirm zu achten.
"Morgen Abend. Wir fliegen Freitag früh gegen halb sechs von Dublin ab, davor muss ich noch nach Hause um frische Sachen zu packen, werde hier also so gegen halb acht losfahren damit ich wenigstens noch ein bisschen Schlaf bekomme."
Shannon nickte.
"Willst du nicht doch mitkommen?" fragte er hoffnungsvoll. Er hatte in den letzten paar Tagen ungefähr zehn Anläufe gestartet sie davon zu überzeugen mit nach London zu kommen, doch sie hatte sich bisher noch nicht erweichen lassen.
"Kian, bitte. Ich habe dir doch schon mehrfach zu erklären versucht dass ich nicht mitkommen möchte. Weder Gillian noch Gina kommen mit, wieso sollte ich also dabei sein wenn ihr Radiointerviews gebt und Fotoshootings über euch ergehen lasst?"
"Weil ich dich bei mir haben möchte. Wir waren in den letzten drei Wochen keinen Tag getrennt, ich habe mich daran gewöhnt dich immer bei mir zu haben."
"Du hattest die letzten drei Wochen Urlaub und der ist jetzt vorbei, damit müssen wir uns beide abfinden." zuckte sie mit den Schultern und versuchte sich wieder auf den Bildschirm zu konzentrieren, doch Kian lies ihr kaum eine Chance dazu.
"Ach komm schon, ich muss doch nicht mehr als vier oder fünf Stunden am Tag arbeiten, den Rest der Zeit ist nur für dich reserviert. Wir könnten shoppen gehen oder uns ein Musical im WestEnd ansehen wenn du möchtest, oder wir...."
"Kian, gib es auf." schüttelte sie den Kopf und richtete sich auf um ihn richtig ansehen zu können. "Mir geht es nicht gut und alles was ich im Moment will ist mich in mein Bett legen und den ganzen Tag schlafen."
"Du hattest mir doch versprochen diesen Doktor Fenton noch mal anzurufen und ihm zu erklären dass die Medikamente die er dir verschrieben hat nicht die besten sind und..."
"Ich habe ihn angerufen." fiel Shannon ihm ins Wort und nahm ihr leeres Wasserglas vom Tisch bevor sie in die Küche ging um es dort aufzufüllen. "Er meinte das sei normal bei Medikamentenumstellungen, ich müsste mich einfach noch ein wenig gedulden."
"Hast du dich nicht mittlerweile lange genug geduldet?" warf Kian ein und folgte ihr in die Küche. "Ich meine, ist es nicht schon lange genug dass du diese Probleme hast?"
"Ich hatte die Medikamente ja vor knapp einem Monat noch mal gewechselt weil ich mit den anderen auch nach über drei Monaten noch nicht zurecht gekommen bin. Doktor Fenton wollte eigentlich auf eine Monotherapie umsteigen, aber er meinte dann plötzlich dass es dafür wohl doch noch etwas verfrüht sei. Er möchte kein Risiko eingehen, ach ich habe keine Ahnung. Ich kenne mich damit nicht aus, habe mich auch noch nie wirklich damit beschäftigt was ich da nehme weil es mich einfach nicht interessiert. Hauptsache ist es macht mich ansatzweise gesund."
"Hey, komm her." sagte Kian leise und schloss sie in seine Arme. Mit ihren letzten Worten hatte sie angefangen zu zittern und Kian wollte auf jeden Fall verhindern dass sie sich zu sehr aufregte was in ihrem momentanen Zustand nur zu einem Anfall geführt hätte. "Lass uns schlafen gehen, ja?"
Sie nickte stumm und folgte ihm ins Wohnzimmer wo er zunächst den Fernseher ausschaltete und sie dann hinter sich her ins Schlafzimmer zog.
"Was ist eigentlich damals mit deinem Vater passiert?" fragte er als sein Blick beim ausziehen auf den weißen, gefalteten Zettel auf Shannons Nachttisch fiel.
"Was meinst du?" fragte sie während sie ihren Kopf durch die Badezimmertür schob.
"Dein Vater, was ist mit ihm?" Er nahm den zerknitterten Zettel hoch und faltete ihn vorsichtig auf. "Wieso hast du keinen Kontakt zu ihm?"
"Er hat mich, meine Schwester und unsere Mum verlassen als ich gerade mal zwei Jahre alt war. Ich weiß nicht ob er überhaupt noch lebt. Er hat sich seitdem nie wieder bei einem von uns gemeldet." antwortete sie knapp und nahm ihm den Zettel aus der Hand.
"Was für einen Grund hätte er haben können seine Frau und seine zwei Kinder zu verlassen?"
"Damals wusste er von Aileen noch nichts, meine Mum war gerade mal im zweiten Monat schwanger als er sie hat sitzen lassen." zuckte sie mit den Schultern und legte den Zettel zurück auf den Nachttisch.
"Gott Shannon, ich wusste ja nicht...."
"Ist schon gut." schüttelte sie den Kopf und verschwand wieder im Bad. "Ich habe schon lange damit abgeschlossen dass ich nie erfahren werde wer mein Vater ist. Oder war, was auch immer."
"Ich könnte versuchen für dich rauszufinden...."
"Ich brauche deine Hilfe nicht." Sie erschien erneut in der Badezimmertür, die Haare mit einem alten Haarreif aus dem Gesicht geschoben, ihr Mund voller Zahncreme und die Zahnbürste in ihrer rechten Hand drohend auf Kian gerichtet. "Er hat sich 23 Jahre einen Dreck darum geschert was aus Aileen, mir und meiner Mutter wird, wieso sollte ich mich jetzt nach ihm erkundigen wollen?"
"Vielleicht weil du wissen möchtest von wem du diese funkelnden blauen Augen und das hinreißende Lächeln hast?" fragte er vorsichtig.
"Es ist mir egal." entgegnete sie nach einer Pause in der sie angestrengt nach einem Grund gesucht hatte ihren Vater nicht kennen lernen zu wollen. "Ich bin ihm doch auch egal gewesen. Ich wüsste nicht wieso ich ihn besser behandeln sollte als er mich."
Mit diesen Worten verschwand sie wieder im Badezimmer und schloss die Tür fest hinter sich.
Als sie zehn Minuten später aus dem Badezimmer kam lag Kian bereits mit geschlossenen Augen im Bett. Doch an Schlaf war für keinen der beiden zu denken.
"Es tut mir leid." flüsterte Shannon leise und legte ihren Kopf auf Kians Brustkorb um seinem Herzschlag zuhören zu können.
"Ist schon gut." beruhigte er sie und gab ihr einen sanften Kuss auf ihre feuerroten Haare. "Schlaf gut mein Engel."

Als Kian mitten in der Nacht Geräusche hörte schreckte er benommen auf und blickte verwirrt um sich. Die Betthälfte neben ihm war leer, doch wenn er mit seiner Hand über das verkrumpelte Laken fuhr konnte er noch Shannons Körperwärme spüren. Er lauschte erneut doch die Geräusche waren verstummt. Erst als er den dünnen Lichtstrahl entdeckte der unter der geschlossenen Badezimmertür durchfiel atmete er tief durch und lies sich wieder zurück auf sein Kissen sinken. Er dachte nach. Über die vergangenen drei Wochen in denen er Shannon nicht ein einziges Mal von der Seite gewichen war, über die davor liegenden zwei Monate in denen er sich selbst und seine Umwelt verrückt gemacht hatte weil er das Mädchen nicht vergessen konnte was ihm vom ersten Tag an mit ihrer liebenswürdigen und aufgeschlossenen Art den Kopf verdreht hatte, und über das, was die Zukunft für sie wohl bereit halten würde.
Langsam richtete er sich wieder auf und blickte hinüber zu dem dünnen Lichtstrahl unter der Badezimmertür. Wieso rührte sich im Badezimmer nichts? Wieso hörte er nicht wie sie das Klopapier auf und abrollte, so wie sie es sonst immer tat wenn sie gelangweilt und in Gedanken versunken auf der Toilette saß? Wieso lief kein Wasser dass ihm bestätigen würde dass sie am Waschbecken stand und sich die Hände wusch? Wieso warf Shannon keine Schatten durch die Tür? Kian schluckte während er die Bettdecke zurück schlug und vorsichtig aufstand. Er wollte kein Geräusch überhören und tappte deshalb auf Zehenspitzen zur Badezimmertür und legte sein Ohr vorsichtig dagegen.
"Shannon?" flüsterte er nach einer Weile in der er nichts weiter vernommen hatte als das leise Rauschen des Heizkörpers und das regelmäßige Ticken der Wanduhr über der Tür. "Shannon?" versuchte er es erneut, diesmal etwas lauter. Er wusste wie sie reagieren würde wenn sie ihn dabei erwischte wie er sich wieder unnötig Sorgen um sie machte, aber er wollte lediglich sicher gehen dass es ihr gut ging.
Seufzend beugte er sich hinunter und versuchte einen Blick durch das Schlüsselloch zu werfen, doch dank des steckenden Schlüssels und ihres Bademantels, den Kian am Vorabend selbst noch an den ganz linken Haken gehängt hatte, war ihm die Sicht auf das Badezimmer weitestgehend verwehrt. Gerade als er sich wieder aufrichten wollte meinte er ein Teil ihres Beines neben der Dusche gesehen zu haben. Aufgeregt beugte er sich erneut so weit runter dass er durch das Schlüsselloch spähen konnte und versuchte einen weiteren Blick auf das Innere des Badezimmers erhaschen zu können. Als er an dem vermeintlichen Bein einen Fuß erkannte wurde er panisch. "Shannon? Komm, mach die Tür auf." rief er, diesmal über Zimmerlautstärke. "Shannon!" Er versuchte die Tür zu öffnen, doch sie war wie erwartet verschlossen. "Shannon!" rief er erneut, diesmal aus vollem Halse, doch im Inneren des Badezimmers rührte sich nichts. Wie wild klopfte er gegen die massive Holztür, schrie immer wieder ihren Namen, doch seine verzweifelten Versuche sie auf sich aufmerksam zu machen blieben ungehört.

Panisch sah er sich nach etwas um mit dem er die Tür hätte aufbrechen können, doch bis auf einen alten Holzstuhl und diverse Klamotten gab Shannons Schlafzimmer nicht viel her. Er wusste dass sie irgendwo einen Werkzeugkasten hatte, hatten sie doch erst vorige Woche einen Schraubenzieher gebraucht um die Tür des alten Besenschrankes aufzubrechen, doch wo der sich befand wusste Kian nicht. Seufzend rüttelte er ein paar Mal an der Tür bevor er schließlich tief durchatmete und ein paar Schritte zurück ging. Er warf sich mit seinem vollen Körpergewicht gegen die massive Tür und hatte sie nach drei Anläufen schließlich aufgebrochen.
"Shannon." rief er entsetzt als er seine Freundin am Boden liegen sah, am ganzen Körper zitternd und mit einer enormen Platzwunde an der linken Schläfe. Hastig eilte er zu ihr und legte ihren Kopf auf die Seite um zu verhindern dass sie an dem Erbrochenen, was bereits zu Teilen über den Fußboden und ihre Kleidung verteilt war, erstickt. "Komm schon, mein Engel." flehte er sie an und hielt ihren Kopf fest in seinen Händen. "Es wird wieder gut." versicherte er ihr obwohl er wusste dass sie ihn nicht hören würde. Er wusste nicht wie lange der Anfall bereits andauerte aber er nahm an dass die Geräusche die ihn wach werden ließen von ihrem Sturz herrührten. Die Wunde an ihrem Kopf, den sie sich wahrscheinlich am Duschabsatz angeschlagen hatte, blutete ziemlich stark und hatte sich bereits mit Shannons roter Haarfarbe vermischt.
Es dauerte ein paar Minuten bis Kian eine Entspannung in Shannons Körperhaltung feststellen konnte und ihren Kopf langsam los lies. Sie war völlig erschöpft, einzelne Haarsträhnen klebten ihr im Gesicht während sich auf ihrer Nase und im Dekolletee Schweißperlen gebildet hatten. Ihr Atem ging, im Vergleich zu vorher, langsam und gleichmäßig als Kian vorsichtig aufstand und einen Waschlappen aus dem Schränkchen hinter sich holte und ihn im Waschbecken befeuchtete um Shannons Gesicht damit von ihrem Blut und dem Erbrochenen zu befreien. Er versorgte ihre Wunde bevor er ihr vorsichtig das verschmutzte Pyjamaoberteil auszog und sie sachte hoch hob um sie in ihr Bett zu tragen. Nachdem er sich vergewissert hatte dass es ihr gut ging und sie ruhig schlief ging er zurück ins Badezimmer und versuchte mit Hilfe von Wischlappen und viel Wasser den hellen Fußboden von den Spuren der letzten Minuten zu befreien. Als er zurück ins Schlafzimmer kam lag Shannon seelenruhig auf ihrer Seite des Bettes eingerollt und hatte ein Lächeln auf dem Gesicht. Erleichtert schlüpfte Kian zu ihr unter die Bettdecke und umfasste ihre Taille. An Schlaf war für ihn nun nicht mehr zu denken wie er vermutete, doch Shannons stetiger Herzschlag und die sanften Geräusche die sie von sich gab wenn sie durch den Mund atmete ließen Kian schneller als gewollt wieder einschlafen.

Als Shannon am nächsten Morgen aufwachte blickte sie sich verstört um. Ihr Atem normalisierte sich erst wieder als sie Kian auf der anderen Seite des Bettes, mit dem Rücken zu ihr, liegen sah. Sie wollte sich aufrichten als sie merkte dass irgendetwas an ihrem Kopf klebte was dort unter normalen Umständen nicht hingehörte. Sie fuhr sich vorsichtig über das Pflaster und sog scharf die Luft ein als sie die Wunde unter dem dünnen Stoff des Leukoplast ertasten konnte. Wie in einer Fotomontage schossen ihr die Bilder der vergangenen Nacht durch den Kopf. Sie und Kian im Bett, ihr Kopf auf seiner Brust und sein Arm um ihre Schultern. Das Badezimmer, ihr Spiegelbild, der Fußboden. Shannon schloss mit schmerzverzerrtem Blick die Augen und schälte sich langsam aus dem Bett, bedacht darauf Kian nicht zu wecken. Sie huschte ins Badezimmer und wollte die Tür hinter sich schließen als sie bemerkte dass vom Schloss der besagten Tür nicht mehr viel übrig war. Entsetzt knipste sie das Licht im Inneren des Bades an und betrachtete sich das ganze Ausmaß der Ereignisse der letzten Nacht. Der allmorgendliche Blick in den Spiegel animierte sie auch nicht wirklich zu Freudentänzen und so warf sie sich kurzerhand ihren Morgenmantel um und schlich aus dem Schlafzimmer um vom Wohnzimmer aus auf den Balkon zu gehen und dort die ersten Sonnenstrahlen des Tages genießen zu können.
Sie dachte nach. Über Kian, ihre Beziehung und die Last die sie ihm Tag für Tag aufbürgte. War es wirklich das was sie wollte? Sie sehnte sich nach Kian, nach seinen Berührungen, seinen Küssen und seinen Händen die sie beim bloßen anfassen schon im ganzen Körper kribbelig machten. Sie sehnte sich nach seinen wunderschönen blauen Augen und der Art wie er sie anlächelte wenn sie ihm einen Witz erzählte, wie er lächelte wenn er sie lediglich ansah. In seinem Blick lag so viel Liebe wie Shannon es sich nie hätte erträumen lassen. Wie Recht Aileen doch hatte, sie hatte sich von Anfang an in Kian verliebt. Nicht in Kian als Mensch, denn zu diesem Zeitpunkt hatte sie nicht mal erahnen können was für ein wundervoller Mann Kian war - sondern in Kian als das, was er ausstrahlte. Die Wärme in seiner Stimme wenn er ihren Namen aussprach, der Glanz in seinen Augen wenn er über die Musik redete, die feuchten Hände die er immer bekam wenn er nervös wurde und selbst an das Fingernägelkauen hatte sie sich gewöhnt denn es war ein Teil dessen was Kian war. Sie seufzte. Auch wenn sie es nie für möglich gehalten hätte, sie liebte diesen Mann. Den Mann der ihr in der letzten Nacht vermutlich die Hand gehalten hatte und sie von ihrem Blut und dem Erbrochenen befreit hat bevor er sie ins Bett gelegt und zugedeckt hat. Eine kleine Träne lief ihr über die Wange als sie nach drinnen ging um das Telefon zu holen.
"Murphy?" meldete sich nach wenigen Augenblicken eine weibliche, aufgeregte Stimme.
"Hey Schwesterherz." Shannon lächelte. Allein die vertraute Stimme ihrer kleinen Schwester beruhigte sie von einer Minute auf die andere um ein vielfaches.
"Shannon, wie geht es dir?" fragte Aileen aufgeregt. "Du hast dich ja ewig nicht gemeldet. Ich habe dein Buch gelesen." Sie hielt inne. "Schade das keine schmutzigen Details drin vorkommen, aber ansonsten bin ich sehr zufrieden mit meiner großen Schwester!"
"Danke für die Blumen." nickte Shannon während sie mit dem Ärmel ihres Bademantels Laub und Dreck von den Plastikstühlen fegte und sich darauf nieder ließ. "Was macht meine Lieblingsschwester so?"
"Nicht viel. Ich arbeite, schlafe, arbeite, schlafe, zwischendrin esse ich auch ab und zu wenn ich die Zeit dazu finde, dann arbeite ich wieder und, na ja, du kennst den Rest."
"Ich denke schon." nickte sie erneut und seufzte. "Aileen? Ich bin verliebt."
Stille.
"Soll ich zuerst James anrufen oder doch lieber die Irish Times?"
"Lee." mahnte Shannon ihre Schwester zur Vernunft. Sie nannte sie selten Lee, eigentlich nur wenn sie sauer auf sie war, doch jetzt hatte sie es eindeutig verdient so genannt zu werden.
"Das letzte Mal als wir telefoniert haben hast du ihn noch verflucht, gehasst und ihm die Pest an den Hals gewünscht. Woher kommt der plötzliche Meinungsumschwung?"
"Naja, vor drei Wochen bei meiner Buchparty..."
"Drei Wochen?" Aileen klang empört. "Drei Wochen und ich erfahre erst jetzt davon? Nenne mir einen guten Grund warum ich jetzt nicht auf der Stelle auflegen sollte."
"Weil du meine Schwester bist und mich abgöttisch liebst?" Es war mehr eine Frage als eine Aussage.
"Hmh." Aileen zögerte, doch Shannon war sich sicher dass sie bereits jetzt über das ganze Gesicht grinste. "Also gut, ich höre."
"Naja, wie gesagt vor drei Wochen bei meiner Buchparty ist er aufgetaucht und hat sich für alles entschuldigt und.... ach Aileen, er war so lieb, er hat so verletzlich ausgesehen wie er so vor mir stand und mich förmlich angefleht hat zu ihm zurück zu kommen."
"Und natürlich springt meine Schwester sofort zurück in seine Arme, habe ich Recht?"
"Nicht ganz." verneinte Shannon die voreilige Schlussfolgerung ihrer Schwester. "Gestern Nacht hatte ich wohl einen Anfall." Sie seufzte leise. "Er muss ziemlich schlimm gewesen sein, denn ich habe eine Platzwunde am Kopf und habe gebrochen."
"Gebrochen?"
"Ich kann es noch schmecken." erklärte sie und verzog das Gesicht. "Ich weiß nicht wie er jetzt reagiert weil er noch nie einen meiner Anfälle mitbekommen hat weißt du? Ich habe Angst dass es ihm doch zu viel ist und er sich wieder von mir abwendet und...."
"Ach Shannon, spinn doch nicht rum. Du hast Epilepsie, das ist alles. Ob du jetzt kotzt weil du einen Anfall hast oder weil du ein oder zwei Drinks zu viel hattest, das ist doch völlig egal."
"Aber ich musste noch nie sein Erbrochenes aufwischen." versuchte sie sich zu erklären.
"Das kommt noch, bestimmt."
"Ich...."Shannon wurde von lauten Rufen unterbrochen die aus der Wohnung nach draußen drangen. "Aileen, ich muss Schluss machen. Er ist wach! Ich rufe dich morgen noch mal an, ja?" Sie wartete nicht auf eine Antwort und beendete die Verbindung bevor sie hinein eilte und Kian entgegen ging.
"Was ist los?" fragte sie als sie ihn in der Küche fand. Wortlos kam er auf sie zugestürzt und schloss sie fest in seine Arme.
"Du hast mich erschreckt."
"Wieso?" fragte sie verwundert und schob ihn ein Stück von sich weg.
"Naja, du warst nicht im Bett und nicht im Bad und nicht hier und ich wusste..."
"Hey." Shannon bemerkte wie aufgelöst er war und zog ihn wieder in ihre Arme. "Ist ja gut, ich bin ja hier."
"Ja aber,... ich meine ich.... du.... gestern war....."
Shannon senkte den Kopf während sie ihn erneut von sich wegschob und die Arme schützend vor ihrem Körper verschränkte. "So geht das nicht Kian." sagte sie leise.
"Was geht so nicht?" fragte er ängstlich.
"Du würdest dir Tag und Nacht darüber Gedanken machen wie es mir geht, wo ich bin, was ich tue. Das läuft so nicht, weder für dich noch für mich."
"Was willst du mir damit sagen?"
"Dass ich das nicht will. Dass ich nicht will dass du nachts aufwachst und die Badezimmertür eintreten musst um mir zur Hilfe zu eilen. Das kann doch nicht deine Vorstellung von...."
Kian, der ihr den Zeigefinger auf den Mund gelegt hatte, ließ sie jedoch nicht ausreden. Stattdessen fuhr er mit seiner Hand unter ihr Kinn und hob es ein wenig an, so dass sie ihm zwangsweise in die Augen sehen musste. "Kian bitte, ich..."
"Du wirst dich damit abfinden müssen, okay?"
"Womit?"
"Damit, dass ich mir um dich Gedanken mache wann, wo und sooft ich will." erklärte er ihr und zog sie erneut in seine Arme. "Ich werde dich nämlich nicht noch einmal gehen lassen."
"Kian, ich..."
"Ich sollte noch mal nach deiner Wunde sehen." ignorierte er ihr Flehen und zog sie hinter sich her ins Badezimmer.

Bis zum Frühstück eine halbe Stunde später war das Thema vom Tisch gewesen, doch Shannon wollte versuchen ihm aufs neue begreiflich zu machen was es bedeutet mit ihr zusammen zu leben.
"Wusstest du dass die Anfälle in schlechten Zeiten zur Tagesordnung gehören können?"
"Ist mir bewusst." nickte er, sah dabei aber nicht von der Tageszeitung auf die er sich vom Supermarkt mitgebracht hatte.
"Und dass ich niemals Auto fahren oder Alkohol trinken kann, also der unperfekteste Partner für ausgelassene Abende bin?"
"Auch das." erwiderte er abwesend und blätterte zum Sportteil um.
"Und dass..."
"Shannon." Genervt ließ er die Zeitung sinken und starrte sie kopfschüttelnd an. "Ich habe mich über das Thema weitgehend informiert, ich weiß worauf ich mich einlasse."
Sie nickte, wenn auch nicht überzeugt. Kian war ein Sturkopf, was hatte sie dem schon groß entgegen zu setzen?
"Was hältst du davon umzuziehen?" fragte er nach einer Weile in der sie schweigend ihren Kaffee getrunken und ihre Toastscheiben gegessen hatten.
"Wohin?"
"Ich habe ein wunderschönes Haus in Lahinch im Auge dass ich gerne gegen das in Kildare tauschen würde."
"Ich soll bei dir einziehen?" fragte sie verwundert und spöttisch zugleich. Doch sein Schulterzucken zeigte ihr, dass er es mit seinem Vorschlag weitaus ernster meinte als sie zunächst dachte. "Das ist dein Ernst?"
"Wieso nicht? Das Haus wäre viel zu groß für mich allein."
"Kian wir kennen uns gerade mal ein halbes Jahr, waren davon zwei Monate zusammen, glaubst du nicht das ist ein wenig verfrüht?"
Er zuckte wortlos mit den Schultern bevor er aufstand und seinen Teller in die Spüle stellte. "Das mag sein, aber trotzdem wäre es doch sicher eine Überlegung wert, meinst du nicht?"
"Nicht im Moment, nein." sagte sie ehrlich und kam zu ihm an die Spüle getreten. "Ich liebe dich, habe ich dir das heute schon gesagt?" hauchte sie ihm ins Ohr und schlang ihre kurzen, dünnen Arme um seinen Bauch.
"Nein." lächelte Kian und drehte sich in ihrer Umarmung so dass er sie ansehen konnte.
"Ich liebe dich." flüsterte sie erneut und küsste ihn zärtlich auf die Lippen bevor sie sich von ihm löste und damit begann den Tisch abzuräumen.
"Ich möchte dass du weißt dass meine Tür immer offen steht, ja?!"
Shannon hielt in ihrer Bewegung inne und drehte sich zu Kian um. Ein Lächeln umspielte ihre vollen Lippen als sie ihm zunickte und ihm die Butter reichte.


16. Kapitel

Die Woche, die Kian und Shannon getrennt voneinander verbrachten verging sowohl für Kian, der von einem Fotoshooting zum anderen hetzte, als auch für Shannon die sich die Zeit mit Gitarrespielen und Büchern vertrieben hatte, entgegen alle Erwartungen wie im Flug. Kian hatte sich für den Nachmittag angekündigt und ihr zuvor am Telefon gesagt dass er sie lediglich abholen und dann einen Ausflug machen würde. Was genau er vorhatte wusste sie aber nicht, und aus diesem Grund saß sie nun mit Schuhen und Cordjacke auf der Lehne ihrer Couch und spähte ungeduldig hinunter auf die Straße. Kian hatte sie in den vergangenen acht Tagen jeden Morgen telefonisch geweckt, ihr einen guten Morgen und einen wunderschönen Tag gewünscht und ihr versichert dass er den ganzen Tag nur an sie denken würde. Abends dann, immer so gegen halb elf, hatte er wieder angerufen um ihr eine gute Nacht und süße Träume zu wünschen und ihr von seinem Tag zu erzählen, der jedoch meistens den selben Ablauf hatte. Manchmal hatte er sie auch zwischendurch angerufen, wenn er gerade mal fünf oder zehn Minuten Zeit fand in seinem hektischen Alltag, und ihr gesagt wie sehr sie ihm fehlte.
Quietschende Reifen rissen Shannon aus ihren Gedanken und als sie ihren Blick wieder auf die Straße fokussierte erkannte sie Kians silbernen Porsche der unmittelbar vor dem Eingang ihres Hauses zum stehen blieb. Kopfschüttelnd hob sie sich von der Couch auf und schnappte sich ihre Tasche vom Sessel neben sich bevor sie die Wohnung verließ und ohne auf sein Klingeln zu warten die Treppen voller Vorfreude nach unten sprang.
"Hey mein Wirbelwind." lachte Kian als sie auf ihn zugesprungen kam. "Wie geht es dir?"
"Jetzt gut." nickte sie und schlang ihre Arme um seine Hüften um sich ganz nah an ihn schmiegen zu können.
Wortlos gab er ihr einen Kuss und führte sie dann zum Wagen.
"Wo bringst du mich hin?" fragte sie neugierig als er zu ihr in den Wagen stieg und den Motor anließ.
"Wird nicht verraten." schüttelte er energisch den Kopf.
Nach rund einer Stunde seufzte Shannon leise und drehte das Radio, dass sie irgendwann zwischen Limerick und Bunratty Castle bei einem ihrer Lieblingslieder aufgedreht hatte, leiser. "Warum sagst du mir denn nicht wo wir hinfahren?"
"Wir sind doch schon da." belehrte er sie und bog von der bis jetzt recht befahrbaren Straße auf einen matschigen und von Gras überwucherten Feldweg ab.
"Wir sind wo?"
"Wir sind da." wiederholte er sich und bog erneut rechts ab. Vor ihnen erhob sich ein großes, altes Haus im viktorianischen Baustil mit gelblich schimmernden Holzfassaden. Bei näherem Hinsehen verlor das Haus jedoch einen Großteil seines anfänglichen Charmes. Im oberen Stockwerk fehlten fast alle Fenstergläser, die Zimmer wurden nur von mit Packband verklebten Plastikplanen vor Wind und Wetter geschützt, doch auch diese Plastikplanen hatten in der letzten Zeit schwer gelitten und hatten bereits erste kleine Löcher. Unterhalb des linken Fensters fehlten drei Holzbretter und auch die Veranda, die das große Haus umgab, wirkte als ob sie beim Betreten zusammenbrechen würde.
"Das ist das schöne Haus von dem du mir erzählt hast?" fragte Shannon ungläubig als sie aus dem Wagen stieg und sich unsicher daran festhielt.
"Es ist umwerfend, nicht? Was glaubst du wie toll es erst aussieht wenn ich es renoviert habe." schwärmte Kian und nahm Shannon bei der Hand um sie mit sich zum Haus zu ziehen. "Der Besitzer hat mir erklärt dass es noch aus dem vorletzten Jahrhundert stammt und bereits seit über dreißig Jahren niemand mehr in dem Haus gewohnt hat."
"Wieso?"
"Keine Ahnung." zuckte er mit den Schultern und zog sie weiter auf die Veranda. "Der Besitzer ist schon ziemlich alt und soweit ich weiß hat er keine Kinder. Vielleicht ist er einfach zu alt um das Haus für sich alleine herzurichten."
"Vielleicht spukt es da drinnen auch." gab Shannon zu bedenken und löste ihre Hand von Kians. "Oder es wurden Menschen in dem Haus ermordet. Oder es steht auf einem alten Friedhof, oder vielleicht...."
"Ich glaube du hast zu viele Filme gesehen." schüttelte Kian den Kopf und öffnete die unverschlossene Tür. "Komm, lass es uns von drinnen ansehen."
"Du warst noch nie drinnen?"
"Nein, wieso?"
"Aber hast du mir nicht erklärt wie toll das Haus ist?"
"Ja, ist es das nicht?" fragte er verwundert und betrat im selben Moment das Wohnzimmer links von der Diele.
"Aber wenn du es doch gar nicht von innen kennst, wie kann es dich dann so faszinieren?"
"Weiß ich nicht." erklärte er abwesend und fuhr mit seiner Hand über die unter weißen Laken versteckte Couchgarnitur. "Er sagte die Möbel die mir gefallen könnte ich behalten."
"Die würde ich mir allerdings ansehen bevor ich sie behalte oder wegwerfe."
"Sehr witzig." scherzte Kian zurück und ergriff ihre Hand abermals. "Komm schon, lass uns uns umsehen."
Er führte sie weiter zu einer Eichentür die das kleine Badezimmer abtrennte und weiter zu der mit alten, gelblich verfärbten Vorhängen verdeckten Tür zum Garten. Er zog die staubigen Stofffetzen zurück und öffnete die mit Pappe beklebte Tür um einen Blick auf den weitläufigen Garten werfen zu können. Allem Anschein nach hatte auch hier bereits seit Jahren niemand mehr einen Fuß hingesetzt, denn das Efeu wucherte aus allen Ecken, die Bäume waren karg und komplett blattlos obwohl es erst Ende September war und das Unkraut bedeckte den grünen Rasen.
"Wenn du hier einziehst solltest du dir dringend einen Gärtner zulegen." scherzte Shannon und ging weiter in die Küche, in der es seltsam vermodert roch. "Kian, was ist das?" rief sie hinter sich und hielt sich den Ärmel ihres Pullovers vor das Gesicht. "Gott, das stinkt bestialisch." Als ihr Blick auf den Boden ging stieß sie einen spitzen Schrei aus und rannte auf Kian zu, der in diesem Moment die Tür wieder verschloss und ihr folgen wollte. "Gott." fauchte sie und sprang an ihm hoch, die Beine fest um seine Hüften geschlungen.
"Hey, nicht so stürmisch." lachte Kian und wollte sie küssen, doch Shannon schob sein Gesicht von sich weg und wies mit ihrer anderen Hand in die Küche. "Da liegen drei tote Mäuse auf dem Boden, es stinkt als würden Menschenkadaver in den Schränken lagern und auf der Anrichte liegt verschimmeltes Brot." erklärte sie angewidert. "Erzähl mir noch einmal was vom Charme dieses Hauses."
"Lass mich das alles hier erst mal renovieren, dann...."
"Kian, ich bitte dich. Du hast es nicht mal geschafft die Tür meiner Besenkammer zu öffnen, wie willst du da ein Haus renovieren?"
"Habe ich gesagt ich werde das Haus renovieren?" lächelte er während er sie wieder auf den Boden absetzte. "Nein, ich lasse renovieren."
"Du lässt renovieren?"
"Sicher." zuckte er mit den Schultern und warf einen schnellen Blick in die Küche bevor er kopfschüttelnd zurück ins Wohnzimmer ging um von dort aus zurück in die Diele und schließlich nach oben zu gelangen ohne die Küche durchqueren zu müssen. "Während ich in Asien bin können die sich hier austoben und uns unser Haus renovieren."
"Unser?" sie zuckte zusammen.
"Meins." verbesserte er sich und rollte mit den Augen. "Also? Was sagst du?" fragte er erwartungsvoll als er ihr den Ausblick aus dem vermeintlichen Schlafzimmer zeigte. Der reichte vom Lahincher Golfplatz und dem beschaulichen Dörfchen, dass man sah wenn man aus dem Fenster zur rechten Seite des Zimmers sah bis hin zum glitzernden Meer und den langläufigen Dünen die man bewundern konnte wenn man aus dem Fenster an der Hausfront blickte.
"Wahnsinn." stieß sie aus und griff nach Kians Hand. "Überzeugt, das wird ein Traumhaus wenn es fertig ist."
"Siehst du." lächelte er und nahm sie in den Arm. "Fehlst nur noch du."
"Kian, ich..."
"Hey." Kian schüttelte den Kopf. "Ich dränge dich zu nichts, du kannst es dir solange überlegen bis du denkst dass du soweit bist. Aber ich möchte dass du weißt dass ich mir nichts sehnlicher wünsche als jeden Morgen neben dir aufzuwachen." Er hielt inne und starrte aus dem Fenster.
"Was ist?"
"Es gibt da noch was was ich dir sagen möchte."
"Dann raus damit." zuckte Shannon mit den Schultern und lies sich ein letztes Mal von dem Ausblick faszinieren bevor sie ihre volle Aufmerksamkeit Kian schenkte der mit gesenktem Kopf vor ihr stand und auf seine Finger starrte die sanft über Shannons Handknöchel fuhren.
"Ich habe, während ich in Asien war, mit ein paar Leuten telefoniert und die...."
"Kian." mahnte sie ihn und drückte seine Hand um ihm zu signalisieren dass er weiter sprechen sollte.
"Ich, oder vielmehr ein Freund von mir hat deinen Vater gefunden."
Shannon riss ihre grünen Augen auf und ließ augenblicklich Kians Hände los. Ihr Vater? "Was erzählst du da? Mein Vater lebt sicher nicht mehr, er hat sich wahrscheinlich damals schon umgebracht oder ist ausgewandert oder...."
"Er lebt in Cork."
Shannons Gesichtszüge verhärteten sich mit jeder Sekunde die sie sich schweigend gegenüber standen. "Aber wie..." fing sie schließlich an zu stottern und ließ sich von Kian erneut in eine Umarmung ziehen. "Ich meine, er hätte sich doch melden können. Mein Gott, Cork. Das ist eineinhalb Stunden weg, ich meine.. Sie begann zu schluchzen, Tränen liefen ihr in Strömen über die Wangen. "Ich kann nicht." schüttelte sie schließlich den Kopf und löste sich von Kian. "Ich kann ihm nicht nach all den Jahren einfach so gegenüber treten."
"Das verlangt auch niemand." versicherte Kian ihr und zog ein Stück Papier aus seiner Hosentasche. "Aber vielleicht möchtest du ihn mal anrufen oder so?" Er reichte ihr das Stück Papier und beobachtete sie dabei wie sie es auffaltete und die Zeilen überflog.
"Ich kann nicht." flüsterte sie und faltete das Papier zusammen bevor sie es ihm hinhielt.
"Behalte es doch, vielleicht möchtest du ihn ja irgendwann mal anrufen." entgegnete er und nahm ihre freie Hand. "Komm, ich habe genug gesehen. Ich werde den Besitzer gleich morgen anrufen und ihm erklären dass ich das Haus kaufen möchte."

17. Kapitel

Ob er auch wirklich fahren könnte, ob es ihr gut ging und ob sie nicht vielleicht doch mitkommen möchte. Fünfzig Mal, nein das reichte nicht, hundert Mal hatte er sie gefragt ob sie sicher sei dass er die paar Wochen nach Asien fahren konnte und sie hatte ihm jedes Mal geantwortet dass er ruhigen Gewissens fahren und sich um sie keine Sorgen machen sollte. Sie hatten die ganze letzte Nacht vor seinem Abflug wach im Bett gelegen, erzählt, gelacht, geweint oder schweigend nebeneinander gelegen und den Atemgeräuschen des anderen gelauscht. Es dämmerte bereits als sie schließlich vor Erschöpfung eingeschlafen waren, doch schon um halb neun hatte der Wecker in Kians Handy geklingelt und ihn darauf aufmerksam gemacht dass sein Flug nach in fünf Stunden vom Flughafen Dublin aus ging. Er wollte nicht weg, beteuerte immer wieder wie sehr sie ihm fehlen würde wenn er weg war. Und doch hatte er kein Wahl und war schließlich nach einer halbstündigen Verabschiedung in sein Auto gestiegen und nach Hause gefahren um dort ein paar Sachen für den Flug zu packen den er am liebsten umgehend abgesagt hätte.
Am Tag nach seiner Abreise war sie nachmittags auf den Friedhof gegangen und hatte sich lange Zeit mit ihrer Mutter unterhalten.
Irgendwann zwischen dem verzweifelten Tritt gegen die steinerne Friedhofsmauer und dem nervösen Hin und Her laufen war es als sie den Beschluss fasste ihrem Vater gegenüber zu treten. Shannon wusste nicht was sie von dem Mann erwartete der sie und ihre schwangere Mutter damals hatte sitzen lassen, doch sie wusste dass sie ihren Vater sehen musste, dass sie ihm gegenübertreten musste um ihn zu fragen wieso er sie damals verlassen hatte. Und genau das war es was sie am nächsten Tag tat. Sie zog sich ihren Lieblingspullover an, packte sich ihre Tablettenration für den Tag in eine kleine Dose und schob sie in ihre Handtasche bevor sie die Haustür hinter sich schloss und runter ins Dorf schlenderte. Sie hatte sich für den 8:40 Uhr Bus nach Cork entschieden. Dort würde sie dann umsteigen müssen um mit dem Bus ins zwanzig Kilometer westlich gelegene Midleton zu gelangen. Dem Ort in dem man ihren Vater aufgespürt hatte, dem Ort in dem er schon seit über zwanzig Jahren, wahrscheinlich schon seit er Shannon und ihre Mutter damals verlassen hatte, lebte.
Es war kurz nach halb zwei am Mittag als sie durch die Hilfe eines freundlichen Taxifahrers vor einer alten Blockhütte stand und sich unschlüssig umsah. Jetzt wo sie hier stand und den großen, roten Pick-Up-Truck vor der Tür stehen sah war sie sich ihrer Sache schon gar nicht mehr so sicher. Was erwartete sie von dem Mann der sie seit über zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte, der wahrscheinlich selbst wenn sie vor ihm stand nicht wusste wer sie war. Woher auch.
Kopfschüttelnd drehte sie sich um und wollte zurück zur Hauptstraße laufen wo sie der Taxifahrer rausgelassen hatte, doch im selben Moment in dem der Gedanke umzukehren und so zu tun als ob nichts gewesen sei in ihrem Kopf Gestalt anzunehmen begann hörte sie die Tür und daraufhin schwere, langsame Schritte auf dem Holzboden der Veranda.
"Was suchen sie hier?" fragte eine raue, tiefe Stimme.
Er rauchte noch immer, das hörte man sofort an seiner Stimme. Ihre Mutter hatte ihr immer nur von seinen schlechten Seiten erzählt wenn sie überhaupt mal etwas von ihm erzählt hatte. Und das Rauchen war eine dieser schlechten Seiten.
Sie dachte daran einfach weiter zu gehen und so zu tun als habe sie ihn nicht gehört, doch auf der anderen Seite dachte sie daran dass das wahrscheinlich ihre einzige Chance war zu erfahren wieso er sie damals im Stich gelassen hatte. Also tat sie das, was ihr Herz ihr sagte und machte auf dem Absatz kehrt um auf ihn zuzugehen.
"Was wollen sie?" pöbelte er sie mürrisch an. Er trug eine hellblaue Latzhose, ein rotkariertes Flanellhemd und eine dunkelblaue Baseballkappe, im Mund hatte eine halbgerauchte Zigarette. Shannon sagte nichts, suchte noch nach den richtigen Worten während sie ihm Schritt für Schritt näher kam. Erst als sie schon fast die erste Treppenstufe erreicht hatte blickte er auf und musterte sie von oben bis unten.
"Großer Gott." stieß er aus und lies die Zigarette auf den Boden fallen.
"Hallo Seamus" sagte sie leise und stieg die vier übrigbleibenden Treppenstufen nach oben.
"Bist du das wirklich?" fragte er, die Hand fassungslos am Mund.
Shannon fragte sich was genau es war das ihn sie so ohne weiteres als seine Tochter identifizieren ließ. Sie wusste dass sie ihrer Mutter ähnlich sah, dass sie die selben Grübchen, die selbe Nase und viele identische Eigenschaften hatten, doch sie wusste nicht an was Seamus, ihr Vater, es ausgemacht hatte. Noch während sie diesen Gedanken dachte spürte sie wie zwei Arme um ihre Schulter gelegt wurden. Er umarmte sie. Kurz und mehr förmlich als herzlich, aber er umarmte sie.
"Möchtest du nicht rein kommen? Ich kann uns Tee machen."
"Nein danke, ich möchte keinen Tee." entgegnete sie während sie ihm ins Haus folgte.
Das Haus war unordentlich, wirkte wie eine Junggesellenwohnung. Sie wusste dass ihre Eltern sich nie hatten scheiden lassen, auch als es 1996 erlaubt wurde, daher war sie sich sicher dass er nicht wieder geheiratet hatte, doch dass er zumindest eine Lebensgefährtin hatte, damit hätte sie gerechnet. Doch nichts in diesem Haus lies auf die Existenz einer weiblichen Person in diesem Haushalt schließen.
"Möchtest du etwas anderes? Kaffe, Wasser, Milch? Oh nein warte, die ist mir gestern ausgegangen. Ähm, Kekse vielleicht? Oder etwas zu essen? Ich kann dir etwas kochen wenn du möchtest."
"Nein, danke." sagte sie leise.
Er konnte kochen, ein weiteres Zeichen dass es in seinem Leben keine Frau gab. Zumindest nicht gegenwärtig. Er verschwand dennoch in der Küche mit der Begründung ihr trotzdem ein Wasser zu holen, nur für den Fall dass sie durstig werden würde.
Shannon lies ihren Blick durch das vollgestellte Zimmer schweifen. Jagdtrophäen stapelten sich in zwei zimmerhohen Schränken, ein Wäscheständer mit längst trockener Wäsche stand neben dem Treppenaufgang und diverse Zeitschriften und eine leere Dose Bier standen neben dem großen, schwarzen Ledersessel dessen Blick genau auf den Plasmabildschirm ausgerichtet war. Ihr Blick fiel auf den Kaminsims auf dem ein paar gerahmte Bilder standen. Eines zeigte Seamus, er musste ungefähr zehn Jahre jünger gewesen sein zum Zeitpunkt als das Bild geschossen wurde, und eine blondhaarige Frau auf einer Wiese, eng umschlungen und beide mit einem mehr als verliebten Gesichtsausdruck. Ein zweites zeigte zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, ungefähr im Kindergartenalter, die sich gegenseitig im Sandkasten mit Matschbällen beschmissen. Auf dem Bild links daneben waren die selben Kinder abgebildet, das Mädchen hatte mittlerweile rote Haare und Shannon schätzte sie etwa auf zwanzig, der Junge im gleichen Alter saß mit einem ernsten Gesichtsausdruck neben ihr.
"Ich habe dir einfach ein paar Kekse dazu gestellt, vielleicht wirst du ja noch hungrig." lächelte Seamus unbeholfen und stellte das kleine Tablett auf dem Couchtisch ab. "Möchtest du dich nicht setzen?"
"Wer ist das?" fragte sie, doch tief in ihr drinnen kannte sie die Antwort bereits.
"Das sind Emma und Cole." erklärte er und kam zu ihr an den Kaminsims getreten. "Sie sind jetzt beide einunzwanzig und studieren in Dublin an der Universität. Emma möchte später Kunstlehrerin werden, Cole studiert Politikwissenschaften."
"Sie sehen dir ein bisschen ähnlich."
Er nickte. "Und du bist deiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten."
"Ist dass deine Frau?" fragte sie ohne auf seine Aussage einzugehen und deutete auf das Bild der blonden Frau und ihm.
"Das war meine Lebensgefährtin, Bridget. Sie ist letztes Jahr im Dezember von uns gegangen." erklärte er gefasst und ging zurück auf die Couch.
"Woran ist sie gestorben?" fragte Shannon und kam ihm zögerlich hinterher.
"Krebs. Sie hatte Brustkrebs."
"Das tut mir leid." Sie verspürte echtes Mitleid für ihn. Nicht weil sie ein ähnliches Schicksal teilte oder weil er ihr Vater war sondern weil sie wusste was es hieß einen geliebten Menschen zu verlieren.
"Wie geht es dir Shannon?" fragte er. "Ich meine, was ist aus dir geworden? Dass du eine wunderschöne Frau geworden bist kann ich sehen, ohne Zweifel. Aber ich möchte etwas über dich erfahren, über das was du in deinem Leben schon erreicht hast. Bitte. Erzähl mir irgendetwas."
"Du willst wissen was ich erreicht habe?" fragte sie zynisch woraufhin er zu nicken begann. "Soll ich dir sagen was ich erreicht habe? Ich habe dreiundzwanzig Jahre meines Lebens darüber gegrübelt wer mein Vater ist und wieso er mich, meine kleine Schwester und meine Mutter verlassen hat. Ich hatte Krebs, musste mit ansehen wie meine eigene Mutter langsam von Alzheimer zerfressen wurde und habe mit einundzwanzig ein totes Kind zur Welt gebracht. Und das alles, glaube es oder nicht, habe ich ohne die schutzbietende Schulter eines Vaters verkraften müssen." Wider Willen liefen ihr die Tränen bereits seit dem ersten Satz den sie gesprochen hatte haltlos über ihr glühendes Gesicht. "Dass du Streitigkeiten mit Mum hattest ist nichts ungewöhnliches, das passiert in jeder Ehe, und manchmal trennen sich die Paare weil sie keinen anderen Weg sehen. Aber du? Seamus du bist mein Vater und du hast mich mit eineinhalb aufgegeben. Was kann ein Kind in diesem Alter anstellen dass man es verstößt?" Sie schrie schon fast, so wütend war sie plötzlich.
"Mein Kind, ich..."
"Komm mir nicht mit mein Kind." fuhr sie ihn an. "Du hast dich dreiundzwanzig Jahre lang nicht darum gekümmert wer ich bin oder was aus mir wird, geschweige denn wie es mir geht. Ich bin verdammt noch mal nicht dein Kind."
Er nickte stumm.
"Ich will nur wissen wieso." erklärte sie ruhiger als noch zuvor. "Wieso?"
"Shannon versteh mich doch, als dein Bruder damals gestorben ist wusste ich nicht weiter, deine Mutter hat sich vergraben, der einzige Ausweg aus der Misere zu der mein Leben verkommen war, war für mich der Alkohol. Eines Nachts ist bei mir einfach die Sicherung durchgebrannt und ich bin abgehauen. Ich wollte so oft anrufen um zu hören wie es dir ging, was du machst und wie du jetzt aussiehst, aber ich habe mich nie getraut weil deine Mutter mir in dieser Nacht gedroht hatte wenn ich sie und dich jetzt verlassen würde, dann dürfte ich mich nie wieder in deine Nähe wagen oder sie würde mich eigenhändig erschießen. Ich weiß dass ich großen Mist gebaut habe Shannon, und ich würde so gerne alles wieder gut machen, doch ich weiß dass ich das nicht kann. Ich habe Kevins Tod noch heute nicht verkraftet und es tut mir in meiner Seele so sehr weh dass dir praktisch das selbe Schicksal zuteil wurde."
Shannon war fassungslos. Sie wusste nicht ob sie schreien, weinen oder in Ohnmacht fallen sollte.
"Wer...." fing sie an zu stammeln. "Wer ist Kevin?"
"Ich... was?" Seamus schien entsetzt über ihre Frage. Wusste sie denn nichts von Kevin? Konnte Mairead es wirklich vor ihr geheimgehalten haben?
"Seamus, wer ist Kevin." fragte sie erneut, die Tränen liefen noch immer unaufhaltsam ihre Wangen hinunter.
"Kevin ist... Kevin war dein großer Bruder. Er ist mit drei Jahren beim spielen an unserem Sommerhaus gestolpert und über den Abhang in die Tiefe gestürzt. Er war..."
"In Kilkee?" fragte sie, konnte sich die Frage jedoch selbst beantworten.
All die verzweifelten Bitten ihrer Mutter nicht zu nahe am Abgrund zu spielen, die vielen Menschen die sie bei ihrem ersten Aufenthalt in Kilkee kannten und mit Namen ansprachen. Shannon hatte sich damals keine Gedanken darüber gemacht, hatte es hingenommen als ihre Mutter sagte dass sie ein Allerweltsgesicht habe.
Kevin. Ihr Bruder?
"Es tut mir schrecklich leid, Shannon. Ich wusste nicht dass es deine Mutter dir nie erzählt hat."
"Hat sie nicht." bestätigte sie ihm und nahm einen Schluck Wasser.
"Wie geht es Mairead?" Ihr schien ihre Ausführungen über Maireads Krankheit zuvor überhört zu haben.
"Sie ist voriges Jahr an Alzheimer gestorben." antwortete sie wie in Trance.
"Das tut mir leid, hätte ich davon gewusst wäre ich selbstverständlich zur Beerdigung..."
"Aber du hast es nicht gewusst weil du dich seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr bei ihr gemeldet hast. Ich weiß."
"Du sagtest du hast eine kleine Schwester. Ist sie von...?"
"Ja ist sie. Mum war im zweiten Monat als du sie verlassen hast. Aileen ist jetzt dreiundzwanzig und lebt in Manchester."
"Wie sieht sie aus?"
"Wie ich, mit hellbraunen Haaren, grünen Augen und ungefähr fünfzehn Zentimeter größer." Sie wusste dass das keine Beschreibung für einen Menschen war, doch sie hatte keine große Lust ihm Aileen haargenau zu beschreiben, war sie sich doch nicht mal sicher ob er es aus wirklichen Interesse oder rein aus Höflichkeit wissen wollte.
"Und wo wohnst du?"
"Ich wohne in einem wunderschönen viktorianischen Haus in Lahinch." antwortete sie ihm ohne darüber nachzudenken.
"Wie ist das mit deinem Baby passiert?" fragte er vorsichtig, schließlich wollte er sie nicht verärgern.
"Ich habe Epilepsie, das Kind war nicht gewollt aber es ist passiert und ich wollte es behalten. Der Arzt meinte es sei eine Risikoschwangerschaft, aber ich war damals so naiv zu glauben dass bei mir alles gut gehen würde. Leider hatte ich mich getäuscht."
"Was wäre es geworden?"
"Ein Junge."
"Hattest du schon einen Namen?"
Sie nickte stumm.
"Was wäre es gewesen?"
"Was soll das? Was bezweckst du hiermit?" fragte sie aufgebracht. "Willst du die letzten fünfundzwanzig Jahre in einem kurzen Gespräch wieder aufholen? So funktioniert das nicht Seamus. Ich musste in meinem Leben schon so viel erdulden und hatte immer nur einen Elternteil auf den ich bauen konnte, dem ich mich anvertrauen konnte. Und beim schlimmsten Ereignis was es für eine Mutter wohl auf dieser Welt gibt hätte ich dich so dringend gebraucht, doch du warst nicht da. Nie da gewesen und ich wette dass du auch in Zukunft nicht da sein wirst."
"Nicht wenn du mir keine Chance dazu gibst." nickte er traurig. "Shannon, ich weiß dass ich kein guter Vater, vielmehr dass ich dir überhaupt kein Vater war, aber du bist noch jung und wenn du mich lässt... Wenn du mich lässt, dann wäre ich dir gerne in Zukunft der Vater den du nie hattest."
"Ich glaube nicht dass ich in Zukunft einen Vater brauchen werde." schnaufte sie und stand auf. "Ich glaube es ist besser wenn ich jetzt gehe, mein Bus fährt schon bald zurück."
"Hast du denn kein Auto bei dir?"
"Ich bin mit dem Bus hier." wich sie seiner Frage geschickt aus und nahm ihre Handtasche von der Lehne neben sich.
"Ich muss sowieso in die Stadt, kann ich dich irgendwo mit hinnehmen?"
Sie zögerte, nickte dann aber schließlich zaghaft und wartete bis er seine Sachen zusammen gepackt hatte und mit ihr zur Tür ging.
"Hast du dir die Stadt schon angesehen?" fragte er während der ruhigen Fahrt in die Innenstadt.
"Ich hatte vorhin eine knappe Stunde und bin die Einkaufsstraße einmal rauf und runter." erklärte sie kurz angebunden.
"Schöne Stadt, nicht wahr?"
"Geht." nickte sie und blickte aus dem Fenster.
"Glaubst du dass du mir jemals verzeihen kannst?" Er neigte seinen Kopf etwas zur Seite als er neben der Bushaltestelle in Corks Innenstadt anhielt und den Motor kurz abstellte.
"Ich weiß es nicht." zuckte sie hilflos mit den Schultern.
"Es wäre schön wieder mal etwas von dir zu hören. Und wenn es nur eine formlose Grußkarte zu Weihnachten ist."
"Deine Adresse habe ich ja." lächelte sie milde während sie die Tür öffnete. Das erste Lächeln an diesem Tag.

Als sie knappe zweieinhalb Stunden später, es begann bereits zu dämmern, wieder in Limerick ankam führte sie ihr erster Weg auf den Friedhof. In Gedanken rechnete sie das Jahr aus in dem Kevin gestorben war und warf einen erneuten Blick auf das Stück Papier mit der Adresse ihres Vaters darauf. Kevins Grabstein würde sicherlich den Namen seines Vaters tragen, nicht den von Mairead.

Seamus Walsh
"An Abhainn”
Midleton
Co. Cork
021-507301

Shannon seufzte. Kevin Walsh also. Er musste hier irgendwo liegen.
Obwohl Limerick oft wie ein Dorf auf Shannon wirkte starben hier doch beträchtlich viele Menschen, dachte sie sich stöhnend als sie die Reihen zu einem Drittel hinter sich hatte. Plötzlich hielt sie Inne und begann verloren auf einen kleinen Grabstein am Ende des Weges, gleich an der Friedhofsmauer, zu starren. Die Inschrift war kaum mehr zu entziffern, so sehr hatte der dunkle Stein in den letzten dreißig Jahren bereits unter den hiesigen Wetterbedingungen gelitten. Langsam ging sie ein paar Schritte auf das Grab zu und blieb in sicherer Entfernung stehen, die Hände vor ihrem Körper spielten nervös miteinander.
Das Grab sah aus als hätte sich lange Zeit niemand mehr darum gekümmert. Die wenigen noch erhaltenen Rosen die leblos in der kleinen, blauen Vase neben dem Stein standen waren vertrocknet und standen wahrscheinlich schon sehr lange dort. Das Efeu, dass früher einmal wohl nur hinter dem Grab entlang wucherte war über die Steine gekommen und bedeckte nun gut zwei Drittel des Grabes, machte es fast unmöglich das Stück Land als Grab zu identifizieren.
"Hey großer Bruder." seufzte sie leicht während sie sich den Grabstein betrachtete.

Kevin Walsh
*17.12.1975 - 13.05.1978

Shannon war gerade mal zwei Monate alt als ihr Bruder verstarb. Doch wieso hatte ihr nie jemand etwas über ihn erzählt, ihr gesagt dass er überhaupt existiert hat. Sie war 25 Jahre alt und hatte heute erst davon erfahren dass sie eigentlich einen großen Bruder hatte.
"Es tut mir leid Kevin." flüsterte sie leise und ging vor dem Grab in die Hocke. "Es tut mir so leid dass ich mich nicht an dich erinnern kann und dass ich nie an deinem Grab gewesen bin. So leid." schluchzte sie und wischte sich die Tränen aus den Augen. Sie wollte vor ihrem großen Bruder nicht weinen. "Ich möchte alles wieder gut machen, ich komme jetzt viel öfter her um mit dir zu erzählen wenn du das möchtest."
Ein kalter Windhauch lies Shannon erstarren. Hatte er ihr tatsächlich ein Zeichen gegeben? Als sie die ersten Regentropfen auf der Nase trafen war sie sich jedoch sicher, dass der Windhauch kein Zeichen sondern der Vorbote eines Unwetters war dass sich über Limerick zusammenbraute. Sie warf einen letzten Blick auf den Grabstein bevor sie langsam zum Friedhofstor schlenderte. Normalerweise hätte sie in jedem Fall noch mal bei ihrer Mutter angehalten um nach dem Grab zu sehen, ob die Blumen Wasser benötigten oder Ähnliches. Doch heute verspürte sie ganz und gar nicht das Bedürfnis mit ihrer Mutter in Kontakt zu treten.
Sie lief durch den strömenden Regen der mittlerweile eingesetzt hatte, nach Hause und zog sich lediglich Jacke und Schuhe aus bevor sie sich das Telefon nahm und die ihr so vertraute Nummer wählte.
"Hi Schatz." meldete sich Kian nach nur zweimal klingeln.
"Kian." schluchzte Shannon und lies sich kraftlos auf die Couch fallen.


18. Kapitel

Zwei Wochen nachdem Kian aus Asien zurück war stand Shannons kompletter Hausrat entweder beim Trödler in Limerick oder in ihrem neuen, komplett renovierten Zuhause in Lahinch. Shannon hatte ihm noch am gleichen Abend, an dem sie den Beschluss zu ihm zu ziehen gefasst hatte, davon erzählt und ihm damit das wohl schönste Geschenk gemacht. Kian hatte sich zwar zunächst nicht sonderlich erfreut gezeigt über diverse Möbelstücke wie die graue Garderobe, den alten, riesigen Fernsehsessel mit dem Kaffeefleck auf der Lehne oder den altertümlichen Mixer, aber er würde sich wohl oder übel daran gewöhnen müssen, denn schließlich hatte er es so und nicht anders gewollt.
Shannon saß auf dem Fußboden vor ihrem besagten Sessel und trällerte zu Nirvana, die sie auf voller Lautstärke über ihre Kopfhöher hörte während Kian am Küchentisch über einem Vertrag bezüglich der finanziellen Zukunft von Westlife saß, den man ihm erst kürzlich untergeschoben hatte. Genervt legte er den Stift weg und setzte seine Brille ab bevor er ins Wohnzimmer schlurfte und im Türrahmen gelehnt stehen blieb um Shannon unbeobachtet lauschen zu können.
Ihre Stimme klang wie die einer neunjährigen wenn sie sang. So rein, so zart, so unschuldig. Dass diese Frau in ihrem Leben bereits so viel erleiden musste sah beziehungsweise hörte man ihr dabei gar nicht an. Lächelnd trat er aus seinem Versteck heraus und setzte sich hinter sie auf den Sessel und strich ihr sanft über ihre Haare während sie unbeeindruckt weiter summte. Schließlich schaltete sie die Anlage aus und setzte sich die Kopfhörer ab bevor sie sich umdrehte und ihren Kopf auf Kians Knie legte. "Woran denkst du?" fragte sie verträumt.
"An dich."
"Das gilt nicht." schüttelte sie den Kopf und sah ihn erwartungsvoll an.
"Ich denke daran wie ich dich das erste Mal getroffen habe." Er grinste. "Wie du kleiner Wirbelwind durch den Bahnhof gefegt bist und alles in deiner Nähe in Mitleidenschaft gezogen hast was nicht niet und nagelfest war."
"Hey." Sie stemmte ihre Arme empört in ihre Hüfte und richtete sich etwas auf. "So schlimm bin ich doch auch wieder nicht."
"Nein." sagte er sanft und fuhr ihr abermals über ihr glänzendes Haar. "Aber hätte mir damals jemand gesagt dass ich für dich mal mehr als Mitleid empfinden würde, ich hätte denjenigen gnadenlos ausgelacht."
Shannon nickte zustimmend, erwiderte jedoch nichts.
"Was ist? Woran denkst du?" stellte er nach einer kurzen Weile die Gegenfrage.
"Du hast Recht." nickte sie wieder. "Ich hätte mir auch nie träumen lassen dass ich mal mit dem Mitglied einer Boygroup liiert sein würde. Meine Schwester hatte es damals schon voraus gesagt, aber das wollte ich damals natürlich nicht hören. Und jetzt?" Sie lachte. "Jetzt sitze ich hier in deinem Wohnzimmer und...."
"In unserem Wonzimmer."
"Kian." wies sie ihn zurecht und stand auf. "Das ist dein Haus, das weißt du genau." Sie reichte ihm ihre Hand und zog ihn mit all ihrer Kraft aus dem Sessel hoch. "Und auch wenn du immer versuchst Mister Perfect zu sein, was ich ja ganz und gar nicht leiden kann, so liebe ich dich trotzdem mehr als ich mir je hätte träumen lassen." Sie stellte sich auf ihre Zehenspitzen und gab ihm einen kleinen Kuss auf den Mund, grinste ihn breit an und zog ihn dann hinter sich her ins Schlafzimmer.

In der nächsten Woche stand Shannons 26. Geburtstag vor der Tür. Gegen halb acht trudelten die letzten, Shane und Gillian, ein und beglückwünschten und herzten Shannon ausgiebig bevor das Essen, für das Kian und Shannon bereits seit zwei Tagen in der Küche gestanden hatten, aufgetischt wurde. Es wurde viel erzählt, gelacht und vor allem getrunken. Kian, der sich aus Rücksicht auf Shannon zurück halten wollte hatte bereits um neun Uhr die eindeutige Einwilligung von Shannon bekommen auf ihr Wohl zu trinken und mal wieder richtig zu feiern. Shannon hatte sich daran gewöhnt nichts zu trinken, dagegen machen konnte sie so oder so nichts, wieso sich also nicht damit abfinden.
"Shannon, hast du noch Eis irgendwo?" fragte Gillian und hielt ihr den leeren Eisbehälter hin.
"Klar, sicher, einen Augenblick." nickte sie und nahm den leeren, feuchten Behälter an sich und trottete in die Küche. Sie ging zum Kühlschrank und öffnete das Eisfach um zu sehen ob sie noch weitere Eiswürfel auf Vorrat hatte, doch Fehlanzeige. Sie wollte gerade frisches Wasser in den Behälter füllen als ihr einfiel dass sie in der Truhe noch welche haben musste und setzte sich in die Hocke vor den Gefrierschrank um sich zu vergewissern.
"Netter Arsch."
Shannon schreckte hoch und hielt sich erschrocken die Hand auf ihr Herz während sie sich umdrehte und Mark am Küchentisch vorfand. "Gott, erschreck mich doch nicht so." fauchte sie und nahm den vollen Eisbehälter aus dem Gefrierschrank bevor sie die Tür schloss und die Eiswürfel in die kleine dafür vorgesehene Box füllte. "Willst du nicht zu den anderen gehen und dich ein bisschen amüsieren?" fragte sie, den Rücken zur Küche.
"Ich würde mich viel lieber mit dir amüsieren." hauchte er ihr ins Ohr und Shannon fuhr abermals zusammen als sie bemerkte dass er nun dicht hinter ihr stand.
"Mark, bitte. Du weißt doch dass ich mit Kian...."
"Selbst die besten Ehen halten Menschen nicht davon ab unüberlegte Dinge im Affekt zu tun. Komm schon, nur du und ich. Im Garten vielleicht, da werden sie nicht gleich suchen."
"Mark." fauchte sie ihn an und versuchte ihn von sich wegzustoßen. "Du bist betrunken, lass mich in Ruhe."
"Ich bin nicht betrunken." Seine Worte sagten das eine, doch die Art wie er sie aussprach und sein Atem sagten etwas ganz anderes.
"Mark, bitte." Shannon spürte wie ihr Pulsschlag in die Höhe schnellte und sie schloss erschöpft die Augen als das Bild vor ihr zu verschwimmen begann. "Mark ich..."
"Was ist hier los?" Shannon nahm Shanes Stimme wahr, sie spürte wie Mark von ihr abließ, dann spürte sie nur noch wie sie zu Boden fiel und mit dem Gesicht auf die kalten Bodenfliesen aufschlug.

Als Shannon am nächsten Morgen die Augen aufschlug lag Kian bereits wach neben ihr und lächelte sie schwach an.
"Morgen." sagte sie matt und richtete sich auf.
"Morgen." entgegnete er und gab ihr einen kleinen Kuss auf die Nase. "Gut geschlafen?"
"Hmh." Sie nickte zaghaft und fuhr sich mit ihrer Hand über ihre glühende Wange. Sie fühlte die Schrammen an ihrer linken Wange und schloss die Augen. "War es sehr schlimm?"
Kian zuckte lediglich mit den Schultern bevor er sich aus dem Bett schälte und im Bad verschwand.
"Es war also schlimm." nickte sie als sie ihm wenige Minuten später folgte.
"Wir sollten vielleicht mal zum Arzt gehen." zuckte Kian mit den Schultern und schob sich seine Zahnbürste in den Mund.
"Ach, das wird nichts wildes sein, ich habe wahrscheinlich nur wieder zu wenig gegessen oder so." schüttelte sie den Kopf und trat hinter ihn um ihn umarmen zu können. "Lass uns lieber was lustiges unternehmen. Wir könnten an den Strand gehen oder einen Stadtbummel machen. Oder wir fahren zum Rock Shop und kaufen ein paar Sachen für den Garten. Und im Wohnzimmer fehlt auch noch...."
"Shannon." fiel er ihr kopfschüttelnd ins Wort und spuckte den weißen Zahnpastaschaum ins Waschbecken. "Mir wäre wirklich wesentlich wohler wenn wir einfach zu deinem Arzt gehen würden um sicher zu gehen dass du nichts ernsthaftes hast, danach können wir den Rock Shop immer noch leer kaufen."
Sie lies kurzzeitig von ihm ab und musterte ihn im Spiegel vor sich bevor sie schließlich mit den Schultern zuckte und ihre Arme erneut um ihn schlang. "Wenn du dann zufrieden bist."
"Wäre ich, ja."
"Dann rufe ich da jetzt an und mache einen Termin." bestätigte sie ihm und ging ins Schlafzimmer zurück um dort Doktor Fenton anzurufen. "Du fährst mich dann aber hin, oder?" fragte sie während sie auf das Freizeichen wartete.
"Sicher." kam es aus dem Badezimmer zurück als sich am anderen Ende der Leitung die freundliche Sprechstundenhilfe meldete.

"Shannon, wie geht es dir?" fragte der Arzt, der Shannon schon von Kind auf kannte und behandelt hatte, freundlich und reichte sowohl ihr als auch Kian seine kräftige Hand.
"Ganz gut soweit." nickte sie und nahm auf dem linken Stuhl Platz.
"Womit kann ich euch also dienen?" fragte der Arzt etwas verwirrt und blickte von Shannon zu Kian und wieder zurück.
"Naja, mein Freund hier." Shannon wies mit einem Lächeln auf Kian. "Er macht sich Sorgen um mich weil ich in den letzten zwei Wochen zwei Mal umgefallen bin."
"Genau genommen waren es drei Mal." berichtigte Kian sie und sah den Arzt hilfesuchend an als Shannon ihm einen Stoß in die Rippen verpasste.
"Es war nicht der Rede wert, ich bin lediglich zusammen geklappt, das passiert doch jedem Mal, nicht wahr?"
"Nun ja, das kommt drauf an." bemerkte der Arzt und lehnte sich in seinem Ledersessel weit zurück, die Hände wartend vor dem Körper verschränkt. "Welcher Art waren die Anfälle?"
Shannon sah Kian schulterzuckend an. "Das kann er wohl besser beurteilen."
"Naja." Kian räusperte sich. "Also normalerweise ist sie umgefallen und hatte dann Zuckungen, dann und wann hat sie sich auch erbrochen." Er hielt Inne. "Naja, genau genommen war es in letzter Zeit auch nicht anders, aber trotzdem hatte ich das Gefühl das etwas nicht stimmt. Die Anfälle dauern länger als sonst und einmal hatte sie völlig grundlos einen Anfall. Sie hatte kein Alkohol im Blut, hatte gerade zuvor ihre Medikamente ordnungsgemäß genommen und war auch keinerlei Stress ausgesetzt. Sie hat lediglich auf der Couch gesessen und in einem Modemagazin geblättert als es passiert ist. Und sie selbst konnte sich auch nicht erklären was los war." Er hielt erneut Inne und blickte von Doktor Fenton zu Shannon. "Ich möchte doch bloß sicher gehen dass es ihr gut geht."
"Das ist sehr verantwortungsvoll von ihnen, Mister Egan, aber ich glaube sie beruhigen zu können, das hört sich alles völlig normal an."
"Siehst du." triumphierte Shannon lächelnd und drückte Kians Hand. "Ich habe dir doch gesagt dass die Anfälle und das alles ganz normal sind."
"Das alles?" wiederholte der Arzt Shannons Worte und lehnte sich plötzlich nach vorne. "Was meinst du mit all das?"
"Das Übliche." schüttelte Shannon den Kopf. "Sehstörungen, ein taubes Gefühl in den Füßen, die ewigen Kopfschmerzen...."
Der Arzt sah Shannon an als spreche sie eine andere Sprache. "Shannon." sagte er schließlich leise. "Diese Symptome hattest du schon seit zehn Jahren nicht mehr."

"Was meinen sie?" fragte Kian schließlich.
Der Arzt sah Shannon fragend an, doch die nickte nur gleichgültig. Ihr war egal ob Kian da war oder nicht, ihr war egal was der Arzt Kian jetzt erzählen würde, denn sie wusste längst was war. Der Krebs war zurück.
"Was meinen sie, es besteht die Möglichkeit dass sich erneut ein Tumor gebildet hat? Aber ich dachte nach einer gewissen Zeit sei man wieder ganz geheilt."
"Ja." nickte der Arzt langsam. "Das bedeutet aber nicht dass der Krebs nicht jederzeit wieder zurück kommen kann." Er zuckte hilflos mit den Schultern und suchte eine Unterlage aus Shannons dicker Mappe. "Ich werde dich jetzt untersuchen Shannon, wenn du bitte mitkommen würdest. Sie Mister Egan können im Wartezimmer Platz nehmen, ich rufe sie dann wieder rein wenn wir fertig sind mit untersuchen, okay?"
"Kann ich denn nicht..." Doch Shannons Blick lies keine Fragen zu.
"Also." Doktor Fenton saß vierzig Minuten später erneut vor ihnen und betrachtete sich die Ergebnisse der Computertomographie an der lichtunterlegten Wand. Er fuhr sich nachdenklich an sein Kinn und rieb langsam darüber bevor er sich den beiden zuwendete und sie zunächst nur ansah. Doch für Shannon waren keine Worte notwendig, sie wusste genau was der kleine schwarze Fleck auf dem Bogen zu bedeuten hatte.
"Ist es so schlimm wie es aussieht?" fragte sie ohne Umschweife.
"Ich weiß nicht wie es für dich aussieht, aber so schlimm wie das letzte Mal ist es auf keinen Fall." schüttelte er den Kopf.
Kian atmete erleichtert auf. Auch wenn er nicht wirklich wusste wie schlimm "nicht so schlimm" war, war er dennoch erleichtert dass der Arzt so zuversichtlich schien. Er wollte Shannons Hand, die bis dahin ruhig auf der Stuhllehne gelegen hatte, fassen und ihr so etwas Mut zusprechen, doch im selben Moment als sich ihre Finger berührten zog sie die Hand weg und vergrub sie tief in der Tasche ihres Kapuzenpullovers.
"Sie haben Glück dass wir es so früh entdeckt haben denn jetzt stehen die Chancen, den Tumor mit einer Operation erfolgreich zu beseitigen noch sehr gut. Ich empfehle ihnen sofort einen Termin mit der Klinik zu machen um die nötigen Voruntersuchungen durchzuführen. Oder möchten sie dass ich für sie anrufe?"
"Nein." kam es schnell von Shannon. "Nein, ich werde mich selbst darum kümmern." nickte sie und stand auf. "Vielen Dank für alles, Doktor Fenton."
"Ja, vielen Dank." schickte Kian hinterher und folgte Shannon, die bereits aus dem Behandlungsraum gestürmt war.
Während der gesamten Fahrt von Limerick zurück nach Lahinch hatte Shannon kein Wort gesagt. Auch wenn Kian sie angesprochen hatte, hatte sie lediglich weiterhin aus dem Fenster gesehen und auf nichts reagiert was er gesagt oder gefragt hatte.
"Willst du dass ich uns Tee mache?" fragte er vorsichtig als sie die Tür reinkamen, doch statt ihm zu antworten stieg Shannon schweigend die Treppen nach oben. Wenige Sekunden später hörte Kian die Schlafzimmertür schlagen, dann wurde es still im Haus.
"Willst du nicht mit mir reden?" fragte er als er zwei Stunden später immer noch nichts von ihr gehört hatte und schließlich nach oben zu ihr ging. "Ich meine, du kannst mich doch jetzt nicht für alle Zeit anschweigen."
Scheinbar konnte sie doch, denn sie rührte sich immer noch nicht. Sie lag eingerollt in ihre dicke Wolldecke auf dem Bett, den Blick aus dem Fenster zu ihrer rechten gerichtet während Kian neben ihr auf der Bettkante saß und jeden ihrer Gesichtszüge studierte. "Was willst du jetzt machen?" versuchte er es erneut, jedoch ohne Erfolg. "Willst du einfach so aufgeben? Willst du ihn dieses Mal gewinnen lassen?" Er sprach das Wort Krebs absichtlich nicht aus da es ihm jedes Mal einen kalten Schauer über den Rücken jagte. "Willst du?" Sie rührte sich immer noch nicht. "Oder willst du für dich und dein Leben kämpfen? Für mich?" Er seufzte. "Sieh mal." meinte er plötzlich und holte den weißen Zettel aus der obersten Schublade ihres Nachttisches heraus und faltete ihn auf. "Du kannst gar nicht aufgeben, du hast nämlich noch drei Dinge auf deiner Liste stehen die du noch nicht erreicht hast. Einen weißen Gartenzaun um dein Haus bauen, etwas Großes schaffen und einen Grund haben zu sterben." las er vor und faltete das Papier wieder zusammen. "Shannon, du hast keinen Grund zu sterben." erinnerte er sie an ihre eigenen Worte und seufzte abermals als sie sich von ihm weg drehte und die Wand anstarrte. "Ich werde heute auf der Couch schlafen." sagte er leise und ging um das Bett herum um sein Kissen und die Wolldecke mit nach unten zu nehmen. Er versuchte noch nicht mal ihr einen Gute-Nacht-Kuss zu geben, denn jedes Mal wenn er sich ihr heute genähert hatte, war sie zusammengezuckt und hatte sich ein unmögliches Stückchen weiter von ihm entfernt.

Drei Tage später hatte sie immer noch kein Wort mit ihm geredet, geschweige denn war sie aus dem Schlafzimmer gekommen oder hatte etwas gegessen. Das Haus war totenstill wenn der Fernseher nicht lief und Kian war mit seinem Latein am Ende. Mit allem hatte er versucht sie aus dem Bett zu bekommen. Mit ihrer Lieblingssorte Häagen Dasz, mit einem Besuch bei Gillian und Shane, sogar mit einem Hund, mit dem sie ihm bereits seit Wochen in den Ohren gelegen hatte, hatte er versucht sie zu locken, doch nichts wollte anschlagen.
Wie er so da lag im Dunkel auf der unbequemen Couch, dachte er darüber nach wie es wäre wenn Shannon nicht mehr bei ihm war, wenn sie sich gegen die Operation und die wohl anschließend nötige Chemotherapie wehren würde oder wenn sie nicht darauf ansprechen würde. Was würde er ohne sie tun? Er kannte sie gerade mal ein knappes Jahr und war sich so sicher, wie er sich noch nie in seinem Leben war, dass sie die Frau seines Lebens war, dass er mit ihr alt werden wollte, eine Familie mit ihr haben und Kinder groß ziehen wollte. Er wollte all das, doch in den letzten Tagen hatte Shannon ihm gezeigt dass das vielleicht nicht das ist was sie sich wünscht und vorstellt. Würde sie sich sonst so von ihm abkapseln? Unbemerkt von Kian liefen ihm kleine Tränen über seine Wange als ihm klar wurde dass er dabei war Shannon zu verlieren wenn er nichts unternahm.
Er wusste nicht ob er träumte oder ob sie es wirklich war, doch plötzlich hörte er Schritte auf der Treppe. Er hörte wie Shannon leise aufschrie als sie sich ihr Knie an ihrer hässlichen, grauen Kommode stieß und wie sie sich an der verputzten Wand entlang ins Wohnzimmer tastete. Auf Zehenspitzen schlich sie über den weichen Teppich und blieb gerade lange genug vor der Couch stehen dass Kian ihr genügend Platz machen konnte bevor sie sich zu ihm unter die Decke kuschelte und seinen Arm um ihre eigene Taille legte.
Kian atmete erleichtert durch und wischte sich die übriggebliebenen Tränen aus dem Augenwinkel bevor er ihr mit seiner freien Hand durch die Haare fuhr und ihr einen sanften Kuss auf den Hinterkopf gab.
"Weißt du." begann sie nach einer Weile und drehte sich in seiner Umarmung, soweit es die schmale Couch zuließ, um. "Mir ist klar geworden dass ich, wenn ich mich aufgebe, gleichzeitig auch dich aufgebe." schluchzte sie und kuschelte sich noch enger an ihn. "Und dazu bin ich noch nicht bereit."

19. Kapitel

5 Wochen später
"Ich glaube ich will da gar nicht hin, ich will lieber im Hotel bleiben."
"Ach komm schon." Kian setzte seinen Hundeblick auf während er das Auto in die Tiefgarage des Hotels fuhr. "Du hast die anderen schon so lange nicht mehr gesehen, sie fragen ständig nach dir. Jetzt können sie sich selbst davon überzeugen dass es dir gut geht."
"Ja." entgegnete Shannon sarkastisch und stieg aus dem Wagen. "Mir geht es phantastisch. Ich verliere meine Haare, habe seit der Operation fünf Kilo abgenommen und ich habe Kopfschmerzen die mich sicherlich noch vor irgendwelchen Tumoren umbringen werden."
"Hey." Er hielt sie an der Hand fest und zog sie zärtlich in seine Arme. "Wenn du nicht möchtest kannst du gerne im Hotel bleiben, es war lediglich ein Vorschlag. Wenn du schon mal da bist…"
"Kann ich auch genauso gut mitgehen, ich weiß!" beendete Shannon Kians Satz und nickte. "Ich kann mir doch euer Konzert nicht entgehen lassen. Ist ja nicht so dass ich es nicht schon dreihundert Mal gesehen hätte."
"Wir haben eine neue Choreographie eingeübt."
"Wow, wippt ihr jetzt von rechts nach links statt von links nach rechts?" zog sie ihn grinsend auf und folgte ihm zum Aufzug der sie direkt auf ihre Etage bringen würde.
"Ach, du hast doch sowieso keine Ahnung vom tanzen." meckerte er und wählte sein Stockwerk.
"Aber du." entgegnete Shannon und zog ihn zu sich herunter um ihm einen Kuss zu geben und die alberne Diskussion zu beenden.
Seit sie die Therapie vor knapp drei Wochen nach ihrer erfolgreichen Operation begonnen hatte ging es ihr zwar körperlich nicht besser, aber seelisch hatte sie wieder neuen Mut gefunden und das hatte sie hauptsächlich Kian zu verdanken der jeden Tag aufs Neue für sie da war wenn es ihr schlecht ging. In der letzten Woche war er fünf Tage in Dublin gewesen um besagte Choreographie einzustudieren, doch er hatte sie Tag für Tag angerufen und dafür gesorgt dass, wenn es nötig war, ein Taxi vor der Tür stand dass sie heil nach Limerick und wieder zurück bringen würde. Zwei Mal in den fünf Tagen hatte er ihr sogar Blumen geschickt, nur um ihr zu zeigen wie oft er an sie dachte. Eine Rose für jede Minute die er stündlich an sie dachte. Fünfundfünfzig weiße Rosen hatte er ihr geschickt.
In den restlichen fünf Minuten denke ich an Sex, was dich eigentlich auch mit einschließt, aber mein Geld hat nur für fünfundfünfzig Rosen gereicht ;)
In Liebe, Kian
Das hatte auf der Karte gestanden die Shannon so zum Lachen gebracht hatte.
"Wo bist du denn schon wieder mit deinen Gedanken?" fragte Kian und drückte ihre Hand sachte.
"Wie?" Shannon blickte auf. "Entschuldige, ich habe nur gerade an deine Karte gedacht die du mir letzte Woche geschickt hast."
"Die mit den fünf Minuten?" fragte er grinsend und schloss die Tür zu seiner Suite auf. "Hey, also ich muss eigentlich erst in einer halben Stunde in der Halle sein, wenn du also…"
"Kian." lachte sie und schlug ihm mit der Faust sachte gegen die Brust.

"Shannon, oh mein Gott." kam Georgina eine dreiviertel Stunde später im Backstagebereich des Point Theatres auf Shannon zugestürzt und nahm sie fest in den Arm.
Shannon wusste, dass der Rest von der veränderten Situation was ihre Gesundheit betraf Bescheid wussten, und wahrscheinlich war es auch gut so dass sie keinem etwas vor machen musste, so wie damals. Und doch fühlte sie sich unwohl als sie die vielen mitleidigen Blicke auf sich haften sah. Der Rest der Jungs war zum Zeitpunkt von Shannons Operation im Urlaub gewesen und hatte erst im nachhinein, als sie vor eineinhalb Wochen zurück gekommen waren, von Shannons plötzlicher Operation erfahren. Gillian und Gina wollten sie eigentlich schon besuchen kommen, doch bedingt durch familiäre Verpflichtungen kam das Treffen leider zu kurz und so musste sie sich jetzt die geballte Ladung Mitleid abholen.
Nacheinander umarmten sie auch noch Nicky, Anto, Mark, Shane und Gillian, die alle bereits hinter der Bühne auf Shannon und Kian gewartet hatten. Doch Gillian wollte Shannon partout nicht wieder loslassen und drückte sie immer fester an sich, so als wolle sie sie nie wieder los lassen. Als sie schließlich doch wieder von ihr abließ hatte sich ein kleiner Halbkreis um Shannon gebildet aus dem sie nur all zu gerne verschwunden wäre, doch sie wusste dass sie allen eine Erklärung schuldig war.
"Wie geht es dir?" fragte Shane schließlich.
Wortlos nahm Shannon ihr schwarzes Bandana ab und fuhr sich durch die Haare, so dass zwischen den rot-braunen Haaren kahle Stellen zum Vorschein kamen. "Langsam aber sicher fallen sie aus. Meine Haare waren schon immer sehr anfällig, damals hat es nur zwei Wochen gedauert bis ich komplett kahl war." Shannon seufzte. "Ansonsten geht es mir ganz gut. Es geht aufwärts." Sie zuckte mit den Schultern und wollte sich gerade das Bandana wieder überziehen als Gillian ihr erneut um den Hals fiel.
"Es tut mir so leid." schluchzte sie und vergrub ihr Gesicht in Shannons Pullover. "Ich wollte stark sein, so wie du es erwartet hast. Aber ich kann nicht." Shannon spürte wie Gillians Körper zitterte als sie ihr sachte die Hände auf den Rücken legte und sanft auf und ab strich. "Ich fühle so sehr mit dir."
"Ist schon gut." entgegnete Shannon leise und wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. "Es wird alles wieder gut."

"Leute." kam Shannon, die gemeinsam mit den Jungs und ihren Frauen nach der Show noch einmal in einem Pub eingekehrt war, zurück an den Tisch und stützte sich haltsuchend an der Stuhllehne vor sich ab. "Ich will euch den Abend wirklich nicht versauen aber mir geht es nicht gut und ich würde lieber zurück ins Hotel fahren wenn es euch nichts ausmacht."
"Nein." warf Shane ein und schüttelte verständnisvoll den Kopf. "Kein Problem, wir kommen mit dir wenn du möchtest."
"Auf keinen Fall. Ihr habt euch so auf euren Abend im Lillie’s gefreut, den werde ich euch ganz sicher nicht ruinieren. Und bevor du auf dumme Ideen kommst…" Ihr Blick legte sich auf Kian, der an der anderen Seite des Tisches saß und sie erwartungsvoll ansah. "Dich möchte ich heute Abend ebenfalls nicht in meiner Nähe wissen denn ich möchte dass du mit deinen Freunden ausgehst und Spaß hast, verstanden?"
Kian zuckte mit den Schultern und wollte gerade zu einem Gegenschlag á la "Ich bin aber sowieso furchtbar müde" ausholen als Shannon den Kopf schüttelte. "Versuch es erst gar nicht. Ich werde mir ein Taxi nehmen dass mich bis vors Hotel bringt, okay?"
Er seufzte. Er würde sich geschlagen geben müssen denn er hatte Shannon in der Zwischenzeit so gut kennen gelernt dass er wusste, dass sie genau so stur sein konnte wie er selbst wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. "Ist gut." maulte er und nahm einen Schluck Guinness.
"Keine Panik, Ki. Gill und ich wollten sowieso nach Hause, wir stellen sicher dass sie heil in deinem Zimmer ankommt, okay?" stellte Gina klar und stand auf bevor sie sich hinunter beugte und ihrem Mann einen Kuss auf den Mund hauchte. "Habt Spaß Männer, und dass mir keine Klagen kommen."
"Du klingst wie meine Schwester." lachte Shannon und hakte sich auf der einen Seite bei Gina und auf der anderen Seite bei Gillian unter bevor sie ohne einen Blick zurück zu werfen aus dem Pub schlenderten.

"Shannon, alles klar?" Gillian klopfte leise gegen die Badezimmertür durch die Shannon vor mehr als zehn Minuten verschwunden war um auf die Toilette zu gehen. Sie waren alle drei noch mal auf Kians Zimmer gegangen und hatten es sich dort auf der Couch bequem gemacht bis Shannon plötzlich auf die Toilette musste.
Als sich im gleichen Moment, in dem Gillian erneut gegen die Badezimmertür klopfte, auf der anderen Seite des Raumes die Zimmertür öffnete und Kian im Raum stand, war beiden anwesenden Frauen klar, das binnen weniger Sekunden das Chaos losbrechen würde.
"Was ist mit ihr?" fragte Kian aufgeregt und kam zur Badezimmertür geeilt. "Ist sie da drin?"
Gillian nickte widerwillig und ging ein Stück zurück als Kian anfing gegen die Tür zu hämmern. "Shannon, mach die Tür auf."
"Was ist los?" fragten Shane und Nicky, die Sekunden später ebenfalls im Zimmer standen, im Kanon.
Doch alle Gespräche verstummten als sich der Schlüssel in der Badezimmertür umdrehte und Shannon in der Tür erschien. "Spinnst du?" fuhr sie Kian aufgebracht an und schubste ihn unsanft von sich weg als er sie in den Arm nehmen wollte.
"Ich dachte du hättest einen Anfall oder so weil du die Tür nicht geöffnet hast und…."
"Hättest du nur für eine Sekunde damit aufgehört auf die Tür einzuhämmern hättest du vielleicht gehört dass ich mehrfach gesagt habe dass ich auf der Toilette bin." fauchte sie ihn an und ging an ihm vorbei zum Bett. Erst jetzt fiel ihr auf dass auch Shane und Nicky sowie Gillian und Gina noch im Raum waren und die ganze Situation wurde ihr zunehmend peinlich. "Leute, mir war lediglich schlecht, das ist normal, glaubt mir." versuchte sie sich zu erklären. Und bis auf Kian schien ihr auch jeder zu glauben dass es ihr gut ging.
"Wir lassen euch wohl besser alleine." meinte Nicky und zog Gina hinter sich aus dem Raum nachdem er sich verabschiedet hatte, dicht gefolgt von Gillian und Shane. Sobald die Tür hinter den vier ins Schloss gefallen war kam Kian abermals auf Shannon zu und wollte sie in seine Arme schließen, doch sie schob ihn erneut von sich weg. "Kian lass das, dazu bin ich jetzt nicht in Stimmung."
"Shannon, ich sehe doch dass es dir in den letzten Tagen und Wochen immer schlechter geht, irgendwas muss da doch schief laufen, oder nicht?"
Shannon jedoch lachte bloß. Es war ein sarkastisches Lachen. Kraftlos lies sie sich auf das weiche Bett fallen und blickte ihn von unten an. "Das ist nun mal so, Kian. Erst machen sie dich richtig krank, so krank dass du denkst du müsstest sterben vor Schmerzen, und dann, irgendwann nach einer sehr langen Zeit, da machen sie dich dann gesund."
"Aber so schlimm?"
"Kian glaub mir, ich habe das schon mal mitgemacht und erwarte nicht dass es dieses Mal leichter wird."
Er nickte. "Aber wenn es weiterhin so schlimm ist gehen wir noch mal zum Arzt, ja?"
Jetzt war es Shannon die nickte. Sie nickte aber nicht weil sie ihm bestätigen wollte dass sie demnächst wegen der Nebenwirkungen zum Arzt gehen würde, sondern nur um ihn ruhig zu stellen und wenigstens für die nächsten paar Tage Ruhe vor ihm und seinen ewigen Vorsichtsmaßnahmen zu haben.

Doch als die Übelkeits- und Schwindelanfälle, die in der Häufigkeit eigentlich nicht auf der doch langen Liste der Nebenwirkungen standen, auch nach zwei Wochen keine Besserung zeigten hatte Kian seine Freundin endlich so weit dass sie ihm willig zu Doktor Fenton folgt.
"Shannon, wie geht es dir." war das erste was er fragte als er sein Besprechungszimmer betrat und schloss die geschwächte Shannon in seine Arme.
"Ganz gut." Shannon warf Kian einen verstohlenen Blick zu, doch der blickte sie nur kopfschüttelnd an. "Okay." gab sie zu und seufzte. "Vielleicht geht es mir nicht ganz so gut. Also die Medikamente sind in Ordnung. Denke ich." Sie hielt Inne. "Ich denke ja es sind einfach nur Nebenwirkungen, aber mein Freund denkt mal wieder dass es irgendwas ernstes ist."
"Wobei er beim letzten Mal nicht unbedingt Unrecht hatte wenn ich mich recht entsinne." entgegnete der Arzt und seufzte bevor er ihre Krankenakte heran zog und sie überflog. "Du nimmst lediglich die drei Medikamente die man dir verschrieben hat, nicht wahr?"
Shannon nickte.
"Hmh, hast du sonst noch irgendwelche Symptome? Müdigkeit, geschwollene Beine, Durchfall?"
Sie überlegte kurz. "Naja, mir ist schlecht, ich klappe dann und wann zusammen und ich habe zugenommen."
"Das ist doch ein gutes Zeichen." entgegnete er lächelnd. "Das mit deinem Gewicht meine ich." erklärte er als er Shannons entsetzten Gesichtsausdruck sah.
"Ist es? Siehst du!" wendete sie sich an Kian und grinste ihn rechthaberisch an.
"Trotzdem möchte ich dich noch einmal untersuchen wenn du nichts dagegen hast."
"Hey." scherzte Shannon und hob die Schultern. "Wenn ich nach all dem was ich schon durchgemacht habe noch etwas gegen Untersuchungen einzuwenden hätte wüsste ich auch nicht weiter." Sie hauchte Kian einen Kuss auf den Mund und folgte dem Arzt ins Nebenzimmer während Kian wieder im Wartezimmer Platz nahm und ungeduldig wartete.

"Nun gut." Doktor Fenton wirkte betreten als er sowohl Kian als auch Shannon, die kurzzeitig bei ihm im Wartezimmer Platz nehmen sollte, wieder zu sich herein rief und sich auf der anderen Seite des Schreibtisches auf seinen Stuhl fallen lies. "Also ich habe mir das CT von letzter Woche noch mal angesehen und das sieht alles sehr vielversprechend aus." Er hielt Inne und seufzte leise während er das CT-Bild von Shannons Gehirn zurück in die Mappe schob. "Wie das ganze allerdings aussieht wenn man die Chemotherapie abbricht bleibt fraglich."
"Wieso sollte sie die Therapie abbrechen?" fragte Kian verwirrt. "Es läuft doch alles gut, oder? Gibt es irgendwelche Komplikationen von denen sie uns nichts erzählen?"
"Ich weiß nicht ob man das eine Komplikation nennen sollte." hob der Arzt entschuldigend die Schultern und schlug Shannons Krankenakte auf. Er blätterte kurz darin herum bevor er kopfschüttelnd aufblickte und erst Shannon und dann Kian eine ganze Weile schweigend ansah. "Shannon, du bist schwanger."

Der Schock, den die vier Worte sowohl bei Kian als auch bei Shannon ausgelöst hatten saß tief. So tief das keiner der beiden zunächst etwas sagte.
Nach einer Weile drang Shannons leises Schluchzen durch den totenstillen Raum. Schwanger, sie? Das konnte nicht sein, man hatte ihr bereits mit fünfzehn prophezeit dass sie wohl nie Kinder haben könnte und selbst wenn dann lag die Zahl der Fehlgeburten bei Epileptikern doppelt so hoch wie bei normalen Menschen und die Fehlbildungsrate lag bei fünf bis zu fünfzehn Prozent. Sie konnte kein Kind zur Welt bringen, und schon gar nicht wenn sie sich gerade einer Chemotherapie unterzog. Es….
"Ich weiß, das es furchtbar ist eine Entscheidung von dir zu verlangen, aber solltest du dich entschließen die Chemotherapie fortzusetzen wirst du das Kind verlieren." Die Worte von Doktor Fenton rissen Shannon aus ihren Gedanken und beförderten sie auf recht unsanfte Weise auf den Boden der Tatsachen zurück. "Ich weiß." flüsterte sie und wischte sich eine Träne aus den Augen. "Ich weiß."

Kian erlebte ein Dejá-vue als sie nach Hause fuhren und Shannon den ganzen Weg über kein Wort sprach, ihn nicht mal eines Blickes würdigte als sie die Tür rein und die Treppe hoch ging. Doch dieses mal, so hatte Kian beschlossen, würde er ihr nicht hinterher gehen und sie zu etwas zwingen von dem sie jetzt noch nicht bereit war eine Entscheidung zu treffen. Er wollte ihr Zeit geben, Zeit die sie in diesem Fall sicherlich benötigen würde. Und so machte er sich noch in der selben Stunde daran in der kleinen Hütte hinter dem Haus Holz zu zersägen.

Als Shannon, die nach dem Arztbesuch direkt ins Bett gegangen war, am nächsten Morgen aufwachte und ihre Augen öffnete saß Kian auf dem Rattansessel unter dem Fenster. Als sie sich aufrichtete konnte sie erkennen dass er noch schlief. Wie schön dieser Mann aussah, dachte Shannon sich und setzte sich auf die Bettkante um Kian unbemerkt beobachten zu können. Er trug einen dunkelgrauen, verdreckten Pullover und hatte sich eine alte Wolldecke über seinen Unterleib gelegt als er sich letzte Nacht in den Stuhl gesetzt hatte. Er wirkte müde, denn tiefe Ringe zeichneten sich unter seinen sonst so lebendigen Augen ab. Shannon seufzte als sie aufstand und zu ihm hinüber ging. Vorsichtig strich sie über die blutige Schramme auf seinem Unterarm bevor sie sich auf seine Oberschenkel setzte und ihn umarmte. Ihren Kopf hatte sie ganz fest gegen seine Brust gedrückt so dass sie seinem Herzschlag zuhören konnte.
"Hey, du bist ja wach." sagte sie leise als sie eine Veränderung in seiner Atmung feststellte und sich aufrichtete. "Ich wollte dich nicht aufwecken."
"Ist schon gut." versicherte er ihr und zog sie wieder in seine Umarmung. "Ich bin froh dass du mich geweckt hast."
"Es tut mir so leid, Ki." flüsterte sie ohne auf seine vorige Aussage einzugehen. "So leid."
"Es muss dir nichts leid tun." schüttelte er den Kopf und schob sie wieder ein Stück von sich weg. "Wir schaffen das schon irgendwie."
Ohne etwas zu sagen schob er sie gänzlich von sich herunter und stand auf. "Komm, ich will dir etwas zeigen." Er nahm ihre Hand und zog sie hinter sich her die Treppe hinunter. "Mach die Augen zu."
Shannon tat wie ihr befohlen und klammerte sich fester an Kians Hand als er sie aus dem Haus heraus und auf die Veranda führte.
"Okay, mach die Augen wieder auf."
Nervös öffnete Shannon die Augen und blinzelte gegen die gleißende Sonne. Was wollte er ihr zeigen? In der Auffahrt stand Kians Jeep und der Porsche, der Briefkasten stand noch an der selben Stelle vorne bei der Straße, die mehr einem Feldweg als allem anderem glich, die Hollywoodschaukel im Gras zwischen Zaun und Parkplatz stand noch an der selben Stelle und sah immer noch eines Anstrichs bedürftig aus. Was wollte er....
Ein Zaun? Shannons Mund öffnete sich ein Stück als sie zwei Schritte nach vorne tat um sich am Geländer abzustützen. Er hatte damit begonnen einen weißen Gartenzaun aufzustellen. Mit Tränen in den Augen drehte sie sich zu Kian um und fiel ihm wortlos um den Hals. Hierfür gab es ihrerseits keine Worte. Keine, die das unbeschreibliche Gefühl in ihrem Bauch hätten beschreiben können.
"Freut mich dass es dir gefällt." lächelte er und küsste sie auf die Stirn. "Wenn ich regelmäßig daran arbeite kann ich ihn bis Mitte Januar fertig haben."
"Ist gut." flüsterte Shannon und schmiegte sich noch näher an ihn.
"Weißt du..." begann sie nach einer Weile in der sie sich schweigend im Arm gehalten hatten. Kian rückte automatisch ein Stück von ihr ab um Shannon ansehen zu können während sie mit ihm sprach. "Man hatte mir damals bereits gesagt dass ich durch die vielen Medikamente, die ich bekommen habe, wahrscheinlich niemals Kinder bekommen würde. Eigentlich hatte ich mich bereits damit abgefunden nie ein Kind auf natürlichem Wege bekommen zu können, es blieb mir nichts anderes übrig. Dann wurde ich mit 21 schwanger und habe das Kind im achten Monat verloren, musste es aber anschließend noch drei elende Wochen mit mir herumragen weil sich der Muttermund noch nicht weit genug geöffnet hatte. Ich dachte meine Chance auf ein Kind wäre damit vorbei. Aber jetzt." Sie hielt inne und blickte seufzend in den Himmel um ihre aufkommenden Tränen für die Dauer ihrer kleinen Ansprache noch zu unterdrücken. "Jetzt ist mir diese Chance, die mir all die Jahre verwehrt schien, doch noch mal gegeben worden. Ich weiß nicht ob ich, wenn ich das Kind nicht austrage, jemals wieder in der Lage sein werde ein eigenes Kind zu bekommen und dieses Risiko möchte ich nicht eingehen, denn es war immer mein Traum eigene Kinder zu haben."
Kian nickte als sie ihn fragend ansah. "Es ist deine Entscheidung Shannon. Und egal wie du dich entscheidest, ich werde voll und ganz hinter dir stehen."
"Sieh mal, der Tumor ist laut Fenton fast vollständig entfernt worden bei der Operation. Es ist ein Restrisiko vorhanden wenn ich die Chemotherapie jetzt abbreche, aber es gibt fast immer ein Restrisiko und ich bin bereit dieses Risiko für meinen Sohn oder meine Tochter einzugehen."
Kian stiegen die Tränen in die Augen und auch Shannon konnte sich kaum mehr zurückhalten als er sie erneut in seine Arme zog und ihr einen Kuss auf die Stirn gab. Er würde sie unterstützen, keine Frage. Sie wusste nicht ob der Tumor wieder kommen würde, ob er von alleine weiter schrumpfen würde oder ob das Baby bereits Schäden genommen hatte, doch sie war sich sicher dass sie das Baby, Kians Baby, behalten wollte.

20. Kapitel

Weihnachtsabend
Shannon stand draußen auf der Terrasse und blickte in den sternenklaren Nachthimmel. Es war kalt geworden in den letzten Tagen und im Wetterbericht hatte man sogar von Schnee gesprochen, doch Shannon wusste dass sie das erst glauben würde wenn sie ihn auf ihrer eigenen Haut spürte. Seufzend zog sie sich ihre dicke Daunenjacke enger und tappte durch das vom Tau feuchte Gras hinüber in die Hütte, wo Kian bereits seit Wochen Feuerholz sammelte. Zwei Holzscheite sollte sie ihm holen um es im Wohnzimmer richtig wohnlich zu machen. Vorsichtig öffnete sie die knarrende Tür und tastete sich zum Lichtschalter vor. In der Hütte herrschte eine Unordnung wie Shannon sie selten in Kians Umgebung gesehen hatte. Er war eigentlich ein sehr reinlicher Mensch der immer sofort all das, was er benutzt hat, wegräumte, doch in seiner Hütte sah es völlig anders aus. Werkzeug und Farbe, die er noch für den halbfertigen Gartenzaun benötigte füllten die verschmutzte Arbeitsplatte, unbearbeitete Holzklötze standen auf dem Boden herum und in den Schubladen, von denen Shannon zwei stichprobenartig öffnete, sah es auch nicht viel besser aus. Kopfschüttelnd nahm sie sich zwei der bearbeiteten Holzscheite aus der großen Kiste und klemmte sie sich unter den Arm bevor sie das Licht löschte und die Tür hinter sich zuzog.
Als sich ihre müden Augen wieder an die Dunkelheit im Garten gewöhnt hatten hielt sie in ihrer Bewegung auf das Haus zu, inne und starrte in den Himmel. Und tatsächlich, es schneite große, dicke Flocken vom Himmel. Lachend streckte sie ihre freie Hand aus und drehte sich ein paar Mal um die eigene Achse bevor sie mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht weiter ging. Sie öffnete leise die Tür und schlüpfte ins Haus. Doch innen war es dunkel, lediglich ein paar Kerzen leuchteten ihr den Weg dem sie folgte. In der Küche köchelte noch immer der Braten, den Kian bereits vor zweieinhalb Stunden aufgestellt hatte. Lediglich Kochlöffel und Topflappen lagen noch auf der Arbeitsplatte. Sie ging hinüber ins Wohnzimmer in dem noch mehr Kerzen brannten. Der kleine Baum glitzerte und leuchtete in allen Farben, unter den Ästen lag ein Päckchen. Im Raum roch es nach einer Mischung aus brennendem Holz und Kian’s Aftershave das sie so liebte, doch von Kian war keine Spur. Sie war im Begriff nach oben zu gehen als sich der CD-Player einschaltete und All the way ertönte. Lächelnd drehte sie sich um und fand Kian unmittelbar vor ihr. "Hey mein Schatz." flüsterte er ihr ins Ohr und küsste ihren Nacken. "Ich habe dich vermisst."
"Es hat angefangen zu schneien." lächelte Shannon zurück und zog ihn an sich. Sie mochte es wenn er frisch rasiert war und so nach Aftershave roch.
"Willst du was essen?"
Sie nickte dankbar und folgte ihm zum gedeckten Tisch. Er hatte ihn liebevoll dekoriert mit Tannenzweigen, kleinen Plastiksternchen und Rosenblättern. Sie liebte es wenn er so romantisch wurde, was in letzter Zeit immer häufiger vorkam.
Er zog ihr den Stuhl zurück und wies mit der Hand auf den freien Platz den sie dankend einnahm. Er war ganz Gentleman, goss ihr etwas Rotwein ein, nicht zuviel natürlich, zündete die Kerzen an die auf dem Tisch standen und verschwand in der Küche. Er hatte ein Vier-Gänge-Menü gezaubert: Angefangen mit einer Champignoncremesuppe, dann ein leckerer grüner Salat mit Tomaten, Gurken und Mozarella. Als Hauptspeise gab es frische Hähnchenbrust mit Kartoffelecken und einer leckeren Sahnesoße mit Paprika und Pilzen. Und zum Nachtisch gab es Eis mit frischem Obstsalat, einem Spritzer Eierlikör, Schokosoße, bunten Streuseln und einer Amarenakirsche als i-Tüpfelchen. Während Kian die letzten Schüsseln vom Tisch räumte und alles in der Küche verstaute, setzte sich Shannon auf die Couch und rieb sich den Bauch. So viel hatte sie lange nicht gegessen, auch wenn sich ihre Eßgewohnheiten in den letzten Wochen drastisch geändert hatten. Sie lächelte verträumt vor sich hin während sie auf Kian wartete der immer noch in der Küche rumrannte. Nie hätte sie gedacht dass sie einmal durch Dunnes laufen und in der Kinderabteilung Halt machen würde um dort - wenn auch ziemlich früh - nach Kleidung für ihr eigenes Baby zu schauen. Shannon lachte als die Bilder des verregneten Dezembertages vor einer Woche zurück in ihr Gedächtnis kamen. Kian, eingemummelt in einen dicken Wollpullover, zwei Paar Wollstrümpfe und mit Mütze und Schal bewaffnet, hatte sie zu einem ausführlichen Einkaufsbummel in Limerick überredet
"Hey mein Engel." lächelte Kian als er zurück ins Wohnzimmer kam und Shannon mit geschlossenen Augen auf der Couch liegen sah. "Du bist müde, nicht?"
Shannon öffnete ihre Augen langsam und nickte ihn dankbar an als er die zwei letzten, großen Holzscheite ins lodernde Feuer warf und die Decke vor dem Kamin auf dem Boden ausbreitete.
"Lass uns heute hier schlafen, ja?" Er reichte ihr seine Hand und half ihr von der Couch hoch nur um sie wenige Meter weiter wieder auf den Boden zu legen. "Ich gehe uns die Decken holen."
Doch als Kian wieder runter kam und Shannon mit der Daunendecke zudeckte schlief sie bereits tief und fest. Glücklich lächelnd legte Kian seinen Arm um sie und zog sie zu sich heran um sie neben dem Kaminfeuer auch mit seiner Körperwärme warmzuhalten.

Als Shannon am nächsten Morgen die Augen öffnete blinzelte sie ein paar Mal bevor sie realisierte dass sie noch immer in die Wolldecke gekuschelt auf dem Wohnzimmerfußboden lag. Sie spürte Kians Arm um ihren Oberkörper und in regelmäßigen Abständen spürte sie seinen weichen, warmen Atem an ihrem Ohr der ihr sagte dass Kian noch tief und fest schlief. Vorsichtig hob sie seinen Arm ein Stück an und robbte sich auf dem Boden entlang aus seiner Umarmung um ihn möglichst nicht zu wecken. Schnell zog sie sich ihre Strickjacke, die auf dem großen Sessel neben dem Kamin stand, um, denn im Wohnzimmer war es trotz des immer noch schwach lodernden Kamins eisig kalt. Frierend rieb sie sich über ihre Oberarme und ging auf Zehenspitzen in die Küche um sich dort einen Tee zu machen. Sie nahm den leeren Kessel vom Herd, füllte ihn mit lauwarmem Wasser aus der Leitung und setzte ihn wieder auf die kleinste Platte bevor sie selbige anmachte und aus dem Schrank hinter sich zwei Beutel Tee nahm, denn Kian würde sicher auch welchen wollen wenn er später wach wurde. Sie gähnte leise als sie auf die Uhr sah die über der Küchentür hing. Erst halb sieben und sie war bereits wach. Es war fast wie früher, als sie noch ein Kind war und sich 359 Tage im Jahr auf den Weihnachtstag gefreut hatte. Damals war sie ausnahmslos jedes Jahr spätestens um halb sieben wach und hatte gemeinsam mit Aileen ihre Mutter so lange genervt bis diese schließlich entnervt nachgegeben hatte und mit ihnen nach unten gegangen war.
Müde hob sie den Kopf und blickte aus dem Fenster nach draußen. Niemand, nichtmal Kian, hätte ihr ein größeres Geschenk machen können als das, was sie vor der Tür vorfand. Mit einem unbeschreiblichen Leuchten in den Augen lief sie die Treppen nach oben und zog sich etwas wärmeres als ihr Schlafshirt an, wickelte sich einen Wollschal um den Hals und setzte Kians Mütze auf bevor sie, ebenso enthusiastisch wie zuvor, die Treppen so leise es ihr möglich schien nach unten sprang und die Tür zum Garten aufriss. Der sonst so grüne Rasen, der Kians ganzer Stolz war, war durch und durch mit einer weißen, puderzuckerartig aussehenden Schicht Neuschnee bedeckt durch den Shannon nun stapfte. Sie machte übertrieben große Schritte und schloss die Augen um die Geräusche, die der knirschende Schnee unter ihren Füßen verursachte, noch intensiver wahrnehmen zu können.
Verstohlen sah sie sich nach allen Seiten um bevor sie sich, kichernd wie ein kleines Mädchen, rücklings in den Schnee legte und alle Viere von sich streckte. In dieser Position verharrte sie einen Augenblick und starrte verträumt in den halbdunklen Morgenhimmel bevor sie zufrieden seufzte und ihre Arme und Beine zu bewegen begann. Sie wusste nicht wieso, aber mit einem mal überkam sie ein Lachanfall, der sie nicht mehr loszulassen schien. Was genau sie so glücklich machte, die Tatsache dass sie gerade zum ersten Mal in ihrem Leben Schneeengel gemacht hatte, dass sie just in diesem Moment zum ersten Mal spürte dass in ihr etwas heran wuchs oder dass sie Kian auf der Veranda erblickte, wusste sie nicht, doch sie wusste, dass sie sich in diesem Moment als den glücklichsten Menschen der Welt bezeichnete.
Lächelnd erhob sie sich aus dem Schnee und betrachtete sich das grüne Abbild eines Engels im, unter der dünnen Schneeschicht liegenden Gras.
"Fröhliche Weihnachten." flüsterte Kian ihr ins Ohr als er, lediglich in seinem Morgenmantel und seinen Filzpantoffeln, zu ihr aufgeschlossen hatte und sie sanft in den Arm nahm.
"Dir auch." entgegnete sie leise, den Blick nicht vom Boden abgewendet. "Habe ich dich geweckt?"
"Nein." schüttelte er sachte den Kopf und zog sie enger an sich als er merkte wie sie zu zittern begann. "Komm, lass uns reingehen und dir was trockenes zum anziehen suchen."
Wortlos folgte sie ihm ins Haus, die Treppen nach oben ins Schlafzimmer und setzte sich dort auf die Bettkante während Kian im Kleiderschrank nach einem trockenen Pullover suchte.
"Ich hatte noch nie weiße Weihnachten." seufzte sie als Kian sie auszuziehen begann und ihr den frischen Pullover reichte.
"Ich auch nicht. Ist mal was anderes." Er nahm den feuchten Pullover und ihre Hose und trug sie ins Badezimmer um sie dort auf den aufgestellten Ständer zum trocknen aufzuhängen. "Wenn du möchtest können wir ja nachher noch einen Spaziergang machen wenn wir von unserer Tour zurück sind."
"Ist gut." entgegnete sie während sie sich den Pullover anzog.
Er kam mit großen Augen aus dem Badezimmer zurück und grinste Shannon breiter denn je an.
"Was?" fragte sie irritiert.
"Gibt es jetzt Geschenke?" Er stand da vor ihr, strahlte wie ein Honigkuchenpferd und klatschte spielerisch in die Hände wie ein kleines Kind.
"Sicher." nickte sie und stand auf. "Warte unten auf mich, ja?!" sie schob ihn aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter ihm. Lauschend wartete sie bis sie seine Schritte auf der Treppe vernahm, dann ging sie hinüber zum Bett und zog ein großes Paket darunter hervor. Sie hatte sein Geschenk die ganze Zeit unter ihrem Bett versteckt, ansonsten hätte er sofort gesehen was es war. Sie versteckte es beim runtergehen so gut es ging hinter ihrem Rücken und ging zurück ins Wohnzimmer.
"Ki?" fragte sie in den Raum. Keine Antwort. "Kian?" rief sie etwas lauter. Keine Antwort. "Ich find das nicht witzig. Wo bist du?"
"Was schreist du so? Ich war auf der Toilette." grinste er als er um die Ecke bog. Shannon drehte sich blitzschnell um und versteckte das Geschenk wieder hinter ihrem Rücken. "Bekomme ich nun mein Geschenk?" fragte er mit Hundeblick und stellte sich ganz nah vor sie.
"Setz dich auf die Couch." antwortete sie mit breitem Grinsen und schubste ihn mit einer Hand Richtung Couch. Er setzte sich gehorsam hin, faltete die Hände in seinem Schoß, stellte die Beine geometrisch genau nebeneinander und blickte Shannon stur ins Gesicht, immer noch mit diesem Hundeblick.
"Okay, da du dieses Jahr so brav warst habe ich mir was besonderes für dich ausgedacht. Ich habe ziemlich lange gebraucht bis ich das Passende gefunden hatte, denn ich dachte immer jemand wie du besitzt schon alles. Naja, und da ist mir vor einer Weile doch noch der rettende Einfall gekommen sonst hätte ich dir wie eigentlich geplant wohl einen Pullover oder Gartenwerkzeug kaufen müssen. Fröhliche Weihnachten." Sie beugte sich runter, zog ihn mit einer Hand zu sich und gab ihm einen langen Kuss bevor sie von ihm abließ und ihm sein Geschenk in die Hand drückte. Er starrte ungläubig auf die Gitarre in seiner Hand und bekam große Augen als er las wer darauf unterschrieben hatte. "Santana? Du hast mir eine Gitarre von Santana gekauft?" stammelte er und sah abwechselnd zu Shannon und auf die Gitarre.
"Er hat zumindest darauf unterschrieben." schmunzelte Shannon über Kians erstaunten Gesichtsausdruck. Alleine das Leuchten seiner Augen zeigten ihr dass sie mit ihrem Geschenk die richtige Wahl getroffen hatte.
"Aber die muss doch ein Vermögen gekostet haben!?"
"Glaub mir, so teuer war das nicht." grinste sie und setzte sich neben ihn auf die Couch. Er starrte immer noch völlig perplex auf die Gitarre und drehte und wendete sie zu allen Seiten. "Aber.... wie? Wie bist du an die rangekommen?"
"Nicht ganz einfach kann ich dir sagen. Mit der Gitarre hat er am 28. September 2003 in Wembley gespielt. Ein Bekannter von James, meinem Boss bei der Leisure, hat sie mir besorgt."
"Aber, aber... das ist so, ich weiß nicht... ich finde keine passenden Worte."
"Ich glaube Danke reicht völlig." lachte Shannon, glücklich darüber, Kian glücklich gemacht zu haben.
"Oh Gott, danke. Danke. Tausendmal danke. Ich weiß nicht was ich sagen soll."
"Ich habe gehofft dass sie dir gefällt."
"Das tut sie, das tut sie wirklich." versicherte er ihr und drückte sie fest an sich.
Kian brauchte noch ein paar Minuten bis er sich wieder komplett gefangen hatte und die Gitarre bei Seite legen konnte.
"Wie sieht es aus? Bekomme ich auch was von dir?" fragte Shannon gespielt traurig und lehnte sich grinsend zurück als Kian sofort aufsprang und ein kleines Päckchen unter dem Baum hervorholte.
"Fröhliche Weihnachten mein Engel." er gab ihr einen Kuss auf die Stirn, überreichte ihr das Geschenk und ließ sich neben ihr wieder auf die Couch fallen. Sie packte es neugierig aus und hielt eine schwarze Schachtel mit der Aufschrift des renommierten irischen Juweliers, Appleby in der Hand. Sie öffnete die Schachtel mit angehaltenem Atem und unter einer Lage Schaumstoff kam eine silberne Kette zum Vorschein dessen, mit diamanten besetzter Anhänger ein chinesisches Schriftzeichen zeigte. In den Ecken und Enden waren kleine Diamanten eingelassen die das Licht der Lampe brachen, reflektierten und zurück in den Raum warfen.
"Ziehst du sie mir an?" fragte sie Kian mit zitternder Stimme und drehte sich ein Stück von ihm weg damit er besser an ihren Hals kam. Er legte ihr die Kette an und begann ihren Hals zu küssen. Er arbeitete sich zu ihrem Dekolleté vor und küsste die Stellen rund um die Kette, ihre Wangen, ihre Nasenspitze und schließlich ihren Mund. "Ich hoffe du magst sie."
"Ich liebe sie." hauchte sie zurück und nahm ihn fest in den Arm. "Ich möchte dich nie wieder los lassen." flüsterte sie ihm ins Ohr und schmiegte sich nah an ihn, so als ob sie ihn wirklich nie wieder los lassen wollte.
"Ich liebe dich." antwortete er und strich ihr dabei über ihr Haar. Sie saßen ewig so eng aneinander gekuschelt auf der Couch und beobachteten das Feuer das Kian kurz zuvor im Kamin erneut angezündet hatte, dabei wie es vor sich hin knisterte und den Raum mit einem herrlichen Duft erfüllte.
Shannon merkte nicht wie Kian aufstand und den Raum verließ, denn sie war dem Schlaf bereits wieder so nahe dass sie nur noch relativ wenig mitbekam. Als allerdings das Telefon klingelte und Kian binnen Sekunden mit dem Hörer vor ihr stand war sie schlagartig wieder wach. "Deine Schwester ist dran." war alles was er sagte bevor er den Raum wieder verließ. Shannon nahm verwirrt und schlaftrunken den Hörer und stammelte etwas hinein. "Shannon? Du wirst es nicht glauben. Mike hat beim essen angefangen über Hochzeit zu reden. Er meint es wirklich ernst. Ich habe natürlich ja gesagt, ich meine wir sind jetzt lange genug zusammen um über Heirat zu sprechen, findest du nicht auch?" plapperte sie wie ein Wasserfall.
Doch Shannon verstand nur Bahnhof. Wer zur Hölle war Mike? War das etwa der Kerl von dem sie ihm immer erzählt hatte? Der Kerl den sie schon während dem Studium kennen gelernt hatte und wegen dem sie ursprünglich wieder nach England zurück gegangen war?
"Mike?" fragte sie schließlich vorsichtig. "Ich glaube du hast noch nie seinen Namen erwähnt."
"Nicht? Oh." war alles was Aileen darauf zu erwidern hatte. "Naja, ist ja auch egal. Jedenfalls werden wir heiraten." Shannon konnte hören wie ihre Schwester über das ganze Gesicht lächelte. "Und wie geht es dir so Lieblingsschwester?"
Erst da fiel Shannon auf, dass sie mit Aileen schon seit Wochen, wenn nicht sogar Monaten kein Wort mehr geredet hatte. Wusste ihre Schwester überhaupt etwas von der Schwangerschaft? Dass sie von dem zurückgekehrten Tumor und der erfolgreichen Operation wusste war Shannon noch klar, doch hatte sie jemals über das Baby gesprochen? Wie als könne Aileen Gedanken lesen räusperte sie sich am anderen Ende der Leitung. "Hey, Träumerin. Ich habe gefragt ob ihr nun schon wisst ob es ein Mädchen oder ein Junge wird."
Okay, diese Frage hatte sich demnach auch erledigt. "Lee, ich bin im 2. Monat. Das Geschlecht kann man erst ab der 20. Schwangerschaftswoche feststellen."
"Hmh, aber das ich Patin werde ist ja wohl klar, oder?"
"Natürlich." antwortete Shannon müde.
"Na gut, ich muss dann auch mal wieder aufhören, ich habe Mike oben im Schlafzimmer rumpoltern hören, demnach ist er schon auf und ich möchte ihm unbedingt mein Geschenk geben. Fröhliche Weihnachten Schwesterherz, wir hören voneinander, ja?!"
Shannon murmelte ein "Ja" und küsste den Hörer flüchtig bevor sie auflegte, das Telefon auf den Couchtisch legte und sich wieder auf der Couch zusammen kauerte. Sie vernahm leise Geräusche aus der Küche, kümmerte sich aber nicht weiter drum. Wenige Augenblicke später stand Kian vor ihr mit der Gitarre um den Hals. Er setzte sich auf den Hocker vor Shannon und begann ein bisschen auf der Gitarre zu klimpern. Nach einigen Tönen konnte man ansatzweise sein Ziel erkennen - More than words. Das war das erste Lied was er jemals auf Gitarre spielen konnte und er erinnerte sich immer gerne daran zurück wie stolz er damals auf sich selbst war, immerhin war er da gerade mal 11 Jahre alt. Mittlerweile beherrschte er das Spielen um einiges besser, und trotzdem war es immer noch sein Lieblingslied. Er spielte und sang dabei ein paar Strophen und Shannon hörte ihm beeindruckt zu. Es war verrückt wie gut dieser Mann aus dem Stehgreif singen konnte, ohne Background, ohne alles. Ihn singen zu hören bereitete ihr immer noch jedes Mal Gänsehaut.
Shannon hörte ihm ein paar Minuten zu bevor sie auf die Uhr sah und erschrak. "Wird es nicht langsam Zeit dass wir uns anziehen du zu Shane fahren? Wenn mich nicht alles täuscht haben wir ihm zugesagt dass wir zum Mittagessen da sein würden."
"Und?" fragte Kian und legte die Gitarre bei Seite um näher an Shannon heran rutschen zu können. "Wir haben gerade mal halb zehn."
"Das schon, aber erstens weist du genau wie früh es bei Shane und Gill immer Mittagessen gibt und zweitens fahren wir bei den Wetterverhältnissen mindestens drei Stunden nach Sligo. Außerdem brauchst du wieder Stunden unter der Dusche so wie ich dich kenne." zog sie ihn auf und hob sich von der Couch hoch. "Also los, lass uns nach oben gehen und duschen."
"Zusammen?" fragte Kian grinsend, nahm ihre Hand und ließ sich von ihr aufhelfen.
"Dann sind wir um drei noch nicht bei Shane."
"Ich brauche eigentlich gar nichts zu essen wenn ich es mir recht überlege, ich hatte gestern so viel das reicht noch bis nach St. Stephens Day."
"Keine Widerrede, denn ich und dein ungeborener Sprössling haben Hunger." lachte Shannon während sie Kian vor sich her die Treppen nach oben schob.

Nach einem mehr als guten Mittagessen mit Shepard’s Pie, selbstgemachter Quiche und diversen anderen Köstlichkeiten im Hause Filan an dem auch Nicky, Gina sowie Mark und seine Freundin Mona, von der zuvor noch niemand etwas gesehen oder gehört hatte, teilgenommen hatten, hatten sich Shannon und Kian auf den Weg zu seinen Eltern, bei denen sie ebenfalls zum Essen eingeladen waren, gemacht.
Es dauerte knappe zehn Minuten bis Kian nach Verlassen der Filanschen Residenz wieder hielt, diesmal vor einem weißen Haus mit braunen Fenstern und einer dunkelbraunen Tür. Der Vorgarten war geprägt von einem großen Teich in dem leise Wasser vor sich hin plätscherte. Die Bäume die vereinzelt in den Ecken standen trugen keinerlei Blätter mehr, waren dafür aber mit bunten Lichterketten geschmückt die selbst am Tag brannten. Eine dünne Schichte Rauhreif hatte sich über die Wiese gelegt auf der ein kleiner Schlitten mit Geschenken, vier braunen Plastikrentieren und einem dicken, roten Plastikweihnachtsmann stand..
Kian nahm das Fleisch, welches er von Shane mitgenommen hatte aus dem, Kofferraum und schloss das Auto ab bevor er Shannon an die Hand nahm und sie zum Eingang führte. "Hör bloß nicht auf alles was meine Mutter sagt. An Weihnachten wir sie immer verrückt, da tickt sie völlig aus, also." Kian konnte nicht ausreden, da wurde die Tür bereits geöffnet und Colm kam aus dem Haus gestürmt. Er fiel Kian um den Hals und drückte ihn ganz fest an sich. Sie konnte hören wie er seinem großen Bruder etwas ins Ohr flüsterte, konnte aber nicht verstehen was er sagte. Nur Augenblicke später stand auch Marielle, eine zierliche Blondine vor ihr und lächelte sie freundlich an. "Hey, du musst Shannon sein, schön dich mal kennen zu lernen!" sie reichte ihr die Hand und drückte sie sachte bevor sie sie ins Haus bat und ihr das Fleisch abnahm welches Kian ihr zuvor in die Hand gedrückt hatte um sich voll und ganz seinem kleinen Bruder widmen zu können. Noch immer standen die beiden vor der Haustür und flüsterten sich gegenseitig Geheimnisse ins Ohr und lachten und kicherten wie kleine Kinder. Marielle hingegen wirkte sehr erwachsen auf Shannon obwohl sie sie rein äußerlich auf 16 schätzte. Sie nahm ihr den Mantel ab und hängte ihn sorgfältig auf einen der Bügel. "Hier entlang." wies sie Shannon an und führte sie durch den geräumigen Flur zur Küche aus der bereits ein wunderbarer Duft in ihre Nase drang.
"Mum, Kian und Shannon sind da." erklärte Marielle als sie zusammen mit Shannon die Küche betrat. Sofort drehte sich Patricia um und strahlte sie an. "Hallo meine Liebe, du musst Shannon sein. Wunderbar dich mal kennen zu lernen. Kian hat ja schon so viel über dich erzählt." Sie kam auf sie zugestürzt und reichte ihr die Hand, gab ihr ein Küsschen links, ein Küsschen rechts und drückte sie kurz bevor sie wieder von ihr abließ und sich dem Fleisch widmete welches Marielle bereits auf einem der Bretter auf der Anrichte ausgebreitet hatte.
"Wo ist Kian?" fragte sie während sie das Fleisch zu schneiden begann.
"Er ist draußen bei Colm."
Patricia nickte. "Wie immer." lachte sie und schüttelte den Kopf. "Die beiden sind unzertrennlich wenn sie sich mal sehen."
Shannon nickte lächelnd und setzte sich auf Marielles freundliche Anweisung hin an den Küchentisch.
"Möchtest du etwas trinken?" fragte Marielle und stellte Shannon auf Wunsch ein Glas Orangensaft hin.
Gleichzeitig kam Kian die Tür herein und fiel seiner Mutter sogleich um den Hals. Sofort begann er mit ihr über das Essen zu diskutieren und darüber, dass Colm ihm wieder den Inhalt eines Actionfilms erzählen konnte. "Ich habe dir gesagt du sollst ihn nicht immer solche Filme anschauen lassen, er bekommt sonst noch Alpträume."
"Ich denke dass ich nach fünf erwachsenen Kindern auch bei den zwei letzten nichts falsch machen werde, oder was meinst du Kian?"
"Mum." fauchte Marielle und stemmte ihre Hände in die Hüfte.
"Entschuldige bitte." lächelte Patricia und fuhr ihrer jüngsten Tochter über das blonde Haar. "Sieben erwachsene Kinder."
Colm war mittlerweile in die Küche gekommen und blieb ratlos vor Shannon stehen. Zunächst musterte er sie eingängig, lächelte sie dann allerdings an und zog sie unbemerkt von den anderen hinter sich her aus der Küche.
"Willst du einen Zaubertrick sehen?" fragte er spitzbübig als er sie in sein Zimmer gezogen hatte und die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.
Shannon nickte und setzte sich auf die Kante des kleinen Bettes das an einer der blaugestrichenen Wände stand. Colm kramte in einer seiner Schubladen rum und zog triumphierend eine weiße Socke heraus. Mit einem mysteriösen Gesichtsausdruck, welchen er perfekt drauf hatte, hielt er ihr ein großes blechernes Geldstück unter die Nase bevor er es in den Strumpf stopfte und einen Knoten in selbigen machte. Mit aufgerissenen Augen und dem Finger am Mund schüttelte er die Socke ein paar Mal hin und her, öffnete dann den Knoten und drehte den Strumpf um, so dass Shannon sehen konnte, dass sich das Geldstück nicht mehr in der Socke befand. Staunend applaudierte sie ihm und lächelte als er einen kleinen schwarzen Zylinder vom Boden aufhob und ihn sich aufsetzte. Er suchte mit seinen großen blauen Augen sein Zimmer nach etwas ab und stürmte sofort darauf zu als er es entdeckt hatte. Er nahm den Hut ab, zeigte ihr das Innere und hielt anschließend einen Plüschhasen in die Luft. Den kleinen Hasen stopfte er anschließend in den Hut und legte ein kleines schwarzes Tuch darüber. Er schüttelte den Hut ein bisschen, rüttelte hin und her und zog dann das Tuch ab. Der Zylinder war leer. Verblüfft applaudierte sie wieder und schien damit die Aufmerksamkeit von draußen auf sich gezogen zu haben denn es klopfte nur Augenblicke später an der Tür.
"Komm rein!" forderte Colm und legte den Zylinder und das Tuch weg.
Kian trat in das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. "Hier seid ihr also." lächelte er und setzte sich neben Shannon auf das Bett.
"Ich habe ihr meinen Trick gezeigt." erzählte Colm stolz und hüpfte auf und ab.
"Zeigst du ihn mir auch?" fragte Kian mit einer Begeisterung und mit einem Leuchten in den Augen wie Shannon es selten bei ihm gesehen hatte.
Energisch schüttelte er den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust. "Nö!" erwiderte er und streckte seinen Wuschelkopf weit in die Luft.
"Oh, wieso nicht?" fragte Kian gespielt beleidigt und verschränkte ebenfalls die Arme vor der Brust.
"Nö." wiederholte Colm und verharrte in der selben Stellung. Als er in die traurigen Augen seines Bruders sah schien ihn das allerdings weich zu machen. "Okay, okay." grinste er und zog die Socke wieder aus der Schublade.
Shannon beobachtete sowohl Kian als auch Colm und bewunderte die Art wie sie miteinander umgingen. Die beiden liebten sich heiß und innig, das konnte jeder im Umkreis von hundert Meter fühlen und sehen.
"So, du bist also die neue Schnecke in seinem Leben, ja?" fragte Colm völlig unverhofft als Kian sich wieder an Shannon wand und sich nach ihr erkundigte. Beide Köpfe schnellten in die selbe Richtung und blickten Colm ungläubig an. Schannon schien dem ganzen jedoch etwas gefasster gegenüber zu stehen als Kian. Er zog Colm mit einem Ruck zu sich und legte ihn über sein Knie während sein kleiner Bruder zappelte und schrille Laute von sich gab.
"Ich habe dir schon so oft gesagt dass nicht alles was die Helden in den Filmen sagen auch in der Realität angebracht ist." mahnte er ihn lächelnd und stellte ihn wieder vor sich hin, seine Hände fest auf den Schultern seines kleinen, lachenden Bruders ruhend. "Und jetzt entschuldige dich bei Shannon für die Schnecke."
"’Tschuldigung." murmelte der kleine Kerl verlegen und stürmte aus dem Raum sobald Kian ihn zufrieden losgelassen hatte.
"Du musst ihn entschuldigen, er ist ziemlich wild." entschuldigte sich Kian mit rotem Kopf und stand auf. "Willst du mein Zimmer sehen?"
Er führte sie durch das große Haus, diverse Treppenstufen nach oben und durch einen langen Gang bis sie an eine große hellbraune Tür am Ende des Flurs gelangten. Kian öffnete die Tür und lies Shannon hinein bevor er selbst das Zimmer betrat und die Tür hinter sich schloss. Das Zimmer war in einem grellen Pink gestrichen, hatte einen eigenen Balkon und zwei Betten die an gegenüberliegenden Wänden standen. Kian lies sich auf das Futonbett fallen und streckte alle Viere von sich während Shannon beeindruckt durch das Zimmer lief. Das leere Bett hatte einen rosanen Überwurf der perfekt zur Farbe der Wand passte, auf dem Kopfkissen prangte ein Bild von Shane und an der Wand über dem Bett hing ein gerahmtes Poster von Westlife.
"Der Teil des Raumes gehört Marielle. Sie hatte schon immer ein Fable für Shane, frag mich nicht wieso, so hübsch ist er meiner Meinung nach nicht." lachte Kian und richtete sich auf. "Sie war tottraurig als er geheiratet hat."
Shannon nickte lächelnd und näherte sich einem kleinen Bilderrahmen der an der angrenzenden Wand hing, gleich neben dem Schminktisch von Marielle. Sie las den Text der unter der Glasscheibe auf verblichenem Papier geschrieben stand.

Today I sat in class by the window looking at the fields, thinking about absolutely nothing. The night before I just had a practice with the band. I hope we're gonna make it.
When you think of it, it's not that hard, all you have to do these days, is get a good song and we have loads of good songs.
Suddenly I just started thinking of the girls screaming, asking you for autographs, and boldly throwing themselves at you. Imagine sitting in the limo on your way to play in the biggest concert hall in the world. When you get there, the door opens, and all you can hear is girls screaming at the top of their voices and all you can see are flashes of cameras and videos and TV cameras. As we walk through the barriers, the fans were totally losing their heads.
It was half an hour before the time we hit the stage. We are sitting in the dressing room, getting our voices in order and going over the dance steps. We are totally excited and can't keep control of ourselves.
When our manager came in, she said that this would be the biggest and best concert of our lives. This is what we had worked for and we weren't gonna mess it up now.
By this stage, sitting in the classroom back at real life, I was totally and utterly in a trance thinking of this concert and there was no way I was gonna stop there. It was too good a dream.
We were on our way to the stage and we were pure excited. When we walked on the light in the whole place went down, and we got into position for the first song. We were deafened by the screams and my heart was about to jump out of my body. After the first few songs we had settled down. Now it was the big test. It was my turn to sing solo and my nerves were killing me. After the song I never heard more screams in all my life.
After the concert we went back to the dressing room and we were never happier. It was time to go and meet the lucky fans that got to go backstage. We signed autographs for about half an hour. We were in full swing now and weren't stopping. Next thing I know, I get a tap on the shoulder. It was one of my classmates telling me that class was over.
As I walked on my way to the next class, I just couldn't stop thinking about just what it would be like to be famous.

Shannon lächelte als sie die krakelige Unterschrift unter dem Schriftstück entzifferte und drehte sich zu Kian um. "Süß."
"Ich weiß. Meine Schwester will es partout nicht abhängen, sie liebt es und ich habe absolut keine Ahnung warum.”
"Vielleicht weil das ein kleiner Beweis dafür ist dass Träume in Erfüllung gehen können." zuckte Shannon mit den Schultern und lies ihren Blick durch das aufgeräumte Zimmer wandern. An Kians Wand hing ein Poster von Kurt Cobain und eine alte Gitarre an der schon mehrere Saiten gerissen waren. Auf seinem kleinen Schrank neben dem Bett standen diverse Parfumflakons und auf dem Schreibtisch an der Wand türmte sich die bunt bemalte Fanpost. Shannon nahm einen der bereits geöffneten Briefe und las die ersten Zeilen durch. Sie legte das duftende Papier zurück und ging grinsend zur Balkontür. Die Aussicht die Kian hier hatte war atemberaubend.
"Was lachst du?" fragte Kian neugierig und öffnete ihr die Tür zum Balkon.
"Nichts, nur ich glaube ich müsste die ganze Zeit lachen wenn ich Fanpost lese."
Kian lachte als er sich gegen das kalte Geländer lehnte und die Arme vor dem Körper verschränkte. "Manchmal sind wirklich witzige dabei."
"Manchmal? Das Mädchen eben hat geschrieben dass sie dich mehr als alles andere auf der Welt liebt und dich heiraten und Kinder von dir haben möchte. Dass ist nicht witzig, das ist traurig."
Kian lachte. "Ja, vor ein paar Wochen habe ich einen Brief bekommen in dem mir ein Mädchen Mut machen wollte zu dir und meinen Gefühlen dir gegenüber zu stehen. Sie meinte dass dann zwar ziemlich viele weibliche Fans eifersüchtig wären, aber diese sicher, genau wie sie selbst, nur möchten dass ich glücklich bin. Sie hat sich mit keinem Wort erwähnt. Das hat mir wirklich imponiert."
"Bist du denn glücklich?"
"Was ist denn das für eine Frage?" fragte Kian fast verärgert. "Natürlich bin ich glücklich." Er kam auf sie zu und legte seine Arme um ihre Taille. "Mehr als je zuvor."
Shannon nickte, wusste aber nicht was sie darauf antworten sollte und setzte sich statt dessen auf einen der Stühle die an der Hauswand standen. Kian setzte sich ihr gegenüber und blickte in den blauen Himmel. Die Sonne strahlte und erwärmte die kalte Luft wenigstens soweit, dass man nicht sofort erfror wenn man ohne Jacke das Haus verließ.
"Riecht unglaublich gut was deine Mutter da kocht." schwärmte Shannon und schloss die Augen als ihr der Geruch, der aus dem offenen Küchenfenster ein Stockwerk tiefer strömte, in ihre Nase drang.

"Hey, sieh mal wer da ist. Ich dachte ihr wärt schon wieder gefahren ohne auf Wiedersehen zu sagen." freute sich Patricia als Kian und Shannon am Abend zum Essen nach unten kamen. Sie hatten den Nachmittag mehr oder weniger ungestört in Kians Zimmer verbracht, Fanpost gelesen, erzählt, Musik gehört und die Wolken beobachtet die in rasender Geschwindigkeit über das Haus hinweggezogen waren.
Das Haus hatte sich im Laufe des Nachmittags rasch gefüllt und beherbergte nun mehr als zehn Menschen die sich alle an dem riesigen Tisch im Esszimmer versammelt hatten und alle wild durcheinander sprachen. Zum einen waren da Tom und Gavin mit ihren Frauen und Vivian mit ihrem Mann und den zwei Kindern. Fenella und ihre Familie, bestehend aus ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter, saßen auf der anderen Seite des Tisches. Shannon nahm neben Fenella Platz die sie zuvor bei der Ankunft schon begrüßt hatte. Patricia rannte die ganze Zeit wie eine Wilde durch die Gegend und stellte da noch ein paar Klöße hin, füllte da noch etwas Soße auf und goss hier noch etwas Wein nach. Kevin saß kopfschüttelnd auf seinem Platz und bat seine Frau ungefähr zum hundertsten Mal sich endlich hinzusetzen, doch er hatte keinen Erfolg. Unermüdlich rannte Patricia weiter zwischen Küche und Esszimmer hin und her und brachte immer neue, immer mehr Köstlichkeiten an den Tisch. Die Kinder hatten sich letztendlich an einen kleinen Extratisch gesetzt und bekamen von ihren Eltern jeweils das Fleisch geschnitten und in mundgerechte Portionen zerkleinert während der Rest wartend am Tisch saß und versuchte all die Köstlichkeiten zu erfassen die vor ihnen aufgetischt waren.
"Patricia, komm setz dich hin damit wir anfangen können." forderte Kevin erneut als seine Frau ins Zimmer kam und eine weitere Ladung Salat auf den Tisch stellte.
"Warte, ich muss nur..."
"Setz dich, Mum!" brüllten Tom, Gavin und Kian im Chor woraufhin alle am Tisch anfingen zu lachen. Patricia legte gehorsam ihre Schürze ab und nahm auf ihrem Stuhl Platz während Kevin damit begann den Truthahn zu tranchieren.
"Also, seid ihr schon verlobt?"
Shannon blickte erschrocken neben sich und blickte in Fenellas große blaue Augen die sie fragend anschauten. Scheinbar hatte der berühmte Egan-Blick auch vor den Frauen der Familie nicht Halt gemacht.
"Ähm, also eigentlich..."
"Hey Schwesterherz!" Kian umarmte seine Schwester stürmisch und drückte sie fest an sich. "Lange nicht gesehen, wie geht es dir?" fragte er überschwänglich.
"Ki? Wir haben uns vor einer dreiviertel Stunde in der Halle schon begrüßt. Und mir geht es nach wie vor gut, danke der Nachfrage. Und dir?" fragte sie sarkastisch und wand sich ohne eine Antwort abzuwarten ihrem Mann zu.
Kian zuckte mit den Schultern und setzte sich wieder an seinen Platz während sein Vater um den Tisch ging und den Truthahn verteilte.

"Das Essen war phantastisch, vielen Dank dass du mich hergebracht hast."
Kian und Shannon liefen die dunklen Straßen von Sligo entlang. Überall blinkten und glitzerten bunte Lichter an den Häuserfassaden, an den Straßenlampen hingen Sterne und die Vorgärten waren mit kitschigen Plastikfiguren übersät. Sie liefen bereits seit einer knappen Stunde durch die kalte Nacht. Es war so still dass Shannon Kians Atem hören konnte, den er neben ihr in kleinen weißen Wölkchen ausstieß.
"Du brauchst mir nicht zu danken, es war höchste Zeit dass du meine Familie kennen lernst!"
"Ohne dich würde ich zuhause sitzen und fernsehen." antwortete Shannon durch den weißen Wollschal den sie sich bis zur Nase hoch gezogen hatte. Der kalte Wind der über die Berge von Sligo wehte tat ihr im Gesicht weh und ihre Nase fühlte sich total taub an.
"Wärst du nicht zu deiner Schwester gefahren?"
"Keine Ahnung." zuckte sie mit den Schultern und schob ihre Hand tiefer in Kians Jackentasche. "Wie ich heute erfahren habe hätte ich da sowieso nur gestört."
"Wieso?"
"Sie wird heiraten. Irgendeinen Kerl namens Mike den ich noch nie gesehen habe, der aber wohl ihre große Liebe ist."
"Und was ist mit deinem Vater, hast du den schon angerufen um ihm fröhliche Weihnachten zu wünschen?"
Shannon erschrak. Gott, sie hatte ihren Vater völlig vergessen. Eigentlich hatte sie sich bereits bei ihrem Besuch bei ihm dazu entschlossen ihm eine Karte zu schreiben und ihn am Weihnachtstag anzurufen, doch jetzt war es bereits halb zehn und sie hatte weder seine Nummer bei sich noch wusste sie was sie ihm hätte sagen sollen.
"Willst du zurück und ihn anrufen?" fragte Kian, der bemerkt zu haben schien, dass Shannon bis auf die Knochen fror.
"Ich habe seine Nummer nicht bei mir." sagte sie traurig, folgte ihm aber dennoch durch eine Seitenstraße. "Ich werde ihn morgen von zuhause aus anrufen."
"Lass uns trotzdem zurück gehen, es wird immer kälter und ich sehe doch dass du jetzt schon frierst."
Sie nickte und folgte ihm weiter in eine dunkle Seitenstraße die von der beleuchteten Hauptstraße abging. Angestrengt suchte sie ihre wirren Gedanken nach etwas brauchbarem ab um mit Kian eine Konversation anzufangen. Die Stille die sich zwischen ihnen breit gemacht hatte gefiel ihr nicht denn so hatte sie viel zu viel Zeit sich über ihren Vater und die Tatsache dass sie selbst keine Familie hatte zu der sie an Weihnachten gehen konnte, Gedanken zu machen. "Es muss toll sein eine so große Familie zu haben." Ein gutes Thema, darüber hatte er sicher viel zu erzählen mit sechs Geschwistern.
Doch anstatt in Redefluss zu kommen nickte er bloß und sah auf die Straße. Shannon wollte schon zum nächsten Versuch ansetzen als er doch noch den Faden gefunden zu haben schien und zu erzählen begann.
"Weißt du, grundsätzlich ist es toll eine große Familie zu haben. Du findest immer jemanden der dir zuhört und mit dem du über deine Probleme reden kannst, egal welcher Art sie sind. Aber manchmal kann das auch ganz schön hart sein nie alleine zu sein und ständig von so vielen Personen umgeben zu sein die etwas von dir wollen oder die dich nicht mal fünf Minuten mit deinen Gedanken alleine lassen können. Da ist zum Beispiel Marielle die ständig über die Band redet und immer von mir wissen will wie es ist in einem Tourbus zu leben. Oder Colm. Colm ist ein großartiger Bruder, du kannst mit ihm lachen und Spaß haben und er hält dich bei Laune in ziemlich jeder Situation. Aber wenn ich dann mal für mich sein möchte und keine Lust auf seine Zaubertricks habe, dann ist er gleich beleidigt. Er ist zu jung um zu verstehen dass ich einen stressigen Job habe bei dem es auch mal nötig ist alleine und in Ruhe gelassen zu werden. Im Moment ist das alles kein Problem da ich ihn nicht mehr so oft sehe und wenn, dann habe ich Urlaub, aber früher als ich noch hier gelebt habe und nach einem harten Tag nach Hause gekommen bin, da konnte und wollte er mich nicht in Ruhe lassen, egal was ich ihm gesagt oder angeboten habe damit er mir fünf Minuten Ruhe gönnt. Generell ist er wundervoll und besonders bei Fremden ist er immer der liebe, kleine Engel den du schon kennen gelernt hast, aber wenn ich mit ihm alleine bin wird er zum Teufel und dann ist nichts und niemand mehr vor ihm sicher." Kian lachte und seine müden Augen leuchteten selbst in der Dunkelheit wenn er über seinen Bruder und den Rest seiner Familie sprach. Shannon hatte noch nie einen Menschen gesehen der so ergriffen und berührt und doch auch gleichzeitig negativ von seiner Familie gesprochen hat.
"Ich weiß was du meinst, meine kleine Schwester war früher genauso!" bestätigte sie ihm und folgte ihm ins Haus vor dem sie mittlerweile wieder standen.
Im Haus war es bereits dunkel und ruhig. Leise schlüpfte Kian durch die Tür und knipste das Licht im Flur an. Die Schuhreihe die zuvor fast durch den ganzen Flur reichte hatte sich etwas gelichtet und auch die Garderobe war wieder unter den ganzen Mänteln hervor gekrochen.
"Willst du noch einen kleinen Mitternachtsimbiss?" Kian ging an ihr vorbei in die Küche und öffnete den prall gefüllten Kühlschrank. Sofort strömte der Geruch von Bratensoße gemischt mit Honigmelone durch den Raum.
"Honigmelone?" fragte er hinter sich und zog die mit Alufolie bedeckt halbe Frucht aus dem Fach. Shannon reichte ihm ein Messer aus dem großen hölzernen Block der neben ihr stand und sah ihm dabei zu wie er die Melone fachmännisch zerlegte und die Kerne provisorisch entfernte. Er reichte ihr ihre Portion auf einem Teller und setzte sich mit seinem an den kleinen Küchentisch. Das Geräusch das Kian beim essen machte brachte Shannon zum schmunzeln.
"Was ist?" fragte er unschuldig und sah von seinem Teller auf.
"Du hörst dich komisch an wenn du Melone isst." kicherte Shannon und versuchte es ihm nicht gleich zu machen als sie sich ein kleines Stück der saftigen Melone in den Mund schob. Lachend sah er ihr zu und machte sie darauf aufmerksam dass etwas von dem Saft an ihrem Kinn runter lief.
"Du kannst es auch nicht besser, also sei still." lachte er und beugte sich über den Tisch um Shannon zu küssen und den Saft, der ihr bis ans Kinn gelaufen war, abzulecken.
"Ich." Shannon verzog spielerisch das Gesicht als sie zurückwich und sich das Kinn mit ihrem Ärmel abwischte. "Du bist ja eklig."
Kian tat geschockt und warf seine Hand theatralisch gegen seine Brust. "Was?" fragte er niedergeschlagen. "Ich kann es nicht glauben, ich bin schockiert, ich.... Ich finde keine Worte dafür." schüttelte er den Kopf, stand auf um seinen Teller in die Spülmaschine zu stellen und verließ mit gesenktem Kopf die Küche. Shannon hörte seine dumpfen Schritte auf der Treppe und folgte ihm nach oben nachdem sie ihren Teller ebenfalls weggeräumt hatte. Leise öffnete sie die Tür zu seinem und Marielles Schlafzimmer und fand ihn mit gesenktem Kopf auf seinem Bett sitzen. Das Bett seiner kleinen Schwester war leer. Leise schloss sie die Tür hinter sich und setzte sich auf den rosanen Tagesüberwurf der über dem Bett lag.
"Meine Schwester ist freiwillig in Colms Zimmer ausgewandert, du kannst also gerne in ihrem Bett schlafen wenn dir mein Bett zu eng ist."
"Je enger desto besser." lächelte Shannon und zog sich ihre Hose und ihren Pullover aus bevor sie das Shirt nahm, dass Kian ihr auf das Bett gelegt hatte und es sich überzog.
"Das Shirt ist aber jetzt überflüssig, oder?" fragte Kian grinsend und schlüpfte unter die Decke.
"Halt die Klappe und schlaf, Casanova."


21. Kapitel

Am nächsten Morgen waren sie früh aufgebrochen um, bevor sie wieder nach Hause fuhren, noch mal in Limerick auf den Friedhof zu gehen. Shannon war seit dem Besuch bei ihrem Vater nicht mehr auf dem Friedhof gewesen. Ob es daran lag dass sie nun in Lahinch wohnte und jedes Mal wenn sie auf den Friedhof wollte entweder Kian bemühen oder den Bus nehmen musste, oder ob sie ihrer Mutter noch jetzt nicht verzeihen konnte dass sie ihr nie etwas von Kevin erzählt hatte, wusste sie nicht. Aber sie wollte ihre Mutter und auch Kevin an Weihnachten besuchen.
Aileen hatte sie von Kevin nichts erzählt. Nicht weil es nicht zur Sprache kam, sondern weil Shannon wusste, dass Aileen ohnehin sehr labil war was schlechte Nachrichten anging. Hätte sie ihr erzählt dass sie eigentlich einen großen Bruder hatte, so einen wie sie ihn sich schon immer gewünscht hatte, dann wäre sie wahrscheinlich zusammen gebrochen. Der richtige Zeitpunkt es ihr zu sagen würde kommen, ganz sicher.
"Hey Kev." lächelte Shannon als sie an das Grab ihres Bruders trat und eine einzelne, rote Rose auf den angegriffenen Grabstein legte. Kian, der einige Meter abseits auf sie wartete, beobachtete sie wie sie sich langsam vor dem Grab niederließ und sachte mit ihrer Hand über die Inschrift des Grabsteines fuhr.
"Ich weiß, ich habe versprochen öfter vorbei zu kommen, aber ich hatte ziemlich viel um die Ohren in der letzten Zeit, weißt du?!" Sie seufzte. "Ich wünschte du wärst hier um Patenonkel meines Kindes sein zu können, weißt du?! Du wärst sicherlich selbst ein wundervoller Vater geworden wenn man dir die Gelegenheit dazu gegeben hätte. Ich bin mir nach wie vor nicht sicher ob ich unserer Schwester von dir erzählen soll denn ich weiß nicht wie sie reagieren würde wenn sie davon erfährt dass sie eigentlich einen großen Bruder hätte haben sollen. Du musst nämlich wissen dass sie mich früher immer gehasst hat und mir bei jeder Gelegenheit erklärt hat wie viel lieber sie doch einen großen Bruder statt einer großen Schwester gehabt hätte." Shannon hielt inne. Vielleicht hätte Kevin gar nicht sterben sollen sondern sie. Immerhin hatte der Tod es schon zwei Mal versucht, vielleicht hatte er es auch das erste Mal auf Shannon abgesehen gehabt und nur aus Versehen ihren Bruder erwischt. Dann hätte Aileen ihren großen Bruder haben können den sie sich immer so sehnlichst gewünscht hatte. Gott, wie ihre Mutter sich gefühlt haben musste wenn ihre jüngste Tochter wieder von ihrem großen Bruder angefangen hatte. Welch unerträgliche Schmerzen sie gehabt haben musste jedes Mal wenn Aileen wieder nach ihrem großen Bruder geschrieen hatte. Shannon schüttelte sich. Diese Gedanken durfte sie nicht haben. Kevin war tot und sie lebte, damit würde sie sich abfinden müssen, ob sie wollte oder nicht. Mit Tränen in den Augen erhob sie sich von dem kalten Boden und klopfte sich die wenigen Kiessteine von der Hose, die daran hängen geblieben waren. Seufzend warf sie einen letzten Blick auf das verwahrloste Grab bevor sie sich lächelnd umdrehte und zu Kian ging um mit ihm gemeinsam weiter zum Grab ihrer Mutter zu gehen. Sie wusste nicht was sie ihr sagen wollte, wie sie ihr Verhalten in den letzten Wochen hatte rechtfertigen wollen, doch sie musste ihre Mutter sehen. Ohne sie wäre es kein richtiges Weihnachten gewesen.

"Walsh?" meldete sich eine müde, ältere Stimme als Shannon am Abend, nach unzähligen fehlgeschlagenen Versuchen endlich in der Lage war die Nummer ihres Vaters ins Telefon einzutippen.
"Walsh?" fragte der alte Mann mittlerweile zum zweiten Mal. "Wer ist da?"
"Dad?" flüsterte Shannon in den Hörer und schloss die Augen.
"Shannon?" Die Stimme des alten Mannes klang plötzlich gar nicht mehr so müde wie noch zuvor und Shannon sah ihren lachenden Vater mit dem Telefonhörer in der Hand vor ihrem geistigen Auge aufgeregt im Wohnzimmer auf und ab gehen. "Ich freue mich so dass du angerufen hast."
"Wie geht es dir?" fragte sie leise weiter.
"Gut." Er schien zu nicken, denn Shannon konnte hören wie sein Bart an der Sprechmuschel entlang kratzte. "Und dir?"
"Auch gut." log Shannon und atmete tief durch. "Was machst du so?"
"Ich räume auf. Cole und Emma waren die letzten zwei Tage mit ihren Partnern hier und haben ein heilloses Durcheinander hinterlassen kann ich dir sagen. Aber ich wäre ja nicht ich wenn ich nicht alles hinter ihnen herräumen würde, so wie früher. Wie hast du die Weihnachtstage verbracht?"
"Ich war mit meinem Freund bei Freunden von uns, dann waren wir bei seinen Eltern und eben waren wir noch auf dem Friedhof."
"Du hast einen Freund?" Seamus schien erstaunt. "Wer ist er denn?"
Shannon lachte. Auch wenn er sie die letzten dreiundzwanzig Jahre nicht gesehen hatte und ihr während ihrer Pubertät keine Vorschriften oder ähnliches machen konnte, so verhielt er sich just in diesem Moment doch ganz wie ein typischer Vater. "Er ist phantastisch." begann sie mit leuchtenden Augen zu erzählen. "Er ist mittelgroß, hat blonde Haare und blaue Augen. Er ist Musiker und kommt viel in der Welt rum aber das ist kein Problem für mich. Erst vor ein paar Wochen bin ich mit ihm nach Lahinch gezogen."
"Musiker?" fragte er hellhörig. "Brotlose Kunst, oder?"
Shannon lachte. "Sagt dir Westlife etwas?"
Es wurde für einen Moment still am anderen Ende der Leitung. "Du meinst die Jungs von Louis Walsh?"
"Ja." nickte Shannon und lehnte sich in ihrem großen Fernsehsessel, auf dem sie es sich mit einer Wolldecke bequem gemacht hatte, zurück. "Kennst du sie?"
"Ich habe von ihnen gehört, ja. Ich bin mit Louis früher zu Schule gegangen und sehe ihn heute alle Jahre wieder beim Klassentreffen. Er erzählt manchmal von seinem Job, obwohl dass meistens niemanden von uns interessiert"
Wie klein die Welt doch war, dachte sich Shannon und musste lachen.
"Frohe Weihnachten, Dad." sagte sie schließlich ohne weiter auf Westlife oder Kian einzugehen.
"Frohe Weihnachten Shannon. Es war schön mal wieder etwas von dir zu hören."
Shannon lächelte stumm bevor sie den Hörer flüchtig küsste und auflegte.

22. Kapitel

3 ½ Monate später
Shannon streckte sich müde und blickte mit zugekniffenen Augen in den Himmel. Das Wetter hatte sich in den letzten Wochen drastisch gebessert und dafür, dass es gerade mal Mitte März war, schien die Sonne bereits wärmer und freundlicher vom blauen Himmel als es die Iren für diese Jahreszeit eigentlich gewohnt waren.
Shannon ging gedanklich die letzten drei Monate durch und lächelte. Aileen war sie und Kian gemeinsam mit ihrem Verlobten Mike nach Silvester besuchen gekommen und hatte gemeinsam mit Shannon ihren Vater Seamus in Midleton sowie das Grab ihres gemeinsamen Bruders und ihrer Mutter besucht und hatte mit Shannon erste Einkäufe getätigt und von Windeln über Strampelanzüge bis zu einem Babybett alles gekauft was es für eine Patentante zu kaufen gab.
Die Jungs von Westlife inklusive Freundinnen waren vorbei gekommen um sich nach Shannon, Kian und natürlich nach dem Baby zu erkundigen. Die Neuigkeit über Shannons Schwangerschaft und die Tatsache dass sie beschlossen hatten das Kind zu behalten hatte rasend schnell die Runde gemacht.
James und seine Frau Kayla hatten sie besucht und gemeinsam mit ihnen Kaffee getrunken, Kians früheres Arbeitszimmer hatten sie binnen zweier Wochen umdekoriert und zu einem gemütlichen Kinderzimmer gemacht und seit einer Woche hatten sie sogar schon einen Namen für ihr Kind, das laut den Ärzten mit größter Wahrscheinlichkeit ein Mädchen werden würde. Tagelang hatten sie sich mehr oder weniger gestritten wenn es darum ging wie sie das Kind nennen wollen, doch Shannon hatte sich ziemlich schnell durchgesetzt dass sie als Zweitnamen, noch vor Aileens Name als Patentante, Angel getauft werden sollte. Nur auf ihren Rufnamen konnten sie sich partout nicht einigen. Bis sie vor ein paar Tagen gemeinsam einen Film angesehen hatten in dem die Hauptfigur Cherilyn hieß und sich sofort einig waren dass das der Name ihres ungeborenen Kindes sein würde. Cherilyn Angel Aileen.
Shannon wischte sich mit ihrem Handrücken eine kleine Träne aus ihrem Augenwinkel als sie die zerknitterte Liste aus der Tasche ihrer Strickjacke nahm und sie vorsichtig auffaltete.

Dinge die ich tun will bevor ich sterbe:
1) Einem Kind den Lutscher abnehmen
2) Ein Buch schreiben
3) Um Mitternacht nackt schwimmen gehen
4) Gitarre spielen lernen
5) Einen weißen Gartenzaun um mein Haus haben
6) Meinen Vater finden und mit ihm sprechen
7) Artikel für eine Zeitung schreiben
8) Schneeengel machen
9) Etwas Großes schaffen
10) Einen Grund haben zu sterben

Lächelnd nahm sie den Stift von dem Tablett neben sich, auf dem sie zuvor eine Tasse Tee und zwei Kekse nach draußen auf die Veranda gebracht hatte, und strich den vierten Punkt auf ihrer Liste durch. Es hatte sowohl sie als auch Kian sehr viel zeit und Nerven gekostet während den letzten Wochen und Monaten, doch nach ihrer letzten Übungsstunde am vergangenen Wochenende hatte er ihr bestätigt dass sie nun Under the bridge fast perfekt beherrschte. Feierlich hatte er ihr eine selbsterstellte Urkunde übereicht die seitdem gerahmt auf Shannons Seite des Bettes auf dem Nachttisch stand.
Sie erwachte aus ihren Gedanken als Kian, der im Garten beschäftigt war, Holzbretter auf den Boden fallen lies. Sie senkte ihren Blick, der bis dahin immer noch in den Himmel ging, und hielt nach Kian Ausschau. Er stand ratlos vor einem Berg von mehr oder weniger gleich großen Holzbrettern die er alle in den letzten Tagen zurechtgeschnitten hatte, allerdings nicht ohne seine Finger, von denen nun vier Pflaster trugen, in Mitleidenschaft zu ziehen. "Ist alles in Ordnung?" rief Shannon und hievte sich aus ihrem Schaukelstuhl um bei Kian nach dem rechten zu sehen.
"Alles Bestens." grummelte der als Shannon bei ihm angekommen war. Sein Blick hing immer noch auf dem Bretterberg der sich vor ihm auftat.
"Komm, lass uns erst mal rein gehen und einen Tee trinken, danach kannst du dich immer noch mit dem Sandkasten auseinandersetzen. Außerdem wird noch eine menge Zeit vergehen bis unsere Kleine im Sand toben kann."
Kian gab sich schließlich geschlagen und folgte Shannon nach drinnen, wo es herrlich nach dem Kuchen roch den Shannon am Vormittag aus einer Laune heraus gebacken hatte. Kian deckte wortlos den Tisch während Shannon Wasser aufsetzte und Teebeutel in die Tassen legte.
Zwei Stunden und drei Stücke Kuchen später saß Kian an seinem großen, weißen Flügel den er sich erst vorige Woche aus seinem alten Haus hatte liefern lassen, und klimperte ein wenig darauf rum während Shannon, die sich mit ihren Unterarmen auf dem edlen Holz abstützte, leise dazu sang.
"Ich möchte dich nicht schon wieder verlassen müssen." seufzte Kian nachdem sie All the way ein komplettes Mal durchgespielt hatten und schob die Klappe vor die weißen und schwarzen Tasten des Klaviers. "Ich weiß nicht wie ich es zwei Monate ohne dich aushalten soll."
"Das schaffen wir schon." versuchte Shannon ihn zu beruhigen und lies sich neben ihn auf den mit schwarzen Leder bezogenen Hocker fallen.
"Willst du nicht doch mitkommen?"
"Kian." Shannon schüttelte liebevoll den Kopf und nahm sein Gesicht in ihre kleinen Hände um ihn dazu zu zwingen sie anzusehen. "Ich werde hier bleiben und mich schonen. Punkt."
"Aber zwei Monate sind..."
"... eine lange Zeit, ja. Aber du weißt wie anfällig ich für Stress bin und ich möchte auf keinen Fall dass dem Baby etwas passiert okay?"
"Ist gut." gab Kian sich schließlich geschlagen und folgte Shannon, die mittlerweile aufgestanden war und ihn an seinen Händen hochzog, auf die Couch.

23. Kapitel

2 Wochen später
Shannon saß gerade in ihrem Sessel und überflog die Fernsehzeitung als es an der Tür klingelte. Verwundert blieb sie sitzen und hob lediglich den Kopf um einen Blick auf die geschlossene Vordertür werfen zu können. Kian war den Tag über in Dublin, sie erwartete ihn nicht vor dem Abendessen zurück und sonst hatte sich niemand angekündigt. Wer um alles in der Welt stand also vor ihrer Tür und störte sie bei.... nichts?
Seufzend legte sie die Zeitschrift beiseite und hievte sich aus dem Sessel um nachzusehen wer vor der Tür stand. Noch bevor sie selbige erreicht hatte schlugen ihr bekannte Stimmen entgegen die vor der Tür wild miteinander diskutierten. Eine der Stimmen erkannte sie sofort.
"Gillian, was...?" Shannon stockte als sie die versammelte Mannschaft auf ihrer Veranda vorfand. Bewaffnet mit Getränken, Partyhüten und Unmengen Chips und Süßgebäck grüßten sie Shannon, manche mit Kuss, manche mit einer Umarmung, und breiteten sich in Windeseile im ganzen Haus aus. Shannon wagte nicht nachzufragen was sie hier machten aus Angst sie könne ein wichtiges Datum wie einen Geburtstag oder ähnliches vergessen haben doch als Gillian mit Shanes Hilfe ein "Sorry to see you go"-Schild quer durch das Wohnzimmer spannte konnte Shannon nicht länger an sich halten. "Ich möchte euch ja ungern in eurem Tun unterbrechen." warf sie kleinlaut ein. "Aber was macht ihr hier?"
"Na wir dachten uns wir schmeißen eine richtige Abschiedsparty. Der soll bloß nicht denken dass er so einfach sang und klanglos verschwinden kann ohne eine ausgiebige Party mit seinen besten Freunden." grinste Nicky, der gerade dabei war unzählige Bierflaschen in den Kühlschrank zu räumen.
"Wer geht wohin?" fragte Shannon völlig verstört und zog damit alle Aufmerksamkeit auf sich. Nicky hörte auf Flaschen in den Kühlschrank zu räumen, Shane lies seine Hand mit dem Banner sinken, Gina hielt in ihrem Tun inne den Raum mit Luftschlangen und kleinen Ballons zu füllen und Mark, der bereits das erste Bier am Mund hatte, setzte es sogleich wieder ab und starrte, genau wie der Rest, Shannon bloß sprachlos an.
Niemand sprach, niemand atmete.
"Ähm weißt du...." fing Shane an und kratze sich hilflos am Kopf. "Wir haben da diesen Freund. Und der geht jetzt nach Amerika. Für ein Jahr. Und da dachten wir Kian hat ein so schönes großes Haus, das eignet sich perfekt für eine Party und da..."
"Dein Haus ist drei Mal so groß Shane." sprach Shannon leise. Was verheimlichte man ihr hier?
Im selben Moment als Shane beginnen wollte Shannon die nächste Lüge aufzutischen öffnete sich die Tür und ein aufgelöster Kian stürzte in das Haus. "Was zur Hölle..." fauchte er als er seine Freunde im Wohnzimmer und Shannon mittendrin vorfand.
"Wir.... wir wussten nicht...." stammelte Mark und hob entschuldigend die Schultern
"Gott, Leute." seufzte Kian und warf die Hände in die Luft. "Das darf doch nicht wahr sein."
"Was geht hier vor Kian? Wohin gehst du? Wieso sagt mir niemand was?" Shannon war den Tränen nahe. Sie fühlte sich überfordert von der ganzen Sache und wäre am liebsten weinend nach oben gerannt, doch vorher würde sie eine Erklärung von Kian bekommen.
"Ich gehe nirgends hin mein Engel." flüsterte Kian und schloss Shannon in seine Arme.
"Aber wieso... ich meine... was...."
"Komm." Kian nahm ihre Hand und führte sie aus dem Haus heraus auf die Terrasse. "Setz dich." wies er sie an und wartete bis sie sich auf die Bank gesetzt hatte bevor er vor ihr niederkniete und ihre zitternde Hand in seine nahm. "Ich gehe nirgends hin." versicherte er ihr abermals als er die Träne sah die sich ihren Weg über Shannons Wange auf ihren beigefarbenen Pullover bahnte. "Sieh mal, du bist mittlerweile im fünften Monat schwanger und ich fühle mich von mal zu Mal schlechter wenn ich dich verlassen muss. Und demnächst wären es über zwei Monate die ich nicht bei dir sein würde. Das wollte ich nicht. Also habe ich mich mit den Jungs zusammen gesetzt und ihnen meine, nein unsere Situation erklärt und dass ich gerne bei dir sein würde während der Schwangerschaft. Sie waren verständnisvoller als ich gedacht hätte und haben mich sofort davon zu überzeugen versucht dass ich die richtige Wahl treffe wenn ich mich gegen Westlife und für dich und unser Kind entscheiden würde. Ich weiß wie schlecht es dir in den letzten Tagen und Wochen ging und die Vorstellung nicht bei dir sein zu können wenn es dir schlecht geht zerreißt mich innerlich. Ich liebe dich Shannon und egal was du jetzt sagst, mein Entschluss steht fest, ich werde aussteigen. Louis will nächste Woche damit an die Öffentlichkeit gehen."
Shannon wusste nicht was sie sagen sollte. Sie war überwältigt von Kians Bereitschaft seinen Traum für sie aufzugeben. "Das hätte ich nie von dir verlangt Kian."
"Das weiß ich." versicherte er ihr und küsste sanft ihre Hand. "Ich wollte es so. Du bist mir wichtiger als alles andere auf der Welt und das beinhaltet auch die Band."
Wortlos streckte Shannon ihre Arme nach Kian aus und nahm ihn in den Arm. Minutenlang hielten sie sich lediglich fest und sagten kein Wort bevor Shannon sich schließlich als erste von ihm löste und sich die Tränen aus den Augen wischte bevor sie tief durchatmete und Kian tapfer zulächelte um ihm zu signalisieren dass sie bereit war hinein zu gehen und Kians Abschied von Westlife zu feiern.

Als Shannon auch in der darauffolgenden Woche immer öfter über Schmerzen und Sehstörungen klagte schaffte es Kian nach einer weiteren Woche und vielen Stunden der Überredung endlich dass Shannon gemeinsam mit ihm zu Doktor Fenton ging um sich erneut durchchecken zu lassen, denn aus Angst mit den Strahlen ihr Kind zu gefährden hatte sie die Untersuchungen in den letzten Wochen und Monaten seit sie von der Schwangerschaft erfahren hatte auf ein Minimum beschränkt.
Unwohl saß sie nun, nachdem die Untersuchungen hinter ihr lagen, auf dem Stuhl auf dem sie die letzten Monate so oft gesessen hatte und wartete darauf das der Arzt mit den Ergebnissen zu ihnen ins Sprechzimmer kam. Ungeduldig drückte Shannon auf Kians Hand herum und warf ihm immer wieder hilfesuchende Blicke zu, doch Kian konnte auch nicht mehr tun als ihr sanft über die Handknöchel zu streicheln und ihr zu versichern dass sicher alles in Ordnung war.
Wenige Augenblicke später betrat der Arzt das Sprechzimmer.
"In Situationen wie dieser hasse ich meinen Job." Doktor Fenton setzte sich schwermütig auf seinen Sessel und faltete die Hände vor sich auf dem Tisch. "Kian, sie hatten wieder mal recht was ihre Bedenken anging. Ich weiß ehrlich gesagt nicht wie ich es euch sagen soll..."
"Sagen sie es einfach." forderte Shannon ihn mutig auf und suchte nach Kians Hand die sie, sobald gefunden, fest umschloss.
"Shannon, dadurch dass wir die Chemotherapie schwangerschaftsbedingt abgebrochen haben hatte der Tumor, der bis dahin allem Anschein nach einfach verschwunden wäre, Zeit ungebremst zu wachsen und sich auszubreiten. Die Sehstörungen die du in letzter Zeit hattest kommen daher, dass der Tumor bereits bis in das Sehzentrum deines Gehirns vorgedrungen ist und mittlerweile auf den Nerv, der zum Auge hinführt, drückt."
"Aber, aber kann man da nichts gegen machen?" fragte Kian und richtete sich nervös in seinem Sitz auf.
"Sie könnte sich einer weiteren Operation unterziehen, doch in dem Stadium in dem der Tumor bereits ist wird es sehr viel komplizierter ihn zu entfernen ohne etwas wichtiges wie das Sehzentrum dabei zu schädigen."
"Was ist mit einer weiteren Chemotherapie?"
"Mister Egan." Der Arzt lehnte sich nach vorne und sah ihn kopfschüttelnd an. "So schwer es ihnen beiden auch fallen wird, aber sie werden sich entscheiden müssen. Beginnt Shannon erneut mit einer Chemotherapie läuft sie Gefahr das Baby schwerwiegend zu schädigen, setzt damit wahrscheinlich sogar das Leben ihres ungeborenen Kindes aufs Spiel. Entscheidet sie sich gegen die Chemotherapie und für ihr Kind." Er hielt Inne und blickte von Kian zu Shannon, in deren Gesicht er erkennen konnte dass sie bereits wusste wie der Satz enden würde. "Dann wird für sie in drei Monaten, wenn das Kind zur Welt kommt, wahrscheinlich jede Chemotherapie und jede Operation zu spät kommen."

"Kian." Shannon seufzte. Sie hatten die Praxis vor mehr als einer halben Stunde verlassen und waren, bevor sie zurück zum Auto gingen, noch einmal durch den naheliegenden Park gegangen in dem viele Kinder, beobachtet von ihren Eltern, auf den Schaukeln und Rutschen spielten. Und nicht in einer Minute hatte Kian Ruhe gegeben. Keine Minute hatte e nicht versucht sie davon zu überzeugen dass sie die Medikamente wieder nehmen sollte. "Ich war damals fast dankbar dass ich schwanger wurde, denn so wurde mir die Entscheidung abgenommen."
Kian schien nicht zu verstehen was sie damit sagen wollte, denn sein Gesichtsausdruck verhärtete sich zunehmend.
"Verstehst du nicht? Die Chemotherapie ist das schlimmste was ich jemals in meinem Leben durchmachen musste und ich bin nicht bereit, nachdem ich es schon zwei Mal durchstehen musste, noch ein drittes Mal zu machen, das ist es nicht wert das Leben meines Kindes aufs Spiel zu setzen."
"Aber so setzt du dein Leben aufs Spiel, verstehst du das nicht?" versuchte Kian zu abermals zur Vernunft zu bringen.
"Doch Kian, das weiß ich sehr wohl. Aber wer weiß, ich bin dem Tod schon einmal von der Schippe gesprungen, wieso sollte ich es nicht auch ein zweites Mal schaffen? Vielleicht habe ich nach der Geburt noch die Möglichkeit einer Chemotherapie, vielleicht breitet der Tumor sich nicht weiter aus, wer weiß. Es ist alles möglich Kian, aber egal was du sagst, ich werde mein Kind nicht für etwas opfern was vielleicht sowieso nichts mehr bringt."
"Sag so etwas nicht." flehte er und nahm sie in den Arm. "Ich habe solche Angst dich zu verlieren."
"Du wirst mich dafür wahrscheinlich hassen was ich jetzt sage." murmelte Kian nach einer Weile und schob sie ein Stück von sich weg um ihr in die Augen sehen zu können. "Aber sieh mal, wenn dem Kind etwas passiert könnten wir es doch in einem Jahr noch einmal versuchen. Wenn du wieder gesund bist."
"Und wenn ich nicht mehr gesund werde?" fragte sie gerade heraus und wendete sich von ihm ab um nicht zu zeigen wie sehr sie dieser Gedanke selbst schockte. Sie war vielleicht nie mehr in der Lage Kinder zu bekommen. Nicht weil sie keine bekommen konnte sondern weil sie dann tot war.
"Aber es ist doch nicht gesagt ob du nicht doch wieder gesund werden könntest wenn du es versuchst." Kian schien mit seinem Latein am Ende. Er verstand ihre Einwände, rechnete ihnen im Unterbewusstsein vielleicht sogar etwas wahrheitsgemäßes an, doch er wollte es einfach nicht wahr haben dass Shannon Recht haben könnte.
"Kian. Ich bin im sechsten Monat schwanger, ich werde den Teufel tun und mein Kind in diesem Stadium mit Medikamenten voll pumpen." Mit diesen Worten nahm sie ihre Hand aus seiner und ging den kiesbelegten Weg entlang.


24. Kapitel

Es war die Nacht zum 16.9. Kian saß auf dem Sessel im Wohnzimmer und schlief während Shannon, die die halbe Nacht damit zugebracht hatte nach einer Stellung zu suchen die keiner ihrer Gliedmaßen die Blutzufuhr abschneiden würde, auf der Couch lag.
"Ki?" flüsterte Shannon und tastete nach dem Lichtschalter unter dem Beistelltisch. Als sie ihn fand blinzelte sie ein paar Mal und erblickte dann Kian der mit offenem Mund auf dem Sessel saß und in regelmäßigen Abständen schnarchte. "Kian." sagte sie etwas lauter, doch er reagierte immer noch nicht. Sie holte Luft und wollte schreien doch der Schmerz war schneller und sie fuhr zusammen. Sie atmete schwer und ungleichmäßig und als ob Kian ein Ohr für so etwas hätte schlug er die Augen auf und blickte Shannon entsetzt an. "Was ist los?" fragte er als er sich neben sie kniete und ihre Hand ergriff.
"Das Baby. Ich glaube ich habe Wehen." stöhnte sie und drückte Kians Hand.
"Au, hör auf damit." fluchte Kian und zog seine Hand blitzartig weg. "Ich rufe den Notarzt."
"Nein." raunte sie ihm zu und packte ihn am Oberarm noch bevor er sich erheben konnte. "Die sind niemals rechtzeitig da. Fahr mich hin!"
Eine viertel Stunde später erreichten sie das General Hospital in Ennistymon. Kian sprang aus dem Auto und rief von drinnen Schwester und Arzt zu sich die Sekunden später mit einem Rollstuhl aus dem Gebäude gestürzte kamen und Shannon aus dem Auto halfen. Sie fuhren sie an die Aufnahme und verschwanden. Shannon sah sich panisch um und sah dann rauf zu Kian der ebenso ratlos war wie sie. Die Schwester an der Aufnahme reichte Kian ein Formular und einen Stift mit der Aufforderung dieses auszufüllen. Schulterzuckend begann Kian das Formular auszufüllen was Shannon in ihrem Stadium wahrscheinlich sowieso nicht mehr geschafft hätte.
"Oh Gott, ich kann nicht mehr." weinte sie und krallte sich krampfhaft an der Lehne fest. Ihr liefen die Tränen in Strömen und sie hatte auch keine Lust und Kraft mehr sie weiterhin zu unterdrücken. Sie wollte das es endlich vorbei war und schickte ein Stoßgebet gen Himmel als die Schwester kam und sich der Rollstuhl in Bewegung setzte. Sie fuhren sie durch unendlich lange Gänge, stiegen zwei mal in einen Fahrstuhl und hätten beinahe einen Frontalcrash mit einem anderen Rollstuhlfahrer verursacht bevor sie endlich den Kreissaal erreichten der um diese Uhrzeit Gott sei Dank leer war. Kian hatte während der ganzen Fahrt ihre Hand gehalten und war neben dem Rollstuhl hergerannt während Shannon nicht aufhörte zu weinen und sich immer noch krampfhaft an ihrem Stuhl festkrallte.
Sie bekam gar nicht mehr richtig mit wie sie auf das Bett gelegt wurde so stark waren die Schmerzen die sie in diesen Augenblicken erlitt. Der Arzt erschien und sprach mit Kian der nicht von Shannons Seite wich und ständig ihre Hand hielt. "Okay Miss Murphy, sie müssen jetzt pressen wenn ich es ihnen sage, haben sie das verstanden?"
Shannon nickte nur mit zusammengebissenen Zähnen und versuchte das pressen zu unterdrücken bis es der Arzt ihr sagte. Sie konnte sehen wie er mit einer der Schwester sprach und sich dann wieder ihr widmete. Kian hatte sich mittlerweile einen Stuhl kommen lassen auf dem er jetzt saß und unruhig hin und her rutschte und dabei merkwürdige Geräusche machte. "Du schaffst das!" versuchte Kian sie aufzumuntern und küsste ihre Hand.
"Ich hasse dich. Ich hasse dich dafür dass du mir das hier angetan hast!" schrie sie ihn an und riss ihre Hand los. "Geh raus, ich will dich nicht mehr sehen." kam mehr wie ein Schluchzen hinterher. Kian sah erst Shannon und dann den Arzt völlig entsetzt an. "Ich kenne das nur zu gut. Bleiben sie hier, in weniger als zwei Minuten wird sie sie wieder an ihrer Seite wissen wollen." flüsterte er grinsend und befahl Shannon auf sein Kommando wieder zu pressen.
Mit Beginn der Wehe suchte sie wieder nach Kians Hand und drückte darauf rum wie auf einem Gummiball.
"Kian, ich kann nicht." wimmerte sie unter Tränen und drückte so fest auf Kians Hand dass sie fast meinte zu spüren, wie sein Knochen splitterte.
"Komm, nur noch einmal pressen." versuchte er ihr Mut zuzusprechen. Doch er, im Gegensatz zu Shannon, die damit beschäftigt war nicht vor Schmerzen in Ohnmacht zu fallen, konnte die besorgten Blicke der Ärzte sehen und wusste, dass das ewige Getuschel zwischen dem diensthabenden Arzt und der Krankenschwester zu seiner Rechten nichts gewöhnliches war.
"Shannon, machen sie jetzt nicht schlapp." feuerte die rothaarige Krankenschwester zur Linken des Arztes Shannon nun an und lächelte breit während sie ihr bestärkend den Oberarm tätschelte.
"Kian." flehte Shannon erneut und warf ihm einen ängstlichen Blick zu. Sie wusste selbst das etwas nicht stimmte, doch sie wagte es nicht jemandem der Verantwortlichen in die Augen zu sehen aus Angst in deren Blick etwas lesen zu können was sie nicht wissen wollte. "Kian ich...." Shannon schloss die Augen und spürte augenblicklich zwei Hände an ihren Wangen die sie versuchten wieder aufzuwecken. Doch sie schlief nicht, sie war doch wach, sie konnte doch denken. Shannon versuchte ihre Augen zu öffnen, doch es schien ihr als wären ihre Lider mit einem mal zusammen geklebt denn es schien ihr unmöglich sie auch nur einen Spalt voneinander zu entfernen. "Kian...." flüsterte sie ein weiteres Mal, dann begannen die Stimmen um sie herum langsam zu verstummen.

"Hey." lächelte Shane, der genau in Shannons Blickfeld stand als sie ihre Augen wieder öffnete.
"Hey." entgegnete Shannon schwach und erschrak als sie sich in ihrem abgedunkelten Zimmer umsah in dem neben Shane auch noch Gillian, Gina, Nicky und Mark versammelt waren. "Wie haben die euch alle hier rein gelassen?"
Shane grinste. "Mark hat mit der Schwester geflirtet."
Allgemeines Gelächter ging durch den sonst so stillen Raum doch erstarb als sich leises Schluchzen unter die Lacher mischte. Shannon sah sich in den Gesichtern, die sich um ihr Bett versammelt hatten, um und entdeckte dass es Gillian war die leise vor sich hin wimmerte. Sie hob entschuldigend die Schultern und versteckte sie etwas hinter ihrem Mann während sie ein Taschentuch aus ihrer Tasche kramte und sich schnäuzte. "Du weißt wie nah ich am Wasser gebaut bin." entschuldigte sie sich und kam wieder hinter Shane vor. "Aber all diese Schläuche... ich..." Gillian wusste nicht wie sie sich ausdrücken sollte, also seufzte sie bloß und lies den Kopf sinken.
Erst jetzt schien Shannon zu bemerken dass sie an diverse Gerätschaften angeschlossen war. "Scheinbar haben sie mich ungefragt wieder auf Drogen gesetzt." seufzte Shannon und erklärte sich weiter als sie die fragenden Blicke bemerkte. "Das hier ist die berühmt berüchtigte Chemotherapie." Sie hob ihre rechte Hand in der eine große Kanüle lag die an zwei verschiedene Beutel mit durchsichtigem Inhalt angeschlossen war die an einem Gestänge neben dem Bett hingen.
"Hat man dir schon etwas sagen können wegen....?" Nicky wagte nicht weiter zu sprechen.
"Du meinst wegen dem Tumor? Nein, ich bin eben zum ersten Mal seit dem Kreissaal wach geworden." Erst jetzt dämmerte ihr dass von Kian und auch von ihrer Tochter jede Spur fehlten. Sie wusste noch nicht mal ob sie ein Kind zur Welt gebracht hatte, ob es lebte, wo es war. Sie wurde panisch, doch Gina, die dicht neben ihr am Bett stand, schien das sofort zu bemerken und legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm. "Keine Angst, Kian ist sie gerade holen gegangen."
"Geht es ihr gut?"
Gina nickte lächelnd während sie ihr beruhigend mit der Hand über den Unterarm strich. "Es geht ihr hervorragend, sie ist bei bester Gesundheit."
Shannon atmete erleichtert auf als in der selben Sekunde Kian, mit seiner Tochter auf dem Arm, in das Zimmer kam. Er lächelte abwesend in die Runde und ging um das Bett herum um die Kleine in Shannons Arme legen zu können. "Hey Mommy." flüsterte er Shannon ins Ohr und gab ihr einen Kuss auf die Stirn bevor er das kleine, weißumhüllte Bündel in ihre Arme legte.

"Hey." sagte Kian, der am Abend wieder alleine ins Krankenhaus kam, leise als Shannon ihre Augen öffnete. "Gut geschlafen?"
"Eher nicht." seufzte sie und versuchte sich ein wenig aufzurichten, was ihr aufgrund der vielen Schläuche jedoch eher misslang. "Wie lange bist du schon da?"
"Seit einer halben Stunde ungefähr." sagte Kian nach einem Blick auf seine Armbanduhr und nahm eine Plastiktüte vom Boden. "Ich hab ein paar Sachen mitgebracht." grinste er und zog Floppy, den Stoffhasen, den Shannon und er erst vor knapp einem Monat für Cherilyn gekauft hatten, an seinen Ohren aus der Tüte. "Ich dachte mir sie hätte ihn vielleicht gerne bei sich." Kian stand auf und legte den Stoffhasen neben Cherilyn in das kleine Bettchen, in dem seine Tochter seelenruhig schlief. "Sie schläft so friedlich." seufzte er leise und strich ihr über die wenigen, blonden Haare. "Sie hat keine Ahnung dass es ihrer Mommy gar nicht gut geht."
"Kian hör mir bitte für fünf Minuten nur zu, ja?" Shannon wartete bis Kian sich wieder hingesetzt hatte und, wenn auch widerwillig, nickte bevor sie sich ein wenig in ihrem Bett aufrichtete und tief durchatmete bevor sie leise zu sprechen begann. "Ich hoffe du weißt wie wichtig du für mich warst, bist und auch immer sein wirst und wie unendlich leid es mir tut dass ich dich und unsere Tochter gegen meinen Willen verlassen muss." Shannon stockte für einen Augenblick und versuchte, mit einem Gedanken an belanglose Dinge die Tränen zu unterdrücken, die in ihr aufstiegen.
"Aber vielleicht..."
"Kian." hielt sie ihn schwach zurück. "Es gibt kein Vielleicht." Mit ihrer rechten Hand fuhr sie über die diversen Schläuche an die sie seit Cherilyns Geburt schon angeschlossen war. "Ich wäre nicht an all diese Schläuche angeschlossen wenn es ein Vielleicht gäbe. Es ist nicht alles in Ordnung mit mir, so wie ich das gerne hätte. Meine Zeit scheint nun endgültig gekommen und deshalb werde ich gehen müssen, ob ich das will oder nicht."
"Ob wir das wollen oder nicht." entgegnete Kian leise und griff ihre Hand.
"Ich bitte dich nur um eins. Sei unserem Engel ein guter Vater, ja?! Und damit meine ich nicht dass du sie auf Schritt und Tritt verfolgst sondern dass du sie ihre eigenen Fehler machen lässt, dass du dafür sorgst dass sie gesund bleibt, viele Freunde findet und vor allem, dass sie glücklich wird."
"Ich...." fing Kian an.
"Ich bin noch nicht fertig." erklärte sie mit einem mahnenden Unterton und seufzte bevor sie leise fortfuhr. "Ich will auch dass du glücklich wirst, dass du dich wieder neu verliebst und nie aufhörst an die Liebe zu glauben nur weil ich nicht mehr da bin, hörst du?" Mit einem zaghaften Nicken deutete sie ihm, dass es ihm nun erlaubt war zu sprechen.
"Aber du darfst doch noch gar nicht gehen." Kian klang fast naiv.
"Wieso?"
Wortlos zog er ein Stück Papier aus seiner Hosentasche, faltete es mit zitternden Händen auf und reichte es, nachdem er einen kurzen Blick darauf geworfen hatte, an Shannon weiter. "Du hast noch zwei Punkte die erledigt werden müssen."

Dinge die ich tun will bevor ich sterbe:
1) Einem Kind den Lutscher abnehmen
2) Ein Buch schreiben
3) Um Mitternacht nackt schwimmen gehen
4) Gitarre spielen lernen
5) Einen weißen Gartenzaun um mein Haus haben
11) Meinen Vater finden und mit ihm sprechen
12) Artikel für eine Zeitung schreiben
8) Schneeengel machen
10) Etwas Großes schaffen
11) Einen Grund haben zu sterben

"Nein." Shannon versuchte sich an einem zaghaften Lächeln, doch mehr als ein Heben des rechten Mundwinkels wurde nicht daraus. "Die letzten zwei Punkte habe ich schon längst abgehakt."
"Aber wie...." wollte Kian fragen, doch Shannons Blick, der sich mit einem Leuchten in den Augen auf Cherilyn in dem kleinen Bettchen neben ihr legte, deutete ihm mehr als tausend Worte. Cherilyn war das Große, dass Shannon entgegen aller Erwartungen doch noch geschafft hatte.
"Aber was könntest du für einen Grund haben sterben zu wollen?" fragte Kian vorsichtig als er seinen Blick wieder von der schlafenden Cherilyn abwendete und seine ganze Aufmerksamkeit Shannon schenkte.
"Weißt du...." fing sie an und seufzte leise. "Ich hatte nie das Glück meinen großen Bruder kennen zu lernen und ich denke nach fast fünfundzwanzig Jahren ist es an der Zeit dass ich ihm mal persönlich gegenüber stehe."
Kian, der von Shannons Worten so gerührt war dass ihm kleine Tränen die Wange herunter kullerten, atmete tief durch bevor er zu nicken begann und Shannon die Liste abnahm. Wie in Zeitlupe zog er einen Kugelschreiber aus der Schublade neben sich, legte das zerknitterte Papier auf das kleine Tischchen, dass halb über das Bett gerollt war und begann die letzten zwei Punkte auf der Liste Buchstabe für Buchstabe durchzustreichen. Als er fertig war legte er den Stift wieder beiseite und reichte Shannon ihre Liste zurück, jedoch ließ er ihre Hand, die das Papier nun fest umschloss, nicht los. Mit Tränen in den Augen beugte er sich zu ihr und küsste ihre Hand, die in seiner lag, mehrere Male bevor er sich halb aufrichtete und Shannon in die roten Augen sah. "Ich liebe dich." flüsterte er leise und legte seinen Kopf auf Shannons zitternden Bauch.
"Ich liebe dich auch." flüsterte sie so leise zurück, das Kian es aufgrund der vielen Geräte um sie beide herum beinahe überhört hätte, doch das Lächeln auf seinem Gesicht sagte ihr, dass er sie trotzdem gehört hatte, dass er sie immer hören würde, egal wo sie war.


25. Kapitel

Drei Wochen später
Der Wind wehte unerbitterlich die ersten herabgefallenen Blätter durch die Luft und es schien als wollten die tief hängenden, dunkelgrauen Wolken jeden Augenblick eine Ladung Wasser über Lahinch loswerden als eine kleine Gruppe von schwarz gekleideten Menschen die kleine Kapelle verließen und in Zweiergruppen über den stillen Friedhof liefen. Aileen, die den Kinderwagen ihrer Nichte vor sich her schob, und Kian führten die Prozession mit gesenkten Köpfen an. Hinter sich konnte er Gillian und Gina, die gemeinsam mit Shane und Nicky dicht hinter ihm liefen, weinen hören. Gillian hatte sich bereits in der Kapelle nicht mehr zurück halten können und hatte es binnen weniger Augenblicke geschafft sowohl Aileen als auch Gina und Kayla, die Frau von James, anzustecken, die nun von ihren Männern gestützt werden mussten. Als sie an dem vorgegrabenen Loch ankamen hielten alle geschockt Inne als ihr Blick auf den Sarg, drei Meter unter der Erde, fiel. Er war dunkelbraun und wirkte im Dunkel der Erde fast unsichtbar.
Der Pfarrer, der sich nur Augenblicke später an Ort und Stelle einfand, begann sogleich mit seiner Ansprache und segnete den Sarg bevor alle Anwesenden eine weiße Rose und, wenn gewollt, ein persönliches Stück auf den Sarg werfen konnten.
Mit einem leeren Gesichtsausdruck holte Kian, der zuletzt dran war, einen Fetzen Papier aus der Innentasche seines Jacketts und faltete ihn auf. Tränen liefen ihm unaufhaltsam über die Wangen als er die zehn kurzen, durchgestrichenen Sätze überflog.

Dinge die ich tun will bevor ich sterbe:
1) Einem Kind den Lutscher abnehmen
2) Ein Buch schreiben
3) Um Mitternacht nackt schwimmen gehen
4) Gitarre spielen lernen
5) Einen weißen Gartenzaun um mein Haus haben
6) Meinen Vater finden und mit ihm sprechen
7) Artikel für eine Zeitung schreiben
8) Schneeengel machen
9) Etwas Großes schaffen
10) Einen Grund haben zu sterben

Seufzend faltete er das Papier wieder zusammen, küsste die glatte Oberfläche und warf es auf den Sarg, auf dem neben etlichen weißen Rosen ein Zeitungsausschnitt mit einem Bild von Shannon mit den vier anderen Jungs bei ihrer Buchpräsentation, ein Bild von Shannon und Aileen als Kinder und ein altes, verblichenes Bild von einem kleinen Mädchen und ihrem Vater lagen.
"Es tut mir so leid." Wie oft hatte Kian, aber auch Aileen und Seamus, diesen Satz an jenem Tag gehört? Obwohl nicht viele Menschen bei der Trauerfeier und dem anschließenden Kaffee in Kians Haus anwesend waren kam es beiden vor als ob man sie mit Beileidsbekundungen nur so überhäufen würde.
"Ich nehme an du möchtest schlafen gehen." sagte Kian verständnisvoll als er Aileen durch das Wohnzimmer schleichen sah. "Geh nur, ich warte noch bis sie gegessen hat, dann lege ich sie schlafen und gehe ebenfalls zu Bett. Aufräumen können wir auch morgen noch." schlug er ihr vor.
Schwach lächelnd kam sie zu ihm in die Küche und strich der kleinen Cherilyn, die zufrieden bei ihrem Vater auf dem Arm lag und an ihrer Flasche nuckelte, über die wenigen Haare. "Bist du sicher? Ich kann auch gerne noch hier bleiben wenn du Gesellschaft möchtest."
"Nein." versicherte Kian ihr und lächelte. "Geh nur, du hast für einen Tag genug durchmachen müssen."
"Danke." seufzte sie und umarmte ihn flüchtig bevor sie zurück ins Wohnzimmer ging in dem sie nun schon seit vier Tagen auf einer Klappliege schlief.
Kian für seinen Teil wartete bis Cherilyn fertig war mit trinken und ließ sie ein Bäuerchen machen bevor er sie sanft wiegend nach oben trug. Während er ihr das hübsche, dunkelgraue Kleidchen auszog, dass er ihr extra für die Beerdigung gekauft hatte, musste er daran denken wie Shannon in ihrem schwarzen Kleid ausgesehen hatte als sie zusammen auf dem Wohltätigkeitsball waren. Wie wunderschön sie ausgesehen hatte obwohl sie das selbst nie so gesehen hätte. Als er in die bestechend grünen Augen seiner Tochter blickte wurde ihm zum ersten Mal seit einer Woche, die Shannon nun nicht mehr da war, bewusst, dass er sie verloren hatte, dass sie nicht mehr zurück kommen würde. Kian schaffte es gerade noch Cherilyn in ihr Bettchen zu legen bevor er weinend vor dem Bett zusammenbrach und sich an den Gitterstäben der Wiege festzuhalten versuchte. Sie war fort. Sie war gegangen und sie würde sicherlich nicht wieder kommen. Unten auf der Küchenzeile hatte er über dreißig Beileidskarten liegen die ihm das bestätigten.
"Wie soll ich das nur ohne dich schaffen." flüsterte er und öffnete die Augen um seine Tochter auf der anderen Seite der Gitterstäbe ansehen zu können. Doch in dem Moment, in dem Cherilyn zum ersten Mal seit sie nun auf der Welt war, ihren leeren Mund zu einem offenen Lächeln formte wusste er, dass Shannon in ihrer Tochter weiterlebte, dass er sie nicht völlig verloren hatte, so sehr es just in diesem Moment auch danach ausgesehen haben mochte.


Epilog

"Dad!" hallte es durch das Haus. "Dad!" Türen schlugen, Gepolter auf der Treppe folgte und wenige Augenblicke später sprang die Küchentür auf.
"Happy birthday mein Engel." strahlte Kian und zog Cherilyn an sich. "Alles Gute zu deinem 18. Geburtstag mein Engel."
"Dad." maulte das junge Mädchen und schob ihn etwas von sich weg. "Pass auf, die ruinierst meine Haare." Cherilyn hielt Inne und blickte in das verstörte Gesicht ihres Vaters. "Scherz, Dad. Komm schon, was ist denn los mit dir?" zog Cherilyn ihren Vater auf und schnitt sich unaufgefordert ein Stück von ihrem Geburtstagskuchen ab und schob ihn sich in drei Stücken in den Mund.
"Nichts ist, gar nichts ist." lächelte Kian abwesend und beobachtete sie während sie ihren Kuchen aß, gleichzeitig die Tageszeitung überflog und zur leisen Musik, die aus den Lautsprechern des Radios drang, mitträllerte. Sie wurde ihrer Mutter von Tag zu Tag ähnlicher, dachte er sich und musterte sie eingängig. Wie sehr sich die Eltern ihrer Klassenkameraden aufgeregt hatten als er Cherilyn an ihrem 15. Geburtstag zur Feier des Tages auf ihren Wunsch hin statt in der Schuluniform in weiten Hosen und einem Tanktop in die Schule hatte gehen lassen, oder als er ihr zu ihrem 16. Geburtstag ein Nasenpiercing erlaubt hatte. Zu ihrem siebzehnten Geburtstag hatte er ihr dann erlaubt sich die Haare grün zu färben, so wie sie es schon lange vorgehabt hatte.
Und heute.... Heute, an ihrem 18. Geburtstag würde sie erfahren wieso sie so war, wie sie war, genau wie Shannon es gewollt hatte.
"Engel, ich habe eine Überraschung für dich." erklärte Kian schließlich und entschloss sich, Shannons Überraschung aufzuschieben, weil er sich darüber im Klaren war, dass nach ihrem Geschenk alles andere unwichtig werden würde.
"Na wird ja auch Zeit." lachte Cherilyn und faltete die Zeitung wieder zusammen. "Dann mal her damit." Spielerisch rieb sie sich die Hände und nahm das kleine, unscheinbar wirkende Päckchen von ihrem Vater entgegen. Ungeduldig riss sie an dem Papier und beförderte eine kleine, blaue Schachtel ans Tageslicht. Mit angehaltenem Atem öffnete sie die Schachtel und fischte einen Schlüsselanhänger in Form eines kristallenen Herzens aus der Watte.
"Ein Schlüsselanhänger?" fragte sie etwas ungläubig und drehte und wendete ihn in ihre Hand hin und her. "Ähm, danke?!"
"Naja, ich will ja nicht dass du deine Autoschlüssel verlierst deswegen habe ich mir gedacht ich schenke dir besser mal einen Schlüsselanhänger."
"Ist schon okay Dad, ist lieb von dir, ich..... Autoschlüssel?" Cherilyns Augen weiteten sich. "Einen Autoschlüssel sagtest du?"
"Na da du deine Prüfung ja tadellos bestanden hast brauchst du in Zukunft auch ein Auto. Und da du dir nicht einfallen lassen solltest eines meiner Babys zu missbrauchen habe ich mir gedacht kaufe ich dir sicherheitshalber deinen eigenen kleinen Flitzer." entgegnete er und versuchte sich an einem Lächeln.
"Oh Dad, du bist einfach der Beste." lachte sie glücklich und fiel ihm um den Hals. "Wo ist er denn?"
"Er steht in der Garage." erklärte Kian und zog den Autoschlüssel aus seiner Hosentasche. "Geh und dreh eine Runde wenn du möchtest. Aber vergiss nicht dich anzuschnallen."
"Was ist los?" fragte Cherilyn nach einer Weile in der sie ihren Vater lediglich gemustert hatte.
"Wieso?"
"Du wirkst bedrückt."
Kian schüttelte wortlos den Kopf und übergab ihr den Schlüssel. "Fahr nur, ich warte hier auf dich, du hast noch genug Zeit bis die Schule anfängt."
"Und du bist sicher dass dir nichts fehlt?"
Er schüttelte abermals den Kopf und drehte sich von seiner Tochter weg um die aufsteigenden Tränen vor ihr zu verbergen. "Geh schon, ich muss sowieso noch mal telefonieren."
Doch Cherilyn rührte sich nicht. Sie blieb mit verschränkten Armen neben ihm stehen und sah ihn eindringlich an während ihre kleinen Füße ungeduldig auf den Boden tappten.
"Ich habe noch ein Geschenk für dich." sagte er schließlich und blickte sie an.
"Von Tante Aileen?"
Doch Kian schüttelte den Kopf.
"Von wem dann? Gillian? Gina? Spann mich doch nicht so auf die Folter, Dad."
"Es ist von deiner Mutter."
Die Autoschlüssel, die bis dahin fest in Cherilyns kleinen Händen verschlossen waren, fielen mit einem dumpfen Knall auf den Küchenfußboden und blieben dort regungslos liegen.
"Von Mum?"
Kian nickte, öffnete die Schublade zu seiner linken und beförderte ein Videoband ans Tageslicht. "Das hat deine Mutter für dich aufgenommen als du noch nicht auf der Welt warst. Sie hat mir erst erzählt als sie im Krankenhaus im sterben lag dass sie dieses Video gedreht hat, scheinbar hatte sie eine Vorahnung was passieren würde, ich weiß es nicht." Er hielt Inne und reichte ihr das Band. "Ich habe es selbst nie gesehen, ich kann dir also nicht sagen was drauf sein wird." Er seufzte. "Sieh es dir an wenn du möchtest, ich ruf derweil in der Schule an und sag dass es dir nicht sonderlich gut geht."
Cherilyn nickte stumm und verließ mit dem Band die Küche ins Wohnzimmer. Sie legte das Band in den Videorekorder und nahm die Fernbedienung vom Fernsehtisch bevor sie sich auf den großen Sessel kauerte und die Playtaste drückte.
Es dauerte gut eine halbe Minute bis eine junge Frau, äußerlich wirkte sie nicht viel älter als Cherilyn jetzt, auf dem Bildschirm erschien und von exakt dem selben Platz auf dem Cherilyn jetzt saß freundlich in die Kamera lächelte. Sie sah Shannon zum verwechseln ähnlich. Sie selbst wusste nicht ob es an ihrem Kleidungsstil, der Größe oder den gefärbten Haaren lag, doch sie konnte eindeutig sagen, dass die Frau auf dem Video ihre Mutter war ohne sie je gekannt zu haben.
Cherilyn, der die Tränen bereits jetzt in strömen die Wangen runter liefen, bemerkte nicht wie ihr Vater ins Wohnzimmer kam und im Türrahmen gelehnt verharrte um einen Blick auf seine große Liebe werfen zu können die jetzt zum ersten und wahrscheinlich einzigen Mal zu ihrer Tochter sprechen würde.
"Hey mein kleiner Engel..." hallte Shannons Stimme aus den Fernsehlautsprechern durch das ganze Haus.
-The End-