Dublin, Malahide, Samstag den 25. Oktober 2003, 09:36 Uhr

Wirre Gedanken schossen ihm durch den Kopf während er die Treppe hinunter eilte und sich im Vorbeigehen seine Jacke von der Garderobe nahm. Er blickte ein letztes Mal in die abgedunkelte Wohnung und seufzte leise bevor er die Tür öffnete und sie geräuschvoll hinter sich zuzog. All die Monate schien er blind gewesen zu sein, blind vor Liebe zu ihr. Ihr, der einzigen Frau die ihm in seinem hektischen und von Terminen beherrschten Leben je etwas bedeutet hatte. Wie aus einem Traum schien er erwacht zu sein als die ihm so bekannten und vertrauten Klänge durch das Radio an sein Ohr drangen. Für ihn gab es nichts mehr was von Bedeutung war, nicht der wichtige Termin, an den Shane ihn noch eine halbe Stunde zuvor per Telefon erinnert hatte, nicht das Klingeln seines Handys, dass er in all der Aufregung im oberen Stockwerk auf seinem Nachttisch hatte liegen lassen, nicht die Tatsache dass er vom Vorabend sicherlich noch Alkohol im Blut hatte und somit als fahruntüchtig galt. All das interessierte ihn nicht mehr. Für ihn zählte nur noch das Eine: Er musste sie finden.

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Sligo, Strandhillroad, Sonntag den 14. August 1988, 13:42 Uhr

"Bonnie, komm mal her Schatz." rief die braunhaarige Schönheit durch den Garten und winkte ihre kleine, achtjährige Tochter zu sich die bis dahin noch mit ihrer besten Freundin Samantha auf der Schaukel gespielt hatte. "Sie werden sich mögen." sagte sie jetzt an die Frau ihr gegenüber gewand.
Es war das erste Familienpicknick seit vielen Jahren für Mae und eigentlich hatte sie wenig Lust gehabt sich dem Stress auszusetzen, war sie doch zu der Zeit im siebten Monat schwanger. Doch als ihre Freundin Patricia sie am Tag zuvor angerufen hatte und sie ungefähr dreißig Minuten davon zu überzeugen versucht hatte dass sie unbedingt an diesem Familienpicknick teilnehmen musste, obwohl sie wohlgemerkt kein Mitglied der Familie war, hatte sie nicht anders gekonnt als schließlich ergeben Ja zu sagen und ihr zu folgen. Und nun saß sie hier in dem weitläufigen Garten von Patricias ältester Schwester Ianna, die ihr bereits zu Beginn des Picknicks vorgestellt worden war. Das Haus stand außerhalb von Sligo, etwas ab der Straße nach Strandhill wo Mae schon zig mal mit ihren Kindern gewesen war um mit ihnen die wenigen warmen Sonnentage im Jahr am Strand von Strandhill genießen zu können.
"Was ist, Mum?" fragte ein kleines Mädchen mit blonden Engelslocken, die im selben Augenblick außer Atem bei ihrer Mutter ankam und ihren Kopf auf deren Schulter legte.
"Bonnie, ich möchte dir jemanden vorstellen." lächelte Mae und drückte ihre älteste Tochter ein Stück von sich weg, so dass sie keine andere Wahl hatte als aufrecht zu stehen. "Das ist Kian."
Bonnies Augen, die bis dahin am Boden gehaftet hatten schnellten in die Höhe und trafen dort die tiefblauen Augen eines kleinen, braunhaarigen Jungen der schüchtern vor ihr stand, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, der Blick beschämt nach allen Seiten ausweichend.
"Kian, sei höflich und gib ihr die Hand." mahnte Patricia ihren Sohn und schob ihn ein Stück nach vorne. "Sag ihr Hallo."
"Hallo." murmelte Kian fast unverständlich und trat einen Schritt auf sie zu bevor er ihr seine kleine, feuchte Hand reichte und sie von Kopf bis Fuß musterte.
"Mum, ich habe Hunger." quengelte Bonnie als Kian von ihr abgelassen hatte und sich wieder in sichere Entfernung begab.
"Bonnie, wir haben erst vor einer halben Stunde gegrillt, was willst du denn jetzt schon wieder essen?"
"Kuchen." Bonnies Augen begannen allein beim Gedanken an die Schokoladentorte, die sie zuvor im Abstellraum neben der Küche entdeckt hatte, zu strahlen.
"Kian, geh doch bitte mit Bonnie in die Küche und gib ihr einen von deinen Lutschern bis es später Kuchen gibt, okay?" bat Patricia ihren Sohn und wies mit ihrer Hand, in der sie ein halbvolles Glas Sekt hielt, zum Haus.
"Komm mit." stöhnte Kian und griff ungefragt Bonnies Hand um sie möglichst schnell hinter sich her ins Haus ziehen zu können.
"Au, du tust mir weh." hörte Mae ihre Tochter wimmern bevor sie sich lächelnd wieder Patricia zuwendete um mit ihr über die neuesten Gerüchte im Ort zu tratschen.
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N4, zwischen Kinnegad und Mullingar, Samstag den 25. Oktober 2003, 10:59 Uhr

Die Sicht verschwamm vor Kians Augen und wie in Trance stellte er den Scheibenwischer seines silbergrauen Porsche auf höchste Stufe. Doch die Tränen, die das Bild vor seinen Augen immer mehr verschwimmen ließen, ließen sich mit dem Scheibenwischer weder aufhalten noch wegwischen. Wie hatte er so dumm sein können sie gehen zu lassen? Bonnie war das einzige was in seinem Leben je Sinn gemacht hatte, was ihn jeden Tag aufs Neue gezwungen hat aufzustehen und weiter zu machen. Sie war immer so verständnisvoll, so lieb und umsichtig wenn es um andere Menschen ging die ihr am Herzen lagen. Ihr eigenes Glück hatte sie dabei immer hinten angestellt, auch als sie und Kian damals vor der wohl schwierigsten Entscheidung in ihrer zweijährigen Beziehung standen.
Frustriert schlug Kian mit der Faust auf das Lenkrad ein und schloss die Augen für eine Sekunde. Er hatte vier Jahre gebraucht bis er die Frau - oder besser gesagt das Mädchen - seines Herzens erobert hatte. Vom Tag als sie mit dreizehn zum ersten Mal mit offenen Haaren und leicht geschminkt am Morgen vor der Tür stand um ihn für die Schule abzuholen bis zu dem Tag als er sie, mit fast siebzehn, endlich soweit hatte und sie sich zum ersten Mal geküsst haben. Vier Jahre in denen er sich jede Nacht aus Sehnsucht nach dem Mädchen, die seit dem besagten Familienpicknick seine beste und einzig weibliche Freundin war, in den Schlaf geweint hatte. Zwei Monate waren sie glücklich, teilten ihre letzten Geheimnisse, die sie sich als beste Freunde nie hätten anvertrauen können, unternahmen in jeder freien Minute etwas gemeinsam und durften sogar, kurz vor dem alles entscheidenden Abend beieinander übernachten.
Sie waren so glücklich gewesen. Sie hatten die erste große Liebe so erlebt wie viele es nur aus Büchern und Filmen kannten. Doch ihr schier perfektes Glück wurde an einem einzigen Abend mit drei Worten zerstört.
"Wir ziehen um." hatte Bonnies Vater Michael an besagtem Abend verkündet. Umziehen? Aber wohin? Nach nebenan? Nach Donegal? Dublin? Cork?
"Wir ziehen nach Manchester."
Rücksicht hatte er bei seiner eiligen Entscheidung auf keinen genommen. Weder auf seinen einzigen Sohn, Finn, der gerade in der Schule seine ersten richtigen Freunde fand, noch auf Deirdre, seine zweitälteste Tochter, die gerade eine Woche zuvor ihre Zusage für einen begehrten Platz im Schulteam der Cheerleader, auf den sie ein ganzes Jahr hingearbeitet hatte, erhalten hatte. Seine Entscheidung arbeitsbedingt umzuziehen stand, und weder seine Frau, noch seine Kinder hatten ihn von seiner Idee, sich in Manchester ein neues Leben aufzubauen, abbringen können.

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Sligo, Strandhill, Donnerstag den 19.Juni 1996, 17:36 Uhr
"Wir werden umziehen Kian." Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.
Mit angezogenen Beinen hockte sie im warmen Sand und bohrte ihre Füße tief in die oberste Schicht bis der Sand um ihre nackten Füße kalt und nass wurde. Kian saß regungslos neben ihr, die Beine genau wie Bonnie mit seinen Armen umschlungen, der Blick starr hinaus aufs Meer gerichtet.
"Wann?" war alles was er daraufhin fragte.
"In drei Wochen." erklärte sie unter Tränen und legte zum ersten Mal an diesem Tag ihren Arm um seine bebenden Schultern um sich an ihn kuscheln zu können. "Ich habe ihn gefragt ob ich nicht hier bei dir bleiben könnte, aber er meinte dass ich mit sechszehn noch nicht fähig wäre ein eigenes Leben zu führen."
"Aber du könntest bei uns wohnen, du könntest weiterhin hier zur Schule gehen und dann eine Arbeit suchen und dann ziehen wir zusammen, irgendwo hier in Strandhill suchen wir uns eine kleine Wohnung und..."
"Es war sein letztes Wort Kian. Du kennst meinen Vater, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat dann ist es so gut wie beschlossen." fiel sie ihm energisch ins Wort, stand auf und klopfte sich den Sand von der Kleidung bevor sie ein paar Schritte auf das Meer zu machte.
"Warte doch." rief er hinter ihr her und stand auf. "Du kannst doch nicht so einfach nachgeben. Was wird aus uns wenn du erst mal in Manchester lebst?" fragte er den Tränen nahe als er zu ihr aufgeschlossen und ihre Hand ergriffen hatte.
"Was soll schon werden? Wir werden telefonieren, Briefe schreiben und uns in den Ferien besuchen gehen. Und sobald ich mit der Schule fertig bin und eigenes Geld verdienen kann komme ich zu dir zurück, versprochen." Sie nickte, so als wolle sie sich selbst von ihren Worten überzeugen. "Wir schaffen das."
Kian starrte sie wortlos an. Sie war so wunderschön wenn der laue Wind, der um diese Jahreszeit am Meer wehte, ihr goldblondes Haar zum fliegen brachte. Wie ein Engel hatte sie einmal ausgesehen als sie ein weißes Sommerkleid getragen hatte und ihr der Wind, genau wie jetzt, durch das Haar geweht war. Er konnte sie nicht verlieren, durfte sie nicht verlieren.
"Ich komme wieder." sagte sie erneut, so als könne sie seine Gedanken lesen, und gab ihm einen sanften Kuss auf die Lippen bevor sie seine Hand drückte und schließlich nach oben zur Straße ging wo sie ihre Fahrräder angeschlossen hatten, mit denen sie vor ein paar Stunden nach Strandhill gekommen waren.
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N4, zwischen Mostrim und Longford, Samstag den 25. Oktober 2003, 11:26 Uhr
Er hatte sie damals gehen lassen müssen. Wochenlang hatte er sich die Augen nach ihr ausgeweint, sie täglich angerufen und ihr mindestens fünf Briefe in der Woche geschrieben von denen sie jeden einzelnen mit größter Sorgfalt gelesen und anschließend beantwortet hatte. Gleich in den Ferien zu Halloween hatten sie sich besucht, ein weiteres Mal im Winter und an Ostern im darauffolgenden Jahr und immer war Bonnie zurück nach Strandhill gekommen um dort an einem kalten Wintertag vor dem lodernden Kaminfeuer in Kians Wohnzimmer ihre Unschuld an ihn zu verlieren. Noch Wochen danach sprachen sie am Telefon und in ihren Briefen von nichts anderem als von diesem kalten Wintertag der ihre Zukunft wohl für immer besiegelt hatte. Unabhängig voneinander hatten sie Hochzeitspläne geschmiedet und bereits eine Auswahl an Namen für potentielle Kinder zusammengestellt. Jedem, der die beiden kannte war klar, dass sie eines Tages heiraten und viele Kinder haben würden. Es war alles nur eine Frage der Zeit.

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Sligo, Bahnhof, Dienstag den 6. Juli 1998, 15:43 Uhr
Kian wippte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen während er darauf wartete dass der Zug zum stehen kam und die Passagiere aussteigen konnten. Mit quietschenden Bremsen hielt der Zug schließlich an und nur Augenblicke ging die Tür unmittelbar vor Kian auf und ein alter, ergrauter Mann mit einem alten Lederrucksack trat heraus, lächelte ihn freundlich an und ging dann seinen Weg. Doch Kian reagierte auf nichts, seine Augen suchten ununterbrochen nach dem blonden Engel auf den er die letzten zwei Jahre gewartet hatte. Und als sie schließlich wieder vor ihm stand und ihm durch seine mittlerweile erblondeten Haare fuhr fühlte er sich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wieder völlig glücklich.
"Du siehst phantastisch aus." schwärmte er während er ihr Gesicht zwischen seinen zitternden Händen gehalten hatte. Wie lange hatte er darauf gewartet sie in seine Arme zu nehmen ohne den Gedanken im Hinterkopf zu haben dass er sie kurze Zeit später bereits wieder gehen lassen musste. Sie war zurück. Zurück in Sligo, zurück in seinem Leben. Und er würde sie nie wieder gehen lassen.
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N4, zwischen Dromod und Carrick-on-Shannon, Samstag den 25. Oktober 2003, 11:37 Uhr
Wieder verschleierten Tränen die Sicht vor Kians Augen und er nahm den Fuß vom Gas um nicht bei nächster Gelegenheit in die Büsche zu fahren. Er konnte es nicht glauben. Er hatte sie gehen lassen. Er hatte sich entscheiden müssen, entweder Bonnie oder Westlife. Die Liebe seines Lebens gegen den Traum seines Lebens. Gehasst hatte er Shane in diesem Moment für die Wahl vor der er ihn gestellt hatte. Bist du dabei, hatte er unzählige Male gefragt wenn sie wieder alle zusammen im Carlton Café gesessen hatten. Und ausgerechnet Bonnie war es gewesen die ihn immerzu ermutigt hatte, die ihm versichert hatte dass, wenn sie eine zweijährige Trennung überlebt haben sie auch eine weitere Trennungen überleben würden. Wie falsch sie doch gelegen hatte.
Mehr als einmal war Kian nach einer anstrengenden Woche oder gar anstrengenden Monaten auf Tour nach Hause gekommen und sich nichts sehnlicher gewünscht als Bonnies Umarmung. Doch oftmals fand er in seiner Wohnung, die er trotz seines Umzuges nach Dublin behalten hatte um jederzeit nach Sligo und zu Bonnie zurück kommen konnte, nichts weiter vor als die Dunkelheit. Dann war er nach Strandhill an den Strand gefahren und wusste, dass er sie dort finden würde. Mit Tränen in den Augen hatte sie im Sand gesessen, ihre Hände fest um ein Stück Papier.

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Sligo, Strandhill, Samstag den 15. Februar 2003, 17:02 Uhr
"Ich kann das nicht mehr." flüsterte Bonnie als sie Schritte hinter sich vernahm. Sie wusste, dass es nur eine Person geben konnte die wusste wo sie war. "Ich kann nicht jeden Tag vor dem einschlafen an dich denken und daran was du vielleicht gerade mit wem machst. Ich kann nicht die Freundin eines Popstars sein den tausende Mädchen und Frauen abgöttisch lieben und verehren. Ich kann nicht."
"Bonnie." hatte er gesagt als er sich zu ihr in den kalten Sand gesetzt hatte. "Du warst immer diejenige die gesagt hat ich solle das machen, du hast mich ja praktisch dazu gebracht Shane zuzusagen."
"Ja, weil ich deinem Traum nicht im Weg stehen wollte." schüttelte sie den Kopf, sah ihn dabei jedoch nicht an.
"Bonnie, du bist mein Traum, du warst es schon immer, und ich werde..."
"Ich bin nicht dein Traum." berichtigte sie ihn. "Die Musik ist dein Traum. Dein Leben, dein Alles einfach. Du lebst für die Musik Kian, das hast du schon getan als wir noch ganz klein waren. Und du wirst es immer tun."
"Aber ich...."
Sie reichte ihm wortlos einen Zeitungsartikel den sie bis dahin fest umschlossen in ihren Händen gehalten hatte. "Ich glaube es ist das Beste wenn wir uns nicht mehr sehen, Kian."
Er faltete wortlos das fast zerknüllte Papier auf und überflog die Überschrift. Wieder einer der vielen Zeitungsartikel die ihn in romantische Verbindung mit anderen Frauen brachten. Und immer war da dieses kleine, hübsche Passfoto von Bonnie, dass die Presse jedes Mal abdruckte wenn wieder ein Skandal im Anmarsch war.
"Aber Bonnie, ich..."
"Kian." fiel sie ihm abermals in Wort und stand auf um sich den Sand von der Kleidung zu klopfen. "Es geht nicht mehr, dieses Leben macht mich kaputt."
"Ich würde alles für dich tun. Ich kann aufhören wenn du willst, ich...."
"Nein." sagte sie bitter und zog sich den hübschen, silbernen Ring, den Kian ihr zum dreijährigen Jubiläum geschenkt hatte, vom Finger. "Genau das wirst du niemals können, denn ich werde dir nie das geben können was die Musik dir zu geben vermag."
Mit diesen Worten lies sie den Ring vor Kian in den Sand fallen und ging langsam zur Straße rauf.
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N4, 2 km vor Sligo, Samstag den 25. Oktober 2003, 12:46 Uhr
Seine Knie zitterten als er das Ortsschild von Sligo passierte und wie in Zeitlupe den Hügel hinauf fuhr. Er wusste nicht wo er sie finden würde nachdem er sie zuhause nicht angetroffen hatte, doch er wusste wo er anfangen würde zu suchen.
Nach weiteren zehn Minuten Fahrtzeit parkte er seinen Wagen am Strand von Strandhill und lief mit wackeligen Knien auf den Strand zu. Es wehte ein frischer Wind als er sich seiner Schuhe entledigte und über den kalten Sand lief. Wie oft hatten sie hier gesessen und über ihre gemeinsame Zukunft geredet? Eine Zukunft die Kian für etwas weggeschmissen hatte was ihm nie so viel hätte bedeuten können wie das, was er mit Bonnie hatte. Monate, nein Jahre lang war er blind gewesen, hatte ihren Wunsch nach Liebe, Zuneigung und einer eigenen Familie ignoriert und ihr seine eigenen Träume aufgezwungen. Er musste sie finden, sofort.
Entschlossen zog er sich seine Schuhe wieder an und stieg in seinen Wagen. Sligo hatte knapp 17.000 Einwohner, doch wenn man einen von ihnen suchte und nicht wusste wo man ihn bzw sie suchen sollte kam es einem vor wie 170.000. Das erste was er ansteuerte war die Rennbahn auf der sie sich als Kinder auch oft getroffen hatten, doch auch hier war Fehlanzeige. Aufgeregt fuhr er weiter zum See, an dem sie oft gepicknickt hatten wenn das Wetter gut war oder wo sie oft verbotenerweise schwimmen gegangen waren wenn keine Touristen oder Einheimische am See waren. Er parkte seinen Wagen auf dem kleinen Parkplatz neben dem Wanderweg und stieg aus um ein paar Meter weiter an den See dran zu können. Die wenigen Sonnenstrahlen die es an diesem Tag gab wurden vom seichten Wasser reflektiert und verzauberten die Wasseroberfläche in ein Meer aus Diamanten. Sein Blick ging nach rechts, wo in unmittelbarer Nähe der Wanderweg anfing. Bonnie hasste es zu wandern, lag viel lieber faul in der Sonne rum als über Stock und Stein zu laufen. Nein, sie war ganz sicher nicht wandern. Seufzend ging er zu seinem Wagen und fuhr zurück nach Sligo. Seinen Wagen stellte er an seinem Elternhaus ab bevor er sich Sonnenbrille und Baseballcap aus dem Handschuhfach nahm und zu Fuß ins Ort zurück lief um dort nach ihr zu suchen. Vorne an der Straße bog er nach rechts ab um an der alten Schule nachzusehen. Er wusste, dass er mit seiner Suche an Plätzen die für sie beide und ihre Beziehung etwas bedeuteten wahrscheinlich kein Glück haben würde, doch trotzdem bog er ab und vergewisserte sich dass sie nicht auf dem Schulgelände war.
Er wusste nicht wo er noch suchen sollte, wen er noch anrufen sollte. Seine Eltern waren im Urlaub, bei Bonnies Eltern nahm keiner ab, genauso bei Bonnies Schwester. Seufzend lies er sein Handy zurück in seine Hosentasche gleiten nachdem er sein komplettes Telefonbuch durchgegangen war und schob seine Hände tief hinterher. Mit gesenktem Kopf kickte er einen Stein vor sich her während er weiter ins Ort hinein ging.
Als er aufblickte erstreckte sich vor ihm die prunkvolle Kirche des Orts vor der sich etliche Menschen tummelten. Vorsichtig näherte er sich dem Tumult und hielt am Geländer geschockt inne als er Bonnie erblickte. Sie sah wunderschön aus in ihrem beigefarbenen Kleid. Ihre langen, blonden Locken trug sie zu einer Hochsteckfrisur in deren Mitte eine kleine Krone eingearbeitet war. Der Mann an ihrer Seite durfte nicht viel älter sein als Bonnie selbst und bei näherem Hinsehen erkannte er in ihm Frank, einen alten Freund der in früheren Jahren auch immer zur Clique gehört hatte. Es musste Jahre her sein dass er ihn dass letzte Mal gesprochen hatte. Es musste bei vielen seiner ehemaligen Freunde Jahre her sein dass er mit ihnen gesprochen hatte.
Kian lächelte. Bonnie sah glücklich aus. Wie glücklich sie erst sein würde wenn er sich zu erkennen gab. Sie würde ihm um den Hals fallen und ihn auf der Stelle bitten sie zu heiraten.
Heiraten.
Kian wurde schwarz vor Augen als er realisierte dass all die Menschen Bonnie und Frank zujubelten, sie mit Blumenblättern bewarfen und Bilder von ihnen schossen. Der Blumenstrauß in Bonnies Hand, ihr pompöses, wunderschönes Brautkleid. Sie war die Braut. Sie hatte geheiratet. 7 ½ Monate nachdem sie sich von Kian getrennt hatte? Kian lehnte sich tief atmend gegen die Gitterstäbe hinter ihm und stützte sich mit seinen Händen auf seinen Knien ab um Luft holen zu können.
Es wurde laut um ihn, Stimmen schwirrten um ihn herum. Die Menschen strömten aus der Kirche auf die Straße und er stand unmittelbar neben dem Ausgang. Vorsichtig erhob er sich wieder und wollte einen letzten Blick auf seine große Liebe werfen als er sie, nicht mehr als drei Meter von ihm entfernt, stehen sah, ihre Hand in der von Frank, doch ihr Blick einzig und alleine auf Kian. Er beobachtete sie wie sie etwas zu Frank sagte und sich dann entschuldigte. Mit einem mehr als eindeutigen Blick zeigte sie ihm an dass er ihr folgen sollte während sie zurück in die mittlerweile leere Kirche ging.
"Was machst du hier?" fauchte sie ihn an als er die Kirche betrat.
"Was mache ich hier?" fragte er verwirrt. "Die Frage ist was du hier machst."
Doch statt ihm zu antworten begann sie lediglich laut zu schluchzen bevor sie schließlich in seinen Armen zusammenbrach. Behutsam nahm er sie auf den Arm und trug sie hinüber zu einer der hinteren Sitzbänke um sie dort abzusetzen.
"Du bist zu spät." murmelte sie unter Tränen, ihr Blick haftete dabei starr am Boden. "Du bist 25 Minuten zu spät.
"Was meinst du?" fragte er ängstlich.
"Du hast mir gefehlt Kian." sagte sie und fuhr ihm sanft mit der Hand über seine glühende Wange. "Deine Küsse haben mir gefehlt und die Art wie du mich anlächelst wenn du über etwas nachdenkst. Gott Kian, du hast mir gefehlt." schluchzte sie erneut und fiel ihm um den Hals.
Kian genoss die plötzliche Nähe zu ihr so gut es ihm möglich war.
"Aber du bist 25 Minuten zu spät."
"Bonnie, wofür bin ich zu spät?" versuchte er erneut sich mehr Klarheit zu verschaffen.
"Ich bin verheiratet." Ihr Lachen war mehr sarkastisch als glücklich während sie ihre Hand hob an der ein glitzernder Ring steckte.
"Es darf nicht zu spät sein." schüttelte er den Kopf und umfasste ihr Gesicht mit seinen zitternden Händen. "Es tut mir alles so schrecklich leid. Alles was ich gesagt oder getan habe ist egal, ich liebe dich Bonnie und ich möchte für den Rest meines Lebens mit dir zusammen sein."
Doch Bonnie schüttelte lediglich den Kopf. "Du bist zu spät, Kian." Sie stand auf und schob ihn ein Stück von sich weg um ungehindert mit ihrem mächtigen Kleid zwischen ihm und der Bank hindurch zu können.
"Du kannst doch nicht so einfach gehen." flehte er und ergriff ihre Hand.
"Du bist jedes Mal, jedes Mal wenn du wieder einen Fototermin oder eine Bandprobe hattest einfach so gegangen. Kian, da draußen wartet mein Mann auf mich der sich nichts sehnlicher wünscht als mit mir nach Hause zu gehen und eine Familie zu gründen."
"Aber ich kann das auch, ich kann mit dir eine Familie gründen, nur wir beide, wir...." Er hielt Inne als er sie dabei beobachtete wie ihre freie Hand zu ihrem gewölbten Bauch fuhr.
"Du bist zu spät." schüttelte sie den Kopf und trat einen Schritt auf ihn zu. "Es tut mir leid." Sie hauchte ihm einen kleinen, sanften Kuss auf den Mund bevor sie sich seiner Hand entledigte und aus der Kirche eilte.
Als Kian an die Pforte trat konnte er gerade noch sehen wie sie in die schwarzen Stretchlimousine stieg und davon fuhr.

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Cliffs of Moher, O’Brien’s Tower, Sonntag, 26. Oktober 2003, 23:52 Uhr
Kian saß zitternd auf dem Treppenabsatz unterhalb des Turmes und starrte in die Dunkelheit die ihn umgab. Lediglich die Taschenlampe, die er mitgenommen hatte um den Weg hier hoch problemlos zu finden, spendete Licht denn selbst der Mond war von grauen Wolken verdeckt die ihn daran hinderten sein Licht bis zur Erde hinunter fallen zu lassen.
Kian knipste die Lampe einige Male an und aus bevor er seufzend aufstand und sich auf den Weg nach unten machte. Er hatte über zwei Stunden auf diesem Treppenabsatz gesessen und nachgedacht und war zu dem einzig möglichen Entschluss gekommen. Er musste sich von ihr befreien, von den mächtigen Schatten die ihr Dasein auf das seine warf. In seiner Hand hielt er fest umschlossen den silbernen Ring, den sie ihm damals vor die Füße geworfen hatte, als er über die Steinmauer kletterte die ihm den Weg nach unten zum Plateau versperrte. Er musste sie los werden und die einzige Möglichkeit sah er darin sich all dem zu entledigen was er mit ihr verband. Allem.
Langsam und vorsichtig ging er auf den Abgrund zu und leuchtete mit der Taschenlampe ins Dunkel bevor er sich umdrehte, die Taschenlampe mit dem Boden auf die eisigen Steinplatten stellte, so dass sie ihr kegelförmiges Licht gen Himmel warf, und sich den Ring im Schein der Taschenlampe betrachtete. Seufzend schloss er die Augen und steckte sich den Ring an seinen kleinen Finger bevor er ein letztes Mal in den Himmel blickte und sich zurücklehnte.

*~*~The End~*~*